Belletristik

Das Neueste in der Belletristik

André Dhôtel: Bernard der Faulpelz

Zur Bergung dieses Schatzes nach 70 Jahren hat der Verlag nicht gegeizt und Prominenz bemüht: Das Vorwort schreibt Peter Handke über das Entdecken eines kostbaren Werks. Er lebt seit langem bei Paris und kennt sich wie kaum ein anderer in der französischen Literatur aus. Übersetzt hat den Roman „Bernard der Faulpelz“ des hierzulande kaum bekannten André Dhôtel keine geringere als die ebenfalls in Paris lebende Anne Weber, die für ihr Buch „Annette, ein Heldenepos“ vor zwei Jahren den Deutschen Buchpreis erhielt. Handke schreibt einen „Anreiz zum Lesen“ dieses Romans und Anne Weber trifft genau den Ton der 1952 bei Gallimard erschienenen Originalausgabe „Bernard le paresseux“. Jede Nuance dieser sehr eigenen französischen Stimme sitzt bei ihr. Der Verzicht des Autors auf eine elegante Oberfläche und wohlfeilen Esprit lässt das Wunder seiner klaren Sätze umso schöner wirken. Dhôtel belohnt sein Publikum mit dem Kunststück einer spannenden, auf billige Effekte verzichtenden Dramaturgie, einer nicht ständig nach Freud schielenden Personenführung und schönen Bildern der strengen Landschaft der Ardennen. Dadurch gelingt ihm die literarische Reduktion auf das Schicksalhafte der menschlichen Existenz überzeugend.


Der nicht sehr dynamische, aber durch seine Höflichkeit auffallende Held des Romans ist Bernard, der ohne größere Talente ein eigentlich unbedeutendes Angestelltendasein in einer Kleinstadt in den französischen Ardennen lebt. Er wächst bei Cousins auf, die ihn gegen seinen Willen mit der Tochter eines angesehenen und wohlhabenden Fabrikanten verkuppeln wollen. Kleine Intrigen sollen dabei etwas nachhelfen. Die von den Cousins Auserwählte ist Estelle, die Tochter des Arbeitgebers von Bernard. Beide hassen sich, ohne irgendeinen Grund dafür zu kennen, beide versprechen sich gegenseitig, einander so gut wie möglich schaden zu wollen. Estelles Vater hat neben seiner Ehe noch einen verschwundenen Sohn gezeugt, um den sich Skandalgerüchte ranken, und den es – in einem Nebenstrang der Erzählung – aufzuspüren gilt.

 

Der Vater Estelles entlässt Bernard, der danach einige schlechtbezahlte Jobs annehmen muss. Die Entlassung bei der prominenten Familie hat seinen Ruf in der Kleinstadt dauerhaft ruiniert. Die Unbekümmertheit Bernards und seine „Faulheit“ lassen ihn sozial immer weiter absteigen und treiben ihn in die Arme einer Gruppe von Taugenichtsen. Hier entwickelt der Autor seine ganze Virtuosität in den knappen Porträts der von ihm erfundenen Figuren – es entstehen vor den Augen der Leserin wie des Lesers wirkliche Menschen in ihren prekären Existenzen. Sie haben sich ein halbverfallenes Haus in den Bergen nahe der Kleinstadt gesucht, es notdürftig möbliert und haben sich Bernard als Mitglied der Gruppe gewünscht, weil der ja eigentlich aus einer „besseren“ Welt stammt. Der gescheiterte Kleinbürger als „Wissender“ unter den Tagelöhnern? Diese Rolle wird Bernard ebenso wenig ausfüllen können, wie alle frühen. 


Ein paar Mal begegnet er noch Estelle. Immer versichern sie sich gegenseitig ihres Hasses. Ihr Bruder wird von Bernards Gruppe gefunden und Estelle kümmert sich um ihn. Auf alle möglichen Nebenwege nimmt der Autorseine Leser mit – nicht um die Spannung zu erhöhen, sondern weil sie literarisch notwendig sind, das Bild des kleinbürgerlichen Milieus abrunden und einfach gut erzählt sind. Der Schluss des Romans an einem eiskalten Winterabend ist überraschend. Dhôtel erzählt ihn nicht direkt, sondern lässt Zeugen darüber berichten. Das ist alles sehr gut gebaut und auch im Modus „vom Hörensagen“ sehr authentisch. Bernard ist kein Glückspilz aber ein grundanständiger Kerl. Ebenso seine „Gehasste“, Estelle, mit der er noch ein Stück gemeinsamen Weges im Schneesturm geht. 


Harald Loch


André Dhôtel: Bernard der Faulpelz
Aus dem Französischen von Anne Weber
Mit einem Vorwort von Peter Handke
Matthes & Seitz, Berlin 2022   282 Seiten   24 Euro

 

George Saunders:                                           Bei Regen in einem Teich schwimmen                 Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen

Im gemischten Doppel zu einem außergewöhnlichen Lesegenuss: „Bei Regen in einem Teich schwimmen“ lautet der etwas hermetische Titel des Buches von Georges Saunders, das gleich zweifach erfreut. Es enthält sieben klassische Kurzgeschichten der russischen Meister Tschechow, Turgenjew, Tolstoi und Gogol in bewährten deutschen Übersetzungen.

 

Das ist eine erlesene Anthologie, bestechend ausgewählt und fehlt in keiner gut sortierten Hausbibliothek – also nichts Neues, doch etwas ganz Kostbares. Das ist aber nicht alles. Georges Saunders unterrichtet seit über zwanzig Jahren an der Syracuse University (NY) Creative Writing und bespricht mit seinen Studenten der master class diese sieben Kurzgeschichten. Sein jetzt von Frank Heibert gekonnt übersetztes Buch fasst diese Lehrtätigkeit überzeugend zu dem zweiten Lesegenuss zusammen – Interpretations-Übungen für angehende Autoren. Was zum Schreiben taugt, ist erst recht für das Lesen-Lernen auf hohem Niveau geeignet – ein literarisches und intellektuelles Vergnügen. Der 1958 in Texas geborene Saunders bringt dafür ganz ungewöhnliche Voraussetzungen mit: Er hat zunächst Ingenieurwesen im Fach Geophysik studiert und auch in diesem Beruf gearbeitet – bodenständiger geht es nicht. Später fing er an zu schreiben und ist ein erfolgreicher Autor, der 2017 den britischen Man Booker Prize gewann.
Die ausgewählten russischen Geschichten haben es ihm angetan. Er liest sie nicht unkritisch, nimmt sie Satz für Satz auseinander und baut mögliche Interpretationen darauf auf. Das liest sich bei ihm aufregend, plausibel und unterhaltsam. Seine Studenten kann man nur beneiden. Den Titel des Buches entnimmt er einer Schlüsselszene aus Anton Tschechows Erzählung „Stachelbeeren“. Am Ende seiner 28 Seiten umfassenden Gedanken zu dieser Erzählung von 14 Seiten steht dann der Satz „Deshalb funktioniert Literatur“. Tatsächlich? Lesen Sie selbst! Am Ende seiner Gedanken zu Turgenjews großartigen Erzählung „Die Sänger“ gibt er seinen Studenten eine Empfehlung: „…Die Leserin ist da draußen, und sie ist real. Sie interessiert sich für das Leben, und indem sie zu einem Werk von uns greift, gibt sie uns einen Vertrauensvorschuss. Wir müssen sie nur in Bann schlagen. Und um sie in Bann zu schlagen, müssen wir sie nur ernst nehmen.“ Übersetzt an die Leserin heißt das: „Nehmen Sie den Autor ernst!“ Das fällt ja vielleicht bei der Lektüre von Gogols „Die Nase“ nicht ganz leicht.

 

Ein Barbier findet morgens im Brotteig seiner Frau die Nase eines Kollegienassessors, der sie vermisst. Den Beitrag zu diesem Klassiker überschreibt Saunders: „Die Tür zur Wahrhaftigkeit könnte das Merkwürdige sein.“ Da ist der Ingenieur in Saunders herausgefordert. Was macht er? Dasselbe wie Gogol, er gesteht: „erst jetzt, unter Erwägung aller Umstände – sagt der Erzähler - sehen wir, dass die Erzählung vielerlei Unwahrscheinlichkeiten enthält.“ Von Leo Tolstoi stehen zwei Geschichten im Buch: „Herr und Knecht“ und „Aljoscha der Topf“. Das Rätselhafte dieses Titelhelden bleibt unaufgelöst, weil Tolstoi es nicht auflösen will: „Jedes Mal, wenn ich „Aljoscha der Topf“ lese, versetzt mich das in diesen Zustand des Fragens, des Wunderns. Und ich bekomme nie eine Antwort, außer: ‚Wundere dich weiter.‘ Und das, finde ich, ist eine echte Leistung.“ Den Anfang des Buches macht Tschechows „Auf dem Wagen“, die Geschichte von Marijas Einsamkeit. Zu dieser nicht besonderen Grundschullehrerin in der russischen Provinz, entwickelt die Leserin, der Leser eine vielleicht lebenslange Zuneigung: „wir können Marija Einsamkeit jetzt voll und ganz spüren. So als wäre es unsere eigene…“


Zum Schluss noch ein Bekenntnis des Autors über das, was er in aller Welt bei Tausenden begeisterter Leserinnen und Lesern kenngelernt hat: „Ihre Leidenschaft für die Literatur hat mich davon überzeugt, dass die Welt über ein weitgespanntes Untergrundnetz für gutes Handeln verfügt: ein Gewebe aus Menschen, die das Lesen in den Mittelpunkt ihres Lebens gestellt haben, weil sie aus Erfahrung wissen, dass das Lesen sie zu offeneren, großzügigeren Menschen macht – und das Leben interessanter.“

 

Harald Loch

 

George Saunders: Bei Regen in einem Teich schwimmen
Von den russischen Meistern lesen, schreiben und leben lernen

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

Luchterhand, München 2022   544 Seiten   24 Euro

Die Jagd - in Russland - das Schreckliche


Sasha Filipenko diagnostiziert flächendeckend Persönlichkeitsspaltungen in seinem Land: „Iwan der Schreckliche “ kann zum Herzblatt werden und Priester weihen Ikonen, Putin kommt noch nicht vor, aber man möchte jetzt schreiben und Putin bombardiert Kinder. „Wladimir der Schreckliche“! 


Das alles ist Russland. Die dunkle Seite der Macht heißt heute Menschen ausschalten. Früher waren die alten Methoden Verhöre im Keller, Druck ausüben, geheimdienstliche Unterredungen beginnen, heute geht es brutaler zu: LKW in die Kreuzung stellen, Kugel in den Kopf, Gift ins Essen, Stürze aus dem Fenster nach Verhören, Medienberichte mit kompromittierendem Material einsetzen, Strafverfahren anzetteln und Hasskommentare ins Netz stellen. 


Zum Personal des Romans: Ein Journalist weiß wie immer was Wichtiges und Zuviel, ein Sohn gerät in Konflikt mit dem Vater und ein böser Oligarch, der sein gescheffeltes Geld ins Ausland transferiert und dessen Familie sich gerne an der Côte d’Azur sonnt. „Ich erzähle die Geschichte eines Journalisten und will zeigen, wie in Russland die Pressefreiheit zerstört wird, wie man Reporter fertigmacht. Da gibt es in autoritären Systemen wie Russland oder Belarus nicht nur den Mord, sondern viele Vorstufen. Immer wenn Journalisten attackiert werden, dann geht es meist nicht nur um sie selbst, sondern das hat oft auch große Auswirkungen auf ihr familiäres Umfeld. Das erfahre ich gerade auch selbst.“


Filipenkos Enthüllungsthriller macht den Autor selbst zum Gejagten, der ständig seine Wohnsitze ändern muss, um sich der eventuellen Revanche des Systems zu entziehen. Eingangs ist die musikalische Form einer Sonate als Textformat und die Personenmatrix etwas schwerer zu durchschauen und verlangt Durchhaltevermögen, aber das Klima der Angst, die Vertikale der Macht, der Umgang mit Fakenews, Drohung, Einschüchterung, den Gegner mürbe machen, diese Mechanismen der Zerstörung von oben sind listig eingefangen und plausibel dargestellt. 
„Dafür kannst du sicher sein, dass du in Russland bist. Du siehst diese Schnauzen und weißt sofort – willkommen in der Großmacht.“ 


Die Jahre laufen normal wie immer. Diplomaten unterzeichnen sinnlose Abkommen, Fußballer schießen entscheidende Tore, Männer betrügen Frauen, und der rote Kaviar wird billiger. Willkommen im Russland heutiger Tage. 


Derart realistisch beschreibt Filipenko in russischer Sprache sein Nachbarland Russland, denn er selbst kommt ja aus Belarus und sieht das Land Lukaschenkos als Diktatur-Testregion, wo alles zuerst ausprobiert wird und dann in Russland folgt. Filipenko wird für folgende Romane keinen Themenmangel haben. 


Sasha Filipenko, geboren 1984 in Minsk, ist ein belarussischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt. Nach einer abgebrochenen klassischen Musikausbildung studierte er Literatur in St. Petersburg und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber für eine Satireshow und als Fernsehmoderator. Sasha Filipenko ist leidenschaftlicher Fußballfan und wohnte bis 2020 in St. Petersburg. Er hat Russland verlassen und hält sich derzeit an wechselnden Wohnorten in Westeuropa auf.

 

Saha Filipenko Die Jagd Diogenes

Auf Virenspurensuche in Wuhan

Wenn wir das nur wüssten! Woher kommt das Sars-Cov-2-Virus wirklich? Wurde es von Menschen in die Welt gesetzt, weil sie in Laboren gefährlich experimentiert haben oder ist das Virus von Wildtieren auf den Menschen unabsichtlich übergesprungen? 

 

Shanghai erlebt gerade, was in Wuhan einst begann. Mit dem Buch WUHAN DOKUMENTARROMAN legt der chinesische Autor Liao Yiwu im Verlag SFischer ein Buch vor, das nach der „Allinone“-Methode mehrere literarische Ansätze vereint. Der Autor mischt Realität mit Phantasie, also Faction und Fiction, ist Dokumentar und Romancier zugleich. 


Eine Hauptfigur ist Ai Ding, der sich nach Wuhan aufmacht, um dort das Virus und dessen Verbreitung aufzuspüren. Er trifft auf Bürokratenhass und Minderheitenverfolgung. In Wuhan ist der zweite männliche Held unterwegs, ein Enthüllungsjournalist. Mit Namen Kcriss, ehedem ein Nachrichtensprecher, er hat seinen Job aufgegeben. Nun ist er als so genannter "Bürgerjournalist" - vom Geheimdienst verfolgt - auf Spurensuche. Er wird verhaftet, kann dies im Netz noch dokumentieren, verschwindet aber völlig von der Bildfläche. Wie so oft in China üblich.  

Die dritte Hauptfigur ist von technischer Art: das Internet und dessen Fluch und Segen in einer kapitalistisch-kommunistischen Welt Chinas. In China herrscht staatliche Willkür, erst recht in viralen Zeiten. Da sagt ein Kontrolleur in schonungsloser Offenheit: “Also gut. Wenn Sie unbedingt hierbleiben wollen, verhaften wir sie wegen ‚ordnungswidrigen Verhaltens‘. Wer während der Epidemie Partei und Regierung zusätzlichen Ärger macht, wird ausnahmslos als ‚besonders schwerer Fall‘ behandelt, Sie können gerne hier für fünf Jahre ins Umerziehungslager, das sollte kein Problem sein.“ 

 

Da ist sie, die vierte Haupt“person“. Der Staat selbst, die Obrigkeit, das kafkaeske System der allumfassenden Kontrolle. Sie steckt Menschen in Hausarrest wegen des „Verdachts auf Verbreitung von Gerüchten“. Hausarrest aber heißt nicht „zu Hause arrestiert“ sondern das Verschwinden auf Nimmerwiedersehen, spurlos, und in Lagern grausam gefoltert. 

 

Auch Chinas Null-Covid-Strategie hat brutale Konsequenzen. Städte sind hermetisch abgeriegelt, keine Versorgung mit Lebensmitteln oder Ärzten, Leichenberge müssen abtransportiert werden, die Denunziation wächst, die Quarantäne gerät zum Isolationsgefängnis. 

 

"Ich bin krank und aus Wuhan
Sie nennen mich Virus aus Wuhan
Ich bin auf der Flucht, im eigenen Land
Ich bin ein Vogel im Käfig
Zu spät das Flügelschlagen
Ich werde verlegt, in einen anderen Käfig
Vor der Scheibe, in der Ambulanz
Fiebernde Massen wie endlose Strömungen aus dem All
Streifen das Firmament und die See
Welle schluckt Welle
Und das Virus schlägt zu wie in den Wogen verborgen der Hai
Mordet uns Organe und Eingeweide" (Liao Yiwu: Wuhan)

 

Liao Yiwus Dokumentarroman bietet stilistisch Variabilität, die von Aufklärung, Dokumentation, Politthriller bis zur phantasiereichen Fiktion reicht, durchaus auch mit Witz und Ironie angereichert. Zugleich real und surreal. In seiner überreichen Fülle jedoch zuweilen anstrengend beim Lesen nachzuvollziehen, was nun real und was phantasiert ist. Ein umfangreicher Anmerkungsapparat des Übersetzers bietet Hilfe an. Das Buch ist fordernd, ebenso wie das Virus selbst.
  
Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht „Massaker«, wofür er vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis „Freiheit zum Schreiben“ ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. Er wurde mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Liao Yiwu lebt in Berlin.

 

Liao Yiwu WUHAN Dokumentarroman       SFischer

David Diop: „Reise ohne Wiederkehr“  

Die Kolonialgeschichte Westafrikas ist eine Geschichte des Sklavenhandels. Wird sie von Europäern erzählt, trieft sie oft von wohlfeiler Betroffenheit. Wird sie von Afrikanern erzählt, gelingt manchmal der literarische Wurf, der nichts beschönigt, aber an die großen Menschheitsthemen anknüpft, die auf der ganzen Welt Beachtung finden. David Diop ist mit seinem Roman „Reise ohne Wiederkehr“ ein solcher Wurf gelungen, der hierfür die Reisehefte des französischen Botanikers Michel Adanson (1727 – 1806) als authentische Grundlage nutzt. Der ist als junger Wissenschaftler mit 23 Jahren nach Senegal gereist, um unbekannte Pflanzen aufzunehmen und zu beschreiben – eine Forschungsreise. Der 1966 in Paris geborene Autor ist in Senegal aufgewachsen und lehrt heute französischsprachige afrikanische Literatur in Pau. Für seinen Roman „Nachts ist unser Blut schwarz“ erhielt er 2021 den „International Booker Prize“.


Der Roman, dessen fiktionale und reale Anteile ineinanderfließen und deren Trennung auch nicht wichtig ist, ist in einem Rahmen erzählt. Die Tochter des Botanikers erbt dessen recht kümmerlichen Nachlass, zu dem auch, im Geheimfach eines Sekretärs, die vom Verstorbenen an sie gerichteten Hefte gehören. Aus denen besteht der Roman im Kern und aus denen wird umfassend zitiert. Der Autor verbindet diesen Reisebericht mit eingeflochtenen Hinweisen an seine Erbin, alles wie aus einem Guss. Der Übersetzer Andreas Jandl weist in seiner kurzen Vorbemerkung darauf hin, dass er die noch nicht durch rassistischen Fehlgebrauch kontaminierte Sprache des 18. Jahrhunderts nicht im Geiste einer falschen political correctness glättet, die Bewohner Senegals bleiben im Text also „Neger“, als die sie versklavt wurden. 
Unter den Worten Adansons bzw. Diops entsteht ein von Abenteuern gewürzter Reisebericht entlang der Atlantikküste Senegals oder auch durch die Wüstenausläufer.

 

Der Botaniker wird von Trägern und einigen Bewaffneten begleitet, wählt nicht den bequemeren Seeweg, sondern reist unter erschwerten Bedingungen zu Fuß. Er wird begleitet von einem blutjungen Königssohn eines der damaligen kleinen Reiche in Senegal. Zu ihm entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die sich durch die Geschehnisse später verläuft. Das eigentliche Ziel der Reise ist eine Ortschaft, in der sich eine junge Frau versteckt halten soll, die vor ihrem mächtigen Onkel geflohen ist, der sie vergewaltigen wollte. Daran wurde er durch das Erscheinen von Franzosen gehindert, die ihrerseits ein Auge auf das kaum erwachsene Mädchen geworfen hatten und sie dem Onkel gegen ein Gewehr des Begleitkommandos abkauften. Die Geschichte dieser Maram erfährt der Leser in den Heften Adansons, dem die junge Frau eines Tages alles erzählt hat. Sie hatte sich von den Franzosen durch eine abenteuerliche Flucht befreien können und lebte unerkannt als Heilerin in dem Dorf, das der Botaniker schließlich erreichte. Aber er war schwer erkrankt und geriet in die Pflege dieser Heilerin, die eine vollendete Schönheit gewesen sein muss, schenkt man den Jahrzehnten später für seine Tochter niedergeschriebenen Heften Glauben. Adanson verliebt sich in Maram. Diese Liebe wird aber nicht vollzogen – aus Respekt vor den inkompatiblen Kulturen.


Unversehens wird aus der den Sklavenhandel anklagenden Abenteuererzählung eine Liebesgeschichte zwischen einem für seine Zeit sehr aufgeklärten Naturwissenschaftler und einer sehr schönen und ebenso intelligenten Negerin, wenn hier dieser damals übliche Begriff verwendet werden kann. Diese Geschichte einer tiefen Zuneigung endet schon nach wenigen Tagen, als sich Maram an ihrem Onkel gerächt hat und als Sklavin nach Louisiana in Amerika verkauft wird. Adanson versucht mit ihr zu fliehen, Maram wird dabei – klassisch – auf der Flucht erschossen. Der ganze aus den Heften wiedergegebene Reisebericht ist eine einzige Anklage gegen den von Gewinnsucht betriebenen Sklavenhandel und eine Einforderung von Menschenrechten für ALLE, getragen vom Respekt vor dem Kern aller dieser erst später formulierten Rechte – der Gleichheit aller Menschen. Wenn Literatur in den einfachen Worten dieser Reisehefte erzählt und schön in einen plausiblen Rahmen eingebettet wird, zeigt der versklavende Kolonialismus seine wahre und nicht nur historische Fratze.


Harald Loch

 

David Diop wurde 1966 in Paris geboren und ist im Senegal aufgewachsen. Er unterrichtet heute französischsprachige afrikanische Literatur an der Universität Pau. »Nachts ist unser Blut schwarz« wurde in Frankreich als literarische Sensation gefeiert. David Diop erhielt dafür zahlreiche Preise unter anderem den Prix Goncourt des lycéens 2018 und als erster französischsprachiger Autor den International Booker Prize 2021. Die »Reise ohne Wiederkehr« ist sein dritter Roman.


David Diop: „Reise ohne Wiederkehr“   oder die geheimen Hefte des Michel Adanson    Roman
Aus dem Französischen von Andreas Jandl
Aufbau, Berlin 2022   236 Seiten   22 Euro

Leonardo Padura: „Wie Staub im Wind“    

Kuba, die größte Insel der Karibik, lange Zeit Vorzeigeland und Vorreiter der „Dritten Welt“ mit seinem vorbildlichen und kostenlosen Bildungswesen und seinem ebenfalls kostenlosen und hervorragenden Gesundheitssystem – Kuba, das Land Fidel Castros, des Zuckers und märchenhaft teurer, wohlduftender Zigarren ist die Hauptperson im hell beleuchteten Hintergrund des Romans „Wie Staub im Wind“ von Leonardo Padura. Der 1955 in Havanna geborene und auch heute dort lebende Autor ist dem deutschen Publikum von seinem Krimizyklus Das Havanna-Quartett bestens bekannt. In einem großen Wurf erzählt er vom Leben und Sterben einer Gruppe von enthusiastischen Kubanern, einem „Clan“, von denen jede und jeder von Kuba profitiert, Kuba auch im Exil nicht abschütteln kann, in das die meisten nach und nach auf oft geheimnisvollen Wegen fliehen. Er erzählt von den Auswirkungen der jahrzehntelangen Blockade durch die USA, von der die Folgen dieser Wirtschaftssanktionen weitgehend kompensierenden Hilfe seitens der ehemaligen Sowjetunion und den Folgen, die der Zusammenbruch der UdSSR für Kuba hatte, als die Unterstützung wegfiel, die Blockade aber blieb: Extreme Mangelwirtschaft, steigende Korruption, verschärfte Überwachung durch den Geheimdienst. Aber es blieben die „Errungenschaften“ Bildungs- und Gesundheitswesen.


Wenn das alles wäre, hätte Padura ein Sachbuch geschrieben, soziologisch tief erforscht, authentisch, wichtig. Den eigentlichen literarischen und menschlichen Kern des Romans bilden aber die Mitglieder des „Clans“. Sie seien hier einmal namentlich aufgezählt:  Elisa, Bernardo, Horacio, Dario, Irving, Fabio, Liuba und Walter. Den ruhenden Pol bildet allerdings Clara, die das große Haus ihrer Eltern hütet, Kuba nicht verlässt wie ihr erster Mann und ihre beiden Söhne und fast alle anderen Mitglieder des Clans. Gründe dafür gibt es genug. Sie hängen mit Karrierewünschen, Verfolgung, Armut oder sexueller Orientierung zusammen. Alle sind miteinander eng befreundet und verlieren sich auch in ihren Exilländern nie völlig aus den Augen. Das ist der äußere Handlungsraum, spannend erzählt, in der Personenführung so exakt durchgeführt, dass einem nach den 500 Seiten dieses großartigen Romans, alle Personen lebendig vor Augen stehen, manche ans Herz gewachsen. Die verschiedenen Ausprägungen der condition humaine, kubanisches Temperament und vor allem der seit Jahrtausenden nicht nur die Literatur bewegende Topos der Abstammung – wer ist mein Vater? - beherrschen diesen „virtuosen Roman“ (Le Monde). Die persönlichen und gesellschaftlichen Fragen erzählt Padura in einem Vor- und Zurückschwingen durch Jahrzehnte. In dieser Bewegung nimmt er die einzelnen Clan-Mitglieder in den Blick, feiert und leidet mit ihnen und erzählt voller Empathie von ihren Illusionen und Enttäuschungen unter dem Motto des Buchtitels „Wie Staub im Wind“, einem Lied der amerikanischen Kansas Rock-Band. Damit ruft der Autor ganz besondere Lebens- und Überlebensmöglichkeiten auf. Den Krimiautor verleugnet Padura nicht, wenn er den tödlichen Sturz Walters von einer Dachterrasse im 18. Stockwerk verrätselt – Selbstmord, Mord, was sonst? Die für den Clan existenzielle Frage löst er erst am Ende auf. Alles ist wie von Meisterhand gebaut und geschrieben – ein bedeutender Roman, durch den ein freiheitlicher Wind weht. Dass das ist heute in Kuba möglich ist!


Harald Loch

 

Leonardo Padura, geboren 1955 in Havanna, zählt zu den meistgelesenen kubanischen Autoren. Sein Werk umfasst Romane, Erzählbände, literaturwissenschaftliche Studien sowie Reportagen. International bekannt wurde er mit seinem Kriminalromanzyklus Das Havanna-Quartett. Im Jahr 2012 wurde ihm der kubanische Nationalpreis für Literatur zugesprochen, und im Juni 2015 erhielt er den spanischen Prinzessin-von-Asturien-Preis in der Sparte Literatur. Leonardo Padura lebt in Havanna.


Leonardo Padura: „Wie Staub im Wind“      Roman
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Unionsverlag, Zürich 2022   515 Seiten   26 Euro

 

...als der Endsieg ausblieb...über Krieg und Frieden


Andreas Fischer: „Die Königin von Troisdorf“   Wie der Endsieg ausblieb 
Dieses Selfie ist ein Roman! Andreas Fischer, Jahrgang 1961, legt nicht sich selbst auf die Couch des Analytikers, sondern die noch pubertierende Bundesrepublik. Sein Roman „Die Königin von Troisdorf“ taucht so tief in die Familiengeschichte des Autors ein, dass es wehtut – wie die Ohrfeigen, die er als Junge manchmal bekommen hat.

 

Die Zeit war autoritär und seine Eltern, seine Großmutter, Onkel und Tanten, die Gesellschaft im rheinischen Troisdorf waren autoritär, so dass es noch beim Lesen schmerzt. Es waren ganz Unverbesserliche unter ihnen, die Deutschland „über alles“ liebten, die den vergangenen 1000 Jahren nachtrauerten, dass sie nur 12 Jahre gedauert hatten, für die die Kriegsgefallenen der Familie immer noch Helden waren, und die erleben mussten „wie der Endsieg ausblieb“ – so der Untertitel. Für sie wurde, als das Hakenkreuz verschwand, die Mark das Maß aller Dinge.
Der Autor machte, wie schon sein Vater, eine Fotografenausbildung, studierte Filmwissenschaft, Ethnologie und Psychologie und drehte später etliche Dokumentarfilme fürs ZDF und den NDR. Er schreibt mit einer natürlichen Begabung für guten Stil. Er schneidet seine Romanerzählung in 60 Teile, die er nicht chronologisch, sondern nach seiner selbstgewählten Dramaturgie ordnet. Das verstört den durch schreibschulgeföhnte Literatur Verwöhnten im ersten Augenblick, überzeugt aber umso mehr, je weiter der Roman fortschreitet. Meist steht der Junge Andreas im Mittelpunkt. Er leidet an seinem Vater, der abends, wenn er aus seinem gutgehenden Fotogeschäft nach Hause kommt, bis zum Vollrausch Schnaps trinkt. Er leidet an seiner Mutter, die dem Geschäft mit Fleiß und Sparsamkeit zur Blüte verhilft, sich aber kaum um ihren Sohn kümmert. Er leidet unter seiner Großmutter, die oben im selben Haus wohnt und ihn nicht leiden kann. Sie wird von Arbeitern, die sich von ihr beobachtet fühlen, als „Die Königin von Troisdorf“ karikiert. Er leidet unter der mitleidlosen Frömmigkeit von Mutter und Großmutter, unter Lehrern und Mitschülern, unter Onkel und Tante. Aber er entwickelt sich, liebt es, wenn sein in vielen Dingen sehr geschickter Vater sich mit ihm beschäftigt. Doch nach dem, was in der Schule passiert, fragt der nie.


Dieser Entwicklungsroman ist traurig und berührend, zeigt alles, was Eltern falsch machen können. Aber Andreas trifft in reiferem Alter auch schöne, versöhnlichere Töne. Unversöhnlich bleibt er gegenüber dem militaristischen Geist im Hause, gegenüber der politischen Unverbesserlichkeit und gegenüber Rassismus in den Gesprächen der Familie. Zwei mögliche Onkel sind im Krieg gefallen. Beide waren glühende Nazis. Sein eigener Vater leugnet den Holocaust, in der Schule lernen sie das Gegenteil. Was ist wahr, Vaters Version der Geschichte oder die der Lehrerin? Der Autor breitet seine eigene Entwicklung und die Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Gesellschaft in der rheinischen Kleinstadt aus. Es ist wie ein künstlicher Hintergrund, der seinem Vater im Fotogeschäft für besonders ausdrucksvolle Porträts dient. Nur, dass der gesellschaftliche Hintergrund nicht künstlich, sondern real ist.

 

Eigentlich schreibt Fischer einen Antikriegsroman aus seiner Perspektive als Kriegsenkel. Erst ein pensionierter General, den er als Ersatzdienstleistender pflegt, erkennt seine Kriegsdienstverweigerung richtig an. Erst ein fremder Kriegsveteran vertraut Andreas an, dass allen vieles erspart geblieben wäre, wenn es mehr Menschen so wie ihn gegeben hätte. Fischer schreibt das alles ohne erhobenen Zeigefinger oder ideologische Ermahnung an den Leser. So ist es gut erzählt und wird seine Wirkung nicht verfehlen. Man muss dem Buch, gerade in Kriegszeiten, viele Leser wünschen.


Harald Loch


Andreas Fischer: „Die Königin von Troisdorf“   Wie der Endsieg ausblieb
eschen 4 verlag, Berlin 2022   477 Seiten   22,50 Euro 

 

 

Tania Blixen: Babettes Gastmahl       Erzählung

Die Meisterköchin wird als Petroleuse nach der Niederschlagung der Pariser Commune verfolgt und ist nach Norwegen geflohen: Babette. Mit einem Empfehlungsschreiben wendet sie sich hilfesuchend an Martine und Philippa, Töchter eines längst verstorbenen Probstes. Für sie arbeitet sie 14 Jahre lang als Köchin von Stockfisch und Kartoffelsuppe, keine Menüs wie sie sie im Pariser Café Anglais gekocht hatte. Der 100. Geburtstag des verstorbenen Probstes naht und Babette erbittet sich die Gunst, ein Gastmahl auszurichten und es selbst zu bezahlen. Sie hatte in Abwesenheit von Paris dort 10 000 Francs gewonnen. Dieses Fest ist Gegenstand der Weltliteratur durch Tania Blixens Erzählung und es wurde mit der Oscar-Prämierung des schönen Films weltweit bekannt: „Babettes Fest“ eben.


Blixens Erzählung wurde erstmals 1950 in einer amerikanischen Frauenzeitschrift veröffentlicht. Die Autorin hatte sie auf Englisch verfasst und erst Jahre späte selbst ins Dänische übersetzt und erweitert. Dieses eigentliche, dänische Original ist jetzt von Ulrich Sonnenberg fein übersetzt und kenntnisreich kommentiert worden. Manesse hat dem Buch einen Leineneinband spendiert, es ist mit einem dunkelblauen Lesebändchen und gleichfarbigem Faden geheftet, wie es sich für Weltliteratur gehört. Der Titel heißt jetzt „Babettes Gastmahl“. In dem frommen protestantischen Haus in Norwegen erinnert es auch mit der Anzahl der Gäste an das Abendmahl. Das sehr lesenswerte Nachwort des norwegischen Schriftstellers und Restaurantkritikers Erik Fosnes Hansen sieht auch eine Nähe zum „Symposion“ von Platon. 
Das „Geheimnis“ der Erzählung – wenn es noch Geheimnisse in Werken der Weltliteratur gibt – enthüllt Hansen: „Babettes Gastmahl“ ist ein Künstlerroman, die Köchin Babette ist eine Künstlerin, die ihr Publikum, die vermögenden Gäste im Café Anglais verloren hat, die sie selbst als aufständische Petroleuse bekämpft hat. In ihrem norwegischen Asyl gönnt sie sich von ihrem Lotteriegewinn eine einmalige Wiederholung ihrer Kunst und serviert ihr Meistermenü den begeisterten Norwegern. Großartig! Ein sehr schönes Buch!


Harald Loch


Tania Blixen: Babettes Gastmahl       Erzählung
Aus dem Dänischen übersetzt und kommentiert von Ulrich Sonnenberg
Mit einem Nachwort von Erik Fosnes Hansen
Manesse, München 2022   120 Seiten Leinen   20 Euro
 

 

Lauter tiefschürfende Sätze

„In der Natur gibt es keine Verneinung.“ Wer weiß das schon? Alexander Kluge stellt diesen Satz an das Ende eines kurzen Nachdenkens über chinesische Schriftzeichen in seinem neuesten Werk „Das Buch der Kommentare“. Es erscheint kurz vor seinem 90. Geburtstag am 14. Februar. Dort, wo er steht, stimmt der Satz, denn Kluges Programm für diese eigene Gattung literarischer Texte lautet: „Kommentare sind kein lineares Narrativ. Sie sind Bergwerke, Katakomben, Brunnen, die stollenartig in die Tiefe graben. Es reizt mich, diese besondere Form der Narration neu zu erproben.“
Der Reiz dieser Erprobung geht auf wundersame Weise auf den Leser über, der in über 200 Spatenstichen in die Tiefe mitgenommen wird, gegraben „im unruhigen Garten der Seele“ (so der Untertitel des Buches) in zwölf Stationen, zusammengehalten vom Grundgedanken des Kommentars, von leitmotivisch gesetzten Wörtern. Was einem klugen Mann nicht alles durch den Kopf geht! Wie er es versteht, den Adressaten seines eigentlich inneren Gedankenstroms damit zu fesseln, alles auf die Waagschale zu legen, ohne ideologische Grundierung eine im besten Sinne fortschrittliche Atmosphäre zu entwickeln. 


Alexander Kluges Kommentare sind keine Sammlung wichtiger Fragen an die Welt, an die Natur, an den Menschen. Sie sind folglich auch keine „letzte“ Antworten auf nicht gestellte Fragen. Sie sind eine intelligente Erzählung, ein intellektueller innerer Monolog, der sich direkt an sein Publikum wendet. Seine Kommentare sind von überwältigender sprachlicher Klarheit. Sie reifen in dem unruhigen Garten der Seele.
Berührend sind die Erinnerungen an das Sterben seiner Schwester Alexandra, der er schon in seinem frühen Film „Abschied von gestern“ ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. Wie intensiv sich der alte Autor an seine Kindheit in Halberstadt erinnert, an die Fliegerangriffe, an sein Elternhaus mit drei Etagen und einem Dachboden darüber! Eindrucksvoll ist sein mehrteiliges Interview mit der Virologin Karin Mölling, die ihm anvertraut: „Viren haben vier robuste Fähigkeiten. KLEBEN, SCHNEIDEN, MUTIEREN, SICH VERMEHREN“. Kluge zeigt, das Viren Platonische Körper bilden, von denen es fünf gibt. 

 

Überhaupt: Viele Abbildungen kommentieren die Kommentare. In welchem Geschichtsbuch könnte man den Funkspruch vom 28. November 1917 „An die Völker der Kriegführenden!“ nachlesen, mit dem sich Der Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten Trotzki und Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare Uljanow Lenin für einen sofortigen Waffenstillstand nach mehr als drei Jahren des Ersten Weltkrieges beschwörend unmittelbar an die Völker, weniger an die kriegslüsternen Regierungen wandten? 


Das Buch „Auch eine Geschichte der Philosophie“ von Jürgen Habermas ist für Kluge Anlass, weit in die griechische Geschichte zurückzugehen. Gedanken über räuberische Haie und Großschildkröten begleitende Pilotfische führen ihn weiter zu Erinnerungen an Hans-Jürgen Krahl vom Frankfurter SDS, mit dem er seinerzeit auch darüber diskutierte. Er singt ein Loblied auf die Übersetzer an der Genfer Indochinakonferenz, die dem Krieg Frankreichs gegen seine ehemaligen Kolonien ein Ende bereitete. Ihnen gelang in den letzten, schon überzähligen 20 Minuten, was den Politikern tagelang nicht gelingen wollte. Jeder dieser vielen kleinen Essays öffnet ein Tor, das jeder Leser selbst durchschreiten darf.
Hunderte Spatenstiche in diesem Unruhigen Garten der Seele wühlen tief und klären auf, machen süchtig, stecken und stiften an. Den genauen, unprätentiösen Ausdruck hat Kluge wohl schon beherrscht, bevor er Jurist wurde. Die mit allen Sinnen aufgenommene Welt hat er auf viele Filme gebannt. Den Kommentar – wie hier im Plural – hat er als „nichtlineare“ Erzählform neu belebt und gleich zu ihrer Vollendung weitergeschrieben. Wer das vielleicht etwas unterhaltsamer erleben will, greife zu dem gleichzeitig erscheinenden „Zirkus/Kommentar“, der seine Leser genauso wenig ratlos in der Zirkuskuppel zurücklässt, wie „Das Buch der Kommentare“. Alexander Kluges Gedanken, bestechend und demütig vor ihrer Tiefe formuliert, beglücken als eine weitere Quintessenz der Literatur.


Harald Loch


Alexander Kluge: Das Buch der Kommentare   -   Unruhiger Garten der Seele Suhrkamp, Berlin 2022   400 Seiten   zahlr. s/w Abb.   32 Euro


Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, ist Jurist, Autor, Filme- und Ausstellungsmacher; aber: »Mein Hauptwerk sind meine Bücher.« Für sein Werk erhielt er viele Preise, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Theodor-W.-Adorno-Preis, Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und 2019 den Klopstock-Preis der Stadt Halberstadt.

Caféhausgschichten

 
Caféhausliteratur kommt aus Österreich. Stimmt! Was nicht stimmt, dass angeblich die besten Geschichten das Leben schreibe. Noch bessere stehen nämlich in der Zeitung und die allerbesten passieren im Café. Beweis: Die 1959 geborene Grazerin Bianca Kos, die heute in Klagenfurt lebt, hat ihre Zeit als Lektorin an der Universität der kroatischen Hafenstadt Rijeka gut genutzt.

 

Sie erkundet die dortigen Cafés, liest in ihnen, wie es sich gehört, die örtlichen Zeitungen und schreibt darüber mit „Wasserstaub“ ein sehr unterhaltsames kleines Buch. Es ist trotz seiner geringen Ausmaße kein literarisches Leichtgewicht geworden. Voller Entdeckungslust erzählt die Autorin, was sich in der weltoffenen Stadt abspielt, die lange zur Habsburgischen Doppelmonarchie gehört hatte, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg teils unter dem Namen Fiume zu Italien, teils unter ihrem heutigen Rijeka zum neuen Staat Jugoslawien gehörte. Jetzt also zu Kroatien. Das Leben dort ist chaotisch, die Politiker sind korrupt, die Strafjustiz hat alle Hände voll zu tun und die Medienvielfalt ist beeindruckend.


Jeweils unter dem Titel eines der von der Autorin besuchten Caféhäuser entstehen entzückende Aperçus, die auch schon mal kritisch gegen die faschistische Ustascha-Nostalgie ausholen. Die Autorin freundet sich mit Frauen an, spielt mit einigen Bridge. Z.B. mit Jasna: „Jasna verfügt über eine beeindruckende, schwarze Zottelmähne, sie trägt Minirock mit Latz, eine quergestreifte Strumpfhose. Im bürgerlichen Leben ist sie Professorin für Anglistik, lehrt an der Universität und tanzt in einer Tanzgruppe… Die übrige Zeit sucht sie ihr inneres Gleichgewicht.“ 

 

Immer fällt eine Anekdote ab, die das mediterran-balkanmäßige Leben in Rijeka und die unübersichtliche Gemengelage in Kroatien illustriert. Im Café Choco liest sie in der Novi list, dass die Polizei einen zu schnellen Mopedfahrer anhielt und in den Kartons des Pizzalieferdienstes 18 Kilo Kokain entdeckten. Im Café Bordel – ohne ein zweites „l“ – geht es um einen Partisanenstern, der an den Kampf gegen die Nazi-Besetzung erinnert, aber den kroatischen Rechtsaußen ein Dorn im Auge ist. Im Café Bulevar drehen sich die Gespräche der anderen Gäste um das plötzliche Ableben des Bürgermeisters der Stadt. „Der Krankenwagen, der den Bürgermeister abholen sollte, fuhr nicht zu dessen Haus, sondern zur Wohnung von Natalija P., seiner engsten Mitarbeiterin und ehemaligen Miss Universum.“

 

Klatsch, die Mischung von Dichtung und Wahrheit in einem schreiend bunten Biotop, vor der hinreißenden Kulisse des Adria-Hafens niedergeschrieben von einer ihre Muttersprache beneidenswert beherrschenden intelligenten Lektorin des Österreichischen Akademischen Austauschdienstes. Ob ihr auch das größere Format so gut gelänge?


Harald Loch

 

Bianca Kos geboren 1959 in Graz, studierte Geschichte und Kunstgeschichte. Arbeitete als Journalistin und Sachbuchautorin. Auslandsaufenthalt in der Türkei, den USA und Rumänien, OeAD-Lektorin an den Universitäten in Charkiw/Ukraine und aktuell in Rijeka/Kroatien. Veröffentlichte zahlreiche Beiträge in Anthologien und Literaturzeitschriften. U.a. Preisträgerin des Literaturwettbewerbs der Klagenfurter Gruppe, des Kärntner Lyrikpreises der Klagenfurter Stadtwerke und des PERGamenta-Literaturpreises. Stipendium des Landes Kärnten zur Finalisierung literarischer Projekte.

 


Bianca Kos: Wasserstaub   Erkundungen
Otto Müller Verlag, Salzburg   2022   150 Seiten   22 Euro

 

 

Krieg und Frieden

Der Roman endet auf Seite 469, dann beginnt ein erläuterndes Nachwort von Michael Müller, einem Gründungsmitglied der Stefan-Heym-Gesellschaft, über die Entstehungsgeschichte dieses Buchs. Er findet das Werk „entdeckenswert“ in „bester amerikanischer Erzähltradition“, „gleichermaßen spannend wie unterhaltsam komponiert“.


Der opulente Kriegsroman hat schon ein ganzes langes Leben im unentdeckten Dunkel auf dem Buckel, denn er geht mit achtzig Jahren in nur englischer Version fast auf die ewige Vergessenheit zu. Stefan Heym ist 20 Jahre tot. Das wird wohl der Jahrestag-Anlass gewesen sein, dieses Werk auszugraben und erstmals ins Deutsche flott zu übersetzen.
Wir befinden uns in Algerien und im Jahr 1942. Die deutsche Wehrmacht gerät in Bedrängnis, als die amerikanischen Truppen in Algier landen. Es wird um jeden Quadratmeter Sandboden heftigst gekämpft. Drei Nationen sind am Start der Handlung. Die Amerikaner kämpfen ums Gute, die Deutschen sehen eine bröckelnde Front als die Bösen, und die Franzosen fürchten als Kolonialherren und Sympathisanten des Vichy- Regimes um ihre Zukunft. Soweit die Ausgangssituation.


Heym, selbst amerikanischer Soldat, in die USA emigriert, bei den „Ritchie-Boys“ in psychologischer Kriegsführung geschult, dann in der McCarthy-Ära wieder aus den Vereinigten Staaten von Amerika vertrieben und schließlich später endgültig in der DDR angesiedelt, schreibt diesen Roman in Englisch und mischt durchaus kolportagehaft spannende Action mit heftigen Explosionen, Abstürze mit Granateneinschlägen, Elemente des Spionagethrillers mit Liebesaffären. Als wär’s eine Story für Netflix. Ein bisschen CASABLANCA steckt auch mit drin im Spannungsbogen. Da stören also keine Klischees im zweiten Roman von Stefan Heym.  


Zeitroman, Melodram, Actionszenen, Intrigenspiel, das passt dann alles zusammen, dialogreich in Thriller-Attitüde beschrieben. Im Nachwort fasst Michael Müller die Essenz des Kriegsromans in einem Satz zusammen: „Wie weit darf man Kompromisse schließen mit Faschisten, wenn man Demokratie will?“ Und das ist nun doch schon wieder zur aktuellen Frage geworden…

 

Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte über Prag in die USA, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In der McCarthy-Ära kehrte er nach Europa zurück und fand 1952 Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er vielfach ausgezeichnet und international bekannt. 1994 eröffnete er als Alterspräsident mit einem engagierten Plädoyer für Toleranz den deutschen Bundestag. Er gilt als Symbolfigur des aufrechten Gangs und ist einer der maßgeblichen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er starb 2001 während einer Vortragsreise in Israel.

 

Stefan Heym Flammender Frieden C.Bertelsmann

Der Verlust von Heimat, Sprache, Identität

Wir wissen einfach zu wenig über das große weite Land Kanada und seine Vergangenheit. „Kukum“ ist ein nur 211 Seiten langer Roman, der jedoch einige umfassende Anmerkungen im Fließtext braucht, um den Leser in die geographische Region und in die Vergangenheit der indigenen Bevölkerung einzuführen. Das ist fürs Lesen etwas bremsend, aber fürs Wissen und Verstehen schließlich unabdingbar. 


Es geht also um die INNU, die autochthone, eingeborene, einheimische Bevölkerung in der Wildnis Kanadas. Wir lernen dieses Volk, seine Ur-Sprache und seine wilde ursprüngliche Heimat kennen durch die Lebensgeschichte der Almanda Siméon. Sie ist die Urgroßmutter des Autors Michel Jean, der uns in kurzen, prägnanten Sätzen mit seinen Vorfahren nach Kanada entführt.


Almanda Simeon heiratet früh und zieht beherzt in die Wildnis zu den Nomaden, die an den wilden Flüssen fischen und jagen und die vagabundieren, ortsfest nur kurzzeitig leben, weit wandern, dorthin, wo die ertragreichen Fisch- und Jagdgründe das Überleben vor allem im harten Winter garantieren. 


Zur Geografie: Die Handlung spielt in Mashteuiatsh, früher auch Pointe-Bleue genannt. Es handelt sich dabei um die kanadische Provinz Québec, am Westufer des riesig großen Lac Saint-Jean gelegen. 
Almanda lächelte viel, war erlebnishungrig, lernbegierig, neugierig und liebte Kinder, Enkel und Urenkel, vor allem aber ihren Mann Thomas. So zeichnet Jean seine Urgroßmutter.


Sein Roman ist ihr Lebensroman, ist zugleich die Ur-Geschichte Kanadas, ihre Lebensgeschichte. Aber sie ist auch eine Erzählung von Gegensätzen, von der Vergangenheit der Innu, der Welt von Gestern und der sie bedrohenden Zukunft, die intensive Waldabholzung und brutale Energiegewinnung durch Wasserkraft bedeutet. 


Das Buch zeigt schonungslos, ohne anklagend zu werden, den Gegensatz von gelebter Tradition, etwa des Jagens und Fischens in wilder Naturlandschaft, und dem gegensätzlichen Fortschritt, der angelegten Eisenbahngeleise, die Dörfer brutal trennen, des Autoverkehrs, der reihenweise Kinder tötet, und der Entwurzelung der Innu-Kinder, die in Internaten zwanghaft - den Eltern entzogen - um-erzogen werden. 
Natur und Technik stehen sich feindlich, unversöhnlich gegenüber, die althergebrachten Ansprüche des Individuums und seiner Selbstverwirklichung (Fischen und Jagen ohne gesetzliche Grundlagen, da leben, wo man eben gerade hinkommt) und den konträren gesellschaftlichen Anforderungen (fremde Sprache lernen, Kinder und Schulzwang, Internatserziehung). Konkret bedeutet das dann zum Beispiel, Papierfabriken haben „den Wald geschluckt“ und Staudämme die „ungestümen Wasserfälle“.


Der Gegensatz passiv - aktiv zeigt an, wie Männer dem Alkohol verfallen, weil sie keinen Arbeitsplatz mehr finden, antriebslos werden, und dagegen aktive Frauen, die den Ministerpräsidenten anspornen, um an Bürgersteige im Dorf zu kommen. 


Der lesenswerte Roman ist ein ständiges Erinnern und Vergessen der verlorenen Sesshaftigkeit und der Vertreibung eines einheimischen Volkes aus dem Paradies durch die zivilisatorische Entwicklung.
Wir erleben den Gegensatz von Wald und Welt mit. Und im Hintergrund steht die alte-immer-neue Frage nach der Identität, eben die eigentliche, wo man herkommt, und auch, wo man hingeht. Im Roman buchstäblich, in Wirklichkeit ein Fortgehen aus dem Freisein. 


Die Umerziehungsmaßnahmen, der Verlust von eigener Sprache und die Aneignung des fremden Französischen kommen ebenso vor wie der sexuelle Missbrauch von Kindern in Klöstern, der allerdings nur am Rande erwähnt wird. Die schlimmsten Fälle von Missbrauch in Kinderheimen waren zum Zeitpunkt des Entstehen des Romans noch unbekannt. 


Almanda Siméon sieht ihre Heimat als eine „… Art Atlantis der Innu, (es) existiert dieser Ort nur noch in der Erinnerung der Alten wie ich und wird mit uns endgültig verschwinden. Bald. So wie es auch die Portagewege nicht mehr geben wird, die Generationen von Nomaden geduldig angelegt haben. All dieses Wissen wird aus den Gedächtnissen verschwinden, in denen es noch lebendig ist“. 


Die „Portagewege“ sind jene Pfade, die benutzt wurden, um die Boote an den Stellen am Ufer voranzutragen, wo die Gefährlichkeit der reißenden Flüsse eine Kanufahrt einfach nicht zuließen. So verschwinden die Wege, die ein Fortschreiten möglich machten.


Ein seltsamer Widerspruch, der im Wort Fort-schritt steckt. Für die Innu bedeutete das Vorangehen in der Fortschritts-Zeit ein Stehenbleiben, früher waren sie als Nomaden mobil unterwegs. Jetzt, zur Ansässigkeit gezwungen, an einem Ort zwanghaft verwurzelt. Das Ende von Freiheit. Eine berührende, packende, melancholische Erzählung über Herkunft und Zukunft. Und über Verlustängste.


„Aber unser Territorium jenseits des Sees existiert nur noch in unseren Herzen. Eines Tages werden wir es wiederfinden.“

 
Michel Jean KUKUM Wieser Verlag Klagenfurt

 

Den Schlaf begreifen und erforschen


Jo Lendle, der erfolgreiche Verleger-Autor des renommierten HANSER-Verlages, sagt in einem Interview zu seinem neusten Werk: „Es ist auch ein Buch über die Erinnerung. Wie konstruieren wir unsere Überlieferungen? Welche Geschichten werden weitererzählt? Welche nicht? Das kennt jede Familie.“ Und die Leser auch.


Es sind zwei immer wiederkehrende Themen der Buchbranche, was ist in der eigenen Familie geschehen, über die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg? Und wie haben sich die Verwandten in einer bestimmten Epoche, zum Beispiel im Nationalsozialismus, verhalten? 


Da könnte man meinen, da wird wieder allzu Bekanntes aufgetischt. Das Gegenteil ist aber der Fall. Jo Lendle schreibt die Geschichte seiner eigenen Familie als Fiction. Es gelingt ihm ein spannendes Buch, das thematisch vier Epochen umfasst: das Kaiserreich, den Nationalsozialismus, die DDR und die Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Einen solchen weit historischen Spannungsbogen zu ziehen, das muss man können, denn der Zeitrahmen kann leicht überspannt werden. Jo Lendle gelingt es hervorragend, die Zeitläufte dicht auf dicht Revue passieren zu lassen. 


Großonkel Lud Lendle ist die eine Hauptfigur. Sie interessiert sich als Forscher für den Schlaf und das Gift. „Wir sind nichts als ein verschwommener Traum. Was wir Leben nennen, ist der Schlaf des Schlafs.“


Im Krieg beschäftigt er sich dann mit Kampfstoffforschung, lässt sich von den Nazis jedoch trotz Angeboten wenig vereinnahmen: „Lehne Hitler nicht allein aus protestantischen Gründen ab.“ 


Die Gegenperson, Bruder Heinrich, ist dagegen bei den Nationalsozialisten aktiv, während Lud sich also verweigert. 
Jo Lendle spielte schon als Kind mit den Tagebüchern seines Patenonkels und machte sie nach zehnjähriger Arbeit daran zur Grundlage und Quelle für seinen Familienroman.


Zur „ART FAMILIE“ gehört auch Alma, eine Vollwaise, die mit Lud zusammen lebt, eine nähere Beziehung zu ihm erwartet, jedoch zeitlebens von ihm enttäuscht wird. Sie bleibt bloß seine Lebensfreundin und Begleiterin, wird nicht seine Geliebte oder gar Frau. Luds homoerotische Zuneigung bleibt im Geheimen, in Tagebüchern versteckt. Sie gilt einem Kriegskameraden aus dem Ersten Weltkrieg. Homosexualität stand damals noch unter Strafe. 


Dieser Strang der Geschichte bleibt ebenso vage wie auch das Leben und Wirken des Bruders Heinrich eigentlich nicht im Zentrum steht. Vielmehr liegt bei Ludwig Lendle der Focus der Geschichte, dessen wissenschaftliche Arbeit nach und nach zum Hauptthema wird. 
Wie hängen Narkose, Schlaf und Betäubung durch Gift oder gar Töten wissenschaftlich zusammen. Lendle macht dazu Tierexperimente und Selbstversuche auch am eigenen Körper. Das ist lebenslanges Thema von Ludwig Lendle. Natürlich interessieren sich die Nazis für seine Forschung, doch Lendle wehrt sich gegen den Missbrauch seiner wissenschaftlichen Ergebnisse: „An der Zukunft der Deutschen Nation von Hitlers Gnaden mitzuwirken, das wird mir nicht möglich sein.“ So notiert es des Verlegers Großonkel ins Tagebuch. Lendle schweigt und tritt nicht in die Partei ein. 


Sein wissenschaftliches Ziel ist es: 


Den Schlaf begreifen.
Den Schlaf erzeugen.
Den Schlaf verbessern.“


… „‘Fledermäuse schlafen zwanzig Stunden am Tag. Delfine,
Wale und Vögel können mit einer Hirnhälfte schlafen. Beim
Fliegen im Schwarm bleibt nur der vorderste Vogel ganz
wach.‘ ‚Manchmal denke ich, mir schläft mein Hirn beim Stricken ein‘, sagte die Gerner“

 


Sie ist das Hausmädchen in der „Art Familie“. 
Dialoge sind rar in diesem Buch. Lendle bevorzugt die knappe Beschreibung der Szenen und Handlung in klaren, klugen, kurzen Sätzen. 


Wir lesen einen Roman über eine Familiengeschichte in der Geschichte der deutschen, über das Leben, die Liebe, die Wissenschaft, das Wachsein und die Verschlafenheit im Nationalsozialismus, über Träume und deren Vergeblichkeit in der Realität und auch am Ende eines Lebens: „Der Tod erinnert uns zu leben. Das ist seine Aufgabe. Eine andere hat er nicht.“


Die RHEINPFALZ schreibt: „Ein wunderbar empfindsamer, elegant und lakonisch geschriebener Roman, dessen dezente Personenzeichnung der Leserschaft viel Gedankenfreiheit lässt. Hier wird deutsche Geschichte par excellence verhandelt – in jeglicher Hinsicht.“ Genauso ist es. 


Jo Lendle Eine Art Familie PENGUIN RANDOM HOUSE

 

 Die Rache ist mein    

Wer ist Gilles Principaux für Maître Susane? Diese Frage durchzieht den Roman “Die Rache ist mein“ der 1967 bei Orleans geborenen Marie NDiaye. Wer ist Me Susane? Die eine Frage bleibt unbeantwortet, die andere mündet in ein Rätsel. Drei Frauen stehen im Mittelpunkt dieses großartigen Romans: Me Susane, das ist ihr Familienname, ihr Vorname spielt keine Rolle, ist eine junge Rechtsanwältin, die vor kurzem ihre eigene Kanzlei in Bordeaux eröffnet hat. Sie hat sich noch keinen Namen gemacht. „Der Mann, der am 5. Januar 2019 schüchtern, beinahe ein wenig ängstlich ihre Kanzlei betrat, war Maître Susane, wie sie sofort wusste, schon einmal begegnet, vor langer Zeit…“ Er hieß Gilles Principaux und trug der Anwältin das Mandat an, seine Frau Marlyne zu vertreten. Deren Name und ihr Fall war in Bordeaux bekannt: Sie hatte gerade ihre drei Kinder in der Badewanne ertränkt. In der Untersuchungshaft wird sie ihrer Anwältin andeuten, wie es zu dieser Tat gekommen ist und wie sie sie ausgeführt hat. Ihr Mann Gilles liebt sie auf seine Weise so sehr, dass er sich auch nach der Ermordung ihrer gemeinsamen Kinder nicht von ihr abwendet. Er hat sie auf „seine Weise“ geliebt, so dass sie ihn zu hassen begann, seinem weiteren Leben aber nicht im Wege stehen will. Aber sehen will sie ihn nie wieder. Als Me Susane nach dem ersten Besuch von Gilles Principaux nach Hause kommt, trifft sie dort ihre Putzfrau Sharon. 40 m² ist ihre Wohnung groß und eigentlich benötigt Me Susane keine Putzfrau. Um ihr keine Arbeit zu machen, erledigt sie den Putz immer schon vorher. Sie will der aus Mauritius stammenden, ohne Papiere in Bordeaux mit ihrem ebenfalls illegalen Mann und zwei Kindern aus politischem Engagement für die „sans papiers“ helfen, will ihr gegenüber ein „guter Mensch“ sein. 
Zu diesen drei Frauen besetzt Marie NDiaye ihren Roman noch mit wenigen anderen Personen: Die Eltern der Rechtsanwältin spielen mit, ein ehemaliger Anwaltskollege, der seine kleine Tochter in die Obhut von Sharon gibt und deren Bruder und Schwägerin in Mauritius, wohin sich der Roman für kurze Zeit verlagert.


Im Mittelpunkt steht nicht die ruchlose Tat. Das Plädoyer von Me Susanne wird nur am Schluss kurz angedeutet – ein souveräner literarischer Verzicht auf eine telegene Gerichtsszene. Im Mittelpunkt steht die in sich und an sich zweifelnde Persönlichkeit der Anwältin. Sie glaubt sich zu erinnern, im Alter von 10 Jahren diesem damals 14-jährigen Gilles Principaux schon einmal begegnet zu sein. Ihre Mutter hatte vor 32 Jahren als Aushilfe im Hause einer wohlhabenden Familie Wäsche gebügelt und ihre junge Tochter dorthin mitgenommen. In dem großzügigen Haushalt konnte ihre Tochter zwei oder drei Stunden im Zimmer des Sohnes mit dem Jungen verbringen. Sie war dort sehr glücklich – aber was ist da eigentlich passiert, so dass sie sowohl ihre spätere Berufswahl zurückführt als auch ein diffuses traumatisches Gefühl daran zurückbehalten hat? Und ist der in ihrer Kanzlei erschienene Gilles Principaux dieser Junge gewesen? Keiner wird es je erfahren. 


Me Susanne empfindet anders als sie spricht. Auch im französischen Original sind die Passagen, in denen ihre Empfindungen schonungslos offenbart werden kursiv von denen abgesetzt, in denen sie ausspricht, was sie nicht empfindet, sondern was sie meint „schuldig“ zu sein. Sie sagt aus falsch verstandenem Takt ihrer Putzfrau Sharon nicht, dass sie sie eigentlich nicht benötigt, sondern ihr nur helfen will. Aber sie leidet darunter, dass ihr „Geschenk“ nicht auf Gegenliebe stößt. Ihren Eltern spielt sie vor, eine erfolgreiche Anwältin zu sein, um sie nicht traurig zu stimmen usw. Aber die Autorin baut hier keinen pathologischen Befund auf, sondern erzählt in ihrer wieder von Claudia Kalscheuer hervorragend übersetzten Sprache von den Menschen, die sie erfindet. „Der Titel“, sagt sie im Gespräch, „soll nicht zu abwegigem Suchen verleiten, er könnte auch anders lauten.“ Manche sehen in dem Buch die „Rache“ der Autorin an dem bourgeoisen Bordeaux mit den Straßennamen für alteingesessene reiche Familien, die viel Geld als Sklavenhändler verdient haben.

 

Die teilweise senegalesische Herkunft der Autorin könnte das nahelegen. Eine solche geographische oder historische „Rache“ an Frankreich könnte ja auch in ihrer Übersiedlung nach Berlin liegen, wo sie von 2010 an bis ins vorige Jahr  gelebt hat, aus Rache an die Attitude von Sarkozy, der mit einem Kärcher gegen jugendliche Immigranten in den Pariser Vorstädten vorgehen wollte. Die Gewinnerin des Prix Goncourt des Jahres 2009 für den Roman „Drei starke Frauen“ schreibt viel zu gute Literatur, als dass sie solche Rache in oder mit einem Roman ausdrücken würde.


Harald Loch


Marie NDiaye: Die Rache ist mein      Roman
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Suhrkamp, Berlin 2021   237 Seiten   22 Euro

 

Roman über Russland heute: DAFUQ

Klären wir zuerst einen verstörenden Begriff des Buchtitels. Was heißt DAFUQ? Es handelt sich um eine umgangssprachliche Schreibweise von „the f*ck?“, was wiederum eine Abkürzung der Frage „What the f*ck?“ ist, entnehme ich unwissend dem Internetportal giga.de. Man könnte auch freier formulieren: Was zur Hölle ist mit Russland los? Oder auch Putin: „Hä!“. Darin steckt fragend Frust und Zorn. 


Anja Romanova ist als 28-jährige Studentin bei einer ungenehmigten Demonstration festgenommen worden. Der Schauplatz und die Handlung hinter Gittern: Sechs Frauen sitzen in einer Gruppenzelle im Knast, das ist Leben und Schlafen auf Stockbetten, ein einziger langweiliger Raum und die Insassen neun Tage lang festgesetzt. 


Der Roman wirkt wie eine Zellen-Sitcom, als wäre es eine TV-Geschichte. Es sind quälende neun Tage im Knast: Zuallererst Langeweile, Duschen ist Luxus, Hofgang ist Abwechslung, Drangsalieren der Sicherheitskräfte an der Tagesordnung zwischen Vorschrift und blanker Willkür. 
Aber wir erleben auch nettere Bullen, die für Putin sind. Die Autorin mischt magische Knastverirrungen mit wilden Phantasien, Mädels, die vom Sex leben, mit Szenen einer Ehe, Tristesse hinter Gefängnismauern mit Schikanen des Knastpersonals. Ein Polizist gesteht: Habe Putin gewählt, guten Glaubens, habe auf Reformen gewartet, am Ende ist dann doch nur der Name der Partei in EINIGES RUSSLAND geändert worden. Mit der lobenden Erinnerung an den knallharten Stalin endet der Dialog. 


Russland so nah und genau betrachtet und doch so weit von uns existent. 


Wir lesen von lesbischen Liebestaumeln, Bettgeschichten mit Männern, zwischen Moskau und Nowosibirsk. Wir hören in Gesprächen von Gefühlen, die im Brustkorb entstehen und körperlich weh tun. 


Einerseits erfahren wir von lesbischen Avancen und andererseits vom erzwungenen Mee-too-Sex in Bürokulissen. Kira Jarmysch schreibt über Blow-Job-Kurse mit Gummidödeln und von Omonleuten, die Demonstranten mit brutaler Gewalt von der Strasse schleppen.
Ihre regimekritischen Dialoge - die Autorin arbeitet seit 2014 für den prominenten Oppositionspolitiker Nawalny - sind sparsam gesetzt. Etwa so: „Mir gefallen unsere Machthaber nicht.“ 


Die Amtsräume, die Zellen, die Menschen sind scharf und genauestens beschrieben. In der Zelle nerviges Radiogedröhn, als Psychofolter mit 8oer-Jahre-Gedödel, knarzende Bettkonstruktionen, blinde Folienspiegel, „Metallstäbe pickten in den Rücken.“ Neun Tage im Leben der Anja Romanowa. Kein Dissidenten-Szenario mit Untergrund-Hintergrund. 
Anja kämpft für ein freies Russland und die Rechte der Frauen. Faszinierend die Einblicke ins Auswärtige Amt, wo schon mittags das Trinken beginnt und erzwungener Sex auf dem Sofa stattfindet.  
Anjas Zellengenossinnen sind Konkurrentinnen und eine Solidartruppe zugleich, sie haben Phantasien und Wünsche, kennen Enttäuschungen und Ängste, sind aggressiv und gelangweilt. Wollen Luxus und sehen sich auch als Körperaktie, weil Männer getune-te Frauen wollen. 


Und es geht um Demos gegen die Korruption im Land: „Na, ihr werdet doch für Demos bezahlt.“ 
„Katja (…) drehte sich um: ‚Wie jetzt, müssen Demonstrationen genehmigt werden?‘ – ‚Ja, eigentlich schon.‘ – ‚Und wogegen hast du demonstriert?‘ – ‚Gegen die Korruption. Gegen die Regierung.‘ – ‚Und wo muss man das genehmigen lassen?‘ – ‚Beim Bürgermeisteramt.‘ – ‚Das heißt, man muss die Demo gegen die Regierung von der Regierung genehmigen lassen?‘, fragte Katja und stemmte die Arme in die

Hüften. ‚Ich kack ab … Genehmigen die denn überhaupt mal was?‘“


Die Autorin weiß, wovon sie schreibt, vermeidet zu viel konkrete Parallelen zum eigenen Leben, schöpft aus ihrer erzählerischen Kraft und malt ein faszinierendes und verstörendes Großgemälde vom heutigen Russland in kleiner Kulisse. Ein Kammerspiel.

 

Fazit: Die Protestbewegung hinter Gittern oder ganz Russland im Knast.
Kira Jarmysch, geboren 1989, studierte Journalistik an der Diplomaten-Kaderschmiede MGIMO in Moskau – ohne Aufnahmeprüfung, da sie Siegerin der landesweiten „Intelligenz-Olympiade“ war. Ihr hochgelobter Debütroman erschien im Herbst 2020 in einem regimekritischen russischen Verlag. Seit 2014 arbeitet Kira Jarmysch als Pressesprecherin des prominentesten Oppositionspolitikers in Russland, Alexej Nawalny. Nach Nawalnys Rückkehr nach Moskau im Januar 2021 wurde auch Kira Jarmysch wegen Aufrufs zu Demonstrationen festgenommen.

 

Pressestimmen


Ganz Russland sitzt im Knast, wie man unschwer zwischen den Zeilen dieses faszinierenden Romans lesen kann. Brigitte


Ein flirrender Roman über das raue Russland von heute. Focus 
Kira Jarmysch ist ein einfühlsames, zorniges, oft auch lustiges Portrait der russischen Gesellschaft gelungen. Deutsche Welle 


Erschütternd ... Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Kraft dieser verstörend aktuellen Literatur sich über Russland hinaus entfaltet. Tages-Anzeiger


Tragikomisch, dissident und verstörend aktuell ... Ein Buch, in dem Literatur und reale Gegenwart sich aufs Engste verzwirnen ... «DAFUQ» ergänzt die Gegenwartsliteratur um eine aufregende neue Stimme mit vielen Tonarten – zornig, zärtlich, cool, nachdenklich. Deutschlandfunk "Büchermarkt“


Ein erhellender Roman über das heutige Russland. SWR 2 "Lesenswert"

Als Sprecherin des inhaftierten Kremlgegners Alexej Nawalny kennt sich Kira Jarmysch im Kampf mit der russischen Justiz gut aus ... Diese Erfahrungen hat sie in einem Roman verarbeitet: «DAFUQ» ist aktueller denn je. dpa


Dieser Roman offenbart nebenbei so vieles, was man über das heutige Russland weiß und nicht weiß, weil er so politisch ist, ohne belehrend sein zu wollen, im besten Sinn des Wortes aus dem Leben. Und man außerdem richtig laut lachen muss. Lena Gorelik


Ein frappierender Text, eine mitreißende Geschichte wie eine aufregende Erzählung über die Jugend – und eine eindrucksvolle Metapher dafür, was heute in Russland vor sich geht. Galina Jusefowitsch


Kira Jarmyschs Buch ist umwerfend ... Es lässt teilhaben an dem, was die Frauen von heute wirklich denken und anstreben. Alexej Nawalny

 

AUDIO


https://www.swr.de/swr2/literatur/kira-jarmysch-dafuq-100.html

Alexander Goldstein: „Aspekte einer geistigen Ehe“


Mit zwanzigjähriger Verspätung gelangt ein beeindruckendes Konvolut literarisch und gedanklich streng gefasster Essays jetzt zum deutschsprachigen Publikum: Alexander Goldsteins „Aspekte einer geistigen Ehe“. Etwa 50 kurze Prosastücke auf gut 300 Seiten sind beileibe keine „Kleinkunst“ – weit gefehlt: Jedes einzelne ist durchdachte und stilistisch gefeilte Literatur. Der Essayist Goldstein beeindruckt durch die Vielfalt der Themen, über die er nachdenkt und schreibt.

 

Er überrascht mit manchem seiner Gedanken, die sein Publikum zum Nachdenken zwingen. Er schleift seine Prosa nicht stromlinienförmig zu leicht zu konsumierender postmoderner Kost, verzichtet auf die elegante Politur, sondern gräbt nach dem treffenden Wort, der weiterführenden Metapher, der den Gedanken erhellenden Syntax. Als ob nicht jede Literatur Versuch wäre, unterscheidet man den Essay (also „Versuch“) von den anderen Prosagenres. Oft wird er auch die unvollendete Art, Gedanken zu formulieren, genannt, als ob nicht jede Philosophie weitergedacht werden könnte, also unvollendet bliebe. Allerdings ist es kein Paradox, dass es zwar unvollendete, aber gelungene, verstörende, auf andere Weise „vollendete“ Essays wie die von Alexander Goldstein gibt.


Der Autor ist 1957 in Estland geboren und in Aserbeidschan aufgewachsen. In Baku hat er studiert und in Literaturwissenschaft promoviert. 1991 wanderte er nach Israel aus und starb mit nur 48 Jahren an einer Krebserkrankung in Tel Aviv. In Israel arbeitete er für die Zeitung Vesti und für das russisch-israelische Magazin Zerkalo. Dort sind einige der jetzt von Regine Kühn kongenial übersetzten Essays erschienen. Worum geht es in ihnen? Die Palette seiner Themen ist überwältigend: Er polemisiert gegen die postmoderne Verflachung der Kunst, vor allem der postsowjetischen Literatur.

 

Der westlichen konsumierbaren Kultur hält er vor, „weder Samen noch Blut“ zu haben und die Grundfragen der Existenz nicht zu stellen. Er, dessen Pass in der Sowjetunion im „fünften Feld“ die Nationalitäteneintragung „Jude“ trug, setzt sich mit dem Begriff und dem Inhalt von „Nation“ auseinander. Er polemisiert gegen in Israel tätige ausländische Arbeiter aus Asien und differenziert „qualitativ“ auch die Juden in Israel in Ashkenasim und orientalische. In einer längeren Essayfolge bewundert er den japanischen Kaiser-Nationalisten und Umstürzler Yukio Mishima. Dessen physisches und politisches Scheitern hält er für „gelungen“, weil es beweise, dass sein existenzielles Risiko hoch genug gewesen sei. Am anderen Ende der politischen Skala setzt er ein philosophisch begründetes Denkmal für Che Guevara und seine radikal gelebte und gestorbene Hingabe an die Revolution. In dem einzigen erotischen Text der Sammlung bekennt sich der Erzähler zu der eigentlich unmöglichen Liebe zu der russischsprachigen Prostituierten Allotschka aus dem Amüsierviertel von Tel Aviv. Manche Essays haben die Dichte und Aussagekraft von Novellen im kleistschen Sinn und einige Kritiker halten seine Sprache für „Neobarock“, was den elitären Ansatz seiner Sprache unangemessen verniedlicht. Er stellt an sich und an seine Leser hohe Ansprüche und „verfolgt kompromisslos sein ästhetisches Projekt“, wie die an der Humboldt-Universität unterrichtende Literaturwissenschaftlerin und Slawistin Ekaterina Vassilieva in ihrem ausgezeichneten Nachwort befindet.

 

Alexander Goldsteins Essays stammen von einem hochgebildeten „Grenzgänger“ zwischen den Kulturen und einem die eigene Existenz in die Waagschale des Lebens werfenden außerordentlichen Stilisten. Sie sind großartige, geglückte Versuche, sprachlich und inhaltlich dem, was interessiert, „auf den Grund“ zu gehen.

 

Harald Loch


Alexander Goldstein: „Aspekte einer geistigen Ehe“
Aus dem Russischen von Regine Kühn
Mit einem Nachwort von Ekaterina Vassilieva
Matthes & Seitz, Berlin   2021   336 Seiten   28 Euro

Tod auf Raten


In Abwesenheit wegen Kollaboration mit den Nazis zum Tode verurteilt, später begnadigt; ein scharfzüngiger und vulgärer Antisemit, der als Armenarzt in Paris den Mittellosen keine Rechnung stellt; ein die französische Literatursprache revolutionierender Autor, der es in den Kanon der Pléiade bei Gallimard schafft. Louis-Ferdinand Céline hat ein skandalöses, atemberaubendes Leben geführt, das vor 100 Jahren am 1. Juli 1921 im Pariser Vorort Meudon endete. Sein nach „Reise ans Ende der Nacht“ zweiter großer Roman „Tod auf Raten“ liegt jetzt unter dem neuen, richtigeren Titel in einer sensationellen Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel vor. Über sie sind ein paar Worte zu verlieren: Céline hält sich in seiner sozial-naturalistischen Wortwahl nicht an die strenge Lexik der französischen Sprache.

 

Er verletzt bewusst viele Regeln der Orthographie, der Grammatik und der Syntax ebenso wie das geschmackliche Nervenkostüm seiner Leser. Im Abgleich mit dem erst 1952 vollständig und unzensiert erschienenen Original wird die Glanzleistung des Übersetzers deutlich: Alles kommt im Deutschen rüber! Überdies schreibt er ein sehr lesenswertes Nachwort.
Das heißt nicht, dass das Buch erträglicher wird. Von den immer wieder eingestreuten antisemitischen Abscheulichkeiten kann man nicht absehen. Der vulgäre Soziolekt der Pariser armen Leute wird unter der Feder Célines zu krasser Literatur, das gesprochene Wort ist als Schriftsprache nicht nur neu, sondern zuweilen auch abstoßend. Es steht bei Céline nicht nur in der direkten Rede, in Dialogen, sondern auch und vor allem in den erzählenden Passagen als das Wort des Autors.

 

Das alles ist ebenso sehr gewöhnungsbedürftig wie großartig. Wenn er von seiner eigenen jüdischen Identität absieht, sagt der Amerikaner Philipp Roth: „Céline ist mein Proust“! Wer Célines Literatur aushält, wird für das meiste, was er aushalten muss, sehr entschädigt. Man hat es „la petite musique“ genannt, was daran so fasziniert. Es gibt Melodien, ausgefeilte Rhythmen, hinreißende Tempowechsel. Schweigen, Atemholen gehen brüsk in wahnsinnige Beschleunigungen über, in ein martellato, ein seitenlanges Hämmern vor allem in den unappetitlichen, gewaltsamen und nie anturnenden sexuellen Orgien, in den frauen- menschenverachtenden und doch auch mitleidenden Beschreibungen von Elend und Armut. Céline weiß, wovon er schreibt. „Mord auf Raten“ enthält sehr viel Autobiographie. Sein unglücklicher und ungeschickter Protagonist heißt wie er selbst Ferdinand. Das Milieu entspricht dem, aus dem Céline mit Geburtsnamen Destouches entstammte: Sein Vater war niedriger Versicherungsangestellter, seine Mutter Putzmacherin. Alles in der Kindheit des Autors wie im Roman in ärmsten Verhältnissen. An allen Ecken fehlt immer das Geld. Der Ferdinand des Romans wird als Arzt eingeführt und erinnert sich an sein prekäres Leben vor dem Ersten Weltkrieg. Der Roman endet mit seinem Eintritt in die Armee. Auch der Autor nahm am Ersten Weltkrieg teil, wurde schwer verwundet und für seine Tapferkeit hoch dekoriert. Erst danach studierte Céline/Destouches Medizin.


Der Ferdinand des Romans scheitert kläglich bei allen Versuchen, einen Beruf zu erlernen. Es gibt kaum freie Stellen. Wenn er eine bekommt, fliegt er bald wieder raus – oft ohne eigenes Verschulden. Die Ausbeutung eines einfachen Jugendlichen schreit zum Himmel. Seine Eltern schuften nach Kräften. Der Vater wird in der Versicherung schlecht bezahlt und ordentlich schikaniert. Die Mutter versucht verzweifelt mit Ausbesserungsarbeiten die Familie über Wasser zu halten. Sie arbeitet gegen ihre Gesundheit mit sinkendem wirtschaftlichem Erfolg. Die Gläubiger stehen Schlange und werden aus dem kleinbürgerlichen Ehrgefühl der Eltern unter Aufbietung alles Kräfte bezahlt. Ihr Sohn Ferdinand hat dieses Ehrgefühl nicht, will sich nicht ausbeuten lassen, schwankt zwischen Faulheit und schlechtem Gewissen. Der einzige Lichtblick des Romans ist Onkel Edouard, der Ferdinand einen Internatsaufenthalt im englischen Rochester beschafft, wo auch der Autor in jungen Jahren war. Auch dort scheitert Ferdinand, weil er nicht lernt und weil Internat und Schule Pleite machen.


Das alles ist naturalistische Sozialkritik auf hohem, extremem, literarischem Niveau. Das ist die condition humaine der ganz kleinen Leute, das ist deren Existenzialismus – eben der Tod auf Raten!


Harald Loch


Louis-Ferdinand Céline: Tod auf Raten
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Mit einem Nachwort des Übersetzers
Rowohlt, Hamburg 2021   812 Seiten   38 Euro
 

 

Rasender Stillstand - eine Gesellschaftssatire

 

Das gibt es doch gar nicht: Eine deutsche Gesellschaftssatire, federleicht und mit den Gewichten der Gegenwart beschwert. Johanna Adorján hat sie geschrieben. Mit 50 Jahren ist sie jung genug, um mit dem ganzen Schwung ihres aus ungarischen Wurzeln gespeisten Temperaments für ihren Roman „CIAO“ auszuholen. Sie ist lebenserfahren und als Journalistin in der Beobachtung des Zeitgeistes genug geschult, um das auf die Schippe zu nehmen, was zu ihrer Story passt.

 

Hans Benedek ist eine langweilig gewordene Edelfeder in der „Zeitung“, deren Redaktion in Berlin sitzt. Verheiratet mit Henriette, die vor Jahren einen mittlerweile vergriffenen Gedichtband veröffentlich hat, dann zu Hans nach Charlottenburg zog, um in einem Auktionshaus - nicht etwa inhaltlich, sondern mit Keksen – Kunden zu betreuen. Ihre gemeinsame Tochter geht noch aufs Gymnasium, ist von ihren Eltern, von Berlin und überhaupt genervt. Hans Benedek vergreift sich noch und immer wieder an fast noch jugendlichen Volontärinnen. Im Roman ist es gerade Niki. In der „Zeitung“ weht ein frischer Wind. Die neue Chefin senkt die Kosten. Hans kann nicht mehr in den teuersten Hotels absteigen. Er bekommt das zu spüren, als sich zu einem Interview mit der jungen Feministin Xandi Lochner in Baden-Baden verabredet. Die Frauenfraktion in der Redaktion setzt durch, dass nicht Hans allein dieses Interview machen darf, sondern zusammen mit Niki. Es geht doch nicht, dass ein Mann eine Feministin interviewt!

 

Die Dinge nehmen ihren Lauf. Am Ende demontiert Xandi Lochner ihren für den öffentlichen Auftritt im Kurhaus von Baden-Baden vorgesehenen Gesprächspartner nach Strich und Faden. Später findet sie sich im zweitklassigen Hotelzimmer des inzwischen betrunkenen Hans wieder. Als es spannend wird verlässt sie ihn und löst mit einem entlarvenden Post einen Shitstorm à la „me too“ im Internet aus. Die Chefredaktion reagiert sofort und versetzt Hans in die Onlineredaktion, was er als Degradierung empfindet. Er und auch seine Chefin denken das so, obwohl die Auflagen der Papierausgaben, der „Blätter“ eben, derzeit sinken und Online-Ausgaben langsam Abonnenten sammeln. Wie kann man besser den Stand der Digitalisierung in Deutschland benennen, als mit diesem „Abschieben“ in die Zukunft!

 

Die Geschichte um Hans und Henriette, um Niki und Xandi Lochner, um falsche Kollegen, um den „Niedergang des alten weißen Mannes“, um Feminismus und vegane Ernährung und – natürlich – das unerträgliche Berlin, diese ganze Geschichte wäre zu banal, brächte Johanna Adorján nicht ihre Leserinnen und nicht nur diese zum Schmunzeln und zum Nachdenken über unsere Zeit. Ihren Witz trägt die Autorin nicht mit dickem Pinsel auf. Bei ihr ist der Witz das Loch, aus dem die Wahrheit pfeift. Sie kennt die Medienwelt und ihre Schwächen. Wenn sie den Klimawandel anspricht, dann zitiert sie nicht das PIK, das Potsdam-Institut für Klimaforschung, sondern porträtiert Hans Benedek: „Sein anderes Markenzeichen, wenn man so wollte, war, dass er seine weichen Lederslipper ohne Strümpfe trug, jedenfalls von April bis weit in den Oktober hinein. Wenn das mit den Temperaturen so weiterging – bisher war es der wärmste Oktober seit Beginn der Aufzeichnungen -, schaffte er es dieses Jahr vielleicht sogar bis November.“ Subtil karikiert Adorjàn die Möbel, die Moden und die angesagten Slogans, das, was man isst und trinkt, und was gedacht wird, den sogenannten Mainstream eben. Der Leserin - und wie immer auch anderen - fällt das Dürftige dieser Gegenwart wie Schuppen von den Augen. Das Banale ist nicht reizvoll, aber die Autorin entlarvt es gekonnt literarisch, würzt es mit Sinn und hält dieser bürgerlichen Welt lachend den Spiegel vor. Wer hineinblickt, sieht vor allem Stillstand. Das Motto über „Ciao“ lautet: „All things must change or remain the same“. Dieser Stillstand wird gepaart mit Dummheit, Niedertracht, Verlogenheit und Eigennutz. Das aufmerksame Publikum liest einen amüsanten anthropologischen Befund der Gegenwart und sagt, wenn alles verstanden ist: „not amused“!

 

Harald Loch

 

Johanna Adorján: Ciao    Roman

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021       270 Seiten    20 Euro

Roman mit Biss: Auf den Spuren von Fürst DRACULA

Der Ort der Handlung wird anonymisiert und abgekürzt. Er heißt einfach B., eine kleine Ortschaft in der Walachei, südlich von Transsylvanien gelegen, am Fuß der Karpaten. Ich kenne die Ecke, habe gute Freunde aus Siebenbürgen.


Die Erzählerin greift rumänische Geschichte auf, die voll unvorstellbarer Grausamkeiten steckt und stellt sie in den Kontext mit Geschehnissen jener „barbarischen kommunistischen Zeit“, in der Ceaușescu der diktatorische Fürst unserer Tage war. 

 

Die Erzählerin im Buch hat mit Vorliebe Abenteuerbücher gelesen, etwa Jules Vernes, Alexandre Dumas und Karl May. Von Bram Stoker dem Dracula-Erfinder erwähnt sie aber nichts. Aber dafür Ceaușescu, der das Volk „aufsaugende Diktator“. In der Diktatur flohen viele oder wanderten aus, nach der Revolution kehrten aber viele wieder als Heimatsucher zurück. 

 
Wenn die Autorin von Regenfällen erzählt, schreibt sie, dass damals alle „Niederschläge Ihre Feierlichkeit hatten und eine angemessene Bühne“, jetzt „regnete es gleichgültig“. So poetisch faszinierend sich das Buch an vielen Stellen liest, schwebend, träumend, nimmt es als Fantasy-Geschichte doch auch wieder konkrete Bodenhaftung auf. 
Es geht nämlich dann um die korrupten Politiker des Landes, die illegal Schwimmbäder mit Tennisplätzen kaufen, alte Hotels und Restaurants sanieren, Transportfirmen übernehmen, eben Geschäfte mit alten Parteifreunden tätigen, Projektgelder kassieren und ja auch krumme Geschäfte mit Grundstücken abschließen, illegaler Holzeinschlag miteingeschlossen.


Wie heißt es in der ersten Strophe der rumänischen Nationalhymne: 
Deșteaptă-te, române, din somnul cel de moarte,
În care te-adânciră barbarii de tirani!
Acum ori niciodată croiește-ți altă soartă,
La care să se-nchine și cruzii tăi dușmani!
 
Erwache, Rumäne, aus deinem Schlaf des Todes,
In welchen Dich barbarische Tyrannen versenkt haben!
Jetzt oder nie, webe Dir ein anderes Schicksal,
Vor welchem auch Deine grausamen Feinde sich verneigen werden!
Nun der „Todesschlaf“ spielt in dem Buch die Hauptrolle, es geht um eine-Familien-Gruft, Souvenirshops, den Tourismus und um Fürst Vlad III., der mit harter Hand seine Feinde richtete, auf Pfähle spießte und qualvoll sterben ließ. Der „Pfähler“ Vlad Tepes, der auch als literarisches Vorbild für „Dracula“ diente. Mehr sei an dieser Stelle nicht konkret verraten. Dana Grigorcea erzählt ihre gruselig-grausame Dracula-Geschichte, dieses politische Gleichnis, mit großer Sprachpotenz und zugleich mit einer gewissen Leichtigkeit.


Es kommt in dem Roman auch das Landestypische zum Zuge, wie ich es von Fahrten nach Transsylvanien mit rumänischen Freunden kenne.
Da wird zum Beispiel Muskatwein oder Weichsel-Likör getrunken, oder Brennnessel-Pasteten mit viel Knoblauch genossen, Auberginen-Salat, Tomaten mit Knoblauch, eingelegte Paprika gegessen und Rotwein gekippt.


Unsere folkloristische Neugierde wird also geweckt und den Aberglauben des Volkes lernen wir auch kennen. Etwa die Volksweisheit, wenn Salz auf dem Tisch verschüttet wird, kommt es zum Streit. Gläser, die noch nicht ganz leer sind, bitte nicht auffüllen! Einen Brotlaib von beiden Enden anschneiden, bringt Unglück!


Aber auch Politisches schwingt immer mit. Zum Beispiel, dass Ceaușescu gute Beziehungen zu den Ölstaaten aufrecht hielt. Da war es ihm egal, ob es sich um Diktatoren handelte, er war ja selber einer. 
Wir lesen von Misswirtschaft, uferloser Korruption, einem Volk voller Dummheit und Herdentrieb, einem Land in dem damals unter Ceaușescu, mehr Ordnung, mehr Patriotismus, mehr Respekt vor Autoritäten herrschte. Man liebte und liebt die starke Hand des Führers. 
Fazit der Romanparabel: „Der „Vampir Biss“ ist keine Strafe wie etwa das Pfählen eine ist.  Er ist die Erlösung dessen, der geknechtet, verraten und erniedrigt wurde. Her mit Eurem schwachen Blut! Und dann nehmt und trinkt alle vom Blut des Fürsten. Ihr Ohnmächtigen, die ihr mächtig werden wollt. Dies ist der Blutsbund derer, die für das Recht kämpfen.“ 
Man könnte auch ein weniger prosaisches Zitat aus diesem "politischen Schauerroman" für das rumänische Volk wählen: Jeder Tritt in den Arsch ist ein mächtiger Schritt nach vorn. Aber wohin torkelt Rumänien?

 

Dana Grigorcea Die nicht sterben Penguin

Angst und Aerosole

Gerade beschäftigen wir uns wieder in der Pandemiedebatte um das Thema Lockerung. Dabei wissen wir, dass ihr der Tod folgen kann. Thea Dorn hat in ihrem Briefroman die Geschichte ihrer an Covid verstorbenen Mutter aufgeschrieben. Dies in Form eines Briefwechsels zwischen einer gewissen Johanna und ihrem Freund Max. 


Mit einer Postkarte beginnt das Buch: „Liebe Freundin, wie geht es Dir? Dein Alter Freund.“ 


Es ist ein Buch über die Verlustangst und die Bedeutung des Todes für das Leben oder die Bedeutung des Lebens für den Tod. Also: „Die schlimmste Seuche unserer Tage ist die Angst.“


Die Autorin schreit in diesem Buch geradezu heraus: „Sie haben mich nicht zu ihr gelassen!!!! Den Sicherheitsdienst haben sie gerufen, als ich versucht habe, trotzdem in das Gebäude rein zu kommen. Irgendwo da drinnen hing meine Mutter an irgendwelchen Maschinen. War am ersticken, verrecken, und sie haben mich nicht zu ihr gelassen!!!! Infektionsrisiko!!! Das Infektionsrisiko sei zu groß.“


Das tödliche Schicksalsende der Italienreise ihrer Mutter ist am Ende für Dorn auch eine Rechtsfrage: Kein Staat dieser Welt, so die Autorin, hat das Recht, einen Menschen zum einsamen Tod zu verdammen.
Ihre Mutter war eine prominente Schauspieler-Agentin und hatte sich bei einer Italienreise leichtsinnigerweise infiziert. Bei der Beerdigung in München tauchen dann die Fotografen-Geier der Boulevardpresse auf, um Prominente „abzuschießen“, die Polizei tritt auf, um über Infektionsschutz, Hygieneregelungen und Ordnungswidrigkeiten zu informieren und deren Einhaltung anzumahnen.


In einem gut lesbaren, spannenden Dialogverfahren von Frage/Antwort Frage/Antwort/Ansichtskarten/Briefantworten versucht die Autorin sich an Trauerarbeit. Schmerz, Schreie, Verzweiflung, Unrecht, Leid, Schicksal, das alles prasselt auf den aufgewühlten Leser ein, denn Thea Dorn möchte dem Unrecht hier den Prozess machen.
Thea Dorn schildert eindringlich und gut nachzuempfinden, wie sie die „ausgestorbene Wohnung“ ihrer Mutter ausräumen muss und dabei noch einmal ihre Nähe sucht. Sie empfindet die Situation dennoch als „Totenhausfriedensbruch“.


Sie kauft sich zur Beruhigung eine Schachtel Zigaretten, obwohl sie eigentlich nicht raucht, während da draußen eine Lungenseuche tobt. Thea Dorn erträgt kaum den täglichen Pandemie-Horror: Die Bildschirm-Konferenzen, wenn Schauspieler und Schriftsteller oder Musiker Wohnzimmer-Aufführungen verbreiten. Sie kann die News-Ticker nicht mehr aushalten und auch die Wissenschaftler nicht, die erklären, was wir alles wissen, und in Wahrheit nichts wissen. 


Sie bekommt keine letzte Begegnung mit ihrer toten Mutter gestattet, sie darf sie nicht im Sarg sehen, sie erhält kein Foto mehr von ihr. Ein Abschied ohne Abschied. 


Im Briefwechsel entdecken wir immer wieder philosophische Erkenntnis- Sätze, aber auch Eindrücke über den Zustand unserer Gesellschaft, wenn zum Beispiel das Vernünftige ins Absurde umschlägt.
Thea Dorn zitiert Sokrates und Seneca, Kleist und Platon, Simone de Beauvoir und Canetti, ihre philosophische Kenntnis bettet Dorn anspruchsvoll in den Text ein, beschreibt aber auch alltagsnah ihren Katzenjammer, ihre Zweifel oder die schreckliche, aber dennoch hilfreiche Apparate-Medizin 


Sie beschreibt eine Gesellschaft zwischen nicht ausgelebtem Hedonismus und faszinierender Massendisziplin, zwischen Herdenimmunität und Alltagswahnsinn. 


Wir stolpern als Leser über die verklausulierte Handlungshilfe zum Pandemie-Arbeitsschutz-Standard für die Branche „Bühnen und Studios im Bereich Proben und Vorstellungsbetrieb“, derart bürokratisch-beamtig formuliert, dass einem das Grausen kommen könnte.  Für Dorn führen wir eine Lumpen- Tragödie auf, dazu ein Halleluja auf eine wahre „Ökokalypse“.


Johanna, ihre Brief-Hauptperson, muss feststellen, dass auch ihr verlässlicher Liebhaber In der Pandemie reumütig zu seiner Familie zurückgekehrt ist, und sie es ihm nicht einmal verdenken kann. Die Leichtigkeit des Seins ist eben verloren. Wird unerträglich. 
Geradezu begeistert hat mich der Satz Johannas, dass sie als Feuilleton-Redakteurin bei ihrer Zeitung eigentlich hätte kündigen müssen, und zwar, als der erste News-Ruhm eingerichtet wurde, als es um Klickzahlen für Artikel, Aktienkurse, TV-Sternchen auf Seite Eins ging, an dem Tag, als der Kultur-Teil halbiert wurde, als die Chefredaktion vor versammelter Mannschaft verkündete, dass reine Buchbesprechungen, Theater-, Opern- und Konzertkritiken nicht mehr erwünscht seien. Es gehe nur noch um „Diskurs“. Aber Diskurs auf welchem Fundament, möchte man fragen, auf dem der TV-Sternchen??? Der Aktienkurse? Der Klick-Zahlen?


Resignativ heißt es auf Seite 158: Was soll ich in der Kultur, gemeint ist die Redaktion dafür, wenn die Kultur selbst den Bach runter geht? Untergangs-Berichterstattung machen? 


Es regt die Autorin auch auf, dass Politiker in der Lockdown-Diskussion Nagelstudios und „Muckibuden“ in einem Atemzug mit der Kultur nennen. Sie hatte den Wunsch, einen öffentlichen Aufruf der Künstler dagegen zu initiieren. Doch das gelingt ihr nicht. Zu viele sprechen dagegen. Am Ende begreift sie: Ein Aufruf bringt nichts, was wir brauchen ist ein Aufstand. Fragt sich am Ende der Leser aber, Aufstand – wer? Und gegen wen genau?


Es ist ein aufwühlendes Argumente-Buch, das hinterfragt, zweifelt, schimpft, argumentiert, philosophiert, weint und auch zuweilen weinerlich ist und sein will, eine Seelen-Bestandsaufnahme, ein Befindlichkeits-Barometer, keine Postkartenidylle, denn der Briefwechsel ist eigentlich ein Dialog mit dem Mittel der Ansichtskarte auf der einen und des Antwortbriefes auf der anderen, auf Maxens Seite. 
Mit Mail und Whatsapp, Facebook oder Tiktok wäre das weniger gut möglich. Es kann sein, dass das Buch Trost spendet. Eine Garantie dafür gibt es nicht. Wie überhaupt Garantien in Pandemien garantiert scheitern können.


Thea Dorn TROST Briefe an Max Verlag PENGUIN

 

Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller, Theaterstücke, Drehbücher und Essays und moderierte die Sendung »Literatur im Foyer« im SWR-Fernsehen. Seit März 2020 ist sie leitende Moderatorin des »Literarischen Quartetts«. Thea Dorn lebt in Berlin.

 

Schilf im Wind

Das waren noch Zeiten! Im Jahre 1926 erschien in der Türkei eine Briefmarke mit dem Porträt der frischgekürten italienischen Literaturnobelpreisträgerin Grazia Deledda. 95 Jahre später, 8. März 2021, am Internationalen Frauentag, kündigte die Türkei das europaweite Menschenrechtsabkommen zum Schutz von Frauen auf. Hier geht es nicht um die Türkei, sondern um den Roman „Schilf in Wind“, der gerade in der Manesse Bibliothek in einer schönen Neuausgabe erschienen ist.

 

Grazia Deledda ist 1871 auf Sardinien geboren und 1936 in Rom gestorben. Wie viele ihrer Romane spielt auch „Schilf im Wind“ auf ihrer Heimatinsel. Deren Landschaft und Menschen stehen im Vordergrund ihrer Literatur. Sie ruft lebendige Traditionen in einer rückständigen Gesellschaft auf. Sie selbst stammt aus einer wohlhabenden Familie. Ihr Vater war Rechtsanwalt, ihre Mutter, wie damals in Italien auf dem Lande noch üblich, Analphabetin. Seit ihrem 14. Lebensjahr schrieb sie selbst und strebte durch ihr Schreiben erfolgreich nach einem selbstbestimmten und wirtschaftlich unabhängigen Leben. Ihre meist aus einfachem Milieu stammenden Menschen versieht sie mit nuancenreich differenzierten menschlichen Stärken und Schwächen.


Die üppige Besetzungsliste des Romans hat Grazia Deledda mit einer repräsentativen Auswahl der vormodernen sardischen Gesellschaft gefüllt. Drei nicht mehr ganz jungen, auch untereinander nicht ganz einigen Schwestern Ruth, Esther und Noemi aus einer verarmten Adelsfamilie, ist nur noch ein kleines Gut für ihren Lebensunterhalt verblieben. Das wird von dem alten Knecht Efix in ihrem Auftrag bewirtschaftet. Eine vierte Schwester hat schon vor geraumer Zeit die herunterkommende Familie verlassen, hat auf dem Festland geheiratet und ist inzwischen verstorben. Sie hat ihren Sohn Giacinto hinterlassen, der nach wechselhaftem Leben in den Heimatort seiner Mutter, zu seinen drei Tanten zurückkehrt.

 

Es gibt noch den reichen Don Pedru, der einst Noemi heiraten wollte, aber wegen der „Schande“ der durchgebrannten vierten Schwester davon Abstand genommen hatte. Es gibt eine Wucherin und es gibt die bitterarme aber hinreißend schöne, irgendwie nicht erreichbare Grixenda. Deledda erzählt farbig von einem einwöchigen Kirchenfest, das eigentlich der Buße, in Wirklichkeit aber dem Vergnügen dient. Die immer auch dem Leben zugewandte Volksfrömmigkeit erwacht unter der Feder der Autorin zu einem schönen Fest - alles in der von Gebirge und dem Meer geprägten Landschaft, in der der Wind das Schilf bewegt.


Im Inneren der Menschen spielt das Kerbholz eine entscheidende Rolle. Der so selbstlos dienende Knecht Efix hat Schuld auf sich geladen. Einen Berg Schulden hat der junge Giacinto angehäuft, den er nicht abtragen kann. Schicksale einfacher Menschen, verstricken sich unauflöslich ineinander, führen zu menschlichen Katastrophen die eigentlich ins Unglück münden müssten. Das Schicksal und die Autorin wollen es aber anders: Nachdem einige der Hauptpersonen – teils aus Kummer, teils im glücklichen Bewusstsein einer Wendung zum Guten – gestorben sind, erfüllen sich die Wünsche der für einander Bestimmten. Das Gut der Adligen wird gerettet und nichts ist verloren. Ebenso wenig wie die im 1913 erschienen italienischen Original enthaltenen Anspielungen auf das sardische Volkstum. Sie werden durch einen ausführlichen, von Jochen Reichel besorgten Kommentar erschlossen. Er hat auch die schon ältere Übersetzung von Bruno Goetz der heutigen Zeit angepasst.

 

Ein ausführliches Nachwort von Federico Hindermann stellt die Autorin und ihren Roman „Schilf im Wind“ auf ihren Platz in der Weltliteratur. Sie war erst die zweite Frau nach Selma Lagerlöf, die den Literaturnobelpreis erhielt. Einige Jahre vor „Schild im Wind“ hatte sie an dem von der Pädagogin Maria Montessori organisierten ersten italienischen Frauenkongress teilgenommen. In ihrem Roman spielt noch die traditionelle Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern eine dramaturgisch entscheidende Rolle und ist Bestandteil des in der Nobelpreisbegründung hervorgehobenen Lokalkolorits.


Harald Loch


Grazia Deledda: Schilf im Wind
Aus dem Italienischen von Bruno Goetz
Von Jochen Reichel überarbeitete und kommentierte Neuedition mit einem Nachwort von Federico Hindermann
Manesse, München 2021   438 Seiten   25 Euro

 

Durs Grünbein OXFORD LECTURES

Poetik-Vorlesungen sind für Literaten eine gute Möglichkeit, aus dem Schriftstellerzimmerchen im Elfenbeinturm heraus zu treten, den Schreibtisch, das Notizbuch, den PC oder das Tablet zu verlassen, vor sein Publikum zu treten und reflexiver auf das eigene Schaffen zu schauen als es bei einer einfachen Lesung mit Buchhandlungspublikum möglich wäre. Es sind VOR-Lesungen und keine Lesung, und es ist meist den Literatur-Größen vorbehalten, dazu eingeladen zu werden. 


Es geht um die „Lord Weidenfeld Lectures“. Zu den früheren Inhabern dieser Professur an der Oxford University zählen George Steiner, Umberto Eco, Amos Oz und Mario Vargas Llosa. Die „Lectures“ sind einer der wirklichen Höhepunkte im akademischen Jahr, gleich ob Wissenschaftler oder Schriftsteller, vor Studenten dann auftreten. 


Durs Grünbein wählt in seinen vier Texten den Zusammenhang zwischen Totalitarismus und Geschichte, kombiniert Wort und Bild Vergangenheit und Zukunft, eigene subjektive und objektive Geschichtsbetrachtungen. Es geht um das Stückwerk von Erinnerungen und die Möglichkeit, dafür literarisch die passenden Worte zu finden. 


So empfindet man als Leser der „Lectures“ den Literaten Grünbein als sorgfältigen „Geschichtsarchäologen,“ der mit Pinselchen das historische Erdreich, den Geschichtsstaub entfernt, damit die genauen Strukturen von „History“ klarer zu sehen sind. 


Ob Hitler auf der Briefmarke, der Autobahnbau der Nazis, der aggressive Angriffskrieg mit Bombadierung aus der Luft, hier setzt Grünbein thematisch an und setzt zugleich seinen individuellen Umgang mit Geschichte der kollektiven Erfahrung von Vergangenheit gegenüber. 
In der ersten Vorlesung geht es also um Grünbeins Briefmarken-Sammlung und das Konterfei Hitlers auf den postalischen Wertzeichen, die er als Kind ins Briefmarkenalbum sortiert hatte. Viele verschiedene Farben und Wertzeichen gingen um die Welt. Im nächsten Text thematisiert Grünbein das Zukunftsprojekt Autobahn, die von den Nazis in die Landschaft hinein inszeniert wurde. Im Kapitel Bombenkrieg, Titel „Im Luftkrieg der Bilder“, thematisiert Grünbein die Bombennächte, die Zerstörung der englischen Städte und kommt zu der persönlichen Einsicht: “Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 wird mir für immer als Warnung im Gedächtnis bleiben.“


Kurt Kister, Süddeutsche Zeitung, wirft in einer SZ-Rezension die grundsätzliche Frage auf: Schadet es nicht der wissenschaftlichen Seriosität, wenn es gut lesbare, gar literarische Geschichtsschreibung gibt?


Darf Geschichtsschreibung also literarisch fundiert und grundiert sein, in wie weit darf Persönliches, die Eigenbeobachtung also, in Geschichtsschreibung einfließen? Kister kommt zu dem Ergebnis, die in ihrer Subjektivität beste Geschichtsschreibung ist die, die auch die Verortung der eigenen Position gegenüber dieser Geschichte zulässt. „Grünbeins Aufsätze gewordene Reden sind gute, weil stilistisch brillante Beispiele dafür, warum Literatur ohne Geschichte kaum denkbar ist“, schreibt Kister. 


Ich finde einen historischen Zusammenhang als ausreichende Begründung dafür, den Grünbein selbst benennt: „Was mich nicht loslässt, ist das Problem der totalen Verfügbarkeit ganzer Völker“, schreibt Grünbein. 


Damit ist die Frage nach der Möglichkeit der Gewaltherrschaft in allgemeiner Form gestellt, und aktueller könnte dieser Befund angesichts der krisenhaften Entwicklung in Demokratien nicht sein. Es sind die Nachbilder autoritärer Herrschaft, neue Träume von Rechtspopulisten von der Volksgemeinschaft, Politikmarketing und Populistenpropaganda, die rückwärtsgewandten Visionen von starken Nationen und deren möglichst autarken Wirtschaften, die Durs Grünbein umtreiben. 
Am Schluss aber, so formuliert es sein Verlag Suhrkamp, steht eine erste Erfahrung von Ohnmacht im Schreiben und die daraus erwachsende, bis heute gültige Erkenntnis: „Es gibt etwas jenseits der Literatur, das alles Schreiben in Frage stellt. Und es gibt die Literatur, die Geschichte in Fiktionen durchkreuzt.“ 


Es ist aber die Literatur, die zu folgendem Ergebnis kommt: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler“ (Ingeborg Bachmann) 
Vielleicht ist Literatur doch der eindrucksvollere und wirkungsvollere Ratgeber als Geschichte, um aus der Geschichte zu lernen? Und wir sehen am Ende betroffen, den Vorhang zu und wieder alle Fragen offen…


Durs Grünbein: Jenseits der Literatur. Oxford Lectures. Suhrkamp 

 

Pressestimmen


„Ausgehend vom historischen Detail und ausgerüstet mit einem enormen Wissen, zieht [Durs Grünbein] historische Koordinaten nach und sucht nach den Verschaltungen von Technik, Ideologie und Sprache.“ Jörg Schieke, MDR KULTUR 

 

„Durs Grünbeins brillanter Gedankenstrom in vier Teilen sollte viel diskutiert und gelesen werden.“ Peter Helling, NDR 

 

„Durs Grünbeins faszinierender Versuch einer alternativen Geschichte der NS-Zeit.“ DIE WELT 

 

„‘Jenseits der Literatur‘ ist ein geharnischter, kluger und umsichtiger Essay.“ Michael Braun, Kölner Stadt-Anzeiger 

Anna Baar: Nil       Roman


Bin ich Sobek, habe ich ihn für meinen Fortsetzungsroman erfunden oder bin ich der Chefredakteur, der mich zwingt, den Roman schnell zu einem dramatischen Ende zu bringen? Diese Frage nach dem Selbdritt stellt die Protagonistin – oder ist sie nicht vielleicht ein Mann? – in dem literarisch wohlkonstruierten Roman „Nil“ von Anna Baar.

 

Jede Leserin dieser kleinen literarischen Kostbarkeit wird die Frageschraube noch eine Drehung enger ziehen und nach dem Platz der Autorin fragen, schließlich, eingedenk dieser Schichtung von Wirklichkeit und Fiktion, auch nach sich selbst: „Am Ende trifft alles zu, gerade das Ausgedachte.“ Anna Baar, 1973 im damals jugoslawischen Zagreb geboren, lebt heute in Klagenfurt und Wien. Dem hiesigen Publikum ist sie durch ihr Erfolgsdebüt „Die Farbe des Granatapfels“ in bester Erinnerung.

 
Erinnerung gewinnt auch im „Nil“ eine auf das Selbst der Autorin weisende Bedeutung: „Wir werden unsere Geschichten nicht los, ob wir sie nun erzählen oder nicht, manchmal rutscht etwas davon heraus, mitten ins Schweigen hinein, in die stehengebliebene Zeit…“ Der Vater der Protagonistin war Tierpfleger im Zoo, vögelte seine an den Küchentisch gelehnte Frau im Stehen. Seine Strenge zwang seine Tochter zu ständigem Leugnen: „Ich war es nicht“, wenn ihr eine Tasse zu Boden fiel und zerbarst.

 

Um das Elternhaus kreist sie als Sobek, auch als sie es längst – für immer? – verlassen hat. Jetzt schreibt sie also für ein Frauenmagazin Fortsetzungsromane. Der Chefredakteur gibt ihr einen Wink - einen Befehl? – sie solle „alles so arrangieren, dass es zu einer Art Bühnenspiel wird, mich unters Publikum mischen, Zuschauer unter Zuschauern sein.“ Sie macht sich ans Werk: „Die Handlung gestalte ich schlicht: Einer geht nachts im Schneesturm immer dieselbe Straße entlang, um einen zu finden, der ihn erwartet, erkennt. Auf dem Weg geht ihm auf, dieser Jemand bin ich. Mein Name tut nichts zur Sache. Seiner soll Sobek sein.“


Eigene Erinnerung der Protagonistin, die von ihr gestaltete literarische Wirklichkeit und auch der Schreibauftrag für das Frauenmagazin verflechten sich kunstvoll. Jeder Leser wird das zu entwirren versuchen. Immer wieder taucht ein Steinbruch auf, von dessen Rand jemand springen könnte, der nicht weiterkommen will. Immer wieder mischt sich die Autorin mit kleinen weltweisen Aperçus in ihre eigene Erzählung ein: „Der Mensch leidet gern am Zustand der Welt, aber ungern an sich.“ Oder auch, wenn Sobek ums Elternhaus streunt: „Zur letztgültigen Heimkehr genügte kein Eintritt in gleichwelches Haus…“ Anna Baar schreibt das alles mit einer sehr genauen Feder, die sie auch für das nur vage Wirkliche wetzt, und schichtet damit einen literarisch anspruchsvoll gelungenen Roman.


Harald Loch


Anna Baar: Nil       Roman
Wallstein, Göttingen 2021   150 Seiten          20 Euro

 

 

Hure im Weißen Kleid - Von Hand zu Hand

 

Ausgerechnet eine Hochzeit! Ein schwuler Bräutigam und eine schon von Hand zu Hand gereichte Braut feiern im Nobelvorort Rosedale bei Toronto vor geladenen Gästen aus der Oberschicht. Gähnende Langeweile im Publikum, fehlende Empathie für das Paar, bissige Bemerkungen und fetzende Dialoge mischt die kanadische Autorin Helen Weinzweig zu einem auf avantgardistische Weise unterhaltsamen kleinen Roman. Der Titel „Von Hand zu Hand“ weist auf die Vergangenheit der Braut. „Von den Partygästen wird sie ihrer Sünden wegen routinemäßig beleidigt; eine Dame höhnt, dass sie bald wieder im Geschäft sein wird, auch wenn sie verheiratet ist; eine alte Flamme sieht sie als Hure im weißen Kleid und spuckt ihr vor aller Augen ins Gesicht.“ In einem lesenswerten Nachwort fasst James Polk, der erste Lektor der Autorin, so die Atmosphäre dieser Feier zusammen, auf der viele Frauen wütend, verlassen und gedemütigt sind. Auch die getrennten Eltern der Braut sind nicht ohne. Ihr Vater, zwar benachrichtigt aber nicht eingeladen, erscheint aus seinem Exil in Mexico mit seiner achtzehnjährigen Frau, einer Indianerin, die ihr Baby vor dieser bizarren Kulisse am Boden hockend stillt. Die Struktur des Romans bestimmen die Dialogfetzen. Und die haben es in sich: Teils Biss, teils „quasi-rabbinische Weisheiten“, wie ihr früherer Lektor findet. Zu den überkommenden Traditionen heißt es im rasanten Stakkato ihrer Dialoge:


„Oder wir können sie ignorieren. / Auf eigenes Risiko. /Alles ist. / Was? / Auf eigenes Risiko.“


Helen Weinstein ist 1915 im damals noch zum zaristischen Russland gehörenden Polen als Helen Tenenbaum geboren. Ihre Mutter sei eine streitlustige Friseurin, ihr Vater ein leidenschaftlicher Talmudgelehrter und marxistischer Revolutionär gewesen, der bald nach Italien floh. Die Mutter zog mit ihrer Tochter nach Toronto und eröffnete im Judenviertel einen Salon. Dort lernte Helen, die zunächst nur Jiddisch gesprochen hat, Englisch. Sie fing erst mit über 50 Jahren an zu schreiben, als sie sich in ihrer Ehe mit dem Musiker John Weinzweig in der Hausfrauenrolle langweilte. Ihren Schreibprozess – immer alles aufzuschreiben, was ihr gerade in den Sinn komm – bezeichnete ihr Lektor als „aleatorisch“. Damit ist die zufällige Anordnung der oft nicht einmal eine Seite beanspruchenden Romansplitter gemeint. Das erinnerte manchmal an den Nouveau Roman oder auch an die avantgardistische argentinische Literatur. In „Von Hand zu Hand“ verdichtet sich diese unkonventionelle Art zu einem von Hans-Christian Oeser treffsicher übersetzten literarischen Leckerbissen, dessen Unterhaltungswert mit der bissigen Ironie konkurriert, in der die Autorin die ihr nicht unvertraute „bessere“ Gesellschaft auf die Schippe nimmt. Leider hat Ellen Weinzweig nur noch einen weiteren Roman schreiben können. Sie erkrankte bald, büßte ihren intellektuellen Scharfsinn ein und starb 2010 im Alter von 94 Jahren in einem Heim.


Zeremonienmeisterin der Hochzeit ist die Chefin des Etablissements, das die Brautleute ohne Abschied mitten während der Feier verlassen. Sie fingieren eine Hochzeitreise, frieren in Wahrheit in ihrem Auto, mit dem sie ziellos durch den Ort fahren bis sie davon ausgehen, dass alle Gäste verschwunden sind. Dann kehren sie zu dem Hotel zurück, wo die Braut die Suite „Versailles“ für die Hochzeitsnacht gebucht hatte. Weil sie erst so spät zurückkommen, ist diese Suite inzwischen geschäftstüchtig anderweitig vermietet und dem Paar bleibt nur eine Dachkammer. Das Buch, dem der Verlag einen vornehmen Leineneinband spendiert hat, gehört dagegen in die Belle Etage der Literatur.


Harald Loch


Helen Weinzweig: Von Hand zu Hand           Roman
Mit einem Nachwort von James Polk
Aus dem kanadischen Englisch von Hans-Christian Oeser
Wagenbach, Berlin 2020   155 Seiten   20 Euro

 

 

Véronique Ovaldé: „Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln“


„… oder um eine andere Straftat zu verdecken…“, so ähnlich heißt es auch im französischen Strafrecht, wenn ein Tötungsdelikt als Mord qualifiziert wird. Aber der Roman von Véronique Ovaldé ist kein Krimi, sondern ein Roman über eine selbstbewusste Frau (Gloria, 33 Jahre +) und ihre beiden Töchter Loulou (6 Jahre) und Stella (15 Jahre). „Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln“ heißt der von Sina de Malfosse mit jedem Knall und jeder Zärtlichkeit einfühlsam übersetzte Roman der 1972 geborenen Autorin, die selbst drei Kinder hat. Ihr neuestes Erfolgsbuch erzählt von der hastigen Abreise der jungen Mutter von der Côte d’Azur in die unwirtlichere Waldwelt des Elsass. Ihrer älteren Tochter nimmt sie gleich bei der Abreise das Handy ab. Niemand soll erfahren, wohin sie aufgebrochen sind. Mit im Gepäck hat Gloria die Beretta ihres bei einem Brand in seiner Werkstatt umgekommenen geliebten Ehemannes Samuel, des Vaters ihrer Kinder. Es war eine sofortige amour fou zu dem Antiquitätenfälscher mit dem gewinnenden Wesen.


In Sprüngen zwischen der elsässischen Gegenwart im verlassenen Haus von Glorias verstorbener Großmutter und verschiedenen Vergangenheiten, erfahren die Leserinnen interessante, meist nicht den Konventionen entsprechende Einzelheiten über die Herkunft. Glorias Vater ist früh gestorben, ihre Mutter hatte sich mit einem Zahnarzt aus dem Staube gemacht. Fortan kümmerte sich ihr Nennonkel Gio um sie, in dessen robuster Bar Gloria servierte, bis sie Samuel heiratete. Ihr Vater hatte ihr ein gewisses Vermögen hinterlassen und es in die mündelsichere Verwaltung eines Jugendfreundes aus seiner korsischen Heimat gegeben, der es ihr zu ihrer Volljährigkeit überließ. Alle diese Personen wachsen dem Leser als markante Persönlichkeiten zu. Ovaldé zeichnet deren Besonderheiten meist liebevoll, zuweilen auch in etwas ruppigerer Sprache nach. Ihre Hauptperson Gloria entwickelt sich während der Jahrzehnte, die der nicht zu lange Roman umfasst, bis zu ihrer „Heimkehr“ in die korsische Herkunft ihres Vaters, Onkels und Anwalts. Keiner von ihnen lebt mehr, ihr Mann auch nicht. Keiner von ihnen hatte Angst vor Gloria, die lächeln konnte. Ihre Großmutter aus dem Elsass war auch nicht eines natürlichen Todes gestorben: Zu viele Hornissen hatten sie gestochen. 


Bei einem solchen Leben – inzwischen ohne die Beretta – kommt es der liebenden Mutter darauf an, ihre Töchter zu schützen, ihnen ein Leben ohne die Belastungen der Familie zu ermöglichen. Sie leben am Ende weit entfernt von ihr. In Sicherheit – nicht vor ihrer Mutter, aber vor deren heimlicher Biographie. Ovaldé hält ihr Publikum mit Andeutungen in Spannung, geht immer wieder auf ihre Leser zu, entfernt sich wieder, erzählt in einem großen Bogen zwischen Idylle und Thriller. Seit sie auf Korsika lebt, schweigt Gloria hartnäckig: „Denn wenn man sich für die Stille entschieden hat, sieht man besser, das versteht sich von selbst, und man lässt davon ab, den Dingen mehr Tragweite und Bedeutung zuzuschreiben, als sie tatsächlich enthalten.“


Harald Loch


Véronique Ovaldé: „Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln“   Roman
Aus dem Französischen von Sina de Malfosse
Frankfurter Verlagsanstalt 2021,   224 Seiten   22 Euro

 

Jonnasson - Absurdistan in Afrika und Schweden

Wir befinden uns in Absurdistan. Janassons Geschichte ist wieder einmal schräg, seltsam, verquer, abgedreht.

 

Man könnte auch sagen, er entführt uns nach Groteskistan, seine Figuren sind wunderlich, absonderlich.

 

Oder sind wir doch in Skurrilistan, weil er possenreisserisch und ständig übertrieben, verschroben, sonderlich und verquer schreibt.

 

Seine Sprache aus Lakonistan, schwarz, humorvoll trocken.

Seine Geschichten sind wie Flash-Literatur, die grell aufblendet, aber nicht in die Tiefe geht, sich selbst weiter antreibt, übertreibt und immer, immer weiter steigert. Blühender Blödsinn also.

 

Da ist Victor. Ein schwedischer Nationalist, stramm rechts orientiert, der von einem arischen Schweden und einem nordischen Führer phantasiert. Der Autor knüpft eine Kette absurder Zusammenhänge aneinander. Kevin hat dunkle Haut, kommt aus der kenianischen Savanne und ist der uneheliche Sohn des echtsnationalen Victor, der seinen Sohn mit einer Prostituierten gezeugt hat.

 

Diesen will er schnellstens loswerden, setzt ihn in Afrika auf einen Akaziebaum und rechnet damit, dass er herunterfällt und von den Löwen ganz und gar gefressen wird. Nun gibt es da in der Savanne eben auch einen Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hat und der sich sehr überrascht zeigt, als die Sicherheitsbeamten ihm in Stockholm den Speer und das Messer abnehmen, weil das nun ganz und gar nicht zu den westlichen Sicherheitsstandards an internationalen Flughäfen passt. „Die Leute wurden immer merkwürdiger, je weiter er von zu Hause wegkam.“

 

Das sind die Clashs of civilisations, die Jonasson so gerne montiert, die gesellschaftlichen Widersprüche und Absonderlichkeiten. Gefälschte Gemälde und Freiheit der Kunst werden als Thema untergemischt, und so treibt die Romangroteske von einem Komik-Spot zum nächsten.

Kritiker finden, dass sich der Autor in seinem Roman nicht eindeutig von rassistischen Klischeevorstellungen trennt, die heutigen Vorurteilsstrukturen, die in der Gesellschaft immer noch herrschen, gerne bedient und in der allgemeinen Albernheit der Handlung das Ernsthafte vollends verloren gehen lässt.

 

Wollen wir nicht wie einst Godot auf der Wartebank sitzen und das Ernsthafte reklamieren, die Groteske ist zulässig, durch Kunstfreiheit gedeckt. Jonasson muss nicht schon wieder Haltung beweisen, wie allerorten derzeit üblich.  

 

Ob Ausländerfeindlichkeit oder Gleichberechtigungsfragen, sie werden in die humorvolle Ecke abgedrängt. Ja, es ist eben auch nur Unterhaltung und wird millionenfach gekauft.

Zufälle produzieren immer mehr Verwicklungen, dass der wohlwollende Leser mit hoher Aufmerksamkeit alle Stränge mit hoher Aufmerksamkeit mitverfolgen muss.

 

Jonasson will das grassierende Unwesen faschistoiden Denkens durchaus entlarven, die gelebte Doppelbödigkeit der Correctness aufs Korn nehmen. Und dann kommt auch noch „Adolf“ vor und die Frage, ob Rolltreppen in die Savanne passen? Und noch viel mehr Merkwürdigkeiten.

 

Ach lassen wir das, ernst sein zu wollen. Jonasson ist moderner literarischer Dadaismus. Alles irgendwie gaga, durchgeknallt. Und Salto mortale der Figuren und Handlung und Sprache.

 

Jonas Jonasson: Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte C. Bertelsmann Verlag 

 

Ein Panoramabild über Amerika

Der pakistanische Autor ist ein Archäologe in der Gegenwart. Er untergräbt die amerikanischen Fundamente und bringt dabei Schwachstellen zutage. "Ich kann mir nur etwas über Dinge ausdenken, die schon geschehen sind …". Also ist dieser Roman gelebte Erinnerung, ein Memoir, ein Wirklichkeitsroman, der zwischen Fakten und Erfindung schwebt. 


Ayad Akhtars Ich-Erzähler heißt also auch Ayad Akhtar in dem Familienroman (Autor und Hauptfigur sind aber nicht identisch) und er erzählt vom Schicksal pakistanischer Muslime als Einwanderer in Amerika. Er, als Autor auf Erfolgskurs, sein Vater scheiternd. Es sind Einwandergeschichten von zwei muslimischen Amerikanern und erzählt von den gesellschaftlichen Disruptionen, den Brüchen und Erschütterungen seit den Anschlägen vom 11. September 2001 auf die Twin-Towers. Ein Roman mit Gesellschaftsanalyse. 


Welche Assoziation haben die USA seit dem Attentat zum Islam: Wut – abgesondert – Selbstmord – schlecht – Tod, zählt der Autor auf und es folgt dann der Dialog: „In dieser Reihenfolge?“ „‘Tod‘ stand an erster Stelle.“ „Ziemlich trostlos“. 


Die Dialogszenen könnte man in vielen Passagen auch auf eine Bühne beamen. 


Muss man aber nicht etwas Positives dagegensetzen, so der Autor, dass in jenen Regionen der Erde, wo der Islam herrscht, die Algebra erfunden wurde, das Fundament für die Methoden der Wissenschaft gelegt wurde? 


Aber Geschichte wird eben von den Siegern geschrieben, schreibt Akhtar. Geschichte kann auch verschweigen.


Die Grundfrage im Roman: Ist die Hauptfigur Teil der amerikanischen Kultur oder durch das Anderssein immer noch anders? Der Autor bekennt seinen Eigenanteil am Fremdsein in den USA, sich immer noch als eben „anders“ zu betrachten. 
Ein Ratschlag für eine kluge Investition macht den Autor zum reichen Mann, zum „neoliberalen Höfling, zu einem subalternen Aspiranten der herrschenden Klasse“. 


Die Hauptfigur glaubt an den politisch aufgeklärten spätkapitalistischen Individualismus. Das Regime der Konzerne lässt allerdings kein Mitspracherecht im Hinblick auf die Gier zu, die Schwachen lässt man im Stich, und aus den Glücklosen wird Profit geschlagen. Das Zins-Karussell dreht sich, es geht um Kauf und Verkauf von Zinsen, was im Islam schändlich und verboten ist. Der Wahnsinn um die Ramschanleihen treibt Blüten. Ayad Akhtar lässt sich mittreiben im Laster- und Lotterleben der Reichen und Schönen. 


Ihm gelingen auch die Sexszenen im Buch, spannend über zwei Seiten getrieben, deren Höhepunkt beim Höhepunkt in dem Satz gipfelt: „Ich wollte diesen Körper besitzen. Ich wollte ihn zerstören.“
Er beobachtet aber auch den Bankenwahnsinn und die Korruption auf lokaler Gemeindeebene genauer, wo Stadträte mit Stadiontickets bestochen und wilde Partys mit Prostituierten gefeiert werden. 
Er seziert wie mit einem scharfen OP-Skalpell die Produkt- und Konsum-Perversion, in der sie „…ihre Arbeiter und Angestellten schlecht behandeln und betrügen, ihre Kunden übers Ohr hauen, die Umwelt zerstören, nicht funktionierende Produkte auf den Markt werfen, lebensgefährliche Autos, Medikamente und Flugzeuge verkaufen und ständig neue, raffiniertere Methoden ersinnen, um aus der uralten Unternehmenslüge Profit zu schlagen, der Kunde – und nicht der ohne Rücksicht auf menschliche Kosten erwirtschaftete Gewinn – sei König. Und in dessen Moralcodex der Satz „Man muss lügen, bis es stimmt“ eingewoben ist.


Die Vormachtstellung des Kapitals ist durch keinerlei Moral beschränkt. Was ist das für eine Gesellschaft, in der bei einem Date die Frage: „Wo steht der Ölpreis heute?“ eine vorrangige Rolle spielt. Akhtars Dialogkraft steckt voller Wortpotenz.


Der Turbokapitalismus bezahlt Schulden mit Schulden. Denn Schulden sind die beste Investition in der Welt. Man schaut, dass man Geld parken kann, und sieht zu, wie es einfach wächst und wächst und wächst. American way of life … and investment. Der amerikanische Traum zwangsversteigert. 


Als das zweite Flugzeug in den Turm rast und Amerikas Selbstgewissheit zerstört „… da wusste ich es. Ich weiß nicht warum, aber ich wusste es sofort.“ Was wusstest Du?“ „Dass wir es waren. Dass wir das getan hatten.“ 


Akhtar schreibt, dass in seinem Land schwarze Amerikaner sich mit der einzig wichtigen Tatsache auseinandersetzen müssen, dass alles in den USA darauf abzielt „sie unten zu halten“.


Absonderlichkeit, Missachtung aller Verhaltensregeln, Mangel an Sachkunde, Verlogenheit, Vulgarität, diese Etiketten kleben an Donald Trump, der in der Kulisse dieses Elegienromans immer wieder vorkommt. Ein unverfrorener rassistischer Immobilienmagnat, ein eitler Idiot mit einer nazistischen Ich-Besessenheit, die das Volk jeden Tag dümmer macht. Gier kombiniert mit Verdorbenheit. Das ist Trumps Erfolgsmodell. 


Die Gegenthese aber formuliert ein gewisser Mike: “Trump hatte die nationale Gemütslage erfasst…“ in einem Land, in dem die Armut draußen real ist, in leeren Städten die Häuser verfallen, Hauptstraßen sterben. Und im Fernsehen statt Politik bloße Dramaturgie, Konflikte säen, Konsequenzen versprechen gang und gäbe ist: „Vielleicht hatte Plato recht, als er uns vor einer Stadt mit zu vielen Geschichtenerzählern warnte.“ Akhtar ist selbst ein grandioser autofiktionaler Geschichtenerzähler, der uns, zwischen Pakistan und den USA, die Lage formenreich beschreibend, in seinen Bann zieht. 
Kann eine Nation gedeihen, in der es allein um Konsum geht: „War das Gemeinwohl wirklich nicht mehr wert als das Geld, das man an der Kasse sparte?“ Der Preis ist geil…Und es hatte noch nie so viele Jobs gegeben, die so wenig einbrachten. 


Schonungslos entlarvt der Autor die konsumkapitalistischen Attitüden, wenn das Publikum nicht mehr über die Handlung des Films, sondern den Kassenerfolg kommuniziert, wenn nicht das Ergebnis des Baseballspiels thematisiert wird, sondern die Ablösesumme. Die USA, ein Land, das Menschen auf den Mond schießt, aber keine allgemeine Krankenversicherung auf die Beine stellen kann. 


Ein Roman, wie ein 360-Grad-Panoramen-Gemälde rund, perspektivenprall, genauestens beobachtet und beschrieben, und das Schwarze und das Weiße in der amerikanischen Gesellschaft farbig „gemalt“. Stilistisch formenreich erzählt sein Buch von Herkunft, Zugehörigkeit, Identität, Heimat, dem Niedergang der USA und einer tiefen Desillusionierung in einer Elegie, in einem „Klagelied“ dargestellt.
Amerika, Du hast es besser? Nein, Amerika, es geht Dir schlechter. Dennoch: Amerika ist Ayad Akhtars Heimat, sein Bekenntnis am Schluss. Sein Vater kehrt zurück nach Pakistan, in die „neue“ alte Heimat. 

 

Ayad Akhtars HOMELAND ELEGIEN CLAASEN

 

Wann wird das gute Buch zum guten Buch?

Was für ein Buch-Plan? Eine literarische Stilkunde zu schreiben, die meisten Schriftsteller an ihrem Stil zu überprüfen, ob sie einen guten oder schlechten schreiben und dabei auch noch die Übersicht zu bewahren.


Das ist großartig gelungen. Wilhelm Hauff, auf Verlegersuche, fand: „Ein Brief mit tausend Gulden ist immer in einwandfreiem Stil geschrieben.“ Soweit das pekuniäre. Achtung, Stilfalle, sollte man nicht Fremdwörter vermeiden? 


Maar definiert eingangs: „Was ist guter Stil? Und was hat guter Stil mit großer Literatur zu tun? Alles, oder fast alles.“ Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt, aber es ist noch nicht genau genug ausgedrückt. 
Maar bemüht den oft zitierten und genauso oft missverstandenen Kafka, der behauptet, die Individualität der Schriftsteller bestehe darin, dass jeder auf ganz besondere Weise sein Schlechtes verdecke.
Maar findet drei Regeln: Man ist Stilist oder man ist es nicht. Regel 2: Es gibt ein paar unfehlbare Stilisten wie Schopenhauer, Hebel, Gottfried Keller, Kafka. Und sein dritter Regelsatz: Es gibt gar keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können.
Und so bekommt jetzt jeder Schriftsteller so nach und nach sein Fett weg. Balzac ist kein Stilist, Zweig findet keine neuen Metaphern, auch Böll hat keinen Stil - nur drei Beispiele. Die Behauptungen werden jedoch nicht besonders tiefergehend begründet bei der Fülle der Beispiele ist das zu verstehen.  


Das Buch ist auch Handlungsanleitung: Vermeide Wiederholungen, Klischees, Ungenauigkeiten, Umständlichkeiten. Hinderlich ist auch ein zu geringer Wortschatz.  Maar sagt: „Guter Stil beruht auf einem inneren Verbotskanon.“ Und „Es gibt viele Wohnungen im Haus der Sprache“.
Schon bei der Zeichensetzung geht es los, die vom Schriftsteller oft eigenwillig und auch bewusst falsch benutzt wird: „Das überflüssige Komma stört ohnehin mehr als das fehlende.“Maar hat jede Menge Empfehlungen für den guten Schreiberling: Ausrufezeichen vermeiden, keine Klammern im Satz, keine drei Pünktchen und „Ein falsches Wort kann nicht nur Beziehungen, sondern auch Sätze ruinieren“.
Ob Substantiv, Verb oder Adjektiv, man halte es mit Rilke: „Er war ein Dichter und haßte das Ungefähre.“ 


Auch Vorsicht vor Metaphern, nicht zu viele starke Bilder. Das eine tötet das andere. Nicht in die Wiederholungsfalle tappen, also um die wiederholten Worte zu vermeiden, zwanghaft neue zu finden. „Wehe dem, der das Fahrrad im nächsten Satz durch den Drahtesel ersetzt!“ Maar nennt Herta Müller wortschöpferisch und bilderstark, weil die normale Sprache das Extrem nicht ausdrücken kann. Sie sei dabei hochkontrolliert. Und an Botho Strauß gefällt dem Autor das aphoristische Talent. Beispiel: „Der Stilist hat Einfälle – Botho Strauß hat viele davon. Es ist ein Aphoristiker an ihm verlorengegangen. ‚Ich habe nie mitten im Leben gestanden. Wo mag das sein? ‘“ Wo aber bleibt der Stil, wenn etwas Unsagbares auftaucht? An dieser Grenze scheitert Stil. Karl Kraus findet Abhilfe: „Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige.“

 

Nehmen wir noch ein paar Worte her, um dieses kluge Buch zu charakterisieren: Ein überraschendes, gut lesbares, an vielen Beispielen erzähltes Buch, das keine Theorie, kein Lexikon der Stilkunde darstellt, sondern ein Angebot ist, dem Stil eines Schriftstellers selbst und eigenständig auf die Spur zu kommen. 


Dogmatisch ist es ganz und gar nicht, aber für Wissenschaftler, die Sprache als „Graubrot“ anbieten, ist es sicher stilbildend. Für Literaten und Journalisten genauso.


Michael Maar Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur Rowohlt


Michael Maar, geboren 1960, ist Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker. Bekannt wurde er durch „Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg“ (1995), für das er den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt. 2002 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 2008 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste, 2010 bekam er den Heinrich-Mann-Preis verliehen. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf" (2013) und „Tamburinis Buckel. Meister von heute“ (2014). Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin.


13.11.2020 00.00 Uhr   in 1070  Wien
Lesung und Gespräch ”Die Schlange im Wolfspelz”
Lesung mit Michael Maar

 

Veranstaltungsort:
Literaturhaus Wien
Zieglergasse 26a
1070 Wien 


13.11.2020 13.00 Uhr   in    Wien
Gespräch ”Die Schlange im Wolfspelz”
ORF-Bühne auf der Buch Wien
Halle D, Bühne 1

 

01.12.2020 19:30 Uhr   in  22087  Hamburg
Lesung und Gespräch ”Die Schlange im Wolfspelz”
Lesung und Gespräch mit Michael Maar
Moderator: Andreas Isenschmidt

Veranstaltungsort: Literaturhaus Hamburg e.V. Schwanenwik 38 
22087 Hamburg

Balzano: Ich bleibe hier

 

Wie oft bin ich über den Reschenpass von Bayern nach Südtirol in den Vinschgau gefahren, und jedes Mal, wenn ich die Kirche sah, da mitten im See, mit der Kirchturmspitze aus dem Wasser ragend, machten wir eine kurze Pause, beobachteten die Touristen, die dem Untergegangenen nachspürten, Rast machten oder die Wasserfläche beobachteten, unter deren Linie zwei Dörfer verschwunden waren, weil ein Stausee entstehen musste. Erzwungen wurde!

 

Marco Balzano erzählt in seinem Buch die Geschichte einer Familie, von Leid, Widerstand, Mut und Wut über Faschismus und Technikwahn und die Geschichte des verschwundenen Dorfes Graun, das im See verschwand.

 

Die einen verließen die Gegend, weil sie unter Zwang italianisiert wurden, die anderen blieben eben. Dort „...verlief das Leben in den Grenztälern im Rhythmus der Jahreszeiten. Es schien, als käme die Geschichte nicht bis hier herauf.“ Irrtum!

 

Mussolini ließ Straßen, Bäche und Berge umtaufen. Das Italienische zog ein, das Deutsche aus. Die Faschisten besetzten alles. Doch es regt sich Widerstand: „Wenn ihr euch nicht mit der Politik beschäftigt, beschäftigt sich die Politik mit euch!“ Wir gegen Sie, war das Lebensmotto. Die Sprache des einen gegen die anderen. Auf Faschismus folgt Nazismus.

Die Montecatini-Gruppe will die Strömung des Flusses für die Energiegewinnung nutzen. Die Ich-Erzählerin Trina richtet ihre Worte im Roman als Erzählung an ihre geliebte Tochter Marica, die Graun verlassen hat. Trina dagegen bleibt und unterrichtet im Geheimen in ihrer deutschen Muttersprache.

 

Der Faschismus spaltet die Bevölkerung in „Optantinnen“, die anderswo ihren Lebensweg suchten, und „Dableiberinnen“.

 

Beeindruckend, wie es dem Autor gelingt, die Sprache und ihre Funktion zu behandeln, die zu Mauern werden: „Die Sprachen waren zu Rassenmerkmalen geworden. Die Diktatoren hatten sie in Waffen und Kriegserklärungen verwandelt.“

 

Und dann kamen die Bagger, die Traktoren und Lastwagen, die Planiermaschinen und Bauarbeiter. Eisenklirren und Motorengedröhn erfüllten die Luft. Die Arbeiten am Staudamm hatten begonnen: „Ich nahm einen Geruch nach Brackwasser in der Luft wahr, den ich noch nie zuvor gerochen hatte. In der Ferne erhöhten andere Trupps die Dämme und bauten die Überläufe und die Schleusen, die sich bald öffnen würden, um das Wasser hereinzulassen, das uns überfluten würde. Wir taten so, als sähen wir nichts, und machten einen Bogen darum, wir vertrauten auf den Papst, auf das Komitee, auf Pfarrer Alfred, aber im Frühjahr 1947 sahen wir den Staudamm direkt hinter uns, und er hörte nicht auf, uns zu verfolgen.“

 

Die Geschichte von Verdrängung und Untergang, von Widerstand und Scheitern, von Hoffnungen und Zweifeln, von Sieg und Niederlage strebt ihrem Höhepunkt zu: „Das Schweigen der Berge war erstorben im unaufhörlichen Lärm der Maschinen, die nie stillstanden. Auch abends nicht. Auch nachts nicht.“ Und „Das Wasser brauchte fast ein Jahr, bis es alles überflutet hatte.“

 

Die Menschen verlieren ihre Häuser und ihre Vergangenheit, Arbeiter am Staudamm ihr Leben, die Berge ihre Unschuld und die Geschichte ihren Zusammenhang und ihre positive Deutung.

 

Im Anhang erläutert der Autor nonfiktional, dass ihn das Bild des Turms im Wasser nie losgelassen hat, weil sich in dieser Region Verantwortungslosigkeit, Grenzziehungen, Machtmissbrauch begegnet sind. Ein aufwühlendes und dennoch ruhig, aber anschaulich erzähltes Stück deutsch-italienischer Geschichte.  

 

Marco Balzano Ich bleibe hier DIOGENES

 

Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer für Literatur an einem Mailänder Gymnasium. Mit seinem letzten Roman, ›Das Leben wartet nicht‹, gewann er den Premio Campiello, mit ›Ich bleibe hier‹ war er nominiert für den Premio Strega. Er lebt mit seiner Familie in Mailand

 

GRAUN

https://de.wikipedia.org/wiki/Graun_(Graun_im_Vinschgau)

 

 

Pressestimmen

 

„Ein zutiefst berührender Roman.“ Patricia Arnold / NZZ am Sonntag, Zürich

 

„Ein starker, eindrücklicher, kitschfreier Heimatroman.“ Münchner Merkur

 

„Nüchtern erzählter und kluger Roman über die wechselvolle Geschichte Südtirols.“ Karen Krüger / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 

„Balzanos Prosa ist knapp, eindringlich und ganz nah an seiner Protagonistin.“ Meike Schnitzler / Brigitte, Hamburg

Couscous mit Zimt - Frauenporträts

„Weil wir uns in Afrika die Füße verbrannt haben“, hieß es in der Familie Bellanger, wenn davon die Rede war, dass sie „pieds noirs“ seien. So nennt man in Frankreich diejenigen, die aus den Ländern des Maghreb über das Mittelmeer in ihr europäisches Ursprungsland zurückgeflohen sind, als diese Länder unabhängig wurden. Auch Lucile Bellanger hatte in Tunesien das verwöhnte Leben geführt, das sich die Damen der Kolonialherren leisten konnten. Von ihr handelt der Roman „Couscous mit Zimt“ der ebenfalls von einer Mutter mit tunesischer Pied-noir-Geschichte abstammenden Berlinerin Elsa Koester, die als Journalistin für den Freitag arbeitet. Drei starke Frauen spielen die Hauptrollen. An drei Hauptorten entwickelt sich die Familiengeschichte: In Tunesien, in Paris und in Berlin. Dazwischen wird gereist, in Frankreich nach Châteauroux, um dort den jugendlichen Gérard Depardieu und seine Bande kennenzulernen, nach Kreta, um dort von der von Touristen gepflegten freien Liebe angewidert zu werden. Aber der Reihe nach!

 

Lucile Bellanger beginnt den Roman mit einem Seufzer: „Ich habe Gott nie um Kinder gebeten…“. Aber sie hat in Tunesien zwei Söhne von ihrem ersten, zwei Töchter von ihrem zweiten Mann bekommen. Um eine von ihnen geht es in erster Linie, um Marie, die – in Tunesien geboren und dort als Kind glücklich aufgewachsen – wie entwurzelt weder in Paris bei ihrer Mutter Lucile, noch in Berlin, in „Nazideutschland“ leben kann. Hier ist sie aber, inzwischen von ihrem deutschen Mann getrennt, und mit ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter Lisa zu Hause. Lucile, die Großmutter, stirbt mit 102 Jahren in ihrer Pariser Wohnung in der Avenue de Flandre. Unmittelbar darauf stirbt auch ihre Tochter Marie in Berlin an Krebs. Luciles Enkelin Lisa, die inzwischen an ihrer Dissertation über die Welt um Büchners „Lenz“ schreibt, erbt das Appartement ihrer Großmutter und fährt nach Paris, um diese dort aufzulösen.

 

Elsa Koester erzählt die Geschichte und die Geschichten dieser drei charakterstarken Frauen in Abschnitten, die sie abwechselnd jeder von ihnen widmet. Lucile und Marie erzählen in einer sehr subjektiven Ich-Sprache, über Lisas Objektivität wacht ein allwissender Erzähler. Diese Perspektivwechsel bringen unterschiedliche Wahrheiten über die Familiengeschichte ans Licht. Manchmal mischen sich auch noch Maries Schwester und ihre Halbbrüder mit eigenen Varianten ein. Marie ist eine unverbesserliche Alkoholikerin und Raucherin, auch noch, als der Knoten in ihrem Hals diagnostiziert wird. Sie ist das enfant terrible der Familie, ihre Mutter Lucile ist der Feldwebel. Die zwingt Marie zu einer Abtreibung, beide schlagen sich bei den seltenen Besuchen Maries bei ihrer Mutter. Lisa kapituliert bald bei der Suche nach der Wahrheit. Soweit der äußere Rahmen dieses kunstvoll gebauten Triptychons. Der Roman bietet in den einzelnen Lebensabschnitten der drei Frauen in Dialogen mit der Umgebung und in intensiven inneren Monologen und Selbstreflexionen eine große Palette an Themen. Natürlich die Abtreibung und das Kinderkriegen. Die Liebe zu Männern – die zu Frauen wird gelegentlich zart angedeutet. Marie hat den Mai 68 in Paris miterlebt: Camus oder Sartre, die Befreiung der Gesellschaft oder die des Individuums, Gewalt oder andere Möglichkeiten? Durfte Frankreich Kolonien haben und durften die dort heimisch Gewordenen daraus vertrieben werden? Befreit das Kopftuch nicht muslimische Frauen von den unerwünschten Blicken auf ihre Körper? Vieles wird politisch oder existenziell diskutiert und auch Lisa gerät in Paris in Diskussionen und Gewaltexzesse im Rahmen der „Nuits debout“. Die Welt der der Frauen und die Welt überhaupt ist voller Probleme und Fragen. Elsa Koester legt ihren Protagonistinnen wohl oft ihre eigene Auffassung in den Mund. So könnte alles besser werden – die Welt und auch für jeden Einzelnen. Das ist beruhigend zu lesen, dass es solche Entwürfe gibt, auch wenn sie manchmal nur angedeutet werden. Dann bekommt die Frage ihre eigentliche Bedeutung, ob zu viel oder wenig Zimt im Couscous steckt, der Lieblingsspeise aller drei Frauen.

 

Harald Loch

 

Elsa Koester: Couscous mit Zimt         Roman

Frankfurter Verlagsanstalt, 2020   446 Seiten   24 Euro

 

Nicolas Mathieu: Rose Royal              


Kann schlechter Sex ein Todesurteil sein? Lange Zeit sieht es in Nicolas Mathieus kleinem Roman so aus. Die Titelheldin Rose, Anfang fünfzig, hat einiges erlebt mit Männern, ist geschieden, hat zwei Kinder außer Haus. Sie sieht klasse aus, vor allem ihre Beine werden bewundert. Sie hat sich eine Pistole angeschafft und trägt sie immer in ihrer Handtasche, um sich gegen Männer, Demütigung und Gewalt zur Wehr setzen zu können. Sie hat eine kleine Wohnung, vermutlich in der französischen Provinz, eine ordentliche Stelle im Büro, ein kleines Auto. Sie trinkt nach Feierabend gern ein oder auch ein paar Gläser im Royal. „Es war noch früh am Abend. Rose freute sich, sie hatte Durst.“ Dort lernt sie Luc kennen, der mit seinem angefahrenen und schwer verletzten Hund in die Kneipe kommt. Rose gibt ihm dort den Gnadenschuss. Luc ist Bauunternehmer, sieht gut aus, hat einen schiefen Zahn. Er meldet sich ein paar Tage später bei ihr. Sie treffen sich in einem Restaurant. Er lädt sie wiederholt ein, bis er sie zu sich nach Hause holt. Im Bett ist er nicht so erfolgreich wie auf dem Bau.
Die Beziehung schleppt sich weiter. Rose findet den mächtigen SUV mehr sexy als den Fahrer. Aber sie genießt den kleinen Luxus mit ihm. Es ist in Mathieus gelungenem Milieubild ein wohlhabender, kleinbürgerlicher Luxus. Der Sex wird nicht besser. Rose versucht nicht nur ihren, sondern auch den Alkoholkonsum ihres Lovers zu bremsen – bald trinken beide wieder. Gerne Gin, gern auch Champagner. Meist schläft sie bei Luc. Bald findet sie es unpraktisch, nur zum Kleiderwechseln in ihre Wohnung zu fahren. Sie zieht zu ihm. Sie muss auch nicht mehr arbeiten, braucht kein eigenes Auto mehr. Der Alltag wird nicht besser, Aussprachen helfen nichts. Ein Zurück würde kompliziert. Als Luc zum Jahrestag ihres Kennenlernens ein Wochenende in einem Luxushotel bucht, fasst Rose dort, wo sie sich durch die Vornehmheit der Umgebung geschützt fühlt, einfach abzuhauen. Luc schläft nach misslungenem Sex und Rose ist schon fast unterwegs. Die 9 mm Patronen ihres Revolvers beenden diese Beziehung und den knappen Roman auf überraschende Weise. Irgendwie konsequent.


Das schmale Buch des 1978 geborenen Nicolas Mathieu ist in präziser, nicht unbedingt unterhaltsamer, dafür scharf konturierter Prosa geschrieben. Die Persönlichkeiten der Protagonistin und ihres Partners wachsen der Leserin entgegen, als ob sie ihnen im Royal oder in besseren Etablissements persönlich begegnete. Der Autor gewann vor zwei Jahren mit „Wie später ihre Kinder“ den begehrtesten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Mir „Rose Royal“ legt er vielleicht nur einen Zwischenstopp ein, bevor wieder ein größerer Roman folgt, den man sich nach diesem bitteren amuse gueule wünscht. So bleibt es zunächst bei einer beeindruckenden petitesse.


Harald loch


Nicolas Mathieu: Rose Royal               Roman
Aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen
Hanser Berlin, 2020   95 Seiten   18 Euro

 

 

Lily King: Writers & Lovers


Als Profigolferin hätte sie viel Geld verdienen können. Nach ihrer verkorksten und verschlampten High-School-Zeit hat sie aber über 70000 Dollar Schulden. Sie lebt in Boston, wohnt in einer ausgemusterten Garage, jobbt im „Iris“, einem angesagten Restaurant für wenig Geld und knappes Trinkgeld. Casey Peabody hat kürzlich ihre Mutter verloren und ringt sich seit sechs Jahren Seite um Seite ihres Romans ab, des ersten, in den sie sich mangels besserer Alternativen verkrochen hat. Sie weiß nicht, ob ihr Talent dafür reicht, zweifelt an ihrer Möglichkeit, Schriftstellerin zu werden, verkehrt in einschlägigen Autorenkreisen und sieht sich permanent ihrer Weiblichkeit ausgeliefert. Der Vermieter ihres Schuppens, ein Freund ihres viele tausend Meilen entfernt wohnenden Bruders, macht sie mit den Worten nieder: „Ich staune, dass du tatsächlich glaubst, dass du etwas zu sagen hast.“ Dazu kommen alarmierende körperliche Anzeichen, sie hat meist keine Krankenversicherung – Amerika eben. Zum Glück hat sie eine Freundin. Muriel ist eine gnadenlose Leserin, eine Lektorin, deren Urteil viel wiegt. Sie macht Casey Mut.


Lily King, hierzulande mir ihrem Erfolgstitel „Euphoria“ bestens eingeführt, nennt ihren neuen Roman „Writers & Lovers“. Über die Writers und deren Allüren zieht sie mit feiner Ironie her. Die Lovers von Casey sind Oscar, ein erfolgreicher Autor Mitte vierzig, der nach dem Tod seiner Frau zwei Kinder, fünf und sieben Jahre alt, allein erzieht und eine Frau, vielleicht auch nur eine Haushälterin oder ein Kindermädchen sucht - und Silas, ein etwas unzuverlässiger junger Dichter, der eigentlich nicht Frage kommt, weil er in einigen Jahren nur zwei Sätze zustande gebracht hat. „So etwas steckt an“, meint Casey, die bei dem älteren Kollegen ein bisschen angebissen hat. Verliebt ist sie eigentlich in dessen beide Jungs – und umgekehrt. 


Am Ende löst sich alles glücklich auf, Caseys Roman wird fertig und von Verlagen angenommen, ihre Knötchen erweisen sich nicht als bösartig und als Eselin zwischen zwei Heuhaufen entscheidet sie sich wohl für den wohlschmeckenderen. Das könnte leicht kitschig sein. Nicht so bei Lily King, die mit ihrer genauen Beobachtung der sozialen Wirklichkeit, ihrer Personenbeschreibung, nach der jeder Leser ein Phantombild auch des Innenlebens der Figuren zeichnen könnte, mit ihrer Dramaturgie, die nach Verfilmung schreit, einen rasanten, nachdenklich stimmenden und ohne Larmoyanz auskommenden Roman schreibt. Ohne Überschwang kommt Lily King und Sympathie für ihre Casey Peabody allerdings nicht aus. Die Szenen im „Iris“, in denen Casey und die anderen hin- und herflitzen, schnöselige Gäste nerven, und das Personal wegen Kleinigkeiten abgemahnt wird, zählen zu den Kabinettstückchen einer Literatur, die amerikanisch unterhält, kritische „Ostküstenliteratur“ ist und von Sabine Roth in wunderbar treffendes Deutsch übersetz wurde – ein schöner Roman.


Harald Loch


Lily King: Writers & Lovers        Roman
Aus dem Englischen von Sabine Roth
C.H.Beck, München 2020   319 Seiten   24 Seiten

 

Kluge, der Weltenerkunder: Russland-Kontainer

Alexander Kluge gehört zu den Begründern des Neuen deutschen Films, er versteht sich aber in erster Linie als Schriftsteller. 
 
»Ich bin und bleibe in erster Linie ein Buchautor, auch wenn ich Filme hergestellt habe oder Fernsehmagazine. Das liegt daran, dass Bücher Geduld haben und warten können, da das Wort die einzige Aufbewahrungsform menschlicher Erfahrung darstellt, die von der Zeit unabhängig ist und nicht in den Lebensläufen einzelner Menschen eingekerkert bleibt. Die Bücher sind ein großzügiges Medium, und ich trauere noch heute, wenn ich daran denke, dass die Bibliothek in Alexandria verbrannte. Ich fühle in mir eine spontane Lust, die Bücher neu zu schreiben, die damals untergingen.« 

 

Zitat aus Alexander Kluges Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis im Jahr 1993 

 

„Buchstaben sind Rebellen“. 
 
In den Anfangssätzen des Buches steht der Satz: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Alexander Kluges Wissensdurst stammt aus dem Erzählen, er fängt an, etwas zu erzählen noch bevor er etwas weiß, heißt es im Einleitungskapitel. Also Schreiben als Erkundungstour. 

 

Was ist das für ein Buch hinter dem geheimnisvollen Schwarz-Weiß-Einband? Kontainer ist als Titel des Buches mit K geschrieben, eben russisch. Kontainer, das ist per Definition ein Großraum-Behälter zur Lagerung von Gütern - in diesem Fall eine Text- und Bilder-Sammelbox, eine Art Buch-Koffer voller Inhalt, Bilder, Szenenausschnitten, Wortfetzen, Zitaten, Erkenntnissen, Berichten, Skizzen, Tagebuchnotizen, Selbstgesprächen, historischen Einblicken, Wortfeldern, Auf- und Abblenden, Kritzeleien und Kritik. 

 

Kluge klaubt thematische Verrücktheiten auf wie Katzen im Weltraum, oder Nachrichten an Außerirdische oder Dokumentarisches wie das Massensterben von Zirkusunternehmen. 

 

Kluge collagiert seine Inhalte, stellt szenisch zusammen, verbindet Text und Bild, Historisches und Gegenwärtiges. Er positioniert hintereinander linear Wortfelder und Bildimpressionen. Ausschnitte aus Welt. 
Der Autor geht ins Innere der Räume, etwa in den Wartesaal in einer südrussischen Provinz, oder er dringt ins menschliche Innere, in die Träume eines Moskauer Schlafforschers ein.

 

Russland ist für Kluge - so die Kapitelüberschriften - ein Vaterland der Besonderheiten. Alle Seelen Russlands weisen mit ihren Wurzeln zum Himmel. Kluge hat einen genauen Blick für Biographie und Geographie. Er entdeckt die verschwundene Macht in Russland, die hinter dem Putz versteckt ist und er stellt auch philosophische Fragen, zum Beispiel, ob ein Gemeinwesen ICH sagen kann? 

 

Kluge sammelt kluge und kuriose Fundstücke. In Tagebuch-Exkursen diskutiert der Autor zum Beispiel mit Habermas in einem Vorweihnachtsgespräch die Rolle der Soziologie als einer Art „Baukunst“. 

 

Kluge sammelt Russland-Briefmarken und zeigt sie im Bild, und er schildert auch das russische Kino vor 1914. Ein Beobachtungsspektrum so weit wie Breiten- oder Längengrade.  

 

"Auf die Frage, warum ich keine Romane schreibe, erwidere ich: Was ich schreibe, sind Romane", … "Romane sind ihrem Prinzip nach Sammlungen. ... Zu Sammlungen geworden, verlangen sie nach Fortsetzung. Insofern hat das Poetische den Charakter einer Baustelle." 

 

Alexander Kluge, der Weltenbeobachter, Angehöriger einer Art Sammlungsbewegung der besonderen Art, er bewegt sich durch diese Welten und sammelt dabei für seine historische Schatzkiste. Es könnte ja etwas verloren gehen. 

 

Ich kann diese Haltung nachvollziehen, deshalb liegt ja auch beim Rezensenten, auf meinem Schreibtisch, immer noch die kaputte Offiziersuhr, die mir ein Soldat nach der Wende in Weißrussland verkauft hat, seine Militärmütze habe ich im Schrank versteckt und das Stück Stacheldraht vom Grenzzaun zwischen Ost und West liegt zwischen den Kaffee-Servicetassen alter Tanten. 

 

Auch politische Systeme mit ihren Grenzen können zerbrechen, wie Porzellan, das auf den Boden fällt. Aber wer kehrt Systeme auf?  
 
Alexander Kluge Russland-Kontainer Suhrkamp 

 

 
Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, ist Jurist, Autor, Filme- und Ausstellungsmacher; aber: »Mein Hauptwerk sind meine Bücher.« Für sein Werk erhielt er viele Preise, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Theodor-W.-Adorno-Preis, Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und 2019 den Klopstock-Preis der Stadt Halberstadt.
 
Pressestimmen
 
»Alexander Kluges Bücher sind Textgebirge. Sie verdichten sich zu einem Wissenskontinent.« Christine Hamel, WDR
»Poetische Fracht aus einem Land, dessen Weite und Vielfalt allein schon die Vorstellungskraft in Gang setzen. Alexander Kluges Kunst der Auslassung wiederum, seine elliptische Denkart, die konsequent auf Zusammenhänge verzichtet und der Fantasie des Lesers viel Raum gibt, ist eine kongeniale Methode der Annäherung an Russland.« Niels Beintker, Bayern 2
 
 

Esprit aus Frankreich

Zu Frankreich und zur französischen Literatur fallen einem viele Komplimente ein. In Zeiten wie diesen ist der Import von savoir vivre, also von Lebensart, besonders willkommen. Aber François Heurtevent, der Held des Romans „Glücklicher als gedacht“, erlebt gerade die größte Katastrophe seines bislang so erfolgreichen Lebens: Er ist als langjähriger Bürgermeister von Perisac gerade abgewählt worden.

 

Man findet diese mittelgroße Stadt nicht auf der Landkarte. Der Autor des Romans, Antoine Laurain hat sie erfunden und sie mit allen Vorzügen der französischen Provinz ausgestattet – vor allem mit einem 3-Sterne-Restaurant, „La Musarde“, das Sylvie lukullisch betreibt, die Frau des abgewählten Bürgermeisters. Der kann sein Schicksal nicht fassen und bekommt sein Leben nicht mehr in den Griff – bis der Autor, sein Erfinder und Schöpfer, ein paar geniale Einfälle zu seiner Rettung hat. Um die geht es in dem leichten, von Claudia Steinitz sehr schön übersetzten Roman.


François Heurtevent findet ein altes Klassenfoto aus seiner Schulzeit und beschließt, einige der ehemaligen Klassenkameraden zu besuchen. Hilfreich beim Ermitteln der Adressen ist ein guter Bekannter, der ein hohes Tier im französischen Geheimdienst ist. Ihn hatte Heurtevent während der Aufstiegsphase seiner Karriere kennengelernt, die er als Assistent bei einem inzwischen verstorbenen Spitzenpolitiker verbracht hatte. Zufällig – wie das „glückliche Leben“ eben auch Zufälle braucht – gerät er in Paris an einen Makler, der die ehemaligen Büro- und Wohnräume dieses Granden der Pariser politischen Klasse vermieten soll. Heurtevent kommt auf den verrückten Einfall, sie zu mieten und beginnt von hier aus seine recht bizarre Besuchs-Tour bei den Klassenkameraden. Einer ist Priester geworden und serviert einen sagenhaft teuren Messwein, ein anderer ist Antiquitätenhändler geworden – ein Beruf, den der Autor auch schon ausgeübt hat. Eine ehemalige Klassenkameradin hat sich als Prostituierte in Metz niedergelassen. Ihr letzter Kunde wird Heurtevent. Ein anderer dreht Pornofilme und eine betreibt einen exklusiven Friseursalon.

 

Diese Besuche bieten dem Autor Gelegenheit, Erinnerungen seines Protagonisten wachzurufen und seine Erzählung mit biographischen Miniaturen zu schmücken – toll macht er das. Sein Humor lässt einen nicht die Schenkel klopfen, ist vielmehr geistreich. Der Esprit der nicht ambitioniert tiefschürfenden Dialoge erfrischt in trockenen Zeiten. Elegant erzählt, wächst ein sehr französischer Roman aus dem Wahldebakel, das am Ende auch noch sehr spannend und völlig überraschend aufgelöst wird. Hoffentlich kann Heurtevent auch nach dem literarisch gekonnten Salto  „glücklicher als gedacht“ weiterleben.


Harald Loch


Antoine Laurin: „Glücklicher als gedacht“   Roman
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Atlantik/Hoffmann und Campe, Hamburg 2020   

 

Die Brexit-Kakerlake

Der gute alte Kafka stand Pate und lieferte die Grundidee: Bei Kafka verwandelt sich Gregor Samsa vom Menschen zu einem Käfer. McEwan dreht den literarischen Spieß um, und er lässt eine Parlaments-Kakerlake auf die Welt kommen, die zum britischen Regierungschef Jim Sams mutiert. Eingangssatz, an Kafka leicht angelehnt: "Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt."

Mc Ewan ist ziemlich ärgerlich über die unendliche Geschichte der Brexit-Debatte in seinem Land. Aber statt demonstrierender Wutbürger zu werden greift er zu seinem Mittel: der schreibt ein Buch, eine Politsatire, eine Parodie, die beim Lesen so manchen Lacher erzeugt, jedoch ein Grundproblem nicht ganz auflösen kann, dass die Brexit-Realität noch verrückter ist, als Ewan sie darstellen kann. Das wird sich auch in der Zukunft noch klarer beweisen.

 

In dieser Erzählung stellt Ewan zwei Politgruppen gegenüber, die Reversalisten, die Umdreher, gegen die Clockwiser, die weiterhin im Uhrzeigersinn mit der Zeit voran gehen. Übersetzt in die Realität sind es die „Brexiteers“ die als „Leaver“ hier gegen die „Remainer“ stehen.

Reversalismus, das politische Kakerlaken-Konzept heißt: „Wer Arbeit hat, muss zahlen.“ Und zwar dem Arbeitgeber Geld geben. Wer exportiert muss zahlen.

 

Dahinter steht die Idee, den Geldfluss umzukehren. Beim Einkauf bekommt der Käufer die Preissumme in die Hand ausbezahlt. Damit kann er seinen Arbeitgeber finanzieren. So gerät das Geld in Umlauf, der Welthandel floriert, denn den Warenexporten muss Geld hinterher geworfen werden.

 

Man sieht förmlich den Wirr-Schopf Boris Johnson vor dem geistigen Leser-Auge, wenn der Briten-Premier schamlos Absprachen bricht. Denn hier sehen wir „Politik in der reinsten Form: der Durchsetzung von Zielen mit allen verfügbaren Mitteln“. Fake-News und Lügen-Parolen sind für die Kampagne zulässig und sehr nützlich: „Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz. Deshalb also wurden Menschen Schriftsteller“, schreibt Ewan selbstironisch.

 

Die Zeit wird zurückbewegt, alles kehrt sich um.

 

Ewan lässt auch einen INTERNETwehmutseufzer zu, als ältere Journalisten noch druckfrische Papierausgaben von Zeitungen in Händen hielten, und - ich würde sogar noch weitergehen und sagen - sogar daran süchtig schnüffelten. In der alten Welt der Fleetstreet, wo die englischen Zeitungen in den analogen Zeiten gedruckt wurden.

Europakritisches hält sich in diesem schmalen Satireband in Grenzen, es kommt jedoch auch vor, wenn etwa die EU-Kommission etwa „lebhafte Debatten über moldawische Eiscreme“ führt.

 

McEwan‘s Sinn vom Ganzen: Warum treibt der britische Premier seinen politischen Umstieg, den Reversalismus, auf die Spitze? Es steht also die „Warum-Frage“ im Raum und wird mit einem „Weil“, einem „Because“ beantwortet: „Weil. So lautete letztlich die einzige Antwort: Weil.“

Es gibt also keine vernünftige Begründung. Der Sinn mutiert zum UnSINN.  

 

Ian McEwan: „Die Kakerlake“
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes Verlag, Zürich 2019

 

 

 

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Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

Man stelle sich vor, man befinde sich im Hausarrest oder es stimme wirklich, was Blaise Pascal meint, wonach alles Unglück der Menschen daher rühre, „dass sie nicht willens und fähig seien, ruhig in einem Zimmer zu bleiben, und stets hinaus in die Welt drängten“.

 

Aber wozu?

 

Warum denn in die Ferne schweifen, wo das Gute liegt so nah? Es gibt nichts Kleines in der Welt, es kommt auf den Standpunkt an, sagt August Oetker, keineswegs Philosoph, sondern der Erfinder des Backpulvers. Er wusste, was die Welt zusammen hält.

Goethe spricht: Im Kleinen ist man nicht allein.

 

Schauen wir also auf die kleinen Hauptgegenstände des Buches auf einen Brieföffner, Überseekoffer, auf Gegenstände des normalen Alltags: Aschenbecher, Kochbücher. Das sind die Startpunkte für die „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ von Karl-Markus Gauß.

Karl-Markus Gauß erzählt von seiner Familie, historischen Ereignissen und aus dem Alltag eines Schriftstellers. Es ist eine Expedition ins Innenreich der vier Wände, die Innenwelt der Innenwelt.

Das große, geräumige Salzburger Haus von Karl-Markus Gauß,1896 gebaut, ist der Schauplatz der Nicht-Handlung.

 

Gauß schweift ab und kehrt zurück, wandert aus und wieder ein. In Exkursen bewegt er sich thematisch in das Andere, zum Beispiel in das Warten. Er entwickelt eine Typologie des Wartens. „Das Warten ist die unmerkliche Bewegung des Todes.“

 

Wir lernen Weggenossen kennen und geschichtliche Gestalten. Es findet eine Welterkundung im Zimmer stattet, die niemals rastet, weil sie sonst rostet.

 

Eine Reise kann also auch auf dem Schreibtisch ohne CO2-Ausstoß stattfinden, Papiere, Dokumente, Zeugnisse, allerlei Alltagskram, diese Enzyklopädie seines Schreibtisches gibt Auskunft über die Umgebung und die Person des Schriftstellers.

 

Warum müssen seine vielen gespitzten Bleistifte immer strammstehen? Wie lange dauert eine Rundreise durch Europa? Warum hebt man etwas auf und wirft es nicht weg? Wie sinnvoll ist es, Duschhauben zu sammeln? Warum wachsen Bücherregale ins Unendliche nach oben? Und schließlich der Alkohol: „...die Würde des edlen Rausches ist höher zu veranschlagen als die Depression, die er verursacht“. Das Buch, eine abenteuerliche Reise zum Innersten, zum Inneren das das Innere zusammenhält und das Besondere und Absonderliche.

 

Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, wo er heute als Autor und Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik lebt. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und oftmals ausgezeichnet, darunter mit dem Prix Charles Veillon, dem Johann-Heinrich-Merck-Preis und dem Jean-Améry-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt Der Alltag der Welt (2015), Zwanzig Lewa oder tot (2017).

 

 

FALLOBST - der neue Enzensberger

Also in seinem Pass müsste in der Rubrik Berufsbezeichnung eine große Spalte bereit gehalten werden für Hans Magnus Enzensberger: Herausgeber, Verleger, Lyriker, Romancier, Dramatiker, Kommentator, Hörspielschreiber, Kritiker, Polemiker, Essayist.

Er ist eine verschmitzte, coole Type im heutigen Jargon gesagt, und er ist eben auch seit über sechzig Jahren in dieser Republik der Kritiker des Jargons der Eigentlichkeit und der Unendlichkeit der Welt.

Er bereitet Spaß mit seinem Schreiben, fordert auf zu vernünftigem kritischen Denken, lockt Widersprüche hervor, aber auch begeisternde Übereinstimmung.

 

Nun klaubt er Worte-Fallobst auf und steckt es in einen Korb mit dem Reimhinweis: “Manche sammeln es auf, wenn sie sonst nichts zu tun haben. Solange es nicht verfault ist.“

 

Danke dafür, denn mit 90 ist es kein Vergnügen mehr, sich nach Fallobst zu bücken. Aber Enzensberger tut es für uns.

 

Einige Kostproben von Notizen, Sprüchen, Tages- und Altersweisheiten, Nebenbei-Aufzeichnungen, Glossen, Weisheiten und Dummheiten in diesem „Notizbuch“.

 

Eine kleine Auswahl aus 380 Seiten:

 

Anna Achtmatova: „Jeder Versuch, zusammenhängende Erinnerungen zu verfassen, läuft auf eine Fälschung hinaus“.

 

Max Beckmann: „Manchmal wäre man froh, sich selbst los zu sein“.

 

Gottfried Benn: „Erstaunlich, dass man am Ende einer Karriere selbst überhaupt nicht weiß, wer man war und ist.“

 

Bayerische Volksweisheit. „Mach ma halt a Revolution, damit a Ruah is“

Enzensberger druckt Lexikon-Artikel ab, zum Beispiel über Lyrik und das Gedicht an sich: „Alles in allem hat sich diese Textsorte als überraschend zählebig erwiesen“.

 

„Man tut gut daran, alles abzusagen, was angesagt ist“.

 

Er kritisiert die deutsche Dienstleistungswüste, zum Beispiel am Dienstleister Post, der sein Quasimonopol ausnutzt und zum Beispiel aus seiner Servicenummer ein Postgeheimnis macht.

 

Gerhart Baum wird zitiert, der den Leitartiklern und Talkshowgrößen Deutschlands attestiert, nicht dem Zeitgeist sondern dem Tagesgeist nachzuhecheln.

 

Und er geißelt die zärtliche technikaffine Smartphone-Generation: „Früher war es klinisch kranken Menschen vorbehalten, im öffentlichen Raum ihre intimsten Probleme und Obsessionen lauthals preiszugeben. Auch eine neue Gestik ist zu beobachten. Fast ausnahmslos führen die Menschen Geräte mit sich, zu denen sie ein erotisches Verhältnis pflegen. Sie wischen, fummeln, nesteln, wedeln und stöpseln nicht nur an diesen Gegenständen herum, sondern kitzeln, streicheln, frottieren, tätscheln, knuddeln und massieren sie.“

 

Und wie soll daraus Nachwuchs entstehen, möchte man selbst meinen?

Enzensberger nimmt sogar Nullsätze aufs Korn, die nichts, aber auch gar nichts aussagen, etwa: „Es tut sich was.“  oder den Abkürzungswahn digitaler Welten von HDMI bis VGA.

 

Dieses Buch ist keine Satz- oder Wörter-Wüste, nein, ein erfrischender prickelnder Literaturquell, mal Rinnsal, mal Bach, mal Fluss, mal Wörtermeer zum Ein- und Untertauchen. Genial!

 

Hans Magnus Enzensberger Fallobst. Nur ein Notizbuch Suhrkamp

Pressestimmen

Wer will die Insel Rügen kaufen : CHINA?


Zielgruppe Schwarzseher, Zukunftsforscher, China-Experten, Statistiker, Kabarettisten, Wähler, Amerikaner, Russen, Deutsche. 


Meinung Dem Wirtschaftsredakteur KASSANDRA wird gekündigt. Schreiben wir doch mal die Synonyme dafür auf: Er ist entlassen, rausgeworfen, vor die Tür gesetzt, freigestellt, abserviert, abgebaut, kaltgestellt, fallengelassen, verjagt, rausgekickt, ist zurückgetreten, hat abgedankt, ist ausgestiegen, sein Vertrag wurde aufgelöst, beendet, er zog einen Schlussstrich, das Arbeitsverhältnis wurde abgeschlossen, er hat mit seinem Job Schluss gemacht, wurde zurückgetreten, sein Arbeitsplatz wurde abgebaut. Er wurde abgesetzt, entfernt, fortgeschickt, suspendiert, seines Amtes entkleidet, auf die Straße gesetzt, ihm wurde der Laufpass gegeben, der Stuhl vor die Tür gestellt, er ist gefeuert, wurde in die Wüste geschickt, geschasst, man hat sich von ihm getrennt, er hat abheuert, abgemustert, ist ausgeschieden. Hat den Dienst quittiert, aber die wahre Wahrheit lautet, er wurde wegrationalisiert. Denn wir wissen ja: „Mit der gedruckten Presse geht es abwärts.“ 

 
Aber jetzt kann er befreit schreiben: „Subjektiv jedenfalls, rücksichtslos“, weiterschreiben, endlich frei!  


Kassandra, also Delius, schreibt nun Tagebuch-Notizen. Kassandra hat ein Problem, er sieht die gelbe Gefahr, die Chinesen auf uns zukommen. 
Der Westen steigt ab, China steigt auf. Wir würden erst aufwachen, wenn der chinesische IOC von Wien nach Budapest rollt. Die Chinesen kaufen französische Weingüter, 150 haben sie schon, und venezianische Paläste. Wann also ist Rügen dran? Es geht Delius um die Gefahr, dass China durch seine Wirtschaftsmacht zur Weltmacht wird, und dabei die paar restlichen westlichen Werte abgeräumt werden.


Eine SPIEGEL-Rezensentin meint, ein Roman sei das nicht, wie das rowohlt-Cover behauptet, sie kritisiert, das wüssten wir alles schon oder hätten es schon mal gehört, gelesen, gesehen. Stimmt! Aus Zeitungsleser-Perspektive. Aber endlich verknüpft ein Roman-Autor mal Aktuelles und Politisches und schreibt nicht schon wieder einen der unzähligen Familienromane, und dann ist es auch wieder nicht recht. 
Delius warnt ja sogar selbst: „Auch für die eigenen Gemeinplätze gilt: Alle vier Wochen zum TÜV.“ 


Also ein richtiger Roman ist es nicht, er ist mehr Faction als Fiction, aber eine Tagebuch-Brief-Erzählung für die Enkelin Lena.


Es sind Beobachtungen, Meinungsfetzen, Momentaufnahmen, geschrieben wie ein Smartphone-Camera-Flash, zum Weg-und-weiter-wischen: Griechenland-Rettung, Banken-Rettung, Koalitionsverhandlungen, MÜK, die maßlos überschätzte Kanzlerin. Fußball kommt vor: Stürmer Müller „Wir haben die Qualität, wir müssen sie nur auf die Wiese bekommen.“ Oder der Mittelfußknochen von Manuel Neuer. 


Dieses Buch ist eine Realitätsmontage: Es geht um Mafia-Investments, Zeitgeist-Feuilletonisten, die Krimi-Invasion im Fernsehen, Politiker Helmut Kohl, die wahre schwarze NULL, also Schäuble und vor allem Angela Merkel. 


Delius schreibt die deutschen Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten auf, notiert das Talkshow-Geplapper, kritisiert die Journalistenzunft und das Mediengeheule heutiger Tage im Netz, dessen Stimmung wichtiger genommen wird als die langweilige grundsolide Recherche. Es ist halt ein aktuelles Meinungsgewusel.


Während wir uns ablenken und abgelenkt werden, bauen die Chinesen die Seidenstraße. Für den 27.10 notiert Delius: „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich.“ 


Delius ist Wutbürger im Hysterikerland.  


Delius übt Kritik an abstrusen Tatort-Plots, die nicht mal die NSU-Morde und deren Nähe zum Verfassungsschutz thematisieren.
Während Putin und Assad Syrien tot bombardieren, sind die Chinesen schon am Wiederaufbau. 


Für Varoufakis und Griechenland bricht er eine Lanze. Denn sein wirtschaftliches Hauptthema neben Chinas Aufstieg ist die Griechenland-Rettung, die eine Bankenrettung war. Die Europapolitiker sind für ihn die „Totengräber Europas“, die wiederum Pressesprecher beschäftigen, die „das Gegenteil in schönen Worten zu behaupten wissen“. 


Die Haltung Delius schwankt zwischen „altersmilde“ werden oder „altersradikal“: „Beides! Radikal gegenüber den Verhältnissen, milde zu den Menschen.“


Die Diagnose nach der Tagebuch-Anamnese: Er hat das „China-Syndrom“, es geht nicht um radioaktive Explosion in einem Atomkraftwerk, sondern um eine aktive schleichende chinesische Invasion - als Zukunftsvision. Und die Angst davor. 


Delius hat also Visionen, Helmut Schmidt würde sagen, da muss man zum Arzt gehen, aber genau diese Politikerhaltung regt Delius ja auf. Die Ignoranz gegenüber einer Zukunftsgefahr, die unsere westlichen demokratischen Werte bedroht. Schmidt war es aber gerade, der in den 1970er Jahren schon auf die kommende Weltmacht China hinwies. Kaum einer hat das damals beachtet. Unsere reservierte deutsche Haltung ist eben: Na dann warten wir mal die Zukunft ab. Schließlich gilt das Zitat eines Unbekannten: Zukunft ist etwas, das meistens schon da ist, bevor wir damit rechnen.


Der Autor Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, in Hessen aufgewachsen, lebt seit 1963 in Berlin. Seine Werkausgabe im Rowohlt Taschenbuch Verlag umfasst derzeit achtzehn Bände. Friedrich Christian Delius wurde unter anderem mit dem Fontane-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis und 2011 mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.

 

 

Pressestimmen

 

Friedrich Christian Delius' Erzählung aus dem Jahre 1991 liest sich sehr aktuell ... Sie versammelt verblüffend viele ost-west-deutsche Vorurteile und Befürchtungen, die fast drei Jahrzehnte später noch virulent sind – beziehungsweise sich erfüllt haben. Südwest Presse

 

F. C. Delius entwirft das unterhaltsam-bissige Porträt eines Freidenkers, der seine Gedanken nicht länger an die Leine nehmen muss. ... Ein wunderbares Deutschland-Album. Frankfurter Neue Presse

 

Kann ein Buch, in dem das Wort "Handelsbilanzdefizit" vorkommt, unterhaltsam sein? – Und wie! Münchner Merkur

 

Wer irgendwann mal in einer fernen Zukunft auf unsere Zeit schaut, dürfte von diesem Roman eine Menge lernen. Der Tagesspiegel

NDR

David Foenkinos: Die Frau vom Musée d’Orsay

Es gibt Gemälde, deren Rahmen größer als das Bild selbst ist. „Die Frau vom Musée d’Orsay“, der jüngste Roman des fünfundvierzigjährigen Pariser Autors David Foenkinos, überträgt diese Proportionen überzeugend in die Literatur. Die ausführliche und ungewöhnliche Rahmenhandlung umschließt eine Tragödie, schöne Bilder im Kontrast zu einem widerlichen Verbrechen. Der Rahmen erzählt den ungewöhnlichen Schritt Antoines, eines Professors für Kunstgeschichte aus Lyon. Von einem Tag auf den anderen beschließt er, seiner Hochschule den Rücken zuzukehren. Er bewirbt sich als Museumswärter am Pariser Musée d‘Orsay und bewacht fortan die Gemälde Modglianis, über den er promoviert und gelehrt hatte. Mathilde, die Personalchefin des Museums erschrickt zwar über diese ungewöhnliche Bewerbung, wagt es trotzdem, ihn einzustellen.  Oft sitzt Antoine vor dem Modigliani-Porträt der Jeanne Héburterne und hält mit dem Bild Zwiesprache.

 

Er verheimlicht die Motive für seinen kaum verständlichen Schritt und verstrickt sich dabei gelegentlich in Widersprüche. Manche seiner Ausflüchte sind sehr komisch. Einem Führer, der Besucher durch die Modigliani-Ausstellung begleitet, fällt er ins Wort – er weiß es ja besser. Das gefährdet seine Anstellung und auch die Position der Personalchefin. In schönen, leichten Schwüngen bereitet Foenkinos die Annäherung der beiden vor, bis sie – am Musée d’Orsay ist ihre Stellung unhaltbar geworden – gemeinsam im Auto nach Lyon aufbrechen.


Bei der morgendlichen Einfahrt in die Stadt lässt Antoine Mathilde an einem Friedhof halten. Hier endet zunächst die Rahmenhandlung und es beginnt ein Rückblick auf das Drama der jungen Camille. Scheinbar ohne Zusammenhang mit dem Rahmen entwickelt der Autor die Adoleszenzgeschichte einer Heranwachsenden, die – sie ist gerade 16 Jahre alt – ihre Berufung spürt, Malerin zu werden. Der Leser begleitet sie durch ihr junges Leben, das plötzlich eine so abrupte Wendung nimmt, dass sie für Wochen ausfällt, in der Schule versagt, sich in sich selbst verkriecht, mit niemandem spricht. Hier entwickelt Foenkinos ein subtiles Verständnis für die Psyche einer jungen Frau. Ihre Eltern sind verzweifelt, ermöglichen ihr aber, nachdem sie sich wieder gefangen und ein glänzendes baccalaureat hingelegt hat, ein Studium an der Kunsthochschule.


Hier schließt sich, immer noch in der Vergangenheit, der Rahmen kunstvoll wieder an das inzwischen entstandene Bild von Camille: Sie studiert bei Antoine, beweist ihr großes Talent, zeigt dem verehrten Lehrer ihre Bilder. Der ist begeistert und von ihrem Genie überzeugt. Nach einer strengen Benotung durch ihn verschwindet Camille für immer. Antoine belädt sich mit Schuldgefühlen, und flieht verzweifelt nach Paris ans Musée d’Orsay. Nach dieser Auszeit wieder zurück in Lyon, plant er zusammen Mathilde eine Ausstellung der nachgelassenen Bilder Camilles. Er sucht ihre tieftraurige Mutter auf und erfährt von Camilles Abschiedsbrief und dem eigentlichen Motiv für ihre Verzweiflungstat. Die ausstellende Galerie ist von den Werken der jungen Künstlerin begeistert, die Ausstellung wird auch von der Hochschule unterstützt und wird ein Riesenerfolg.


Der Rahmen hat dann das letzte Wort. Offen endet dieser klare und schöne Roman, dessen französischer Titel „Vers la beauté“ treffender als der deutsche ist: „Antoine stand allein in der Galerie. Glücksgefühle durchströmten ihn. Er näherte sich einer Zeichnung, die es ihm ganz besonders angetan hatte. Einem Selbstbildnis von Camille. Er blickte ihr tief in die Augen und flüsterte ein paar Worte, so wie er manchmal mit dem Porträt von Jeanne Héburterne geredet hatte. Da spürte er plötzlich einen Lufthauch, der ihm sanft übers Gesicht strich.“


Harald Loch


David Foenkinos: Die Frau vom Musée d’Orsay
Aus dem Französischen von Christian Kolb
Penguin Verlag, München 2019   236 Seiten   20 Euro

 

Joseph Schmidt - der "deutsche Caruso"

Er war der „deutsche Caruso“. Ein hoch talentierter, in der Welt bekannter Tenor. Er war Jude und sein Schicksal war die Flucht vor den Nazis. Das Buch erzählt weniger seine überragende Künstlerkarriere als vielmehr die Fluchtumstände in den Zeiten der Judenverfolgung. 
Joseph Schmidt will aus dem besetzten Vichy-Frankreich in die rettende neutrale Schweiz fliehen, die ihm Asyl geben soll. Hier entstehen die Parallelen zur heutigen Zeit: Wie gehen die Menschen mit Flüchtlingen um, und gibt es Parallelen zu damals? 


Es gelingt dem Autor Lukas Hartmann eine schwierige geschichtliche wie politische Thematik in einem gut lesbaren, nie langweiligen Ton an den Leser zu bringen, ja ihn geradezu zu fesseln, obwohl von der Handlung her eigentlich nicht viel geschieht. 


Nazideutschland zerstörte die Karriere des weltweit bekannten Tenors. Zeitungen und Radiosender vergaßen ihn willentlich. Seine Schallplatten wurden aus den Regalen genommen. Joseph Schmidt bekam Auftrittsverbot und wurde aus dem Musikleben regelrecht verbannt. 
Er wird in einem Lager festgesetzt, erkrankt sehr schwer, wird jedoch von den Lagerärzten bei der Behandlung vernachlässigt und nicht richtig behandelt. Das rettende Asyl erreicht er nicht. Er stirbt im Internierungslager.


Es ist also eine traurige Geschichte, die auch traurig zu Ende geht. 
Dem Autor gelingt es, den Leser in die damalige Zeit des Naziterrors und der sie unterstützenden Kollaborateure zu versetzen und zugleich Erinnerungen an die heutige Zeit zu wecken, ohne dabei jedoch einen moralischen Zeigefinger zu erheben. Das Buch müsste lehrreiche Schullektüre für den Unterricht werden. Ob im Fach Geschichte oder im Fach Musik wäre dieses Buch mit seinem Thema gleich wichtig. 

 

Ein Lied geht um die Welt

Der Autor Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmäßig auf der Bestsellerliste.

Erde und Papier

John Lennon ist tot, Wondratschek macht sich darüber seine Gedanken. Er philosophiert über Maler und Komponisten, erzählt aus seiner Kindheit und gymnasialer Schulepoche. Das Buch enthält Zeitungsartikel, Festreden, Beiträge für Illustrierte, Vorwitziges und Nachdenkliches, den Fragebogen von Max Frisch, den Wondratschek einfallsreich ausfüllt. Nur ein einziges Gedicht ist abgedruckt, Thema „Liebe“. Zitat daraus: “Für eine große Liebe braucht es zwei Einzelgänger und ein Gebet.“ 
Greifen wir noch etwas näher in die Seiten. Seine Schulaufsätze waren „mit schulischen Maßstäben nicht zu erfassen“. Für Auftragstexte steckt er massig Kohle ein, das bringt eben mehr ein als das Gedichteverfassen. Von Daniel Keel, dem Diogenes-Verleger, will er Gold statt Geld. Wondratschek weiß, was es heißt, um Honorar zu kämpfen. Der ist darauf hin mehr als verstimmt. 
Gutes Schreiben ist für Wondratschek dann gut, wenn es folgende Kriterien erfüllt: Klarheit, Brillanz, Zartheit, Fremdheit. Und nicht jeder Gedichteschreiber ist für ihn ein Dichter. 
Seine Sätze faszinieren: „Nun gut, in Wien war noch nie etwas aktueller als die Vergangenheit.“ Da schreibt er über ein Stundenhotel in Wien.
Oder: „Zuerst verdient man im Ruhm. Dann bezahlt man.“ 
„Ich bin gern in Gesellschaft von Menschen, deren Talent größer ist als der Ehrgeiz.“

 


Ja solche Sätze gefallen ihm, auch wie der von Janis Joplin: „Scheiß auf Revolutionen. Ich will Euch mit meiner Musik zum Vögeln bringen“. 
Wovon seine Bücher handeln, kann er nicht sagen. Er möchte gerne aus der Reihe tanzen, ist der Widerspenstige, Eigenartige mit Sonderlingstatus. Verleger entscheiden, ob ein Autor zur „Goldreserve“ des Verlages gehört. Kritiker sind „Hochadel“, Funktionäre der öffentlichen Meinung, „spesengesättigte Herumtreiber in allen Goethe-Instituten weltweit“. Und die Buchmessen sind nichts anderes als ein „fünf Tage dauerndes Trainingslager für Heuchelei“. Und auf Seite 234 schreibt der in Wien lebende Autor, wie europäisch wir nun alle schon sind, ja geradezu global. Denn Wondratschek  hat einen deutschen Pass, einen böhmischen Namen, wohnt in Wien, sein Nachbar ist Serbe, sein Schuster Kasache, Türken liefern Obst und Gemüse , der Pizzaman ist aus Apulien und der Busfahrer Inder, während aus dem Musikgymnasium Asiatinnen strömen. 


Schlussfrage. Zitat: „Was ist Literatur? Das, was übrigbleibt, wenn man aus einem Buch die Handlung abzieht.“ Sein Buch hat keine Handlung. Es könnte also Literatur sein. „In Wirklichkeit ist die Poesie, etwas Geheimes.“ (Marcel Proust). Und irgendwie ist Wondratschek ein Geheimnisträger. 

 

Wolf Wonratschek Erde und Papier Ullstein

 

 

 

  Paul Adler. Absolute Prosa

Wenn es Vorläufer der Moderne und eine oft belanglose Postmoderne gibt – die Suche nach der Kernmoderne im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts verheißt etliche nicht gehobene Schätze! Eines der fast vergessenen Wunder ist das Werk des 1878 im jüdischen Ghetto Prags geborenen Paul Adler. In 2017 startete der Dresdner Thelem Verlag eine von Annette Teufel herausgegebene, auf fünf Bände angelegte kommentierte Ausgabe mit dem 2. Band der Gesammelten Werke: „Nämlich“.

 

Inzwischen hat der Düsseldorfer Leske Verlag als ersten Band seiner Reihe „Kometen der Moderne“ eine sich streng an den Originalversionen haltende Ausgabe der drei wichtigsten Romane, Erzählungen und anderer Texte unter dem Titel „Absolute Prosa“ veröffentlicht, die es hier zu würdigen gilt. Claus Zittel hat den Band herausgegeben und mit einem lesenswerten Nachwort versehen, das u.a. mehrere Originalrezensionen der Hauptwerke Adlers enthält, die während oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Zittel ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Stuttgart. Er gibt die Reihe „Kometen der Moderne“ heraus.

 

Kometen sind zumeist wiederkehrende Himmelskörper unterschiedlicher Helligkeit. Das Werk von Paul Adler strahlte in der Zeit um 1920 blendend und ist seitdem nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten sichtbar geblieben. Adlers Texte erschließen sich nicht leicht. Sie sind weder „spannend“, auf „Plot“ geschrieben noch gar unterhaltsam. „Adlers Prosa nimmt virtuos die zu seiner Zeit neuesten Tendenzen in Musik und Malerei auf, um innerhalb der Sprache in bisher ungekannter Radikalität eine eigene Form der Dichtung zu kreieren, die bei aller Abstraktheit nie ihren Gegenstandbezug gänzlich aufgibt, sondern ihn im Ungefähren hält“ (Claus Zittel im Nachwort). Dabei sprengt er in seinen drei im Band versammelten kleineren Romanen „Elohim“, „Nämlich“ und „Die Zauberflöte“ vollkommen den Rahmen dessen, was man vor oder nach ihm unter dem Genre „Roman“ verstand. 1914 erschien im Dresdner Hellerauer Verlag „Elohim“ – ein mit jüdischer, fernöstlicher, christlicher und antiker Mystik gesättigter expressionistischer Text, in dem es um Rhythmus und Musikalität vor einem sich kaum erschließenden Inhalt geht.

 

„Alle Unverständlichkeit ist relativ“ schrieb schon Friedrich Schlegel, aber Adler legt es nicht auf die Unverständlichkeit an, sondern erzählt ganz präzise von seiner Verwirrung, lässt sie Klartext sprechen. Das ist mehr als ein Innerer Monolog, tiefer als ein Bewusstseinsstrom, das ist der genaue Ausdruck ganz allgemein menschlicher Verwirrung. Im 1915 wiederum Dresden erschienenen Roman „Nämlich“ bekennt Adler gleich zu Beginn, dass er dem Ideal der Klarheit nicht zu entsprechen vermag und sich stattdessen anschickt, „sein Bewusstsein zu inspizieren“. Der Roman enthält verschiedene Textsorten, z.B. ein Gedicht zum Geburtstag seiner Mutter, einen Dialog zwischen Sokrates und Nämlich, Erzähltes und das sicher wirre aber ganz aus dem „inspizierten Bewusstsein“ Gehobenes. In der stilistisch und sprachmelodisch durchgearbeiteten Form ist dieser Text sicher ein fulminanter Höhepunkt hermetischer, eben „absoluter“ Prosa. „Nein, es ist nicht möglich, eine Analyse dieses Werkes zu geben; es kann nicht gekennzeichnet werden“, zitiert das Nachwort Adlers Zeitgenossen Kurt Pinthus.

 

Adler gehört dem illustren Kreis Prager Autoren deutscher Zunge an, er kannte Kafka und wurde von ihm bewundert und auch gefürchtet, er war mit Max Brod befreundet und während seiner Berliner Zeit gehörte Carl Einstein zu denen, die seine Größe erkannten. Eigentlich war er Jurist, gab aber seinen Beruf auf, als er von ihm Tätigkeiten verlangte, die gegen sein Gewissen waren. Lange lebte er in der Künstlerkolonie Dresden-Hellerau, von wo er 1933 nach Prag zurückfliehen musste. 1939 erlitt er dort einen Schlaganfall und überlebte, dank seiner Frau in einem Versteck, starb aber schon 1946 an einem zweiten Schlaganfall. Auf dem jüdischen Friedhof von Prag wurde er begraben. Aber Kometen haben es an sich wiederzukehren. Seine Absolute Prosa ist es wert, hat es in sich und wird auch hundert Jahre nach ihrem ersten Erscheinen wieder einen hellen Schweif von Bewunderung leuchten lassen.

 

Harald Loch

 

Paul Adler. Absolute Prosa

Elohim, Nämlich, Die Zauberflöte und andere Texte

Herausgegeben von Claus Zittel, Mitarbeit von Fabian Mauch

C.W. Leske, Düsseldorf 2018   456 Seiten   28 Euro

Traurige Geschichte - hoher Unterhaltungswert

Ob „Die allertraurigste Geschichte“ von Ford Madox Ford der beste französische Roman in englischer Sprache ist, muss hier nicht entschieden werden. Gelegentlich ist das behauptet worden, und der Autor beruft sich an anderer Stelle auf Maupassant. In der bestechenden neuen Übersetzung von Fritz Lorch und Helene Henze gehört der vor gut hundert Jahren geschriebene Roman jedenfalls zu den lesenswertesten des an Literatur ja nicht armen vorigen Jahrhunderts. Der Autor stammt väterlicherseits von Deutschen ab und lässt das Geschehen weitgehend im hessischen Bad Nauheim spielen, wo sich zwei Ehepaare – ein englisches und ein amerikanisches – jahrelang zur Behandlung verschiedener Herzerkrankungen treffen. Natürlich sind sie begütert, natürlich gehören sie einer Gesellschaftsschicht an, in der man damals noch wusste, was sich gehört. Das hindert sie nicht daran, sich schlecht zu benehmen, sich die Partner abspenstig zu machen, einander zu lieben und zu hassen. Die Grundausstattung des Personals ist also ein Quartett, so dass es keine der abgeschmackten Dreiecksgeschichte ist, eher Polygon, weil der englische Gutsherr Edward Ashburnham es manchmal nicht lassen und mit seiner katholisch erzogenen Gattin Leonora nicht viel anfangen kann. Der Erzähler ist ein amerikanischer Millionär, der mit seiner Frau Florence alljährlich während der Kursaison nach Bad Nauheim kommt und die Ashburnhams trifft. Alle wichtigen Ereignisse im Leben von Florence fielen auf einen 4. August. Der Autor hat seinen Roman 1913 begonnen und er ist 1915 erschienen. Dazwischen lag der Beginn des Ersten Weltkrieges, an dem England aufgrund seiner Kriegserklärung teilnahm, die auf den 4. August 1914 fiel. Ford nahm als englischer Soldat im Krieg teil. Nichts aber deutet im Roman die sicher nicht zufällige Koinzidenz der Daten an.


Das Quartett ist ja als literarische Figur nicht unbekannt. Hierzulande wird man an die „Wahlverwandtschaften“ denken. Die literarische Ausnahmestellung erlangt „Die allertraurigste Geschichte“ durch die auch in der Ironie genaue atmosphärische Dichte in der Darstellung einer gerade noch viktorianischen, fast schon modernen upper class - und durch eine Erfindung. Ford verzichtet nämlich auf den allwissenden, auktorialen Erzähler und setzt an seine Stelle die ungenaue, rätselnde, zweifelnde und verzweifelnde Stimme des Amerikaners. Hinter einem allwissenden Erzähler liest man meist den Autor selbst. Der muss ja eigentlich alles über seine Geschichte und über die von ihm erfundenen Personen wissen. Aber warum eigentlich? Seit wann wissen Menschen über andere Menschen genau Bescheid, selbst wenn sie sich diese ausgedacht haben. Mit dieser Erfindung des manchmal nur vermutenden Erzählers wird das psychologisch nicht etwa durchkomponierte, immer auch widersprüchliche Verhalten der Hauptpersonen auf fiktionale Weise wirklich. Ja, so verrückt können sich Erwachsene verhalten, so ungefähr ist das Leben – nicht etwa genau so. Damit fügt Ford Madox Ford der erzählenden Literatur eine wunderbare neue Möglichkeit hinzu, die in der perfekten Ausführung vollkommen überzeugt.


Am Ende dieser wirklich traurigen Geschichte mit hohem Unterhaltungswert sind die meisten Hauptpersonen tot, die letzte der unerlaubten Leidenschaften Edwards wird wahnsinnig, der überlebende Erzähler bleibt nur übrig, um uns das alles zu überliefern. So viel Liebe und Hass, Niedertracht und Großherzigkeit, Hinterlist, Opferbereitschaft und Eifersucht sind nur im Modus der Ironie darstellbar. Die gelegentlichen Ausfälle des anglikanischen Erzählers gegen den Katholizismus muss man deshalb wohl vor dem Hintergrund der späteren Konversion Fords zu dieser Religion lesen. Die Wiederentdeckung dieses großen Romans durch die sehr gute neue Übersetzung bereichert das deutschsprachige Publikum um eine Ikone, die längere Zeit verhängt war. Das kluge Nachwort von Julian Barnes ist die Stimme eine qualifizierten Verehrers dieses wundervollen Romans.


Harald Loch


Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte
Aus dem Englischen von Fritz Lorch und Helene Henze
Mit einem Nachwort von Julian Barnes
Diogenes, Zürich 2018   306 S. Ln. im Schuber   29 Euro

 

Rudolf Borchardt: "Weltpuff Berlin"  


 
Betrachtet man Literaturkritik neben allen, oft nur eingebildeten, höheren Ansprüchen wenigstens auch als Leserinformation, dann stellt sich bei dem Roman „Weltpuff Berlin“ von Rudolf Borchardt (1877 – 1945) folgende Frage: Wem kann man diesen, von den Erben des Autors wegen seines „pornografischen“ Charakters lange Zeit zurückgehaltenen Roman empfehlen? Männliche Leser werden gnadenlos scheitern, wenn sie sich mit dem überpotenten Helden des Romans nacheifernd identifizieren. Frauen werden ungläubig bestaunen, was alles möglich sein soll und werden sich – manche bedauernd, manche auch heilfroh – der gewohnten Normalkost zuwenden müssen.

 

Eines steht fest: Als Konfirmationsgeschenk ist „Weltpuff Berlin“, das verbietet schon der Titel, nicht geeignet. Ganz uneingeschränkt aber gilt die literarische Extraklasse dieses auch auf mehr als 1000 Seiten nicht ermüdenden Romans eines Autors, dessen Gesamtwerk mit einer soeben begonnenen Kritischen Ausgabe erst neu und eindrucksvoll erschlossen wird.


Der Handlungsverlauf ist schnell erzählt: Ein Student der klassischen Sprachen verschlampt seine Doktorarbeit, lebt auf großem Fuße (über das Dativ-e an anderer Stelle mehr) und ist von der Natur mit atemberaubenden sexuellen Fähigkeiten ausgestattet. Das alles spielt in Berlin im Jahre 1901. Der Autor nimmt sich die Freiheit, viele Einzelheiten der legendären „roaring twenties“ in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vorzuverlegen. Das wird in den Nachbemerkungen des Herausgebers Gerhard Schuster in der Einzelausgabe kurz angedeutet, in dem Kommentarband der zeitgleich erscheinenden Kritischen Ausgabe im Einzelnen aufgelöst. Der 24-jährige, mit stark autobiografischen Zügen angelegte Protagonist erzählt von sich und seinen zuweilen im Stakkato folgenden sexuellen Erlebnissen mit ausnahmslos bewundernswerten Schönheiten aus den unterschiedlichsten Kreisen der keineswegs konservativen wilhelminischen Reichshauptstadt. Neben den Betten sind die gesellschaftlichen Verhältnisse die Schauplätze dieses Romans. Er spielt in einem Milieu, in dem Geld nur selten eine Rolle spielt, in der ein großzügiger junger Mann mit größeren Scheinen und goldenen Münzen nicht etwa Liebesdienste bezahlt, sondern erotische und menschliche Ausstrahlung belohnt. In diesen Genuss kommen Zimmermädchen ebenso wie manche Baroness.


Die Aneinanderreihung von Bettgeschichten würde über so viele Seiten langweilig sein, verfügte der Autor nicht über exquisite literarische Fähigkeiten, die allein die Herausgabe dieses unter der „gewöhnlichen Prüderie“ (Schuster) lange in Marbach unter Verschluss gehaltenen Werkes allein rechtfertigen. Borchardt schreibt einen eleganten Stil, als er – in aller Heimlichkeit vor seiner Umgebung – den Roman in den 1930er Jahren im zunächst freigewählten italienischen Exil niederschreibt. Seine jüdische Herkunft verschloss ihm ab 1933 den deutschen Buchmarkt. Auf der Flucht vor den judenjagenden deutschen Truppen kam er kurz vor Kriegsende am Rande der Alpen ums Leben. Borchardt erzählt von den immer wiederkehrenden erotischen Erlebnissen in immer neuen Worten. Die virtuose sprachliche Umsetzung beglaubigt mit literarischen Mitteln den ebenso virtuosen Umgang des Protagonisten mit seiner Potenz. 

 

Zur Sprache des gebildeten Autors gehört es auch, dass lange Passagen in Dialogen auf Englisch und Französisch geführt werden, dass auf der Tanzfläche die Konversation auch schon mal auf Lateinisch hin auf das Entscheidende lenkt und auch altgriechische Quellen früher erotischer Literatur werden im Original zitiert. Ein Anhang mit den Übersetzungen ist dazu notwendig, der Verlag hat zwei Lesebändchen spendiert, die das Hin- und Herblättern im Buch erleichtern. Der Text selbst ist in der Manuskriptform übernommen, nicht in zeitgerechter Form glattgeschliffen publiziert. Das bedeutet z.B., dass Borchardt heute Ehrenpräsident der „Gesellschaft zur Rettung des Dativ-e“ sein könnte. Der zeitlos aktuelle Inhalt und die schöne Sprache in ihrer früheren Gestalt bilden einen gelungenen Kontrast und trotzdem eine glückliche Einheit.


Harald Loch
 
Rudolf Borchardt: Weltpuff Berlin   Roman
Aus dem Nachlass herausgegeben und mit Nachbemerkungen von Gerhard Schuster
Edition Tenschert bei Rowohlt, Reinbek 2018                             1086 Seiten 35 Euro
Oder:


Rudolf Borchardt:  Sämtliche Werke 
Herausgegeben vom Rudolf Borchardt Archiv
Band XIV/1   Erzählungen 2   Weltpuff Berlin, Erzählerische Fragmente, Paulkes letzter Tag
Herausgegeben von Gerhard Schuster
Teil 1 (Text) und Teil 2 (Kommentar)   
Leinen im Schuber, 1187 Seiten   98 (ab 1.1.2019 128) Euro

 

 

Irmtraud Gutschke: Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt

Der Eine ist der französische Schriftsteller Lous Aragon (1897 – 1982). Er „schwört“ 1959, die Erzählung „Djamila“ des damals noch unbekannten kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow sei „die schönste Liebesgeschichte der Welt“. Er hat die Geschichte aus dem Russischen übersetzt. Vielleicht hat er noch eigene Gründe für dieses ungewöhnliche Lob. Er ist mit der Russin Elsa Triolet, der Schwägerin von Wladimir Majakowski verheiratet und ist seit Jahren Kommunist, zu selten ein kritischer, aber immer ein treuer. 


Die Andere ist die wohl dienstälteste Literaturredakteurin in deutschen Zeitungen: Irmtraud Gutschke. 10 Jahre nach dem „Schwur“ von Aragon lernt sie in Jena, wo sie Anglistik und Slawistik studiert, „Djamila“ kennen und dort auch den Autor. 


Sie ist 1950 in Chemnitz geboren, war also erst 19 Jahre alt. Das Erlebnis Aitmatow lässt sie nicht mehr los. Sie schreibt ihre Diplomarbeit über ihn. 1971 wird sie Literturredakteuerin im Neuen Deutschland. Allen Veränderungen der Zeit zum Trotz betreut sie bis heute das Literatur-Feuilleton dieser Zeitung – eines der besten in Deutschland. 
Während dieser Zeit promoviert sie über Aitmatow, trifft ihn immer wieder – sei es in seinem, sei es in ihrem Land – und schreibt über ihn. Wenige Wochen nachdem Aitmatow kurz vor seinem 80. Geburtstag in Nürnberg stirbt, hält sie auf einem Symposion zu seinen Ehren in New York in der Library of Congress eine viel beachtete Rede. Und jetzt legt sie den bemerkenswerten Essay „Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt“ auf den Büchertisch.
Ihr Buch ist ein biographischer, ein literaturkritischer und – mit Verlaub – ein autobiographischer Essay. Die Biographie reicht von Aitmatows Kindheit, der 1928 in einem nordkirgisischen Dorf geboren wurde, bis zu der Zeit, als er Ideengeber von Gorbatschow wurde und in die schwierige Zeit danach. 


Als Kind verlor er den Vater als „Feind des Volkes“ durch stalinistischen Terror. Während des Krieges musste er noch als Junge Verantwortung übernehmen, weil er als einziger im Dorf lesen und schreiben konnte. Er begann ein Landwirtschaftsstudium, wechselte bald in das berühmte Literaturinstitut in Moskau und begann mit der 1958 erschienenen „Djamila“ seinen Aufstieg zum weltweit geachteten Schriftsteller. 
Gutschke schreibt über seine umgängliche, menschenfreundliche Art, seine Haltung zu Religionen, sein immer kompliziertes, leidenschaftliches Verhältnis zu Frauen. Sie kennt ihn und seine engere Heimat, sie kennt seine Familie und entwirft ein sehr persönliches Bild von ihm. 
Der literaturkritische Teil des Essays lebt von dem perfekten Wechselspiel zwischen eigener Darstellung und diese belegenden Zitate aus den wichtigsten Werken. Das ist so voller Empathie, dass die Essayistin zuweilen in den hohen Ton Aitmatows fällt, sich alles wie aus einer Feder liest. 
Im Mittelpunkt stehen - von der Autorin seinerzeit nicht immer bemerkte - kritische Parabeln über den Zustand der Sowjetunion, stehen Aitmatows fabelhafte Übertragungen menschlicher Haltungen in die Welt der Tiere, der Pferde, der Kamele, der Schneeleoparden. Immer geht es Aitmatow um die existenzielle Auseinandersetzung zwischen dem Bösen und dem Guten. In der Literatur verschwindet der so umgängliche Autor in einem harten Realismus des Entscheiden-Müssens, vielleicht des „Wer – wen“!


Biographie und Literaturkritik verweben sich mit einer erstaunlich offenen,  autobiographischen Selbstbeschreibung der Essayistin. Sie macht ihre eigene bemerkenswerte Entwicklung anhand der Lektüre von Aitmatows Werken und anhand der sich verändernden Welt nachvollziehbar. Viele der Ideale Aitmatows sind auch ihre, vielleicht ist ihr Realismus noch schonungsloser, weniger romantisch. Das Kernanliegen ist beiden geblieben: Es soll Frieden zwischen den Völkern herrschen und den Menschen soll es überall auf der Welt gut gehen. Ist das eigentlich zu viel verlangt?


Harald Loch


Irmtraud Gutschke: Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018   200 Seiten   22 s/w Fotos   16 Euro