Faces of Books - Ansichten

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Herzlich willkommen auf meiner Website, die sich mit Büchern beschäftigt. Facesofbooks zeigt das Gesicht der Bücher und Autoren. Beachtet Titel und Covergestaltung, Aufmachung des Buches, berichtet über den Inhalt, stellt den Autor in kurzer prägnanter Form vor. Wir veröffentlichen Autoreninterviews, bieten Informationen über Bücher von heute und Bücher von gestern, die wichtig sind, aber nicht vergessen werden sollen. Sie finden Tipps, Rezensionen, Kurz-Kritiken, Neuigkeiten über Verlage und Autoren. Geben Sie uns auch Hinweise, was Ihnen gefällt oder mißfällt. Eine Website für Lesefans auch aus der digitalen Bücherwelt. www.facesofbooks.de

 
Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

  50 Jahre Mondlandung am 20. Juli 2019

In der Nacht vor seinem Flug zum Mond rechnete Neil Armstrong die Chancen aus, die er, Buzz Aldrin und Michael Collins hatten, um lebend zur Erde zurück zu kehren. Fifty-Fifty, dachte er. Andere Experten hingegen, darunter auch Wissenschaftler und Techniker der NASA, sahen die Sache weitaus weniger optimistisch: 5 zu 1, sagten sie, dass die Männer nicht zurück kommen. Oder sogar 10 zu 1.

Apollo 11 war die unmögliche Mission, ihr Scheitern wahrscheinlicher als ihr Erfolg. Pünktlich zum Jahrestag erzählt der Journalist und Historiker James Donovan die Geschichte der Mondlandung in allen spannenden Details noch einmal neu und legt dabei auch viel Gewicht auf die menschliche Seite. Entstanden ist ein mitreißendes und reich bebildertes Sachbuch (DVA-Verlagsankündigung).

 

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Wessis goes Ossi-Land

Dreißig Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung machen sich Lucas Vogelsang und Joachim Król auf eine Deutschlandreise und sammeln Geschichten von Menschen, deren Leben 1989 noch einmal neu begannen. Ihnen begegnen schier unglaubliche Biographien voller Brüche, Neuanfänge und Sackgassen, die von Bundesrepublik und DDR, von Wende und deutscher Gegenwart erzählen. Diese literarische Reisereportage beginnt im Ruhrgebiet und endet an der Ostsee. Im Gepäck die Fragen: Wo hat die Mauer überdauert, wo wurden Grenzen verwischt? Wie viel Osten und Westen gibt es noch in den Köpfen? Die Antworten finden sie am Wohnzimmertisch oder im Wachturm: Król, der staunende Gesprächspartner. Und Vogelsang, der geschliffene Chronist.

(ROWOHLT) 

 

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Chaostage im Weißen Haus -                        mehr Feuer, mehr Zorn

MICHAEL Wolff hat in seinem Buch „Feuer und Zorn“ die Chaos-Tage des amerikanischen Präsidenten mit Insiderwissen detailgenau beschrieben. International erfolgreich auf dem Buchmarkt platziert. Nun erscheint Band II. Trump hat unzählige Berater entlassen, die Weltmacht USA wird nach Trumps impulsiven Instinkten regiert, wenn man überhaupt von regieren sprechen kann. Wolff schildert in seinem packenden neuen Buch einen amerikanischen Präsidenten, der sich permanent verfolgt fühlt und der sich dabei immer wieder an den Rand der Selbstzerstörung bringt: einen Trump, der rasend ums politische Überleben kämpft. Und alle fragen sich: Wann fliegt uns das hier um die Ohren? „Unter Beschuss“ ist das detailreichste Porträt jenes außergewöhnlichen Mannes, der trotz allem noch immer Präsident der Vereinigten Staaten ist, heißt es in der Verlagsankündigung von ROWOHLT.

 

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In der Stadt des Lichts: Lissabon

Nähert man sich der Stadt auf dem Seeweg, so offenbart sie dem Reisenden ihr unverwechselbares Traumgesicht, das, einmal gesehen, nie wieder vergessen werden kann. Aber egal, auf welchem Weg man in Lissabon ankommt, ob zu Wasser, Land oder Luft, sobald der Fuß des Besuchers das charakteristische weiße Kalksteinpflaster berührt und das Auge von den künstlerischen Kacheln an den Fassaden der Häuser bezaubert wird, zieht die Lichtgestalt unter Europas Metropolen einen unweigerlich in ihren Bann, steht als Versprechen für den Leser im Verlagsprospekt.  Versprechen gehalten. 

 

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Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten

»Barbara« von Biermann bietet Herzblatt-Erzählungen von seltenen Charakterköpfen, denen Wolf Biermann in seinem politisch-bewegten Leben begegnet ist. Ein Zeitgenossen-Buch von Wolf Biermann, „ein berührendes, vielfältiges Bildnis von der Liebe und von tapferen Menschen in bewegten Zeiten“, wird vom Ullstein-Verlag versprochen.

 

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Kleinklima: DIE WIESE - Film und Buch

„Kitzelnde Gräser, leuchtende Blumen, summende Insekten: So fühlt sich eine Sommerwiese an. Jan Haft nimmt uns mit auf eine Entdeckungsreise in ein wahres Naturparadies, in dem Hunderte bunter Pflanzen und bizarrer Tiere leben, deren Naturgeschichte oft noch gar nicht richtig erforscht ist. Nirgendwo sonst leben mehr Insektenarten, nirgendwo sonst herrscht eine solche Farbenpracht. Und gleichzeitig ist kein heimischer Lebensraum so sehr bedroht: Etwa ein Drittel unseres Landes war einst von blühenden Wiesen bedeckt. Heute sind es noch klägliche zwei Prozent. Das mit zahlreichen Fotos bebilderte Buch weckt Begeisterung für diesen artenreichen, lebendigen Lebensraum und ist zugleich ein Aufruf zur Rettung der letzten Blumenwiesen“, verspricht die Buchvorschau des PENGUIN-Verlages.

 

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70 Jahre deutsches Grundgesetz

Zum Politikverständnis von

Dr. Hildegard Hamm-Brücher


„Und noch eine dritte allgemeine Vorbemerkung, mit der ich die Veränderungen im Status- und Rollenverständnis des Politikers seit den Anfängen unserer parlamentarischen Demokratie verdeutlichen möchte. Heute ist Politiker zu sein ein absolut etablierter Beruf mit der Ausstattung und Rundum-Versorgung eines gehobenen Managers, auch in finanzieller Hinsicht. Im Vergleich dazu hatten die bis in die 1960er Jahre gewählten „Volksvertreter“ in der Kommune, im Landtag oder Bundestag ihre Tätigkeit meist neben einer beruflichen Tätigkeit und unter heute als unzumutbar empfundenen Bedingungen ausgeübt. Zumeist hatten sie keine eigenen Büros und Mitarbeiter, schon gar nicht im Wahlkreis. Sie erhielten nur minimale Diäten, hatten keine sachbezogenen Zuarbeiter zur Vorbereitung von Debatten, Gesetzesinitiativen und Stellungnahmen. Abgesehen von wenigen Tageszeitungen und Rundfunksendungen, gab es so gut wie keine weiteren Informationsquellen. Keine Rede auch von Nachrichten rund um die Welt und rund um die Uhr. Auch die heute inflationären und zeitraubenden Medienauftritte in Talkshows als Ersatz für Parlamentsdebatten gab es so noch nicht. Von Mobiltelefonen, Computern, E-Mails, eigenen Internetseiten und sonstigen technischen Erleichterungen, wie Kopierapparaten, Druckern oder Scannern ganz zu schweigen. 


Angesichts all dieser grandios verbesserten Berufsausstattung frage ich mich dennoch oft, ob Abgeordnete im Hauptberuf nun ihren Aufgaben und Kontrollfunktionen entscheidend besser gerecht werden können als wir damals. Führen sie lebendigere Debatten? Schauen sie der Regierung genauer auf die Finger? Machen Sie ob der Fülle der verfügbaren Informationen auch wirksamer Gebrauch von ihnen? Treten sie mit ihren Wählern über das Internet nicht nur in bloßen formalen Kontakt?


Wenn man die wachsende Entfremdung zwischen Wählern und Gewählten und das schwindende Ansehen und Vertrauen in Parlamente und Abgeordnete und in die Politik allgemein besorgt zur Kenntnis nimmt, muss man das zumeist bezweifeln. Ich bin kein „Früher-war-alles-besser“ – Nostalgiker. Aber ich erinnere mich noch gut und gerne daran, als der Plenarsaal voller und Wahlkreissprechstunden und Veranstaltungen besser besucht waren. Wir haben Briefe von eigener Hand beantwortet und Reden aus dem eigenen Denken entworfen und vor allem auch in freier Rede gehalten. Wir kannten noch keinen Tag- und Nacht-Dauerstress, keine Beliebtheitsskalen und Demoskopie-Wut, keine zeitraubende Rund-um-die-Uhr-Medienpräsenz. 


Wir standen alle noch unter dem Trauma der Nazi-Diktatur und ihrer Folgen und empfanden uns weder als Polit-Manager noch als weisungsgebundene Partei- oder Fraktionsfunktionäre. Aber wir haben uns bewusster als heute bemüht, die einschlägigen Grundgesetzartikel, insbesondere den Artikel 38 einzuhalten und uns „im Reden und Handeln, bei Wahlen und Abstimmungen“ als „Vertreter des ganzen Volkes“ zu verstehen und „gewissenhaft“ zu verhalten. Leider hat die Einhaltung dieser Gebote heute nur noch Seltenheits- beziehungsweise gar keinen Wert mehr.“

 

Aus: Hildegard Hamm-Brücher/Norbert Schreiber Demokratie sind wir alle. Zeitzeugen berichten Zabert und Sandmann 2009

 

Hildegard Hamm-Brücher über das Politikerverständnis
Zum 60.jährigen Bestehen des Grundgesetzes veröffentlichten Hildegard Hamm-Brücher und Norbert Schreiber einen Zeitzeugen-Band im Verlag Zabert und Sandmann
Bei einem Demokratietag im Hessischen Rundfunk aus dem gleichen Anlass wurden die Texte im Kulturradio hr 2 gesendet
HB.mp3
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Egon Bahr Angriffskrieg und Grundgesetz

Zur Diskussion um 70 Jahre Grundgesetz
Angriffskrieg und Grundgesetz


EGON BAHR


„Präsident Bush und Präsident Gorbatschow regelten, ohne Mitterrand, Thatcher, Kohl und Krenz zu beteiligen, den zentralen Aspekt, die Kontrolle Deutschlands. Die könnte die Sowjetunion nach dem Abzug ihrer Armee aus Ostdeutschland nicht mehr garantieren, argumentierte der Amerikaner. Dazu sei nur Amerika mit dem Instrument der NATO fähig. »Aber ihr dürft uns nicht auf den Pelz rücken«, replizierte Gorbatschow und erhielt die bis heute geltende Zusage, dass keine Atomwaffen und keine fremden Truppen bei der Ausweitung der NATO bis zur polnischen Grenze verlegt würden. »Deutschland liegt an der Leine«, formulierte der amerikanische Außenminister Baker. Deutschland ist nicht mehr fähig, selbstständig Krieg zu führen. Die Sieger haben ihr Ziel erreicht.
Und die Deutschen sind nicht nur zufrieden damit, sondern sogar weniger kriegswillig, als mancher Verbündete das wünscht. In einem Punkt ist die deutsche Sonderstellung erhalten geblieben: Um die Bundeswehr aufstellen zu können, musste das Grundgesetz geändert werden.  Die Bestimmung, sie sei ausschließlich zur Verteidigung aktivierbar, reichte den Amerikanern nicht. Sie wollten dazu ein ausdrückliches Verbot der deutschen Teilnahme an einem Angriffskrieg. Dagegen gab es keine deutschen Bedenken. So steht es nun in Artikel 26, der ohne Diskussion in die Verfassung übernommen wurde. Niemand konnte sich vorstellen, dass die USA einmal das Recht auf Krieg ohne Mandat der UN beanspruchen würden. Jedes derartige Ansinnen an Deutschland wäre eine Aufforderung zum Verfassungsbruch. Eine Zweidrittelmehrheit zur Änderung dieses Artikels wird es nicht geben. Es ist schön, dass unsere Verfassung dem Völkerrecht entspricht.“

 

Zitat aus
Hildegard Hamm-Brücher/Norbert Schreiber Demokratie das sind wir alle Zabert und Sandmann 2009

Egon Bahr zum Grundgesetz
Demokratie-Bahr.mp3
MP3-Audiodatei [2.7 MB]

Jutta Limbach Identität und Grundgesetz

ab 1992 war Jutta Limbach Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts

Verfassung und Identität
Ihre Karriere begann Jutta Limbach als Professorin für Zivilrecht an der Freien Universität Berlin. Von 1989 bis 1994 war die SPD-Politikerin als Justizsenatorin in Berlin tätig,bevor sie erst zur Vizepräsidentin des Bundesverfassungsgerichts ernannt wurde und schließlich als erste Frau von 1992 bis zum Erreichen der Altersgrenze 2002 an dessen Spitze stand.Im Anschluss an dieses Amt wirkte sie als Präsidentin des Goethe-Instituts,bis es 2008 Klaus-Dieter Lehmann von ihr übernahm.
GG-Limbach.mp3
MP3-Audiodatei [3.7 MB]

 

Die Demokratie ist ein zukunftsoffenes und riskantes Projekt, schreibt zutreffend Kurt Lenk. Riskant ist es, weil Krisen – wie derzeit etwa die Gefahr des internationalen Terrorismus – dazu führen können, dass demokratische Grundfreiheiten ausgehöhlt werden. Die Demokratie ist zudem eine zukunftsoffene, weil nicht in sich abgeschlossene Staatsform. Sie muss vielmehr als »ein permanenter Prozess verstanden« werden. Ein Rundblick in Europa bezeugt bereits die Vielfalt und Wandelbarkeit der demokratischen Staatsform sowie den Einfluss geschichtlicher Erfahrungen auf ihre jeweilige Gestalt. (…) 


Die weite Verbreitung geschriebener Verfassungen mit Grundrechtskatalogen und einer Verfassungsgerichtsbarkeit in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Fall des Eisernen Vorhangs hingegen war eine klare Antwort auf die Diktatur. Es galt, das Problem der Grenzen staatlicher Macht grundsätzlich zu überdenken. Angesichts der Zukunftsoffenheit und permanenten Prozesshaftigkeit der Demokratie ist die artikulierte Unzufriedenheit der Bürger mit dieser Regierungsform weniger ein Alarmsignal als vielmehr eine Herausforderung, meint Christoph Bommarius. Meinungs- und Kritikfreude sind das Lebenselixier der Demokratie gerade in einer Zeit, die von ernsten Krisen erschüttert wird. Dann kommt es darauf an, dass die Bürger die Demokratie als Lebensform, genauer: als Verhaltensprinzip verinnerlicht haben, so dass sie sich in die Debatte über den künftigen Kurs der Politik einmischen können.

 

Damit sind staatsbürgerliche Tugenden wie Kritikfähigkeit und Kritikverträglichkeit, das Klären von Argumenten in Rede und Gegenrede, Toleranz gegenüber Andersdenkenden und -glaubenden sowie Kompromiss- und Verantwortungsbereitschaft gemeint. Der Respekt demokratischer Verfahrensregeln und die Loyalität gegenüber Mehrheitsentscheidungen seien nicht vergessen. Denn das friedliche Zusammenleben in einem Staatswesen ist nur verbürgt, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger aus Einsicht in die Notwendigkeit demokratisch entstandener Gesetze rechtstreu verhalten. Diese öffentlichen Tugenden, die eine lebendige Demokratie verbürgen, gehören nicht zur biologischen Grundausstattung des Menschen, sondern müssen von jeder jungen Generation neu erlernt werden. Die als historischer Prozess begriffene Demokratie schließt diese politische Erziehungsaufgabe mit ein.

 

Zitat aus: Hildegard-Hamm-Brücher/Norbert Schreiber Demokratie, das sind wir alle Zeitzeugen berichten Zabert und Sandmann 2009

Der Sänger

Seine Stimme füllte Konzertsäle, betörte die Damenwelt, eroberte in Deutschland, Europa, Amerika ein Millionenpublikum. Joseph Schmidt, Sohn orthodoxer Juden aus Czernowitz, hat es weit gebracht. 1942 aber gelten Kunst und Ruhm nichts mehr. Auf der Flucht vor den Nazis strandet der berühmte Tenor, krank, erschöpft, als einer unter Tausenden an der Schweizer Grenze. Wird er es sicher auf die andere Seite schaffen?


September 1942. Joseph Schmidt, begnadeter Tenor, Liebling der Frauen, Jude, schwer krank, sitzt im Wagen eines Schleppers, der ihn aus Vichy-Frankreich über die Schweizer Grenze bringen soll. Er hat Angst vor den Nazis, Angst um sein Leben, fast so sehr aber Angst um seine Stimme, die ernsthaft angegriffen ist. Denn ihr verdankt er alles. Eine lange Odyssee über Wien, Brüssel, Südfrankreich liegt schon hinter ihm. Wird sie in der freien, demokratischen Schweiz ein gutes Ende finden? Auf der Fahrt, auf der Flucht, sucht die Vergangenheit ihn heim: seine Kindheit in der Bukowina, seine Geliebten, die Melodien seiner großen Erfolge, schreibt Diogenes in der Buchankündigung. 

 

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AfD - Zauberlehrlinge?

Stephan Detjen und Maximilian Steinbeis: Die Zauberlehrlinge


Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Aus einem Sturm im Wasserglas entwickelt sich eine Steilvorlage für die AfD. Zusammen mit Stephan Detjen, dem Chefkorrespondenten des Deutschlandfunks, hat der Verfassungs-Journalist Maximilian Steinbeis im Buch „Die Zauberlehrlinge“ mit dem Mythos des Rechtsbruchs der Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik aufgeräumt. Liest man dieses fesselnde Buch, kommt es einem gar nicht so kompliziert vor, die sich überlappenden Vorschriften des Grundgesetzes, des deutschen Asylrechts und der europäischen Vorschriften, die unter den Bezeichnungen Dublin II oder III bekannt geworden sind, auseinanderzuhalten und auf die politische Flüchtlingsentscheidungen des Jahres 2015 anzuwenden. Fazit: Das Recht ist nicht gebrochen, sondern angewandt worden! Die Autoren beschreiben die mehrschichtige Rechtslage in nachvollziehbarer Weise. Sie klären auf. Sie kritisieren auch die halbherzige Fortentwicklung des europäischen Rechts in dieser Frage, ohne etwa den Europa-Missmut zu verstärken, sondern, um die Weiterentwicklung des europäischen Migrationsrechts zu fördern. Sie stellen hierbei kein politisches Programm auf – das gehört in die Hand des europäischen Gesetzgebers. Aber sie beschreiben die gegenwärtige, vielleicht unbefriedigende Rechtslage, auf die sich die Bundesregierung im Jahre 2015 und bis heute beruft.


Die Behauptung von Rechtsaußen, das Recht sei gebrochen worden, entlarven die Autoren Schritt für Schritt als Propaganda, als widerlegbar, als Ideologie. Die Chronologie einer infamen Behauptung zeigt, wie unqualifizierte Äußerungen Halbqualifizierter und selbsternannter Fachleute auf dem Acker von Rechtsaußen gedeihen und es fast zum Mainstream uninformierter bürgerlicher Kreise schaffen. Im Bayerischen Landtagswahlkampf brachte die CSU die falsche Behauptung vom Rechtsbruch ohne sichtbaren Erfolg im Wahlergebnis weiter in Umlauf und vor allem Seehofer lähmte mit seinen Ausfällen gegen Merkel viel zu lange die Arbeit der Bundesregierung. Mit aktuellen Zitaten belegen die Autoren die Entwicklung dieser falschen Behauptung „Rechtsbruch“ zum nicht mehr hinterfragten Mythos. Mit schriftstellerischer Eleganz und manchmal auch recht bissiger Ironie markieren sie diesen Weg, nennen Ross und Reiter, deren „Reiterlaubnis“ im demokratischen Verkehr in Frage steht. „Wir schaffen das“, war vielleicht etwas vollmundig gesagt, ist aber inzwischen nicht mehr so utopisch, wie es damals schien. Alle rudern jetzt zurück. Der Titel des Buches weist auf Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“, der die Geister, die er rief, nicht mehr bändigen konnte. Was die Bundesregierung nicht geschafft hat, ist: Sie hat der unsäglichen Behauptung, die Grenzöffnung sei ein Rechtsbruch gewesen, nicht mit dem Hinweis auf die eindeutige Rechtslage nicht die scheinjuristische Grundlage entzogen: Die Grenze ist nicht geöffnet worden, sie war nämlich schon seit 20 Jahren offen, was jeder Reisende dankbar in Anspruch genommen hat. Die Grenze durfte und konnte aber nicht rechtmäßig geschlossen werden.


Harald Loch


Stephan Detjen und Maximilian Steinbeis: Die Zauberlehrlinge
Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Klett-Cotta, Stuttgart 2019   263 Seiten   18 Euro

 

Ehrlichkeit ist eine Währung

Als Politiker kämpfte Theo Waigel entschlossen, aber stets fair. Der Grundsatz, Freund und Feind gegenüber ehrlich zu sein, durchzieht wie ein roter Faden sein Leben, heißt es in der Verlagsankündigung von ECON.

 

In seiner Autobiografie erinnert er sich an Weggefährten wie Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Franz Josef Strauß, erzählt von 1989/90 und den entscheidenden Gesprächen mit Gorbatschow, Mitterrand und Bush, die zur deutschen Einheit führten. War die Zustimmung zum Euro tatsächlich der Preis, den die Deutschen für die Wiedervereinigung zahlen mussten, wie manche behaupten? Waigel schreibt sein politisches Vermächtnis und stellt sich den wichtigen Fragen der Gegenwart: Wohin führt der Weg der CSU? Und hat die europäische Idee noch eine Chance?

 

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Deutschland auf der Couch

70 Jahre Frieden, allgemeiner Wohlstand und weitgehende Sicherheit, das könnte der Bundesbürger 2019 doch feiern. Stattdessen sitzt Deutschland auf der Couch und schmollt. Die Bundesrepublik befindet sich in einer Art Ausnahmezustand.

Die Migrantenflucht hat eine tiefe Zerrissenheit in unserer Gesellschaft deutlich gemacht. Statt Werte-Konsens zu diskutieren werden Instinkte geweckt, Stimmungen geschürt und Emotionen befördert.

Mit dem Blick des politischen Philosophen durchdringt Christian Schüle die typisch deutschen Muster, die der neuen Erregungsspirale zugrunde liegen. »In der Kampfzone« ist ein provozierend-anregender Aufruf zu Vernunft, Einigkeit und Recht und Freiheit, meint der Verlag PENGUIN.

 

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Augstein/Blome – die Polit-Navigatoren

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten machen sich die Abgehängten und die Vergessenen ernsthaft bemerkbar: die, die sich nur so fühlen, und die, die es tatsächlich sind. Ihre Ängste und ihre Wünsche handeln von sozialer Gerechtigkeit, aber, und das ist neu, auch von nationaler Identität. Oben und Unten ist heute mehr als der Streit um Hartz IV, Niedriglohn oder Vermögensteuer. Die neue Frage »Wer gehört dazu?« ist inzwischen genauso wichtig wie die alte Frage »Wer hat was?«. Damit ist in diesem Buch eine Debatte eröffnet, die sich nicht mehr klar mit den Positionen »links« oder »rechts« verhandeln lässt.

 

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Leipziger Buchpreis Sachbuch

Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019


Harald Jähners große Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit zeigt die Deutschen in ihrer ganzen Vielfalt: etwa den „Umerzieher“ Alfred Döblin, der das Vertrauen seiner Landsleute zu gewinnen suchte, oder Beate Uhse, die mit ihrem „Versandgeschäft für Ehehygiene“ alle Vorstellungen von Sittlichkeit infrage stellte; aber auch die namenlosen Schwarzmarkthändler, in den Taschen die mythisch aufgeladenen Lucky Strikes, oder die stilsicheren Hausfrauen am nicht weniger symbolhaften Nierentisch der anbrechenden Fünfziger. Das gesellschaftliche Panorama eines Jahrzehnts, das entscheidend war für die Deutschen und in vielem ganz anders, als wir oft glauben.

Harald Jähner: Wolfszeit.                                                 

Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955

 

Was war mit den Deutschen los, als sie den Krieg verloren hatten? Der Kulturjournalist Harald Jähner gibt auf diese Frage unter dem Titel „Wolfszeit“ Antworten, die diesem alles in allem dunklen Jahrzehnt keinen Ruhmesplatz in der deutschen Geschichte einräumen. Er legt eine Mentalitätsgeschichte vor, die man aus heutiger Sicht nur mit seiner letzten Kapitelüberschrift zusammenfassen kann: „Ein Wunder, dass das gutgegangen ist“. Der zweite  Krieg innerhalb eines Vierteljahrhunderts war von Hitler entfesselt worden, hatte Millionen Deutsche in unbeschreibliche Verbrechen verstrickt, viele von ihnen heimat- und wohnungslos gemacht und eigentlich nicht vor die Wahl gestellt, ob sie sich als Opfer dieses Krieges und des Nationalsozialismus ansehen sollten oder doch eher über ihren Anteil an der Katastrophe nachdenken sollten. Aber sie entschieden sich in ihrer großen Mehrzahl für die Opferrolle. Der Autor schreibt über das „beredte Verschweigen“ sowohl der eigenen Schuld als auch des Leids der Millionen Opfer. Stattdessen krempelte man – am Anfang waren überwiegend Frauen – die Ärmel hoch und begannen mit dem Wiederaufbau des zerstörten Landes, mit der Wiedergewinnung von Lebensfreude, mit der Übernahme westlichen Lebensstils in dem Teil, der bald „Bundesrepublik“ heißen sollte und mit dem verordneten, von vielen dort aber auch geteilten „Antifaschismus“ in der entstehenden DDR. Jähner erzählt von Tanzwut im Westen, vom beginnenden Kalten Krieg, der Einflussnahme der Besatzungsmächte und ihrer mit politischen Aufgaben betrauten Geheimdienste.

 

In zehn Kapiteln beschreibt der Autor die äußere Entwicklung in diesem aufregenden, heute schon kaum mehr der Zeitgeschichte zugerechneten Jahrzehnts. Aber er würzt seine Darstellung mit Originalbeiträgen, griffigen Zitaten, Beispielen und zahlreichen vielsagenden Fotodokumenten. Zu allem werden die älteren unter seinen Lesern jeweils Eigenes aus ihrem Erfahrungsschatz hinzufügen. Für diese Generation ist das Buch eine Wiederbegegnung mit ihrer eigenen frühen Biographie, für die Nachgeborenen kann es ein Schlüssel zum Verständnis dessen sein, was dieses inzwischen vereinigte Deutschland immer noch so rätselhaft macht.

 

Besonders erschütternd sind die Kapitel über die „Umerzieher“, wie Alfred Döblin, der im Auftrag der französischen Besatzungsmacht ohne großen Erfolg an der Entwicklung einer demokratischen Gesinnung seiner Landsleute arbeitete.  In der Sowjetischen Besatzungszone versuchten sich viele frühere Hitlergegner ebenso ohne großen Erfolg am Aufbau einer anderen demokratischen Gesellschaft, die aber auch eine sozialistische sein sollte. Der Versuch, in beiden sich auseinanderentwickelnden deutschen Staaten, ein Bewusstsein von Schuld und Verantwortung für die Verbrechen an den Juden, an politisch Andersdenkenden, an Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zu entwickeln, blieb in diesem Jahrzehnt – das wird in Jähners „Wolfszeit“ deutlich – auf Ausnahmen beschränkt. Weder die Kirchen noch andere Teile der Zivilgesellschaft oder Unternehmen bekannten sich zu ihrer Verstrickung. Stattdessen wurde der imperiale Nazi-Stil in Architektur und Design von einer Nierentisch-Kultur abgelöst, stattdessen baute Beate Uhse ihr „Versandgeschäft für Ehehygiene“ auf, stattdessen blühte zunächst der Schwarze Markt und „Bürger lernten Plündern“, wie Jähner einen Abschnitt überschreibt. In Wolfsburg wurde bald der Grundstein für eine Auto-Mentalität der Deutschen gelegt, die erst in jüngster Zeit zu bröckeln beginnt.

 

Selten gelingt einem Buch, das Bild einer „vergangenen Zeitgeschichte“ so bildhaft, wahrhaftig und auch in seinen historischen Urteilen nachvollziehbar zu zeichnen, wie Jähner in der „Wolfszeit“. Nach seiner jahrelangen Tätigkeit als Feuilletonchef der „Berliner Zeitung“ beweist sein Buch, dass er auch im großen Format fesselnd und auf hohem Niveau unterhaltend schreiben kann.

 

Harald Loch

 

Harald Jähner: Wolfszeit.                                                  

Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955

Rowohlt Berlin 2019   477 Seiten   zahlr. Fotos    26 Euro

Ein "neuer" alter Simenon:                              Die Marie vom Hafen      

Wer nur die Maigret-Romane von Georges Simenon gelesen hat, verpasst vielleicht nicht die „bessere Hälfte“ des riesigen Werks, aber endlich werden die großen, benen den Krimis stehenden Romane des 1903 im belgischen Lüttich geborenen Autors wieder neu übersetzt, sind wieder zugänglich. Dazu zählt die großartige Liebesgeschichte „Die Marie vom Hafen“. Sie ist im französischen Original 1938 bei Gallimard erschienen. Jetzt hat sie Claudia Kalscheuer, die wir als wunderbare Übersetzerin großer Frauengestalten z.B. in den Romanen von Marie Ndiaye kennen, für das deutsch lesende Publikum neu aufbereitet. Auch Marie – von Simenon mit knappen Strichen wie zum Wiedererkennen gezeichnet – gehört zu den großen Frauen der Weltliteratur.

 

Eigentlich wird sie in den wenigen Monaten der Handlung erst zur Frau.
Alles spielt in Port-en-Bessin, einem Fischerdorf in der Normandie, genauer im Calvados, der dem dortigen Nationalgetränk den Namen gegeben hat – oder ist es umgekehrt? Marie Vater wird gerade zu Grabe getragen, als der Roman einsetzt. Sie ist 17 Jahre jung, hat eine Reihe von Geschwistern, sie ist die Zweite.  Auf sich gestellt, fängt sie im Café de la Marine als Serviererin und Zimmermädchen für die wenigen Gästezimmer an. Ein etwa gleichaltriger Junge hat ein Auge auf sie geworfen und sie zurück. Dessen Vater hat eine Serie von Schicksalsschlägen hinter sich, in deren Folge sein Schiff zwangsversteigert wird. Chatelard, ein Emporkömmling aus Cherbourg, ersteigert das Schiff und wird Stammgast im Café de la Marine. In Cherbourg lebt er unverheiratet mit der älteren Schwester von Marie zusammen.


Chatelard nähert sich ungeschickt und ungestüm der ihn im Café bedienenden Marie, er will sie haben, obwohl sie noch kaum Frau ist. Aber sie ist – wie man so sagt – „Manns genug“, um ihn in seine Schranken zu weisen, ihn sogar zum Verzweifeln an sich selbst zu zwingen. Der um Marie werbende Junge ist bis zur Raserei eifersüchtig auf Chatelard, lauert ihm eines Tages auf, wird aber überwältigt. Mit gebrochenem Arm nimmt Chatelard ihn mit in sein Haus in Cherbourg, wo er von Maries Schwester gesund gepflegt wird, bis Chatelard die beiden in kompromittierender Stellung im Bett erwischt. Er hatte Marie über ihre Schwester nach Cherbourg gelockt. Als er versucht, sie hinter verschlossener Tür in sein Bett zu zwingen, entwaffnet sie ihn mit den starken Worten einer selbstbewussten jungen Frau. Sie kehrt unberührt und mit ihrer ertappten Schwester nach Port-en-Bessin zurück, nimmt ihre Tätigkeit im Café de la Marine wieder auf und lässt sich handstreichartig für volljährig erklären. So souverän konnte Simenon schon 1938 eine junge Französin gestalten, als Frauen dort noch nicht wählen und ohne Genehmigung ihres Ehemannes kein eigenes Konto eröffnen durften.


Die Sache nimmt ihren überraschen Lauf, wie von Marie unausgesprochen geplant. Sie bleibt die „Geheimniskrämerin“, wie sie schon als Kind von ihrer Familie genannt wurde. Simenon hält mit dem Plot bis zum Schluss hinter dem Berg, ist er doch Meister solcher „Auflösungen“. Auch wenn hier kein Maigret einen Kriminalfall löst, kommt die Spannung nicht zu kurz. Simenon vergreift sich nicht im Genre: Er schreibt keine romantische Liebesgeschichte, sondern den salzwassergetränkten Roman einer bewundernswerten Frau, die ihr Leben meistern und nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten wird. Beim nächsten Besuch in der Normandie erheben wir ein Glas „Calva“ und trinken auf ihr Wohl, um das wir uns nach diesem schönen Buch keine Sorgen machen müssen.


Harald Loch
 
Georges Simenon: Die Marie von Hafen         Roman
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Mit einem Nachwort von Christian Seiler
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019    173 Seiten   22,90 Euro

 

Reiseführer Merian: PRAG

Prag. Eine Stadt in Biographien - Eine Stadt wird nicht nur von Gebäuden und Straßenzügen geprägt, die Identität von Prag entsteht erst mit den Geschichten seiner Bewohner. Denn was wäre die Stadt ohne Bedrich Smetana, Vaclav Havel oder Lenka Reinerová? 20 ausgewählte Biographien zeichnen ein lebendiges, historisches wie auch aktuelles Bild der Stadt.

Die Porträts werden durch Adressen ergänzt, die eine Stadterkundung auf den Spuren der porträtierten Personen ermöglichen. Zudem lädt die farbige Bebilderung mit aktuellem wie historischem Bildmaterial zum Selbstlesen und weiterverschenken ein. Zur hochwertigen Ausstattung gehören der Leineneinband und das Lesebändchen.

Dieser Band umfasst Porträts von: Wenzel von Böhmen, Karl IV., Jan Hus, Judah Löw, Rudolf II., Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, Wolfgang Amadeus Mozart, Bozena Nemcová, Bedrich Smetana, Antonín Dvorák, Jaroslav Hasek, Franz Kafka, Max Brod, Edvard Benes, Egon Erwin Kisch, Lenka Reinerová, Alexander Dubcek, Emil Zátopek, Milos Forman, Václav Havel.
 
 
LESEPROBE
 

Franz Kafka

1883 - 1924

 

»Prag lässt nicht los…«, schreibt der 19jährige Franz Kafka über die Stadt an der Moldau, »Dieses Mütterchen hat Krallen.« Er wünscht sich weg und bleibt doch da - auf Lebenszeit. Hier wohnen Menschen, die »über dunkle Brücken gehen. « Er rächt sich an seiner Geburtsstadt und erwähnt sie in seinen Romanen und Erzählungen nur an wenigen Stellen...

 

Schaut in dieses Gesicht. In die schwarzen Augen, die in das Leere gerichtet sind. Sie starren in das Nichts und doch müssen sie etwas sehen. Das Drama seines Lebensschicksals spiegelt sich in dem Antlitz wieder. »Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich«. Sein Dasein ist so interpretationsfähig wie sein umfassendes literarisches Werk selbst. Das macht die ewige Faszination aus, die von diesem Prager Autor ausgeht. Kafkas Heimatstadt hat längst die Krallen abgewetzt und macht heute fleißig Werbung mit dem Dichter-Genius, der als Mythos auf T-Shirts, Ansichtskarten und Poster aufgedruckt und als Symbol der Moderne in der Literatur auf ein hohes Podest gestellt wird. Es fallen dann Namen wie Dante, Shakespeare, Goethe, wenn man eine Art Welt-Walhalla der größten Größen eröffnen will. 


Ein Satz von Franz Kafka hat mich nie mehr wieder losgelassen. Es ist seine Forderung, dass ein »Buch die Axt sein (muss) für das gefrorene Meer in uns.«  Seine Erzählungen, Romane, Tagebücher, Textfragmente und Wortfetzen hinterlassen beim Leser eben tiefe Wunden, die nie mehr heilen. Literatur und Lesen ist für Kafka Existenz, Ausgeliefertsein und Obsession: »Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.«
Später wird die Reporter-Legende Egon Erwin Kisch schreiben: Prag sei eine »Stadt mit poetischer Lizenz«. Kaum vorstellbar, dass der Literat Kafka mit seinem besten Freund Max Brod auch einmal den profanen Plan fasste, unter dem sehr aktuellen Titel »Billig reisen« Reiseführer zu publizieren. Wie modern gedacht in jener Zeit…

 

Kafkas literarisches Lebenswerk und Thema ist jedoch ein anderes geworden, in dem die Sätze über die Stadt an der Moldau zwar seltener anzutreffen sind, doch die wichtigen Lebenslinien des Autors führen durch diese Stadt wie Adern in unzählige Winkel hinein, in Gassen, Straßen, Gebäude, hin zu Palais, Brücken und Flüssen wie bei kaum einem anderen Autor. Kafka - ein in der deutschen Sprache schreibender Tscheche, ein jüdischer Klassiker mit deutscher Schulbildung unter österreichischem Einfluss in einer heute europäischen Stadt und dazu weltbekannt: »Deutsch ist meine Muttersprache und deshalb mir natürlich, aber das Tschechische ist mir viel herzlicher.«  ...

 

Lenka Reinerová - das letzte Interview

Lenka Reinerová war die letzte lebende Kronzeugin der Prager deutschsprachigen Literatur aus der Generation Franz Kafka, Max Brod, Egon Erwin Kisch. Sie war Tschechin, Deutsche, Jüdin und bekennende Europäerin in einer Person, mit einem unerschütterlichen Glauben an das Gute, an die Gleichheit und die Gerechtigkeit. Sie hat die letzten Tage Habsburgs erlebt, Masaryks Erste Republik, die deutsche Besatzung, die erstarrten Jahre im Kommunismus und das Scheitern des »Prager Frühlings«, die samtene Revolution und heute den von ihr nicht gerade geliebten Kapitalismus. Der Radiojournalist Norbert Schreiber (Hessischer Rundfunk) besuchte die Literatin, die in den kulturellen Zirkeln der 20er und 30er Jahre in Prag ein und aus ging, von den Nazis und Kommunisten verfolgt, als Exilantin eine Irrfahrt rund um Welt erlebte. Lenka Reinerovä starb am 27. Juni 2008 im Alter von 92 Jahren in Prag. Mit ihrem Tod ist diese Epoche der 20er und 30er Jahre in Prag aus dem Leben in die Bücher versunken. Ihre Stimme erklingt im »Prager Deutsch« Ein letztes Dokument aus einer untergegangenen Welt.


Lenka Reinerová, die „Grande Dame“ der Prager deutschsprachigen Literatur, ist im Alter von 92 Jahren verstorben. Nach einem bewegten Leben, als Exilantin ständig auf der Flucht, hat die Autorin auch internationale Anerkennung erhalten. Lenka Reinerová ist im Prag der 30er Jahre aufgewachsen. Das multikulturelle Prag des deutschen, jüdischen und tschechischen Zusammenlebens hat sie geprägt. 
Am 17. Mai 1916 wurde Lenka Reinerová in Prag geboren.

 

Als Journalistin kam sie mit den Vertretern der deutschen Emigration in Kontakt, vor allem mit ihrem Freund und Mentor Egon Erwin Kisch, bevor sie selbst verfolgt wurde und emigrierte. Ihre Fluchtwege führten über Frankreich, Marokko nach Mexiko. Sie verlor ihre gesamte Familie, die den Holocaust nicht überlebte. Eine Warnung ihrer Schwester hatte sie davon abgehalten, ins Nazi-Deutschland von einem Auslandsaufenthalt zurückzukehren. Reinerová wurde nach dem Krieg auch Opfer der kommunistischen Säuberungen und verbrachte ein Jahr im Gefängnis. 


Norbert Schreiber traf die Schriftstellerin in ihrer Prager Wohnung zum hr2-Kultur Doppelkopfgespräch kurze Zeit bevor sie nach langjähriger Krankheit verstarb. Ihr gesamtes Leben lag ihr das deutsch-tschechische Verhältnis am Herzen und das von ihr gegründete Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren.

 

Vorwort (Auszug) 

 

Soll ich ein Taxi nehmen? Nein, ich wähle die Strassenbahn, Linie 9, stadtauswärts, um zu Lenka Reinerovás Wohnung in der Pleniska Strasse zu gelangen. 

 

In bekannten wie in fremden Städten wähle ich immer dieses alte Verkehrsmittel, wenn vorhanden, um eine größere Nähe zu den Orten und ihren Menschen zu gewinnen. Die Geographie der Stadt ist besser erkundbar. Und sie rattern auch so schön diese Bahnen, machen Geräusche und bimmeln, als alte Vehikel der Schiene. 

 

Alte Häuser steilgegegiebelt
Hohe Türme voll Gebimmel
In die engen Höfe liebelt
Nur ein winzig Stückchen Himmel“ 
Rainer Maria Rilke


Man atmet das alltägliche Leben der anderen mit ein. Teilt ihre Gerüche und Geschmäcker, abzulesen zum Beispiel an ihrer Kleidung.

Über der „böhmischen Volkes Weise“

 

„Magst du auch sein
weit über Land gefahren
fällt es dir doch nach Jahren
alles wieder ein.“
Rainer Maria Rilke

 

Prag ist die Stadt mit „peotischer Lizenz“ (Egon Erwin Kisch). Am Vormittag habe ich mit dem literarischen Reiseführer „Prag“ von Hans Zimmermann, dem Berliner Literaturwissenschaftler, einen ausführlichen Rundgang durch die Goldene Stadt absolviert, in der es „brodelt“ „werfelt“ und „kischt“, aber die Geschichte der tschechischen Literatur reicht ja doch weiter zurück als nur bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts.

 

Ins 9. Jahrhundert, als die Schriftdenkmäler entstanden sind, in altkirchen-slawisch verfaßt, bis ins 11. und 12. Jahrhundert, als böhmische Glossen in lateinischer und hebräischer Handschrift erscheinen. Um 1300 herum entwickelt sich dann die eigentliche böhmische Literatur, mit den epischen Kompositionen in Versen, den Chroniken, Liedern und Legenden, den Traktaten und Postillen aus der Jan Hus - Zeit im 15. Jahrhundert. Jiri Melantrich, Lutheraner und Freund Melanchthons, gilt als Begründer der tschechischen Buchdrucktradition. In Ihrem Buch „Es begann in der Melantrichgasse“ hat Lenka Reinerová darüber geschrieben. Ihre erste eigene Wohnung lag in der Prager Melantriska Nummer 7, dort wo die Kischs ein paar Häuser weiter wohnen, der im französischen und mexikanischen Exil ihr Freund und Förderer wird. 

 

Immer wieder geht mein Blick wie magisch angezogen zur „Burg“ zum Hradschin, den Karl IV einst erbauen ließ und Hans Christian Andersen so beschrieb:

 

„Doch sehe ich noch den Hradschin im Sonnenglanze strahlen hoch über blühenden Feldern und herrlichen Baumgruppen erhaben. Du schöner Morgen! Prag hat ja doch so viel Schönes und Eigentümliches. Du frischer, duftender Morgen! Verwische alle grauen und unschönen Erinnerungen.“ 
Hans Christian Andersen.


Während die Strassenbahn dahinrattert, die Prager Männer und Frauen, Jungen und Mädchen eilig ein- und aussteigen, wird eine blasse Erinnerung aus der Wendezeit wieder in mir wach, damals konnte ich das nationale Gedenkheiligtum, unterirdisch gelegen und von der Öffentlichkeit abgeschirmt, besuchen. welche gedruckten Dokumente, erinnere ich mich, mögen die toten Staatsmänner hinterlassen haben, die in der nationalen Gedenkstätte im dritten Bezirk Prags, im Stadtteil Shivkov begraben liegen, dort wo die letzten Führer der kommunistischen Partei Klement Gottwald, Staats-und Parteichef Antonyn Novotny und Ludovik Svoboda in Sarkophagen ihre letzte Ruhestätte fanden. 200 Plätze wären noch frei dort.

 

Der Kommunismus hat an seine Zukunft und die seiner Führer ganz besonders unerschütterlich geglaubt und längerfristig großzügig vorgeplant. Der Kommunismus, nun ist er in Marmor erstarrt und für immer begraben. Für immer…? 

 

„Gott war guter Laune: 
Geizen ist doch wohl nicht seine Art
Und er lächelte: 
da ward Böhmen reich an tausend Reizen.“ 
Rainer Maria Rilke

 

So reimt Rilke. Prag - die Reizende. Die Stadt an der Moldau, die Stadt der Brücken und des Hradschins. Hier wohnen Menschen, die „über dunkle Brücken gehen“ (Kafka) Ja, sie ist keineswegs nur die liebenswerte, auch die magische, die düstere: „Mütterchen Prag hat Krallen“ schrieb der junge Kafka in einem Brief. 

 

Ja sie lässt auch mich nicht mehr los, so wie mich die Chiffre „1968“ mit dem Einmarsch der Sowjets und den Geschehnissen auf dem Wenzelsplatz nie mehr losließen, Nelken in einem Panzerrohr, nie werde ich als Journalist dieses Bild aus meinem Gedächtnis tilgen können. Heinrich Böll, zu jener Zeit in Prag ein Augenzeuge spricht vom Ende des „Prager Frühlings“ so: „Das Modell einer Hoffnung...wurde hier zerstört“

Die Dächer Prags glitzern im Winter-Sonnenlicht, es ist Ende Januar, der Himmel ist heute blassblau geblieben und der weiße Rauch kräuselt aus den hohen Schornsteinen über den goldenen Dächern an der Moldau und zieht zum Horizont hinter den Laurenziberg. Die ausländischen Touristen haben die Stadt noch nicht besetzt. 

 

(...)

 

Eine Haushälterin empfängt freundlich auf tschechisch und bittet mich in das Wohn-Arbeitszimmer. Die „Grande Dame“ der deutschsprachigen Literatur in Prag begrüsst mich sehr herzlich, ihre munteren Augen verraten, daß sie sich freut auf ein Gespräch mit einem Deutschen aus Frankfurt am Main – trotz ihrer körperlichen Beschwernisse durch die langjährige Krebskrankheit und Chemothearpie. Sie trinkt einen Tee und bietet mir etwas zu trinken an. Sie sitzt etwas versunken in ihrem kleinen Sesselchen und blickt auffordernd zu mir auf: Lass uns beginnen, scheint sie zu signalisieren und beginnt schon selbst mich auszufragen, wer ich bin, was ich tue, woher ich komme, sie stellt die „W“-Fragen der Journalisten, was das Interview soll, wo es gesendet wird, was ich vom deutsch-tschechischen Verhältnis halte, wie es denn ankomme, daß sie nun die Ehre hat, vom deutschen Parlament zum Gedenktag der nationalsozialistischen Opfer etwas äussern zu dürfen. Sie stellt die Fragen so, als müsste sie selbst noch etwas über unsere Begegnung schreiben.


Derweil habe ich ein schlechtes Gewissen, daß ich ihr vielleicht ein zu langes Gespräch zumuten werde, aber auf die Frage „kurzes oder langes Interview“, hat sie selbst entschieden und wie selbstverständlich, nachdrücklich betont: „Wir haben Zeit“. 


Ein Tag nach unserem Interview wird die Schauspielerin Angela Winkler ihre Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag verlesen und sie wird es nur im Fernsehen anschauen können, wenn ihre Rede von jemand anderem verlesen wird, das deutsche Volk wird Lenka Reinerová nicht mehr hören können, ihr Gesundheitszustand bindet sie an ihr Zuhause. 


Aber ich werde sie gleich hören können, ihre „Stimme einer untergegangenen Welt“ für mich ganz allein, für einen einzelnen Deutschen der sie besucht, wird sie erklingen in ihrem: „Prager Deutsch“.

 

 

Lenka Reinerová - Das letzte Interview (Ausschnitt)
Mein Grundidee ist, beizutragen zur gegenseitigen Verständigung und Abschaffung aller Vorteile und was es da noch so gibt...

Literatur, das ist eben diese Art, das wirkliche Leben darzustellen. Das ist alles

Norbert Schreiber
Närrisch an das Leben glauben/Lenka Reinerová

GEHÖRT GELESEN 02
74 Seiten, englische Broschur mit CD
Die Hörbuchreihe –Gehört gelesen - Audio und Text
€ 19,90/ sfr 35,90
in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk kultur – hr2
Reinerova.mp3
MP3-Audiodatei [76.1 KB]

Böhmerwald - ein Buch über das Waldmeer

Norbert Schreiber Böhmerwald 
Ein Buch über das Waldmeer
Böhmerwald Reihe Europa erlesen
(Wieser Verlag, 2007)  ISBN 978-3-85129-683-9


Eine Anthologie erschienen im Wieser-Verlag Klagenfurt
Mit Beiträgen von Jürgen Aigner, August Apel, Ingeborg Bachmann, Christoph Bartmann, Mei Bayerwoid, Georg Britting, Erwin Brunner, Charles Burney, Hermann Claudius, Bernhard v. Cotta, Gerold Dvorak, Joseph Eichendorff, Johann Wolfgang Goethe, Marita Haller, Heinrich Heine, Bohumil Hrabal, Anna Jelinek, Robert Kalivoda, Karel Klostermann, Rudolf Kubischtek, Gerhard Lehrberger, Klaus Peter Martinek, Walter Nigg, Adalbert Pongratz, Roland Pongratz, Georg Priehäuser, Ernst Rychnowsky, Wolfgang Scherzinger, Jürgen Serke, Arnold Stadler, Adalbert Stifter, Friedrich Torberg, Jirí Záloha u. a.


Pressestimmen
Es ist ein Vergnügen, in diesem Bändchen zu blättern und zu lesen, und diese deutschböhmische Landschaft mit den Augen und Sinnen vieler ganz unterschiedlicher Autoren kennenzulernen.
Man muss auch nicht durchgehend lesen, sondern kann sich darin je nach Geschmack und Laune einzelne Texte aussuchen. Nachrichten der Sudetendeutschen in Baden-Württemberg


Norbert Schreiber Böhmerwald 
Ein Buch über das Waldmeer
Böhmerwald Reihe Europa erlesen
(Wieser Verlag, 2007)  ISBN 978-3-85129-683-9

 

Kostproben


Nachwort des Herausgebers
Norbert Schreiber
 
Das „Grüne Dach Europas“ wölbt sich schützend über der Dreiländer-Region Bayerischer Wald, Böhmerwald und Mühlviertel und eint auf natürliche, wilde Art und Weise ein Waldviertel zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien, in dem die Menschen Jahrhunderte lang gegen die Natur ankämpfen mussten, um zu überleben. Sie suchten Schutz vor der Natur. Heute ist es umgekehrt, es schützt der Mensch die letzten Wald- und Urwaldreservate und eine der schönsten Naturlandschaften Europas: dichte Wälder, soweit das Auge reicht, massive Granitberge, Gipfel in Schnee und Eis, gewitterwolkenumhangen oder sonnenbestrahlt mit garantierter Fernsicht, tiefgrüne Seen und ewig grüne Wiesentäler, reißende Flüsse, kalte Bergbäche, Forellenteiche, geheimnisvolle Hochmoore. Natur pur, wild und ursprünglich, erholsam, und die Kraft des Menschen zugleich fordernd.

Holz, Glas, natürliche Wälder und die Musik aus Böhmen sind die „Rohstoffe“ dieser von Adalbert Stifter geliebten und so malerisch beschriebenen Landschaft. 

 

Hier trennte einst der „Eiserne Vorhang“ willkürlich nach politischen Systemen, was heute nach der Wende als Ökosystem und neue Nachbarschaft wieder zusammenwächst. Ob widerständige Kämpfer in den Glaubenskriegen oder machtbewusste Eroberer, wandernde fromme Mönche oder Handel treibende Salzhändler, die künischen Bauern oder die fleißigen Glasmacherfamilien, die reichen Holzhändler und armen Reisemusikanten, sie alle schufen in der Geschichte dieser Region natürlich gewachsene menschliche Verbindungen, an die trotz der schlechten Erfahrungen in gemeinsamer Geschichte in den Kriegen und danach im Frieden jetzt wieder angeknüpft werden kann. 
Der Böhmerwald und der Bayerische Wald verschmelzen zu „grenzenloser“ Natur, in der sich Tschechen und Deutsche unbefangener begegnen können als je zuvor in den vergangenen Zeiten an den politischen Verhandlungstischen möglich war, als Zaun und Stacheldraht, Wachtürme und Grenzkontrollen den politischen Blick versperrten…

 

 

August Sieghardt

(*1887 †1961)

 

Lied vom „Böhmerwald"

 

Das Lied vom „Böhmerwald" wird bei uns in Bayern oft gesungen. Es erklingt aus dem Munde der Böhmerwäldler, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und bei uns eine neue Heimat gefunden haben. Wer jemals im Bayerischen Wald oder im Oberpfälzer Wald gewandert ist oder im unteren Donautal, in die Passauer Gegend, in den Wäldern um Waldmünchen und Furth im Wald, um Lam und Eisenstein, dem klang da oder dort dieses Lied ans Ohr, und manchmal zählt es auch zum Programm der musikalischen und gesanglichen Darbietungen auf den Jahrmärkten und Volksfesten, im Rundfunk und in Drehorgeln.

 

 

In gewissem Sinn ist dieses schlichte Lied berühmt geworden, denn es wurde aus dem Volk heraus geboren und für das Volk geschrieben und komponiert. Entstanden ist das Lied, das sich die Herzen aller heimatvertriebenen Böhmerwäldler erobert hat und darüber hinaus auch in Niederbayern und in der Oberpfalz, auch in Franken in breitesten Volkskreisen bekannt ist, in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Andreas Hanauer, der es gedichtet und vertont hat, war ein echter Sohn des Böh­merwaldes. Seine Wiege stand „tief im Böhmerwald", in der Stachauer Hütte bei Goldbrunn in der Nähe von Außergefild, in den Wäldern ostwärts vom Rachel und Lusen, im Tal der Warmen Moldau, etwa halbwegs zwi­schen BergReichenstein und Winterberg. Dort ist der Hartinger Andreas im Jahre 1839 am 28. November zur Welt gekommen, als Sohn armer Glasmachersleute. Als er aus der bäuerlichen Volksschule entlassen wurde, ging er als Lehrling in die Glashütte nach Goldbrunn, später als Glas­machergeselle in die große Glasfabrik nach Eleonorenhain, bei Wallern, von den Böhmerwäldlern kurzweg „Leonora" genannt, man hat diese Siedlung mitten in der Wildnis nach der Fürstin Eleonore von Schwarzenberg benannt. Die Eleonorenhainer Kristall und Farbglasfabrik wurde 1832 gegründet und war die größte Glasfabrik des Böhmerwaldes; das dortige Touristenhaus war der viel besuchte Ausgangspunkt zum Besuch des nahen Luckenurwaldes im Bereich des 1362 Meter hohen Kubani. In Eleonorenhain blieb Hartauer nur zwei Jahre. Dann ging er auf die Wanderschaft, die ihn nach Nordböhmen führte. Auch dort arbeitete er als Glasmaler, in der Gegend von Haida und Gablonz. Einige Zeit hatte er in Bürgstein bei Johannesdorf seinen Wohnsitz und Arbeitsplatz und in diesem Ort hat den jungen Hanauer die Sehnsucht nach seiner böhmischen Waldheimat derart gepackt, dass er beschloss, dieser in einem volkstümlichen Heimatlied Ausdruck zu geben. Er schrieb das Lied „Tief drin im Böhmerwald da ist mein Heimatort..." Zum Text schrieb er auch gleich die Melodie, war er doch ein ausgezeichneter Musiker, Geigen und Lautenspieler. In Abzügen, die er eigens anfertigte, schickte er das Lied an seine Bekannten und Freunde in seiner Böhmerwaldheimat. Überall fand das Lied Anklang, nicht bloß im Tal der Moldau, sondern auch in anderen Böhmerwaldorten. Die Melodie, nach der das Lied heute gesungen wird, soll allerdings nicht jene von Hartauer sein...

 

 

Europa  Erlesen

Böhmerwald

Herausgegeben von Norbert Schreiber

 

Inhaltsverzeichnis
 
Rainer Maria Rilke 
„Gott war guter Laune“

 

Andreas Hartauer
Tief drin im Böhmerwald

 

August Sieghardt
Lied vom „Böhmerwald"

 

Rudolf Kubitschek
Vom Namen Böhmerwald

 

August Sieghardt
„Bayerischer Wald" und „Böhmerwald"


Früher kannte man nur einen Böhmerwald.

 

Bernhard Grueber Adalbert Müller
Der bayrische Wald
(Böhmerwald)

 

Franz Joseph  Bronner
Der bayrische Wald

 

August Strindberg
„…es grüßt mich der Gekreuzigte“

 

Adalbert Stifter

Aus dem Bairischen Walde

 

Heinrich Heine
Frühling

 

Josef Wenzig Johann Krejč
Der Böhmerwald
Natur und Mensch

 

Arnold Stadler
Adalbert Stifter Das Naturell

 

Hermann Claudius
Der Ackermann

 

Alois Jiräsek
Von den Choden 

 

Joseph von Eichendorff
„Was wisset Ihr dunkle Wipfel“

 

Marita Haller
Auf den Spuren der Kelten in Südböhmen

 

Karel Klostermann
Künisches Freigebiet

 

Ludwig Uhland
Schildeis Fragment

 

Ingeborg Bachmann
Böhmen liegt am Meer

 

HansJörg Schmidt
Was weiß der Durchschnittsdeutsche über die Tschechen?


Jiri Gruşa
  Böhmerwald Šumava Rauschwald

 

Gerold Dvoŗak
Carl Klostermann und Adalbert Stifter – 

Dichter der Wildnis

 

Karel Klostermann
Böhmerwaldskizzen

 

Adalbert Stifter
Die Pest im Bayerischen Wald

 

Peter Moraw
Die Hussitenbewegungen 1419-1437

 

Richard Friedenthal
Der Tod des Ketzers Jan Hus

„Doss seyn mer Bühmische Dörffer“

 

Jan Vobra
Sauerkraut-Teigtaschen

 

Franz Joseph Bronner
Über die Bevölkerung des Waldes

 

Josef Prinz
Schnupftabakreiben


Sepp Paukner
Der Waldler

Dialektformen
Mundart im Böhmerwald

 

Friedrich Torberg
Als noch geböhmakelt wurde

 

kynuté knedlíky 
Böhmische Knödel aus Hefeteig

 

Thomas Weber
Salztransporte

 

Martina Winter/Evi Hasenkopf
Ja s’Glos und s’Holz

 

Max Freiherr von Schnurbein
Theresienthal

 

Jitka Lnenickova
Glaskunst im Böhmerwald und 
Böhmisches Glas im 20. Jahrhundert

 

Adalbert Stifter
Es war einmal ein König

 

Ludwig Reiner Andreas Weber Hans Schopf
Auf den Spuren der Goldwäscher im Goldland 
Bayerischer Wald und Böhmerwald

 

Brüder Grimm
Der Krämer und die Maus

 

Glashüttensagen
Die Erfindung des Goldrubin-Glases

 

Rezept

 

Golddrubin Glas

Volkssage 


„Durandl“ – der Glashüttengeist

Fritz Hudler

 

Der Glasmacherort Eleonorenhain

 

Martina Winter/Evi Hasenkopf
Mei Bayerwoid

 

Hermann Hesse
Bäume sind Heiligtümer

 

Otto Sendtner
Der Hochwald

 

Heinrich Heine
Wandere

 

August Sieghardt
Urwaldberg Falkenstein und Höllbachgspreng 

 

Marita Haller
Die Eibe vom Scheuereck

 

Maximilian Waldherr
Die Schachten des Bayerischen Waldes

 

Anton Pech
Beim Waldhirten

 

Josef Wenzig Johann Krejč
Die Thierwelt

 

Wolfgang Scherzinger
Die versunkene Großtierfauna der böhmischen Masse

 

Marita Haller
Das Wolfauslassen

 

Paul Friedl
Der große Sturm

 

Johannes Urzidil
Morgen fahr’ ich heim

 

Karel Klostermann
Die Moldauquelle

 

Nach August Apel
Der Freischütz

 

Fritz Hudler
Warm, grasig, kalt – dreimal Moldau

 

Bohumil Hrabal
Der Böhmerwald-Musiker


Müller
Die Prager Musikantenbraut

 

Hermann Lenz
Vor neun Jahren ungefähr

 

Rosa Tahedl
Zäune und Sperren

 

Nobert Schreiber
Ein Stück Stacheldraht

 

Marianne Köhler
An den Böhmerwald

 

Karel Klostermann

Der Borkenkäfer und die „Käferzeit“

Eugen Roth
Ein Brief aus dem Bayerischen Wald

 

Marianne Wintersteiner
Die Leute von Buchenau

 

Marita Haller
Wie man sich bettet

 

Anneliese Strassner 
Hefeteigtaschen mit Pflaumenmus

 

Hans Carossa
Die Krippe

 

Heinrich Heine
Winter

 

Adalbert Stifter
Winterstürme

 

Emerenz Meier
Sterbelied eines Waldlermägdleins

 

Totenbretterverse aus dem Zwieseler Winkel

 

Johann Wolfgang Goethe
Über allen Gipfeln

 

Georg Britting
Der Böhmische Wald

 

Das Bayerwald-Lied
Mir san vom Woid dahoam

 

 

 

 

Handbuch der deutschen Literatur Prags

Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen weit gefassten, fundierten, genauen Überblick über die Literatur in Prag, Böhmen und Mähren. Alte Grenzziehungen literaturwissenschaftlicher oder politischer oder historischer Art werden vermieden. Das Buch bietet eine Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.

 

 

Es hat wirklich gefehlt: das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, das im J. B. Metzler Verlag bereits 2017 erschienen ist, aber als Standardwerk und großartiges Quellenbuch aus Anlass der Leipziger Buchmesse zum Themenschwerpunkt Tschechien ausführlich in einer Reihen-Besprechung der Hauptkapitel hier auf www.facesofbooks.de erneut gewürdigt werden soll.

Das 445-Seiten-Buch ist ein umfassendes Werk mit einer sehr in die Breite und in die Tiefe gehenden Genauigkeit, die den Bestseller-Leser vermutlich etwas überfordert und eher für germanistisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dennoch ist es lesbar und in knappen Kapiteln gehalten.

Es befasst sich mit einer „Hybrid-Literatur“. Damit meine ich, dass sowohl die beiden Sprachen der Literaten Deutsch und Tschechisch einerseits eine Rolle spielen. Hinzukommen andererseits die geographischen Besonderheiten in Grenzregionen. Und die Ländergrenzen in Böhmen und Mähren waren früher anders als heute gezogen. Neue Länder wie zunächst die Tschechoslowakei und später Tschechien und die Slowakei entstanden nach dem II. Weltkrieg. Zusätzlich ist das Rezeptionsverhalten zwischen österreichischem, deutschem und tschechischem Lesepublikum unterschiedlich, so dass sich ein eigenartiges, aber besonders interessantes Mischungsverhältnis aus all diesen Grundbedingungen ergibt.

Kernzelle dieser Literatur sind die weltbekannten Prager Autoren Kafka, Rilke, Werfel, Kisch, Reinerová, aber auch die weniger bekannten Oskar Wiener und Ludwig Winder.

Eine weitere Hyprid-Frage ist: Soll man Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Franz Werfel, die in Mähren, im Böhmerwald oder in Prag geboren sind, der österreichischen Literaturtradition zurechnen, also ausgrenzen? Die Herausgeber meinen: NEIN und verfolgen einen integrativen Ansatz, wenngleich früher die Prager Literaten als „dreifach“ besonders eingestuft wurden, weil sie in Prag national, religiös und sozial im Ghetto gelebt haben.

Mit diesem Handbuch wollen die Herausgeber aber starke Grenzziehungen vermeiden, das Phänomen „Literatur Prags und der Böhmischen Länder „als Gesamtheit“ betrachten. Es gilt, die literarischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Tschechen mit zu berücksichtigen.

Das Buch will keine Geschichte der tschechischen Literatur sein. Die in Vergessenheit geratenen historischen Ereignisse, die Mehr- bzw. Zweisprachigkeit der Autoren oder sogar der Sprachwechsel, wie etwa bei Karl Klostermann, werden berücksichtigt. Auch die institutionelle Seite, etwa Literaturverbände, Verlage, Periodika, Universitätsgeschehen, werden ebenso behandelt.

Den Herausgebern ist bewusst, dass Leser in Österreich und Deutschland und auch in Tschechien unterschiedliche Rezeptionsverständnisse haben können, weil länderspezifisch andersartige Bildungsvoraussetzungen gegeben sind. Das nehmen die Autoren in Kauf und zugleich in Anspruch, darauf Rücksicht genommen zu haben.

Das fünfte und das sechste Kapitel des Handbuchs widmet sich den Themen, den Motiven und Textsorten der deutschen Literatur in Böhmischen Ländern. Das Handbuch gibt eine gute allgemeine Orientierung, lässt sich auch kapitelweise lesen bzw. durcharbeiten und gibt auch auf spezielle Fragestellungen Auskunft.

Der deutsch-böhmische Germanist Kurt Krolop hat das umfangreiche Buchprojekt mit Rat und Tat begleitet, und der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft, hat ein Schluss Essay beigetragen. Wir werden in der nächsten Zeit weitere Kapitel des Buches behandeln…

Heute:

Kapitel Einleitung und Kategorisierung

 

Im Metzler Verlag sind schon einige literaturwissenschaftliche Handbücher erschienen, nun also die „zusammenhängende Darstellung der in einer mitteleuropäischen Region entstandenen Literatur“.

Fallen Namen wie Rilke, Werfel, Brod, Kafka und andere, nähren diese Autorennamen den Eindruck, alle deutsche Literatur stamme aus Prag. Die Autoren des Handbuches sehen darin eine Unangemessenheit, die deutsche Literatur von der Literatur der Böhmischen Länder abzutrennen.

 

Den Begriff der „Prager deutschen Literatur“ möchten die Autoren abschaffen und sprechen von der Literatur Prags und der Böhmischen Länder (als Eigenname verwendet und großgeschrieben!) „Böhmische Länder“ weist auch darauf hin, dass der Begriff Böhmen allein zu unscharf ist, handelt es sich doch um drei unterschiedliche geopolitische Räume: das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien. Wobei sich die west- und nordböhmischen Gebiete zum preußisch dominierten Deutschland orientierten und Mähren zur Habsburger Metropole Wien.

 

Die unterschiedlich entwickelten Verkehrswege förderten diese Orientierungen. Die zentralistische Struktur prägte auch die kulturellen Verhältnisse: „Hier die Metropole Prag, da die provinziellen Peripherien.“

An den beiden Autoren Rilke und Härtling weisen die Autoren nach, dass ihre Werke zunächst von der Herkunft thematisch regional geprägt waren, also Anklänge an die Böhmischen Länder zu finden sind, etwa in den Prager Geschichten von Rilke, bei Musils Mann ohne Eigenschaften, bei Härtling in autobiographischen Romanen. Härtling hat von 1941 bis 1945 seine Kindheitsjahre in Olmütz und Brünn verbracht. Fazit in diesem Kapitel: „Je vielseitiger sich Lebens- und Schaffenshorizonte von Autoren aufspannen, desto größer wird ihre Teilhabe an 

unterschiedlichen Literaturen.

 

Kapitel Literaturgeschichte

 

Eine Literaturgeschichte über die deutsche Literatur der Böhmischen Länder gibt es bisher nicht. Sie müsste die regionalen Infrastrukturen berücksichtigen, die Vernetzung der deutschsprachigen Literatur mit den Nachbarländern thematisieren und vor allem die Wechselwirkungen mit der tschechischen Literatur betrachten. Dabei gibt es jetzt schon Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen, die vor allem auf der wachsenden Zusammenarbeit von Germanisten und Slawisten fußen. Doch die Zusammenschau fehlt bislang.


Das Kapitel „Literaturgeschichtsschreibung“ setzt die Anfänge mit der geschichtlichen Betrachtung der Kronländer oder der Städte. Der Bezugsrahmen war zunächst die K.-u.-k.-Mo¬n¬ar¬chie, die Zuordnung zur deutschen Kultur im Gegensatz zur tschechischen Literatur betrachtet. Später wurde zwischen deutscher, deutsch-österreichischer und deutsch-böhmischer Literaturgeschichte differenziert. 
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung Prags galt sie unter nationalsozialistischem Regime als Teil der deutschen Literatur und nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung als eine Literatur, der das Land abhandengekommen war. 


Die Nazis grenzten jüdische und antinationalsozialistisch eingestellte Autoren aus. Die ersten Literaturgeschichten der Tschechoslowakei berücksichtigten teilweise deutsche Schriftsteller. In der Auseinandersetzung um die damals strittigen Grenzfragen wies der Literaturhistoriker und Schriftsteller Josef Mühlberger darauf hin, angesichts des „Grenzlandkampfes“ bestehe die Gefahr, den „Blick für Größe und Weite“ zu verlieren. 


Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es lange Zeit so, dass die deutsch-böhmische und die mährische Literatur aus dem Blickwinkel der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwunden war. Erst durch das Interesse an Kafka und an den Exilautoren wurde das Interesse wieder geweckt und besonders nach der samtenen Revolution befruchtet. 
Das interessante Überblickskapitel ist letztlich ein Arbeitsauftrag, sich mit der Literaturgeschichte dieser speziellen Gattung zu widmen, erst recht deshalb, weil sich im deutsch-tschechischen Verhältnis die kulturelle Dimension mehr als entwicklungsnötig darstellt. 

 

Kapitel Interkulturalität

 

 

Klären wir zuerst die Begriffe, wie uns die Disziplinen der Wissenschaften an den Universitäten zu jedem Studienbeginn zum besseren Verständnis anraten. Insbesondere die Soziologie, die Gesellschaftswissenschaften, sind es ja, die ganz besonders dafür bekannt sind, Wort-Ungetüme zu bilden. Nehmen wir als Beispiel das Wort INTERKULTURALITÄT. 
Es geht hier um das Bewusstsein einer Gesellschaft, deren Menschen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass ihre Mitglieder die kulturelle, sprachliche oder religiöse Verschiedenheit anerkennen oder mindestens anstreben und dabei wissen, dass der Andere in einer Gesellschaft mindestens respektiert und bestens akzeptiert ist. 


Ein ganzer Wissenschaftsbereich beschäftigt sich mit dem Thema, denn die Lebensbedingungen des Individuums und ganzer Gesellschaften sind so global geworden, dass man an diesen kulturellen Vorbedingungen eigentlich nicht mehr vorbeikommt. 


So findet man, ganz praktisch gesehen, im Internet Definitionen von COACHING-Organisationen, die Manager interkulturell fit machen für die globalisierten Wirtschaftsbeziehungen. 


Glossar: Interkulturalität 


„Unter Interkulturalität versteht man das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt.

Bei dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen werden die eigene kulturelle Identität und Prägung wechselseitig erfahrbar. Interkulturalität meint dabei die Einnahme und das Denken aus der jeweilig anderen Perspektive ohne das Ziehen vorschneller Schlüsse. Das Fremde soll nicht in das eigene Selbstverständnis angegliedert, sondern erstmal nur bewusst zur Kenntnis genommen werden“. (Quelle IKUD Coaching Seminare)
https://www.ikud-seminare.de/


Diese theoretischen Konzepte übertragen die Autoren Dieter Hebeböcke und Manfred Weinberg in ihrem Artikel „Interkulturalität/Konzepte der Interkulturalität“ auf die Literatur Prags und der böhmischen Länder. 
Interkulturalität sei dafür maßgebend schon seit dem 12. Jahrhundert, weil Bayern, Franken, Obersachsen, Schlesier und Österreicher unter der Regentschaft der Přemysliden als Handwerker, Bauern und Bergleute angeworben wurden und sich an den böhmischen und mährischen 
Grenzgebieten ansiedelten.


Die Autoren rechnen auch die Gruppen dazu, die sich um 880 bei Baubeginn der Prager Burg als Händler dort heimisch machten. Sie werden als national heterogen betrachtet. Auch die Juden hatten schon im 10. Jahrhundert in diesem Raum eine starke Stellung. Dass Tschechen, Deutsche und Juden in den böhmischen Ländern zusammengelebt haben, wird zu einer Erklärungsformel, die in der Literatur, in der Wissenschaftsgeschichte und in theoretischen Ansätzen dazu immer wieder vorkommt. 


Dabei werden zwei Nationen-Begriffe (Deutsch/Tschechisch) mit einem religiösen Attribut (Jüdisch) kombiniert. Diese Verbindung ist jedoch grundlegend falsch, denn die Deutschen waren ja national gesehen, keine Deutschen, sondern sie gehörten wie die Tschechen der Österreich-Ungarn-Donaumonarchie an. Muttersprachlich und vor dem kulturellen Hintergrund gesehen waren sie jedoch schon als Deutsche und Tschechen zu betrachten. Der Begriff Nation hilft also hier nicht viel weiter.


Im folgenden Ansatz der Interkulturalität versucht Gesellschaftstheorie sich abzuwenden von dem Dogma der ABGRENZUNG. Es geht zuerst einmal konkret um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen im selben geographischen Raum, und ich füge hinzu, natürlich auch um das Gegeneinander. 


1990 wurde der theoretische Ansatz der Interkulturalität entwickelt, der davon ausgeht, dass Kultur permeativ und nicht separatistisch zu begreifen sei. Übersetzen wir die „physikalischen“ Soziologismen. Die PERMEATION ist das Eindringen eines gelösten Stoffs bzw. eines Gases durch eine Membran und dann durch eine Materieschicht. Es geht also um Durchlässigkeit. Das wird nun auf Gesellschaften und ihre Bevölkerungsgruppen übertragen. 


Das Streben nach Separation meint vor allem das politische Ziel der Gebietsabtrennung, um einen separaten, einen eigenen Staat zu gründen. Hier ist vielleicht meinerseits auch noch der Begriff Segregation anzuführen, den die Autoren in ihrem Beitrag selbst nicht anwenden. Segregation heißt ENTMISCHUNG von diversen Elementen in einem bestimmten geographischen Gebiet. 

 

Transkulturalität nach Wolfgang Welsch
„Mit Transkulturalität beschreibt Wolfgang Welsch (1997) das Konzept einer Gesellschaft, in der sich kulturelle Identitäten durch die Vermischung von Elementen verschiedener Kulturen konstituieren. Kulturelle Grenzen und die Vorstellung homogener Nationalkulturen werden aufgehoben, indem einzelne Kulturen innerhalb einer Gemeinschaft verschmelzen. So lassen sich moderne Gesellschaften als strukturell heterogen und hybrid auffassen.“
Quelle IKUD Coaching Seminare


In einer schlüssigen, leichter verständlicheren Formel, hat das der Literat Johannes Urzidil gebracht, der über sein Leben in Prag sagt: „Ich bin hinternational“. Er lebte hinter den Nationen. Vordergründig gab es zwar die nationalkulturelle Trennung in Prag, dahinter waren jedoch auch grundlegende Gemeinsamkeiten. 


Mischen sich zwei bisher voneinander getrennte Systeme, spricht man von HYBRIDISIERUNG. Darin steckt die Gefahr, dass der Wissenschaftler, betrachtet er das prägende Gemeinsame, die vorausgesetzten bzw. gelebten Abgrenzungen übersieht. 


Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Konzept Interkulturalität noch nicht angemessen abgerundet entwickelt ist, um solch hochkomplexe gesellschaftliche bzw. historische Zusammenhänge zu erklären. 


Interkulturalität wurde in den 1970er Jahren als Begriff verwendet, um Konzepte für Konfliktlösungen zu diskutieren bzw. Kompetenzen für internationale Geschäftsbeziehungen zu entwickeln. Das kulturell Fremde sollte besser verstanden werden. 


Dabei kam eine moralische Konnotation ins Spiel. Der schwer fassbare Begriff Interkulturalität wird zudem durch seine Verwendung in ganz unterschiedlichen Wissenschaften mit einer Vielzahl von Ansätzen und Lösungswegen noch unklarer. 


Wo hört die eine Kultur auf, und wo fängt die nächste an? Nun spielt der Begriff der oder das Fremde hinein. Wissen wir um den Fremden, kennen wir die üblichen Denkmuster des Anderen, welche Erfahrungshorizonte erinnern wir und wie spielt das zurück auf die Identifizierung mit der eigenen Kultur? Und wo nisten sich Zwischenräume ein? 
Der Philosoph und Anthropologe Wolfgang Welsch formuliert es so: „Ohne Abgrenzung keine unterschiedlichen Kulturen und ohne diese keine Interkulturalität.“ 


Wissenschaftler der Universität Konstanz, die die kulturellen Grundlagen von Integration untersuchen, gehen davon aus, dass IDENTITÄT kein natürlicher Dauerzustand im Selbstbewusstsein sozialer Akteure ist. Für diese Wissenschaftler stellen sich Identitätsfragen entweder in kritischen Übergangsphasen (in denen wir uns wohl heute befinden/Anm. des Autors), in ruhigen Zeiten können sie jedoch auch latent sein.  Damit wird die Kategorie jedoch von wechselnden gesellschaftlichen Situationen abhängig.


Wenn wir Kulturen vergleichen, müssen wir dann nicht auf absolute Wertmaßstäbe verzichten, weil sie uns den Blick verstellen? Sollten wir nicht statt vom fixen Wissen über das Fremde unser Verhältnis dazu vom Nicht-Wissen her definieren? 


Die Autoren fassen es so zusammen: „In diesem Nichtwissen generiert Interkulturalität ihr grenzüberschreitendes Potenzial.“ 


Die Autoren weisen auf die definitorischen Schwierigkeiten beim Begriff Interkulturalität hin und führen das KONZEPT des HORIZONTs ein, in dem nicht von gegeneinander abgegrenzten Einheiten ausgegangen wird, sondern von grundsätzlicher Vielfalt.


Es ist ein RAUM-Modell. Instabile Einheiten, nur zeitweise gültige Grenzen, Vermischungen und Verschiebungen sind darin ebenso enthalten wie nationalkulturelle Hintergründe.


Fazit der Wissenschaftler: Dieses HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER DEUTSCHEN LÄNDER, erschienen bei J. B. Metzler, folgt keiner einzelnen Theorie der Inter- oder Transkulturalität, sie ist als eine Art Materialsammlung für künftige Forschung anzusehen.

 

Kapitel Literatur und Raum

 

Das HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER BÖHMISCHEN LÄNDER hat eine sehr übersichtliche Inhaltsstruktur. Es beginnt mit dem Vorwort und endet mit dem in der Wissenschaft üblichen Anhang, der aus den Lebensdaten ausgewählter Autoren der Böhmischen Länder, aus einem deutsch-tschechischen Ortsregister, den Lebensdaten der Autorinnen und Autoren sowie dem Personenregister besteht.


Das Handbuch wird in acht Kapiteln gegliedert. 


Nach dem Abschnitt Literatur- und Forschungsgeschichte einer Region, dem Kapitel über Theoriekonzepte und dem Allgemeinen Hintergrund (darin ein geschichtlicher Abriss der Böhmischen Länder, institutionelle Informationen über Verlage und Buchhandel, Geschichte der Ästhetik) folgt im vierten Kapitel ein Aufriss der literaturgeschichtlichen Epochen und im fünften Kapitel dann Themen und Motive der Literatur: Historischer Roman, historisches Drama, Essay, phantastische Literatur, Sagen und Legenden, Mundartliteratur sowie Übersetzungen sind die einzelnen konkreten Textsorten, die im Kapitel Sechs zusammengefasst sind. 


Im siebten Schlussabschnitt zieht Peter Demetz, der renommierte amerikanische Germanist und Autor literaturwissenschaftlicher Werke deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft eine Bilanz.
Das Theoriekapitel wird abgeschlossen mit zwei Texten zu Konzepten des Raumes und Raumkonzepten der Region. Dabei sind sich die Verfasser im Klaren darüber, dass es bisher keine passgenauen Raumkonzepte für die böhmischen Länder gibt. 


In Prag und Brünn bildeten sich von den Autoren so genannte „Knotenpunkte“ der Literatur, es geht um die Vielfalt in den Kulturräumen Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. Es wird auch das in der Politikwissenschaft und Soziologie angewandte Theoriemodell von Zentrum und Peripherie erwähnt. 


Auch das Raumkonzept von Henri Lefebre, dem französischen Philosophen und Soziologen, wird zitiert, der davon ausgeht, dass jede Gesellschaft einen ihr eigenen Raum produziert, der sich auf drei Ebenen abspielt.


Die erste Ebene bedeutet, die Wahrnehmung, also was wir erleben, benutzen, produzieren und reproduzieren. Auf Ebene Zwei gibt es den Raum des Wissens, der Zeichen und der Codes. Auf der dritten Ebene geht es um Imagination, welche Bilder und Symbole stellen wir her. 
Im weiteren Verlauf des Textes behandeln die beiden Autoren Manfred Weinberg und Irina Wutsdorff den Raumgedanken in Philosophie, im Strukturalismus und in den Kulturwissenschaften sowie weitere Ansätze, den Raum mythisch, ästhetisch oder theoretisch zu begreifen. 
Insofern schließt sich direkt daran an, was die Autoren Raumkonzepte der Region nennen, weil es ja eben auch um die geographischen Aspekte geht, um das Verhältnis der nationalen Gemeinschaften in den Böhmischen Ländern sowie um die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. 


Dieses Kapitel hilft, theoretische Überlegungen zur Einordnung der Literatur zu entwickeln, wenngleich die Autoren zugeben, dass alle Ansätze erst in den Anfängen befindlich sind, es also an theoretischem Handwerkszeug noch fehlt. Das ist den Autoren nicht anzulasten. Es hat eben sehr, sehr lange gedauert, bis der Blick ins Nachbarland Tschechien durch Grenzzäune hindurch und über sie hinweg freier war, um sich gegenseitig besser wahrzunehmen. Und auch dieser Prozess steckt erst in den Anfängen. In diesem Handbuch stehen allerhand Handlungsanleitungen dafür, es muss nur genutzt werden.  

 

 

 

Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg) Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder

 

Erde und Papier

John Lennon, der Papst, schwule Filmregisseure, vergrätzte Verleger, die Liebe an sich, Gedichte darüber, und, und, und…

Die Themenpalette des Wunderkindes Wondratschek ist weit und breit. Alles eben, was zwischen Erde und Papier steckt. Wondratschek kann schreiben, einige wissen das, vor allem in der Journaille. Sie geben ihm Aufträge für Texte, aber Verleger glauben dem Talent nicht so recht. Nun hat sich Ullstein entschlossen, die gesammelten Werke des Autors doch herauszubringen. In der Verlagsankündigung heißt es: Zwischen Underground und Scheinwerferlicht – Unveröffentlichtes, Reportagen, Porträts und Storys.

 

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Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen

 

Seit dem Bestseller „Licht aus dem Osten“ gilt Peter Frankopan auch in Deutschland als Experte für die Beziehungsgeschichte zwischen Asien und Europa. Der 1971 geborene Autor leitet das Zentrum für byzantinische Studien an der Universität Oxford.

 

Mit seinem aktuellen Werk „Die neuen Seidenstraßen“ verlässt er die Welt der klassischen Historiographie und beschreibt die zeitgeschichtliche Entwicklung anhand des chinesischen Projekts, die Wege und Beziehungen zwischen dem Fernen Osten und dem westlichen Europa auf eine neue, äußerst dynamische Basis zu stellen. Dieses Projekt hat die Zukunft im Blick. Deshalb schreibt Frankopan, wie es im Untertitel seines Buches heißt, über „Gegenwart und Zukunft unserer Welt“. Die Quellen, die er benutzt, sind die zeitgeschichtlicher Natur: Zeitungen, Agenturmeldungen, aktuelle Statistiken, offizielle Verlautbarungen. Solche Quellen verfolgen meist hinter ihnen stehende Interessen und sind entsprechend kritisch zu bewerten. Frankopan bezieht sich auf eine möglichst „pluralistische“ Vielfalt von Quellen und unterzeiht sie der notwendigen Kritik. Das Ergebnis kann, wie bei zeitgeschichtlichen Untersuchungen üblich, nicht die auch vor der späteren Geschichte standhaltende Beschreibung der Wirklichkeit für sich beanspruchen, kann sich ihr aber in außerordentlichem Maße annähern. Deshalb ist sein Werk von aktueller Wichtigkeit sowohl für die politischen und wirtschaftlichen Akteure als auch für das Verständnis des lesenden Publikums, das ja in jedem Fall von der Gegenwart und der Zukunft dieser „neuen Seidenstraßen“ betroffen ist.

 

Die von China mit viel Geld ausgerufene neue Dynamik baut nach Frankopan auf drei wesentlichen Faktoren auf: Das sind zunächst einmal die Verkehrswege auf dem Land und die Schaffung neuer gewaltiger Infrastrukturen für die neuen maritimen Seidenstraßen im chinesischen Meer und vor allem im Indischen Ozean. Die bisher nur zu einem geringen Teil erschlossenen natürlichen Ressourcen, in erster Linie die Bodenschätze von Öl und Gas bis zu seltenen für modernste Technologien benötigten Elementen, bilden die zweite Säule des Projekts. Die dritte ist die eigentliche „Software“ dabei, nämlich die vertiefte internationale Kooperation teils auf bilateraler, teils auf multilateraler Basis. Frankopan stellt sie in Gegensatz zu den Auflösungserscheinungen der internationalen Kooperation, die von der Politik Donald Trumps aber auch durch den Brexit und die Uneinigkeit in der Europäischen Union ausgehen.

 

Der Autor beschreibt viele einzelne Stationen der neuen Seidenstraßen. Er verschweigt nicht die von der Übermacht Chinas ausgehenden Risiken für die kleineren Staaten, die nicht alle die von ihnen erforderten Mittel aufbringen werden, um das Projekt voranzubringen. Die neuen Seidenstraßen haben einen riesigen Radius, sie umfassen das ganze Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Fernen Osten, sie erreichen auch Russland und Afrika und insgesamt weit mehr als die halbe Welt. Das ganze Buch ist aber nicht etwa eine Liebeserklärung für die neuen Seidenstraßen, es bringt angesichts deren Dimension aber Respekt für sie auf. In den oft unbekannten Details ist das Buch höchst informativ und in seiner Summe mahnt es vor Überdehnung und Überwältigung und zeigt zugleich die positiven Perspektiven auf. Die Welt wird schon in zehn Jahren ganz anders aussehen als heute. Frankopans Fazit lautet: „Die Kräfte zu verstehen, die den Wandel vorantreiben, ist der erste Schritt, um handlungsfähig zu werden. Der Glaube, diesen Wandel verlangsamen oder aufhalten zu können, wird sich als Illusion erweisen. Keine Illusion dagegen ist die Tatsache, dass sich die Seidenstraßen im Aufwind befinden. Wie sie sich verändern und weiterentwickeln, wird die Welt der Zukunft formen und bestimmen, im Guten wie im Schlechten. Denn nichts anderes haben die Seidenstraßen schon immer getan.“

 

Harald Loch

 

Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt

Aus dem Englischen von Henning Thies

Rowohlt Berlin 2019    318 Seiten   22 Euro

Die heuchelnden Demokratien

Ein großes Plädoyer für Humanismus, eine schonungslose Reportage über das wahre Gesicht unserer Zivilisation und ein Frontbericht aus den Krisengebieten der Welt – das wichtigste Buch von Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer, heißt es in der Verlagsankündigung von Propyläen.

 

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Das braune Netz

Sie hatten ihre Karriere im Dienste des NS-Staates begonnen – und setzten sie bruchlos in der der neuen Bundesrepublik fort. So bereitwillig sie der braunen Ideologie gedient hatten, so engagiert traten sie nun für die Demokratie ein. Kriegsgerichtsräte fällten wieder ihre Urteile, einst regimetreue Professoren lehrten und die Journalisten aus den früheren Propagandakompanien schrieben, als hätten sie sich nichts vorzuwerfen.

 

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Der Klang von Paris 

Berlioz, Rossini, Meyerbeer, Wagner, Chopin, Offenbach, Pauline Viardot – diese und viele andere Künstler leben, lieben, leiden in der musikalischen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts und schreiben mit an der Partitur einer Metropole zwischen Revolution und Elektrizität, Eisenbahn und Kaiserreich.

Erstmals wird Paris in diesem Buch als Zentrum europäischer Musik im 19. Jahrhundert erkundet, zugleich die Musik auf ihre Umgebung bezogen.

 

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