Belletristik

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Irmtraud Gutschke: Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt

Der Eine ist der französische Schriftsteller Lous Aragon (1897 – 1982). Er „schwört“ 1959, die Erzählung „Djamila“ des damals noch unbekannten kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow sei „die schönste Liebesgeschichte der Welt“. Er hat die Geschichte aus dem Russischen übersetzt. Vielleicht hat er noch eigene Gründe für dieses ungewöhnliche Lob. Er ist mit der Russin Elsa Triolet, der Schwägerin von Wladimir Majakowski verheiratet und ist seit Jahren Kommunist, zu selten ein kritischer, aber immer ein treuer. 


Die Andere ist die wohl dienstälteste Literaturredakteurin in deutschen Zeitungen: Irmtraud Gutschke. 10 Jahre nach dem „Schwur“ von Aragon lernt sie in Jena, wo sie Anglistik und Slawistik studiert, „Djamila“ kennen und dort auch den Autor. 


Sie ist 1950 in Chemnitz geboren, war also erst 19 Jahre alt. Das Erlebnis Aitmatow lässt sie nicht mehr los. Sie schreibt ihre Diplomarbeit über ihn. 1971 wird sie Literturredakteuerin im Neuen Deutschland. Allen Veränderungen der Zeit zum Trotz betreut sie bis heute das Literatur-Feuilleton dieser Zeitung – eines der besten in Deutschland. 
Während dieser Zeit promoviert sie über Aitmatow, trifft ihn immer wieder – sei es in seinem, sei es in ihrem Land – und schreibt über ihn. Wenige Wochen nachdem Aitmatow kurz vor seinem 80. Geburtstag in Nürnberg stirbt, hält sie auf einem Symposion zu seinen Ehren in New York in der Library of Congress eine viel beachtete Rede. Und jetzt legt sie den bemerkenswerten Essay „Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt“ auf den Büchertisch.
Ihr Buch ist ein biographischer, ein literaturkritischer und – mit Verlaub – ein autobiographischer Essay. Die Biographie reicht von Aitmatows Kindheit, der 1928 in einem nordkirgisischen Dorf geboren wurde, bis zu der Zeit, als er Ideengeber von Gorbatschow wurde und in die schwierige Zeit danach. 


Als Kind verlor er den Vater als „Feind des Volkes“ durch stalinistischen Terror. Während des Krieges musste er noch als Junge Verantwortung übernehmen, weil er als einziger im Dorf lesen und schreiben konnte. Er begann ein Landwirtschaftsstudium, wechselte bald in das berühmte Literaturinstitut in Moskau und begann mit der 1958 erschienenen „Djamila“ seinen Aufstieg zum weltweit geachteten Schriftsteller. 
Gutschke schreibt über seine umgängliche, menschenfreundliche Art, seine Haltung zu Religionen, sein immer kompliziertes, leidenschaftliches Verhältnis zu Frauen. Sie kennt ihn und seine engere Heimat, sie kennt seine Familie und entwirft ein sehr persönliches Bild von ihm. 
Der literaturkritische Teil des Essays lebt von dem perfekten Wechselspiel zwischen eigener Darstellung und diese belegenden Zitate aus den wichtigsten Werken. Das ist so voller Empathie, dass die Essayistin zuweilen in den hohen Ton Aitmatows fällt, sich alles wie aus einer Feder liest. 
Im Mittelpunkt stehen - von der Autorin seinerzeit nicht immer bemerkte - kritische Parabeln über den Zustand der Sowjetunion, stehen Aitmatows fabelhafte Übertragungen menschlicher Haltungen in die Welt der Tiere, der Pferde, der Kamele, der Schneeleoparden. Immer geht es Aitmatow um die existenzielle Auseinandersetzung zwischen dem Bösen und dem Guten. In der Literatur verschwindet der so umgängliche Autor in einem harten Realismus des Entscheiden-Müssens, vielleicht des „Wer – wen“!


Biographie und Literaturkritik verweben sich mit einer erstaunlich offenen,  autobiographischen Selbstbeschreibung der Essayistin. Sie macht ihre eigene bemerkenswerte Entwicklung anhand der Lektüre von Aitmatows Werken und anhand der sich verändernden Welt nachvollziehbar. Viele der Ideale Aitmatows sind auch ihre, vielleicht ist ihr Realismus noch schonungsloser, weniger romantisch. Das Kernanliegen ist beiden geblieben: Es soll Frieden zwischen den Völkern herrschen und den Menschen soll es überall auf der Welt gut gehen. Ist das eigentlich zu viel verlangt?


Harald Loch


Irmtraud Gutschke: Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018   200 Seiten   22 s/w Fotos   16 Euro

 

Der Filmvorführer

Einer der beliebtesten Autoren und Wortführer der georgischen Delegation zur Frankfurter Buchmesse ist Aka Morchiladze. Sein jüngst auf Deutsch erschienener Roman „Der Filmvorführer“ handelt von diesem großen Thema. Der 1966 in Tbilissi geborene Autor wählt die Form einer Art Lebenslauf des Chauffeurs Beso für die Geschichte einer ungleichen Freundschaft des Jugendlichen, der im Verlauf der Geschichte zu einem jungen Mann heranwächst, zu einem 40 Jahre älteren Mann. Der Jüngere hat keinen Vater mehr, lebt in einer christlich orthodoxen und von der Sowjetunion geprägten Gesellschaft bei seiner Mutter. Der Ältere, Islam Hussein, ist Moslem, von den Sowjets vertrieben aus einer der asiatischen Republiken der während der Romanhandlung untergehenden UdSSR.

 

Er hatte nie eine Frau und ist der Filmvorführer in dem Club einer westgeorgischen Kleinstadt. Dort nennt man ihn den „Tartaren“ oder auch „Islam Sultanow“. Die täglichen Besuche Besos in der Vorführkabine werden unterbrochen, als er zum Militärdienst eingezogen und nach Afghanistan kommandiert wird. Für diesen Fall hatte ihm sein muslimischer Freund einen Text zum Auswendiglernen mitgegeben und einen Zettel. „Ich habe nicht gefragt, was darauf stand und weiß nicht, ob es in Persisch oder Arabisch geschrieben war“, schreibt Beso in seinem „Lebenslauf“. Aber das Gelernte und das Geschriebene retten ihm das Leben, als er als einziger einen Überfall auf seine Einheit überlebt, muslimischen Kämpfern, die ihn töten wollen, in die Hände fällt und er seinen Text aufsagt und seinen Zettel hinreicht.
Nach seiner glücklichen Rückkehr setzt die Zeit des Übergangs in der Sowjetunion ein. Georgien wird unabhängig, der Bürgerkrieg erreicht auch die Kleinstadt, in der Beso und Islam Sultanow ihre Freundschaft vertiefen. Beso verliebt sich in ein Mädchen aus „besseren Kreisen“ in der nächstgelegenen großen Stadt. Aber der Versuch, eine Ehe zwischen beiden in einer orientalischen Weise zu „arrangieren“ scheitert am Dünkel der Wohlhabenden. Der Filmvorführer entwickelt einen Plan zu einer „einverständlichen“ Entführung und ermöglicht so das Eheglück der beiden jungen Leute. Später knüpfen Verwandte aus der Heimat von Islam Sultanow neue Verbindungen zu ihm und er verlässt den kleinen Ort und damit Beso. Bevor er abreist, ermahnt er Beso noch, eine Fremdsprache zu lernen. Beso lernt Englisch und schreibt seinen „Lebenslauf“ in dieser für ihn fremden Sprache. Er beklagt manchmal, dass er sich in seiner Muttersprache besser ausdrücken könnte. Etwas schelmisch geht Morchiladze mit seinen Lesern um, die ihm dieses literarische Kabinettstück gern durchgehen lassen. Der abgereiste Filmvorführer lässt Beso nach seinem baldigen Tod einen Brief übergeben, in dem er ihn seinen Sohn und Bruder nennt und ihm sein Königreich Kirbal in Asien vermacht, aus dem er als Kind vertrieben wurde. 


Ein Märchen? Dazu enthält es zu viel zeitgeschichtlichen Realismus aus Georgien. Ein Novelle? Dazu bildet „Der Filmvorführer“ ein viel zu breites Panorama der Zeit und des ländlichen Georgiens ab und wirft viel zu tiefe, existenzielle Fragen auf. Der Autor hat in Wirklichkeit einen Kleinen Roman geschrieben, ein in der russischen Literatur entwickeltes und beliebtes Genre. In ihm geht es nicht nur um Freundschaft und die Spannung zwischen Tradition und Erneuerung im postsowjetischen Georgien, sondern auch um die dort herrschende multiethnische Großzügigkeit und um religiöse Toleranz und Nächstenliebe, die eben nicht nur christlich verstanden wird. Morchiladze erzählt in einfachen Worten die bewegende Geschichte von einem großen Freund und Retter  –  ein schöner Kleiner Roman.


Harald Loch


Aka Morchiladze : Der Filmvorführer   Roman
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
Weidle Verlag, Bonn 2018   132 Seiten  19 Euro

 

Tiflis Mon amour


Die „femme fatale“ ist eine in Mythologie, Kunst und Literatur beliebte Figur. Von der biblischen Eva über die klassische Helena, die mittelalterliche Melusine bis zur Jüdin von Toledo und weiter über Heines Loreley, Zolas Nana, Wildes Salome bis sie im Film von Marlene Dietrich an Hunderte von Darstellerinnen gefunden hat. Sie ist überirdisch attraktiv, bringt Männer um ihren Verstand und wirkt „schicksalhaft“ auf deren Verderben hin. Die femme fatale gab und gibt es auch als reale Personen. Eine, die um die vorletzte Jahrhundertwende vor allem in Berlin Furore gemacht hat, war die Norwegerin Dagny Juel. Sie war Schriftstellerin und Pianistin, stand zunächst Edvard Munch Modell z.B. für seine „Madonna“, war dann die Geliebte von Johan August Strindberg, den sie in die Nervenheilanstalt brachte und heiratete 1893 den polnischen Schriftsteller Stanislaw Przybiszewski, von dem sie zwei Kinder bekam. Dieser Kreis der Bohème, zu dem auch Richard Dehmel und weitere Künstler zählten, traf sich seinerzeit in Berlin in einem Gasthaus „Zum Schwarzen Ferkel“ in einem im Krieg zerstörten Eckhaus Unter den Linden. Dagny Juel gehörte dazu, verwirrte und begeisterte die Männer, trank und schlief mit ihnen. Ihr Ehemann Przybiszewski trennte sich von ihr, schickte sie mit einem von ihm bezahlten Freund und Verehrer auf Reisen bis nach Tiflis in Georgien. Dort ermordete dieser nicht intim von Dagny vorgelassene Freund sie aus Eifersucht während eines „Festes der Liebe“ im Deutschen Hof eines Gasthauses und tötete danach sich selbst.


Aus diesem eigentlich filmreifen Stoff hat der 1957 in Tiflis geborene georgische Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Zurab Karumidze einen Roman komponiert, der weit über die realen Ereignisse hinausreicht. Er ruft die uralte georgische Kulturgeschichte auf und spinnt dazu ein Netz aus europäischen und asiatischen Fäden, das die von Georgien bis heute reklamierte Brückenstellung zwischen Europa und dem Mittleren und Fernen Osten belegt. Da treten Schamanen aus Mythologie und Literatur neben Johann Sebastian Bach oder Frédéric Chopin auf, da werden Bilder wie das „Frühstück im Grünen“ von Manet als ein Abbild von Dagny Juel neu interpretiert oder Madame Bovary als „Schwester“ entdeckt. Vor allem holt der Autor die gesamte georgische Literatur aus früher Zeit in die Gegenwart. Das georgische Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli ist mehr als 800 Jahre alt und wurde vor wenigen Jahren zum Weltdokumentenerbe erklärt. Der georgische Dichter Wascha-Pschawela und der griechisch-armenische Esoteriker und Begründer des sogenannten „Vierten Weges“ Georges Gurdjtreten im Roman ebenso als handelnde und sprechende Personen auf, wie der junge Iosseb Bessarionisdse Dschugaschwili unter seinem Tarnnamen Koba, der sich später Stalin nannte. Dazwischen verwirrt Dagny auch in Tiflis die Männer, trinkt mir ihnen, feiert ein Fest der Liebe nach dem anderen, bevor sie auf dem eigentlichen Fest ihr Leben beenden muss.


Karumidzes Roman enthält eine sich aufeinander beziehende Vielfalt von Textarten. Da wechseln hintersinnige, fantasy-artige Non-sense-Passagen mit Bausteinen aus Werken von Dagny Juel, die aus dem Norwegischen für dieses Buch von Lars Brandt übersetzt wurden. Da gibt es musiktheoretische Erörterungen, die mit Nachdenklichkeiten über Ursprung und Wesen der georgischen Sprache oszillieren. Sexuell aufgeladene Passagen beschwören die Wechselwirkung von Thanatos und Eros. Das aus der georgischen Schwarzmeerküste geraubte Goldene Vlies steht zur Decodierung an und die multinationale und dadurch ins polyglotte gesteigerte Gesellschaft von Tiflis um die Wende zum 20. Jahrhundert glänzt in Vielfalt und gegenseitigem Respekt. Es gibt keine  anspruchsvollere Einstimmung auf die literarische Herausforderung, als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse zu glänzen. An wichtigen Stellen des Romans helfen Fußnoten zum Verständnis der zuweilen schwer durchschaubaren Zusammenhänge der georgischen Kultur. Manche Metaphern aus Mythologie und Literatur bedürften noch weiterer Erklärung. Der Roman ist somit zugleich rätselhaft als auch aufklärend. Wer sich auf seine Vielfältigkeit einlässt, wird sie und das Zusammenspiel seiner Bestandteile schätzen. Auf alle Fälle verhilft das Buch der femme fatale Dagny Juel zu einer gegenwärtigen Attraktivität. Ein Glück, dass wir sie wenigstens durch dieses liebvolle Requiem kennen lernen. Und das "Goldene Tiflis" auch!


Harald Loch


Zurab Karumidze: Dagny oder ein Fest der Liebe
Aus dem Englischen von Stefan Weidle
Weidle Verlag, Bonn 2017   288 Seiten   23 Euro

 

Aka Mortschiladse: Santa Esperanza

Auf 760 Seiten erzählt er munter vom Leben und Treiben auf seiner fiktiven Insel, die er laut einem 30 Seiten langen „Inhaltsverzeichnis des Herumtreibens, der Spielkarten und tausenderlei anderer Dinge …“ zweimal persönlich bereist hat. Hier beschreibt er auch den Aufbau dieses monumentalen Erzählwerks in vier mal neun größere und jeweils mit 4 und 9 multiplizierbare kleinere und auch wiederum größere Geschichten. Diese Gliederung folgt einem auf Esperanza gepflegten Kartenspiel mit 36 Karten. Aber diese fabulierte Einleitung ist bereits Teil des gesponnenen Romans. Die erfundene Welt „Esperanza“ ist eben total real – so real wie keine Wirklichkeit sondern nur Literatur sein kann.
Wer sich auf diese von Natia Mekladse-Bachsoliani fabelhaft übersetzte Expedition einlässt – und das werden angesichts des Ehrengastes Georgien auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse einige tun – kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Autor beschreibt die Insel naturalistisch, gibt einen kommentierten Hotel- und Restaurantführer heraus, führt sein Publikum durch die Gassen der Altstadt des Hauptortes und stellt ihm einen ansehnlichen Teil der Inselbevölkerung vor. Einige gehören den alten Familien an, die sich als „Gründer“, aber nicht miteinander verstehen. Alle haben Leichen im Keller, intrigieren und leben in einem inneren Kriegszustand gegeneinander, verkehren aber auch voller Humor und Schelmerei miteinander. Überschriften laden zu kleineren Abenteuern ein: „I love you baby – vom Klagelied zerrissene Herzen“ lautet eine und beginnt – ganz Esperanza: „Das Klagelied ist das Sonderbarste und Überraschendste, was man auf Santa Esperanza vorfindet. Es wird nur in neun Clubs in Santa City gesungen und keinesfalls öffentlich. Fast an jeder Ecke gibt es Kassetten…“ Dann erfindet der Autor eine Geschichte um das Klagelied, und schließt: „So nahm man an, dass es gewesen sei. Es kann aber auch anders gewesen sein, selten, aber möglich.“ Das gilt für alles, was in diesem Kosmos zu entdecken ist. Das Schöne ist: man muss es nicht von vorne bis hinten lesen, obwohl auch das lohnt, sondern man kann mit einem Stilett hineinstechen und die Kurzgeschichte lesen, auf die man gerade trifft. Es sind alles Volltreffer, die danebengehen - neben die nüchterne Realität.


Hinreißend: „Monica Uso di Mare und zwei Männer“! Der Leser lernt die Fahrerin eines von „nur drei linksgesteuerten Autos auf der Insel“ kennen, eines VW Käfers. Die Besitzerin stammte aus einer der berühmtesten Familien der Insel und war ein sehr kompliziertes Mädchen: „Monica Uso di Mare war fünfundzwanzig Jahre alt, Klatsch-Reporterin ohne feste Anstellung, mit Neigung zur politischen Reportage. Sie hatte einen eher flachen Busen und ging bauchfrei. Durch den Nabel trug sie einen Ring mit Korallenperlen. Sie wusste vieles, aber nichts von Anfang bis Ende.“ Musste sie auch nicht, muss der Leser auch nicht, wenn er die vielen einzelnen Ausgeburten der überbordenden Fantasie Mortschiladses liest – in welcher Reihenfolge auch immer.


Für einen 760 Seiten starken Wälzer sind normalerweise ein paar Urlaubstage einzuplanen. „Santa Esperanza“ ist selbst wie Urlaub auf einer Insel im Schwarzen Meer oder im Literaturland Georgien. Man kann diesen Kosmos tagtäglich in kleinen Portionen genießen. Die Anreise zu ihm erfolgt über die Buchhandlung und die Erholung setzt beim ersten Stich mit dem Stilett in den Buchblock ein, der durch eine ganz reale Fadenheftung stabil zusammengehalten wird. Der Autor wird übrigens die Eröffnungsrede des Gastbeitrags auf der Buchmesse in Frankfurt halten. Passen Sie gut auf!
 
Harald Loch
 
Aka Mortschiladse: Santa Esperanza. Ein Kosmos aus vielen Romanen
Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018   760 Seiten   36 Euro

 

Reemtsma-Sohn - eine Entführung erleben und überleben

Da hat sich der Autor die Seelen-Pein eben von der Seele geschrieben, Worte für etwas gefunden, wofür man keine oder selten Worte findet, einen Handlungsstrang erzeugt, der Faction und Fiction zugleich ist: Die Geschichte einer Entführung wird zum Romanthema, von einem betroffenen Angehörigen geschrieben, der die Geschichte von Geschichte zu einer neuen Geschichte verdichtet.


JOHANN SCHEERER. DIE GESCHICHTE EINER ENTFÜHRUNG. WIR SIND DANN WOHL DIE ANGEHÖRIGEN PIPER


Es gelingt dem Autor, für ein tragisches und dramatisches Ereignis eine Sprache zu finden, das die damit beteiligten Menschen aber auch den interessierten Mitbürger eigentlich sprachlos macht. Da halten Kriminelle den Industriellen Jan Philipp Reemtsma für 33 Tage in einem Keller als Entführungsopfer fest, verlangen zunächst 20 Millionen und dann 30 Millionen Euro als Lösegeld. 


Als Leser erleben wir die lähmende Zeit mit, die von der Familie und den ermittelnden Beamten durchlebt wird. Briefe der Entführer treffen ein, Bedingungen werden gestellt, Telefonate geführt und angezapft, Lösegeldübergaben scheitern, der Sohn muss geschützt werden, und dennoch ist er ausgesetzt - all dem Irrsinn und Wahnsinn, der nun abläuft.


Gibt es dann ein normales Leben, kann die Seele sich selbst schützen vor dem Terror, kann ein Kind die Schulbank drücken und zugleich an den Vater als Entführungsopfer denken, der mutmaßlich dem Tode geweiht ist? Darf man in der Familie auch mal lachen, Alltagsdinge erledigen, Freunde treffen…


Atemlos verfolgt der Leser die Szenarien, fühlt mit, denkt mit, zweifelt mit,  ist eigentlich nur Leser-Zeuge und steckt dennoch mittendrin im Dilemma: Wie kann man die Täter finden, verhaften und zugleich das Entführungsopfer frei bekommen?


Der Leser ahnt, welche seelischen Verletzungen dieses Schicksal hinterlässt. Es ist ein Zeugen-Buch, das seltene Einblicke in einen konkreten Entführungsfall gewährt, spannende Dialoge liefert, ständig wechselnde Gefühlslagen und Befindlichkeiten der Familie, aber vor allem des Sohnes vermittelt. 


Ein dramatisches und post-traumatisches Buch. 

 

Emmanuel Bove: Schuld und Gewissensbiss. Ein Roman und neun Erzählungen

Als der kleine Roman „Schuld“ des französischen Autors Emmanuel Bove (1898 – 1945) vor acht Jahren zum ersten Mal auf deutsch in der schönen Übersetzung von Thomas Laux erschien, war er schnell vergriffen. Es geht um zwei ungesühnte Morde deren Täter sich zwischen zeitlich begrenzter Gefängnisstrafe und ewiger Verfolgung durch die Erinnyen für lebenslängliche Schuldgefühle entschieden haben. Die Feuilletons feierten die Helden des im 1931 erschienenen französischen Original „Un Raskolinkoff“ genannten Roman als eine zeittypische Verkörperung von Menschen zwischen Größenwahn und einem Gefühl von Nichtigkeit. Sie rückten ihn nicht nur in die Nähe von Dostojewskij sondern auch von Kafka und Camus. Den wird der Autor aber erst Jahre später in Algier kennenlernen, wohin er aus der berechtigten Furcht vor rassistischer Verfolgung aus dem von Deutschen besetzten Frankreich geflohen war. Bove ist unter dem Namen Bobovnikoff als Sohn eines jüdischen Einwanderers aus Kiew und einer deutschsprachigen Luxemburgerin in Paris geboren. Zeitlebens kämpfte er mit prekären wirtschaftlichen Verhältnissen und schrieb immer wie gehetzt um seinen Lebensunterhalt. Der Düsseldorfer Lilienfeld Verlag hat jetzt eine um neun kurze Erzählungen erweiterte, schön gestaltete Neuausgabe vorgelegt, die den nicht wenigen hiesigen Anhängern des Autors und auch allen Neugierigen ans Herz gelegt werden kann.


Fünf der neu aufgenommeen und erstmals auf deutsch erscheinenden Erzählungen hatte Bove vor dem Krieg in der Tageszeitung „Paris-soir“ veröffentlicht, die anderen vier 1944 in der de Gaulle nahestehenden, in Algier erscheinenden Zeitung „La Marseillaise“. Sie haben einen zunächst leichten, die späteren einen resoluten patriotischen Grundton. Die Kurzgeschichten von vor dem Krieg wenden sich gegen eine Vernachlässigung der Verteidigungsbereitschaft aucschon vor dem Ersten Weltkrieg. Die vier letzten, erst kürzlich aus dem Nachlass publizierten, thematisieren das 1944 noch hochaktuelle Verhalten einzelner Franzosen gegenüber den deutschen Besatzern oder ihren patriotischen Pflichte. „Eine offene Rechnung“ heißt z.B. eine dieser in Algier erschienen kurzen Geschichten. In ihr prangert Bove einen im Krieg nicht Eingezogenen an, der der Ehefrau eines vermissten Soldaten den Hof macht und sie ungehörig bedrängt.

 

Man kennt das aus allen Kriegen und auf allen Seiten. Der Ehemann kehrt glücklich aus der Gefangenschaft zu seiner standhaften Frau zurück: „Ich vertraue dir“, sagte er mit einem Lächeln. “Lass ihn machen. Wenn der Krieg vorbei ist, finde ich ihn in Paris, und wir werden die kleine offene Rechnung gemeinsam regeln, denn es wird auch offene Rechnungen dieser Art geben, die geregelt werden müssen.“
Da öffnet sich des Blick des Lesers auf eine offene Wunde Frankreichs, die zwischen Résistence und oft nur stiller Kollaboration klafft. Aber der zeitgeschichtliche Hintergrund verdeckt die literarische Qualität dieser Miniaturen keineswegs. In knapper sprachlicher Genauigkeit entstehen dramaturgisch fesselnde short storys. Ihre Personen gewinnen in kurzen Strichen scharfe Konturen, der moralische Appell in allen dürfte damals nicht ungehört verhallt sein. Heute schärft er das Gehör für das Unerhörte!


Harald Loch


Emmanuel Bove: Schuld und Gewissensbiss. Ein Roman und neun Erzählungen
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Thomas Laux
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2018 176 Seiten 20 Euro
 

 

 

Julio Cortázar: Die Katzen / Los Gatos

Die frühe Erzählung „Die Katzen“ des argentinischen Autors Julio Cortázar ist erst nach seinem Tode in einem unübersichtlichen Konvolut von Papieren, den „Papeles“, gefunden worden. Hieraus haben die Übersetzer „Los Gatos“ ausgewählt, ein literarisches Kleinod. Die herausgebende Kunststiftung NRW und der Lilienfeld Verlag bieten das Authentische des spanischen Originals und die experimentelle „Tandem-Übersetzung“ in einer schönen zweisprachigen, synoptisch angeordneten Ausgabe den literarischen Schatzsuchern zur Entdeckung an. Worum geht es in dem schmalen Band?


Die Erzählung spielt in Buenos Aires in den 1940er Jahren. In Europa und im Pazifik wütet der Zweite Weltkrieg. Marta und Carlos Maria – Cousin und Cousine – wachsen wie Geschwister in der Familie Hilaire auf. Aus übermütigen Kinderspielen werden Annäherungen anspruchsvollerer Art. Ihr Spiel endet meist in einem Fauchen, wie es Carlos Maria von Katzen auf dem Dachboden hört. Aber er ahnt bald, dass sie dort nicht kämpfen, sondern etwas Geheimnisvolles treiben. Andeutungen von erwachender Liebe wechseln mit längeren Trennungen. Zwei Ereignisse bestimmen den Fortgang der Geschichte: Ein junger Kunststudent wirbt nicht ohne Erwiderung um die Gunst von Marta und Carlos Maria findet einen nur noch teilweise lesbaren Brief seines Vaters. Aus der Cousine wird plötzlich die Schwester – oder doch nicht? Zwischen notwendigem und eingebildetem Tabu schwankt Carlos Maria. In einem Aufwallen von Kühnheit geht er der begehrenden Marta nicht weit genug, erliegt dem Tabu und flieht aus der Familie.


Cortázar (1914 – 1984) erzählt in dieser 1948 entstandenen Novelle nicht nur von den Irritationen des Heranwachsens, er schreibt nicht nur eine bezaubernd angedeutete Liebesgeschichte, er verwandelt die auch ihm persönlich vertraute, verbotene Liebe zu einer Schwester in eine literarische Kostbarkeit, die nachzuvollziehen im spanischen Original ein Gewinn sein kann. Die deutsche Erstübertragung – entstanden im Rahmen der Straelener Übersetzerwerkstatt – ist das Ergebnis eines von Kunststiftung NRW angestoßenen Experiments. Der erfahrene Übersetzer für spanische, katalanische und portugiesische Literatur (Frank Henseleit, Jahrgang 1964) und die 25 Jahre jüngere Romanistin Henriette Terpe erarbeiten gemeinsam eine literarisch kongeniale Übertragung des feinen, durch seine sprachlichen Andeutungen anspruchsvollen spanischen Originals. Zweisprachige Ausgaben gibt es sonst fast nur für Lyrik oder für den Kanon von Klassikern. Dieses Fundstück aus dem ungeordneten Nachlass von Cortázar zweisprachig herauszugeben, ist eine wertvolle Pioniertat der Stiftung und des Verlages – danke!


Harald Loch


Julio Cortázar: Die Katzen / Los Gatos
Zweisprachige Ausgabe
Aus dem Spanischen und mit einem Nachwort von Henriette Terpe und Frank Henseleit
Herausgegeben von der Kunststiftung NRW
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2018   128 Seiten   18 Euro
 

 

Thomas Der Schwindler - Von Jean Cocteau

Der Weltkriegsroman des wohl letzten Dandys, eines der Archetypen des fin de siècle, eines eleganten und voller Esprit lebenden und schreibenden konservativen Avantgardisten setzt einen Kontrapunkt. Jean Cocteau hat mit seinem „Thomas der Schwindler“ die literarische Alternative zum Bellizismus der „Stahlgewitter“ von Ernst Jünger oder auch zum Pazifismus von „Im Westen nichts Neues“ von Remarque geschrieben.

 

Er verwandelt tatsächliche Ereignisse und ihm begegnende Menschen in einen tragikomischen Hochstaplerroman. Auf dem Grabkreuz auf dem Marinefriedhof von Nieuport an der äußersten Nordflanke des Stellungskrieges im Ersten Weltkrieg steht: „G.T. de Fontenoy“. Als Sechzehnjähriger gibt er sich als Neffe des berühmten Generals gleichen Namens aus, mit dem er aber nicht verwandt, nur in dem Ort Fontenoy bei Auxerre geboren ist. Dieser Schwindler gerät an die jung verwitwete, steinreiche Princesse de Bormes aus polnischer Familie, die mit ihrer heranwachsenden Tochter Henriette in einem Pariser Stadtpalais wohnt. Wie Iris Radisch in ihrem lesenswerten Nachwort enthüllt, gab es ein wirkliches Vorbild für diese Princesse im Leben Cocteaus und auch die Geschichte des Schwindlers hat einen realen Hintergrund.


Auf dieser vielversprechenden Grundlage baut sich der „unverschämte“ (Iris Radisch) Roman auf. Der Weltkriegs-Patriotismus der Princesse und ihrer aristokratischen Umgebung gipfelt in einer Exkursion an die Front, wo die Marneschlacht tobt. Die Regierung hatte Paris aus Furcht vor einem Durchbruch der Deutschen nach Bordeaux verlassen, aber einige sind in der von Ferne beschossenen Hauptstadt geblieben. Cocteau blamiert alle strategischen Interpreten des Stopps der Deutschen vor Paris mit den Worten: „Die Schlitzohren setzen sich immer gegen die Musterschüler durch, wenn nur irgendein Umstand letztere daran hindert ihrem vorgefassten Plan blind zu folgen.“ Gemeint ist der „Schlieffen-Plan“ des deutschen Generalstabs.


Der Frontausflug wäre ohne Thomas den Schwindler gescheitert. Der wirkt wie ein passe-partout, wenn er seinen Namen nennt und damit alle Kontrollen des Konvois passierbar macht. Auch dieser aristokratische Ausflug hat tatsächlich stattgefunden, Cocteau hat an ihm mit seinem Mercedes teilgenommen. Es ging darum, Verwundeten Obst und Kekse zu bringen und auch Likör. Die Wohltäter wollten einige der Verletzten nach Paris in ein leerstehendes Krankenhaus zur besseren Pflege mitnehmen. Ein fürwahr frivoles Abenteuer, wie Iris Radisch kommentiert. Cocteau hatte sich bei seinem eigenen Ausflug eine Sanitäter-Uniform bei einem Schneider maßanfertigen lassen. Im Roman amüsieren sich die Pariser „Wohltäter“ dann bei weiteren Frontausflügen ganz köstlich kurz hinter den Schützengräben - die Toten zählen schon in die Millionen.


Im Schatten dieses Abenteuer- und Schwindlerromans entwickelt sich eine Romanze zwischen der inzwischen sechzehnjährigen Henriette und Thomas, der immer mehr in sein anderes Ich hineinwächst. Es wird ihm zur zweiten Natur. Aber er braucht Abstand von Henriette und ihrer charmanten, die Umgebung mal bezaubernden, mal zur Verzweiflung bringenden Mutter. Er lässt sich zu einer privat gesponserten Feldküche an die belgische Front versetzen. Kurz nachdem ihn dort die Princesse und ihr Tochter im Rahmen einer Front-Theatergruppe besucht haben, stirbt er, von einer deutschen Kugel getroffen.


Cocteau gelingt mit diesem Roman ein überraschender Wurf, mit dem er die Absurdität des Krieges auf ganz persönliche Weise vorführt, ohne seine eigene Welt zu verraten. Die steht anachronistisch zum Morden an der Front. Seine elegante Welt der Vorkriegszeit, eben „die Welt von gestern“ gerät in Kollision zu der von heute und morgen – ein Abschied mit Aplomb. Der Roman strotzt vor Ironie und Witz, erzählt elegant und augenzwinkernd, von Claudia Kalscheuer ganz in Cocteaus Geist fabelhaft neu übersetzt - eine Manesse-Kostbarkeit dieses Frühlings.


Harald Loch
 
Jean Cocteau: „Thomas der Schwindler“    Roman
Neu aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer
Mit einem Nachwort von Iris Radisch
Manesse, Zürich 2018   188 Seiten   20 Euro

 

  Eugène Dabit: Petit-Louis  Roman


Als sich Eugène Dabit mit seinem Kult-Roman „Hôtel du Nord“ im Jahre 1929 mit diskretem Aplomb in die französische Literaturszene geschrieben hatte, war sein Projekt, über seine eigene Jugend und sein Erwachsenwerden im Ersten Weltkrieg zu schreiben, noch nicht in seine endgültige Form gebracht. Der Roman „Petit-Louis“ erschien dann ein Jahr später und liegt jetzt in einer wunderbaren neuen Übersetzung von Julia Schoch wieder vor. Er ist eine stille Kostbarkeit, mit der dem 1898 geborenen Autor das gelungen ist, was er sich vorgenommen hatte: „Ich wollte die Geschichte eines Jugendlichen erzählen und damit zugleich die Geschichte eines Arbeitermilieus, in dem sich eine bestimmte Art von Poesie finden lässt, so versteckt, dass man sie nur erahnen kann.“

 

Es ist die Geschichte des Autors selbst, der als „Petit-Louis“ mit knapp 18 Jahren in den Ersten Weltkrieg zieht. Sein Vater ist Rollkutscher, seine Mutter putzt, er selbst hat eine Schlosserlehre beendet. Als „Kleiner“ wird er überall gehänselt, von männlichen Arbeitskollegen wegen seiner sexuellen Unerfahrenheit nicht für voll genommen. Er will endlich Mann werden. Sein Vater steht schon im Krieg und er meldet sich freiwillig.
In verschiedenen Ausbildungsstationen wird der Rekrut zu einem Soldaten, der dem Militärdienst nie etwas abgewinnen kann. Er vermisst die familiäre Atmosphäre, die Liebe seiner Eltern.

 

Er findet bei einzelnen seiner Kameraden Anschluss, wendet sich in liebevoller Zuneigung ihnen zu, macht erste Erfahrungen mit Frauen. Kurz hinter der Front, an die er versetzt wird, kann er „nach Feierabend“ in einem Bordell etwas Geld verdienen, das der Onkel eines Kameraden betreibt. Er zapft dort Bier und bedient die Kunden und die Mädchen. Seine Mutter hat inzwischen ihre Arbeit in Paris verloren und Petit-Louis vermittelt ihr die Stelle als Putzfrau in dem Bordell. Dem informativen Nachwort der Übersetzerin Julia Schoch ist zu entnehmen, dass der Bordellbetreiber in Wirklichkeit ein Onkel des Autors war, der von dem Geld, das er mit diesem Etablissement während des Krieges verdient hat, den Eltern des Autors ein Darlehen gewährt, mit dem diese das „Hôtel du Nord“ kaufen können – welch schöne Verknüpfung von Roman und realem Leben des Autors

 

. Hier, in dem Etappen-Bordell verliebt sich Petit-Louis in eine Prostituierte, die ihn voller menschlicher Wärme liebevoll verwöhnt.
Nicht nur in dieser Szene verwirklicht der Autor seine Absicht, „die bestimmt Art von Poesie“ so zu verstecken, „dass man sie nur erahnen kann“. Als Petit-Louis kurz darauf mit seiner Artillerie-Einheit an die Front versetzt wird, bekommt sein Soldatenleben mehr als nur Kostproben der mörderischen Wirklichkeit hautnah zu spüren. Aber der Autor schreibt keine „Stahlgewitter“, keine Heldengeschichten, keine Hasstiraden auf die „Boches“, wie die deutschen Gegner im Jargon der französischen Frontsoldaten auch hier heißen. Es bleibt beim Überdruss des Militärischen, des Mörderischen.

 

Der Waffenstillstand wird gefeiert, weil nicht mehr gekämpft wird, weil es nach Hause geht. Keine Siegestrunkenheit. In Paris treffen sein Vater und er selbst bei der Mutter ein und werden ihr einfaches, kleines und liebevolles Leben fortsetzen. Leider hat sich die Aussage von Petit-Louis, es werde keinen Krieg mehr geben, nicht bewahrheitet. Weder dieser stille Roman gegen den Krieg noch die lauteren haben die künftigen Kriege verhindert. Eugène Dabit ist auch nie der Illusion erlegen, Literatur könne so etwas leisten. Aber er hat mit seinem schönen Roman einen Satz seines deutschen Kollegen Erich Maria Remarque beglaubigt: “Am vernünftigsten waren eigentlich die armen und einfachen Leute; sie hielten den Krieg gleich für ein Unglück.“


Harald Loch


Eugène Dabit: Petit-Louis  Roman
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Julia Schoch
Schöffling, Frankfurt am Main 2018   237 Seiten   22 Euro

 

Vergangenheitsbewältigung: Josef Winkler

Wittgenstein sagt „wovon man nicht sprechen kann, muss man schweigen“. Andererseits gilt: „wovon zu lange geschwiegen wurde, darüber muss man reden!“ Oder eben schreiben, wie es der Kärntner Büchner-Preis Träger Josef Winkler seit Jahrzehnten tut.

 

Erst vor kurzem hat er erfahren, dass in seinem Heimatdorf Kamering der Leiter der „Aktion Reinhardt“, sein Kärntner Landsmann Odilo Globocnik nach seinem Selbstmord auf einem Feld verscharrt wurde, das Winklers Vater und schon sein Großvater mit Getreide bestellt hatten. „Aktion Reinhardt“ war der Tarnname der Nazis für die systematische Ermordung der Juden und Roma in den fünf Distrikten Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Galizien des „Generalgouvernements“. Die Ermordung von über 2.000.000 Opfern ist mit den Namen der Vernichtungslager Treblinka, Belzec und Sobibor verbunden. Der 1945 zunächst in Italien untergetauchte Odilo Globocnik hatte sich gerühmt: „Zwei Millionen ham’ma erledigt.“

 

Er war nach Kriegsende unter falschem Namen nach Kärnten gelangt, dort von der britischen Besatzungsmacht enttarnt und – nachdem er sich mit einer Zyankalikapsel der Verantwortung feige entzogen hatte – auf dem „Sautratten“ genannten Feld in Kamering verscharrt worden.
Winkler klagt seinen Vater an, dass er ihm das nie erzählt hatte. Er findet böse, einem Sohn eigentlich nicht gebührende Worte gegen seinen Vater, gegen seine Familie, gegen das ganze Dorf. Dort ist er vielleicht der bestgehasste Mensch, weil er schon in vielen Büchern gegen das Verschweigen geschrieben hat.

 

Diesmal holt er nach längerer Schreibpause noch einmal gewaltig aus, schreibt fast atemlos gegen die Ignoranz in der Familie, gegen das Verschweigen der Verstrickung in das Naziregime, gegen die nach wie vor herrschende radikale rassistische allgemeine Meinung im Dorf: „Du musst doch gewusst haben, gib’s zu mein Tate, dass im Kärntner Drautal, in dem wir aufgewachsen sind, auf den Sautratten, einem Gemeinschaftsfeld von mehreren Bauern, der aus Klagenfurt stammende Judenmassenmörder Odilo Globocnik verscharrt worden ist.“

 

Winkler hämmert die Worte „Judenmassenmörder“ oder dessen Worte „zwei Millionen  ham’ma erledigt“ wie ein Leitmotiv durch seine Klage- und Anklageschrift, in der er auch seine Onkel nicht verschont, die nach dem Krieg aus allen Fotos herausgekratzten Hakenkreuze und die brutal-autoritären Prügel nicht vergisst, die ihm und allen Kindern damals statt Erziehung verabreicht wurden, die bigotte Frömmigkeit aller möglichen Hochwürden würdigt und der drei im Krieg gefallenen Brüder seiner Mutter angemessen gedenkt. Vor allem Kindheitstraumata geben dem Roman den Charakter einer auf der Couch sich selbst abgerungenen Erinnerungsarbeit.

 

Sie ist aber – und das unterscheidet Winklers Roman wohltuend von vielen selbstbezüglichen Werken anderer Autoren – diese Erinnerungsarbeit ist aber nicht nur für Winkler selbst sondern für alle Leser nötig und wichtig; denn: Wovon man Jahrzehntelang geschwiegen hat, muss man endlich reden! Winkler schreibt in seinem wortmächtigen, temperamentvollen Stil, in dem sein Heimatdialekt die Erde förmlich dampfen lässt, die er durch das verschwiegene Verscharren des Judenmassemörders auf eine ganz weltliche Weise entweiht sieht – ein gegenwärtiger, leider hochaktueller Blick auf eine Vergangenheit, die nicht vergeht.


Harald Loch
 
Josef Winkler: „Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe    Roman
Suhrkamp, Berlin 2008   200 Seiten   22 Euro

 

  Gabriele Tergit: Etwas Seltenes überhaupt

 

Der Titel der autobiographischen Erinnerungen „Etwas Seltenes überhaupt“ meint die Verfasserin selbst: Gabriele Tergit war diese Seltenheit. Der Journalist Rudolf Olden hat die Autorin des Erfolgsromans „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ im Jahre 1931 als diese Rarität charakterisiert, die sie unter ihren deutschen Landsleuten leider blieb: „99,9% Ja-Sager, 0,1 % Nein-Sager“ schrieb sie später. Aber der Chefredakteur des Berliner Tageblatts Olden meinte etwas durchaus Biographisches. Gabirele Tergit war die erste Gerichtsreporterin, eine Intellektuelle mit Durchblick, sie verfügte über eine spitze Feder für ihre glänzenden Texte. Sie wurde 1894 als Elise Hirschmann in Berlin geboren. Nach dem Besuch der Sozialen Frauenschule von Alice Salomon holte sie ihr Abitur nach, studierte und schloss 1923 mit einer Promotion in Geschichte.
Ohne Vorbereitung begann sie für den Berliner Börsen-Courier Reportagen aus dem Moabiter Kriminalgericht zu schreiben, die zu ihrer eigenen Überraschung alle gedruckt wurden. Sie waren die „Gesellenstücke“, mit denen sie sich bei Theodor Wolff vom Berliner Tageblatt erfolgreich bewarb. Gabriele Tergit schildert das Gespräch in ihren Erinnerungen wie folgt: „Hilde Walter hatte mir vor der Unterredung den Rat gegeben: ‚Verlange kein Gehalt. Wer bietet ist der Dumme.‘ ‚Wieviel habe ich gesagt?‘ sagte Wolff. ‚Vierhundert im Monat?‘ Ich schwieg. ‚Das Mädchen sitzt im Sessel, sieht aus und gibt mir das Gefühl, dass ich sie ausnutze. Also fünfhundert Mark?‘ Natürlich ging ich darauf ein: fünfhundert Mark für neun Gerichtsbericht im Monat.“ Das war am 24. Dezember 1924, nach der Inflation, ein Haufen Geld für eine journalistische Anfängerin. Sie kam zur „Berliner Seite“, die Walter Kiaulehn leitete und an der besagter Rudolf Olden mitarbeitete, der auch als Rechtsanwalt tätig war. Im Jahre 1931 erkämpfte er für Carl von Ossietzky im „Weltbühne-Prozess“ („Soldaten sind Mörder“) einen Freispruch. 
In Gabriele Tergits „Erinnerungen“ lebt das Berlin der  Zwanziger Jahre – oft aus der Perspektive des Berichts aus dem Gerichtssaal. Sie erinnert sich im „Kunstprozess“ an das Verfahren gegen den Galeristen Paul Cassirer. Wilhelm II. hatte 1901 den Vermittler der Kunst der französischen Impressionisten anlässlich der ersten Cézanne-Ausstellung als den abqualifiziert, „der die Dreckkunst aus Paris zu uns bringt“. Jetzt ging es um gefälschte van Goghs. Tergit erinnert an den Salon, den die Ehefrau von Cassirer, die Schauspielerin Tilla Durieux in Berlin führte. 
Aber vor Gericht ging es nicht nur um Kunst oder um publizistisch aufzuwertende „Eierdiebe“. Es wurde ungemütlicher in den Sälen von Moabit. Gabriele Tergit schreibt über den Fememordprozess gegen Mitglieder der „Schwarzen Reichswehr“ und über ein Verfahren von 1932 gegen Hitler und Goebbels und erinnert sich: „Ich habe vierzig Jahre über diesen Prozeß nachgedacht, gedacht, was ich schon während des Prozesses dachte. Hitler und Goebbels saßen mir drei bis vier Meter gegenüber. Wenn ich einen Revolver besessen hätte und ich hätte sie erschossen, hätte ich fünfzig Millionen vor einem frühzeitigen Tod gerettet und ich wäre Judith II. geworden.“ Sie schreibt über eine Justiz, die auf dem rechten Auge blind war, Judenmörder freisprach. Sie erinnert sich: „Theodor Knobel, der Führer eines Jungsturms machte einen Ausflug und ließ die Jungen an einem Judenfriedhof haltmachen. ‚Spuckt alle auf die Gräber dreimal aus!‘ befahl er. Er wurde wegen Religionsschändung angeklagt. Das Gericht sprach ihn frei. Religionsschändung liege nicht vor, denn Knobel habe nicht die religiöse Gemeinschaft der Juden, sondern die jüdische Rasse treffen wollen.“ So ging es weiter vor Gericht und Gabriele Tergit berichtete furchtlos und alarmierend über diese Pogrome „im Namen des Volkes“. Natürlich musste sie gleich nach der Machtergreifung fliehen, nach Prag, Paris, Palästina und schließlich nach London, wo sie 1982 starb. Dort war sie  jahrelang die Sekretärin des PEN der deutschen Exilautoren. Nach dem Krieg kam sie hin und wieder nach Berlin, das sie – vielleicht platonisch - liebte. „Hab den Namen nie gehört. Wer sind sie überhaupt“ zitiert in einem lesenswerten Nachwort die Herausgeberin dieser ersten vollständigen Ausgabe der Erinnerungen von Gabriele Tergit eine Berliner Kunstdezernentin Mitte der Fünfziger Jahre. Und dennoch, in Berlin erlebte sie 1977 während der Berliner Festwochen ihren späten Triumph. „Inzwischen war ich mit Erfolg in Berlin“, schrieb sie an den Ullstein Verlag, „ein Vorleseabend fand in der Akademie statt. Uwe Johnson las Feuchtwangers Erfolg vor, Hans Mayer Kästners Fabian, Hans Bender aus Hermann Kestens Joseph sucht seinen Weg und Höllerer meinen Käsebier.“
Die Erinnerungen von Gabriele Tergit sind ein unschätzbares, farbiges Dokument, das aus beruflicher Perspektive einer Gerichtsreporterin und aus berufenem Munde ein ganzes Zeitporträt entwirft. Der Leser begegnet allen wichtigen Namen der Zeit. Tergit schreibt kämpferisch, natürlich parteinehmend, hellwach und gibt ein rares Beispiel eines literarisch anspruchsvollen Journalismus – eben „etwas Seltenes überhaupt“!


Harald Loch


Gabriele Tergit: Etwas Seltenes überhaupt. Erinnerungen
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Nicole Henneberg
Schöffling, Frankfurt am Main 2018   418 Seiten   26 Euro

 

 

Wie hoch die Wasser steigen

 

Die Arbeitswelt auf einer Ölplattform hat Wenzel Groszak gründlich geprägt. Im Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ der 1983 in Hamburg geborenen Anja Kampmann heißt er Waclaw. Seine Familie stammte aus Polen, sein Vater hatte sein Leben unter Tage im Ruhrgebiet verbracht und seine Gesundheit verbraucht, der Steinkohle wegen. Waclaw wollte jeder Enge entgehen, zog in die Weite und holte wie sein Vater Energie aus der Tiefe – er über dem Meeresspiegel auf gefährlichen Bohrinseln. Dort, vor der westafrikanischen Küste, verliert er seinen besten Freund, den aus Ungarn stammenden Mátyás im Sturm. Waclaw soll sich an Land von dem Schock erholen und reist in nicht enden wollender Trauer zu Orten gemeinsamen Erlebens, zu den Hinterbliebenen des Freundes in der ungarischen Steppe, zu einem alten Freund seines Vaters in die Nähe von Genua, weiter nach Westfalen, wo er großgeworden ist. Dort soll er eine Brieftaube fliegen lassen, die ihm der Freund seines Vaters in Italien anvertraut hat. Er zieht weiter bis nach Polen, wo er seine frühere große Liebe Milena nicht mehr sprechen kann – sie liegt nach einem Unfall im Koma und wird künstlich beatmet. Zurück auf die See und zum Öl geht Waclaw nicht mehr.

 

Anja Kampmann erzählt in ihrem ersten, schon so gelungenen Roman von diesen Fahrten, weg von der Erinnerung an den toten Freund immer hin zu neuen Erinnerungen an ihn. Die Trauer begleitet Waclaw. Fragen nach dem Sinn stellen sich ihm nicht, wahrscheinlich ist die Frage schon sinnlos. Die unmenschliche Arbeit in der bohrenden Einsamkeit auf den Plattformen, von denen er einige hat sinken, andere hat brennen sehen, verbietet ihm, die eigene Existenz nach Sinn zu befragen. Die Autorin verknüpft die traurige Gegenwart mit einer an Mátyás erinnernden Vergangenheit zu einer Gleichzeitigkeit, in der ein ganzes Leben aufgehoben ist. Anja Kampmann dringt so tief in Wesen und Schicksal ihres eigenen Geschöpfes Wenzel/Waclaw ein, dass sie sich darin zu verlieren droht. Davor schützt sie ihre seit einem guten Jahrzehnt gewachsene literarische Professionalität, mit der sie das Eigenleben ihres Protagonisten zugleich erfindet und frei lässt, aber auch wieder einfängt.

Die Autorin hat bisher vor allem Gedichte geschrieben. Sie verknüpft ihre Lyrik mit Musik. Auch ihr Roman atmet bei allem, manchmal auch schonungslosen Realismus einen Grundton von Poesie. Anja Kampmann verfügt über einen schönen Vorrat an Metaphern, die meisten unerhört, manche von ihnen enden überraschend im Abstrakten. Waclaw nimmt auf seiner Fahrt mit einem Pickup von Ligurien nach Norden nicht nur die Brieftaube mit sondern liest auch ein älteres Bauernpaar auf. Sie können sich kaum verständigen und er weiß nicht, wohin sie wollen. Er kauft eine Landkarte: „Niemand von ihnen versuchte, die Karte zu lesen, oder schlug sie auch nur auf, als gäbe es einen anderen Zusammenhang weit unter der Eile.“ So enden manche Aussagen mit einem Wort, das den Leser beschäftigen mag. Am besten, er lässt es so stehen. Er wird sich oft über solche Details freuen können und das Ganze als einen kostbaren, auch preisverdächtigen Roman lesen.

 

Harald Loch

 

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen      Roman

Hanser, München 2018    352 Seiten   23 Euro

 

Ein Kosmos aus vielen Romanen

Aka Mortschiladse: Santa Esperanza

 

Suchen Sie nicht nach einem Reisführer über die Insel Santa Esperanza oder über die Johannesinseln im Schwarzen Meer. Sie gehören nicht wirklich zu Georgien, waren keineswegs ein britisches Dominion und sind früher auch nicht von Genua aus kultiviert worden – es gibt sie einfach nicht. Das kann man bedauern. Aber gegen die aufkommende Traurigkeit gibt es ein Heilmittel: Der georgische Kultautor Aka Mortschiladse hat „Santa Esperanza“ erfunden und seinen „Kosmos aus vielen Romanen“ – so nennt er sein erfundenes Genre – auch nach dieser Insel genannt. Auf 760 Seiten erzählt er munter vom Leben und Treiben auf seiner erfundenen Insel, die er laut einem 30 Seiten langen „Inhaltsverzeichnis des Herumtreibens der Spielkarten und tausenderlei anderer Dinge …“ zweimal bereist hat. Hier beschreibt er auch den Aufbau dieses monumentalen Erzählwerks in vier mal neun größere und jeweils mit 4 und 9 multiplizierbare kleinere und größere Geschichten. Diese Gliederung folgt einem auf Esperanza gepflegten Kartenspiel mit 36 Karten. Aber diese fabulierte Einleitung ist bereits Teil des gesponnenen Romans.

 

Die erfundene Welt „Esperanza“ ist eben total real – so real wie keine Wirklichkeit sondern nur Literatur sein kann.

 

Wer sich auf diese von Natia Mekladse-Bachsoliani übersetzte Expedition einlässt – und das werden angesichts des Ehrengastes Georgien auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse einige tun – kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Autor beschreibt die Insel naturalistisch, gibt einen kommentierten Hotel- und Restaurantführer heraus, führt sein Publikum durch die Gassen der Altstadt des Hauptortes und stellt ihm einen ansehnlichen Teil der Inselbevölkerung vor. Einige gehören den alten Familien an, die sich als „Gründer“ verstehen – aber nicht etwa untereinander.

 

Alle haben ihre Leichen im Keller, intrigieren gegeneinander, leben in einem inneren Kriegszustand gegeneinander, verkehren aber auch voller Humor und Schelmerei miteinander. Überschriften laden zu kleineren Abenteuern ein: „I love you baby – vom Klagelied zerrissene Herzen“ lautet eine und beginnt – ganz Esperanza: „Das Klagelied ist das Sonderbarste und Überraschendste, was man auf Santa Esperanza vorfindet. Es wird nur in neun Clubs in Santa City gesungen und keinesfalls öffentlich. Fast an jeder Ecke gibt es Kassetten…“ Dann erfindet der Autor eine Geschichte um das Klagelied, um zu schließen: „So nahm man an, dass es gewesen sei. Es kann aber auch anders gewesen sein, selten, aber möglich.“ Das gilt für alles, was in diesem Kosmos zu entdecken ist. Das Schöne ist: man muss es nicht von vorne bis hinten lesen, obwohl auch das lohnt, sondern man kann mit einem Stilett hineinstechen und die Kurzgeschichte lesen, auf die man gerade trifft. Es sind alles Volltreffer, die danebengehen, neben die nüchterne Realität.

 

Hinreißend „Monica Uso di Mare und zwei Männer“! Der Leser lernt die Fahrerin eines von „nur drei linksgesteuerten Autos auf der Insel“ kennen, eines VW Käfers. Die Besitzerin stammte aus einer der berühmtesten Familien der Insel und war ein sehr kompliziertes Mädchen: „Monica Uso di Mare war fünfundzwanzig Jahre alt, Klatsch-Reporterin ohne feste Anstellung, mit Neigung zur politischen Reportage. Sie hatte einen eher flachen Busen und ging bauchfrei. Durch den Nabel trug sie einen Ring mit Korallenperlen. Sie wusste vieles, aber nichts von Anfang bis Ende.“ Musste sie auch nicht, muss der Leser auch nicht, wenn er die vielen einzelnen Ausgeburten der überbordenden Fantasie Mortschiladses liest – in welcher Reihenfolge auch immer.

 

Bei einem 760 Seitenstarken Wälzer sind normalerweise ein paar Urlaubstage einzuplanen. „Santa Esperanza“ ist selbst wie Urlaub im Schwarzen Meer oder im Literaturland Georgien. Man kann diesen Kosmos tagtäglich in kleinen Portionen genießen. Die Anreise zu ihm erfolgt über die Buchhandlung und die Erholung setzt beim ersten Stich mit dem Stilett in den Buchblock ein, der im Übrigen durch Fadenheftung stabil zusammengehalten wird.

 

Harald Loch

 

Aka Mortschiladse: Santa Esperanza. Ein Kosmos aus vielen Romanen

Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani

Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018   760 Seiten   36 Euro

Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka 

„Zeichnen heißt weglassen“, hatte Max Liebermann befunden. Die Kunst, fülliges Material auf dramaturgisch Wesentliches zu reduzieren, aus der Verkürzung literarischen Gewinn zu ziehen, beherrscht keiner besser als Hans Joachim Schädlich. Die doppelte Verfolgungsgeschichte des Maler-Ehepaares Nussbaum hat er in seinen verdichteten Momentbildern unter dem Titel „Felix und Felka“ zu einer über das Individuelle hinausgehenden Anklage gegen die rassistische Vernichtungspolitik der Nazis durch das Weglassen alles Überflüssigen eindrucksvoll gezeichnet. 
Felix Nussbaum entstammte einer angesehenen jüdischen Unternehmerfamilie aus Osnabrück. Im Jahre 1932 wurde der aufstrebende Künstler mit einem Stipendium in der römischen „Villa Massimo“ geehrt.

 

Sein Aufenthalt wurde um drei Monate verlängert und reichte bis in die Zeit nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland. Einer der Mitstipendiaten war der später von Hitler favorisierte Bildhauer Arnold Breker. Nussbaum war mit seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Felka in Rom, einer Tochter Warschauer Juden, ebenfalls Malerin. Die Eltern von Felix waren mit seiner „ostjüdischen“ Partnerin Felka nicht einverstanden. Selbst in der späteren Emigration lehnte Felix‘ Mutter ihre Schwiegertochter wegen des vermeintlichen zivilisatorischen Gefälles von West nach Ost ab.


Felix und Felka kehrten nicht nach Berlin zurück, sie ahnten das Ausmaß der Verfolgung jüdischer Menschen. Sie blieben zunächst in Italien, von den wohlhabenden Eltern von Felix weiterhin finanziell unterstützt. Als sich Mussolini und Hitler zu „Achse“ verbündeten, wichen sie nach Paris aus. Dort erhielten sie aber keine dauernde Aufenthaltserlaubnis, gingen nach Ostende und schließlich nach Brüssel, wo sie sich mit kunsthandwerklichen Arbeiten über Wasser hielten. Nach dem Kriegsausbruch wurde ihre Lage immer prekärer, bis Felix eines Tages von der belgischen Polizei abgeholt und nach Frankreich, in ein Internierungslager deportiert wurde. Felka blieb in Brüssel, von befreundeten belgischen Nachbarn versteckt und versorgt. Felix gelang eine abenteuerliche Flucht aus den Fängen der kollaborierenden Franzosen und gelangte unerkannt nach Brüssel zu seiner Frau. Beide lebten fortan in geheimen Kellern und Mansarden, bis sie von einem belgischen Spitzel an die Gestapo verraten und über das Lager Mecheln nach Auschwitz deportiert wurden. Dort wurden sie im Jahre 1944 ermordet, wie die Eltern und die Familie des Bruders von Felix. Die in Warschau gebliebenen Eltern von Felka waren seit der Besetzung durch die Nazis verschollen.


Soweit die knappe Geschichte. Schädlich erzählt sie – aus Originalquellen rekonstruiert und behutsam fiktional ergänzt – in kleinen Episoden aus dem immer enger werdenden privaten Umfeld der beiden Künstler: Gespräche mit den mutigen Nachbarn, Briefwechsel mit einem Förderer in den USA, Zeugnisse von Lagerinsassen in Frankreich, Erinnerungen einer Überlebenden von Auschwitz an Felix. Diese Miniaturen ergeben, literarisch kunstvoll aneinandergefügt, ein atemberaubendes Bild der ein Jahrzehnt währenden Fluchtgeschichte des Paares. In einer Traumszene erscheinen Felix seine wichtigsten Bilder. Sein Berliner Atelier war während seines Aufenthalts in Rom einem Brandanschlag zum Opfer gefallen. Er malt auch unter den beengten Verhältnissen in seinen Brüsseler Verstecken weiter, ohne jede Hoffnung, in tiefster Depression. Schädlichs „Felix und Felka“ wird zu einem erschütternden Dokument des Verfolgungsschicksals der beiden Maler. Der Autor verschont die Leser nicht vor Einzelheiten und den immer drängender werdenden Ängsten der beiden - alles vor dem Hintergrund einer mörderischen Epoche.


Harald Loch 


Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka 
Rowohlt, Reinbek 2018   Leinen   203 Seiten   19,95 Euro

 

Iliazd: Philosophia

 
Das Manuskript des Romans „Philosophia“ ist auf den Rückseiten der grauen Kartons mit den Schnittmustern für die Chanelkleider geschrieben. Der 1894 in Tbilisi geborene georgische Autor Ilija Sdanewitsch nennt sich inzwischen Iliazd. Er lebt seit 1921 in Paris, der Stadt seiner Träume. Er arbeitet als Stoffdesigner bei Chanel, erfindet später eine neue Kunsttypographie und gestaltet prachtvolle bibliophile Bände, illustriert von den bekanntesten zeitgenössischen Malern, darunter Matisse, Chagall, Max Ernst Giacometti, Miro und vor allem Picasso, mit dem er über dreißig Jahre zusammenarbeiten wird. Nicht ganz so elitär und exklusiv wie die von Iliazd gestalteten Bücher, dennoch kostbar in Leinen aufgemacht, erscheint rechtzeitig zum Jahr, in dem Georgien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein wird, sein Roman Philosophia. Er spielt in Konstantinopel, das sich 1920/21 gerade von der osmanischen Hauptstadt in das Istanbul Kemal Atatürks wandelt. Iliazd hatte seine georgische Heimat verlassen, bleibt auf der Auswanderungsreise nach Paris in der Stadt zwischen Asien und Europa für ein Jahr hängen und erinnert sich zehn Jahre später in Paris an diese verrückte Zeit. Konstantinopel ist nach der Niederlage des Osmanischen Reiches von den Westmächten besetzt. Aus dem revolutionären Russland drängen besiegte „Weiße“ wie begierige „Rote“ in die ihre Sehnsuchtsmetropole, die die Zufahrt zum Schwarzen Meer beherrscht. Ein turbulentes Nachkriegschaos beherrscht die Stadt mit der Hagia Sophia, der vor Jahrhunderten zur Moschee umgewandelten byzantinischen Hauptkirche der Orthodoxie. Rund um diese „Heilige Sophie“ wird vor allem von russischen Emigranten eine gegen den in Russland siegreichen Bolschewismus gerichtete politisch-religiöse Philosophie voller Banalität und Esoterik gepflegt. Iliazd immer mittenmang.


Sein Roman sieht ihn als Protagonisten. Aber er ist nicht etwa in der Ersten Person geschrieben, sondern der allwissende Autor Iliazd erzählt über die Hauptperson Iliazd und eine Handvoll weiterer Hauptfiguren. Diese tauchen unter ganz unterschiedlichen Namen auf. Zum Glück klärt eine Namensliste am Ende des Buches über dieses Verwirrspiel auf. Das Ganze wechselt zwischen authentischer Zeitzeugenschaft aus dem aufregenden Konstantinopel der unmittelbaren Nachkriegszeit und einem kunstvoll aufgetürmten Unsinn, den der „Held“ Iliazd auch zu seinem vorübergehenden Lebensprinzip erklärt. Als Leser kann man das als Erzählform einer georgisch-russischen Avantgarde verstehen, der Iliazd angehörte. Er hatte schon in Tiflis und in Petersburg mit seiner Zaoum-Poesie eine Art kaukasischen DADA geschaffen. Zu dessen französischen Ausläufern zog es ihn nach Paris mit der Zwischenstation Konstantinopel. Dort gerät sein namensgleicher Doppelgänger in der Rolle des vom Glück begleiteten Romanhelden in unglaubliche Verstrickungen und Verschwörungen, so dass sich „Philosophia“ zeitweise wie ein Spionageroman liest. Aber der in literarische Form gebannte Unsinn changiert mit einer Wirklichkeit, von der Kenner Istanbuls behaupten, man könne die Wege des Iliazd durch die Stadt am Goldenen Horn noch heute nachvollziehen. Das Stadtmuster Konstantinopels und die später in Paris entstandenen Stoffmuster, die kunstvoll geschnittenen typographischen Buchstaben verschiedener Schriften und der ebenso kunstvoll in die Wirklichkeit der Jahre 1920/21 verwobene Unsinn legen Zeugnis von einem Autor ab, der als ein Künstler ganz verschiedener Genres den geistigen Aufbruch einer Avantgarde verköpert, die manchem heute moderner erscheinen mag als alles Gegenwärtige.


Harald Loch
 
Iliazd: Philosophia
Aus dem Russischen von Regine Kühn
Matthes & Seitz, Berlin 2017   Leinen 384 Seiten   30 Euro

 

Peter Handke: Die Obstdiebin

 

Schon wieder Frankreich? Oder gar Österreich? Gemach! „Wolfram von Eschenbachs Geschichten, die ebenso wie die hier, allesamt in Frankreich spielen, doch Vers um Vers und Reim auf Reim deutsch geschrieben sind, warten zwischendrin nicht selten an den passenden Stellen mit französischen Worteinsprengseln auf. Dem Deutschschreibenden in der französischen Niemandsbucht, la baie de personne … kommt so ein Wolframwort in den Sinn / ein Wort wie bei ihm sonst nie, / dieses Wort ist: fleuri, / und wieder: Unübersetzbarkeit.“ Peter Handke, der seit Jahrzehnten bei Paris lebt, beruft sich auf Wolfram von Eschenbach, er streut – oft unübersetzbare – Vokabeln seines Gastlandes in den langsam fließenden deutschen Text seines neuen Romans „Die Obstdiebin“. Er wandert mit ihr drei Tage lang in die Picardie, ins Vexin, eine Hochebene aus Kalkstein, die ihn an den Karst im italienisch-jugoslawischen Grenzgebiet erinnert, das der in Kärnten geborene Autor zu seiner weiträumigen Heimat zählt. Die Obstdiebin tritt erst nach und nach auf. Zunächst ist es Peter Handke selbst in seiner Eigenschaft als Erzähler ihrer Geschichte, der sich aus dem Pariser Vorort in sein Sommeranwesen in der Picardie aufmacht. Wie durch Überblendungen ins Rampenlicht getreten, spielt die blutjunge Obstdiebin, der ihr Schöpfer den Namen Alexia gibt, den Ich-Erzähler aus dem Anfang an die Wand, wird zur titelgebenden Protagonistin. Und zu was für einer!

 

Die junge Frau ist nach kurzer Bahnfahrt zu Fuß unterwegs, mit reichlich Gepäck. Sie durchmisst eine vor 40 Jahren entstandene „Neue Stadt“ im Gürtel um Paris, jenseits der Banlieue, künstlich und nicht gewachsen. In ihr hatte sie nicht einmal ein Semester BWL an einer Eliteschule studiert. Dann war sie unterwegs, zuletzt in Sibirien am Jenissei. Aus dieser „Neuen Stadt“ gelangt sie in offenes Gelände. Peter Handke nutzt diesen Übertritt ins Freie zu leisen, poetischen Hymnen an die Natur, die Welt der Vögel und der Pflanzen. Obstbäume stehen im Weg, um die Mission Alexias zu erfüllen: nur die hochoben, nicht ohne Mühe zu pflückenden Früchte sind das Ziel ihres unschuldigen Mundraubs. Das kann sie, unauffällig und unbestraft perfekt. Wenn sie, was ihr einmal widerfährt, von Schuldgefühlen wie gelähmt ist, dann nicht wegen der Obstdiebstähle. Urschuld der Menschheit?

 

Sie begegnet anderen Menschen. Einmal wird sie, es ist schon anbrechende Nacht, von einer Familie in ein Haus gebeten, die gerade Totenwache hält und bleibt dort bis zum nächsten Morgen. Am nächsten Tag schließt sich ihr ein junger Pizzalieferer an. Zwischen beiden wächst eine zarte, bezaubernde Liebesgeschichte, die in einem Hotel endet. Der alte Besitzer hat das Haus schließen müssen, es soll demnächst abgerissen werden. Er bewirtet beide und im Laufe des Abends rettet Alexia ihren jungen Begleiter davor, sich etwas anzutun. Sie tanzt zu Musik aus der Jukebox mit dem Alten und dem Jungen. Dann verschwinden alle in ihren je eigenen Zimmern. Alexia macht sich bewusst, dass sie keine religiöse Liebe zu Gott sucht sondern schon zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Aber das hat noch Zeit – wie alles in ihrem Leben. Sie kennt keine Eile, legt weite Strecken zurück, ermüdet trotz ihres Gepäcks nicht.

 

Die Landschaft verpflichtet nicht nur zur Naturbetrachtung. Im Zweiten Weltkrieg fanden hier nach der Landung der Alliierten im Jahre 1944 heftige Kämpfe statt. Manchmal findet die Obstdiebin – der Roman spielt im Jahr 2016 – noch Aluminiumbecher aus dieser Zeit. Peter Handke nutzt die herzhafte Geschichte von der Obstdiebin immer wieder für aphoristische Einschübe zu Krieg und Frieden, zu Gesellschaft und ihren Verkommenheiten. Diese Aperçus aus dem Munde der Obstdiebin oder auch aus dem Off des Erzählers reißen den Leser nicht aus seinen Träumen, zu denen dieser Dreitages-Marsch in die Picardie ja einlädt. Diese Einfälle geben dem einfachen Leben auf der Tour eine Würde des Ernstes, die aus dem Roman großartige Literatur macht.

 

Am Ende der Wanderung trifft Alexia ihren Vater, von dem sie sich erst vor drei Tagen in Paris verabschiedet hat, ihren Bruder, den sie zuletzt vor dessen Stimmbruch gesehen hatte und ihre Mutter – seit einem Jahr ohne Kontakt zu ihr. Auf einem von der Mutter organisierten Fest bricht es seitenlang aus ihren Vater heraus: „Hoffnungslosigkeit, du unsere Stärke, unsere Waffe, unsere Wappnung. (Zwischenruf: ‚Unser Kapital‘)“ Oder: „Bedürfnis nach Balkan“. Weiter: „Rußland? Heute ist Rußland, heute sind Puschkin, Tolstoi, Turgenjew und Tschechow hier bei uns im Vexin, in der urfranzösischen Picardie, wenn es auch nicht mehr Zeit für Geschichten ist, wie sie die in Rußland und im neunzehnten Jahrhundert erzählt haben, wohl aber immer noch für ihren Ton.“ Wie für den Handke-Ton!

 

Harald Loch 

 

Peter Handke: Die Obstdiebin - oder einfache Fahrt ins Landesinnere 

Suhrkamp, Berlin 2017   539 Seiten   34 Euro

 

 

Die Erben des Kalten Krieges

John leCarré: Das Vermächtnis der Spione     Roman


Abschaffen! Ja, man sollte die Geheimdienste abschaffen. Auf diese schöne Idee bringt einen ausgerechnet John leCarré, der in jungen Jahren selbst in den Diensten ihrer Majestät tätig war und mit dem „Spion, der aus der Kälte kam“ den Klassiker des Genres Spionageroman schrieb. Der Autor ist zurück. Er ist jetzt 86 Jahre alt. Er bringt seinen Meisterspion George Smiley bei seiner Rückkehr gleich mit. Allerdings taucht er erst ganz am Schluss von leCarrés neuem Opus, fast in einer Nebenrolle auf. Er lebt jetzt, betagt, allein, wird manchmal von seiner Frau besucht. Mit der geht er dann wandern im Schwarzwald. Das ganze Buch über hält sein ehemaliger Assistent Peter Guillam die sicher zahlreichen Leser in Atem und auch bei Laune.

 

Peter lebt längst auf seinem Bauernhof in der Bretagne, bezieht seine Geheimdienst-Pension nebst lebenslanger Gefahrenzulage und wird in seine ehemalige Zentrale zitiert. Es braut sich ein abgestandenes Gewitter zusammen, das seit 1962 dräut: Damals ist eine Aktion des Dienstes verheerend aus dem Ruder gelaufen, starben an der noch jungen Berliner Mauer ein Kollege und seine Freundin. Vorher schon musste eine Überläuferin aus der DDR dran glauben. Alle drei Opfer dilettantischen Versagens des Dienstes ihrer Majestät haben Hinterbliebene, die jetzt Ansprüche stellen, mit der Öffentlichkeit drohen, das auf seriös getrimmte Image des britischen Auslandsgeheimdienstes angreifen. An so etwas wie „Verjährung“ darf man im Interesse der ja doch fiktionalen Literatur nicht denken.


Peter Guillam wird von einer neuen Generation von Mitarbeitern verhört. Schon hierbei stellt sich heraus, dass der Dienst mehr weiß als er erkennen lässt, manchmal auch mehr als der demnächst Beschuldigte. In einem virtuosen Wechsel zwischen Verhörsituation, Akteninhalt und damaligem Geschehen entsteht ein abschreckendes Bild vom selbstherrlichen Treiben der Dienste, von ihren internen Intrigen, von ihren gegenseitigen Versuchen, der jeweiligen Konkurrenz hinter dem Eisernen Vorhang Agenten abzuwerben, umzudrehen, Doppelagenten zu installieren, erkannte Verräter zu liquidieren. „Das Vermächtnis der Spione“, das leCarré kürzlich in der ausverkauften Hamburger Elbphilharmonie präsentierte, geht von verwickelten Konstruktionen aus, die vom Leser Aufmerksamkeit verlangen. Er wird für sie mit einem vermutlich leider zutreffen tiefen Einblick in die Praktiken und Unzulänglichkeiten belohnt.

 

Da Peter Guillam in jeder Hinsicht ein Schwerenöter ist, kommt auch der Voyeur zu dem einen oder anderen Schlafzimmerblick, der im Falle von „Tulip“ in einem Blick auf die an einem Ast baumelnde Leiche endet. Selbstmord? Mord? Hieraus entwickelt sich die lesenswerte, doppelt und dreifach verschlüsselte und verdrehte Kerngeschichte, in deren Verlauf zwei hochrangige, gegeneinander arbeitende Stasi-Leiter und auch ein Topmann des britischen Geheimdienstes dran glauben müssen. Skrupellos, leichtfertig, ohne jede Chance auf Öffentlichkeit geht es auch in „demokratischen“ Agentenzentralen zu. Es ist zum Verzweifeln! Auch Smiley an seinem Schwarzwälder Alterssitz ist verzweifelt. „Warum haben wir das alles gemacht?“ Er sucht nach einer Antwort bei einem Glas badischem Wein, den er mit seinem alten Gefolgsmann Peter trinkt. „Für den Weltfrieden? Aber im Kampf um den Frieden wird kein Stein auf dem anderen bleiben, wie unsere russischen Freunde zu sagen pflegten. Also für England? Ich bin Europäer, Peter. Wenn ich eine Mission gehabt habe, dann bestand sie in Europa. Das Ziel habe ich heute noch.“ So wird John leCarrés rasant geschriebenes und schmunzelnd zu lesendes „Das Vermächtnis der Spione“ zu seiner Antwort auf den Brexit – immerhin!


Harald Loch


John leCarré: Das Vermächtnis der Spione     Roman
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Ullstein, Berlin 2017   317 Seiten   24 Euro 

 

 

Wachtraum - ein Generationen-Panorama

 

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Sagte der Philosoph Adorno. Es gab ein Leben mit dem Holocaust und es gibt auch ein Leben danach. Das Buch von Susanne Scholl ist eine Familien-Saga über Generationen, sie verbindet Traum und Traumata mit Geschichte und Geschichten. Die Hauptfigur ist zunächst Fritzi, die aus dem nationalsozialistischen Wien nach England emigriert, jedoch der Insel bald wieder den Rücken kehrt und in ihre Geburtsstadt Wien zurückkehrt.

 

Zur eigentlichen Hauptperson wird dann aber ihre Tochter Lea. Es sind Familienerinnerungen, die zwar autobiographische Farbe haben, aber es ist - so die Autorin - ein rein fiktiver Figuren-Reigen, ein breiter Erzählstrang, in den Historisches und Gegenwärtiges eingeflochten wird. Auschwitz und Emigrantenszene, die aktuelle Flüchtlingskrise, Krieg und Terror in Syrien und Afghanistan, terroristische Anschläge in Paris und anderswo.

 

Die fiktiv geschilderten Lebensläufe und Lebenslinien mischen sich mit vielen psychologischen Ebenen der Figuren, die von Albträumen und Ängsten, vor dem Hintergrund des Jüdisch-Seins über die Generationen hinweg gegenwärtig bleiben. Wir bewegen uns im Nachkriegs-Wien, spüren, dass diese Stadt etwas mit Freud und der Psychoanalyse zu tun hat, verfolgen die scheiternden Ambitionen, etwas mit der kommunistischen Idee anzufangen.

 

Das Leben der Lea besteht eben auch aus Ehe, Kindern, Enkeln und Beruf, sie erlebt Lebens- und Liebes-Zweifel und am Ende des Romans dringt die Tragödie vom bösen ins richtige Leben ein. Ein Zeit- und Figurengemälde über die Welt von gestern und heute, eine Art Schnitzlers Wiener Menschen-Reigen in Romanform über starke Frauen und ihren Überlebenskampf.

 

Susanne Scholl ist 1949 in Wien geboren, studierte Slawistik in Rom und Moskau, war langjährige ORF-Korrespondentin in Moskau. Susanne Scholl veröffentlichte zahlreiche Bücher und erhielt wichtige Preise für ihre journalistische Arbeit und ihr menschenrechtliches Engagement. 

 

Susanne Scholl Wachtraum Roman Residenz Verlag

In einem anderen Licht: Terror

Worum geht es in dem Buch? Miriam bekommt anonyme Briefe mit nur diesem Satz geschickt: „Fragen Sie Dorothea nach Marguerite.“ Dorothea Sartorius ist die Witwe eines Reeders und eine Mäzenin in Hamburg. Miriam soll gerade die Verleihung des Sartorius-Preises für Zivilcourage vorbereiten. Dorothea war in den 70er Jahren Mitglied in einer linksextremen Terrorgruppe. Die frühere Freundin und politische Weggefährtin von Dorothea erhebt schwere Anklage: „Sie hat uns verraten. Sie hat alles verraten, was ihr heilig war.“ Heißt es in der Verlagsankündigung.


Katrin Burseg erzählt von Liebe und Verrat, von Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Und von der Herausforderung, authentisch zu leben. "In ein anderen Licht" ist ein lebendiges Porträt einer Frau vor dem historischen Hintergrund des deutschen Herbstes, schreibt der Verlag in seinem Ankündigungstext: „Wie schwer wiegt die Last des Schweigens? Und wie verändert sich der Blick auf die Ereignisse von damals im Lauf der Geschichte? Diese Fragen beschäftigen mich in meinem Roman „In einem anderen Licht“. Dorothea Sartorius, reiche Witwe und Stifterin eines Preises für Zivilcourage, wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. War sie in ihrer Jugend Mitglied einer linksextremen Gruppierung und hat sie den Tod dreier Menschen zu verantworten? Mehr als vierzig Jahre hat Sartorius geschwiegen, doch nun ist sie bereit zu sprechen. „Fragen Sie!“, fordert sie die Journalistin Miriam Raven auf. Doch je mehr Miriam über Dorotheas Leben erfährt, desto stärker reift in ihr die Erkenntnis heran, dass man eine Geschichte nicht nur von ihrem katastrophalen Ende her betrachten kann.

 
Miriam muss sich fragen, was schwerer wiegt – Dorotheas Vergangenheit im Umfeld der RAF oder ihre Wandlung zur vielbeachteten Stifterin und Wohltäterin. Kein zeithistorischer Roman also, sondern ein zweiter Blick auf die Ereignisse, eingewoben in eine Geschichte von Liebe und Trauer, Anfang, Ende und Neubeginn. Ganz bewusst habe ich für meinen Roman nach einem Ort und Zeitpunkt gesucht, die das Geschilderte möglich erscheinen lassen, ohne dass sie sich konkret in die Landkarte des RAF-Terrors einfügen. Und ganz bewusst habe ich mein Schreiben dem Gedanken untergeordnet, dass die Wahrheit bisweilen nur eine Sache der Vorstellungskraft ist. Kein Richtig oder Falsch also, sondern vielmehr die Auseinandersetzung damit, was Wahrheit im Leben, in der Erinnerung und auch in der Fiktion bedeutet. Und wie sich Erkenntnis vermittelt schreibt die Autorin selbst auf dem RESDONZBODEN des Verlags im Internet. Leben - Erinnerung – Fiktion, diese Ebenen gelingen der Autorin gut im Plot. Die Autorin, die vor allem die psychologischen Hintergründe gut ausleuchtet, die Dimensionen der Selbstfindung ausbreitet, legt jedoch einen „Gazeschleier“ vor die terroristische Handlung, man sieht als Leser zwar hindurch und ahnt, was der DEUTSCHE HERBST gewesen sein könnte, doch als Zeitgenosse, der dies alles miterlebt hat, bleibt an der Schlei – einem der Handlungsorte – doch manches schlei-erhaft.


In den Anmerkungen am Schluss des Buches – sie erscheinen wie eine Entschuldigung dafür – schreibt die Autorin: „Manchmal ist die Wahrheit nur eine Sache der Vorstellungskraft“. Die Autorin erlebte die Geschehnisse als Sechsjährige, wie sie schreibt „wohl nicht bewusst“. 
Manche Beschreibungen alltäglicher Umstände sind etwas zu genau, dafür bleibt Historisches zu ungenau. Durchaus gewollt, doch man vermisst es irgendwie. Ob „milde Temperaturen des Tages“ oder „ atemlose Augenblicke“ oder „Herbstrezepte“, will der Leser oder die Leserin, das alles so genau wissen, wenn es doch eigentlich um Schuld und Terror geht. Vielleicht ist dies aber der männliche Blick des Rezensenten. Der Verlag hat dieses Buch als Frauenbuch angekündigt. Na dann… 

 

Katrin Burseg, geboren 1971 in Hamburg, studierte Kunstgeschichte und Literatur in Kiel und Rom, bevor sie als Journalistin arbeitete. Sie hat mehrere historische Romane veröffentlicht. Für ihren Roman „Liebe ist ein Haus mit vielen Zimmern“ wurde sie 2016 mit dem DELIA-Literaturpreis ausgezeichnet. Die Autorin mag Spaziergänge am Wasser, hört gerne klassische Musik und liebt die überraschenden Abenteuer beim Schreiben. Hamburg ist ihr Sehnsuchtsort, sie lebt mit ihrer Familie im Herzen der Stadt.

 

Mehr unter

 

www.katrinburseg.de

Sophie Divry:                                                    Als der Teufel aus dem Badezimmer kam



Der Kontostand bestimmt das Bewusstsein – auch in Frankreich. Sophie verliert beim Blick auf die Haben-Seite ihres Kontos fast die Contenance ihrer bürgerlichen Erziehung. Sie lebt in einer winzigen Wohnung in Lyon, ist arbeitslos und hat eine notwendige Meldung beim Amt unterlassen, so dass ihre Sozialhilfe nicht fristgemäß eingeht. Früher war sie verheiratet und bei einer Tageszeitung beschäftigt. Jetzt schreibt sie an ihrem ersten Roman. Die Schriftstellerin als Ich-AG? Die deutlich linksstehende, 1979 in Montpellier geborene Sophie Divry klagt in Ihrem Roman „Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ diese Verhältnisse an. Aber sie belässt es nicht bei dieser Anklageschrift gegen eine Gesellschaft, die sich in Frankreich immer noch nicht richtig zu Wort gemeldet hat. Sie schreibt einen temporeichen, gelegentlich ins Groteske oder auch in Fantasy abweichenden Roman, der nach literarischem Ausdruck für die Misere von Millionen sucht. Sie findet ihn auch in deutlichen Sexszenen, manchmal auch zu dritt. Einen dieser beiden Wollüstlinge trifft sie dann in anderer Rolle im Amt wieder. Kein gutes Wiedersehen…


Dieser kleine Roman mit den schriftstellerischen Experimenten hat seine Qualitäten in der schonungslosen Offenlegung der inneren Verfassung der Ich-Erzählerin. Ihre Verzweiflung wirkt so authentisch, dass vielleicht auch eigene Erfahrungen der Autorin dahinterstecken. Verzweiflung und Demütigung durch einen Kontostand, der nur noch ungesunde Ernährung ermöglicht, keinerlei kulturelle Abwechslung erlaubt und gerade noch eine bezahlte Mitfahrmöglichkeit zur Familie anlässlich einer Kindstaufe möglich macht. Endlich wieder sattessen, so dass Magen und Darm rebellieren! Das Schicksal von Hunderttausenden, nicht etwa nur in Frankreich, die einer gnadenlosen Bürokratie ausgeliefert sind, die manchmal von mildtätigen Menschen ausgehalten werden, die nur gelegentlich Jobs zum Mindestlohn bekommen und sich dabei vom Bruder des Arbeitgebers angrabschen lassen müssen – die Stimmung und Verzweiflung dieser gedemütigten Menschen, ihre Perspektivlosigkeit und ihr langsames Abstumpfen sind Gegenstand dieses Romans, der der angehenden Schriftstellerin im Roman immerhin wohl ein Stipendium einbringt. Die Autorin des Romans hat damit in Frankreich Furore gemacht und wird auch hier mehr als nur Anerkennung auslösen. Der Preis des kleinen Romans liegt allerdings über dem Kontostand der Protagonistin. Woher nehmen und nicht stehlen?


Harald Loch 
Sophie Divry: Als der Teufel aus dem Badezimmer kam
Ein Improvisationsroman voller Unterbrechungen und ohne Anspruch auf Tiefgang
Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky
Ullstein, Berlin 2017   272 Seiten   21 Euro

 

Henry James: Lady Barbarina    

Die Kunst des Romans hat dieser 1843 in New York geborene und 1916 in London gestorbene Autor in seinem gleichnamigen Essay beschrieben. Der Kosmopolit Henry James gilt mit seinen 20 Romanen und 112 Erzählungen als erster amerikanischer „Modernist“, dessen Werk nicht nur Generationen von Autoren beeinflusst hat, sondern auch das gegenwärtige Publikum begeistert. Die jetzt erstmals auf Deutsch erscheinende längere Erzählung „Lady Barbarina“ ist im Original erstmals 1884 in drei Lieferungen im Century Magazine veröffentlicht worden und nimmt ein Lebensthema des Autors auf: Das Leben auf zwei Kontinenten, in den Vereinigten Staaten und in England. Genauer: Die Unmöglichkeit und Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Lebensstile beiderseits des Atlantiks. Der Amerikanische Millionärssohn und Arzt Jackson Lemon verliebt sich in London in die der englischen Hocharistokratie angehörende Lady Barbarina. Er will diese in seinen Augen perfekte junge Frau heiraten, steht aber vor Schwierigkeiten, die ihre Eltern aus Jahrhunderte alter Tradition auftürmen: Wie soll die Tochter das bürgerliche Leben in Amerika aushalten, wie soll sie materiell abgesichert sein?


Die Erzählung stellt die von altem, inzwischen keineswegs mehr wohlhabendem Adel geprägte konservative Haltung der englischen Familie dem liberalen, dynamischen und von einem in der New Yorker Oberschicht kultivierten Freiheitsbegriff geprägten Charakter des Bewerbers gegenüber. Der knickt endlich ein, und sichert mit einem ererbten Vermögen vertraglich die materielle Existenz seiner Frau, mit der er in New York eine großzügige Wohnung in der Fifth Avenue bezieht. Was alle vorausgesehen haben: Lady Barbara kann in New York nicht leben und drängt auf eine Rückkehr, in die Jackson Lemon endlich einwilligt. In London nimmt das Paar die überkommenen Sitten der englischen Aristokratie wieder auf, beide reiten auf der Row, einer den Berittenen vorbehaltenen Hauptallee des Hyde Parks und bekommen eine Tochter, die zu den schönsten Hoffnungen schon als Baby berechtigt.


Das alles spielt sich in Kreisen ab, die für gewöhnliche Sterbliche und das bürgerliche Lesepublikum nicht erreichbar sind. Geld spielt für den Amerikaner keine Rolle, überkommener Lebensstil englischen Hochadels dafür eine umso größere. Dieses Leben kann man in New York nicht führen, die Millionen Dollar dagegen in London gut gebrauchen. Diese Konstellation könnte unter der Feder eines Geringeren zu einer dürftigen Kolportage zerrinnen. Henry James macht aus ihr eine durchaus spannende, die so unterschiedlichen Charaktere der Haupt- wie auch einiger Nebenfiguren mit Ironie und einer Portion Humor versehene literarische Petitesse, deren Entdeckung in der treffenden Übersetzung von Karen Lauer gehobene Unterhaltung verspricht. James erzählt aus der Perspektive eines sich gelegentlich selbst einmischenden Allwissenden, lockert dadurch die Strenge des Beobachtens immer wieder auf und entlässt seine erstaunten Leser mit dem Gefühl, etwas literarisch Wichtiges über etwas thematisch Überholtes gelesen zu haben. Oder ist die „Lady Barbarina“ gar ein Schlüssel zum Verständnis des Brexit-Votums?
Harald Loch  
 
Henry James: Lady Barbarina   
Aus dem Englischen übersetzt sowie mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Karin Lauer
Dörlemann, Zürich 2017   223 Seiten   21 Euro

 

Arthur Rundt: Marylin

Der Fortsetzungsroman, in Tageszeitungen nach und nach veröffentlicht, ist hierzulande nahezu ausgestorben. Allenfalls als Vorabdruck eines demnächst erscheinenden Buches findet er seinen Weg zum Leser. Noch in den 1920er Jahren war es ein zuweilen anspruchsvolles, oft kolportageartig eingesetztes Mittel zur Absatzförderung von Zeitungen. Selten wurden daraus Bücher, manchmal ist das bedauerlich. Der jüngst aus der Versenkung des Archivs der „Neuen Freien Presse“ in Wien gehobene, 1928 in 43 Folgen erschienene Roman „Marylin“ von Arthur Rundt ist ein vertabler Schatz, den der kleine Wiener Verlag edition atelier jetzt gehoben hat.

 

Er spielt in den USA mitten in der Hochkonjunktur des Jazz. Die Titelheldin ist eine junge, attraktive Angestellte, die dem schüchternen Architekten Philip in der Hochbahn von Chicago auffällt. Er richtet es so ein, dass er sie immer wieder sieht, folgt ihr und fasst sich endlich ein Herz, sie anzusprechen. Marylin will von dieser Begegnung loskommen und flieht gleichsam in eine andere Stadt. Auch dort stellt Philip ihr nach, so dass sie sofort weiterzieht nach New York. Der in sie vernarrte junge Architekt findet sie auch dort und mietet sich im selben Hochhaus wie Marylin ein, gesteht ihr, dass er um sie wirbt, sie heiraten will. Er stammt aus einer frommen Familie und scheut sich zu Marylin vorehelich nahe zu kommen, sie sträubt sich entgegen allen Anzeichen, dass auch sie ihn mag, lange gegen eine Ehe.

 

Immerhin führen sie inzwischen ein freundschaftliches Großstadtleben als Angehörige der unteren Mittelschicht. Der Autor, der Amerika als Journalist mehrfach bereist hat, erzählt von diesem Leben im damaligen New York wie in einer Reportage, die sich von den verklemmten Bemühungen der beiden Liebenden kontrastreich abhebt. Zu deren Vergnügungen zählen der von gemeinsamen Freunden organisierte Besuch eines Boxkampfes mit einem farbigen Superchampion und auch der Besuch von Konzerten eines weltberühmten Gospelsängers. Zunächst noch eher nebenbei widern einen rassistische Bemerkungen in ihrer Umgebung an. Schwarze sind allenfalls als Liftboys oder Portiers von der weißen Oberschicht akzeptiert. Als Stars in der Manege oder im Konzertsaal darf man sie bewundern. Aber eigentlich habe man den Kontakt zu ihnen auf ein Minimum zu beschränken. Die beiden schwarzen Stars pflegen aber persönliche Beziehungen mit gegenseitigen Einladungen zu Marylin und Philip. Irgendwann ist er am Ziel, sie heiraten und bald darauf wird Marylin schwanger.

 

Mit der Geburt nimmt der Roman eine dramatische Wendung: Das Baby hat eine dunkle Hautfarbe. Philip ist entsetzt, vermutet eine Untreue seiner Frau und lässt seinen rassistischen Chef über einen einschlägigen Anwalt eine sofortige Scheidung einleiten, gegen die sich Marylin nicht wehrt. Vor Gericht werden sie und ihr Baby regelrecht gedemütigt und wenig später verlässt Marylin New York mit dem Schiff in Richtung Jamaika. Dort lebt ihr Onkel, der Bruder ihrer Mutter. Auch sie war eine Farbige. Marylin hat sie Philip nie vorgestellt – sie ahnte, was ihr blühte. Aus der Verbindung mit dem weißen Vater war Marylin als weißes Kind hervorgegangen. Aber ihr eigenes Kind hatte wieder die dunkle Hautfarbe ihrer Mutter und ihrer karibischen Vorfahren. Als Philip nach etwa einem Jahr von einer Bekannten die wahren Zusammenhänge erfährt, macht er sich schwere Vorwürfe und eilt auf die Karibikinsel. Seine Besinnung und Reue kommen zu spät!

 

Der ganze Roman hat zwei Hauptpersonen und ein Generalthema: Rassismus. Das macht den vor 90 Jahren geschriebenen Roman heute zu einer aktuellen Lektüre, deren Qualität weniger in literarischer Finesse als in der schonungslosen Offenlegung des real existierenden Rassismus liegt. Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Marylin“ haben die meisten Leser der bürgerlichen Neuen Freien Presse in Wien dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland zugejubelt.

 

Harald Loch

Arthur Rundt: Marylin                  Roman

Edition Atelier, Wien 2017   176 Seiten   18 Euro

Upton Sinclair: Boston

Vor 90 Jahren, kurz nach Mitternacht am 23. August 1927, wurden in Boston die beiden italienischen Einwanderer Ferdinando Sacco und Bartolomeo Vanzetti hingerichtet. Sie wurden – so viel steht heute fest – Opfer eines Justizmordes. Beide waren bekennende Anarchisten, beide waren aus Überzeugung gewaltfrei, beide waren der steinreichen und konservativen Obrigkeit von Massachusetts ein Dorn im Auge. Ihnen wurden in einem unfairen Prozess zwei Raubüberfälle zur Last gelegt, die sie nicht begangen hatten. Dabei waren Menschen zu Tode gekommen. Sie waren Immigranten, Wortführer der Arbeiterbewegung und alle Vorurteile der Richter und der Gnadeninstanzen wurden ihnen zum Strick gedreht. Sie endeten auf dem elektrischen Stuhl und in aller Welt erhob sich Protest. 50 Jahre nach ihrer Hinrichtung gab im Juli 1977 der demokratische Gouverneur von Massachusetts, Michael S. Dukakis, eine Ehrenerklärung für die beiden und ihre Familien ab: „Die Atmosphäre ihres Verfahrens war durchdrungen von Vorurteilen gegen Ausländer und Feindlichkeit gegenüber unorthodoxen politischen Ansichten“ und „schlichter Anstand und Mitgefühl, wie auch der Respekt vor der Wahrheit und eine fortwährende Verpflichtung zu den höchsten Idealen unserer Nation erfordern, dass das Schicksal von Sacco und Vanzetti von allen im Gedenken bewahrt wird, die Toleranz, Gerechtigkeit und menschliches Verständnis wertschätzen.“


Upton Sinclair (1878 – 1968), sozialistischer Erfolgsautor der USA, war Zeitgenosse der Ereignisse und verfasste schon ein Jahr nach der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti seinen zeithistorischen Roman „Boston“. Jetzt legt Manesse die grandiose neue Übersetzung von Viola Siegemund vor, die erste deutsche Ausgabe seit 1929! Sinclair hat für seinen Roman einen mehrfachen Aufwand mit der Wahrheit getrieben: Zuerst musste er die zum Todesurteil führende gerichtsnotorische Unwahrheit dekonstruieren und dann hat er auf der so gewonnenen historischen Wahrheit ein fiktionales Geschehen aufgebaut, in dem er die gesellschaftlichen Verhältnisse um die Bostoner „Blaublüter“ und die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter erzählt. Dietmar Dath kommt in seinem schönen Nachwort, in dem er den Begriff der Wahrheit in der Literatur diskutiert, zu dem Ergebnis: „Der Roman Boston ist wahr.“ 
Die Namen und Familien der beiden Justizopfer hat er nicht verändert. Hinzugefügt hat er die Figuren der Cornelia Thornwell und ihrer Nichte Betty sowie deren ganzer Familie, die zu den wohlhabendsten und einflussreichsten der ganzen amerikanischen Ostküste gehörte. Cornelia und Betty scheren aus dieser stockkonservativen Millionärsfamilie aus und lernen zunächst Vanzetti und dann auch Sacco kennen und schätzen.

 

Dieser Einfall erlaubt es Sinclair, die puritanische Geldaristokratie in ihren Einflussnahmen, ihrem kapitalistischen Erfolgsstreben und ihrer Verlogenheit darzustellen. Beide Milieus, die der italienischen Anarchisten und die der reichen frühen Einwanderer reiben sich auf Leben und Tod kontrapunktisch aneinander – Realismus und Wahrheit in Wirklichkeit und Fiktion! Die ganze Erzählkunst Sinclairs, in der sich Engagement und dramaturgische Kraft, Dialogstärke und Milieusicherheit zu einem Riesenroman fügen, kommt schon in den Anfangskapiteln zur Geltung. Die Spannung lässt einen, obwohl das Ende ja bekannt ist, nicht mehr los. Die Empathie mit den Opfern und ihren aus „besten“ Kreisen stammenden beiden Anhängerinnen bleibt ungebrochen. Der ergreifende Schluss – der Abschiedsbesuch Cornelias in der Todeszelle, Stunden vor dem Stromschlag auf dem elektrischen Stuhl – ist frei von Kitsch: reine Humanität. Der politische Idealismus der beiden Justizopfer erscheint nicht als politisches Programm Sinclairs, sondern bleibt deren - vielleicht unrealistischer - Traum. Aber: Seit wann werden Träume mit dem Tode bestraft? Ein Sonderlob gebührt der Übersetzerin. Ihr gelingt der „zeitgeschichtliche“ Ton des Originals und sie überträgt das unvollkommene Amerikanisch der Italiener in ein authentisch unvollkommenes „Einwanderungs-Deutsch“. Eine wichtige Neuentdeckung!


Harald Loch  


,Upton Sinclair: Boston            Ein zeithistorischer Roman
Neu aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Viola Siegemund
Nachwort von Dietmar Dath
Manesse Verlag, Zürich 2017, 1032 Seiten  42 Euro

 

Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer

„Wir werden dir eine wahre Geschichte erzählen“ – so beginnt Walt Whitman seinen Roman „Jack Engles Leben und Abenteuer“. Literaturgeschichten und Biografien kennen keinen solchen Roman von Walt Whitman (1819 – 1892), von dem kein Geringerer als Ezra Pound sagte: „Er war Amerika“. Sein Gedichtzyklus „Leaves of Grass“ war ein Meilenstein der modernen amerikanischen Lyrik. Aber „Jack Engle“? Erst der aufsehenerregende Fund des amerikanischen Whitman-Foschers Zachary Turpin ermöglichte die Zuordnung des 1852 als anonymer Fortsetzungsroman in der New Yorker „Sunday Dispatch“ erschienenen Textes zu dem Autor der „Grasblätter“. Fast alle Personen des „Jack Engle“ fanden sich in Whitmans Tagebüchern und Aufzeichnungen – nirgends aber ein Hinweis auf die Zeitungsveröffentlichung des Romans. Inzwischen ist die Urheberschaft unstrittig. Jetzt liegt die deutsche Erstausgabe vor – mehr als eine trouvaille?


Der in der ersten Person verfasste Roman ist kein alle internen Widersprüche glättender, durchkomponierter Text. Er ist den Bedürfnissen der Zeitungsleser in einer fernsehfreien und auch noch kinolosen Zeit angepasst: unterhaltsam, dramaturgisch gekonnt zugespitzt, aphoristisch und voller alltagsphilosophischer Lebensweisheit, demokratisch und mit sozialem Verständnis, moralisch auf der guten Seite. Die Personen entwickeln sich mit scharfen Konturen vor dem Hintergrund Manhattens. Der Grundgedanke der Personenführung hat archaischen Charakter. Die Herkunft zweier elternlos aufgewachsener Kinder ist rätselhaft, entpuppt sich aber als aufklärbar. Die Verbindung beider Lebensläufe ist ein Verbrechen in der Vergangenheit. Ihre spätere Begegnung führt beide zu einem ungetreuen Anwalt und Vormund. Das alles sind Zutaten zu einem Romangeschehen, das nur noch der sprachlichen Bewältigung bedurfte. Wie gesagt: der Roman erschien in Fortsetzungen und wandte sich an das Publikum einer Tageszeitung.
Whitman fand für seine dem Broterwerb dienende Lebensgeschichte des Jack Engles einen unterhaltsam-humorvollen Ton, der keine höheren intellektuellen oder ästhetischen Ansprüche bedienen wollte. Lakonisch erzählt der Titelheld von seinem – wir nennen das inzwischen „amerikanischen“ – Aufstieg in einer Gesellschaft, in der die Guten überwogen. Die Gedanken des jungen Mannes haben zuweilen Anlass, ins Traurige, Nachdenkliche wegzutauchen. Wenn er nach dem Begräbnis seines alten Arbeitskollegen Wigglesworth in der Kanzlei des Rechtsanwalts Covert über den Friedhof der Trinity Church geht, verliert er sich angesichts der Gräber und Inschriften in Gedanken über die condition humaine. Aber sonst ist Jack optimistisch, zupackend, hilfsbereit, von jugendlicher Großartigkeit. Das liest sich heute gut und las sich damals gut. Und es stimmt, was Ezra Pound angesichts der überwältigenden Lyrik der Grasblätter schrieb: „Whitman ist Amerika“: Der unveräußerliche Glücksanspruch jedes Menschen ist ein amerikanische Ur-Credo und wird auch in dieser neuentdeckten Prosa-Perla unentwegt eingefordert und in der erzählten Lebensgeschichte Jack Engles auch eingelöst – ohne das entfernt waltende Unglück ganz zu leugnen. Der Glücksanspruch der damaligen Zeitungsleser ließ sie die Fortsetzungen verschlingen und der der heutigen Leser des schön übersetzten Buches wird immer noch erfüllt.


Harald Loch
 
Walt Whitman: Jack Engles Leben und Abenteuer
Eine Autobiografie, in der der Leser einige ihm wohlvertraute Figuren wiederfinden wird
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Renate Orth-Guttmann und Irmela Wehrli
Nachwort von Wieland Freund
Manesse, Zürich 2017   185 Seiten   22 Euro

 

Ohne LIEBE geht es nicht...

„L’AMOUR TOUJOURS – TOUJOURS L’AMOUR“
Junge französische Liebesgeschichten
 

Weder Marine Le Pen oder Emmanuel Macron, noch der TGV oder Les bleus hätten es je geschafft, was die in aller Welt verstandene Vokabel „l’amour“ überall auslöst – wir richten den Blick auf Frankreich der Liebe wegen. 14 junge französische Liebesgeschichten sind in dem von Annette Wassermann herausgegebenen Taschenbuch versammelt. Es firmiert unter dem Titel „L’amour toujours – toujours l’amour“, also geht es immer um die Liebe. Das ist aber nur ein Vorwand. Die Leserin merkt es schon beim ersten Beitrag dieser erstaunlichen Auswahl: Es geht um Literatur. Die Autorinnen und Autoren sind zwischen 18 und 36 Jahre alt, haben zumeist in den letzten Jahren den „Prix du jeune écrivain“ gewonnen und legen ein überwältigendes Zeugnis von der Vielfalt und Klasse der französischen Gegenwartsliteratur ab. Der Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hisst schon mal seine Tricolore auf dem Fahnenmast der Belletristik.


„Es kommt kein Sommer mehr“ hat Alice Zeniter aus der Normandie ihre kurze Erzählung überschrieben. In einem fingierten Interview mit dem gealterten Star Anna-Livia geht es um deren Liebesgeschichte mit „D“, der irgendwann eine Jüngere heiratete, die ihn mit ihrer Jugend erpresst hat. „Welch dumme Idee war es doch, nicht 19 Jahre alt zu bleiben!“ stößt Anna-Livia wutentbrannt hervor. Aber sie verbietet es der Journalistin, das zu schreiben. Geht es in Wahrheit aber nicht um die Bewunderung der Ich-Erzählerin, die das Interview führen muss und um deren posthume Verehrung dieses längst verstorbenen „D“? Auf ihre Frage, warum Anna-Livia ihr das überhaupt erzählt habe, öffnet sich die Gedemütigte: „Das ist mein Geschenk an Sie, um Ihnen für Ihre unerschütterliche Loyalität ihm gegenüber zu danken.“ Auf 17 Seiten entfaltet die Autorin ein virtuoses stilistisches Feuerwerk um diese Story – wunderbar!


In der Anthologie kommen Texte frankophoner Autorinnen und Autoren aus Kanada und Genf, aus Afrika und Mauritius oder Marokko zur Geltung. Mal sind es eher feministische, mal groteske, gelegentlich historische oder auch in der kindlichen Erinnerung spielende Sujets. Die Vielfalt und die durchgehend hohe literarische Qualität bestechen. Herausgehoben werden sollte die Erzählung „Sie errötete“ des 1987 in Amiens geborenen François-Henri Désérable. Sie spielt im Jahre 1793 und ist eine platonische Liebeserklärung des Mainzer Adam Lux an die Mörderin des radikalen Jakobiners Jean Paul Marat. Lux war ein Anhänger der Ideale der Revolution, verurteilte aber deren mörderischen Auswüchse – genau wie Charlotte Corday, die Marat in seiner Badewanne erstach. Lux verteidigt ihre Tat aus Überzeugung und Liebe zu der, der er nur auf ihrem Weg zum Schafott begegnet war. Er zieht in das Hotel, in dem sie gewohnt hatte, bewohnt ihr Zimmer und liebt sie dort in Gedanken. Aber eigentlich ist es eine Liebeserklärung an die Ideale der Revolution und die Gewaltfreiheit im Zuge ihrer Verwirklichung.


Alle anderen Liebesgeschichten dieser erlesenen Sammlung halten dieses Niveau auf je andere Weise. „L’amour“ zieht sich wie in roter Faden durch diese short-storys von Rang. Sie sind alle Liebeserklärungen an die Literatur, an die französische Sprache. Die deutschen Übertragungen lassen das sehr schön nachvollziehen.


Harald Loch


„L’AMOUR TOUJOURS – TOUJOURS L’AMOUR“
Junge französische Liebesgeschichten
Herausgegeben von Annette Wassermann
Wagenbach, Berlin 2017   181 Seiten   12 Euro

 

Kanzlerin Merkel als fiktive Romanfigur

Die unerträgliche Leichtigkeit von Kanzlerinnen-Gefühlen: 

Es ist eine Sommer-Willkommensgefühl-Novelle, und die Kanzlerin, die Hauptperson, heißt Angela Merkel. Ein allwissender Erzähler berichtet uns vom Alltags-Politleben der Bundeskanzlerin und ihrer unmittelbaren Umgebung.


Damit kommen eben auch vor: die Büroleiterin und der Gatte Sauer, Merkels Putzhilfe und ein junger „Social-Media-Manager“, die Schwester Merkels und viele andere, also eine Art vielstimmiger Polit- und Privat-Chor. 


Der Autor beschreibt eine Kunstfigur, die Daten um sie herum sind jedoch kein Fake. Wir erleben also, was sich in Kopf und Seele und im Handeln der Kanzlerin abspielt. 


Zunächst wirkt sie amtsmüde, am Ende der fiktionalen Erzählung jedoch wieder hellwach, weil ihr nichts Anderes übrigbleibt.
Es ist eine Art Sommermärchen, vom Sommer 2015 bis Sommer 2016.
Wir sind bei der so genannten Morgenlage dabei, wenn die nächsten Mitarbeiter die Presse auswerten, Termine abstimmen, die politische Lage klären. Der Roman ist eine Schilderung des politischen Milieus und der Menschen, die dahinterstehen. 


Merkel wird lebendig und wirkt lebendig: Sie erlebt zwar auch Schwächeanfälle, küsst aber auch Herrn Sauer, sie isst, sie träumt und trinkt Riesling, sie meint, die Deutschen zu kennen, sie sucht Kontakt zu einem Flüchtling, lässt sich von Seehofer beschimpfen, „…immer wieder schaffte er es, die Kanzlerin zu ärgern“. 


Ihre instinktiv getroffene Entscheidung, die Grenzen zu öffnen und „Wir schaffen das“ zu rufen, ist das zentrale Thema der Erzählung, die ohne Schnörkel auskommt, treibend erzählt ist, ständig Aufmerksamkeit fordert, ohne ermüdend zu wirken.

 
Von einem Social-Media-Jüngelchen lässt sich Merkel die Digitalwelt erklären.

 
Ihre Seelenlage: sie ist gereizt, unmotiviert, antriebsarm. 
Sie kümmert sich um Details und schlürft gerne Zwiebelsuppe, kauft selbst ein, gärtnert in der Uckermark, mag Mozart-CDs, verschlingt reihenweise Bücher, springt zum Schwimmen ohne Leibgarde in den Krintersee. 


Schriftsteller sind für sie „Leute, die sich mit Emotionen auskennen…, Experten der Phantasie, Fachleute des Gefühls“. 
Zwischen Gefühl und rationaler wissenschaftlicher Charakterprägung schwankt die Person Merkel, die sich eben einmal erlaubte, menschlich, christlich, abendländisch, aufgeklärt, zu reagieren und zu regieren.

 
Es ist die Politikerin, die sonst Sach- und Fallentscheidungen trifft, rational, mit wissenschaftlicher Betrachtungsweise, analysierend, die sich einmal nach ihren Gefühlen richtet und damit beim Wählervolk etwas anrichtet. „In bestimmten, ja, sagen wir ruhig, historischen Momenten sei es vielleicht ratsamer, dem Instinkt zu folgen und erst dann mit dem Nachdenken zu beginnen, wenn man die Entscheidung schon hinter sich habe.“


Eine Entscheidung, ohne auf des Pöbels und Peuples, also Volkesstimme zu hören. Schlusssatz: „Und sie dachte: ja, ich will, weil ich muss. Ja, ich will. Ich will. Ich will.“


So erzählt also diese „Fiktion“ mit realem Hintergrund auch den Entscheidungsprozess, nochmals zu kandidieren, und die Wahlergebnisse geben der „Mutti-Kanzlerin“ recht. Ich finde, es handelt sich um eine flott fließende Erzählung, jedoch eigentlich auch mit nur 176 Seiten kein Roman. 


Das deutsche Feuilleton von links bis rechts reagierte erwartungsgemäß ärgerlich auf die Fiktion, ich glaube eine lockerleichte, humorvolle Erzählung über die Kanzlerin muss nicht als erkenntnistheoretisch wertwolle Gesamtpolitanalyse daherkommen, davon haben wir täglich genug, und so sagt die Fiktionskanzlerin: „Globalisierung, Digitalisierung…Ich kann diesen ganzen Scheiß nicht mehr hören“.

 

Einmischung à la francaise...

 

Wenn es Frankreich schlecht ging, wenn die toleranten, die freiheitlichen Errungenschaften der Französischen Revolution missachtet wurden, waren es oft Schriftsteller, Künstler und Philosophen,  die Rettung brachten. Sie bewahrten das Land wiederholt vor dem reaktionären, dem nationalistischen, dem rassistischen und antisemitischen Abgrund. Das hat bei unseren Nachbarn Tradition. Als Alfred Dreyfus, ein jüdischer Offizier aus dem Elsass, im Jahre 1894 wegen angeblicher Spionage zu Gunsten des Deutschen Kaiserreiches angeklagt und nach einer unfairen Beweisaufnahme unter Beugung des Rechts verurteilt wurde, bauten sie sich zum Schutz vor ihm auf. Mit seinem legendären Artikel „J’accuse“ klagte Émile Zola 1898 in der Zeitung des linksliberalen Georges Clemenceau die schändliche Verurteilung an. Über 2000 Künstler, Schriftsteller und Philosophen zeichneten Protestlisten für eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Clemenceau gebrauchte für die Unterzeichner den Begriff „Intellektuelle“. Seitdem ist der sich in die öffentlichen Dinge einmischende Schriftsteller ein „Intellektueller“. Gebraucht wurden diese linken Intellektuellen auch später – nicht nur in Frankreich, aber vor allem auch dort.

 

Als der französische Indochinakrieg verloren war und in amerikanische Hände überging, als Frankreich in Algerien  brutale gegen die arabische Bevölkerung einer Kolonie vorging, die es eigentlich zum französischen Mutterland zählte, als Folter und tausendfacher Mord nicht nur das Ansehen sondern auch das Selbstverständnis Frankreichs tief verletzten, waren es wieder Intellektuelle, die neben den Gewerkschaften „Halt!“ riefen. Namen wie Jean Paul Sartre und Albert Camus stehen für intellektuellen Widerstand. Dreyfus war zehn Jahre nach dem Fehlurteil rehabilitiert, Algerien 1962 in die Unabhängigkeit entlassen worden.

Seit Jahren sammelt der französische Front National unter  Vater und Tochter Le Pen seine nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Truppen zu einer zahlreichen Anhängerschaft. Ihr Populismus hat es angesichts der in Skandale verwickelten, angesichts persönlicher Bereicherungen von Spitzenpolitikern und der Zersplitterung der Linken bis vor die Tore des Elysee-Palastes geschafft, wo der französische Staatspräsident auf republikanische Weise Hof hält. Die verheerenden islamistischen Terroranschläge in Paris verstärkten noch die rechtspopulistische Macht. Immer offener wurden fremdenfeindliche, rassistische und nicht mehr verschlüsselte antisemitische Parolen in die französische Öffentlichkeit geschleudert und von der breiten Rechten auch diesseits des Front National übernommen. Höchste Zeit, dass Intellektuelle ein Machtwort sprechen!

 

Die 1972 in der Pariser Banlieue geborene Karine Tuil ist eine machtvolle Stimme in diesem Kampf der Intellektuellen. Sie ist die Tochter von aus Tunesien eingewanderten Juden, hat zunächst Jura studiert und ist Schriftstellerin geworden. Mit ihrem Ehemann hat sie drei Kinder. In ihrem letzten Roman „L’Insouciance“, der jetzt auf Deutsch unter dem Titel „Die Zeit der Ruhelosen“ erschienen ist, legt sie den Finger gleich auf mehrere Wunden: Sie klagt die fehlende Gleichheit – ein Hauptbegriff in dem Dreiklang der Französischen Revolution – für die überwiegend muslimischen Immigranten und ihre Kinder in den Vorstädten an. Ein Teil ihres Romans handelt in der Welt der Superreichen mit ihren Intrigen und Machtspielen. Sie schreibt über offenen und auch subtileren Rassismus, über den in weiten Teilen der französischen Gesellschaft herrschenden unverblümten Antisemitismus. Sie schreibt einen spannenden, handlungsreichen und literarisch kostbaren Roman, in dem alle Personen und auch ihre Erlebnisse frei erfunden sind. Die für die Parolen des Front National anfällige französische Gesellschaft stellt sie aber ganz realistisch dar. So schreibt eine französische Intellektuelle gegen rechts – sehr lesenswert!

 

Johanna Reinicke und Harald Loch

 

 

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen  -   Roman

Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff

Ullstein, Berlin 2017   507 Seiten   24 Euro

 

 

Interview mit Karine Tuil – Autorin des Romans „Die Zeit der Ruhelosen“

 

Frage: Madame Tuil, die Handlung Ihres Romans „L’Insouciance“ spielt auf ganz verschiedenen Schauplätzen, in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus. Beim Lesen gewinnt man den Eindruck, dass Sie alles gesehen und auch erlebt haben. Alles wirkt so authentisch. Wie machen Sie das?

 

Karine Tuil: Ich habe z.B. über die Auslandseinsätze der französischen Soldaten gelesen. Dann habe ich mit einzelnen Zurückgekehrten lange gesprochen, ihren Jargon gehört, mir ihre Erlebnisse erzählen lassen. Wenn ich dann darüber als Schriftstellerin schreibe, wird daraus keine journalistische Dokumentation sondern ein realistische Erzählung. Das mache ich bei allen anderen Schauplätzen und Themen genauso.

 

Frage: Also waren Sie auch in der Banlieue, haben die Krankenhäuser aufgesucht, mit Psychiatern gesprochen und kennen auch den Club „Cercle de l’Union Interalliée“, in dem hinter für Sterbliche geschlossenen Türen sich die Spitzen der High Society treffen?

 

Karine Tuil: Genau! Ich arbeite mich immer erst in die einzelnen Themenfelder ein. Die Banlieue kenne ich aus eigenem Erleben gut, habe aber trotzdem noch während der langen Vorbereitung zu dem Buch mit vielen Menschen von dort gesprochen. Man sagt, sie hätten im Jahre 2005, als alles zu explodieren drohte, nicht einmal politische Forderungen gestellt. Das stimmt nicht. Sie wollten und wollen Gleichheit, gleiche Chancen, keine Diskriminierung – nirgendwo! Und auch mit den Menschen aus diesen anderen Themenbereichen versuche ich ins Gespräch zu kommen und dann kann ich darüber schreiben. Die einzelnen Personen und auch die in meinen Roman erzählten Geschichten von ihnen sind frei erfunden, reine Fiktion. Aber sie spielen in der wirklichen Welt, sind oft schonungsloser Realismus. Keiner wird irgendwelche lebenden Menschen in meinen Romanfiguren wiedererkennen, obwohl das immer wieder versucht wird. Aber jeder wird die gegenwärtige aus den Fugen geratende Welt, die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Politik in Frankreich und anderswo wiedererkennen.

Da ist zB. Der Skandal um das Foto von Francois. Mit meiner Roman-Szene, wo der Millionär Francois Vély einen Skandal auslöst, weil er sich für eine Hochglanz-Revue auf der Sessel (Stuhl) Skulptur ablichten lässt, die eine Schwarze in entwürdigender Körperhaltung darstellt, greife ich auf ein authentisches Bespiel aus der Realität zurück. Einige meiner Leser werden sich daran erinnern, dass es einen solchen Skandal im Umfeld des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch vor ein paar Jahren tatsächlich gegeben hat. Ein Skandal, der riesige öffentliche Entrüstung ausgelöst hat. Ja. Es gibt diese Bezüge zur Realität nicht nur hier, nein, Sie finden sie in allen meinen Romanen... und dennoch gebe ich meinen Lesern die Schlüssel zur Frage (Wer will sich gerade an Konkurrenten in Wirtschaft oder Politikl rächen etc.) mit Absicht nicht in die Hand!

 

 

 

Frage: Sie legen ja die Finger auf viele Wunden. Welche schmerzen denn am meisten?

 

Karine Tuil: Nicht erst seit den Präsidentschaftswahlen mit der Gefahr, dass Marine Le Pen gewinnt, ist der verdeckte und immer dreister öffentlich propagierte Antisemitismus ein Skandal, ist es der Rassismus gegen die Immigranten, die „sans papiers“, ist es die fehlende Gleichbehandlung der Menschen aus der Banlieue. Sogar der öffentliche Nahverkehr aus diesen Vororten in die glitzernde Metropole ist stark eingeschränkt. Das „offizielle“ und wohlhabende Paris will die Menschen von dort hier gar nicht sehen. Eine Wunde ist auch, dass die arrivierten Politiker aus allen Lagern irgendwie aus demselben „Stall“, den grandes écoles, stammen. Sie werden regelrecht formatiert und entfernen sich dadurch immer stärker vom Volk, dem Souverän.

 

Frage: Sie schreiben von der Namensänderung Lévy in Vély des Vaters von Francois. Hat das denn nach dem Krieg eine Rolle gespielt?

 

Karine Tuil: Das Unbegreifliche der Judenverfolgung und deren Ermordung hat damals viele Juden bewogen, nicht mehr so öffentlich als solche schon am Namen erkennbar zu sein. Das geschah z.T. aus Furcht vor Wiederholung, z.T. auch aus dem verständlichen Wunsch, einfach in Ruhe leben zu wollen.

 

Frage: Neben drei Männern aus ganz unterschiedlichen Milieus haben Sie nur einer Frau, Marion, eine Hauptrolle zugewiesen. Spielt Ihr Roman in einer Männerwelt?

 

Karine Tuil: Unsere Welt ist immer noch ganz überwiegend eine Männerwelt. Marion stammt aus einfachen Verhältnissen, kämpft sich in ihrem Beruf als Journalistin und Autorin etwas empor und lernt den Milliardär Francois kennen, der sie unbedingt heiraten wollte. Sie wird dessen dritte Frau, obwohl sich die zweite, von Francois geschiedene, kurz vor der Hochzeit aus dem Fenster stürzt. Marion ist noch dazu in einen aus Afghanistan heimkehrenden Soldaten verliebt. Sie hat beiden Männern gegenüber ehrenwerte Skrupel, kümmert sich um die verwaisten Kinder des Francois Vély. Sagt viele vernünftige Dinge. Ist sie nicht die eigentliche Heldin des Romans?

Frage: Den Selbstmord der zweiten Frau von Francois beschreiben Sie ganz brutal knapp, sec gewissermaßen. Die auf Video übertragene Enthauptung von Francois bereiten Sie dramaturgisch virtuos vor. Warum diese Unterscheidung?

 

Karine Tuil: Das ist eben der Realismus, von dem wir sprachen. Eine verzweifelte Frau handelt auf eine vernichtende Frage ganz konsequent, sie muss nicht überlegen. Die perfiden Terroristen überlegen dagegen ganz genau, wie sie einen lange geplanten Mord besonders grausam inszenieren können. Wenn man beim Lesen den Unterschied merkt – ich habe ihn so gewollt. Der Terrorismus hat 2001 in New York begonnen und bestimmt gerade hier in Paris immer noch unser Leben im Ausnahmezustand.

 

Das Gespräch mit Karine Tuil führte Johanna Reinicke am 27. Februar in Paris.

Porträt von Karine Tuil

 

Autorin des Romans „Die Zeit der Ruhelosen“


Paris, Anfang März, der Wahlkampf um das Präsidentenamt Frankreichs ist um einige Grade hässlicher, infamer geworden. Wir haben uns mit Karine Tuil verabredet. Sie erwartet uns am Eingang des Cafés Le Hibou an einer Ecke im 6. Arrondissement,  rive gauche. Karine Tuil nimmt uns mit in die belle étage, wo es ruhiger ist. Wir wollen mit ihr über „L’Insouciance“ sprechen, ihren letzten Roman, der in diesen Tagen in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Die Zeit der Ruhelosen“ erschienen ist. Er war für den Prix Goncourt nominiert und ruft die Probleme des verunsicherten Landes auf. Karine Tuil gibt nicht oft Interviews, sie spricht nur zurückhaltend über ihr privates Leben. Sie ist im Jahre 1972 in einer Pariser Vorstadt als Tochter von Juden geboren, die in den 1950er Jahren aus Tunesien nach Frankreich eingewandert waren. Sie kennt und thematisiert die Banlieue und sie kennt die Lage von Immigranten. Früh fühlte sie sich als Schriftstellerin berufen. Ihren ersten Roman schrieb sie mit 19 Jahren. Ihren Eltern zuliebe studierte sie zunächst Jura und begann ihre Doktorarbeit. Die blieb unvollendet, sie wollte literarisch schreiben. Ihr Ehemann unterstützte sie in diesem Plan. Zu ihrem gemeinsamen Leben gehören mittlerweile ihre drei Kinder. Inzwischen sind 10 Romane von ihr veröffentlicht worden. 


Karine Tuil ist eine fleißige Autorin, sie wirkt trotz ihrer Erfolge nicht eingebildet. Sie mischt sich mit ihren Büchern und Zeitungsartikeln in die aktuelle Politik ein – in der französischen Tradition der Intellektuellen, die mit Émile Zola begann. Der gegenwärtige Zustand ihres Landes bereitet ihr große Sorge. Sie lebt in Paris als selbstbewusste Jüdin und wirft sich dem nicht mehr nur latenten, sondern in Gestalt des Front National  offen herrschenden Antisemitismus mutig und intelligent entgegen. Der spielt auch in ihrem Roman L’Insouciance eine wichtige Rolle. In ihm geht es um das Ende der Sorglosigkeit – bei ihren Protagonisten wie in der Gesellschaft. Seitdem der Terrorismus zunächst New York, inzwischen auch das Kernland von Freiheit und Toleranz erreicht hat, haben auch die Europäer ihre Sorglosigkeit verloren. In ihrem Roman ist es der Milliardär François Vély, der für seine Sorglosigkeit büßen muss. Sein Vater hatte noch Paul Lévy geheißen, hatte aber nach dem Krieg die Buchstaben kurzerhand umgestellt. Er hatte nicht mehr als Jude erkennbar sein wollen, nach allem was passiert war, was er in Buchenwald und als Held der Résistance erlebt hatte. Er hatte – wie viele andere Juden auch – endlich in Ruhe leben wollen. Seinen Sohn François ließ er taufen und christlich aufwachsen.


Karine Tuil hat einen tatsächlichen Skandal in ihren Roman eingearbeitet. Ein Magazin veröffentlicht ein Foto, auf dem François sorglos eine verfängliche Pose einnimmt, und einen Text dazu, in dem seine jüdische Abstammung, die Namensänderung des Vaters erwähnt werden. Sofort hagelt es beleidigende Anwürfe aus allen Richtungen: Vély/Lévy sei Rassist und ein „Dreckiger Jude“.


Ihrem Roman stellt die Schriftstellerin Karine Tuil ein Zitat von Aimé Césaire voran: „Nègre je suis, nègre je resterai“. Das gilt in abgewandelter Form nicht nur für François, sondern auch für einen anderen Protagonisten des Romans, den schwarzen Franzosen Osman Diboula. Der ergreift in einem flammenden Artikel in Le Monde Partei für François. Aber auch sein Erfolg ist letzten Endes seiner Hautfarbe geschuldet, einem subtileren Rassismus.


Karine Tuil schreibt über den Terrorismus, der in ihrer Stadt so viele Opfer gefordert hat. Sie lebt mit ihrer Familie in Paris. Sie stellt fest, dass nur noch wenige Juden an ihren religiösen Zeichen oder ihrer Kleidung zu erkennen sind. Viele Orte der Stadt sind militärisch geschützt; es herrscht immer noch der sichtbare Ausnahmezustand. Für die bevorstehende Präsidentschaftswahl zeigt sie sich eher pessimistisch, kämpft aber täglich gegen Le Pen. Karine Tuils Themen sind die herrschenden Zustände in Frankreich und in der Welt, die Chancenlosigkeit der Menschen der Banlieue, die Diskriminierung von Migranten, die Ungleichheit der Wohlstandsverteilung. Sie kritisiert die „Formatierung“ der Menschen durch das französische Bildungssystem mit den Grandes Ecoles an der Spitze. Sie steht ganz modern in der Tradition der Werte der Französischen Revolution.

 
Ihre Romane entwickelt sie wie eine Architektin. Erst arbeitet sie sich in ihr Thema ein. Dann spricht sie mit Menschen aus dem Umfeld ihres Sujets und erst dann entwirft sie das Gebäude der Handlung und die einzelnen Personen ihres Romans. Die Figuren sind frei erfunden, sind eigene, fiktionale Geschöpfe. Aber die Romanwirklichkeit, in der sie einander begegnen, bildet die Welt in illusionslosem Realismus ab.


Johanna Reinicke und Harald Loch

 

Bibliografie:
Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen  -   Roman
Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff
Ullstein, Berlin 2017   507 Seiten   24 Euro

J.M.G. Le Clézio: Sturm   Zwei Novellen

 

Zwei Mädchen – zwei Novellen. Der französische Nobelpreisträger von 2008 Jean-Marie Gustave Le Clézio erzählt von zwei heranwachsenden Mädchen, die ihre Schwelle überschreiten, ihrer Abstammung auf die Spur kommen. Der 1940 in Nizza geborene Autor verleiht ihrer exotischen Individualität eine allgemeinmenschliche Dimension.

 

Die „Sturm“ überschriebene Titelnovelle ist den Seefrauen der südkoreanischen Insel Udo gewidmet. Die 13-Jährige June, Tochter einer dieser Taucherinnen, steht im Mittelpunkt der Geschichte. Sie trifft den über 50 Jahre alten Journalisten Philip Kyo, der auf dieser Insel vor Jahrzehnten seine Geliebte Mary verloren hat – sie war ins Meer gegangen und geblieben. June begegnet dem viel älteren Mann als Kind und erwächst während der kurzen erzählten Zeit zur Verantwortung übernehmenden Heranwachsenden. Sie entwickelt sich von einer störrischen, pubertierenden Göre zu einer selbstbewussten jungen Frau, die ihre Mutter wieder in die Arme nehmen und mit ihr ein neues Leben fern der Insel, fern dem lebensverzehrenden Tauchen nach Seeohren beginnen kann, diesen großen Schnecken, nach denen geübte Frauen auf der Insel Udo mit Bleigürteln unter Wasser gehen. Philip erlebt dieses fein erzählte Erwachen Junes und es gelingt ihm, die Bürden seiner eigenen Vergangenheit abzulegen. Er hatte im Vietnamkrieg als Fotoreporter der Vergewaltigung einer Vietnamesin durch vier Soldaten zugesehen ohne Einhalt zu gebieten. Dafür war er zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Bilder, die Schuld und  die der Einsperrung folgende Ausschließung hatten ihn zu einem Einzelgänger gemacht. In den täglichen, sehr poetischen Begegnungen mit June, in den Gesprächen, in den unschuldigen Spielen mit ihr und in der sich andeutenden Erotik und in einer Affäre mit der Apothekerin der Insel gewinnt er die Möglichkeit, ein Leben jenseits der Schuld beginnen können: June für sich und Philip für sich, so wie auch die Novelle aufgebaut ist – mal erzählt sie, mal er, beide aus ihrem eigenen Ich.

 

„Eine Frau ohne Identität“ heißt die zweite Novelle Le Clézios. Sie beginnt in Westafrika. Rachel, auch sie spricht als Ich, ist die ältere von zwei Schwestern und erfährt beim Belauschen ihrer sich streitenden Eltern, dass sie nicht die Tochter der Frau ist, die sie als ihre Mutter angesehen hatte. Ihr Vater hatte eine Frau vergewaltigt. Sie, die daraus entstandene Tochter, gab die Mutter anonym  in eine religiös geführte Klinik, die das Kleinkind später dem  Vater anvertraute. Als er später heiratete und mit seiner Frau wieder eine Tochter bekam, entstand eine Familie. Die hielt aber nicht, weil die Ehefrau ihren eigenen Nachwuchs bevorzugte. Der Vater geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten und zog mit der Familie nach Frankreich, wo alles zerbrach. Rachel schlägt sich in Paris zunächst mit ihrer Halbschwester, dann allein als starke junge Frau durch – meist obdachlos aber nie würdelos! Sie begegnet ihrer leiblichen Mutter, die sie nur mit Vorwürfen überhäufen kann. In einem Lager in der Normandie macht sie sich mit einem Revolver auf die Suche nach ihr. Dank einer sozial handelnden Polizistin wird sie entwaffnet und wieder in ihr geliebtes Afrika zurückkehren, als Helferin einem internationalen Krankenhaus arbeiten und schließlich die alte Hebamme ausfindig machen, die bei ihrer Geburt geholfen hat. In ihr begegnet sie der ersten Person, die sie  vorbehaltlos in die Arme nehmen kann. Ihr Leben richtiges fängt erst an, aber „es ist immer etwas angsteinflößend, eine neue Geschichte zu beginnen.“

 

Der Autor erzählt nicht aus seiner männlichen sondern aus einer literarischen Perspektive von zwei Mädchen, die junge Frauen werden. June und Rachel entwickeln aus ihren Verletzungen ihre eigenen überzeugenden Lebensstärken. Le Clézio rückt den Zauber und die Risiken dieser Entwicklung in den Mittelpunkt und findet dafür eine Dramaturgie zwischen Spannung und Innehalten, eine Sprache zwischen Deutlichkeit und poetischer Andeutung.

 

Harald Loch

 

J.M.G. Le Clézio: Sturm   Zwei Novellen

Aus dem Französischen von Uli Wittmann

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017   239 Seiten   20 Euro

Unheimliches

Am großen Rad dreht in diesem Frühjahr der Deutsche Taschenbuch Verlag, längst ein ernstzunehmender Hardcover Produzent. In einer Gondel lässt er seine jüngste Kostbarkeit schwingen: Edgar Allan Poes „Unheimliche Geschichten“ in der Auswahl der 1856 von Charles Baudelaire herausgegebenen ersten französischen Übersetzung. Die hier zu annotierende neue deutsche Fassung ist von Andreas Nohl besorgt worden.

 

Er bereichert den schönen Band mit einem Essay zu Baudelaire. Dessen Texte zu Edgar Allan Poe runden den fast vergessenen Vorgang zu einem Ereignis der Weltliteratur: „Mit der Herausgabe der Werke von Edgar Allan Poe hat Charles Baudelaire den Gründungsakt der literarischen Moderne gesetzt.“ (A. Nohl)


Was erwartet den Leser in dieser Gondel? „Der

Doppelmord in der Rue Morgue“ ist der Klassiker der Detektivgeschichten. Connan Doyle modellierte nach Poes Logik-Genie Auguste Dupin seinen Sherlock Holmes. Vielleicht ist hier der erste Auftritt eines veritablen Orang-Utan in der Literatur zu verzeichnen. Auch „Der entwendete Brief“ verknüpft beispielgebend Rätsel und Analyse und „der Gold-Skarabäus“ inspirierte Stevenson zu seiner „Schatzinsel“. Zwei imaginierte Ballonfahrten haben Jules Verne als Vorbilder gedient. Es folgen zwei visionäre Seeabenteuer und drei Geschichten mit „mesmerischen Elementen“, in denen die Grenzen der menschlichen Existenz überschritten werden. „Es gibt kein poetischeres Sujet als den Tod einer schönen Frau“, hat Poe gesagt und Baudelaire hat in die von ihm übersetzte und herausgegebene Ausgabe die beiden kurzen Erzählungen „Morella“ und „Ligeia“ aufgenommen. Mit Poes Erstveröffentlichung „Metzengerstein“ schließt sich der Kreis wie mit einer Parodie auf Kleist und die deutsche Romantik.


Das alles ist dem deutschen Publikum längst in früheren Übersetzung zugänglich. Die neue fühlt sich der „Modernität“ Poes verpflichtet und entschlackt den Text von unangemessener Historisierung. Das Ergebnis beglaubigt den Satz des Übersetzers von dem „Gründungsakt der literarischen Moderne“. Dazu passen die dem Band beigefügten Texte Baudelaires über den von ihm für Europa entdeckten Poe: Vor allem ein größerer biografischer Essay, der die ganze prekäre Lebensführung Poes, seine gewinnende Persönlichkeit und seine Trunksucht mit offener Empathie erzählt. Auch diese Texte Baudelaires sind Zeugnisse der Weltliteratur. Zwei Autoren, denen die Besucher des Rummelplatzes bedeutende Gedichte gelesen haben, treten hier mit kostbaren Prosatexten füreinander ein – ein Glücksfall im Riesenrad!


Harald Loch
 
Edgar Allan Poe: Unheimliche Geschichten
Herausgegeben von Charles Baudelaire
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andreas Nohl

 

Stadt Land Fluss


Thomas Bernhard ist der genial besetzte Schriftsteller-GRANTLER, stets übel gelaunt, es ist ihm grundsätzlich etwas oder sogar mehr und am Ende viel über die Leber gelaufen, er ist ärgerlich, unmutig, geriert sich als Nestbeschmutzer, indem er in einem schriftstellerischen Rundumschlag Städte und ihre Einwohner, kritisiert und deren Missstände aufzeigt, sie verbal vernichtet.

 
Bernhard ist ein rundum-Missmutiger, schlecht gelaunt, der verdrießliche Typ, der Schwierige, der jeden Schriftstellerkongress und jede Theateraufführung sprengt. Man möchte ihn nicht als Partygast haben, aber den Gesprächsstoff dafür, den gibt er zuhauf, indem er die Städte und ihre Auswüchse genial herunterputzt. 


Entweder die Figuren reden so in seinen Romanen oder Theaterstücken oder es sind die Aussagen des Autors, oder Zitate aus Bernhards Reden bei offiziellen Anlässen und Preisübergaben oder zitiert aus Briefen an seinen Verleger Siegfried Unseld. 

 

STADT


In diesem Rollenspiel als RUNDUM-HASSER mischt sich einerseits der Städte- und Länderbeschimpfer. Es sind andererseits Ausschnitte aus Theaterszenen, Romanen und Reden. Bernhard geißelt den Stumpfsinn, die Borniertheit der Kulturelite, die verhunzte Städtearchitektur, den Geistesmenschen an sich. Europa trifft er natürlich auch. Meine Güte, was sind das für Wortkaskaden, was für Pfeile, die Bernhard da abschießt. 


Zielscheibe ist immer auch die Provinz, „Nazinester“, dann die Weltstädte, ja der ganze, globalisierte Erdball: “Die Welt ist insgesamt schon gänzlich Provinz geworden.“ 

 

LAND

 

Zielscheibe auch selbstverständlich sein eigenes Land: „…die schönsten Gegenden Österreichs haben immer die meisten Nazis angezogen“. 
Aber auch Nachbarländer: “ Die Schweiz ist das charakterloseste Land Europas“. 


Oberbürgermeister, Theaterintendanten und Regisseure, die seine Theaterstücke ermorden, werden attackiert und wehren sich: Siegfried Unseld tut es als Suhrkamp-Verleger auch. 


Irgendwie ist es auch eine den Text begleitende selbsttätige, fortwährende PR-Maschinerie, ein Geniestreich, der durch Provokation das Mittelmaß aufzumischen versteht, ein Weckruf mit Schmerzeffekt. 

 

Greifen wir hinein in diese Beleidiger-Black-Box: 


Augsburg: „Von Lissabon aus empfinde ich Augsburg noch elementarer scheußlich als in meinem neuen Theaterstück.“ „Augsburg die „Lechkloake“, ein „verabscheuungswürdiges Nest“.

 
Bernhard entfacht Theaterkriege und Leserbrieforgien. Er beschimpft das „fürchterliche Klima“ in Bad Gastein, rügt „Geschmacklosigkeiten im Salzkammergut“, Bad Ischl ist doch „widerwärtig“. 

 

Übrigens Trier: „Man geht nicht ungestraft nach Trier / man geht nach Trier und macht sich lächerlich“ . 
Und „Nicht nach Dinkelsbühl gehen nicht nach Dinkelsbühl“.
Bernhard fordert die Zuschauer auf, ihm sein Stück zurück zu geben.
Frankfurt die „…herrliche, hässliche schöne Schöpfung“. 

 

FLUSS


Aber auch Flüsse müssen sich einiges gefallen lassen, an denen Städte gelegen sind: “Die Donau stinkt ja noch abscheulicher habe ich gehört als die Ruhr“.

 
 „… schon als sie in Passau ankamen, hatten sie gesehen, daß es sich bei Passau um eine der häßlichsten Städte überhaupt handle, um eine Salzburg nacheifernde Stadt, die vor Hilflosigkeit und Häßlichkeit und widerwärtiger Plumpheit strotzende Stadt, die sich in perverser Hochmütigkeit Dreiflüssestadt nennt.“

 

Regensburg: „Die Donau wurde immer noch schmäler, die Landschaft wurde immer noch lieblicher, schließlich, wo sie auf einmal wieder öd geworden war und grau und fade, war Regensburg … Die Stadt gefiel mir nicht, sie ist kalt und abstoßend.“

 

Über Lübeck: „Früher oder später
werden alle Schauspieldirektoren verjagt
Aus dieser grauenhaften Stadt Lübeck
Alle diese am Meer gelegenen Städte stinken

aber in Lübeck stinkt es am ,mitleidlosesten‘ “.

 

Bremen verabscheute ich vom ersten Moment an, es ist eine kleinbürgerliche unzumutbar sterile Stadt.“
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hält er für das „Allerentbehrlichste“ und er rügt das Schriftstellergeschwätz in den Hotelhallen Deutschlands. 


Bernhards Literatur ist angewandte Stadtsoziologie. Über Würzburg schreibt er: „Wie hasse ich diese mittelgroßen Städte mit ihren berühmten Baudenkmälern, von welchen sich ihre Bewohner lebenslänglich verunstalten lassen. Kirchen und enge Gassen, in welchen immer stumpfsinniger werdende Menschen dahinvegetieren. Salzburg, Augsburg, Regensburg, Würzburg, ich hasse sie alle, weil in ihnen jahrhundertelang der Stumpfsinn warmgestellt ist.“


„In Lörrach ist das Gift“ zuhause.


Für mich als Pfälzer am schnellsten nachvollziehbar der Fall Ludwigshafen: „Ein Jahr Ludwigshafen, das erniedrigte dich“.  Hier ist in einem Satz der städtebauliche Wahnsinn als Kriegsfolge zusammengefasst, die zweite Zerstörung der Städte in den 1950er und 1960er Jahren.


Aber zurück ins europäische Ausland und in die größeren Städte: Montreux ist ein „kaltes Loch“, Neapel „allertiefste Provinz“, Oslo „öde“, Paris „abscheulich“.  

 

Über Innsbruck, Graz, Wien:  „Alle diese Städte, die ich naturgemäß auch schon vorher, wenn auch nicht gründlich, gekannt habe, deprimieren mich auf das Niederschmetterndste und es sind ja auch, vornehmlich Graz, widerwärtige Provinznester, jede für sich hält sich für den Nabel der Welt und glaubt, den Geist gepachtet zu haben, ja, aber es ist nur der ganz primitive Kleinbürgergeist; die Abgeschmacktheit Philosophie lehrender und Literatur betreibender Schrebergärtner habe ich in diesen Städten kennengelernt, nichts sonst und der üble Geruch bornierter Gemeinheit in diesen österreichischen Kloaken hat mir von vornherein den Appetit auf einen längeren, als nur den kürzesten Aufenthalt verdorben.“


Wien ist eine fürchterliche Genievernichtungsmaschine, dachte ich auf dem Ohrensessel, eine entsetzliche Talentezertrümmerungsanstalt“.


„Die Stadt Wien ist eine einzige stumpfsinnige Niederträchtigkeit.“

 

Salzburg: „Was haben die österreichischen Menschen in nur vierzig oder fünfzig Jahren aus diesem europäischen Juwel gemacht?, dachte ich, auf dem Konglomeratblock sitzend. Eine einzige Architekturscheußlichkeit, in welcher die Salzburger als katholische und nationalsozialistische Juden- und Ausländerhasser in ihrer schauerlichen Leder- und Lodentracht zu Zehntausenden hin- und herrannten.“ 

 

Linz: „Es wäre ja auch undenkbar, daß aus dem kleinbürgerlichen Provinzloch Linz, das seit Keplers Zeiten ein tatsächlich zum Himmel schreiendes Provinzloch geblieben ist, das eine Oper hat, in der die Leute nicht singen können, ein Schauspiel, in dem die Leute nicht spielen können, Maler, die nicht malen, und Schriftsteller, die nicht schreiben können, aufeinmal ein Genie hervorgegangen wäre, als welches doch Stifter allgemein bezeichnet wird.“


Graz: „In Graz leben nur Alte und Dumme
hat der Professor immer gesagt
in Graz ist nur der Stumpfsinn zuhause
ich verstehe nicht daß es Leute gibt
die von Graz begeistert sind.“ 

 

Raimund Fellinger, der Herausgeber dieses Taschenbuchs, Cheflektor bei Suhrkamp, Lektor von Thomas Bernhard und bis 2015 Präsident der Internationalen Thomas-Bernhard-Gesellschaft meint am Ende, das Fazit ziehend, wenn die Welt nun gänzlich zur Provinz geworden ist, erfülle sich eine negative Utopie, Menschen können nicht mehr als Geistesmenschen fortbestehen, das Ende jeglicher Zivilisation stehe unwiderruflich bevor. 


Betrachtet man den Menschen neuerlich als Kot auskotzendes BLOGGERWESEN oder als künftigen Kriegsveteran, der zuvor menschenverachtende Kriegsziele formuliert hat und  am Ende Aleppo zu verantworten hat, bestehen daran keine Zweifel mehr. Ein MUSS-Lesebuch!

 

Maestro Amor

Luigi Pirandello: Maestro Amor – Römische Novellen

 

Es sind wahre Bravourstücke moderner italienischer Prosa, geschrieben in der eleganten Sprache einer Zeit, in der Grobheiten noch nicht zum Standardrepertoire gehörten. Rom war die Wahlheimat des Sizilianers, dessen Theaterstücke auf den Bühnen der Welt gespielt werden. Von seinen über 250 Novellen sind hierzulande nur wenige bekannt. Der Oxforder Althistoriker Martin Hallmannsecker hat zehn von ihnen ausgewählt und erstmals ins Deutsche übersetzt – mustergültig. Die Titelgeschichte handelt von der Ausbeutung einer jungen deutschen Lehrerin durch zwei Italiener, die einen wohlfeilen Konversationskurs zum Spracherwerb als Schnäppchen suchen. Der eine heiratet das „Fräulein“, das sich von einem Neutrum in eine liebende Frau entwickelt. Der andere besucht den Freund, um mit dessen Frau honorarfrei deutsch zu parlieren. Kann das gut gehen?

Der 1934 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Pirandello greift in den hier ausgewählten, jeweils nur über etwa ein Dutzend Seiten gehenden Novellen menschliche Schwächen und Stärken auf, platziert sie in einem römischen Ambiente und dreht jede bis zu einem überraschenden Ende. Dabei skizziert er die Personen scharf, ohne je die Grenze zur Karikatur zu streifen. „Auf den Leim gegangen“ heißt eine auch sozialkritisch zu lesende Geschichte, in der sich zwei Bekannte treffen, die beide schon bessere Zeiten gesehen haben, in dem Anderen jeweils den Wohlhabenderen vermuten. „Santi, wir werden wieder auf die Beine kommen, lass mich nur machen!“ sagt Luca Pelleta zu seinem Freund, nachdem beide ihre mageren Karten auf den Tisch gelegt haben. Traurig verlässt man die „Musik von gestern“. In dieser Erzählung geht es um einen alten Mann, der nach 60 Jahren in Amerika nach Rom zurückkehrt, das Haus einer vor seiner Auswanderung von ihm Angebeteten aufsucht und dort nur noch deren gleichfalls bezaubernde Tochter antrifft. „Stefano Giogli eins und zwei“ erzählt von einem eleganten Gesellschaftslöwen, der sich in eine Frau verliebt, sie Hals über Kopf heiratet und von ihr als Persönlichkeit völlig umgedreht wird. Als er sich dessen bewusst wird, überkommt ihn Eifersucht auf seine frühere Gestalt, er wird sein eigener Doppelgänger und ist in der Liebe seiner Frau gefangen.

Meike Albath steuert ein kenntnisreiches und irgendwie kongenial geschriebenes Nachwort über Leben und Werk Pirandellos bei. Ihr Essay hat nichts von den Beifügungen mehr oder weniger bekannter Namen, die oftmals nur den letzten Druckbogen füllen und ein weitere Publikum anlocken sollen. Informativ und elegant geschrieben, rundet es eine Broschur ab, die wunderbare Beispiele italienischer Novellistik zu einem hübschen Geschenk an die Leser versammelt.

 

Harald Loch

 

Luigi Pirandello: Maestro Amor – Römische Novellen

Ausgewählt und übersetzt von Martin Hallmannsecker           Mit einem Nachwort von Meike Albath                       C.H.Beck textura, München 2016   160 Seiten   16,95 Euro

 

Katja Lange-Müller: Drehtür

Kein Willkommen in München! Der Ort der Handlung ist unwirtlich: Aus Managua in Nicaragua ohne Reisegepäck zurück, allein, stumm, ja fast ohne Regungen steht die 65jährige Krankenschwester Asta im eigenen Dunstkreis. Sie hüllt sich in Zigarettenqualm. Neben diesen Rauchzeichen halten innere Monologe Asta am Leben: „Ach ja, helfen, denkt Asta, das war schon schön – am Anfang!“ Die von den Jahren des Helfens im Beruf geprägte Protagonistin in Katja Lange-Müllers Roman „Drehtür“ assoziiert frei. An einer Drehtür am östlichen Ende des Flughafen Franz-Josef Strauß bleibt Asta stehen. Einer Drehtür, die ins Innere zu führen scheint... München ist das Ende ihrer 2013 unfreiwillig freiwillig angetretenen Heimreise. Rückflug in ein Land, das mit der früheren Heimat wenig zu tun hat: Die Heldin ist in der DDR aufgewachsen und hat bei ihrer Ankunft 22 Jahre harter Auslandstätigkeit hinter sich. Ihre letzten Kollegen im Krankenhaus in Nicaragua hatten eifrig gespart und ihr das One-Way-Ticket zum Geburtstag geschenkt, ihr damit mit sanfter Gewalt den Abschied für immer und auch vom Beruf bereitet. Sie hatte nicht nur die Altersgrenze erreicht, sondern hätte am Ende selbst Hilfe benötigt.

 

Als Helfende war Asta glücklich, unter extremen Bedingungen zu arbeiten. Während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester war die geschlossene Frauenstation des Klinikums Berlin-Herzberge ihre Lieblingsstation gewesen. Jetzt stehen ihrer äußeren Sprachlosigkeit im Inneren die freien Assoziationen gegenüber, ausgelöst von Gesichtern in ihrer Umgebung. Zudem mischt sich seit drei Wochen eine innere Stimme in ihr Leben ein. Das erhöht noch ihr Gefühl der Fremdheit: „Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache.“ Isolation und Angst vor dem Verrücktwerden weichen in den inneren Monologen einer farbigeren Vergangenheit, in der neben ihr selbst Patienten, Kollegen und Weggefährten von früher die Bretter der inneren Bühne betreten. Die Autorin nimmt ihr Publikum mit in das Ost-Berlin der 1960er Jahre, in die revolutionäre Gefolgschaft eines Che Guevara, in das Kalkutta von Mutter Theresa und in eine tunesische Ferienanlage – es herrscht Reisefreiheit der Gedanken.

Brüche und Abbrüche bestimmten Astas Beziehungen. Das Ergebnis waren soziale Isolation und überraschende Feindseligkeiten, die ihr entgegenschlugen – zuletzt mit dem geschenkten Abschiebeticket nach Deutschland. Katja Lange-Müller holt die Leser ab, indem sie sie leichtfüßig von einem Ort zum nächsten mitnimmt. Dort lebt ihre Protagonistin die existenziellen Grenzerfahrungen anderer nach. Diese Abwechslung ist die Dialektik zu dem Stillstand vor der Drehtür. Die Reisen gehen nicht nur über Kontinente sondern auch innerhalb der Sprache weiter. Köstlich ist der Ausflug, der von der Farce einer Gutsleberwurst über die Farce auf der Bühne, in der etwas durch den Wolf gedreht wird, zu Rotkäppchen und dem Wolf und zurück zur Gutsleberwurst führt, der uneingestandenen Sehnsuchtsdelikatesse aus DDR-Zeiten. Aber Asta kauft sich keine Gutsleberwurst, ihre Sehnsucht richtet sich auf das Ende.

 

Johanna Reinicke

Katja Lange-Müller: Drehtür          Roman

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016   216 Seiten   19 Euro

Der Literatur-Papst MRR

Titel Marcel Reich-Ranicki Meine deutsche Literatur seit 1945 DVA

 

Inhalt 569 Seiten, Literaturkiritische Rezensionen und Einschätzungen über Bücher aus dem literarischen Quartett


Autor Thomas Anz, Jahrgang 1948, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur in Marburg und verfasste neben wissenschaftlichen Arbeiten zahlreiche Literaturkritiken und Essays für Zeitung und Rundfunk. Seit 1999 ist er Herausgeber der ersten Zeitschrift für Literaturkritik im Internet. Er veröffentlichte u.a. „Franz Kafka“ (1989), „Literatur und Lust“ (1998), „Literatur des Expressionismus“ (2002), „Handbuch Literaturwissenschaft“ (2007) sowie „Marcel Reich-Ranicki“ (2004). 2010 gründete er die „Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland“ an der Universität Marburg.


Lesart ein Literaturpanorama über die deutsche Literaturgeschichte seit 1945, ranicki-persönlich, provokativ, lobend,verreissend, klar, deutlich, niemand schonend, reflektorisch


Cover Der Zeigefinger des Rezensenten erhoben und das Gesicht Ranickis - mürrisch-kritisch


Gestaltung Inhaltsverzeichnis, Einleitung, drei Hauptkapitel und Anhang mit Literaturhinweisen, , editorischen Notizen, Nachweisen und Personenregister, keine Bilder, dem Urenkel gewidmet 


Meinung Wir lesen eine lebendige Literaturgeschichte der Nachkriegszeit zunächst von der Gruppe 47 bis zur Politisierung um das Jahr 1968 herum, dass zweite Kapitel überschreibt die "neue Subjektivität" bis zum Fall der Mauer und im dritten Buch-Abschnitt subsummiert der Herausgeber Thomas Anz - sozusagen der Erverwalter des Kritikers - die Zeit von der "deutschen Einheit bis zum 21. Jahrhundert". das Buch soll - so der Herausgeber- eine "Erinnerungsreise" sein, und es sind die Erstfassungen der Manuskripte. Anz gesteht selbst ein, dass die verschriftlichten Meinungen aus dem literarischen Quartett zwangsläufig gegenüber den Texten etwas blass bleiben, dennoch sind sie als Zeitdokument lesenswert und nirgendwo steht geschrieben, dass man sich immer und vorbehaltlos der Meinungen des Großkritikers und Literatur-Popstars anschließen muss. Er selbst hätte wohl gesagt: Streitet über Literatur, dann wissen wir wenigstens dass sie lebt. 
Walser nennt Kritiker "Lumpenhunde", die Gruppe 47 schimpft Ranicki anachronoistisch, Böll bereitet ihm mitunter Enttäuschung, Johnson istz für "MRR" die ganze große Hoffnung, Grass lobt Ramicki als "wilde Begabung", aber er schimpft auch über die Länge der "Blechtrommel". 


Marcel Reich-Ranicki, er lobt Lenz, der den "Pakt mit dem Leser schließt", der "seine Mitwisserschaft" erkennen lässt, aber angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen "nicht brüskiert" wie andere Schriftsteller seiner Generation. Walser ist für Ranicki der "wackere Provokateur",  ein "herzlicher Spötter", "jovialer Agressor", "warmherziger Ironiker" , kein akuter Ankläger, sondern mild-nachsichtiger Journalist - da hatte Walser sein Buch TOD EINES KRITIKERS noch nicht geschrieben, über das der Betroffene MRR schreibt: "So ein erbärmliches Buch". Diese Auseinandersetzung fehlt im Buch. 


Ob Frisch, Dürrenmatt, Wohmann, Kaschnitz, Ingeborg Bachmann oder die Literatur des Ostens wie Christoph Hein, Monika Maron, Ingo Schulze oder die Jetztzeit-Literaten Judith Hermann, Maxim Biller, Ingo Schulze sie alle bekommen Lob und Tadel, Förderung oder Verriss mit auf den literarischen Weg. Das Buch ist zu dick, um es sich hinter den Spiegel zu stecken, aber es lohnt sich in jedem Fall es im Regal zu haben, auch einfach zum nachblättern und nachschlagen, wenn man sich als Leser auf Literatur einlässt. 


Leser Männer, Frauen, Literaturbegeisterte, Literaturwissenschaftler, Kritiker, Feuilletonchefs, Fernsehmacher, Redakteure wie Intendanten und Martin Walser


Multimedia http://m-reich-ranicki.de/index.php?content=http://m-reich-ranicki.de/content_themen_literaturgeschichte.html

 

NDR   https://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Marcel-Reich-Ranicki-Meine-deutsche-Literatur-seit-1945,meinedeutscheliteratur102.html


Verlag: DVA


Zitat Ludwig Börne: "So ergeht es den Publizisten und Journalisten beinahe immer: Der unmittelbaren Gegenwart verpflichtet, geraten sie in einer späteren Epoche in Vergessenheit."

 
Pressestimmen:
»Meistgelesen, meistbeachtet, meistgefürchtet: Der Popstar der Literaturkritik. Süddeutsche Zeitung


»Sein ganzes Temperament ist darin, die Lautstärke, die Empörung, die Freude an der Arbeit, seine Begeisterung, die Liebe zur Klarheit, Verachtung alles Dunklen und Raunenden.«   Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 


»Vorgestellt mit dem Temperament, Witz und Scharfblick eines Ausnahmekritikers.  Focus 


»Eine kluge Auswahl [...] In jedem dieser Texte wird er erkennbar, in seiner intellektuellen Schärfe, der Unerbittlichkeit seines Urteils, aber auch in seinen Ängsten und Sehnsüchten.«    Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Mit Geige auf dem Schlachtschiff

Bohuslav Kokoschka: Ketten in das Meer    Roman

 

Pola 1914. In den Kriegshafen der k.-u.-k.-Marine strömen die Einberufenen. Die Habsburger Doppelmonarchie besitzt eine respektable Flotte an der Adria. Unter den Rekruten ist auch Bohuslav Kokoschka, der jüngere Bruder des Malers Oskar. Er dient dort bis zum ruhmlosen Ende dieser Flotte, die, praktisch ohne je im Seekrieg gefochten zu haben, am 31. Oktober 1918 auf Geheiß des Kaisers kampflos an Südslawien, das spätere Jugoslawien übergeben wird. In den Friedensverträgen wird Istrien, die karstige Halbinsel, an deren Spitze Pola liegt, Italien zugesprochen, die österreichische Flotte auch. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangt Istrien an Jugoslawien. Heute heißt der Hafen Pula und gehört zu Kroatien. Diese regionale Odyssee sollte kennen, wer den Roman Kokoschkas, „Ketten in das Meer“ heute liest. Er ist 1919 geschrieben worden, fand lange keinen Verleger und ist, als er endlich 1972 unter dem Titel „Logbuch des B.K.“ erschien, ohne Erfolg geblieben. Er zählt nicht zur großen Literatur, ist ohne die Routine eines erfahrenen Schriftstellers komponiert, ohne stilistisch eingreifendes Lektorat geblieben. Aber er ist interessant!

 

Das aus eigenem Erleben Kokoschkas geschriebene Buch führt in den grotesken Unfug von Krieg und Militär auf teils komische, teils ergreifende Weise ein. Kokoschka fügt die eigentliche Romanhandlung in einen Rahmen ein, in dem kroatische junge Frauen mit dem ihnen untergeschobenen Manuskript des eigentlichen Romans verspielt und verzankt umgehen. Der Ich-Erzähler der Kernhandlung wird mit seiner Geige zur Musikkapelle auf einem Schlachtschiff kommandiert. Aus seiner Perspektive reiht sich Episode an Episode. Appetitliches und Unappetitliches. Dazwischen platziert Kokoschka pazifistische und sozialkritische Gedanken. Das Buch liest sich wie ein Antikriegsbuch, ohne den Krieg selbst zu beschreiben, der ja in der Adria auch nicht stattfindet. Aber es benennt den Schlendrian beim Militär, die Korruption bei der Verpflegungszuteilung, Fehlentscheidungen bei der Besetzung von höheren Posten – der Kapellmeister ist taub – wie bei den jeder Gerechtigkeit widersprechenden, entwürdigenden Disziplinarmaßnahmen. Das ist mitunter recht unterhaltsam, mit Ironie und Witz erzählt. Kokoschka schreibt aber auch vom Elend der Frauen der Matrosen, die in einem immer mehr hungernden Land für sich und die Kinder sorgen müssen und vertritt sogar  eine damals unübliche feministische Haltung. Wie gesagt: Keine große Literatur. Nicht alles, was aus den Tiefen vergessener Literatur gehoben wird, rechtfertigt die Bergung. Das informative Nachwort von Adolf Opel stellt die familiären Zusammenhänge dar. Denn der Name Kokoschka weckt ein gewisses Interesse. Der an seinen besseren Stellen expressionistische Roman ist in seiner literarischen Unvollkommenheit das etwas unbeholfene aber ehrliche Zeugnis einer Zeit, die mit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie untergegangen ist.

 

Johanna Reinicke

 

Bohuslav Kokoschka: Ketten in das Meer    Roman

Edition Atelier, Wien 2016   344 Seiten   25 Euro

 

Heldin des irischen Alltags

Colm Tóibín: Nora Webster   
  
Nora Webster schafft es langsam. In kleinen Schritten meistert sie nach dem Tod ihres Mannes Maurice das Leben mit zwei schon bald erwachsenen Töchtern und zwei noch kindlichen Jungen. Sie lebt in einem Landstädtchen in Irland, der Heimat ihres literarischen Schöpfers Colm Tóibín. Zuerst muss sie ein marodes Ferienhaus verkaufen, sich in allem einschränken und sich vor allem der lästig werdenden Beileidsbekundungen erwehren. Ihr von ihr geliebter Mann war ein bei allen beliebter Lehrer gewesen. Es kommen die Probleme mit ihrem stotternden Sohn Donal hinzu. Ihre pubertierenden Töchter wohnen nicht mehr zu Hause, gehen andernorts zur Schule, wechseln auf die Universität. Aus katholischer Nächstenliebe wird ihr eine Stelle in einem Unternehmen angeboten, in dem sie vor Jahrzehnten gearbeitet und einen hervorragenden Eindruck hinterlassen hatte. Dort wird sie von einer Vorgesetzten gemobbt, von der Familie der Unternehmer geschützt. Der Alltag stellt sie täglich vor neue Herausforderungen. Sie wägt ab, wenn es Probleme gibt, entscheidet sich nicht für die nächstbeste Lösung, behält ihren dicken, klugen Kopf, findet behutsam einen würdigen Ausweg und ist ihren Kindern eine wunderbare Mutter, die ihnen Freiheiten lässt, die sie sich selbst erst nach und nach gönnt.

 

Tóibín entwickelt eine verstörte, vom Tod ihres Mannes vereinsamte frau zu einer stillen, immer selbstbewusster werdenden Heldin eines irischen Alltags. Sie wächst einem ans Herz, sie zieht sich aus allem Unglück mit eigenen Kräften heraus, ist eine poetische Existenz. Sie gewinnt die Sympathie ihrer Leser nicht durch das Mitleid, das ihnen die Mitmenschen oft lästig entgegenbringen. Sie ist sympathisch, weil sie einen guten Weg sucht, ihn sich mit würdigen Mitteln erstreitet, weil sie wieder Musik hört und zu singen beginnt und weil sie in heißen irischen Tagen keiner Radikalität zwischen katholisch und protestantisch orientierten Menschen hinterherläuft. Diese irische Umgebung, in naher Nachbarschaft zu den blutigen nordirischen Auseinandersetzungen Anfang der 1970er Jahre bildet das Panorama dieses Romans. Der christliche Fundamentalismus auf beiden Seiten wird dem hiesigen Leser exotisch vorkommen. Er war und ist eine Wirklichkeit der christlichen Welt. Nora Webster behält dabei einen menschlichen Überblick, steckt mit ihrer Besonnenheit an, auch ihr Publikum. Tóibín erzählt von der Gesangslehrerin Noras. Die war während des Zweiten Weltkrieges in einem französischen Kloster, das von der Wehrmacht fast zerstört war. Als es 1947 wieder aufgebaut und neu geweiht wurde, entschied die Äbtissin, zu dem fälligen Fest das „Deutsche Requiem“ von Brahms in deutscher Sprache aufzuführen. Gegen allen Widerstand setzte sie die Aufführung dieses noch dazu aus der protestantischen Musikwelt stammende Werk als Zeichen christlicher Vergebung durch. Die Gesangslehrerin ist zu Nora gekommen, um sie zu bitten, 25 Jahre nach diesem französischen Zeichen der Versöhnung an einer aktuellen Aufführung dieses „Deutschen Requiem“ im Chor mitzusingen. Das ist der Geist dieses feinen Romans, der mit stillen Tönen den Kampf gegen den Unsinn dieser Welt aufnimmt. Nora Webster ist die ungewöhnliche, auf bestechende Weise normale  Alltagsfigur, die literarisch nachweist, wie das möglich ist. Dafür lieben wie sie und diesen schönen Roman.

 

Harald Loch

 

Colm Tóibín: Nora Webster            Roman
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser, München 2016   384 Seiten   26 Euro
 

Die "reale" russische Seele

Semjon Nowikow macht es falsch, als er im Dunkeln sein Haus verlässt. Er will die Baustelle für sein neues Haus bewachen. Aber in der Nacht stirbt sein jüngstes Töchterchen. „Die Wiege, die beim Ofen aufgehängt war, schwang von der einen Seite zur anderen. In ihr lag bläulich angelaufen das tote Mädchen, und auf ihrem Köpfchen glomm noch das bunte Flickenhäubchen. Seit jener Zeit lebte Semjon glücklich“. So verstörend endet die kurze Geschichte „Der Prophet Elias“, mit dem die Sammlung von 1913 entstandenen Erzählungen Iwan Alexejewitsch Bunins (1870 – 1953) eingeleitet wird. In ihnen lässt der erste russische Nobelpreisträger für Literatur das Leben auf dem Lande im vorrevolutionären Russland in seinen einfachen Menschen erstehen. Der Leser gelangt in unauffindbare Dörfer. Er lernt Figuren kennen, deren Lebensbedingungen nicht vorstellbar wären, hätte sie Bunin nicht detailgetreu erzählt. Sie suchen nicht nach dem Sinn ihres Lebens, aber es liegt auf der Hand, dass es dem Autor darum geht, um die Existenz, um den Skandal der Sterblichkeit, die allen bewusst und niemandem vertraut ist. Das Leben auf dem Lande reibt sich noch an der Modernität der Städte, ja der übrigen Welt.

 

Awdej Sabota macht sich in der nach ihm benannten Erzählung mit einem Hammel auf einem klapprigen Wagen auf in die Stadt. Er will ihn verkaufen. Die Getreidepreise sind wegen der guten Ernte stark gefallen. Er will seinen Weizen noch behalten, bis sie wieder steigen. Deshalb jetzt also der Hammel. Wir begleiten den alten Bauer auf seinem langen Weg in die Stadt durch eine russische Landschaft voller kleiner Reize. Bunin sieht sie mit den Augen des Alten: „Bald ist es Zeit zu sterben. Besondere Not hat er nie gekannt, vor Elend und Unglück hat Gott ihn bewahrt.“ Einmal von dem „jungen Herrn“ nach etwas Interessantem aus seinem Leben gefragt, antwortet er: „Ich habe, Gott sei Dank, nichts dergleichen erlebt. Ich bin nun schon über die sechzig hinaus, aber, Gott sei Dank, etwas Interessantes habe ich nicht erlebt.“ Er ist morgens losgegangen und am Abend noch nicht in der Stadt. „Es weht ein kalter Wind. Awdej deckt den Hammel mit Stroh zu. Seine breite Greisennase läuft bläulich an, wird kalt, der Wind bläst seinen grauen Bart schräg zur Seite. Die buschigen grauen Brauen sind streng gerunzelt, in den erloschenen Augen liegt Schwermut.“

 

Die „russische Seele“ wird von Bunin nicht in ihrer kitschigen Banalität neu aufgerufen. Der Agnostiker denunziert die Religiosität der einfachen Bauern nicht, sie gehört zum Volk, wie der Frühling in der gleichnamigen Erzählung zur Natur gehört. Iohann Rydalez dagegen, ein Studierter, kommt in die Kleinstadt zurück, in der er einmal kurze Zeit gewohnt hat. Er sucht das Haus von früher, findet es nicht, keiner kann ihm weiter helfen. Da flieht er wieder zur neuen Bahnstation Greschnoje, zum eleganten Zug, der ihn in die Metropole bringt, in seine Welt. Auch nach der Bauernbefreiung, die schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt, ist die Kluft zwischen dem „modernen“ und dem ländlichen Russland, zwischen der eleganten, nach Europa schielenden und der bäuerlichen Welt unüberbrückt. Das ist der Befund kurz vor der Revolution. Bunin klagt diese Kluft nicht direkt an – er erzählt vom Leben auf dem Land, lässt es für sich sprechen, ist auf seine Weise Realist. Und er bricht eine Lanze für die Gleichheit aller Menschen, die ihr Sterben und die drohende Sinnlosigkeit ihres Lebens nicht begreifen können.

 

Harald Loch

 

Iwan Bunin: „Frühling“   Erzählungen 1913

Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen  von Thomas Grob

Dörlemann, Zürich 2016   287 Seiten   25 Euro

de la Rochelle: Die Komödie von Charleroi

Hundert Jahre nach Verdun, mehr als 80 Jahre nach dem französischen Original bringt Manesse eine gewagte Erstübersetzung heraus. In einer edlen Ausgabe erscheinen Drieu de la Rochelles Erzählungen „Die Komödie von Charleroi“. Wie zu einem Roman verbunden, bilden die Erzählungen ein einheitliches Dokument der Zerrissenheit der Weltkriegsteilnehmer. Heute liest man es zunächst einmal wie eine Quelle, die vielleicht einen Schlüssel zum Verständnis einer ganzen Generation liefern kann. Die stark autobiografisch bestimmten Erzählungen spiegeln Stimmungsschwankungen zwischen Feigheit und Mut wieder, sie eröffnen ungeheure ideologische Spannweiten zwischen Pazifismus und Führerverherrlichung und sie atmen den Ton expressionistischer Kriegserlebnisse und die intellektuelle Finesse essayistischer Unbestimmtheit. Damit erlangen die einzelnen, sich von 1914 bis zum Waffenstillstand erstreckenden Episoden an verschiedenen Kriegsschauplätzen ein beachtliches literarisches Niveau.

 

Die Titelgeschichte liest sich wie eine ironische Auseinandersetzung mit der verlogenen Heldenverehrung durch das Großbürgertum. Der Icherzähler begleitet die von politischem Ehrgeiz getriebene Madame Pragen nach Charleroi. Diese Stadt war nach dem deutschen Angriff auf Belgien in den ersten Kriegswochen von französischen Truppen verteidigt worden. Dort ist der von seiner Mutter zu den Fahnen getriebene, eher schwächliche Sohn von Madame Pragen wenig heldenhaft gefallen und die Mutter inszeniert daraus eine mit wohltätigen Spenden unterlegte Pilgerreise. Später schwenken die Texte nach Verdun mit dem Schlüsselerlebnis eines nahen Granateinschlags und zu den Dardanellen, wo ein französisch-britisches Expeditionskorps in der Hölle von Gallipoli an den türkischen Verteidigern scheiterte. In den kürzeren Teilen „Der Oberleutnant der Tirailleurs“ und vor allem in dem in Südamerika spielenden kurzen Text „Der Deserteur“ spitz der Autor seine essayistische Feder in gutgebauten Dialogen zwischen immer demselben Icherzähler und dem jeweiligen Partner. Insgesamt breitet Drieu eine abwechslungsreiche Palette seiner auch von „linken“ Zeitgenossen seinerzeit gewürdigten schriftstellerischen Fähigkeiten aus, die diese späte Erschließung für das deutsche Publikum rechtfertigt. Gleichwohl ruft sie auch Bedenken auf den Plan:

 

Immerhin war der Autor – etwa vom Zeitpunkt der Veröffentlichung des Originals der „comédie“ im Jahre 1934 – ein französischer Faschist. In erster Ehe mit einer Jüdin verheiratet, die ihm zur Hochzeit den üppigen Betrag von 500.000 Francs schenkte, entwickelte sich Drieu de la Rochelle zu einem widerlichen Antisemiten. Während der deutschen Besetzung Frankreichs kollaborierte er mit den Nazis und verherrlichte Hitler solange er auf dessen Sieg setzte. Er entging dem Schicksal seines Gesinnungsgenossen und Schriftstellerkollegen Robert Brasillach, dessen Todesurteil nach der Befreiung Frankreichs im Februar 1945 vollstreckt wurde, wahrscheinlich nur durch seinen Selbstmord einen Monat später. Diesen Kontext liest der heutige Leser natürlich in diesen Erzählungen mit, wittert bei jeder etwas pointierten Formulierung den faschistischen, den antisemitischen Ansatz. Das gleiche widerfährt mit umgekehrtem Vorzeichen der Lektüre der jüdischen Autorin Irène Némirovsky und ihren überwiegend schon im Untergrund geschriebenen Erzählungen „Pariser Symphonie“. Man liest ihr Schicksal in Auschwitz immer mit. Beide Werke von so unterschiedlichen Autoren sind in diesem Frühjahr im gleichen Verlag erschienen, der sich um die Neuauflage und Übersetzung der Klassiker und der Klassischen Moderne so sehr verdient gemacht hat. Warum aber musste Manesse der „comédie“ von Drieu de la Rochelle einen Leineneinband spendieren, Irène Némirovsky aber nur Pappe?

 

Harald Loch

 

Pierre Drieu de la Rochelle: Die Komödie von Charleroi
Aus dem Französischen übersetzt von Andrea Spingler und Eva Moldenhauer
Manesse, Zürich 2016   Leinen 278 Seiten   24,95 Euro

Irène Némirovsky: Pariser Symphonie

Nach ihren großen Romanen lernen wir die an die Existenz rührenden Erzählungen von Irène Némirovsky kennen. Sie war eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen in Frankreich – bis die aus Russland eingewanderte Jüdin im Jahre 1940 Publikationsverbot erhielt, 1942 deportiert und am 19. August desselben Jahres in Auschwitz ermordet wurde. Der größte Teil der jetzt erstmals ins Deutsche übersetzten kleineren Prosatexte ist schon in Zeiten der Bedrohung durch die deutschen Besatzer entstanden, manche – unter Pseudonym – auch noch veröffentlicht worden. In den elf Erzählungen gelingt es der Autorin, ihre Personen auf knappem Raum unverwechselbar zu charakterisieren, die Handlung überraschend zu wenden und mit charmantem Ernst das Leben auf die Probe der Erträglichkeit zu stellen: Grandios, traurig, wahr!

 

„Der Freund und die Frau“ führt die beiden einzigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes in Sibirien zusammen. Der eine erliegt dort seinen Verletzungen und beschwört den anderen, seine Frau, die dann Witwe sein würde, in Paris zu besuchen. Nach einiger Zeit holt der Überlebende sein Versprechen nach und findet die „lustige Witwe“ so unerträglich, dass er sich vor dem Strafrichter verantworten muss. Der Originaltext „l’ami et la femme“ ist vermutlich 1942 entstanden, wenige Wochen vor der Deportation der Autorin, die ihr Schicksal ahnte. Ihr Mann Michel Epstein, ein in Kiew geborener jüdischer Bankier, konnte sie nicht retten und folgte ihr im Oktober 1942 in die Gaskammern von Auschwitz. Das ist der Kontext, den das Publikum der schönen, zurückhaltenden Übersetzung von Susanne Röckel mitliest.

 

„Echo“ heißt die 1934 in einer Zeitschrift veröffentliche Erzählung, in der die Erniedrigung eines Knaben durch seine Mutter von dem erwachsenen Erniedrigten an seinem Sohn wiederholt wird – eben wie ein Echo! „Er wandte sich an seine Frau: Geben Sie ihm ein Stück Kuchen und bringen Sie ihn  weg, bitte, Chérie...“ Die ganze Brutalität, zu der ein Angehöriger der französischen Großbourgeoisie fähig war, liegt in diesem einen Satz, mit dem der eigene Sohn aus der Gesellschaft der Erwachsenen gewiesen, seine Mutter zum Vollzug der Maßnahme angewiesen wird. Die titelgebende „Pariser Symphonie“ ist die Skizze zu einem Film. Irène Némirovsky hatte sie 1931 eingereicht. Sie deutet das Scheitern eines Komponisten an und harrte noch der cineastischen Realisierung. „Umständehalber“ setzt sich mit dem begonnen Krieg auseinander. Eine Tochter heiratet einen zum Kriegsdienst gegen die Hitlerarmee eingezogenen Mann – plötzlich, vielleicht übereilt, jedenfalls nicht „in Weiß“. Ihre Mutter erinnert sich an ihre eigene erste Ehe, die vor Verdun ihr  Ende durch den „Heldentod“ ihres jungvermählten Gatten fand. Die Autorin muss nicht aussprechen, wie absurd sie die Wiederholung des mörderischen Krieges nach einem knappen Vierteljahrhundert findet.

 

Im Jahre 1941 entstand „Die Diebin“, eine bestürzende Geschichte, wie Sandra Kegel in ihrem einfühlsamen Nachwort schreibt. Ein von ihrer Großmutter adoptiertes Mädchen wird des Diebstahls einer größeren Geldsumme beschuldigt. Ihre Mutter hatte auf demselben Gut als Magd gearbeitet und wurde wegen des Diebstahls an einer wertvollen Brosche des Hofes verwiesen. Mit ihr hatte der früh gestorbene Sohn der Gutsherrin auf Schoss Malaret die später von ihr adoptiert Marcelle „außerehelich“ gezeugt. Als strenge und sparsame Herrin des Gutes hatte die Großmutter Marcelle stets verwöhnt, bis das Kind sich zu dem Diebstahl an dem Geld bekannte und ihr Motiv offenbarte: Ihre Mutter sei als Diebin vom Hof gejagt worden und sie habe unter der üblen Nachrede zu leiden. Jetzt sollte die Großmutter eine Diebin in der eigenen Familie haben und der gleichen Schande ausgesetzt sein. Der Ausgang dieser Geschichte ist völlig überraschend und reiht sie in die Reihe der großen Erzählungen der Weltliteratur ein. Alle in diesem schön gestalteten Manesse-Band veröffentlichten Erzählungen von Irène Némirovsky atmen den Geist einer großzügigen, zeitlosen Eleganz, tiefer Menschlichkeit angesichts der Dialektik von menschlicher Verletzbarkeit und Verletzungssucht – große Literatur in kleinem Format!

 

Harald Loch
 
Irène Némirovsky: Pariser Symphonie . Erzählungen
Aus dem Französischen übersetzt von Susanne Röckel
Nachwort von Sandra Kegel
Manesse, Zürich 2016   228 Seiten
 

Manege frei! Roman aus dem Zirkusrund

Emanuel Bergmann: Der Trick

 

Ein Roman aus der Zirkuswelt, dem Medium der Zauberei und der Magie, führt die Leser an die Abgründe des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der 1972 in Saarbrücken geborene Emanuel Bergmann hat mit seinem Debüt „Der Trick“ das Wagnis unternommen, den Topos Auschwitz auf eine den Respekt vor dem Geschehen neu interpretierende Weise fiktional aufzubereiten. Er handelt von zwei jüdischen Jungen. Der eine, Moshe Goldenhirsch, ist kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Prag als Sohn eines armen Rabbiners geboren. Der andere, Max Cohn, kommt kurz vor dem Ende dieses in vieler Hinsicht furchtbaren Jahrhunderts in Los Angeles zur Welt. Beide werden sich begegnen und auf dem Weg dorthin, meistens im Artisten- und Zirkusmilieu, erzählt der Autor - eher en passant - die Mordgeschichte um die Vernichtung der europäischen Juden. Moshe Goldenhirsch schließt sich im Jahre 1934, nachdem seine Mutter verstorben ist und er sich mit seinem Vater nicht versteht, als Heranwachsender einem Zirkus an, rückt von zu Hause aus, folgt den Artisten nach Deutschland – ausgerechnet! Er bekommt den Artistennamen Zabbabtini, wird im Zirkus und später auch in der administrativen Öffentlichkeit zu einem persischen Prinzen befördert, gehört damit zu den Ariern. Nach ein paar Jahren macht er sich mit einer Urberlinerin als Assistentin selbstständig, feiert im legendären „Wintergarten“ Triumphe. Er kommt zu Wohlstand. Als er eines Tages kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von zwei SS-Männern aus seiner Wohnung in der vornehmen Fasanenstraße abgeholt wird – „da unten wartet jemand auf Sie“ – ahnt der Leser Fürchterliches und wird mit einem literarischen Slapstick überrascht. Das Befürchtete ereilt den so gut Getarnten dann aber vier Jahre später. Aus Eifersucht wegen seiner Assistentin hat ihn der frühere Zirkusdirektor an die Gestapo verraten. Es folgen Theresienstadt und Auschwitz, die Rettung eines kleinen Mädchens durch Zabbatinis oft zum Vergnügen des Publikums aufgeführten Koffertrick und – mach Auschwitz - eine mäßige Karriere in Amerika.

 

Der andere jüdische Junge, Max Cohn stößt auf eine von Zabbatini zu Werbezwecken besprochene Schallplatte mit dem „Liebeszauber“. Die Eltern des Jungen wollen sich scheiden lassen. Max spürt Zabbatini in der Absicht auf, mit dessen Zauberkunststück seine Eltern wieder zusammenzubringen. In kleinen, sich abwechselnden Kapiteln führt Bergmann die Geschichte des alten Zabbatini, geborener Mosche Goldenhirsch, und das Bemühen des Kindes Max Cohn um Harmonie im Elternhaus zu einem Happyend vor dem Hintergrund von Auschwitz zusammen. Vieles ist überraschend an diesem Roman, alles aber plausibel. Der Autor erzählt mit viel Humor und Ernst, er lässt den Leser eine große Liebe und den unter der Folter erzwungenen Verrat an ihr miterleben. Er handelt von der Verteidigung der Würde eines abgehalfterten alten Zirkuszauberers, von den Nöten eines von seinen Eltern verlassenen Jungen. Der junge Autor baut in seinem Debüt dramaturgisch gekonnt Elemente der Spannung ein, ob in Prag oder in Berlin, auf der Rampe in Auschwitz oder in Los Angeles. Wenn er das alles sowohl unterhaltsam als auch erschütternd darbietet, dann beglaubigt er mit diesem sensationellen Roman seine Verantwortung im Umgang mit dem Topos der Shoah.

 

Am Ende passt alles zusammen, ganz ohne Kitsch und Sentimentalität sondern mit der Chuzpe und einem zuweilen märchenhaften Ton die den ganzen Roman auszeichnen. Er wird auch international seinen Weg auf die Bestsellerlisten antreten.

 

Harald Loch

 

Emanuel Bergmann: Der Trick Roman

Diogenes, Zürich 2016   396 Seiten   22 Euro

Joseph McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien 

Eine kaum bekannte Ingeborg Bachmann begegnet dem Leser in der Lebensabschnitts-Biographie von Joseph McVeigh. Der amerikanische Germanistik-Professor aus Massachusetts untersucht und beschreibt die Jahre nach dem Auszug aus der Klagenfurter Enge in die Wiener Welt, die sich nach einigen Jahren auch als zu eng für die sich inzwischen etablierende Autorin erweisen sollte. Zum Studium der Philosophie nach Wien aufgebrochen, stets mit einem Seitenblick auf die Poesie, bringt sich die junge Ingeborg Bachmann in eine Wiener Kulturszene ein, in der ihr die intime Freundschaft zu dem meinungsmächtigen Hans Weigel bald Zugang zu den Kreisen verschaffte, zu denen man gehören musste, um wahrgenommen und gelegentlich auch veröffentlicht zu werden. McVeigh zeichnet ein kulturelles und kulturpolitisches Bild der ersten Nachkriegsjahre in Wien, das von den Besatzungsmächten im bald einsetzenden Kalten Krieg zum Schlachtfeld eines schonungslosen kulturellen Schlagabtauschs missbraucht wurde.

 

Die Wiener Bevölkerung übte die Opferrolle des von Hitler annektierten kleinen Landes ein, wusste von den enormen eigenen Anteilen an den Verbrechen der ja auch österreichischen Nazis nichts und etablierte den lange währenden Zwei-Parteien-Staat mit der Proporz-Allmacht von der großen Koalitionen beider Parteien. Aber zunächst geht es in dem Buch um die Studienjahre Ingeborg Bachmanns, die 1949 mit einer Dissertation endeten. Thema: „Die kritische Aufnahme der Existenzialphilosophie Martin Heideggers“. Zu diesem Zeitpunkt hatte die in finanzieller Enge lebende Studentin erste Brotarbeiten in Zeitschriften veröffentlicht und die Freundschaft mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Hans Weigel begonnen.

 

Die prägte ihre schriftstellerischen Anfänge und auch ihre frühe politische Abstinenz. Weigel war ein konservativer Antikommunist, einflussreicher Kulturkritiker, der das jahrelange Aufführungsverbot der Dramen Bertold Brechts an Wiener Bühnen als seinen Hauptbeitrag zum Kalten Krieg betrachtete und der bis zu seinem Tod im Jahre 1991 die kulturelle Landschaft Wiens maßgeblich beherrschte. „Er war so jüdisch, wie man nur sein kann, wenn man Österreicher ist und so österreichisch, wie man nur sein kann wenn man Jude ist“, hieß es in einem Nachruf.  Gefördert durch ihn und durch ihre Zimmerwirtin gelang der an der Armutsgrenze lebenden Ingeborg Bachmann der Sprung zum Rundfunksender RWR (Rot Weiß Rot), der von der amerikanischen Besatzungsmacht finanziert und kontrolliert wurde – dem Wiener Pendant zum Berliner RIAS. Hier arbeitete sie sich erfolgreich in den Unterhaltungsbereich des Mediums Radio ein und fand nebenher Zeit für einige kaum mehr bekannte Prosaarbeiten, die im Anhang von McVeighs Buch erstmals wieder dem Publikum zugänglich gemacht werden.

 

Der Biograph kommentiert diese frühen Veröffentlichungen mit literaturwissenschaftlichem Sachverstand, behält aber die erzählende Darstellung bei. Der Aufbau des Buches, der sich verschiedenen Aspekten dieser Wiener Epoche von Ingeborg Bachmann nacheinander zuwendet, bedingt einige Wiederholungen, die auch als Vertiefungen – aus einer jeweils anderen Perspektive – gesehen werden können. Jedenfalls entsteht trotz der erstaunlich schütteren Quellenlage – Ingeborg Bachmann hat zeitlebens Wert darauf gelegt, nur wenig über sich selbst herauszulassen – ein plastisches Bild der jungen Autorin. Sie wurde zur Gruppe 47 eingeladen und erlangte dort schnell Anerkennung. Ihre intime Beziehung zu Hans Weigel, der die Mitwirkung Bachmanns in dieser deutschen Autorengruppe wegen deren vermeintlich „linken“ Grundeinstellung vehement kritisierte, hinderte sie nicht, eine Liebesbeziehung zu Paul Celan zu beginnen, der ihr anlässlich ihres Besuchs in Paris einen Heiratsantrag machte. Bachmanns Fortgang aus Wien erfolgte aus einem Gefühl notwendiger Befreiung – sowohl von ihrem Mentor Hans Weigel als auch von der von ihm zu verantwortenden politischen Nähe zu der amerikanisch dominierten, von der CIA finanzierten konservativen Kulturszene.

 

Das vertrug sich mit ihrem an der Gruppe 47 neu definierten politischen Bewusstsein nicht mehr. McVeigh beschreibt dies mit der kritischen Sicht des Liberalen von der amerikanischen Ostküste und arbeitet das Bild einer selbständig denkenden, die eigene künstlerische wie auch politische Verantwortung suchenden Autorin aus den eher tastenden Anfängen heraus. Es entsteht ein wichtiges Buch über eine weitgehend unbekannte Phase im Leben einer im Nachruhm noch bedeutender erscheinenden Autorin.

 

Harald Loch

 

Joseph McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien 1946 – 1953 Insel, Berlin 2016   316 Seiten   24,95 Euro  

Die Liebenden von Mantua

Cover Die Liebenden von Mantua

 

An diesem Roman scheiden sich die Geister. Der in Heidelberg lebende Schweizer Ralph Dutli hat einen archäologischen Fund aus dem Jahre 2007 zum Anlass für seinen Roman „Die Liebenden von Mantua“ gewählt. Zwei Freunde, die sich jahrelang nicht mehr und zuletzt in Paris gesehen haben, treffen sich rein zufällig in der norditalienischen Renaissance-Stadt. Manu ist Schriftsteller, hat schon sieben Romane, jeweils unter anderem nom de plume veröffentlicht und will jetzt über den sensationellen Fund schreiben. Bei Mantua sind bei Bauarbeiten zwei Skelette aus der Jungsteinzeit gefunden worden, die so ineinander verschränkt waren als ob sie sich umarmten. Die Analysen ergaben: Seit 6000 Jahren lagen hier eine junge Frau und ein junger Mann – eben „Die Liebenden von Mantua“. Aber dieser Steinzeitfund, der in seinem Lehmbett unter Erhaltung seiner Fundsituation in einem Museum ausgestellt werden solle, ist plötzlich verschwunden. Manu will danach recherchieren. Sein Freund Raffa ist nach Mantua gekommen, um als Journalist über die Folgen des letzten Erdbebens zu schreiben und wie die Menschen seitdem damit umgingen. Als Manu nicht zu der Verabredung der beiden am Tage nach ihrem unverhofften Wiedersehen erscheint, beginnt eine verrückte Handlung, in der sich Elemente von Spannung mit wahnhaften Gesprächen über Religion und einer zärtlichen Liebesgeschichte mischen.

 

Manu wird im Auftrag eines Grafen entführt und auf dessen Schloss gefangen gehalten. Der hatte das Steinzeitgrab mit den beiden Skeletten gestohlen, versteckt es im Keller seines Schlosses und will die beiden Liebenden zum Gründungssymbol einer neuen Religion erheben, in deren Mittelpunkt nicht mehr das christliche Kreuz sondern die Liebe stehen soll. Der entführte Manu soll die religionsstiftenden Texte schreiben und dem Grafen bei den abendlichen Mahlzeiten über seine Fortschritte berichten. Dabei hält der Graf blasphemische Monologe über die bestehenden Religionen, während Manu vergeblich auf seiner Freilassung besteht, weil er in Gefangenschaft nicht als Schriftsteller arbeiten könne. In der Zwischenzeit macht sich Raffa auf die Suche nach seinem Freund Manu und lernt eine Aushilfskraft aus dessen Hotel kennen: Lorena. Sie ist Archäologin, stammt aus Mantua und öffnet Raffa die Augen für die Schönheiten von Mantua. Der Leser nimmt an einer bildungsgesättigten Stadterkundung teil, während der Raffa und Lorena zu ganz gegenwärtigen „Liebenden von Mantua“ werden. Am Ende der Geschichte holen die beiden Freunde das Wochen zuvor verpasste Treffen nach. Manu ist nach einem blutigen Showdown zwischen dem Grafen und der Polizei wieder frei und Raffa hat seine Geliebte wieder verloren.

 

Die Handlung des Romans lebt von einer Reihe von Zufällen, von Unwahrscheinlichkeiten, von fiktionalem Überschwang, bei dem dem Autor zuweilen die Pferde durchgehen. Wer das ironisch liest, wird sich nicht an diesem Spiel stoßen – allzu ernst sollten die manchmal an den Haaren herbeigezogenen Handlungssprünge nicht genommen werden.

 

Zwiespältig ist auch der Ton, in dem Dutli das alles erzählt. Da gibt es wunderschöne poetische Passagen, in denen man den an Gedichten von Mandelstam oder Brodsky gereiften genialen Übersetzer Dutli bewundert. Der benutzt andererseits auch banale, zwanghaft aufgerufene Bilder und von Sprachmächtigkeit triefende Wortschöpfungen. Der Kontrast zwischen der Poesie eher heimlicher Stellen zu gröberem Umgang mit Metaphern und Eigenmächtigkeiten der Sprache mag manchen verwirren. Wer darin ein ironisches Augenzwinkern des Autors blitzen sieht, wird auch den versteckten Humor der Geschichte mitlesen.

 

Harald Loch

 

Ralph Dutli: Die Liebenden von Mantua   Roman

Wallstein, Göttingen 2015   276 Seiten   19,90 Euro

Zora del Buono: Das Leben der Mächtigen

Cover Das Leben der Mächtigen

 

Die Mächtigen leben lange, sehr lange, wie Zora del Buono auf den Reisen zu ihnen gesehen, fotografiert und beschrieben hat. Manche wachsen hoch, andere werden dick. Gemeint sind nicht die Machthaber – sie sind oft nicht wirklich mächtig – sondern alte Bäume. Um die geht es diesmal in der von Judith Schalansky herausgegebene Reihe NATURKUNDEN. Dieses schöne Format setzt für die Herstellung der Bücher einen eigenen Qualitätsmaßstab. Vom hochwertigen Einband ohne Schutzumschlag bis zu Vor- und Nachsatzblättern, Schnitt, Papier, Satz und Druck – alles erstklassig und ohne modische Anmutung. Das gilt auch für die Fotos, die Zora del Buono mit ihrer eigenen zweiäugigen Spiegelreflexkamera aufgenommen hat: Den Betrachter erwartet nicht das übliche superscharfe Hochglanzklischee, sondern er sieht Bilder, die einen Eindruck von den „Mächtigen“ geben, ohne für sich schon einen ganzen Band zu rechtfertigen. Sie weisen auf die Texte, die sind die Hauptsache und die wind wunderbar.

 

Zora del Buono ist Schweizerin italienischer Herkunft, sie ist studierte Architektin und Mitbegründerin und Kulturchefin der Zeitschrift mare. Zuletzt hat sie mit der Novelle „Gotthard“ ihr Publikum begeistert, jetzt also eine lose Folge wunderschön erzählter Geschichten rund um die dicken alten „Mächtigen“. Da ist die Rede von Sumpfzypressen in Florida, von Edelkastanien auf Sizilien, einer Sommerlinde im Schweizer Aargau oder einer Berlinerin, die der dortige Volksmund „Dicke Marie“ genannt hat. Die Autorin ist seit vielen Jahren auch eine Berlinerin, lebt in Kreuzberg und hat sich von einer aus ihrem Fenster sichtbaren Birke inspirieren lassen, die sich auf dem Schlot einer stillgelegten Gründerzeitfabrik ausgesät hat. Ein Berliner Biotop, das fast ohne Worte viel über die Stadt, ihre Geschichte und die Virtuosität der Natur erzählt.

Ihre Reise geht es zunächst über den Kanal nach Wraysbury, Berkshire in England. Dort gilt der Besuch einer über 2000 Jahre alten Europäischen Eibe, Taxus baccata - der botanische Name wird in den „Personalien“ jedes Baumes korrekt angegeben. Dann erzählt Zora – Reiseführerinnen stellen sich meist nur mit ihrem Vornamen vor - vom 15. Juni 1215, als unter dieser Linde das erste Verfassungswerk der Weltgeschichte ausgehandelt und unterzeichnet wurde, die Magna Carta Libertatum. Später übte hier der Henker sein blutiges Handwerk aus. „Angesichts dieser Ereignisse von historischer Dimension gerät ein anderes, zarteres, fast in Vergessenheit, ein romantisches Naturschauspiel, das nur erlebt, wer Ende Februar oder Anfang März zur Eibe spaziert. Snoowdrops, Schneeglöckchen seien dann unter dem Baum zu sehen, zu Tausenden...“

 

Die USA als Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind gleich mit sechs Baumveteranen vertreten. Ein besonderes Kuriosum ist der Pando in Fishlake (Utah), eine Amerikanische Zitterpappel (Populus Tremoloides), die mit etwa 47 000 über ihr Wurzelgeflecht verbundenen Stämmen eine einzige Pflanze bildet und das gewichtigste Lebewesen der Welt sein dürfte: geschätzte 6 Millionen Kilo. Andere amerikanische Bäume erzählen von den indianischen  Urbewohnern, von Sklaven, auch von Hiroshima. Zora, die zu den „Mächtigen“ reist, beweist dabei ihre Empathie mit den Ohnmächtigen. Wer sie kennt, weiß, dass sie keine Zugeständnisse an die Mainstream-Correctness macht, wenn sie die Sommerlinde im hessischen Schlenklengsfeld mit einem Stammumfang von 17,91 Metern besucht und von den dort bis 1933 ansässigen Juden erzählt, denen jetzt nur noch ein Museum gewidmet ist. Meist sind es aber die botanischen und klimatischen Besonderheiten, die ihren Besuch veranlassen und ihren Bericht würzen, so die Old Tjikko, eine Gemeine Fichte (picea abies) im Nationalpark Fulufjället in der schwedischen Provinz Dalarna. Sie ist mit einer Höhe von 5 m und einem Stammumfang von 40 cm alles andere als spektakulär. Ihr Foto weckt eher Mitleid als Ehrfurcht. Aber sie ist mit 9550 Jahren der älteste Baum der Welt und hat mit diesem Alter den Kalender der jüngeren Erd- und Naturgeschichte umgeschrieben.

 

Zora del Buonos Buch besticht durch die sich an die „Mächtigen“ anschließenden kleinen Anekdoten, durch die Verknüpfung von Natur- und Menschengeschichte, durch die Poesie des Staunens vor den alten Bäumen und der Demut vor ihnen und der um sie gewachsenen Kultur. Das ist in einer gebildeten Art unterhaltsam und öffnet auch denjenigen die Augen für größere, oft überraschende Zusammenhänge, die sonst den Wald vor Bäumen nicht sehen.

 

Harald Loch

 

Zora del Buono: Das Leben der Mächtigen

Reisen zu alten Bäumen

Matthes & Seitz, Berlin 2015

NATURKUNDEN NO. 22, herausgegeben von Judith Schalansky

148 Seiten, zahlreiche ganzseitige farbige Fotos  32 Euro

 

Ein primäres Gefühl

 

 

Atemlos plaudern – das können Menschen aus dem Süden Europas besser. Wenn sie kultiviert sind, lässt man sich gern auf ihr Tempo ein. Das spart viel Lesezeit und kann doch reich belohnen. Dana Grigorcea lebt in Zürich und ist eine dieser gebildeten Rumäninnen, die – polyglott wie alle aus der Oberschicht in Bukarest – in schönstem Deutsch die Rückkehr der Bankerin Victoria aus der Schweizer Finanzmetropole in die Hauptstadt Rumäniens literarisch feiert. Beurlaubt wegen des Traumas eines skurrilen Banküberfalls, hat Victoria Zeit, entlang ihren Erinnerungen durch das alte, ihr vertraute Bukarest zu streifen, alte Bekannte, Freunde und Familien zu treffen, Gedanken zu formulieren. Wie selbstverständlich wird daraus auch eine humorvolle Abrechnung mit dem untergegangenen Regime Ceauşescus, aus dem ein ganzes Füllhorn von Anekdoten die Gegenwart entspannt bereichert.

 

Dana Grigorcea flaniert in den ihr vertrauten bourgeoisen Kreisen Bukarests. Von einem Bekannten sagt ihre Protagonistin Victoria: Ehrgeiz ist ihm zu proletarisch“. Unkultivierte Mitglieder der alten kommunistischen Nomenklatura qualifiziert sie als „basse classe“ ab. Ihre Urgroßmutter „hat es bis zuletzt geschafft, standesgemäß zu leben.“ Es gab keinen deutlicheren Widerstand als diesen. Die Menüfolge eines gediegenen Weihnachtsdiners bei ihr – „keine Spur von Väterchen Frost, obwohl es schon in den Fünfzigern war“ – liest sich auf zwei Seiten wie eine Speisekarte aus Kreisen höchster Noblesse. Andererseits sagt eine slowakische Kollegin in Zürich zu Victoria im Café Sprüngli: „Heute sind wir nur noch kapitalistische Haie!“ Beim Flanieren durch die bessere Gesellschaft und beim intelligenten Plaudern über dies und das geht es zwar immer politisch korrekt zu aber eine politische Linie wird da nicht formuliert. Das ist sympathisch, passt zu dem Witz der Erzählweise, hat bei aller freien Assoziation in jedem einzelnen Aperçu Hand und Fuß.

 

Nichts Menschliches ist dieser Bildungsbürgerschicht fremd, Erotik knistert an jeder Ecke und die kleinen Versuchungen des Schummelns und des Schwarzfahrens sind neimandem fremd.

Mit Auszügen aus diesem Roman hat Dana Grigorcea in diesem Jahr in Klagenfurt den 3-sat-Preis gewonnen. Gern liest man die ungeheuer komische Passage um Michael Jackson erneut, der bei seiner einschmeichelnden Begrüßung seines Riesenpublikums anlässlich eines Konzerts die Städte Bukarest und Budapest verwechselte. Victoria ist das Wunderkind, das wir in der Autorin vermuten wiederzuerkennen. Victoria war als Schülerin Schachmeisterin und eine Musterpionierin, die dem Diktatorenehepaar einen Blumenstrauß überreichen durfte. Ihre Qualitäten blieben auch damals nicht verborgen – keine „basse classe“ jedenfalls! Die Geschichte mit dem Farbfernseher, der die Schwarz-weiß-Sendungen nur deshalb farbig wiedergab, weil der Besitzer den Bildschirm drei Streifen mit farbigem Transparentpapier beklebt hatte, stammt sicher aus dem Arsenal von Wahrheiten, die sich nach der glücklichen Überweindung der Diktatur zu einem Anekdotenschatz verdichten. Wenn das so perfekt und kurzweilig wie von Dana Grigorcea erzählt wird, bekommt dieser Tresor neben seiner zeitgeschichtlichen eine literarische Dimension. Daraus entstand ein durch und durch heiterer und optimistischer Roman von idealer Länge.

 

Harald Loch

 

Dana Grigorcea: Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit

Dörlemann, Zürich 2015   263 Seiten   22 Euro

Wahrheit, Liebe und Verrat

 

Buchdeckel „978-3-608-94915-5

 

 

Amanda Vaill: Hotel Florida
 
Drei Liebespaare führen durch die Geschichte über „Wahrheit, Liebe und Verrat im Spanischen Bürgerkrieg“. Das ist der Untertitel des Buches „Hotel Florida“ der Amerikanerin Amanda Vaill. So reizvoll es wäre, eine solche Konstruktion auf den Geschichten von drei Paaren „aus dem Volk“ zu bauen – Amanda Vaill tut es nicht mit Personen minderer Bekanntheit. So schreibt sie ihr zwischen Frontberichterstattung aus zweiter Hand und Promiklatsch changierendes genreübergreifendes Buch mit Blick auf folgende drei Paare: Ernest Hemingway und seine Geliebte und spätere zweite Frau Martha Gellhorn sind die Promintesten. Sie steuern vor allem den Whiskey Hemingways, die Eleganz von Martha Gellhorn und deren Freundschaft zur amerikanischen First Lady Ellinor Roosevelt bei. Der Pressezensor und Schriftsteller Arturo Barea und Ilsa Kulcsar aus einer österreichisch-jüdischen Familie sind das zweite Protagonisten-Paar - unbestechliche Sozialisten, die auch als Zensoren der Wahrheit und nicht der schöngefärbten Wunschwelt zur internationalen Verbreitung verhelfen wollen. Ihre heroischen Skrupel stärken sie gegen die Allmacht der Ideologien. Der Kriegsfotograf Robert Capa schließlich und seine polnisch-stämmige, in Stuttgart geborene Kollegin Gerda Taro, die bei Aufnahmen von den Kämpfen in Spanien ums Leben kam, bilden das dritte Paar in dieser erzählten Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs. Hemingway und Barea mussten sich erst scheiden lassen, um ihre Geliebten heiraten zu können, Capa und Taro konnten nicht mehr heiraten, weil Gerda vorher von einem Panzer zermalmt wurde.

 

Fünf einfache Karten und eine hilfreiche Chronologie rücken den Krieg in dem Buch nach vorn. Manchmal läuft die Front direkt durch die Seiten des Buches, aber die Autorin wechselt nie von der republikanischen auf die faschistische Seite.
 
Das titelgebende Hotel Florida in Madrid beherbergte damals alle Prominenten und gibt – wenn sich Pulverrauch verzogen hat – die gesellschaftliche Kulisse. Da finden – gleichsam in den Gefechtspausen – unglaubliche Feste, oft nur mit kümmerlicher kulinarischer Begleitung statt. Dann begleitet die Autorin ihre Heldenpaare wieder an die Front. Sie begegnen von André Malraux bis Gustav Regler so gut wie allen namhaften, im Spanieneinsatz befindlichen europäischen Linksintellektuellen. Nicht immer geht das gut, wie am Beispiel der sich zur Abneigung steigernden Kontroverse der ehemaligen Freunde Hemingway und Das Passos nachgezeichnet wird.
 
Die Autorin schreibt dieses Buch im Stil eines Fortsetzungsromans und lässt am Ende eines jeden der chronologisch angeordneten Kapitel die Spannung steigen. Das jeweils folgende spielt dann an einem anderen Set mit anderen Hauptpersonen. Die Protagonisten weichen nämlich immer wieder in die „Etappe“ zurück, nach Paris, nach Florida und New York, manche Szene spielt auch in Moskau. Dort gibt es im Dezember 1937 eine Szene, in der der französische Journalist Georges Luciani zum sowjetischen Außenminister „einbestellt“ wurde, der ihm – auf diesem manchmal im diplomatischen Verkehr gewählten diskreteren indirekten Weg – eine Mitteilung für den französischen Botschafter machen wollte: Die Sowjetunion könne die lasche französische Haltung gegenüber Nazideutschland und auch im Spanischen Bürgerkrieg nicht hinnehmen. Er deutete an, dass die Sowjetunion auch andere Gruppierungen für möglich halte. Auf die entsetzte Frage des Journalisten „Etwa mit Deutschland?“ habe der Außenminister daran erinnert, „dass Hitler 1931 den alten deutsch-sowjetischen Nicht-Angriffs-Pakt von 1926 erneuert habe, in dem sich Hitler und Stalin verpflichtet hatten, dem jeweils anderen zu Hilfe zu kommen ...“ Der Leser reibt sich die Augen! Ist der amerikanischen Autorin eigentlich entgangen, dass Hitler erst 1933 an die Macht gekommen ist, hat diesen Quatsch die deutsche Übersetzerin einfach wörtlich übernommen, von einem etwaigen Lektorat im Hause Klett-Cotta ganz zu schweigen?

 

Solche Unzuverlässigkeit lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers dann doch verstärkt auf die erzählenden Passagen, die nachgestellten Schlachtszenen und den unterhaltsamen Klatsch. Das sind die – auch literarisch gut komponierten und in den Dialogen fesselnd geschriebenen – eigentlichen Qualitäten des Buches. Für die geschichtlichen Zusammenhänge sei auf die einschlägige Fachliteratur verwiesen.
 
Harald Loch
 
Amanda Vaill: Hotel Florida
Wahrheit, Liebe und Verrat im Spanischen Bürgerkrieg
Aus dem Amerikanischen von Susanne Held
Klett-Cotta, Stuttgart   2015   512 Seiten   24,95 Euro
Pressestimmen

»Müller zeichnet ein aufschlussreiches Bild von den Methoden und Denkweisen innerhalb der Naturwissenschaften […] Sein anschaulicher und prägnanter Stil macht die Lektüre zum Genuss.«
Markus Neurohr, Spektrum der Wissenschaft - Online, 21.5.2015


»Das Buch durchmisst anspruchsvolles Gelände. Dabei nimmt der Autor den Leser an die Hand, indem er jeden seiner Schritte kommentiert und reflektiert.«
Wolfgang Krischke, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.3.2015

Rose Lagercrantz: Wenn es einen noch gibt - Ein Familienporträt

 

Das Familienporträt zeigt nur die Überlebenden. Sie glauben kaum, dass es sie noch gibt. Alle haben einen eigenen Grund, am Überleben zu zweifeln, manche auch, daran zu verzweifeln. Die 1947 in Stockholm geborene Rose Lagercrantz erzählt die Geschichten von nahen und entfernteren jüdischen Verwandten, die ihrerseits die in den Lagern verkürzten Lebensläufe ihrer ermordeten Angehörigen verschweigen, verdrängen, auf gewollte Weise vergessen haben. Die Leerstellen in diesem Familienporträt werden knapp benannt aber nicht ausgefüllt – zeichnen heißt weglassen! Und trotzdem ist das mörderische Geschehen der Shoah literarisch präsent.

 

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg lernen sich die Eltern der Autorin in Schweden kennen. Ella stammt aus dem rumänischen Sighet und hat Auschwitz überlebt. Ihr Mann Georg ist Deutscher und hat gegen  Hitler gekämpft. Ihre Tochter Rose spürt den Wurzeln ihrer Herkunft nach, begleitet ihre alte Mutter in deren letzten Jahren bis zu ihrem Tode. Von ihr erfährt sie nicht viel über die verschwundenen Angehörigen und auch nur wenig über ihr eigenes Überleben. Dem Mann und den Kindern der Autorin kann sie mehr darüber erzählen. So setzt sich ein lückenhaftes Bild der Familienvergangenheit zusammen. Die Autorin reist dann zu Tanten, Cousinen und anderen Verwandten, die auf ganz unterschiedliche Weise „Glück“ gehabt haben, dessen sie als Überlebende nicht immer froh werden. Sie hat es in alle  Welt verschlagen, so dass Rose Lagercrantz nach Südafrika und Paris, nach Kanada und Budapest reist, um ihre Verwandten zu treffen.

 

Es entstehen bewegende Bilder von Lebensausschnitten, Anekdoten voller Humor und Trauer. In Südafrika besucht sie mit einer dorthin ausgewanderten Tante ein nachgebautes „Café Kranzler“, in dem sich jüdische Emigranten treffen und von längst vergangenen Zeiten in Berlin schwärmen. Die wiederholt abgebildete Cousine Adeline in Paris trägt ein Element von Spannung in das sonst ohne solche Tricks auskommende Buch. So unprätentiöse, dabei in schlanker, poetischer Sprache erzählte jüdische Familiengeschichten hat es zuletzt von Katja Petrowskaja in ihrem preisgekrönten Roman „Vielleicht Esther“ gegeben. Anders als Lagercrantz hat Petrowskaja die Geschichten der Ermordeten in den Mittelpunkt gestellt. „Wenn es einen noch gibt“ ist gleichsam das Kontrastporträt zum eigentlichen Thema des Buches, dem Morden in den Lagern. Das bleibt im dunklen Hintergrund und belastet zugleich die Gegenwart. Das sehr einfühlsam von Angela Kutsch aus dem Schwedischen übersetzte Buch bietet mit schönen literarischen Mitteln einen tiefen Einblick in die Lebensprobleme derjenigen, die das Grauen überlebt, aber in ihrem Inneren nicht überwunden haben.

 

Die Autorin beschreibt diese seelischen Wunden nicht larmoyant sondern setzt einen leisen aber unbezweifelbaren Akzent des Widerstandes gegen alten wie neuen Antisemitismus dagegen. Von den wenigen Einzelheiten, die ihre Mutter ihr aus dem Lager berichtet hat, zitiert sie einen Moment: Ein SS-Mann bedroht sie. Den sieht sie fest aus ihren blauen Augen an und spricht mit ihrem Blick: „Du kannst mich töten. Ich habe keine Angst. Ich bin schon tot.“ Dieser Blick rettete Ella das Leben.

 

Harald Loch

 

Rose Lagercrantz:

Wenn es einen noch gibt Ein Familienporträt

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

persona verlag, Mannheim 2015   175 Seiten   17,50 Euro

Buchstaben-Marathon: 1600 Seiten Sizilien

Stefano D’Arrigo: Horcynus Orca

 

´Ndrja Cambria ist der tragische Odysseus, der im Oktober 1943 zwischen Skylla und Charybdis den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt ist. Der Weg in sein sizilianisches Heimatdorf Cariddi ist voller Hindernisse. Die Alliierten sind auf der Insel gelandet und haben sie eingenommen. Mussolini ist im Sommer gestürzt worden, die Deutschen haben in dem noch nicht befreiten Teil Italiens ein militärisches Besatzungsregime errichtet. In dieser historischen Situation verlässt der Bootsmann ´Ndrja Cambria sein Kriegsschiff in Neapel unerlaubt und macht sich auf den Weg nach Hause. Seine Odyssee besingt der Sizilianer Stefano D’Arrigo (1919 – 1992) in dem monumentalen Roman "Horcynus Orca". Er hat für diesen Gesang eine besondere Tonart entwickelt, ein aus der Tiefe der Geschichte angereichertes, für diese Odyssee eingerichtetes Sizilianisch. Ein überquellender Wortschatz häuft sich zum Reichtum einer erzählenden Poesie, die sich mit verwegener Syntax zu einer nie gelesenen Literatur moduliert. Sie begleitet ´Ndrja auf seinen Abenteuern, die ihn an die Straße von Messina führen.

 

Er erreicht sie auf der Stiefelspitze des Festlandes. Alle Fähren und Boote sind – teils von den abziehenden Deutschen, teils von den Alliierten – versenkt worden. Die Überfahrt auf die ersehnte Insel wird zu einer der größten Herausforderungen für den fahnenflüchtigen, heimatsüchtigen Bootsmann. D’Arrigo arrangiert Begegnungen mit anderen, in den Kriegswirren Gestrandeten. Manches dieser Treffen hat homerische Dimensionen: ´Ndrja hält den feminotischen Sirenen stand, die ihm eine junge Schönheit andienen. Der Autor hält es mit mediterraner Beredsamkeit, hat keinerlei Eile, lässt alle ausreden. Er erzeugt keinen Spannungsdruck, sondern lässt die Menschen erzählen. Jede Situation entwickelt ihren eigenen Charakter. Die teils eigentümlichen, teils verzweifelten oder auch sich in erster Nachkriegsregsamkeit bewegenden Figuren fügen sich zu einer großen Polyphonie der Stimmen. In der eigens für diesen großen Roman geschaffenen Sprache klingt das Rauschen des Meeres mit. Die in allen Kriegen weiterreifenden Orangen steuern ihren Duft, die an Jahrhunderte alten Bäumen gewachsenen Oliven ihren Geschmack zu einer Bodenständigkeit bei, die schon die Griechen im Altertum, Franken, Normannen, Araber und Kriegsleute vieler Nationen angezogen hat. Nur in dieser Sprache konnte D’Arrigo die Geschichte seines Protagonisten so erzählen, dass sie völlig seiner Wahrheit und seiner Realität entsprach. Das Erzählte schwankt zwischen „Hörengesagtem und Mitdenaugengesehenem“, zwischen Fabel und Wirklichkeit, Wunschtraum und Unmöglichkeit.

 

´Ndrja Cambria gelingt schließlich mit Hilfe einer „Feminotin“, Herrin und Frau auf den Fähren, die Überfahrt, der Weg nach Hause, auf das von Engländern besetzte Sizilien. Hier, in seinem Fischerdorf, taucht das metaphorisch eingesetzte, titelgebende Meerungeheuer „Horcynus Orca“ auf, der Mörderwal, der neue Gefahren in dem strudelnden Meer gebiert, bis ein eher banaler ballistischer Zufall der großen Erzählung eine andere Wendung als die des glücklich heimkehrenden Odysseus gibt.

 

Der Roman ist eine Herausforderung an den Leser. Über 1600 Seiten verlangen eine Woche Sonderurlaub – sieben Tage, die der Leser nicht vergessen wird. Die Übersetzung war ebenfalls eine Herausforderung. Moshe Kahn hat sie besorgt. Das Ergebnis der ein Jahrzehnt dauernden Arbeit ist so bemerkenswert, dass die Nominierung zum Preis der Leipziger Buchmesse nur ganz unvollkommen das literarische Lesevergnügen widerspiegelt, das sich schon nach wenigen Seiten einstellt, als ob Moshe Kahn diese Odyssee selbst erlebt hat und erzählt. Er hat  die erste Übersetzung überhaupt aus der sizilianischen Kunstsprache des Originals in eine andere Sprache gemeistert. Der „emeritierte“ Züricher Verleger Egon Ammann hat diese Übersetzung herausgegeben und lektoriert. Auch für D’Arrigo war sein Lebenswerk eine Herausforderung. Er schrieb etwa 20 Jahre an diesem Roman, ehe er 1975 erscheinen konnte. Jetzt können auch wir ihn endlich feiern.

 

Harald Loch

 

Stefano D’Arrigo: Horcynus Orca          Roman

Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn

Herausgegeben von Egon Ammann

S. Fischer, Frankfurt am Main 2015   1471 Seiten   Leinen  58 Euro