Faces of Books - Ansichten

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facesofbooks.de - das nachhaltige Buchportal

 

We love slow-writing and slow-reading

Herzlich willkommen auf meiner Website, die sich mit Büchern beschäftigt. Facesofbooks zeigt das Gesicht der Bücher und Autoren. Beachtet Titel und Covergestaltung, Aufmachung des Buches, berichtet über den Inhalt, stellt den Autor in kurzer prägnanter Form vor. Wir veröffentlichen Autoreninterviews, bieten Informationen über Bücher von heute und Bücher von gestern, die wichtig sind, aber nicht vergessen werden sollen. Sie finden Tipps, Rezensionen, Kurz-Kritiken, Neuigkeiten über Verlage und Autoren. Geben Sie uns auch Hinweise, was Ihnen gefällt oder mißfällt. Eine Website für Lesefans auch aus der digitalen Bücherwelt. www.facesofbooks.de

 
Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Warum lesen? Mindestens 24 Gründe zu lesen

Sind wir, was wir gelesen haben? Schärft Lesen die Wahrnehmung? Den Gemeinsinn? Was geschieht im Gehirn, wenn wir lesen? Gibt es ein illegitimes Lesen? Ein ekstatisches? Liest man alt anders als jung? Wie las man im Sozialismus? Was liest man im Krieg? Was bedeutet Lesen in unserer heutigen Abstiegsgesellschaft? Macht Nicht-Lesen am Ende glücklicher? 

 

Dies ist ein Lesebuch und ein Buch über das Lesen, eine Anthologie, die das welt- und selbsterschließende Abenteuer des Lesens beschreibt, seziert und feiert. Ausgehend von ihren literarischen oder wissenschaftlichen Arbeiten nehmen sich 24 Autorinnen und Autoren die Freiheit, das Thema auf ihre Weise zu behandeln: in Gestalt einer Theorie, einer Erzählung, einer Kindheitserinnerung oder als Streifzug durch die eigene Bücher- und Lesegeschichte. (Suhrkamp)

 

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Der Club der toten Dichter - finanziell

Zeit für einen Kassensturz: Waren die Poeten früher wirklich arm? Ließ sich in der Romantik etwa Geld mit Gedichten verdienen?

Der Frankfurter Historiker Frank Berger ist diesen Fragen nachgegangen. Nach jahrelanger akribischer Forschungsarbeit erzählt er aus Briefen, Tagebüchern und anderen Quellen und berichtet über die finanziellen Angelegenheiten von über 70 Dichtern, Komponisten und anderen Künstlern aus der Zeit der Romantik. Ergänzend dazu hat er aufgrund umfangreicher Berechnungen erstmals die Grundlage dafür geschaffen, Geldbeträge des frühen 19. Jahrhunderts mit denjenigen der heutigen Zeit zu vergleichen – eine Pionierarbeit. Absolut lesenswert. (Verlagshaus Römerweg) 

 

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Hans-Jochen Vogel: Mehr Gerechtigkeit - mehr Wohnraum


Wie bleiben unsere Wohnungen bezahlbar?


Bezahlbarer Wohnraum ist das soziale Thema unserer Zeit. Immer mehr Menschen stellt sich die bange Frage, wie lange sie sich ihr Heim noch leisten können. Nicht nur in Großstädten zeigen die Preise nur noch nach oben. Die bisherigen politischen Maßnahmen, wie etwa die Mietpreisbremse, erweisen sich als stumpfes Schwert im Kampf gegen die scheinbar unaufhaltsame Verteuerung des Wohnens. Den eigentlichen Grund hinter den steigenden Preisen hat lange Zeit kaum jemand wahrgenommen: nämlich die explosive Steigerung der Baulandpreise. Erst Hans-Jochen Vogels beharrlicher Kampf setzte das Thema wieder auf die Tagesordnung: Die massive Spekulation mit steigenden Grundstückspreisen führte deutschlandweit in den letzten Jahrzehnten zu einer Erhöhung der Baulandpreise um 1.900 Prozent. Hans-Jochen Vogel streitet seit Jahrzehnten für eine Bodenrechts-Reform, um der ungebremsten Zockerei mit Grundstücken Einhalt zu gebieten und setzt in seinem Buch das Thema soziale Gerechtigkeit wieder ganz oben auf die politische Agenda. Er macht klar: Boden ist keine beliebige Ware und im Umgang mit ihm muss das Gemeinwohl die Regeln des Marktes zurückdrängen. Für Hans-Jochen Vogel ist dies ein Gebot der Gerechtigkeit. (Herder)

 

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Politik nach Corona

In nur einer Woche wurde Österreich so umgekrempelt, dass die 55 guten Nachrichten in der Coronakrise feststanden, an denen sich eine zukünftige Politik orientieren kann, wenn sie die Zeichen der Zeit erkennen will.


Da der drohende Klimakollaps und die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich nicht die Zukunft ist, die ich mir für unsere Kinder wünsche, notierte ich die 55 guten Nachrichten im Lauf der ersten Corona-Woche in Österreich. Denn wir Menschen vergessen so schnell. (Wieser Verlag)

 

Ist der Mensch lernfähig? Kaum zu glauben, sonst hätte er die Szenario- Studie zu einer Virenpandemie 2012 ernst genommen und Vorsorge getroffen. Ist der Mensch lernfähig? Kaum zu glauben, wenn man die Saufhorden am Ballermann, in den deutschen Innenstädten und an den Seestränden zur Kenntnis nimmt. Aber gehen wir doch einmal ganz entgegen unserem Gefühl davon aus, der Mensch sei wirklich lernfähig, dann müsste er das nur 50 Seiten „dicke“ Buch von MARIA STERN POLITIK NACH CORONA. 55 GUTE NACHRICHTEN, erschienen im Klagenfurter Wieser Verlag, in die Hand und dann auch ernst nehmen. 


Maria Stern schreibt: „Es war bald klar, dass Corona kein Stein auf dem anderen lassen würde.“ Ihre 55 positiven Kurz-Nachrichten sind erstaunlich analytisch, kenntnisreich, wegweisend für Politik und in jedem Fall lesens- und beherzigenswert. Alle können wir hier nicht behandeln, wir greifen die für uns wichtigsten heraus.
Nachricht 1: „Wir sitzen im gleichen Boot“, egal ob Kindergartenkind oder Staatschefin, Corona macht gleich: Alle müssen Hände waschen, um sich zu schützen. 


In knappen weiter nummerierten Kapiteln, jeweils eine einzige Seite umfassend, geht es so weiter: Corona zeigt unsere Handlungsfähigkeit, unser Vermögen zur Koordination und Kooperation, wir haben die Chance zum System-Reset. Menschen werden vom Saulus zum Paulus, Gutmenschen haben ein Comeback, wir denken wieder über Vorsorge in „fetten Jahren“ nach, und können auf präventive Politik setzen, die kommende Generationen im Auge hat. 


Nach der Kerosin-Diät wird die Luft wieder besser, Delphine nähern sich Triest, weil die Wasser verpestenden Industrieschiffe im Hafen blieben. Wissenschaft ist wieder wichtiger als die Auseinandersetzung mit Fake- News. Der freie Markt regelt eben nicht alles, die Globalisierung hat ihre Grenzen. Auch Waffenproduzenten müssen neuerdings wegen Absatzschwierigkeiten ihre Sinn-Konzepte überdenken. Armut wird sichtbarer. Das Gesundheitssystem muss gesunden. Und so geht es weiter und weiter. 


Nennen wir noch zwei der Analysekapitel: „Buch ist Kult“. Zuviel Streamen belastet das Netz, also zum papiergebundenen Buch greifen, es stürzt nicht ab. Gedankenblitze, Einsichten, Aussichten, kurz zusammengefasst und manchmal optimistisch zugespitzt: 55 gute Nachrichten für die Politik nach Corona. Bitte zur Kenntnis an alle Politiker und Minister müssten grün gegenzeichnen, heißt Zustimmung und ist dann so verabschiedet.


Am Schluss noch die „gute Nachricht“ Nummer 5 - in der Reihenfolge des Buches - Also doch:“ Wir können lernen“, denn tiefgreifende Ereignisse beeinflussen die Synapsen der Gehirne. Das beruhigt jetzt einerseits, doch es gilt andererseits auch der Schlusssatz aus dem Vorwort von Maria Stern: Wir Menschen vergessen so schnell. Irgendwo dazwischen muss die Wahrheit liegen.

 

Maria Stern wurde in Ostberlin geboren und wuchs in Österreich auf. Sie studierte Schauspiel und Tanz (Niederlande), arbeitete als Model und Lehrerin. Sie gründete den Verein „Forum Kindesunterhalt“, publizierte in diversen Anthologien und veröffentlichte zwei Krimis. Als Parteichefin von JETZT machte sie Kinderarmut in Österreich und die prekäre Lebenssituation vieler AlleinerzieherInnen zum Politikum. 


Maria Stern Politik nach Corona 55 gute Nachrichten Wieser Verlag Klagenfurt

Doppelte Spur - Putin, Trump und Co...

Der investigative Journalist Ilija wird innerhalb weniger Minuten von zwei Whistleblowern des amerikanischen und des russischen Geheimdienstes kontaktiert. Ein großer Coup? Eine Falle? Er lässt sich auf das Spiel ein, zusammen mit Boris, einem amerikanischen Kollegen, folgt er der doppelten Spur nach Hongkong, Wien, New York und Moskau.
Die geleakten Dokumente eröffnen einen Abgrund von Korruption und Betrug, von üblen Verstrickungen krimineller Oligarchen und Mafiosi. Auch die Staatspräsidenten Russlands und Amerikas sind involviert. Was darf man glauben? (SFischer)
 
Da liegt jetzt auf dem Tisch des Schriftstellers ein Wust an Fakten, die er  recherchiert hat, um seinen Plot zu entwickeln. Er will dem Leser eine Geschichte von Politik und Macht erzählen, von bösen Herrschern und Whistleblowern, von russischen und amerikanischen Präsidenten, von Mafia- und Wirtschaftsbossen, von Sex, Missbrauch und Crime. Angesiedelt das alles im Agentenmilieu, irgendwie hinter den Kulissen. Und nun muss sich der Autor entscheiden: Schreibe ich ein Sachbuch oder etwas Fiktionales? 

 

Sachbücher müssen stimmen, die Wahrheit erzählen, Romane dürfen phantasieren. Gegen Sachbücher können Rechtsanwaltspraxen und Gerichte vorgehen, wenn Inhalte nicht stimmen, bei Romanen wird’s da schon schwieriger, und deshalb geht Ilija Trojanow in seinem Buch DOPPELTE SPUR romanhaft vor. 

 

Er erfindet Figuren, Whistleblower in Russland und den USA, die aus den Nähkästchen plaudern, will heißen über ihre Präsidenten hochbrisantes Material liefern und eine weibliche Ausplauderin, die den Missbrauchsskandal um eine Art „Lolitaexpress“ offenlegt, bei dem Teenager gezwungen werden, Männern und Frauen aus der Elite willig zur Verfügung zu stehen, den Betuchten bei Parties einen  Blick unter den Rock gewähren. Dorthin, wo keine Höschen getragen werden.
Trojanow macht aus einer Recherche über Politik einen literarischen Roman, baut seine fiktive Story auf Fakten auf. Das schützt ihn selbst und sein „Wahrheitsbuch“ vor Rechtsverfolgung. 

 

Politik, Wirtschaft und kriminelle Machenschaften haben ein Stelldichein. Trojanow nennt Trump „Schiefer Turm“ und Putin „Mikhail Iwanowitsch“ und Epstein wird „Wasserstein“. Und er selbst als Autor taucht im Buch auch als Figur mit Klarnamen Ilija Trojanow auf. Realität trifft Fiction. Fiction ist Realität.

 

Wir lesen viel über böse Machenschaften, welche schlimmen Figuren im Trump-Tower wohnen: Russische „Biznesmen“, Immobilienhaie, internationale Fußball-Funktionäre, Diktatoren, Glücksspielritter, Killer und Kunsthändler. 

 

„Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich.“ Damit sichert sich Trojanow ab. 

 

Der modernde Agent dient der Mafia und den Geheimdiensten. Der Leser schüttelt ob der Faktenlage ständig den Kopf, klopft sich auf die Schenkel und sagt: Darf das wahr sein…in der „Kakistokratie“, der Herrschaftsform der Schlechten. 

 

Sehr vergnüglich der Kenntnisgewinn am Rande in Sätzen wie diesen: „Die W-Lan-Verbindung auf Flügen funktioniert so wie mein alter Staubsauger: sporadisch.“ Oder „Gerichtsurteile sind Rezepte, die nach dem Kochen verfasst werden.“ „Bei Geldwäsche sind die Täter meist sichtbarer als die Tat.“ Oder „Die Mächtigen kommen in der Literatur zu selten vor“. 
In einem Parforceritt geht es an die Handlungsorte Hongkong, Wien, Prag, New York, Moskau, Orlando, Novgorod, Antalya, Miami. 

 

Der Roman fordert bei der dichten Faktenlage und Anzahl der handelnden Personen eine hohe Leseraufmerksamkeit – da und dort ist der Text geheimnisumwittert mit Balken geschwärzt, auch in den Leaks-Dokumenten selbst. So schreibt Trojanow: „Die schwarzen Balken wirken auf mich wie eine Augenbinde.“ 

 

Es ist ein Buch des Lese-Vergnügens und des politischen Missvergnügens: In welche politischen Hände sind wir denn da international hineingeraten? Sind wir nicht alle zum Spielball der Geheimdienste und Oligarchien in West und Ost geworden. 

 

Und wir haben uns ja auch noch nicht entschlossen genau genug zu entscheiden, ob Whistleblower für die Guten zu halten sind oder für die Schlechten? Trojanow widmet dieses Buch den „guten Whistleblowern“. 
Wie schrieb einst Dostojewski: „Nichts auf dieser Welt ist schwerer, als die Wahrheit zu sagen.“
 
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia. Unterbrochen von einem vierjährigen Deutschlandaufenthalt lebte Ilija Trojanow bis 1984 in Nairobi. Danach folgte ein Aufenthalt in Paris. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie in München. Dort gründete er den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Mumbai, 2003 nach Kapstadt, heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine bekannten Romane wie z.B. ›Die Welt ist groß und Rettung lauert überall‹, ›Der Weltensammler‹ und ›Eistau‹ sowie seine Reisereportagen wie ›An den inneren Ufern Indiens‹ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein großer Roman ›Macht und Widerstand‹, sein Sachbuch-Bestseller ›Meine Olympiade: Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen‹ sowie der literarisch-politische Essay ›Nach der Flucht‹.
 
 
 
Ilija Trojanow Doppelte Spur SFischer

Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei


Darf man Heuchler ermorden? Vier Anschläge in Athen mit sechs Toten werfen die Frage konkre auf. Aber wer erteilt die Antwort? Die Verbrechen sind das Ermittlungsprogramm für Kostas Charitos, den Leiter der Mordkommission. Ungewöhnliche Täter, völlig aus dem Rahmen fallende Bekennerschreiben, irgendwie nachvollziehbare Motive. Der Erfinder dieses neuen Krimis um den Kommissar legt den Finger auf die Wunde der griechischen Realität, lässt so etwas wie kritische Sympathie mit den noch unbekannten Tätern zu, übt Gesellschaftskritik aus einem klammheimlichen Einverständnis mit den Opfern dieser Realität. Das ist gewagt. Petros Markaris nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die griechische Gesellschaft, ihre Ungerechtigkeit und ihre soziale Grausamkeit zu geißeln. Aber er lässt auch seinen Ermittler nicht daran zweifeln, dass Mörder gefasst und dingfest gemacht werden müssen. Das Leben zählt am meisten. Für Kostas Charitos besonders, da er mitten in der Anschlagserie Großvater wird und sich in seiner Familie alles um den neuen Menschen dreht.


Ein superreicher Hotelier wird mit einer Autobombe umgebracht. Er gilt als erfolgreicher Geschäftsmann, der wohltätig ist und sogar eine Hotelfachschule unterhält, in der er mittellose junge Leute kostenlos ausbildet. Es kommt ans Licht, dass der Sitz seines Unternehmens auf den Caymaninseln liegt – steuerfrei. Sein erfahrenes Hotelpersonal wirft er raus und besetzt die Stellen neu – und billiger – mit den jungen Absolventen seiner Hotelfachschule. Auf dieselbe Weise stirbt der Leiter der Arbeitsmarktstatistik, der Geringverdienende nicht mehr zu den Arbeitslosen rechnet. Ein hoher Beamter aus dem Finanzministerium muss zusammen mit zwei von der EU entsandten Kontrolleuren dran glauben. Sie haben den Anstieg der griechischen Konjunktur bescheinigt, der aber nur den Reichsten zugutekommt. Bei einem vierten Anschlag gibt es eine Panne und statt des gemeinten Opfers muss ein Parkplatzwächter dran glauben. Weil sie keine Unschuldigen ermorden wollen, erklären die immer noch unbekannten Täter in einem Bekennerschreiben, dass sie damit aufhören. Aber wer sind sie?


Kostas Charitos und sein kleines, verschworenes Team tasten sich mühsam durch unbekanntes Dickicht. Kriminaltechnik hilft wenig. Ein persönlicher Freund des Kommissars, Leiter eines Obdachlosenheims und bekennender Linker, steuert ein paar Ideen und Kontakte bei, die die Ermittlungen auf den Kreis der von den Heuchlern Geschädigten richtet. Aber auch da wird man zunächst nicht fündig. Wegen der beiden ermordeten EU-Kontrolleure entsendet Europol einen deutschen Kommissar zu Unterstützung, der sich beeindruckt von der Arbeit der Athener Ermittler zeigt. Auch er entpuppt sich als Heuchler, der nur an seine Karriere denkt. In dem ganzen Stress kommt Kostas viel zu selten dazu, seinen gerade geborenen Enkel zu sehen. Dessen Eltern haben ihm den Namen „Lambros“ gegeben, wie auch der Leiter des Obdachlosenheims heißt. Der war zu Zeiten der Junta als Kommunist ins Gefängnis gesteckt worden und der damals noch ganz junge Kostas Charitos war sein Aufseher, ein Anständiger. Seitdem sind sie eng befreundet und der Namensvetter des Enkels gehört gleichsam zu Kostas Familie. Das ist der Geist, den Petros Markaris in seinem Roman wehen lässt, das ist die Dialektik zwischen dem Ekel vor der Heuchelei und dem Mordverbot.


Harald Loch

 

Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul, ist Verfasser von Theaterstücken und Schöpfer einer Fernsehserie, er war Co-Autor von Theo Angelopoulos und hat deutsche Dramatiker wie Brecht und Goethe ins Griechische übertragen. Mit dem Schreiben von Kriminalromanen begann er erst Mitte der neunziger Jahre und wurde damit international erfolgreich. Er hat zahlreiche europäische Preise gewonnen, darunter den Pepe-Carvalho-Preis sowie die Goethe-Medaille. Petros Markaris lebt in Athen.
 
Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei    Ein Fall für Kostas Charitos
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger
Diogenes, Zürich 2020   390 Seiten   24 Euro

 

Was kommt danach?

Krisen verändern die Welt. Unsere Vorfahren haben sich stets auf neue Umwelten, andere Bedingungen eingestellt. Deshalb hat unsere Spezies den Planeten erobert. Jetzt erfahren wir selbst eine Krise, die alles erschüttert und mitten in unser Leben eingreift. Das Virus verändert unseren Alltag, unsere Kommunikationsformen, die Art, wie wir arbeiten, fühlen und denken. Die Krise fungiert auch wie ein großer Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen. Der Zukunftsforscher Matthias Horx analysiert die Auswirkungen der Corona-Krise: Wie ändert sich die Gesellschaft? Wie reagieren Individuen, Staaten, Familien, Unternehmen auf die Herausforderung? Welche Rolle spielt die Angst vor der Zukunft? Und wie können wir sie in Zuversicht verwandeln? Geht es nach ein paar Monaten so weiter bis bisher? Oder erleben wir einen Kulturwandel, in dem alles seine Richtung ändert und eine völlig neue Zukunft entsteht? Statt einer Pro-Gnose übt Horx mit seinen Lesern die Re-Gnose, die Selbst-Veränderung durch rückblickende Vorausschau – und kommt damit zu überraschenden Ergebnissen. (Ullstein Ankündigung)

 

Rezension

 

Das X steht in mathematischen Gleichungen in der Regel für die unbekannte Größe als Variable. Mathias Horx trägt das X in seinem Namen, vielleicht ist schon deshalb vorbestimmt, dass das Unbekannte in der Zukunft ihn so stark interessieren wird, dass er vor Jahren schon eine Zukunftswerkstatt gegründet hat.  Sein aktuelles Hardcover-Corona-Buch besteht aus elf Kapiteln Zukunftszenario, einem Vorwort, einem Nachwort, einer Widmung sowie Abbildungen und Anmerkungen.

Kam das Buch deshalb so schnell auf den Markt, weil Matthias Horx sowieso immer schon weiß, was in der Zukunft kommen wird.

 

Gleich in der Aufschlagseite macht er uns mit einer Definition klar, die CORONA, das ist der Strahlenkranz der Sonne und das Adjektiv coronar (auch konorar) heißt, das Herz betreffend. Die Koronarstruktur ist das Geflecht von Adern, die das Muskelgewebe unseres Motors mit Blut versorgt.

 

Für Horx ist grundsätzlich klar, Krisen treiben nun mal die Weltgeschichte voran, sie beschleunigen latente Prozesse, stellen vorhandene Systeme und Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf und treiben neue Technologien voran. Und dann stehen sie plötzlich vor uns: Die Entscheidungen über den Zukunftsweg.

 

Befinden wir uns in einer Krise, hinterlässt sie „eine Story, ein Narrativ, einen Code.“ Für den Autor sind Voraussagen gar nicht so schwierig, eher die Reaktionen darauf, die Konsequenzen daraus.

Klar ist für Horx, es wird keine Rückkehr zur bisher bekannten Normalität geben, schon deshalb, weil wir uns wundern werden, wie schnell digitale Kulturtechniken plötzlich zum Alltag werden, gegen die wir uns bisher so stark gewehrt haben.

 

Horx rechnet damit, dass es bald Medikamente gegen das Coronavirus geben wird, dass die Wirtschaft auch weiter schrumpfen kann, ohne dass eine Katastrophe ausgelöst wird. “Es könnte auch anders kommen als unentwegt befürchtet.“

 

Corona ist ein kommunikativer Sendbote, dessen Nachricht lautet: „Die menschliche Gesellschaft ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden.“

Horx mischt Zitate aus den Wissenschaften, etwa Hannah Arendt mit Schriftstellern (Camus), zitiert Gesellschaftsanalyse und mischt das mit eigener Vorstellungskraft. Psychologie und Soziologie, Philosophie und Anthroposophie, von allem etwas. Er schließt logisch und spinnt rum, er formuliert plastisch, rückwärts-analytisch und vorwärts-prognostizierend. Eine elastische Vorgehensweise mit Dehnungspotential.

 

Kann also so kommen oder aber auch anders. Wir können kämpfen, wir können Wunder schaffen nach dem Motto: „Etwas zu imaginieren, macht es real.“ (Brian Eno)

 

Und Horx phantasiert die neue Zukunft weiter: Schön wär‘ es, wenn uns die Wirtschaft nicht weiter mit Effizienzforderungen erpressen könnte, das wäre zukünftig. Eine Berufsflexibilität wird auf uns zukommen. Die Bösartigkeit des Menschen an sich wird verschwinden: der “Kult des Niederschreiens und des Nach-außen-Kehrens der inneren Verworfenheit.“

 

Horx spekuliert, dass wir künftig die Orgienkeller von Discos, Starkbierfeste, Kreuzfahrtschiffe und Après-ski-Parties ja sogar Selfieschüsse meiden werden.

 

Wie wird das „Neue Normal“ genau werden, das kann Horx uns allenfalls geahnt vorhersagen, weil es von vielen Individuen abhängt, wie wir als Einzelwesen auf die Krise reagieren: „Wir können etwas tun. Wir können etwas klären und uns entscheiden“.

 

Das Buch ist ein phantasievolles Möglichkeitsszenario, das meines Erachtens zu sehr auf das Individuum setzt, zu wenig zum Beispiel von Politik verlangt, es ist natürlich keine sichere Zukunfts-Voraussage, denn wir wissen ja, nichts ist so schwer wie die Zukunft vorauszusagen. „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten“, meinte einst sehr klug Willy Brandt.

 

Eine Voraussage wagen wir selbst - trotz Krise oder gerade wegen ihr: Es werden noch einige künftige Corona-Bücher auf den Markt kommen. Und es wird – da hat Horx ja recht – auf uns ankommen, wie wir damit umgehen.

 

Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert Ullstein

 

Matthias Horx (*1955) ist einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Seine Leidenschaft gilt seit über 30 Jahren den Transformationsprozessen in Wirtschaft und Gesellschaft. 

Matthias Horx: 

Die Welt nach Corona 

 

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020


Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?

Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

 

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

 

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

 

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

 

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

 

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivial-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.


Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…


Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

 

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

 

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

 

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

 

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten

Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

 

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

 

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung
Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

 

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

 

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

 

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

 

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

 

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

 

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

 

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

 

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam in dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

 

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

 

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger


Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

 

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

 

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

 

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

 

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

 

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

 

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

 

Quelle:

 

www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de.

Siegfried Unseld: REISEBERICHTE

 

Zehn Tage, nachdem Siegfried Unseld am 1. April 1959 die Leitung des Suhrkamp Verlags übernommen hat, reist er nach Ost-Berlin, um Brechts Witwe Helene Weigel zu besuchen. Zurückgekehrt diktiert er den ersten der von ihm selbst so genannten Reiseberichte.
In über 1.500 Berichten hat er bis zu seinem Tod Im Jahr 2002 die für ihn und seine Mitarbeiter wesentlichen Resultate seiner Gespräche festgehalten. Die Weitergabe an Personen außer Haus war streng verpönt. Zum 70-jährigen Verlagsjubiläum wird das Betriebsgeheimnis nun gelüftet.


Die hier in Auswahl zum ersten Mal publizierten Reiseberichte Siegfried Unselds führen in die Welt des Verlegers und Verlegens mit all ihren Höhe- und Tiefpunkten, ihrem Glanz und Elend – ob beim Geburtstag von Max Frisch in New York, mit Samuel Beckett in Paris, mit Peter Weiss in Kopenhagen, mit Jurek Becker in Leipzig, bei Ingeborg Bachmann in Rom, mit Amos Oz in Israel, mit Thomas Bernhard in Wien oder mit Peter Handke auf der ganzen Welt – und zeichnen das Porträt der kulturellen Nachkriegsgesellschaft aus der Sicht eines ihrer wirkungsmächtigsten Akteure (SUHRKAMP).


DER VERLEGER ALLER VERLEGER


Siegfried Unseld (1924-2002) gilt als der Verleger aller Verleger. Der Verlag Suhrkamp prägte das kulturelle Bild der deutschen Nachkriegsgesellschaft bis in die 1980er Jahre und legte ihr intellektuelles Fundament. Unseld sammelte Literaten und ihre Literaturen, erfand Buchreihen und Taschenbuchformate, ließ farbige Cover erfinden, unterstützte Schriftsteller mit Schreibhemmung und ließ auch den Kampf um sein Erbe mit seinem Sohn Joachim Unseld und eine Lektoren-Revolte um Besitzverhältnisse nicht aus. Ein kämpferischer, eigen- und vielsinniger Verlegertyp, dessen Motto war. „Auf die Frage, wie in kürzester Form der Suhrkamp Verlag zu charakterisieren sei, antworte ich in der Regel: Hier werden keine Bücher publiziert, sondern Autoren.“

 

REISEBERICHTE

 

Das „Reiseberichte“-Buch ist ein doppeltes Vermächtnis, das vom Verleger Siegfried Unseld und zugleich auch von seinem Cheflektor Raimund Fellinger, der als Herausgeber die Reiseberichte noch zusammenstellte, bevor er kürzlich verstarb. . 
Unseld notiert Begegnungen, Gespräche, Einschätzungen, Verlagsabsprachen, Gefühle, Dialoge, Vertragssituationen, Finanzielles, Treffen mit Verlegern und Literaten, Begegnungen mit Zeitgeschichte und Geschichten. 


Die Berichte werden zu einem breiten Panorama der Nachkriegsliteratur und zu einer wahren Fundgrube für Studentinnen und Studenten der Literaturgeschichte. 


Manchmal ist es auch Banales, was da niedergeschrieben steht. Auch manche Eitelkeiten auf beiden Seiten werden offenbar. Nicht nur unter Kritikern, auch unter Literaten von Weltgeltung gibt es „Päpste“, deren „heilige Schriften“ keinen Widerspruch dulden, weil Päpste eben nicht irren können. Fellinger selbst formulierte einmal das Dogma:  "Der Autor hat immer Recht". Ob Erbstreit bei Brecht, Geburtstagsbefíndlichkeiten bei Frisch, Geldauseinandersetzungen bei Koeppen oder Johnson, es „menschelt“ auch in Unselds Notizen. 


Die Reisenotizen zeigen daneben, dass die deutsche Sprache international noch an Geltung gewinnen müsste aber auch, dass ein Verleger wie Unseld sich mit so profanen Dingen wie Schaufensterauslagen oder Belegexemplaren beschäftigen muss. 
Unseld öffnet neue literarische Horizonte in Japan, begegnet deutscher Vergangenheit in Auschwitz, geht zu Fuß durch Moskau und findet „Moskau boomt, Moskau entwickelt sich“.  

 

VERLEGERERFAHRUNGEN


Es beginnt 1959 mit Brecht und Berlin, im Brecht-Archiv, und schon geht es - gerade erst ist Unseld Verlagschef geworden - um Rechtsgeschichten mit „Frau Weigel“, schließlich hinterlässt Bert Brecht 3.500 Blätter mit Gedichten. 


Die Brecht-Erben haben Drittel-Erbrechte. Ausführlich schildert Unseld das Beerdigungszeremoniell nach Brechts Tod. (Unseld freut sich übrigens, dass viele den Suhrkamp-Kranz als den schönsten und ungewöhnlichsten betrachteten.) So einfach kann die Gefühlswelt eines Verlegers gestrickt sein. 


Unseld ist begeistert, als er auf dem Weg nach Leipzig in Bad Hersfeld Station macht, dass in der Buchhandlung Oertel das gesamte Schaufenster mit Suhrkamp-Büchern ausgelegt ist. 


Mit Bundespräsident Theodor Heuss diskutiert er die Möglichkeit, einen deutschen Literaturpreis ins Leben zu rufen. 


Hans Mayer schildert die Situation der DDR-Literatur als „trost- und aussichtslos“. Unseld notiert: “Wir hatten ein gutes Gespräch miteinander.“ Der Nestor der deutschen Literaturgeschichte Ost wird in die Liste der Verlagsfreunde aufgenommen. 1963 kehrt Mayer nach einem Westbesuch nicht in die DDR zurück.


Washington: Unseld trifft Kissinger, der ein Buch zur Theorie der Demokratie schreiben will. Unseld stellt in Gesprächen fest, an Brecht, Frisch und Hesse besteht in den USA Interesse. Hesses Rezeption in den USA „…immer noch unbeschreiblich groß.“Random House kauft unbesehen Frischs neuen Roman und zahlt dem Homo-Faber-Autor 2.500 Dollar im voraus. 


Als Unseld Hermann Hesse auf dem Totenbett sieht, stellt er fest: „…er lag entspannt und friedlich da, wie ein Mensch, der vollkommen ans Ziel gelangt ist.“ 


Enzensberger macht Unseld auf die Bedeutung russischer Literatur aufmerksam. Unseld zieht den Schluss daraus, rechtzeitig und richtig zu handeln. Dazu braucht es dann Übersetzer aus dem Russischen und aus slawischen Sprachen. Sehr vorausschauend 1963. 


Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard schart die Intellektuellen um sich, er sorgt sich im das Aufkommen von Nationalismus. Die Liste der Teilnehmer liest ich als Crème de la Crème von Literatur und Journalismus: Von Ernst Jünger bis Karl Dietrich Bracher, von Rudolf Walter Leonhard bis Verleger Witsch, von Johannes Groß bis Philipp von Bismarck und eben Unseld.

 
Es geht um die Mitarbeit der Intellektuellen und deren nach Einschätzung Erhards, oft negativer Literatur. Sollen sie mehr ins Ausland reisen, um ein besseres Deutschlandbild zu vermitteln? Regierungssprecher Karl-Günther Paul Otto von Hase ist begeistert, spricht von einem „großen Abend“ und vergisst nicht zu erwähnen, auf welchem Niveau Kabinettssitzungen seien. 


In Rom trifft Unseld die Bachmann und Henze, in München Kipphardt und Koeppen, ebenso Handke (Wenders will den „Tormann“ verfilmen.). Unseld ( „…er trinkt seinen Wein, ich meinen Tee.“) stellt über Handke fest: “Im persönlichen Gespräch war er freundlich, ja freundschaftlich, in der Diskussion sehr intransigent, mit ziemlich vielen schlimmen Urteilen über Adorno, Marcuse, Habermas, dann über die Literaturkritiker. Das letzte Kursbuch fand er läppisch“. 


Koeppen berichtet ihm des Nachts in einer persönlichen Beichte über sein Leben in der „Hölle“. Als Unseld Handke zu einem Treffen mit Beckett mitnimmt, ist Unseld über Handke enttäuscht, er „gab sich in der Unterhaltung nicht die geringste Mühe, sondern saß da und schwieg“.


Bei Max Frischs Geburtstagsfeier im Mai 1971 in New York kommt es zum Streit mit Unseld. Unseld habe sich am Tag seines Geburtstages „schäbig“ verhalten. Das würde er Unseld nie vergessen. Es beginnt eine kleinliche Aufrechnerei über billige Lokale, Geburtstagsadresse, Tischgespräche ohne Reden. Unseld fühlt sich zu Unrecht angegriffen: Eine Festschrift und Werkausgabe hatte Frisch zum 60jährigen abgelehnt. 


Frisch meint dennoch, Unseld hätte sich etwas einfallen lassen müssen. Bis dahin hatte Unseld geglaubt, es könne Freundschaft in der Beziehung zwischen Autor und Verleger geben.- Er zieht aus der Auseinandersetzung den Schluss, das Rettungsmittel kann nicht Liebe sein, sondern nur Arbeit. 


Von Thomas Bernhard muss er sich sagen lassen, der Theaterverlag sei ein “lächerliches Nichts“. Bernhard schlägt ihm vor, sich zu trennen; es geht wieder einmal um Finanzen. Unseld: „Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Nerven habe, ein solches Gespräch durchzustehen.“ 
Unseld entdeckt die wachsende Bedeutung der Frauenliteratur und empfiehlt zugleich im Flugzeug über Dubai den Stewardessen, keinen Ehebruch zu begehen. Es drohe schließlich Steinigung. In Bangkok urteilt Unseld: “… exotisch der Flughafen und eigentlich ganz schön die Thailänderinnen.“ 


In Prag trifft Unseld Hrabal, der über Unseld sagt „…er käme ihm wie ein Odysseus vor, immer auf Reisen, aber dann doch immer wieder heimkehrend.“ Aber zu Frankfurt meint Unseld, die Stadt „…muss sich doch noch einige Jahrhunderte anstrengen, um zum Klein-Prag zu werden.“ 


DAS VERMÄCHTNIS


Begonnen haben die Reisenotizen Unselds mit der Einsicht alle Mitarbeiter des Verlages mit einer Art Rundbrief auf den gleichen Informationsstand zu heben.


Im Nachwort schreibt der Verlagslektor Raimund Fellinger über Unselds Form der Berichterstattung als Aufschreibung und Aufsagung – Unseld diktiert auch: „Ich gebe Bericht von jener Welt- und Erfahrungsbreite, die mir zustößt.“ 


Ein Zeitzeugenbuch für neugierige literaturgeschichtlich interessierte Leser, die Hintergründe erfahren wollen, aber sich bewusst machen müssen, dass es sich um Unselds subjektive Betrachtungen handelt: „Nicht alles Berichtete kann Anspruch auf Wahrheit erheben.“ Mögen Literaturwissenschaftler dereinst das Wahre herausfinden, wir halten es hier einstweilen mit Gustave Flaubert: „Das Wahre gibt es nicht! Es gibt nur verschiedene Arten des Sehens.“ Gustav Flaubert, französischer Erzähler und Novellist.

 

Pressestimmen

 

»Man wird [Siegfried Unseld] im Licht dieser Reiseberichte bisweilen visionär nennen ...«
Tilman Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Zeitung 

 

»Der legendäre Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld hat über die Reisen zu den größenwahnsinnigen und liebesbedürftigen Autoren auf der ganzen Welt Berichte geschrieben.«
Volker Weidermann, DER SPIEGEL

 

 

Siegfried Unseld REISEBERICHTE. Verlegererfahrungen aus 60 Jahren SUHRKAMP 

Lojze Wieser Der Geschmack Europas Band 3 Ein Journal mit Rezepten. Zehn weitere Stationen

 
… wer nun denkt, es handle sich bei „Der Geschmack Europas“ einfach um ein europäisches Rezeptbuch, der irrt gewaltig. Natürlich werden dem Leser auch interessante Rezepte zu traditionellen Gerichten des jeweiligen Landes präsentiert, allerdings nicht so, wie man es aus Kochbüchern gewohnt ist.
 
Vielmehr geht es in „Der Geschmack Europas“ um die Esskultur, um kulinarische Traditionen und Geschichte. Da werden Themen angesprochen wie die Frage nach der Erfindung von Pommes oder wie die arme Gegend im Vulkanland der Südoststeiermark ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hat. Außerdem finden wir auf fast jeder Seite sehr gute Fotos, mal vom Essen, mal von der Landschaft, mal von den Menschen und dem Produktionsteam. Es ist ein wenig so, als würde man mit auf die Reise genommen werden. Auf alle Fälle packt den Leser bei der Lektüre das Fernweh – Fernweh nach anderen Kulturen, Fernweh nach exotischeren Speisen. Und irgendwie schafft das Buch es aber gleichzeitig, dieses Fernweh beim Lesen zu befriedigen …
 
In Band 3 sind die von 2017 bis zum Herbst 2019 gedrehten Fernsehfolgen für den ORF Mähren, Montenegro, Elsass, Westliches Friaul, Alentejo, Wales, Bregenzerwald, Westirland, Korsika und Oberschlesien behandelt. Sie werden zugleich in 3sat gezeigt. (Wieser)
 

 

Making of GESCHMACK EUROPAS

Alle Fotos Copyright vom Autor Lojze Wieser

SPILLOVER - Pandemien, Epidemien, Seuchen

Lebensbedrohende Infektionskrankheiten wie AIDS, Ebola, Virusgrippen, SARS und aktuell Covid-19 können sich dank der Globalisierung schnell über große Räume verbreiten und Epidemien oder gar Pandemien auslösen. Ihnen ist eines gemeinsam: Die Erreger sprangen vom Tier auf den Menschen über – der sogenannte Spillover. In einem ebenso spannend erzählten wie beunruhigenden Buch schildert der preisgekrönte Wissenschaftsautor David Quammen, wie und wo bevorzugt Viren, Bakterien und andere Erreger auf den Menschen übertragen werden. (PANTHEON) 

 

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Die lautlose Eroberung durch China

 
 


Gefährlicher Rivale statt unverzichtbarer Partner: Mit welchen Strategien China die Welt erobert

 

Chinas Aufstieg zur Weltmacht ist unaufhaltsam. Lange erwartete man, dass sich das Land mit zunehmendem Wohlstand demokratisieren würde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Kommunistische Partei Chinas will sich mit allen Mitteln an der Macht halten. Dafür werden Wirtschaft und Gesellschaft im eigenen Land auf Linie gebracht und ein weitreichendes Programm wurde entwickelt, mit dem China die westlichen Demokratien unterwandert und eine neue Weltordnung etablieren will. Dabei setzt es nicht nur seine Wirtschaftsmacht als Waffe ein, sondern die gesamte Bandbreite seiner Politik. Wie vielfältig der chinesische Einfluss auch bei uns bereits ist, enthüllen die beiden Autoren an zahlreichen Beispielen – ein Anstoß zu einer dringend notwendigen Debatte: Wie soll Deutschland, wie Europa mit der neuen Weltmacht China umgehen? (DVA)

 

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RUSSLAND-KONTAINER

Nicht nur über eine derzeit umstrittene Pipeline, sondern auch über Jahrhunderte des Austauschs wie der Abstoßung waren und sind Russland und Deutschland einander so fern wie verbunden. Die politische Gegenwart scheint kritisch, die Zeichen stehen auf Konflikt und Polarität, schreibt SUHRKAMP in der Verlagsankündigung des Buches von Alexander Kluges RUSSLAND-KONTAINER.

„In dieser Lage macht Alexander Kluge Russland zum ausschließlichen Thema eines neuen Großbandes. In dezidiert poetischer Weise, nicht mit dem herrischen Willen zur Synthese, nähert er sich dem unermesslichen Terrain des größten Landes der Erde und der Mehrzahl seiner Seelen. Ihm geht es um den »ungeknechteten« Stoff, der dem Leser und den Materialien »die Freiheit lässt zu atmen«. (Suhrkamp)

 

 

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Zuckerbrot und Peitsche - Integration zwischen Anpassung und Ausgrenzung


Mit dem Mut zu einem genauen Blick und mit analytisch klarem Denken vergleicht Assya Markova aktuelle und vergangene Integrationsdebatten sowie vorgebliche und praktizierte Integrationsmaßnahmen auf deren Absichten, Widersprüche und Ambivalenzen hin. Sie wendet sie sich entschieden gegen politische Ausgrenzung und ideologische Enge – und bezieht deutlich Position für Pluralität und die reale Möglichkeit einer offenen Gesellschaft. (Büchergilde Gutenberg)

 

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Villazon - Mozart in  den höchsten Tönen

 

Salzburg ist im Festspieltaumel, Mozarts "Don Giovanni" wird geprobt. Der junge Mexikaner Vian Maurer träumte davon, Opernsänger zu werden, scheiterte aber an seinem strengen Vater und seinen Gesangslehrern, die sich darüber stritten, ob er Tenor oder Bariton sei. So hat er es nur zum Statisten gebracht. In „Don Giovanni“ darf er nun als einer der Teufel auftreten.

Vian bewundert Mozart, er liest alles über ihn, was ihm in die Hände fällt. Mit seiner Freundin Julia, die er bei den Proben kennen gelernt hat, zieht er durch Salzburg und entdeckt den Zauber der Festspielstadt.

Zur Premiere von „Don Giovanni“ reist der strenge Vater aus Mexiko an und will den verträumten Sohnemann wieder nach Hause holen. Doch Vian hat andere Pläne...

Einer der berühmtesten Mozartinterpreten und -kenner unserer Zeit schreibt über eine Herzensangelegenheit. (Rowohlt)

 

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Missbrauchte „Gefallsöhne“ der Anbiederung oder Zettl-Trauma

 

»Nie habe ich von Pater G. erzählt, aus Angst, man könne mir anmerken, dass ich sein Kind geblieben bin.«

 

»Meine Eltern hatten mich der Gemeinschaft der Patres anvertraut, weil mich dort das Beste, das selbst sie mir nicht geben konnten, erwarten würde. Ich habe sie heimlich oft verflucht, weil sie mich nicht darauf vorbereitet hatten, was dieses Beste sei …« Als Zehnjähriger wurde Josef Haslinger Schüler des Sängerknabenkonvikts Stift Zwettl. Er war religiös, sogar davon überzeugt, Priester werden zu wollen, er liebte die Kirche. Seine Liebe wurde von den Patres erwidert. Erst von einem, dann von anderen. Ende Februar 2019 tritt Haslinger vor die Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Dreimal muss er seine Geschichte vor unterschiedlich besetzten Gremien erzählen. Bis der Protokollant ihn schließlich auffordert, die Geschichte doch bitte selbst aufzuschreiben. (S.Fischer)

 

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Martenstein/Maroldt: Berlin in 100 Kapiteln


„Aber wenn das Buch fertig ist, fragt man sich, was wohl die Kritiker sagen werden. Und genau das wird der Vorwurf sein, Berlin kommt bei uns zu schlecht weg. Wir sind zu motzig.

 

Na ja, wir sind eben typisch Berlin.“ So „evaluieren“ Harald Martenstein und Lorenz Maroldt ihr soeben erschienenes Buch „Berlin in 100 Kapiteln … von den leider nur 13 fertig wurden“. Da fällt dem Rezensenten einer der vielen, Legende gewordenen Zwischenrufe von Herbert Wehner ein, der einen Kontrahenten im Deutschen Bundestag richtig beschimpfen wollte und den ihm eigentlich auf der Zunge liegenden Kraftausdruck unterdrückte. Er druckste herum: „Sie…Sie…“ und schleuderte dann als volle Breitseite sein „Sie nachgemachter Berliner“ ins Plenum. Die beiden Autoren sind vor Jahren nach Berlin zugezogen, der eine ist inzwischen Chefredakteur beim Berliner Tagesspiegel, der andere schreibt Kolumnen für die Zeit und eben diesen Tagesspiegel. Der Mängelbericht, den die beiden vorlegen, in die Stadt verliebt vorlegen, reicht bis die nun schon Jahrzehnte zurück liegende Anfangshase ihres Berliner-Seins zurück und weist nach einem genüsslichen Verweilen auf der Flughafenpanne BER auch in die Zukunft – immer noch, ohne die ja auch involvierten Bundesverkehrsminister der Vergangenheit und Gegenwart mit ins sinkende Schiff zu holen. Sie wissen als erfolgreiche Journalisten, dass eine Zeitung mit lediglich positiven Meldungen unverkäuflich wäre – kleine, besser noch große Skandale verkaufen sich gut. 


Für alte Westberliner sind der Steglitzer Kreisel, der Garski-Skandal, die Namen Antes oder Schwanz „olle Kamellen“. Für „Schon-immer-Ostberliner“ sind es Neuigkeiten aus der Vergangenheit, die vielleicht vorhandene Zweifel an der Richtigkeit der Entscheidung „wir sind ein Volk“ von 1989 verstärken können. Die Gegenwartsbeschreibung mit den langweiligen Dauerbrennern „Bürgeramt“, „S-Bahn-Verspätung“, „Pisa-Schwäche Berliner Schüler“, „Krankenstand in der Berliner Verwaltung“ ist für die stärkeren Tobak gewohnten älteren Semester nur ein Zurücklehnen wert. Sie erleben eine ganz bequeme Normalität, von sie vor dem knappen Hauptstadt-Votum des Deutschen Bundestages nicht einmal träumen konnten. Die vielen „nachgemachten Berliner“, die inzwischen die Mehrheit der dreieinhalb Millionen Einwohner ausmachen, bekommen aber ein launiges Buch zu lesen, sehr unterhaltsam geschrieben, das manchmal, wenn O-Töne eingespielt werden, sogar mit nicht nachgemachtem Witz befreiend wirkt.

 

Hier sind es die Busfahrer, die ihre sprichwörtliche Berliner Schnauze nicht halten: „Typischer Dialog (selbstverständlich wieder O-Ton): Fahrgast ruft von hinten: ‚Das war schon rot!‘ Antwort des Fahrers: ‚Hier vorne noch nicht. Klugscheißer!“ Solche Dialoge gefallen den Nachgemachten, die erst allmählich lernen, dass solche Antworten Teil des Spiels sind, die verbale Satisfaktionsfähigkeit des Gegenübers zu testen.


Solchermaßen bestens mit Skandalen und Pannen unterhalten, wird die sanfte Landung erstaunen, die die beiden Autoren ihrem Publikum nach dem Höhenflug in die Tiefen der jüngeren Berliner Geschichte zumuten.

 

Hier der Schlussdialog der Autoren:

 

„HM: …das hieße doch, dass Berlin bleiben soll, wie es ist:


LM: Irgendwie schon. Das klingt seltsam, weil wir viel über Misserfolge erzählt haben, aber unter dem Strich ist Berlin trotzdem eine der weltweit attraktivsten Städte.


HM: Das heißt, wir finden uns ab?


LM: Das heißt wir kritisieren, was kritisiert werden muss, und erfreuen uns an dem großen Rest, der großartig ist …“

 


Harald Loch
 
Harald Martenstein/Lorenz Maroldt:                                                      Berlin in 100 Kapiteln … von denen leider nur 13 fertig wurden
Ullstein 2020  

 

 

Mord in der Sonntagsstrasse -                          ein Schwedenkrimi

Es sollte das perfekte Verbrechen sein, und es wurde ein Mord, der ein ganzes Land erschütterte. Schweden in seinen «Wunderjahren», als alles sicher und geregelt schien, die Zukunft verheißungsvoll, blickte in einen Abgrund. Im Juli 1965 wird eine junge Frau tot in ihrem Elternhaus an der idyllischen Sonntagsstraße in Stockholm gefunden. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel. Was genau ist geschehen? Warum musste sie sterben? Und vor allem: Wer ist der Mörder? In der größten Polizeiaktion der Geschichte Schwedens gelingt es, einen jungen Mann zu verhaften, der nach Schweden gekommen ist, um ein «arisches» Mädchen zu finden. Psychisch krank, aber hochintelligent, sucht er unter blonden und blauäugigen Frauen seine Opfer, die er nach einem genauen Plan perfekt töten will. (rowohlt Berlin)

 

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Eine verspätete Reise nach Auschwitz

„Als ich 2015 Auschwitz besuchte, habe ich Menschen gesehen, die im Tor zur Hölle Selfies machten. Sie lächelten ungläubig: dass sie dort wirklich standen, unter dem morbiden Schriftzug ‚Arbeit macht frei’.“ Daan Heerma van Voss’ Reise nach Auschwitz ist eine Ode an seinen Freund und Namenspaten Daan de Jong, dessen Eltern deportiert wurden. Das NRC Handelblad pries die Erzählung als einen „intelligenten Essay von einem begnadeten jungen Autor, der Worte findet, um seine Gefühle am einsamsten Ort der Welt auszudrücken“. Heerma van Voss hat einen Text voller emotionaler Wucht geschrieben, mit dem er uns allen die Frage stellt: Was heißt Gedenken heute? (Büchergilde Gutenberg)

 

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Soziologie der Protestformen:                    Demo und Wissenschaft

 

Klimaproteste, Gelbwesten, PEGIDA, Occupy, Hongkong, Arabellion – die Anlässe sind vielfältig, die Inhalte unterschiedlich, und doch ist all diesen Protestbewegungen eines gemein: ihre formale Ähnlichkeit. Protest wird dann wahrscheinlich, wenn Interessen, Geltungsansprüche und Kritik an sich selbst erleben, dass sie sich in den eingefahrenen Routinen einer trägen Gesellschaft nicht durchsetzen können. Einerseits wird Protest damit zum Demokratiegenerator, versucht andererseits aber jener Vetospieler zu sein, den moderne Gesellschaftsstrukturen nicht zulassen. Die Grenzen, an die der Protest hierdurch stößt, initiieren eine merkwürdige Steigerungslogik und münden in einer strukturell tragischen Konstellation: In den Mühlsteinen der Gesellschaft, die es schafft, alle Opposition zu integrieren, verpufft der Protest. (Edition.kursbuch)

 

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Leben-Schreiben-Atmen                                      Eine Einladung zum Schreiben für Jedermann


1. Doris Dörrie, Ihr Buch Leben, schreiben, atmen ist eine Einladung zum Schreiben. Es geht darin aber nicht darum, Literatur zu schaffen, sondern um autobiographisches Schreiben, darum, dem eigenen Leben schreibend auf die Spur zu kommen. Sie sind eine bekannte Autorin und unterrichten seit Jahren Drehbuchautoren in «kreativem Schreiben». Wie kam es zu diesem Buch, das sich nicht an Profis, sondern an alle richtet?


Doris Dörrie: Seit vielen Jahren gebe ich als Professorin an der Filmhochschule und auch außerhalb Workshops überall auf der Welt, in denen ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermuntere und anleite, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Immer wieder erlebe ich, welche enorme Ermächtigung es bedeutet, sich dem eigenen Leben schreibend zu nähern. Welche Freude, welche Inspiration, welche tiefe Befriedigung daraus entstehen kann, zu begreifen, dass jedes Leben berichtenswert ist! Dass jedes Leben unverwechselbar und das ganz eigene und besondere ist! Das bedeutet sehr viel in einer Welt, die sich immer mehr an einer homogenen digitalen Oberfläche orientiert, die immer nur fragt, ob ich schön und erfolgreich genug bin.  

 

2. Kann jeder schreiben?


Doris Dörrie: Ja. Jeder, der lesen kann, kann auch schreiben. Ich habe über die vielen Jahre einen sehr handlichen Werkzeugkoffer zusammengestellt, mit dem tatsächlich jeder lernen kann zu schreiben. Darüber hinaus gibt es in Wahrheit nur einen einzigen Trick: ganz genau hinzuschauen. Immer wieder. Und jeden Tag. Und das lässt sich trainieren. Hier geht es nicht darum, Literaturpreise zu gewinnen, sondern darum, genau und wahrhaftig dem eigenen Leben gegenüber zu sein. (Man kann aber durchaus auf diese Weise dann Literaturpreise gewinnen.)

 

3. Warum tut es gut zu schreiben?


Doris Dörrie: Es bringt mich auf eine manchmal fast magische Weise in mein eigenes Leben und meine eigene Zeit zurück. Wir haben immer mehr das Gefühl, uns zu verlieren, weil wir so selten im eigenen Leben anwesend sind und uns die Zeit durch die Finger rinnt. Wenn man schreibt, bekommt man ein Zuhause im eigenen Leben, eine Erdung und intensive Verbindung mit der Welt, wonach wir uns doch alle sehnen.  

 

4. Zu schreiben, sagen Sie im Buch, hat viel damit zu tun, sich zu trauen, Ängste zu überwinden. Welche Ängste sind das? Mussten Sie beim Schreiben dieses Buchs auch Ängste überwinden?


Doris Dörrie: Ja, schreiben möchten viele, aber die Angst zum Beispiel, nicht »gut zu sein«, hält sie davon ab. Das ist eine früh erlernte Angst, nicht zu genügen, sich zu blamieren. Natürlich kämpfe auch ich immer wieder mit dieser Angst (und vielen anderen), aber ich habe eine sehr wirksame Methode entwickelt, um jeden Tag aufs Neue diese Angst zurückzuweisen – und zu schreiben.

 

5. Sie erzählen in diesem Buch ja sehr persönlich aus Ihrem eigenen Leben.


Doris Dörrie: Bei diesem Buch bin ich deutlich erkennbarer persönlich geworden als bisher, was für mich aber eigentlich keinen großen Unterschied macht, weil alles, was ich schreibe, letztlich persönlich ist. Aber hier wollte ich zeigen, dass es vielleicht am Ende darum geht, uns gegenseitig auch unsere Schwächen und Verletzungen zu zeigen und über sie zu berichten, um tief und wahrhaftig miteinander zu kommunizieren. Es ist eine Frage der Verhüllung und Verschleierung, inwieweit man sich zu erkennen gibt. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich keine Verschleierung mehr brauche und es vielleicht auch an der Zeit ist, besonders als Frau jetzt über das tatsächliche eigene Leben zu erzählen. Was nützt es denn, wenn ich mich immer nur mit frisch gefönten Haaren und Beauty-Filter zeige und behaupte, dass alles ganz ganz toll ist in meinem Leben?

 

6. Sie fordern im Buch zum freien Assoziieren auf, bei dem man unter Umständen selbst überrascht wird, wohin das Schreiben einen führt. Gab es in diesem Buch für Sie auch Überraschungen?


Doris Dörrie: Es gibt, wenn man auf die Art und Weise schreibt, wie ich es hier schildere, jeden Tag Überraschungen, weil ich immer wieder darüber staune, was mein Gehirn tief in seinen Windungen anscheinend abgespeichert und aufgehoben hat. Das mit Methode wieder herauszukitzeln bedeutet, auch immer wieder überrascht zu werden von dem Reichtum des eigenen Lebens in all seinen Details. Das sind oft beglückende, aber nicht nur friedliche und hübsche Details und Szenen, doch sie schildern mich und mein kurzes, ganz eigenes Vorhandensein auf dieser Welt. Letzten Endes geht es darum, durch das Schreiben zu begreifen, dass man wirklich hier war. Dass jedes Leben in all seinen Details einen ganz besonderen und unvergleichlichen Wert hat.

 

7. Schreiben Sie jeden Tag?


Doris Dörrie: Ja.

In Folge veröffentlichen wir in der nächsten Zeit Hinweise von Doris Dörrie aus ihrer Schreibwerkstatt.

 

Im März sollte sie eröffnet werden, jetzt wird alles nachgeholt. Die wichtigste deutsche Ausstellung zur Zeitgeschichte öffnet im Deutschen Historischen Museum seine Pforten für das Publikum am 11. Mai und bleibt bis zum 18. Oktober. Sie ist Hannah Arendt gewidmet. Der Titel „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ ist zu bescheiden, weil die Strahlkraft dieser politischen Philosophin bis in unsere Gegenwart reicht und auch noch in Zukunft beachtlich sein wird. Das liegt z.T. an ihren Thesen, über die man auch schon zu ihren Lebzeiten trefflich gestritten hat. Das liegt in erster Linie an ihrer Haltung. Die mutige, in Hannover geborene und in Königsberg aufgewachsene Denkerin, Jüdin, bald ausgebürgerte Deutsche, Staatenlose, später Amerikanerin, war dem kritischen Denken Immanuel Kants verpflichtet, wurde von Karl Jaspers promoviert und war vor und nach der Shoah mit Martin Heidegger befreundet. Ihre Urteilskraft hat sie zeitlebens markant unter Beweis gestellt. Das Urteilen als Ergebnis von objektiv festgestellten Fakten und ihrer Beurteilung, aus der verantwortliches Handeln folgen müsse, dieses Urteilen, für das man Verantwortung übernimmt, war ihr entscheidender als die bloße Meinung.


Dieser Haltung ist das Motto der Ausstellung entnommen: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Die mit eindrucksvollen Exponaten geradezu sensationell angereicherte Ausstellung vermittelt auf zwei Etagen des dafür sehr geeigneten Deutschen Historischen Museums tiefe Eindrücke in das bewundernswerte Leben und Werk Hannah Arendts, ihr lebenslanges Eintreten für die Freiheit. Die Besucher sehen und erleben in thematisch und räumlich voneinander abgesetzten Bereichen ihre Auseinandersetzung mit der Welt und die Auseinandersetzung der Welt mit ihr. In beiden Richtungen wurde nicht an Deutlichkeit gespart. Es werden Verletzung gezeigt und begründet und insofern wird das 20. Jahrhundert wieder aufgerufen. Ausstellungsstücke beglaubigen das tatsächliche Geschehen. Kaum zu glauben, dass die Urschrift des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom Bundesarchiv für diese Ausstellung ausgeliehen wurde, der Entscheidung, in der Arendt nach jahrelangem Prozessieren Wiedergutmachung für den ihr durch die Naziverfolgung entgangenen Professorenrang zugesprochen wurde. Eindrucksvoll auch das Nebeneinander ihres Ausbürgerungsvermerks im Reichsanzeiger und der berüchtigten Rektoratsrede Heideggers, beide in zeitlicher Nähe im Jahre 1933.


Ihr Leben in den USA, ihre bewundernde Haltung zu dem Verfassungsgefüge der Vereinigten Staaten, die einen gewaltigen Bruch erlebte, als sowohl die Rassentrennung als auch der Vietnamkrieg in den 1960er Jahren Studenten auf die Straßen trieben. An vielen Stellen der Ausstellung haben die Besucher die Möglichkeit Originalfilmaufnahmen mit zu sehen und an individuellen Kleinlautsprechern zu verfolgen, z.B. eine Aussage von Daniel Cohn-Bendit zu Hannah Arendt, die mit seinen Eltern befreundet war und dem sie, falls er in Schwierigkeiten geriete, auch materielle Unterstützung zusagte.


Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die Thematisierung von „Eichmann in Jerusalem“. Drei Hauptthesen hat sie in ihrer Berichterstattung für den New Yorker und ihrem Buch aufgestellt: Ihre Kritik an der Prozessführung, insbesondere der Auswahl der Zeugen, die sich ihrer Auffassung nach nicht ausschließlich auf die von Eichmann zu verantwortenden Taten bezog. In diesem Punkt gibt ihr inzwischen die internationale Rechtswissenschaft weitgehend Recht. Die Kuratorin der Ausstellung, Frau Dr. Boll, bemerkt im Gespräch, dass Arendt dabei unberücksichtigt ließ, dass diese Zeugen überhaupt zum ersten Mal vor der Weltöffentlichkeit aussagen konnten. Die schwerwiegende Behauptung, die Judenräte hätten sich als Vollzugsgehilfen der Verfolger betätigt, hält der historischen Wahrheit nicht stand.

 

Die Charakterisierung von Eichmanns Taten als Banalität des Bösen ist ihr vielleicht meistzitiertes Wort. Es hat weltweit Reaktionen hervorgerufen. Ihre Freundschaft zu Gerschom Scholem ist daran zerbrochen. 


Das Eingangsthema der Ausstellung bilden Dokumente zum jüdischen Selbstverständnis Hannah Arendts, stellen ihre kritische Einstellung zum Zionismus dar. Selbst 14 Jahre lang nach ihrer Emigration aus Deutschland staatenlos, entwickelte sie das fundamentale Menschenrecht „Das Recht, Rechte zu haben“, das nur von Nationalstaaten gewährleistet werden könne. Zeitlebens empfand sie sich als Jüdin, obwohl sie die Religion nicht praktizierte. Sie identifizierte sich besonders mit der Person ihrer Biographie „Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer Jüdin aus der Romantik“. An ihrem Beispiel verdeutlichen Ausstellung und Katalog Arendts kritische Einstellung zur Assimilation der Juden. 


Die Weltpolitik verfolgte Hannah Arendt aufmerksam und hat mit ihrem ersten Ehemann Günther Anders eine heftige Kontroverse über die Atomrüstung geführt, in der sie die Auffassung vertrat, dass die Aufrechterhaltung der politischen Freiheit auch die Bedrohung, notfalls den Einsatz von Atomwaffen rechtfertigte. Freiheit war für Arendt die notwendige Voraussetzung für Politik, in der sie jede Diskriminierung verurteilte. Ganz anders im privaten Bereich, in dem jeder irgendwie diskriminiere und das auch dürfe. Insofern verteidigte die vehemente Gegnerin der politischen Rassendiskriminierung die Weigerung weißer Eltern, ihre Kinder zusammen mit farbigen Schülern unterrichten zu lassen. Im privaten Bereich sei Diskriminierung erlaubt und beispielsweise die Freiheit der Wahl des Ehepartners zu gewährleisten.


Das Bild von Hannah Arendt ist durch die eindrucksvolle Fotostrecke von Fred Stein in der Ausstellung aufbewahrt, der Hannah Arendt zwischen 1944 und 1966 immer wieder fotografierte. Dokumente der Freundschaft sind die Bilder, die Hannah Arendt selbst mit der 1961 gekauften Minox aufnahm. Immer wieder werden die Gedanken, die sich die Besucher beim Lesen oder Hören der Texte machen, durch Exponate wie diese Minox und deren sinnliche Wahrnehmung aufgelockert.  Niemand sollte auf das sehr informative Begleitbuch zur Ausstellung verzichten, das vom Präsidenten des DHM Raphael Gross, der Kuratorin der Ausstellung, Monika Boll und der Projektleiterin Dorlis Blume herausgegeben und vom Piper Verlag veröffentlicht wurde, in dem in Deutschland die Werke von Hannah Arendt erschienen.


Harald Loch

 

Doris Blume, Monika Boll, Raphael Gross (Hg.)

Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert

Begleitpublikation zur (bis auf Weiteres abgesagten) Ausstellung des Deutschen Historischen Museums

Piper, München 2020   286 Seiten   22 Euro

Held Revolutionär Idol: Beethoven 

Zum 250. Geburtstag: Matthias Henke zeichnet in seiner Biografie das Bild von Ludwig van Beethoven neu – frei von Idealisierung, in den Spannungen zwischen Bonn und Wien.

Heros, Revolutionär, nationales Idol: Ludwig van Beethoven musste in der Vergangenheit Wunschvorstellungen bedienen, die mit seiner Musik nichts zu tun haben. Matthias Henke legt die Biografie eines Menschen vor, der es niemandem leicht gemacht hat – erst recht nicht sich selbst. Seine Musik berührt uns bis heute. (Hanser)

 

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Der unsterbliche Marcel Reich-Ranicki

„Ich schreibe unentwegt ein Leben lang“ 
Das Leben des „Literaturpapstes“

 

Marcel Reich-Ranicki hat das literarische Leben in Deutschland geprägt wie wenige andere: Als Leiter der Literaturredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ war er der erfolgreichste, aber auch umstrittenste Literaturkritiker seiner Zeit. Mit dem „Literarischen Quartett“ wurde das Fernsehen zur machtvollen Bühne seiner Kritik. Was er lobte, wurde gelesen, gefürchtet waren seine Verrisse. In diesem Buch erleben wir ihn in seinen eigenen Worten: Offen und ehrlich spricht Reich-Ranicki darin über seine Kindheit und frühe Jugend in Polen, die Schulzeit in Berlin, die düstere Zeit des Nationalsozialismus und sein Leben als Literaturkritiker. Das Buch stützt sich auf ein Gespräch mit Paul Assall, das noch nie zuvor veröffentlicht wurde. (PIPIER)

 

Auf die Frage, ob gute Bücher, die gekauft werden auch gelesen werden, antwortet Marcel Reich-Ranicki mit einem literarischen Hinweis:
„Böll hat das einmal ganz hübsch auf echt Böll’sche Weise in einem Artikel beschrieben. Da hat ein Mensch einen guten Roman gekauft und in den Bücherschrank gestellt und nicht gelesen. Da liegt er ungelesen. Aber ein Jahr später wird die Reinemachefrau von ihrem fünfzehnjährigen Sohn abgeholt. Der Sohn holt sie ab, aber er ist etwas zu früh gekommen, und er muss nun warten und beginnt ihn zu lesen. Also, mit anderen Worten wollte Böll sagen: Ein gutes Buch, auch wenn es nicht gelesen wird, wird eines Tages auf irgendeine Weise einen Leser finden.“


Diese Antwort gab der Kritiker vor 34 Jahren seinem Interviewpartner Paul Assall, dem langjährigen Redakteur von SWF/SWR. Der war von dem Zürcher Verleger Egon Ammann mit diesem Interview beauftragt worden, dessen zweiter Teil, der literaturkritische, von Peter von Matt beigesteuert werden sollte. Nur dieser Teil ist seinerzeit veröffentlicht worden, das gute Interview zwischen Paul Assall und dem Kritiker blieb ungedruckt, blieb aber auf Tonband erhalten. Jetzt findet dieses Interview nach 34 Jahren einen Verlag und erfüllt auf seine Weise das Böll‘sche Gleichnis. Es ist frisch und auch aktuell geblieben. Auch, wenn 15 Jahre danach die Autobiographie Reich-Ranickis „Aus meinem Leben“ erschien, dokumentiert es auf kluge Fragen druckreife Gedanken und Erinnerungen des großen Kritikers, der am 2. Juni 100 Jahre alt geworden wäre.


Das Interview dreht sich anfangs um die Kindheit in Polen, die Jugend und prägende Schulzeit in Berlin bis zum Abitur im Jahre 1938 auf dem Fichte-Gymnasium. Als jüdischer Schüler unter lauter Hitlerjungen wurde er seiner Erinnerung nach nicht ungerecht bewertet, vor allem nicht in Deutsch, Geschichte und Musik. Aber als er – blauäugig – studieren wollte, wurde er deportiert und nach Polen abgeschoben, wo er seine Eltern wieder traf. Nach der deutschen Besetzung lebte seine Familie im 400 000 Juden zählenden Warschauer Ghetto. Reich-Ranicki beschreibt dieses Leben dort. Er selbst war Angestellter im dortigen Judenrat. Als die Nazis vom Obmann verlangten, täglich 7000 Juden zum Abtransport bereitzustellen, beendete dieser sein Leben. Reich-Ranicki floh aus dem Ghetto und musste sich bei Polen verstecken. Seine Eltern und sein Bruder wurden von den Nazis ermordet.


Nach dem Krieg arbeitete Reich-Ranicki im polnischen Außenministerium, zunächst in der Polnischen Militärmission in Berlin und dann als Konsul in London. Er war in die Kommunistische Partei eingetreten. In dem Interview gibt er seiner damaligen Überzeugung Ausdruck, dass dieser Schritt die einzig mögliche Antwort auf die Geschichte war. Er wurde aber bald aus der Partei ausgeschlossen und erhielt eine Anstellung in einem polnischen Verlag, von wo aus ihm dann eine Reise in die Bundesrepublik möglich wurde, von der er nicht zurückkehrte. Seine Frau und sein Sohn waren synchron in London, so dass sich die Familie im Westen wiederfand. Heinrich Böll hatte ihm eine nützliche Bescheinigung ausgestellt. Seinen Einstieg als Literaturkritiker, zunächst bei der WELT, dann bei der ZEIT und schließlich in der Redaktion der FAZ bezeichnete er als leicht. Er konnte in uneingeschränkter Freiheit arbeiten.


Diese Freiheit habe er genutzt und er erläutert in diesem Interview eingehend die Aufgabe des Kritikers und die Funktion der Literaturkritik. Er weiß, dass es dafür keine Regeln gibt und er hat doch mit seinem Lebensweg Maßstäbe gesetzt. Ihn hierüber nach 34 Jahren zu vernehmen, ist die große Chance dieser späten Veröffentlichung.
Auf die Frage, ob er keinen Hass auf die Deutschen empfinde, antwortet er typisch für mit einem Zitat: „Nietzsche hat mal geschrieben: » Man soll Völker weder hassen noch lieben. « Er hat wohl damit gemeint: Hassen oder lieben soll man vielleicht Individuen, aber nicht Völker. Er hat genau das ausgedrückt, was ich spüre: Es gibt kein Volk auf Erden, das ich hasse. Ich könnte auch nicht von einem Deutschenhass bei mir reden. Mir und meiner Familie und den Juden überhaupt ist das Schrecklichste von Deutschen angetan worden. Das zu vergessen bin ich überhaupt nicht imstande. Andererseits bin ich ganz und gar im Geist der deutschen Literatur und der deutschen Musik erzogen.


Über die Bundesrepublik vor 34 Jahren machte er sich keine Illusionen: Auf die Frage, wie er das, was man „Vergangenheitsbewältigung“ in der Bundesrepublik nennt, kritisiert er die Politik der Adenauerzeit und resümiert:
„Sehen Sie, man hat manche Minister und hohen Würdenträger in diesem Land wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit entlassen. Halt, nicht wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit, sondern weil selbige von der DDR aufgedeckt und publiziert worden war.“
Ob solche Sätze die Antwort auf die Frage sind, warum das Interview damals nicht gedruckt wurde? Heute jedenfalls liest sich alles, auch die langen Passagen über den Sinn der Literaturkritik, ganz aktuell, wunderbar formuliert. Ein Glück, dass Paul Assall dieses Interview wieder hervorgeholt hat und dass der Verlag es veröffentlicht.


Harald Loch


Paul Assall (Hg.): „Ich schreibe unentwegt ein Leben lang“
Marcel Reich-Ranicki im Gespräch
Originalausgab. Piper, München 2020   176 Seiten   12 Euro

Bella Italia

So vertraut Italien deutschen Reisenden schon immer war und so innig die Liebe der Deutschen zur «italianità», so fremd erscheint das Land heute, schreibt rowohlt in der Verlagsankündigung: Tatsächlich scheint es immer fremder zu werden – denkt man an seine populistische Regierung, an einstürzende Brücken oder an das Fortbestehen der Mafia. Woher kommt das alles? Thomas Steinfeld hat in Italien gelebt und das Land bereist, von Südtirol bis Apulien, von den Gebirgspässen des Nordens bis zu den Olivenplantagen des Südens. Hier zeigt er das ganze Italien: das rege Treiben in den Zentren von Rom, Venedig oder Florenz ebenso wie die Arbeitersiedlungen der Industriegebiete und das Elend der Vorstädte. Er schildert den ländlichen Heiligenkult, die Begeisterung für schöne Autos, die Erfindung des Slow Food, erklärt das Land aber auch aus seiner Geschichte heraus: von der Renaissance bis zum Duce-Faschismus, der noch heute an manchen Orten nachwirkt.

Thomas Steinfeld zeigt eine Gesellschaft, die vielfältiger und oft anders ist, als man es sich nördlich der Alpen vorstellt – und zugleich Landschaften und Kulturschätze, die nie an Anziehungskraft verloren haben. Ein reiches, ebenso sinnliches wie reflektiertes Italien-Porträt, das uns die Widersprüchlichkeit und Schönheit dieses faszinierenden Landes mit neuen Augen sehen lässt. (rowohlt Berlin) 

 

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Der neue Walker-Krimi: Connaisseur


Die Kriminalromane des schottischen Historikers Martin Walker sind schon als schönes Kochbuch bewundert worden. In den Geschichten um Bruno, Chef de Police von Saint Denis im Département Dordogne geht es auch um Pferde, um seinen Basset Balzac und immer wieder auch um attraktive Frauen, zwischen denen Bruno hin- und hergerissen wird. Vor allem aber geht es um die französische Kleinstadt Saint Denis, die dem langjährigen Wohnort des Autors Le Bugue nachempfunden ist. Den zwölften Fall für Bruno wird man am besten als einen Kriminalroman mit historischem und zeitgeschichtlichem Hintergrund lesen. Der Autor verstreut kleine politische Botschaften gegen rechte Ideologien in seinen unterhaltsamen Kriminalroman und bricht in einer kleinen Nebenhandlung eine Lanze für die Wiedereingliederung von Straftätern. Es geht im Kern der Geschichte um den titelgebenden „Connaisseur“, einen schon sehr alten, superreichen Kunstexperten, der in der Résistance gekämpft hat und damals von einem Vichy-Milizionär schwer verwundet wurde, so dass er im Rollstuhl sitzt. Der Milizionär hat Nachkommen mit zwei Frauen hinterlassen. Die „Cousins“ werden noch eine Rolle in dem Fall spielen.


Der eigentliche Kriminalfall beginnt unvermittelt mit dem Tod der jungen amerikanischen Kunststudentin Claudia, die von ihrer Betreuerin im Louvre an den Kunstsachverständigen de Bourdeille vermittelt worden war. Der bewohnt ein Herrenhaus in der schönen Gegend am Zusammenfluss von Dordogne und Vézère. Claudias Leiche wurde auf dem 30 Meter tiefen Grund eines Brunnens gefunden.  War sie bei dem Versuch, ein Kätzchen zu retten hineingestürzt, hat sie etwa selbst ihrem Leben ein Ende setzen wollen? Als sich der einflussreiche Vater von Claudia aus den USA einschaltet, der auch mit dem amerikanischen Botschafter in Paris befreundet ist, als unverantwortliche Presseberichte über den Tod der bei allen beliebten Studentin erscheinen und eine britische Kanzlei von Privatdetektiven von ihrem Vater eingeschaltet wird, behält allein Bruno einen kühlen Kopf.

 

Er führt weiterhin Ermittlungen wegen Mordes, als viele schon von einem Unglück ausgehen. Er stellt Verdächtigen intelligente Fallen und geht weit in die Geschichte zurück. Dank seiner Hartnäckigkeit klärt er den Fall auf spektakuläre Weise, erledigt en passant noch den Verdacht, dass de Bourdeille sein riesiges Vermögen mit gefälschten Provenienz-Dokumenten prominenter Kunstwerke erworben hatte, tafelt unter Beweis seiner legendären Kochkünste für zehn Gäste auf und organisiert noch ein wunderbares Konzert im Schloss-Anwesen des Geschehens. Es hatte einmal Josephine Baker gehört, die aus Protest gegen die Rassendiskriminierung in den USA nach Paris gezogen war und die französische Staatsangehörigkeit angenommen hatte. Von diesem Schloss aus unterstützte sie die Résistance. Ihr zu Ehren sang die mit Bruno befreundete, begnadete Amélie alte Songs der Baker in einem prominent besuchten Schlosskonzert, an dem der amerikanische Botschafter und auch die Mutter der zu Tode gekommenen Claudia im Publikum teilnahmen. Das Buch „Connaisseur“ von Martin Walker trägt die Widmung: „Zum Gedanken an Josephine Baker, ‚Die schwarze Perle‘ und Résistance-Heldin.“

 

Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und war 25 Jahre lang bei der britischen Tageszeitung ›The Guardian‹. Er ist im Vorstand eines Think-Tanks für Topmanager in Washington. Seine ›Bruno‹-Romane erscheinen in 18 Sprachen.


Harald Loch
 
Martin Walker: Connaisseur. Der zwölfte Fall für Bruno, Chef de Police
Aus dem Englischen von Wolfgang Windgassen
Diogenes, Zürich 2020   437 Seiten   22 Euro

 

Simenon jetzt bei Hoffmann und Campe

 
Der Roman „Der Präsident“ von Georges Simenon spielt in der Vierten Republik Frankreichs. Die Regierungen hatten sich im Quartalsrhythmus abgelöst. Alle paar Jahre wertete der Franc ab. Ein alter Haudegen dieser Vierten Republik war unzählige Male Minister in unterschiedlichen Regierungen gewesen, mehr als ein halbes Dutzend Mal selbst Ministerpräsident. Jetzt sitzt er, beschützt und behütet, zweiundachtzigjährig auf seinem Altenteil an der Küste der Normandie. Georges Simenon stellt ihn in die Mitte seines politischsten Romans. Die untadelige Person, die ihre staatsmännische Erscheinung in jüngeren Jahren von einer Adligen anerzogen bekommen hatte, gewinnt unter der Feder des aus Lüttich stammenden Großmeisters eine Statur, die ohne Eleganz oder kulturelle Vorlieben Haltung ausstrahlt. Er beweist sie nicht nur im Umgang mit den ihn umgebenden Personal – auch den Nebenfiguren verleiht Simenon mit wenigen Strichen Kontur – sondern auch sich selbst gegenüber. 


Aus seinen diversen Amtszeiten hat der Präsident etliche, seine Weggefährten kompromittierende Schriftstücke aufgehoben und an geheimen Plätzen in seiner Bibliothek versteckt. Besonders wichtig ist ihm das Geständnis seines früheren Assistenten Chalamont, der das Insiderwissen vor einer bevorstehenden Währungsabwertung seinem Schwiegervater, dem Inhaber einer Privatbank, verraten hatte. Jetzt ist er in einer der vielen Regierungskrisen auf dem Sprung, neuer Ministerpräsident zu werden. Der dessen Schuldeingeständnis wie seinen Augapfel hütende alte Ex-Präsident auf dem Lande könnte das verhindern. Darum geht der spannende Teil des Romans. Der menschliche geht um das Alter, in dem noch der ehemalige Jagdinstinkt des Präsidenten mit weiser Zurückhaltung ringt. Am Ende wird dem Präsidenten die Entscheidung abgenommen.


Großartig wird der Roman weder durch die gekonnt inszenierte Spannung noch durch die erstaunlich authentische Beschreibung des Alters, sondern durch seine literarischen Qualitäten. In blitzenden, kurzen Dialogen beweist der Präsident eine entwaffnende Schlagfertigkeit. Damals, als er Chalamont nach einer der Staatsraison geschuldeten Übergangzeit aus seinem Dienst entließ, fügte er noch hinzu: „Ich hätte es beinahe vergessen … In Zukunft brauchen Sie mich nicht mehr zu grüßen … Gehen Sie!“ Das zeigt Haltung des Protagonisten und das Können des Autors für die großen Momente seiner Erzählung. In den knappen Strichen, mit denen Simenon noch die Geringste unter den Hausangestellten, die blutjunge Marie, zu einer menschlichen Persönlichkeit modelliert – das sind die Kunststücke, mit den Simenon nicht etwa nur in seinen Maigret-Romanen brillierte, sondern eben auch in denen, die nicht ins Krimi-Genre gehören.

 


Harald Loch


Georges Simenon: Der Präsident
Aus dem Französischen von Renate Nickel
Mit einem Nachwort von Harriet Köhler
Hoffmann und Campe (Atlantik), Hamburg 2020   203 Seiten   12 Euro

 

Tschernobyl - Anatomie einer Katastrophe

In seinem Tschernobyl-Thriller deckt Adam Higginbotham auf, was wirklich geschah. Mit großer Erzählkunst und basierend auf intensiver Recherche zeichnet er nach, wie am frühen Morgen des 26. April 1986 der Reaktor 4 des Kernkraftwerks in Tschernobyl explodierte und die schlimmste Atomkatastrophe der Geschichte auslöste.
Seither gehört Tschernobyl zu den kollektiven Albträumen der Welt: eine gefährliche Technologie, die aus den Rudern läuft, die ökologische Zerbrechlichkeit und ein ebenso verlogener wie unachtsamer Staat, der nicht nur seine eigenen Bürger, sondern die gesamte Menschheit gefährdet.


Wie und warum es zu der Katastrophe kam, war lange unklar. Adam Higginbotham hat zahllose Interviews mit Augenzeugen geführt, Archive durchforstet, bislang nicht veröffentlichte Briefe und Dokumente gesichtet. So bringt er Licht in die Geschichte, die bislang im Sumpf von Propaganda, Geheimhaltung und Fehlinformationen verborgen lag. (S.Fischer)

 

Die atomare Reaktorkatastrophe TSCHERNOBYL markiert den langsamen Anfang vom Ende des Atomzeitalters, auch wenn es noch der Explosionen in Fukushima bedurfte, um die Schließung der Kernkraftwerke in Deutschland endgültig zu beschleunigen und den Beginn des Zeitalters regenerativer Energien zu markieren. Zugleich bedeutete der GAU das Ende der Sowjetunion, der UdSSR, wie selbst Gorbatschow einräumt. 

 

34 Jahre nach der Reaktor katastrophe legt der Autor Adam Higginbotham eine spannende Reportage über das Tschernobyl-Unglück bei S.Fischer vor (Adam Higginbotham Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten), die wegen ihrer Tiefe, ihrer Präzision und schlüssigen Beweiskraft sehr überzeugend ist. 

 

Seit zehn Jahren arbeitet der Journalist akribisch an dieser einzigartigen Dokumentation, die mit vielen Einzelheiten überrascht. Sie thematisiert jedoch kaum die medizinischen Langfristfolgen, beschränkt sich auf die Schilderung der Atomindustrie und deren Aufbau, schildert den Ablauf der Reaktorexplosion detailgenau, die Evakuierungen, die Diskussion in den Politebenen, den Aufbau des Sarkophags, die Absperrung der Zone, den Prozess gegen die Hauptverantwortlichen. 


Blenden wir also in jene Zeiten zurück und zugleich in die umfangreichen Kapitel des 614 Seiten langen Buches, das auch eine kaum noch übliche ausführliche Rezension erfordert. 


In Russland war die so genannte „vorbetriebliche Instandsetzung“ gang und gäbe, eine Art Doppelarbeit, weil die handwerkliche Qualität sowjetischer Produkte auf allen Ebenen, seien es nun Transformatoren, Turbinen oder Schalteinheiten, derart miserabel war, dass die Materialien schon vor ihrem Einsatz instand gesetzt werden mussten, bevor sie überhaupt im Handel waren oder eingesetzt wurden. 
“Kleptokratische Pfuscherei“, „Vetternwirtschaft“, „verdrießliche Inneffizienz“, „ruinöse Verschwendung“ nennt das der Autor, und er macht als den Hauptschuldigen die Kommunistische Partei aus. 
Wer aber in dieser Partei war, hatte seine Vorteile, zum Beispiel beim Einkauf in speziellen Geschäften, beim Erwerb ausländischer Zeitungen, in der medizinischen Versorgung, aber eben auch auf der Karriereleiter. 
Auch Wiktor Brjuchanow, der Direktor des Atomkraftwerks, war Parteisoldat wie viele Angestellte, sie waren dem Vorgesetzten gegenüber verantwortlich und dem lokalen Partei-Komitee. 


Die Versorgungskrisen wurden in der gesamten UdSSR zu jener Zeit chronisch, in der Atomstadt Pripjat genossen die „Genossen“ jedoch ihre willkommenen Vorteile. Es gab üppig Schweine- und Kalbfleisch, frische Tomaten und Gurken, sogar duftiges französisches Parfum in der muffigen Sowjetunion. Kino, Musikschule, Schönheitssalon und Yachtclub machten den Aufenthalt in Pripjat angenehm.  


Der Planungsirrsinn im Planungstaat UdSSR hatte Folgen. Zum Beispiel war das Dach der Turbinenhalle mit leicht entzündlichem Bitumen gedeckt. Das war aus feuerpolizeilicher Sicht an sich schlimm genug, doch viel schlimmer war es, dass wichtige Tests vor der Fertigstellung des Atomkraftwerks unterblieben. Die Partei hatte einen Fertigstellungs-Termin festgesetzt. Er musste, komme was wolle, eingehalten werden: Der Turbinentest unterblieb. 


Die UdSSR wollte ein dichtes Netzwerk von Atomkraft-Komplexen errichten, die mit bis zu einem Dutzend Reaktoren ausgestattet sein sollten, um damit international zu glänzen. 


Hinter den Fassaden sah es anders aus. Nikolai Fomin, Parteisekretär und Apparatschik, stellvertretender Direktor des Kraftwerks und Chefingenieur, war beispielsweise ohne jede Erfahrung im Bereich der Kernenergie, machte fleißig Fernlehrkurse, um sich Kenntnisse in der Atomphysik anzueignen. 


Seit 1957 war die UdSSR verpflichtet, jeden einzelnen Atomunfall genauestens zu melden, der innerhalb ihrer Grenzen passierte. Die gewaltige atomare Explosion am 29. September 1957 in Tscheljabinks-40 blieb zum Beispiel dennoch unter der kommunistischen Decke jahrzehntelang verborgen. 


Reaktor-Steuerungstechniker Leonid Toptunow war beim Aufstieg vom Praktikanten zum Atomingenieur aufgefallen, dass die Steuerstäbe des Reaktors unter gewissen Umständen die Reaktivität des RBMK-Reaktors beschleunigen konnten, statt sie abzubremsen. Ein verheerendes technisches Detail als Ursache für die Katastrophe. 


Der RBMK-Reaktor (ein graphitmoderierter, wassergekühlter Siedewasser-Druckröhren-Reaktor) war der Triumph sowjetischer Gigantomanie. Es ging um Wirtschaftlichkeit durch Massenproduktion. Dieser Typ Reaktor war 20mal größer als westliche Reaktoren, er brachte 3.200 Megawatt Wärmeenergie zustande und lieferte 1.000 Megawatt Strom. Hunderte Graphitblöcke waren aufeinandergestapelt, um große Leistung zu bringen.


Das Containment, die sichere Ummantelung des Reaktors hätte jedoch die Kosten verdoppelt. Sie unterblieb. 


Ein Leck in den Druckröhren hätte verheerende Folgen haben können, wenn die Kernschmelze ausgelöst worden wäre.  Es ging um den Kühlprozess, denn wenn beim RBMK-Typ Kühlmittelverlust einträte, könnte es zu unkontrollierbaren Kettenreaktionen kommen. 
Wissenschaftler hatten genau davor gewarnt, als die Strukturpläne des Reaktors in der Planungsphase auf dem Tisch lagen. 


Schon 1975 war der Leningrader RBMK-Block durch eine teilweise Kernschmelze an 32 Brennelementen zerstört oder beschädigt worden. Radioaktivität trat in den Finnischen Meerbusen aus. Der Unfall wurde vertuscht wie so viele vor Tschernobyl. 


Zudem waren die Ventile und Strömungs-Messgeräte überfordert, die die unerlässliche Wasserzufuhr regeln sollten, sie sollten die 1.600 urangefüllten Kanäle regulieren. 


Die Kontrollingenieure waren ebenso geistig wie körperlich im Kontrollzentrum sehr stark beansprucht, irgendwie ständig überlastet, weil in jeder Minute dutzende einzelne Justierungen vorgenommen werden mussten - so stark, dass die Schalter für die Steuerstäbe ständig ausgetauscht werden mussten, weil die Druckknöpfchen zu stark beansprucht waren. 


Schon 1982 war es zu einer partiellen Kernschmelze mit Radioaktivität gekommen, auch dieser Tschernobyl-Unfall wurde vertuscht wie einige andere im gesamten Bereich der Sowjetunion. 


Die Steuerstäbe waren mit Borcarbid, einem Neutronengift ausgestattet, das langsam Neutronen verschlingt, um die Kettenreaktion einzudämmen. 


An den Spitzen der Steuerstäbe waren jedoch kleine Graphitspitzen als Neutronenmoderator angebracht, um die Kernspaltung zu erleichtern. Wurden nun die Steuerstäbe in den Kern eingebracht, verdrängte der Graphit das Neutronen absorbierende Wasser und die Reaktivität des Kerns nahm kurzzeitig zu. Die „Bremse“ des Reaktors war zum „Gaspedal“ geworden, wie oben schon angedeutet. 


Beim Test am Tag der Katastrophe sollte versucht werden, wie das Sicherheitssystem bei einem Stromausfall funktionieren würde, nämlich wann die Notstromdieselaggregate einsetzen und ob die Kühlmittelpumpen lange genug Wasser zuführen würden. 


Auf mehreren Seiten schildert der Autor die Befehlsketten und Befehlsstrukturen, die gegenseitigen widersprüchlichen Wortwechsel, die dann dazu führen, dass die 80 Kilogramm schweren Verschlusswürfel auf den Brennelementen zum Hüpfen kommen, Spielzeugboote gleichend, auf sturmgepeitschter See. 

 

Der Wasserkreislauf im Reaktor kommt plötzlich zum Stillstand, die Pumpen schließen, das Wasser verdampft sofort, die Wärmeleistung steigt auf 12 Milliarden Watt. Die Temperatur steigt auf 4.650 Grad Celcius, nicht ganz so heiß wie die Oberfläche auf der Sonne. 

1:24 Uhr: Das Wasserstoff-Sauerstoffgemisch explodiert, die katastrophale Explosion entspricht 60 Tonnen TNT, die 100 Röhren der Dampf- und Wasserkreisläufe fliegen in die Luft, der Brückenlaufkran wird aus der Verankerung gerissen, fast sieben Tonnen Uran-Brennstoff mit dem Reaktorkern werden komplett zerstört. Das Dach der Reaktorhalle fliegt in die Luft, die rechte Wand des Reaktorgebäudes ist völlig eingestürzt. 

 

Der Chef des Atomkraftwerks Wiktor Brjuchanow denkt: „Ich wandere ins Gefängnis“. Er wird Recht behalten. 


„Reaktor Vier war verschwunden. An seiner Stelle befand sich ein brodelnder Vulkan aus Uran-Brennstoff und Graphit – ein radioaktiver Brand, den zu löschen sich als nahezu unmöglich erweisen würde.“
Neben der werkseigenen Kantine wurden 2.080 Röntgen pro Stunde gemessen. Der Reaktor hatte 2.500 Tonnen Graphitblöcke enthalten, die in Brand geraten waren. Es herrschte bereits eine Temperatur von 1.000 Grad Celsius. Eine apokalyptische Situation – unbeherrschbar. 
Erst eineinhalb Tage nach der Explosion werden die Bewohner von Pripjat evakuiert. Im Herzen der radioaktiven Wolke pulsierten etwa 20 Millionen Curie Radioaktivität. 


Im südfinnischen Kajaani war es ein Soldat der finnischen Streitkräfte, der an seiner Messwarte eine unnatürlich hohe Hintergrundstrahlung feststellte, sie nach Helsinki weitermeldete, dort wurde jedoch nichts weiter veranlasst. 


In Moskau fragt Gorbatschow. „Was ist passiert?“ Es dauert, bis er eine schlüssige Antwort bekommt, denn am Ort des Geschehens sind alle hoffnungslos überfordert. 


Drei Tage, nachdem sich eine giftige Wolle über dem Reaktor von Tschernobyl in den Norden und Westen verabschiedet hatte, meldete TASS sehr dürftig:
„Im Kernkraftwerk Tschernobyl hat sich eine Havarie ereignet. Dabei wurde einer der Reaktoren beschädigt.“ 


Die Piloten, die dann mit ihren Hubschraubern über dem Reaktor kreisten, um dort Sandsäcke und Bor abzuwerfen. Saßen in ihren Pilotensitzen, wo sonst Fallschirme ruhten, auf Bleikugeln. Ihr Motto war: „Willst Du noch Vater werden, dann bette Deine Eier in Blei.“
Es ging beim Hubschraubereinsatz darum, eine Kernschmelze zu verhindern, die den Grundwasserspiegel erreichen könnte. 
Eine Einheit von chemischen Truppen klaubten die herumliegenden Graphitblöcke mit bloßen Händen auf, sie wurden hoffnungslos verstrahlt. Die Soldaten im Einsatz hatten über die olivgrünen Uniformen drei Millimeter dicke, weiche Bleiblechplatten gestülpt, sie trugen außerdem schwere Atemschutzmasken und Schutzbrillen. 


Für die Aufräumarbeiten bekamen sie 3.000 Rubel und eine Kiste Wodka, und sie durften sich sofort ausmustern lassen. Die Dosimeter warfen sie weg aus Angst davor, welche Messwerte sie ihnen anzeigen könnten. 
Der ehemalige Kriegsfotograf Igor Kostin kreiste mit einem Hubschrauber über das Katstrophengelände und hielt das Szenario in einem Film fest, die Strahlung war so intensiv, dass sie die Filmstreifen beschädigte.  


Hunderttausende von Reservisten der Armee waren im Einsatz. „Liquidation“ der Katastrophe lautete ihr militärischer Auftrag, ein verschönender verharmlosender Begriff, denn die Radionuklide, so der Autor, konnten weder zerlegt noch zerstört, nur verlagert, vergraben oder „bestattet“ werden. 


Die erste Evakuierungsphase betraf 363.000 Kinder, stillende Mütter und Schwangere, ein Exodus von etwa einer halben Million Menschen. 
Higinbotham schildert die internen Diskussionsprozesse im Politbüro, die Befehlsabläufe, die Evakuierungsphasen, die hilflosen Versuche, mit den Folgen der Reaktorkatastrophe klarzukommen, sehr ausführlich. Die Dialoge, die Meinungen, die Fehleinschätzungen, das Politgewäsch, die technischen Einzelheiten und Fehlkonstruktionen beschreibt der Autor in einer solchen faszinierenden Genauigkeit, so dass er das gesamte Schreckens-Szenario noch einmal für den Leser aktuell und sehr bedrückend werden lässt. 


Darin liegt die große Stärke dieses Buches, die Genauigkeit der Schilderung, eine grandiose Reportage, in packender Sprache.
Die genauen Dialoge - etwa aus der Steuerungszentrale des Reaktors während des Kontrollexperiments, die Gespräche aus dem Politbüro mit Gorbatschow oder das Frage- und Antwortspiel aus der Gerichtsverhandlung - sind spannend und haben Thriller-Qualitäten. 
Die Beschäftigten im Reaktor, sowohl die Verwaltung wie die Belegschaft, die in der Steuerzentrale Schicht hatte, wurden vor Gericht zu Freiheitsstrafen und Strafkolonie zwischen zwei und zehn Jahren Haft schuldig gesprochen. 

 
Erst viel später wurde deutlich und auch nachgewiesen und zugegeben, dass der RBMK-Reaktor strukturelle Mängel hatte. Es wurde auch nach und nach deutlich, dass nicht nur die Handvoll Operatoren in der Steuerzentrale des Reaktors Schuld hatten sondern auch das sowjetische Gesellschaftssystem und seine Irrtümer, Fehlplanungen, falschen Glaubenssätze. 


„Wir brauchen die absolute und ungeschminkte Wahrheit“, schrieb Sacharow. Ganz kam sie nie ans Licht. 


Der Sarkophag wurde mit 5,5 Milliarden Dollar beziffert, die der Kosten der Katastrophe insgesamt auf 128 Milliarden Dollar, so viel wie das gesamte Verteidigungsbudget der UdSSR für 1989. 
Das Buch ist bebildert, bietet ein Glossar, die Fachbegriffe aus der Atomphysik, die Maßeinheiten zur Radioaktivität werden erklärt. Im Epilog wird festgehalten, was aus den handelnden Personen geworden ist. Der Anmerkungsapparat ist umfangreich, der Dank des Autors an seine Quellen ergänzt die Hintergründe zur Recherche. 


Eingangs des Buches geben Karten der UdSSR, von Weißrussland, der Ukraine, von Pripjat und dem Atomzentrum, sowie der Kernkraftwerksanlage einen guten Überblick. 
Ergänzt werden sie durch die technischen Zeichnungen, einem Strukturplan des Tschernobyl Block-Vier-Reaktors mit graphitmoderiertem Reaktorkern. 


Die beteiligten Personen und ihre Funktionen sind ebenso genauestens aufgeführt.

 

Wer aus Katastrophen lernen will, muss zu diesem Buch greifen.


Adam Higginbotham Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten S.Fischer

 

Adam Higginbotham schreibt für »The New Yorker«, »The New York Times Magazine«, »Wired«, »GQ«, und »Smithsonian«. Zuvor war er US-Korrespondent für »The Sunday Telegraph Magazine« sowie Chefredakteur von »The Face«. Er lebt mit seiner Familie in New York City.


Wer sich über die Folgen der Reaktorkatastrophe informieren möchte, dem darf ich ausnahmsweise ein eigenes Buch empfehlen: 


Verstrahlt, vergiftet, vergessen Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren. Ein journalistischer Report von Frank Franke, Norbert Schreiber, Peter Vinzens INSEL VERLAG Das Buch ist nur noch im antiquarischen Handel erhältlich

Auferstehung einer Weltmacht

Russland will wieder Global Player werden. Das militärische Vorgehen in Syrien an der Seite von Diktator Assad und die Unterstützung des aufständischen Generals Haftar in Libyen haben dies der Welt vor Augen geführt. Was zunächst im nahen Umfeld stattfand - von Georgien über die Krim bis zur Ostukraine -, geschieht inzwischen auch in Afrika und Lateinamerika. Russland rüstet seine Verbündeten auf, exportiert Waffen und schickt (angeblich nichtstaatliche) Militärverbände in den Einsatz. Präsident Putin will sein Land zu alter Weltmachtstärke zurückführen.

Manfred Quiring, der mehr als zwei Jahrzehnte als Korrespondent in Moskau gearbeitet hat und die Machtverhältnisse im Land so gut wie kaum ein anderer kennt, zeichnet diese Entwicklung minutiös nach, benennt die Verantwortlichen, schildert ihre Methoden, zeigt die Gefährdungen der internationalen Politik und die Grenzen des Moskauer Einflusses auf. (CH.LINKS)

 

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Dürfen auch Professoren morden?                  Ein Klinik-Krimi

Man bekommt alles zurück im Leben. Aber gilt das nur für die bösen Taten? Oder auch für die guten? Und lassen sich beide gegeneinander verrechnen? Vor 25 Jahren hat Peter Zielke zwei Menschen getötet, seitdem als Arzt aber Dutzende Leben gerettet. (Nagel& Kimche)


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GLASFLÜGEL - ein neuer Kopenhagen-Krimi

 

Jeppe Kørner ermittelt in einem spektakulären Mordfall, der ganz Kopenhagen beschäftigt: Im ältesten Brunnen der Stadt, inmitten der Fußgängerzone, wurde eine Leiche gefunden. Auf die Hilfe seiner Kollegin Anette Werner kann er diesmal nicht zählen, denn die muss sich statt um den Mordfall um ihr Baby kümmern. Bald schon stößt Kørner auf eine düstere Einrichtung für hilfsbedürftige Jugendliche und auf Leute, die ihre eigene Vorstellung von Fürsorge haben. (DIOGENES)

 

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Ist die Außenpolitik ratlos?

Die deutsche Außenpolitik, jahrzehntelang erfolgsverwöhnt, verlangt nach neuer Orientierung. Denn zahlreiche außenpolitische Krisen gefährden die Stabilität Deutschlands in Politik und Gesellschaft. Das Hauptproblem ist der geringe Rückhalt für außenpolitische Entscheidungen in der Bevölkerung und damit ein Mangel an Legitimation. Zudem stehen die deutschen auswärtigen Beziehungen unter dramatisch gewandelten Einflüssen: neue Technologien, neue starke und autoritäre Player auf internationalem Parkett sowie neue Öffentlichkeiten in unserer Gesellschaft. 


Emotionalisierte Öffentlichkeiten treiben die Politik heute massiv vor sich her: zum Beispiel die globalisierungskritische Attac-Bewegung oder Pegida. Hier fordern Bürger mehr Teilhabe an der Politik. Eine Lösung sieht Volker Stanzel in der Öffnung des Staats für die Mitverantwortung von Bürgerinnen und Bürgern – auch in der Europäischen Union. Die Politik muss über die traditionellen Mittel staatlichen Handelns hinausgehen, die neuen Öffentlichkeiten ansprechen und so eine größere Legitimation für außenpolitisches Handeln erreichen. (Dietz) 

 

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Goethe, Schiller, Hölderlin und Co -                die Klassiker im Hier und Heute

Goethe und Schiller, Hölderlin und Nietzsche: Wie steht es um die Klassiker? Wie bewähren sie sich in einer Zeit, die einstige Gewissheiten unserer Kultur radikal in Frage stellt? Welche Rolle spielen sie noch auf dem Theater, für die private Lektüre? (Hanser)

 

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Aller Anfang ist schwer

Der erste Satz ist bekanntlich der schwierigste - und der wichtigste. Er muss den Leser verführen und verrät meist mehr, als wir bei der ersten Lektüre wahrnehmen. Manchmal enthält er im Kern schon die ganze folgende Geschichte. Peter-André Alts lustvoller Streifzug durch die Weltliteratur führt an großen Texten von der Antike bis zur Gegenwart vor, wie deren Anfänge jenen Pakt mit dem Leser schließen, der die erste Neugier in andauernde Leselust verwandelt. (C.H.Beck) 

 

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Hitlers Leben, Denken und Handeln

Die wichtigsten Dinge, die wir über Adolf Hitler zu wissen glauben, sind falsch, das zeigt Brendan Simms in dieser umfassend recherchierten und thesenstark argumentierten Biographie. So kreiste Hitlers Denken nicht etwa, wie allgemein angenommen, um den »Bolschewismus«, sein wichtigster Bezugspunkt war vielmehr »Anglo-Amerika«, so Simms. Die Vereinigten Staaten und das Britische Empire galten Hitler als Vorbilder für ein deutsches Weltreich, das sich ebenfalls auf Landgewinn, Rassismus und Gewalt gründen sollte. Der renommierte Historiker zeichnet in seinem Buch nicht nur ein völlig neues Bild von Hitlers Weltanschauung, er zeigt zugleich, warum diese zwangsläufig zu einem Krieg globalen Ausmaßes führen musste: Um zu überleben, musste das deutsche Volk eine mindestens ebenso starke Machtposition erringen wie »Anglo-Amerika«. Und für kurze Zeit schien es sogar möglich, dass Hitler die Herrschaft über die gesamte Welt erringen würde. (DVA)

 

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Beipackzettel gegen HATE-Speech

Man muss sich wirklich nicht alles sagen lassen! Mit seinem neuen Buch macht Bestsellerautor Hasnain Kazim hat Lust darauf, sich mal wieder richtig zu fetzen. Viele begeisterte Leser von »Post von Karlheinz« wissen, wie unterhaltsam und gewinnbringend die heftigen Auseinandersetzungen sein können, die Kazim ständig führt, nun gibt er auf vielfachen Wunsch konkrete Tipps fürs richtige Streiten. Dabei darf es gerne laut, hart und lustig zugehen: Hauptsache, man hat die richtigen Argumente parat, um dumpfem Hass und platten Parolen Einhalt zu gebieten. Eine dringend benötigte Anleitung für all die Diskussionen, denen wir sonst lieber aus dem Weg gehen – und unterhaltsam noch dazu. (PENGUIN)

 

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Angriff auf die Demokratie

 

Sie lächeln freundlich auf Instagram-Fotos oder kochen auf ihrem YouTube-Kanal. Immer mehr extreme Rechte geben sich auf den ersten Blick harmlos. Doch sie nutzen das Netz als Radikalisierungsplattform. Die Folgen in der analogen Welt sind drastisch: vom Mord an Walter Lübcke bis zum Christchurch-Terroranschlag in Neuseeland. Patrick Stegemann und Sören Musyal recherchieren im rechten Netzmillieu, bewegen sich undercover in digitalen Untergrundnetzwerken, wo rechtsextreme Inhalte verbreitet, Reichweiten organisiert und Rechtsterroristen bejubelt werden. (ECON)

 

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Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen

„Ein Freund, ein guter Freund“, „Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder“, „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühn“: Robert Gilberts Verse kennt man bis heute. Er war einer der begehrtesten Liedtexter der Weimarer Republik, schrieb für Bühne, Tonfilm und Kabarett. Die Comedian Harmonists, Heinz Rühmann, Marlene Dietrich und viele andere interpretierten seine Werke. Während des Nationalsozialismus emigriert, wurde er später der gefragteste Musicalübersetzer im deutschsprachigen Raum.


Christian Walther schildert den Lebensweg eines jüdischen Künstlers und Intellektuellen, der lange dem Kommunismus nahestand. Zugleich nimmt er uns mit auf eine Zeitreise vom glamourösen Berlin der 1920er Jahre über das Exil in Wien, Paris und New York bis zurück in die Unterhaltungswelt des geteilten Deutschlands. Mit einem Vorwort von Max Raabe. (CH Links Verlag)

 

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Neues Enthüllungsbuch:                                  Trump gegen die Demokratie

2020 ist das Schicksalsjahr der USA. Im November wird der Präsident gewählt, und die Lage spitzt sich dramatisch zu: Wird Trump es noch einmal schaffen? Und was würde das bedeuten? Dieses Buch gibt die Antwort.

 

Im Gewitter der täglichen Tweets und »News« treten die beiden Pulitzer-Preisträger von der »Washington Post« einen Schritt zurück, um die Amtszeit Trumps Schritt für Schritt zu rekonstruieren. Sie nutzen eine Fülle von neuen Details und Erkenntnissen, die sie aus Hunderten Stunden Interview-Material mit mehr als 200 Verwaltungsbeamten, Trump-Vertrauten und anderen Augenzeugen gewonnen haben, um entscheidende Muster hinter dem täglichen Chaos in der Regierung aufzudecken. Exzellent recherchiert und meisterhaft erzählt, lassen sie ein Bild von Trump entstehen, das uns besorgt stimmen sollte: Seine Versuche, das amerikanische System und die Demokratie zu unterlaufen, sind erfolgreicher als gedacht. In diesem Jahr geht es wirklich um alles. (Fischer)

 

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Der alltägliche Rassismus in Deutschland

Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen? „Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Wo kommst du her?“ Wer solche Fragen stellt, meint es meist nicht böse. Aber dennoch: Sie sind rassistisch. Warum sie das sind, das wollen weiße Menschen oft nicht hören. Alice Hasters erklärt es in ihrem Buch trotzdem. Eindringlich und geduldig beschreibt sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.  (hanserblau)

 

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Die Brexit-Kakerlake

Jim Sams hat eine Verwandlung durchgemacht. In seinem früheren Leben wurde er entweder ignoriert oder gehasst, doch jetzt ist er auf einmal der mächtigste Mann Großbritanniens – und seine Mission ist es, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und erst recht nicht von den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die kopfsteht. (DIOGENES)

 

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Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

Abenteuer suchen viele in der Ferne, Karl-Markus Gauß findet sie in nächster Nähe: im Reich der Gegenstände. Er begibt sich auf eine Reise, für die er sein Zimmer nicht zu verlassen braucht, mit der er uns aber durch verschiedene Zeiten und viele Länder führt. Es sind stets die Dinge des Alltags, die er preist und in denen er die Vielfalt und den Reichtum der Welt entdeckt. Dadurch erfahren wir von tapferen und merkwürdigen Menschen, von entlegenen Regionen, unbekannten Nationalitäten und nicht zuletzt von den Vorlieben des Verfassers selbst. Karl-Markus Gauß, der Kartograph der Ränder von Europa, führt uns auf eine charmante, unterhaltsam lehrreiche Expedition in das unbekannte Gelände des Privaten. (Zsolnay)

 

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Ein pralles Geschichtspanorama                      St. Petersburg und die Deutschen

Es ist die erschütternde Saga einer untergegangenen Welt: Einst war Sankt Petersburg eine schillernde Metropole und fünftgrößte Stadt der Welt, die von Deutschen geprägt wurde: Deutsche Monarchen, Unternehmer und Künstler hatten der Stadt an der Newa ihr grandioses Gesicht gegeben. Mit der Revolution 1917 und Stalins Herrschaft ging diese Blütezeit dramatisch zu Ende. 

Der langjährige SPIEGEL-Korrespondent und Russlandkenner Christian Neef erzählt diese Tragödie am Beispiel von Lebensgeschichten, unter anderem des Trompeters Oskar Böhme, der von Stalins Geheimpolizei erschossen wurde, der Apothekerdynastie Poehl und der Familie des Schauspielers Armin Müller-Stahl. Auf der Grundlage von bisher unbekannten Dokumenten verschränkt er auf kunstvolle Weise menschliches Schicksal mit den Stürmen der Weltgeschichte. (Siedler)

 

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Beethoven-Jahr

Christine Eichel erzählt die fesselnde Geschichte eines Nonkonformisten. Wer war der Mann, der sich mit seinem wichtigsten Mäzen prügelte und seine Köchin schon mal mit faulen Eiern bewarf? Welcher Zusammenhang besteht zwischen seiner leidvollen Kindheit und seiner neuartig emotionalen Musik? Welchen Einfluss hatte seine fortschrittliche politische Haltung auf sein Werk? Warum blieben ihm glückliche Beziehungen verwehrt? Anhand sechs ikonischer Werke und vieler weiterer Kompositionen zeichnet Eichel das Portrait eines Mannes, der kein musikalischer Dienstleister mehr sein will und sich eine Existenz als unabhängiger Künstler ertrotzt. Ebenso kenntnisreich wie mitreißend schildert Eichel Beethovens geistigen Kosmos, berichtet von delikaten Liebeskomplikationen und bizarren Launen, schreibt über notorische Geldnöte und den eruptiven Humor des Komponisten. Jenseits gängiger Mythen wird der Mensch Beethoven auf neue, spannende Weise erfahrbar. 


Zielgruppe: Beethoven-Begeisterte, Mozart-Fans, Klavierlehrer- und schüler, Musikwissenschaftler, Eltern, Geigen- und Flötenkinder, Arte- und 3sat-Redakteure, Feuilletonisten der deutschen Presse

 

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Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen weit gefassten, fundierten, genauen Überblick über die Literatur in Prag, Böhmen und Mähren. Alte Grenzziehungen literaturwissenschaftlicher oder politischer oder historischer Art werden vermieden. Das Buch bietet eine Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.

 

 

Es hat wirklich gefehlt: das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, das im J. B. Metzler Verlag bereits 2017 erschienen ist, aber als Standardwerk und großartiges Quellenbuch aus Anlass der Leipziger Buchmesse zum Themenschwerpunkt Tschechien ausführlich in einer Reihen-Besprechung der Hauptkapitel hier auf www.facesofbooks.de erneut gewürdigt werden soll.

Das 445-Seiten-Buch ist ein umfassendes Werk mit einer sehr in die Breite und in die Tiefe gehenden Genauigkeit, die den Bestseller-Leser vermutlich etwas überfordert und eher für germanistisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dennoch ist es lesbar und in knappen Kapiteln gehalten.

Es befasst sich mit einer „Hybrid-Literatur“. Damit meine ich, dass sowohl die beiden Sprachen der Literaten Deutsch und Tschechisch einerseits eine Rolle spielen. Hinzukommen andererseits die geographischen Besonderheiten in Grenzregionen. Und die Ländergrenzen in Böhmen und Mähren waren früher anders als heute gezogen. Neue Länder wie zunächst die Tschechoslowakei und später Tschechien und die Slowakei entstanden nach dem II. Weltkrieg. Zusätzlich ist das Rezeptionsverhalten zwischen österreichischem, deutschem und tschechischem Lesepublikum unterschiedlich, so dass sich ein eigenartiges, aber besonders interessantes Mischungsverhältnis aus all diesen Grundbedingungen ergibt.

Kernzelle dieser Literatur sind die weltbekannten Prager Autoren Kafka, Rilke, Werfel, Kisch, Reinerová, aber auch die weniger bekannten Oskar Wiener und Ludwig Winder.

Eine weitere Hyprid-Frage ist: Soll man Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Franz Werfel, die in Mähren, im Böhmerwald oder in Prag geboren sind, der österreichischen Literaturtradition zurechnen, also ausgrenzen? Die Herausgeber meinen: NEIN und verfolgen einen integrativen Ansatz, wenngleich früher die Prager Literaten als „dreifach“ besonders eingestuft wurden, weil sie in Prag national, religiös und sozial im Ghetto gelebt haben.

Mit diesem Handbuch wollen die Herausgeber aber starke Grenzziehungen vermeiden, das Phänomen „Literatur Prags und der Böhmischen Länder „als Gesamtheit“ betrachten. Es gilt, die literarischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Tschechen mit zu berücksichtigen.

Das Buch will keine Geschichte der tschechischen Literatur sein. Die in Vergessenheit geratenen historischen Ereignisse, die Mehr- bzw. Zweisprachigkeit der Autoren oder sogar der Sprachwechsel, wie etwa bei Karl Klostermann, werden berücksichtigt. Auch die institutionelle Seite, etwa Literaturverbände, Verlage, Periodika, Universitätsgeschehen, werden ebenso behandelt.

Den Herausgebern ist bewusst, dass Leser in Österreich und Deutschland und auch in Tschechien unterschiedliche Rezeptionsverständnisse haben können, weil länderspezifisch andersartige Bildungsvoraussetzungen gegeben sind. Das nehmen die Autoren in Kauf und zugleich in Anspruch, darauf Rücksicht genommen zu haben.

Das fünfte und das sechste Kapitel des Handbuchs widmet sich den Themen, den Motiven und Textsorten der deutschen Literatur in Böhmischen Ländern. Das Handbuch gibt eine gute allgemeine Orientierung, lässt sich auch kapitelweise lesen bzw. durcharbeiten und gibt auch auf spezielle Fragestellungen Auskunft.

Der deutsch-böhmische Germanist Kurt Krolop hat das umfangreiche Buchprojekt mit Rat und Tat begleitet, und der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft, hat ein Schluss Essay beigetragen. Wir werden in der nächsten Zeit weitere Kapitel des Buches behandeln…

Heute:

Kapitel Einleitung und Kategorisierung

 

Im Metzler Verlag sind schon einige literaturwissenschaftliche Handbücher erschienen, nun also die „zusammenhängende Darstellung der in einer mitteleuropäischen Region entstandenen Literatur“.

Fallen Namen wie Rilke, Werfel, Brod, Kafka und andere, nähren diese Autorennamen den Eindruck, alle deutsche Literatur stamme aus Prag. Die Autoren des Handbuches sehen darin eine Unangemessenheit, die deutsche Literatur von der Literatur der Böhmischen Länder abzutrennen.

 

Den Begriff der „Prager deutschen Literatur“ möchten die Autoren abschaffen und sprechen von der Literatur Prags und der Böhmischen Länder (als Eigenname verwendet und großgeschrieben!) „Böhmische Länder“ weist auch darauf hin, dass der Begriff Böhmen allein zu unscharf ist, handelt es sich doch um drei unterschiedliche geopolitische Räume: das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien. Wobei sich die west- und nordböhmischen Gebiete zum preußisch dominierten Deutschland orientierten und Mähren zur Habsburger Metropole Wien.

 

Die unterschiedlich entwickelten Verkehrswege förderten diese Orientierungen. Die zentralistische Struktur prägte auch die kulturellen Verhältnisse: „Hier die Metropole Prag, da die provinziellen Peripherien.“

An den beiden Autoren Rilke und Härtling weisen die Autoren nach, dass ihre Werke zunächst von der Herkunft thematisch regional geprägt waren, also Anklänge an die Böhmischen Länder zu finden sind, etwa in den Prager Geschichten von Rilke, bei Musils Mann ohne Eigenschaften, bei Härtling in autobiographischen Romanen. Härtling hat von 1941 bis 1945 seine Kindheitsjahre in Olmütz und Brünn verbracht. Fazit in diesem Kapitel: „Je vielseitiger sich Lebens- und Schaffenshorizonte von Autoren aufspannen, desto größer wird ihre Teilhabe an 

unterschiedlichen Literaturen.

 

Kapitel Literaturgeschichte

 

Eine Literaturgeschichte über die deutsche Literatur der Böhmischen Länder gibt es bisher nicht. Sie müsste die regionalen Infrastrukturen berücksichtigen, die Vernetzung der deutschsprachigen Literatur mit den Nachbarländern thematisieren und vor allem die Wechselwirkungen mit der tschechischen Literatur betrachten. Dabei gibt es jetzt schon Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen, die vor allem auf der wachsenden Zusammenarbeit von Germanisten und Slawisten fußen. Doch die Zusammenschau fehlt bislang.


Das Kapitel „Literaturgeschichtsschreibung“ setzt die Anfänge mit der geschichtlichen Betrachtung der Kronländer oder der Städte. Der Bezugsrahmen war zunächst die K.-u.-k.-Mo¬n¬ar¬chie, die Zuordnung zur deutschen Kultur im Gegensatz zur tschechischen Literatur betrachtet. Später wurde zwischen deutscher, deutsch-österreichischer und deutsch-böhmischer Literaturgeschichte differenziert. 
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung Prags galt sie unter nationalsozialistischem Regime als Teil der deutschen Literatur und nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung als eine Literatur, der das Land abhandengekommen war. 


Die Nazis grenzten jüdische und antinationalsozialistisch eingestellte Autoren aus. Die ersten Literaturgeschichten der Tschechoslowakei berücksichtigten teilweise deutsche Schriftsteller. In der Auseinandersetzung um die damals strittigen Grenzfragen wies der Literaturhistoriker und Schriftsteller Josef Mühlberger darauf hin, angesichts des „Grenzlandkampfes“ bestehe die Gefahr, den „Blick für Größe und Weite“ zu verlieren. 


Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es lange Zeit so, dass die deutsch-böhmische und die mährische Literatur aus dem Blickwinkel der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwunden war. Erst durch das Interesse an Kafka und an den Exilautoren wurde das Interesse wieder geweckt und besonders nach der samtenen Revolution befruchtet. 
Das interessante Überblickskapitel ist letztlich ein Arbeitsauftrag, sich mit der Literaturgeschichte dieser speziellen Gattung zu widmen, erst recht deshalb, weil sich im deutsch-tschechischen Verhältnis die kulturelle Dimension mehr als entwicklungsnötig darstellt. 

 

Kapitel Interkulturalität

 

 

Klären wir zuerst die Begriffe, wie uns die Disziplinen der Wissenschaften an den Universitäten zu jedem Studienbeginn zum besseren Verständnis anraten. Insbesondere die Soziologie, die Gesellschaftswissenschaften, sind es ja, die ganz besonders dafür bekannt sind, Wort-Ungetüme zu bilden. Nehmen wir als Beispiel das Wort INTERKULTURALITÄT. 
Es geht hier um das Bewusstsein einer Gesellschaft, deren Menschen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass ihre Mitglieder die kulturelle, sprachliche oder religiöse Verschiedenheit anerkennen oder mindestens anstreben und dabei wissen, dass der Andere in einer Gesellschaft mindestens respektiert und bestens akzeptiert ist. 


Ein ganzer Wissenschaftsbereich beschäftigt sich mit dem Thema, denn die Lebensbedingungen des Individuums und ganzer Gesellschaften sind so global geworden, dass man an diesen kulturellen Vorbedingungen eigentlich nicht mehr vorbeikommt. 


So findet man, ganz praktisch gesehen, im Internet Definitionen von COACHING-Organisationen, die Manager interkulturell fit machen für die globalisierten Wirtschaftsbeziehungen. 


Glossar: Interkulturalität 


„Unter Interkulturalität versteht man das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt.

Bei dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen werden die eigene kulturelle Identität und Prägung wechselseitig erfahrbar. Interkulturalität meint dabei die Einnahme und das Denken aus der jeweilig anderen Perspektive ohne das Ziehen vorschneller Schlüsse. Das Fremde soll nicht in das eigene Selbstverständnis angegliedert, sondern erstmal nur bewusst zur Kenntnis genommen werden“. (Quelle IKUD Coaching Seminare)
https://www.ikud-seminare.de/


Diese theoretischen Konzepte übertragen die Autoren Dieter Hebeböcke und Manfred Weinberg in ihrem Artikel „Interkulturalität/Konzepte der Interkulturalität“ auf die Literatur Prags und der böhmischen Länder. 
Interkulturalität sei dafür maßgebend schon seit dem 12. Jahrhundert, weil Bayern, Franken, Obersachsen, Schlesier und Österreicher unter der Regentschaft der Přemysliden als Handwerker, Bauern und Bergleute angeworben wurden und sich an den böhmischen und mährischen 
Grenzgebieten ansiedelten.


Die Autoren rechnen auch die Gruppen dazu, die sich um 880 bei Baubeginn der Prager Burg als Händler dort heimisch machten. Sie werden als national heterogen betrachtet. Auch die Juden hatten schon im 10. Jahrhundert in diesem Raum eine starke Stellung. Dass Tschechen, Deutsche und Juden in den böhmischen Ländern zusammengelebt haben, wird zu einer Erklärungsformel, die in der Literatur, in der Wissenschaftsgeschichte und in theoretischen Ansätzen dazu immer wieder vorkommt. 


Dabei werden zwei Nationen-Begriffe (Deutsch/Tschechisch) mit einem religiösen Attribut (Jüdisch) kombiniert. Diese Verbindung ist jedoch grundlegend falsch, denn die Deutschen waren ja national gesehen, keine Deutschen, sondern sie gehörten wie die Tschechen der Österreich-Ungarn-Donaumonarchie an. Muttersprachlich und vor dem kulturellen Hintergrund gesehen waren sie jedoch schon als Deutsche und Tschechen zu betrachten. Der Begriff Nation hilft also hier nicht viel weiter.


Im folgenden Ansatz der Interkulturalität versucht Gesellschaftstheorie sich abzuwenden von dem Dogma der ABGRENZUNG. Es geht zuerst einmal konkret um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen im selben geographischen Raum, und ich füge hinzu, natürlich auch um das Gegeneinander. 


1990 wurde der theoretische Ansatz der Interkulturalität entwickelt, der davon ausgeht, dass Kultur permeativ und nicht separatistisch zu begreifen sei. Übersetzen wir die „physikalischen“ Soziologismen. Die PERMEATION ist das Eindringen eines gelösten Stoffs bzw. eines Gases durch eine Membran und dann durch eine Materieschicht. Es geht also um Durchlässigkeit. Das wird nun auf Gesellschaften und ihre Bevölkerungsgruppen übertragen. 


Das Streben nach Separation meint vor allem das politische Ziel der Gebietsabtrennung, um einen separaten, einen eigenen Staat zu gründen. Hier ist vielleicht meinerseits auch noch der Begriff Segregation anzuführen, den die Autoren in ihrem Beitrag selbst nicht anwenden. Segregation heißt ENTMISCHUNG von diversen Elementen in einem bestimmten geographischen Gebiet. 

 

Transkulturalität nach Wolfgang Welsch
„Mit Transkulturalität beschreibt Wolfgang Welsch (1997) das Konzept einer Gesellschaft, in der sich kulturelle Identitäten durch die Vermischung von Elementen verschiedener Kulturen konstituieren. Kulturelle Grenzen und die Vorstellung homogener Nationalkulturen werden aufgehoben, indem einzelne Kulturen innerhalb einer Gemeinschaft verschmelzen. So lassen sich moderne Gesellschaften als strukturell heterogen und hybrid auffassen.“
Quelle IKUD Coaching Seminare


In einer schlüssigen, leichter verständlicheren Formel, hat das der Literat Johannes Urzidil gebracht, der über sein Leben in Prag sagt: „Ich bin hinternational“. Er lebte hinter den Nationen. Vordergründig gab es zwar die nationalkulturelle Trennung in Prag, dahinter waren jedoch auch grundlegende Gemeinsamkeiten. 


Mischen sich zwei bisher voneinander getrennte Systeme, spricht man von HYBRIDISIERUNG. Darin steckt die Gefahr, dass der Wissenschaftler, betrachtet er das prägende Gemeinsame, die vorausgesetzten bzw. gelebten Abgrenzungen übersieht. 


Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Konzept Interkulturalität noch nicht angemessen abgerundet entwickelt ist, um solch hochkomplexe gesellschaftliche bzw. historische Zusammenhänge zu erklären. 


Interkulturalität wurde in den 1970er Jahren als Begriff verwendet, um Konzepte für Konfliktlösungen zu diskutieren bzw. Kompetenzen für internationale Geschäftsbeziehungen zu entwickeln. Das kulturell Fremde sollte besser verstanden werden. 


Dabei kam eine moralische Konnotation ins Spiel. Der schwer fassbare Begriff Interkulturalität wird zudem durch seine Verwendung in ganz unterschiedlichen Wissenschaften mit einer Vielzahl von Ansätzen und Lösungswegen noch unklarer. 


Wo hört die eine Kultur auf, und wo fängt die nächste an? Nun spielt der Begriff der oder das Fremde hinein. Wissen wir um den Fremden, kennen wir die üblichen Denkmuster des Anderen, welche Erfahrungshorizonte erinnern wir und wie spielt das zurück auf die Identifizierung mit der eigenen Kultur? Und wo nisten sich Zwischenräume ein? 
Der Philosoph und Anthropologe Wolfgang Welsch formuliert es so: „Ohne Abgrenzung keine unterschiedlichen Kulturen und ohne diese keine Interkulturalität.“ 


Wissenschaftler der Universität Konstanz, die die kulturellen Grundlagen von Integration untersuchen, gehen davon aus, dass IDENTITÄT kein natürlicher Dauerzustand im Selbstbewusstsein sozialer Akteure ist. Für diese Wissenschaftler stellen sich Identitätsfragen entweder in kritischen Übergangsphasen (in denen wir uns wohl heute befinden/Anm. des Autors), in ruhigen Zeiten können sie jedoch auch latent sein.  Damit wird die Kategorie jedoch von wechselnden gesellschaftlichen Situationen abhängig.


Wenn wir Kulturen vergleichen, müssen wir dann nicht auf absolute Wertmaßstäbe verzichten, weil sie uns den Blick verstellen? Sollten wir nicht statt vom fixen Wissen über das Fremde unser Verhältnis dazu vom Nicht-Wissen her definieren? 


Die Autoren fassen es so zusammen: „In diesem Nichtwissen generiert Interkulturalität ihr grenzüberschreitendes Potenzial.“ 


Die Autoren weisen auf die definitorischen Schwierigkeiten beim Begriff Interkulturalität hin und führen das KONZEPT des HORIZONTs ein, in dem nicht von gegeneinander abgegrenzten Einheiten ausgegangen wird, sondern von grundsätzlicher Vielfalt.


Es ist ein RAUM-Modell. Instabile Einheiten, nur zeitweise gültige Grenzen, Vermischungen und Verschiebungen sind darin ebenso enthalten wie nationalkulturelle Hintergründe.


Fazit der Wissenschaftler: Dieses HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER DEUTSCHEN LÄNDER, erschienen bei J. B. Metzler, folgt keiner einzelnen Theorie der Inter- oder Transkulturalität, sie ist als eine Art Materialsammlung für künftige Forschung anzusehen.

 

Kapitel Literatur und Raum

 

Das HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER BÖHMISCHEN LÄNDER hat eine sehr übersichtliche Inhaltsstruktur. Es beginnt mit dem Vorwort und endet mit dem in der Wissenschaft üblichen Anhang, der aus den Lebensdaten ausgewählter Autoren der Böhmischen Länder, aus einem deutsch-tschechischen Ortsregister, den Lebensdaten der Autorinnen und Autoren sowie dem Personenregister besteht.


Das Handbuch wird in acht Kapiteln gegliedert. 


Nach dem Abschnitt Literatur- und Forschungsgeschichte einer Region, dem Kapitel über Theoriekonzepte und dem Allgemeinen Hintergrund (darin ein geschichtlicher Abriss der Böhmischen Länder, institutionelle Informationen über Verlage und Buchhandel, Geschichte der Ästhetik) folgt im vierten Kapitel ein Aufriss der literaturgeschichtlichen Epochen und im fünften Kapitel dann Themen und Motive der Literatur: Historischer Roman, historisches Drama, Essay, phantastische Literatur, Sagen und Legenden, Mundartliteratur sowie Übersetzungen sind die einzelnen konkreten Textsorten, die im Kapitel Sechs zusammengefasst sind. 


Im siebten Schlussabschnitt zieht Peter Demetz, der renommierte amerikanische Germanist und Autor literaturwissenschaftlicher Werke deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft eine Bilanz.
Das Theoriekapitel wird abgeschlossen mit zwei Texten zu Konzepten des Raumes und Raumkonzepten der Region. Dabei sind sich die Verfasser im Klaren darüber, dass es bisher keine passgenauen Raumkonzepte für die böhmischen Länder gibt. 


In Prag und Brünn bildeten sich von den Autoren so genannte „Knotenpunkte“ der Literatur, es geht um die Vielfalt in den Kulturräumen Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. Es wird auch das in der Politikwissenschaft und Soziologie angewandte Theoriemodell von Zentrum und Peripherie erwähnt. 


Auch das Raumkonzept von Henri Lefebre, dem französischen Philosophen und Soziologen, wird zitiert, der davon ausgeht, dass jede Gesellschaft einen ihr eigenen Raum produziert, der sich auf drei Ebenen abspielt.


Die erste Ebene bedeutet, die Wahrnehmung, also was wir erleben, benutzen, produzieren und reproduzieren. Auf Ebene Zwei gibt es den Raum des Wissens, der Zeichen und der Codes. Auf der dritten Ebene geht es um Imagination, welche Bilder und Symbole stellen wir her. 
Im weiteren Verlauf des Textes behandeln die beiden Autoren Manfred Weinberg und Irina Wutsdorff den Raumgedanken in Philosophie, im Strukturalismus und in den Kulturwissenschaften sowie weitere Ansätze, den Raum mythisch, ästhetisch oder theoretisch zu begreifen. 
Insofern schließt sich direkt daran an, was die Autoren Raumkonzepte der Region nennen, weil es ja eben auch um die geographischen Aspekte geht, um das Verhältnis der nationalen Gemeinschaften in den Böhmischen Ländern sowie um die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. 


Dieses Kapitel hilft, theoretische Überlegungen zur Einordnung der Literatur zu entwickeln, wenngleich die Autoren zugeben, dass alle Ansätze erst in den Anfängen befindlich sind, es also an theoretischem Handwerkszeug noch fehlt. Das ist den Autoren nicht anzulasten. Es hat eben sehr, sehr lange gedauert, bis der Blick ins Nachbarland Tschechien durch Grenzzäune hindurch und über sie hinweg freier war, um sich gegenseitig besser wahrzunehmen. Und auch dieser Prozess steckt erst in den Anfängen. In diesem Handbuch stehen allerhand Handlungsanleitungen dafür, es muss nur genutzt werden.  

 

Geschichte der Böhmischen Länder

 

 

Wann beginnt die Geschichte eines Landes? Ganz sicher vor der eigentlichen Geschichtsschreibung, die später einsetzt, weil es an den Vermittlungsmöglichkeiten mangelte und nur in der Erzählung die Weitergabe lag. Von den Anfängen wissen wir also wenig bis nichts, obwohl die Wissenschaft forscht, insbesondere die Archäologie, die nach den Anfängen der Geschichte buchstäblich gräbt. Weil es eben keine frühe Geschichtsschreibung gibt, bleibt die „früheste Kindheit der Geschichte“, so sagt es Clemens von Brentano „stumm“.
Wann beginnt der Übergang vom Mythos zur realen Geschichte? Vom Erzählten zum Faktischen? 


Im Falle Böhmens gehen wir von den Gründungssagen vom Stammvater Čeck oder Boemus aus. Historisch verbürgt, so steht es im Handbuch, ist jedoch nur die Dynastie der Přemysliden, einem Herrschergeschlecht, das bis 1300 an der Macht war. 


Nach dem Aussterben dieser Dynastie waren die Luxemburger mit König Johan Inhaber der Krone. Karl IV. war es dann, der durch die Gründung der ersten Universität nördlich der Alpen Prag zum europäischen Zentrum machte.


So bildete sich eine Epoche heraus, die zwischen der mittelalterlichen Tradition und dem Früh-Humanismus stand. 


Wissenschaftliche Wahrheiten und deren Verbreitung entwickeln sich zu jener Zeit im Gegensatz zum Denken in der Kirche, die Verweltlichung beginnt, und so ist es Jan Hus, der mit der Einführung des weltlichen Kelches, des so genannten Laienkelches, ein Jahrhundert (!) vor Martin Luther den Bruch mit den Lehren der Katholischen Kirche markiert. 
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird Böhmen in den habsburgischen Machtbereich integriert, das Denken wird rekatholisiert, die Eliten des Protestantismus vertrieben, die Böhmischen Länder werden zum Erbkönigreich der Habsburger ernannt. Der moderne Staat entsteht mit zentraler Verwaltung, der Ausdifferenzierung des Rechtsstaates und einer vom Staat gelenkten Wirtschaft. 


1784 wird Deutsch als Amtssprache verordnet, am Wiener Hof wird das Tschechische nämlich als „unfertige Sprache“ gesehen, das deutsch Geprägte überlagert den realen Sprachgebrauch des Tschechischen und marginalisiert es auf diese Art und Weise. 


„Unter dem Druck der französischen Revolution verstärkt sich die innere Repressionspolitik.“ 


Die Zeitungen werden zensiert, Buchhandlungen und das Schulwesen überwacht. Der Volksmund macht sich darüber lustig, indem er von den vier Armeen des Kaisers berichtet. Das „stehende Heer der Soldaten“, das „sitzende Heer der Bürokraten“ das „kniende der Geistlichen“ und das „schleichende der Denunzianten“.


Von der französischen Revolution und den Befreiungskriegen her beeinflusst, entsteht ein nationales Denken, die moderne tschechische Schriftsprache entsteht, die jedoch einen niedrigeren sozialen Status hat als das Deutsche im Vergleich. Es entstehen zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Kultursysteme. 


Die Tschechen fordern den so genannten „Trialismus“, die gleichberechtigte Vertretung von Deutschen, Ungarn und Slawen. Desintegrative und konfrontative Entwicklungen fördern das Trennende im deutsch-tschechischen Verhältnis. 
Auf die Gündung des tschechischen Nationaltheaters folgt die Eröffnung des Neuen deutschen Theaters, die deutsche Wissenschaftsgesellschaft wird konterkariert durch die Gründung der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 


Die Auseinandersetzungen radikalisieren sich. Sprachverodnungen führen zu Widerstandsbewegungen, die auch gegen deutsche Geschäfte in Prag gewalttätig werden. Und Egon Erwin Kisch konstatiert: „Kein Deutscher erschien jemals im tschechischen Bürgerclub, kein Tscheche im deutschen Kasino.“ Und die jüdische Gemeinschaft steht dazwischen. Nach 1860 etabliert sich jedoch nach und nach eine moderne national argumentierende Kultur, die in der Musik durch die Komponisten Smetana, Dvořák und Janáček vertreten ist und weltweit Beachtung und Anerkennung findet. 


Historische Figuren, Narrative, Mythen und geschichtliche Ereignisse werden in das Zentrum der Kulturschaffenden gerückt. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wirken monarchistische Tendenzen und die deutsch-tschechische Konkurrenz in Kultur und Bildung noch nach, nach dem Ausruf der tschechischen Republik 1918 entsteht der Nationalitäten-Staat. 


Zwischen 1938 und 1945 wird mit der Besetzung der Sudetengebiete durch Hitler und durch das Protektorat Böhmen-Mähren der tschechoslowakischen Staatlichkeit „durch Gewalt von außen“ ein „Ende gesetzt“. 


Es entsteht ein explosives kulturpolitisches Gemisch aus „Einschüchterung, Vereinnahmung, Rivalität und Kollaboration“, in dem sich aber auch Nischen der Eigenständigkeit und versteckter Widerstand entwickeln. 


Die Judenvernichtung erreicht ihren Höhepunkt in der Errichtung des Ghettos Theresienstadt. 


Nach Kriegsende werden drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Die Vertreibung führt zu einem Ende des jahrhundertelangen deutschen und tschechischen Zusammenlebens.

 

 

 

 

Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg) Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder