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Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Der Schattenkanzler? Markus Söder

Markus Söder - Der Schattenkanzler Biographie DROEMER und KNAUR

Provokateur, Macher, Krisenmanager: Diese Biographie leuchtet Charakter, Politikstil und den beispiellosen Aufstieg von Markus Söder aus. Geschrieben von zwei preisgekrönten SZ-Journalisten.

  • Was den starken Mann der CSU antreibt und wie er nach der Macht greift
  • Wie der bayerische Landespolitiker sich zum Schattenkanzler wandelte
  • Strebt Söder die Kanzlerkandidatur der Union an?

 

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100. Geburtstag der Crime-Lady Highsmith

Ehe Patricia Highsmith durch ihren ersten Roman über Nacht berühmt wurde, schrieb sie psychologische Stories. Über entwurzelte Einwanderer, tapfere Liebende, wissende kleine Mädchen und Jungen und vom Leben gebeutelte Frauen und Männer. Damals erschienen ihre Stories nur verstreut in Schul- und Frauenmagazinen. Patricia Highsmith, geboren 1921 in Fort Worth/Texas, wuchs in Texas und New York auf und studierte Literatur und Zoologie. Erste Kurzgeschichten schrieb sie an der High-School, den ersten Lebensunterhalt verdiente sie als Comictexterin, und den ersten Welterfolg erlangte sie 1950 mit ihrem Romanerstling „Zwei Fremde im Zug“, dessen Verfilmung von Alfred Hitchcock sie über Nacht weltberühmt machte. Patricia Highsmith starb 1995 in Locarno. (DIOGENES)

 

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Ein Mann liest Zeitung in Prag

Der autobiografisch geprägte Roman Ein Mann liest Zeitung erzählt die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Leonhard Glanz aus Hamburg. Im Exil in der Tschechoslowakei zur Untätigkeit verdammt, verbringt er seine Zeit in Prager Kaffeehäusern mit dem Lesen von Zeitungen. Akribisch verfolgt er das politische Geschehen in der Tagespresse, und doch kann er sein eigenes Schicksal, das ihn in die Emigration trieb, nicht begreifen. Erinnerungen an ein verlorenes Leben, Beobachtungen auf der Straße und Gedanken über das in der Zeitung Gelesene, die oft weit in die Vergangenheit weisen, verbinden sich zu einem dichten Panorama der dreißiger Jahre.

Atmosphärisch und präzise, klug und poetisch fängt Justin Steinfelds einziger Roman den Hexenkessel Europa am Vorabend des Zweiten Weltkrieges ein. Ein großer, erst posthum erschienener Exilroman, der eine unerhörte Erfahrung zur Sprache bringt, die doch so viele traf und trifft: Die Erfahrung, nirgendwo mehr dazuzugehören. (Schöffling)

 

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100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatt

 

 

 

Ulrich Weber FRIEDRICH DÜRRENMATT EINE BIOGRAPHIE Diogenes


Ulrich Weber FRIEDRICH DÜRRENMATT EINE BIOGRAPHIE Diogenes
Zielgruppe: Lehrer, Schüler, Buchhändlerinnen, Buchhändler, Dramaturgen, Krimifans, Schweizer, Schweiz-Hasser, Freunde der Literatur 


Friedrich Dürrenmatt, ein Schulklassiker, der zum Kanon des Deutsch-Unterrichts zählt. Der BESUCH DER ALTEN DAME, DIE PHYSIKER oder DER RICHTER UND SEIN HENKER, DER VERDACHT, DAS VERSPRECHEN, also seine Erfolgswerke aus der Kriminalliteratur und nicht nur die weltberühmten Theaterstücke gehören noch immer zu den gymnasialen Schulplänen. 


Dürrenmatt, das Erzähl-Genie, fasziniert mit seinen abgründigen Parabeln, skurrilen Kriminalgeschichten. Er fesselt als Dramatiker, als Autor antiker Tragödien-Formate, der aber auch Salonkomödien schreiben kann und dem der Schweizer und auch der Schwarze Humor eigen ist.  


Seine Werke sind in 50 Sprachen übersetzt worden. Seine Theaterstücke sind immer noch weltweit auf den Programm-Plänen. Auch Hollywood-Drehbücher entstanden aus seinen Werken. 


„Er sprach die Gefahren und Ängste seiner Zeit wie wenige aus“, heißt es im Vorwort. Die Neue Züricher Zeitung findet die Charakterisierung Dürrenmatts in der Formel: „Das gemütliche Ungeheuer“.
Dennoch blieb Dürrenmatt ein Solitär. Große Erfolge mischten sich in seiner Lebenslinie mit Katastrophen, gescheiterte Theater- und Romanprojekte waren genauso dabei wie grandiose Erfolgsgeschichten.
Dürrenmatt war Pfarrer-Sohn, ein neugieriger, geselliger, knorriger Mensch mit politisch queren Ansichten, ein barocker Dichterfürst, fern vom Mainstream. Dürrenmatt hielt die Öffentlichkeit und den Journalismus auf Distanz. Er führte ein äußerlich ruhiges, ja geradezu bürgerliches Leben im engen Umkreis seines Geburtsortes Konolfingen, einem Dorf im Kanton Bern.


Die Biographie des Literaturwissenschaftlers Ulrich Weber, Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses im schweizerischen Literaturarchiv in Bern, beschreibt Dürrenmatts Vita in einer Pfarrers-Familie von der Kindheit im Emmental, über die mageren Jahre in Basel, bis hin zu den fetten Jahren und Dürrenmatts privaten Wirtschaftswunderzeiten. 
Einige Impressionen aus den einzelnen Kapiteln der umfänglichen, detailreichen, beeindruckenden Biographie über Dürrenmatt. 
Er interessierte sich zum Beispiel lebenslang für Astronomie. 
Beim Schreiben entdeckt Weber bei seinem „Gegenstand“ die grundsätzliche Haltung, Distanz wahren zu wollen. Der Autor will sich nicht wichtig nehmen, will über sich lachen können.


Dürrenmatt pflegt zwar privat intensive Freundschaften, die er jedoch auch abrupt abbrechen kann, dann muss er „ins Freie“.
Seine persönliche Berufsbezeichnung hängt er als Zettel an die Tür der Studentenbude: „nihilistischer Dichter“, der übrigens vom Philosophen Kierkegaard stark geprägt ist, wie von Philosophie und Wissenschaft überhaupt. Mathematik, Physik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie beschäftigen ihn. Mit Schriftstellerkollegen wie Max Frisch hat er zunächst eine „Arbeitskameradschaft“.

 

Die frühe scheue Begegnung mit Bert Brecht bringt ihn zur Meinung, sein Marxismus sei „zu doktrinär“.


Seine Krimis, zunächst in Zeitungen als Serien erschienen, und seine vielen Hörspiele für Rundfunkanstalten sind seine finanziellen Quellen. Zwischen 1951 und 1956 schreibt er sieben Hörspiele.
Das Gefühl von Routinearbeit liegt ihm aber dennoch fern. Das Schreiben an sich muss für den Schweizer Erfolgsautor immer ein Experiment, ein gedankliches und künstlerisches Abenteuer sein.


Hans Schweikart, in München Intendant der Kammerspiele, setzt Dürrenmatts Stücke in Deutschland auf der Bühne durch.


„Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ werden zum Welterfolg.
Wir erfahren in der Biografie von Ulrich Weber auch viel über das Familienleben Dürrenmatts, seine Freunde, seine Lieben, seine Ehen, seine Kinder, seine Eigenarten, seine alltäglichen Lebensweisen. Dürrenmatt lebt gerne gut und intensiv. So werden Vorschüsse für ihn wichtig, im Geldausgeben ist Dürrenmatt erfahren. 


So lässt sich sein Aufstieg auch am Kauf von diversen Autotypen nachvollziehen. Erst war es ein Opel Rekord, dann ein Opel Kapitän, schließlich ein Chevrolet Bel Air, danach ein Buick, gefolgt von einem Volvo und endlich dann doch der Jaguar. 


Dennoch war Dürrenmatt ein schlechter Autofahrer, in seiner Automobilisten-Karriere schafft er zehn teils schwere Autounfälle, auch unter Alkoholeinfluss. Dürrenmatt war starker und regelmäßiger Trinker. So kaufte er zum Beispiel als günstige Gelegenheit den gesamten Weinkeller eines Bordeaux-Schlosses auf. Am Ende seines Lebens waren die gesamten Vorräte ausgetrunken. Dürrenmatt hat lebenslang Diabetes Typ 2, ist also schwer zuckerkrank, fällt einmal sogar für 48 Stunden ins Zuckerkoma. 


Bei Filmproduktionen macht Dürrenmatt mediale Entfremdungserfahrungen.  Dürrenmatts Verhältnis zu Max Frisch entwickelt sich vom Freundschafts- zum Konkurrenzverhältnis. Bei der Premiere zu „Andorra“ bespricht Dürrenmatt gegenüber Journalisten die konzeptionellen Mängel des Kollegenstücks.


Seine „Physiker“ werden 1961 bis 1963 60 Mal aufgeführt. Mit 45 Jahren war Dürrenmatt ein weltberühmter Autor.


War Dürrenmatt politisch? Ohne das Widersprüchliche, so Weber, gibt es kein politisches Denken für ihn. Im Unterschied zu Politikern haben Schriftsteller Dürrenmatts Auffassung nach eine bessere Vorstellungskraft, die Wirklichkeit von der Möglichkeit zu unterscheiden. Und Schriftsteller seien neugierig auf die Zukunft.


Besonders interessant auch der Exkurs über Dürrenmatts Schreibprozess. In den 1960er Jahren schreibt er die Texte teilweise noch selbst mit Hand, später auf Anraten der Ärzte mit Schreibmaschine, noch später diktierte er seiner Sekretärin in die elektrische Schreibmaschine. Die Mitarbeiterin musste die Manuskripte orthografisch bereinigen. Seine Interpunktion in den Manuskripten war sehr flüchtig.
Für die Komödie „Der Mitmacher“ findet der Biograph 3500 Manuskript- und Typoskript-Seiten.


Wir lesen auch, wie Dürrenmatt das Politische entdeckt, von seiner Arbeit am Schauspielhaus Zürich, seinem Verlagswechsel zu Diogenes und einem zweiten Leben an der Seite seiner zweiten Frau Charlotte Kerr. Ausführlich bespricht der Biograph Weber die Haltung Dürrenmatts zu seinen Verlagen Arche und Diogenes. Seine Krimis und seine Erfolgsstücke erreichen Millionen-Auflagen.


Im Epilog würdigt Weber die Bedeutung der Werke Dürrenmatts, die auch durch wiederholte Lektüre nicht belanglos würden. Sie hätten Bedeutung durch ihre große Spannweite. Zwar seien seine Texte auch oft unelegant, sperrig, ungeschickt und eigenwillig, er liebte ja auch die Kalauer und das Bonmot. Das Schöne, das Elegante und Ästhetische scheute er wie der Teufel das Weihwasser. 
Dürrenmatt verkörperte kreative Kraft durch die Qualität des Individuellen und des wirklich Einmaligen. Das sei eben jene Potenz künstlerischer Freiheit, die nur mit dem Mut zum Ungeschützten und Naiven zu haben sei.


Am Monument, zu dem er geworden ist, hat er auch selbst mitgebaut, ist das Fazit des Biographen.  


Im Anhang findet sich der Stammbaum Dürrenmatts, die Chronik zu Leben und Werk, ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis sowie ein Anmerkungsverzeichnis und Register. Das Diogenes-Buch ist aufwendig illustriert: 40 Bilddokumente, Fotografien, Zeichnungen vervollkommnen das ausführliche und tiefgründige, gut lesbare Porträt. Eine spannende Dürrenmatt-Biographie, ausführlich, präzise, dokumentarisch und dennoch eine lebendige, lebhafte Biographie aus dem Reich der toten Dichter.

 

Ein Lied geht um die Welt

Sein Leben war selbst wie eine große tragische Oper. Der jüdische Tenor Joseph Schmidt wird Ende der 1920er Jahre zum Radiostar und Liebling des Publikums, nicht nur in Deutschland. Ob als Opernsänger, Schlagergott oder Filmheld, er hat weltweit Erfolg – und viele Liebschaften und Affären.

 

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4000 Jahre Literaturgeschichte

Die Geschichte unserer Zivilisationen in den vergangenen vier Jahrtausenden ist eine Geschichte des geschriebenen Wortes. Die Verschriftlichung von Gründungsmythen, Erzählungen über Recht und Unrecht hat Weltreiche mehr verändert als Heerscharen von Soldaten.

Martin Puchner zeigt in seinem beeindruckenden Werk, wie sechzehn Texte der Weltgeschichte, von Homers »Ilias« bis zu »Harry Potter«, unseren Blick auf die Welt und unser Handeln darin geprägt haben. Und dass wir auch heute noch mit Fug und Recht behaupten können, in einer geschriebenen Welt zu leben, die ohne die Errungenschaften eines Alphabets, ohne die Kunstfertigkeit des Schreibens, ohne die Fantasie von Autoren, ohne das Wissen um den Papierdruck eine vollkommen andere wäre. Schließlich vollzieht Puchner auch die Umbruchsphase der Digitalisierung nach und fragt, was sie für unsere Gegenwart und Zukunft bedeutet. (Blessing) 

 

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Die Geschichte einer afrikanischen Farm 

Bis Weihnachten gibt www.facesofbooks.de hier Buch-Tipps für den Gabentisch - mit Angabe der Zielgruppe

 

Zielgruppe: (Nicht)/Emanzipierte Frauen und Männer, Afrika-Fans.

 

Buschmänner und Dschungelfrauen, Ureinwohner, Stammeskrieger. Missionare, Forscher, wilde Krieger, gefräßige Löwen - das alles ist Afrika. Oder unser Bild von Afrika! Wer den Kontinent mag, findet auf 605 Seiten in dem Manesse-Band - mit einem Nachwort von Doris Lessing - die Geschichte einer afrikanischen Farm von Olive Schreiner (ein Pseudonym). Im Mittelpunkt des Romans steht eine Frau und ihre Lebensgeschichte. Die Autorin ist Missionarstochter. Sie setzt sich früh für Unterdrückte und Fragen der Frauenbewegung ein. Wir lernen in ihrem Buch die koloniale Männerwelt der Buren kennen, die südafrikanische Welt der Farmer, in der Unworte wie „Hottentotte“, „Nigger“, „Kaffer“, „Neger“ und „Schwarzer“ noch nicht politisch inkorrekt waren oder gegendert wurden. Das Manesse-Buch erscheint anlässlich des 100. Todestags von Olive Schreiner am 11. Dezember in einer neuen Übersetzung. Die Story gilt als der Roman Südafrikas. Ein farbiges Afrika-Panorama über Frauen, Männer und die dunkle Hautfarbe.

Eingefroren am Nordpol: die Polarstern im Logbuch

Am 20. September 2019 startete die größte Arktisexpedition aller Zeiten: Die „Polarstern“ verließ den Hafen von Tromsö, um sich am Nordpol einfrieren zu lassen. An Bord hat sie Wissenschaftler aus 20 Nationen, die in der Arktis ein Jahr lang die Auswirkungen des Klimawandels untersuchen werden. Markus Rex, der Leiter der »MOSAiC« genannten Forschungsmission, erzählt in seinem Buch die Geschichte dieser einmaligen Expedition: Er berichtet vom Alltag unter den extremen Bedingungen der Arktis, von den logistischen und planerischen Herausforderungen und von den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die die Forscher im Eis sammeln konnten. »Eingefroren am Nordpol« ist die Geschichte eines großen Forschungsabenteuers und zugleich ein eindringlicher Blick auf die dramatischen Folgen des Klimawandels. Mit vielen farbigen Abbildungen, u.a. exklusiven Fotos von der Expedition, Grafiken und Karten. (C.Bertelsmann)

 

Markus Rex (Expeditionsleiter) Eingefroren am Nordpol Das Logbuch von der „Polarstern“ C. Bertelsmann

 

 

 

Selbstverständlich muss ein Zitat des bekannten Polarforschers Fridtjof Nansen das Logbuch eröffnen, in dem von den ärgsten Feinden des Lebens die Rede ist. Gemeint ist das Eis, die Kälte und die lange Winternacht. Rechtzeitig vor Beginn der Weihnachtseinkäufe liefert C.Bertelsmann das nach einzelnen Tagen datierte Logbuch des Expeditionsleiters über die größte Antarktisexpedition aller Zeiten.

 

20 Nationen, das ist schon an sich ein Weltwunder, taten sich einvernehmlich zusammen, um die Geheimnisse des dramatischen Klimawandels in der Antarktis zu entschlüsseln. Das inhaltlich wie optisch sehr attraktiv aufgemachte Buch nimmt uns mit auf die spannende Seereise, die auf einer Eisscholle endet.

 

Ob Klimatabelle, Begegnung mit 60 Eisbären oder Weihnachten im Eis, wir werden Augenzeuge eines einmaligen Weltexperiments, das geglückt ist und dessen Ergebnisse uns noch eine Zeit lang beschäftigen werden.

 Allein 135 Terrabyte an Daten wurden an der Originalscholle gesammelt. Fazit des Forschergeistes: „Wir sollten alles daran setzen, (das arktische Meereis) für zukünftige Generationen zu erhalten.“

 

Kategorie das schöne Buch: zum Lesen, Blättern, Betrachten, Mitfiebern und Studieren.

 

 

 


Zielgruppe: Videostreamer und Podcastler, Netflixer und Amazonis, Medienpolitiker, Couchpotatoes, Seriensüchtige und wer sich auf der „roten Liste“ der Medienkritischen befindet


Wer weiß besser, was ich als Zuschauer sehen will, ich selbst oder ein Streamingdienst? Marcus S. Kleiner sieht in seinem Buch STREAMLAND. WIE NETFLIX, AMAZON PRIME UND CO. UNSERE DEMOKRATIE BEDROHEN, dass es die verflixten Netflixer sind und deren Algorithmen, die Besserwisser sind. Sie sind sowieso auch die Krisengewinnler der Pandemie.

 

Und wer sich zu Weihnachten dann eine Serie nach der anderen reinzieht, kann jetzt parallel dazu lesen, was für ihn und unsere Gesellschaft so gefährlich daran ist. Die Streamer-Monopolisten sind die neuen Leitmedien geworden. Sie wecken einerseits unsere Angstbereitschaft und üben durch ihre „Wirklichkeitsunterhaltung“ die Ablenkungsmechanismen mit uns dazu ein.


Netflix hat fast 200 Millionen Abonnenten weltweit. 12 Millionen werden für Deutschland prognostiziert. Da strömen Milliarden beim Videostreaming in umgekehrter Richtung in deren Kassen. Früher gab es so etwas wie Medienkritik und Medienpolitik. Genau das bietet der Experte für populäre Medienkultur in seinem bei DROEMER erschienen Buch über die Algorithmen-Herrscher.

 

Die Mainstreamklicks lassen uns in die Filterblase absteigen. Wir werden gesteuert und müssen sehen, was wir sehen wollen. Der Professor für Medien und Kommunikationswissenschaft beklagt, dass der freie, selbstbestimmte und mündige Bürger durch die globale Unterhaltungsindustrie zugedröhnt wird und dabei seine Entscheidungskompetenz verliert. Seine Selbstbestimmung geht im lukrativen Geschäft verloren. Die große Datenmacht ist auch eine Macht über die Darstellung von Wirklichkeit, die nur Realitätsausschnitte zulässt. Wir bekommen „Wirklichkeitsbrillen“ verpasst, die gar nicht die unseren sind. Wir verlernen es, selbst mündig über Inhalte zu entscheiden.

 

Wie raunte eine Studentin im Seminar des Medienprofessors: „Jede Woche ein Buch zu lesen und zu diskutieren, das ist echt zu viel.“ Sie haben es an Weihnachten in der Hand, ob Sie ein Netflix-Abo verschenken oder dieses Buch.


MARCUS S. KLEINER STREAMLAND WIE NETFLIX, AMAZON PRIME UND CO UNSERE DEMOKRATIE BEDROHEN DROEMER

 

USA das Land der (unbegrenzten) Möglichkeiten


Barack Obama Ein verheißenes Land PENGUIN VERLAG


Zielgruppe: Donald Trump, Wladimir Putin, Angela Merkel und wir alle
Barack Obama verspricht im Vorwort seines ersten Memoirenbandes eine ehrliche Darstellung seiner zweimaligen Amtszeit. Vier Jahre hat er daran gesessen und sein Buch mit der Hand geschrieben, denn am PC zu formulieren gibt den halbgaren Gedanken den „Anschein von Ordnung“. Das Buch wuchs also in die Länge und in die Tiefe. „Ein verheißenes Land“ hat 1.024 Seiten und wurde inzwischen in 25 Sprachen übersetzt.

 

Allein sieben Übersetzer saßen an der deutschen Ausgabe, die bei Penguin erschienen ist. Schon jetzt kann man von einem Bestseller sprechen, es wurde in 890.000 Exemplaren bisher in den USA verkauft.
Obama tritt seinen Lesern sehr offen gegenüber. Mit einem Blick auf eigenes Scheitern bilanziert Obama schon eingangs aber trotzdem: „…das Land stand jetzt besser da als zu Beginn meiner Amtszeit“. 
Der amerikanische Präsident Nr. 44 will Zusammenhänge erklären, den Kontext für Entscheidungen mitliefern. Das führt zu Längen, Obama will einen zweiten Band vorlegen.

 
Es drängen sich ja auch aktuelle Themen in den Mittelpunkt, die noch zu behandeln wären. Er sieht die Demokratie am Rande einer Krise taumeln, das Land gespalten, die Menschen auch seit Corona und Rassenunruhen wütend und misstrauisch, die institutionellen Normen verletzt, grundlegender Konsens aufgelöst.


Was ist aus dem amerikanischen Traum geworden? Was sind die Folgen des Raubtier-Kapitalismus? Haben die USA ein rassistisches Kastensystem? Herrschen nur Eliten? Sind die Vereinigten Staaten noch eine Großmacht? Fragen, die Obama aufwirft und denen er als Grundannahme vorausstellt: Die USA haben noch Möglichkeiten, die sie auch für künftige Generationen nutzen können. Noch ist nicht alles verloren, aber ein endgültiges Urteil darüber steht aus. Er versteht den ersten Band seines Buches auch als eine Einladung an junge Leute, die Welt zu erneuern. 


Ich habe bisher nur das Vorwort gelesen! Dort sagt Barack Obama: „…meistens gehe ich langsam – es ist ein hawaiianisches Schlendern, wie Michelle sagt, gelegentlich mit einem Anflug von Ungeduld.“ 
Obama beobachtet sich selbst, wie seine Schritte im Weißen Haus als Präsident länger, forscher, offizieller, also auch staatsmännischer werden.
Jenes Schlendern will ich mir zu eigen machen, während ich sein Buch lese und immer wieder einmal auf www.facesofbooks.de und hier auf Facebook meine Beobachtungen und Einschätzungen dazu mitteilen, sozusagen eine nachhaltigere Rezension step by step anbieten, die Schritt für Schritt vorgeht und die es meines Wissens bisher so noch nicht gibt. Die flow-writing Buchrezension als Lese-Prozess, nicht als abgeschlossene Beurteilung am Schluss, wenn das letzte Kapitel gelesen ist. 


Jetzt kann ich schon sagen, Obama schreibt frisch, offen, selbstkritisch, reflektierend, Zusammenhänge bietend, dazu doch auch Details, kleine Beobachtungen am Rande einbeziehend, selbstkritisch, auch zweifelnd. Dem rhetorischen Talent gelingt ein erzählerischer, spannender, ja irgendwie „schlendernder“ hawaiianischer Ton. Er gefällt mir. Bin gespannt, ob er ihn durchhält.  

 

 

Barack Obama Ein verheißenes Land Penguin 


Eine Rezension in Lese-Schritten:


Teil 2 Die Wette


Auf den ersten 120 Seiten des 1.016-Seiten langen Erinnerungsbuches erfahren wir, wo Barack Obama herkommt, was seine familiären Wurzeln sind, wie sein Ausbildungsgang verlaufen ist, wo und was er studiert hat und wie seine Wege in die Politik verlaufen sind. Nicht unbedingt geradlinig und voller Selbstzweifel.


Als Junge beschäftigen ihn natürlich wie so viele Boys der Sport, die Mädchen, natürlich Musik und „wo man sich betrinken könnte.“


Seine Mutter liest Beatnicks-Bücher und Bekenntnisse französischer Existentialisten, und sie rät dem Sohn Obama auch zu lesen. Wenn er als Kind Langeweile verspürt, empfiehlt die Mutter: „Lies ein Buch. Und danach kannst du mir erzählen, was du daraus gelernt hast.“ 
Auf langen Autostrecken genießt er also Romane als Hörbücher, liest spannende John-Le-Carré-Thriller und Toni Morrison, die US-Schriftstellerin afroamerikanischer Literatur, oder auch Sachbücher zum amerikanischen Bürgerkrieg, viktorianischen Zeitalter oder zum Untergang des Römischen Reiches. Seine Umgebung prophezeit ihm: “Der wird es noch weit bringen.“


So eignet sich Barack Obama nach und nach ein „passables Politikwissen“ an. Aber die Politiker selbst sieht Obama kritisch: Sie wirken auf ihn halbseiden, ihre Föhnfrisuren, das schmierige Grinsen, ihre Plattitüden, und ihr nervtötendes Eigenlob im TV stören Obama, er empfindet die Politkaste als Selbstdarsteller in einem abgekarteten Spiel. 


Obama wehrt sich aber auch grundsätzlich gegen die Haltung, alle Weißen seien von Haus aus Rassisten. Sein Credo ist: Alle Menschen sind gleich geschaffen, d  a  s war sein Amerika. 


Im Jurastudium beschäftigen ihn Fragen wie: Welche Verpflichtungen hat jeder dem anderen gegenüber, was lenkt das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft? Soll der Staat die Märkte regulieren? Wodurch entsteht sozialer Wandel? Wie können Gesetze dafür sorgen, dass jeder bei Wahlen eine Stimme hat. 


Und dann tritt eine Frau in sein Leben: Michelle „Sie war groß, schön, witzig, aufgeschlossen, hilfsbereit und unglaublich smart - und ich war von der ersten Sekunde an hin und weg.“


Sie lockt ihn ständig aus der Reserve und verlangt von ihm bei Diskussionen mit ihr ehrliche Meinungen. Das gefällt ihm, denn er entscheidet sich im Zweifel immer für den schwierigeren Weg. 
In Kinko’s Copyshop gibt er seinen ersten Wahlflyer ab, ein DIN-A5-Zettelchen mit Fotos und ein paar politischen Schlagworten. Das war sein erster Schritt, ein Kandidat zu werden. Am liebsten spielt er fair, aber er verliert auch ungern. Die ersten Schritte sind sehr steinig, sie führen erst langfristig zum Erfolg. 


Seine Senats-Kandidaturen scheitern erst einmal, er verfällt in düstere Stimmungen, empfindet erste Niederlagen als demütig, hat nichts auf dem Konto, in der Ehe kriselt es, Barack Obama hat die falsche Richtung eingeschlagen. 


Man sieht also als Leser, Obama schreibt ehrlich, gesteht durchaus Zweifel ein, lässt uns an seinem innersten Gefühls- und Denk-Leben teilhaben, ist offen und ehrlich zum Leser.


Als ihm später dann endlich die Senatswahl gelingt, will er nicht gleich Zirkuspferd, sondern Arbeitspferd sein, und er konnte endlich auch Einfluss auf die Außenpolitik nehmen, was im Bundestaat nicht möglich ist. Barack gewinnt nach und nach an Popularität, sondiert auch schon die Möglichkeit, in eine Präsidentschafts-Kampagne einzusteigen, will also die aufkommende Chance nicht verstreichen lassen.
Als er Michelle gesteht, dass er Präsident der Vereinigten Staaten werden will, sagt seine Frau: “Guter Gott, Barack…wann ist es endlich genug?“ 


Nach einem Wachtraum kommt ihm zu Bewusstsein: “Ich fürchte mich vor der Erkenntnis, dass ich gewinnen könnte.“


Barack Obama will eine neue Art von Politik anstoßen, die neue Generation dazu bewegen mitzumachen, die Spaltung des Landes zu überwinden. 


Obama schreibt mit Einfühlungs- und Ausdrucksvermögen, lässt seine Umgebung zu Wort kommen, er nimmt die Leserin und den Leser an die Hand, schildert Details farbig, szenisch lebhaft und führt sie ins Weiße Haus - durch den Seiteneingang, ein „Guten Morgen“ zu den Mitarbeitern auf den Lippen, greift zum vollen Terminkalender und zu einer Tasse Tee. Der Alltag als Präsident der Vereinigten Staaten im Oval Office kann beginnen. Und wir sind dabei.


Es folgt in der Rezensionsreihe Teil 3 das Kapitel YES WE CAN: Barack Obama Ein verheißenes Land Penguin 

 

 

Teil 3 Kapitel YES WE CAN

 

Immer mehr entsteht beim fortschreitenden Lesen des dicken 1.016-Seiten-Wälzers der persönliche Eindruck: Yes, i can. Ja, ich bin auch dabei. Ich stehe neben dem amerikanischen Präsidenten oder auch genau hinter ihm, schaue Barack über die Schulter, bin quasi als sein Wahlhelfer dabei, lerne alle Partei-Ortsgrößen und Countys kennen, lausche den schlauen Empfehlungen des Wahlkampfstabes, bin sogar mit auf der Couch, wenn der künftige amerikanische Präsident tief in seine Seele hinein horcht.


Obama beobachtet sehr, sehr genau, registriert zum Beispiel sogar seinen Atem-Dunst, der in kleinen Wölkchen über der Zuschauermenge hängt, wenn er zu ihnen spricht. Er hat es eben gerne ausführlich, schreibt selbstkritisch, dass er „endlos schwadroniert“.
Zitat. „Mein Problem war meine Unfähigkeit, ein Thema auf das Wesentliche zu reduzieren.“


Wahlkampf ist Tortur auf der Tour: Obama vermisst seine Kinder, sein eigenes Bett, das regelmäßige Duschen und ordentliches Essen im Wahlkampf. 


Auch seine Mitarbeiter hat der Kandidat unterwegs genauestens im Blick. Seine Bodyguards sind zum Beispiel nicht nur für die Sicherheit verantwortlich, sie spielen auch den persönlichen Assistenten, der für nötige Schmerztabletten oder Regenschirme sorgt und natürlich auch den Namen des örtlichen Parteivorsitzenden unbedingt kennen muss. 
Obamas Wahlkampfmanager machen den Kandidaten darauf aufmerksam, dass es im Wahlkampf eben nicht darum gehe, Fragen ausführlich zu beantworten, sondern konkrete Botschaften rüber zu bringen, erst recht, weil Menschen nicht durch Tatsachen, sondern sicher mehr durch Emotionen erreicht werden können.


Im Alltag geht Obama manchmal zerstreut ans Werk, stellt an sich ritisch fest, dass er unentwegt Memos, Kugelschreiber und Smartphones verlegt. Das macht unseren Helden doch sympathisch, so bodennah, er ist dann so einer wie wir. Und es schmeichelt seinem Ego eben auch, wenn man ihm schmeichelt. 


Dass ihm die Butter-Cow-Queen in Iowa bei einem Wahlkampfauftritt eine 10 Kilo schwere Butter-Büste seines Kopfes präsentiert, imponiert dem Wahlkämpfer. Aber solche Helden-Denkmäler können schnell schmelzen. 


Im Wahlkampfteam herrscht derweil das Motto des Handelns: Respekt zeigen, Stärke beweisen, die Menschen einbinden, das ist die Leitlinie der Wahlkämpfer.


Inhaltlich beschreibt Obama seine politischen Hauptpositionen so: „Ich bin in die Politik gegangen, um eine Politik zu ermöglichen, in der es weniger um Macht und Positionen und mehr um Gemeinschaft und Zusammenhalt geht.“


An der politischen Elite in Washington kritisiert der Präsidentschaftskandidat das außenpolitische Establishment, das sich auf Militäraktionen einlässt, ohne zuerst die diplomatischen Optionen zu prüfen, und andererseits an der diplomatischen Etikette dort festhält, wo entschlossenes politisches Handeln nötig gewesen wäre.
Obama vermisst bei den Entscheidungsträgern in Washington in der Kommunikation den offenen und ehrlichen Umgang mit dem amerikanischen Volk.


Auch das Wahlvolk skandiert seinen gerade erfundenen politischen Schlachtruf: YES, WE CAN lautstark. Man könnte es etwas „merkelig“ locker mit WIR SCHAFFEN DAS übersetzen.


Obamas Wahlkampf-Credo: “Es gibt kein schwarzes Amerika und kein weißes Amerika und kein Latino-Amerika oder asiatisches Amerika. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“


Es wird in der Wahlkampfauseinandersetzung zunehmend mit härtesten Bandagen gekämpft. In den konservativen Radiosendungen und auf windigen Internetseiten geraten reißerische Unwahrheiten in Umlauf: Es wird fälschlicherweise behauptet, Obama sei gar kein amerikanischer Staatsbürger, er hätte mit Drogen gehandelt, habe marxistische Verbindungen und außerhalb der Ehe sogar mehrere Kinder gezeugt.
Im Laufe der Kampagne stellt Obama an sich fest: „Ich begann, mich alt und immer einsamer zu fühlen.“ Wahlkampf, eine Tretmühle, ein Hamsterrad. 


Obama sondiert außenpolitisches Terrain. In Afghanistan und im Irak sollen die amerikanischen Verbände zurückverlegt werden. Er entwickelt ein Zeitfenster für einen US-Rückzug. General Petraeus warnt ihn vor, man würde dem Feind damit die Chance geben, einfach abzuwarten bis die US Truppen fort wären, und dann eben so weiter verfahren wie bisher. 


Auf seiner Wahlkampftour jettet Obama durch die ganze Welt und trifft auch Angela Merkel in Berlin, um in seiner politischen Rede an der ehemaligen Mauer zwischen Ost und West darauf hinzuweisen, dass heutzutage weniger sichtbare Mauern niederzureißen seien, wie zum Beispiel zwischen Reich und Arm, zwischen Ethnien und Stämmen, zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern, zwischen Christen, Muslimen und Juden. 


Zum Abbau der Belastungen im Wahlkampf „macht Obama in Familie“. Er fliegt mit Frau und Kindern gemeinsam zu Urlaubstagen nach Hawaii, erfreut sich dort an Bilderbuch-Sonnenuntergängen über dem Pazifik, lauscht dem Rascheln der Palmen, planscht mit den Töchtern im Meer und lässt sich von ihnen im Sand einbuddeln. 


Freizeit mit der Familie zu verbringen ist entspannend für den künftigen Präsidenten, während durch seine Nominierung die Spontaneität aus seinem Alltag vollends verschwand. „Es war nicht mehr möglich oder zumindest nicht einfach, durch einen Lebensmittelladen zu gehen oder auf dem Bürgersteig einen kleinen Plausch mit einem Fremden zu halten. „‘Das Ganze ist ein Zirkuskäfig‘, beklagte ich mich eines Tages …, und ‚ich bin der Tanzbär.‘“ 

 

Fortsetzung folgt

 

 

Der Corona-Kompass - Ein Pandemie-Protokoll

Wieder ein aktueller Buchtipp: Alexander Kekulé Der Corona-Kompass Wie wir mit der Pandemie leben und was wir daraus lernen können Ullstein.


ZIELGRUPPE Infizierte, Resistente, Corona-Leugner, Konkurrenz-Virologen, Journalisten, Politiker, Studenten und Partypublikum, kurzum wir alle. Angela Merkel, Karl Lauterbach und natürlich Christian Drosten
Vom "Raubtier-Virus" zum "Haustier-Virus", diese Entwicklung möchte der Virologe beschleunigen. Das ist die Hauptannahme von Kekulé, der davon ausgeht, dass wir durch mehr persönliche Eigenverantwortung das Coronavirus zähmen können. Alexander S. Kekulé ist Arzt, Biochemiker, Autor und hat den Lehrstuhl für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 

 
Seuchenausbrüche sind auf diesem Planeten keine Ausnahme, sondern die Regel, sagt Kekulé. Das glauben wir ja nicht eben gerne, aber es ist so. 


Einreisestopp, Masken tragen, das hat der Wissenschaftler frühzeitig und oft genug gefordert, aber Öffentlichkeit und Politik und wir auch wollten davon noch nichts wissen. 


Was wir auch nicht kennen, sind die Disease Outbreak News. Diese DONs melden weltweit jeden vagen Verdachts-Fall, von jedem noch so abgelegenen Ort der Welt an die Virologen, und das 24 Stunden am Tag. 
Auch der Hallenser Virologe nahm diese ersten Warnungen aus China anfangs nicht so ganz ernst. Zitat: „Pest in Madagaskar, Polio in Kamerun, Ebola im Kongo, Zika in Indien, Hantafieber in Panama … Seuche ist immer und überall. Epidemiologen haben dagegen eine dicke Hornhaut entwickelt, sonst lägen ihre Nerven ständig blank.“ 
Als das Virus schon weltweit wütete, trauten wir uns nicht, die Flugzeuge vom Himmel zu holen und die Grenzen zu schließen. Dann kam die unselige Maskendiskussion über deren Wirkung, China warnte zudem auch zu spät vor Covid, die WHO verschlief sowieso alles, die Regierungen waren hoffnungslos total überfordert. Es gab keine Schutzanzüge, kein Medikament, keinen Impfstoff, zu wenig Krankenhausbetten und zu wenig ausgebildetes Pflegepersonal. Und kein Konzept. Kekulé konstatiert Versäumnisse überall.

 

Nun war also ein Erreger von einem wild gefangenen Larvenroller auf den Menschen übergegangen. Und niemand reagierte schnell genug. 10.000 chinesische Gäste reisten zum Beispiel im Februar noch nach Bayern ein. „Dem Virus waren Tür und Tor geöffnet“, schimpft Kekulé.
Er stellt fest: "Sich auf seltene, aber gravierende Schadensereignisse vorzubereiten, fällt der Politik insbesondere in demokratischen Systemen schwer." Und: "Den Teufel an die Wand zu malen, verdirbt die Stimmung." 


Von Pandemie wollte niemand reden. Die Politik schwafelte die Lage rosig. Wir sind vorbereitet. Nichts da. Es fehlte an allem. In Europa zum Beispiel an Schutzausrüstungen, Desinfektionsmitteln, Beatmungsgeräten und Medikamenten, schimpft Kekulé. Die Ausbreitung in Deutschland - und die späteren Lockdowns - wären durch kurzzeitige, geplante Kontaktreduktion zu verhindern gewesen. 
Kekulé bilanziert im Text: "Zu dem Zeitpunkt, als dieses Buch in den Druck geht, wurden weltweit rund 45 Millionen Fälle registriert, mehr als 1,2 Million Menschen sind an Covid gestorben." 


Uns interessierten hier besonders die Kapitel, in denen sich Kekulé mit der Zukunft der Pandemiebekämpfung beschäftigt.
Der Virologe stellt vier Bedingungen für eine erfolgreiche Virusbekämpfung. Kontinuierliches Handeln, keine Hin-und-her-rauf-und-runter-Maßnahmen, mehr Menschenleben retten, als es durch das Abflachen der Infektionskurve möglich ist, Risikogruppen gut schützen, die Sterblichkeit darf höchstens der einer saisonalen Grippe entsprechen. Die Pandemiebekämpfung langfristig anlegen, wenn noch kein Impfstoff zur Verfügung steht. 


Der Virologe erklärt in dem 352-Seiten-Buch seine Wissenschaft, erläutert Begriffe, spricht über Pandemien, beschreibt Strategien, bietet Grafiken, Statistiken, Anmerkungen, ein Glossar und Register - gibt also ein umfassendes Bild über Corona und seine Gefahren. Seine Sprache ist farbig publikumsnah, die Schlagzeilen über den Einzelkapiteln boulevardzeitungsähnlich. Etwa „Champions für die Rettung der Welt“ „Den Tanz beenden“ oder „Trojaner, Mörder, Trittbrettfahrer“ Der Autor will halt endlich verstanden werden. 


Ob es zu ständigen Wiederinfektionen kommen wird oder die Immunitätswirkung nach Infektionen langsam nachlässt, ist noch weitgehend unerforscht, ebenso die langfristigen Schäden durch Covid-19. 


Kekulé fordert flächendeckende Maßnahmen, also bundesstaatliche, aber keine klein-Klein-Staaterei.


Sein Bekämpfungskonzept (heißt SMART) setzt stark auf das Handeln des Individuums, das sich eigenverantwortlich gegen Covid-19 wehren kann. Die alten und gefährdeten Menschen werden geschützt, Ordnungsmaßnahmen gibt es nur, wenn Selbstschutz nicht möglich ist. Schutz und Ausbildung der Pflegekräfte verbessern, Schnelltests vor Altenheimen einrichten, Sozialkontakte ermöglichen ist Kekulés Handlungsrezept.


Fettleibige hält Kekulé übrigens als Risikopatienten wegen der Störungen der Blutgerinnung und Thrombose-Neigung für besonders gefährdet. Die so genannten "Fresszellen" müssen verbrauchtes Fett abräumen, statt Viren zu bekämpfen. 


Die "Corona-Warn-App" hält der streitbare Virologe für weitgehend wirkungslos. 


Sein Schutzkonzept zielt also auf den Schutz von Menschen mit besonderem Risiko. In öffentlichen Verkehrsmitteln, Geschäften, Hotels, Kitas, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Behörden und Kirchen muss der Staat die möglichst gefahrlose Teilhabe aller Bürger gewährleisten, so Kekulés Forderungen. 


Das Buch vermittelt den Eindruck Hinterher-weiss-man-es-besser, könnte gut sein, dass Kekulé allerdings ein Vorher-weiss-man-es-besser war und ist. Darüber wird die Zeit nach Corona urteilen. 
Ein lesenswertes, aktuelles Buch zu Corona, das sicher streitbare Diskussionen auslösen wird. Für den kommenden Lockdown und die geruhsamen Kaum-Kontakt-Weihnachten die passende Lektüre. Investition besser als Böller. 

Amerika, Dir geht es schlechter          Homeland-Elegien 

Ayad Akhtars "Homeland Elegien" ist ein intelligenter Roman über den zerrütteten Zustand des heutigen Amerikas. Über ein Amerika, in dem die Ideale der amerikanischen Demokratie den Göttern der Finanzindustrie geopfert wurden und eine TV-Persönlichkeit Präsident werden konnte.
Es ist ein persönliches Memoir über die Erfahrungen von im Westen lebenden Muslimen, insbesondere nach 9/11, und eine Reflexion über die Möglichkeit einer westlichen muslimischen Identität.  (Claassen Ullstein)

 

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Nestbeschmutzer: Karl Kraus

 


Zielgruppe: Politisch korrekte und inkorrekte Zeitgenossen, *INNEN-Fetischisten, Ort-Liebhaber, Literaturgeschichtler, Pointensammler, Satirefreunde und Glossenfans, Österreichhasser.


Es geht auch im Journalismus das böse Wort um, auch Goethe wird durch Kürzen besser. Also bitte, Aphorismen sind kurz! "Schreiben ist leicht - man muss nur die falschen Wörter weg lassen", schreibt Mark Twain. Oder: "Autoren sollten stehend an einem Pult schreiben. Dann würden ihnen ganz von selbst kurze Sätze einfallen", fordert Ernest Hemingway. "Was nicht auf einer einzigen Manuskriptseite zusammengefaßt werden kann, ist weder durchdacht noch entscheidungsreif", merkt Dwight D. Eisenhower an. Als ich mal mit Helmut zu tun hatte, wurde ich mit diesem Satz gelehrmeistert, er kam mir als Schmidt-Erkenntnis wortwörtlich entgegen. Wusste damals nicht, dass er von „Ike“ stammte. Sie sehen, es ist also immer gut zu wissen, von wem das holde Zitat stammt. 

 

KARL KRAUS ICH BIN DER VOGEL, DEN SEIN NEST BESCHMUTZT APHORISMEN, SPRÜCHE UND WIDERSPRÜCHE MARIX VERLAG ist nützlich für gründliche Zitat-Exegese. Aphorismen, schreibt der Autor über die Geburt des Gedankens aus der Sprache, sind die kondensierte Form des sprachlichen Ausdrucks. Und die kurze Form braucht langen Atem urteilt, Karl Kraus, der Sprachlästerer, Kritikaster, Litera-Virtuose.
Bruno Kern gräbt tief im Werk von Karl Kraus, um „Sprachspitzen“ ans Tageslicht zu befördern, die als Pointen zünden oder aber auch als Rohrkrepierer einfach nur explodieren, weil die Zeit über sie hinweg gegangen ist, sie aber dennoch Zeitverständnis befördern. 


Unzumutbare Zitate hat der Herausgeber weggelassen. Da haben wir sie, diese elende politische Korrektheit, die den Diskurs so vernünftig machen will, aber so unvernünftig macht, weil nach dem Motto ausgeblendet wird, was nicht sein kann, das nicht sein darf. 
Nun sei`s drum, die Zitate über Frauen, die veröffentlicht werden, sind aus heutiger Softie – Männer - Sicht in der Tat gewöhnungsbedürftig, aber können wir uns nicht einfach mal daran gewöhnen, dass alles seine Zeit hat und aus jener im historischen Zusammenhang beurteilt werden muss. Sogar Zitate…


Und der Herausgeber warnt dann auch davor, dass eben manch Sperriges in den Texten des genialen Karl Kraus steckt. Bitte, die Sprache muss auch knarzen dürfen. Und provozieren. Satire ist möglich und erlaubt und willkommen und in diesen Zeiten sowieso sehr vonnöten. 


Hereinspaziert, ins Wortkarussell des Karl Kraus in diesem Buch, das für „Wortklauber“ und Sprachliebhaber als Weihnachts-Präsent sehr geeignet ist. Wie sagt es doch auch schon Karl Kraus: „ …immer vor Weihnachten erkundigt sich der Schöngeist über die ‚Bücher der Saison‘ “. Da ist also eins, lesen Sie und verschenken Sie! Vorsicht: „In keiner Sprache kann man sich so schwer verständigen wie in der Sprache.“ 
Und hier also die Aphorismen-Leiter zum Hochsteigen und wieder Abregen:


„Ist eine Frau im Zimmer, ehe einer eintritt, der sie sieht? Gibt es das Weib an sich.“


„Die Begierde des Mannes ist nichts, was der Betrachtung lohnt. Wenn sie aber ohne Richtung läuft und das Ziel erst sucht, so ist sie wahrlich ein Gräuel vor der Natur.“


„… Es gibt noch Sinnlichkeit in der Welt; aber sie ist nicht mehr die triumphierende Entfaltung einer Wesenheit, sondern die erbärmliche Entartung einer Funktion.“


„Gern käme ich um die Konzeption zum Handbetrieb einer Guillotine ein. Aber die Erwerbsteuer.“


„Politik ist Bühnenwirkung …  Politik und Theater: Rhythmus ist alles, nichts die Bedeutung.“ 


„Der Journalismus dient nur scheinbar dem Tage. In Wahrheit zerstört er die geistige Empfänglichkeit der Nachwelt.“

 

„Zu seiner Belehrung sollte ein Schriftsteller mehr leben als lesen. Zu seiner Unterhaltung sollte ein Schriftsteller mehr schreiben als lesen. Dann können Bücher entstehen, die das Publikum zur Belehrung und zur Unterhaltung liest.“


„Ich bin jederzeit bereit zu veröffentlichen, was ich einem Freunde unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit mitgeteilt habe. Aber er darf es nicht weitersagen.“


„Sire, geben sie wenigstens bis auf Widerruf freiwillig eröffnete Gedankengänge.“


„Demokratisch heißt, jedermanns Sklave sein zu dürfen.“
„Ich bin nicht für die Frauen sondern gegen die Männer.“
„Im weiten Reich der Melodienlosigkeit ist es schwer als Plagiator erkannt zu werden.“

 

„Sie sagte, sie lebe so dahin. Dahin möchte ich sie begleiten!“


KARL KRAUS ICH BIN DER VOGEL, DEN SEIN NEST BESCHMUTZT APHORISMEN, SPRÜCHE UND WIDERSPRÜCHE MARIXVERLAG

 

Christoph Hickmann/Martin Knobbe/ Veit Medicke (Hg)LOCK DOWN Wie Deutschland in der Coronakrise knapp der Katastrophe entkam SPIEGEL Buchverlag dva

 

24 Journalisten des SPIEGEL haben für den SPIEGEL Buchverlag bei DTV zusammengetragen, was das Jahr 2020 und der Coronavirus den Menschen in Deutschland gebracht hat. Von Wuhan im Dezember beginnend bis zum Ende des Sommers haben die Autorinnen und Autoren aufgeschrieben, was man die Chronik der laufenden Ereignisse aber auch die Chronik des angekündigten Todes nennen könnte. 

 

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John le Carré ist gestorben

Federball


Der Großmeister des Spionage-Thrillers („Der Spion, der aus der Kälte kam“) schlüpft in seinem neuesten Werk „Federball“ in die Rolle des anklagenden Intellektuellen. In den Worten seiner Protagonisten lässt John le Carré Luft und Frust ab. Nat, ein Spion in Diensten ihrer Majestät, und dessen bei einem Badmintonspiel aufgelesener Freund Ed ziehen in leidenschaftlichen Tiraden über den Unsinn von Brexit und die Gefährlichkeit von Donald Trump her. Keiner der anderen Personen widerspricht. So stehen diese beiden Aussagen wie eine unumstößliche Wahrheit über dem spannenden Geschehen.


Nat ist nach geheimen Auslandseinsätzen in Moskau und Tallinn wieder nach London zurückbeordert worden. Hier kann er mit seiner als linker Anwältin arbeitenden Frau Prue wenigstens gelegentlich so etwas wie ein häusliches Leben führen. Die Abteilung, in der Nat jetzt arbeitet, ist so etwas wie ein Abstellgleis, auf das erst die junge Spionage-Auszubildende Florence frischen Wind fächelt. Aus ihrem großen Projekt gegen einen russischen Milliardär in London wird zwar nichts, aber an der genüsslichen Beschreibung der Vorbereitungen dazu bringt der Autor seine eigene Geheimdiensterfahrung ein.


Nat und Ed verabreden sich – meistens montags – immer wieder zu Federballspielen. Zunächst gewinnt meistens Nat, bald überflügelt ihn Ed. Nach dem Spiel trinken sie an der Bar des Clubs ein Bier miteinander. Hier führen sie   lesenswerte Dialoge über die desolaten politischen Verhältnisse, erfahren aber nichts über einander. Einmal bittet Ed seinen Freund, jemanden für ein Doppel mitzubringen, weil er selbst seiner geistig behinderten Schwester die Freude an einem gemeinsamen Spiel bereiten möchte. Nat bringt zu diesem Doppel seine Mitarbeiterin Florence mit, die er Ed wie eine Zufallsbekanntschaft vorstellt. Der professionelle Spion ist immer wachsam. Inzwischen beginnt sich das Spionagekarussell schneller zu drehen: Ein von Nat umgedrehter russischer Spion, ein für später aufgebauter „Schläfer“, ruft um Hilfe. Dessen in Kopenhagen stationierter Führungsoffizier, die polyglotte Top-Mitarbeiterin des russischen Geheimdienstes Valentina fliegt in London ein. Vorher musste sich Nat in Prag bei einem sehr klandestinen Treffen mit einem aus früheren Zeiten in Triest bekannten russischen Spion über diese Valentina erkundigen. Für den Autor sind das immer wieder gutgenutzte Gelegenheiten, Details aus der Spionage-Welt des Misstrauens kenntnisreich einfließen zu lassen. Das liest sich amüsant, spannend und eben auch als eine Welt der „intelligence“. Und auch hier kommen die Spione z.T. „aus der Kälte“.


Valentinas Geheimbesuch in London wird vom britischen Dienst und von Nat überwacht. Sie verfolgt einen ganz anderen Zweck, als den umgedrehten Schläfer zu besuchen. Völlig überraschend auch für Nat kommt dessen Federballpartner ins Spionage-Spiel und bringt Nat in seinem Dienst in größte Schwierigkeiten. Zu allem Überfluss hat auch das so unschuldige Doppelspiel auf Feld drei des Badminton-Courts unvorhersehbare Folgen. Am Ende geht es holterdiepolter zu einem Standesamt und von dort zum Flughafen. Erst jetzt beruhigt sich der Puls der Beteiligten wie der Leser. Ein großer, intelligenter Spionageroman mit einem inständigen Plädoyer für Europa findet – hoffentlich – ein gutes Ende.


Harald Loch


John le Carré: Federball             Roman
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Ullstein, Berlin 2019   350 Seiten   24 Euro

 

V2 und die Vergeltung

 

Zielgruppe Historisch Interessierte, Technik-Freaks, Freunde der Spannungsliteratur, Harris-Fans

 

Die besten Geschichten schreibt das Leben doch selbst, behauptet der Volksmund. Es sind aber auch welche über schlechte Menschen und deren Handlungen dabei. 


Robert Harris, internationaler Bestseller-Autor, greift in die „History“, mischt Literarisches dazu, erfindet spannende Figuren und heraus kommt der historische Thriller, der es mit den Fakten zwar genau nimmt, aber spannende Plots darum herum erfindet. Faction und Fiction.

So war es in seiner „Cicero Trilogie Imperium, Titan & Dictator“, da spielt zum Beispiel das alte Rom die Hauptrolle, in „Enigma“ sind es die Dechiffrier-Agenten und in „München“ Hitler-Deutschland.

Robert Harris greift erneut zu seinem Erfolgsrezept in VERGELTUNG, in dem die V2-Rakete und ihr Kriegseinsatz in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges gegen England thematisiert wird. 

Zwei Fiction-Figuren stehen im Mittelpunkt: Der deutsche Ingenieur Rudi Graf und Kay Caton-Walsh, eine britische Luftwaffenhelferin.  
Die dritte historische Figur ist der Raketenpionier Wernher von Braun, der den Jules-Verne-Traum träumt, einst zum Mond fliegen zu können. 
Derweil wird die Bombardierung Englands als Versuchsanordnung dafür missbraucht. 


Rudi Graf, ein Weggefährte Brauns, ist von Schuld- und Verantwortungsfragen, auch von Zweifeln getrieben. Im besetzten Holland starten tausendfach die V2-Raketen - auf London zielend - jedoch aus Konstruktionsmängeln meist nicht zielführend treffend. 

Kate Caton-Walsh meldet sich zu einer Frauen-Truppe, die in Belgien die Flugbahn der Raketen berechnen kann, um dann die Position der Raketenbasen für die Gegenwehr ausfindig zu machen. 

Neben einem SS-General und Wernher von Braun sind alle anderen Figuren der Phantasie des Autors entsprungen. Für die Person Kate Caton-Walsh ließ sich Harris von einem Nachruf in der TIMES inspirieren, der einer gewissen Mrs.Younghusband gewidmet war, die dem Autor ihr Leben als Anti-Raketen-Kämpferin offenbarte. Eine vollständige Literaturliste seiner Quellen bieten dem Leser weitere Orientierungshilfen zum Thema. 

 

Am Schluss seines Buches benennt Harris doch die genauen Fakten in einem Nachwort: 20.000 Zwangsarbeiter starben beim Bau der V2-Rakete, 2.700 Menschen wurden bei Angriffen durch Raketen in London getötet, 20.000 Häuser wurden zerstört, 580.000 beschädigt.  

25 Jahren später starten drei Menschen zum Mond. 

 

Robert Harris Vergeltung Heyne

 

PRESSESTIMMEN

 

»Für ein fröhliches Gemüt, als das Robert Harris sich selbst beschreibt, bietet er in seinen Romanen ziemlich düstere Aussichten, allerdings auf höchst unterhaltsamem Niveau.« Gina Thomas, Frankfurter Allgemeine Zeitung 

 

»Der britische Bestsellerautor Robert Harris ist auf seine Art ein phänomenaler Könner. Nicht nur verkaufen sich seine Romane hervorragend, sie bestechen auch durch clevere Konstruktionen, sind nie langweilig und pflegen oft einen inspirierenden und originellen Umgang mit Zeiten und Zeit, historisch oder aber imaginär.« Ulrich Kühn, NDR Kultur 

 

»Sein Anliegen ist … die Demut vor der geschichtlichen Erfahrung, sein Thema ist die Vergänglichkeit allen Ruhms, die Brüchigkeit jeder Kultur, mag sie sich auch für überlegen halten.« Bernd Graff, Süddeutsche Zeitung

Vom Detail zur großen Erzählung

Christopher Clark: Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump


Christopher Clark legt nach! In einigen seiner 13 Essays unter dem Titel „Gefangene der Zeit“ setzt er sich mit den zahlreichen und prominenten Kritikern seiner „Schlafwandler“-These über die Zusammenhänge am Ausbruch des Ersten Weltkriegs auseinander. In einem anderen lobt er die Archivarbeit und akribische Darstellung von John Röhl in dessen Biographie des letzten deutschen Kaisers – und zerfetzt die These von der langangelegten Kriegsplanung von Wilhelm II. Er hielt ihn für den „unfähigsten deutschen Kaiser“ und verglich ihn in seinem Vorwort „Wie aus Gegenwart Geschichte wird“ in seiner Unbeherrschtheit und „ungeheuren Prahlsucht“ mit Donald Trump, von dem er auch nichts hält. Entstanden ist der Band während der Einschränkungen der COVID-19 Zeit, denen auch eine geplante Interview-Tour durch Deutschland zum Opfer fiel – schade!


Er schreibt über die Aufsätze in seinem Buch, sie seien „genau wie der Verfasser und die darin auftretenden Protagonisten, Gefangene der Zeit“. In dieser „Gefangenschaft“ nimmt sich Clark aber die intellektuelle Freiheit, die auch dieses Buch zu einem wahren Lesegenuss machen. Er macht sich – immer in der vielleicht vorläufigen Form des Essays – Gedanken und lässt seine Leser in einem eleganten, manchmal mit explosivem Witz überraschenden Stil an diesen klugen Gedanken teilhaben. Norbert Juraschitz hat das englische Original des Autors, der perfekt deutsch spricht und mit einer Deutschen verheiratet ist, glänzend übersetzt. 


In Berlin hatte er promovieren wollen und hatte auf Anregung von Wolfgang Wippermann zur protestantischen Mission unter den Juden in Preußen geforscht. Daraus ist ein Vortrag zum Thema „Jews, Liberalism, Antisemitism: The Dialectics of Inclusion (1780 – 1950)“ des Oxford Seminar in Advanced Jewish Studies entstanden, der in dem Buch abgedruckt ist. Er geht von der pietistischen Judenmission mit dem Mittelpunkt in Halle aus und führt weiter in die Zeit neupietistischer Aktivitäten im 19. Jahrhundert. Keiner dieser von „Mäzenen“ finanzierten Missionen war ein nennenswerter Erfolg beschieden. Aber der dahinterliegende theologische Gedanke der Eschatologie verwandelte sich dann in die mörderische Ideologie der Nazis. Heute seien es „jene untergetauchten, nicht mehr als religiös erkennbaren Bruchstücke des eschatologischen Narrativs, die jene säkularen antisemitischen Diskurse antreiben, in denen die jüdische Frage ein Thema von kosmischer Bedeutung bleibt.“


Als in England (Cambridge) lehrender Professor nimmt er die Schlacht bei Hastings im Jahre 1066 in den Blick. Der Sieg Wilhelms legte den Grundstein für die normannische Eroberung Englands.

 

Geschichtsschreibung entwickelt sich – wie wir hier exemplarisch sehen - immer vom Detail zur großen Erzählung. Deshalb ist auch die Erinnerung an „Leben und Tod des Generalobersten Blaskowitz“ ein besonderes Beispiel für dieses Entwickeln von Geschichte von den Details aus. Der hohe deutsche Offizier strengen katholischen Glaubens nahm im Krieg gegen Polen 1939 eine herausgehobene Stellung ein, die es von seinem soldatischen Ethos verlangte, die außerhalb seiner Befehlsgewalt von der SS und Polizeieinheiten verübten kriegsrechtswidrigen Gräueltaten zu verurteilen und „nach oben“ meldete und deren Beendigung zu verlangen – erfolglos, wie wir wissen. Seine Karriere war damit gestoppt, aber er bekam auch im besetzten Frankreich wieder leitende Funktionen. Er verhinderte weder die Deportation von Juden oder Geiselerschießungen noch die Hinrichtung von Deserteuren und wurde im Nürnberger Generals-Prozess angeklagt. Von einem britischen Offizier erfuhr er, der zwischen soldatischen Führer-Gehorsam und Kriegsrechts-Gewissen nie eindeutig Stellung bezog, dass er wohl mit einem Freispruch rechnen könne. Am Tage, als sein Prozess beginnen sollte, stürzte er sich im Nürnberger Militärgefängnis ins Treppenhaus und setzte seinem Leben selbst ein Ende.


In dem Essay „Psychogramme aus dem Dritten Reich“ setzt sich Clark u.a. mit der manchen irritierenden These seines Cambridger Kollegen Brendan Simms eingehend auseinander, der Hitlers neidischen und aggressiven Blick auf die USA in den Vordergrund von dessen Entscheidungen stellt. Ein Kabinettstück unter diesen intelligenten Essays bildet der vergnügliche Text „Von Bismarck lernen?“. In ihm skizziert er knapp und brillant den deutschen Reichskanzler, um ihm dann „einen gewissen Dominic Cummings“ gegenüber- oder besser an die Seite zu stellen. Der ist bekennender Bismarck-Verehrer und Chief Special Advisor von Premiermister Boris Johnson, also dessen höchster Berater. Clark entwirft fünf Punkte für ein fiktives Unternehmensstrategiebuch unter dem Titel Führung – Die Methode Bismarck und erfindet übermütig auch einen Namen für die fünf Punkte: „Ottos Mottos“. Auf solche Weise gelingt es Clark immer wieder auch in schwierigen Stellen, seine Leser mitzunehmen in die ernsteren Gedanken, die er sich – als Gefangener der Zeit und als brillanter Historiker macht.


Harald Loch


Christopher Clark: Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
DVA, München 2020   336 Seiten   12 s/w Abb.   26 Euro

 

Joe Biden - ein Porträt bei Suhrkamp

„Joe Biden ist zugleich der unglücklichste und der glücklichste Mensch, den ich kenne.“ Das sagt ein Weggefährte über den Mann, der bei der Präsidentschaftswahl 2020 Donald J. Trump herausfordert. Der vielfach ausgezeichnete Journalist Evan Osnos begleitet den Kandidaten der Demokratischen Partei seit Jahren und hat ihn immer wieder interviewt, zuletzt im Sommer 2020. Diese und weitere Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten wie Barack Obama bilden die Grundlage dieser brillanten Nahaufnahme des 1942 geborenen Biden, in dessen Werdegang sich die Veränderungen der politischen Kultur der USA spiegeln.


Mit gerade einmal 29 Jahren wurde der Sohn eines Autohändlers in den US-Senat gewählt. Seinen Amtseid legte er ab, nachdem er nur wenige Wochen zuvor seine erste Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren hatte. Nach Höhen und Tiefen führte ihn seine Karriere schließlich als Vizepräsident ins Weiße Haus. Joe Biden hat dramatische Schicksalsschläge und überraschende Wendungen erlebt. Vielleicht versetzt ihn gerade das in die Lage, eine zerrissene Nation zu einen, die Wunden der Trump-Ära zu heilen und einen neuen politischen Aufbruch zu ermöglichen. (SUHRKAMP)

 

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Elmar Theveßen:                                            Die Zerstörung Amerikas.                              Wie Donald Trump sein Land und die Welt für immer verändert


Nichts Neues über Donald Trump? Über keine Persönlichkeit der Gegenwart ist so viel veröffentlicht worden wie über den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wenn einer wie Elmar Teveßen jetzt die Bilanz seiner Präsidentschaft vorlegt, vielleicht auch nur die Bilanz der ersten vier Jahre seiner eventuell fortdauernden Präsidentschaft, darf das Publikum mehr als das Bekannte erwarten. Der Autor ist Studioleiter des ZDF in Washington, kennt das Land aus früheren Jahren und dürfte besonders nah an dem Geschehen in den USA stehen. Davon macht er aus ausgiebig Gebrauch in seinem Buch, das kein Mitleid mit dem amtierenden amerikanischen Präsidenten kennt. Theveßen zählt alle bekannten Schwächen, Verfehlungen und das Versagen an entscheidender Stelle auf. Aber alles das ist bekannt. Jetzt, kurz vor den Wahlen, das noch einmal aufzutischen, ist verdienstvoll, aber nicht neu. Der Autor stößt vehement in das Horn aller Trump-Kritiker und seiner Gegner. Das liest man gern, wenn man zu dieser in Deutschland riesengroßen Gruppe von Menschen zählt. Aber man lernt auch das Fürchten vor diesem „mächtigsten Mann der Welt“.


Der Gewinn dieses Buches liegt in der Untermauerung aller Anwürfe gegen Trump durch unverdächtige Gewährsleute, aber auch in den Stimmen derer, die ihn wieder wählen werden, der einfachen Leute, die sich vom liberalen Establishment und den Demokraten vernachlässigt fühlen. Die hört man nämlich aus dem lauten Chor der Trump-Gegner nicht. Teveßen hat die von Arbeitslosigkeit und Armut bedrohten Menschen auf einer längeren Reise durch mehrere Staaten gesprochen und entwickelt so etwas wie Empathie für sie. Er wirbt zwar nicht für Verständnis für deren frühere und voraussichtlich auch künftige Wahlentscheidung für Trump, aber er macht es für einen deutschen Leser plausibel, dass die Lügen und Versprechungen Trumps bei ihnen auf fruchtbaren Boden fallen.

 

Der Autor hat mit fundamentalistischen Evangelikalen gesprochen aber auch mit der konservativen Opposition gegen Trump in der Republikanischen Partei. Er fragt: „Aber was ist das eigentlich, der Konservatismus der republikanischen Partei, der offenbar im Trump-Wahn untergegangen ist? Es ist der Kern dessen, was die Idee Amerika über Jahrhunderte ausgemacht hat, die Überzeugung, dass jeder Mensch ein großes Potenzial in sich trägt, nach Freiheit, Sicherheit, Wohlstand und Glück strebt. Für dieses Streben soll Politik die Rahmenbedingungen schaffen, Chancen ermöglichen, ohne zu sehr in die individuelle Freiheit des Einzelnen einzugreifen.“ Die Minderheit von solch ehrenwerten Trump-Gegnern in seiner Partei hat keine Chancen.

 

Haben die vielen nicht konservativen Trump-Gegner denn eine Chance? Teveßen arbeitet die jahrzehntelange republikanische Strategie sehr nachvollziehbar heraus, die mit der Manipulation der Wahlkreiszuschnitte, mit der Besetzung von Bundesgerichten mit stramm konservativen Richtern bis zur generalstabsmäßigen Beeinflussung der Massen per Social-Media ein ganze Palette an demokratiefeindlichen, erdrutschartigen Demontagen der Demokratie bewirkte und so die Garantie für einen weiteren republikanischen Wahlerfolgt zu bieten scheint.


Das alles noch einmal zu wiederholen und auf den Punkt zu bringen, ist ein Verdienst des Buches. Wirklich sensationell ist die Aufstellung einer Chronik des Versagens von Trump in der Corona-Pandemie. Das konnte man so zusammengestellt und mit beißender Urteilskraft kommentiert noch nicht lesen und lohnt allein die Lektüre des Buches. So viel Unheil für Hunderttausende Corona-Opfer haben weder die Lügen noch der unerträgliche Narzissmus Trumps über die Menschen ergossen. Beim Thema des Ich-Menschen Trump überzieht der Autor vielleicht seine Kompetenz. Er zitiert den Polit-Psychologen Post, der Trump als gefährlichen Narzissten einstuft. Theveßen versucht sich dann als einer, der dieses Krankheitsbild d Präsidenten aus dessen Worten und Taten ableiten kann. Das können selbst erstklassige Journalisten wie Theveßen nicht und sie sollten es den Fachleuten überlassen.


Alles in allem ist „Die Zerstörung Amerikas“ ein alarmierendes Buch von hoher zeitgeschichtlicher Relevanz. Es ist zum Verständnis der Wahlentscheidung des amerikanischen Volkes und vielleicht auch noch für die nächsten vier Jahre einer Präsidentschaft Trump unerlässlich.


Harald Loch


Elmar Theveßen: „Die Zerstörung Amerikas. Wie Donald Trump sein Land und die Welt für immer verändert“
Piper, München 2020   

 

Der Raketenpionier aus Schäßburg

Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an.

1920 zieht es den jungen Hermann Oberth von Siebenbürgen nach Göttingen, um Physik zu studieren - die spannendste Wissenschaft der Zeit. Hermann will den Menschheitstraum von der Mondrakete verwirklichen. Als der Durchbruch nah ist, weisen seine Professoren ihn ab.

Seine lebenslustige Frau Tilla versucht, einen gemeinsamen Alltag als Familie zu ermöglichen, als doch jemand an Hermanns Forschung glaubt: Wernher von Braun, Mitglied der SS. Doch statt der Mondrakete soll Hermann die V2 mit entwickeln, eine „Vergeltungswaffe“ für die Nazis. Seine Kinder Ilse und Julius verliert er an den Krieg. Und so stellt sich ihm und auch Tilla mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung für die Geschichte. (dtv)

 

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Von der Außenwelt zur Innenwelt:              Peter Handke


Peter Handke wurde 2019 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er ist einer der umstrittensten und produktivsten Autoren der Gegenwart. Sein Bild in der Öffentlichkeit ist von Extremen geprägt: Hohepriester der Kunst, einsamer Mönch, Serbenfreund. Wie viel Wahrheit steckt hinter diesen Bildern? Auch sein Leben erscheint als Gratwanderung zwischen Extremen: zwischen Einsamkeit und Liebe, Menschenscheu und Ruhmsucht, Sprache und Politik, Traum und Welt. Malte Herwig führte lange Gespräche mit dem Dichter, dessen Verwandten, Weggefährten und Kontrahenten, und er erhielt Einsicht in unveröffentlichte Texte Handkes. So entstand eine aufschlussreiche und kontroverse Biographie. Um ein umfangreiches Kapitel und viele neue Fotos ergänzt und aktualisiert. Mit zahlreichen Abbildungen: unveröffentlichten Fotos, Faksimiles von Tagebuchseiten sowie Zeichnungen und Skizzen von Handke. Die einzige umfassende Biographie des umstrittenen Dichters. (Pantheon)

 

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Was ist eigentlich guter Stil im Buch ?

Was ist das Geheimnis des guten Stils, wie wird aus Sprache Literatur? Dieser Frage geht Michael Maar in seinem Haupt- und Lebenswerk nach, für das er vierzig Jahre lang gelesen hat. Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Wie müssen die Elementarteilchen zusammenspielen für den perfekten Prosasatz? Maar zeigt, wer Dialoge kann und wer nicht, warum Hölderlin über- und Rahel Varnhagen unterschätzt wird, warum ohne die österreichischen Juden ein Kontinent des Stils wegbräche, warum Kafka ein Alien ist und warum nur Heimito von Doderer an Thomas Mann heranreicht. In fünfzig Porträts, von Goethe bis Gernhardt, von Kleist bis Kronauer, entfaltet er en passant eine Geschichte der deutschen Literatur. (Rowohlt) 

 

Flüchtlinge sind wir alle 

Andreas Kossert, renommierter Experte zum Thema Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert und Autor des Bestsellers „Kalte Heimat“, stellt in seinem neuen Buch die Flüchtlingsbewegung des frühen 21. Jahrhunderts in einen großen geschichtlichen Zusammenhang. Immer nah an den Einzelschicksalen und auf bewegende Weise zeigt Kossert, welche existenziellen Erfahrungen von Entwurzelung und Anfeindung mit dem Verlust der Heimat einhergehen - und warum es für Flüchtlinge und Vertriebene zu allen Zeiten so schwer ist, in der Fremde neue Wurzeln zu schlagen. Ob sie aus Ostpreußen, Syrien oder Indien flohen: Flüchtlinge sind Akteure der Weltgeschichte - Andreas Kossert gibt ihnen mit diesem Buch eine Stimme. (Siedler)

 

Heinrich und Götz George               Zwei Leben 

 

Selten war ein Verhältnis von Vater und Sohn so innig und so komplex – obwohl sich die Lebenszeit beider kaum überschnitt: Heinrich George herrschte seit den 1920ern als Berliner Theaterkönig, spielte unter Bertolt Brecht, in der Filmlegende «Metropolis» und den unvergesslichen Franz Biberkopf in «Berlin Alexanderplatz». Im Dritten Reich führte er seine Karriere zu neuen Höhen, ließ sich für Propaganda einspannen; er starb 1946 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen. Der Sohn Götz war da acht Jahre alt, doch mit dem Vater beschäftigte er sich zeitlebens – dem widersprüchlichen Künstler, dem er auf eigene Weise nachfolgte. Götz George spielte in Karl-May-Streifen, dann in «Schtonk» oder «Rossini», in denen sich die Republik spiegelte, glänzte in Charakterrollen wie in «Der Totmacher». Als «Schimanski» wurde er zum beliebtesten deutschen Fernsehkommissar und zum Prototyp des neuen Manns, der auch verletzlich sein durfte.

Eine außergewöhnliche, bewegende Vater-Sohn-Geschichte – und die große Doppelbiographie zweier prägender Schauspielkünstler des 20. Jahrhunderts. (Rowohlt Berlin) 

 

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Deutscher Buchpreis 2020 für Heldinnenepos

 


Gewiss, sie ist eine Heldin. Anne Beaumanoir hat ihr Leben in der Résistance aufs Spiel gesetzt. Sie hat während der deutschen Besetzung versteckten Juden Unterschlupf gewährt. Ihr Heldenmut ist in Yad Vashem beglaubigt. Später hat sie, die als Französin gegen die ihr Land besetzenden Deutschen gekämpft hat, nicht akzeptieren wollen, dass ihr eigenes Land Algerien besetzt und unterdrückt. Sie hat dem FLN in Frankreich verbotene, geheime Dienste geleistet. Sie ist in Abwesenheit in ihrer Heimat dafür zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dem unabhängig gewordenen, jungen Staat Algerien hat sie – inzwischen Neurobiologin und Ärztin – im noch nicht funktionierenden Gesundheitsministerium unschätzbare Leistungen erbracht. Ihr wurde von Ben Bella persönlich die algerische Staatsangehörigkeit übertragen, die sie neben ihrer französischen bis heute behält, obwohl sie nach Ben Bellas Sturz aus dem Land fliehen musste. Sie war Kommunistin. An der Richtigkeit von allem, was sie tat, hat sie gezweifelt, sich aber immer für die Seite entschieden, die ihr gerechter erschien. Sie lebt heute – sechsundneunzigjährig – in Südfrankreich. Dort ist ihr Anne Weber begegnet.


Die ist 1964 in Offenbach geboren und lebt seit vielen Jahren in Paris. Sie schreibt auf Deutsch und auf Französisch, war in Klagenfurt erfolgreich, übersetzt und hat wichtige Preise gewonnen. Aus der Begegnung mit der greisen Heldin und Widerständlerin qua Natur hat sie ein bemerkenswertes Buch verfasst: „Annette, ein Heldinnen-Epos“. Der Lauf des immer gefährdeten, mutig sich keine Bewährungsprobe entziehenden Lebens, wäre Stoff genug für einen dickleibigen Roman. Anne Weber hat ein besseres Format gewählt: Sie hat ein knappes Epos geschrieben, ein „Heldinnen-Epos“ eben – was sonst. Das Epos, eine in erzählenden Versen verdichtete Biographie, ist genau die richtige Form der Hommage an eine Frau, die sich konsequent für das ihr richtig erscheinende entschieden hat. Die Autorin nimmt sich – bei aller Empathie für ihre Annette Beaumanoir – zurück. Sie mischt sich nur gelegentlich in den Gang der Lebensgeschichte ein. Ganz wie in den antiken Epen. Sie relativiert dann die Entscheidungen ihrer Heldin behutsam als „Allwissende“ und ex post ohnehin Schlauere. Aber sie lässt Annette ihre eigenen Zweifel, die sie ehren. 


Für alles das gebietet Anne Weber über eine Sprache und über Stilmittel, die bezaubern, überzeugen und der Heldin dieses modernen Epos so gerecht werden, wie es Worte überhaupt können. Der ausnehmend schöne Text steht  in angemessenem Flattersatz, der die angedeutete Versstruktur des Ganzen unterstreicht, die immer mitschwingende Poesie einer ernsten und oft mörderischen Erzählung. Natürlich ist das alles spannend, oft hochdramatisch, immer lebensgefährlich. Aber es ist nicht die langweilige Spannung sogenannter Spannungsliteratur, sondern die poetische Fassung eines ganz außergewöhnlichen, heldenhaften und irgendwie auch beispielhaften Lebens.


Harald Loch


Anne Weber: „Annette, ein Heldenepos“
Matthes & Seitz, Berlin 2020    208 Seiten   22 Euro

 

 

Anne Weber - Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber wurde 1964 in Offenbach geboren und lebt seit 1983 in Paris. Sie hat sowohl aus dem Deutschen ins Französische übersetzt (u.a. Sibylle Lewitscharoff, Wilhelm Genazino) als auch umgekehrt (Pierre Michon, Marguerite Duras). Ihre eigenen Büchern schreibt sie sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache. Ihre Werke wurden u. a. mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis, dem 3sat-Preis, dem Kranichsteiner Literaturpreis und dem Johann-Heinrich-Voß-Preis ausgezeichnet. Beim S. Fischer Verlag sind u.a. erschienen: Luft und Liebe, Ahnen und Kirio. Bei Matthes & Seitz Berlin sind ihre Übersetzungen der Werke von Georges Perros erschienen: Luftschnappen war sein Beruf und Klebebilder. Für ihr Buch Annette, ein Heldinnenepos wurde Anne Weber mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet.

 

 

Begründung der Jury


"Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen: Es ist atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt und mit welcher Leichtigkeit Weber die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir zu einem Roman über Mut, Widerstandskraft und den Kampf um Freiheit verdichtet. "Annette, ein Heldinnenepos" ist eine Geschichte voller Härten, die Weber aber mit souveräner Dezenz und feiner Ironie erzählt. Dabei geht es um nichts weniger als die deutsch-französische Geschichte als eine der Grundlagen unseres heutigen Europas. Wir sind dankbar, dass Anne Weber Annette für uns entdeckt hat und von ihr erzählt."

 

 

Pressestimmen

 

 

»Ein Leseglück von Anfang bis Ende.«
– Joseph Hanimann, Süddeutsche Zeitung

 

»[K]lug und lehrreich und sicher eines der besten deutschsprachigen Bücher dieses seltsamen Jahres.«– Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel

 

»Was für ein Leben. Was für eine Frau. Und ja - was für ein Buch.«
– SWR2 lesenswert, Buch der Woche

 

»Großartig! Anne Weber hat mal wieder ein literarisches Experiment unternommen und sie hat eine faszinierende Person gefunden, über die es sich wirklich zu schreiben lohnt.« – Anja Brockert, SWR 2

 

»Diese von Ambivalenzen, Zweifeln und Paradoxien geprägte Suchbewegung machen Anne Webers im besten Sinne unorthodoxes Versepos über das Leben einer Freiheitssucherin im permanenten Widerstand zu einem literarischen Ereignis.« – Michael Braun, ZEIT online

 

» ›Annette‹ ist ein weises Epos. Es sieht die Dinge nicht so eng – aber es lässt auch nichts einfach so durchgehen, weder seiner Heldin noch uns. So unwahrscheinlich das auch klingen mag: Vielleicht liegt die Zukunft unserer Gegenwarts­literatur ja im Versepos.« – Moritz Baßler, taz

 

»Das Epos, eine in erzählenden Versen verdichtete Biografie, ist genau die richtige Form der Hommage an eine Frau, die sich konsequent für das ihr richtig erscheinende entschieden hat. (…) Für alles das gebietet Anne Weber über eine Sprache und über Stilmittel, die bezaubern, überzeugen und der Heldin dieses modernen Epos so gerecht werden, wie es Worte überhaupt können.« – Harald Loch, Die Rheinpfalz

 

»Anne Weber ist eine großartige Erzählerin, die immer wieder neue Formen für neue Themen sucht, deren Prosa in ihrem Ausdruck und Bilderreichtum oft nah an der Lyrik ist.«
– Cornelia Geißler, Berliner Zeitung 

 

 

 

Politiker und ihre Hobbys –                             ein Reporter im Selbstversuch 

SPIEGEL-Autor Marc Hujer hat hinter das öffentliche Bild deutscher Spitzenpolitiker geschaut – und Menschen entdeckt, die fernab der Öffentlichkeit mitunter überraschende Hobbys pflegen. Beim Pralinenherstellen mit Anton Hofreiter, auf dem Tanzparkett mit Katrin Göring-Eckardt oder beim Crossfit-Training mit Lars Klingbeil lernt er neue Seiten des vermeintlich bekannten Personals der deutschen Politik kennen – und erlebt es weniger kontrolliert, weniger inszeniert, unmittelbar und ungewohnt. (DVA- SPIEGEL Buchverlag)

 

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Henry Kissinger WÄCHTER DES IMPERIUMS

 

Henry Kissinger, ein Scheinriese, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Auf diesen Nenner lässt sich sein politisches Denken und Handeln bringen. Zugleich verstand er es, sich zur Marke in Übergröße zu machen, egal, ob als Sicherheitsberater zweier amerikanischer Präsidenten, als Außenminister, Elder Statesman, Bestsellerautor, Politikberater oder Orakel. Sich immer im Gespräch zu halten, war und ist Kissingers größter Erfolg. Gestützt auf eine Vielzahl unbekannter Quellen, rekonstruiert Bernd Greiner das Leben eines Mannes, der für die Macht lebte und in die Geschichte eingehen wollte – mit allen Mitteln und um fast jeden Preis.


C.H.Beck

Geert Mak: Große Erwartungen                          Auf den Spuren des Europäischen Traums    1999 – 2019

Mit seinem hochgelobten Werk »In Europa« hat GEERT MAK die Geschichte unseres Kontinents im katastrophenreichen 20. Jahrhundert virtuos erzählt und damit einen Klassiker der Geschichtsschreibung vorgelegt, der zum internationalen Bestseller wurde. 

Daran knüpft er nun an mit seinem neuen Buch »Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums (1999-2019)«. Es erscheint heute, am 31. August, im Siedler Verlag. 

Angesicht eines desorientierten und gespaltenen Europas fragt sich Mak: »Was ist beim turbulenten Start ins 21. Jahrhundert mit der europäischen Welt geschehen?«

 

15 Jahre nach »In Europa«: Auf seiner neuen Reise durch den Kontinent spürt Mak dem alten europäischen Traum – Frieden, Demokratie, Wohlstand – nach, der immer mehr zum Albtraum wird. Von den Küsten Lampedusas bis zu Putins Moskau, vom störrischen Katalonien bis zu den muslimischen Vororten Kopenhagens: Unser Kontinent ist zum Zerreißen gespannt. Was ist, dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, aus dem alten europäischen Traum – Frieden, Freiheit und Wohlstand – geworden, der immer mehr zum Albtraum wird? Geert Mak, der geniale Erzähler unter den Historikern unserer Zeit, schrieb 2005 mit seinem Buch »In Europa« einen Klassiker – ein Reisebericht, zugleich die Bestandsaufnahme Europas am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts, samt all der Euphorie zu Beginn des neuen Millenniums. 
Wo stehen wir heute, zwanzig Jahre später? Was ist aus den großen Erwartungen geworden? Wie keinem Zweiten gelingt es Mak, das fragile Wesen Europas zu ergründen, es in zahllosen Geschichten sichtbar und sinnlich wahrnehmbar zu machen. Und den Menschen dieses Kontinents eine Stimme zu verleihen. (Siedler)

 

Rezension

Die Computer sind am ersten Tag des 21. Jahrhunderts nicht abgestürzt. Viele hatten das befürchtet. Aber die ersten zwanzig Jahre dieses 3. Jahrtausends haben andere, unerwartete Abstürze erlebt. Von den Twin Towers in New York bis zu der Weltwirtschaftskrise mit milliardenschweren Bankenrettungen, dem Zusammenbruch europäischer Volkswirtschaften oder dem Abschuss einer aus Malaysia nach Amsterdam fliegenden Boeing 777 von ost-ukrainischem Boden aus.

Nachzulesen ist das in dem vorzüglichen Buch „Große Erwartungen“ des niederländischen Publizisten Geert Mak. Für früheres Werk hatte er 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. Auch in diesem neuen Buch verständigt er sich über die letzten 20 Jahre in Europa durch intensive Reisen, die ihn von Kirkenes hinter dem Nordkap an der norwegisch-russischen Grenze bis an viele angesagte und abgelegene Orte Europas führten. Er trifft überall Menschen, manche kennt er schon seit vielen Jahren, aus deren Perspektive das Buch erzählt wird. Das ist abwechslungsreich, dramaturgisch gekonnt und glänzend geschrieben.

Ein Kabinettstück dieser Art, Zeitgeschichte zu schreiben, gelingt ihm in dem „Stevens“ überschriebenen Kapitel. Der war in leitender Stellung bei der belgisch-niederländischen Fortis Bank tätig und kommt gleich zur Sache: „Moral? So böse sich das auch anhört, es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Banken etwas wie Moral kennen.“ Stevens entwickelt auch in dem nächsten Kapitel „Brothers“ ein großartiges Binnenpanorama der Bankenwelt im Jahr der großen Krise 2008. „Es war ein Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Union“, sagt dieser Manager und Geert Mak führt die Geschichte dieser Krise souverän und verständlich zu dem Ende, an dem die Steuerzahler in den europäischen Länder unverstellbare Summen zu Rettung ihrer „systemrelevanten“ Banken zu zahlen hatten, deren Fehl-Manager aber statt vor den Kadi an den Bankschalter traten, um ihre Bonusgewinne abzuheben.

 

Selten hat man diese einschneidende Katastrophe so genau analysiert gelesen, der weitere folgen sollten. Die Euro-Krise, Griechenland, Brexit, die massenhafte Immigration in das immer noch für viele attraktive Europa, das sich weigerte, den Staaten, die am meisten darunter zu leiden hatten, die Flüchtlinge nach den von allen beschlossenen Regeln der Gemeinschaft abzunehmen.

 

 

ZITAT

 

"Man hatte einmal geglaubt, die westliche Freiheit und Demokratie würden langsam den Osten und den Rest der Welt erobern. Inzwischen scheint die Entwicklung eher in die andere Richtung zu gehen. Europa ist desorientiert, gespalten und geschwächt. Russland ergreift jede Gelegenheit, neue Zwietracht zu säen, China nutzt die entstehenden Lücken, um die Europa sich nicht kümmert, ob in Mitteleuropa oder auf dem Balkan und in Griechenland. Weiter im Westen gibt es nun einen amerikanischen Präsidenten, der im Großen und Ganzen die gleiche Destabilisierungspolitik betreibt wie die Russen und der innerhalb kurzer Zeit die Regeln und Institutionen der Nachkriegsweltordnung aushebelt. Der New-York-Times-Kolumnist Roger Cohen drückte es so aus: Die alte transatlantische Welt des späten 20. Jahrhunderts sei »gone, man, solid gone«."

 

 

Politikverdruss, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, Populismus – alles Folgen eines die Menschen nicht mehr demokratisch beteiligenden Krisenmanagements der Regierungen, der fehlenden Legitimität des erst allmählich mit mehr Rechten ausgestatteten Europäischen Parlaments. Geert Mak sieht das alles als Zeitzeuge, beschreibt, was er sieht und erfährt. Aber was es für den „Europäischen Traum“ bedeutet, welche Folgen das alles – auch die positiven Entwicklungen, die er beschreibt – in der Zukunft haben wird, das legt er in die Beurteilung einer von gedachten jungen Historikerin, die in 50 Jahren diese beiden Jahrzehnte nicht als Zeitgeschichte betrachtet: „Meine junge Historikerin hat dank des zeitlichen Abstands einen guten Überblick. Ich nicht. Ich beneide sie“, schreibt Mak. Mit dieser leider nicht in allen zeitgeschichtlichen Darstellungen anzutreffenden Bescheidenheit, stellt der Autor einerseits sein Licht etwas unter den Scheffel und gewinnt andererseits Freiheit für seine Urteilskraft. Die setzt er gnadenlos ein, wenn er den Finger auf verschuldete und verschwiegene Fehlentwicklungen legt. Seine Kritik an den unsolidarischen europäischen Pfennigfuchsern vor allem aus seiner niederländischen Heimat fällt bissig aus.

 

ZITAT

 


"Brüssel ist eine Blase oder, besser gesagt, eine endlose Folge von Blasen nah beieinander. Es ist eine gequälte Stadt, und in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten ist alles nur noch schlimmer geworden." 

 

Ebenso lässt er an den Auswahlmethoden der jährlich neu zu bestimmenden „Kulturhauptstadt“ Europas kein gutes Haar wie auch an der Lobbyarbeit der Automobilindustrie, die jahrelang den Dieselschwindel unter der Decke halten konnte, als längst alle wussten, dass da geschummelt und betrogen wurde. In einem für die deutsche Ausgabe hinzugefügten Epilog 2020 behandelt er sachkundig und unaufgeregt die Covid-19 Pandemie. „Einer meiner Lehrmeister, der amerikanisch-ungarische Historiker John Lukacs, meinte bereits vor einem Vierteljahrhundert, das 20 Jahrhundert könne unter Umständen die Endphase von fünf Jahrhunderten bürgerlicher Kultur, europäischer Aufklärung und Demokratie sein.

 

 

Zitat

 

"Zur journalistischen Brüsseler Blase gehört von jeher ein hohes Maß an Loyalität. Eine kritische Haltung, eigentlich die Grundlage jeder journalistischen Tätigkeit, galt in Brüssel jahrelang als eher unangebracht. Die EU sollte unbedingt erklärt und verteidigt werden. Diese Art von Obrigkeitstreue ist vor allem nach dem Chaos der Euro-und der Flüchtlingskrise verschwunden. Doch immer noch bewegen sich die meisten Journalisten vor allem im Kreis von Landsleuten und interessieren sich oft ausschließlich für die Briefings."

 

 

Zum ersten Mal befürchte ich, dass mein alter Freund recht bekommen könnte.“ Er schließt mit einem schönen Wort an die junge Historikerin: „Liebe Freundin, ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.“
 

Harald Loch

 

Geert Mak: Große Erwartungen. Auf den Spuren des Europäischen Traums (1999 – 2019)

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

Siedler, München 2020   640 Seiten   38 Euro

Interview mit Geert Mak

Was war Ihre größte Hoffnung, die Sie mit Europa verbunden haben?

 

Meine Motivation, mich mit Europa zu beschäftigen, basiert weniger auf Erwartungen. Ich sehe den europäischen Einigungsprozess in erster Linie als eine dringende Notwendigkeit, die einzige Möglichkeit für Europäer, die großen Probleme des 21. Jahrhunderts - Klima, internationale Machtverschiebungen - in gewissem Maße zu bewältigen.

 

Was ist dagegen Ihre größte Enttäuschung?

 

Man kann nicht direkt von Enttäuschungen sprechen. Ich sehe, wie die EU in all den Krisen der letzten Jahre gewachsen ist und sich weiterentwickelt hat. Gleichzeitig bleibt es ein extrem gespaltenes Unternehmen, und das nationale Denken dominiert weiterhin, selbst wenn es um offensichtliche gemeinsame Probleme wie die Einwanderung geht.

 

 

Woher kommen die Widersprüche, einerseits lieben die Menschen Europa, genießen die freien Grenzen, andererseits gehen sie auf die Strasse und brüllen Hassparolen dagegen?

 

Dass die Menschen auf der einen Seite der EU in vielerlei Hinsicht davon profitieren und auf der anderen Seite dagegen protestieren, hat alles damit zu tun, dass einige nationale Politiker die Szene nur für sich behalten wollen. Was gelingt, wurde - von einem sehr menschlichen Merkmal - übernommen, was gescheitert ist, liegt an Brüssel. Diese permanente Anti-Propaganda hat uns zum Teil den Brexit beschert.

 

Europa ohne Großbritannien verliert an Macht und Einfluss, von Putin und Trump nicht ernst genommen, sehen Sie eine Chance der europäischen Revitalisierung?

 

In all der Unsicherheit dieser Zeit fühlen sich viele Menschen auch unsicher, ignoriert, gedemütigt und nicht gesehen. Die Wut, die dies hervorruft, sollte nicht unterschätzt werden, der ethnische Nationalismus wird sehr attraktiv und die internationale EU ist ein leichter Sündenbock.

 

Europa ist ein Wirtschaftskonstrukt und durch viele Krisen gegangen, welche Zukunft blüht dem europäischen Kontinent?

 

Die EU muss sich daran gewöhnen, neben China und Amerika eine wichtige politische Kraft zu sein und sich entsprechend neu zu organisieren. Die Frage ist jedoch, ob dies in allen Geschäftsbereichen gelingen wird. Eine flexiblere EU hat als Organisation größere Überlebenschancen. Europa besteht einfach aus vielen verschiedenen Kulturen, das ist genau das Merkmal Europas. Eine übermäßig erzwungene Einheit kann auf lange Sicht nicht aufrechterhalten werden.

 

 

Geert Mak, geboren 1946, ist einer der bekanntesten niederländischen Publizisten und gehört zu den wichtigsten Sachbuchautoren des Landes. Zuletzt erschienen von ihm bei Pantheon »In Europa« (2007), »Die Brücke von Istanbul« (2007), »Was, wenn Europa scheitert« (2012) und »Wie Gott verschwand aus Jorwerd« (2014). Für sein Werk erhielt Geert Mak 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 

TAGEBUCH DER LEIDEN

Iljoma Mangold führt ein politisches Tagebuch und notiert darin die Ereignisse unserer Gegenwart. Er beschreibt, was er auf der Weihnachtsfeier der „Zeit“ und am Rande der Berlinale erlebt, dass sein Sportlehrer sich nie angeschnallt hat und warum Greta ihn triggert. Im Januar erklärt Helena, eine russlanddeutsche Bekannte, ihm ihren Feminismus, im Februar denkt er über das Wahlergebnis in Hamburg nach, im März stellt er fest, dass der „Decamerone“ bei Dussmann ausverkauft ist. Wegen Corona. Verwundert blickt er auf die, denen einerseits „Tugendterror“ oder „Multikulti-Romantik“, andererseits „Agism“ oder „Faschismus“ leicht von den Lippen gehen. Deutlich wird bei seinen Begegnungen, dass die Basis, auf der wir jeden Tag Urteile fällen und Entscheidungen treffen, schmal und schwankend ist. Und doch ist sie alles, was wir haben.

 

Die alte Eindeutigkeit ist aus der Politik verschwunden. Sie wurde ersetzt durch Reflexe und Schnappatmung, durch Wut und Widersprüchlichkeit. Doch gerade dieses Unreflektierte, die Affekte, der Stammtisch, der permanent nur für uns selbst in uns zu hören ist, ist das, so Mangold, was das Politische im Tiefsten ausmacht. Wie wir zu Meinungen kommen, wie wir es uns gemütlich einrichten mit ihnen und wie wir sie im besten Fall auch mal wieder loswerden – darum geht es in diesem Buch der Selbstbeobachtung. Es ist ein Text der Zeitdiagnostik entstanden, der eine Darstellung des politischen Gegenwartstheaters durch einen aufmerksamen Insider ist und gleichzeitig eine politische Anthropologie. (Rowohlt) 

 

Also schon am Anfang macht der Intellektuelle IIjoma Mangold klar, auf welcher Augenhöhe und Ohrenhöhe er mit uns sprechen will, keine geringere als Hannah Arendt muss es sein, die das Buchmotto vorgibt: „Und dies Mit-sich-selbst-Sprechen ist ja im Grunde das Denken.“ 

 

Der Autor führt also ein Selbstgespräch, legt es in Tagebuchnotizen nieder – auf Empfehlung des Verlegers Alexander Fest - und lässt uns als Leser an seinen Gedankensprüngen, Ideen, Eingebungen, Vorurteilen, Reflexen des Alltags teilhaben. Mit seinen Monologen tritt er in einen Dialog mit dem Leser. 

 

Mangold liebt die „Gegenposition“, die er zuweilen als Rollenmodell einnimmt, um nur mal eben dagegen zu sein. Das ist reizvoll auch bei Partygesprächen. 

Was will Mangold uns mitteilen mit diesem Buch? Dass das Urteilen aus vielen einzelnen Puzzleteilchen besteht: Reflexen, Emotionen, Affekten, weltanschaulichen Überzeugungen und politischen Urteilen. 

 

Das will Mangold eben genauer begreifen: „Wie ticke ich als politischer Bürger?“ Da ist nicht immer Vernunft, da ist eben auch Gefühl, zum Beispiel Wut. 

Ob Greta oder Boris, also Thunberg oder Johnson, Flüchtlingsthematik oder ZEIT-Redakteurskonferenz, Mangold gibt den Bundesliga-Fußballer, er ist für sein Tagebuch jeden Tag fokussiert und sieht wie durch ein Brennglas die bundesdeutsche Wirklichkeit, wie sie ist, wie man sie fühlt und was man über sie denkt. 

Da kommen dann solche Wahrheiten ans Tageslicht wie die folgenden: „Doch der Abschied von politischen Irrtümern ist eine zweischneidige Sache - der Irrende hängt ja an seinen Irrtümern, er hält sie für seinen Charakter.“ Oder: „Ich glaube, das Gegenteil ist wahr. Genau das.“ 

 

Mangold interessiert das Unreine, Unreflektierte, Instinkthafte, diese Affekte und Ressentiments, diese schlechten Angewohnheiten, eben der innere Stammtisch, das Vegetative des Politischen, das Reiz-Reaktionsschema, Reaktionsweisen, die im aktuellen Journalismus ja auch zu den „gefühlten“ Fragen führen. Und wie geht’s dem ehemals mündigen Wahlbürger dabei: „Die Haupteigenschaften des zoon politikon sind Vergesslichkeit, Wehleidigkeit, Stimmungshaftigkeit, ADHS und schneller Überdruss“. 

 

Die Themenpalette ist Cinemascope: „Hate Speech“, Reformstau, Alltagsrassismus, Impeachment, Flüchtlingsströme, Gutmenschen und Bösmenschen, Rechtsterror, Landflucht, Handke-Flüche, Hirnforscher, Talkshowgequatsche, Literaturwissenschaft, Radfahrererlebnisse, Brexit-Wahnsinn, Partyspeech, Intercityerlebnisse und Flugscham, social distancing „and“ Netflix.

 

Ein Buch wie ein politischer Jahresrückblick ohne Bilder, aber dennoch sehr farbig und zugleich auch grau in grau, so wie der deutsche Alltag eben auch zuweilen ist. Kant und seine verdammte Vernunftbegabung ist out. Das „Gefühlige“ ist in. 

In die Tiefen des Psychologischen dringt Mangold allerdings nicht vor, will er auch gar nicht, er bleibt bei seinen Beobachtungen und zieht seine Schlüsse daraus. Eine Art Phänomenologie des Gegensätzlichen und Widersprüchlichen.

 

Zusammengefasst in dieser fernöstlichen Grundweisheit: 

 

„Im Zen-Buddhismus gibt es ein koan, das lautet: 

Der Mensch geht über die Brücke.

Unter der Brücke fließt der Fluss.

Der Mensch geht nicht über die Brücke.

Unter der Brücke fließt kein Fluss.

Näher wird man der Wahrheit nicht kommen.“

 

Fast ist man versucht, an diese Stelle ein Schrödersches Polit-Basta zu setzen. Also bitte, BASTA! Und wer nicht weiß, was das heißt, hier die Erklärung: Genug! (italienisch: basta!), das ist ein Ausruf, der eine Diskussion beenden soll (Wikipedia). Also, auch hier Ende der Diskussion…  

 

Ijoma Mangold, geboren 1971 in Heidelberg, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und Bologna. Nach Stationen bei der „Berliner Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“ wechselte er 2009 zur Wochenzeitung „Die Zeit“, deren Literaturchef er von 2013 bis 2018 war. Inzwischen ist er Kulturpolitischer Korrespondent der Zeitung. Zusammen mit Amelie Fried moderierte er die ZDF-Sendung „Die Vorleser“. Außerdem gehört er zum Kritiker-Quartett der Sendung „lesenswert“ des SWR-Fernsehens. 2017 erschien „Das deutsche Krokodil“. Mangold lebt in Berlin.

 

Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei


Darf man Heuchler ermorden? Vier Anschläge in Athen mit sechs Toten werfen die Frage konkre auf. Aber wer erteilt die Antwort? Die Verbrechen sind das Ermittlungsprogramm für Kostas Charitos, den Leiter der Mordkommission. Ungewöhnliche Täter, völlig aus dem Rahmen fallende Bekennerschreiben, irgendwie nachvollziehbare Motive. Der Erfinder dieses neuen Krimis um den Kommissar legt den Finger auf die Wunde der griechischen Realität, lässt so etwas wie kritische Sympathie mit den noch unbekannten Tätern zu, übt Gesellschaftskritik aus einem klammheimlichen Einverständnis mit den Opfern dieser Realität. Das ist gewagt. Petros Markaris nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die griechische Gesellschaft, ihre Ungerechtigkeit und ihre soziale Grausamkeit zu geißeln. Aber er lässt auch seinen Ermittler nicht daran zweifeln, dass Mörder gefasst und dingfest gemacht werden müssen. Das Leben zählt am meisten. Für Kostas Charitos besonders, da er mitten in der Anschlagserie Großvater wird und sich in seiner Familie alles um den neuen Menschen dreht.


Ein superreicher Hotelier wird mit einer Autobombe umgebracht. Er gilt als erfolgreicher Geschäftsmann, der wohltätig ist und sogar eine Hotelfachschule unterhält, in der er mittellose junge Leute kostenlos ausbildet. Es kommt ans Licht, dass der Sitz seines Unternehmens auf den Caymaninseln liegt – steuerfrei. Sein erfahrenes Hotelpersonal wirft er raus und besetzt die Stellen neu – und billiger – mit den jungen Absolventen seiner Hotelfachschule. Auf dieselbe Weise stirbt der Leiter der Arbeitsmarktstatistik, der Geringverdienende nicht mehr zu den Arbeitslosen rechnet. Ein hoher Beamter aus dem Finanzministerium muss zusammen mit zwei von der EU entsandten Kontrolleuren dran glauben. Sie haben den Anstieg der griechischen Konjunktur bescheinigt, der aber nur den Reichsten zugutekommt. Bei einem vierten Anschlag gibt es eine Panne und statt des gemeinten Opfers muss ein Parkplatzwächter dran glauben. Weil sie keine Unschuldigen ermorden wollen, erklären die immer noch unbekannten Täter in einem Bekennerschreiben, dass sie damit aufhören. Aber wer sind sie?


Kostas Charitos und sein kleines, verschworenes Team tasten sich mühsam durch unbekanntes Dickicht. Kriminaltechnik hilft wenig. Ein persönlicher Freund des Kommissars, Leiter eines Obdachlosenheims und bekennender Linker, steuert ein paar Ideen und Kontakte bei, die die Ermittlungen auf den Kreis der von den Heuchlern Geschädigten richtet. Aber auch da wird man zunächst nicht fündig. Wegen der beiden ermordeten EU-Kontrolleure entsendet Europol einen deutschen Kommissar zu Unterstützung, der sich beeindruckt von der Arbeit der Athener Ermittler zeigt. Auch er entpuppt sich als Heuchler, der nur an seine Karriere denkt. In dem ganzen Stress kommt Kostas viel zu selten dazu, seinen gerade geborenen Enkel zu sehen. Dessen Eltern haben ihm den Namen „Lambros“ gegeben, wie auch der Leiter des Obdachlosenheims heißt. Der war zu Zeiten der Junta als Kommunist ins Gefängnis gesteckt worden und der damals noch ganz junge Kostas Charitos war sein Aufseher, ein Anständiger. Seitdem sind sie eng befreundet und der Namensvetter des Enkels gehört gleichsam zu Kostas Familie. Das ist der Geist, den Petros Markaris in seinem Roman wehen lässt, das ist die Dialektik zwischen dem Ekel vor der Heuchelei und dem Mordverbot.


Harald Loch

 

Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul, ist Verfasser von Theaterstücken und Schöpfer einer Fernsehserie, er war Co-Autor von Theo Angelopoulos und hat deutsche Dramatiker wie Brecht und Goethe ins Griechische übertragen. Mit dem Schreiben von Kriminalromanen begann er erst Mitte der neunziger Jahre und wurde damit international erfolgreich. Er hat zahlreiche europäische Preise gewonnen, darunter den Pepe-Carvalho-Preis sowie die Goethe-Medaille. Petros Markaris lebt in Athen.
 
Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei    Ein Fall für Kostas Charitos
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger
Diogenes, Zürich 2020   390 Seiten   24 Euro

 

Interview mit Petros Markaris

 

Allgemein wird behauptet zu viel Politik in einem Krimi tötet die Spannung. Sie beweisen das Gegenteil? 


Es geht weder um zu viel noch um zu wenig Politik. Was ich sehe ist eine Aufführung inszeniert vom Finanzsystem mit den Politikern als Schauspieler auf der Bühne. Fast jeden Tag fragen wir uns ob die eine oder die andere Nachricht stimmt, oder ob sie eine falsche Nachricht, also „fake news“ ist. Diese falschen Nachrichten sind aber ein Produkt der falschen Realität, der „fake reality“ in der wir teilweise leben. Alle vier oder fünf Jahre wählen wir die Politiker, also die Schauspieler auf der Bühne, aber der Regisseur, das Finanzsystem, stellt sich nicht zur Wahl. Das ist die absolute Heuchelei.


Ist denn die so genannte Finanzkrise in Griechenland bewältigt oder gibt sie noch genug Stoff für einen Plot her?


Der Roman „Zeiten der Heuchelei“ wurde 2019 abgeschlossen und ist zum Teil ein Kommentar auf die Bewältigung der Finanzkrise von 2010. Wer kümmert sich aber heute um die Finanzkrise von 2010? Die „Corona“-Krise, die wir jetzt erleben, ist viel schlimmer. Sie ist nicht auf Griechenland beschränkt, sondern umfasst die ganze Welt. Sie kann auch nicht mit Memoranden und einer Troika bewältigt werden, wie die griechische Finanzkrise. Diese Krise wird die sozialen Unterschiede weltweit prägen, mit verheerenden Folgen.


Auch EU-Kontrolleure müssen in Ihrem Roman sterben, das könnte als Europafeindlichkeit ausgelegt werden.


Nein. Das Motiv ist nicht die Europafeindlichkeit, sondern die blinde Wut der Verzweiflung. Ich darf aber nicht näher auf diese Frage eingehen, weil ich sonst die Täter enthüllen würde.


Sie schicken ihren Kommissar Charitos zum 12. Mal ins Ermittlungsrennen, ist er noch nicht mordsmüde?


Warum sollte er müde sein? Er hat sogar die lang ersehnte Beförderung bekommen und ist zufrieden.


Sie haben Brecht ins Griechische übersetzt, welches Werk oder welches Zitat gefällt ihnen am besten?


Ich lese oft aus dem Werk Bertolt Brechts, besonders seine Lyrik. Aber ich werde zwei Zitate erwähnen, die auch zu den Zeiten der Heuchelei sehr gut passen. Das erste stammt vom Räuber Macheath aus der Dreigroschenoper: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Das zweite ist von Pierpont Mauler, dem Fleischkönig, im Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe: „Mein Geld will ich und mein Gewissen rein.“


Kann man von deutschen Krimiautoren etwas lernen, oder ist deutsche „Mentalität“ in Ermittlungen eher hinderlich?


Der Lernprozess zwischen Autoren ist eine sehr persönliche Beziehung. In der Regel weiß man nicht, wer von wem lernt und warum. Andererseits stimmt es auch, dass manche deutsche Krimiautoren dem Leser in ihren Romanen alles erklären wollen und ihm keinen freien Raum lassen, um weiter zu denken. Andererseits schätze ich manche deutsche und deutschsprachige Krimiautoren sehr, wie Friedrich Glauser, Jakob Arjouni und Ingrid Noll, um drei  Beispiele zu nennen.


Ist die Corona-Pandemie ein Krimithema oder ist das Thema Tabu, weil in der Realität am Virus unzählige Menschen ihr Leben lassen müssen?

 

Viren und Krankheiten eignen sich kaum als Krimithemen. Zwar könnte man die Folgen der Pandemie auf die Gesellschaft thematisieren, aber dafür ist es noch zu früh. Wir brauchen mehr Zeit und vor allem mehr Distanz. 

Doppelte Spur - Putin, Trump und Co...

Der investigative Journalist Ilija wird innerhalb weniger Minuten von zwei Whistleblowern des amerikanischen und des russischen Geheimdienstes kontaktiert. Ein großer Coup? Eine Falle? Er lässt sich auf das Spiel ein, zusammen mit Boris, einem amerikanischen Kollegen, folgt er der doppelten Spur nach Hongkong, Wien, New York und Moskau.
Die geleakten Dokumente eröffnen einen Abgrund von Korruption und Betrug, von üblen Verstrickungen krimineller Oligarchen und Mafiosi. Auch die Staatspräsidenten Russlands und Amerikas sind involviert. Was darf man glauben? (SFischer)
 
Da liegt jetzt auf dem Tisch des Schriftstellers ein Wust an Fakten, die er  recherchiert hat, um seinen Plot zu entwickeln. Er will dem Leser eine Geschichte von Politik und Macht erzählen, von bösen Herrschern und Whistleblowern, von russischen und amerikanischen Präsidenten, von Mafia- und Wirtschaftsbossen, von Sex, Missbrauch und Crime. Angesiedelt das alles im Agentenmilieu, irgendwie hinter den Kulissen. Und nun muss sich der Autor entscheiden: Schreibe ich ein Sachbuch oder etwas Fiktionales? 

 

Sachbücher müssen stimmen, die Wahrheit erzählen, Romane dürfen phantasieren. Gegen Sachbücher können Rechtsanwaltspraxen und Gerichte vorgehen, wenn Inhalte nicht stimmen, bei Romanen wird’s da schon schwieriger, und deshalb geht Ilija Trojanow in seinem Buch DOPPELTE SPUR romanhaft vor. 

 

Er erfindet Figuren, Whistleblower in Russland und den USA, die aus den Nähkästchen plaudern, will heißen über ihre Präsidenten hochbrisantes Material liefern und eine weibliche Ausplauderin, die den Missbrauchsskandal um eine Art „Lolitaexpress“ offenlegt, bei dem Teenager gezwungen werden, Männern und Frauen aus der Elite willig zur Verfügung zu stehen, den Betuchten bei Parties einen  Blick unter den Rock gewähren. Dorthin, wo keine Höschen getragen werden.
Trojanow macht aus einer Recherche über Politik einen literarischen Roman, baut seine fiktive Story auf Fakten auf. Das schützt ihn selbst und sein „Wahrheitsbuch“ vor Rechtsverfolgung. 

 

Politik, Wirtschaft und kriminelle Machenschaften haben ein Stelldichein. Trojanow nennt Trump „Schiefer Turm“ und Putin „Mikhail Iwanowitsch“ und Epstein wird „Wasserstein“. Und er selbst als Autor taucht im Buch auch als Figur mit Klarnamen Ilija Trojanow auf. Realität trifft Fiction. Fiction ist Realität.

 

Wir lesen viel über böse Machenschaften, welche schlimmen Figuren im Trump-Tower wohnen: Russische „Biznesmen“, Immobilienhaie, internationale Fußball-Funktionäre, Diktatoren, Glücksspielritter, Killer und Kunsthändler. 

 

„Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich.“ Damit sichert sich Trojanow ab. 

 

Der modernde Agent dient der Mafia und den Geheimdiensten. Der Leser schüttelt ob der Faktenlage ständig den Kopf, klopft sich auf die Schenkel und sagt: Darf das wahr sein…in der „Kakistokratie“, der Herrschaftsform der Schlechten. 

 

Sehr vergnüglich der Kenntnisgewinn am Rande in Sätzen wie diesen: „Die W-Lan-Verbindung auf Flügen funktioniert so wie mein alter Staubsauger: sporadisch.“ Oder „Gerichtsurteile sind Rezepte, die nach dem Kochen verfasst werden.“ „Bei Geldwäsche sind die Täter meist sichtbarer als die Tat.“ Oder „Die Mächtigen kommen in der Literatur zu selten vor“. 
In einem Parforceritt geht es an die Handlungsorte Hongkong, Wien, Prag, New York, Moskau, Orlando, Novgorod, Antalya, Miami. 

 

Der Roman fordert bei der dichten Faktenlage und Anzahl der handelnden Personen eine hohe Leseraufmerksamkeit – da und dort ist der Text geheimnisumwittert mit Balken geschwärzt, auch in den Leaks-Dokumenten selbst. So schreibt Trojanow: „Die schwarzen Balken wirken auf mich wie eine Augenbinde.“ 

 

Es ist ein Buch des Lese-Vergnügens und des politischen Missvergnügens: In welche politischen Hände sind wir denn da international hineingeraten? Sind wir nicht alle zum Spielball der Geheimdienste und Oligarchien in West und Ost geworden. 

 

Und wir haben uns ja auch noch nicht entschlossen genau genug zu entscheiden, ob Whistleblower für die Guten zu halten sind oder für die Schlechten? Trojanow widmet dieses Buch den „guten Whistleblowern“. 
Wie schrieb einst Dostojewski: „Nichts auf dieser Welt ist schwerer, als die Wahrheit zu sagen.“
 
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia. Unterbrochen von einem vierjährigen Deutschlandaufenthalt lebte Ilija Trojanow bis 1984 in Nairobi. Danach folgte ein Aufenthalt in Paris. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie in München. Dort gründete er den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Mumbai, 2003 nach Kapstadt, heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine bekannten Romane wie z.B. ›Die Welt ist groß und Rettung lauert überall‹, ›Der Weltensammler‹ und ›Eistau‹ sowie seine Reisereportagen wie ›An den inneren Ufern Indiens‹ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein großer Roman ›Macht und Widerstand‹, sein Sachbuch-Bestseller ›Meine Olympiade: Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen‹ sowie der literarisch-politische Essay ›Nach der Flucht‹.
 
 
 
Ilija Trojanow Doppelte Spur SFischer

Interview mit Ilija Trojanow

Romane entstehen aus der Vorstellungskraft des Autors oder werden von der Wirklichkeit inspiriert, was schockiert Sie als Autor mehr? Ihre eigene Vorstellung von Trump und Putin und ihre Machenschaften oder die tägliche Wirklichkeit, wie sie Ihnen derzeit entgegenkommt?

 

Meine eigene Vorstellung von Trump und Putin ist eine realistische, das ist die unvermeidliche Folge von jahrelanger, seriöser Recherche. 

 

Wenn Sie ein reines Sachbuch geschrieben hätten, wären vermutlich schon Rechtsanwaltsschreiben oder Gerichtsurteile unterwegs, der Roman-„Mantel“ erlaubt Ihnen ein freieres Vorgehen?

 

Es ist kein Roman-Mantel, sondern ein durchkomponiertes Werk mit vielen literarischen Motiven, Anspielungen (etwa an die russische Literatur), dramatische Entwicklungen (eine Hauptfigur bekommt so wie seine Großmutter das zweite Gesicht) und sprachliche Finessen. Die drei Hauptfiguren haben einen biografischen Hintergrund, der die Themen des Romans spiegelt und das Motiv der russischen Gangsterlieder (Platine pesnie) ist in die Handlung integriert, insgesamt sieben Lieder, als Reflexion über die Frage, wieso bestimmte Formen der Kriminalität von mythischer Popularität sind. Die Meta-Ebene ist eine Reflexion über die Frage, wie man einen politischen Roman in Zeiten der Intransparenz bei gleichzeitiger Informationsfülle schreiben kann. Es ist mir schleierhaft, wie man all dies als Sachbuch hätte anlegen können.

Wogegen sollten sich die Rechtsanwaltsschreiben denn richten? Das, was sich in meinem Roman als faktisch ausgibt, ist gänzlich belegbar.

 

Moral und Werte sind in der Politik abhandengekommen: Oligarchien, Geheimdienste, Elite-Zirkel, Medienkartelle haben uns im Griff, haben wir noch eine Chance der Rückkehr zu einer ehrlichen, transparenten, bürgerorientierten, demokratischen Politik? 

 

Natürlich, durch massenhaften Widerstand und einer Re-Demokratisierung nicht nur der Politik, sondern, und das ist entscheidend, der Wirtschaft. Und zwar von unten, genauso wie wir eine Globalisierung von unten benötigen. 

 

Meinungen über Whistleblower sind zwiegespalten, für die einen sind sie Helden, für die anderen gehören sie lebenslang oder „länger“ hinter Gitter, müssten sie nicht eigentlich als demokratische Vorbilder auf den Sockel gehoben und zu Denkmälern erklärt werden?

 

Weder noch. Einerseits snd sie unabdingbar (einige der wichtigsten Enthüllungen der letzten Jahre stammen von Whistleblowern), andererseits muss die Öffentlich die jeweiligen Absichten hinterfragen (siehe Zusammenarbeit von Wikileaks mit russischen Sicherheitsdiensten).

 

Gutmenschen haben so gar keinen Platz in der „Kakistokratie“ in der Herrschaftsform des Schlechten und in ihrem Roman eigentlich auch nicht?

 

Was haben Sie gegen Emi, eine couragierte Dokumentarfilmerin, die sich jahrelang mit Mädchenmissbrauch beschäftigt, obwohl dies quälend und zermürbend ist? Was haben Sie gegen den Vater von Boris, der als Einwanderer die amerikanischen Ideale hochhält und als einziger gegen einen Mafiaboss aussagt und dafür nun im Rollstuhl sitzt? Und was haben Sie gegen die zwei Hauptfiguren, die sich aus reinem Idealismus monatelang einschließen, um die Leaks möglichst professionell auszuwerten? Lauter ehrenwerte Menschen, wie ich finde!

 

Sie müssen ihren Figuren andere Namen geben, um unangreifbar zu werden, Sie selbst tauchen aber als Ilija Trojanow auf – warum? 

 

Das trifft nicht zu. Außer Trump („Doppelter Turm“), Putin („Mikhail Iwanowitsch“) und Epstein („Wasserstein“) tragen alle anderen, seien es Oligarchen, US-Beamte oder Mafiabosse, alle ihren Eigennamen (und bei diesen ist völlig klar, wer gemeint ist, die Umbenennung hat mir einfach geholfen, über sie zu schreiben. Ich habe schon Zuschriften von Lesern erhalten, die genauso das Gegenteil fragen: Wie ich denn so mutig sein könne, die Namen nicht zu verändern, um unangreifbar zu werden. 

 

Giftanschläge in Russland auf Oppositionelle, rassistische Auswüchse in den Vereinigten Staaten und undemokratische Umtriebe eines Präsidenten, Wahlmanipulationen in Belarus, der Rechtspopulismus nimmt in Deutschland wieder zu, also genug Realitätsstoff für weitere Romane? Oder stürzen Sie sich demnächst auf das Corona-Thema?

 

Ich schreibe gerade an einem utopischen Roman, der mit all diesen Themen nichts zu tun hat.

SPILLOVER - Pandemien, Epidemien, Seuchen

Lebensbedrohende Infektionskrankheiten wie AIDS, Ebola, Virusgrippen, SARS und aktuell Covid-19 können sich dank der Globalisierung schnell über große Räume verbreiten und Epidemien oder gar Pandemien auslösen. Ihnen ist eines gemeinsam: Die Erreger sprangen vom Tier auf den Menschen über – der sogenannte Spillover. In einem ebenso spannend erzählten wie beunruhigenden Buch schildert der preisgekrönte Wissenschaftsautor David Quammen, wie und wo bevorzugt Viren, Bakterien und andere Erreger auf den Menschen übertragen werden. (PANTHEON) 

 

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Dürfen auch Professoren morden?                  Ein Klinik-Krimi

Man bekommt alles zurück im Leben. Aber gilt das nur für die bösen Taten? Oder auch für die guten? Und lassen sich beide gegeneinander verrechnen? Vor 25 Jahren hat Peter Zielke zwei Menschen getötet, seitdem als Arzt aber Dutzende Leben gerettet. (Nagel& Kimche)


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Prag und seine Literaten

Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen weit gefassten, fundierten, genauen Überblick über die Literatur in Prag, Böhmen und Mähren. Alte Grenzziehungen literaturwissenschaftlicher oder politischer oder historischer Art werden vermieden. Das Buch bietet eine Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.

 

 

Es hat wirklich gefehlt: das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, das im J. B. Metzler Verlag bereits 2017 erschienen ist, aber als Standardwerk und großartiges Quellenbuch aus Anlass der Leipziger Buchmesse zum Themenschwerpunkt Tschechien ausführlich in einer Reihen-Besprechung der Hauptkapitel hier auf www.facesofbooks.de erneut gewürdigt werden soll.

Das 445-Seiten-Buch ist ein umfassendes Werk mit einer sehr in die Breite und in die Tiefe gehenden Genauigkeit, die den Bestseller-Leser vermutlich etwas überfordert und eher für germanistisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dennoch ist es lesbar und in knappen Kapiteln gehalten.

Es befasst sich mit einer „Hybrid-Literatur“. Damit meine ich, dass sowohl die beiden Sprachen der Literaten Deutsch und Tschechisch einerseits eine Rolle spielen. Hinzukommen andererseits die geographischen Besonderheiten in Grenzregionen. Und die Ländergrenzen in Böhmen und Mähren waren früher anders als heute gezogen. Neue Länder wie zunächst die Tschechoslowakei und später Tschechien und die Slowakei entstanden nach dem II. Weltkrieg. Zusätzlich ist das Rezeptionsverhalten zwischen österreichischem, deutschem und tschechischem Lesepublikum unterschiedlich, so dass sich ein eigenartiges, aber besonders interessantes Mischungsverhältnis aus all diesen Grundbedingungen ergibt.

Kernzelle dieser Literatur sind die weltbekannten Prager Autoren Kafka, Rilke, Werfel, Kisch, Reinerová, aber auch die weniger bekannten Oskar Wiener und Ludwig Winder.

Eine weitere Hyprid-Frage ist: Soll man Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Franz Werfel, die in Mähren, im Böhmerwald oder in Prag geboren sind, der österreichischen Literaturtradition zurechnen, also ausgrenzen? Die Herausgeber meinen: NEIN und verfolgen einen integrativen Ansatz, wenngleich früher die Prager Literaten als „dreifach“ besonders eingestuft wurden, weil sie in Prag national, religiös und sozial im Ghetto gelebt haben.

Mit diesem Handbuch wollen die Herausgeber aber starke Grenzziehungen vermeiden, das Phänomen „Literatur Prags und der Böhmischen Länder „als Gesamtheit“ betrachten. Es gilt, die literarischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Tschechen mit zu berücksichtigen.

Das Buch will keine Geschichte der tschechischen Literatur sein. Die in Vergessenheit geratenen historischen Ereignisse, die Mehr- bzw. Zweisprachigkeit der Autoren oder sogar der Sprachwechsel, wie etwa bei Karl Klostermann, werden berücksichtigt. Auch die institutionelle Seite, etwa Literaturverbände, Verlage, Periodika, Universitätsgeschehen, werden ebenso behandelt.

Den Herausgebern ist bewusst, dass Leser in Österreich und Deutschland und auch in Tschechien unterschiedliche Rezeptionsverständnisse haben können, weil länderspezifisch andersartige Bildungsvoraussetzungen gegeben sind. Das nehmen die Autoren in Kauf und zugleich in Anspruch, darauf Rücksicht genommen zu haben.

Das fünfte und das sechste Kapitel des Handbuchs widmet sich den Themen, den Motiven und Textsorten der deutschen Literatur in Böhmischen Ländern. Das Handbuch gibt eine gute allgemeine Orientierung, lässt sich auch kapitelweise lesen bzw. durcharbeiten und gibt auch auf spezielle Fragestellungen Auskunft.

Der deutsch-böhmische Germanist Kurt Krolop hat das umfangreiche Buchprojekt mit Rat und Tat begleitet, und der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft, hat ein Schluss Essay beigetragen. Wir werden in der nächsten Zeit weitere Kapitel des Buches behandeln…

Heute:

Kapitel Einleitung und Kategorisierung

 

Im Metzler Verlag sind schon einige literaturwissenschaftliche Handbücher erschienen, nun also die „zusammenhängende Darstellung der in einer mitteleuropäischen Region entstandenen Literatur“.

Fallen Namen wie Rilke, Werfel, Brod, Kafka und andere, nähren diese Autorennamen den Eindruck, alle deutsche Literatur stamme aus Prag. Die Autoren des Handbuches sehen darin eine Unangemessenheit, die deutsche Literatur von der Literatur der Böhmischen Länder abzutrennen.

 

Den Begriff der „Prager deutschen Literatur“ möchten die Autoren abschaffen und sprechen von der Literatur Prags und der Böhmischen Länder (als Eigenname verwendet und großgeschrieben!) „Böhmische Länder“ weist auch darauf hin, dass der Begriff Böhmen allein zu unscharf ist, handelt es sich doch um drei unterschiedliche geopolitische Räume: das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien. Wobei sich die west- und nordböhmischen Gebiete zum preußisch dominierten Deutschland orientierten und Mähren zur Habsburger Metropole Wien.

 

Die unterschiedlich entwickelten Verkehrswege förderten diese Orientierungen. Die zentralistische Struktur prägte auch die kulturellen Verhältnisse: „Hier die Metropole Prag, da die provinziellen Peripherien.“

An den beiden Autoren Rilke und Härtling weisen die Autoren nach, dass ihre Werke zunächst von der Herkunft thematisch regional geprägt waren, also Anklänge an die Böhmischen Länder zu finden sind, etwa in den Prager Geschichten von Rilke, bei Musils Mann ohne Eigenschaften, bei Härtling in autobiographischen Romanen. Härtling hat von 1941 bis 1945 seine Kindheitsjahre in Olmütz und Brünn verbracht. Fazit in diesem Kapitel: „Je vielseitiger sich Lebens- und Schaffenshorizonte von Autoren aufspannen, desto größer wird ihre Teilhabe an 

unterschiedlichen Literaturen.

 

Kapitel Literaturgeschichte

 

Eine Literaturgeschichte über die deutsche Literatur der Böhmischen Länder gibt es bisher nicht. Sie müsste die regionalen Infrastrukturen berücksichtigen, die Vernetzung der deutschsprachigen Literatur mit den Nachbarländern thematisieren und vor allem die Wechselwirkungen mit der tschechischen Literatur betrachten. Dabei gibt es jetzt schon Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen, die vor allem auf der wachsenden Zusammenarbeit von Germanisten und Slawisten fußen. Doch die Zusammenschau fehlt bislang.


Das Kapitel „Literaturgeschichtsschreibung“ setzt die Anfänge mit der geschichtlichen Betrachtung der Kronländer oder der Städte. Der Bezugsrahmen war zunächst die K.-u.-k.-Mo¬n¬ar¬chie, die Zuordnung zur deutschen Kultur im Gegensatz zur tschechischen Literatur betrachtet. Später wurde zwischen deutscher, deutsch-österreichischer und deutsch-böhmischer Literaturgeschichte differenziert. 
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung Prags galt sie unter nationalsozialistischem Regime als Teil der deutschen Literatur und nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung als eine Literatur, der das Land abhandengekommen war. 


Die Nazis grenzten jüdische und antinationalsozialistisch eingestellte Autoren aus. Die ersten Literaturgeschichten der Tschechoslowakei berücksichtigten teilweise deutsche Schriftsteller. In der Auseinandersetzung um die damals strittigen Grenzfragen wies der Literaturhistoriker und Schriftsteller Josef Mühlberger darauf hin, angesichts des „Grenzlandkampfes“ bestehe die Gefahr, den „Blick für Größe und Weite“ zu verlieren. 


Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es lange Zeit so, dass die deutsch-böhmische und die mährische Literatur aus dem Blickwinkel der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwunden war. Erst durch das Interesse an Kafka und an den Exilautoren wurde das Interesse wieder geweckt und besonders nach der samtenen Revolution befruchtet. 
Das interessante Überblickskapitel ist letztlich ein Arbeitsauftrag, sich mit der Literaturgeschichte dieser speziellen Gattung zu widmen, erst recht deshalb, weil sich im deutsch-tschechischen Verhältnis die kulturelle Dimension mehr als entwicklungsnötig darstellt. 

 

Kapitel Interkulturalität

 

 

Klären wir zuerst die Begriffe, wie uns die Disziplinen der Wissenschaften an den Universitäten zu jedem Studienbeginn zum besseren Verständnis anraten. Insbesondere die Soziologie, die Gesellschaftswissenschaften, sind es ja, die ganz besonders dafür bekannt sind, Wort-Ungetüme zu bilden. Nehmen wir als Beispiel das Wort INTERKULTURALITÄT. 
Es geht hier um das Bewusstsein einer Gesellschaft, deren Menschen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass ihre Mitglieder die kulturelle, sprachliche oder religiöse Verschiedenheit anerkennen oder mindestens anstreben und dabei wissen, dass der Andere in einer Gesellschaft mindestens respektiert und bestens akzeptiert ist. 


Ein ganzer Wissenschaftsbereich beschäftigt sich mit dem Thema, denn die Lebensbedingungen des Individuums und ganzer Gesellschaften sind so global geworden, dass man an diesen kulturellen Vorbedingungen eigentlich nicht mehr vorbeikommt. 


So findet man, ganz praktisch gesehen, im Internet Definitionen von COACHING-Organisationen, die Manager interkulturell fit machen für die globalisierten Wirtschaftsbeziehungen. 


Glossar: Interkulturalität 


„Unter Interkulturalität versteht man das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt.

Bei dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen werden die eigene kulturelle Identität und Prägung wechselseitig erfahrbar. Interkulturalität meint dabei die Einnahme und das Denken aus der jeweilig anderen Perspektive ohne das Ziehen vorschneller Schlüsse. Das Fremde soll nicht in das eigene Selbstverständnis angegliedert, sondern erstmal nur bewusst zur Kenntnis genommen werden“. (Quelle IKUD Coaching Seminare)
https://www.ikud-seminare.de/


Diese theoretischen Konzepte übertragen die Autoren Dieter Hebeböcke und Manfred Weinberg in ihrem Artikel „Interkulturalität/Konzepte der Interkulturalität“ auf die Literatur Prags und der böhmischen Länder. 
Interkulturalität sei dafür maßgebend schon seit dem 12. Jahrhundert, weil Bayern, Franken, Obersachsen, Schlesier und Österreicher unter der Regentschaft der Přemysliden als Handwerker, Bauern und Bergleute angeworben wurden und sich an den böhmischen und mährischen 
Grenzgebieten ansiedelten.


Die Autoren rechnen auch die Gruppen dazu, die sich um 880 bei Baubeginn der Prager Burg als Händler dort heimisch machten. Sie werden als national heterogen betrachtet. Auch die Juden hatten schon im 10. Jahrhundert in diesem Raum eine starke Stellung. Dass Tschechen, Deutsche und Juden in den böhmischen Ländern zusammengelebt haben, wird zu einer Erklärungsformel, die in der Literatur, in der Wissenschaftsgeschichte und in theoretischen Ansätzen dazu immer wieder vorkommt. 


Dabei werden zwei Nationen-Begriffe (Deutsch/Tschechisch) mit einem religiösen Attribut (Jüdisch) kombiniert. Diese Verbindung ist jedoch grundlegend falsch, denn die Deutschen waren ja national gesehen, keine Deutschen, sondern sie gehörten wie die Tschechen der Österreich-Ungarn-Donaumonarchie an. Muttersprachlich und vor dem kulturellen Hintergrund gesehen waren sie jedoch schon als Deutsche und Tschechen zu betrachten. Der Begriff Nation hilft also hier nicht viel weiter.


Im folgenden Ansatz der Interkulturalität versucht Gesellschaftstheorie sich abzuwenden von dem Dogma der ABGRENZUNG. Es geht zuerst einmal konkret um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen im selben geographischen Raum, und ich füge hinzu, natürlich auch um das Gegeneinander. 


1990 wurde der theoretische Ansatz der Interkulturalität entwickelt, der davon ausgeht, dass Kultur permeativ und nicht separatistisch zu begreifen sei. Übersetzen wir die „physikalischen“ Soziologismen. Die PERMEATION ist das Eindringen eines gelösten Stoffs bzw. eines Gases durch eine Membran und dann durch eine Materieschicht. Es geht also um Durchlässigkeit. Das wird nun auf Gesellschaften und ihre Bevölkerungsgruppen übertragen. 


Das Streben nach Separation meint vor allem das politische Ziel der Gebietsabtrennung, um einen separaten, einen eigenen Staat zu gründen. Hier ist vielleicht meinerseits auch noch der Begriff Segregation anzuführen, den die Autoren in ihrem Beitrag selbst nicht anwenden. Segregation heißt ENTMISCHUNG von diversen Elementen in einem bestimmten geographischen Gebiet. 

 

Transkulturalität nach Wolfgang Welsch
„Mit Transkulturalität beschreibt Wolfgang Welsch (1997) das Konzept einer Gesellschaft, in der sich kulturelle Identitäten durch die Vermischung von Elementen verschiedener Kulturen konstituieren. Kulturelle Grenzen und die Vorstellung homogener Nationalkulturen werden aufgehoben, indem einzelne Kulturen innerhalb einer Gemeinschaft verschmelzen. So lassen sich moderne Gesellschaften als strukturell heterogen und hybrid auffassen.“
Quelle IKUD Coaching Seminare


In einer schlüssigen, leichter verständlicheren Formel, hat das der Literat Johannes Urzidil gebracht, der über sein Leben in Prag sagt: „Ich bin hinternational“. Er lebte hinter den Nationen. Vordergründig gab es zwar die nationalkulturelle Trennung in Prag, dahinter waren jedoch auch grundlegende Gemeinsamkeiten. 


Mischen sich zwei bisher voneinander getrennte Systeme, spricht man von HYBRIDISIERUNG. Darin steckt die Gefahr, dass der Wissenschaftler, betrachtet er das prägende Gemeinsame, die vorausgesetzten bzw. gelebten Abgrenzungen übersieht. 


Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Konzept Interkulturalität noch nicht angemessen abgerundet entwickelt ist, um solch hochkomplexe gesellschaftliche bzw. historische Zusammenhänge zu erklären. 


Interkulturalität wurde in den 1970er Jahren als Begriff verwendet, um Konzepte für Konfliktlösungen zu diskutieren bzw. Kompetenzen für internationale Geschäftsbeziehungen zu entwickeln. Das kulturell Fremde sollte besser verstanden werden. 


Dabei kam eine moralische Konnotation ins Spiel. Der schwer fassbare Begriff Interkulturalität wird zudem durch seine Verwendung in ganz unterschiedlichen Wissenschaften mit einer Vielzahl von Ansätzen und Lösungswegen noch unklarer. 


Wo hört die eine Kultur auf, und wo fängt die nächste an? Nun spielt der Begriff der oder das Fremde hinein. Wissen wir um den Fremden, kennen wir die üblichen Denkmuster des Anderen, welche Erfahrungshorizonte erinnern wir und wie spielt das zurück auf die Identifizierung mit der eigenen Kultur? Und wo nisten sich Zwischenräume ein? 
Der Philosoph und Anthropologe Wolfgang Welsch formuliert es so: „Ohne Abgrenzung keine unterschiedlichen Kulturen und ohne diese keine Interkulturalität.“ 


Wissenschaftler der Universität Konstanz, die die kulturellen Grundlagen von Integration untersuchen, gehen davon aus, dass IDENTITÄT kein natürlicher Dauerzustand im Selbstbewusstsein sozialer Akteure ist. Für diese Wissenschaftler stellen sich Identitätsfragen entweder in kritischen Übergangsphasen (in denen wir uns wohl heute befinden/Anm. des Autors), in ruhigen Zeiten können sie jedoch auch latent sein.  Damit wird die Kategorie jedoch von wechselnden gesellschaftlichen Situationen abhängig.


Wenn wir Kulturen vergleichen, müssen wir dann nicht auf absolute Wertmaßstäbe verzichten, weil sie uns den Blick verstellen? Sollten wir nicht statt vom fixen Wissen über das Fremde unser Verhältnis dazu vom Nicht-Wissen her definieren? 


Die Autoren fassen es so zusammen: „In diesem Nichtwissen generiert Interkulturalität ihr grenzüberschreitendes Potenzial.“ 


Die Autoren weisen auf die definitorischen Schwierigkeiten beim Begriff Interkulturalität hin und führen das KONZEPT des HORIZONTs ein, in dem nicht von gegeneinander abgegrenzten Einheiten ausgegangen wird, sondern von grundsätzlicher Vielfalt.


Es ist ein RAUM-Modell. Instabile Einheiten, nur zeitweise gültige Grenzen, Vermischungen und Verschiebungen sind darin ebenso enthalten wie nationalkulturelle Hintergründe.


Fazit der Wissenschaftler: Dieses HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER DEUTSCHEN LÄNDER, erschienen bei J. B. Metzler, folgt keiner einzelnen Theorie der Inter- oder Transkulturalität, sie ist als eine Art Materialsammlung für künftige Forschung anzusehen.

 

Kapitel Literatur und Raum

 

Das HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER BÖHMISCHEN LÄNDER hat eine sehr übersichtliche Inhaltsstruktur. Es beginnt mit dem Vorwort und endet mit dem in der Wissenschaft üblichen Anhang, der aus den Lebensdaten ausgewählter Autoren der Böhmischen Länder, aus einem deutsch-tschechischen Ortsregister, den Lebensdaten der Autorinnen und Autoren sowie dem Personenregister besteht.


Das Handbuch wird in acht Kapiteln gegliedert. 


Nach dem Abschnitt Literatur- und Forschungsgeschichte einer Region, dem Kapitel über Theoriekonzepte und dem Allgemeinen Hintergrund (darin ein geschichtlicher Abriss der Böhmischen Länder, institutionelle Informationen über Verlage und Buchhandel, Geschichte der Ästhetik) folgt im vierten Kapitel ein Aufriss der literaturgeschichtlichen Epochen und im fünften Kapitel dann Themen und Motive der Literatur: Historischer Roman, historisches Drama, Essay, phantastische Literatur, Sagen und Legenden, Mundartliteratur sowie Übersetzungen sind die einzelnen konkreten Textsorten, die im Kapitel Sechs zusammengefasst sind. 


Im siebten Schlussabschnitt zieht Peter Demetz, der renommierte amerikanische Germanist und Autor literaturwissenschaftlicher Werke deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft eine Bilanz.
Das Theoriekapitel wird abgeschlossen mit zwei Texten zu Konzepten des Raumes und Raumkonzepten der Region. Dabei sind sich die Verfasser im Klaren darüber, dass es bisher keine passgenauen Raumkonzepte für die böhmischen Länder gibt. 


In Prag und Brünn bildeten sich von den Autoren so genannte „Knotenpunkte“ der Literatur, es geht um die Vielfalt in den Kulturräumen Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. Es wird auch das in der Politikwissenschaft und Soziologie angewandte Theoriemodell von Zentrum und Peripherie erwähnt. 


Auch das Raumkonzept von Henri Lefebre, dem französischen Philosophen und Soziologen, wird zitiert, der davon ausgeht, dass jede Gesellschaft einen ihr eigenen Raum produziert, der sich auf drei Ebenen abspielt.


Die erste Ebene bedeutet, die Wahrnehmung, also was wir erleben, benutzen, produzieren und reproduzieren. Auf Ebene Zwei gibt es den Raum des Wissens, der Zeichen und der Codes. Auf der dritten Ebene geht es um Imagination, welche Bilder und Symbole stellen wir her. 
Im weiteren Verlauf des Textes behandeln die beiden Autoren Manfred Weinberg und Irina Wutsdorff den Raumgedanken in Philosophie, im Strukturalismus und in den Kulturwissenschaften sowie weitere Ansätze, den Raum mythisch, ästhetisch oder theoretisch zu begreifen. 
Insofern schließt sich direkt daran an, was die Autoren Raumkonzepte der Region nennen, weil es ja eben auch um die geographischen Aspekte geht, um das Verhältnis der nationalen Gemeinschaften in den Böhmischen Ländern sowie um die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. 


Dieses Kapitel hilft, theoretische Überlegungen zur Einordnung der Literatur zu entwickeln, wenngleich die Autoren zugeben, dass alle Ansätze erst in den Anfängen befindlich sind, es also an theoretischem Handwerkszeug noch fehlt. Das ist den Autoren nicht anzulasten. Es hat eben sehr, sehr lange gedauert, bis der Blick ins Nachbarland Tschechien durch Grenzzäune hindurch und über sie hinweg freier war, um sich gegenseitig besser wahrzunehmen. Und auch dieser Prozess steckt erst in den Anfängen. In diesem Handbuch stehen allerhand Handlungsanleitungen dafür, es muss nur genutzt werden.  

 

Geschichte der Böhmischen Länder

 

 

Wann beginnt die Geschichte eines Landes? Ganz sicher vor der eigentlichen Geschichtsschreibung, die später einsetzt, weil es an den Vermittlungsmöglichkeiten mangelte und nur in der Erzählung die Weitergabe lag. Von den Anfängen wissen wir also wenig bis nichts, obwohl die Wissenschaft forscht, insbesondere die Archäologie, die nach den Anfängen der Geschichte buchstäblich gräbt. Weil es eben keine frühe Geschichtsschreibung gibt, bleibt die „früheste Kindheit der Geschichte“, so sagt es Clemens von Brentano „stumm“.
Wann beginnt der Übergang vom Mythos zur realen Geschichte? Vom Erzählten zum Faktischen? 


Im Falle Böhmens gehen wir von den Gründungssagen vom Stammvater Čeck oder Boemus aus. Historisch verbürgt, so steht es im Handbuch, ist jedoch nur die Dynastie der Přemysliden, einem Herrschergeschlecht, das bis 1300 an der Macht war. 


Nach dem Aussterben dieser Dynastie waren die Luxemburger mit König Johan Inhaber der Krone. Karl IV. war es dann, der durch die Gründung der ersten Universität nördlich der Alpen Prag zum europäischen Zentrum machte.


So bildete sich eine Epoche heraus, die zwischen der mittelalterlichen Tradition und dem Früh-Humanismus stand. 


Wissenschaftliche Wahrheiten und deren Verbreitung entwickeln sich zu jener Zeit im Gegensatz zum Denken in der Kirche, die Verweltlichung beginnt, und so ist es Jan Hus, der mit der Einführung des weltlichen Kelches, des so genannten Laienkelches, ein Jahrhundert (!) vor Martin Luther den Bruch mit den Lehren der Katholischen Kirche markiert. 
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird Böhmen in den habsburgischen Machtbereich integriert, das Denken wird rekatholisiert, die Eliten des Protestantismus vertrieben, die Böhmischen Länder werden zum Erbkönigreich der Habsburger ernannt. Der moderne Staat entsteht mit zentraler Verwaltung, der Ausdifferenzierung des Rechtsstaates und einer vom Staat gelenkten Wirtschaft. 


1784 wird Deutsch als Amtssprache verordnet, am Wiener Hof wird das Tschechische nämlich als „unfertige Sprache“ gesehen, das deutsch Geprägte überlagert den realen Sprachgebrauch des Tschechischen und marginalisiert es auf diese Art und Weise. 


„Unter dem Druck der französischen Revolution verstärkt sich die innere Repressionspolitik.“ 


Die Zeitungen werden zensiert, Buchhandlungen und das Schulwesen überwacht. Der Volksmund macht sich darüber lustig, indem er von den vier Armeen des Kaisers berichtet. Das „stehende Heer der Soldaten“, das „sitzende Heer der Bürokraten“ das „kniende der Geistlichen“ und das „schleichende der Denunzianten“.


Von der französischen Revolution und den Befreiungskriegen her beeinflusst, entsteht ein nationales Denken, die moderne tschechische Schriftsprache entsteht, die jedoch einen niedrigeren sozialen Status hat als das Deutsche im Vergleich. Es entstehen zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Kultursysteme. 


Die Tschechen fordern den so genannten „Trialismus“, die gleichberechtigte Vertretung von Deutschen, Ungarn und Slawen. Desintegrative und konfrontative Entwicklungen fördern das Trennende im deutsch-tschechischen Verhältnis. 
Auf die Gündung des tschechischen Nationaltheaters folgt die Eröffnung des Neuen deutschen Theaters, die deutsche Wissenschaftsgesellschaft wird konterkariert durch die Gründung der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 


Die Auseinandersetzungen radikalisieren sich. Sprachverodnungen führen zu Widerstandsbewegungen, die auch gegen deutsche Geschäfte in Prag gewalttätig werden. Und Egon Erwin Kisch konstatiert: „Kein Deutscher erschien jemals im tschechischen Bürgerclub, kein Tscheche im deutschen Kasino.“ Und die jüdische Gemeinschaft steht dazwischen. Nach 1860 etabliert sich jedoch nach und nach eine moderne national argumentierende Kultur, die in der Musik durch die Komponisten Smetana, Dvořák und Janáček vertreten ist und weltweit Beachtung und Anerkennung findet. 


Historische Figuren, Narrative, Mythen und geschichtliche Ereignisse werden in das Zentrum der Kulturschaffenden gerückt. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wirken monarchistische Tendenzen und die deutsch-tschechische Konkurrenz in Kultur und Bildung noch nach, nach dem Ausruf der tschechischen Republik 1918 entsteht der Nationalitäten-Staat. 


Zwischen 1938 und 1945 wird mit der Besetzung der Sudetengebiete durch Hitler und durch das Protektorat Böhmen-Mähren der tschechoslowakischen Staatlichkeit „durch Gewalt von außen“ ein „Ende gesetzt“. 


Es entsteht ein explosives kulturpolitisches Gemisch aus „Einschüchterung, Vereinnahmung, Rivalität und Kollaboration“, in dem sich aber auch Nischen der Eigenständigkeit und versteckter Widerstand entwickeln. 


Die Judenvernichtung erreicht ihren Höhepunkt in der Errichtung des Ghettos Theresienstadt. 


Nach Kriegsende werden drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Die Vertreibung führt zu einem Ende des jahrhundertelangen deutschen und tschechischen Zusammenlebens.

 

 

 

 

Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg) Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder