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Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Buch-TIPP 1

Die Geschichte einer afrikanischen Farm 

Bis Weihnachten gibt www.facesofbooks.de hier Buch-Tipps für den Gabentisch - mit Angabe der Zielgruppe

 

Zielgruppe: (Nicht)/Emanzipierte Frauen und Männer, Afrika-Fans.

 

Buschmänner und Dschungelfrauen, Ureinwohner, Stammeskrieger. Missionare, Forscher, wilde Krieger, gefräßige Löwen - das alles ist Afrika. Oder unser Bild von Afrika! Wer den Kontinent mag, findet auf 605 Seiten in dem Manesse-Band - mit einem Nachwort von Doris Lessing - die Geschichte einer afrikanischen Farm von Olive Schreiner (ein Pseudonym). Im Mittelpunkt des Romans steht eine Frau und ihre Lebensgeschichte. Die Autorin ist Missionarstochter. Sie setzt sich früh für Unterdrückte und Fragen der Frauenbewegung ein. Wir lernen in ihrem Buch die koloniale Männerwelt der Buren kennen, die südafrikanische Welt der Farmer, in der Unworte wie „Hottentotte“, „Nigger“, „Kaffer“, „Neger“ und „Schwarzer“ noch nicht politisch inkorrekt waren oder gegendert wurden. Das Manesse-Buch erscheint anlässlich des 100. Todestags von Olive Schreiner am 11. Dezember in einer neuen Übersetzung. Die Story gilt als der Roman Südafrikas. Ein farbiges Afrika-Panorama über Frauen, Männer und die dunkle Hautfarbe.

Buchtipp 2 

Eingefroren am Nordpol: die Polarstern im Logbuch

Am 20. September 2019 startete die größte Arktisexpedition aller Zeiten: Die „Polarstern“ verließ den Hafen von Tromsö, um sich am Nordpol einfrieren zu lassen. An Bord hat sie Wissenschaftler aus 20 Nationen, die in der Arktis ein Jahr lang die Auswirkungen des Klimawandels untersuchen werden. Markus Rex, der Leiter der »MOSAiC« genannten Forschungsmission, erzählt in seinem Buch die Geschichte dieser einmaligen Expedition: Er berichtet vom Alltag unter den extremen Bedingungen der Arktis, von den logistischen und planerischen Herausforderungen und von den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die die Forscher im Eis sammeln konnten. »Eingefroren am Nordpol« ist die Geschichte eines großen Forschungsabenteuers und zugleich ein eindringlicher Blick auf die dramatischen Folgen des Klimawandels. Mit vielen farbigen Abbildungen, u.a. exklusiven Fotos von der Expedition, Grafiken und Karten. (C.Bertelsmann)

 

Markus Rex (Expeditionsleiter) Eingefroren am Nordpol Das Logbuch von der „Polarstern“ C. Bertelsmann

 

Kurzkritik 

 

Selbstverständlich muss ein Zitat des bekannten Polarforschers Fridtjof Nansen das Logbuch eröffnen, in dem von den ärgsten Feinden des Lebens die Rede ist. Gemeint ist das Eis, die Kälte und die lange Winternacht. Rechtzeitig vor Beginn der Weihnachtseinkäufe liefert C.Bertelsmann das nach einzelnen Tagen datierte Logbuch des Expeditionsleiters über die größte Antarktisexpedition aller Zeiten.

 

20 Nationen, das ist schon an sich ein Weltwunder, taten sich einvernehmlich zusammen, um die Geheimnisse des dramatischen Klimawandels in der Antarktis zu entschlüsseln. Das inhaltlich wie optisch sehr attraktiv aufgemachte Buch nimmt uns mit auf die spannende Seereise, die auf einer Eisscholle endet.

 

Ob Klimatabelle, Begegnung mit 60 Eisbären oder Weihnachten im Eis, wir werden Augenzeuge eines einmaligen Weltexperiments, das geglückt ist und dessen Ergebnisse uns noch eine Zeit lang beschäftigen werden.

 Allein 135 Terrabyte an Daten wurden an der Originalscholle gesammelt. Fazit des Forschergeistes: „Wir sollten alles daran setzen, (das arktische Meereis) für zukünftige Generationen zu erhalten.“

 

Kategorie das schöne Buch: zum Lesen, Blättern, Betrachten, Mitfiebern und Studieren.

 

Ausführliche Rezension folgt.

 

Buch-Tipp 3

Wieder ein Buch-Tipp für den Gabentisch!


Zielgruppe: Videostreamer und Podcastler, Netflixer und Amazonis, Medienpolitiker, Couchpotatoes, Seriensüchtige und wer sich auf der „roten Liste“ der Medienkritischen befindet


Wer weiß besser, was ich als Zuschauer sehen will, ich selbst oder ein Streamingdienst? Marcus S. Kleiner sieht in seinem Buch STREAMLAND. WIE NETFLIX, AMAZON PRIME UND CO. UNSERE DEMOKRATIE BEDROHEN, dass es die verflixten Netflixer sind und deren Algorithmen, die Besserwisser sind. Sie sind sowieso auch die Krisengewinnler der Pandemie.

 

Und wer sich zu Weihnachten dann eine Serie nach der anderen reinzieht, kann jetzt parallel dazu lesen, was für ihn und unsere Gesellschaft so gefährlich daran ist. Die Streamer-Monopolisten sind die neuen Leitmedien geworden. Sie wecken einerseits unsere Angstbereitschaft und üben durch ihre „Wirklichkeitsunterhaltung“ die Ablenkungsmechanismen mit uns dazu ein.


Netflix hat fast 200 Millionen Abonnenten weltweit. 12 Millionen werden für Deutschland prognostiziert. Da strömen Milliarden beim Videostreaming in umgekehrter Richtung in deren Kassen. Früher gab es so etwas wie Medienkritik und Medienpolitik. Genau das bietet der Experte für populäre Medienkultur in seinem bei DROEMER erschienen Buch über die Algorithmen-Herrscher.

 

Die Mainstreamklicks lassen uns in die Filterblase absteigen. Wir werden gesteuert und müssen sehen, was wir sehen wollen. Der Professor für Medien und Kommunikationswissenschaft beklagt, dass der freie, selbstbestimmte und mündige Bürger durch die globale Unterhaltungsindustrie zugedröhnt wird und dabei seine Entscheidungskompetenz verliert. Seine Selbstbestimmung geht im lukrativen Geschäft verloren. Die große Datenmacht ist auch eine Macht über die Darstellung von Wirklichkeit, die nur Realitätsausschnitte zulässt. Wir bekommen „Wirklichkeitsbrillen“ verpasst, die gar nicht die unseren sind. Wir verlernen es, selbst mündig über Inhalte zu entscheiden.

 

Wie raunte eine Studentin im Seminar des Medienprofessors: „Jede Woche ein Buch zu lesen und zu diskutieren, das ist echt zu viel.“ Sie haben es an Weihnachten in der Hand, ob Sie ein Netflix-Abo verschenken oder dieses Buch.


MARCUS S. KLEINER STREAMLAND WIE NETFLIX, AMAZON PRIME UND CO UNSERE DEMOKRATIE BEDROHEN DROEMER

 

Buch-Tipp 4

USA das Land der (unbegrenzten) Möglichkeiten

Und wieder ein Geschenk-Buch-Tipp:
Barack Obama Ein verheißenes Land PENGUIN VERLAG


Zielgruppe: Donald Trump, Wladimir Putin, Angela Merkel und wir alle
Barack Obama verspricht im Vorwort seines ersten Memoirenbandes eine ehrliche Darstellung seiner zweimaligen Amtszeit. Vier Jahre hat er daran gesessen und sein Buch mit der Hand geschrieben, denn am PC zu formulieren gibt den halbgaren Gedanken den „Anschein von Ordnung“. Das Buch wuchs also in die Länge und in die Tiefe. „Ein verheißenes Land“ hat 1.024 Seiten und wurde inzwischen in 25 Sprachen übersetzt.

 

Allein sieben Übersetzer saßen an der deutschen Ausgabe, die bei Penguin erschienen ist. Schon jetzt kann man von einem Bestseller sprechen, es wurde in 890.000 Exemplaren bisher in den USA verkauft.
Obama tritt seinen Lesern sehr offen gegenüber. Mit einem Blick auf eigenes Scheitern bilanziert Obama schon eingangs aber trotzdem: „…das Land stand jetzt besser da als zu Beginn meiner Amtszeit“. 
Der amerikanische Präsident Nr. 44 will Zusammenhänge erklären, den Kontext für Entscheidungen mitliefern. Das führt zu Längen, Obama will einen zweiten Band vorlegen.

 
Es drängen sich ja auch aktuelle Themen in den Mittelpunkt, die noch zu behandeln wären. Er sieht die Demokratie am Rande einer Krise taumeln, das Land gespalten, die Menschen auch seit Corona und Rassenunruhen wütend und misstrauisch, die institutionellen Normen verletzt, grundlegender Konsens aufgelöst.


Was ist aus dem amerikanischen Traum geworden? Was sind die Folgen des Raubtier-Kapitalismus? Haben die USA ein rassistisches Kastensystem? Herrschen nur Eliten? Sind die Vereinigten Staaten noch eine Großmacht? Fragen, die Obama aufwirft und denen er als Grundannahme vorausstellt: Die USA haben noch Möglichkeiten, die sie auch für künftige Generationen nutzen können. Noch ist nicht alles verloren, aber ein endgültiges Urteil darüber steht aus. Er versteht den ersten Band seines Buches auch als eine Einladung an junge Leute, die Welt zu erneuern. 


Ich habe bisher nur das Vorwort gelesen! Dort sagt Barack Obama: „…meistens gehe ich langsam – es ist ein hawaiianisches Schlendern, wie Michelle sagt, gelegentlich mit einem Anflug von Ungeduld.“ 
Obama beobachtet sich selbst, wie seine Schritte im Weißen Haus als Präsident länger, forscher, offizieller, also auch staatsmännischer werden.
Jenes Schlendern will ich mir zu eigen machen, während ich sein Buch lese und immer wieder einmal auf www.facesofbooks.de und hier auf Facebook meine Beobachtungen und Einschätzungen dazu mitteilen, sozusagen eine nachhaltigere Rezension step by step anbieten, die Schritt für Schritt vorgeht und die es meines Wissens bisher so noch nicht gibt. Die flow-writing Buchrezension als Lese-Prozess, nicht als abgeschlossene Beurteilung am Schluss, wenn das letzte Kapitel gelesen ist. 


Jetzt kann ich schon sagen, Obama schreibt frisch, offen, selbstkritisch, reflektierend, Zusammenhänge bietend, dazu doch auch Details, kleine Beobachtungen am Rande einbeziehend, selbstkritisch, auch zweifelnd. Dem rhetorischen Talent gelingt ein erzählerischer, spannender, ja irgendwie „schlendernder“ hawaiianischer Ton. Er gefällt mir. Bin gespannt, ob er ihn durchhält.  

 

Vom Detail zur großen Erzählung

Christopher Clark: Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump


Christopher Clark legt nach! In einigen seiner 13 Essays unter dem Titel „Gefangene der Zeit“ setzt er sich mit den zahlreichen und prominenten Kritikern seiner „Schlafwandler“-These über die Zusammenhänge am Ausbruch des Ersten Weltkriegs auseinander. In einem anderen lobt er die Archivarbeit und akribische Darstellung von John Röhl in dessen Biographie des letzten deutschen Kaisers – und zerfetzt die These von der langangelegten Kriegsplanung von Wilhelm II. Er hielt ihn für den „unfähigsten deutschen Kaiser“ und verglich ihn in seinem Vorwort „Wie aus Gegenwart Geschichte wird“ in seiner Unbeherrschtheit und „ungeheuren Prahlsucht“ mit Donald Trump, von dem er auch nichts hält. Entstanden ist der Band während der Einschränkungen der COVID-19 Zeit, denen auch eine geplante Interview-Tour durch Deutschland zum Opfer fiel – schade!


Er schreibt über die Aufsätze in seinem Buch, sie seien „genau wie der Verfasser und die darin auftretenden Protagonisten, Gefangene der Zeit“. In dieser „Gefangenschaft“ nimmt sich Clark aber die intellektuelle Freiheit, die auch dieses Buch zu einem wahren Lesegenuss machen. Er macht sich – immer in der vielleicht vorläufigen Form des Essays – Gedanken und lässt seine Leser in einem eleganten, manchmal mit explosivem Witz überraschenden Stil an diesen klugen Gedanken teilhaben. Norbert Juraschitz hat das englische Original des Autors, der perfekt deutsch spricht und mit einer Deutschen verheiratet ist, glänzend übersetzt. 


In Berlin hatte er promovieren wollen und hatte auf Anregung von Wolfgang Wippermann zur protestantischen Mission unter den Juden in Preußen geforscht. Daraus ist ein Vortrag zum Thema „Jews, Liberalism, Antisemitism: The Dialectics of Inclusion (1780 – 1950)“ des Oxford Seminar in Advanced Jewish Studies entstanden, der in dem Buch abgedruckt ist. Er geht von der pietistischen Judenmission mit dem Mittelpunkt in Halle aus und führt weiter in die Zeit neupietistischer Aktivitäten im 19. Jahrhundert. Keiner dieser von „Mäzenen“ finanzierten Missionen war ein nennenswerter Erfolg beschieden. Aber der dahinterliegende theologische Gedanke der Eschatologie verwandelte sich dann in die mörderische Ideologie der Nazis. Heute seien es „jene untergetauchten, nicht mehr als religiös erkennbaren Bruchstücke des eschatologischen Narrativs, die jene säkularen antisemitischen Diskurse antreiben, in denen die jüdische Frage ein Thema von kosmischer Bedeutung bleibt.“


Als in England (Cambridge) lehrender Professor nimmt er die Schlacht bei Hastings im Jahre 1066 in den Blick. Der Sieg Wilhelms legte den Grundstein für die normannische Eroberung Englands.

 

Geschichtsschreibung entwickelt sich – wie wir hier exemplarisch sehen - immer vom Detail zur großen Erzählung. Deshalb ist auch die Erinnerung an „Leben und Tod des Generalobersten Blaskowitz“ ein besonderes Beispiel für dieses Entwickeln von Geschichte von den Details aus. Der hohe deutsche Offizier strengen katholischen Glaubens nahm im Krieg gegen Polen 1939 eine herausgehobene Stellung ein, die es von seinem soldatischen Ethos verlangte, die außerhalb seiner Befehlsgewalt von der SS und Polizeieinheiten verübten kriegsrechtswidrigen Gräueltaten zu verurteilen und „nach oben“ meldete und deren Beendigung zu verlangen – erfolglos, wie wir wissen. Seine Karriere war damit gestoppt, aber er bekam auch im besetzten Frankreich wieder leitende Funktionen. Er verhinderte weder die Deportation von Juden oder Geiselerschießungen noch die Hinrichtung von Deserteuren und wurde im Nürnberger Generals-Prozess angeklagt. Von einem britischen Offizier erfuhr er, der zwischen soldatischen Führer-Gehorsam und Kriegsrechts-Gewissen nie eindeutig Stellung bezog, dass er wohl mit einem Freispruch rechnen könne. Am Tage, als sein Prozess beginnen sollte, stürzte er sich im Nürnberger Militärgefängnis ins Treppenhaus und setzte seinem Leben selbst ein Ende.


In dem Essay „Psychogramme aus dem Dritten Reich“ setzt sich Clark u.a. mit der manchen irritierenden These seines Cambridger Kollegen Brendan Simms eingehend auseinander, der Hitlers neidischen und aggressiven Blick auf die USA in den Vordergrund von dessen Entscheidungen stellt. Ein Kabinettstück unter diesen intelligenten Essays bildet der vergnügliche Text „Von Bismarck lernen?“. In ihm skizziert er knapp und brillant den deutschen Reichskanzler, um ihm dann „einen gewissen Dominic Cummings“ gegenüber- oder besser an die Seite zu stellen. Der ist bekennender Bismarck-Verehrer und Chief Special Advisor von Premiermister Boris Johnson, also dessen höchster Berater. Clark entwirft fünf Punkte für ein fiktives Unternehmensstrategiebuch unter dem Titel Führung – Die Methode Bismarck und erfindet übermütig auch einen Namen für die fünf Punkte: „Ottos Mottos“. Auf solche Weise gelingt es Clark immer wieder auch in schwierigen Stellen, seine Leser mitzunehmen in die ernsteren Gedanken, die er sich – als Gefangener der Zeit und als brillanter Historiker macht.


Harald Loch


Christopher Clark: Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
DVA, München 2020   336 Seiten   12 s/w Abb.   26 Euro

 

11.11. 11.11 Uhr                                                      Eine Reise durchs Narren-Deutschland von Manuel Andrack

Karneval, Fasching, Fastnacht – drei Wörter, unzählige regionale Besonderheiten. Auftakt der fünften Jahreszeit ist der 11.11., erste Höhepunkte bilden die Kappenabende, und nach Weiberfastnacht nimmt in vielen Teilen des Landes der Alltag für sechs Tage eine Auszeit. Manuel Andrack hat ein ganzes Jahr diesem Herzensthema gewidmet, hat mit Psychologen über die Lust an der Verkleidung gesprochen, hat Parallelen zwischen dem Oktoberfest und „Mainz bleibt Mainz“ nachgespürt, hat Larvenschnitzer besucht, hat in Köln die „Roten Funken“ begleitet bei den monatelangen Vorbereitungen auf den Sitzungskarneval und den legendären Rosenmontagszug und ist mit einer selbstgereimten Rede in die Bütt gegangen. (DTV)

 

Fastnachtsumzüge dauern in der Regel vier bis fünf Stunden, dann ist die Narretei vorbei. Manuel Andrack hat für sein Buch MEIN JAHR ALS NARR, erschienen bei dtv, auf sich genommen, ein ganzes Jahr lang umherzuziehen, um dem Geheimnis von Karneval, Fasching und Fastnacht auf die Spur zu kommen. Als Mitstreiter in Harald Schmidts Late-Night-Talkshow ist Andrack öffentlich-rechtlich humor-geprüft als Sidekick-Experte. Wer in Köln geboren ist, bei dem ist die Chance groß, das Karneval-Gen in sich zu tragen. Andrack ist ein „Kölsche Jung“. Und so machte sich der Auch-Wanderexperte auf die Reise durchs Humordeutschland, ja sogar bis in die Schweiz, auch hinein nach Österreich, Italien und Belgien. Für ihn war das Ganze ein Jahr Ausnahmezustand. (siehe auch nachstehendes Interview).

 

Maskenpflicht galt sowieso – auch ohne Corona, denn Verkleidung gehört dazu, das weiß niemand besser als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der sich sogar schon als Marilyn Monroe unter das Volk im fränkischen Veitshöchheim mischte. Dass ausgerechnet ein Faschingsevent in Heinsberg zum Super-Spreader-Event geriet, konnte Andrack ja nicht ahnen. Das „Bützchen“ im Rheinland, also das Küsschen mit geschlossenen Lippen auf den Mund bleibt vorerst Tabu, wenngleich Andrack mit einem kompletten Karnevals-Lockdown nicht rechnet, weil eben Leicht- und Frohsinn beim Fasching zusammengehören, wie das Virus und Prof. Drosten.

 

Zum Buch: Es ist so farbig, lockerleicht beschrieben, wie die Farbpalette des Karnevals selbst ist. Schon die Wortvielfalt im Humorgewerbe ist beeindruckend. Ob in Basel „Ladäärne yypfyffe“ gerufen wird, oder in Paderborn(!) „Hasi-Palau“, ob sie „Wir kommen alle in den Himmel“ grölen oder Helaualaaf brüllen, ob Mänz bleibt Mänz Mänz bleibt Mänz bleibt, oder ein „Hoppeditz“ erwacht, Fragen über Fragen, die bei Scrabble Riesen-Punkte brächten. Andrack fängt alles ein. Mit geschulter närrischer Schnuppernase, die ihn sogar auf den Kölner Karnevals-Friedhof führt, wo Willy Millowitsch seine Ruhe vor dem Humor gefunden hat. Andrack gräbt auch Kulturhistorisches aus, als Narretei-Archäologe im Masken-Venedig, wo die Gondeln auch mal „Lacher“ und Maske tragen. Andrack muss erkennen, dass es gar nicht so einfach ist, eine Büttenrede zu fabrizieren, dass das Oktoberfest im Prinzip eine „Kappensitzung“ ist, dass der Rat der Stadt Nürnberg für Handwerksgesellen, Knechte und Mägde - man höre und staune - „ ein wenig eingesehenes Gelände für den Geschlechtsverkehr“ freigegeben hat. Ob Laster-Gebühren erhoben wurden, ist nicht bekannt.

 

Andrack besucht Fastnachts-Kaufhäuser und Kölner Kneipen, zieht mit Funkenmariechen oder der „Ranzengarde“ los. Spätestens seit heute 11.11. 11.11 Uhr könnten akute Corona-Karneval-Entzugserscheinungen auftreten. Wer der unter Umständen viral auftretenden deutschen Humorlosigkeit entgegentreten will, kauft sich diese neue Narrenbibel „Mein Jahr als Narr“. Das hilft über die Quarantäne-Zeiten sehr gut hinweg. (Tata-tata-tata). Ja da gehts Humba Humba Humba Tätärä Tätärä Tätärä Ja da gehts Humba Humba Humba Tätärä Tätärä Tätärä Da ruft der ganze Saal dasselbe noch einmal.

 

Manuel Andrack Mein Jahr als Narr Dem Geheimnis von Karneval, Fasching, Fastnacht auf der Spur DTV 

 

 

Interview Manuel Andrack                                            11 Fragen an den NARREN-Tüv

Was war attraktiv beim Karneval im Ausland?

 

Am meisten hat mich begeistert wie in Österreich mit voller Pulle in Villach der Fasching gefeiert, das war absolut großartig, ein Highlight.

 

Soll man sein Kostüm selber nähen oder ins Karneval-Kaufhaus gehen?

 

Da misch ich mich nicht ein, da passt der schöne Kölner Satz: „Jeder Jeck is anders“.

 

Ist das Münchner Oktoberfest tatsächlich ein Faschingsevent?

 

Ein Faschingsevent vielleicht nicht, aber ein Kostümfest. Früher ist man mit der ältesten Jeans aufs Oktoberfest gegangen. Heute kostümiert man sich mit der Tracht.

 

Spielt Sex noch eine Rolle oder gibt’s andere Höhepunkte im Fasching oder Karneval?

 

Es gibt viele andere Höhepunkte, Sex spielte bei meiner Rundreise keine Rolle.

 

Bleibt Mänz noch Mänz?

 

Selbstverständlich. Das wird sich nie ändern. Das geben selbst die Mänzer zu, da wird auch viel geklaut. Das Helau, die Schwellköpfe, zum Beispiel, aber Mänz bleibt trotzdem Mänz.

 

Wie war Ihr Büttenreden-Auftritt?

 

Der war ganz ok, das erste Mal. Aber ich muss demnächst noch mehr Zoten einbauen dann kriegt man auch mehr Lacher.

 

Schwaben, Alemannisch, Tierischer Ernst, fehlt da nicht der Pfiff?

 

Nein überhaupt nicht. Die schwäbisch-alemannische Fastnacht, da war ich sogar mehrfach da, habe Freundschaften geschlossen, das ist ein ganz, ganz großartiges Ereignis.

 

Sind Faschingsumzüge noch zeitgemäß?

 

Was ist die Definition von zeitgemäß? Zu Corona passen sie nicht. Aber prinzipiell ja, wenn man zum Beispiel sieht, was am Rosenmontag in Köln los ist. Da beantwortet sich die Frage von selbst.

 

Wie schreibt man eine pointenreiche Büttenrede?

 

Diese Antwort füllt ein ganzes Buch. Da verweise ich auf das großartige Büttenredenbuch von Marco Ringel, das ich in meinem Buch gefeiert habe.

 

Wandern oder Karneval, wie verteilen Sie jetzt nach Ihren Erfahrungen Ihre Leidenschaften neu?

 

Gott sei Dank sind diese Leidenschaften nicht komplett Zeit ausfüllend. Ich kriege beides ganz gut unter einen Wanderhut, sowohl Wandern und Karneval macht man ja nicht täglich.

 

Ein Jahr als Narr unterwegs, lautete der Selbstversuch, ist es nicht grundsätzlich überhaupt besser, das ganze Leben als Narr umherzuwandern? Absolut. Ich glaube auch dass ich durch diese Lebenserfahrung ein lebenslänglicher Narr geworden bin. Jetzt haben wir auch noch die Maskenpflicht. Narren wollen ja immer maskiert herumlaufen.   

Joe Biden - ein Porträt bei Suhrkamp

„Joe Biden ist zugleich der unglücklichste und der glücklichste Mensch, den ich kenne.“ Das sagt ein Weggefährte über den Mann, der bei der Präsidentschaftswahl 2020 Donald J. Trump herausfordert. Der vielfach ausgezeichnete Journalist Evan Osnos begleitet den Kandidaten der Demokratischen Partei seit Jahren und hat ihn immer wieder interviewt, zuletzt im Sommer 2020. Diese und weitere Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten wie Barack Obama bilden die Grundlage dieser brillanten Nahaufnahme des 1942 geborenen Biden, in dessen Werdegang sich die Veränderungen der politischen Kultur der USA spiegeln.


Mit gerade einmal 29 Jahren wurde der Sohn eines Autohändlers in den US-Senat gewählt. Seinen Amtseid legte er ab, nachdem er nur wenige Wochen zuvor seine erste Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren hatte. Nach Höhen und Tiefen führte ihn seine Karriere schließlich als Vizepräsident ins Weiße Haus. Joe Biden hat dramatische Schicksalsschläge und überraschende Wendungen erlebt. Vielleicht versetzt ihn gerade das in die Lage, eine zerrissene Nation zu einen, die Wunden der Trump-Ära zu heilen und einen neuen politischen Aufbruch zu ermöglichen. (SUHRKAMP)

 

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Elmar Theveßen:                                            Die Zerstörung Amerikas.                              Wie Donald Trump sein Land und die Welt für immer verändert


Nichts Neues über Donald Trump? Über keine Persönlichkeit der Gegenwart ist so viel veröffentlicht worden wie über den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Wenn einer wie Elmar Teveßen jetzt die Bilanz seiner Präsidentschaft vorlegt, vielleicht auch nur die Bilanz der ersten vier Jahre seiner eventuell fortdauernden Präsidentschaft, darf das Publikum mehr als das Bekannte erwarten. Der Autor ist Studioleiter des ZDF in Washington, kennt das Land aus früheren Jahren und dürfte besonders nah an dem Geschehen in den USA stehen. Davon macht er aus ausgiebig Gebrauch in seinem Buch, das kein Mitleid mit dem amtierenden amerikanischen Präsidenten kennt. Theveßen zählt alle bekannten Schwächen, Verfehlungen und das Versagen an entscheidender Stelle auf. Aber alles das ist bekannt. Jetzt, kurz vor den Wahlen, das noch einmal aufzutischen, ist verdienstvoll, aber nicht neu. Der Autor stößt vehement in das Horn aller Trump-Kritiker und seiner Gegner. Das liest man gern, wenn man zu dieser in Deutschland riesengroßen Gruppe von Menschen zählt. Aber man lernt auch das Fürchten vor diesem „mächtigsten Mann der Welt“.


Der Gewinn dieses Buches liegt in der Untermauerung aller Anwürfe gegen Trump durch unverdächtige Gewährsleute, aber auch in den Stimmen derer, die ihn wieder wählen werden, der einfachen Leute, die sich vom liberalen Establishment und den Demokraten vernachlässigt fühlen. Die hört man nämlich aus dem lauten Chor der Trump-Gegner nicht. Teveßen hat die von Arbeitslosigkeit und Armut bedrohten Menschen auf einer längeren Reise durch mehrere Staaten gesprochen und entwickelt so etwas wie Empathie für sie. Er wirbt zwar nicht für Verständnis für deren frühere und voraussichtlich auch künftige Wahlentscheidung für Trump, aber er macht es für einen deutschen Leser plausibel, dass die Lügen und Versprechungen Trumps bei ihnen auf fruchtbaren Boden fallen.

 

Der Autor hat mit fundamentalistischen Evangelikalen gesprochen aber auch mit der konservativen Opposition gegen Trump in der Republikanischen Partei. Er fragt: „Aber was ist das eigentlich, der Konservatismus der republikanischen Partei, der offenbar im Trump-Wahn untergegangen ist? Es ist der Kern dessen, was die Idee Amerika über Jahrhunderte ausgemacht hat, die Überzeugung, dass jeder Mensch ein großes Potenzial in sich trägt, nach Freiheit, Sicherheit, Wohlstand und Glück strebt. Für dieses Streben soll Politik die Rahmenbedingungen schaffen, Chancen ermöglichen, ohne zu sehr in die individuelle Freiheit des Einzelnen einzugreifen.“ Die Minderheit von solch ehrenwerten Trump-Gegnern in seiner Partei hat keine Chancen.

 

Haben die vielen nicht konservativen Trump-Gegner denn eine Chance? Teveßen arbeitet die jahrzehntelange republikanische Strategie sehr nachvollziehbar heraus, die mit der Manipulation der Wahlkreiszuschnitte, mit der Besetzung von Bundesgerichten mit stramm konservativen Richtern bis zur generalstabsmäßigen Beeinflussung der Massen per Social-Media ein ganze Palette an demokratiefeindlichen, erdrutschartigen Demontagen der Demokratie bewirkte und so die Garantie für einen weiteren republikanischen Wahlerfolgt zu bieten scheint.


Das alles noch einmal zu wiederholen und auf den Punkt zu bringen, ist ein Verdienst des Buches. Wirklich sensationell ist die Aufstellung einer Chronik des Versagens von Trump in der Corona-Pandemie. Das konnte man so zusammengestellt und mit beißender Urteilskraft kommentiert noch nicht lesen und lohnt allein die Lektüre des Buches. So viel Unheil für Hunderttausende Corona-Opfer haben weder die Lügen noch der unerträgliche Narzissmus Trumps über die Menschen ergossen. Beim Thema des Ich-Menschen Trump überzieht der Autor vielleicht seine Kompetenz. Er zitiert den Polit-Psychologen Post, der Trump als gefährlichen Narzissten einstuft. Theveßen versucht sich dann als einer, der dieses Krankheitsbild d Präsidenten aus dessen Worten und Taten ableiten kann. Das können selbst erstklassige Journalisten wie Theveßen nicht und sie sollten es den Fachleuten überlassen.


Alles in allem ist „Die Zerstörung Amerikas“ ein alarmierendes Buch von hoher zeitgeschichtlicher Relevanz. Es ist zum Verständnis der Wahlentscheidung des amerikanischen Volkes und vielleicht auch noch für die nächsten vier Jahre einer Präsidentschaft Trump unerlässlich.


Harald Loch


Elmar Theveßen: „Die Zerstörung Amerikas. Wie Donald Trump sein Land und die Welt für immer verändert“
Piper, München 2020   

 

Der Raketenpionier aus Schäßburg

Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an.

1920 zieht es den jungen Hermann Oberth von Siebenbürgen nach Göttingen, um Physik zu studieren - die spannendste Wissenschaft der Zeit. Hermann will den Menschheitstraum von der Mondrakete verwirklichen. Als der Durchbruch nah ist, weisen seine Professoren ihn ab.

Seine lebenslustige Frau Tilla versucht, einen gemeinsamen Alltag als Familie zu ermöglichen, als doch jemand an Hermanns Forschung glaubt: Wernher von Braun, Mitglied der SS. Doch statt der Mondrakete soll Hermann die V2 mit entwickeln, eine „Vergeltungswaffe“ für die Nazis. Seine Kinder Ilse und Julius verliert er an den Krieg. Und so stellt sich ihm und auch Tilla mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung für die Geschichte. (dtv)

 

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Die Fussball-Legende lebt                          

Heute wäre die Fußball-Legende Fritz Walter 100 Jahre alt geworden. Mein Onkel, selbst Fußballer in Kaiserslautern und Saarbrücken hatte einen guten Freund: Fritz Walter. 
In meinem Buch Norbert Schreiber Europa erlesen PFALZ Wieser Verlag Klagenfurt schreibt er eine Hommage:

 

LUDWIG SCHLICH (* 1926) 


Mein Freund Fritz Walter 

 

Wenn ich auch heute an der Saar, genauer in Saarbrücken, wohne und eben dort Wurzeln geschlagen habe, so leben meine Erinnerungen als 85-Jähriger doch an die Heimatstadt Kaiserslautern munter weiter, so lange meine „Lebens-Reise“ noch währt. 
Die Geschichte meiner Heimatstadt Kaiserslautern soll hier nicht noch einmal erzählt werden. Der Rotbart, Kaiser Barbarossa, wird schon selber gewusst haben, warum er an dem unscheinbaren Bächlein, der Lauter, eine Burg bauen ließ. Kaiser Friedrich I. hat zwar den Grundstein zur Gründung von Kaiserslautern gelegt, aber seine Reisen in ferne Länder haben ihn wohl daran gehindert, mit seiner Burg ein für die Geschichte bedeutsames Zeichen zu setzen, wie es Karl dem Großen mit Aachen gelang. 
Lassen wir aber die Jahrhunderte ruhig weiter in der Vergangenheit schlummern. Alle Wunden, die der Stadt zugefügt wurden, etwa im dritten Eroberungskrieg von Ludwig XIV. mit der Verwüstung der Pfalz von 1688 bis 1697 und die folgenden Hungersnöte, die Wunden, ja sie heilten. 


Der Lebensmut und der Fleiß der Pfälzer haben der Bevölkerung dieses Landstrichs eben immer auf die Beine geholfen. Mitte des 19. Jahrhunderts begann die industrielle Entwicklung: Eisenwerke, Maschinenfabriken, etwa die Pfaff-Nähmaschinen-Fabrik, Spinnereien gaben den Bürgern gute Verdienstmöglichkeiten. 
Damit konnte endlich auch eine bescheidene Freizeitgestaltung geplant werden. Turnvereine wurden gegründet und 1906 der erste Fußballverein „Phönix“, der später zum 1. FC Kaiserslautern mutierte. Irgendwann musste ja ein Anfang gemacht werden. 

 

Jahrzehnte sah es danach aus, als könnte dieser Verein nicht wirklich ins Rampenlicht der Fußball-Öffentlichkeit treten. Gegner waren andere Clubs der Stadt Kaiserslautern oder höchstens auf Pfalzebene. Doch plötzlich landeten sie in der höchsten Spielklasse, von denen es in Deutschland fast ein Dutzend gab: Die Klasse hieß Gauliga Südwest. 
Nun standen namhafte überregionale deutsche Vereine wie Eintracht Frankfurt, Kickers Offenbach, Wormatia Worms, FK Pirmasens und andere auf dem Fußballfeld. Leider hat es oft nur bis zum vorletzten Tabellenplatz gereicht. Manchmal landete der Verein aber auch auf dem letzten Platz und wechselte sich mit Opel Rüsselsheim ab. Das war die Fußball-Szene Anfang der dreißiger Jahre.
Alle Buben in meinen Straßenviertel waren auch schon längst infiziert vom Spiel um das runde Leder. Ich auch. Aber vorerst mussten wir mit Stoff- oder Gummibällen kicken. In den Straßen von Kaiserslautern spielten wir „Kanälschers“, eine Art Straßenfußball zwischen den Häuserzeilen. Wir droschen die kleinen Kugeln oder Tennisbälle in das Abgussloch des Rinnsteins. 


Aber viel wichtiger war es, den Spielern des 1. FCK beim Training und Spiel zuzuschauen, wie man mit einem echten Lederball am Fuß und auf dem Spielfeld umzugehen hat. Dass die Zuschauer nicht immer von den Fertigkeiten unserer Spieler überzeugt waren, erfuhr ich in einem Gespräch, das zwischen Beobachtern am Spielfeldrand stattfand. Da raunte einer zu seinem Nachbarn in breitestem „Hinnerpälzisch«: „Wämmer im Vorschpiel nät es Walder Fritzje seh kännt, breicht mer gar nimmi zu kumme. Do gug e mol, er is widder am Balle. Hasche däs gesie, wie er däs gemacht hat. Do kenne sich die Aide e Scheib abschneide. Däs gäbt emol enner.« 


Gemeint war, der wird einmal ein sehr guter und berühmter Fußballspieler. Und es war so. Jahre später, es muss wohl um das Jahr 1936 gewesen sein, sagte mein Freund „es Ruelius Fritzchen“ zu mir: Komm, wir gehen in die Stadt und melden uns beim „Betze“ (FCK) an. Der Betzenberg ist ein 285 Meter hoher Berg in Kaiserslautern. Er liegt etwa 50 Meter höher als das Stadtgebiet und dieser Berg gibt dem gleichnamigen Stadtteil seinen Namen. 


In Deutschland ist er jedoch bekannter als Namensgeber für das Fritz-Walter-Stadion, das früher Betzenbergstadion hieß, und umgangssprachlich eben „Betze“ gerufen wird. Ich erinnere mich noch gut, als mein Freund Fritz Walter einmal krank geworden war und mich bat, für ihn als Ersatzspieler gegen den VfL Neustadt anzutreten. Wir gewannen 3:1. Noch heute habe ich seine vorsichtig lobenden Worte im Ohr: „Ludwisch, ich hann nix auszusetze.“ 


Wenn wir nach den gemeinsamen Spielen unter der Dusche standen, führten wir Männergespräche, aber diese Themen gehören wirklich nicht hierher. So begann meine kurze Fußball-Laufbahn beim FCK und meine Lehrzeit beim Walder Fritzje. 


Doch meine kommende Fußballkarriere führte mich dann schnell zum FC Saarbrücken.Die Lebensgeschichte vom „Fritz“ ist weltbekannt. Doch für die Jungen von heute soll sie hier noch einmal kurz erzählt werden. 
Am 31. Oktober wurde Fritz Walter in Kaiserslautern als ältestes von fünf Kindern geboren. Auch sein Bruder Ottmar wurde ein berühmter Fußballer. 1928 tritt Fritz in die Schülermannschaft des 1. FC Kaiserslautern ein und kurz vor Kriegsbeginn wird er zum ersten Mal als Stürmer in der ersten Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern eingesetzt. 
1941 dann bestreitet er sein erstes Spiel in der Nationalmannschaft unter der Leitung von Sepp Herberger und erzielt drei Tore. Unsere gemeinsame Heimatstadt Kaiserslautern wurde bald überall bekannt, weil seine Berufung zur Nationalmannschaft schon sehr früh kam. Mit 20 Jahren bestritt er bereits sein erstes Länderspiel in Rumänien. Legendär wurden die Erfolge der „Walter-Mannschaft“, zum großen Teil aus Kaiserslautern stammender Buben und Fußball-Talente, die eine Krönung ihres fußballerischen Könnens bei der Weltmeisterschaft 1954 in Bern erfahren haben.


Das war eine Sensation: Weltmeister zu werden, und die halbe Mannschaft waren Lauterer Buben vom FCK. Fritz Walter und Ottmar Walter im Angriff, Werner Kohlmeyer in der Verteidigung, Horst Eckel im Mittelfeld, Werner Liebrich als Mittelläufer. Mein Freund Fritz Walter war der Kapitän dieser Erfolgsmannschaft und der eigentliche Regisseur der deutschen Nationalmannschaft beim Endspiel der Weltmeisterschaften im Berner Wankdorfstadion. 


Es war das „Wunder von Bern“ gegen den Favoriten Ungarn. Der Titelgewinn mit einem 3:2-Sieg löste in ganz Deutschland eine Fußball-Euphorie aus, neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. „Wir“ waren Weltmeister. Deutschland war Weltmeister. 
Nach dem Sieg über Ungarn war Fritz 30mal der Mann mit der Binde, unser Kapitän, und er schoss wunderbare 33 Tore in 61 Länderspielen. Fritz Walter wurde zum populärsten Sportler der Bundesrepublik, ein Vorbild für viele junge Fußballer. Dabei blieb er sein Leben lang immer bescheiden. 


Wenn ich heute sein Grab auf dem Kaiserslauterer Waldfriedhof regelmäßig besuche, dann nehme ich mir eine Halbzeitpause, und wir führen wieder mal Fachgespräche über den Fußball. Dann erzähle ich ihm, wie ich mich freue, dass der „Betze“ jetzt „Fritz Walter Stadion“ heißt, und dass mit dieser Namensnennung auch seine Spielkameraden mit geehrt werden. Und dass es mich ärgern würde, wenn aus finanziellen Gründen irgendeine Kommerz-Arena daraus wird, damit die satten Fußball-Legionäre noch höhere Gehälter einstecken können. Das wäre der Absturz, dem jedes Jahr ein Absturz um eine Klasse tiefer folgen könnte. 


Ach, lieber Fritz, am 17. Juni 2012 ist Dein zehnter Todestag, da könnten dann die heute Verantwortlichen auf dem „Betze« Deiner in würdiger Form gedenken und an Deinen Geist erinnern, der früher nicht nur auf dem grünen Rasen wehte und genauso wichtig war wie das fußballerische Können am Leder.

 

 

Von der Außenwelt zur Innenwelt:              Peter Handke


Peter Handke wurde 2019 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er ist einer der umstrittensten und produktivsten Autoren der Gegenwart. Sein Bild in der Öffentlichkeit ist von Extremen geprägt: Hohepriester der Kunst, einsamer Mönch, Serbenfreund. Wie viel Wahrheit steckt hinter diesen Bildern? Auch sein Leben erscheint als Gratwanderung zwischen Extremen: zwischen Einsamkeit und Liebe, Menschenscheu und Ruhmsucht, Sprache und Politik, Traum und Welt. Malte Herwig führte lange Gespräche mit dem Dichter, dessen Verwandten, Weggefährten und Kontrahenten, und er erhielt Einsicht in unveröffentlichte Texte Handkes. So entstand eine aufschlussreiche und kontroverse Biographie. Um ein umfangreiches Kapitel und viele neue Fotos ergänzt und aktualisiert. Mit zahlreichen Abbildungen: unveröffentlichten Fotos, Faksimiles von Tagebuchseiten sowie Zeichnungen und Skizzen von Handke. Die einzige umfassende Biographie des umstrittenen Dichters. (Pantheon)

 

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Was ist eigentlich guter Stil im Buch ?

Was ist das Geheimnis des guten Stils, wie wird aus Sprache Literatur? Dieser Frage geht Michael Maar in seinem Haupt- und Lebenswerk nach, für das er vierzig Jahre lang gelesen hat. Was ist Manier, was ist Jargon, und in welche Fehlerfallen tappen fast alle? Wie müssen die Elementarteilchen zusammenspielen für den perfekten Prosasatz? Maar zeigt, wer Dialoge kann und wer nicht, warum Hölderlin über- und Rahel Varnhagen unterschätzt wird, warum ohne die österreichischen Juden ein Kontinent des Stils wegbräche, warum Kafka ein Alien ist und warum nur Heimito von Doderer an Thomas Mann heranreicht. In fünfzig Porträts, von Goethe bis Gernhardt, von Kleist bis Kronauer, entfaltet er en passant eine Geschichte der deutschen Literatur. (Rowohlt) 

 

Flüchtlinge sind wir alle 

Andreas Kossert, renommierter Experte zum Thema Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert und Autor des Bestsellers „Kalte Heimat“, stellt in seinem neuen Buch die Flüchtlingsbewegung des frühen 21. Jahrhunderts in einen großen geschichtlichen Zusammenhang. Immer nah an den Einzelschicksalen und auf bewegende Weise zeigt Kossert, welche existenziellen Erfahrungen von Entwurzelung und Anfeindung mit dem Verlust der Heimat einhergehen - und warum es für Flüchtlinge und Vertriebene zu allen Zeiten so schwer ist, in der Fremde neue Wurzeln zu schlagen. Ob sie aus Ostpreußen, Syrien oder Indien flohen: Flüchtlinge sind Akteure der Weltgeschichte - Andreas Kossert gibt ihnen mit diesem Buch eine Stimme. (Siedler)

 

Heinrich und Götz George               Zwei Leben 

 

Selten war ein Verhältnis von Vater und Sohn so innig und so komplex – obwohl sich die Lebenszeit beider kaum überschnitt: Heinrich George herrschte seit den 1920ern als Berliner Theaterkönig, spielte unter Bertolt Brecht, in der Filmlegende «Metropolis» und den unvergesslichen Franz Biberkopf in «Berlin Alexanderplatz». Im Dritten Reich führte er seine Karriere zu neuen Höhen, ließ sich für Propaganda einspannen; er starb 1946 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen. Der Sohn Götz war da acht Jahre alt, doch mit dem Vater beschäftigte er sich zeitlebens – dem widersprüchlichen Künstler, dem er auf eigene Weise nachfolgte. Götz George spielte in Karl-May-Streifen, dann in «Schtonk» oder «Rossini», in denen sich die Republik spiegelte, glänzte in Charakterrollen wie in «Der Totmacher». Als «Schimanski» wurde er zum beliebtesten deutschen Fernsehkommissar und zum Prototyp des neuen Manns, der auch verletzlich sein durfte.

Eine außergewöhnliche, bewegende Vater-Sohn-Geschichte – und die große Doppelbiographie zweier prägender Schauspielkünstler des 20. Jahrhunderts. (Rowohlt Berlin) 

 

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Deutscher Buchpreis 2020 für Heldinnenepos

 


Gewiss, sie ist eine Heldin. Anne Beaumanoir hat ihr Leben in der Résistance aufs Spiel gesetzt. Sie hat während der deutschen Besetzung versteckten Juden Unterschlupf gewährt. Ihr Heldenmut ist in Yad Vashem beglaubigt. Später hat sie, die als Französin gegen die ihr Land besetzenden Deutschen gekämpft hat, nicht akzeptieren wollen, dass ihr eigenes Land Algerien besetzt und unterdrückt. Sie hat dem FLN in Frankreich verbotene, geheime Dienste geleistet. Sie ist in Abwesenheit in ihrer Heimat dafür zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dem unabhängig gewordenen, jungen Staat Algerien hat sie – inzwischen Neurobiologin und Ärztin – im noch nicht funktionierenden Gesundheitsministerium unschätzbare Leistungen erbracht. Ihr wurde von Ben Bella persönlich die algerische Staatsangehörigkeit übertragen, die sie neben ihrer französischen bis heute behält, obwohl sie nach Ben Bellas Sturz aus dem Land fliehen musste. Sie war Kommunistin. An der Richtigkeit von allem, was sie tat, hat sie gezweifelt, sich aber immer für die Seite entschieden, die ihr gerechter erschien. Sie lebt heute – sechsundneunzigjährig – in Südfrankreich. Dort ist ihr Anne Weber begegnet.


Die ist 1964 in Offenbach geboren und lebt seit vielen Jahren in Paris. Sie schreibt auf Deutsch und auf Französisch, war in Klagenfurt erfolgreich, übersetzt und hat wichtige Preise gewonnen. Aus der Begegnung mit der greisen Heldin und Widerständlerin qua Natur hat sie ein bemerkenswertes Buch verfasst: „Annette, ein Heldinnen-Epos“. Der Lauf des immer gefährdeten, mutig sich keine Bewährungsprobe entziehenden Lebens, wäre Stoff genug für einen dickleibigen Roman. Anne Weber hat ein besseres Format gewählt: Sie hat ein knappes Epos geschrieben, ein „Heldinnen-Epos“ eben – was sonst. Das Epos, eine in erzählenden Versen verdichtete Biographie, ist genau die richtige Form der Hommage an eine Frau, die sich konsequent für das ihr richtig erscheinende entschieden hat. Die Autorin nimmt sich – bei aller Empathie für ihre Annette Beaumanoir – zurück. Sie mischt sich nur gelegentlich in den Gang der Lebensgeschichte ein. Ganz wie in den antiken Epen. Sie relativiert dann die Entscheidungen ihrer Heldin behutsam als „Allwissende“ und ex post ohnehin Schlauere. Aber sie lässt Annette ihre eigenen Zweifel, die sie ehren. 


Für alles das gebietet Anne Weber über eine Sprache und über Stilmittel, die bezaubern, überzeugen und der Heldin dieses modernen Epos so gerecht werden, wie es Worte überhaupt können. Der ausnehmend schöne Text steht  in angemessenem Flattersatz, der die angedeutete Versstruktur des Ganzen unterstreicht, die immer mitschwingende Poesie einer ernsten und oft mörderischen Erzählung. Natürlich ist das alles spannend, oft hochdramatisch, immer lebensgefährlich. Aber es ist nicht die langweilige Spannung sogenannter Spannungsliteratur, sondern die poetische Fassung eines ganz außergewöhnlichen, heldenhaften und irgendwie auch beispielhaften Lebens.


Harald Loch


Anne Weber: „Annette, ein Heldenepos“
Matthes & Seitz, Berlin 2020    208 Seiten   22 Euro

 

 

Anne Weber - Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber wurde 1964 in Offenbach geboren und lebt seit 1983 in Paris. Sie hat sowohl aus dem Deutschen ins Französische übersetzt (u.a. Sibylle Lewitscharoff, Wilhelm Genazino) als auch umgekehrt (Pierre Michon, Marguerite Duras). Ihre eigenen Büchern schreibt sie sowohl in deutscher als auch in französischer Sprache. Ihre Werke wurden u. a. mit dem Heimito von Doderer-Literaturpreis, dem 3sat-Preis, dem Kranichsteiner Literaturpreis und dem Johann-Heinrich-Voß-Preis ausgezeichnet. Beim S. Fischer Verlag sind u.a. erschienen: Luft und Liebe, Ahnen und Kirio. Bei Matthes & Seitz Berlin sind ihre Übersetzungen der Werke von Georges Perros erschienen: Luftschnappen war sein Beruf und Klebebilder. Für ihr Buch Annette, ein Heldinnenepos wurde Anne Weber mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet.

 

 

Begründung der Jury


"Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen: Es ist atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt und mit welcher Leichtigkeit Weber die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir zu einem Roman über Mut, Widerstandskraft und den Kampf um Freiheit verdichtet. "Annette, ein Heldinnenepos" ist eine Geschichte voller Härten, die Weber aber mit souveräner Dezenz und feiner Ironie erzählt. Dabei geht es um nichts weniger als die deutsch-französische Geschichte als eine der Grundlagen unseres heutigen Europas. Wir sind dankbar, dass Anne Weber Annette für uns entdeckt hat und von ihr erzählt."

 

 

Pressestimmen

 

 

»Ein Leseglück von Anfang bis Ende.«
– Joseph Hanimann, Süddeutsche Zeitung

 

»[K]lug und lehrreich und sicher eines der besten deutschsprachigen Bücher dieses seltsamen Jahres.«– Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel

 

»Was für ein Leben. Was für eine Frau. Und ja - was für ein Buch.«
– SWR2 lesenswert, Buch der Woche

 

»Großartig! Anne Weber hat mal wieder ein literarisches Experiment unternommen und sie hat eine faszinierende Person gefunden, über die es sich wirklich zu schreiben lohnt.« – Anja Brockert, SWR 2

 

»Diese von Ambivalenzen, Zweifeln und Paradoxien geprägte Suchbewegung machen Anne Webers im besten Sinne unorthodoxes Versepos über das Leben einer Freiheitssucherin im permanenten Widerstand zu einem literarischen Ereignis.« – Michael Braun, ZEIT online

 

» ›Annette‹ ist ein weises Epos. Es sieht die Dinge nicht so eng – aber es lässt auch nichts einfach so durchgehen, weder seiner Heldin noch uns. So unwahrscheinlich das auch klingen mag: Vielleicht liegt die Zukunft unserer Gegenwarts­literatur ja im Versepos.« – Moritz Baßler, taz

 

»Das Epos, eine in erzählenden Versen verdichtete Biografie, ist genau die richtige Form der Hommage an eine Frau, die sich konsequent für das ihr richtig erscheinende entschieden hat. (…) Für alles das gebietet Anne Weber über eine Sprache und über Stilmittel, die bezaubern, überzeugen und der Heldin dieses modernen Epos so gerecht werden, wie es Worte überhaupt können.« – Harald Loch, Die Rheinpfalz

 

»Anne Weber ist eine großartige Erzählerin, die immer wieder neue Formen für neue Themen sucht, deren Prosa in ihrem Ausdruck und Bilderreichtum oft nah an der Lyrik ist.«
– Cornelia Geißler, Berliner Zeitung 

 

 

 

Politiker und ihre Hobbys –                             ein Reporter im Selbstversuch 

SPIEGEL-Autor Marc Hujer hat hinter das öffentliche Bild deutscher Spitzenpolitiker geschaut – und Menschen entdeckt, die fernab der Öffentlichkeit mitunter überraschende Hobbys pflegen. Beim Pralinenherstellen mit Anton Hofreiter, auf dem Tanzparkett mit Katrin Göring-Eckardt oder beim Crossfit-Training mit Lars Klingbeil lernt er neue Seiten des vermeintlich bekannten Personals der deutschen Politik kennen – und erlebt es weniger kontrolliert, weniger inszeniert, unmittelbar und ungewohnt. (DVA- SPIEGEL Buchverlag)

 

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Das Innenleben der Zwiebel

Wie lautet die korrekte Speisefolge für ein erlesenes Diner vom Ochsen? Worin liegt der betörende Zauber der Madeleine begründet und wie unterscheidet sich der Appetit vom Hunger? In seinem großen Wörterbuch der Kochkünste beantwortet der Gourmet Alexandre Dumas charmant alle Fragen zur manierlichen Etikette, zum Geheimnis einer vernünftigen Remoulade und zur angemessenen Tischkonversation. Hätten Sie gewusst, dass man für die Zubereitung von fünfzehn pochierten Eiern zwölf ganze Enten am Spieß benötigt? Auch die Frage, warum Metzger und Metzgerinnen stets eine gesunde Farbe auf den Wangen tragen, vermag diese unerschöpfliche Fundgrube zu beantworten: Die gesunden Düfte des frischen Fleisches beleben die Haut. Überraschend ist auch die Erkenntnis, dass die Franzosen und Französinnen sich so guter Gesundheit erfreuen, weil sie große Mengen gesunden Weißbrots verzehren. Einmal aufgeschlagen, möchte man endlos durch diesen heiteren Fundus der feinen Küche und Sitten streifen. Möglicherweise findet man sich nach der Lektüre auch völlig unvermittelt in der eigenen Küche wieder – bei der minutenlangen liebevollen Betrachtung einer einzigen Zwiebel. (Matthes & Seitz)

 

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Eduard Schewardnadse zur Wiedervereinigung


Interview zur Wiedervereinigung mit dem ehemaligen Außenminister der UdSSR Eduard Schewardnadse anlässlich eines Deutschlandbesuches


Wie war die deutsche Einheit überhaupt möglich geworden? Und wie war die Haltung Gorbatschows zu der „deutschen Frage“?

 

Jeder Politiker hat ja die eigene Sicht über die Vorgänge und ich habe natürlich auch meine konkrete Meinung dazu. Ich habe mir dieses Thema nicht selbst ausgewählt, das war ein Geschenk Gottes. Es war so, dass Herr Gorbatschow keine eindeutige Antwort auf diese Frage gegeben hat und Herr Gorbatschow hat immer versucht dieser Frage auszuweichen. Er stimmte nicht zu, er sagte aber auch nicht „Nein.“ Am Ende war jedoch seine Haltung, der Wiedervereinigung zuzustimmen. 

Und wie war die Auffassung der Alliierten, der Amerikaner? Der Engländer, der Franzosen?

 

Zum erstenmal wurde die deutsche Frage in Ottawa in Kanada, bei einer Konferenz angesprochen, da kann ich mich gut daran erinnern, dass James Baker zu mir gekommen ist und fragte, und dieses aktuelle Thema angesprochen hat. Ich habe zunächst gesagt, wir müssen zuerst Hans Dietrich Genscher fragen, was er zu dieser Frage meint. Wenn er dafür ist, dann müssen wir diese Frage auch unterstützen und darüber nachdenken wie wir dieses Thema fortsetzen können. Baker sagte, dass Genscher zustimmt, aber er wisse nicht wie die Haltung der anderen sein wird. Dort wurde dann auch der Mechanismus „Zweiplus vier“ entwickelt Damit waren natürlich die zwei deutschen Staaten gemeint. Und die weiteren vier großen Mächte. Die USA, die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien.

 

Die Engländer hatten ja Vorbehalte 


Baker sagte, dass er die anderen Alliierten auf jeden Fall dazu bringen würde, dass sie zustimmen werden. Die Hauptfrage war jedoch, welche Position die Sowjetunion zur deutschen Frage einnehmen würde. England und Frankreich hatten natürlich Vorbehalte aber gegen die Position der Sowjetunion haben Sie dann keine Gegenschritte unternommen. Ich habe dann von Ottawa aus Herrn Gorbatschow angerufen und dargelegt, dass wir die deutsche Frage unter den Außenministern besprochen haben und Herr Gorbatschow antwortete darauf folgendes: Diese Frage müsse früher oder später entschieden werden. Und wenn Du das für nötig hältst, dann sollten auch bei diesem Thema konkrete Vorschläge gemacht werden. In Moskau habe ich dann den 2plus4-Mechanismus vorgestellt. 

 

Über Sie wird gesagt, dass Ihre Fähigkeiten Freundschaften zu schließen wichtig waren für den Wiedervereinigungsprozess und die Entideologisierung der Außenpolitik?

 

Was meine Eigenschaften angeht, ich hatte tatsächlich gute Beziehungen zu James Baker und George Shultz, mit Hans Dietrich Genscher und mit anderen. Führungskräften der damaligen Politik, allerdings muss man dabei auch hervorheben, dass unsere aktuelle Außenpolitik darauf abzielte, dass wir ein Interesse daran hatten, die Beziehungen zum Westen zu verbessern. Meine Eigenschaften passten hervorragend zu dieser neuen Außenpolitik. Das war eben ein glücklicher Zufall. 

 

 Der hohe Preis dafür, war der Zerfall der Sowjetunion und es gab ja auch den Widerstand der Militärs dagegen. Wie beurteilen Sie die Folgen ihrer Politik in diesen Jahren aus heutiger Sicht?

 

Die Wiedervereinigung Deutschlands hat auch in der Bevölkerung der Sowjetunion keine Begeisterung hervorgerufen. Man muss ja in Betracht ziehen, dass 20 Millionen Menschen ums Leben gekommen sind. Und damit fast jede Familie davon betroffen war.  

Aber mit dem Zweiplusvier-Mechanismus änderte sich langsam in der Bevölkerung die Haltung zu dieser Frage. und durch die Umsetzung der Reformen hat sich auch diese Auffassung in der Bevölkerung durchgesetzt. Eine sehr große Rolle spielte dabei meine Freundschaft mit Hans Dietrich Genscher. Ich hatte zwar auch zu den anderen Außenministern gute Beziehungen gepflegt aber unsere Freundschaft und unsere Arbeitsweisen waren etwas ganz Besonderes. 
Ich muss über eine Episode berichten, als wir unsere Beziehungen angefangen haben, da hat Helmut Kohl einmal Michail Gorbatschow mit Goebbels verglichen, das war natürlich ein sehr ungünstiger Vergleich, da fühlte sich die sowjetische Bevölkerung beschämt und beleidigt zugleich. Das hat natürlich auch Reaktionen in der Sowjetunion ausgelöst. Für Gorbatschow selbst war das eine große Tragödie aber für die Bevölkerung war diese Episode so wichtig, dass man da nicht einfach so darüber hinwegsehen konnte. Hans Dietrich Genscher und ich haben dann überlegt, wie wir das wieder geradebiegen können, wir haben dann ein weiteres Treffen in Brest arrangiert. Dort ist nämlich mein älterer Bruder Akaki im Krieg gefallen, an diesen Ort haben wir uns dann gemeinsam hinbegeben, als wir dann dort waren haben wir uns beide in die Augen geschaut und gesagt, dass wir das nie wieder haben wollen, dass sich solche Opferzahlen in der Geschichte wiederholen. Eine weitere Episode war dann, dass wir nach Halle in die Geburtsstadt Genschers gefahren sind, in seine Schule, wo er als Schüler war, das waren einzelne Schritte die als Verbesserung der Beziehungen gedacht waren. 
 Man muss natürlich auch berücksichtigen, dass in der Mitte Deutschlands fast eine halbe Million Soldaten standen. 
Ich will noch ein Beispiel über Berija anbringen, als ich noch Innenminister war, ist es in Deutschland zu Unruhen gekommen- ich meine die DDR – Berija ist da hingeflogen, um diesen Aufstand, diese Unruhe unblutig zu beenden. Aber auch später muss man sagen, dass die Haltung der Armee negativ war. Aber sie mussten ja dem folgen was die höchste Regierungsebene vorgeschrieben hat. Gorbatschow war dafür und hat das unterstützt, und deshalb hat sich die Armee in diese Frage nicht eingemischt. Das war auch meine Einstellung, die mit Gorbatschow bei mehreren Konsultationen abgestimmt habe. Die Berliner Mauer haben dann die Deutschen selbst abgebaut. Das Verdienst der sowjetischen Soldaten in dieser Frage ist, dass sie nicht Gegenmaßnahmen ergriffen haben, als die Deutschen die Mauer zu Fall gebracht haben. Als die Frage entschieden war, kann ich mich erinnern, dass Kanzler Helmut Kohl zu allen Soldaten hingegangen ist zu den einzelnen Einheiten und sich persönlich von ihnen verabschiedet hat. 

Außenpolitik hängt ja von Innenpolitik ab und umgekehrt, außenpolitisch hat es bedeutet, dass Georgien unabhängig geworden ist, aber auch um den Preis der Unsicherheit von Grenzen. Ich nenne nur Abchasien, Südossetien, das heißt was außenpolitisch gelöst worden ist, hat dann innenpolitisch Probleme geschaffen.

 

Wie beurteilen Sie das heutzutage?

 

 Wenn Sie sich dafür interessieren, warum die Sowjetunion auseinandergefallen ist, und was einer der Hauptgründe dafür war dann möchte ich Ihnen sagen, dass das an den zwei Personen lag: Boris Jelzin und Michail Gorbatschow und die Beziehungen zwischen den beiden. Sie hatten ein schlechtes Verhältnis zueinander und das war schicksalhaft für die Sowjetunion. Ich war ja zwar Außenminister aber kein Russe, sondern Georgier, aus meiner Sicht und Beobachtung dachte ich auch vorher schon, dass die Sowjetunion einmal auseinanderfällt. Ich habe es allerdings auf einen Zeitraum von fünfzehn Jahren eingeschätzt. Die unerträglichen Beziehungen zwischen zwei Personen haben diesen Prozess, könnte man sagen, deutlich beschleunigt und das war nach meiner Meinung schicksalhaft für den Zerfall der Sowjetunion. 

Noch einmal zurück zum Kaukasus, sind da nicht die Probleme der Angrenzung noch existent zwischen Georgien und den anderen Teilrepubliken und auch Tschetschenien ist ein immer noch gärender Konfliktbereich für Putin und Russland selber.


Wie sieht Eduard Schewardnadse die geografische Aufteilung dieses Sowjetunion-Erbes. 

 

Was die Kaukasus-Region angeht, da muss ich Ihnen sagen, die ist ja in drei große Republiken aufgeteilt in Aserbeidschan, Armenien, Georgien, und man muss sagen, dass diese Völker unter sich keine großen Probleme haben. Man muss Russlands Rolle da anders beurteilen. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass Russland eine ganz große Rolle dabei gespielt hat und auch die Region Abchasien annektiert hat. Und auch Südossetien. Und in Georgien haben wir das Problem Berg-Karabach zwischen Armenien und Aserbeidschan, das noch ungelöst ist, ich denke, dass da Russland eine wichtige Rolle spielt bei der Lösung der Probleme. Die Annexion Abchasiens braucht Russland um größeren Zugang zum Schwarzen Meer zu erreichen. 

 

Wie unabhängig ist denn Georgien zurzeit von Russland zu betrachten?

 

Georgien ist praktisch unabhängig, allerdings gibt es und die letzten Ereignisse und Georgien haben das deutlich gezeigt Probleme, welche Politik Russland gegenüber Georgien führt Es ist ja bekannt, dass einige hundert Georgier in der letzten Zeit aus Russland ausgewiesen wurden. 

 

Abgedruckt in:


Norbert Schreiber (Hg) Russland Der kaukasische Teufelskreis oder Die lupenreine Demokratie Wieser Klagenfurt

 

 

80. Todestag Walter Benjamin

Howard Eiland/Michael W. Jannings: Walter Benjamin – eine Biographie

 

An der letzten Grenze scheiterte er, obwohl seine Biographen ihm eine „selbstbewusste, ja manchmal rücksichtslose Neigung“ bescheinigen „Grenzen zu überschreiten.“ Howard Eiland und Michael W. Jannings fahren in ihrer großen Biographie über Walter Benjamin fort, „diese Dialektik von Selbsterkundung und Erforschung der äußeren Welt bleibt für den erwachsenen Mann und sein Werk bestimmend.“ In den Pyrenäen, schon ein paar Meter im rettenden Spanien, mit Blick auf Portbou und das Mittelmeer hieß es für einen der bedeutendsten europäischen Intellektuellen, dessen gelegentliche Spielsucht seine Biographen nicht verschweigen: „Rien ne va plus“! 

 

Vor 80 Jahren, am 26. September – die Datierung schwankt zwischen Zeugenaussagen und Kirchenbuch um einen Tag - nahm sich dort der 1892 in Berlin geborene Benjamin das Leben. Vom Exil und der Flucht vor den Nazis erschöpft, hielt er seine Übersiedlung in die USA für gescheitert, obwohl er kurz zuvor an seinem letzten Zufluchtsort Marseille endlich ein amerikanisches Einreisevisum und Durchreisevisa für Spanien und Portugal erhalten hatte. Dieser dramatische Schlusspunkt seines Lebens ist allgemein bekannt. Inzwischen gehören auch seine zu Lebzeiten nur gelegentlich publizierten und beachteten Werke zum international rezipierten Kanon der geistes- und sozialwissenschaftlichen Literatur des 20. Jahrhunderts. Insgesamt aber blieben sein Leben und Werk bisher von einseitigen Zuschreibungen und Missdeutungen verzerrt. Die neue Biographie räumt mit diesen Fehlern auf, ohne neue zu begehen.

 

Eiland unterrichtet Literatur am MIT und Jannings in Princeton, zwei Eliteuniversitäten an der amerikanischen Ostküste. Eiland hat maßgebliche Werke Walter Benjamins ins Englische übersetzt. Beide gelten als die weltweit kompetentesten Benjamin Experten. Ihre materialreiche Biographie geht mit der profunden Kenntnis des Werkes dieses aus einer assimilierten jüdischen Familie stammenden Intellektuellen keineswegs geizig um. Selbst abgelegene Aufsätze, Entwürfe oder auch zahlreiche Briefe sowie einzelne Anekdoten aus Benjamins sozialem Umfeld fließen in die geglückte Verbindung von Lebenserzählung und Würdigung wichtiger Werke ein. Es entsteht dabei nicht etwa ein auf ein weiteres Schlagwort reduziertes Bild dieses vielseitigen Geistesmenschen. Seine Biographen setzen keinen neuen Begriff vor die Klammer von Leben und Werk. Vornehm laden sie den Leser ein, sich anhand ihrer Biographie und der durch sie erschlossenen Werke ein eigenes Bild von Benjamin und seiner geistigen Welt zu schaffen. Aber sie verzichten keineswegs auf Beweise ihrer Urteilskraft oder auf ein deutliches Wort zu persönlichen Eigenschafften oder Fehlern. Die ganze Biographie enthält so viele kritische Elemente, wie sie auch Verständnis für Benjamin aufbringt.

 

Den Autoren gelingt es z.B. aus einem kurzen Zitat aus der Zeit von Benjamins früher Hinwendung zur Jugendbewegung etwas für sein späteres Leben zu gewinnen: „Benjamins Formulierung eine Freundschaft der fremden Freunde evoziert die Dialektik von Einsamkeit und Gemeinschaft. … Für den Rest seines Lebens hat sein Verhalten in allen zwischenmenschlichen Beziehungen diese Formulierung bestätigt.“ Das gilt auch für seine nach Jahren quälender Auseinandersetzung gescheiterte Ehe mit Dora, aus der der Sohn Stefan hervorgegangen ist. Beide haben die Nazizeit im Londoner Exil überlebt. Seine Freunde wählte Benjamin überwiegend aus seiner eigenen Klasse der gehobenen jüdischen Bildungsbürgerlichkeit. Die Biographie widmet sich der lebenslangen Freundschaft zum jüdischen Religionshistoriker Gerschom Scholem – lange Zeit von Angesicht zu Angesicht, später, nach der Auswanderung seines Freundes nach Palästina, in ausgedehntem Briefwechsel. Benjamins Religiosität hatte allerdings wenig mit einem Synagogenjudentum zu tun. Er verband viel christliches Glaubensgut und jüdische Mystik zu seinem eigenen „Glaubensbekenntnis“. Ähnlich war es mit seiner Beziehung zum Marxismus, speziell zum Kommunismus, die er nach einem Besuch in Moskau geschärft hatte. Man muss sich Benjamins Kommunismus nur als einen vorstellen, der Menschen wie ihm einen würdigen Platz einräumten. Alles das kommt in der geistreich geschriebenen, von Irmgard Müller hervorragend übersetzten Biographie in zeitgeschichtlichem Zusammenhang immer wieder zur Sprache. Gewicht bekommen die Jahre des Exils in Paris. Die Autoren gehen in interessante Details, wenn sie dem mit Hannah Arendt und ihrem Mann Heinrich Blücher gemeinsamen Erlernen der englischen Sprache zur Vorbereitung der Auswanderung in die USA oder dem Treffen mit Bertolt Brecht und Helene Weigel mehr als nur eine Fußnote widmen.


Die Autoren stellen alle wichtigen Werke Benjamins in ihrem Entstehungszusammenhang – oft als jahrelanges work in progress - und ihrer seinerzeit oft schleppenden Rezeption dar: Seine in Bern eingereichte Dissertation zur Kunstkritik in der deutschen Romantik enthält bereits Grundsätzliches für spätere Werke. Seine Baudelaire-Studien gewinnen die Bedeutung, die der Franzose für Benjamin zeitlebens hatte. Die intellektuellen Großessays über Goethes „Wahlverwandtschaften“, über das deutsche Trauerspiel, seine „Einbahnstraße“ erscheinen in dieser Biographie teilweise in neuem Licht. Schwerpunkte der Darstellung bilden der bahnbrechende Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, seine Erinnerungen an seine „Kindheit in Berlin um 1900“ und die über ein Jahrzehnt währende Arbeit am unvollendet gebliebenen, aus Miniaturen zusammengewachsenen „Passagenwerk“.

 

Die Auseinandersetzungen und die Zusammenarbeit mit dem vor den Nazis nach New York umgezogenen Institut für Sozialforschung von Horkheimer/Adorno behandeln die Autoren ohne die aufgeladene Besserwisserei manch früherer Interpreten.
Diese hervorragende Biographie war notwendig und wird als Standardwerk das Bild Walter Benjamins für unsere Zeit bestimmen. Sie lädt – wie ihre Autoren anregen – zu vertiefendem Lesen vor allem der Originale ein. 80 Jahre nach seinem Tod ist Walter Benjmin hochaktuell geblieben.

 

 

 

Howard Eiland/Michael W. Jannings: Walter Benjamin – eine Biographie 
Übersetzt von Irmgard Müller Suhrkamp, Berlin 2020   1021 Seiten   zahlr. zeitgenössische Fotos 

 

Howard Eiland unterrichtet Literatur am Massachusetts Institute of Technology.

 

Michael W. Jennings ist Professor für Philologie an der Princeton University.

Henry Kissinger WÄCHTER DES IMPERIUMS

 

Henry Kissinger, ein Scheinriese, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Auf diesen Nenner lässt sich sein politisches Denken und Handeln bringen. Zugleich verstand er es, sich zur Marke in Übergröße zu machen, egal, ob als Sicherheitsberater zweier amerikanischer Präsidenten, als Außenminister, Elder Statesman, Bestsellerautor, Politikberater oder Orakel. Sich immer im Gespräch zu halten, war und ist Kissingers größter Erfolg. Gestützt auf eine Vielzahl unbekannter Quellen, rekonstruiert Bernd Greiner das Leben eines Mannes, der für die Macht lebte und in die Geschichte eingehen wollte – mit allen Mitteln und um fast jeden Preis.


C.H.Beck

Geert Mak: Große Erwartungen                          Auf den Spuren des Europäischen Traums    1999 – 2019

Mit seinem hochgelobten Werk »In Europa« hat GEERT MAK die Geschichte unseres Kontinents im katastrophenreichen 20. Jahrhundert virtuos erzählt und damit einen Klassiker der Geschichtsschreibung vorgelegt, der zum internationalen Bestseller wurde. 

Daran knüpft er nun an mit seinem neuen Buch »Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums (1999-2019)«. Es erscheint heute, am 31. August, im Siedler Verlag. 

Angesicht eines desorientierten und gespaltenen Europas fragt sich Mak: »Was ist beim turbulenten Start ins 21. Jahrhundert mit der europäischen Welt geschehen?«

 

15 Jahre nach »In Europa«: Auf seiner neuen Reise durch den Kontinent spürt Mak dem alten europäischen Traum – Frieden, Demokratie, Wohlstand – nach, der immer mehr zum Albtraum wird. Von den Küsten Lampedusas bis zu Putins Moskau, vom störrischen Katalonien bis zu den muslimischen Vororten Kopenhagens: Unser Kontinent ist zum Zerreißen gespannt. Was ist, dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, aus dem alten europäischen Traum – Frieden, Freiheit und Wohlstand – geworden, der immer mehr zum Albtraum wird? Geert Mak, der geniale Erzähler unter den Historikern unserer Zeit, schrieb 2005 mit seinem Buch »In Europa« einen Klassiker – ein Reisebericht, zugleich die Bestandsaufnahme Europas am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts, samt all der Euphorie zu Beginn des neuen Millenniums. 
Wo stehen wir heute, zwanzig Jahre später? Was ist aus den großen Erwartungen geworden? Wie keinem Zweiten gelingt es Mak, das fragile Wesen Europas zu ergründen, es in zahllosen Geschichten sichtbar und sinnlich wahrnehmbar zu machen. Und den Menschen dieses Kontinents eine Stimme zu verleihen. (Siedler)

 

Rezension

Die Computer sind am ersten Tag des 21. Jahrhunderts nicht abgestürzt. Viele hatten das befürchtet. Aber die ersten zwanzig Jahre dieses 3. Jahrtausends haben andere, unerwartete Abstürze erlebt. Von den Twin Towers in New York bis zu der Weltwirtschaftskrise mit milliardenschweren Bankenrettungen, dem Zusammenbruch europäischer Volkswirtschaften oder dem Abschuss einer aus Malaysia nach Amsterdam fliegenden Boeing 777 von ost-ukrainischem Boden aus.

Nachzulesen ist das in dem vorzüglichen Buch „Große Erwartungen“ des niederländischen Publizisten Geert Mak. Für früheres Werk hatte er 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. Auch in diesem neuen Buch verständigt er sich über die letzten 20 Jahre in Europa durch intensive Reisen, die ihn von Kirkenes hinter dem Nordkap an der norwegisch-russischen Grenze bis an viele angesagte und abgelegene Orte Europas führten. Er trifft überall Menschen, manche kennt er schon seit vielen Jahren, aus deren Perspektive das Buch erzählt wird. Das ist abwechslungsreich, dramaturgisch gekonnt und glänzend geschrieben.

Ein Kabinettstück dieser Art, Zeitgeschichte zu schreiben, gelingt ihm in dem „Stevens“ überschriebenen Kapitel. Der war in leitender Stellung bei der belgisch-niederländischen Fortis Bank tätig und kommt gleich zur Sache: „Moral? So böse sich das auch anhört, es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Banken etwas wie Moral kennen.“ Stevens entwickelt auch in dem nächsten Kapitel „Brothers“ ein großartiges Binnenpanorama der Bankenwelt im Jahr der großen Krise 2008. „Es war ein Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Union“, sagt dieser Manager und Geert Mak führt die Geschichte dieser Krise souverän und verständlich zu dem Ende, an dem die Steuerzahler in den europäischen Länder unverstellbare Summen zu Rettung ihrer „systemrelevanten“ Banken zu zahlen hatten, deren Fehl-Manager aber statt vor den Kadi an den Bankschalter traten, um ihre Bonusgewinne abzuheben.

 

Selten hat man diese einschneidende Katastrophe so genau analysiert gelesen, der weitere folgen sollten. Die Euro-Krise, Griechenland, Brexit, die massenhafte Immigration in das immer noch für viele attraktive Europa, das sich weigerte, den Staaten, die am meisten darunter zu leiden hatten, die Flüchtlinge nach den von allen beschlossenen Regeln der Gemeinschaft abzunehmen.

 

 

ZITAT

 

"Man hatte einmal geglaubt, die westliche Freiheit und Demokratie würden langsam den Osten und den Rest der Welt erobern. Inzwischen scheint die Entwicklung eher in die andere Richtung zu gehen. Europa ist desorientiert, gespalten und geschwächt. Russland ergreift jede Gelegenheit, neue Zwietracht zu säen, China nutzt die entstehenden Lücken, um die Europa sich nicht kümmert, ob in Mitteleuropa oder auf dem Balkan und in Griechenland. Weiter im Westen gibt es nun einen amerikanischen Präsidenten, der im Großen und Ganzen die gleiche Destabilisierungspolitik betreibt wie die Russen und der innerhalb kurzer Zeit die Regeln und Institutionen der Nachkriegsweltordnung aushebelt. Der New-York-Times-Kolumnist Roger Cohen drückte es so aus: Die alte transatlantische Welt des späten 20. Jahrhunderts sei »gone, man, solid gone«."

 

 

Politikverdruss, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, Populismus – alles Folgen eines die Menschen nicht mehr demokratisch beteiligenden Krisenmanagements der Regierungen, der fehlenden Legitimität des erst allmählich mit mehr Rechten ausgestatteten Europäischen Parlaments. Geert Mak sieht das alles als Zeitzeuge, beschreibt, was er sieht und erfährt. Aber was es für den „Europäischen Traum“ bedeutet, welche Folgen das alles – auch die positiven Entwicklungen, die er beschreibt – in der Zukunft haben wird, das legt er in die Beurteilung einer von gedachten jungen Historikerin, die in 50 Jahren diese beiden Jahrzehnte nicht als Zeitgeschichte betrachtet: „Meine junge Historikerin hat dank des zeitlichen Abstands einen guten Überblick. Ich nicht. Ich beneide sie“, schreibt Mak. Mit dieser leider nicht in allen zeitgeschichtlichen Darstellungen anzutreffenden Bescheidenheit, stellt der Autor einerseits sein Licht etwas unter den Scheffel und gewinnt andererseits Freiheit für seine Urteilskraft. Die setzt er gnadenlos ein, wenn er den Finger auf verschuldete und verschwiegene Fehlentwicklungen legt. Seine Kritik an den unsolidarischen europäischen Pfennigfuchsern vor allem aus seiner niederländischen Heimat fällt bissig aus.

 

ZITAT

 


"Brüssel ist eine Blase oder, besser gesagt, eine endlose Folge von Blasen nah beieinander. Es ist eine gequälte Stadt, und in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten ist alles nur noch schlimmer geworden." 

 

Ebenso lässt er an den Auswahlmethoden der jährlich neu zu bestimmenden „Kulturhauptstadt“ Europas kein gutes Haar wie auch an der Lobbyarbeit der Automobilindustrie, die jahrelang den Dieselschwindel unter der Decke halten konnte, als längst alle wussten, dass da geschummelt und betrogen wurde. In einem für die deutsche Ausgabe hinzugefügten Epilog 2020 behandelt er sachkundig und unaufgeregt die Covid-19 Pandemie. „Einer meiner Lehrmeister, der amerikanisch-ungarische Historiker John Lukacs, meinte bereits vor einem Vierteljahrhundert, das 20 Jahrhundert könne unter Umständen die Endphase von fünf Jahrhunderten bürgerlicher Kultur, europäischer Aufklärung und Demokratie sein.

 

 

Zitat

 

"Zur journalistischen Brüsseler Blase gehört von jeher ein hohes Maß an Loyalität. Eine kritische Haltung, eigentlich die Grundlage jeder journalistischen Tätigkeit, galt in Brüssel jahrelang als eher unangebracht. Die EU sollte unbedingt erklärt und verteidigt werden. Diese Art von Obrigkeitstreue ist vor allem nach dem Chaos der Euro-und der Flüchtlingskrise verschwunden. Doch immer noch bewegen sich die meisten Journalisten vor allem im Kreis von Landsleuten und interessieren sich oft ausschließlich für die Briefings."

 

 

Zum ersten Mal befürchte ich, dass mein alter Freund recht bekommen könnte.“ Er schließt mit einem schönen Wort an die junge Historikerin: „Liebe Freundin, ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.“
 

Harald Loch

 

Geert Mak: Große Erwartungen. Auf den Spuren des Europäischen Traums (1999 – 2019)

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

Siedler, München 2020   640 Seiten   38 Euro

Interview mit Geert Mak

Was war Ihre größte Hoffnung, die Sie mit Europa verbunden haben?

 

Meine Motivation, mich mit Europa zu beschäftigen, basiert weniger auf Erwartungen. Ich sehe den europäischen Einigungsprozess in erster Linie als eine dringende Notwendigkeit, die einzige Möglichkeit für Europäer, die großen Probleme des 21. Jahrhunderts - Klima, internationale Machtverschiebungen - in gewissem Maße zu bewältigen.

 

Was ist dagegen Ihre größte Enttäuschung?

 

Man kann nicht direkt von Enttäuschungen sprechen. Ich sehe, wie die EU in all den Krisen der letzten Jahre gewachsen ist und sich weiterentwickelt hat. Gleichzeitig bleibt es ein extrem gespaltenes Unternehmen, und das nationale Denken dominiert weiterhin, selbst wenn es um offensichtliche gemeinsame Probleme wie die Einwanderung geht.

 

 

Woher kommen die Widersprüche, einerseits lieben die Menschen Europa, genießen die freien Grenzen, andererseits gehen sie auf die Strasse und brüllen Hassparolen dagegen?

 

Dass die Menschen auf der einen Seite der EU in vielerlei Hinsicht davon profitieren und auf der anderen Seite dagegen protestieren, hat alles damit zu tun, dass einige nationale Politiker die Szene nur für sich behalten wollen. Was gelingt, wurde - von einem sehr menschlichen Merkmal - übernommen, was gescheitert ist, liegt an Brüssel. Diese permanente Anti-Propaganda hat uns zum Teil den Brexit beschert.

 

Europa ohne Großbritannien verliert an Macht und Einfluss, von Putin und Trump nicht ernst genommen, sehen Sie eine Chance der europäischen Revitalisierung?

 

In all der Unsicherheit dieser Zeit fühlen sich viele Menschen auch unsicher, ignoriert, gedemütigt und nicht gesehen. Die Wut, die dies hervorruft, sollte nicht unterschätzt werden, der ethnische Nationalismus wird sehr attraktiv und die internationale EU ist ein leichter Sündenbock.

 

Europa ist ein Wirtschaftskonstrukt und durch viele Krisen gegangen, welche Zukunft blüht dem europäischen Kontinent?

 

Die EU muss sich daran gewöhnen, neben China und Amerika eine wichtige politische Kraft zu sein und sich entsprechend neu zu organisieren. Die Frage ist jedoch, ob dies in allen Geschäftsbereichen gelingen wird. Eine flexiblere EU hat als Organisation größere Überlebenschancen. Europa besteht einfach aus vielen verschiedenen Kulturen, das ist genau das Merkmal Europas. Eine übermäßig erzwungene Einheit kann auf lange Sicht nicht aufrechterhalten werden.

 

 

Geert Mak, geboren 1946, ist einer der bekanntesten niederländischen Publizisten und gehört zu den wichtigsten Sachbuchautoren des Landes. Zuletzt erschienen von ihm bei Pantheon »In Europa« (2007), »Die Brücke von Istanbul« (2007), »Was, wenn Europa scheitert« (2012) und »Wie Gott verschwand aus Jorwerd« (2014). Für sein Werk erhielt Geert Mak 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 

TAGEBUCH DER LEIDEN

Iljoma Mangold führt ein politisches Tagebuch und notiert darin die Ereignisse unserer Gegenwart. Er beschreibt, was er auf der Weihnachtsfeier der „Zeit“ und am Rande der Berlinale erlebt, dass sein Sportlehrer sich nie angeschnallt hat und warum Greta ihn triggert. Im Januar erklärt Helena, eine russlanddeutsche Bekannte, ihm ihren Feminismus, im Februar denkt er über das Wahlergebnis in Hamburg nach, im März stellt er fest, dass der „Decamerone“ bei Dussmann ausverkauft ist. Wegen Corona. Verwundert blickt er auf die, denen einerseits „Tugendterror“ oder „Multikulti-Romantik“, andererseits „Agism“ oder „Faschismus“ leicht von den Lippen gehen. Deutlich wird bei seinen Begegnungen, dass die Basis, auf der wir jeden Tag Urteile fällen und Entscheidungen treffen, schmal und schwankend ist. Und doch ist sie alles, was wir haben.

 

Die alte Eindeutigkeit ist aus der Politik verschwunden. Sie wurde ersetzt durch Reflexe und Schnappatmung, durch Wut und Widersprüchlichkeit. Doch gerade dieses Unreflektierte, die Affekte, der Stammtisch, der permanent nur für uns selbst in uns zu hören ist, ist das, so Mangold, was das Politische im Tiefsten ausmacht. Wie wir zu Meinungen kommen, wie wir es uns gemütlich einrichten mit ihnen und wie wir sie im besten Fall auch mal wieder loswerden – darum geht es in diesem Buch der Selbstbeobachtung. Es ist ein Text der Zeitdiagnostik entstanden, der eine Darstellung des politischen Gegenwartstheaters durch einen aufmerksamen Insider ist und gleichzeitig eine politische Anthropologie. (Rowohlt) 

 

Also schon am Anfang macht der Intellektuelle IIjoma Mangold klar, auf welcher Augenhöhe und Ohrenhöhe er mit uns sprechen will, keine geringere als Hannah Arendt muss es sein, die das Buchmotto vorgibt: „Und dies Mit-sich-selbst-Sprechen ist ja im Grunde das Denken.“ 

 

Der Autor führt also ein Selbstgespräch, legt es in Tagebuchnotizen nieder – auf Empfehlung des Verlegers Alexander Fest - und lässt uns als Leser an seinen Gedankensprüngen, Ideen, Eingebungen, Vorurteilen, Reflexen des Alltags teilhaben. Mit seinen Monologen tritt er in einen Dialog mit dem Leser. 

 

Mangold liebt die „Gegenposition“, die er zuweilen als Rollenmodell einnimmt, um nur mal eben dagegen zu sein. Das ist reizvoll auch bei Partygesprächen. 

Was will Mangold uns mitteilen mit diesem Buch? Dass das Urteilen aus vielen einzelnen Puzzleteilchen besteht: Reflexen, Emotionen, Affekten, weltanschaulichen Überzeugungen und politischen Urteilen. 

 

Das will Mangold eben genauer begreifen: „Wie ticke ich als politischer Bürger?“ Da ist nicht immer Vernunft, da ist eben auch Gefühl, zum Beispiel Wut. 

Ob Greta oder Boris, also Thunberg oder Johnson, Flüchtlingsthematik oder ZEIT-Redakteurskonferenz, Mangold gibt den Bundesliga-Fußballer, er ist für sein Tagebuch jeden Tag fokussiert und sieht wie durch ein Brennglas die bundesdeutsche Wirklichkeit, wie sie ist, wie man sie fühlt und was man über sie denkt. 

Da kommen dann solche Wahrheiten ans Tageslicht wie die folgenden: „Doch der Abschied von politischen Irrtümern ist eine zweischneidige Sache - der Irrende hängt ja an seinen Irrtümern, er hält sie für seinen Charakter.“ Oder: „Ich glaube, das Gegenteil ist wahr. Genau das.“ 

 

Mangold interessiert das Unreine, Unreflektierte, Instinkthafte, diese Affekte und Ressentiments, diese schlechten Angewohnheiten, eben der innere Stammtisch, das Vegetative des Politischen, das Reiz-Reaktionsschema, Reaktionsweisen, die im aktuellen Journalismus ja auch zu den „gefühlten“ Fragen führen. Und wie geht’s dem ehemals mündigen Wahlbürger dabei: „Die Haupteigenschaften des zoon politikon sind Vergesslichkeit, Wehleidigkeit, Stimmungshaftigkeit, ADHS und schneller Überdruss“. 

 

Die Themenpalette ist Cinemascope: „Hate Speech“, Reformstau, Alltagsrassismus, Impeachment, Flüchtlingsströme, Gutmenschen und Bösmenschen, Rechtsterror, Landflucht, Handke-Flüche, Hirnforscher, Talkshowgequatsche, Literaturwissenschaft, Radfahrererlebnisse, Brexit-Wahnsinn, Partyspeech, Intercityerlebnisse und Flugscham, social distancing „and“ Netflix.

 

Ein Buch wie ein politischer Jahresrückblick ohne Bilder, aber dennoch sehr farbig und zugleich auch grau in grau, so wie der deutsche Alltag eben auch zuweilen ist. Kant und seine verdammte Vernunftbegabung ist out. Das „Gefühlige“ ist in. 

In die Tiefen des Psychologischen dringt Mangold allerdings nicht vor, will er auch gar nicht, er bleibt bei seinen Beobachtungen und zieht seine Schlüsse daraus. Eine Art Phänomenologie des Gegensätzlichen und Widersprüchlichen.

 

Zusammengefasst in dieser fernöstlichen Grundweisheit: 

 

„Im Zen-Buddhismus gibt es ein koan, das lautet: 

Der Mensch geht über die Brücke.

Unter der Brücke fließt der Fluss.

Der Mensch geht nicht über die Brücke.

Unter der Brücke fließt kein Fluss.

Näher wird man der Wahrheit nicht kommen.“

 

Fast ist man versucht, an diese Stelle ein Schrödersches Polit-Basta zu setzen. Also bitte, BASTA! Und wer nicht weiß, was das heißt, hier die Erklärung: Genug! (italienisch: basta!), das ist ein Ausruf, der eine Diskussion beenden soll (Wikipedia). Also, auch hier Ende der Diskussion…  

 

Ijoma Mangold, geboren 1971 in Heidelberg, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und Bologna. Nach Stationen bei der „Berliner Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“ wechselte er 2009 zur Wochenzeitung „Die Zeit“, deren Literaturchef er von 2013 bis 2018 war. Inzwischen ist er Kulturpolitischer Korrespondent der Zeitung. Zusammen mit Amelie Fried moderierte er die ZDF-Sendung „Die Vorleser“. Außerdem gehört er zum Kritiker-Quartett der Sendung „lesenswert“ des SWR-Fernsehens. 2017 erschien „Das deutsche Krokodil“. Mangold lebt in Berlin.

 

Ein "Radaubruder" des deutschen Rock'nroll

 

Achim Reichel, seit fast 60 Jahren auf der Bühne zuhause, blickt zurück auf sein Leben. 2019 feierte er zu seiner größten Verwunderung seinen 75. Geburtstag – und es ist viel passiert, was sich zu erzählen lohnt: In den Sechzigern feiert er als Frontmann der Rattles Erfolge, wird in den Siebzigern Vorreiter des Krautrocks, veröffentlicht ein Album mit Shantys und Seefahrersongs, vertont Balladen von Goethe und Fontane, arbeitet mit Jörg Fauser und veröffentlicht seine großen Hits „Aloha Heja He“ und „Kuddel Daddel Du“. Und jetzt? Auf einem Containerschiff reiste Reichel nach Namibia und nutzte diese Auszeit, um sein Leben aufzuschreiben – von den Anfängen auf St. Pauli über die wilden Jahre on the road bis heute. Bunt, nachdenklich und faszinierend. (Rowohlt)

 

Auf dem Schulhof in meinen Sechziger Jahren entbrannte regelmäßig der etwas andere Sängerstreit: Die Frage war: Bist Du Beatles-Fan oder Rolling-Stones-Anhänger, und die deutsche Variante hieß RATTLES-Guru oder LORDS-Jünger?

Gut, die deutschen Bands brachten mehr „schrummschrumm“ auf die Bühne, aber in den Rock‘nroller-Zeiten kam es zuweilen mehr auf Lautstärke als auf Musikalität an. 

 

Rattleschef Achim Reichel war ureigentlich ein Jugendträumer und als „Schiffsteward“ zur See unterwegs. Er begab sich jetzt wieder an Deck eines Frachtschiffes, um seine Memoiren zu schreiben mit Whiskey, Bier und Stangen Zigaretten dabei, auf dem Frachter spottbillig, und „die Kombination aus allem brachte meine Schreiberei so richtig in Fahrt.“ Die Route führte entlang von Marokko, Westsahara, Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea- Bissau, Guinea, Sierra Leone und Liberia.

 

Reichel besaß in seiner Jugendzeit einen kleinen Plattenspieler und nudelte Little Ricard, Jerry Lee Lewis oder Chuck Berry. Seinen Plattenspieler tauschte er dann aber gegen eine „Fender Strato-caster“-Gitarre ein und wurde ein „Rattle“, und das bedeutete eben „rasseln, lärmen, Radau machen“. Sie taten es mit ihren Instrumenten und nicht wie einst die BEATLES den Oberen Zehntausend und der Königlichen Familie in den oberen Rängen bei einem Konzert zuriefen mit ihren Juwelen zu „rasseln“, eben zu „ratteln“. Im Originalsound: “For our last number I’d like to ask your help. Would the people in the cheaper seats clap your hands? And the rest of you, if you’ll just rattle your jewelry.”

 

Die Rattles gingen in schwarzen Lederwesten, weinroten Feincordhemden und Blue-Jeans im Hamburger Starclub auf die Bühne und gewannen als „Lärmende“ den Rock-Wettbewerb. Von da an ging’s bergauf. Reichel war mit den Größen des Rockbusiness „on the road“. 

 

Die Rolling Stones wurden schon mit Limousinen durch die Lande gefahren, „was für uns bedeutete, dass im Tourbus mehr Platz war“. Reichel und seine „Rattles“ spielten mit Mick Jagger, Deep Purple, Nice, Bee Gees. Die Band übernahm auch den Starclub als Betreiber, ging aber pleite. „Es war der erste herbe Rückschlag in unserer Erfolgsgeschichte.“ Reichel war als Sänger unterwegs, betrieb einen Musikverlag, baute in seiner Schwimmhalle ein Ton-Studio auf und unterhielt ein eigenes Plattenlabel. Bis 1966 gelangen 30 Single-Veröffentlichungen, mit Titeln wie Come on and sing oder Stoppin’ in Las Vegas.   

 

Dann kam der Wechsel von Englisch zu Deutsch, zu „Volxliedern“ und „Shanties“. In einer Schmusestunde mit seiner Gitarre kam Reichel eine Melodie in den Sinn, die ihm großen Platten-Erfolg brachte. Reichel wurde Experte in Sachen Shanty-Forschung. Er stöberte „… in der Staatsbibliothek nach Fachliteratur, in Antiquariaten nach Liederbüchern und auf Flohmärkten nach Schallplatten von Shantychören“. Übrigens es gibt 800 Shantychöre in Deutschland, man glaubt es nicht, die meisten davon in Bayern.

Es wurde Reichels Erfolgs-Shanty: Aloha Heja He. 

 

Hab die ganze Welt gesehen
Von Singapur bis Aberdeen
Wenn du mich fragst wo's am schönsten war
Sag ich Sansibar
Es war 'ne harte Überfahrt
Zehn Wochen nur das Deck geschrubbt
Hab die Welt verflucht
In den Wind gespuckt
Und salziges Wasser geschluckt

Als wir den Anker warfen
War es himmlische Ruh
Und die Sonne stand senkrecht am Himmel
Als ich über die Reeling sah
Da glaubte ich zu träumen
Da waren tausend Boote
Und sie hielten auf uns zu
In den Booten waren Männer und Frauen
Ihre Leiber glänzten in der Sonne
Und sie sangen ein Lied
Das kam mir seltsam bekannt vor
Aber so hatt' ich's noch nie gehört
Ooh, so hatt' ich's noch nie gehört

Aloha heja he
Aloha heja he
Aloha heja he
Aloha heja he
Aloha heja he
Aloha heja he

Ihre Boote machten längsseits fest
Und mit dem Wind…

 

„Wenn ich heute in meinem Musikzimmer stehe, umgeben von Vinyl- und CD-Regalen, dann bin ich in meiner Welt.“ Es ist die Welt von gestern, 60 Jahre „miterlebte Musikgeschichte“.  Die Beatles als Begleitband von Tony Sheridan erlebt, bei Jimi Hendrix und seinem Festival auf der Insel Fehmarn im Zelt gelegen, mit Mick Jagger auf der Bühne gerockt, als die Rolling Stones noch Rahmenband von Little Richard waren. 

 

Wir sind mit Rattler Reichel als Leser auf der Reeperbahn unterwegs: „Komm’ Se rein, komm’ Se ran, bei uns ist alles nackt …“, im „Salambo“ Pornoshows geboten, in einer Zeit als Schauspieler Jan Fedder um 22 Uhr zu Hause sein musste, und Achim Reichel Jimi Hendrix im Bühnen-Bereich als schüchternes Bürschlein erlebte. Eben der Backstage-Blick. 

 

Aber es sind nicht nur die alten Erinnerungen, die Reichel uns auftischt, er bietet auch Kulturkritik, in dem er die öffentlich-rechtlichen Anstalten kritisiert, die den im Grundgesetz verankerten Kulturauftrag mit bedauerndem Achselzucken dem Quotendruck opfern und anspruchsvollere Musik ins entlegene Nachtprogramm einsperren. „Damit riskiert man, dass sich das gute alte Radio nur noch wehrlos ergeben kann, weil es verlernt hat zu überraschen, und es zulässt, dass sich der interessantere Teil unserer Gegenwartskultur nur noch im Netz abspielt.“

Eine farbige, erlebnisreiche, musikalische, melodiöse Biographie, die nicht nur Anekdotisches liefert.

 

Achim Reichel Ich hab das Paradies gesehen Mein Leben Rowohlt

Achim Reichel, geboren 1944 und aufgewachsen auf St. Pauli, steht seit fast 60 Jahren auf der Bühne und gehört zu den einflussreichsten deutschen Musikern. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Achim Reichel, geboren 1944 und aufgewachsen auf St. Pauli, steht seit fast 60 Jahren auf der Bühne und gehört zu den einflussreichsten deutschen Musikern. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.

 

Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei


Darf man Heuchler ermorden? Vier Anschläge in Athen mit sechs Toten werfen die Frage konkre auf. Aber wer erteilt die Antwort? Die Verbrechen sind das Ermittlungsprogramm für Kostas Charitos, den Leiter der Mordkommission. Ungewöhnliche Täter, völlig aus dem Rahmen fallende Bekennerschreiben, irgendwie nachvollziehbare Motive. Der Erfinder dieses neuen Krimis um den Kommissar legt den Finger auf die Wunde der griechischen Realität, lässt so etwas wie kritische Sympathie mit den noch unbekannten Tätern zu, übt Gesellschaftskritik aus einem klammheimlichen Einverständnis mit den Opfern dieser Realität. Das ist gewagt. Petros Markaris nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die griechische Gesellschaft, ihre Ungerechtigkeit und ihre soziale Grausamkeit zu geißeln. Aber er lässt auch seinen Ermittler nicht daran zweifeln, dass Mörder gefasst und dingfest gemacht werden müssen. Das Leben zählt am meisten. Für Kostas Charitos besonders, da er mitten in der Anschlagserie Großvater wird und sich in seiner Familie alles um den neuen Menschen dreht.


Ein superreicher Hotelier wird mit einer Autobombe umgebracht. Er gilt als erfolgreicher Geschäftsmann, der wohltätig ist und sogar eine Hotelfachschule unterhält, in der er mittellose junge Leute kostenlos ausbildet. Es kommt ans Licht, dass der Sitz seines Unternehmens auf den Caymaninseln liegt – steuerfrei. Sein erfahrenes Hotelpersonal wirft er raus und besetzt die Stellen neu – und billiger – mit den jungen Absolventen seiner Hotelfachschule. Auf dieselbe Weise stirbt der Leiter der Arbeitsmarktstatistik, der Geringverdienende nicht mehr zu den Arbeitslosen rechnet. Ein hoher Beamter aus dem Finanzministerium muss zusammen mit zwei von der EU entsandten Kontrolleuren dran glauben. Sie haben den Anstieg der griechischen Konjunktur bescheinigt, der aber nur den Reichsten zugutekommt. Bei einem vierten Anschlag gibt es eine Panne und statt des gemeinten Opfers muss ein Parkplatzwächter dran glauben. Weil sie keine Unschuldigen ermorden wollen, erklären die immer noch unbekannten Täter in einem Bekennerschreiben, dass sie damit aufhören. Aber wer sind sie?


Kostas Charitos und sein kleines, verschworenes Team tasten sich mühsam durch unbekanntes Dickicht. Kriminaltechnik hilft wenig. Ein persönlicher Freund des Kommissars, Leiter eines Obdachlosenheims und bekennender Linker, steuert ein paar Ideen und Kontakte bei, die die Ermittlungen auf den Kreis der von den Heuchlern Geschädigten richtet. Aber auch da wird man zunächst nicht fündig. Wegen der beiden ermordeten EU-Kontrolleure entsendet Europol einen deutschen Kommissar zu Unterstützung, der sich beeindruckt von der Arbeit der Athener Ermittler zeigt. Auch er entpuppt sich als Heuchler, der nur an seine Karriere denkt. In dem ganzen Stress kommt Kostas viel zu selten dazu, seinen gerade geborenen Enkel zu sehen. Dessen Eltern haben ihm den Namen „Lambros“ gegeben, wie auch der Leiter des Obdachlosenheims heißt. Der war zu Zeiten der Junta als Kommunist ins Gefängnis gesteckt worden und der damals noch ganz junge Kostas Charitos war sein Aufseher, ein Anständiger. Seitdem sind sie eng befreundet und der Namensvetter des Enkels gehört gleichsam zu Kostas Familie. Das ist der Geist, den Petros Markaris in seinem Roman wehen lässt, das ist die Dialektik zwischen dem Ekel vor der Heuchelei und dem Mordverbot.


Harald Loch

 

Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul, ist Verfasser von Theaterstücken und Schöpfer einer Fernsehserie, er war Co-Autor von Theo Angelopoulos und hat deutsche Dramatiker wie Brecht und Goethe ins Griechische übertragen. Mit dem Schreiben von Kriminalromanen begann er erst Mitte der neunziger Jahre und wurde damit international erfolgreich. Er hat zahlreiche europäische Preise gewonnen, darunter den Pepe-Carvalho-Preis sowie die Goethe-Medaille. Petros Markaris lebt in Athen.
 
Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei    Ein Fall für Kostas Charitos
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger
Diogenes, Zürich 2020   390 Seiten   24 Euro

 

Interview mit Petros Markaris

 

Allgemein wird behauptet zu viel Politik in einem Krimi tötet die Spannung. Sie beweisen das Gegenteil? 


Es geht weder um zu viel noch um zu wenig Politik. Was ich sehe ist eine Aufführung inszeniert vom Finanzsystem mit den Politikern als Schauspieler auf der Bühne. Fast jeden Tag fragen wir uns ob die eine oder die andere Nachricht stimmt, oder ob sie eine falsche Nachricht, also „fake news“ ist. Diese falschen Nachrichten sind aber ein Produkt der falschen Realität, der „fake reality“ in der wir teilweise leben. Alle vier oder fünf Jahre wählen wir die Politiker, also die Schauspieler auf der Bühne, aber der Regisseur, das Finanzsystem, stellt sich nicht zur Wahl. Das ist die absolute Heuchelei.


Ist denn die so genannte Finanzkrise in Griechenland bewältigt oder gibt sie noch genug Stoff für einen Plot her?


Der Roman „Zeiten der Heuchelei“ wurde 2019 abgeschlossen und ist zum Teil ein Kommentar auf die Bewältigung der Finanzkrise von 2010. Wer kümmert sich aber heute um die Finanzkrise von 2010? Die „Corona“-Krise, die wir jetzt erleben, ist viel schlimmer. Sie ist nicht auf Griechenland beschränkt, sondern umfasst die ganze Welt. Sie kann auch nicht mit Memoranden und einer Troika bewältigt werden, wie die griechische Finanzkrise. Diese Krise wird die sozialen Unterschiede weltweit prägen, mit verheerenden Folgen.


Auch EU-Kontrolleure müssen in Ihrem Roman sterben, das könnte als Europafeindlichkeit ausgelegt werden.


Nein. Das Motiv ist nicht die Europafeindlichkeit, sondern die blinde Wut der Verzweiflung. Ich darf aber nicht näher auf diese Frage eingehen, weil ich sonst die Täter enthüllen würde.


Sie schicken ihren Kommissar Charitos zum 12. Mal ins Ermittlungsrennen, ist er noch nicht mordsmüde?


Warum sollte er müde sein? Er hat sogar die lang ersehnte Beförderung bekommen und ist zufrieden.


Sie haben Brecht ins Griechische übersetzt, welches Werk oder welches Zitat gefällt ihnen am besten?


Ich lese oft aus dem Werk Bertolt Brechts, besonders seine Lyrik. Aber ich werde zwei Zitate erwähnen, die auch zu den Zeiten der Heuchelei sehr gut passen. Das erste stammt vom Räuber Macheath aus der Dreigroschenoper: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Das zweite ist von Pierpont Mauler, dem Fleischkönig, im Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe: „Mein Geld will ich und mein Gewissen rein.“


Kann man von deutschen Krimiautoren etwas lernen, oder ist deutsche „Mentalität“ in Ermittlungen eher hinderlich?


Der Lernprozess zwischen Autoren ist eine sehr persönliche Beziehung. In der Regel weiß man nicht, wer von wem lernt und warum. Andererseits stimmt es auch, dass manche deutsche Krimiautoren dem Leser in ihren Romanen alles erklären wollen und ihm keinen freien Raum lassen, um weiter zu denken. Andererseits schätze ich manche deutsche und deutschsprachige Krimiautoren sehr, wie Friedrich Glauser, Jakob Arjouni und Ingrid Noll, um drei  Beispiele zu nennen.


Ist die Corona-Pandemie ein Krimithema oder ist das Thema Tabu, weil in der Realität am Virus unzählige Menschen ihr Leben lassen müssen?

 

Viren und Krankheiten eignen sich kaum als Krimithemen. Zwar könnte man die Folgen der Pandemie auf die Gesellschaft thematisieren, aber dafür ist es noch zu früh. Wir brauchen mehr Zeit und vor allem mehr Distanz. 

Mit Bat´a im Duschungel Schuhe produzieren

Die faszinierende Geschichte des tschechischen Schuhfabrikanten Jan Antonín Baťa, der – vor den Nationalsozialisten geflüchtet, von den Kommunisten verunglimpft – in Brasilien seine unternehmerischen Ideale weiterzuleben versucht, indem er dort mitten im Urwald neue Städte gründet und Fabriken erbaut. Markéta Pilátová begibt sich auf die Spuren Baťas und seiner Familie und lässt sie vom Kampf gegen die widerspenstige tropische Natur erzählen, vom Pioniergeist, mit dem etwas Neues geschaffen wird, aber auch von der Sehnsucht nach dem alten Europa und der Suche nach der historischen Gerechtigkeit. Ein vielstimmiges, schillerndes Romanmosaik – und zugleich ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts. (Wieser)

 

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Der Wert der Geschichte                              Zehn Lektionen für die Gegenwart

Aus der Geschichte lernen: Warum wir heute unsere liberalen Werte verteidigen müssen! Einer der führenden Historiker in Deutschland und sein Aufruf gegen die Geschichtsvergessenheit: Wir müssen immer wieder neu für die Werte der Freiheit kämpfen!Magnus Brechtken öffnet uns die Augen: In seiner fulminant erzählten Tour durch die Geschichte zeigt er an zehn Beispielen, wie hart die Werte von Freiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe erkämpft wurden, wie sehr sie das Leben der Menschen verbessert haben - und warum diese Errungenschaften heute auf dem Spiel stehen, durch Nationalisten und Populisten von rechts wie links.Wieviel Freiheit und welche Rechte hatte ein Bürger vor 150 Jahren? Wie selbstbestimmt war das Leben einer jungen Frau um 1900? Welche Autoritäten prägten die Existenz der Menschen damals? Wie demokratisch war die Gesellschaft? Und wo stehen wir bei all dem heute? (SIEDLER)

 

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Russland und die Rechtsstaatlichkeit

Der Fall Nawalny motiviert mal wieder einen Blick auf die russische Rechtsstaatlichkeit zu werfen. Der Fall von Wladimir Perewersin ist dafür gut geeignet. Alles scheint bestens zu laufen für Wladimir Perewersin: Mit gerade einmal 36 Jahren bekommt er einen hohen Posten bei einer russischen Bank. Doch dann gerät er in die Mühlen des Prozesses gegen Michail Chodorkowski, für dessen Ölkonzern Jukos er eine Weile gearbeitet hat. Chodorkowski hat sich bei Präsident Putin unbeliebt gemacht, und Perewersin soll ihn mit Falschaussagen belasten. Er weigert sich. Schließlich wird er selbst zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Ein Albtraum nimmt seinen Lauf - sieben Jahre verbringt Perewersin in Lagern und Gefängnissen, darunter die seit Sowjetzeiten berüchtigte »Matrosenruhe« in Moskau. Sein Buch gibt einen Einblick in die kaum fassbaren Zustände im russischen Justizwesen, das von korrupten und politisch willfährigen Gerichten geprägt ist, in dessen Gefängnissen Häftlinge schikaniert und gefoltert werden. (C.H. Links)

 

Rezension


Wladimir Perewersin Matrosenruhe. Meine Jahre in Putins Gefängnissen Ch. Links Verlag

 

Der Weltgeist Hegel: der 250. Geburtstag

Der Weltphilosoph

 

In Zeiten, in denen sich die gesellschaftlichen Gräben weiter vertiefen und ein striktes Entweder-oder das Denken beherrscht, ist Hegels Philosophie des Sowohl-als-auch so aktuell wie nie zuvor. „Alle Dinge“, schreibt Georg Wilhelm Friedrich Hegel, „sind an sich selbst widersprechend“. Bis heute gilt dieser Satz unter Philosophen als Zumutung, wenn nicht als Skandal. Doch nicht die Verherrlichung des logischen Widerspruchs ist Hegels Ziel, sondern vielmehr dessen Überwindung in einem dynamischen Prozess. Wer sich mit Hegel auf ein solches Denken einlässt, gerät in einen Rausch, den Sog der Vernunft, auch Dialektik genannt. Die Wahrheit einer Sache zeigt sich erst im Zusammenhang mit ihrem Gegenteil. Oder wie der Schwabe Hegel sagen würde: „So isch no au wieder.“ („So ist es nun auch wieder.“)

(Propyläen) 

 

mehr  Biographien

Autoreninterview: Sebastian Ostritsch

Was ist der wichtigste Satz Hegels?

 

Zumindest einer der wichtigsten ist: "Das Absolute ist der Geist" (Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften).


 

Warum hatte Hegel eine so unglaubliche Resonanz?

 

Weil er ein enzyklopädischer Denker war und weil er hinter allem Unvernünftigen, Zufälligen und Schlechten nach dem Wirken der Vernunft gesucht – und es in den Augen seiner Anhänger auch gefunden hat. In Hegels Philosophie liegt daher etwas sehr Versöhnliches.


 

Gibt es heute keine philosophischen Gesamtansichten mehr?

 

Hermann Schmitz (*1928), der Begründer der Neuen Phänomenologie, hat ein mehrbändiges "System der Philosophie" verfasst. Aber alles in allem sind die Systemdenker nach Hegel rar geworden. Hegel ist bezüglich des Systemanspruchs kaum zu überbieten.


 

Was ist der größte Irrtum über Hegel?

 

Dass Dialektik der starre Dreischritt aus These, Antithese und Synthese ist.


 

Was bleibt von Hegel?

 

Die Einsicht in die sogenannte spekulative Kraft der Vernunft: Die Vernunft verbindet, was der Verstand nur als getrennt denken kann.

 

Wie wir wurden, was wir sind

 

Heinrich August Winkler ist als Autor der Meisterwerke «Der lange Weg nach Westen» und «Geschichte des Westens» international bekannt geworden. Seine Bücher gelten als Inbegriff von historischer Sachkenntnis, klarem politischen Urteil und einer hervorragend lesbaren Sprache. Nach den großen Standardwerken, die mit einer Gesamtauflage von über 250.000 Exemplaren Bestsellerdimensionen erreicht haben, legt einer der prominentesten Historiker Deutschlands nun ein Buch von radikaler Kürze vor: Wer keine Zeit für die deutsche Vergangenheit zu haben glaubt, der kann sich nun in knappster Form einen Meisterkurs genehmigen.


Es gibt bequemere Nationalgeschichten als die deutsche. Aber nicht nur die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts wirken bis in die aktuellen Debatten nach und prägen deutsche Politik und deutsches Selbstverständnis. Auch ältere historische Ereignisse wie die Reichsgeschichte, die Reformation oder der Konflikt zwischen Einheit und Freiheit im 19. Jahrhundert haben Deutschland tief geprägt. Es bedarf eines großen Historikers, um die Tiefenschärfe all dieser Entwicklungen konzise zu beschreiben und zugleich in greifbare politische Lektionen für die Gegenwart zu übersetzen. Heinrich August Winkler hat mit «Wie wir wurden, was wir sind» die Deutsche Geschichte für aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger geschrieben. (CH Beck)

 

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Doppelte Spur - Putin, Trump und Co...

Der investigative Journalist Ilija wird innerhalb weniger Minuten von zwei Whistleblowern des amerikanischen und des russischen Geheimdienstes kontaktiert. Ein großer Coup? Eine Falle? Er lässt sich auf das Spiel ein, zusammen mit Boris, einem amerikanischen Kollegen, folgt er der doppelten Spur nach Hongkong, Wien, New York und Moskau.
Die geleakten Dokumente eröffnen einen Abgrund von Korruption und Betrug, von üblen Verstrickungen krimineller Oligarchen und Mafiosi. Auch die Staatspräsidenten Russlands und Amerikas sind involviert. Was darf man glauben? (SFischer)
 
Da liegt jetzt auf dem Tisch des Schriftstellers ein Wust an Fakten, die er  recherchiert hat, um seinen Plot zu entwickeln. Er will dem Leser eine Geschichte von Politik und Macht erzählen, von bösen Herrschern und Whistleblowern, von russischen und amerikanischen Präsidenten, von Mafia- und Wirtschaftsbossen, von Sex, Missbrauch und Crime. Angesiedelt das alles im Agentenmilieu, irgendwie hinter den Kulissen. Und nun muss sich der Autor entscheiden: Schreibe ich ein Sachbuch oder etwas Fiktionales? 

 

Sachbücher müssen stimmen, die Wahrheit erzählen, Romane dürfen phantasieren. Gegen Sachbücher können Rechtsanwaltspraxen und Gerichte vorgehen, wenn Inhalte nicht stimmen, bei Romanen wird’s da schon schwieriger, und deshalb geht Ilija Trojanow in seinem Buch DOPPELTE SPUR romanhaft vor. 

 

Er erfindet Figuren, Whistleblower in Russland und den USA, die aus den Nähkästchen plaudern, will heißen über ihre Präsidenten hochbrisantes Material liefern und eine weibliche Ausplauderin, die den Missbrauchsskandal um eine Art „Lolitaexpress“ offenlegt, bei dem Teenager gezwungen werden, Männern und Frauen aus der Elite willig zur Verfügung zu stehen, den Betuchten bei Parties einen  Blick unter den Rock gewähren. Dorthin, wo keine Höschen getragen werden.
Trojanow macht aus einer Recherche über Politik einen literarischen Roman, baut seine fiktive Story auf Fakten auf. Das schützt ihn selbst und sein „Wahrheitsbuch“ vor Rechtsverfolgung. 

 

Politik, Wirtschaft und kriminelle Machenschaften haben ein Stelldichein. Trojanow nennt Trump „Schiefer Turm“ und Putin „Mikhail Iwanowitsch“ und Epstein wird „Wasserstein“. Und er selbst als Autor taucht im Buch auch als Figur mit Klarnamen Ilija Trojanow auf. Realität trifft Fiction. Fiction ist Realität.

 

Wir lesen viel über böse Machenschaften, welche schlimmen Figuren im Trump-Tower wohnen: Russische „Biznesmen“, Immobilienhaie, internationale Fußball-Funktionäre, Diktatoren, Glücksspielritter, Killer und Kunsthändler. 

 

„Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich.“ Damit sichert sich Trojanow ab. 

 

Der modernde Agent dient der Mafia und den Geheimdiensten. Der Leser schüttelt ob der Faktenlage ständig den Kopf, klopft sich auf die Schenkel und sagt: Darf das wahr sein…in der „Kakistokratie“, der Herrschaftsform der Schlechten. 

 

Sehr vergnüglich der Kenntnisgewinn am Rande in Sätzen wie diesen: „Die W-Lan-Verbindung auf Flügen funktioniert so wie mein alter Staubsauger: sporadisch.“ Oder „Gerichtsurteile sind Rezepte, die nach dem Kochen verfasst werden.“ „Bei Geldwäsche sind die Täter meist sichtbarer als die Tat.“ Oder „Die Mächtigen kommen in der Literatur zu selten vor“. 
In einem Parforceritt geht es an die Handlungsorte Hongkong, Wien, Prag, New York, Moskau, Orlando, Novgorod, Antalya, Miami. 

 

Der Roman fordert bei der dichten Faktenlage und Anzahl der handelnden Personen eine hohe Leseraufmerksamkeit – da und dort ist der Text geheimnisumwittert mit Balken geschwärzt, auch in den Leaks-Dokumenten selbst. So schreibt Trojanow: „Die schwarzen Balken wirken auf mich wie eine Augenbinde.“ 

 

Es ist ein Buch des Lese-Vergnügens und des politischen Missvergnügens: In welche politischen Hände sind wir denn da international hineingeraten? Sind wir nicht alle zum Spielball der Geheimdienste und Oligarchien in West und Ost geworden. 

 

Und wir haben uns ja auch noch nicht entschlossen genau genug zu entscheiden, ob Whistleblower für die Guten zu halten sind oder für die Schlechten? Trojanow widmet dieses Buch den „guten Whistleblowern“. 
Wie schrieb einst Dostojewski: „Nichts auf dieser Welt ist schwerer, als die Wahrheit zu sagen.“
 
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia. Unterbrochen von einem vierjährigen Deutschlandaufenthalt lebte Ilija Trojanow bis 1984 in Nairobi. Danach folgte ein Aufenthalt in Paris. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie in München. Dort gründete er den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Mumbai, 2003 nach Kapstadt, heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine bekannten Romane wie z.B. ›Die Welt ist groß und Rettung lauert überall‹, ›Der Weltensammler‹ und ›Eistau‹ sowie seine Reisereportagen wie ›An den inneren Ufern Indiens‹ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein großer Roman ›Macht und Widerstand‹, sein Sachbuch-Bestseller ›Meine Olympiade: Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen‹ sowie der literarisch-politische Essay ›Nach der Flucht‹.
 
 
 
Ilija Trojanow Doppelte Spur SFischer

Interview mit Ilija Trojanow

Romane entstehen aus der Vorstellungskraft des Autors oder werden von der Wirklichkeit inspiriert, was schockiert Sie als Autor mehr? Ihre eigene Vorstellung von Trump und Putin und ihre Machenschaften oder die tägliche Wirklichkeit, wie sie Ihnen derzeit entgegenkommt?

 

Meine eigene Vorstellung von Trump und Putin ist eine realistische, das ist die unvermeidliche Folge von jahrelanger, seriöser Recherche. 

 

Wenn Sie ein reines Sachbuch geschrieben hätten, wären vermutlich schon Rechtsanwaltsschreiben oder Gerichtsurteile unterwegs, der Roman-„Mantel“ erlaubt Ihnen ein freieres Vorgehen?

 

Es ist kein Roman-Mantel, sondern ein durchkomponiertes Werk mit vielen literarischen Motiven, Anspielungen (etwa an die russische Literatur), dramatische Entwicklungen (eine Hauptfigur bekommt so wie seine Großmutter das zweite Gesicht) und sprachliche Finessen. Die drei Hauptfiguren haben einen biografischen Hintergrund, der die Themen des Romans spiegelt und das Motiv der russischen Gangsterlieder (Platine pesnie) ist in die Handlung integriert, insgesamt sieben Lieder, als Reflexion über die Frage, wieso bestimmte Formen der Kriminalität von mythischer Popularität sind. Die Meta-Ebene ist eine Reflexion über die Frage, wie man einen politischen Roman in Zeiten der Intransparenz bei gleichzeitiger Informationsfülle schreiben kann. Es ist mir schleierhaft, wie man all dies als Sachbuch hätte anlegen können.

Wogegen sollten sich die Rechtsanwaltsschreiben denn richten? Das, was sich in meinem Roman als faktisch ausgibt, ist gänzlich belegbar.

 

Moral und Werte sind in der Politik abhandengekommen: Oligarchien, Geheimdienste, Elite-Zirkel, Medienkartelle haben uns im Griff, haben wir noch eine Chance der Rückkehr zu einer ehrlichen, transparenten, bürgerorientierten, demokratischen Politik? 

 

Natürlich, durch massenhaften Widerstand und einer Re-Demokratisierung nicht nur der Politik, sondern, und das ist entscheidend, der Wirtschaft. Und zwar von unten, genauso wie wir eine Globalisierung von unten benötigen. 

 

Meinungen über Whistleblower sind zwiegespalten, für die einen sind sie Helden, für die anderen gehören sie lebenslang oder „länger“ hinter Gitter, müssten sie nicht eigentlich als demokratische Vorbilder auf den Sockel gehoben und zu Denkmälern erklärt werden?

 

Weder noch. Einerseits snd sie unabdingbar (einige der wichtigsten Enthüllungen der letzten Jahre stammen von Whistleblowern), andererseits muss die Öffentlich die jeweiligen Absichten hinterfragen (siehe Zusammenarbeit von Wikileaks mit russischen Sicherheitsdiensten).

 

Gutmenschen haben so gar keinen Platz in der „Kakistokratie“ in der Herrschaftsform des Schlechten und in ihrem Roman eigentlich auch nicht?

 

Was haben Sie gegen Emi, eine couragierte Dokumentarfilmerin, die sich jahrelang mit Mädchenmissbrauch beschäftigt, obwohl dies quälend und zermürbend ist? Was haben Sie gegen den Vater von Boris, der als Einwanderer die amerikanischen Ideale hochhält und als einziger gegen einen Mafiaboss aussagt und dafür nun im Rollstuhl sitzt? Und was haben Sie gegen die zwei Hauptfiguren, die sich aus reinem Idealismus monatelang einschließen, um die Leaks möglichst professionell auszuwerten? Lauter ehrenwerte Menschen, wie ich finde!

 

Sie müssen ihren Figuren andere Namen geben, um unangreifbar zu werden, Sie selbst tauchen aber als Ilija Trojanow auf – warum? 

 

Das trifft nicht zu. Außer Trump („Doppelter Turm“), Putin („Mikhail Iwanowitsch“) und Epstein („Wasserstein“) tragen alle anderen, seien es Oligarchen, US-Beamte oder Mafiabosse, alle ihren Eigennamen (und bei diesen ist völlig klar, wer gemeint ist, die Umbenennung hat mir einfach geholfen, über sie zu schreiben. Ich habe schon Zuschriften von Lesern erhalten, die genauso das Gegenteil fragen: Wie ich denn so mutig sein könne, die Namen nicht zu verändern, um unangreifbar zu werden. 

 

Giftanschläge in Russland auf Oppositionelle, rassistische Auswüchse in den Vereinigten Staaten und undemokratische Umtriebe eines Präsidenten, Wahlmanipulationen in Belarus, der Rechtspopulismus nimmt in Deutschland wieder zu, also genug Realitätsstoff für weitere Romane? Oder stürzen Sie sich demnächst auf das Corona-Thema?

 

Ich schreibe gerade an einem utopischen Roman, der mit all diesen Themen nichts zu tun hat.

Das Franziskus Komplott 

Die Amazonas-Synode ist vorbei, der Synodale Weg läuft holprig und immer deutlicher wird: Das Ringen um die Zukunft der Kirche ist dramatischer denn je. Mittendrin: Papst Franziskus. Bestsellerautor Marco Politi beschreibt seine Situation, enthüllt dunkle Machenschaften im Vatikan und entlarvt erbitterte Feinde wie den »italienischen Gegenpapst«. Er blickt auf die deutsche Kirche, stellt den internationalen Kontext her und erklärt überraschende Hintergründe und wichtige Zusammenhänge. Fesselnd wie ein Thriller schildert der Vatikan-Insider, was viele längst nicht mehr verstehen: Wie es so weit in der Kirche kommen konnte und was Franziskus nun tun will. Politi zeigt einen Papst, der angeschlagen ist, aber noch nicht aufgegeben hat. Und der weiß, dass sich sehr bald sehr viel entscheidet. (HERDER)

 

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Warum lesen? Mindestens 24 Gründe zu lesen

Sind wir, was wir gelesen haben? Schärft Lesen die Wahrnehmung? Den Gemeinsinn? Was geschieht im Gehirn, wenn wir lesen? Gibt es ein illegitimes Lesen? Ein ekstatisches? Liest man alt anders als jung? Wie las man im Sozialismus? Was liest man im Krieg? Was bedeutet Lesen in unserer heutigen Abstiegsgesellschaft? Macht Nicht-Lesen am Ende glücklicher? 

 

Dies ist ein Lesebuch und ein Buch über das Lesen, eine Anthologie, die das welt- und selbsterschließende Abenteuer des Lesens beschreibt, seziert und feiert. Ausgehend von ihren literarischen oder wissenschaftlichen Arbeiten nehmen sich 24 Autorinnen und Autoren die Freiheit, das Thema auf ihre Weise zu behandeln: in Gestalt einer Theorie, einer Erzählung, einer Kindheitserinnerung oder als Streifzug durch die eigene Bücher- und Lesegeschichte. (Suhrkamp)

 

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Politik nach Corona

In nur einer Woche wurde Österreich so umgekrempelt, dass die 55 guten Nachrichten in der Coronakrise feststanden, an denen sich eine zukünftige Politik orientieren kann, wenn sie die Zeichen der Zeit erkennen will.


Da der drohende Klimakollaps und die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich nicht die Zukunft ist, die ich mir für unsere Kinder wünsche, notierte ich die 55 guten Nachrichten im Lauf der ersten Corona-Woche in Österreich. Denn wir Menschen vergessen so schnell. (Wieser Verlag)

 

Ist der Mensch lernfähig? Kaum zu glauben, sonst hätte er die Szenario- Studie zu einer Virenpandemie 2012 ernst genommen und Vorsorge getroffen. Ist der Mensch lernfähig? Kaum zu glauben, wenn man die Saufhorden am Ballermann, in den deutschen Innenstädten und an den Seestränden zur Kenntnis nimmt. Aber gehen wir doch einmal ganz entgegen unserem Gefühl davon aus, der Mensch sei wirklich lernfähig, dann müsste er das nur 50 Seiten „dicke“ Buch von MARIA STERN POLITIK NACH CORONA. 55 GUTE NACHRICHTEN, erschienen im Klagenfurter Wieser Verlag, in die Hand und dann auch ernst nehmen. 


Maria Stern schreibt: „Es war bald klar, dass Corona kein Stein auf dem anderen lassen würde.“ Ihre 55 positiven Kurz-Nachrichten sind erstaunlich analytisch, kenntnisreich, wegweisend für Politik und in jedem Fall lesens- und beherzigenswert. Alle können wir hier nicht behandeln, wir greifen die für uns wichtigsten heraus.
Nachricht 1: „Wir sitzen im gleichen Boot“, egal ob Kindergartenkind oder Staatschefin, Corona macht gleich: Alle müssen Hände waschen, um sich zu schützen. 


In knappen weiter nummerierten Kapiteln, jeweils eine einzige Seite umfassend, geht es so weiter: Corona zeigt unsere Handlungsfähigkeit, unser Vermögen zur Koordination und Kooperation, wir haben die Chance zum System-Reset. Menschen werden vom Saulus zum Paulus, Gutmenschen haben ein Comeback, wir denken wieder über Vorsorge in „fetten Jahren“ nach, und können auf präventive Politik setzen, die kommende Generationen im Auge hat. 


Nach der Kerosin-Diät wird die Luft wieder besser, Delphine nähern sich Triest, weil die Wasser verpestenden Industrieschiffe im Hafen blieben. Wissenschaft ist wieder wichtiger als die Auseinandersetzung mit Fake- News. Der freie Markt regelt eben nicht alles, die Globalisierung hat ihre Grenzen. Auch Waffenproduzenten müssen neuerdings wegen Absatzschwierigkeiten ihre Sinn-Konzepte überdenken. Armut wird sichtbarer. Das Gesundheitssystem muss gesunden. Und so geht es weiter und weiter. 


Nennen wir noch zwei der Analysekapitel: „Buch ist Kult“. Zuviel Streamen belastet das Netz, also zum papiergebundenen Buch greifen, es stürzt nicht ab. Gedankenblitze, Einsichten, Aussichten, kurz zusammengefasst und manchmal optimistisch zugespitzt: 55 gute Nachrichten für die Politik nach Corona. Bitte zur Kenntnis an alle Politiker und Minister müssten grün gegenzeichnen, heißt Zustimmung und ist dann so verabschiedet.


Am Schluss noch die „gute Nachricht“ Nummer 5 - in der Reihenfolge des Buches - Also doch:“ Wir können lernen“, denn tiefgreifende Ereignisse beeinflussen die Synapsen der Gehirne. Das beruhigt jetzt einerseits, doch es gilt andererseits auch der Schlusssatz aus dem Vorwort von Maria Stern: Wir Menschen vergessen so schnell. Irgendwo dazwischen muss die Wahrheit liegen.

 

Maria Stern wurde in Ostberlin geboren und wuchs in Österreich auf. Sie studierte Schauspiel und Tanz (Niederlande), arbeitete als Model und Lehrerin. Sie gründete den Verein „Forum Kindesunterhalt“, publizierte in diversen Anthologien und veröffentlichte zwei Krimis. Als Parteichefin von JETZT machte sie Kinderarmut in Österreich und die prekäre Lebenssituation vieler AlleinerzieherInnen zum Politikum. 


Maria Stern Politik nach Corona 55 gute Nachrichten Wieser Verlag Klagenfurt

Was kommt danach?

Krisen verändern die Welt. Unsere Vorfahren haben sich stets auf neue Umwelten, andere Bedingungen eingestellt. Deshalb hat unsere Spezies den Planeten erobert. Jetzt erfahren wir selbst eine Krise, die alles erschüttert und mitten in unser Leben eingreift. Das Virus verändert unseren Alltag, unsere Kommunikationsformen, die Art, wie wir arbeiten, fühlen und denken. Die Krise fungiert auch wie ein großer Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen. Der Zukunftsforscher Matthias Horx analysiert die Auswirkungen der Corona-Krise: Wie ändert sich die Gesellschaft? Wie reagieren Individuen, Staaten, Familien, Unternehmen auf die Herausforderung? Welche Rolle spielt die Angst vor der Zukunft? Und wie können wir sie in Zuversicht verwandeln? Geht es nach ein paar Monaten so weiter bis bisher? Oder erleben wir einen Kulturwandel, in dem alles seine Richtung ändert und eine völlig neue Zukunft entsteht? Statt einer Pro-Gnose übt Horx mit seinen Lesern die Re-Gnose, die Selbst-Veränderung durch rückblickende Vorausschau – und kommt damit zu überraschenden Ergebnissen. (Ullstein Ankündigung)

 

Rezension

 

Das X steht in mathematischen Gleichungen in der Regel für die unbekannte Größe als Variable. Mathias Horx trägt das X in seinem Namen, vielleicht ist schon deshalb vorbestimmt, dass das Unbekannte in der Zukunft ihn so stark interessieren wird, dass er vor Jahren schon eine Zukunftswerkstatt gegründet hat.  Sein aktuelles Hardcover-Corona-Buch besteht aus elf Kapiteln Zukunftszenario, einem Vorwort, einem Nachwort, einer Widmung sowie Abbildungen und Anmerkungen.

Kam das Buch deshalb so schnell auf den Markt, weil Matthias Horx sowieso immer schon weiß, was in der Zukunft kommen wird.

 

Gleich in der Aufschlagseite macht er uns mit einer Definition klar, die CORONA, das ist der Strahlenkranz der Sonne und das Adjektiv coronar (auch konorar) heißt, das Herz betreffend. Die Koronarstruktur ist das Geflecht von Adern, die das Muskelgewebe unseres Motors mit Blut versorgt.

 

Für Horx ist grundsätzlich klar, Krisen treiben nun mal die Weltgeschichte voran, sie beschleunigen latente Prozesse, stellen vorhandene Systeme und Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf und treiben neue Technologien voran. Und dann stehen sie plötzlich vor uns: Die Entscheidungen über den Zukunftsweg.

 

Befinden wir uns in einer Krise, hinterlässt sie „eine Story, ein Narrativ, einen Code.“ Für den Autor sind Voraussagen gar nicht so schwierig, eher die Reaktionen darauf, die Konsequenzen daraus.

Klar ist für Horx, es wird keine Rückkehr zur bisher bekannten Normalität geben, schon deshalb, weil wir uns wundern werden, wie schnell digitale Kulturtechniken plötzlich zum Alltag werden, gegen die wir uns bisher so stark gewehrt haben.

 

Horx rechnet damit, dass es bald Medikamente gegen das Coronavirus geben wird, dass die Wirtschaft auch weiter schrumpfen kann, ohne dass eine Katastrophe ausgelöst wird. “Es könnte auch anders kommen als unentwegt befürchtet.“

 

Corona ist ein kommunikativer Sendbote, dessen Nachricht lautet: „Die menschliche Gesellschaft ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden.“

Horx mischt Zitate aus den Wissenschaften, etwa Hannah Arendt mit Schriftstellern (Camus), zitiert Gesellschaftsanalyse und mischt das mit eigener Vorstellungskraft. Psychologie und Soziologie, Philosophie und Anthroposophie, von allem etwas. Er schließt logisch und spinnt rum, er formuliert plastisch, rückwärts-analytisch und vorwärts-prognostizierend. Eine elastische Vorgehensweise mit Dehnungspotential.

 

Kann also so kommen oder aber auch anders. Wir können kämpfen, wir können Wunder schaffen nach dem Motto: „Etwas zu imaginieren, macht es real.“ (Brian Eno)

 

Und Horx phantasiert die neue Zukunft weiter: Schön wär‘ es, wenn uns die Wirtschaft nicht weiter mit Effizienzforderungen erpressen könnte, das wäre zukünftig. Eine Berufsflexibilität wird auf uns zukommen. Die Bösartigkeit des Menschen an sich wird verschwinden: der “Kult des Niederschreiens und des Nach-außen-Kehrens der inneren Verworfenheit.“

 

Horx spekuliert, dass wir künftig die Orgienkeller von Discos, Starkbierfeste, Kreuzfahrtschiffe und Après-ski-Parties ja sogar Selfieschüsse meiden werden.

 

Wie wird das „Neue Normal“ genau werden, das kann Horx uns allenfalls geahnt vorhersagen, weil es von vielen Individuen abhängt, wie wir als Einzelwesen auf die Krise reagieren: „Wir können etwas tun. Wir können etwas klären und uns entscheiden“.

 

Das Buch ist ein phantasievolles Möglichkeitsszenario, das meines Erachtens zu sehr auf das Individuum setzt, zu wenig zum Beispiel von Politik verlangt, es ist natürlich keine sichere Zukunfts-Voraussage, denn wir wissen ja, nichts ist so schwer wie die Zukunft vorauszusagen. „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten“, meinte einst sehr klug Willy Brandt.

 

Eine Voraussage wagen wir selbst - trotz Krise oder gerade wegen ihr: Es werden noch einige künftige Corona-Bücher auf den Markt kommen. Und es wird – da hat Horx ja recht – auf uns ankommen, wie wir damit umgehen.

 

Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert Ullstein

 

Matthias Horx (*1955) ist einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Seine Leidenschaft gilt seit über 30 Jahren den Transformationsprozessen in Wirtschaft und Gesellschaft. 

Matthias Horx: 

Die Welt nach Corona 

 

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020


Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?

Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

 

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

 

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

 

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

 

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

 

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivial-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.


Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…


Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

 

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

 

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

 

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

 

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten

Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

 

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

 

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung
Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

 

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

 

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

 

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

 

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

 

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

 

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

 

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

 

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam in dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

 

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

 

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger


Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

 

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

 

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

 

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

 

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

 

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

 

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

 

Quelle:

 

www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de.

Lojze Wieser Der Geschmack Europas Band 3 Ein Journal mit Rezepten. Zehn weitere Stationen

 
… wer nun denkt, es handle sich bei „Der Geschmack Europas“ einfach um ein europäisches Rezeptbuch, der irrt gewaltig. Natürlich werden dem Leser auch interessante Rezepte zu traditionellen Gerichten des jeweiligen Landes präsentiert, allerdings nicht so, wie man es aus Kochbüchern gewohnt ist.
 
Vielmehr geht es in „Der Geschmack Europas“ um die Esskultur, um kulinarische Traditionen und Geschichte. Da werden Themen angesprochen wie die Frage nach der Erfindung von Pommes oder wie die arme Gegend im Vulkanland der Südoststeiermark ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hat. Außerdem finden wir auf fast jeder Seite sehr gute Fotos, mal vom Essen, mal von der Landschaft, mal von den Menschen und dem Produktionsteam. Es ist ein wenig so, als würde man mit auf die Reise genommen werden. Auf alle Fälle packt den Leser bei der Lektüre das Fernweh – Fernweh nach anderen Kulturen, Fernweh nach exotischeren Speisen. Und irgendwie schafft das Buch es aber gleichzeitig, dieses Fernweh beim Lesen zu befriedigen …
 
In Band 3 sind die von 2017 bis zum Herbst 2019 gedrehten Fernsehfolgen für den ORF Mähren, Montenegro, Elsass, Westliches Friaul, Alentejo, Wales, Bregenzerwald, Westirland, Korsika und Oberschlesien behandelt. Sie werden zugleich in 3sat gezeigt. (Wieser)
 

 

Making of GESCHMACK EUROPAS

Alle Fotos Copyright vom Autor Lojze Wieser

SPILLOVER - Pandemien, Epidemien, Seuchen

Lebensbedrohende Infektionskrankheiten wie AIDS, Ebola, Virusgrippen, SARS und aktuell Covid-19 können sich dank der Globalisierung schnell über große Räume verbreiten und Epidemien oder gar Pandemien auslösen. Ihnen ist eines gemeinsam: Die Erreger sprangen vom Tier auf den Menschen über – der sogenannte Spillover. In einem ebenso spannend erzählten wie beunruhigenden Buch schildert der preisgekrönte Wissenschaftsautor David Quammen, wie und wo bevorzugt Viren, Bakterien und andere Erreger auf den Menschen übertragen werden. (PANTHEON) 

 

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RUSSLAND-KONTAINER

Nicht nur über eine derzeit umstrittene Pipeline, sondern auch über Jahrhunderte des Austauschs wie der Abstoßung waren und sind Russland und Deutschland einander so fern wie verbunden. Die politische Gegenwart scheint kritisch, die Zeichen stehen auf Konflikt und Polarität, schreibt SUHRKAMP in der Verlagsankündigung des Buches von Alexander Kluges RUSSLAND-KONTAINER.

„In dieser Lage macht Alexander Kluge Russland zum ausschließlichen Thema eines neuen Großbandes. In dezidiert poetischer Weise, nicht mit dem herrischen Willen zur Synthese, nähert er sich dem unermesslichen Terrain des größten Landes der Erde und der Mehrzahl seiner Seelen. Ihm geht es um den »ungeknechteten« Stoff, der dem Leser und den Materialien »die Freiheit lässt zu atmen«. (Suhrkamp)

 

 

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Bella Italia

So vertraut Italien deutschen Reisenden schon immer war und so innig die Liebe der Deutschen zur «italianità», so fremd erscheint das Land heute, schreibt rowohlt in der Verlagsankündigung: Tatsächlich scheint es immer fremder zu werden – denkt man an seine populistische Regierung, an einstürzende Brücken oder an das Fortbestehen der Mafia. Woher kommt das alles? Thomas Steinfeld hat in Italien gelebt und das Land bereist, von Südtirol bis Apulien, von den Gebirgspässen des Nordens bis zu den Olivenplantagen des Südens. Hier zeigt er das ganze Italien: das rege Treiben in den Zentren von Rom, Venedig oder Florenz ebenso wie die Arbeitersiedlungen der Industriegebiete und das Elend der Vorstädte. Er schildert den ländlichen Heiligenkult, die Begeisterung für schöne Autos, die Erfindung des Slow Food, erklärt das Land aber auch aus seiner Geschichte heraus: von der Renaissance bis zum Duce-Faschismus, der noch heute an manchen Orten nachwirkt.

Thomas Steinfeld zeigt eine Gesellschaft, die vielfältiger und oft anders ist, als man es sich nördlich der Alpen vorstellt – und zugleich Landschaften und Kulturschätze, die nie an Anziehungskraft verloren haben. Ein reiches, ebenso sinnliches wie reflektiertes Italien-Porträt, das uns die Widersprüchlichkeit und Schönheit dieses faszinierenden Landes mit neuen Augen sehen lässt. (rowohlt Berlin) 

 

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Der neue Walker-Krimi: Connaisseur


Die Kriminalromane des schottischen Historikers Martin Walker sind schon als schönes Kochbuch bewundert worden. In den Geschichten um Bruno, Chef de Police von Saint Denis im Département Dordogne geht es auch um Pferde, um seinen Basset Balzac und immer wieder auch um attraktive Frauen, zwischen denen Bruno hin- und hergerissen wird. Vor allem aber geht es um die französische Kleinstadt Saint Denis, die dem langjährigen Wohnort des Autors Le Bugue nachempfunden ist. Den zwölften Fall für Bruno wird man am besten als einen Kriminalroman mit historischem und zeitgeschichtlichem Hintergrund lesen. Der Autor verstreut kleine politische Botschaften gegen rechte Ideologien in seinen unterhaltsamen Kriminalroman und bricht in einer kleinen Nebenhandlung eine Lanze für die Wiedereingliederung von Straftätern. Es geht im Kern der Geschichte um den titelgebenden „Connaisseur“, einen schon sehr alten, superreichen Kunstexperten, der in der Résistance gekämpft hat und damals von einem Vichy-Milizionär schwer verwundet wurde, so dass er im Rollstuhl sitzt. Der Milizionär hat Nachkommen mit zwei Frauen hinterlassen. Die „Cousins“ werden noch eine Rolle in dem Fall spielen.


Der eigentliche Kriminalfall beginnt unvermittelt mit dem Tod der jungen amerikanischen Kunststudentin Claudia, die von ihrer Betreuerin im Louvre an den Kunstsachverständigen de Bourdeille vermittelt worden war. Der bewohnt ein Herrenhaus in der schönen Gegend am Zusammenfluss von Dordogne und Vézère. Claudias Leiche wurde auf dem 30 Meter tiefen Grund eines Brunnens gefunden.  War sie bei dem Versuch, ein Kätzchen zu retten hineingestürzt, hat sie etwa selbst ihrem Leben ein Ende setzen wollen? Als sich der einflussreiche Vater von Claudia aus den USA einschaltet, der auch mit dem amerikanischen Botschafter in Paris befreundet ist, als unverantwortliche Presseberichte über den Tod der bei allen beliebten Studentin erscheinen und eine britische Kanzlei von Privatdetektiven von ihrem Vater eingeschaltet wird, behält allein Bruno einen kühlen Kopf.

 

Er führt weiterhin Ermittlungen wegen Mordes, als viele schon von einem Unglück ausgehen. Er stellt Verdächtigen intelligente Fallen und geht weit in die Geschichte zurück. Dank seiner Hartnäckigkeit klärt er den Fall auf spektakuläre Weise, erledigt en passant noch den Verdacht, dass de Bourdeille sein riesiges Vermögen mit gefälschten Provenienz-Dokumenten prominenter Kunstwerke erworben hatte, tafelt unter Beweis seiner legendären Kochkünste für zehn Gäste auf und organisiert noch ein wunderbares Konzert im Schloss-Anwesen des Geschehens. Es hatte einmal Josephine Baker gehört, die aus Protest gegen die Rassendiskriminierung in den USA nach Paris gezogen war und die französische Staatsangehörigkeit angenommen hatte. Von diesem Schloss aus unterstützte sie die Résistance. Ihr zu Ehren sang die mit Bruno befreundete, begnadete Amélie alte Songs der Baker in einem prominent besuchten Schlosskonzert, an dem der amerikanische Botschafter und auch die Mutter der zu Tode gekommenen Claudia im Publikum teilnahmen. Das Buch „Connaisseur“ von Martin Walker trägt die Widmung: „Zum Gedanken an Josephine Baker, ‚Die schwarze Perle‘ und Résistance-Heldin.“

 

Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und war 25 Jahre lang bei der britischen Tageszeitung ›The Guardian‹. Er ist im Vorstand eines Think-Tanks für Topmanager in Washington. Seine ›Bruno‹-Romane erscheinen in 18 Sprachen.


Harald Loch
 
Martin Walker: Connaisseur. Der zwölfte Fall für Bruno, Chef de Police
Aus dem Englischen von Wolfgang Windgassen
Diogenes, Zürich 2020   437 Seiten   22 Euro

 

Dürfen auch Professoren morden?                  Ein Klinik-Krimi

Man bekommt alles zurück im Leben. Aber gilt das nur für die bösen Taten? Oder auch für die guten? Und lassen sich beide gegeneinander verrechnen? Vor 25 Jahren hat Peter Zielke zwei Menschen getötet, seitdem als Arzt aber Dutzende Leben gerettet. (Nagel& Kimche)


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Prag und seine Literaten

Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen weit gefassten, fundierten, genauen Überblick über die Literatur in Prag, Böhmen und Mähren. Alte Grenzziehungen literaturwissenschaftlicher oder politischer oder historischer Art werden vermieden. Das Buch bietet eine Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.

 

 

Es hat wirklich gefehlt: das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, das im J. B. Metzler Verlag bereits 2017 erschienen ist, aber als Standardwerk und großartiges Quellenbuch aus Anlass der Leipziger Buchmesse zum Themenschwerpunkt Tschechien ausführlich in einer Reihen-Besprechung der Hauptkapitel hier auf www.facesofbooks.de erneut gewürdigt werden soll.

Das 445-Seiten-Buch ist ein umfassendes Werk mit einer sehr in die Breite und in die Tiefe gehenden Genauigkeit, die den Bestseller-Leser vermutlich etwas überfordert und eher für germanistisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dennoch ist es lesbar und in knappen Kapiteln gehalten.

Es befasst sich mit einer „Hybrid-Literatur“. Damit meine ich, dass sowohl die beiden Sprachen der Literaten Deutsch und Tschechisch einerseits eine Rolle spielen. Hinzukommen andererseits die geographischen Besonderheiten in Grenzregionen. Und die Ländergrenzen in Böhmen und Mähren waren früher anders als heute gezogen. Neue Länder wie zunächst die Tschechoslowakei und später Tschechien und die Slowakei entstanden nach dem II. Weltkrieg. Zusätzlich ist das Rezeptionsverhalten zwischen österreichischem, deutschem und tschechischem Lesepublikum unterschiedlich, so dass sich ein eigenartiges, aber besonders interessantes Mischungsverhältnis aus all diesen Grundbedingungen ergibt.

Kernzelle dieser Literatur sind die weltbekannten Prager Autoren Kafka, Rilke, Werfel, Kisch, Reinerová, aber auch die weniger bekannten Oskar Wiener und Ludwig Winder.

Eine weitere Hyprid-Frage ist: Soll man Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Franz Werfel, die in Mähren, im Böhmerwald oder in Prag geboren sind, der österreichischen Literaturtradition zurechnen, also ausgrenzen? Die Herausgeber meinen: NEIN und verfolgen einen integrativen Ansatz, wenngleich früher die Prager Literaten als „dreifach“ besonders eingestuft wurden, weil sie in Prag national, religiös und sozial im Ghetto gelebt haben.

Mit diesem Handbuch wollen die Herausgeber aber starke Grenzziehungen vermeiden, das Phänomen „Literatur Prags und der Böhmischen Länder „als Gesamtheit“ betrachten. Es gilt, die literarischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Tschechen mit zu berücksichtigen.

Das Buch will keine Geschichte der tschechischen Literatur sein. Die in Vergessenheit geratenen historischen Ereignisse, die Mehr- bzw. Zweisprachigkeit der Autoren oder sogar der Sprachwechsel, wie etwa bei Karl Klostermann, werden berücksichtigt. Auch die institutionelle Seite, etwa Literaturverbände, Verlage, Periodika, Universitätsgeschehen, werden ebenso behandelt.

Den Herausgebern ist bewusst, dass Leser in Österreich und Deutschland und auch in Tschechien unterschiedliche Rezeptionsverständnisse haben können, weil länderspezifisch andersartige Bildungsvoraussetzungen gegeben sind. Das nehmen die Autoren in Kauf und zugleich in Anspruch, darauf Rücksicht genommen zu haben.

Das fünfte und das sechste Kapitel des Handbuchs widmet sich den Themen, den Motiven und Textsorten der deutschen Literatur in Böhmischen Ländern. Das Handbuch gibt eine gute allgemeine Orientierung, lässt sich auch kapitelweise lesen bzw. durcharbeiten und gibt auch auf spezielle Fragestellungen Auskunft.

Der deutsch-böhmische Germanist Kurt Krolop hat das umfangreiche Buchprojekt mit Rat und Tat begleitet, und der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft, hat ein Schluss Essay beigetragen. Wir werden in der nächsten Zeit weitere Kapitel des Buches behandeln…

Heute:

Kapitel Einleitung und Kategorisierung

 

Im Metzler Verlag sind schon einige literaturwissenschaftliche Handbücher erschienen, nun also die „zusammenhängende Darstellung der in einer mitteleuropäischen Region entstandenen Literatur“.

Fallen Namen wie Rilke, Werfel, Brod, Kafka und andere, nähren diese Autorennamen den Eindruck, alle deutsche Literatur stamme aus Prag. Die Autoren des Handbuches sehen darin eine Unangemessenheit, die deutsche Literatur von der Literatur der Böhmischen Länder abzutrennen.

 

Den Begriff der „Prager deutschen Literatur“ möchten die Autoren abschaffen und sprechen von der Literatur Prags und der Böhmischen Länder (als Eigenname verwendet und großgeschrieben!) „Böhmische Länder“ weist auch darauf hin, dass der Begriff Böhmen allein zu unscharf ist, handelt es sich doch um drei unterschiedliche geopolitische Räume: das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien. Wobei sich die west- und nordböhmischen Gebiete zum preußisch dominierten Deutschland orientierten und Mähren zur Habsburger Metropole Wien.

 

Die unterschiedlich entwickelten Verkehrswege förderten diese Orientierungen. Die zentralistische Struktur prägte auch die kulturellen Verhältnisse: „Hier die Metropole Prag, da die provinziellen Peripherien.“

An den beiden Autoren Rilke und Härtling weisen die Autoren nach, dass ihre Werke zunächst von der Herkunft thematisch regional geprägt waren, also Anklänge an die Böhmischen Länder zu finden sind, etwa in den Prager Geschichten von Rilke, bei Musils Mann ohne Eigenschaften, bei Härtling in autobiographischen Romanen. Härtling hat von 1941 bis 1945 seine Kindheitsjahre in Olmütz und Brünn verbracht. Fazit in diesem Kapitel: „Je vielseitiger sich Lebens- und Schaffenshorizonte von Autoren aufspannen, desto größer wird ihre Teilhabe an 

unterschiedlichen Literaturen.

 

Kapitel Literaturgeschichte

 

Eine Literaturgeschichte über die deutsche Literatur der Böhmischen Länder gibt es bisher nicht. Sie müsste die regionalen Infrastrukturen berücksichtigen, die Vernetzung der deutschsprachigen Literatur mit den Nachbarländern thematisieren und vor allem die Wechselwirkungen mit der tschechischen Literatur betrachten. Dabei gibt es jetzt schon Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen, die vor allem auf der wachsenden Zusammenarbeit von Germanisten und Slawisten fußen. Doch die Zusammenschau fehlt bislang.


Das Kapitel „Literaturgeschichtsschreibung“ setzt die Anfänge mit der geschichtlichen Betrachtung der Kronländer oder der Städte. Der Bezugsrahmen war zunächst die K.-u.-k.-Mo¬n¬ar¬chie, die Zuordnung zur deutschen Kultur im Gegensatz zur tschechischen Literatur betrachtet. Später wurde zwischen deutscher, deutsch-österreichischer und deutsch-böhmischer Literaturgeschichte differenziert. 
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung Prags galt sie unter nationalsozialistischem Regime als Teil der deutschen Literatur und nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung als eine Literatur, der das Land abhandengekommen war. 


Die Nazis grenzten jüdische und antinationalsozialistisch eingestellte Autoren aus. Die ersten Literaturgeschichten der Tschechoslowakei berücksichtigten teilweise deutsche Schriftsteller. In der Auseinandersetzung um die damals strittigen Grenzfragen wies der Literaturhistoriker und Schriftsteller Josef Mühlberger darauf hin, angesichts des „Grenzlandkampfes“ bestehe die Gefahr, den „Blick für Größe und Weite“ zu verlieren. 


Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es lange Zeit so, dass die deutsch-böhmische und die mährische Literatur aus dem Blickwinkel der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwunden war. Erst durch das Interesse an Kafka und an den Exilautoren wurde das Interesse wieder geweckt und besonders nach der samtenen Revolution befruchtet. 
Das interessante Überblickskapitel ist letztlich ein Arbeitsauftrag, sich mit der Literaturgeschichte dieser speziellen Gattung zu widmen, erst recht deshalb, weil sich im deutsch-tschechischen Verhältnis die kulturelle Dimension mehr als entwicklungsnötig darstellt. 

 

Kapitel Interkulturalität

 

 

Klären wir zuerst die Begriffe, wie uns die Disziplinen der Wissenschaften an den Universitäten zu jedem Studienbeginn zum besseren Verständnis anraten. Insbesondere die Soziologie, die Gesellschaftswissenschaften, sind es ja, die ganz besonders dafür bekannt sind, Wort-Ungetüme zu bilden. Nehmen wir als Beispiel das Wort INTERKULTURALITÄT. 
Es geht hier um das Bewusstsein einer Gesellschaft, deren Menschen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass ihre Mitglieder die kulturelle, sprachliche oder religiöse Verschiedenheit anerkennen oder mindestens anstreben und dabei wissen, dass der Andere in einer Gesellschaft mindestens respektiert und bestens akzeptiert ist. 


Ein ganzer Wissenschaftsbereich beschäftigt sich mit dem Thema, denn die Lebensbedingungen des Individuums und ganzer Gesellschaften sind so global geworden, dass man an diesen kulturellen Vorbedingungen eigentlich nicht mehr vorbeikommt. 


So findet man, ganz praktisch gesehen, im Internet Definitionen von COACHING-Organisationen, die Manager interkulturell fit machen für die globalisierten Wirtschaftsbeziehungen. 


Glossar: Interkulturalität 


„Unter Interkulturalität versteht man das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt.

Bei dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen werden die eigene kulturelle Identität und Prägung wechselseitig erfahrbar. Interkulturalität meint dabei die Einnahme und das Denken aus der jeweilig anderen Perspektive ohne das Ziehen vorschneller Schlüsse. Das Fremde soll nicht in das eigene Selbstverständnis angegliedert, sondern erstmal nur bewusst zur Kenntnis genommen werden“. (Quelle IKUD Coaching Seminare)
https://www.ikud-seminare.de/


Diese theoretischen Konzepte übertragen die Autoren Dieter Hebeböcke und Manfred Weinberg in ihrem Artikel „Interkulturalität/Konzepte der Interkulturalität“ auf die Literatur Prags und der böhmischen Länder. 
Interkulturalität sei dafür maßgebend schon seit dem 12. Jahrhundert, weil Bayern, Franken, Obersachsen, Schlesier und Österreicher unter der Regentschaft der Přemysliden als Handwerker, Bauern und Bergleute angeworben wurden und sich an den böhmischen und mährischen 
Grenzgebieten ansiedelten.


Die Autoren rechnen auch die Gruppen dazu, die sich um 880 bei Baubeginn der Prager Burg als Händler dort heimisch machten. Sie werden als national heterogen betrachtet. Auch die Juden hatten schon im 10. Jahrhundert in diesem Raum eine starke Stellung. Dass Tschechen, Deutsche und Juden in den böhmischen Ländern zusammengelebt haben, wird zu einer Erklärungsformel, die in der Literatur, in der Wissenschaftsgeschichte und in theoretischen Ansätzen dazu immer wieder vorkommt. 


Dabei werden zwei Nationen-Begriffe (Deutsch/Tschechisch) mit einem religiösen Attribut (Jüdisch) kombiniert. Diese Verbindung ist jedoch grundlegend falsch, denn die Deutschen waren ja national gesehen, keine Deutschen, sondern sie gehörten wie die Tschechen der Österreich-Ungarn-Donaumonarchie an. Muttersprachlich und vor dem kulturellen Hintergrund gesehen waren sie jedoch schon als Deutsche und Tschechen zu betrachten. Der Begriff Nation hilft also hier nicht viel weiter.


Im folgenden Ansatz der Interkulturalität versucht Gesellschaftstheorie sich abzuwenden von dem Dogma der ABGRENZUNG. Es geht zuerst einmal konkret um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen im selben geographischen Raum, und ich füge hinzu, natürlich auch um das Gegeneinander. 


1990 wurde der theoretische Ansatz der Interkulturalität entwickelt, der davon ausgeht, dass Kultur permeativ und nicht separatistisch zu begreifen sei. Übersetzen wir die „physikalischen“ Soziologismen. Die PERMEATION ist das Eindringen eines gelösten Stoffs bzw. eines Gases durch eine Membran und dann durch eine Materieschicht. Es geht also um Durchlässigkeit. Das wird nun auf Gesellschaften und ihre Bevölkerungsgruppen übertragen. 


Das Streben nach Separation meint vor allem das politische Ziel der Gebietsabtrennung, um einen separaten, einen eigenen Staat zu gründen. Hier ist vielleicht meinerseits auch noch der Begriff Segregation anzuführen, den die Autoren in ihrem Beitrag selbst nicht anwenden. Segregation heißt ENTMISCHUNG von diversen Elementen in einem bestimmten geographischen Gebiet. 

 

Transkulturalität nach Wolfgang Welsch
„Mit Transkulturalität beschreibt Wolfgang Welsch (1997) das Konzept einer Gesellschaft, in der sich kulturelle Identitäten durch die Vermischung von Elementen verschiedener Kulturen konstituieren. Kulturelle Grenzen und die Vorstellung homogener Nationalkulturen werden aufgehoben, indem einzelne Kulturen innerhalb einer Gemeinschaft verschmelzen. So lassen sich moderne Gesellschaften als strukturell heterogen und hybrid auffassen.“
Quelle IKUD Coaching Seminare


In einer schlüssigen, leichter verständlicheren Formel, hat das der Literat Johannes Urzidil gebracht, der über sein Leben in Prag sagt: „Ich bin hinternational“. Er lebte hinter den Nationen. Vordergründig gab es zwar die nationalkulturelle Trennung in Prag, dahinter waren jedoch auch grundlegende Gemeinsamkeiten. 


Mischen sich zwei bisher voneinander getrennte Systeme, spricht man von HYBRIDISIERUNG. Darin steckt die Gefahr, dass der Wissenschaftler, betrachtet er das prägende Gemeinsame, die vorausgesetzten bzw. gelebten Abgrenzungen übersieht. 


Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Konzept Interkulturalität noch nicht angemessen abgerundet entwickelt ist, um solch hochkomplexe gesellschaftliche bzw. historische Zusammenhänge zu erklären. 


Interkulturalität wurde in den 1970er Jahren als Begriff verwendet, um Konzepte für Konfliktlösungen zu diskutieren bzw. Kompetenzen für internationale Geschäftsbeziehungen zu entwickeln. Das kulturell Fremde sollte besser verstanden werden. 


Dabei kam eine moralische Konnotation ins Spiel. Der schwer fassbare Begriff Interkulturalität wird zudem durch seine Verwendung in ganz unterschiedlichen Wissenschaften mit einer Vielzahl von Ansätzen und Lösungswegen noch unklarer. 


Wo hört die eine Kultur auf, und wo fängt die nächste an? Nun spielt der Begriff der oder das Fremde hinein. Wissen wir um den Fremden, kennen wir die üblichen Denkmuster des Anderen, welche Erfahrungshorizonte erinnern wir und wie spielt das zurück auf die Identifizierung mit der eigenen Kultur? Und wo nisten sich Zwischenräume ein? 
Der Philosoph und Anthropologe Wolfgang Welsch formuliert es so: „Ohne Abgrenzung keine unterschiedlichen Kulturen und ohne diese keine Interkulturalität.“ 


Wissenschaftler der Universität Konstanz, die die kulturellen Grundlagen von Integration untersuchen, gehen davon aus, dass IDENTITÄT kein natürlicher Dauerzustand im Selbstbewusstsein sozialer Akteure ist. Für diese Wissenschaftler stellen sich Identitätsfragen entweder in kritischen Übergangsphasen (in denen wir uns wohl heute befinden/Anm. des Autors), in ruhigen Zeiten können sie jedoch auch latent sein.  Damit wird die Kategorie jedoch von wechselnden gesellschaftlichen Situationen abhängig.


Wenn wir Kulturen vergleichen, müssen wir dann nicht auf absolute Wertmaßstäbe verzichten, weil sie uns den Blick verstellen? Sollten wir nicht statt vom fixen Wissen über das Fremde unser Verhältnis dazu vom Nicht-Wissen her definieren? 


Die Autoren fassen es so zusammen: „In diesem Nichtwissen generiert Interkulturalität ihr grenzüberschreitendes Potenzial.“ 


Die Autoren weisen auf die definitorischen Schwierigkeiten beim Begriff Interkulturalität hin und führen das KONZEPT des HORIZONTs ein, in dem nicht von gegeneinander abgegrenzten Einheiten ausgegangen wird, sondern von grundsätzlicher Vielfalt.


Es ist ein RAUM-Modell. Instabile Einheiten, nur zeitweise gültige Grenzen, Vermischungen und Verschiebungen sind darin ebenso enthalten wie nationalkulturelle Hintergründe.


Fazit der Wissenschaftler: Dieses HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER DEUTSCHEN LÄNDER, erschienen bei J. B. Metzler, folgt keiner einzelnen Theorie der Inter- oder Transkulturalität, sie ist als eine Art Materialsammlung für künftige Forschung anzusehen.

 

Kapitel Literatur und Raum

 

Das HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER BÖHMISCHEN LÄNDER hat eine sehr übersichtliche Inhaltsstruktur. Es beginnt mit dem Vorwort und endet mit dem in der Wissenschaft üblichen Anhang, der aus den Lebensdaten ausgewählter Autoren der Böhmischen Länder, aus einem deutsch-tschechischen Ortsregister, den Lebensdaten der Autorinnen und Autoren sowie dem Personenregister besteht.


Das Handbuch wird in acht Kapiteln gegliedert. 


Nach dem Abschnitt Literatur- und Forschungsgeschichte einer Region, dem Kapitel über Theoriekonzepte und dem Allgemeinen Hintergrund (darin ein geschichtlicher Abriss der Böhmischen Länder, institutionelle Informationen über Verlage und Buchhandel, Geschichte der Ästhetik) folgt im vierten Kapitel ein Aufriss der literaturgeschichtlichen Epochen und im fünften Kapitel dann Themen und Motive der Literatur: Historischer Roman, historisches Drama, Essay, phantastische Literatur, Sagen und Legenden, Mundartliteratur sowie Übersetzungen sind die einzelnen konkreten Textsorten, die im Kapitel Sechs zusammengefasst sind. 


Im siebten Schlussabschnitt zieht Peter Demetz, der renommierte amerikanische Germanist und Autor literaturwissenschaftlicher Werke deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft eine Bilanz.
Das Theoriekapitel wird abgeschlossen mit zwei Texten zu Konzepten des Raumes und Raumkonzepten der Region. Dabei sind sich die Verfasser im Klaren darüber, dass es bisher keine passgenauen Raumkonzepte für die böhmischen Länder gibt. 


In Prag und Brünn bildeten sich von den Autoren so genannte „Knotenpunkte“ der Literatur, es geht um die Vielfalt in den Kulturräumen Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. Es wird auch das in der Politikwissenschaft und Soziologie angewandte Theoriemodell von Zentrum und Peripherie erwähnt. 


Auch das Raumkonzept von Henri Lefebre, dem französischen Philosophen und Soziologen, wird zitiert, der davon ausgeht, dass jede Gesellschaft einen ihr eigenen Raum produziert, der sich auf drei Ebenen abspielt.


Die erste Ebene bedeutet, die Wahrnehmung, also was wir erleben, benutzen, produzieren und reproduzieren. Auf Ebene Zwei gibt es den Raum des Wissens, der Zeichen und der Codes. Auf der dritten Ebene geht es um Imagination, welche Bilder und Symbole stellen wir her. 
Im weiteren Verlauf des Textes behandeln die beiden Autoren Manfred Weinberg und Irina Wutsdorff den Raumgedanken in Philosophie, im Strukturalismus und in den Kulturwissenschaften sowie weitere Ansätze, den Raum mythisch, ästhetisch oder theoretisch zu begreifen. 
Insofern schließt sich direkt daran an, was die Autoren Raumkonzepte der Region nennen, weil es ja eben auch um die geographischen Aspekte geht, um das Verhältnis der nationalen Gemeinschaften in den Böhmischen Ländern sowie um die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. 


Dieses Kapitel hilft, theoretische Überlegungen zur Einordnung der Literatur zu entwickeln, wenngleich die Autoren zugeben, dass alle Ansätze erst in den Anfängen befindlich sind, es also an theoretischem Handwerkszeug noch fehlt. Das ist den Autoren nicht anzulasten. Es hat eben sehr, sehr lange gedauert, bis der Blick ins Nachbarland Tschechien durch Grenzzäune hindurch und über sie hinweg freier war, um sich gegenseitig besser wahrzunehmen. Und auch dieser Prozess steckt erst in den Anfängen. In diesem Handbuch stehen allerhand Handlungsanleitungen dafür, es muss nur genutzt werden.  

 

Geschichte der Böhmischen Länder

 

 

Wann beginnt die Geschichte eines Landes? Ganz sicher vor der eigentlichen Geschichtsschreibung, die später einsetzt, weil es an den Vermittlungsmöglichkeiten mangelte und nur in der Erzählung die Weitergabe lag. Von den Anfängen wissen wir also wenig bis nichts, obwohl die Wissenschaft forscht, insbesondere die Archäologie, die nach den Anfängen der Geschichte buchstäblich gräbt. Weil es eben keine frühe Geschichtsschreibung gibt, bleibt die „früheste Kindheit der Geschichte“, so sagt es Clemens von Brentano „stumm“.
Wann beginnt der Übergang vom Mythos zur realen Geschichte? Vom Erzählten zum Faktischen? 


Im Falle Böhmens gehen wir von den Gründungssagen vom Stammvater Čeck oder Boemus aus. Historisch verbürgt, so steht es im Handbuch, ist jedoch nur die Dynastie der Přemysliden, einem Herrschergeschlecht, das bis 1300 an der Macht war. 


Nach dem Aussterben dieser Dynastie waren die Luxemburger mit König Johan Inhaber der Krone. Karl IV. war es dann, der durch die Gründung der ersten Universität nördlich der Alpen Prag zum europäischen Zentrum machte.


So bildete sich eine Epoche heraus, die zwischen der mittelalterlichen Tradition und dem Früh-Humanismus stand. 


Wissenschaftliche Wahrheiten und deren Verbreitung entwickeln sich zu jener Zeit im Gegensatz zum Denken in der Kirche, die Verweltlichung beginnt, und so ist es Jan Hus, der mit der Einführung des weltlichen Kelches, des so genannten Laienkelches, ein Jahrhundert (!) vor Martin Luther den Bruch mit den Lehren der Katholischen Kirche markiert. 
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird Böhmen in den habsburgischen Machtbereich integriert, das Denken wird rekatholisiert, die Eliten des Protestantismus vertrieben, die Böhmischen Länder werden zum Erbkönigreich der Habsburger ernannt. Der moderne Staat entsteht mit zentraler Verwaltung, der Ausdifferenzierung des Rechtsstaates und einer vom Staat gelenkten Wirtschaft. 


1784 wird Deutsch als Amtssprache verordnet, am Wiener Hof wird das Tschechische nämlich als „unfertige Sprache“ gesehen, das deutsch Geprägte überlagert den realen Sprachgebrauch des Tschechischen und marginalisiert es auf diese Art und Weise. 


„Unter dem Druck der französischen Revolution verstärkt sich die innere Repressionspolitik.“ 


Die Zeitungen werden zensiert, Buchhandlungen und das Schulwesen überwacht. Der Volksmund macht sich darüber lustig, indem er von den vier Armeen des Kaisers berichtet. Das „stehende Heer der Soldaten“, das „sitzende Heer der Bürokraten“ das „kniende der Geistlichen“ und das „schleichende der Denunzianten“.


Von der französischen Revolution und den Befreiungskriegen her beeinflusst, entsteht ein nationales Denken, die moderne tschechische Schriftsprache entsteht, die jedoch einen niedrigeren sozialen Status hat als das Deutsche im Vergleich. Es entstehen zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Kultursysteme. 


Die Tschechen fordern den so genannten „Trialismus“, die gleichberechtigte Vertretung von Deutschen, Ungarn und Slawen. Desintegrative und konfrontative Entwicklungen fördern das Trennende im deutsch-tschechischen Verhältnis. 
Auf die Gündung des tschechischen Nationaltheaters folgt die Eröffnung des Neuen deutschen Theaters, die deutsche Wissenschaftsgesellschaft wird konterkariert durch die Gründung der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 


Die Auseinandersetzungen radikalisieren sich. Sprachverodnungen führen zu Widerstandsbewegungen, die auch gegen deutsche Geschäfte in Prag gewalttätig werden. Und Egon Erwin Kisch konstatiert: „Kein Deutscher erschien jemals im tschechischen Bürgerclub, kein Tscheche im deutschen Kasino.“ Und die jüdische Gemeinschaft steht dazwischen. Nach 1860 etabliert sich jedoch nach und nach eine moderne national argumentierende Kultur, die in der Musik durch die Komponisten Smetana, Dvořák und Janáček vertreten ist und weltweit Beachtung und Anerkennung findet. 


Historische Figuren, Narrative, Mythen und geschichtliche Ereignisse werden in das Zentrum der Kulturschaffenden gerückt. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wirken monarchistische Tendenzen und die deutsch-tschechische Konkurrenz in Kultur und Bildung noch nach, nach dem Ausruf der tschechischen Republik 1918 entsteht der Nationalitäten-Staat. 


Zwischen 1938 und 1945 wird mit der Besetzung der Sudetengebiete durch Hitler und durch das Protektorat Böhmen-Mähren der tschechoslowakischen Staatlichkeit „durch Gewalt von außen“ ein „Ende gesetzt“. 


Es entsteht ein explosives kulturpolitisches Gemisch aus „Einschüchterung, Vereinnahmung, Rivalität und Kollaboration“, in dem sich aber auch Nischen der Eigenständigkeit und versteckter Widerstand entwickeln. 


Die Judenvernichtung erreicht ihren Höhepunkt in der Errichtung des Ghettos Theresienstadt. 


Nach Kriegsende werden drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Die Vertreibung führt zu einem Ende des jahrhundertelangen deutschen und tschechischen Zusammenlebens.

 

 

 

 

Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg) Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder