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Herzlich willkommen auf meiner Website, die sich mit Büchern beschäftigt. Facesofbooks zeigt das Gesicht der Bücher und Autoren. Beachtet Titel und Covergestaltung, Aufmachung des Buches, berichtet über den Inhalt, stellt den Autor in kurzer prägnanter Form vor. Wir veröffentlichen Autoreninterviews, bieten Informationen über Bücher von heute und Bücher von gestern, die wichtig sind, aber nicht vergessen werden sollen. Sie finden Tipps, Rezensionen, Kurz-Kritiken, Neuigkeiten über Verlage und Autoren. Geben Sie uns auch Hinweise, was Ihnen gefällt oder mißfällt. Eine Website für Lesefans auch aus der digitalen Bücherwelt. www.facesofbooks.de

 
Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Vom Leben der Dickhäuter

„Die meisten Menschen wiegen nicht so viel wie Elefanten“, schreibt mit britischem Humor die Verhaltensbiologin Hannah Mumby in ihrem leidenschaftlichen Buch „Elefanten. Das Leben der Riesen zwischen Geburt, Familie und Tod“. Sie löst diesen schrägen Satz („Sie können mich hier zitieren“) aber sogleich mit einer Information auf: „Schon bei ihrer Geburt sind Elefanten etwa 100 Kilogramm schwer und einen Meter groß“. Die 1986 geborene Autorin ist nach Stationen in Cambridge, am Wissenschaftskolleg Berlin und in Colorado Professorin in Hongkong und leitet dort das Applied Behavioral Ecology and Conservation Laboratory. Ihre wissenschaftliche Feldforschung führte sie nach Kenia und Südafrika zu den afrikanischen, nach Myanmar, Thailand und Nepal zu den asiatischen Elefanten.

 

Über alle Stationen schreibt sie interessant, mit wissenschaftlicher Exaktheit und mit einer auf ihre Leser überspringenden Empathie. Da ihr Interesse auch den Beziehungen zwischen Elefanten und Menschen gilt, kommt sie immer wieder auf ihre eigenen Empfindungen, ihre psychische und physische Verfassung zu sprechen. So werden die Elefanten – durch treffende Farbfotos individualisiert - und die Autorin selbst zu Lebewesen „zum Anfassen“.


Die angenehm lesbare Darstellung transportiert viele, meist unbekannte Informationen. So erfährt die Leserin von den Elefantenfamilien, in denen drei Generationen von Elefantenkühen – Mumby sprich zuweilen auch von „Elefantinnen“ – zusammenleben. Der männliche Nachwuchs verlässt mehr oder weniger freiwillig mit 18 bis 20 Jahren diese Gemeinschaft und sucht sich andere männliche Gefährten. 22 Monate dauert die Schwangerschaft, Jugend und Pubertät etwa 20 Jahre, das ganze Leben – wenn nichts dazwischenkommt – bis zu 80 Jahren. Dazwischen kommen Krankheiten, vor allem der Befall von Parasiten, Kämpfe unter männlichen Elefanten, die manchmal tödlich enden und beschämenderweise der illegale Abschuss durch Menschen, die vor allem wegen des Elfenbeins aus purer Profitgier die Elefanten vom Aussterben bedrohen. Ein ganzes Kapitel widmet die Autorin diesem inzwischen weltweit geächteten Mord an einer ganzen Spezies.


Alle Elefanten haben bei Mumby ihre Namen. Das Publikum erfährt, dass in Myanmar (früher Birma) seit etwa 100 Jahren für jeden der vielen dort registrierten Elefanten ein kleines grünes Heft mit allen wesentlichen Eintragungen geführt wird: eine äußerst ergiebige Quelle für die Elefantenforschung. Erstaunlich ist die Ausprägung der Sinnesorgane von Elefanten. Vor allem der Geruchssinn ist hochentwickelt: „Wir wissen, dass Elefanten fast 2000 funktionelle Gene haben, die für das Riechen zuständig sind: Es gibt eine Studie, die genau 1948 von ihnen zählte. Im Vergleich dazu haben Hunde 811, Ratten 1207, Makaken 309 und Menschen 396.“ Viele Untersuchungen hat die Autorin anhand der fast fußballgroßen Dungkugeln durchgeführt. Vermessungen des Fußumfangs, der Stoßzahnlänge, der weiblichen Gentalorgane (vor der Vagina befindet sich ein 1 Meter langer Kanal), Messungen des Gehörs und des kilometerweiten Empfangs von kaum wahrnehmbaren Bodenerschütterungen über die empfindlichen Fußsohlen schildert die Autorin auch mit einer genauen Beschreibung der nicht immer einfachen Versuchsanordnung, wie das Wiegen. 2 Tonnen und mehr kann ein ausgewachsener Elefant wiegen.


In Myanmar und Thailand waren und sind Elefanten als Arbeitstiere im Forstbetrieb eingesetzt. Sie knicken Bäume und transportieren die Stämme – unterstützt von Oozies, oft jungen Einheimischen, die auf den Elefanten sitzen, mit ihnen sprechen und durch Fußdruck ihre Bewegungen lenken. Die Lernfähigkeit und ihr eindrucksvolles Gedächtnis stellt die Autorin durch gute gewählte Experimente vor. Da die Elefantenforscher in aller Welt untereinander eine kooperierende Gemeinschaft bilden, kann Mumby von vielen Ergebnissen ihrer Kolleginnen und Kollegen berichten und zu einem sich immer stärker abrundenden Gesamtbild zusammenfügen. An ihre Lesergemeinde gewandt schreibt sie: Dies ist die letzte Generation, die die Natur retten kann. Es wäre eine große Sache, wenn ihr irgendwann sagen könntet: Ich gehörte zu dieser Generation, und ich habe etwas getan.“

 

Harald Loch

 

 

Hannah Mumby,
geboren 1986, ist Verhaltensbiologin. Nach Stationen in Cambridge, am Wissenschaftskolleg in Berlin und als Fulbright Scholar in Colorado hat sie seit 2019 eine Professur an der Universität von Hongkong inne, wo sie das Applied Behavioural Ecology and Conservation Laboratory leitet. 2020 wurde sie für ihre wissenschaftliche Arbeit mit dem ASAB Christopher Barnard Award for Outstanding Contributions by a New Investigator ausgezeichnet. Elefanten ist ihr Sachbuch-Debüt.

 

 


Hannah Mumby: Elefanten. Das Leben der Riesen zwischen Geburt, Familie und Tod
Aus dem Englischen von Heide Lutosch
Hanser, München 2021   302 Seiten   27 Fotos        26 Euro

 

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land


Alle Edelfedern der deutschen Literaturkritik stürzten sich – zwanghaft? – auf den ersten längeren Text von Peter Handke nach dem Literaturnobelpreis von 2019. Diese Zahl mahnt wie selbstverständlich auch an das aktuelle Coronarvirus Covid 19. Jede Einzelheit des nur 90 Seiten füllendenden Buches „Mein Tag im anderen Land“ wird auf Handkes Befindlichkeit, eine etwaige Botschaft, natürlich – erwartbar – auf Bosheiten und Eitelkeiten abgeklopft. Als ginge es nicht um Literatur! Der Aufbau des Textes ist klassisch: ein Triptychon. Die Erzählperspektive ist klar: Der Autor wählt die erste Person. An die Geschehnisse im ersten Teil erinnert sich der Erzähler nicht, obwohl er selbst die Hauptperson ist. Er ist ein „Zeuge vom Hörensagen“ seiner selbst – eine seltene, wenn nicht einmalige Konstellation, überraschend und gelungen. Der Erzähler war Obstgärtner. Der Onkel Handkes auch. Ist das wichtig? Der Erzähler war „von einem Dämon besessen“, lebte auf einem Friedhof, beschimpfte alle, selbst die zwitschernden Vögel. Seine Schwester versorgte ihn, den offensichtlich Kranken, dort mit Lebensnotwenigem und später, nach seiner Rückkehr in das übliche Leben, mit den Einzelheiten aus dieser Zeit. Nur so kann er sie niederschreiben.


Im Zweiten Teil switcht die Besessenheit aus dem Erzähler. Ein Fischer hat ihm tief in die Augen geblickt, den Außenseiter als Menschen erkannt und zurückgeholt. Er wandert durch das „andere“ Land, das hier Dekapolis heißt. „Es war ein Werktag, an dem ich das mir unbekannte, oder unbekannt gewordene Land durchstreifte, und zugleich sah ich mich Schritt um Schritt in einem Feiertag.“ Auf der ersten Wegstrecke erinnerte er sich an die Erzählungen seiner Schwester. „und auf der nächsten, übernächsten, oder gleichwievielten Wegstrecke durch das andere Land feierte ich dann das Fest meiner ungeborenen Kinder.“ Stumm und beim Gruß lediglich kopfnickend zieht er weiter, bis er in einem Tanzlokal seine künftige Frau kennenlernt. „Meine Frau meinte manchmal, und das nicht bloß im Scherz, ich hätte einen guten, ja, idealen Politiker abgegeben, allein schon vorlebend eine Politik, eine neue, sie praktizierend, wie Politik heutigentags dringendst gebraucht wird.“


Der dritte, nur wenige Seiten umfassende Teil ist ein Traum, der den Erzähler wieder auf den Friedhof zurückführt, auf dem er als Besessener gelebt hatte. Als er aus diesem Traum aufwacht, stößt er „einen Kriegsschrei aus, den ich, schlafend, hörte als unartikuliertes Gekrächz, und rief dann, jetzt ein klares Rufen, hinein in die Leere: ‚Seid ihr alle da?‘“


Ist diese Kaspertheaterfrage der Schlüssel zu dem Text? Oder braucht es keinen anderen Schlüssel zu einer Literatur, die sprachlich auf Handke-Höhe liegt und deren Inhalt hermetisch, gewürzt mit verstecktem Humor, mit einer alleserklärenden Ironie zu unserer Existenz aufwartet und nichtssagenden Deutungsanstrengungen unzugänglich bleibt?


Harald Loch


Peter Handke: Mein Tag im anderen Land
Suhrkamp, Berlin 2021   94 Seiten   18 Euro

 

10 Buch-Tipps zum Weltttag des Buches

1984 is watching you

Heute wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gab es in den letzten 10 Tagen bis heute einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel George Orwell 1984 ANACONDA

 

Inhalt
Das Zitat „Big brother is watching you“ ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Das Buch „1984“, als Vision entwickelt, ist längst in vielen Teilen Wirklichkeit geworden. Die Debatte um das Gendern hat auch einen Anklang von „Sprachpolizei“, die in „1984“ eine Kontrollfunktion hat. Es herrscht Unterdrückung in dem diktatorisch und totalitär geführten Staat. Der große Bruder ist der in Wirklichkeit nie sichtbar werdende Chef einer Parteielite, der die restlichen Parteimitglieder und die Volksmasse überwacht und kontrolliert. Die „Gedankenpolizei“ ist allgegenwärtig. Nicht abschaltbare Teleschirme überwachen die Wohnungen.  Propaganda schürt den Hass im Volk, das durch gemeinsame Feindbilder zusammengeschweißt wird. Die Neue Sprache („Newspeak“) wird von schädlichen Begriffen gesäubert. Das private Denken wird ständig beeinflusst durch immer wiederkehrende gleiche Parolen wie „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“.

 

·        Zitat: „Er wusste nicht, wo er war, vermutlich war er im Ministerium für Liebe, doch darüber ließ sich keine Gewissheit erlangen.“

 

Kurzkritik
Aktueller denn je ist dieses Buch über den totalitären Staat, Cyberüberwachung, Geschichtsverfälschung und die Gedankenpolizei in Zeiten des Internet, der Clouds und Debatten um „political correctness“ in Sprache und Politik. Wenige Bücher haben über die Jahrzehnte hinweg eine derart wichtige Bedeutung behalten.

 

Leser
Jeder muss dieses Buch gelesen haben

 

Natürlich desinfizieren

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.
 
Heute stellen wir Ihnen vor
 
Titel
Angelika Kaluza NATUR HYGIENE Viren und Bakterien natürlich entfernen
 
Inhalt
Seit der Corona-Epidemie haben wir versucht, ein neues Verhältnis zum Thema Hygiene zu finden. Viele greifen zum Desinfektionsmittel oder zur chemischen Keule. Dabei zerstören wir auch unsere natürlichen Abwehrmechanismen gegen Mikroorganismen, Bakterien und gesundheitsschädliche Keime. Wo sind die Hygiene-Hotspots im Haushalt, wie verdreckt sind unsere Arbeitsgeräte, wo verstecken sich die Krankmacher und wie erreichen wir ein gesundes Hygieneverhalten mit natürlichen Reinigungsstoffen? Darüber klärt dieses Buch auf.
 
Zitat
„Es ist ungesund, sein gesamtes Haus zu desinfizieren, denn dann werden auch fast alle guten Wohn-Mikroben ausgerottet.“ 
 
Kurz-Kritik
Ein klug aufgebautes, schlaues, sehr anschaulich gestaltetes Buch über Naturhygiene. Die Texte sind kurz und klar formuliert und verständlich gegliedert. Das Design des Buches ist übersichtlich, grafisch frech aufgepeppt und macht Lust, darin zu lesen und zu blättern.
 
Leserkreis
Das Buch gehört in jeden Haushalt

Britisches Gänsehautgefühl: Sayersmorde

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Dorothy L.Sayers Keines natürlichen Todes Ein Fall für Lord Peter Wimsey WUNDERLICH

 

Inhalt
Agatha Dawson stirbt früher als manche erwartet haben. Zuerst glauben alle an einen natürlichen Tod. Der reale Hintergrund des Romans ist die Veränderung des englischen Erbrechts 1925. Dr. Carr, der behandelnde Arzt nimmt eine Autopsie vor, die jedoch zu keinerlei Ergebnis führt. Seine Diagnose: Herzversagen. Als dieser später jedoch dem Gentlemen-Ermittler Lord Peter Wimsey die ganze Geschichte erzählt, entstehen Verdachtsmomente, beginnt er weitere Nachforschungen anzustellen. Miss Climpson, eine neugierige, dem Schwätzen und Gerüchten verfallene Dame, hilft ihm dabei. Es geht in diesem Roman von Sayers auch um ethische Fragen: Ist Euthanasie zulässig? Ist ein Mord auch zu entschuldigen?

 

Autor/in:
Dorothy L. Sayers lebte von 1893 bis 1957. Als eine der ersten Frauen an der Universität ihres Geburtsortes Oxford legte sie ein Examen ab. Sie gehört neben Agatha Christie und P.D. James zum Dreigestirn der großen englischen „Ladies of Crime“ und schrieb 20 Detektivromane. Ihre Hauptfigur der Lord Peter Wimsey, der vor allem aus moralischen Beweggründen Verbrechen aufklärt.

 

Zitat
„Der Tod war zweifelsohne plötzlich, unerwartet und für mich rätselhaft.“

 

Kurz-Kritik          

Die Crime-Lady lässt vor dem Auge des Krimifans das Plüsch-England entstehen, zwischen all den braven Menschen wohnt irgendwo das Böse, das erklärt werden will. Die Dialoge sind wohl überlegt und gesetzt, das Tempo des Romans nicht übereilig. Wohliges Grauen! Britisches Gänsehautgefühl.

 

Leserkreis          
Für alle Fans, die den klassischen englischen Krimi noch lieben - trotz Brexit.

Pandemien - ihre Ursachen und Bekämpfung

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Jörg Hacker PANDEMIEN Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten CH Beck Reihe Wissen

 

Inhalt
Ob Cholera, HIV (Aids) oder SARS, die ansteckenden Krankheiten, die Pandemien zeigen die dunkle Seite der Globalisierung. Welche Strategien gibt es zur Eindämmung? Was kann der Einzelne tun? Wieweit darf ein demokratischer Staat gehen, um gesellschaftliches Leben angesichts der Virenbedrohung außer Kraft zu setzen. Jörg Hacker, ehemaliger Präsident des Robert-Koch-Instituts gibt einen knappen aber sehr lehrreichen Überblick zur Geschichte von Infektionen, zu pandemischen Mikroorganismen, zu den zoonotischen - vom Tier auf den Menschen übergehenden - Erregern, wie Pandemien auch durch Digitalisierung eingegrenzt werden können, wozu Wissenschaftskommunikation beitragen kann, welche Auswirkungen sich auf Wirtschaft und Gesellschaft ergeben und im letzten Kapitel beschäftigt er sich mit ethischen Fragestellungen.

 

Zitat
„Auf jeden Fall gilt, dass die Eindämmung der Pandemie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe bleibt. Albert Camus hat dies bereits 1947 in seinem Roman Die Pest prognostiziert. ‘Wir werden nicht frei sein, solange es Seuchen gibt.‘ “

 

Kurz-Kritik          
Es sind nur 128 Seiten. Jörg Hacker gelingt es dennoch zwar auf wissenschaftlicher Grundlage aber verständlich formuliert die Grundfragen um Epidemien zu thematisieren. Die wichtigsten Zusammenhänge und Erklärungen mikrobiologischer Prozesse werden anschaulich dargestellt, durch Grafiken ergänzt. Es ist kein populärwissenschaftliches „Schlauberger“-Buch, das mit platten Argumenten daherkommt. In präziser Darstellungsform mit zahlreichen Querverweisen, Definitionen und Hinweisen auf weiterführende Literatur ist dem Autor ein wichtiges Grundlagenbuch für unsere aktuellen Debatten gelungen. Er widmet dem Anthropozän ein Extrakapitel, dem Zeitalter, das den Menschen als Verursacher geoökologischer Prozesse einordnet.  

 

Leserkreis          
Das Buch gehört in die Hand aller 80 Millionen „Virologen“ in Deutschland und jeweils als Freiexemplare – durch den Staat finanziert – an die Querdenkerbewegung. 

Der Junge, der den Wind einfing

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

 

Titel  William Kamkwamba & Bryan Mealer Der Junge, der den Wind einfing Eine afrikanische Heldengeschichte DIEDERICHS

 

Inhalt
In Malawi kämpfen die Menschen gegen Dürre, Hunger und Aids. Frisches Wasser fehlt. Und Elektrizität ist fast ein Fremdwort. Auch der allseits herrschende Glaube an die magischen Kräfte und Gottheiten hilft bei der Entwicklung der Region nicht einen Schritt weiter. Da wäre Bildung vonnöten, doch die Eltern können ihren Kindern das Schulgeld nicht mit auf den Schulweg geben. Kinderarbeit auf den Farmen ist gang und gäbe. Der junge Held der Geschichte William aber geht seinen eigenen Weg, denn er interessiert sich für die Naturwissenschaften und die Technik. Er eignet sich das Wissen einfach ohne Lehrer selbst an. Seine Idee, eine Windturbine zu bauen, die er aus Eukalyptusholz und Fahrradteilen zusammenschustert. Danach konstruierte William eine solarbetriebene Wasserpumpe. Damit war Trinkwasser im Dorf. Jetzt veränderte sich sein Leben und das Zusammenleben im Dorf von Grund auf. Das Buch wurde für ein Netflix-Angebot verfilmt. Heute ist William Kamkwamba Buchautor, seine Lebensgeschichte stand fünf Wochen auf der Bestseller-Liste der "New York Times". Seine Konstruktionen wurden im Museum of Science and Industry von Chicago präsentiert.

 

Zitat
„Bevor ich die Wunder der Wissenschaft entdeckte, war meine Welt von Magie beherrscht.“

 

Kurz-Kritik
Bei einer meiner letzten Begegnungen mit Peter Scholl-Latour zeichnete der populäre Journalist ein düsteres Bild vom verlorenen schwarzen Afrika in unserem Interview. Der ausgebeutete Kontinent verloren, die Eliten korrupt, die politischen Systeme „failed states“, die Bodenschätze ausgebeutet, auch die Kolonialstaaten kaum entwickelt, die Kolonialgeschichte nicht bewältigt, Diktaturen in Mode, Demokratien kaum entwickelt, militärische Gewaltexzesse, Putsch, Krankheiten und Epidemien sowie das eigentliche Problem der Hunger nur schwer zu bekämpfen. Das Fazit unseres Gesprächs völlige Hoffnungslosigkeit. Afrika ein Kontinent der Finsternis. Aber diese afrikanische Heldengeschichte eines kleinen Jungen, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, lässt Licht ins Dunkel, lässt wieder Hoffnung wachsen, lässt einen anderen positiveren Blick auf Afrika gewinnen. Es ist eine bewegende Geschichte über Engagement und Solidarität, über Experimentierfreudigkeit und auch den Glauben an sich selbst und an das Positive.  
 

Leserkreis          
Ein berührendes Buch für Jung und Alt

Ein Buch durch dick und dünn

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel  Prof. Dr. Alexander Bartelt Der Fettversteher Wie wir unser gutes Fett aktivieren, um unser schlechtes zu verlieren. Gesund und nachhaltig abnehmen ULLSTEIN EXTRA

 

Inhalt
Man glaubt ja nicht, was im menschlichen Körper so alles steckt. Neuerdings wissen wir, dass der Körper zweierlei Fettzellen in sich trägt, die weißen, die uns dick machen und die braunen. Sie können sich positiv auf unseren Stoffwechsel auswirken. Braunes Fett verbrennt Kalorien, indem es Fett aus dem Blut und Speicherfett absaugt. Es findet eine Wärme-Umwandlung statt. So wird der Stoffwechsel angetrieben, es kommt zu einer negativen Kalorienbilanz.

 

Zitat
„Jeder Mensch hat also weiße Fettzellen und ihr Füllzustand bestimmt, ob wir eher dick oder dünn sind.“

 

Kurz-Kritik
Das klug aufgebaute Sachbuch informiert sachlich gründlich und präzise über die Fette, über Fettpolster, über den Prozess wie braunes Fett weißes zum Schmelzen bringt, die Einordnung von sinnvollen und sinnlosen Diäten sind auch behandelt.

 

Leserkreis          
Ein Buch für Dicke, die dünn werden wollen und für Dünne, die vermeiden wollen, dick zu werden. Mit diesem Buch gehen sie durch dick und dünn.

 

Schäuble: Wie wir an Krisen wachsen können

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Wolfgang Schäuble Grenzerfahrungen Wie wir an Krisen wachsen SIEDLER

 

Inhalt

Die Coronakrise stellt viele unserer Gewissheiten in Frage: Wie wir leben? Wie wir wirtschaften? Wo liegen Knappheiten? Was sind unsere Grenzerfahrungen? Welche neuen Wertigkeiten entwickeln wir? Diese Fragen beschäftigen den erfahrenen Unionspolitiker Wolfgang Schäuble, der eine Essay- und Gesprächssammlung vorlegt, um auszuloten, wie wir an der Krise um Corona wachsen können. Schäuble sieht im Vorwort die Chance, neue gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Dynamiken zu entfachen. In kritischer Selbstreflexion und mit Lust an der kontroversen Debatte will Schäuble Denkprozesse einleiten, denn in den Jahrzehnten des wachsenden Wohlstands sind wir in eine zunehmende Unbeweglichkeit geraten. Das Land braucht Veränderung.

 

Zitat
„Covid-19 treibt uns durch eine steile Lernkurve und viele Lektionen werden bleiben.“

 

Kurz-Kritik
Politiker neigen dazu, ab und an nach Ende ihrer Amtszeit, nach Wahlerfolgen oder manchmal auch Niederlagen einfach ihre früheren Reden hintereinander zu hängen, etwas zu redigieren, einen provozierenden Titel zu finden, in die Talkshows zu gehen und dann zu meinen, es wäre ein Buch entstanden. Dieses Buch ist nicht so geartet, vielmehr sucht Schäuble in den einzelnen Kapiteln Antworten auf viele derzeit aktuelle Fragen zwischen Freiheit und Begrenztheit, den Grenzen des Wachstums und der Vielfalt in Gesellschaften, den Grenzen Europas. Was zählen unsere westlichen Werte in der übrigen Welt und welcher Geschichte stellen wir uns? Es gelingt Schäuble aktuell von der Coronakrise ausgehend, die wichtigen Fragen der Zukunft aufzuwerfen, aufzuwerten und zugleich – das ist ein neuer Ansatz – in einem Gespräch Kapitel für Kapitel im moderierten Dialog kritisch würdigen zu lassen.  

 

Leserkreis          
Politikerkollegen von links bis rechts, Armin Laschet und Markus Söder und das Wahlvolk, das demnächst vor einer Entscheidung steht.

Nichts als die Wahrheit 

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gibt jetzt bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp. 


Heute stellen wir Ihnen vor


Titel
James Comey Nichts als die Wahrheit Der Ex-FBI-Direktor über die Unterwanderung des amerikanischen Justizsystems DROEMER


Inhalt
Die Trump-Ära gerät schon wieder langsam in Vergessenheit. Da ist es gut, wenn Bücher uns Erinnerung rufen, was die Wahrheit ist, nichts als die Wahrheit. Glauben wir James Comey, dann steht der amerikanische Rechtsstaat am Abgrund. Der lange Streit um Wahlsieg oder Niederlage zeigt, wie wichtig die unabhängige Justiz als sicheres Fundament der Demokratie ist. 


Comey lässt uns an der Karriere des Juristen, Staatsanwalt, Ermittlers und FBI-Chefs teilhaben. Er beschreibt Ermittlungen, Kriminalfälle und Gerichtsprozesse gegen Versicherungsbetrüger, Mafiabosse und islamistische Terroristen aus seiner Zeit als Ermittler. Er legt auch offen zu Tage, wie die Trump-Regierung das unabhängige Justiz-System der USA angegriffen und unterminiert hat. Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. „Es ist Zeit, dass Amerika einen gefallenen und korrupten Präsidenten hinter sich lässt und mit dem Wiederaufbau beginnt. Es gibt viel zu tun, aber das Rezept ist einfach: Sagt dem amerikanischen Volk die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit“, schreibt James Comey als Appell an sein Volk und als Plädoyer gegen jegliche Rechtsbeugung. 


Zitat
„Ich gestehe, dass ich durchaus auch erleichtert war, entlassen worden zu sein, weg zu sein von Donald Trump und seinem Netz aus Lügen, seinen endlosen Forderungen nach persönlichen und institutionellen Kompromissen.“ 


Kurz-Kritik
Wahrheit, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, das sind die großen Vokabeln aus dem Wörterbuch der Demokratie, die auch James Comey in den Mund nimmt als geschasster FBI-Chef und Opfer des Systems Trump. Er gönnt uns einen kritischen und offenen Blick hinter die meist verschlossenen Hinterzimmer des amerikanischen Rechtssystems, formuliert die amerikanischen, uns in Europa oft nicht verständlichen Rechtsgrundsätze, benennt die Schwachstellen und Fehlentwicklungen unter Trump. Mit dem Satz „Die Rettung der Justiz ist in gewisser Hinsicht einfach“, verbindet Comey die Erwartung, der Präsident müsse nur Führungspersönlichkeiten finden, die die Werte der Institution ausstrahlen. In dieser Personalisierung liegt ja gerade das Problem, falscher Mann, falsche Frau, falsches Ergebnis. In der Populismusdemokratie USA reichen solche Rettungsvorschläge leider nicht aus, weil es eben doch auch um Strukturen geht. 


Leserkreis
Wähler, USA-Freunde, Trump-Kritiker, Biden-Freunde, der Beauftragte für die deutsch-amerikanischen Beziehungen

 

Naseweis

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gibt es jetzt bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Dr. med. Christine Löber/Hanna Grabbe Immer der Nase nach. Wie Hals, Nase und Ohren uns im Leben lenken MOSAIK

 

Inhalt
Fassen Sie sich mal an die Nase. Da sitzt ihr unterschätztes Organ. Nur wenn der Schnupfen sie plagt, wird ihnen bewusst, wie wichtig diese „Flügel“ und die Atemwege sind. Die HNO-Ärztin mit Praxis in Hamburg rückt dieses Organ zurecht, nämlich in die Mitte, da wo es sowieso schon sitzt und hingehört. Warum wir wie riechen? Wieso der Rachen kratzt? Wann Ohren verstopfen und nicht mehr hören? Wieso HNO-Krankheiten unterschätzt werden? Das alles ist in diesem Buch in verständlicher Weise beschrieben. Ob Psychosomatik oder Heuschnupfen, Atmen oder Heiserkeit alles inclusive plus Goldene Regeln für den Arztbesuch werden geliefert. Lesenswert und alltagstauglich.

 

Zitat
„Wenn Ihr Arzt Sie das nächste Mal ignoriert, sagen Sie einfach mal nichts. Man nennt das paradoxe Intervention: Sie versuchen, jemanden durch Schweigen zum Zuhören zu bringen.“  

 

Kurz-Kritik
Pop-Science heißt das Buch-Genre aus dem der HNO-Ratgeber kommt: Frech geschrieben, blumige Wortwahl, plastische Darstellung, gute Verständlichkeit, das sind die wichtigsten Kriterien, denen auch dieser Ratgeber folgt. Jeder von uns stellt sich doch die Frage, ob Wattestäbchen wirklich ins Ohr gehören. Nein, nein, nein! Sind Nasensprays gefährlich? Ja! Wann braucht man Hörgeräte? Wenn alle in der Umgebung nuscheln. All das sind Fragen mitten aus dem Leben gegriffen und lebensnah beantwortet. Ärztin und Co-Autorin gelingt ein selbsterklärendes Buch, mit konkreten Hilfen und Ratschlägen für alle die gut riechen, hören und sprechen wollen. Geruchsverlust ist ja gerade bei COVID-Langzeitfolgen wieder ein aktuelles Thema geworden.

 

Leserkreis          
Hypochonder, ernsthaft Kranke, Hörgeschädigte, Nasenpopler, Räusperer, HNO-Patienten und Wattestäbchen-Benutzer

Kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gibt jetzt bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp. 
Heute stellen wir Ihnen vor


Titel 
Mai Thi Nguyen-Kim Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel. Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft DROEMER
Spätestens seit Donald Trump wissen wir, was FAKE NEWS sind. Gibt es sie noch, die wirkliche Wirklichkeit? Wir erleben einen Mischmasch aus Wahrheit, Lügen, Fakten und Ideologie? Was ist wahr, was ist falsch, wer lügt, wer betrügt? Stehen noch Tatsachen hinter Fakten oder ist das alles konstruiert und muss in Frage gestellt werden?
In neun Kapiteln greift die Autorin gewichtige Wissenschaftsfragen auf und gibt fundierte Antworten aus der Science-Community. Sollen Drogen legalisiert werden? Machen Videospiele gewalttätig? Stimmt es, dass Männer und Frauen ungleich bezahlt werden? Wie sicher sind die Corona-Impfungen? Ist Intelligenz erblich? Denken Frauen und Männer unterschiedlich? Sind Tierversuche ethisch vertretbar? Was heißt wissenschaftliches Streiten für die Wirklichkeit


Fazit: Wissenschaftlicher Konsens ist keine Abstimmung, wer ist dafür, wer dagegen, Hände hoch, wer macht jetzt den Hammelsprung! Wenn die Evidenz es verlangt, muss man seine Meinung auch ändern können, auch wenn es weh tut. Schöne Grüße an die Querdenker! Die Autorin bespricht die Herangehensweise für wissenschaftliches Denken, diskutiert wissenschaftliche Methoden, die Fehlerkultur der Wissenschaften und den von ihr so genannten Debattenfehlschluss.

 

Zitat: „Ohne ein gemeinsames Verständnis von Wirklichkeit, auf dessen Fundament wir unsere Debatten austragen, streiten wir nur auf der Stelle und nicht vorwärts. Wissenschaftlichkeit heißt nicht, weniger zu streiten, sondern besser.“

 

Kurzkritik
Die Autorin kann erklären, präzise, überzeugend, faktenorientiert in einer klaren nie langweiligen Sprache. Ihr macht das Streiten Spaß und sie fordert ihre Leser auf, zu lesen, mit dem Motto: Also – viel Spaß. Ein Beitrag in unserer post-faktisch irritierten Zeit, wieder wissenschaftlichen Boden unter unsere Füße zu kriegen.


Leserkreis
Wähler, Talkshow-Seher, Parteigänger, Parlamentarier, Wissenschaftler, Karl Lauterbach, Virologen, Epidemiologen, Studenten und Professoren 

Roman mit Biss: Auf den Spuren von DRACULA

Transsylvanien - Unterwegs bei Graf Dracula

 

Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden.

 

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Interview mit Dana Grigorcea

Warum haben Sie die DRACULA-Geschichte als Hintergrund für Ihren Roman gewählt, das Projekt Dracula-Park als Vergnügungsstätte für Touristen wird ja doch nicht verwirklich?

 

Dracula ist ein Symbol des gestrengen Fürsten, der morbide Sehnsüchte weckt. Er waltet heutzutage nicht nur "trans silva", also hinter den Wäldern in Rumänien, sondern überall auf der Welt, wo die Menschen Autokraten und zwielichtige Populisten an die Macht hieven. Die Geschichte um den Dracula-Park in meinem Roman basiert auf einer wahren Geschichte, wie Sie richtig erkannt haben. Damals hatten sich allerlei korrupte Politiker und Geschäftslute Aktien an dem Park gesichert. Dass der Park dann doch nicht gebaut wurde, ist ein sehr begrüssenswerter Sieg der Zivilgesellschaft. 

 

Rumänen und seine politischen und gesellschaftlichen Probleme werden in der Europäischen Union oft buchstäblich an den Rand Europas gedrängt – welchem Thema müsste mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?


Die Europäische Union macht schon sehr viel für Rumänien und die osteuropäischen Länder. Umgekehrt sollten diese Länder mehr für die EU tun, zum Beispiel beim Flüchlingsthema. 

 

Bei aller Schwergewichtigkeit der Themen in ihrem Familienroman gelingt Ihnen eine gewisse Leichtigkeit. Nach dem trist-grauen kommunistischen Alltag hellt Literatur so die Seele auf und tröstet?


Ja, das ist auch meine feste Überzeugung: Literatur tut der Seele wohl. 

 

Viele Rumänen, vor allem deutschstämmige, haben ihr Land verlassen, dafür kann man Verständnis haben, aber müssten die Menschen nicht im Land bleiben, um am Fortschritt mitzuwirken?


Es ist nicht so, dass man nur vor Ort am Fortschritt des Landes mitwirkt. Dank den Wahlstimmen aus der rumänischen Diaspora ist zum Beispiel Klaus Johannis zum Präsidenten Rumäniens gewählt worden, und bei den Europawahlen die fortschrittliche Allianz USR-Plus. Die Auslandsrumänen sind von den rumänischen Populisten nicht zu erreichen, und leisten, durch regen Kontakt zu ihren Familien und Freunden in Rumänien, einen wichtigen Beitrag zum demokratischen Diskurs des Landes - von den Geldflüssen zu schweigen. 

 

Spüren Sie im Land noch Nachwirkungen des Terrorregimes von Ceaușescu?


Leider ja. Der revanchistische Ton wurde nicht abgelegt. Er hat die Art zu reden und über andere zu urteilen nachhaltig geprägt. Darum geht es auch in meinem Roman: Durch den unerbittlichen Ton, in dem man vergangenes Unrecht verurteilt, rettet man jene Geister der Vergangenheit in die Gegenwart. Um es mit Martin Luther King Jr. zu sagen: "Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that."  


Warum haben Sie den Ort der Handlung mit B. abgekürzt, wollen Sie Touristenströme dorthin vermeiden?


Da stehe ich hinter der Entscheidung meiner Erzählerin: Ich nenne den Ort nur B., „…weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral, wenngleich sie sich freilich an vielen Orten auf der Welt hätte abspielen können.“ Ich lasse Dracula da, wo man ihn vermutet, hinter dem dunklen Wald, aber eigentlich ist er längst hier, unter uns. 

Petra Reski: Der „neue“ Tod in Venedig

 

Als ich einmal in den Canal Grande fiel - Vom Leben in Venedig │ Das ungeschönte Porträt der schönsten Stadt der Welt

In „Als ich einmal in den Canal Grande fiel“ wirft Petra Reski einen wehmütigen Blick hinter die Kulissen Venedigs und erzählt, wie es ist, in einer Stadt zu leben, der es zum Verhängnis wird, dass sie von aller Welt geliebt wird. (DROEMER) 

 

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VENEDIG - kein schwimmendes Museum             Interview mit Petra Reski

 

 

Nun fahren Sie doch wieder Venedig an, die Kreuzfahrtschiffe, hat die Verwaltung nichts in Coronazeiten dazugelernt?

 

Nein, und das war auch gar nicht zu erwarten. Die Interessen der Lobbys (Kreuzfahrtmultis, Flughafengesellschaft, Fluggesellschaften) sind zu groß, als dass sich eine Handvoll Venezianer (in Venedig leben nur noch 50 000 Einwohner) ihnen in den Weg werfen könnten. 

 

Die italienische Regierung rudert seit Jahrzehnten um eine Lösung herum. Denn theoretisch dürfen Kreuzfahrtschiffe bereits seit dem Jahr 2013 nicht mehr über das Markusbecken nach Venedig einfahren: Ein Jahr nach dem Untergang der Costa Concordia hat die italienische Regierung ein Gesetzesdekret verfasst, demzufolge Kreuzfahrtschiffe nicht am Markusplatz vorbei nach Venedig einlaufen dürfen. Aber „mangels einer Alternative“ wurde diese Regelung schnell außer Kraft gesetzt und die provisorische „Lösung“ auch weiterhin praktiziert. Und jetzt ist genau das Gleiche eingetroffen: Die großen Kreuzfahrtschiffe können nicht wie vom neuen Gesetz geplant, im Industriehafen anlegen, weil die Anlegestellen dafür nicht vorbereitet sind. Was passiert? Nichts. Alles geht so weiter wie zuvor. Jedes Kreuzfahrtschiff fährt nach wie vor am Markusplatz vorbei. 

 

Der Bürgermeister und alle, die ihm politisch nahestehen, wie etwa der Regionalpräsident der Lega, haben keine Sekunde darüber nachgedacht, in Venedig einen nachhaltigen Tourismus zu praktizieren. Kreuzfahrtmultis wie MSC machen sich mit Parteispenden politische Parteien gewogen, es hätte mich eher gewundert, wenn der Bürgermeister von Venedig jetzt davon abgerückt wäre.

 

Sie wohnen in Venedig, was gefällt Ihnen immer noch daran, was nervt Sie besonders?

 

Ich lebe in Venedig, weil ich mein Leben mit einem Venezianer teile, der krank wird, wenn er aus dem Fenster blickt und kein Wasser sieht, das sechs Stunden in die eine und sechs Stunden in die andere Richtung fließt. Ich habe also keine echte Alternative. Der Ausdruck „nerven“ erscheint mir angesichts der gigantischen Probleme Venedigs allerdings etwas zu kurz gegriffen. Venedig ist eine Stadt, wie keine andere der größten Herausforderungen unseres Jahrhunderts ausgesetzt ist: dem Klimawandel und dem Overtourism. Gleichzeitig vermittelt die Einzigartigkeit dieser Stadt, nicht nur aus architektonischer Sicht, sondern aufgrund ihrer außergewöhnlichen Lage im Wasser, ein Gefühl von Poesie, für das selbst der schlichteste Mensch empfänglich ist. 
 

 

Wie ließen sich die Besucherzahlen steuern, um das „schwimmende Museum“ Venedig zu retten?

 

Ich würde Venedig nicht als „schwimmendes Museum“ bezeichnen, das ist genau das, was wir nicht wollen. Wir kämpfen darum, Venedig als lebenswerte Stadt, als Lebensraum zu erhalten, mit Bäckern und Fleischern und Handwerkern und nicht als Museum, das bei einer Tagestour bestaunt werden kann. 

 

Als allererstes sollte die Zahl der Tagestouristen beschränkt werden, die drei Viertel der 30 Millionen Touristen jährlich ausmachen. Es gibt dafür eine ganze Reihe von Konzepten, schon allein eine Reservierungspflicht für die Besichtigung des Marktplatzes würde die Besucherströme kanalisieren. Man könnte ja annehmen, dass sich in einer Stadt, die jährlich von 30 Millionen Menschen besucht wird, ein ganzes Heer von Tourismusexperten darum kümmert, wie diese Ströme reguliert werden könnten. Tatsächlich aber gibt es nur eine einzige Dame, die für den Tourismus zuständig ist, und die spricht nicht mal Englisch. Nach wie vor betrachten der Bürgermeister und seine politischen Freunde den Tourismus als eine Art nicht zu regulierende Naturgewalt - die mal kommt, mal geht. 

 

Ausschlaggebend ist aber vor allem, dass Venedig mit dem Festland in einer Art Zwangsehe lebt und nicht über sein Schicksal bestimmen kann. Denn nicht die Stimmen der Venezianer sind für die Wahl des venezianischen Bürgermeisters entscheidend, sondern die der Bewohner des Festlands: von Mestre, Marghera, Favaro, Campalto, Chirignago-Zelarino. Die nicht unter dem Massentourismus leiden, sondern an ihm verdienen. Vom Festland und vom Markt aus gesehen ist Venedig nichts anderes als eine Schatztruhe, die es zu plündern gilt, so lange es geht.

 

 

Was machen Touristen falsch, wenn sie Venedig besuchen?

 

Die Venezianer freuen sich über jeden Besucher, der sich wirklich für ihre Stadt interessiert und nicht nur wegen des Selfies am Markusplatz oder auf der Rialtobrücke kommt. Venedig kann man nur erleben, wenn man mehrere Tage in der Stadt verbringt und sich dabei auch einfach treiben lässt, ohne dabei auf Google maps zu starren, das in Venedig ohnehin nur schlecht funktioniert. Venedig ist vor allem eine sinnliche Erfahrung, man kann in den Gassen dem Klang der Schritte lauschen, dem Gezwitscher eines Kanarienvogels oder dem zu lauten Fernseher einer tauben Nachbarin. Venedig fordert dich und deine Sinne heraus. Es ist ein Gegenentwurf zur Wirklichkeit, so wie wir sie kennen. Venedig entzieht sich der Vereinheitlichung der Welt, es war schon eine Stadt der Nachhaltigkeit, als es das Wort noch gar nicht gab. Alles kann man hier zu Fuß erledigen, Venedig ist eine Stadt des menschlichen Maßes, in jeder Hinsicht, was die Entfernungen betrifft und die menschlichen Beziehungen auch.

 

Wie lässt sich der airbnb-Wahnsinn stoppen?

 

Indem die Stadtverwaltung dafür Beschränkungen erlässt, etwa dass nicht mehr als soundso viel Monate im Jahr vermietet werden darf. Heute gibt es in Venedig mehr Touristenbetten als Einwohner. Venedig ist auch die Stadt mit den meisten Airbnbs in Italien. Gastgeber, denen Hunderte Wohnungen gehören, stellen nur fünf Prozent der Vermieter, machen aber dreißig Prozent des Umsatzes. Allein daran hätte die Stadtverwaltung merken müssen, dass die Sache faul ist. Aber bislang gibt es - anders als in Städten wie Berlin, San Francisco oder Amsterdam - keinerlei Einschränkungen. 
 

 

Lohnt sich ein politisches Engagement gegen den kommunalen Filz und Korruption?

 

Es lohnt sich zumindest in der Hinsicht, dass man sich sagen kann: Ich habe nicht tatenlos zugeschaut, sondern versucht etwas zu ändern.

 

 

Angst und Aerosole

 

»Wie geht es Dir?« Als Johanna von Max, ihrem alten philosophischen Lehrer, eine Postkarte mit dieser scheinbar harmlosen Frage erhält, bricht es aus ihr hervor: die Trauer über den Tod ihrer Mutter, die Wut, dass man ihr im Krankenhaus verwehrt hat, die Sterbende zu begleiten. Provoziert durch weitere Postkarten, beginnt Johanna, sich den Dämonen hinter ihrer Verzweiflung zu stellen.

 

In einem einzigartigen Postkarten-Briefroman erzählt die Literatin und Philosophin Thea Dorn von den vielleicht größten Themen, die der gottferne, von seinen technologischen Möglichkeiten berauschte Mensch verdrängt: von der Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, von der Suche nach Trost in trostlosen Zeiten. (PENGUIN) 

 

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Prinzip Wahrheit und Hoffnung: Kamala Harris

»Ich will die Wahrheit aussprechen. Selbst wenn sie schmerzt. Selbst wenn sie anderen nicht gefällt. Das bedeutet keinesfalls, dass Wahrheiten immer unangenehm sein müssen oder es darum geht, anderen weh zu tun. Viele Wahrheiten machen Hoffnung.

Ich sage nur, dass es nicht die Aufgabe gewählter Politiker ist, die Bürger mit tröstlichen Botschaften einzulullen. Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit zu sagen – auch dann, wenn sie nicht willkommen ist.«

 

Die erste US-Vizepräsidentin zeigt in ihrer inspirierenden Autobiographie, welche Werte uns verbinden – und wie wir sie mit Aufrichtigkeit verteidigen Sie ist die erste Frau und erste Schwarze als Vizepräsidentin der USA. Kamala Harris hat das Amt in jenem historischen Moment übernommen, in dem die Vereinigten Staaten gespalten sind wie nie zuvor. Wer ist diese Frau, die die Zukunft der USA mitprägen wird? Was treibt sie an? In ihrer 2019 erschienenen und nun erstmals auf Deutsch vorliegenden Autobiografie erzählt Kamala Harris ihre eigene Geschichte und beschreibt mitreißend, wie sie sich als Tochter einer indischen Einwanderin und eines Jamaikaners zur Justizministerin Kaliforniens hocharbeitete – und schon als Staatsanwältin dem Ziel sozialer Gerechtigkeit verschrieb. Während der Immobilienkrise nahm sie den Kampf mit Banken und Big Business auf, um die einfachen Bürger zu schützen. Sie bekämpfte den Rassismus in der Strafverfolgung und trieb konsequent eine Reform des Justizwesens voran. Ihre Lebensgeschichte, die sie in diesem Buch so eindringlich schildert, ruft immer wieder die grundlegenden Werte von Freiheit, Toleranz und Gerechtigkeit in Erinnerung, die heute so sehr in Gefahr geraten sind. Das beeindruckende Zeugnis einer klugen und charismatischen Politikerin – und die bewegende Geschichte einer Frau, auf deren Schultern die Hoffnung einer ganzen Nation ruht. (SIEDLER)

 

REZENSION

 

„Vorab möchte ich zwei Dinge erwähnen: Mein Name wird „Kammala“ ausgesprochen, mit der Betonung auf der ersten Silbe. Er bedeutet Lotusblüte, und diese ist in der indischen Kultur ein besonderes Symbol. Und ich möchte betonen, dass dies ein sehr persönliches Buch ist.“ So steht es in dem Vorwort des Buches „Der Wahrheit der verpflichtet“, umhüllt von dem Cover mit dem gewinnenden Foto der Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten. Alle wissen: Sie ist die erste Frau, sie ist die erste Person mit afroamerikanischen und auch mit asiatischen Wurzeln in diesem zweithöchsten Amt der USA. Die beeindruckende Autobiographie ist vor ihrer Wahl im Team von Joe Biden abgeschlossen worden. Sie erzählt – menschlich und auch literarisch anspruchsvoll – vom erstaunlichen Werdegang der 1964 in Oakland, Kalifornien geborenen Kamala Harris. Ihre Mutter war Tamilin aus Indien und forschte an den Möglichkeiten der Heilung von Brustkrebs. Ihr Vater war Wirtschaftswissenschaftler und stammte aus einer afroamerikanischen Familie aus Jamaika.

 

Schon als Jugendliche kam sie mit der Bürgerrechtsbewegung in Kontakt. So war es nur konsequent, dass sie ihr Studium der Politik- und der Wirtschaftswissenschaft an der renommierten, Schwarzen Howard University in Washington D.C. aufnahm. (Das Adjektiv „Schwarz“ ist in dem Buch wie dieser Besprechung konsequent groß geschrieben. Das entspricht der Schreibweise der Schwarzen Community). An dieser von Schwarzen gegründeten und besuchten University hatte auch die Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison studiert und später unterrichtet. Nach ihrem Bachelor Abschluss ging Kamala Harris zurück nach Kalifornien, um dort Jura zu studieren. Nach ihrem Abschluss wurde sie Anwältin und begann ihre Karriere in der Staatsanwaltschaft von San Franzisco. Ihr Buch vermittelt einen guten Eindruck von der ganz anderen Laufbahnorganisation der Staatsanwälte in den USA. Sie werden nach intensiven Wahlkämpfen vom Volk direkt gewählt und vertreten in ihrer Arbeit und in ihren Plädoyers „das Volk“. Harris begann als Assistentin, stellte sich dann auf mehreren Ebenen Wahlen und wurde schließlich die Generalstaatsanwältin für ganz Kalifornien. In Ihrem Buch beschreibt sie, worum es ihr jeweils ging: Die Richtigen wirksam bestrafen, die Unschuldigen freilassen, die „Eierdiebe“ mit Verständnis und Hilfe zur Rückkehr in ein normales Leben beurteilen: „Back on Track“! Immer wieder muss sie ihr Engagement gegen die Ungleichbehandlung von „coloured peoples“, also Schwarzen Menschen, gegenüber Weißen, auf die geringeren Chancen von Armen gegenüber Reichen, von Frauen gegenüber Männern richten. Sie geht gegen Rassismus und Antisemitsimus, gegen Diskriminierung jeder Art vor.  Als Staatsanwältin bearbeitet sie nicht nur Akten, sondern nimmt in einer bemerkenswerten Auslegung von Gewaltenteilung Einfluss auf die Gesetzgebung und die Umsetzung von Gesetzen in Kalifornien. So erwirbt sie sich Ansehen im bevölkerungsreichsten Staat der USA und wird zur Senatorin in den Senat gewählt – am gleichen Tag wie Donald Trump Präsident wird, dessen Name in dem Buch und im Personenverzeichnis nicht auftaucht.

 

Wie ein großartiges, sympathisches Regierungsprogramm linker Demokraten liest sich die lange Liste der Kämpfe dieser unermüdlich die amerikanischen Werte verteidigenden Frau, die es als Schwarze, als Asiatin, als unerbittliche Demokratin nicht leicht hatte. Sie kämpft gegen den unzuverlässigen Schulbesuch von Grundschülern, weil sie weiß, dass mangelnde Schulbildung schlechte Prognosen auslöst.

 

Sie tritt erfolgreich für die gleichgeschlechtliche Ehe ein und kämpft gegen die Banken, die in der „subprice“-Krise Hunderttausende von Zwangsversteigerungen auslösten und für Hunderttausende von Familien den Verlust ihres Eigenheims verursachten. Harris kümmert sich um den Fortbestand von „Obamacare“, der Krankenversicherung für breite Bevölkerungskreise und um die Gesundheitsversorgung aller Menschen, um klimaneutrales Wirtschaften, um das Verbot der von der Trump-Administration angeordneten Trennung der Kindern von ihren Eltern, die um Asyl in den USA nachsuchen, weil sie in ihren mittelamerikanischen Heimatländern nicht leben können. Vieles setzt sie erfolgreich durch, anderes bringt sie auf einen guten Weg.

 

Ihr Buch verströmt Hoffnung in dem unendlichen Kampf um eine gerechtere Welt, die den lauthals verkündeten moralischen Ansprüchen und Werten besser genügt. Es liest sich als Ermutigung von einer Frau, die so sympathisch schreibt, wie sie aussieht. Seit über sieben Jahren ist sie mit dem jüdischen Rechtsanwalt Douglas Emhof verheiratet. Ihre ganze Familie und ihr eigener Werdegang sind in zahlreichen Farbfotos sichtbar.

 

Harald Loch

 

Kamala Harris: Der Wahrheit verpflichtet. Meine Geschichte

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer

Siedler, München 2021   334 Seiten   zahlr. Farbfotos      22 Euro

 

 

 

Pressestimmen »Eine wahrhaft bewegende Lebensgeschichte.« — Los Angeles Times

»Jede Seite dieses Buchs zeugt von Aufrichtigkeit und Rückgrat.« — Observer

 

 

 

Kamala D. Harris ist Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika. Geboren 1964 in Oakland als Tochter von Einwanderern, begann sie nach dem Jurastudium ihre Karriere als Bezirksstaatsanwältin von San Francisco, wurde 2011 Generalstaatsanwältin und Justizministerin von Kalifornien und 2017 US-Senatorin der demokratischen Partei. In ihrem politischen Wirken hat sie sich vor allem gegen soziale Diskriminierung und für eine grundlegende Reform der amerikanischen Strafjustiz eingesetzt.

 

 

Eine Kämpferin für Frauenrechte                     

 

 

Kamala Harris ist die erste Frau im Amt des Vizepräsidenten der USA. Dan Morain schreibt in dieser Biografie über ihren Weg zur mächtigsten Frau im Land. Als Journalist, der sie auf diesem Weg viele Jahre lang begleitet hat, versteht er wie kaum ein anderer, welche Ereignisse Kamala Harris prägten und zu den Überzeugungen führten, für die sie entschlossen einsteht. Er zeigt, was es für sie bedeutete, als Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners im Kalifornien der 60er- und 70er-Jahre aufzuwachsen, wie sie erst Attorney General von Kalifornien, dann US-Senatorin und schließlich Vizepräsidentin an der Seite von Joe Biden wurde. Auch dass ihr Weg dabei nicht frei von Niederlagen und Rückschlägen war, wird in Dan Morains Biografie deutlich: Kamala Harris hat loyale Unterstützer und erbitterte Gegner. Sie wollte Präsidentin werden und ist „nur“ Vizepräsidentin geworden. (HEYNE)


Sie ist ein politisches Multitalent, hübsch, charmant, fleißig, gründlich, rhetorisch begabt, scharfsinnig, harte Arbeit und Wahlkämpfe und Anfeindungen gewohnt und vor allem zielstrebig. Ihr entgeht nichts, und sie vergisst nichts, so beschreibt der Journalist und Biograph Dan Morain Kamala Harris, Vize-Präsidentin der Vereinigten Staaten, derzeit auf Erfolgskurs und vielleicht schon bald im Weißen Haus die Nachfolgerin ihres Förderers Joe Biden. 


Sie wollte eigentlich seinen Job anstreben, doch es war und ist für sie doch ein Umweg nötig. Und it’s a long Way… auf der Karriereleiter. Zuerst Bezirksstaatsanwältin, dann Generalstaatsanwältin, schließlich US-Senatorin und derzeit also Vizepräsidentin, „running maid“, weil sie als Mit-Kandidatin mit Joe Biden ins Amt kam. 


Als Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners, also mit multikulturellem Hintergrund, versteht sie den widersprüchlichen Umgang mit Rassismus in Kalifornien. Sie hat nämlich selbst auch negative Erfahrungen in ihrer Schulzeit damit gemacht.


Sie ist gegen die Todesstrafe und kämpft für ihre Abschaffung, sie setzt die Ehe für alle durch, liebt die feine Küche, trommelt und tanzt gerne.  Das Credo ihrer Universität ist auch ihr Lebensmotto: Wahrheitsliebe und Handeln zum Wohle der Gemeinschaft!  


Ihre Universitätszeit beschreibt Kamala kurz und knapp und ehrlich: Freitags abends tanzen, samstags morgens demonstrieren!
Ihr Bachelorstudium schließt sie in Politikwissenschaft und Volkswirtschaft ab und Kamala hospitiert zunächst bei einem Senator von Kalifornien, beteiligt sich an Protestmärschen gegen die Apartheid, studiert an der University of California in San Francisco dann „Law“ und beginnt mit 25 Jahren ihre Laufbahn als Bezirks-Staatsanwältin. 


In San Francisco wird sie zur Leiterin der Abteilung für Berufskriminalität berufen und beschäftigt sich mit Adoptions- und Fragen der Kinderbetreuung sowie allgemeinem Familienrecht. Kollegen nennen Kamala „weltläufig“ und außerordentlich „zielbewusst“.  Auch beim Spenden eintreiben ist Kamala erfolgreich. Mit lauter 500-Dollar-Einzel-Spenden kommt sie auf 1 Million. Um den Schutz der Kinder vor Missbrauch, Kinderhandel und Zwangsprostitution kümmert sie sich ebenso wie um das Beenden des modischen Schuleschwänzens in Kalifornien.


Mit 315.000 Stimmen Vorsprung gewinnt sie die Wahl zur Generalstaatsanwältin und steht damit an der Spitze der Obersten Justizbehörde Kaliforniens, wird Chefin von 4.996 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit einem Budget von 732 Millionen Dollar. In Kollegenkreisen heißt es, Kamala leitet das “Team resolut, barsch und schroff.“


Zwar wurden 900 Männer und Frauen zum Tode verurteilt, doch die Strafe wurde in den USA kaum noch vollstreckt. Die Todesstrafe hält Kamala Harris als solche für verfassungswidrig, für unmoralisch, diskriminierend und ineffizient, sei eine massive Verschwendung von Steuergeldern.  


Harris‘ Kampf gilt auch dem illegalen Waffenbesitz in Kalifornien. 18.000 Personen besaßen nicht weniger als 34.000 illegale Feuerwaffen. Harris stellt 18 Beamte extra ab, um die Waffen einzuziehen. In der Hypothekenkrise kämpft Kamala gegen die Zwangsvollstreckung von Eigenheimbesitzern durch Banken und deren böse Darlehens-Praktiken. 
Wir erfahren in dem sehr detailreichen Buch auch, dass die Generalstaatsanwältin einerseits ihren Willen immer durchsetzt, andererseits sich auch nicht zu schade ist, Spenden vom Gegner anzunehmen. Donald Trump spendete einmal 5.000 Dollar und einmal 1000 Dollar für die Wahlkampfkampagne von Harris für den Senat. 
Sie kämpft unermüdlich für das Recht von Frauen auf Entscheidungsfreiheit, was den Schwangerschaftsabbruch angeht.   
Als sie in den Senat einzieht, wählt sie - typisch für sie - die Mitgliedschaft in Ausschüssen, die nicht nur einflussreich sind, sondern auch besonders viel Arbeit machen: Den Geheimdienstausschuss, den Ausschuss für Infrastruktur und Umwelt, den Haushaltsausschuss, später den Justizausschuss. Dort findet sie das Rampenlicht für die Öffentlichkeit, daraus ergeben sich auch erfolgreiche TV-Auftritte.
Für den Leser sind die Zeitsprünge des Autors zwischen den Kapiteln zwar etwas lästig, aber es gelingt dem Biographen, die Arbeit von Kamala Harris bis ins Genaueste und spannend nachzuvollziehen, ohne mit Harris extra dafür gesprochen zu haben. Deren Motto ist: Hole Dir gute Leute und bereite Dich immer gut vor. 


In den Ausschüssen glänzt Kamala Harris deshalb durch ihr geradezu inquisitorisches Fragen, durch Beharrlichkeit, Genauigkeit der Worte, Präzision in der Logik der Fragestellung, sie leistet auch Widerstand und entwickelt daneben auch eine gewisse Respektlosigkeit in öffentlichen Anhörungen. Eben eine Kämpfernatur! Sie „grillt“ ihre Gegner auf der Anklagebank. 


In der Präsidentschaftskandidatur hält sie es mit dem Motto: Früh ins Rennen einsteigen, Stärke demonstrieren und das Feld der Konkurrenten ausdünnen, soweit nötig. 


Kritik an Kamala Harris ist in der Biographie wenig zu finden, es konzentriert sich vor allem in dem Kapitel der Wahlkampagne darauf, dass ihr Wahlkampfteam am Ende zerstritten auseinanderfällt, weil das Geld ausgeht, und das bleibt dann auch nicht ohne öffentliche Wirkung.
Kamala Harris wollte den ersten Platz erreichen, Präsidentin der Vereinigten Staaten werden, sie erreichte nur Platz 2 und wurde Vertreterin von Joe Biden. 


Ein Fazit, das der Autor zieht, heißt: Biden und Harris hoffen, einen beruhigenden Einfluss auf die zerstrittenen USA nehmen zu können, sie hoffen auch, dass sie mit dem Kongress einschließlich der Republikaner zusammenarbeiten können. Ob das angesichts der tiefen Spaltung gelingt, wird sich zeigen. Die Nation und die Welt werden sehen, aus welchem Holz Kamala Harris geschnitzt ist, sie werden sehen, wie es bei Kamala läuft. 


Dan Morain Kamala Harris. Die Biografie HEYNE

Durs Grünbein OXFORT LECTURES

urs Grünbein: Jenseits der Literatur. Oxford Lectures. Suhrkamp

 

In seinen vier Vorlesungen, die er als „Lord Weidenfeld Lectures“ im Jahr 2019 in Oxford gehalten hat, setzt sich der Dichter Durs Grünbein mit einem Thema auseinander, das ihn seit jenem Augenblick beschäftigt hat, als er die eigene Position in der Geschichte seiner Nation, seiner Sprachgemeinschaft und seiner Familie als historisch wahrzunehmen begann: Wie kann es sein, dass DIE GESCHICHTE, seit Hegel und Marx ein Fetisch der Geisteswissenschaften, die individuelle Vorstellungskraft bis in die privaten Nischen, bis in den Spieltrieb der Dichtung hinein bestimmt? Will nicht anstelle dessen Poesie die Welt mit eigenen, souveränen Augen betrachten?

In Form einer Collage oder „Photosynthese“, in Text und Bild, lässt Grünbein den fundamentalen Gegensatz zwischen dichterischer Freiheit und nahezu übermächtiger Geschichtsgebundenheit exemplarisch aufscheinen: Von der scheinbaren Kleinigkeit einer Briefmarke mit dem Porträt Adolf Hitlers bewegt er sich über das Phänomen der „Straßen des Führers“, also der Autobahnen, hinein in die Hölle des Luftkriegs. (SUHRKAMP)

 

BelletristikD

RECHTS, schwenk, Marsch!                Staatsfeinde in Uniform

Wie militante Rechte unsere Institutionen unterwandern


In Deutschland zählen immer mehr Soldaten, Polizisten und Nachrichtendienstler zur rechten Szene. Menschen also, die per Amtseid geschworen haben, das Grundgesetz und die Bundesrepublik zu beschützen - und die in diesen Positionen besonders gefährlich sind: Die Todesdrohungen des "NSU 2.0" an eine Frankfurter Anwältin und die hessische Linken-Abgeordnete Wissler wurden mithilfe einer polizeilichen Datenabfrage übermittelt. Fürs Töten ausgebildete KSK-Soldaten und Elite-Polizisten horten zu Hause massenweise Waffen sowie Munition, ihre Komplizen legen "Feindeslisten" für den "Tag X" an. Dirk Laabs‘ Spurensuche zeigt: Die rechten Verschwörer profitieren von rechtsextremen Traditionen und Überzeugungen im Sicherheitsapparat. Und das Netz ist größer als gedacht: Rechtsradikale im Staatsapparat helfen ihren Gesinnungsgenossen, bauen gemeinsam mit ihnen Netzwerke auf. Das Bündnis zwischen den Verschwörern und AfD-Abgeordneten reicht längst bis in den Bundestag.

 

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Die Flucht-Route der Nazis

Eine unfassbare Geschichte über Liebe, Intrigen und Spionage rund um die berüchtigte Fluchtroute der Nazis über den Vatikan nach Argentinien: Meisterhaft erzählt von dem bekannten Menschenrechtsanwalt und Bestsellerautor Philippe Sands.


Im Mittelpunkt stehen Leben, Flucht und Tod des SS-Offiziers Otto Wächter, Spross einer der angesehensten Familien Österreichs, zunächst Jurist in Wien und ab 1939 NS-Gouverneur von Krakau bzw. ab 1942 von Galizien. Nach 1945 als Massenmörder gesucht, gelingt ihm die abenteuerliche Flucht in den Vatikan unter den Schutz des Bischofs Hudal. Doch bevor er sich nach Argentinien absetzen kann, stirbt er 1949 überraschend.


Jahrzehnte später begegnet Philippe Sands Ottos Sohn Horst Wächter. Es ist der Beginn einer komplexen Ermittlung: Horst behauptet, sein Vater sei vergiftet worden. Sands beschließt, die Wahrheit herauszufinden.
Ausgehend von den privaten Briefen und Tagebüchern der Familie Wächter, gelingt ihm ein intimes, verstörendes Porträt des SS-Mannes und seiner Frau. Dabei lässt er uns auch an seinen Begegnungen mit Horst Wächter teilhaben - und damit an der Beziehung zweier Männer, die auf unterschiedlichen Seiten der Geschichte stehen.

 

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Idealist - Moralist - Pazifist: Heinrich Mann

Als Idealist träumte Heinrich Mann von einer besseren Welt. Als Moralist wollte er mithelfen, sie zu gestalten. Als Schriftsteller sah er sich dazu berufen.

 

Heinrich Mann zählt zu den herausragenden deutschen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Doch auf seinem Werk lastet ein doppelter Schatten: Der Schatten seines erfolgreichen Bruders Thomas und der nachwirkende Schatten der deutschen Teilung. Während Thomas Mann in beiden deutschen Teilstaaten gefeiert wurde, galt dies für Heinrich Mann nicht in gleicher Weise. In der DDR geehrt und viel gelesen, aber auch politisch instrumentalisiert, blieb ihm in der Bundesrepublik die Anerkennung lange versagt. Zwischen den Brüdern entspann sich früh ein Konkurrenzverhältnis, sie blickten mit anderen Augen auf die Welt. Mit Hilfe der Literatur wollte Heinrich sie verbessern. Er war ein politischer Träumer, kein kalkulierender Ästhet wie Thomas, der sich lieber in die Rolle des unpolitischen Betrachters flüchtete. (MARIX)

 

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Unterwegs im Gorki-Park - Verletzte Gefühle

Der Roman „Verletzte Gefühle“ ist der erste von Alissa Ganijewa, dessen Handlung sich nicht in Machatschkala (Dagestan) entspinnt, sondern in einer unbekannten russischen Provinzstadt. Wie in einer Komödie Gogols macht sich der Roman ätzend über die Sitten der örtlichen „Elite“ lustig, die untereinander durch dienstliche, geschäftliche und amouröse Bande verbunden ist.

 

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Ein Panorma-Bild auf Politik: Peter Merseburger

Er war das Gesicht des kritischen Journalismus und die Reizfigur der Mächtigen: Peter Merseburger blickt zurück auf sein Leben und lässt dabei die Geschichte der Bundesrepublik von den Anfängen in Trümmern bis zur Wiedervereinigung lebendig werden. Merseburgers Jahre als Leiter des Fernsehmagazins Panorama fielen in eine aufwühlende Zeit: Ostpolitik, RAF, Abtreibungsdiskussion. Seine scharfen Kommentare waren gefürchtet, er übte Kritik an den Regierenden in einer immer noch autoritätsfixierten Zeit. In seinen glänzend geschriebenen Erinnerungen erweist er sich einmal mehr als unabhängiger Kopf, dessen Leben geprägt ist von Aufbrüchen ins Ungewisse: sei es als Jugendlicher in der Sowjetischen Besatzungszone, der sich im Wahlkampf 1946 für die Ost-CDU engagiert und dafür ins Gefängnis wandert, als Korrespondent der ARD in vielen Hauptstädten oder am Ende seiner beruflichen Laufbahn, als er noch einmal einen Neuanfang wagt als Verfasser bedeutender Biografien. (DVA)

 

Was für ein Panorama! Peter Merseburger schreibt seine zeithistorische Lebensgeschichte als die eines politischen Zeitgenossen. Der 1928 im anhaltinischen Zeitz geborene Doyen des deutschen investigativen Journalismus hat mit über 90 Jahren das Schreiben nicht verlernt.

 

Gespannt folgte sein Fernsehpublikum seinen legendären „Panorama“ Sendungen im NDR, seinen Reportagen aus Washington, den nicht einfach zu recherchierenden Berichten aus dem ARD-Studio in Ost-Berlin oder danach seinen Korrespondentenberichten aus London. Ebenso spannend lesen sich seine jetzt unter dem Titel „Aufbruch ins Ungewisse“ erschienenen Erinnerungen, die vom Flakhelfer in den letzten Kriegsjahren bis in seinen Berliner Ruhestand führen. Es entsteht dabei ein authentisches Panorama der deutschen wie der internationalen Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten und etwas darüber hinaus.


Die erste Zeit nach dem Krieg, zunächst noch in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, bald nach Übersiedlung zum Studium in Marburg, ruft den schweren Anfang nach 1945 noch einmal eindringlich auf. Zielstrebig verfolgte der junge Merseburger seinen Weg in seinen Traumberuf, den Journalismus. Da hatte er schon die Währungsreform und die Berliner Blockade erlebt und – in amerikanischen Diensten – erste Erfahrungen mit fälschlich entlasteten Nazis gemacht.

 

Es ging damals um die Westorientierung nach Adenauers Vorstellungen oder die gesamtdeutsch-patriotischen Vorstellungen eines Kurt Schumacher, um eine Wiederbewaffnung in der jungen Bundesrepublik und auch um den 17. Juni in Ostberlin. Erste Sporen verdiente sich Merseburger in einer Hannoverschen Regionalzeitung, von der er zum Spiegel wechselte. Den rechtswidrigen, von Franz Josef Strauß veranlassten Übergriff auf dieses Magazin erlebte er auf Kuba. Das alles liest sich direkter, oft auch kritischer als in den Wälzern von Historikern, die in den Quellen suchen müssen, was Merseburgers journalistischer Alltag war. Seine demokratische Grundhaltung, seine stets gut begründete Parteinahme, sein hohes journalistisches Ethos setzten seinerzeit Maßstäbe und lesen sich heute ohne jede Selbstbeweihräucherung sympathisch und beispielhaft.


Dann ging er zum Fernsehen, zum NDR, leitete und moderierte das politische Magazin „Panorama“, die investigative Fernsehsendung von 1968 – 1975. Wer den Finger auf die meist politischen Wunden legt, hat es nicht leicht. Die leider politisch besetzten Aufsichtsgremien machten es Merseburger oft schwer. Genüsslich schildert er in seinen Erinnerungen einen Fall echter politischer Zensur, als die ARD-Intendanten mehrheitlich einen Panorama-Beitrag von Alice Schwarzer kippten, in dem eine (damals noch verbotene) Abtreibung gezeigt wurde. Das Sendeverbot führte zu einer monatelangen Diskussion in der Öffentlichkeit und hatte wohl eine größere Wirkung, als sie der nicht gesendete Beitrag gehabt hätte. „Panorama“ unter Merseburger entwickelte sich nach 1968 zu einem wichtigen Medium, das den gesellschaftlichen Aufbruch begleitete, immer argwöhnisch beobachtet und bedroht von restaurativen Kräften.


Der politische Zeitgenosse erinnert an die Zeiten der ersten Großen Koalition unter Kiesinger mit Willy Brandt als Vizekanzler und Außenminister, er begleitet die Entstehung und Realisierung der neuen Ostpolitik in der sozial-liberalen Koalition. Er ruft den Sturz von Brandt und die Fortsetzung dieser Koalition unter Helmut Schmidt noch einmal sehr lebendig auf. Nachrüstung und Friedensbewegung standen sich im nächsten Kalten Krieg im Innern, die raketenstarrenden Großmächte USA und UdSSR im Weltmaßstab gegenüber. Merseburger hat darüber berichtet, bald nicht mehr für „Panorama“, sondern aus Washington. Dort genoss er die seinerzeit herrschenden sehr liberalen Arbeitsbedingungen für Journalisten, hatte es aber mit dem glücklosen Präsidenten Carter zu tun, einem „unfähigen Provinzpolitiker“, wie Helmut Schmidt urteilte. Aus Washington ging es nach Ost-Berlin ins dortige ARD-Studio. Dass Merseburger die DDR und seine dortigen beschränkten Arbeitsbedingungen nicht schätzte und auch rückblickend

nicht verklärt, hinderte ihn nicht, auch positiv aus der DDR zu berichten.

 

Das fiel ihm, als er nach fünf Jahren nach London wechselte und es mit Margaret Thatcher zu tun bekam und deren Versuche, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu verhindern, nicht etwa leichter. Eines der wenigen, meist persönlichen Fotos im Buch, zeigt ihn vor dem Buckingham-Palast als Korrespondenten, der sich einen Wehrmachts-Stahlhelm aufgesetzt hatte, um die „eiserne Lady“ ironisch in ihrer Aversion gegen alles Deutsche zu karikieren.

 

Sein Sinn für Humor im Interesse der Wahrheit und seine Schärfe, wenn es um diese Wahrheit ging, machen ihn zu einem der großen Journalisten der (alten, westdeutschen) Bundesrepublik, dem wir jetzt noch als spätes Geschenk an die Nachgeborenen dieses selbsterlebte Geschichtsbuch verdanken – großartig!


Harald Loch


Peter Merseburger: 
„Aufbruch ins Ungewisse – Erinnerungen eines politischen Zeitgenossen“
DVA, München 2021
 

 

Peter Merseburger, geboren 1928, war Journalist bei verschiedenen Tageszeitungen, 1960 bis 1965 Redakteur und Korrespondent beim SPIEGEL, moderierte ab 1967 Panorama, wurde 1969 TV-Chefredakteur des NDR und leitete danach die ARD-Studios in Washington, London und Ostberlin. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter den Longseller Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht. Seine Biografie Willy Brandts wurde 2003 mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. Heute lebt Merseburger in Berlin und arbeitet als freier Publizist. Zuletzt erschien von ihm Theodor Heuss (2012). 

Thomas Bernhard - ein Schriftsteller-Leben

„Du musst das halt in meinem Sinn machen“, trägt Thomas Bernhard seinem Halbbruder Peter Fabjan auf, als er spürt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Und der sieben Jahre Jüngere gehorcht und übernimmt die Verantwortung, dieses Mal für ein schwieriges Erbe – so wie er es immer getan hat von Jugend an, wenn ihn der Ältere gebraucht hat. Den anderen galt er als „der liebe Bruder“, Fabjan selbst sieht sich eher als „Helfer in der Not“, denn oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte.
Peter Fabjan, Bruder und gleichzeitig behandelnder Arzt Thomas Bernhards, gibt in seinen Erinnerungen einen Einblick in das Leben an der Seite, besonders aber auch im Schatten des österreichischen Dramatikers und Romanschriftstellers, der Weltruhm erlangte.

(SUHRKAMP)

 

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Schöllgen/Schröder's Blick auf den Globus

Joe Biden wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Doch was heißt das für Europa und für Deutschland? Auch wenn man künftig von einem gesitteteren Umgang miteinander ausgehen kann: Das transatlantische Verhältnis zu den USA ist nicht erst seit Donald Trumps Amtseinführung gestört. Und die Spannungen werden mit seinem Auszug aus dem Weißen Haus nicht plötzlich verschwinden. Die Europäische Union ächzt seit Jahren unter immer größeren strukturellen Problemen, die sich kaum noch beherrschen lassen. NATO und EU, die beiden wichtigsten Gemeinschaften des politischen Westens über Jahrzehnte, entstanden in einer längst versunkenen Welt. Auf die aktuellen weltpolitischen Herausforderungen bieten sie in ihrer jetzigen Struktur keine adäquaten Antworten mehr. Gregor Schöllgen und Gerhard Schröder analysieren die verfahrene Lage und schlagen vor, was jetzt zu tun ist. Ihr Buch erscheint wenige Tage nach der Amtseinführung des neuen amerikanischen Präsidenten. Ein guter Zeitpunkt, um innezuhalten und neu zu denken. Der Westen liegt im Koma. Paralysiert und apathisch verfolgen Europäer und Amerikaner die weltweite epidemische Zunahme von Krisen, Kriegen und Konflikten aller Art. Das hat seinen Grund: Die Staaten der westlichen Welt, die es so gar nicht mehr gibt, sitzen in überlebten Strukturen fest und bekommen jetzt die Quittung für die Fehler der Vergangenheit. Die Folgen sind fatal. Gregor Schöllgen und Gerhard Schröder fragen, wie es dahin kommen konnte. Und sie sagen, wie es weitergehen muss. Mit Europa und der NATO, mit Russland und mit China, mit den Staaten der südlichen Halbkugel und nicht zuletzt mit Deutschlands Rolle in der Welt. Das Buch verbindet den analytischen Blick des Historikers mit dem gestaltenden Zugriff des Politikers. Es ist das Ergebnis eines Gesprächs, das die beiden seit vielen Jahren führen.  (DVA)

 

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Joe Biden - ein Porträt bei Suhrkamp

„Joe Biden ist zugleich der unglücklichste und der glücklichste Mensch, den ich kenne.“ Das sagt ein Weggefährte über den Mann, der bei der Präsidentschaftswahl 2020 Donald J. Trump herausfordert. Der vielfach ausgezeichnete Journalist Evan Osnos begleitet den Kandidaten der Demokratischen Partei seit Jahren und hat ihn immer wieder interviewt, zuletzt im Sommer 2020. Diese und weitere Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten wie Barack Obama bilden die Grundlage dieser brillanten Nahaufnahme des 1942 geborenen Biden, in dessen Werdegang sich die Veränderungen der politischen Kultur der USA spiegeln.


Mit gerade einmal 29 Jahren wurde der Sohn eines Autohändlers in den US-Senat gewählt. Seinen Amtseid legte er ab, nachdem er nur wenige Wochen zuvor seine erste Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren hatte. Nach Höhen und Tiefen führte ihn seine Karriere schließlich als Vizepräsident ins Weiße Haus. Joe Biden hat dramatische Schicksalsschläge und überraschende Wendungen erlebt. Vielleicht versetzt ihn gerade das in die Lage, eine zerrissene Nation zu einen, die Wunden der Trump-Ära zu heilen und einen neuen politischen Aufbruch zu ermöglichen. (SUHRKAMP)

 

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USA das Land der (unbegrenzten) Möglichkeiten

 

 


Barack Obama                                                Ein verheißenes Land PENGUIN VERLAG

 

Eine Rezension in Lese-Schritten


Zielgruppe: Donald Trump, Wladimir Putin, Angela Merkel und wir alle
Barack Obama verspricht im Vorwort seines ersten Memoirenbandes eine ehrliche Darstellung seiner zweimaligen Amtszeit. Vier Jahre hat er daran gesessen und sein Buch mit der Hand geschrieben, denn am PC zu formulieren gibt den halbgaren Gedanken den „Anschein von Ordnung“. Das Buch wuchs also in die Länge und in die Tiefe. „Ein verheißenes Land“ hat 1.024 Seiten und wurde inzwischen in 25 Sprachen übersetzt.

 

Allein sieben Übersetzer saßen an der deutschen Ausgabe, die bei Penguin erschienen ist. Schon jetzt kann man von einem Bestseller sprechen, es wurde in 890.000 Exemplaren bisher in den USA verkauft.
Obama tritt seinen Lesern sehr offen gegenüber. Mit einem Blick auf eigenes Scheitern bilanziert Obama schon eingangs aber trotzdem: „…das Land stand jetzt besser da als zu Beginn meiner Amtszeit“. 
Der amerikanische Präsident Nr. 44 will Zusammenhänge erklären, den Kontext für Entscheidungen mitliefern. Das führt zu Längen, Obama will einen zweiten Band vorlegen.

 
Es drängen sich ja auch aktuelle Themen in den Mittelpunkt, die noch zu behandeln wären. Er sieht die Demokratie am Rande einer Krise taumeln, das Land gespalten, die Menschen auch seit Corona und Rassenunruhen wütend und misstrauisch, die institutionellen Normen verletzt, grundlegender Konsens aufgelöst.


Was ist aus dem amerikanischen Traum geworden? Was sind die Folgen des Raubtier-Kapitalismus? Haben die USA ein rassistisches Kastensystem? Herrschen nur Eliten? Sind die Vereinigten Staaten noch eine Großmacht? Fragen, die Obama aufwirft und denen er als Grundannahme vorausstellt: Die USA haben noch Möglichkeiten, die sie auch für künftige Generationen nutzen können. Noch ist nicht alles verloren, aber ein endgültiges Urteil darüber steht aus. Er versteht den ersten Band seines Buches auch als eine Einladung an junge Leute, die Welt zu erneuern. 


Ich habe bisher nur das Vorwort gelesen! Dort sagt Barack Obama: „…meistens gehe ich langsam – es ist ein hawaiianisches Schlendern, wie Michelle sagt, gelegentlich mit einem Anflug von Ungeduld.“ 
Obama beobachtet sich selbst, wie seine Schritte im Weißen Haus als Präsident länger, forscher, offizieller, also auch staatsmännischer werden.
Jenes Schlendern will ich mir zu eigen machen, während ich sein Buch lese und immer wieder einmal auf www.facesofbooks.de und hier auf Facebook meine Beobachtungen und Einschätzungen dazu mitteilen, sozusagen eine nachhaltigere Rezension step by step anbieten, die Schritt für Schritt vorgeht und die es meines Wissens bisher so noch nicht gibt. Die flow-writing Buchrezension als Lese-Prozess, nicht als abgeschlossene Beurteilung am Schluss, wenn das letzte Kapitel gelesen ist. 


Jetzt kann ich schon sagen, Obama schreibt frisch, offen, selbstkritisch, reflektierend, Zusammenhänge bietend, dazu doch auch Details, kleine Beobachtungen am Rande einbeziehend, selbstkritisch, auch zweifelnd. Dem rhetorischen Talent gelingt ein erzählerischer, spannender, ja irgendwie „schlendernder“ hawaiianischer Ton. Er gefällt mir. Bin gespannt, ob er ihn durchhält.  

 

 

 

Teil 2 Die Wette


Auf den ersten 120 Seiten des 1.016-Seiten langen Erinnerungsbuches erfahren wir, wo Barack Obama herkommt, was seine familiären Wurzeln sind, wie sein Ausbildungsgang verlaufen ist, wo und was er studiert hat und wie seine Wege in die Politik verlaufen sind. Nicht unbedingt geradlinig und voller Selbstzweifel.


Als Junge beschäftigen ihn natürlich wie so viele Boys der Sport, die Mädchen, natürlich Musik und „wo man sich betrinken könnte.“


Seine Mutter liest Beatnicks-Bücher und Bekenntnisse französischer Existentialisten, und sie rät dem Sohn Obama auch zu lesen. Wenn er als Kind Langeweile verspürt, empfiehlt die Mutter: „Lies ein Buch. Und danach kannst du mir erzählen, was du daraus gelernt hast.“ 
Auf langen Autostrecken genießt er also Romane als Hörbücher, liest spannende John-Le-Carré-Thriller und Toni Morrison, die US-Schriftstellerin afroamerikanischer Literatur, oder auch Sachbücher zum amerikanischen Bürgerkrieg, viktorianischen Zeitalter oder zum Untergang des Römischen Reiches. Seine Umgebung prophezeit ihm: “Der wird es noch weit bringen.“


So eignet sich Barack Obama nach und nach ein „passables Politikwissen“ an. Aber die Politiker selbst sieht Obama kritisch: Sie wirken auf ihn halbseiden, ihre Föhnfrisuren, das schmierige Grinsen, ihre Plattitüden, und ihr nervtötendes Eigenlob im TV stören Obama, er empfindet die Politkaste als Selbstdarsteller in einem abgekarteten Spiel. 


Obama wehrt sich aber auch grundsätzlich gegen die Haltung, alle Weißen seien von Haus aus Rassisten. Sein Credo ist: Alle Menschen sind gleich geschaffen, d  a  s war sein Amerika. 


Im Jurastudium beschäftigen ihn Fragen wie: Welche Verpflichtungen hat jeder dem anderen gegenüber, was lenkt das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft? Soll der Staat die Märkte regulieren? Wodurch entsteht sozialer Wandel? Wie können Gesetze dafür sorgen, dass jeder bei Wahlen eine Stimme hat. 


Und dann tritt eine Frau in sein Leben: Michelle „Sie war groß, schön, witzig, aufgeschlossen, hilfsbereit und unglaublich smart - und ich war von der ersten Sekunde an hin und weg.“


Sie lockt ihn ständig aus der Reserve und verlangt von ihm bei Diskussionen mit ihr ehrliche Meinungen. Das gefällt ihm, denn er entscheidet sich im Zweifel immer für den schwierigeren Weg. 
In Kinko’s Copyshop gibt er seinen ersten Wahlflyer ab, ein DIN-A5-Zettelchen mit Fotos und ein paar politischen Schlagworten. Das war sein erster Schritt, ein Kandidat zu werden. Am liebsten spielt er fair, aber er verliert auch ungern. Die ersten Schritte sind sehr steinig, sie führen erst langfristig zum Erfolg. 


Seine Senats-Kandidaturen scheitern erst einmal, er verfällt in düstere Stimmungen, empfindet erste Niederlagen als demütig, hat nichts auf dem Konto, in der Ehe kriselt es, Barack Obama hat die falsche Richtung eingeschlagen. 


Man sieht also als Leser, Obama schreibt ehrlich, gesteht durchaus Zweifel ein, lässt uns an seinem innersten Gefühls- und Denk-Leben teilhaben, ist offen und ehrlich zum Leser.


Als ihm später dann endlich die Senatswahl gelingt, will er nicht gleich Zirkuspferd, sondern Arbeitspferd sein, und er konnte endlich auch Einfluss auf die Außenpolitik nehmen, was im Bundestaat nicht möglich ist. Barack gewinnt nach und nach an Popularität, sondiert auch schon die Möglichkeit, in eine Präsidentschafts-Kampagne einzusteigen, will also die aufkommende Chance nicht verstreichen lassen.
Als er Michelle gesteht, dass er Präsident der Vereinigten Staaten werden will, sagt seine Frau: “Guter Gott, Barack…wann ist es endlich genug?“ 


Nach einem Wachtraum kommt ihm zu Bewusstsein: “Ich fürchte mich vor der Erkenntnis, dass ich gewinnen könnte.“


Barack Obama will eine neue Art von Politik anstoßen, die neue Generation dazu bewegen mitzumachen, die Spaltung des Landes zu überwinden. 


Obama schreibt mit Einfühlungs- und Ausdrucksvermögen, lässt seine Umgebung zu Wort kommen, er nimmt die Leserin und den Leser an die Hand, schildert Details farbig, szenisch lebhaft und führt sie ins Weiße Haus - durch den Seiteneingang, ein „Guten Morgen“ zu den Mitarbeitern auf den Lippen, greift zum vollen Terminkalender und zu einer Tasse Tee. Der Alltag als Präsident der Vereinigten Staaten im Oval Office kann beginnen. Und wir sind dabei.


Es folgt in der Rezensionsreihe Teil 3 das Kapitel YES WE CAN: Barack Obama Ein verheißenes Land Penguin 

 

 

Teil 3  YES WE CAN

 

Immer mehr entsteht beim fortschreitenden Lesen des dicken 1.016-Seiten-Wälzers der persönliche Eindruck: Yes, i can. Ja, ich bin auch dabei. Ich stehe neben dem amerikanischen Präsidenten oder auch genau hinter ihm, schaue Barack über die Schulter, bin quasi als sein Wahlhelfer dabei, lerne alle Partei-Ortsgrößen und Countys kennen, lausche den schlauen Empfehlungen des Wahlkampfstabes, bin sogar mit auf der Couch, wenn der künftige amerikanische Präsident tief in seine Seele hinein horcht.


Obama beobachtet sehr, sehr genau, registriert zum Beispiel sogar seinen Atem-Dunst, der in kleinen Wölkchen über der Zuschauermenge hängt, wenn er zu ihnen spricht. Er hat es eben gerne ausführlich, schreibt selbstkritisch, dass er „endlos schwadroniert“.
Zitat. „Mein Problem war meine Unfähigkeit, ein Thema auf das Wesentliche zu reduzieren.“


Wahlkampf ist Tortur auf der Tour: Obama vermisst seine Kinder, sein eigenes Bett, das regelmäßige Duschen und ordentliches Essen im Wahlkampf. 


Auch seine Mitarbeiter hat der Kandidat unterwegs genauestens im Blick. Seine Bodyguards sind zum Beispiel nicht nur für die Sicherheit verantwortlich, sie spielen auch den persönlichen Assistenten, der für nötige Schmerztabletten oder Regenschirme sorgt und natürlich auch den Namen des örtlichen Parteivorsitzenden unbedingt kennen muss. 
Obamas Wahlkampfmanager machen den Kandidaten darauf aufmerksam, dass es im Wahlkampf eben nicht darum gehe, Fragen ausführlich zu beantworten, sondern konkrete Botschaften rüber zu bringen, erst recht, weil Menschen nicht durch Tatsachen, sondern sicher mehr durch Emotionen erreicht werden können.


Im Alltag geht Obama manchmal zerstreut ans Werk, stellt an sich ritisch fest, dass er unentwegt Memos, Kugelschreiber und Smartphones verlegt. Das macht unseren Helden doch sympathisch, so bodennah, er ist dann so einer wie wir. Und es schmeichelt seinem Ego eben auch, wenn man ihm schmeichelt. 


Dass ihm die Butter-Cow-Queen in Iowa bei einem Wahlkampfauftritt eine 10 Kilo schwere Butter-Büste seines Kopfes präsentiert, imponiert dem Wahlkämpfer. Aber solche Helden-Denkmäler können schnell schmelzen. 


Im Wahlkampfteam herrscht derweil das Motto des Handelns: Respekt zeigen, Stärke beweisen, die Menschen einbinden, das ist die Leitlinie der Wahlkämpfer.


Inhaltlich beschreibt Obama seine politischen Hauptpositionen so: „Ich bin in die Politik gegangen, um eine Politik zu ermöglichen, in der es weniger um Macht und Positionen und mehr um Gemeinschaft und Zusammenhalt geht.“


An der politischen Elite in Washington kritisiert der Präsidentschaftskandidat das außenpolitische Establishment, das sich auf Militäraktionen einlässt, ohne zuerst die diplomatischen Optionen zu prüfen, und andererseits an der diplomatischen Etikette dort festhält, wo entschlossenes politisches Handeln nötig gewesen wäre.
Obama vermisst bei den Entscheidungsträgern in Washington in der Kommunikation den offenen und ehrlichen Umgang mit dem amerikanischen Volk.


Auch das Wahlvolk skandiert seinen gerade erfundenen politischen Schlachtruf: YES, WE CAN lautstark. Man könnte es etwas „merkelig“ locker mit WIR SCHAFFEN DAS übersetzen.


Obamas Wahlkampf-Credo: “Es gibt kein schwarzes Amerika und kein weißes Amerika und kein Latino-Amerika oder asiatisches Amerika. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“


Es wird in der Wahlkampfauseinandersetzung zunehmend mit härtesten Bandagen gekämpft. In den konservativen Radiosendungen und auf windigen Internetseiten geraten reißerische Unwahrheiten in Umlauf: Es wird fälschlicherweise behauptet, Obama sei gar kein amerikanischer Staatsbürger, er hätte mit Drogen gehandelt, habe marxistische Verbindungen und außerhalb der Ehe sogar mehrere Kinder gezeugt.
Im Laufe der Kampagne stellt Obama an sich fest: „Ich begann, mich alt und immer einsamer zu fühlen.“ Wahlkampf, eine Tretmühle, ein Hamsterrad. 


Obama sondiert außenpolitisches Terrain. In Afghanistan und im Irak sollen die amerikanischen Verbände zurückverlegt werden. Er entwickelt ein Zeitfenster für einen US-Rückzug. General Petraeus warnt ihn vor, man würde dem Feind damit die Chance geben, einfach abzuwarten bis die US Truppen fort wären, und dann eben so weiter verfahren wie bisher. 


Auf seiner Wahlkampftour jettet Obama durch die ganze Welt und trifft auch Angela Merkel in Berlin, um in seiner politischen Rede an der ehemaligen Mauer zwischen Ost und West darauf hinzuweisen, dass heutzutage weniger sichtbare Mauern niederzureißen seien, wie zum Beispiel zwischen Reich und Arm, zwischen Ethnien und Stämmen, zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern, zwischen Christen, Muslimen und Juden. 


Zum Abbau der Belastungen im Wahlkampf „macht Obama in Familie“. Er fliegt mit Frau und Kindern gemeinsam zu Urlaubstagen nach Hawaii, erfreut sich dort an Bilderbuch-Sonnenuntergängen über dem Pazifik, lauscht dem Rascheln der Palmen, planscht mit den Töchtern im Meer und lässt sich von ihnen im Sand einbuddeln. 


Freizeit mit der Familie zu verbringen ist entspannend für den künftigen Präsidenten, während durch seine Nominierung die Spontaneität aus seinem Alltag vollends verschwand. „Es war nicht mehr möglich oder zumindest nicht einfach, durch einen Lebensmittelladen zu gehen oder auf dem Bürgersteig einen kleinen Plausch mit einem Fremden zu halten. „‘Das Ganze ist ein Zirkuskäfig‘, beklagte ich mich eines Tages …, und ‚ich bin der Tanzbär.‘“ 

 

 


Teil 4 Obama über Joe Biden


Natürlich kommt auch Obamas Stellvertreter Joe Biden in der Kandidatenphase vor. Barack zieht ins Kalkül, dass ihm in der Kampagne auch etwas passieren könnte und damit Biden zwangsläufig sein Nachfolger im Amt wäre. Obama zweifelt zunächst daran, ob Biden wirklich der richtige Mann für sein Team ist, weil sie vom Typ her und in ihrem Temperament so gegensätzlich sind: „Was Joe betraf, hätten wir, zumindest in der Theorie, nicht verschiedener sein können.“


Obma beschreibt Joe als sympathischen Menschen, als Ausbund an Warmherzigkeit, als ein Mann, der bereitwillig alles, was ihm durch den Kopf geht, mit anderen teilt. Immer hat er ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Die Anwesenden gewinnt er mit einer Flut von Umarmungen Händedrücken, Küssen, Schulterklopfen, Komplimenten und kurzen witzigen Bemerkungen für sich.


Dem Präsidentschaftskandidaten ist bewusst, Biden könne in Reden auch unbedachtsam formulieren. Außerdem neigt er dazu, lange und ermüdende Monologe zu halten. 


Auf der anderen Seite sieht er in ihm auch einen Menschen mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck, der beschämende Niederlagen und schwere persönliche Schicksalsschläge erlitten und verarbeitet hat. Bei einem Verkehrsunfall verlor Joe Biden seine erste Ehefrau und eine Tochter. 


Im persönlichen Gespräch versprach Biden, Obamas Politik mitzutragen: „Aber ich will bei jeder wichtigen Entscheidung derjenige sein, den Sie als letztes konsultieren.“


Die Gegensätzlichkeit war es dann überraschenderweise, Obama endgültig zu überzeugen und ihn für sich einzunehmen. Es würde ja auch dessen außenpolitische Erfahrung ihm nützlich sein. Die USA waren schließlich in zwei Kriege verwickelt. Biden hatte sehr gute Beziehungen zum Kongress und langjährige außenpolitische Erfahrung sowie ausreichend politisches Potential, seine Wähler mit konkreten Botschaften auch zu erreichen. Obama setzte also auf sein Bauchgefühl: Biden ist anständig ehrlich und loyal: „Ich sollte nicht enttäuscht werden.“ 


Obama erinnert auch an den großen Martin Luther King und dessen Spruch beim Freiheitsmarsch in der Bürgerrechtsbewegung (March on Washington for Jobs and Freedom 1963) „Wir können nicht alleine gehen“. Obama sieht also auch seine schwarzen Wurzeln und seine Wähler als erster Coloured-People-Präsident. Es wären also die Türsteher, Hausmeister, Sekretärinnen, Büroangestellte, Tellerwäscher und Fahrer, die seine Wähler werden könnten. 


Als er sich den Kauf einer Eigentumswohnung leistet, ist sich Obama auch nicht zu schade, seine klammen finanziellen Verhältnisse zu offenbaren. 


Ausführlich widmet sich der Präsidentschaftskandidat dem Entstehen und dem Verlauf der Immobilien- und Bankenkrise in den USA. 
Kritisch äußert er sich über die gierigen Wallstreet-Banker, die arrogant und anmaßend, versessen auf Statussymbole seien und gleichgültig wären gegenüber den Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf den Rest der Gesellschaft.


Als Obama zum Präsidenten Bush ins Oval Office gerufen wird - es geht um ein Rettungspaket wegen der Bankenkrise - zeigt sich Obama vom „Cabinet Room“ im Weißen Haus beeindruckt: „imposant“, und widmet sich dann dessen genauer farbiger Beschreibung auf fast einer ganzen Druckseite im Buch. 


Es geht dann im Weiteren um das Troubled Asset Relief Program (TARP)-Programm. Die Regierung der Vereinigten Staaten hatte an Finanzinstituten Anteile gekauft, um den Untergang des amerikanischen Finanzsystems zu verhindern. 


Obama lieferte genaue Kenntnis über das Programm, konnte in der Diskussion mit dem amtierenden amerikanischen Präsidenten Bush präzise Position beziehen, während sein Kontrahent McCain sich nicht einmal mit seinen eigenen Änderungsanträgen vertraut zeigte. 
George W.Bush findet er geradlinig, entwaffnend, selbstironisch.  
Bevor Obama in wichtige Debatten einsteigt - etwa in TV-Kanälen - hat er ein peinlich genaues Ritual: Erst einmal ein Steak essen, dann zur Entspannung seiner Musik lauschen und schließlich hundertprozentig sicher, den Glücksbringer in der Hosentasche dabei zu haben. Nach dem gelungenen Auftritt mit McCain ist Michelle sich sicher: „Du wirst gewinnen.“


Eindrücklich schildert Obama den Wahltag selbst, der für ihn eine überraschende Stille mit sich bringt. Leere Wahlkampf-Büros, keine TV-Spots, Gerüchte wabern umher, die Wahlberechtigten stürmen an die Urnen: „Jetzt konnte man nur noch abwarten.“ 


Der große Kommunikator Obama bereitet zwei Reden vor, eine für den Sieg und auch eine für die Niederlage. Die Anspannung steigt und steigt bis ins Unerträgliche, bis dann ABC News endlich verkündet: Obama ist der gewählte vierundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten: „Jubel brach aus, Freudenschreie hallten durch den Gang. Michelle und ich küssten uns, und sie wich sanft ein wenig zurück und musterte mich kurz lachend und Kopf schüttelnd.“

 

 

Teil 5    OVAL OFFICE


Tracking Tour im OVAL OFFICE, der 44. Präsident der USA versucht, sich im Weißen Haus mit den vielen Gängen, Mauern, Türen zurechtzufinden. Was und wer steckt hinter all den Pforten? 


Da stehen Büsten verstorbener Politiker herum, alte Standuhren, sein berühmter Schreibtisch steckt voller Geheimfächer. Entdeckungstouren, Überraschungen, Einsichten. Während seiner Amtszeit legt Obama nie das Gefühl ab, in einem „Heiligtum der Demokratie“ zu arbeiten. Dennoch malt er sich ab und an kleine und große Fluchten aus, er würde dann einfach am Wachhaus vorbei in der Menge verschwinden und sein „altes Leben“ führen. 


Die Töchter des Vorgänger-Präsidenten Bush veranstalten für die Präsidentenkinder der Obamas eine Besichtigungstour aus Kinderperspektive: wo sind die lustigsten Ecken zum Verstecken? Fortan wird Obama für ihn leergefegte Straßen in der Stadt vorfinden. „Das fühlte sich an, als würde ich in meiner eigenen mobilen Geisterstadt leben.“


Obama ist sich bewusst, mit etwas weniger als hundert Mitarbeitern und Beratern um ihn herum muss er nun Visionen artikulieren, Richtungen vorgeben. Organisationskultur fördern, Verantwortung und Zuständigkeit schaffen. Fragen stellen, Empfehlungen durchgehen, Foliensätze und Briefingunterlagen studieren, Strategien diskutieren „…und keine Idee wurde verworfen, nur weil sie von einem untergeordneten Mitarbeiter kam oder nicht einer bestimmten ideologischen Neigung entsprach.“
Ausführlich schildert Obama, wie er sein Personal auswählt, welch komplizierter Prozess es ist, loyale und fachkundige Mitarbeiter zu gewinnen und in seinen Stab zu locken, etwa, wenn er den Verteidigungsminister berufen will, er der selbst nicht gedient hat und an Diplomatie glaubt statt an Krieg, der nur für ihn die Ultima ratio darstellt. 


Und dann bekommt Obama den berühmten Lederkoffer fürs Atombombenarsenal in die Hand gelegt mit einer genauen Gebrauchsanweisung von einem Adjudanten an die Hand gegeben, der die Vorgehensweise so ruhig und methodisch erklärt „…wie die Programmierung eines Videorecorders.“ 

 

Derweil ist Michelle damit beschäftigt, den Umzug zu organisieren, Schulen für die Töchter zu finden, die Post umzubestellen, die Mutter ins Weiße Haus umziehen zu lassen. Das würde die ganze Sache vereinfachen, zumal die Schwiegermutter Obama an sein selbst gewähltes Schicksal erinnert, es hatte ihn ja niemand gezwungen Präsident zu werden. „Ich hatte mich also zusammenzureißen und meinen Job zu erledigen“. 


Das tut Obama, stellt thematische Teams zusammen, von der Flugsicherheit bis zur Krebsforschung, von Studienkreditschulden zum Beschaffungswesen. Und es menschelt halt auch im Weißen Haus, wenn um Hierarchien, Titel, Zuständigkeiten ja sogar Parkplätze geht und darum Rangeleien entstehen, gerad‘ so wie im richtigen Leben. 
Das alles schildert Obama mit einer detailversessenen selbstironischen und humorvollen aber auch dort, wo es angebracht ist ernsten Schreiblaune, als wolle er endlich die Vorhänge des Weißen Hauses herunterreißen oder zumindest weit aufziehen, um die Wählermenschen endlich einmal genau hinter die Mauern und die Machtkulissen des Weißen Hauses blicken zu lassen. 


Hunderttausende begleiten die Amtseinführung Obamas, sein Blick über die Menschenmenge sieht “eine bewegte Meeresoberfläche“.
Panne beim Sprechen des Amtseides, darüber geht Obama schnell hinweg, am nächsten Tag wird das Zeremoniell wiederholt. Die Formel war ihm falsch vorgelesen worden, es fehlte das Wort „getreulich“. 
Zehn Amtsantrittsbälle müssen die Obamas hinter sich bringen. Nach 12 Stunden tun Michelle die Füße weh, Mutter und Töchter gehen früh zu Bett, die Nachtschicht räumt auf, Obama kennt immer noch nicht alle Türen und die Welt dahinter: „Ich zog mir die Krawatte vom Hals, ging langsam durch die Halle und löschte die letzten Lichter.“

 

 

Teil 6         Im Amt

 

 

Nun ist er also im Amt. Der 44. Präsident der USA. Barack Obama, der sofort erkennt, egal was man sich einredet, wie viele Briefings man bekommen hat, welche Veteranen aus früheren Regierungen auch immer rekrutiert sind, „…nichts kann einen vollständig auf diese ersten Wochen im Weißen Haus vorbereiten“. 


Sein Stabschef Emanuel Rahm bringt es auf den Punkt: „Vertrauen Sie mir“, sagt er. “Die Präsidentschaft ist wie ein Neuwagen. Der Wertverlust beginnt in dem Moment, wenn man ihm vom Hof des Händlers fährt.“
Obama legt sofort los: Mit einer Executive Order untersagt Obama die Folter und setzt den Prozess in Gang, das Militär-Gefangenen-Lager Guantanamo Bay auf Kuba zu schließen. Er erlässt auch verschärfte Restriktionen gegen Lobbyisten. Es wird von Obama auch schnell eine Vereinbarung getroffen, weitere vier Millionen Kinder in das Gesundheitsprogramm zu integrieren. Die schnellen Anfangserfolge werden jedoch auf die Dauer durch die Republikaner im Kongress sehr stark ausgebremst. 


Der Amtsantritt mitten in der Finanzkrise bringt außerdem eine Reihe von Problemen mit sich. Über die Hälfte der 25 größten Finanzinstitute macht Pleite, fusioniert oder strukturiert sich um, damit der Bankrott umgangen wird. Der Aktienmarkt hat 40 Prozent an Wert verloren. Eigenheim-Zwangsvollstreckungen drohen für 2,3 Millionen Hausbesitzer. Das Haushaltsvermögen der USA ist um 16 Prozent gesunken. 
Das Manko Obamas ist es, sich für seine Gesetze immer republikanische Stimmen für die Mehrheitsentscheidung besorgen zu müssen. Es ist für Obama also äußerst schwierig, seine politischen Vorhaben konkret umzusetzen. 


Neben der detaillierten Beschreibung seiner politischen Hürden mit den republikanischen Mehrheitsverhältnissen klar zu kommen, vergisst Obama auch nicht, bei der Personenbeschreibung seiner Mitstreiter und auch Kontrahenten Details zu nennen. 


Nehmen wir als Beispiel die Sprecherin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi. Zu den passenden Schuhen ist sie perfekt frisiert, stellt eine reiche Liberale aus San Francisco dar, die reden kann wie ein Wasserfall, aber im Fernsehen nicht besonders gut rüberkommt. 


Obama lässt also in seinem Text konkrete Bilder vor dem Leserauge entstehen, er nimmt seine Leserinnen und Leser an die Hand, zeichnet kurze Charakterbilder über seine Mannschaft und beschreibt seinen Polit-Alltag seinem Publikum sehr, sehr farbig. Lästig ist jedoch die amerikanische Sitte, sich mit Vornamen anzusprechen. Die konkreten Funktionen seiner Teammitarbeiter bleiben an manchen Stellen vage umschrieben. 

 
Der Bildinnenteil (es gibt zwei davon) ist farbig aber auch schwarz-weiß opulent gestaltet. Ob Paraden, Amtseid, Wahlkampfszenen, Familienporträts oder Kabinettsrunden, am „Resolute Desk“ sitzend oder mit den beiden Töchtern im Weißen Haus spielend unterwegs, die Bilder zeigen einen präsenten Präsidenten. An vielen Stellen lässt Obama seine Sorge durchblicken, die Familie könnte unter der Sondersituation leiden, eine amerikanische Präsidentenfamilie zu sein und privilegiert im Weißen Haus zu wohnen. 


Die Republikaner versteifen sich darauf, obstruktive Opposition zu betreiben, diese „mit beeindruckender Disziplin“ umzusetzen, die Zusammenarbeit zu verweigern, egal unter welchen Umständen, zu welchen Themen und vor allem anderen auch ungeachtet der schwerwiegenden Folgen für das Land. 


Im Wohnbereich Obamas stapeln sich derweil die neuesten Konjunkturdaten, Entscheidungsvorlagen, Informationsvermerke, geheimdienstliche Briefings, Gesetzesvorlagen, Rede-Entwürfe, Themen für Pressekonferenzen: „Am intensivsten spürte ich, wie folgenreich meine Arbeit war, wenn ich Briefe aus der Wählerschaft las.“
Obama erkennt: In dieser Phase gehen reihenweise Eigenheime verloren und damit verbunden auch der Glaube an gemeinsame Ziele, an höhere Ideale in den Vereinigten Staaten. 


Derweil muss der amerikanische Präsident gegen die Folgen der immensen Geldkrise kämpfen, und er setzt dann auch für die 19 systemrelevanten Banken den auch bei uns bekannt gewordenen Stress-Test für Finanzinstitute durch.


Vor den Abgeordneten und seinem Kabinett spricht Obama auch darüber, den Irak-Krieg zu beenden, die amerikanischen Maßnahmen in Afghanistan zu befördern und terroristische Organisationen intensiver zu bekämpfen. Der Hauptteil seiner Reden konzentriert sich jedoch auf die Folgen der Wirtschaftskrise. 


Obama vergisst nicht, im ersten Teil seiner Memoiren an vielen Stellen die „First Lady“ Michelle ausführlich zu würdigen, die in der Öffentlichkeit mit ihrem Charme und ihrer Kleiderwahl glänzt und Bälle mit populären Bands organisiert, kurzum in der Außenwelt nicht nur durch ihr Outfit in der Öffentlichkeit brilliert.


Als politische Aufgabe sucht sich Michelle aus, den Anstieg von Übergewicht bei amerikanischen Kindern zu bekämpfen und die beschämend geringe Unterstützung von amerikanischen Soldaten- Familien zu beheben: „Meine Frau scheiterte nicht gerne, Sie mochte ihrer neuen Rolle durchaus zwiespältig gegenüberstehen, aber sie war dennoch fest entschlossen, sie gut auszufüllen.“


Auch persönliche Laster gibt Obama gerne zu: Etwa, dass er immer noch fünf, sechs oder sieben Zigaretten täglich raucht. Und manchmal sogar mehr.


Kein Wunder, denn Obamas Nerven liegen ziemlich blank: Zum Beispiel, wenn er offenbart, dass die Ignoranz der Wall Street ihn wahnsinnig macht, weil sie in der Haltung gegenüber der Krise alle herrschenden Klischees bestätigt, dass die hyperreichen, boni-versessenen Banker den Kontakt zum Leben normaler Menschen komplett verloren haben. Angesichts solcher Erkenntnis gönnt er sich dann auch mal einen Entspannungs-Martini. 


Am Ende des Kapitels räsoniert Obama, ob er in der Finanzkrise nicht hätte wagemutiger auftreten sollen, der Ökonomie, etwa durch Verstaatlichung der Banken, mehr Schmerzen zu bereiten, Banker strafrechtlich zu belangen oder einen Teil des Bankensystems einfach zusammenbrechen zu lassen. 


Obama kommt aber zu dem Schluss, zwar Reformer zu sein, aber eben auch ein konservatives Naturell zu haben: „Ob ich damit Weisheit oder Schwäche demonstrierte, sollen andere beurteilen.“ 

 

 

Teil 7  Politischer Alltag im Weißen Haus

 

 

Ein amerikanischer Präsident muss grüßen können. Ich meine nicht „Hello! Hi! How do you do?“ Es geht um: Finger zusammenpressen, Fingerspitzen genau an den Augenbrauen ansetzen. Obama lernt als Oberbefehlshaber den militärischen Gruß, indem er das militärische Grüßen seiner Vorgänger checkt, die mit schlappen Handgelenken oder nicht ausgestreckten Fingern komplett versagen. Er will es eben besser machen.


Auf Seite 436 finden wir die Aufgabenbeschreibung für einen amerikanischen Präsidenten, der sich bewusst sein muss, dass es seine wichtigste Aufgabe ist, die amerikanischen Bürger vor Gefahren zu beschützen. 


Ob ein atomarer Angriff Russlands, eine böse Hacker-Attacke, ein Sprengstoffattentat, Lieferboykotts bei Treibstoff, Einwandererströme, steigende Meeresspiegel, um sich greifende Pandemien, die Bedrohung ist allumfassend und braucht Lösungsansätze. 
Ob der Angriff auf Pearl Harbor, das Olympia-Attentat in München, Golfkrieg I und II, Militäreinsatz in Afghanistan oder 9/11, Obama ist sich früherer oder künftiger Bedrohungslagen sehr bewusst. 
Obama stellt uns sein außenpolitisches Team vor, in dem Tauben und Falken sitzen, er sucht nach einer „Balance“ und ist sich bewusst, dass Bräuche und Rituale, Symbole und das Protokoll - und also eben auch der militärische Gruß - wichtig sind. 


Obama lässt uns an seinem Tagesprogramm teilhaben: Frühmorgens Aufschlagen der Ledermappe, PDB, The Presidents Daily Brief, top secret, von der CIA und anderen Nachrichtendiensten über weltweite Ereignisse zusammengestellt. 


Dann die Morgenlage, Besprechung mit Mitarbeitern. Es geht um nicht weniger als Staatsstreiche, Atomwaffenfragen, gewalttätige Proteste, Grenzkonflikte und vor allem Kriege. Afghanistan, Irak, al-Quaida sind die Stichworte dazu. Obama will jeden Aspekt der amerikanischen Militärstrategien überprüfen. Der Truppenabzug aus dem Irak war weitgehend beschlossen, schreibt Barack Obama, der Afghanistanfeldzug erschien ihm nach wie vor als notwendig. 


Dabei entdeckt Obama so nebenbei auch Profanes, dass zum Beispiel der so genannte „Situation Room“ nicht wie in Hollywood-Streifen total futuristisch gestaltet ist, er findet sein Lagezentrum vielmehr „wenig glanzvoll“, „kahle Wände“, „schlichte Holzjalousien“. Es sind diese vielen Beobachtungen und Details, die den Text lebhaft machen, dem Leser ein Gefühl des ständigen Beteiligtseins geben. Und dann hören wir eben auch mit, wenn dem Präsidenten zugeflüstert wird, er solle sich von denen – gemeint sind die Militärs – nicht blockieren lassen, denn diese versuchten immer, einen neuen Präsidenten an die Leine zu nehmen. 
Wenn Obama verwundete Soldaten besucht, mit Wählern und Normalbürgern zusammenkommt, versucht er ihnen die Befangenheit zu nehmen. Er ist sich dennoch seiner Verantwortung für Leib und Leben und das Töten im Ernstfall durchaus bewusst. 


Wir erfahren auch genau, wie es in der Airforce One, seinem Boeing 747-200B-Regierungsflugzeug, aussieht: rostroter Teppichboden mit goldenen Sternen, Polsterledersessel und Wandverkleidung aus Walnussholz, Panzerfenster und Platz für einen 14köpfigen Pressepool. 
Obama bescheinigt den Vereinigten Staaten den größten Teil der vergangenen 70 Jahre eine dominante Stellung auf der Weltbühne eingenommen zu haben: „Und wenn die USA nicht immer von allen in der Welt geliebt wurden, so genossen wir zumindest Respekt und waren nicht bloß gefürchtet.“

 

Teil 8 Internationale Gipfeltreffen

 

Kapitel 14 – Internationale Gipfeltreffen. Endlich dürfen wir mit Präsident Barack Obama hinter den kleinen Nationenflaggen auch am Konferenztisch Platz nehmen, um ihm bei den G 20-Treffen auf globalem Parkett über die Schulter zu schauen und mitzulauschen. 
Vorher haben wir mit ihm schon dieses routinierte Protokoll-„Gedöns“ hinter uns gebracht, sind mit der Limousine vorgefahren, haben hundertfach Hände geschüttelt, gingen über rote Teppiche, sind protokollarisch steif begrüßt worden, auch vielfach fotografiert, sitzen nun in der Runde der Vertreter der global großen Mächte. Das alles beschreibt Obama bis ins letzte Detail. Wir sind als Leser ständig gespannt, was kommt.


Nun lässt uns der mächtige amerikanische Präsident in sein Innerstes schauen. Obama aber muss nämlich seinen Jetlag bekämpfen, sich als Neuling am Tisch interessiert geben, große Reden schwingen, schnell mal nebenbei Vier-Augen-Gespräche absolvieren, ja er gibt sogar zu, beim endgültigen „Klassenfoto“ der Gipfelteilnehmer „unbeholfen“ zu lächeln. 


Präsident Obama lässt also seinen ersten Londoner Gipfel vor den Augen des Lesers Revue passieren und plaudert aus dem präsidentiellen Nähkästchen über seine Politikkollegen. 


Dem Briten Gordon Brown mangelt es an dem „funkelnden politischen Talent seines Vorgängers“, gemeint ist Tony Blair. Merkels Augen sind „groß, strahlend blau“, sie hat eine „stoische Art“ und ein „nüchtern-analytisches Bewusstsein“. Die deutsche Kanzlerin „Mörkel“ schätzt Obama zunächst skeptisch ein ob dessen rednerischem Talent. Barack sieht das als eine gesunde Einstellung an, als Abneigung gegen mögliche Demagogie. Sarkozy dagegen, der Inbegriff von „Gefühlsausbrüchen und übertriebener Rhetorik“, kommt ihm vor wie eine Toulouse-Lautrec-Figur. Sarkozy will im Mittelpunkt des Geschehens stehen, ständig Lorbeeren ernten. 


Obama sieht Putins Widerwillen, die Souveränität anderer Staaten zu respektieren, erwähnt dessen Dreistigkeit und generelle Kriegslust, zitiert Solschenizyn, der über Russland sagt: „In unserem Land ist die Lüge nicht nur zu einer moralischen Kategorie geworden, sondern zu einem Grundpfeiler des Staatswesens.“ 


Obama legt ehrlich Zeugnis ab, gibt Einschätzungen und Gefühle preis, beschreibt seine Kontrahenten genauestens, ohne mit diplomatischem Gewäsch darum herum zu reden. Ob Finanzkrise oder START-Abkommen, Konjunktur-Ankurbelung oder Protektionismus-Fragen oder auch royales Protokoll bei der Queen, Obama lässt uns unmittelbar teilhaben. Auch wenn etwas schief geht, dann nämlich, wenn die bürgerliche Michelle der royalen Queen Elisabeth die Hand auf die Schulter legt, was nun protokoll-diplomatisch-politisch-pressemäßig ganz und gar nicht geht. Die Queen aber legt im Gegenzug ihren Arm ganz mütterlich nah um die Taille der Präsidentengattin. So wird eben auf internationalem Parkett auch ohne Protokoll Vertrauen geschaffen. 
Der Bush-Regierung, Cheney und Rumsfeld attestiert Obama, keine schlüssigen und wirkungsvollen Strategien entwickelt zu haben. 
Weltweit erkennt Obama, dass „ältere dunklere Kräfte“ wieder gegen Demokratisierung, Liberalisierung und Integration an Stärke gewinnen. Obamas Job besteht eben auch darin, ererbte Probleme zu bewältigen statt in vorausgesehenen Krisen zu navigieren. 


Als er den tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel besucht - er ist für Obama fernes Vorbild, er hat dessen Essays schon in den USA gelesen, nimmt er gleich mehrere Erkenntnisse mit nach Hause: Havels Einschätzung, dass raffinierte Autokraten bei Wahlen kandidieren und die Demokratien untergraben, dass die Aufmerksamkeit der USA für Europa fortbestehen muss, weil sonst der Frieden in Europa verkümmert, und Havel analysiert glasklar für Barack Obama persönlich: “Sie sind mit den hohen Erwartungen der Menschen gestraft“ …“ das bedeutet, dass diese auch leicht enttäuscht werden“ können. Obama muss sich also wappnen.  


Kaum hat sich der Präsident in der Airforce One hingelegt, um die Gipfelmüdigkeit der letzten acht Tage zu bekämpfen, kommt die Meldung: Piraten haben in Somalia ein Frachtschiff gekapert, der Kapitän ist Amerikaner.

 

 

Teil 9 Lizenz zum Töten


Obama ist sich bewusst, es gehört zur Jobbeschreibung des amerikanischen Präsidenten, dass die auch Befehle zur Tötung von Menschen umfasst. Für ihn ist das keine Überraschung, Obama erkennt aber, dass solche Aufträge in der Öffentlichkeit nur selten beschrieben werden. 


Al-Quaida war in den Untergrund gegangen, hatte sich aufgesplittert, führte Krieg mit Wegwerfhandys im Internet, metastasierte zu einem Netz aus Verbündeten, Agenten, Schläferzellen und bloßen Sympathisanten. So war die Lage beim Arbeitsantritt Obamas. 


Ein Arsenal tödlicher Drohnen gehörte nun zur modernen Kriegsführung, um Terrorfunktionäre auf pakistanischem Gebiet zu töten. “Ich hatte an all dem keine Freude. Es verlieh mir kein Gefühl von Macht.“ 
Seine Pläne beinhalten ja doch eigentlich Kindern eine bessere Bildung und Familien zu einer sicheren Gesundheitsversorgung zu verhelfen. Aber es ging eben auch darum, das Militärgefängnis von Guantanamo Bay aufzulösen und Folterung von Gefangenen zu beenden. Und das ist leichter auf Papier aufgeschrieben als konkret getan.


Obama hält Reden zur Terrorbekämpfung und sorgt sich um den rechtsstaatlichen Hintergrund dafür, spricht in Kairo über das Verhältnis zum Islam, besucht Frankreich zum 65. Jahrestag der Landung der Alliierten, kommt nach Dresden zum Jahrestag der Bombardierung und lässt es sich zudem nicht nehmen, ein Versprechen gegenüber dem Nobelpreisträger Elie Wiesel zu halten, dem Lager Buchenwald gemeinsam mit Angela Merkel einen Besuch abzustatten. 


Ein paar Zeilen weiter erfahren wir nebenbei, dass im Weißen Haus auch Bienen gezüchtet werden und der Honig für ein Bierbrauer-Rezept verwendet werden kann. Auf der nächsten Seite dann, dass die portugiesische Wasserhunderasse es den Obamas besonders angetan hat. Der Hund „Bo“ war ein Geschenk von Ted Kennedy. Es menschelt also in Obamas Buch. Und es sind diese Kontraste zwischen öffentlichem Leben und der Privatheit, zwischen politischer Verantwortung und familiärem Leben, die das Buch so attraktiv, spannend und gut lesbar machen.


Weite Strecken der Memoiren verwendet Obama zur Darlegung des erbitterten Kampfes mit den Republikanern um die Gesundheitsreform, wir lernen Gegner und Befürworter kennen, können das parlamentarische Procedere und die Medienkämpfe nachverfolgen und schließlich die erfolgreiche Abstimmung nach jahrelangen Machtkämpfen zwischen Demokraten und Republikanern, wenngleich die Ausführlichkeit in diesen Passagen etwas ermüdet. 


Ähnlich umfangreich schildert Obama die Politik zum Afghanistaneinsatz. Das ist dann schon packender. Die Strategie des Viersterne-Generals Petraeus war es, statt Gebietsgewinne zu erzielen und getötete Aufständische in Statistiken aufzulisten vielmehr einheimische Sicherheitskräfte auszubilden, lokale Regierungs- und Verwaltungsstrukturen aufzubauen. Der so genannte McChrystal-Plan sah weniger Truppen vor und eine Fokussierung auf die aktive Terrorbekämpfung.


Obama ist sich bewusst, dass tödliche Terrornetzwerke ohne staatlichen Hintergrund, Schurkenstaaten, die sich um Massenvernichtungswaffen bemühen die internationale Sicherheit bedrohen und nicht einfach mit „Willenskraft, Stahl und Feuer“ zu bekämpfen sind. 
„‘Ich bekomme den Friedensnobelpreis‘“, sagt Obama seiner Frau am Ehebett. “Das ist wunderbar, Schatz“, sagte sie und drehte sich auf die Seite, um noch ein wenig weiterzuschlafen.“‘


Das sind Dialoge, die hollywood- oder netflix-geeignet sind. Obama und seiner Familie steht so eine große Medienkarriere bevor. 
Nach der neunten und letzten Sitzung zu Afghanistan, November 2009, stehen die Entscheidungen fest: Aktionsradius der Taliban verringern, Karzai zu Reformen in Schlüsselministerien drängen, Ausbildung einheimischer Sicherheitskräfte verbessern, zusätzliche Truppen entsenden. „…das Resultat war, dass ich noch mehr junge Menschen in den Krieg schickte.“ „Krieg ist furchtbar und zugleich manchmal notwendig“ heißt es zwei, drei Seiten weiter, wenn Obama dann auch die Verleihung des Friedensnobelpreises behandelt. 


„Krieg kann nur mit einem gerechten Frieden vermieden werden.“ 
Als nach der Verleihung des Friedensnobelpreises ihm vor dem Hotel eine Menschenmenge zujubelt, ist Obama klar geworden: “‘Egal was tu tust, es wird nicht genug sein‘, hörte ich ihre Stimmen sagen, ‚Versuche es trotzdem‘“

 

 Teil 10   Die USA kein Welt-Polizist mehr

 

Obama zieht in den außenpolitischen Passagen seiner Biographie keineswegs die Uniform an, er will ja nicht den „Welt-Polizisten“ spielen, wie wir es von den USA aus früheren Zeiten gewöhnt sind. Er setzt auf die Vernunftbegabtheit seiner internationalen Gesprächspartner, ist überzeugt, dass die Sicherheit der USA von der Stärkung der Bündnisse und der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen abhängt. „Militärische Gewalt war für mich das letzte, nicht das erste Mittel.“

Der amerikanische Präsident zeigt auch durchaus ironisch-sarkastische Züge, wenn es in seiner Amtsausübung um Polit-Rituale geht.

 

In der Arbeitsbeschreibung für den Amtsinhaber steht nun einmal, dass politische Reden vor öffentlichem Publikum an oberster Stelle stehen. Obama gesteht uns ein, wie das „Wording“ beim Entwerfen einer politischen Rede funktioniert. Erst einmal die Menschen in der jeweiligen Landessprache begrüßen, aber bitte mit fehlerhafter Aussprache in der jeweiligen Landessprache. Dann die wichtigen Beiträge des jeweiligen Landes für die Zivilisation an sich lobend erwähnen, dann betonen, wie stark die Völker der beiden Länder freundschaftlich miteinander verbunden sind, dann darauf hinweisen, dass Vorfahren des jeweiligen Landes es in den Vereinigten Staaten sehr weit gebracht haben.

Obama gilt halt als brillanter Redner, er weiß was man redebegabt anstellen muss, um sein Publikum „tricky“ einzufangen und vor TV-Kameras rhetorisch zu brillieren.

 

Barack kann auch gut mit jungen Menschen. Er freut sich, sie zu treffen, mit ihnen zu diskutieren, ihre jugendlichen Provokationen auszuhalten. Er begegnet ihnen vor allem in Bürgerversammlungen. Sie waren für ihn stets Quelle der persönlichen Inspiration. Aber selbstkritisch erkennt er auch an, dass seine diplomatischen Charmeoffensiven durchaus ihre Grenzen haben.

 

Der ewige Kontrahent des Iran bietet dem Gegner politische Gespräche wegen dessen Atomprogramm an, Zuhause muss er sich dann „das Geschrei der Republikaner“ anhören, er „verhätschele blutrünstige Regime“

 

Obama muss also die Lektion lernen, dass er im Amt des Präsidenten auch als guter Rhetoriker sein Herz nicht auf der Zunge tragen kann. Seine Aussagen sind an strategische Erwägungen und Analysen gekettet. Es ist für ihn nicht immer leicht, seine Meinung offen zu äußern.

Was Russland angeht, gibt der Autobiograph zu, dass der Kalte Krieg seine kindliche Einbildungskraft geprägt hat. Sein Russlandbild ist aus Schulbüchern, Zeitungen, Spionageromanen und Kinofilmen geprägt. Da ist die noch existierende Sowjetunion ein furchterregender Gegner in einem Kampf zwischen Freiheit und Tyrannei. Es herrscht allerorten die klare Überzeugung, dass die Ausbreitung des marxistischen Totalitarismus eingedämmt werden sollte. Russland, so sieht es Obama, ist keine Supermacht mehr.  Diese Einschätzung wird in Putins Reich nicht auf fruchtbaren Boden fallen, geradezu Putins Weltmacht-Streben forcieren.

 

Im Gespräch mit Wladimir Putin erinnert Obama daran, dass er persönlich gegen die Invasion des Iraks gewesen sei, und er missbilligt im Gespräch mit dem russischen Präsidenten dessen Vorgehen in Georgien, weil er nämlich der Auffassung sei, jede Nation habe das Recht, über ihre Bedürfnisse und Wirtschaftsbeziehungen, ohne Einmischung von außen selbst zu entscheiden.

 

In seiner öffentlichen Rede in Russland betont er, das Volk müsse selbst über Russlands Zukunft bestimmen. Er würde ihnen die Daumen dabei drücken, denn er sei fest davon überzeugt, dass die Gewährleistung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und politische Selbstbestimmung universelle Werte seien, nach denen alle Menschen strebten.

Obama ist sich aber realistisch einschätzend sicher, dass diese „hoffnungsvollen Aktivisten“ von der Regierung bald „drangsaliert oder mundtot“ gemacht werden könnten und er wenig dafür tun kann, um sie zu schützen. Man nennt es Realpolitik.

 

Zur Entlastung vom allseits Politischen und zur Entspannung des Lesers schildert Obama dann über ein paar Seiten hinweg auch immer wieder das lebhafte Beisammensein auf Reisen mit seinen Töchtern. Wenn es um mehrstündige Hin- und Rückflüge zu den Zentren dieser Welt geht, wenn er seine Mädchen Puzzles spielen sieht oder in Bücher vertieft an Bord der Präsidentschafts-Boeing Air Force One.  

 

Wenn die Mutter Michelle dann gelöchert wird, was Papa da so den ganzen Tag tue, werden sie aufgeklärt: Dein Vater darf sich nicht amüsieren, er muss den ganzen Tag in langweiligen Sitzungen verbringen. Auch das ist Realpolitik. 

 

Teil 11
Das Weiße Haus kein Bollwerk der Macht

 

Der amerikanische Präsident hat einen aufregenden, fordernden, aufreibenden Job. Da darf er auch ein paar kleine Vorteile der Bevorzugung genießen, wenn ihn die fordernden Amtsgeschäfte ermüden.

 

Bei Besuchen gestatten zum Beispiel Museen den Obamas Sonderöffnungszeiten, damit die Präsidentenfamilie dem Wählerpublikum auch mal aus dem Weg gehen kann. Dass den jungen Obama-Töchtern da mitunter auch nackte Männer vor allem im unteren Bereich des Körpers entgegentreten, wurde von breitschultrigen und breitbeinigen Museumswärtern geistesgegenwärtig gelöst, in dem sie sich mit ihren Muskelpaketen vor den Adonis-Körpern aufbauten. 


Im Kinosaal des Weißen Hauses sahen die Obamas auch als Extra-View die neusten Blockbuster, weil die Motion Picture Association of America jeweils die neusten DVDs ins Weiße Haus schickten. Streaming war noch nicht en vogue. 


Kochen, Einkaufen, Haus in Ordnung bringen, für die lästigen Alltagsdinge war Personal da. Alle paar Monate gab es kleine Dinner-Partys mit Künstlern, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Wirtschaftsführern, die bis weit nach Mitternacht gingen und bei denen – wie Obama zugibt – „reichlich Wein“ floss. 


Michelles Ziel war es eben, das Weiße Haus zu einem einladenden Ort zu machen, nicht zu einem „exklusiven und distanziert wirkenden Bollwerk der Macht“, in dem sich die Menschen auch repräsentiert fühlen. Einladungen von Kindergruppen waren gang und gäbe. 


Obama schätzte am meisten die mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gemeinsam organisierten Musiknächte, zum Beispiel mit Stevie Wonder, Jennifer Lopez, Justin Timberlake. Sie organisierten zunächst Workshops mit Jugendlichen – auch B.B. King, Bob Dylan, Paul McCartney kamen – und gaben anschließend Konzerte auf der Bühne des Eastroom oder auf dem grünen Rasen vor dem Weißen Haus. Manchmal, wenn Obama dann das Widerhallen der Instrumente an seinem Schreibtisch, vor allem der Trommeln hörte, schlich er sich in den Vorstellungsraum und lauschte heimlich dem Auftritt der Künstler, die ihn doch so begeisterten.


Bei allen öffentlichen Auftritten im Weißen Haus und irgendwo im Land gewann Michelle die Herzen der Menschen mit ihrer „Natürlichkeit“, „Herzenswärme“, ihrem „Lächeln“ und ihrem „blitzschnellen Verstand“. Obama war mit der Präsidentengattin und ihrem öffentlichen Auftreten zufrieden, weil sie sich weder „einen Fehltritt erlaubte“ noch den „falschen Ton traf“, wie er schreibt. 


Doch da war auch eine gewisse Einsamkeit um Michelle, weil Barack seine Arbeit bis tief in die Nacht erledigen musste. „Manchmal kam ich mir vor wie der Fischer in Hemingways Der alte Mann und das Meer, denn während ich versuchte, meinen Fang an Land zu ziehen, nagten schon die Haie daran.“ 

 

Teil 12   Die Jagd auf Bin Laden

 

 


Eine Rezension in Lese-Fortschritten Teil 12 und Schluss

 

Wir bewegen uns auf den Schlussteil der Obama-Memoiren zu, und in Kapitel 25 hält Obama sich den Nahen Osten vor Augen. IRAK, Rückfall ins Chaos, IRAN, Verzweiflungstaten wegen der Sanktionen möglich, JEMEN, inzwischen Hauptquartier der al-Quaida, der Konflikt zwischen Araber und Juden im GAZA und im WESTJORDANLAND so aktuell wie selten zuvor. 


Obama schildert ausführlich die zunächst immer wieder scheiternden Schritte vergangener Jahre im Nahost-Konflikt voranzukommen. Er hofft auf ein Treffen von Netanjahu, Abbas, Mubarak und Abdullah bei einem gemeinsamen Dinner im Weißen Haus. Es kommt tatsächlich zustande. Man spricht über Friedensbemühungen und Kriegskosten. Wieder mal vergeblich. Netanjahu will den Siedlungsstopp nicht verlängern, die Palästinenser ziehen sich aus den Verhandlungen zurück. Das gemeinsame Dinner war erfolglos geblieben.
Als Obama von einer Nahost-Tour nach Washington zurückkehrt, gesteht er sich ein: „Irgendwann wird es irgendwo knallen.“
Seine Hoffnung, diese Region in eine „Oase der Demokratie“ zu verwandeln, schwindet, aber nicht ganz, „…ich war fest davon überzeugt, dass wir viel mehr tun könnten und sollten, um Fortschritte auf dem Weg dorthin zu ermöglichen.“ 


Doch in Libyen und gegen Gaddafi helfen keine Worte, Obama lässt bombardieren, mit dem dürren Befehl: „Ich erteile meine Genehmigung“ wird das Töten auf den Weg gebracht. 


Im Schlusskapitel schildert Obama minutiös und eindrucksvoll die spannendste Passage seines Buches, wie es gelang, den Anführer der al-Quaida-Bewegung Osama bin Laden in seinem Versteck aufzuspüren und durch eine kleine militärische Kommandoeinheit zu töten.
Obama hatte zunächst alle 30 Tage einen ausführlichen Bericht angefordert, was Stand der intensiven Fahndungsmaßnahmen war. Als die Unterkunft bin Ladens ausgemacht war, gab es zwei Alternativen: Bombardierung der Residenz oder ein gefährliches Mordkommando loszuschicken, um ins Innere einzudringen. 
Obama war für einen gezielten Raketenangriff nicht zu gewinnen, die Wahrscheinlichkeit, Obama dabei wirklich zu treffen, war nicht hoch genug. 


Dann war es soweit. „Operation Neptune Spear“ konnte am 2. Mai 2011 beginnen. Die Aktion wurde mit Helmkameras über Satelliten direkt in das Weiße Haus live übertragen. Obama saß im Operation Room und verfolgte zum ersten und einzigen Mal eine Militäraktion in Echtzeit mit. Als Angehörige der Navy-Sondertruppe SEAL erfolgreich mit einem Helikopter das Anwesen bin Ladens erreicht hatten, kam kurze Zeit nach Unterbrechung der Funkverbindung später die Bestätigung: „Enemy killed in action.“ Obama sagte leise: „Wir haben ihn.“ Es war jener Mann getötet, “…der für den schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte der USA verantwortlich war …“, den Terrorangriff 9/11 mit 3.000 Opfern.  
Obama stellte sicher, dass kein Foto vom getöteten Bin Laden veröffentlicht wurde. Wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, blieb unklar, „…und ich habe nie danach gefragt“, steht fast am Ende dieses ersten Bandes von Barack Obamas Memoiren. 


Ein zweiter wird folgen. Das Buch schließt ab mit einem ausführlichen Bildnachweis, die Fotostrecken sind farbig und sehr üppig und auch ausführlich kommentiert, das Register ist umfangreich.
Mit diesen 1.016 Seiten langen Erinnerungen an seine Amtszeit hat der amerikanische Präsident ein sehr eindrucksvolles Bild seiner Präsidentschaft vorgelegt, spannend beschrieben, manchmal sicher zu ausführlich, aber dennoch in vielen Details so aufschlussreich genau und auch persönlich-privat offen, dass ein transparentes und selbstkritisches Bild des ersten farbigen Präsidenten entsteht.

 

Er gesteht auch Niederlagen ein, etwa die Unmöglichkeit, Guantanamo zu beenden. 


Obama gewährt intime Blicke ins Weiße Haus und ins Innenleben seiner familiären Verhältnisse. Auch über seine internationalen Politikerkollegen findet er offene Worte und klare Einschätzungen. Eindrucksvoll, die Wirkung auf den Leser, wie zerrissen das Volk der Vereinigten Staaten dasteht, aber auch wie wenig offensives Politikbemühen auf internationalem Parkett erreichen kann, weil nationales Interesse das politische Handeln dominiert. 


Dem belesenen Präsidenten - wir treffen immer wieder auf Bücher, die Obama gelesen hat - ist eine lesenswerte Biographie gelungen. 


Buch-Tipp Barack Obama Ein verheißenes Land PENGUIN
Eine Rezension in Fortsetzungen 

Der Schattenkanzler? Markus Söder

Markus Söder - Der Schattenkanzler Biographie DROEMER und KNAUR

Provokateur, Macher, Krisenmanager: Diese Biographie leuchtet Charakter, Politikstil und den beispiellosen Aufstieg von Markus Söder aus. Geschrieben von zwei preisgekrönten SZ-Journalisten.

  • Was den starken Mann der CSU antreibt und wie er nach der Macht greift
  • Wie der bayerische Landespolitiker sich zum Schattenkanzler wandelte
  • Strebt Söder die Kanzlerkandidatur der Union an?

 

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Das helle Licht Siziliens

So also kann Sizilien gelesen werden, Schritt für Schritt, in alle Richtungen, in all seinen Schichtungen und Widersprüchen. Sizilien, eine Einheit aus Geschichte und Mythologie, aus Kulturen und Kunst, Erzählungen und Gesang, aus verletzter Natur und unberührter, preisgegeben und zugleich voller Energie. 
Voci di Sicilia »erzählt reisend« die Realität des jahrtausendealten Siziliens mit dem stets lebendigen Ätna, der in den Eingeweiden der Insel schwelt, mit der Natur, die sich in ihrem Reichtum vor uns eröffnet, urzeitlich, archaisch, um uns nur kurz darauf mit einer Fülle menschengemachten Durcheinanders zu konfrontieren, mit Verwahrlosung und kontaminierten Landschaften. 


Voci di Sicilia ist auch Stimme und Musik. Den roten Faden bilden die Lieder von Etta Scollo: Kompositionen traditioneller sizilianischer Musik, Vertonungen von Texten sizilianischer Dichter durch die Jahrhunderte hindurch. Etta Scollo, deren sizilianischem Herzen, deren nicht nur künstlerischer Rückkehr nach Sizilien sich dieses Buch verdankt, ist es ein Anliegen, Literatur und Musik, gesellschaftliche Themen, politische Fragen und die vielfältigen kulturellen Einflüsse miteinander zu verbinden. In diesem Sinn lädt Voci di Sicilia dazu ein, Sizilien immer wieder neu zu schreiben, zu (be)singen und miteinander zu teilen.

(CORSO)

 

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ETTA SCOLLO VOCI DI SICILIA EINE REISE DURCH SIZILIEN  CORSO

 

100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatt

 

 

 

Ulrich Weber FRIEDRICH DÜRRENMATT EINE BIOGRAPHIE Diogenes


Ulrich Weber FRIEDRICH DÜRRENMATT EINE BIOGRAPHIE Diogenes
Zielgruppe: Lehrer, Schüler, Buchhändlerinnen, Buchhändler, Dramaturgen, Krimifans, Schweizer, Schweiz-Hasser, Freunde der Literatur 


Friedrich Dürrenmatt, ein Schulklassiker, der zum Kanon des Deutsch-Unterrichts zählt. Der BESUCH DER ALTEN DAME, DIE PHYSIKER oder DER RICHTER UND SEIN HENKER, DER VERDACHT, DAS VERSPRECHEN, also seine Erfolgswerke aus der Kriminalliteratur und nicht nur die weltberühmten Theaterstücke gehören noch immer zu den gymnasialen Schulplänen. 


Dürrenmatt, das Erzähl-Genie, fasziniert mit seinen abgründigen Parabeln, skurrilen Kriminalgeschichten. Er fesselt als Dramatiker, als Autor antiker Tragödien-Formate, der aber auch Salonkomödien schreiben kann und dem der Schweizer und auch der Schwarze Humor eigen ist.  


Seine Werke sind in 50 Sprachen übersetzt worden. Seine Theaterstücke sind immer noch weltweit auf den Programm-Plänen. Auch Hollywood-Drehbücher entstanden aus seinen Werken. 


„Er sprach die Gefahren und Ängste seiner Zeit wie wenige aus“, heißt es im Vorwort. Die Neue Züricher Zeitung findet die Charakterisierung Dürrenmatts in der Formel: „Das gemütliche Ungeheuer“.
Dennoch blieb Dürrenmatt ein Solitär. Große Erfolge mischten sich in seiner Lebenslinie mit Katastrophen, gescheiterte Theater- und Romanprojekte waren genauso dabei wie grandiose Erfolgsgeschichten.
Dürrenmatt war Pfarrer-Sohn, ein neugieriger, geselliger, knorriger Mensch mit politisch queren Ansichten, ein barocker Dichterfürst, fern vom Mainstream. Dürrenmatt hielt die Öffentlichkeit und den Journalismus auf Distanz. Er führte ein äußerlich ruhiges, ja geradezu bürgerliches Leben im engen Umkreis seines Geburtsortes Konolfingen, einem Dorf im Kanton Bern.


Die Biographie des Literaturwissenschaftlers Ulrich Weber, Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses im schweizerischen Literaturarchiv in Bern, beschreibt Dürrenmatts Vita in einer Pfarrers-Familie von der Kindheit im Emmental, über die mageren Jahre in Basel, bis hin zu den fetten Jahren und Dürrenmatts privaten Wirtschaftswunderzeiten. 
Einige Impressionen aus den einzelnen Kapiteln der umfänglichen, detailreichen, beeindruckenden Biographie über Dürrenmatt. 
Er interessierte sich zum Beispiel lebenslang für Astronomie. 
Beim Schreiben entdeckt Weber bei seinem „Gegenstand“ die grundsätzliche Haltung, Distanz wahren zu wollen. Der Autor will sich nicht wichtig nehmen, will über sich lachen können.


Dürrenmatt pflegt zwar privat intensive Freundschaften, die er jedoch auch abrupt abbrechen kann, dann muss er „ins Freie“.
Seine persönliche Berufsbezeichnung hängt er als Zettel an die Tür der Studentenbude: „nihilistischer Dichter“, der übrigens vom Philosophen Kierkegaard stark geprägt ist, wie von Philosophie und Wissenschaft überhaupt. Mathematik, Physik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie beschäftigen ihn. Mit Schriftstellerkollegen wie Max Frisch hat er zunächst eine „Arbeitskameradschaft“.

 

Die frühe scheue Begegnung mit Bert Brecht bringt ihn zur Meinung, sein Marxismus sei „zu doktrinär“.


Seine Krimis, zunächst in Zeitungen als Serien erschienen, und seine vielen Hörspiele für Rundfunkanstalten sind seine finanziellen Quellen. Zwischen 1951 und 1956 schreibt er sieben Hörspiele.
Das Gefühl von Routinearbeit liegt ihm aber dennoch fern. Das Schreiben an sich muss für den Schweizer Erfolgsautor immer ein Experiment, ein gedankliches und künstlerisches Abenteuer sein.


Hans Schweikart, in München Intendant der Kammerspiele, setzt Dürrenmatts Stücke in Deutschland auf der Bühne durch.


„Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ werden zum Welterfolg.
Wir erfahren in der Biografie von Ulrich Weber auch viel über das Familienleben Dürrenmatts, seine Freunde, seine Lieben, seine Ehen, seine Kinder, seine Eigenarten, seine alltäglichen Lebensweisen. Dürrenmatt lebt gerne gut und intensiv. So werden Vorschüsse für ihn wichtig, im Geldausgeben ist Dürrenmatt erfahren. 


So lässt sich sein Aufstieg auch am Kauf von diversen Autotypen nachvollziehen. Erst war es ein Opel Rekord, dann ein Opel Kapitän, schließlich ein Chevrolet Bel Air, danach ein Buick, gefolgt von einem Volvo und endlich dann doch der Jaguar. 


Dennoch war Dürrenmatt ein schlechter Autofahrer, in seiner Automobilisten-Karriere schafft er zehn teils schwere Autounfälle, auch unter Alkoholeinfluss. Dürrenmatt war starker und regelmäßiger Trinker. So kaufte er zum Beispiel als günstige Gelegenheit den gesamten Weinkeller eines Bordeaux-Schlosses auf. Am Ende seines Lebens waren die gesamten Vorräte ausgetrunken. Dürrenmatt hat lebenslang Diabetes Typ 2, ist also schwer zuckerkrank, fällt einmal sogar für 48 Stunden ins Zuckerkoma. 


Bei Filmproduktionen macht Dürrenmatt mediale Entfremdungserfahrungen.  Dürrenmatts Verhältnis zu Max Frisch entwickelt sich vom Freundschafts- zum Konkurrenzverhältnis. Bei der Premiere zu „Andorra“ bespricht Dürrenmatt gegenüber Journalisten die konzeptionellen Mängel des Kollegenstücks.


Seine „Physiker“ werden 1961 bis 1963 60 Mal aufgeführt. Mit 45 Jahren war Dürrenmatt ein weltberühmter Autor.


War Dürrenmatt politisch? Ohne das Widersprüchliche, so Weber, gibt es kein politisches Denken für ihn. Im Unterschied zu Politikern haben Schriftsteller Dürrenmatts Auffassung nach eine bessere Vorstellungskraft, die Wirklichkeit von der Möglichkeit zu unterscheiden. Und Schriftsteller seien neugierig auf die Zukunft.


Besonders interessant auch der Exkurs über Dürrenmatts Schreibprozess. In den 1960er Jahren schreibt er die Texte teilweise noch selbst mit Hand, später auf Anraten der Ärzte mit Schreibmaschine, noch später diktierte er seiner Sekretärin in die elektrische Schreibmaschine. Die Mitarbeiterin musste die Manuskripte orthografisch bereinigen. Seine Interpunktion in den Manuskripten war sehr flüchtig.
Für die Komödie „Der Mitmacher“ findet der Biograph 3500 Manuskript- und Typoskript-Seiten.


Wir lesen auch, wie Dürrenmatt das Politische entdeckt, von seiner Arbeit am Schauspielhaus Zürich, seinem Verlagswechsel zu Diogenes und einem zweiten Leben an der Seite seiner zweiten Frau Charlotte Kerr. Ausführlich bespricht der Biograph Weber die Haltung Dürrenmatts zu seinen Verlagen Arche und Diogenes. Seine Krimis und seine Erfolgsstücke erreichen Millionen-Auflagen.


Im Epilog würdigt Weber die Bedeutung der Werke Dürrenmatts, die auch durch wiederholte Lektüre nicht belanglos würden. Sie hätten Bedeutung durch ihre große Spannweite. Zwar seien seine Texte auch oft unelegant, sperrig, ungeschickt und eigenwillig, er liebte ja auch die Kalauer und das Bonmot. Das Schöne, das Elegante und Ästhetische scheute er wie der Teufel das Weihwasser. 
Dürrenmatt verkörperte kreative Kraft durch die Qualität des Individuellen und des wirklich Einmaligen. Das sei eben jene Potenz künstlerischer Freiheit, die nur mit dem Mut zum Ungeschützten und Naiven zu haben sei.


Am Monument, zu dem er geworden ist, hat er auch selbst mitgebaut, ist das Fazit des Biographen.  


Im Anhang findet sich der Stammbaum Dürrenmatts, die Chronik zu Leben und Werk, ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis sowie ein Anmerkungsverzeichnis und Register. Das Diogenes-Buch ist aufwendig illustriert: 40 Bilddokumente, Fotografien, Zeichnungen vervollkommnen das ausführliche und tiefgründige, gut lesbare Porträt. Eine spannende Dürrenmatt-Biographie, ausführlich, präzise, dokumentarisch und dennoch eine lebendige, lebhafte Biographie aus dem Reich der toten Dichter.

 

Eingefroren am Nordpol: die Polarstern im Logbuch

Am 20. September 2019 startete die größte Arktisexpedition aller Zeiten: Die „Polarstern“ verließ den Hafen von Tromsö, um sich am Nordpol einfrieren zu lassen. An Bord hat sie Wissenschaftler aus 20 Nationen, die in der Arktis ein Jahr lang die Auswirkungen des Klimawandels untersuchen werden. Markus Rex, der Leiter der »MOSAiC« genannten Forschungsmission, erzählt in seinem Buch die Geschichte dieser einmaligen Expedition: Er berichtet vom Alltag unter den extremen Bedingungen der Arktis, von den logistischen und planerischen Herausforderungen und von den wissenschaftlichen Erkenntnissen, die die Forscher im Eis sammeln konnten. »Eingefroren am Nordpol« ist die Geschichte eines großen Forschungsabenteuers und zugleich ein eindringlicher Blick auf die dramatischen Folgen des Klimawandels. Mit vielen farbigen Abbildungen, u.a. exklusiven Fotos von der Expedition, Grafiken und Karten. (C.Bertelsmann)

 

Markus Rex (Expeditionsleiter) Eingefroren am Nordpol Das Logbuch von der „Polarstern“ C. Bertelsmann

 

 

 

Selbstverständlich muss ein Zitat des bekannten Polarforschers Fridtjof Nansen das Logbuch eröffnen, in dem von den ärgsten Feinden des Lebens die Rede ist. Gemeint ist das Eis, die Kälte und die lange Winternacht. Rechtzeitig vor Beginn der Weihnachtseinkäufe liefert C.Bertelsmann das nach einzelnen Tagen datierte Logbuch des Expeditionsleiters über die größte Antarktisexpedition aller Zeiten.

 

20 Nationen, das ist schon an sich ein Weltwunder, taten sich einvernehmlich zusammen, um die Geheimnisse des dramatischen Klimawandels in der Antarktis zu entschlüsseln. Das inhaltlich wie optisch sehr attraktiv aufgemachte Buch nimmt uns mit auf die spannende Seereise, die auf einer Eisscholle endet.

 

Ob Klimatabelle, Begegnung mit 60 Eisbären oder Weihnachten im Eis, wir werden Augenzeuge eines einmaligen Weltexperiments, das geglückt ist und dessen Ergebnisse uns noch eine Zeit lang beschäftigen werden.

 Allein 135 Terrabyte an Daten wurden an der Originalscholle gesammelt. Fazit des Forschergeistes: „Wir sollten alles daran setzen, (das arktische Meereis) für zukünftige Generationen zu erhalten.“

 

Kategorie das schöne Buch: zum Lesen, Blättern, Betrachten, Mitfiebern und Studieren.

 

 

Der Corona-Kompass - Ein Pandemie-Protokoll

Wieder ein aktueller Buchtipp: Alexander Kekulé Der Corona-Kompass Wie wir mit der Pandemie leben und was wir daraus lernen können Ullstein.


ZIELGRUPPE Infizierte, Resistente, Corona-Leugner, Konkurrenz-Virologen, Journalisten, Politiker, Studenten und Partypublikum, kurzum wir alle. Angela Merkel, Karl Lauterbach und natürlich Christian Drosten
Vom "Raubtier-Virus" zum "Haustier-Virus", diese Entwicklung möchte der Virologe beschleunigen. Das ist die Hauptannahme von Kekulé, der davon ausgeht, dass wir durch mehr persönliche Eigenverantwortung das Coronavirus zähmen können. Alexander S. Kekulé ist Arzt, Biochemiker, Autor und hat den Lehrstuhl für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 

 
Seuchenausbrüche sind auf diesem Planeten keine Ausnahme, sondern die Regel, sagt Kekulé. Das glauben wir ja nicht eben gerne, aber es ist so. 


Einreisestopp, Masken tragen, das hat der Wissenschaftler frühzeitig und oft genug gefordert, aber Öffentlichkeit und Politik und wir auch wollten davon noch nichts wissen. 


Was wir auch nicht kennen, sind die Disease Outbreak News. Diese DONs melden weltweit jeden vagen Verdachts-Fall, von jedem noch so abgelegenen Ort der Welt an die Virologen, und das 24 Stunden am Tag. 
Auch der Hallenser Virologe nahm diese ersten Warnungen aus China anfangs nicht so ganz ernst. Zitat: „Pest in Madagaskar, Polio in Kamerun, Ebola im Kongo, Zika in Indien, Hantafieber in Panama … Seuche ist immer und überall. Epidemiologen haben dagegen eine dicke Hornhaut entwickelt, sonst lägen ihre Nerven ständig blank.“ 
Als das Virus schon weltweit wütete, trauten wir uns nicht, die Flugzeuge vom Himmel zu holen und die Grenzen zu schließen. Dann kam die unselige Maskendiskussion über deren Wirkung, China warnte zudem auch zu spät vor Covid, die WHO verschlief sowieso alles, die Regierungen waren hoffnungslos total überfordert. Es gab keine Schutzanzüge, kein Medikament, keinen Impfstoff, zu wenig Krankenhausbetten und zu wenig ausgebildetes Pflegepersonal. Und kein Konzept. Kekulé konstatiert Versäumnisse überall.

 

Nun war also ein Erreger von einem wild gefangenen Larvenroller auf den Menschen übergegangen. Und niemand reagierte schnell genug. 10.000 chinesische Gäste reisten zum Beispiel im Februar noch nach Bayern ein. „Dem Virus waren Tür und Tor geöffnet“, schimpft Kekulé.
Er stellt fest: "Sich auf seltene, aber gravierende Schadensereignisse vorzubereiten, fällt der Politik insbesondere in demokratischen Systemen schwer." Und: "Den Teufel an die Wand zu malen, verdirbt die Stimmung." 


Von Pandemie wollte niemand reden. Die Politik schwafelte die Lage rosig. Wir sind vorbereitet. Nichts da. Es fehlte an allem. In Europa zum Beispiel an Schutzausrüstungen, Desinfektionsmitteln, Beatmungsgeräten und Medikamenten, schimpft Kekulé. Die Ausbreitung in Deutschland - und die späteren Lockdowns - wären durch kurzzeitige, geplante Kontaktreduktion zu verhindern gewesen. 
Kekulé bilanziert im Text: "Zu dem Zeitpunkt, als dieses Buch in den Druck geht, wurden weltweit rund 45 Millionen Fälle registriert, mehr als 1,2 Million Menschen sind an Covid gestorben." 


Uns interessierten hier besonders die Kapitel, in denen sich Kekulé mit der Zukunft der Pandemiebekämpfung beschäftigt.
Der Virologe stellt vier Bedingungen für eine erfolgreiche Virusbekämpfung. Kontinuierliches Handeln, keine Hin-und-her-rauf-und-runter-Maßnahmen, mehr Menschenleben retten, als es durch das Abflachen der Infektionskurve möglich ist, Risikogruppen gut schützen, die Sterblichkeit darf höchstens der einer saisonalen Grippe entsprechen. Die Pandemiebekämpfung langfristig anlegen, wenn noch kein Impfstoff zur Verfügung steht. 


Der Virologe erklärt in dem 352-Seiten-Buch seine Wissenschaft, erläutert Begriffe, spricht über Pandemien, beschreibt Strategien, bietet Grafiken, Statistiken, Anmerkungen, ein Glossar und Register - gibt also ein umfassendes Bild über Corona und seine Gefahren. Seine Sprache ist farbig publikumsnah, die Schlagzeilen über den Einzelkapiteln boulevardzeitungsähnlich. Etwa „Champions für die Rettung der Welt“ „Den Tanz beenden“ oder „Trojaner, Mörder, Trittbrettfahrer“ Der Autor will halt endlich verstanden werden. 


Ob es zu ständigen Wiederinfektionen kommen wird oder die Immunitätswirkung nach Infektionen langsam nachlässt, ist noch weitgehend unerforscht, ebenso die langfristigen Schäden durch Covid-19. 


Kekulé fordert flächendeckende Maßnahmen, also bundesstaatliche, aber keine klein-Klein-Staaterei.


Sein Bekämpfungskonzept (heißt SMART) setzt stark auf das Handeln des Individuums, das sich eigenverantwortlich gegen Covid-19 wehren kann. Die alten und gefährdeten Menschen werden geschützt, Ordnungsmaßnahmen gibt es nur, wenn Selbstschutz nicht möglich ist. Schutz und Ausbildung der Pflegekräfte verbessern, Schnelltests vor Altenheimen einrichten, Sozialkontakte ermöglichen ist Kekulés Handlungsrezept.


Fettleibige hält Kekulé übrigens als Risikopatienten wegen der Störungen der Blutgerinnung und Thrombose-Neigung für besonders gefährdet. Die so genannten "Fresszellen" müssen verbrauchtes Fett abräumen, statt Viren zu bekämpfen. 


Die "Corona-Warn-App" hält der streitbare Virologe für weitgehend wirkungslos. 


Sein Schutzkonzept zielt also auf den Schutz von Menschen mit besonderem Risiko. In öffentlichen Verkehrsmitteln, Geschäften, Hotels, Kitas, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Behörden und Kirchen muss der Staat die möglichst gefahrlose Teilhabe aller Bürger gewährleisten, so Kekulés Forderungen. 


Das Buch vermittelt den Eindruck Hinterher-weiss-man-es-besser, könnte gut sein, dass Kekulé allerdings ein Vorher-weiss-man-es-besser war und ist. Darüber wird die Zeit nach Corona urteilen. 
Ein lesenswertes, aktuelles Buch zu Corona, das sicher streitbare Diskussionen auslösen wird. Für den kommenden Lockdown und die geruhsamen Kaum-Kontakt-Weihnachten die passende Lektüre. Investition besser als Böller. 

 

Christoph Hickmann/Martin Knobbe/ Veit Medicke (Hg)LOCK DOWN Wie Deutschland in der Coronakrise knapp der Katastrophe entkam SPIEGEL Buchverlag dva

 

24 Journalisten des SPIEGEL haben für den SPIEGEL Buchverlag bei DTV zusammengetragen, was das Jahr 2020 und der Coronavirus den Menschen in Deutschland gebracht hat. Von Wuhan im Dezember beginnend bis zum Ende des Sommers haben die Autorinnen und Autoren aufgeschrieben, was man die Chronik der laufenden Ereignisse aber auch die Chronik des angekündigten Todes nennen könnte. 

 

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John le Carré ist gestorben

Federball


Der Großmeister des Spionage-Thrillers („Der Spion, der aus der Kälte kam“) schlüpft in seinem neuesten Werk „Federball“ in die Rolle des anklagenden Intellektuellen. In den Worten seiner Protagonisten lässt John le Carré Luft und Frust ab. Nat, ein Spion in Diensten ihrer Majestät, und dessen bei einem Badmintonspiel aufgelesener Freund Ed ziehen in leidenschaftlichen Tiraden über den Unsinn von Brexit und die Gefährlichkeit von Donald Trump her. Keiner der anderen Personen widerspricht. So stehen diese beiden Aussagen wie eine unumstößliche Wahrheit über dem spannenden Geschehen.


Nat ist nach geheimen Auslandseinsätzen in Moskau und Tallinn wieder nach London zurückbeordert worden. Hier kann er mit seiner als linker Anwältin arbeitenden Frau Prue wenigstens gelegentlich so etwas wie ein häusliches Leben führen. Die Abteilung, in der Nat jetzt arbeitet, ist so etwas wie ein Abstellgleis, auf das erst die junge Spionage-Auszubildende Florence frischen Wind fächelt. Aus ihrem großen Projekt gegen einen russischen Milliardär in London wird zwar nichts, aber an der genüsslichen Beschreibung der Vorbereitungen dazu bringt der Autor seine eigene Geheimdiensterfahrung ein.


Nat und Ed verabreden sich – meistens montags – immer wieder zu Federballspielen. Zunächst gewinnt meistens Nat, bald überflügelt ihn Ed. Nach dem Spiel trinken sie an der Bar des Clubs ein Bier miteinander. Hier führen sie   lesenswerte Dialoge über die desolaten politischen Verhältnisse, erfahren aber nichts über einander. Einmal bittet Ed seinen Freund, jemanden für ein Doppel mitzubringen, weil er selbst seiner geistig behinderten Schwester die Freude an einem gemeinsamen Spiel bereiten möchte. Nat bringt zu diesem Doppel seine Mitarbeiterin Florence mit, die er Ed wie eine Zufallsbekanntschaft vorstellt. Der professionelle Spion ist immer wachsam. Inzwischen beginnt sich das Spionagekarussell schneller zu drehen: Ein von Nat umgedrehter russischer Spion, ein für später aufgebauter „Schläfer“, ruft um Hilfe. Dessen in Kopenhagen stationierter Führungsoffizier, die polyglotte Top-Mitarbeiterin des russischen Geheimdienstes Valentina fliegt in London ein. Vorher musste sich Nat in Prag bei einem sehr klandestinen Treffen mit einem aus früheren Zeiten in Triest bekannten russischen Spion über diese Valentina erkundigen. Für den Autor sind das immer wieder gutgenutzte Gelegenheiten, Details aus der Spionage-Welt des Misstrauens kenntnisreich einfließen zu lassen. Das liest sich amüsant, spannend und eben auch als eine Welt der „intelligence“. Und auch hier kommen die Spione z.T. „aus der Kälte“.


Valentinas Geheimbesuch in London wird vom britischen Dienst und von Nat überwacht. Sie verfolgt einen ganz anderen Zweck, als den umgedrehten Schläfer zu besuchen. Völlig überraschend auch für Nat kommt dessen Federballpartner ins Spionage-Spiel und bringt Nat in seinem Dienst in größte Schwierigkeiten. Zu allem Überfluss hat auch das so unschuldige Doppelspiel auf Feld drei des Badminton-Courts unvorhersehbare Folgen. Am Ende geht es holterdiepolter zu einem Standesamt und von dort zum Flughafen. Erst jetzt beruhigt sich der Puls der Beteiligten wie der Leser. Ein großer, intelligenter Spionageroman mit einem inständigen Plädoyer für Europa findet – hoffentlich – ein gutes Ende.


Harald Loch


John le Carré: Federball             Roman
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Ullstein, Berlin 2019   350 Seiten   24 Euro

 

Der Raketenpionier aus Schäßburg

Nach dem Ersten Weltkrieg bricht das Zeitalter der Utopien an.

1920 zieht es den jungen Hermann Oberth von Siebenbürgen nach Göttingen, um Physik zu studieren - die spannendste Wissenschaft der Zeit. Hermann will den Menschheitstraum von der Mondrakete verwirklichen. Als der Durchbruch nah ist, weisen seine Professoren ihn ab.

Seine lebenslustige Frau Tilla versucht, einen gemeinsamen Alltag als Familie zu ermöglichen, als doch jemand an Hermanns Forschung glaubt: Wernher von Braun, Mitglied der SS. Doch statt der Mondrakete soll Hermann die V2 mit entwickeln, eine „Vergeltungswaffe“ für die Nazis. Seine Kinder Ilse und Julius verliert er an den Krieg. Und so stellt sich ihm und auch Tilla mit voller Wucht die Frage nach der eigenen Verantwortung für die Geschichte. (dtv)

 

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Von der Außenwelt zur Innenwelt:              Peter Handke


Peter Handke wurde 2019 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er ist einer der umstrittensten und produktivsten Autoren der Gegenwart. Sein Bild in der Öffentlichkeit ist von Extremen geprägt: Hohepriester der Kunst, einsamer Mönch, Serbenfreund. Wie viel Wahrheit steckt hinter diesen Bildern? Auch sein Leben erscheint als Gratwanderung zwischen Extremen: zwischen Einsamkeit und Liebe, Menschenscheu und Ruhmsucht, Sprache und Politik, Traum und Welt. Malte Herwig führte lange Gespräche mit dem Dichter, dessen Verwandten, Weggefährten und Kontrahenten, und er erhielt Einsicht in unveröffentlichte Texte Handkes. So entstand eine aufschlussreiche und kontroverse Biographie. Um ein umfangreiches Kapitel und viele neue Fotos ergänzt und aktualisiert. Mit zahlreichen Abbildungen: unveröffentlichten Fotos, Faksimiles von Tagebuchseiten sowie Zeichnungen und Skizzen von Handke. Die einzige umfassende Biographie des umstrittenen Dichters. (Pantheon)

 

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Geert Mak: Große Erwartungen                          Auf den Spuren des Europäischen Traums    1999 – 2019

Mit seinem hochgelobten Werk »In Europa« hat GEERT MAK die Geschichte unseres Kontinents im katastrophenreichen 20. Jahrhundert virtuos erzählt und damit einen Klassiker der Geschichtsschreibung vorgelegt, der zum internationalen Bestseller wurde. 

Daran knüpft er nun an mit seinem neuen Buch »Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums (1999-2019)«. Es erscheint heute, am 31. August, im Siedler Verlag. 

Angesicht eines desorientierten und gespaltenen Europas fragt sich Mak: »Was ist beim turbulenten Start ins 21. Jahrhundert mit der europäischen Welt geschehen?«

 

15 Jahre nach »In Europa«: Auf seiner neuen Reise durch den Kontinent spürt Mak dem alten europäischen Traum – Frieden, Demokratie, Wohlstand – nach, der immer mehr zum Albtraum wird. Von den Küsten Lampedusas bis zu Putins Moskau, vom störrischen Katalonien bis zu den muslimischen Vororten Kopenhagens: Unser Kontinent ist zum Zerreißen gespannt. Was ist, dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, aus dem alten europäischen Traum – Frieden, Freiheit und Wohlstand – geworden, der immer mehr zum Albtraum wird? Geert Mak, der geniale Erzähler unter den Historikern unserer Zeit, schrieb 2005 mit seinem Buch »In Europa« einen Klassiker – ein Reisebericht, zugleich die Bestandsaufnahme Europas am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts, samt all der Euphorie zu Beginn des neuen Millenniums. 
Wo stehen wir heute, zwanzig Jahre später? Was ist aus den großen Erwartungen geworden? Wie keinem Zweiten gelingt es Mak, das fragile Wesen Europas zu ergründen, es in zahllosen Geschichten sichtbar und sinnlich wahrnehmbar zu machen. Und den Menschen dieses Kontinents eine Stimme zu verleihen. (Siedler)

 

Rezension

Die Computer sind am ersten Tag des 21. Jahrhunderts nicht abgestürzt. Viele hatten das befürchtet. Aber die ersten zwanzig Jahre dieses 3. Jahrtausends haben andere, unerwartete Abstürze erlebt. Von den Twin Towers in New York bis zu der Weltwirtschaftskrise mit milliardenschweren Bankenrettungen, dem Zusammenbruch europäischer Volkswirtschaften oder dem Abschuss einer aus Malaysia nach Amsterdam fliegenden Boeing 777 von ost-ukrainischem Boden aus.

Nachzulesen ist das in dem vorzüglichen Buch „Große Erwartungen“ des niederländischen Publizisten Geert Mak. Für früheres Werk hatte er 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. Auch in diesem neuen Buch verständigt er sich über die letzten 20 Jahre in Europa durch intensive Reisen, die ihn von Kirkenes hinter dem Nordkap an der norwegisch-russischen Grenze bis an viele angesagte und abgelegene Orte Europas führten. Er trifft überall Menschen, manche kennt er schon seit vielen Jahren, aus deren Perspektive das Buch erzählt wird. Das ist abwechslungsreich, dramaturgisch gekonnt und glänzend geschrieben.

Ein Kabinettstück dieser Art, Zeitgeschichte zu schreiben, gelingt ihm in dem „Stevens“ überschriebenen Kapitel. Der war in leitender Stellung bei der belgisch-niederländischen Fortis Bank tätig und kommt gleich zur Sache: „Moral? So böse sich das auch anhört, es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Banken etwas wie Moral kennen.“ Stevens entwickelt auch in dem nächsten Kapitel „Brothers“ ein großartiges Binnenpanorama der Bankenwelt im Jahr der großen Krise 2008. „Es war ein Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Union“, sagt dieser Manager und Geert Mak führt die Geschichte dieser Krise souverän und verständlich zu dem Ende, an dem die Steuerzahler in den europäischen Länder unverstellbare Summen zu Rettung ihrer „systemrelevanten“ Banken zu zahlen hatten, deren Fehl-Manager aber statt vor den Kadi an den Bankschalter traten, um ihre Bonusgewinne abzuheben.

 

Selten hat man diese einschneidende Katastrophe so genau analysiert gelesen, der weitere folgen sollten. Die Euro-Krise, Griechenland, Brexit, die massenhafte Immigration in das immer noch für viele attraktive Europa, das sich weigerte, den Staaten, die am meisten darunter zu leiden hatten, die Flüchtlinge nach den von allen beschlossenen Regeln der Gemeinschaft abzunehmen.

 

 

ZITAT

 

"Man hatte einmal geglaubt, die westliche Freiheit und Demokratie würden langsam den Osten und den Rest der Welt erobern. Inzwischen scheint die Entwicklung eher in die andere Richtung zu gehen. Europa ist desorientiert, gespalten und geschwächt. Russland ergreift jede Gelegenheit, neue Zwietracht zu säen, China nutzt die entstehenden Lücken, um die Europa sich nicht kümmert, ob in Mitteleuropa oder auf dem Balkan und in Griechenland. Weiter im Westen gibt es nun einen amerikanischen Präsidenten, der im Großen und Ganzen die gleiche Destabilisierungspolitik betreibt wie die Russen und der innerhalb kurzer Zeit die Regeln und Institutionen der Nachkriegsweltordnung aushebelt. Der New-York-Times-Kolumnist Roger Cohen drückte es so aus: Die alte transatlantische Welt des späten 20. Jahrhunderts sei »gone, man, solid gone«."

 

 

Politikverdruss, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, Populismus – alles Folgen eines die Menschen nicht mehr demokratisch beteiligenden Krisenmanagements der Regierungen, der fehlenden Legitimität des erst allmählich mit mehr Rechten ausgestatteten Europäischen Parlaments. Geert Mak sieht das alles als Zeitzeuge, beschreibt, was er sieht und erfährt. Aber was es für den „Europäischen Traum“ bedeutet, welche Folgen das alles – auch die positiven Entwicklungen, die er beschreibt – in der Zukunft haben wird, das legt er in die Beurteilung einer von gedachten jungen Historikerin, die in 50 Jahren diese beiden Jahrzehnte nicht als Zeitgeschichte betrachtet: „Meine junge Historikerin hat dank des zeitlichen Abstands einen guten Überblick. Ich nicht. Ich beneide sie“, schreibt Mak. Mit dieser leider nicht in allen zeitgeschichtlichen Darstellungen anzutreffenden Bescheidenheit, stellt der Autor einerseits sein Licht etwas unter den Scheffel und gewinnt andererseits Freiheit für seine Urteilskraft. Die setzt er gnadenlos ein, wenn er den Finger auf verschuldete und verschwiegene Fehlentwicklungen legt. Seine Kritik an den unsolidarischen europäischen Pfennigfuchsern vor allem aus seiner niederländischen Heimat fällt bissig aus.

 

ZITAT

 


"Brüssel ist eine Blase oder, besser gesagt, eine endlose Folge von Blasen nah beieinander. Es ist eine gequälte Stadt, und in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten ist alles nur noch schlimmer geworden." 

 

Ebenso lässt er an den Auswahlmethoden der jährlich neu zu bestimmenden „Kulturhauptstadt“ Europas kein gutes Haar wie auch an der Lobbyarbeit der Automobilindustrie, die jahrelang den Dieselschwindel unter der Decke halten konnte, als längst alle wussten, dass da geschummelt und betrogen wurde. In einem für die deutsche Ausgabe hinzugefügten Epilog 2020 behandelt er sachkundig und unaufgeregt die Covid-19 Pandemie. „Einer meiner Lehrmeister, der amerikanisch-ungarische Historiker John Lukacs, meinte bereits vor einem Vierteljahrhundert, das 20 Jahrhundert könne unter Umständen die Endphase von fünf Jahrhunderten bürgerlicher Kultur, europäischer Aufklärung und Demokratie sein.

 

 

Zitat

 

"Zur journalistischen Brüsseler Blase gehört von jeher ein hohes Maß an Loyalität. Eine kritische Haltung, eigentlich die Grundlage jeder journalistischen Tätigkeit, galt in Brüssel jahrelang als eher unangebracht. Die EU sollte unbedingt erklärt und verteidigt werden. Diese Art von Obrigkeitstreue ist vor allem nach dem Chaos der Euro-und der Flüchtlingskrise verschwunden. Doch immer noch bewegen sich die meisten Journalisten vor allem im Kreis von Landsleuten und interessieren sich oft ausschließlich für die Briefings."

 

 

Zum ersten Mal befürchte ich, dass mein alter Freund recht bekommen könnte.“ Er schließt mit einem schönen Wort an die junge Historikerin: „Liebe Freundin, ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.“
 

Harald Loch

 

Geert Mak: Große Erwartungen. Auf den Spuren des Europäischen Traums (1999 – 2019)

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

Siedler, München 2020   640 Seiten   38 Euro

Interview mit Geert Mak

Was war Ihre größte Hoffnung, die Sie mit Europa verbunden haben?

 

Meine Motivation, mich mit Europa zu beschäftigen, basiert weniger auf Erwartungen. Ich sehe den europäischen Einigungsprozess in erster Linie als eine dringende Notwendigkeit, die einzige Möglichkeit für Europäer, die großen Probleme des 21. Jahrhunderts - Klima, internationale Machtverschiebungen - in gewissem Maße zu bewältigen.

 

Was ist dagegen Ihre größte Enttäuschung?

 

Man kann nicht direkt von Enttäuschungen sprechen. Ich sehe, wie die EU in all den Krisen der letzten Jahre gewachsen ist und sich weiterentwickelt hat. Gleichzeitig bleibt es ein extrem gespaltenes Unternehmen, und das nationale Denken dominiert weiterhin, selbst wenn es um offensichtliche gemeinsame Probleme wie die Einwanderung geht.

 

 

Woher kommen die Widersprüche, einerseits lieben die Menschen Europa, genießen die freien Grenzen, andererseits gehen sie auf die Strasse und brüllen Hassparolen dagegen?

 

Dass die Menschen auf der einen Seite der EU in vielerlei Hinsicht davon profitieren und auf der anderen Seite dagegen protestieren, hat alles damit zu tun, dass einige nationale Politiker die Szene nur für sich behalten wollen. Was gelingt, wurde - von einem sehr menschlichen Merkmal - übernommen, was gescheitert ist, liegt an Brüssel. Diese permanente Anti-Propaganda hat uns zum Teil den Brexit beschert.

 

Europa ohne Großbritannien verliert an Macht und Einfluss, von Putin und Trump nicht ernst genommen, sehen Sie eine Chance der europäischen Revitalisierung?

 

In all der Unsicherheit dieser Zeit fühlen sich viele Menschen auch unsicher, ignoriert, gedemütigt und nicht gesehen. Die Wut, die dies hervorruft, sollte nicht unterschätzt werden, der ethnische Nationalismus wird sehr attraktiv und die internationale EU ist ein leichter Sündenbock.

 

Europa ist ein Wirtschaftskonstrukt und durch viele Krisen gegangen, welche Zukunft blüht dem europäischen Kontinent?

 

Die EU muss sich daran gewöhnen, neben China und Amerika eine wichtige politische Kraft zu sein und sich entsprechend neu zu organisieren. Die Frage ist jedoch, ob dies in allen Geschäftsbereichen gelingen wird. Eine flexiblere EU hat als Organisation größere Überlebenschancen. Europa besteht einfach aus vielen verschiedenen Kulturen, das ist genau das Merkmal Europas. Eine übermäßig erzwungene Einheit kann auf lange Sicht nicht aufrechterhalten werden.

 

 

Geert Mak, geboren 1946, ist einer der bekanntesten niederländischen Publizisten und gehört zu den wichtigsten Sachbuchautoren des Landes. Zuletzt erschienen von ihm bei Pantheon »In Europa« (2007), »Die Brücke von Istanbul« (2007), »Was, wenn Europa scheitert« (2012) und »Wie Gott verschwand aus Jorwerd« (2014). Für sein Werk erhielt Geert Mak 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 

Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei


Darf man Heuchler ermorden? Vier Anschläge in Athen mit sechs Toten werfen die Frage konkre auf. Aber wer erteilt die Antwort? Die Verbrechen sind das Ermittlungsprogramm für Kostas Charitos, den Leiter der Mordkommission. Ungewöhnliche Täter, völlig aus dem Rahmen fallende Bekennerschreiben, irgendwie nachvollziehbare Motive. Der Erfinder dieses neuen Krimis um den Kommissar legt den Finger auf die Wunde der griechischen Realität, lässt so etwas wie kritische Sympathie mit den noch unbekannten Tätern zu, übt Gesellschaftskritik aus einem klammheimlichen Einverständnis mit den Opfern dieser Realität. Das ist gewagt. Petros Markaris nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die griechische Gesellschaft, ihre Ungerechtigkeit und ihre soziale Grausamkeit zu geißeln. Aber er lässt auch seinen Ermittler nicht daran zweifeln, dass Mörder gefasst und dingfest gemacht werden müssen. Das Leben zählt am meisten. Für Kostas Charitos besonders, da er mitten in der Anschlagserie Großvater wird und sich in seiner Familie alles um den neuen Menschen dreht.


Ein superreicher Hotelier wird mit einer Autobombe umgebracht. Er gilt als erfolgreicher Geschäftsmann, der wohltätig ist und sogar eine Hotelfachschule unterhält, in der er mittellose junge Leute kostenlos ausbildet. Es kommt ans Licht, dass der Sitz seines Unternehmens auf den Caymaninseln liegt – steuerfrei. Sein erfahrenes Hotelpersonal wirft er raus und besetzt die Stellen neu – und billiger – mit den jungen Absolventen seiner Hotelfachschule. Auf dieselbe Weise stirbt der Leiter der Arbeitsmarktstatistik, der Geringverdienende nicht mehr zu den Arbeitslosen rechnet. Ein hoher Beamter aus dem Finanzministerium muss zusammen mit zwei von der EU entsandten Kontrolleuren dran glauben. Sie haben den Anstieg der griechischen Konjunktur bescheinigt, der aber nur den Reichsten zugutekommt. Bei einem vierten Anschlag gibt es eine Panne und statt des gemeinten Opfers muss ein Parkplatzwächter dran glauben. Weil sie keine Unschuldigen ermorden wollen, erklären die immer noch unbekannten Täter in einem Bekennerschreiben, dass sie damit aufhören. Aber wer sind sie?


Kostas Charitos und sein kleines, verschworenes Team tasten sich mühsam durch unbekanntes Dickicht. Kriminaltechnik hilft wenig. Ein persönlicher Freund des Kommissars, Leiter eines Obdachlosenheims und bekennender Linker, steuert ein paar Ideen und Kontakte bei, die die Ermittlungen auf den Kreis der von den Heuchlern Geschädigten richtet. Aber auch da wird man zunächst nicht fündig. Wegen der beiden ermordeten EU-Kontrolleure entsendet Europol einen deutschen Kommissar zu Unterstützung, der sich beeindruckt von der Arbeit der Athener Ermittler zeigt. Auch er entpuppt sich als Heuchler, der nur an seine Karriere denkt. In dem ganzen Stress kommt Kostas viel zu selten dazu, seinen gerade geborenen Enkel zu sehen. Dessen Eltern haben ihm den Namen „Lambros“ gegeben, wie auch der Leiter des Obdachlosenheims heißt. Der war zu Zeiten der Junta als Kommunist ins Gefängnis gesteckt worden und der damals noch ganz junge Kostas Charitos war sein Aufseher, ein Anständiger. Seitdem sind sie eng befreundet und der Namensvetter des Enkels gehört gleichsam zu Kostas Familie. Das ist der Geist, den Petros Markaris in seinem Roman wehen lässt, das ist die Dialektik zwischen dem Ekel vor der Heuchelei und dem Mordverbot.


Harald Loch

 

Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul, ist Verfasser von Theaterstücken und Schöpfer einer Fernsehserie, er war Co-Autor von Theo Angelopoulos und hat deutsche Dramatiker wie Brecht und Goethe ins Griechische übertragen. Mit dem Schreiben von Kriminalromanen begann er erst Mitte der neunziger Jahre und wurde damit international erfolgreich. Er hat zahlreiche europäische Preise gewonnen, darunter den Pepe-Carvalho-Preis sowie die Goethe-Medaille. Petros Markaris lebt in Athen.
 
Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei    Ein Fall für Kostas Charitos
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger
Diogenes, Zürich 2020   390 Seiten   24 Euro

 

Interview mit Petros Markaris

 

Allgemein wird behauptet zu viel Politik in einem Krimi tötet die Spannung. Sie beweisen das Gegenteil? 


Es geht weder um zu viel noch um zu wenig Politik. Was ich sehe ist eine Aufführung inszeniert vom Finanzsystem mit den Politikern als Schauspieler auf der Bühne. Fast jeden Tag fragen wir uns ob die eine oder die andere Nachricht stimmt, oder ob sie eine falsche Nachricht, also „fake news“ ist. Diese falschen Nachrichten sind aber ein Produkt der falschen Realität, der „fake reality“ in der wir teilweise leben. Alle vier oder fünf Jahre wählen wir die Politiker, also die Schauspieler auf der Bühne, aber der Regisseur, das Finanzsystem, stellt sich nicht zur Wahl. Das ist die absolute Heuchelei.


Ist denn die so genannte Finanzkrise in Griechenland bewältigt oder gibt sie noch genug Stoff für einen Plot her?


Der Roman „Zeiten der Heuchelei“ wurde 2019 abgeschlossen und ist zum Teil ein Kommentar auf die Bewältigung der Finanzkrise von 2010. Wer kümmert sich aber heute um die Finanzkrise von 2010? Die „Corona“-Krise, die wir jetzt erleben, ist viel schlimmer. Sie ist nicht auf Griechenland beschränkt, sondern umfasst die ganze Welt. Sie kann auch nicht mit Memoranden und einer Troika bewältigt werden, wie die griechische Finanzkrise. Diese Krise wird die sozialen Unterschiede weltweit prägen, mit verheerenden Folgen.


Auch EU-Kontrolleure müssen in Ihrem Roman sterben, das könnte als Europafeindlichkeit ausgelegt werden.


Nein. Das Motiv ist nicht die Europafeindlichkeit, sondern die blinde Wut der Verzweiflung. Ich darf aber nicht näher auf diese Frage eingehen, weil ich sonst die Täter enthüllen würde.


Sie schicken ihren Kommissar Charitos zum 12. Mal ins Ermittlungsrennen, ist er noch nicht mordsmüde?


Warum sollte er müde sein? Er hat sogar die lang ersehnte Beförderung bekommen und ist zufrieden.


Sie haben Brecht ins Griechische übersetzt, welches Werk oder welches Zitat gefällt ihnen am besten?


Ich lese oft aus dem Werk Bertolt Brechts, besonders seine Lyrik. Aber ich werde zwei Zitate erwähnen, die auch zu den Zeiten der Heuchelei sehr gut passen. Das erste stammt vom Räuber Macheath aus der Dreigroschenoper: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Das zweite ist von Pierpont Mauler, dem Fleischkönig, im Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe: „Mein Geld will ich und mein Gewissen rein.“


Kann man von deutschen Krimiautoren etwas lernen, oder ist deutsche „Mentalität“ in Ermittlungen eher hinderlich?


Der Lernprozess zwischen Autoren ist eine sehr persönliche Beziehung. In der Regel weiß man nicht, wer von wem lernt und warum. Andererseits stimmt es auch, dass manche deutsche Krimiautoren dem Leser in ihren Romanen alles erklären wollen und ihm keinen freien Raum lassen, um weiter zu denken. Andererseits schätze ich manche deutsche und deutschsprachige Krimiautoren sehr, wie Friedrich Glauser, Jakob Arjouni und Ingrid Noll, um drei  Beispiele zu nennen.


Ist die Corona-Pandemie ein Krimithema oder ist das Thema Tabu, weil in der Realität am Virus unzählige Menschen ihr Leben lassen müssen?

 

Viren und Krankheiten eignen sich kaum als Krimithemen. Zwar könnte man die Folgen der Pandemie auf die Gesellschaft thematisieren, aber dafür ist es noch zu früh. Wir brauchen mehr Zeit und vor allem mehr Distanz. 

Doppelte Spur - Putin, Trump und Co...

Der investigative Journalist Ilija wird innerhalb weniger Minuten von zwei Whistleblowern des amerikanischen und des russischen Geheimdienstes kontaktiert. Ein großer Coup? Eine Falle? Er lässt sich auf das Spiel ein, zusammen mit Boris, einem amerikanischen Kollegen, folgt er der doppelten Spur nach Hongkong, Wien, New York und Moskau.
Die geleakten Dokumente eröffnen einen Abgrund von Korruption und Betrug, von üblen Verstrickungen krimineller Oligarchen und Mafiosi. Auch die Staatspräsidenten Russlands und Amerikas sind involviert. Was darf man glauben? (SFischer)
 
Da liegt jetzt auf dem Tisch des Schriftstellers ein Wust an Fakten, die er  recherchiert hat, um seinen Plot zu entwickeln. Er will dem Leser eine Geschichte von Politik und Macht erzählen, von bösen Herrschern und Whistleblowern, von russischen und amerikanischen Präsidenten, von Mafia- und Wirtschaftsbossen, von Sex, Missbrauch und Crime. Angesiedelt das alles im Agentenmilieu, irgendwie hinter den Kulissen. Und nun muss sich der Autor entscheiden: Schreibe ich ein Sachbuch oder etwas Fiktionales? 

 

Sachbücher müssen stimmen, die Wahrheit erzählen, Romane dürfen phantasieren. Gegen Sachbücher können Rechtsanwaltspraxen und Gerichte vorgehen, wenn Inhalte nicht stimmen, bei Romanen wird’s da schon schwieriger, und deshalb geht Ilija Trojanow in seinem Buch DOPPELTE SPUR romanhaft vor. 

 

Er erfindet Figuren, Whistleblower in Russland und den USA, die aus den Nähkästchen plaudern, will heißen über ihre Präsidenten hochbrisantes Material liefern und eine weibliche Ausplauderin, die den Missbrauchsskandal um eine Art „Lolitaexpress“ offenlegt, bei dem Teenager gezwungen werden, Männern und Frauen aus der Elite willig zur Verfügung zu stehen, den Betuchten bei Parties einen  Blick unter den Rock gewähren. Dorthin, wo keine Höschen getragen werden.
Trojanow macht aus einer Recherche über Politik einen literarischen Roman, baut seine fiktive Story auf Fakten auf. Das schützt ihn selbst und sein „Wahrheitsbuch“ vor Rechtsverfolgung. 

 

Politik, Wirtschaft und kriminelle Machenschaften haben ein Stelldichein. Trojanow nennt Trump „Schiefer Turm“ und Putin „Mikhail Iwanowitsch“ und Epstein wird „Wasserstein“. Und er selbst als Autor taucht im Buch auch als Figur mit Klarnamen Ilija Trojanow auf. Realität trifft Fiction. Fiction ist Realität.

 

Wir lesen viel über böse Machenschaften, welche schlimmen Figuren im Trump-Tower wohnen: Russische „Biznesmen“, Immobilienhaie, internationale Fußball-Funktionäre, Diktatoren, Glücksspielritter, Killer und Kunsthändler. 

 

„Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich.“ Damit sichert sich Trojanow ab. 

 

Der modernde Agent dient der Mafia und den Geheimdiensten. Der Leser schüttelt ob der Faktenlage ständig den Kopf, klopft sich auf die Schenkel und sagt: Darf das wahr sein…in der „Kakistokratie“, der Herrschaftsform der Schlechten. 

 

Sehr vergnüglich der Kenntnisgewinn am Rande in Sätzen wie diesen: „Die W-Lan-Verbindung auf Flügen funktioniert so wie mein alter Staubsauger: sporadisch.“ Oder „Gerichtsurteile sind Rezepte, die nach dem Kochen verfasst werden.“ „Bei Geldwäsche sind die Täter meist sichtbarer als die Tat.“ Oder „Die Mächtigen kommen in der Literatur zu selten vor“. 
In einem Parforceritt geht es an die Handlungsorte Hongkong, Wien, Prag, New York, Moskau, Orlando, Novgorod, Antalya, Miami. 

 

Der Roman fordert bei der dichten Faktenlage und Anzahl der handelnden Personen eine hohe Leseraufmerksamkeit – da und dort ist der Text geheimnisumwittert mit Balken geschwärzt, auch in den Leaks-Dokumenten selbst. So schreibt Trojanow: „Die schwarzen Balken wirken auf mich wie eine Augenbinde.“ 

 

Es ist ein Buch des Lese-Vergnügens und des politischen Missvergnügens: In welche politischen Hände sind wir denn da international hineingeraten? Sind wir nicht alle zum Spielball der Geheimdienste und Oligarchien in West und Ost geworden. 

 

Und wir haben uns ja auch noch nicht entschlossen genau genug zu entscheiden, ob Whistleblower für die Guten zu halten sind oder für die Schlechten? Trojanow widmet dieses Buch den „guten Whistleblowern“. 
Wie schrieb einst Dostojewski: „Nichts auf dieser Welt ist schwerer, als die Wahrheit zu sagen.“
 
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia. Unterbrochen von einem vierjährigen Deutschlandaufenthalt lebte Ilija Trojanow bis 1984 in Nairobi. Danach folgte ein Aufenthalt in Paris. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie in München. Dort gründete er den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Mumbai, 2003 nach Kapstadt, heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine bekannten Romane wie z.B. ›Die Welt ist groß und Rettung lauert überall‹, ›Der Weltensammler‹ und ›Eistau‹ sowie seine Reisereportagen wie ›An den inneren Ufern Indiens‹ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein großer Roman ›Macht und Widerstand‹, sein Sachbuch-Bestseller ›Meine Olympiade: Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen‹ sowie der literarisch-politische Essay ›Nach der Flucht‹.
 
 
 
Ilija Trojanow Doppelte Spur SFischer

Interview mit Ilija Trojanow

Romane entstehen aus der Vorstellungskraft des Autors oder werden von der Wirklichkeit inspiriert, was schockiert Sie als Autor mehr? Ihre eigene Vorstellung von Trump und Putin und ihre Machenschaften oder die tägliche Wirklichkeit, wie sie Ihnen derzeit entgegenkommt?

 

Meine eigene Vorstellung von Trump und Putin ist eine realistische, das ist die unvermeidliche Folge von jahrelanger, seriöser Recherche. 

 

Wenn Sie ein reines Sachbuch geschrieben hätten, wären vermutlich schon Rechtsanwaltsschreiben oder Gerichtsurteile unterwegs, der Roman-„Mantel“ erlaubt Ihnen ein freieres Vorgehen?

 

Es ist kein Roman-Mantel, sondern ein durchkomponiertes Werk mit vielen literarischen Motiven, Anspielungen (etwa an die russische Literatur), dramatische Entwicklungen (eine Hauptfigur bekommt so wie seine Großmutter das zweite Gesicht) und sprachliche Finessen. Die drei Hauptfiguren haben einen biografischen Hintergrund, der die Themen des Romans spiegelt und das Motiv der russischen Gangsterlieder (Platine pesnie) ist in die Handlung integriert, insgesamt sieben Lieder, als Reflexion über die Frage, wieso bestimmte Formen der Kriminalität von mythischer Popularität sind. Die Meta-Ebene ist eine Reflexion über die Frage, wie man einen politischen Roman in Zeiten der Intransparenz bei gleichzeitiger Informationsfülle schreiben kann. Es ist mir schleierhaft, wie man all dies als Sachbuch hätte anlegen können.

Wogegen sollten sich die Rechtsanwaltsschreiben denn richten? Das, was sich in meinem Roman als faktisch ausgibt, ist gänzlich belegbar.

 

Moral und Werte sind in der Politik abhandengekommen: Oligarchien, Geheimdienste, Elite-Zirkel, Medienkartelle haben uns im Griff, haben wir noch eine Chance der Rückkehr zu einer ehrlichen, transparenten, bürgerorientierten, demokratischen Politik? 

 

Natürlich, durch massenhaften Widerstand und einer Re-Demokratisierung nicht nur der Politik, sondern, und das ist entscheidend, der Wirtschaft. Und zwar von unten, genauso wie wir eine Globalisierung von unten benötigen. 

 

Meinungen über Whistleblower sind zwiegespalten, für die einen sind sie Helden, für die anderen gehören sie lebenslang oder „länger“ hinter Gitter, müssten sie nicht eigentlich als demokratische Vorbilder auf den Sockel gehoben und zu Denkmälern erklärt werden?

 

Weder noch. Einerseits snd sie unabdingbar (einige der wichtigsten Enthüllungen der letzten Jahre stammen von Whistleblowern), andererseits muss die Öffentlich die jeweiligen Absichten hinterfragen (siehe Zusammenarbeit von Wikileaks mit russischen Sicherheitsdiensten).

 

Gutmenschen haben so gar keinen Platz in der „Kakistokratie“ in der Herrschaftsform des Schlechten und in ihrem Roman eigentlich auch nicht?

 

Was haben Sie gegen Emi, eine couragierte Dokumentarfilmerin, die sich jahrelang mit Mädchenmissbrauch beschäftigt, obwohl dies quälend und zermürbend ist? Was haben Sie gegen den Vater von Boris, der als Einwanderer die amerikanischen Ideale hochhält und als einziger gegen einen Mafiaboss aussagt und dafür nun im Rollstuhl sitzt? Und was haben Sie gegen die zwei Hauptfiguren, die sich aus reinem Idealismus monatelang einschließen, um die Leaks möglichst professionell auszuwerten? Lauter ehrenwerte Menschen, wie ich finde!

 

Sie müssen ihren Figuren andere Namen geben, um unangreifbar zu werden, Sie selbst tauchen aber als Ilija Trojanow auf – warum? 

 

Das trifft nicht zu. Außer Trump („Doppelter Turm“), Putin („Mikhail Iwanowitsch“) und Epstein („Wasserstein“) tragen alle anderen, seien es Oligarchen, US-Beamte oder Mafiabosse, alle ihren Eigennamen (und bei diesen ist völlig klar, wer gemeint ist, die Umbenennung hat mir einfach geholfen, über sie zu schreiben. Ich habe schon Zuschriften von Lesern erhalten, die genauso das Gegenteil fragen: Wie ich denn so mutig sein könne, die Namen nicht zu verändern, um unangreifbar zu werden. 

 

Giftanschläge in Russland auf Oppositionelle, rassistische Auswüchse in den Vereinigten Staaten und undemokratische Umtriebe eines Präsidenten, Wahlmanipulationen in Belarus, der Rechtspopulismus nimmt in Deutschland wieder zu, also genug Realitätsstoff für weitere Romane? Oder stürzen Sie sich demnächst auf das Corona-Thema?

 

Ich schreibe gerade an einem utopischen Roman, der mit all diesen Themen nichts zu tun hat.

Dürfen auch Professoren morden?                  Ein Klinik-Krimi

Man bekommt alles zurück im Leben. Aber gilt das nur für die bösen Taten? Oder auch für die guten? Und lassen sich beide gegeneinander verrechnen? Vor 25 Jahren hat Peter Zielke zwei Menschen getötet, seitdem als Arzt aber Dutzende Leben gerettet. (Nagel& Kimche)


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Prag und seine Literaten

Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen weit gefassten, fundierten, genauen Überblick über die Literatur in Prag, Böhmen und Mähren. Alte Grenzziehungen literaturwissenschaftlicher oder politischer oder historischer Art werden vermieden. Das Buch bietet eine Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.

 

 

Es hat wirklich gefehlt: das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, das im J. B. Metzler Verlag bereits 2017 erschienen ist, aber als Standardwerk und großartiges Quellenbuch aus Anlass der Leipziger Buchmesse zum Themenschwerpunkt Tschechien ausführlich in einer Reihen-Besprechung der Hauptkapitel hier auf www.facesofbooks.de erneut gewürdigt werden soll.

Das 445-Seiten-Buch ist ein umfassendes Werk mit einer sehr in die Breite und in die Tiefe gehenden Genauigkeit, die den Bestseller-Leser vermutlich etwas überfordert und eher für germanistisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dennoch ist es lesbar und in knappen Kapiteln gehalten.

Es befasst sich mit einer „Hybrid-Literatur“. Damit meine ich, dass sowohl die beiden Sprachen der Literaten Deutsch und Tschechisch einerseits eine Rolle spielen. Hinzukommen andererseits die geographischen Besonderheiten in Grenzregionen. Und die Ländergrenzen in Böhmen und Mähren waren früher anders als heute gezogen. Neue Länder wie zunächst die Tschechoslowakei und später Tschechien und die Slowakei entstanden nach dem II. Weltkrieg. Zusätzlich ist das Rezeptionsverhalten zwischen österreichischem, deutschem und tschechischem Lesepublikum unterschiedlich, so dass sich ein eigenartiges, aber besonders interessantes Mischungsverhältnis aus all diesen Grundbedingungen ergibt.

Kernzelle dieser Literatur sind die weltbekannten Prager Autoren Kafka, Rilke, Werfel, Kisch, Reinerová, aber auch die weniger bekannten Oskar Wiener und Ludwig Winder.

Eine weitere Hyprid-Frage ist: Soll man Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Franz Werfel, die in Mähren, im Böhmerwald oder in Prag geboren sind, der österreichischen Literaturtradition zurechnen, also ausgrenzen? Die Herausgeber meinen: NEIN und verfolgen einen integrativen Ansatz, wenngleich früher die Prager Literaten als „dreifach“ besonders eingestuft wurden, weil sie in Prag national, religiös und sozial im Ghetto gelebt haben.

Mit diesem Handbuch wollen die Herausgeber aber starke Grenzziehungen vermeiden, das Phänomen „Literatur Prags und der Böhmischen Länder „als Gesamtheit“ betrachten. Es gilt, die literarischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Tschechen mit zu berücksichtigen.

Das Buch will keine Geschichte der tschechischen Literatur sein. Die in Vergessenheit geratenen historischen Ereignisse, die Mehr- bzw. Zweisprachigkeit der Autoren oder sogar der Sprachwechsel, wie etwa bei Karl Klostermann, werden berücksichtigt. Auch die institutionelle Seite, etwa Literaturverbände, Verlage, Periodika, Universitätsgeschehen, werden ebenso behandelt.

Den Herausgebern ist bewusst, dass Leser in Österreich und Deutschland und auch in Tschechien unterschiedliche Rezeptionsverständnisse haben können, weil länderspezifisch andersartige Bildungsvoraussetzungen gegeben sind. Das nehmen die Autoren in Kauf und zugleich in Anspruch, darauf Rücksicht genommen zu haben.

Das fünfte und das sechste Kapitel des Handbuchs widmet sich den Themen, den Motiven und Textsorten der deutschen Literatur in Böhmischen Ländern. Das Handbuch gibt eine gute allgemeine Orientierung, lässt sich auch kapitelweise lesen bzw. durcharbeiten und gibt auch auf spezielle Fragestellungen Auskunft.

Der deutsch-böhmische Germanist Kurt Krolop hat das umfangreiche Buchprojekt mit Rat und Tat begleitet, und der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft, hat ein Schluss Essay beigetragen. Wir werden in der nächsten Zeit weitere Kapitel des Buches behandeln…

Heute:

Kapitel Einleitung und Kategorisierung

 

Im Metzler Verlag sind schon einige literaturwissenschaftliche Handbücher erschienen, nun also die „zusammenhängende Darstellung der in einer mitteleuropäischen Region entstandenen Literatur“.

Fallen Namen wie Rilke, Werfel, Brod, Kafka und andere, nähren diese Autorennamen den Eindruck, alle deutsche Literatur stamme aus Prag. Die Autoren des Handbuches sehen darin eine Unangemessenheit, die deutsche Literatur von der Literatur der Böhmischen Länder abzutrennen.

 

Den Begriff der „Prager deutschen Literatur“ möchten die Autoren abschaffen und sprechen von der Literatur Prags und der Böhmischen Länder (als Eigenname verwendet und großgeschrieben!) „Böhmische Länder“ weist auch darauf hin, dass der Begriff Böhmen allein zu unscharf ist, handelt es sich doch um drei unterschiedliche geopolitische Räume: das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien. Wobei sich die west- und nordböhmischen Gebiete zum preußisch dominierten Deutschland orientierten und Mähren zur Habsburger Metropole Wien.

 

Die unterschiedlich entwickelten Verkehrswege förderten diese Orientierungen. Die zentralistische Struktur prägte auch die kulturellen Verhältnisse: „Hier die Metropole Prag, da die provinziellen Peripherien.“

An den beiden Autoren Rilke und Härtling weisen die Autoren nach, dass ihre Werke zunächst von der Herkunft thematisch regional geprägt waren, also Anklänge an die Böhmischen Länder zu finden sind, etwa in den Prager Geschichten von Rilke, bei Musils Mann ohne Eigenschaften, bei Härtling in autobiographischen Romanen. Härtling hat von 1941 bis 1945 seine Kindheitsjahre in Olmütz und Brünn verbracht. Fazit in diesem Kapitel: „Je vielseitiger sich Lebens- und Schaffenshorizonte von Autoren aufspannen, desto größer wird ihre Teilhabe an 

unterschiedlichen Literaturen.

 

Kapitel Literaturgeschichte

 

Eine Literaturgeschichte über die deutsche Literatur der Böhmischen Länder gibt es bisher nicht. Sie müsste die regionalen Infrastrukturen berücksichtigen, die Vernetzung der deutschsprachigen Literatur mit den Nachbarländern thematisieren und vor allem die Wechselwirkungen mit der tschechischen Literatur betrachten. Dabei gibt es jetzt schon Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen, die vor allem auf der wachsenden Zusammenarbeit von Germanisten und Slawisten fußen. Doch die Zusammenschau fehlt bislang.


Das Kapitel „Literaturgeschichtsschreibung“ setzt die Anfänge mit der geschichtlichen Betrachtung der Kronländer oder der Städte. Der Bezugsrahmen war zunächst die K.-u.-k.-Mo¬n¬ar¬chie, die Zuordnung zur deutschen Kultur im Gegensatz zur tschechischen Literatur betrachtet. Später wurde zwischen deutscher, deutsch-österreichischer und deutsch-böhmischer Literaturgeschichte differenziert. 
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung Prags galt sie unter nationalsozialistischem Regime als Teil der deutschen Literatur und nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung als eine Literatur, der das Land abhandengekommen war. 


Die Nazis grenzten jüdische und antinationalsozialistisch eingestellte Autoren aus. Die ersten Literaturgeschichten der Tschechoslowakei berücksichtigten teilweise deutsche Schriftsteller. In der Auseinandersetzung um die damals strittigen Grenzfragen wies der Literaturhistoriker und Schriftsteller Josef Mühlberger darauf hin, angesichts des „Grenzlandkampfes“ bestehe die Gefahr, den „Blick für Größe und Weite“ zu verlieren. 


Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es lange Zeit so, dass die deutsch-böhmische und die mährische Literatur aus dem Blickwinkel der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwunden war. Erst durch das Interesse an Kafka und an den Exilautoren wurde das Interesse wieder geweckt und besonders nach der samtenen Revolution befruchtet. 
Das interessante Überblickskapitel ist letztlich ein Arbeitsauftrag, sich mit der Literaturgeschichte dieser speziellen Gattung zu widmen, erst recht deshalb, weil sich im deutsch-tschechischen Verhältnis die kulturelle Dimension mehr als entwicklungsnötig darstellt. 

 

Kapitel Interkulturalität

 

 

Klären wir zuerst die Begriffe, wie uns die Disziplinen der Wissenschaften an den Universitäten zu jedem Studienbeginn zum besseren Verständnis anraten. Insbesondere die Soziologie, die Gesellschaftswissenschaften, sind es ja, die ganz besonders dafür bekannt sind, Wort-Ungetüme zu bilden. Nehmen wir als Beispiel das Wort INTERKULTURALITÄT. 
Es geht hier um das Bewusstsein einer Gesellschaft, deren Menschen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass ihre Mitglieder die kulturelle, sprachliche oder religiöse Verschiedenheit anerkennen oder mindestens anstreben und dabei wissen, dass der Andere in einer Gesellschaft mindestens respektiert und bestens akzeptiert ist. 


Ein ganzer Wissenschaftsbereich beschäftigt sich mit dem Thema, denn die Lebensbedingungen des Individuums und ganzer Gesellschaften sind so global geworden, dass man an diesen kulturellen Vorbedingungen eigentlich nicht mehr vorbeikommt. 


So findet man, ganz praktisch gesehen, im Internet Definitionen von COACHING-Organisationen, die Manager interkulturell fit machen für die globalisierten Wirtschaftsbeziehungen. 


Glossar: Interkulturalität 


„Unter Interkulturalität versteht man das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt.

Bei dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen werden die eigene kulturelle Identität und Prägung wechselseitig erfahrbar. Interkulturalität meint dabei die Einnahme und das Denken aus der jeweilig anderen Perspektive ohne das Ziehen vorschneller Schlüsse. Das Fremde soll nicht in das eigene Selbstverständnis angegliedert, sondern erstmal nur bewusst zur Kenntnis genommen werden“. (Quelle IKUD Coaching Seminare)
https://www.ikud-seminare.de/


Diese theoretischen Konzepte übertragen die Autoren Dieter Hebeböcke und Manfred Weinberg in ihrem Artikel „Interkulturalität/Konzepte der Interkulturalität“ auf die Literatur Prags und der böhmischen Länder. 
Interkulturalität sei dafür maßgebend schon seit dem 12. Jahrhundert, weil Bayern, Franken, Obersachsen, Schlesier und Österreicher unter der Regentschaft der Přemysliden als Handwerker, Bauern und Bergleute angeworben wurden und sich an den böhmischen und mährischen 
Grenzgebieten ansiedelten.


Die Autoren rechnen auch die Gruppen dazu, die sich um 880 bei Baubeginn der Prager Burg als Händler dort heimisch machten. Sie werden als national heterogen betrachtet. Auch die Juden hatten schon im 10. Jahrhundert in diesem Raum eine starke Stellung. Dass Tschechen, Deutsche und Juden in den böhmischen Ländern zusammengelebt haben, wird zu einer Erklärungsformel, die in der Literatur, in der Wissenschaftsgeschichte und in theoretischen Ansätzen dazu immer wieder vorkommt. 


Dabei werden zwei Nationen-Begriffe (Deutsch/Tschechisch) mit einem religiösen Attribut (Jüdisch) kombiniert. Diese Verbindung ist jedoch grundlegend falsch, denn die Deutschen waren ja national gesehen, keine Deutschen, sondern sie gehörten wie die Tschechen der Österreich-Ungarn-Donaumonarchie an. Muttersprachlich und vor dem kulturellen Hintergrund gesehen waren sie jedoch schon als Deutsche und Tschechen zu betrachten. Der Begriff Nation hilft also hier nicht viel weiter.


Im folgenden Ansatz der Interkulturalität versucht Gesellschaftstheorie sich abzuwenden von dem Dogma der ABGRENZUNG. Es geht zuerst einmal konkret um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen im selben geographischen Raum, und ich füge hinzu, natürlich auch um das Gegeneinander. 


1990 wurde der theoretische Ansatz der Interkulturalität entwickelt, der davon ausgeht, dass Kultur permeativ und nicht separatistisch zu begreifen sei. Übersetzen wir die „physikalischen“ Soziologismen. Die PERMEATION ist das Eindringen eines gelösten Stoffs bzw. eines Gases durch eine Membran und dann durch eine Materieschicht. Es geht also um Durchlässigkeit. Das wird nun auf Gesellschaften und ihre Bevölkerungsgruppen übertragen. 


Das Streben nach Separation meint vor allem das politische Ziel der Gebietsabtrennung, um einen separaten, einen eigenen Staat zu gründen. Hier ist vielleicht meinerseits auch noch der Begriff Segregation anzuführen, den die Autoren in ihrem Beitrag selbst nicht anwenden. Segregation heißt ENTMISCHUNG von diversen Elementen in einem bestimmten geographischen Gebiet. 

 

Transkulturalität nach Wolfgang Welsch
„Mit Transkulturalität beschreibt Wolfgang Welsch (1997) das Konzept einer Gesellschaft, in der sich kulturelle Identitäten durch die Vermischung von Elementen verschiedener Kulturen konstituieren. Kulturelle Grenzen und die Vorstellung homogener Nationalkulturen werden aufgehoben, indem einzelne Kulturen innerhalb einer Gemeinschaft verschmelzen. So lassen sich moderne Gesellschaften als strukturell heterogen und hybrid auffassen.“
Quelle IKUD Coaching Seminare


In einer schlüssigen, leichter verständlicheren Formel, hat das der Literat Johannes Urzidil gebracht, der über sein Leben in Prag sagt: „Ich bin hinternational“. Er lebte hinter den Nationen. Vordergründig gab es zwar die nationalkulturelle Trennung in Prag, dahinter waren jedoch auch grundlegende Gemeinsamkeiten. 


Mischen sich zwei bisher voneinander getrennte Systeme, spricht man von HYBRIDISIERUNG. Darin steckt die Gefahr, dass der Wissenschaftler, betrachtet er das prägende Gemeinsame, die vorausgesetzten bzw. gelebten Abgrenzungen übersieht. 


Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Konzept Interkulturalität noch nicht angemessen abgerundet entwickelt ist, um solch hochkomplexe gesellschaftliche bzw. historische Zusammenhänge zu erklären. 


Interkulturalität wurde in den 1970er Jahren als Begriff verwendet, um Konzepte für Konfliktlösungen zu diskutieren bzw. Kompetenzen für internationale Geschäftsbeziehungen zu entwickeln. Das kulturell Fremde sollte besser verstanden werden. 


Dabei kam eine moralische Konnotation ins Spiel. Der schwer fassbare Begriff Interkulturalität wird zudem durch seine Verwendung in ganz unterschiedlichen Wissenschaften mit einer Vielzahl von Ansätzen und Lösungswegen noch unklarer. 


Wo hört die eine Kultur auf, und wo fängt die nächste an? Nun spielt der Begriff der oder das Fremde hinein. Wissen wir um den Fremden, kennen wir die üblichen Denkmuster des Anderen, welche Erfahrungshorizonte erinnern wir und wie spielt das zurück auf die Identifizierung mit der eigenen Kultur? Und wo nisten sich Zwischenräume ein? 
Der Philosoph und Anthropologe Wolfgang Welsch formuliert es so: „Ohne Abgrenzung keine unterschiedlichen Kulturen und ohne diese keine Interkulturalität.“ 


Wissenschaftler der Universität Konstanz, die die kulturellen Grundlagen von Integration untersuchen, gehen davon aus, dass IDENTITÄT kein natürlicher Dauerzustand im Selbstbewusstsein sozialer Akteure ist. Für diese Wissenschaftler stellen sich Identitätsfragen entweder in kritischen Übergangsphasen (in denen wir uns wohl heute befinden/Anm. des Autors), in ruhigen Zeiten können sie jedoch auch latent sein.  Damit wird die Kategorie jedoch von wechselnden gesellschaftlichen Situationen abhängig.


Wenn wir Kulturen vergleichen, müssen wir dann nicht auf absolute Wertmaßstäbe verzichten, weil sie uns den Blick verstellen? Sollten wir nicht statt vom fixen Wissen über das Fremde unser Verhältnis dazu vom Nicht-Wissen her definieren? 


Die Autoren fassen es so zusammen: „In diesem Nichtwissen generiert Interkulturalität ihr grenzüberschreitendes Potenzial.“ 


Die Autoren weisen auf die definitorischen Schwierigkeiten beim Begriff Interkulturalität hin und führen das KONZEPT des HORIZONTs ein, in dem nicht von gegeneinander abgegrenzten Einheiten ausgegangen wird, sondern von grundsätzlicher Vielfalt.


Es ist ein RAUM-Modell. Instabile Einheiten, nur zeitweise gültige Grenzen, Vermischungen und Verschiebungen sind darin ebenso enthalten wie nationalkulturelle Hintergründe.


Fazit der Wissenschaftler: Dieses HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER DEUTSCHEN LÄNDER, erschienen bei J. B. Metzler, folgt keiner einzelnen Theorie der Inter- oder Transkulturalität, sie ist als eine Art Materialsammlung für künftige Forschung anzusehen.

 

Kapitel Literatur und Raum

 

Das HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER BÖHMISCHEN LÄNDER hat eine sehr übersichtliche Inhaltsstruktur. Es beginnt mit dem Vorwort und endet mit dem in der Wissenschaft üblichen Anhang, der aus den Lebensdaten ausgewählter Autoren der Böhmischen Länder, aus einem deutsch-tschechischen Ortsregister, den Lebensdaten der Autorinnen und Autoren sowie dem Personenregister besteht.


Das Handbuch wird in acht Kapiteln gegliedert. 


Nach dem Abschnitt Literatur- und Forschungsgeschichte einer Region, dem Kapitel über Theoriekonzepte und dem Allgemeinen Hintergrund (darin ein geschichtlicher Abriss der Böhmischen Länder, institutionelle Informationen über Verlage und Buchhandel, Geschichte der Ästhetik) folgt im vierten Kapitel ein Aufriss der literaturgeschichtlichen Epochen und im fünften Kapitel dann Themen und Motive der Literatur: Historischer Roman, historisches Drama, Essay, phantastische Literatur, Sagen und Legenden, Mundartliteratur sowie Übersetzungen sind die einzelnen konkreten Textsorten, die im Kapitel Sechs zusammengefasst sind. 


Im siebten Schlussabschnitt zieht Peter Demetz, der renommierte amerikanische Germanist und Autor literaturwissenschaftlicher Werke deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft eine Bilanz.
Das Theoriekapitel wird abgeschlossen mit zwei Texten zu Konzepten des Raumes und Raumkonzepten der Region. Dabei sind sich die Verfasser im Klaren darüber, dass es bisher keine passgenauen Raumkonzepte für die böhmischen Länder gibt. 


In Prag und Brünn bildeten sich von den Autoren so genannte „Knotenpunkte“ der Literatur, es geht um die Vielfalt in den Kulturräumen Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. Es wird auch das in der Politikwissenschaft und Soziologie angewandte Theoriemodell von Zentrum und Peripherie erwähnt. 


Auch das Raumkonzept von Henri Lefebre, dem französischen Philosophen und Soziologen, wird zitiert, der davon ausgeht, dass jede Gesellschaft einen ihr eigenen Raum produziert, der sich auf drei Ebenen abspielt.


Die erste Ebene bedeutet, die Wahrnehmung, also was wir erleben, benutzen, produzieren und reproduzieren. Auf Ebene Zwei gibt es den Raum des Wissens, der Zeichen und der Codes. Auf der dritten Ebene geht es um Imagination, welche Bilder und Symbole stellen wir her. 
Im weiteren Verlauf des Textes behandeln die beiden Autoren Manfred Weinberg und Irina Wutsdorff den Raumgedanken in Philosophie, im Strukturalismus und in den Kulturwissenschaften sowie weitere Ansätze, den Raum mythisch, ästhetisch oder theoretisch zu begreifen. 
Insofern schließt sich direkt daran an, was die Autoren Raumkonzepte der Region nennen, weil es ja eben auch um die geographischen Aspekte geht, um das Verhältnis der nationalen Gemeinschaften in den Böhmischen Ländern sowie um die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. 


Dieses Kapitel hilft, theoretische Überlegungen zur Einordnung der Literatur zu entwickeln, wenngleich die Autoren zugeben, dass alle Ansätze erst in den Anfängen befindlich sind, es also an theoretischem Handwerkszeug noch fehlt. Das ist den Autoren nicht anzulasten. Es hat eben sehr, sehr lange gedauert, bis der Blick ins Nachbarland Tschechien durch Grenzzäune hindurch und über sie hinweg freier war, um sich gegenseitig besser wahrzunehmen. Und auch dieser Prozess steckt erst in den Anfängen. In diesem Handbuch stehen allerhand Handlungsanleitungen dafür, es muss nur genutzt werden.  

 

Geschichte der Böhmischen Länder

 

 

Wann beginnt die Geschichte eines Landes? Ganz sicher vor der eigentlichen Geschichtsschreibung, die später einsetzt, weil es an den Vermittlungsmöglichkeiten mangelte und nur in der Erzählung die Weitergabe lag. Von den Anfängen wissen wir also wenig bis nichts, obwohl die Wissenschaft forscht, insbesondere die Archäologie, die nach den Anfängen der Geschichte buchstäblich gräbt. Weil es eben keine frühe Geschichtsschreibung gibt, bleibt die „früheste Kindheit der Geschichte“, so sagt es Clemens von Brentano „stumm“.
Wann beginnt der Übergang vom Mythos zur realen Geschichte? Vom Erzählten zum Faktischen? 


Im Falle Böhmens gehen wir von den Gründungssagen vom Stammvater Čeck oder Boemus aus. Historisch verbürgt, so steht es im Handbuch, ist jedoch nur die Dynastie der Přemysliden, einem Herrschergeschlecht, das bis 1300 an der Macht war. 


Nach dem Aussterben dieser Dynastie waren die Luxemburger mit König Johan Inhaber der Krone. Karl IV. war es dann, der durch die Gründung der ersten Universität nördlich der Alpen Prag zum europäischen Zentrum machte.


So bildete sich eine Epoche heraus, die zwischen der mittelalterlichen Tradition und dem Früh-Humanismus stand. 


Wissenschaftliche Wahrheiten und deren Verbreitung entwickeln sich zu jener Zeit im Gegensatz zum Denken in der Kirche, die Verweltlichung beginnt, und so ist es Jan Hus, der mit der Einführung des weltlichen Kelches, des so genannten Laienkelches, ein Jahrhundert (!) vor Martin Luther den Bruch mit den Lehren der Katholischen Kirche markiert. 
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird Böhmen in den habsburgischen Machtbereich integriert, das Denken wird rekatholisiert, die Eliten des Protestantismus vertrieben, die Böhmischen Länder werden zum Erbkönigreich der Habsburger ernannt. Der moderne Staat entsteht mit zentraler Verwaltung, der Ausdifferenzierung des Rechtsstaates und einer vom Staat gelenkten Wirtschaft. 


1784 wird Deutsch als Amtssprache verordnet, am Wiener Hof wird das Tschechische nämlich als „unfertige Sprache“ gesehen, das deutsch Geprägte überlagert den realen Sprachgebrauch des Tschechischen und marginalisiert es auf diese Art und Weise. 


„Unter dem Druck der französischen Revolution verstärkt sich die innere Repressionspolitik.“ 


Die Zeitungen werden zensiert, Buchhandlungen und das Schulwesen überwacht. Der Volksmund macht sich darüber lustig, indem er von den vier Armeen des Kaisers berichtet. Das „stehende Heer der Soldaten“, das „sitzende Heer der Bürokraten“ das „kniende der Geistlichen“ und das „schleichende der Denunzianten“.


Von der französischen Revolution und den Befreiungskriegen her beeinflusst, entsteht ein nationales Denken, die moderne tschechische Schriftsprache entsteht, die jedoch einen niedrigeren sozialen Status hat als das Deutsche im Vergleich. Es entstehen zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Kultursysteme. 


Die Tschechen fordern den so genannten „Trialismus“, die gleichberechtigte Vertretung von Deutschen, Ungarn und Slawen. Desintegrative und konfrontative Entwicklungen fördern das Trennende im deutsch-tschechischen Verhältnis. 
Auf die Gündung des tschechischen Nationaltheaters folgt die Eröffnung des Neuen deutschen Theaters, die deutsche Wissenschaftsgesellschaft wird konterkariert durch die Gründung der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 


Die Auseinandersetzungen radikalisieren sich. Sprachverodnungen führen zu Widerstandsbewegungen, die auch gegen deutsche Geschäfte in Prag gewalttätig werden. Und Egon Erwin Kisch konstatiert: „Kein Deutscher erschien jemals im tschechischen Bürgerclub, kein Tscheche im deutschen Kasino.“ Und die jüdische Gemeinschaft steht dazwischen. Nach 1860 etabliert sich jedoch nach und nach eine moderne national argumentierende Kultur, die in der Musik durch die Komponisten Smetana, Dvořák und Janáček vertreten ist und weltweit Beachtung und Anerkennung findet. 


Historische Figuren, Narrative, Mythen und geschichtliche Ereignisse werden in das Zentrum der Kulturschaffenden gerückt. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wirken monarchistische Tendenzen und die deutsch-tschechische Konkurrenz in Kultur und Bildung noch nach, nach dem Ausruf der tschechischen Republik 1918 entsteht der Nationalitäten-Staat. 


Zwischen 1938 und 1945 wird mit der Besetzung der Sudetengebiete durch Hitler und durch das Protektorat Böhmen-Mähren der tschechoslowakischen Staatlichkeit „durch Gewalt von außen“ ein „Ende gesetzt“. 


Es entsteht ein explosives kulturpolitisches Gemisch aus „Einschüchterung, Vereinnahmung, Rivalität und Kollaboration“, in dem sich aber auch Nischen der Eigenständigkeit und versteckter Widerstand entwickeln. 


Die Judenvernichtung erreicht ihren Höhepunkt in der Errichtung des Ghettos Theresienstadt. 


Nach Kriegsende werden drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Die Vertreibung führt zu einem Ende des jahrhundertelangen deutschen und tschechischen Zusammenlebens.

 

 

 

 

Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg) Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder