Faces of Books - Ansichten

...über Bücher und Autoren

facesofbooks.de - das nachhaltige Buchportal

 

We love slow-writing and slow-reading

Herzlich willkommen auf meiner Website, die sich mit Büchern beschäftigt. Facesofbooks zeigt das Gesicht der Bücher und Autoren. Beachtet Titel und Covergestaltung, Aufmachung des Buches, berichtet über den Inhalt, stellt den Autor in kurzer prägnanter Form vor. Wir veröffentlichen Autoreninterviews, bieten Informationen über Bücher von heute und Bücher von gestern, die wichtig sind, aber nicht vergessen werden sollen. Sie finden Tipps, Rezensionen, Kurz-Kritiken, Neuigkeiten über Verlage und Autoren. Geben Sie uns auch Hinweise, was Ihnen gefällt oder mißfällt. Eine Website für Lesefans auch aus der digitalen Bücherwelt. www.facesofbooks.de

 
Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Der alltägliche Rassismus in Deutschland

Warum ist es eigentlich so schwer, über Rassismus zu sprechen? „Darf ich mal deine Haare anfassen?“, „Kannst du Sonnenbrand bekommen?“, „Wo kommst du her?“ Wer solche Fragen stellt, meint es meist nicht böse. Aber dennoch: Sie sind rassistisch. Warum sie das sind, das wollen weiße Menschen oft nicht hören. Alice Hasters erklärt es in ihrem Buch trotzdem. Eindringlich und geduldig beschreibt sie, wie Rassismus ihren Alltag als Schwarze Frau in Deutschland prägt. Dabei wird klar: Rassismus ist nicht nur ein Problem am rechten Rand der Gesellschaft. Und sich mit dem eigenen Rassismus zu konfrontieren, ist im ersten Moment schmerzhaft, aber der einzige Weg, ihn zu überwinden.  (hanserblau)

 

mehr

Die Brexit-Kakerlake

Jim Sams hat eine Verwandlung durchgemacht. In seinem früheren Leben wurde er entweder ignoriert oder gehasst, doch jetzt ist er auf einmal der mächtigste Mann Großbritanniens – und seine Mission ist es, den Willen des Volkes in die Tat umzusetzen. Er ist wild entschlossen, sich von nichts und niemandem aufhalten zu lassen: weder von der Opposition noch von den Abweichlern in seiner eigenen Partei. Und erst recht nicht von den Regeln der parlamentarischen Demokratie. Ian McEwan verneigt sich vor Kafka, um eine Welt zu beschreiben, die kopfsteht. (DIOGENES)

 

mehr

Trump unter Beschuss

 

In «Feuer und Zorn» (4 Millionen Auflage) hatte Michael Wolff die chaotischen ersten Monate von Donald Trumps Präsidentschaft dokumentiert. Nun ist die Lage ganz anders: Trump hat die fähigsten Berater entlassen, die Weltmacht USA ist endgültig seinen impulsiven Instinkten unterworfen. Gleichzeitig ist er unter Beschuss, von Freund und Feind, von seiner radikalen Basis und dem politischen Establishment in Washington. Wolff schildert in seinem packenden neuen Buch einen amerikanischen Präsidenten, der sich permanent verfolgt fühlt und der sich dabei immer wieder an den Rand der Selbstzerstörung bringt: einen Trump, der rasend ums politische Überleben kämpft. Wolffs Buch ist eine Tragikomödie und ein großes politisches Drama. Er macht deutlich, wie sehr die amerikanische Außenpolitik mit den Geschäftsinteressen seines Schwiegersohns verquickt ist und warum Trump dem Sonderermittler Robert Mueller noch einmal entkommen konnte; dass Trump Nordkorea nicht auf der Karte finden könnte und Melania wieder bei ihren Eltern wohnt. Und im Zentrum von allem ein Weißes Haus, in dem jeder gegen jeden steht - und alle sich fragen: Wann fliegt uns das hier um die Ohren?


„Unter Beschuss“ ist das detailreichste Porträt jenes außergewöhnlichen Mannes, der trotz allem noch immer Präsident der Vereinigten Staaten ist. (ROWOHLT)

 

mehr

Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

Abenteuer suchen viele in der Ferne, Karl-Markus Gauß findet sie in nächster Nähe: im Reich der Gegenstände. Er begibt sich auf eine Reise, für die er sein Zimmer nicht zu verlassen braucht, mit der er uns aber durch verschiedene Zeiten und viele Länder führt. Es sind stets die Dinge des Alltags, die er preist und in denen er die Vielfalt und den Reichtum der Welt entdeckt. Dadurch erfahren wir von tapferen und merkwürdigen Menschen, von entlegenen Regionen, unbekannten Nationalitäten und nicht zuletzt von den Vorlieben des Verfassers selbst. Karl-Markus Gauß, der Kartograph der Ränder von Europa, führt uns auf eine charmante, unterhaltsam lehrreiche Expedition in das unbekannte Gelände des Privaten. (Zsolnay)

 

mehr

Vittorio Magnano Lampugnani:                 Bedeutsame Belanglosigkeiten

Kiosk, Straßenlaterne, Abfalleimer, Gullydeckel – der Architekturhistoriker Lampugnani schenkt den scheinbar bedeutungslosen Objekten Aufmerksamkeit. Er erzählt ihre Geschichte(n) und erklärt, warum sie so wichtig für das Stadtbild sind.

Woran erkennt man auf dem Bild einer Straße, um welche Stadt es sich handelt, auch wenn kein bekanntes Wahrzeichen zu sehen ist?

An den kleinen, aber charakteristischen Objekten des Stadtraums: den Brunnen (Berliner Pumpen, Römische Nasone-Brunnen, Pariser Wallace-Brunnen), den Baumscheiben, Pollern, Stadtmöbeln, aber auch am Belag, Trottoir oder den Kanaldeckeln.

 

Lampugnani betrachtet die Geschichte dieser Objekte, hat 22 repräsentative herausgesucht und erzählt uns ihren Werdegang: beginnend mit ihrem ersten Auftreten (oft schon in der Antike), ihrer Vernachlässigung (meist im Mittelalter), ihrer neuen Blüte oder ihrem erstmaligen Erscheinen (in der Stadt der Neuzeit) bis hin zu ihrer Verlotterung und Verhässlichung in der Gegenwart. Oder geht ihrem kurzen Leben nach wie dem der Telefonzelle, die, kaum erfunden, schon wieder durch technische Neuerungen zurückgedrängt wurde.

Was entsteht, sind nicht nur kenntnisreiche Einblicke in bisher unterschätzte Elemente der Stadt und amüsante Anekdoten aus der Geschichte des Städtebaus und einzelner Städte. En passant erzählt Lampugnani auch, was eine Stadt schön, individuell und unverwechselbar macht. Und was wir heute manchmal leichtfertig aufs Spiel setzen. (Wagenbach)

 

mehr

Beethoven-Jahr

Christine Eichel erzählt die fesselnde Geschichte eines Nonkonformisten. Wer war der Mann, der sich mit seinem wichtigsten Mäzen prügelte und seine Köchin schon mal mit faulen Eiern bewarf? Welcher Zusammenhang besteht zwischen seiner leidvollen Kindheit und seiner neuartig emotionalen Musik? Welchen Einfluss hatte seine fortschrittliche politische Haltung auf sein Werk? Warum blieben ihm glückliche Beziehungen verwehrt? Anhand sechs ikonischer Werke und vieler weiterer Kompositionen zeichnet Eichel das Portrait eines Mannes, der kein musikalischer Dienstleister mehr sein will und sich eine Existenz als unabhängiger Künstler ertrotzt. Ebenso kenntnisreich wie mitreißend schildert Eichel Beethovens geistigen Kosmos, berichtet von delikaten Liebeskomplikationen und bizarren Launen, schreibt über notorische Geldnöte und den eruptiven Humor des Komponisten. Jenseits gängiger Mythen wird der Mensch Beethoven auf neue, spannende Weise erfahrbar. 


Zielgruppe: Beethoven-Begeisterte, Mozart-Fans, Klavierlehrer- und schüler, Musikwissenschaftler, Eltern, Geigen- und Flötenkinder, Arte- und 3sat-Redakteure, Feuilletonisten der deutschen Presse

 

mehr

 

Echte Liebe: BVB

Kaum jemand kennt den Bundesliga-Spitzenclub Borussia Dortmund besser als »Aki« Watzke, der ihn seit 2005 lenkt. »Echte Liebe« erzählt, wie es gelang, in einer immer zynischeren Geld- und Glamourbranche eine Stadt und eine ganze Region aufs Engste mit dem bodenständig gebliebenen BVB-Fußball zu verbinden. Der BVB-Boss berichtet außerdem von seiner tiefen Freundschaft mit Jürgen Klopp, dem Gewinn des Doubles, der Niederlage im Champions-League-Endspiel gegen die Bayern, der Rivalität zu Uli Hoeneß sowie dem niederschmetternden Attentat auf den BVB-Bus, als er kurz vor seinem Rücktritt stand, vom entfesselten Kommerz, der das Herz des Fußballs zu verraten droht, und davon, wie man ihn für den »normalen« Fan retten kann. (C.Bertelsmann)

 

Zielgruppe: Fußballer, Trainer, Fußball-Fans allgemein, BVB-Fans, Bayern-Fans, Sportreporter, Moderatoren von Sky und DAZN, Sportverantwortliche von ARD und ZDF. Und alle Mitglieder von Fußballvereinen.

 

Wer will die Insel Rügen kaufen: CHINA?

„Kassandra“ ist der Spitzname eines durchaus heiteren Wirtschaftsredakteurs, der den Fehler hat, lieber eigenen Recherchen zu folgen als den Pressesprechern der Minister und Konzerne und der in der Kantine schon mal die Frage stellte, welche Politiker wohl in die Hölle kommen müssten, nachdem sie jahrzehntelang eine vernünftige Einwanderungspolitik verweigert haben.


Noch am Abend seiner Entlassung schreibt er weiter – nun im Tagebuch, frischer und frecher. Manchmal denkt er dabei an seine achtzehnjährige Nichte, die später vielleicht fragen wird: Wie war das damals im frühen 21. Jahrhundert, als Europa auseinanderbröselte? So konzentriert er sich auf die Vergewaltigung Griechenlands in der Bankenkrise und auf die Blindheit gegenüber China, das mit seiner Wirtschaftsmacht und antidemokratischen Ideologie immer näher rückt. (rowohlt Berlin)

 

mehr

Lob der Erde - Reise in den Garten

Immer wieder steht man vor Weihnachten vor der Frage: Was soll man schenken? Gedruckte Bücher helfen, dieses Dilemma zu lösen.

In den nächsten Tagen und restlichen Wochen geben wir hier einige Ratschläge, indem wir den Ratgeber-Spieß umdrehen. Erst definieren wir, wer das Geschenk bekommen soll, dann legen wir in diesem Tipp fest, was es denn für ein Buch sein soll. Und wann das Erscheinungsjahr des Buches war, ist uns völlig egal, denn Bücher können zwar altern, aber so lange sie im Regal stehen, herausgeholt und gelesen werden sterben sie nicht.

 

Zielgruppe

 

Frauen und Männer, die gerne gärtnern. Ökofreaks und Future-Freunde, Digitalisierungsfeinde, Klimakämpfer und Umweltaktivisten, Gülle-Bauern, Bienen-Retter, Fans der schönen Worte, Wer-Gedichte-liebt, Wer-Zeichnungen-von-Pflanzen mag, also auch Freunde von Buch-Illustrationen, Büchertisch-Fanatiker

 

Greifen Sie zum Buch

LOB DER ERDE. EINE REISE IN DEN GARTEN        ULLSTEIN

 

Der Autor Byung-Chul Han, der Philosophie, deutsche Literatur und katholische Theologie studiert hat, verspürte eines Tages den dringlichen Wunsch, der Erde näher zu sein. Wahrscheinlich war es eine akute Theorieflucht, die ihn dazu bewog, täglich zu gärtnern. In seinem „geheimen Garten“, wie er sein Stück Land benennt, kämpft er gegen die Unbilden der Jahreszeiten und entdeckt die „betörende Schönheit der göttlichen Schöpfung“. Er versteht sein Buch als Liebesbekenntnisse an die Erde und die Natur. Er entdeckt das Schöne und das Schonen. Und er ermahnt uns alle im Vorwort: „Wir haben jede Ehrfurcht vor der Erde verloren. Wir sehen und hören sie nicht mehr.“

In den einzelnen Kapiteln führt uns der Koreaner durch die Jahreszeiten, durch Lyrik und Zitate, er beobachtet seinen Garten und stellt uns in Wort und Bild Pflanzen vor. Wir müssen das Buch LOB DER ERDE loben und empfehlen unterm Weihnachtsbaum diese REISE IN DEN GARTEN.

 

 

Exit mit Brexit

 

Europa hat in der Geschichte Großbritanniens stets eine wichtige Rolle gespielt. Seit Jahrhunderten mischen sich die Briten mit Lust in die Geschicke der europäischen Nachbarstaaten ein – und werden wiederum von den Ereignissen dort beeinflusst. In seiner fulminanten Geschichte der tausendjährigen, turbulenten Beziehung zwischen den Briten und Europa zeigt Brendan Simms ebenso faktenreich wie unterhaltsam, warum man die eine Seite des Ärmelkanals nicht ohne die andere denken kann. (DVA)

 

mehr

Hans Magnus Enzensberger Fallobst. Nur ein Notizbuch erschienen bei Suhrkamp

»Wie steht es um das Selbstbewusstsein der Finanzastrologen? Was verrät uns das Kauderwelsch der Tageszeitungen? Wieviel Wirklichkeit enthalten die Mythenmodelle zeitgenössischer Physik und Kosmologie? Zu welchem Ziel treibt die pathologische Mobilität der Zeitgenossen? Was verbirgt der allgegenwärtige Abkürzungswahn? Und welches X für ein U machen uns die Künste vor?« Dass seine Auskünfte zu diesen Fragen vom Baum absoluter Erkenntnis fallen, beansprucht der Autor so listig wie weise nicht. »Fallobst« nennt er sie, »das in verschiedenen großen und kleinen Körben aufgesammelt wurde«.

Mit spitzer Zunge, unumwunden und streitbar konfrontiert uns Hans Magnus Enzensberger in einer abwechslungsreichen Folge von Beobachtungen, Notaten, Kurzessays, Erinnerungen, Dialogen, Gedichten und Glossen mit Zeitgeist und Mainstream. (Text: Suhrkamp)

 

mehr

 

Der Stadtschreiber von Kalkutta

„Den Indienfahrer hat es diesmal nicht nach Varanasi zu den Einäscherungsstätten am heiligen Ganges, sondern nach Kalkutta verschlagen. Dort nimmt er uns mit auf seine Touren durch die Stadt – immer wieder hinein in das elektrisierende, bunt verwirrende Treiben auf einem großen Lebensmittelmarkt: Leuchtendes Indien. Dann auch hier zum Einäscherungsort am heiligen Fluss (dem Hooghli) und schließlich zur herzzerreißenden Opferung vieler kleiner weißer Ziegen. Darunter die Lieblingstiere von Kindern, die diese in Begleitung der Eltern heranführen, damit im finsteren Tempel die Göttin Kali ihr Blut trinken kann: Dunkles Indien.“ (Text Suhrkamp)

 

Geschenk-Zielgruppe: Indienfahrer, Weitreisende, Nepal-Trekking-Fans, Esoteriker, Räucherstäbchen-Freunde, Buddhisten, Hinduisten, Christen, Leser, die Städteporträts mögen, TripAdvisor-Clicker, Lonely-Planet-Voyger, Freunde der schönen Schreibe.

 

mehr

Fotos c. Norbert Schreiber

Mal auf den Bauch hören

Vincent Klink liebt Wien und die Wiener. Gemeinsam mit seiner Frau hat er die österreichische Hauptstadt erkundet. Voller Leidenschaft schreibt er über die österreichische Küche, über Wiens Geschichte und Kultur – und über die vielen schönen Kaffeehäuser, Hotels und Restaurants. Die Wiener reden langsamer, gehen langsamer und essen langsamer als die hektischen deutschen „Piefkes“. Was nichts anderes bedeutet als: Sie genießen. Deshalb fühlt sich der Stuttgarter Sterne-Koch Vincent Klink in Wien so wohl. Er schätzt das Verweilen in den Kaffeehäusern, könnte – wie Kaiser Franz Josef – jeden Tag Tafelspitz essen und dazu ein Ottakringer trinken. Er lustwandelt durch die Prachtstraßen, besucht die früheren Residenzen der Habsburger und übernachtet im Hotel Sacher. Ein Reise- und Kulturführer der besonderen Art mit vielen Anekdoten und ausgewählten Rezepten. (Ullstein)

 

mehr

Der neue WALSER

Für alle Walser-Leser ein Fest des Wiedersehens: Schon in seinen Tagebüchern von 1961 finden sich Eintragungen zu «Mädchenleben», und nun, fast sechzig Jahre später, hat er das dort Notierte zusammengetragen und zu etwas verwoben, das er "Legende" nennt: die Geschichte des Mädchens Sirte Zürn, das, weil es seine eigenen Wege geht - plötzlich verschwindet, erst nach Tagen wieder auftaucht, sich im Sand eingräbt, bei Sturm in den See rennt -, nach Wunsch seines Vaters heiliggesprochen werden soll (...)


Martin Walsers neues Buch besticht durch seine lebhaften, ungewöhnlichen Figuren, die in einer gleichsam entrückten Welt zu leben scheinen. (...)

 

mehr

Die liberale Demokratie - eine Abrechnung

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde das liberal-demokratische Modell westlicher Prägung alternativlos. Heute zerbrechen weltweit Demokratien vor unseren Augen, zersetzt von Populismus, Nationalismus und der Abkehr von freiheitlichen Werten - gerade auch in Osteuropa. Warum hat der Westen seine Strahlkraft verloren?

 

mehr

Denis Schecks Buch-Kanon bei PIPER

Kann ein Kinderbuch zum Kanon der Weltliteratur zählen? Unbedingt, sagt der Literaturkritiker Denis Scheck. Zum Beispiel Astrid Lindgrens „Karlsson vom Dach“, das am Anfang vieler Leserbiografien steht. Und darf der Klassenclown der Gegenwartsliteratur Michel Houellebecq mit der Aufnahme in einen Kanon geadelt werden? Ja, natürlich. Denn er ist auf dem Gebiet der Politik, was Jules Verne für die Technik war: ein Visionär. Mit seiner Auswahl der 100 wichtigsten Werke präsentiert Denis Scheck einen zeitgemäßen Kanon, der auf Genre- oder Sprachgrenzen schlicht pfeift. Von Ovid bis Tolkien, von Simone de Beauvoir bis Shakespeare, von W. G. Sebald bis J. K. Rowling: Charmant, wortgewandt und klug erklärt er, was man gelesen haben muss – und warum. (PIPER)

 

mehr

 

Tausend Zeilen Lüge - Das System Relotius

Es war der größte Fälschungsskandal seit Jahrzehnten: Ein Reporter des "Spiegel" hatte Reportagen und Interviews aus dem In- und Ausland geliefert, bewegend und oftmals mit dem Anstrich des Besonderen. Sie alle wurden vom "Spiegel" und seiner legendären Dokumentation geprüft und abgenommen, sie wurden gedruckt, und der Autor Claas Relotius wurde mit Preisen geradezu überhäuft. Aber: Sie waren – ganz oder zum Teil – frei erfunden.


Juan Moreno hat, eher unfreiwillig und gegen heftigen Widerstand im "Spiegel“, die Fälschungen aufgedeckt. Hier erzählt er die ganze Geschichte vom Aufstieg und Fall des jungen Starjournalisten, dessen Reportagen so perfekt waren, so stimmig, so schön. Claas Relotius schrieb immer genau das, was seine Redaktionen haben wollten. Aber dennoch ist zu fragen, wieso diese Fälschungen jahrelang unentdeckt bleiben konnten. Juan Moreno schreibt mehr als die unglaubliche Geschichte einer beispiellosen Täuschung, er fragt, was diese über den Journalismus aussagt. (Rowohlt Berlin)


mehr

 

Michi Strausfeld:                                        „Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren“

Ein neuer, erhellender Blick auf die Geschichte Lateinamerikas – erklärt und erzählt von den Autoren des Kontinents. Geschrieben von Michi Strausfeld, die für den Boom der lateinamerikanischen Literatur in Deutschland seit den 1970er Jahren maßgeblich verantwortlich ist. Und ergänzt mit persönlichen Porträts der führenden Autoren, die sie alle kannte. Eine einzigartige und farbige Darstellung von 500 Jahren Kulturgeschichte, so wie sie die großartige Literatur schildert in ihrer ganzen Spannbreite von einer der profundesten Kennerinnen weltweit.

 

mehr

 

Fotos: Norbert Schreiber

Paolo Cognetti nimmt uns auf eine atemberaubende Reise in die Ferne mit, die zu uns selbst zurückführt. Schon als Junge träumte der Autor von den kargen Berggipfeln Nepals. Endlich macht er sich mit seinen zwei engsten Freunden auf den Weg. Sie überqueren 5000er Pässe, kommen an Herden von Blauschafen vorbei, an buddhistischen Klöstern, dem einsamen Hochland nahe Tibet immer weiter entgegen. Doch nicht die entlegene Himalaja-Region Dolpo ist Cognettis eigentliches Ziel, auch der Gipfel des Kristallbergs nicht, sondern das Gehen an sich ist seine Mission, sein Zeit- und Raummaß, seine Art zu denken. Mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug schärft sich die Wahrnehmung für das Hier und Jetzt, für das, was wesentlich ist: Verbundenheit, Mitgefühl und Verantwortung. (PENGUIN) 

 

mehr

Eriksen, Harket und Lorenz: Judenhass

Drei norwegische Historiker haben einen großen historischen Längsschnitt durch die Geschichte eines nicht erklärbaren und unverständlichen Phänomens gezogen: „Judenhass“. Der Untertitel des jetzt im Zusammenhang mit dem norwegischen Gastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse auf Deutsch erschienenen Buches sagt, worum es geht: „Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart“. In 32 von je einem der drei Autoren verantworteten Kapiteln stellen sie in chronologischer Reihenfolge, nach Ländern gegliederte Untersuchungen über die unterschiedlichen Motive und Ausprägungen des Judenhasses vor. Böswillige Zeitgenossen könnten auf den Gedanken kommen, da müsse doch „etwas dran“ sein, wenn über viele Jahrhunderte in unterschiedlichen Gesellschaften Antisemitismus entstanden ist. Die Lektüre dieses verdienstvollen Buches widerlegt solche Gedanken auf eindrucksvolle Weise. Die „Begründungen“ für den Judenhass sind so widersprüchlich, dass sich das, was „da dran“ sein könnte, auf eine einfache Tatsache reduziert: Gehasst, verfolgt und ermordet wurden sie, weil sie Juden waren. Den einen waren sie zu arm, den anderen zu reich. Die einen warfen ihnen vor, sich dominant in ihre Mehrheitsgesellschaften einzumischen, die anderen bemängelten, dass sie sich nicht um die sie umgebenden Gemeinwesen, sondern sich nur um ihresgleichen kümmerten. Manchen galten sie als faul, anderen als zu tüchtig. Den antiken Römern war ihr Monotheismus fremd, die neueren abrahamitischen Religionen machten ihnen den Rang als von Gott auserwähltes Volk streitig. Später kamen rassistische „Argumente“ hinzu. Schließlich werden der Staat Israel und seine existenzgefährdenden Auseinandersetzungen mit einer feindlichen arabisch-muslimischen Umgebung über den Begriff des „Antizionismus“ zu einer Quelle politisch „gerechtfertigten“ Antisemitismus. Besonders perfide ist der angeblich „linke“ neue Antisemitismus, den Håkon Harket vornehmlich in Frankreich vorfindet: Die Juden würden ihre millionenfache Vernichtung im Holocaust instrumentalisieren. Wieder andere, rechte Antisemiten, leugnen diese Vernichtung gegen alle historische Wahrheit.

 


Wenn das Buch allgemeine Aussagen über den Judenhass zulässt, dann sind es welche über die Hassenden, nicht über die Verhassten. In allen Gesellschaften, die die Autoren untersuchen und beschreiben, waren und sind die Juden eine kleine Minderheit. Fremde, Andersgläubige, Andere sind immer und überall dem Hass ausgesetzt. Nicht weil sie fremd, andersgläubig oder andere Speisegewohnheiten haben, sondern weil die meisten Angehörigen der Mehrheit das Fremde verachten oder nach dem noch harmlosen Motto „was der Bauer nicht kennt, isst er nicht“ nicht kennenlernen wollen. Allgemein ist die primitive Neigung der Hassenden, von den Schwächen oder Verfehlungen einzelner Juden auf alle zu schließen, was natürlich auch auf „alle Deutschen“, alle Amerikaner und „den“ Russen zuträfe.


Das Buch „Judenhass“ ist also eine Geschichte der Hassenden und der unterschiedlichen Formen ihres Antisemitismus. Eigentlich hat nichts von diesem Hass mit den Juden zu tun, sondern alles mit den Hassenden. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis, die aus diesem enzyklopädischen Werk gewonnen werden kann. Sie erschließt sich dem Leser über viele Details, die vielen Lesern unbekannt sein dürften: Selbstverständlich haben die norwegischen Autoren auch einen Blick auf ihr eigenes Land geworfen. Mit Überraschung ist zu erfahren, dass die erste, als besonders liberal geltende Verfassung Norwegens vom Jahre 1814 in §2 die Juden „als Anhängern der mosaischen Religion den Zugang zum Reich (Norwegen, H.L.) ausgeschlossen hat.“ In Wirklichkeit waren es nicht religiöse, sondern politische Gründe, weil den Juden nicht wegen ihres Glaubens, sondern wegen ihres aus ihrer Geschichte abgeleiteten „mangelnden Patriotismus“ misstraut wurde. 
Ebenso interessant ist der von Trond Berg Eriksen geschriebene Artikel über die Juden in England: „Nachdem sie im 13. Jahrhundert durch die Könige als Steuereintreiber instrumentalisiert wurden, wurden sie 1290 endgültig aus dem Land vertrieben. Es war bei ihnen kein Geld mehr zu holen. … Die Ausstoßung war selten prinzipiellen, theologischen Charakters. Waren die Begründungen vonseiten der christlichen Mehrheit niemals sonderlich fromm, so waren die wirklichen Ursachen für das Vorgehen der Behörden oft äußerst bodenständig und praktisch. Es ging darum, eine Minderheit, die nicht denselben Rechtsschutz wie die christlichen Untertanen des Königs genoss, maximal auszunutzen. Ihre Ausbeutung war eine einfache und naheliegende Möglichkeit, sich Einnahmen zu verschaffen.“


In ähnlicher Weise führt das Buch durch die Jahrhunderte und die Länder Europas. Ausgangpunkt des neueren Antisemitismus wurde die sogenannte Damaskus-Affäre von 1840. Ein Mord an einem katholischen Priester wurde dort und von interessierter Seite als Ritualmord den Juden in die Schuhe geschoben und führte zu ihrer massiven Verfolgung. Die Rolle des französischen Konsuls in Damaskus deutet schon die 40 Jahre später in seinem Heimatland entfesselte Dreyfus-Affäre an. Der Prozess gegen die angeblichen Täter wurde von Folterungen begleitet, der ganze Fall weitete sich zu einem in ganz Europa geführten Kampf um die Wahrheit – und um die Hegemonie der europäischen Großmächte im Orient – und führte schließlich zu einer Freilassung der Angeschuldigten.
Details wie diese zeigen, dass und wie der Hass auf die Juden immer unterschiedlich motiviert und instrumentalisiert wurde. Das ganze Buch ist eine einzige Anklage gegen den Hass der Hassenden und gegen die intellektuelle Dürftigkeit und Beliebigkeit ihrer Argumente.


Harald Loch


Trond Berg Eriksen, Håkon Harkert und Einhart Lorenz: Judenhass
Die Geschichte des Antisemitismus von der Antike bis zur Gegenwart
Unter Mitarbeit von Izabel A. Dahl
Aus dem Norwegischen von Daniela Stilzebach
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019   687 Seiten, 22. Abb.   50 Euro
 

 

Der Schoß ist fruchtbar noch...

 

Die Sehnsucht nach einer „konservativen Revolution“ zieht sich durch die gesamte deutsche Nachkriegsgeschichte. Immer wieder forderten Nationalkonservative und Rechtsradikale die liberale Demokratie heraus. Doch seit der „Flüchtlingskrise“ hat sich die Sprengkraft ihrer Argumente enorm verstärkt: Viele Positionen von AfD, Pegida und der Neuen Rechten sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, und das Verlangen nach einer „heilen“ Geschichte heizt die Stimmung weiter an. Sind das noch die Deutschen, die glaubten, ihre Vergangenheit mustergültig „bewältigt“ zu haben? Präzise führen die Autoren vor Augen, was derzeit auf dem Spiel steht – und wie es dazu gekommen ist. (Ullstein)

 

mehr

Martin Walker - Das Gartenbuch

Die Gartenzeit geht langsam zu Ende: Noch ein bisschen aufräumen, Laub entsorgen, Geräte wegstellen, den Komposthaufen kontrollieren, ein paar Blumenzwiebel setzen und eventuell die Obstbäume beschneiden. Die Winterzeit mit dem frühen Dunkelwerden im Garten beschert uns Gärtnern mehr Zeit, am Abend Bücher in die Hand zu nehmen, auch welche, die sich mit dem Thema Garten beschäftigen. 
Ich blättere auf: BRUNOS GARTEN KOCHBUCH von Martin Walker und Julia Watson, die uns mit ihrem zweiten Kochbuch die Küche des französischen Périgords nahe bringen.

 

Aber ureigentlich ist Martin Walker im Hauptberuf mit seinen elf BRUNO-Romanen Krimiautor, und er hat eine Gesamtauflage von 2,5 Millionen Büchern im DIOGENES-Verlag geschaffen. Das Handwerk des Krimiautors beherrscht er außerordentlich gut, und nun beweist er auch, dass er mit einem „grünen Daumen“ in seinem Garten in Südfrankreich erfolgreich ist. 

 

Der Schriftsteller und Historiker war 25 Jahre Journalist bei der englischen Zeitung THE GUARDIAN und ist auch als Wirtschaftsberater unterwegs. Er weiß offenbar, was es heißt, Erfolg zu haben. 
Schlagen wir also das Buch auf, und zuerst sehen wir eine Ente, einen blauen französischen Citroën, auf einer typischen Alleestraße unterwegs. Gut, unserer war rot, das gefällt uns also schon mal als Einstieg. 
Es folgen in der Bilderreihe: Frisches Gemüse, ein ausgerollter Teig. Das Autorengespann, zwischen Buschbohnen in der Hocke sitzend, führt uns im aufwendig gestalteten 350 Seiten dicken, großformatigen Buch durch das gesamte Gartenjahr, also durch die vier Jahreszeiten, jeweils angereichert und gewürzt durch Walker-Texte, die uns sehr farbig in Bild und Text durch das Frühjahr, den Sommer, den Herbst und Winter geleiten. 


Es ist also auch Brunos Gartenkalender, den wir wie ein Gartengerät in der Hand halten. Wir finden für die jeweiligen einzelnen Monate Aussaat-Tipps, Ratschläge für die Bepflanzung, Hinweise für die Ernte, Rezepte für die weitere Verwertung, die dann in Extrakapiteln erläutert, bebildert und genauestens beschrieben werden. 


Ob Brennesselsuppe oder gegrilltes Entenfleisch, Frittata du Périgord, Lachs mit Sauerampfersauce, grüne Bohnen in Butter geschmort, Zitronen-Rucola-Aioli, sanft gegarte Kalbsbrust oder Maronenkuchen, die Vielfalt ist begeisternd, die am Schluss des Buches sogar mit Ratschlägen zur Schneckenbekämpfung abgerundet werden oder mit Lagerungstipps für abgeerntete Kräuter. 


Eine Kriminalstory rundet das Buch sozusagen als Dessert ab, das für den Gartenfachmann wie für den Laien gleichermaßen spannend und appetitanregend, für neue Gartenanpflanzungen genauso hilfreich wie für das Ausprobieren landesspezifischer Rezepte ist. Bon appétit.

 

Die Interview-Legende: Georg Stefan Troller

Georg Stefan Troller ist in Wien auf die Welt gekommen, und trotz seiner vielen Lebensjahre in Paris hat sich seine wohltuende Stimme schon in meinen Jugendjahren im Gedächtnis eingeprägt. Als bekennender Paris-Fan waren seine „Journal“-Sendungen für mich ein absolutes MUSS.

Nach Studien im Ausland kehrte Troller nach Europa zurück, wurde zunächst Reporter beim Hörfunk und später für ARD und ZDF beim Fernsehen.

 

Berühmt wurden seine höchst privaten provozierenden, bohrenden Fragestellungen an Prominente, die in ihren Antworten ihr Innerstes offenbaren sollten und dies auch taten.

In dem CORSO-Buch LIEBE, LUST & ABENTEUER. 97 BEGEGNUNGEN MEINES LEBENS wird seine Interview-Philosophie besonders gut deutlich. In dem graphisch sehr anspruchsvoll gestalteten Buch finden wir 97 Namen von Prominenten, denen Georg Stefan Troller in seinem vielfarbigen Leben begegnet ist.

 

Nach dem Vorwort und zwei schwarz-weißen Personenporträts des Autors selbst (alle Bilder in attraktivem Schwarz-Weiß) sehen wir als Leser jeweils auf der linken oder rechten Aufschlagseite ein Porträtbild der befragten Person  auf der rechten Textseite ein paar knappe Hinweise, wo und in welchem Zusammenhang das Interview wie entstanden ist. Dann folgen ebenso knappe Zitate oder Interviewausschnitte, die offenbaren, was prominente Personen der Zeitgeschichte in ihrem Innersten zusammen hält, an Gefühlen, Beobachtungen, Denkweisen, Erkenntnissen, Zweifeln und Selbstgewissheiten.

 

Und bei Troller kann man sicher sein, dass er seinen Interviewpartnern auch wirklich begegnet ist, was ja heute angesichts von Fake News leider zu oft bezweifelt werden kann.

 

Boxlegende Cassius Clay, amerikanischer Boxweltmeister, der sich später Muhammad Ali nennt, bekennt: „Ich bin Vordenker meines Volkes.“ Filmregisseur Woody Allen stellt eine Gegenfrage: „Glauben Sie, es ist ein Spaß, lustig zu sein?“ Aznavour gesteht, dass er nur blonde Frauen lieben kann. Ingrid Bergmann offenbart: „Wenn ich mich morgens vor dem Spiegel zurecht mache, dann geniere ich mich schon für mein Gesicht.“ Catherine Deneuve hasst Selbstmitleid, Alain Delon gefallen die Fragen einfach nicht. Marlene Dietrich meint, Männer wollen besitzen, Frauen wollen besessen werden, Charles de Gaulle zweifelt, wie soll man ein Land regieren, das 300 Käsesorten kennt. Picasso gibt zu, nichts von Kunst zu verstehen, Polanski, dass er acht Orgasmen hintereinander hatte, zehn aber eben nicht schaffte. Und Romy Schneider seufzt: „Ich brauche immer grenzenlose Liebesbeweise.“

Maigret-Erfinder Georges Simenon enthüllt das Rätsel um seine Romangestalten: „Der Durchschnittsmensch konfrontiert mit Ausnahmesituationen.“

 

Für Trollers Methode gilt, den Prominenten zu provozieren und damit auch seine intimen Intimitäten heraus zu locken. Damals war das umstritten, heute wurde es Vorbild für viele Journalisten

Ein Schwarz-Weiß-Buch, das in Bild und Text sowie in der Gestalt sehr farbig und sehr unterhaltsam daherkommt, eben Prädikat GEORG STEFAN TROLLER. Ein Markenzeichen.

 

 

Georg Stefan Troller Liebe, Lust & Abenteuer CORSO

 

 

Der Mueller-Report

 

Einführung und Analyse von Rosalind S. Helderman und Matt Zapotosky (WASHINGTON POST)

  • Das einzige Buch, das die exklusive Analyse des mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Investigativteams der Washington Post enthält.

    Es handelt sich um die Untersuchungsergebnisse des Sonderermittlers Robert Mueller über die Einmischung Russlands in die US-Wahl 2016, ergänzt um die Analyse der Washington-Post-Journalisten, die die Untersuchungen von Anfang an begleitet haben.

    Die Ausgabe der Washington Post beinhaltet: 

    -       Den Bericht


-       Eine Einführung der Washington Post über den seit 2017 geführten Kampf um die Bewahrung der amerikanischen Demokratie


-       Eine Chronik mit den wichtigsten Ereignissen der Sonderermittlungen


-       Ein Glossar der beteiligten Personen und Institutionen, darunter der Stab des Sonderermittlers, das Justizministerium, das FBI, das Wahlkampfteam von Donald Trump, das Weiße Haus, Trumps Anwaltsteam und die russischen Akteure 


-       Muellers Schlüsseldokumente der Untersuchung, darunter Dokumente zu General Michael T. Flynn, Paul Manafort, Michael Cohen, Roger Stone und zur russischen Internet-Operation. Jedes Dokument wird von den Journalistinnen und Journalisten der Washington Post eingeleitet und erläutert. 

Die eminent wichtigen Untersuchungen Robert Muellers fokussieren sich auf Donald Trump, seinen Wahlkampf und die Einmischungen der Russen in die Wahl von 2016. Sie greifen zurück auf zahlreiche Zeugenaussagen und auf die Arbeit der erfahrensten Ermittler der USA.

Die Untersuchungen des Sonderermittlers könnten einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte Amerikas bedeuten. Der Mueller Report ist Pflichtlektüre für alle, die sich um das Schicksal Amerikas und die Zukunft der Demokratie sorgen. US-Sonderermittler Mueller wirft Justizminister Barr vor, die Ergebnisse seiner Untersuchung verfälscht wiedergegeben zu haben.

 

  • Die oppositionellen US-Demokraten fordern deshalb den Rücktritt des Ministers.
  • Mueller hatte keine Beweise für eine strafbare Kooperation zwischen Trumps Wahlkampfteam und Russland gefunden, den Präsidenten aber nicht vom Vorwurf der möglichen Justizbehinderung entlastet.

heisst es in der Verlagsankündigung von ULLSTEIN

 

Rezension

 

Der Mueller-Wälzer hat 1.175 Seiten. Ein schwarzes und rotes Farbenbändchen hilft dem Leser, die Orientierung zu behalten, die er jedoch immer dann wieder verliert, wenn seitenweise Schwärzungen die Orientierung und das Verständnis behindern, denn aus Geheimhaltungsgründen oder wegen weiterer möglicher Verfahren oder wegen Schutz von unbeteiligten Zeugen finden sich in diesem Report häufig Schwärzungen.

 

Auch Sonderermittler Mueller zeigte sich ja ziemlich einsilbig als Sonderermittler in der so genannten Russland-Affäre von Donald Trump. Während der Ermittlungen war Mueller schweigsamer als schweigsam: Er sagte gar nichts. Dann teilte er kurz und knapp mit, über seinen Abschlussbericht hinaus auch nichts sagen zu wollen. Doch die Demokraten köcheln den Politstreit weiter, um vielleicht doch noch ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten.

 

Nun sagt Mueller doch am 24. Juli vor zwei Kongressausschüssen aus: Er bricht also sein Schweigen, ob er mehr mitzuteilen hat, als wir eh schon wissen, bleibt also abzuwarten.

 

Die Gliederung des bei Ullstein veröffentlichten Reports sieht so aus. Rosalind S. Heldermann und Matt Zapotosky, beide Rechercheure der WASHINGTON POST, leiten das Buch ein und stellen ihr Vorwort unter das  Motto: „Ein Präsident, ein Ankläger und der Kampf um die Bewahrung der Demokratie“.

 

Marc Fisher und Sari Horwitz, ebenfalls von „der Post“, beschreiben die beiden Lebenswege der Kontrahenten Mueller und Trump, es folgt ein ausführliches, wirklich nötiges Personenverzeichnis und eine Chronik der Sonderermittlung.

 

Ab Seite 83 beginnt dann der MUELLER REPORT mit Band I, dem Inhaltsverzeichnis, der Einleitung, der Zusammenfassung des Sonderermittlers, der einmal das FBI geleitet hat.

 

Es folgen dann die inhaltlichen Kapitel zu den russischen Social-Media-Kampagnen, russischen Hackerangriffen, zu den Kontakten der russischen Regierung zum Wahlkampfteam. Der Band I schließt mit den strafrechtlichen Wertungen, der Ablehnung von Strafverfolgung und der Wertung, ob es sich um Kollusion, also verdeckte Kooperation, um Zusammenarbeit oder Zusammenspiel, im gegenseitigen Einvernehmen und in geheimem Einverständnis gehandelt hat.

 

In Band II geht es um den Komplex der Justizbehinderung, die Trump vorgeworfen wird.

 

Wie hat sich das Wahlkampfteam gegenüber russischer Einflussnahme verhalten, welche Falschaussagen hat es gegeben, wie reagierte das Personal Donald Trumps, wie sind die Hintergründe der Russlandermittlungen des FBI, wie kam es zur Entlassung des FBI-Direktors Comey. Wollte Trump tatsächlich den Sonderermittler absetzen? Was hat es mit der E-mail Affäre von Hillary Clinton auf sich?  Wer hat im Hintergrund welche Rollen gespielt, zum Beispiel auch Trump-Anwalt Michael Cohen, der sich um das Projekt Trump-Tower in Moskau kümmerte?

 

Erst auf Seite 821 kommt die Zusammenfassung. Ab Seite 823 folgen die dokumentarischen Anhänge, die Ernennungsurkunde Muellers, die beteiligten Personen, die schriftlichen Fragen an den Präsidenten und dessen Antworten, abgegebene und abgeschlossene Fälle. Es folgen weitere ergänzende Dokumente und am Schluss noch ein Glossar der juristischen Fachbegriffe.

 

Was war nun untersucht worden

  • Die russischen Versuche zur Beeinflussung der Wahl des Präsidenten Donald Trump
  • Der Verdacht, ob es illegale Absprachen gab zwischen dem Wahlkampfteam und russischen Regierungskreisen
  • Ob Donald Trump die Justiz behindert hat in ihren Ermittlungen
  • Finanzdelikte der Wahlkampfmanager
  • Falschaussagen von Trump-Mitarbeitern

Das Fazit ist keine 15 Zeilen lang, es sind tatsächlich nur knappe 14.

Das Justizministerium als nach dem Mueller-Report handelnde Institution wird kein traditionelles strafrechtliches Urteil sprechen. Daher wird auch keine endgültige Schlussfolgerung über das Verhalten des Präsidenten gezogen.

 

Mueller wollte nicht so weit gehen, dem Präsidenten ein schuldhaftes Verhalten vorzuwerfen. Er würde Trumps Unschuld festhalten, wenn ihm die Fakten das erlauben würden. Dem ist aber offensichtlich nicht so. Ihm eine Straftat vorzuwerfen, vermeidet der Sonderermittler, denn gegen einen amtierenden Präsidenten dürfen die Justizbehörden keinen Prozess führen.

 

Dass Trump keine Justizbehinderung begangen hat, trauen sich die Ermittler in dieser Schärfe nicht zu formulieren. Nach den geltenden Bestimmungen könnten sie dieses Urteil eben nicht fällen. Der Bericht komme nicht zu dem Schluss, dass der Präsident ein Verbrechen begangen habe, er entlaste ihn aber auch nicht.

 

Man könnte sagen, das ist ein Freispruch mit Verurteilung ohne Verfahren und Strafe gegenüber dem Präsidenten.

 

Gegen 34 Personen wurden jedoch Anklagen erhoben, darunter 26 Bürger der Russischen Föderation.

Der Sonderermittler Mueller konnte jedoch keine Absprachen nachweisen, und er kam auch nicht zum Ergebnis einer Justizbehinderung.

 

Im Vorwort kommen die Autoren der WASHINGTON POST zum Ergebnis: „Muellers Untersuchung mochte abgeschlossen sein, aber Washingtons politische Kriege toben heißer denn je.“

 

Fisher/Horwitz schreiben eine Personality-Story über Mueller/Trump und urteilen: „Reich geboren, zum Führen erzogen und doch Lebenswege, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.“

Und unterschiedlich sind auch die politischen Wertungen der Parteien. Die Republikaner werten den Mueller-Report als Freispruch, die Demokraten bohren weiter. Und wir sehen betroffen den Mueller-Vorhang zu und viele Fragen offen … geschwärzt. Und damit im Dunkeln.

 

Chaostage im Weißen Haus -                        mehr Feuer, mehr Zorn

MICHAEL Wolff hat in seinem Buch „Feuer und Zorn“ die Chaos-Tage des amerikanischen Präsidenten mit Insiderwissen detailgenau beschrieben. International erfolgreich auf dem Buchmarkt platziert. Nun erscheint Band II. Trump hat unzählige Berater entlassen, die Weltmacht USA wird nach Trumps impulsiven Instinkten regiert, wenn man überhaupt von regieren sprechen kann. Wolff schildert in seinem packenden neuen Buch einen amerikanischen Präsidenten, der sich permanent verfolgt fühlt und der sich dabei immer wieder an den Rand der Selbstzerstörung bringt: einen Trump, der rasend ums politische Überleben kämpft. Und alle fragen sich: Wann fliegt uns das hier um die Ohren? „Unter Beschuss“ ist das detailreichste Porträt jenes außergewöhnlichen Mannes, der trotz allem noch immer Präsident der Vereinigten Staaten ist, heißt es in der Verlagsankündigung von ROWOHLT.

 

mehr

AfD - Zauberlehrlinge?

Stephan Detjen und Maximilian Steinbeis: Die Zauberlehrlinge


Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Aus einem Sturm im Wasserglas entwickelt sich eine Steilvorlage für die AfD. Zusammen mit Stephan Detjen, dem Chefkorrespondenten des Deutschlandfunks, hat der Verfassungs-Journalist Maximilian Steinbeis im Buch „Die Zauberlehrlinge“ mit dem Mythos des Rechtsbruchs der Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik aufgeräumt. Liest man dieses fesselnde Buch, kommt es einem gar nicht so kompliziert vor, die sich überlappenden Vorschriften des Grundgesetzes, des deutschen Asylrechts und der europäischen Vorschriften, die unter den Bezeichnungen Dublin II oder III bekannt geworden sind, auseinanderzuhalten und auf die politische Flüchtlingsentscheidungen des Jahres 2015 anzuwenden. Fazit: Das Recht ist nicht gebrochen, sondern angewandt worden! Die Autoren beschreiben die mehrschichtige Rechtslage in nachvollziehbarer Weise. Sie klären auf. Sie kritisieren auch die halbherzige Fortentwicklung des europäischen Rechts in dieser Frage, ohne etwa den Europa-Missmut zu verstärken, sondern, um die Weiterentwicklung des europäischen Migrationsrechts zu fördern. Sie stellen hierbei kein politisches Programm auf – das gehört in die Hand des europäischen Gesetzgebers. Aber sie beschreiben die gegenwärtige, vielleicht unbefriedigende Rechtslage, auf die sich die Bundesregierung im Jahre 2015 und bis heute beruft.


Die Behauptung von Rechtsaußen, das Recht sei gebrochen worden, entlarven die Autoren Schritt für Schritt als Propaganda, als widerlegbar, als Ideologie. Die Chronologie einer infamen Behauptung zeigt, wie unqualifizierte Äußerungen Halbqualifizierter und selbsternannter Fachleute auf dem Acker von Rechtsaußen gedeihen und es fast zum Mainstream uninformierter bürgerlicher Kreise schaffen. Im Bayerischen Landtagswahlkampf brachte die CSU die falsche Behauptung vom Rechtsbruch ohne sichtbaren Erfolg im Wahlergebnis weiter in Umlauf und vor allem Seehofer lähmte mit seinen Ausfällen gegen Merkel viel zu lange die Arbeit der Bundesregierung. Mit aktuellen Zitaten belegen die Autoren die Entwicklung dieser falschen Behauptung „Rechtsbruch“ zum nicht mehr hinterfragten Mythos. Mit schriftstellerischer Eleganz und manchmal auch recht bissiger Ironie markieren sie diesen Weg, nennen Ross und Reiter, deren „Reiterlaubnis“ im demokratischen Verkehr in Frage steht. „Wir schaffen das“, war vielleicht etwas vollmundig gesagt, ist aber inzwischen nicht mehr so utopisch, wie es damals schien. Alle rudern jetzt zurück. Der Titel des Buches weist auf Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“, der die Geister, die er rief, nicht mehr bändigen konnte. Was die Bundesregierung nicht geschafft hat, ist: Sie hat der unsäglichen Behauptung, die Grenzöffnung sei ein Rechtsbruch gewesen, nicht mit dem Hinweis auf die eindeutige Rechtslage nicht die scheinjuristische Grundlage entzogen: Die Grenze ist nicht geöffnet worden, sie war nämlich schon seit 20 Jahren offen, was jeder Reisende dankbar in Anspruch genommen hat. Die Grenze durfte und konnte aber nicht rechtmäßig geschlossen werden.


Harald Loch


Stephan Detjen und Maximilian Steinbeis: Die Zauberlehrlinge
Der Streit um die Flüchtlingspolitik und der Mythos vom Rechtsbruch
Klett-Cotta, Stuttgart 2019   263 Seiten   18 Euro

 

Handbuch der deutschen Literatur Prags

Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen weit gefassten, fundierten, genauen Überblick über die Literatur in Prag, Böhmen und Mähren. Alte Grenzziehungen literaturwissenschaftlicher oder politischer oder historischer Art werden vermieden. Das Buch bietet eine Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.

 

 

Es hat wirklich gefehlt: das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, das im J. B. Metzler Verlag bereits 2017 erschienen ist, aber als Standardwerk und großartiges Quellenbuch aus Anlass der Leipziger Buchmesse zum Themenschwerpunkt Tschechien ausführlich in einer Reihen-Besprechung der Hauptkapitel hier auf www.facesofbooks.de erneut gewürdigt werden soll.

Das 445-Seiten-Buch ist ein umfassendes Werk mit einer sehr in die Breite und in die Tiefe gehenden Genauigkeit, die den Bestseller-Leser vermutlich etwas überfordert und eher für germanistisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dennoch ist es lesbar und in knappen Kapiteln gehalten.

Es befasst sich mit einer „Hybrid-Literatur“. Damit meine ich, dass sowohl die beiden Sprachen der Literaten Deutsch und Tschechisch einerseits eine Rolle spielen. Hinzukommen andererseits die geographischen Besonderheiten in Grenzregionen. Und die Ländergrenzen in Böhmen und Mähren waren früher anders als heute gezogen. Neue Länder wie zunächst die Tschechoslowakei und später Tschechien und die Slowakei entstanden nach dem II. Weltkrieg. Zusätzlich ist das Rezeptionsverhalten zwischen österreichischem, deutschem und tschechischem Lesepublikum unterschiedlich, so dass sich ein eigenartiges, aber besonders interessantes Mischungsverhältnis aus all diesen Grundbedingungen ergibt.

Kernzelle dieser Literatur sind die weltbekannten Prager Autoren Kafka, Rilke, Werfel, Kisch, Reinerová, aber auch die weniger bekannten Oskar Wiener und Ludwig Winder.

Eine weitere Hyprid-Frage ist: Soll man Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Franz Werfel, die in Mähren, im Böhmerwald oder in Prag geboren sind, der österreichischen Literaturtradition zurechnen, also ausgrenzen? Die Herausgeber meinen: NEIN und verfolgen einen integrativen Ansatz, wenngleich früher die Prager Literaten als „dreifach“ besonders eingestuft wurden, weil sie in Prag national, religiös und sozial im Ghetto gelebt haben.

Mit diesem Handbuch wollen die Herausgeber aber starke Grenzziehungen vermeiden, das Phänomen „Literatur Prags und der Böhmischen Länder „als Gesamtheit“ betrachten. Es gilt, die literarischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Tschechen mit zu berücksichtigen.

Das Buch will keine Geschichte der tschechischen Literatur sein. Die in Vergessenheit geratenen historischen Ereignisse, die Mehr- bzw. Zweisprachigkeit der Autoren oder sogar der Sprachwechsel, wie etwa bei Karl Klostermann, werden berücksichtigt. Auch die institutionelle Seite, etwa Literaturverbände, Verlage, Periodika, Universitätsgeschehen, werden ebenso behandelt.

Den Herausgebern ist bewusst, dass Leser in Österreich und Deutschland und auch in Tschechien unterschiedliche Rezeptionsverständnisse haben können, weil länderspezifisch andersartige Bildungsvoraussetzungen gegeben sind. Das nehmen die Autoren in Kauf und zugleich in Anspruch, darauf Rücksicht genommen zu haben.

Das fünfte und das sechste Kapitel des Handbuchs widmet sich den Themen, den Motiven und Textsorten der deutschen Literatur in Böhmischen Ländern. Das Handbuch gibt eine gute allgemeine Orientierung, lässt sich auch kapitelweise lesen bzw. durcharbeiten und gibt auch auf spezielle Fragestellungen Auskunft.

Der deutsch-böhmische Germanist Kurt Krolop hat das umfangreiche Buchprojekt mit Rat und Tat begleitet, und der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft, hat ein Schluss Essay beigetragen. Wir werden in der nächsten Zeit weitere Kapitel des Buches behandeln…

Heute:

Kapitel Einleitung und Kategorisierung

 

Im Metzler Verlag sind schon einige literaturwissenschaftliche Handbücher erschienen, nun also die „zusammenhängende Darstellung der in einer mitteleuropäischen Region entstandenen Literatur“.

Fallen Namen wie Rilke, Werfel, Brod, Kafka und andere, nähren diese Autorennamen den Eindruck, alle deutsche Literatur stamme aus Prag. Die Autoren des Handbuches sehen darin eine Unangemessenheit, die deutsche Literatur von der Literatur der Böhmischen Länder abzutrennen.

 

Den Begriff der „Prager deutschen Literatur“ möchten die Autoren abschaffen und sprechen von der Literatur Prags und der Böhmischen Länder (als Eigenname verwendet und großgeschrieben!) „Böhmische Länder“ weist auch darauf hin, dass der Begriff Böhmen allein zu unscharf ist, handelt es sich doch um drei unterschiedliche geopolitische Räume: das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien. Wobei sich die west- und nordböhmischen Gebiete zum preußisch dominierten Deutschland orientierten und Mähren zur Habsburger Metropole Wien.

 

Die unterschiedlich entwickelten Verkehrswege förderten diese Orientierungen. Die zentralistische Struktur prägte auch die kulturellen Verhältnisse: „Hier die Metropole Prag, da die provinziellen Peripherien.“

An den beiden Autoren Rilke und Härtling weisen die Autoren nach, dass ihre Werke zunächst von der Herkunft thematisch regional geprägt waren, also Anklänge an die Böhmischen Länder zu finden sind, etwa in den Prager Geschichten von Rilke, bei Musils Mann ohne Eigenschaften, bei Härtling in autobiographischen Romanen. Härtling hat von 1941 bis 1945 seine Kindheitsjahre in Olmütz und Brünn verbracht. Fazit in diesem Kapitel: „Je vielseitiger sich Lebens- und Schaffenshorizonte von Autoren aufspannen, desto größer wird ihre Teilhabe an 

unterschiedlichen Literaturen.

 

Kapitel Literaturgeschichte

 

Eine Literaturgeschichte über die deutsche Literatur der Böhmischen Länder gibt es bisher nicht. Sie müsste die regionalen Infrastrukturen berücksichtigen, die Vernetzung der deutschsprachigen Literatur mit den Nachbarländern thematisieren und vor allem die Wechselwirkungen mit der tschechischen Literatur betrachten. Dabei gibt es jetzt schon Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen, die vor allem auf der wachsenden Zusammenarbeit von Germanisten und Slawisten fußen. Doch die Zusammenschau fehlt bislang.


Das Kapitel „Literaturgeschichtsschreibung“ setzt die Anfänge mit der geschichtlichen Betrachtung der Kronländer oder der Städte. Der Bezugsrahmen war zunächst die K.-u.-k.-Mo¬n¬ar¬chie, die Zuordnung zur deutschen Kultur im Gegensatz zur tschechischen Literatur betrachtet. Später wurde zwischen deutscher, deutsch-österreichischer und deutsch-böhmischer Literaturgeschichte differenziert. 
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung Prags galt sie unter nationalsozialistischem Regime als Teil der deutschen Literatur und nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung als eine Literatur, der das Land abhandengekommen war. 


Die Nazis grenzten jüdische und antinationalsozialistisch eingestellte Autoren aus. Die ersten Literaturgeschichten der Tschechoslowakei berücksichtigten teilweise deutsche Schriftsteller. In der Auseinandersetzung um die damals strittigen Grenzfragen wies der Literaturhistoriker und Schriftsteller Josef Mühlberger darauf hin, angesichts des „Grenzlandkampfes“ bestehe die Gefahr, den „Blick für Größe und Weite“ zu verlieren. 


Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es lange Zeit so, dass die deutsch-böhmische und die mährische Literatur aus dem Blickwinkel der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwunden war. Erst durch das Interesse an Kafka und an den Exilautoren wurde das Interesse wieder geweckt und besonders nach der samtenen Revolution befruchtet. 
Das interessante Überblickskapitel ist letztlich ein Arbeitsauftrag, sich mit der Literaturgeschichte dieser speziellen Gattung zu widmen, erst recht deshalb, weil sich im deutsch-tschechischen Verhältnis die kulturelle Dimension mehr als entwicklungsnötig darstellt. 

 

Kapitel Interkulturalität

 

 

Klären wir zuerst die Begriffe, wie uns die Disziplinen der Wissenschaften an den Universitäten zu jedem Studienbeginn zum besseren Verständnis anraten. Insbesondere die Soziologie, die Gesellschaftswissenschaften, sind es ja, die ganz besonders dafür bekannt sind, Wort-Ungetüme zu bilden. Nehmen wir als Beispiel das Wort INTERKULTURALITÄT. 
Es geht hier um das Bewusstsein einer Gesellschaft, deren Menschen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass ihre Mitglieder die kulturelle, sprachliche oder religiöse Verschiedenheit anerkennen oder mindestens anstreben und dabei wissen, dass der Andere in einer Gesellschaft mindestens respektiert und bestens akzeptiert ist. 


Ein ganzer Wissenschaftsbereich beschäftigt sich mit dem Thema, denn die Lebensbedingungen des Individuums und ganzer Gesellschaften sind so global geworden, dass man an diesen kulturellen Vorbedingungen eigentlich nicht mehr vorbeikommt. 


So findet man, ganz praktisch gesehen, im Internet Definitionen von COACHING-Organisationen, die Manager interkulturell fit machen für die globalisierten Wirtschaftsbeziehungen. 


Glossar: Interkulturalität 


„Unter Interkulturalität versteht man das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt.

Bei dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen werden die eigene kulturelle Identität und Prägung wechselseitig erfahrbar. Interkulturalität meint dabei die Einnahme und das Denken aus der jeweilig anderen Perspektive ohne das Ziehen vorschneller Schlüsse. Das Fremde soll nicht in das eigene Selbstverständnis angegliedert, sondern erstmal nur bewusst zur Kenntnis genommen werden“. (Quelle IKUD Coaching Seminare)
https://www.ikud-seminare.de/


Diese theoretischen Konzepte übertragen die Autoren Dieter Hebeböcke und Manfred Weinberg in ihrem Artikel „Interkulturalität/Konzepte der Interkulturalität“ auf die Literatur Prags und der böhmischen Länder. 
Interkulturalität sei dafür maßgebend schon seit dem 12. Jahrhundert, weil Bayern, Franken, Obersachsen, Schlesier und Österreicher unter der Regentschaft der Přemysliden als Handwerker, Bauern und Bergleute angeworben wurden und sich an den böhmischen und mährischen 
Grenzgebieten ansiedelten.


Die Autoren rechnen auch die Gruppen dazu, die sich um 880 bei Baubeginn der Prager Burg als Händler dort heimisch machten. Sie werden als national heterogen betrachtet. Auch die Juden hatten schon im 10. Jahrhundert in diesem Raum eine starke Stellung. Dass Tschechen, Deutsche und Juden in den böhmischen Ländern zusammengelebt haben, wird zu einer Erklärungsformel, die in der Literatur, in der Wissenschaftsgeschichte und in theoretischen Ansätzen dazu immer wieder vorkommt. 


Dabei werden zwei Nationen-Begriffe (Deutsch/Tschechisch) mit einem religiösen Attribut (Jüdisch) kombiniert. Diese Verbindung ist jedoch grundlegend falsch, denn die Deutschen waren ja national gesehen, keine Deutschen, sondern sie gehörten wie die Tschechen der Österreich-Ungarn-Donaumonarchie an. Muttersprachlich und vor dem kulturellen Hintergrund gesehen waren sie jedoch schon als Deutsche und Tschechen zu betrachten. Der Begriff Nation hilft also hier nicht viel weiter.


Im folgenden Ansatz der Interkulturalität versucht Gesellschaftstheorie sich abzuwenden von dem Dogma der ABGRENZUNG. Es geht zuerst einmal konkret um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen im selben geographischen Raum, und ich füge hinzu, natürlich auch um das Gegeneinander. 


1990 wurde der theoretische Ansatz der Interkulturalität entwickelt, der davon ausgeht, dass Kultur permeativ und nicht separatistisch zu begreifen sei. Übersetzen wir die „physikalischen“ Soziologismen. Die PERMEATION ist das Eindringen eines gelösten Stoffs bzw. eines Gases durch eine Membran und dann durch eine Materieschicht. Es geht also um Durchlässigkeit. Das wird nun auf Gesellschaften und ihre Bevölkerungsgruppen übertragen. 


Das Streben nach Separation meint vor allem das politische Ziel der Gebietsabtrennung, um einen separaten, einen eigenen Staat zu gründen. Hier ist vielleicht meinerseits auch noch der Begriff Segregation anzuführen, den die Autoren in ihrem Beitrag selbst nicht anwenden. Segregation heißt ENTMISCHUNG von diversen Elementen in einem bestimmten geographischen Gebiet. 

 

Transkulturalität nach Wolfgang Welsch
„Mit Transkulturalität beschreibt Wolfgang Welsch (1997) das Konzept einer Gesellschaft, in der sich kulturelle Identitäten durch die Vermischung von Elementen verschiedener Kulturen konstituieren. Kulturelle Grenzen und die Vorstellung homogener Nationalkulturen werden aufgehoben, indem einzelne Kulturen innerhalb einer Gemeinschaft verschmelzen. So lassen sich moderne Gesellschaften als strukturell heterogen und hybrid auffassen.“
Quelle IKUD Coaching Seminare


In einer schlüssigen, leichter verständlicheren Formel, hat das der Literat Johannes Urzidil gebracht, der über sein Leben in Prag sagt: „Ich bin hinternational“. Er lebte hinter den Nationen. Vordergründig gab es zwar die nationalkulturelle Trennung in Prag, dahinter waren jedoch auch grundlegende Gemeinsamkeiten. 


Mischen sich zwei bisher voneinander getrennte Systeme, spricht man von HYBRIDISIERUNG. Darin steckt die Gefahr, dass der Wissenschaftler, betrachtet er das prägende Gemeinsame, die vorausgesetzten bzw. gelebten Abgrenzungen übersieht. 


Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Konzept Interkulturalität noch nicht angemessen abgerundet entwickelt ist, um solch hochkomplexe gesellschaftliche bzw. historische Zusammenhänge zu erklären. 


Interkulturalität wurde in den 1970er Jahren als Begriff verwendet, um Konzepte für Konfliktlösungen zu diskutieren bzw. Kompetenzen für internationale Geschäftsbeziehungen zu entwickeln. Das kulturell Fremde sollte besser verstanden werden. 


Dabei kam eine moralische Konnotation ins Spiel. Der schwer fassbare Begriff Interkulturalität wird zudem durch seine Verwendung in ganz unterschiedlichen Wissenschaften mit einer Vielzahl von Ansätzen und Lösungswegen noch unklarer. 


Wo hört die eine Kultur auf, und wo fängt die nächste an? Nun spielt der Begriff der oder das Fremde hinein. Wissen wir um den Fremden, kennen wir die üblichen Denkmuster des Anderen, welche Erfahrungshorizonte erinnern wir und wie spielt das zurück auf die Identifizierung mit der eigenen Kultur? Und wo nisten sich Zwischenräume ein? 
Der Philosoph und Anthropologe Wolfgang Welsch formuliert es so: „Ohne Abgrenzung keine unterschiedlichen Kulturen und ohne diese keine Interkulturalität.“ 


Wissenschaftler der Universität Konstanz, die die kulturellen Grundlagen von Integration untersuchen, gehen davon aus, dass IDENTITÄT kein natürlicher Dauerzustand im Selbstbewusstsein sozialer Akteure ist. Für diese Wissenschaftler stellen sich Identitätsfragen entweder in kritischen Übergangsphasen (in denen wir uns wohl heute befinden/Anm. des Autors), in ruhigen Zeiten können sie jedoch auch latent sein.  Damit wird die Kategorie jedoch von wechselnden gesellschaftlichen Situationen abhängig.


Wenn wir Kulturen vergleichen, müssen wir dann nicht auf absolute Wertmaßstäbe verzichten, weil sie uns den Blick verstellen? Sollten wir nicht statt vom fixen Wissen über das Fremde unser Verhältnis dazu vom Nicht-Wissen her definieren? 


Die Autoren fassen es so zusammen: „In diesem Nichtwissen generiert Interkulturalität ihr grenzüberschreitendes Potenzial.“ 


Die Autoren weisen auf die definitorischen Schwierigkeiten beim Begriff Interkulturalität hin und führen das KONZEPT des HORIZONTs ein, in dem nicht von gegeneinander abgegrenzten Einheiten ausgegangen wird, sondern von grundsätzlicher Vielfalt.


Es ist ein RAUM-Modell. Instabile Einheiten, nur zeitweise gültige Grenzen, Vermischungen und Verschiebungen sind darin ebenso enthalten wie nationalkulturelle Hintergründe.


Fazit der Wissenschaftler: Dieses HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER DEUTSCHEN LÄNDER, erschienen bei J. B. Metzler, folgt keiner einzelnen Theorie der Inter- oder Transkulturalität, sie ist als eine Art Materialsammlung für künftige Forschung anzusehen.

 

Kapitel Literatur und Raum

 

Das HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER BÖHMISCHEN LÄNDER hat eine sehr übersichtliche Inhaltsstruktur. Es beginnt mit dem Vorwort und endet mit dem in der Wissenschaft üblichen Anhang, der aus den Lebensdaten ausgewählter Autoren der Böhmischen Länder, aus einem deutsch-tschechischen Ortsregister, den Lebensdaten der Autorinnen und Autoren sowie dem Personenregister besteht.


Das Handbuch wird in acht Kapiteln gegliedert. 


Nach dem Abschnitt Literatur- und Forschungsgeschichte einer Region, dem Kapitel über Theoriekonzepte und dem Allgemeinen Hintergrund (darin ein geschichtlicher Abriss der Böhmischen Länder, institutionelle Informationen über Verlage und Buchhandel, Geschichte der Ästhetik) folgt im vierten Kapitel ein Aufriss der literaturgeschichtlichen Epochen und im fünften Kapitel dann Themen und Motive der Literatur: Historischer Roman, historisches Drama, Essay, phantastische Literatur, Sagen und Legenden, Mundartliteratur sowie Übersetzungen sind die einzelnen konkreten Textsorten, die im Kapitel Sechs zusammengefasst sind. 


Im siebten Schlussabschnitt zieht Peter Demetz, der renommierte amerikanische Germanist und Autor literaturwissenschaftlicher Werke deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft eine Bilanz.
Das Theoriekapitel wird abgeschlossen mit zwei Texten zu Konzepten des Raumes und Raumkonzepten der Region. Dabei sind sich die Verfasser im Klaren darüber, dass es bisher keine passgenauen Raumkonzepte für die böhmischen Länder gibt. 


In Prag und Brünn bildeten sich von den Autoren so genannte „Knotenpunkte“ der Literatur, es geht um die Vielfalt in den Kulturräumen Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. Es wird auch das in der Politikwissenschaft und Soziologie angewandte Theoriemodell von Zentrum und Peripherie erwähnt. 


Auch das Raumkonzept von Henri Lefebre, dem französischen Philosophen und Soziologen, wird zitiert, der davon ausgeht, dass jede Gesellschaft einen ihr eigenen Raum produziert, der sich auf drei Ebenen abspielt.


Die erste Ebene bedeutet, die Wahrnehmung, also was wir erleben, benutzen, produzieren und reproduzieren. Auf Ebene Zwei gibt es den Raum des Wissens, der Zeichen und der Codes. Auf der dritten Ebene geht es um Imagination, welche Bilder und Symbole stellen wir her. 
Im weiteren Verlauf des Textes behandeln die beiden Autoren Manfred Weinberg und Irina Wutsdorff den Raumgedanken in Philosophie, im Strukturalismus und in den Kulturwissenschaften sowie weitere Ansätze, den Raum mythisch, ästhetisch oder theoretisch zu begreifen. 
Insofern schließt sich direkt daran an, was die Autoren Raumkonzepte der Region nennen, weil es ja eben auch um die geographischen Aspekte geht, um das Verhältnis der nationalen Gemeinschaften in den Böhmischen Ländern sowie um die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. 


Dieses Kapitel hilft, theoretische Überlegungen zur Einordnung der Literatur zu entwickeln, wenngleich die Autoren zugeben, dass alle Ansätze erst in den Anfängen befindlich sind, es also an theoretischem Handwerkszeug noch fehlt. Das ist den Autoren nicht anzulasten. Es hat eben sehr, sehr lange gedauert, bis der Blick ins Nachbarland Tschechien durch Grenzzäune hindurch und über sie hinweg freier war, um sich gegenseitig besser wahrzunehmen. Und auch dieser Prozess steckt erst in den Anfängen. In diesem Handbuch stehen allerhand Handlungsanleitungen dafür, es muss nur genutzt werden.  

 

Geschichte der Böhmischen Länder

 

 

Wann beginnt die Geschichte eines Landes? Ganz sicher vor der eigentlichen Geschichtsschreibung, die später einsetzt, weil es an den Vermittlungsmöglichkeiten mangelte und nur in der Erzählung die Weitergabe lag. Von den Anfängen wissen wir also wenig bis nichts, obwohl die Wissenschaft forscht, insbesondere die Archäologie, die nach den Anfängen der Geschichte buchstäblich gräbt. Weil es eben keine frühe Geschichtsschreibung gibt, bleibt die „früheste Kindheit der Geschichte“, so sagt es Clemens von Brentano „stumm“.
Wann beginnt der Übergang vom Mythos zur realen Geschichte? Vom Erzählten zum Faktischen? 


Im Falle Böhmens gehen wir von den Gründungssagen vom Stammvater Čeck oder Boemus aus. Historisch verbürgt, so steht es im Handbuch, ist jedoch nur die Dynastie der Přemysliden, einem Herrschergeschlecht, das bis 1300 an der Macht war. 


Nach dem Aussterben dieser Dynastie waren die Luxemburger mit König Johan Inhaber der Krone. Karl IV. war es dann, der durch die Gründung der ersten Universität nördlich der Alpen Prag zum europäischen Zentrum machte.


So bildete sich eine Epoche heraus, die zwischen der mittelalterlichen Tradition und dem Früh-Humanismus stand. 


Wissenschaftliche Wahrheiten und deren Verbreitung entwickeln sich zu jener Zeit im Gegensatz zum Denken in der Kirche, die Verweltlichung beginnt, und so ist es Jan Hus, der mit der Einführung des weltlichen Kelches, des so genannten Laienkelches, ein Jahrhundert (!) vor Martin Luther den Bruch mit den Lehren der Katholischen Kirche markiert. 
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird Böhmen in den habsburgischen Machtbereich integriert, das Denken wird rekatholisiert, die Eliten des Protestantismus vertrieben, die Böhmischen Länder werden zum Erbkönigreich der Habsburger ernannt. Der moderne Staat entsteht mit zentraler Verwaltung, der Ausdifferenzierung des Rechtsstaates und einer vom Staat gelenkten Wirtschaft. 


1784 wird Deutsch als Amtssprache verordnet, am Wiener Hof wird das Tschechische nämlich als „unfertige Sprache“ gesehen, das deutsch Geprägte überlagert den realen Sprachgebrauch des Tschechischen und marginalisiert es auf diese Art und Weise. 


„Unter dem Druck der französischen Revolution verstärkt sich die innere Repressionspolitik.“ 


Die Zeitungen werden zensiert, Buchhandlungen und das Schulwesen überwacht. Der Volksmund macht sich darüber lustig, indem er von den vier Armeen des Kaisers berichtet. Das „stehende Heer der Soldaten“, das „sitzende Heer der Bürokraten“ das „kniende der Geistlichen“ und das „schleichende der Denunzianten“.


Von der französischen Revolution und den Befreiungskriegen her beeinflusst, entsteht ein nationales Denken, die moderne tschechische Schriftsprache entsteht, die jedoch einen niedrigeren sozialen Status hat als das Deutsche im Vergleich. Es entstehen zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Kultursysteme. 


Die Tschechen fordern den so genannten „Trialismus“, die gleichberechtigte Vertretung von Deutschen, Ungarn und Slawen. Desintegrative und konfrontative Entwicklungen fördern das Trennende im deutsch-tschechischen Verhältnis. 
Auf die Gündung des tschechischen Nationaltheaters folgt die Eröffnung des Neuen deutschen Theaters, die deutsche Wissenschaftsgesellschaft wird konterkariert durch die Gründung der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 


Die Auseinandersetzungen radikalisieren sich. Sprachverodnungen führen zu Widerstandsbewegungen, die auch gegen deutsche Geschäfte in Prag gewalttätig werden. Und Egon Erwin Kisch konstatiert: „Kein Deutscher erschien jemals im tschechischen Bürgerclub, kein Tscheche im deutschen Kasino.“ Und die jüdische Gemeinschaft steht dazwischen. Nach 1860 etabliert sich jedoch nach und nach eine moderne national argumentierende Kultur, die in der Musik durch die Komponisten Smetana, Dvořák und Janáček vertreten ist und weltweit Beachtung und Anerkennung findet. 


Historische Figuren, Narrative, Mythen und geschichtliche Ereignisse werden in das Zentrum der Kulturschaffenden gerückt. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wirken monarchistische Tendenzen und die deutsch-tschechische Konkurrenz in Kultur und Bildung noch nach, nach dem Ausruf der tschechischen Republik 1918 entsteht der Nationalitäten-Staat. 


Zwischen 1938 und 1945 wird mit der Besetzung der Sudetengebiete durch Hitler und durch das Protektorat Böhmen-Mähren der tschechoslowakischen Staatlichkeit „durch Gewalt von außen“ ein „Ende gesetzt“. 


Es entsteht ein explosives kulturpolitisches Gemisch aus „Einschüchterung, Vereinnahmung, Rivalität und Kollaboration“, in dem sich aber auch Nischen der Eigenständigkeit und versteckter Widerstand entwickeln. 


Die Judenvernichtung erreicht ihren Höhepunkt in der Errichtung des Ghettos Theresienstadt. 


Nach Kriegsende werden drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Die Vertreibung führt zu einem Ende des jahrhundertelangen deutschen und tschechischen Zusammenlebens.

 

 

 

 

Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg) Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder

 

Das braune Netz

Sie hatten ihre Karriere im Dienste des NS-Staates begonnen – und setzten sie bruchlos in der der neuen Bundesrepublik fort. So bereitwillig sie der braunen Ideologie gedient hatten, so engagiert traten sie nun für die Demokratie ein. Kriegsgerichtsräte fällten wieder ihre Urteile, einst regimetreue Professoren lehrten und die Journalisten aus den früheren Propagandakompanien schrieben, als hätten sie sich nichts vorzuwerfen.

 

mehr