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Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

80. Todestag Walter Benjamin

Howard Eiland/Michael W. Jannings: Walter Benjamin – eine Biographie

 

An der letzten Grenze scheiterte er, obwohl seine Biographen ihm eine „selbstbewusste, ja manchmal rücksichtslose Neigung“ bescheinigen „Grenzen zu überschreiten.“ Howard Eiland und Michael W. Jannings fahren in ihrer großen Biographie über Walter Benjamin fort, „diese Dialektik von Selbsterkundung und Erforschung der äußeren Welt bleibt für den erwachsenen Mann und sein Werk bestimmend.“ In den Pyrenäen, schon ein paar Meter im rettenden Spanien, mit Blick auf Portbou und das Mittelmeer hieß es für einen der bedeutendsten europäischen Intellektuellen, dessen gelegentliche Spielsucht seine Biographen nicht verschweigen: „Rien ne va plus“! 

 

Vor 80 Jahren, am 26. September – die Datierung schwankt zwischen Zeugenaussagen und Kirchenbuch um einen Tag - nahm sich dort der 1892 in Berlin geborene Benjamin das Leben. Vom Exil und der Flucht vor den Nazis erschöpft, hielt er seine Übersiedlung in die USA für gescheitert, obwohl er kurz zuvor an seinem letzten Zufluchtsort Marseille endlich ein amerikanisches Einreisevisum und Durchreisevisa für Spanien und Portugal erhalten hatte. Dieser dramatische Schlusspunkt seines Lebens ist allgemein bekannt. Inzwischen gehören auch seine zu Lebzeiten nur gelegentlich publizierten und beachteten Werke zum international rezipierten Kanon der geistes- und sozialwissenschaftlichen Literatur des 20. Jahrhunderts. Insgesamt aber blieben sein Leben und Werk bisher von einseitigen Zuschreibungen und Missdeutungen verzerrt. Die neue Biographie räumt mit diesen Fehlern auf, ohne neue zu begehen.

 

Eiland unterrichtet Literatur am MIT und Jannings in Princeton, zwei Eliteuniversitäten an der amerikanischen Ostküste. Eiland hat maßgebliche Werke Walter Benjamins ins Englische übersetzt. Beide gelten als die weltweit kompetentesten Benjamin Experten. Ihre materialreiche Biographie geht mit der profunden Kenntnis des Werkes dieses aus einer assimilierten jüdischen Familie stammenden Intellektuellen keineswegs geizig um. Selbst abgelegene Aufsätze, Entwürfe oder auch zahlreiche Briefe sowie einzelne Anekdoten aus Benjamins sozialem Umfeld fließen in die geglückte Verbindung von Lebenserzählung und Würdigung wichtiger Werke ein. Es entsteht dabei nicht etwa ein auf ein weiteres Schlagwort reduziertes Bild dieses vielseitigen Geistesmenschen. Seine Biographen setzen keinen neuen Begriff vor die Klammer von Leben und Werk. Vornehm laden sie den Leser ein, sich anhand ihrer Biographie und der durch sie erschlossenen Werke ein eigenes Bild von Benjamin und seiner geistigen Welt zu schaffen. Aber sie verzichten keineswegs auf Beweise ihrer Urteilskraft oder auf ein deutliches Wort zu persönlichen Eigenschafften oder Fehlern. Die ganze Biographie enthält so viele kritische Elemente, wie sie auch Verständnis für Benjamin aufbringt.

 

Den Autoren gelingt es z.B. aus einem kurzen Zitat aus der Zeit von Benjamins früher Hinwendung zur Jugendbewegung etwas für sein späteres Leben zu gewinnen: „Benjamins Formulierung eine Freundschaft der fremden Freunde evoziert die Dialektik von Einsamkeit und Gemeinschaft. … Für den Rest seines Lebens hat sein Verhalten in allen zwischenmenschlichen Beziehungen diese Formulierung bestätigt.“ Das gilt auch für seine nach Jahren quälender Auseinandersetzung gescheiterte Ehe mit Dora, aus der der Sohn Stefan hervorgegangen ist. Beide haben die Nazizeit im Londoner Exil überlebt. Seine Freunde wählte Benjamin überwiegend aus seiner eigenen Klasse der gehobenen jüdischen Bildungsbürgerlichkeit. Die Biographie widmet sich der lebenslangen Freundschaft zum jüdischen Religionshistoriker Gerschom Scholem – lange Zeit von Angesicht zu Angesicht, später, nach der Auswanderung seines Freundes nach Palästina, in ausgedehntem Briefwechsel. Benjamins Religiosität hatte allerdings wenig mit einem Synagogenjudentum zu tun. Er verband viel christliches Glaubensgut und jüdische Mystik zu seinem eigenen „Glaubensbekenntnis“. Ähnlich war es mit seiner Beziehung zum Marxismus, speziell zum Kommunismus, die er nach einem Besuch in Moskau geschärft hatte. Man muss sich Benjamins Kommunismus nur als einen vorstellen, der Menschen wie ihm einen würdigen Platz einräumten. Alles das kommt in der geistreich geschriebenen, von Irmgard Müller hervorragend übersetzten Biographie in zeitgeschichtlichem Zusammenhang immer wieder zur Sprache. Gewicht bekommen die Jahre des Exils in Paris. Die Autoren gehen in interessante Details, wenn sie dem mit Hannah Arendt und ihrem Mann Heinrich Blücher gemeinsamen Erlernen der englischen Sprache zur Vorbereitung der Auswanderung in die USA oder dem Treffen mit Bertolt Brecht und Helene Weigel mehr als nur eine Fußnote widmen.


Die Autoren stellen alle wichtigen Werke Benjamins in ihrem Entstehungszusammenhang – oft als jahrelanges work in progress - und ihrer seinerzeit oft schleppenden Rezeption dar: Seine in Bern eingereichte Dissertation zur Kunstkritik in der deutschen Romantik enthält bereits Grundsätzliches für spätere Werke. Seine Baudelaire-Studien gewinnen die Bedeutung, die der Franzose für Benjamin zeitlebens hatte. Die intellektuellen Großessays über Goethes „Wahlverwandtschaften“, über das deutsche Trauerspiel, seine „Einbahnstraße“ erscheinen in dieser Biographie teilweise in neuem Licht. Schwerpunkte der Darstellung bilden der bahnbrechende Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, seine Erinnerungen an seine „Kindheit in Berlin um 1900“ und die über ein Jahrzehnt währende Arbeit am unvollendet gebliebenen, aus Miniaturen zusammengewachsenen „Passagenwerk“.

 

Die Auseinandersetzungen und die Zusammenarbeit mit dem vor den Nazis nach New York umgezogenen Institut für Sozialforschung von Horkheimer/Adorno behandeln die Autoren ohne die aufgeladene Besserwisserei manch früherer Interpreten.
Diese hervorragende Biographie war notwendig und wird als Standardwerk das Bild Walter Benjamins für unsere Zeit bestimmen. Sie lädt – wie ihre Autoren anregen – zu vertiefendem Lesen vor allem der Originale ein. 80 Jahre nach seinem Tod ist Walter Benjmin hochaktuell geblieben.

 

 

 

Howard Eiland/Michael W. Jannings: Walter Benjamin – eine Biographie 
Übersetzt von Irmgard Müller Suhrkamp, Berlin 2020   1021 Seiten   zahlr. zeitgenössische Fotos 

 

Howard Eiland unterrichtet Literatur am Massachusetts Institute of Technology.

 

Michael W. Jennings ist Professor für Philologie an der Princeton University.

Henry Kissinger WÄCHTER DES IMPERIUMS

 

Henry Kissinger, ein Scheinriese, der immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Auf diesen Nenner lässt sich sein politisches Denken und Handeln bringen. Zugleich verstand er es, sich zur Marke in Übergröße zu machen, egal, ob als Sicherheitsberater zweier amerikanischer Präsidenten, als Außenminister, Elder Statesman, Bestsellerautor, Politikberater oder Orakel. Sich immer im Gespräch zu halten, war und ist Kissingers größter Erfolg. Gestützt auf eine Vielzahl unbekannter Quellen, rekonstruiert Bernd Greiner das Leben eines Mannes, der für die Macht lebte und in die Geschichte eingehen wollte – mit allen Mitteln und um fast jeden Preis.


C.H.Beck

Geert Mak: Große Erwartungen                          Auf den Spuren des Europäischen Traums    1999 – 2019

Mit seinem hochgelobten Werk »In Europa« hat GEERT MAK die Geschichte unseres Kontinents im katastrophenreichen 20. Jahrhundert virtuos erzählt und damit einen Klassiker der Geschichtsschreibung vorgelegt, der zum internationalen Bestseller wurde. 

Daran knüpft er nun an mit seinem neuen Buch »Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums (1999-2019)«. Es erscheint heute, am 31. August, im Siedler Verlag. 

Angesicht eines desorientierten und gespaltenen Europas fragt sich Mak: »Was ist beim turbulenten Start ins 21. Jahrhundert mit der europäischen Welt geschehen?«

 

15 Jahre nach »In Europa«: Auf seiner neuen Reise durch den Kontinent spürt Mak dem alten europäischen Traum – Frieden, Demokratie, Wohlstand – nach, der immer mehr zum Albtraum wird. Von den Küsten Lampedusas bis zu Putins Moskau, vom störrischen Katalonien bis zu den muslimischen Vororten Kopenhagens: Unser Kontinent ist zum Zerreißen gespannt. Was ist, dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, aus dem alten europäischen Traum – Frieden, Freiheit und Wohlstand – geworden, der immer mehr zum Albtraum wird? Geert Mak, der geniale Erzähler unter den Historikern unserer Zeit, schrieb 2005 mit seinem Buch »In Europa« einen Klassiker – ein Reisebericht, zugleich die Bestandsaufnahme Europas am Ende eines katastrophenreichen Jahrhunderts, samt all der Euphorie zu Beginn des neuen Millenniums. 
Wo stehen wir heute, zwanzig Jahre später? Was ist aus den großen Erwartungen geworden? Wie keinem Zweiten gelingt es Mak, das fragile Wesen Europas zu ergründen, es in zahllosen Geschichten sichtbar und sinnlich wahrnehmbar zu machen. Und den Menschen dieses Kontinents eine Stimme zu verleihen. (Siedler)

 

Rezension

Die Computer sind am ersten Tag des 21. Jahrhunderts nicht abgestürzt. Viele hatten das befürchtet. Aber die ersten zwanzig Jahre dieses 3. Jahrtausends haben andere, unerwartete Abstürze erlebt. Von den Twin Towers in New York bis zu der Weltwirtschaftskrise mit milliardenschweren Bankenrettungen, dem Zusammenbruch europäischer Volkswirtschaften oder dem Abschuss einer aus Malaysia nach Amsterdam fliegenden Boeing 777 von ost-ukrainischem Boden aus.

Nachzulesen ist das in dem vorzüglichen Buch „Große Erwartungen“ des niederländischen Publizisten Geert Mak. Für früheres Werk hatte er 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten. Auch in diesem neuen Buch verständigt er sich über die letzten 20 Jahre in Europa durch intensive Reisen, die ihn von Kirkenes hinter dem Nordkap an der norwegisch-russischen Grenze bis an viele angesagte und abgelegene Orte Europas führten. Er trifft überall Menschen, manche kennt er schon seit vielen Jahren, aus deren Perspektive das Buch erzählt wird. Das ist abwechslungsreich, dramaturgisch gekonnt und glänzend geschrieben.

Ein Kabinettstück dieser Art, Zeitgeschichte zu schreiben, gelingt ihm in dem „Stevens“ überschriebenen Kapitel. Der war in leitender Stellung bei der belgisch-niederländischen Fortis Bank tätig und kommt gleich zur Sache: „Moral? So böse sich das auch anhört, es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass Banken etwas wie Moral kennen.“ Stevens entwickelt auch in dem nächsten Kapitel „Brothers“ ein großartiges Binnenpanorama der Bankenwelt im Jahr der großen Krise 2008. „Es war ein Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Union“, sagt dieser Manager und Geert Mak führt die Geschichte dieser Krise souverän und verständlich zu dem Ende, an dem die Steuerzahler in den europäischen Länder unverstellbare Summen zu Rettung ihrer „systemrelevanten“ Banken zu zahlen hatten, deren Fehl-Manager aber statt vor den Kadi an den Bankschalter traten, um ihre Bonusgewinne abzuheben.

 

Selten hat man diese einschneidende Katastrophe so genau analysiert gelesen, der weitere folgen sollten. Die Euro-Krise, Griechenland, Brexit, die massenhafte Immigration in das immer noch für viele attraktive Europa, das sich weigerte, den Staaten, die am meisten darunter zu leiden hatten, die Flüchtlinge nach den von allen beschlossenen Regeln der Gemeinschaft abzunehmen.

 

 

ZITAT

 

"Man hatte einmal geglaubt, die westliche Freiheit und Demokratie würden langsam den Osten und den Rest der Welt erobern. Inzwischen scheint die Entwicklung eher in die andere Richtung zu gehen. Europa ist desorientiert, gespalten und geschwächt. Russland ergreift jede Gelegenheit, neue Zwietracht zu säen, China nutzt die entstehenden Lücken, um die Europa sich nicht kümmert, ob in Mitteleuropa oder auf dem Balkan und in Griechenland. Weiter im Westen gibt es nun einen amerikanischen Präsidenten, der im Großen und Ganzen die gleiche Destabilisierungspolitik betreibt wie die Russen und der innerhalb kurzer Zeit die Regeln und Institutionen der Nachkriegsweltordnung aushebelt. Der New-York-Times-Kolumnist Roger Cohen drückte es so aus: Die alte transatlantische Welt des späten 20. Jahrhunderts sei »gone, man, solid gone«."

 

 

Politikverdruss, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus, Populismus – alles Folgen eines die Menschen nicht mehr demokratisch beteiligenden Krisenmanagements der Regierungen, der fehlenden Legitimität des erst allmählich mit mehr Rechten ausgestatteten Europäischen Parlaments. Geert Mak sieht das alles als Zeitzeuge, beschreibt, was er sieht und erfährt. Aber was es für den „Europäischen Traum“ bedeutet, welche Folgen das alles – auch die positiven Entwicklungen, die er beschreibt – in der Zukunft haben wird, das legt er in die Beurteilung einer von gedachten jungen Historikerin, die in 50 Jahren diese beiden Jahrzehnte nicht als Zeitgeschichte betrachtet: „Meine junge Historikerin hat dank des zeitlichen Abstands einen guten Überblick. Ich nicht. Ich beneide sie“, schreibt Mak. Mit dieser leider nicht in allen zeitgeschichtlichen Darstellungen anzutreffenden Bescheidenheit, stellt der Autor einerseits sein Licht etwas unter den Scheffel und gewinnt andererseits Freiheit für seine Urteilskraft. Die setzt er gnadenlos ein, wenn er den Finger auf verschuldete und verschwiegene Fehlentwicklungen legt. Seine Kritik an den unsolidarischen europäischen Pfennigfuchsern vor allem aus seiner niederländischen Heimat fällt bissig aus.

 

ZITAT

 


"Brüssel ist eine Blase oder, besser gesagt, eine endlose Folge von Blasen nah beieinander. Es ist eine gequälte Stadt, und in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten ist alles nur noch schlimmer geworden." 

 

Ebenso lässt er an den Auswahlmethoden der jährlich neu zu bestimmenden „Kulturhauptstadt“ Europas kein gutes Haar wie auch an der Lobbyarbeit der Automobilindustrie, die jahrelang den Dieselschwindel unter der Decke halten konnte, als längst alle wussten, dass da geschummelt und betrogen wurde. In einem für die deutsche Ausgabe hinzugefügten Epilog 2020 behandelt er sachkundig und unaufgeregt die Covid-19 Pandemie. „Einer meiner Lehrmeister, der amerikanisch-ungarische Historiker John Lukacs, meinte bereits vor einem Vierteljahrhundert, das 20 Jahrhundert könne unter Umständen die Endphase von fünf Jahrhunderten bürgerlicher Kultur, europäischer Aufklärung und Demokratie sein.

 

 

Zitat

 

"Zur journalistischen Brüsseler Blase gehört von jeher ein hohes Maß an Loyalität. Eine kritische Haltung, eigentlich die Grundlage jeder journalistischen Tätigkeit, galt in Brüssel jahrelang als eher unangebracht. Die EU sollte unbedingt erklärt und verteidigt werden. Diese Art von Obrigkeitstreue ist vor allem nach dem Chaos der Euro-und der Flüchtlingskrise verschwunden. Doch immer noch bewegen sich die meisten Journalisten vor allem im Kreis von Landsleuten und interessieren sich oft ausschließlich für die Briefings."

 

 

Zum ersten Mal befürchte ich, dass mein alter Freund recht bekommen könnte.“ Er schließt mit einem schönen Wort an die junge Historikerin: „Liebe Freundin, ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.“
 

Harald Loch

 

Geert Mak: Große Erwartungen. Auf den Spuren des Europäischen Traums (1999 – 2019)

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

Siedler, München 2020   640 Seiten   38 Euro

Interview mit Geert Mak

Was war Ihre größte Hoffnung, die Sie mit Europa verbunden haben?

 

Meine Motivation, mich mit Europa zu beschäftigen, basiert weniger auf Erwartungen. Ich sehe den europäischen Einigungsprozess in erster Linie als eine dringende Notwendigkeit, die einzige Möglichkeit für Europäer, die großen Probleme des 21. Jahrhunderts - Klima, internationale Machtverschiebungen - in gewissem Maße zu bewältigen.

 

Was ist dagegen Ihre größte Enttäuschung?

 

Man kann nicht direkt von Enttäuschungen sprechen. Ich sehe, wie die EU in all den Krisen der letzten Jahre gewachsen ist und sich weiterentwickelt hat. Gleichzeitig bleibt es ein extrem gespaltenes Unternehmen, und das nationale Denken dominiert weiterhin, selbst wenn es um offensichtliche gemeinsame Probleme wie die Einwanderung geht.

 

 

Woher kommen die Widersprüche, einerseits lieben die Menschen Europa, genießen die freien Grenzen, andererseits gehen sie auf die Strasse und brüllen Hassparolen dagegen?

 

Dass die Menschen auf der einen Seite der EU in vielerlei Hinsicht davon profitieren und auf der anderen Seite dagegen protestieren, hat alles damit zu tun, dass einige nationale Politiker die Szene nur für sich behalten wollen. Was gelingt, wurde - von einem sehr menschlichen Merkmal - übernommen, was gescheitert ist, liegt an Brüssel. Diese permanente Anti-Propaganda hat uns zum Teil den Brexit beschert.

 

Europa ohne Großbritannien verliert an Macht und Einfluss, von Putin und Trump nicht ernst genommen, sehen Sie eine Chance der europäischen Revitalisierung?

 

In all der Unsicherheit dieser Zeit fühlen sich viele Menschen auch unsicher, ignoriert, gedemütigt und nicht gesehen. Die Wut, die dies hervorruft, sollte nicht unterschätzt werden, der ethnische Nationalismus wird sehr attraktiv und die internationale EU ist ein leichter Sündenbock.

 

Europa ist ein Wirtschaftskonstrukt und durch viele Krisen gegangen, welche Zukunft blüht dem europäischen Kontinent?

 

Die EU muss sich daran gewöhnen, neben China und Amerika eine wichtige politische Kraft zu sein und sich entsprechend neu zu organisieren. Die Frage ist jedoch, ob dies in allen Geschäftsbereichen gelingen wird. Eine flexiblere EU hat als Organisation größere Überlebenschancen. Europa besteht einfach aus vielen verschiedenen Kulturen, das ist genau das Merkmal Europas. Eine übermäßig erzwungene Einheit kann auf lange Sicht nicht aufrechterhalten werden.

 

 

Geert Mak, geboren 1946, ist einer der bekanntesten niederländischen Publizisten und gehört zu den wichtigsten Sachbuchautoren des Landes. Zuletzt erschienen von ihm bei Pantheon »In Europa« (2007), »Die Brücke von Istanbul« (2007), »Was, wenn Europa scheitert« (2012) und »Wie Gott verschwand aus Jorwerd« (2014). Für sein Werk erhielt Geert Mak 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. 

Boris Johnson          FOREVER YOUNG?

 

 

Über keinen anderen Politiker sind so viele Klischees im Umlauf wie über den britischen Premierminister Boris Johnson. Man hat ihn als Clown oder als englischen Zwilling von Donald Trump dargestellt. Inzwischen kann jeder sehen, wie weit dieses Bild von der Wirklichkeit entfernt ist. Gegen enorme Widerstände hat Johnson den Brexit durchgesetzt, die britische Parlamentswahl mit einem Erdrutschsieg gewonnen und sich als erfolgreichster bürgerlicher Politiker Westeuropas etabliert. Wie kein Konservativer vor ihm hat Johnson Anhänger im Arbeitermilieu gewonnen und damit die gesamte politische Landschaft umgepflügt.
 
Jan Roß zeichnet in seinem Porträt eine vielschichtige, interessante Figur, ohne die Eskapaden und Abgründe zu beschönigen. Er erklärt die historischen Hintergründe von Johnsons Politik – und zeigt, was für eine Chance darin für die Auseinandersetzung mit dem Populismus in Europa steckt. Der Brexit, so Roß, ist keine englische Kuriosität, sondern ein politisches Experiment, das weit über Großbritannien hinaus echte Aufmerksamkeit verdient. Wie auch immer Boris Johnsons abenteuerliche Geschichte ausgehen wird – die Geschichte seines Landes und unseres Kontinents hat er schon jetzt verändert. (Rowohlt Berlin) 
Gerade hat Boris Johnson der Europäischen Union gedroht sich in der Nordirland-Frage, nicht rechtstreu zu verhalten, die bisherigen Verhandlungsergebnisse nicht zu akzeptieren, da fällt es schwer, dem Buchautor Jan Roß Glauben zu schenken, der den politischen Wirbelwind Boris Johnson in einem milderen Licht erscheinen lassen will. 
 
Der Reihe nach. Schon eingangs des Buches mokiert sich der Biograph über die Johnson-Klischees, die im Umlauf sind: Unwahrhaftigkeiten, Verantwortungslosigkeiten, Polit-Clown, Rechtsradikaler, Witz- und Hassfigur, Oxford-Schnösel. Roß ordnet Johnson als Schelmen- und Abenteurerfigur ein und listet seine Verdienste auf. 
 
Johnson sei „kein Leugner oder Beschöniger des Klimawandels, sondern ein bekennender und sogar leidlich praktizierender Umweltschützer“, er glaube an Moral in der Außenpolitik, kein Hasser und Hetzer, kein Verleumder oder Verfolger von Minderheiten. 
 
Man möchte das ja alles glauben und Jan Roß trägt auch Bemerkenswertes über die Figur Johnson zusammen, doch allein dem Leser fehlt der Glaube. Für Roß ist es nur Ironie, dass der Brexiteer Johnson früher überzeugter Eurokrat war. Reicht der Begriff Ironie aus, um eine solche Wechsel-mentalität in politischen Haltungen einzuordnen? Roß nennt Johnson „flegelhaft, aber nicht rebellisch, frech, aber konservativ.“ Sind das demokratische oder konservative Tugenden? Johnson wird beschrieben als der „… ewige Junge“, eine „zutiefst englische Figur“.

 

Zugegeben, es ist schon ein farbiges Porträt, das Jan Roß da gelungen ist, und er vergisst auch nicht, den scheiternden Johnson zu beschreiben, der seinen Journalistenjob bei der Times verlor, weil er ein Zitat erfand, oder als kulturpolitischer Sprecher der Konservativen gefeuert wurde, weil er über eine außereheliche Affäre nicht die Wahrheit sagte. 

 

Roß nennt das „struppige Originalität“ oder Johnson ist „Held des Davonkommens“. Es sind diese originellen Formulierungen, die auffallen und gefallen. Roß diagnostiziert bei den Berufseuropäern in Brüssel „pompöse Leere und humorlose Aufgeblasenheit“, „routiniertes Phrasengewäsch“, stuft die Bürokratie als „Sprechautomaten“ ein.  
 
Die politischen Analysen, warum es zum Brexit kommen wird, kann man eher unterschreiben. Roß analysiert glasklar die frustrierten Briten, die Zurückgelassenen, die Verdruss-Engländer, die zu den Verlierern zählen, für die Europafeindschaft zum psychischen Entlastungsmoment wird. 
Roß setzt Johnsons Politattitüde dagegen: „Im Gegenteil, der verlässliche Affekt gegen alles Bevormunden, Gängeln oder Einschränken gehört zu Boris Johnsons attraktivsten Eigenschaften.“

 

Gegen das Gängel-Europa hilft eben der Austritt aus der EU, als finale Antwort: „Welches Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU sich auch immer schließlich einstellt, die Trennung dürfte gründlich und nachhaltig sein.“
Dass in der politischen Entwicklung der Zukunft das „Unfertige“, die „Überraschungen“, die „Ungewissheit“, das „Abenteuer“ liegen, erzeugt beim Autor Jan Roß wenigstens „leichte Beklemmung“ und „innerlich angehaltenen Atem“, mit denen Roß diese Karriere verfolgt. 
 
Aber können Krisen der Zukunft mit solchen Haltungen ohne Haltung bewältigt werden? Und so resümiert Roß, dass sich Johnson als eine Art „literarische Gestalt“ entworfen, als „Held eines Lebensromans“ erfunden hat. 
Wir sind gespannt auf das Ende des Romans oder besser auf die „Politsoap“-Fortsetzungsfolgen: Was wird aus GROßbritannien, wenn es zum Klein-England geworden ist? Und hat das wirklich mit Heldentum zu tun? 
Jan Roß ist eine gut lesbare Psychostudie über die schillernde Politfigur Boris Johnson gelungen, die politischen Schlussfolgerungen mag man nicht alle unterschreiben, aber wie eingangs erwähnt, Unterschriften unter Verträgen scheinen heutzutage auch nicht mehr allzu viel zu gelten.     
Jan Roß Boris Johnson Porträt eines Störenfrieds Rowohlt Berlin
 
Jan Roß, 1965 in Hamburg geboren, studierte Klassische Philologie, Philosophie und Rhetorik in Hamburg und Tübingen. Er war Feuilletonredakteur der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und der «Berliner Zeitung» und gehört heute zum politischen Ressort der «Zeit», für die er von 2013 bis 2018 Korrespondent in Indien war. Zuletzt erschienen «Was für eine Welt wollen wir?» (mit Richard von Weizsäcker, 2005), «Die Verteidigung des Menschen» (2012) und «Bildung – eine Anleitung» (2020).

TAGEBUCH DER LEIDEN

Iljoma Mangold führt ein politisches Tagebuch und notiert darin die Ereignisse unserer Gegenwart. Er beschreibt, was er auf der Weihnachtsfeier der „Zeit“ und am Rande der Berlinale erlebt, dass sein Sportlehrer sich nie angeschnallt hat und warum Greta ihn triggert. Im Januar erklärt Helena, eine russlanddeutsche Bekannte, ihm ihren Feminismus, im Februar denkt er über das Wahlergebnis in Hamburg nach, im März stellt er fest, dass der „Decamerone“ bei Dussmann ausverkauft ist. Wegen Corona. Verwundert blickt er auf die, denen einerseits „Tugendterror“ oder „Multikulti-Romantik“, andererseits „Agism“ oder „Faschismus“ leicht von den Lippen gehen. Deutlich wird bei seinen Begegnungen, dass die Basis, auf der wir jeden Tag Urteile fällen und Entscheidungen treffen, schmal und schwankend ist. Und doch ist sie alles, was wir haben.

 

Die alte Eindeutigkeit ist aus der Politik verschwunden. Sie wurde ersetzt durch Reflexe und Schnappatmung, durch Wut und Widersprüchlichkeit. Doch gerade dieses Unreflektierte, die Affekte, der Stammtisch, der permanent nur für uns selbst in uns zu hören ist, ist das, so Mangold, was das Politische im Tiefsten ausmacht. Wie wir zu Meinungen kommen, wie wir es uns gemütlich einrichten mit ihnen und wie wir sie im besten Fall auch mal wieder loswerden – darum geht es in diesem Buch der Selbstbeobachtung. Es ist ein Text der Zeitdiagnostik entstanden, der eine Darstellung des politischen Gegenwartstheaters durch einen aufmerksamen Insider ist und gleichzeitig eine politische Anthropologie. (Rowohlt) 

 

Also schon am Anfang macht der Intellektuelle IIjoma Mangold klar, auf welcher Augenhöhe und Ohrenhöhe er mit uns sprechen will, keine geringere als Hannah Arendt muss es sein, die das Buchmotto vorgibt: „Und dies Mit-sich-selbst-Sprechen ist ja im Grunde das Denken.“ 

 

Der Autor führt also ein Selbstgespräch, legt es in Tagebuchnotizen nieder – auf Empfehlung des Verlegers Alexander Fest - und lässt uns als Leser an seinen Gedankensprüngen, Ideen, Eingebungen, Vorurteilen, Reflexen des Alltags teilhaben. Mit seinen Monologen tritt er in einen Dialog mit dem Leser. 

 

Mangold liebt die „Gegenposition“, die er zuweilen als Rollenmodell einnimmt, um nur mal eben dagegen zu sein. Das ist reizvoll auch bei Partygesprächen. 

Was will Mangold uns mitteilen mit diesem Buch? Dass das Urteilen aus vielen einzelnen Puzzleteilchen besteht: Reflexen, Emotionen, Affekten, weltanschaulichen Überzeugungen und politischen Urteilen. 

 

Das will Mangold eben genauer begreifen: „Wie ticke ich als politischer Bürger?“ Da ist nicht immer Vernunft, da ist eben auch Gefühl, zum Beispiel Wut. 

Ob Greta oder Boris, also Thunberg oder Johnson, Flüchtlingsthematik oder ZEIT-Redakteurskonferenz, Mangold gibt den Bundesliga-Fußballer, er ist für sein Tagebuch jeden Tag fokussiert und sieht wie durch ein Brennglas die bundesdeutsche Wirklichkeit, wie sie ist, wie man sie fühlt und was man über sie denkt. 

Da kommen dann solche Wahrheiten ans Tageslicht wie die folgenden: „Doch der Abschied von politischen Irrtümern ist eine zweischneidige Sache - der Irrende hängt ja an seinen Irrtümern, er hält sie für seinen Charakter.“ Oder: „Ich glaube, das Gegenteil ist wahr. Genau das.“ 

 

Mangold interessiert das Unreine, Unreflektierte, Instinkthafte, diese Affekte und Ressentiments, diese schlechten Angewohnheiten, eben der innere Stammtisch, das Vegetative des Politischen, das Reiz-Reaktionsschema, Reaktionsweisen, die im aktuellen Journalismus ja auch zu den „gefühlten“ Fragen führen. Und wie geht’s dem ehemals mündigen Wahlbürger dabei: „Die Haupteigenschaften des zoon politikon sind Vergesslichkeit, Wehleidigkeit, Stimmungshaftigkeit, ADHS und schneller Überdruss“. 

 

Die Themenpalette ist Cinemascope: „Hate Speech“, Reformstau, Alltagsrassismus, Impeachment, Flüchtlingsströme, Gutmenschen und Bösmenschen, Rechtsterror, Landflucht, Handke-Flüche, Hirnforscher, Talkshowgequatsche, Literaturwissenschaft, Radfahrererlebnisse, Brexit-Wahnsinn, Partyspeech, Intercityerlebnisse und Flugscham, social distancing „and“ Netflix.

 

Ein Buch wie ein politischer Jahresrückblick ohne Bilder, aber dennoch sehr farbig und zugleich auch grau in grau, so wie der deutsche Alltag eben auch zuweilen ist. Kant und seine verdammte Vernunftbegabung ist out. Das „Gefühlige“ ist in. 

In die Tiefen des Psychologischen dringt Mangold allerdings nicht vor, will er auch gar nicht, er bleibt bei seinen Beobachtungen und zieht seine Schlüsse daraus. Eine Art Phänomenologie des Gegensätzlichen und Widersprüchlichen.

 

Zusammengefasst in dieser fernöstlichen Grundweisheit: 

 

„Im Zen-Buddhismus gibt es ein koan, das lautet: 

Der Mensch geht über die Brücke.

Unter der Brücke fließt der Fluss.

Der Mensch geht nicht über die Brücke.

Unter der Brücke fließt kein Fluss.

Näher wird man der Wahrheit nicht kommen.“

 

Fast ist man versucht, an diese Stelle ein Schrödersches Polit-Basta zu setzen. Also bitte, BASTA! Und wer nicht weiß, was das heißt, hier die Erklärung: Genug! (italienisch: basta!), das ist ein Ausruf, der eine Diskussion beenden soll (Wikipedia). Also, auch hier Ende der Diskussion…  

 

Ijoma Mangold, geboren 1971 in Heidelberg, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und Bologna. Nach Stationen bei der „Berliner Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“ wechselte er 2009 zur Wochenzeitung „Die Zeit“, deren Literaturchef er von 2013 bis 2018 war. Inzwischen ist er Kulturpolitischer Korrespondent der Zeitung. Zusammen mit Amelie Fried moderierte er die ZDF-Sendung „Die Vorleser“. Außerdem gehört er zum Kritiker-Quartett der Sendung „lesenswert“ des SWR-Fernsehens. 2017 erschien „Das deutsche Krokodil“. Mangold lebt in Berlin.

 

Ein "Radaubruder" des deutschen Rock'nroll

 

Achim Reichel, seit fast 60 Jahren auf der Bühne zuhause, blickt zurück auf sein Leben. 2019 feierte er zu seiner größten Verwunderung seinen 75. Geburtstag – und es ist viel passiert, was sich zu erzählen lohnt: In den Sechzigern feiert er als Frontmann der Rattles Erfolge, wird in den Siebzigern Vorreiter des Krautrocks, veröffentlicht ein Album mit Shantys und Seefahrersongs, vertont Balladen von Goethe und Fontane, arbeitet mit Jörg Fauser und veröffentlicht seine großen Hits „Aloha Heja He“ und „Kuddel Daddel Du“. Und jetzt? Auf einem Containerschiff reiste Reichel nach Namibia und nutzte diese Auszeit, um sein Leben aufzuschreiben – von den Anfängen auf St. Pauli über die wilden Jahre on the road bis heute. Bunt, nachdenklich und faszinierend. (Rowohlt)

 

Auf dem Schulhof in meinen Sechziger Jahren entbrannte regelmäßig der etwas andere Sängerstreit: Die Frage war: Bist Du Beatles-Fan oder Rolling-Stones-Anhänger, und die deutsche Variante hieß RATTLES-Guru oder LORDS-Jünger?

Gut, die deutschen Bands brachten mehr „schrummschrumm“ auf die Bühne, aber in den Rock‘nroller-Zeiten kam es zuweilen mehr auf Lautstärke als auf Musikalität an. 

 

Rattleschef Achim Reichel war ureigentlich ein Jugendträumer und als „Schiffsteward“ zur See unterwegs. Er begab sich jetzt wieder an Deck eines Frachtschiffes, um seine Memoiren zu schreiben mit Whiskey, Bier und Stangen Zigaretten dabei, auf dem Frachter spottbillig, und „die Kombination aus allem brachte meine Schreiberei so richtig in Fahrt.“ Die Route führte entlang von Marokko, Westsahara, Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea- Bissau, Guinea, Sierra Leone und Liberia.

 

Reichel besaß in seiner Jugendzeit einen kleinen Plattenspieler und nudelte Little Ricard, Jerry Lee Lewis oder Chuck Berry. Seinen Plattenspieler tauschte er dann aber gegen eine „Fender Strato-caster“-Gitarre ein und wurde ein „Rattle“, und das bedeutete eben „rasseln, lärmen, Radau machen“. Sie taten es mit ihren Instrumenten und nicht wie einst die BEATLES den Oberen Zehntausend und der Königlichen Familie in den oberen Rängen bei einem Konzert zuriefen mit ihren Juwelen zu „rasseln“, eben zu „ratteln“. Im Originalsound: “For our last number I’d like to ask your help. Would the people in the cheaper seats clap your hands? And the rest of you, if you’ll just rattle your jewelry.”

 

Die Rattles gingen in schwarzen Lederwesten, weinroten Feincordhemden und Blue-Jeans im Hamburger Starclub auf die Bühne und gewannen als „Lärmende“ den Rock-Wettbewerb. Von da an ging’s bergauf. Reichel war mit den Größen des Rockbusiness „on the road“. 

 

Die Rolling Stones wurden schon mit Limousinen durch die Lande gefahren, „was für uns bedeutete, dass im Tourbus mehr Platz war“. Reichel und seine „Rattles“ spielten mit Mick Jagger, Deep Purple, Nice, Bee Gees. Die Band übernahm auch den Starclub als Betreiber, ging aber pleite. „Es war der erste herbe Rückschlag in unserer Erfolgsgeschichte.“ Reichel war als Sänger unterwegs, betrieb einen Musikverlag, baute in seiner Schwimmhalle ein Ton-Studio auf und unterhielt ein eigenes Plattenlabel. Bis 1966 gelangen 30 Single-Veröffentlichungen, mit Titeln wie Come on and sing oder Stoppin’ in Las Vegas.   

 

Dann kam der Wechsel von Englisch zu Deutsch, zu „Volxliedern“ und „Shanties“. In einer Schmusestunde mit seiner Gitarre kam Reichel eine Melodie in den Sinn, die ihm großen Platten-Erfolg brachte. Reichel wurde Experte in Sachen Shanty-Forschung. Er stöberte „… in der Staatsbibliothek nach Fachliteratur, in Antiquariaten nach Liederbüchern und auf Flohmärkten nach Schallplatten von Shantychören“. Übrigens es gibt 800 Shantychöre in Deutschland, man glaubt es nicht, die meisten davon in Bayern.

Es wurde Reichels Erfolgs-Shanty: Aloha Heja He. 

 

Hab die ganze Welt gesehen
Von Singapur bis Aberdeen
Wenn du mich fragst wo's am schönsten war
Sag ich Sansibar
Es war 'ne harte Überfahrt
Zehn Wochen nur das Deck geschrubbt
Hab die Welt verflucht
In den Wind gespuckt
Und salziges Wasser geschluckt

Als wir den Anker warfen
War es himmlische Ruh
Und die Sonne stand senkrecht am Himmel
Als ich über die Reeling sah
Da glaubte ich zu träumen
Da waren tausend Boote
Und sie hielten auf uns zu
In den Booten waren Männer und Frauen
Ihre Leiber glänzten in der Sonne
Und sie sangen ein Lied
Das kam mir seltsam bekannt vor
Aber so hatt' ich's noch nie gehört
Ooh, so hatt' ich's noch nie gehört

Aloha heja he
Aloha heja he
Aloha heja he
Aloha heja he
Aloha heja he
Aloha heja he

Ihre Boote machten längsseits fest
Und mit dem Wind…

 

„Wenn ich heute in meinem Musikzimmer stehe, umgeben von Vinyl- und CD-Regalen, dann bin ich in meiner Welt.“ Es ist die Welt von gestern, 60 Jahre „miterlebte Musikgeschichte“.  Die Beatles als Begleitband von Tony Sheridan erlebt, bei Jimi Hendrix und seinem Festival auf der Insel Fehmarn im Zelt gelegen, mit Mick Jagger auf der Bühne gerockt, als die Rolling Stones noch Rahmenband von Little Richard waren. 

 

Wir sind mit Rattler Reichel als Leser auf der Reeperbahn unterwegs: „Komm’ Se rein, komm’ Se ran, bei uns ist alles nackt …“, im „Salambo“ Pornoshows geboten, in einer Zeit als Schauspieler Jan Fedder um 22 Uhr zu Hause sein musste, und Achim Reichel Jimi Hendrix im Bühnen-Bereich als schüchternes Bürschlein erlebte. Eben der Backstage-Blick. 

 

Aber es sind nicht nur die alten Erinnerungen, die Reichel uns auftischt, er bietet auch Kulturkritik, in dem er die öffentlich-rechtlichen Anstalten kritisiert, die den im Grundgesetz verankerten Kulturauftrag mit bedauerndem Achselzucken dem Quotendruck opfern und anspruchsvollere Musik ins entlegene Nachtprogramm einsperren. „Damit riskiert man, dass sich das gute alte Radio nur noch wehrlos ergeben kann, weil es verlernt hat zu überraschen, und es zulässt, dass sich der interessantere Teil unserer Gegenwartskultur nur noch im Netz abspielt.“

Eine farbige, erlebnisreiche, musikalische, melodiöse Biographie, die nicht nur Anekdotisches liefert.

 

Achim Reichel Ich hab das Paradies gesehen Mein Leben Rowohlt

Achim Reichel, geboren 1944 und aufgewachsen auf St. Pauli, steht seit fast 60 Jahren auf der Bühne und gehört zu den einflussreichsten deutschen Musikern. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.

Achim Reichel, geboren 1944 und aufgewachsen auf St. Pauli, steht seit fast 60 Jahren auf der Bühne und gehört zu den einflussreichsten deutschen Musikern. Er lebt mit seiner Familie in Hamburg.

 

Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei


Darf man Heuchler ermorden? Vier Anschläge in Athen mit sechs Toten werfen die Frage konkre auf. Aber wer erteilt die Antwort? Die Verbrechen sind das Ermittlungsprogramm für Kostas Charitos, den Leiter der Mordkommission. Ungewöhnliche Täter, völlig aus dem Rahmen fallende Bekennerschreiben, irgendwie nachvollziehbare Motive. Der Erfinder dieses neuen Krimis um den Kommissar legt den Finger auf die Wunde der griechischen Realität, lässt so etwas wie kritische Sympathie mit den noch unbekannten Tätern zu, übt Gesellschaftskritik aus einem klammheimlichen Einverständnis mit den Opfern dieser Realität. Das ist gewagt. Petros Markaris nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die griechische Gesellschaft, ihre Ungerechtigkeit und ihre soziale Grausamkeit zu geißeln. Aber er lässt auch seinen Ermittler nicht daran zweifeln, dass Mörder gefasst und dingfest gemacht werden müssen. Das Leben zählt am meisten. Für Kostas Charitos besonders, da er mitten in der Anschlagserie Großvater wird und sich in seiner Familie alles um den neuen Menschen dreht.


Ein superreicher Hotelier wird mit einer Autobombe umgebracht. Er gilt als erfolgreicher Geschäftsmann, der wohltätig ist und sogar eine Hotelfachschule unterhält, in der er mittellose junge Leute kostenlos ausbildet. Es kommt ans Licht, dass der Sitz seines Unternehmens auf den Caymaninseln liegt – steuerfrei. Sein erfahrenes Hotelpersonal wirft er raus und besetzt die Stellen neu – und billiger – mit den jungen Absolventen seiner Hotelfachschule. Auf dieselbe Weise stirbt der Leiter der Arbeitsmarktstatistik, der Geringverdienende nicht mehr zu den Arbeitslosen rechnet. Ein hoher Beamter aus dem Finanzministerium muss zusammen mit zwei von der EU entsandten Kontrolleuren dran glauben. Sie haben den Anstieg der griechischen Konjunktur bescheinigt, der aber nur den Reichsten zugutekommt. Bei einem vierten Anschlag gibt es eine Panne und statt des gemeinten Opfers muss ein Parkplatzwächter dran glauben. Weil sie keine Unschuldigen ermorden wollen, erklären die immer noch unbekannten Täter in einem Bekennerschreiben, dass sie damit aufhören. Aber wer sind sie?


Kostas Charitos und sein kleines, verschworenes Team tasten sich mühsam durch unbekanntes Dickicht. Kriminaltechnik hilft wenig. Ein persönlicher Freund des Kommissars, Leiter eines Obdachlosenheims und bekennender Linker, steuert ein paar Ideen und Kontakte bei, die die Ermittlungen auf den Kreis der von den Heuchlern Geschädigten richtet. Aber auch da wird man zunächst nicht fündig. Wegen der beiden ermordeten EU-Kontrolleure entsendet Europol einen deutschen Kommissar zu Unterstützung, der sich beeindruckt von der Arbeit der Athener Ermittler zeigt. Auch er entpuppt sich als Heuchler, der nur an seine Karriere denkt. In dem ganzen Stress kommt Kostas viel zu selten dazu, seinen gerade geborenen Enkel zu sehen. Dessen Eltern haben ihm den Namen „Lambros“ gegeben, wie auch der Leiter des Obdachlosenheims heißt. Der war zu Zeiten der Junta als Kommunist ins Gefängnis gesteckt worden und der damals noch ganz junge Kostas Charitos war sein Aufseher, ein Anständiger. Seitdem sind sie eng befreundet und der Namensvetter des Enkels gehört gleichsam zu Kostas Familie. Das ist der Geist, den Petros Markaris in seinem Roman wehen lässt, das ist die Dialektik zwischen dem Ekel vor der Heuchelei und dem Mordverbot.


Harald Loch

 

Petros Markaris, geboren 1937 in Istanbul, ist Verfasser von Theaterstücken und Schöpfer einer Fernsehserie, er war Co-Autor von Theo Angelopoulos und hat deutsche Dramatiker wie Brecht und Goethe ins Griechische übertragen. Mit dem Schreiben von Kriminalromanen begann er erst Mitte der neunziger Jahre und wurde damit international erfolgreich. Er hat zahlreiche europäische Preise gewonnen, darunter den Pepe-Carvalho-Preis sowie die Goethe-Medaille. Petros Markaris lebt in Athen.
 
Petros Markaris: Zeiten der Heuchelei    Ein Fall für Kostas Charitos
Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger
Diogenes, Zürich 2020   390 Seiten   24 Euro

 

Interview mit Petros Markaris

 

Allgemein wird behauptet zu viel Politik in einem Krimi tötet die Spannung. Sie beweisen das Gegenteil? 


Es geht weder um zu viel noch um zu wenig Politik. Was ich sehe ist eine Aufführung inszeniert vom Finanzsystem mit den Politikern als Schauspieler auf der Bühne. Fast jeden Tag fragen wir uns ob die eine oder die andere Nachricht stimmt, oder ob sie eine falsche Nachricht, also „fake news“ ist. Diese falschen Nachrichten sind aber ein Produkt der falschen Realität, der „fake reality“ in der wir teilweise leben. Alle vier oder fünf Jahre wählen wir die Politiker, also die Schauspieler auf der Bühne, aber der Regisseur, das Finanzsystem, stellt sich nicht zur Wahl. Das ist die absolute Heuchelei.


Ist denn die so genannte Finanzkrise in Griechenland bewältigt oder gibt sie noch genug Stoff für einen Plot her?


Der Roman „Zeiten der Heuchelei“ wurde 2019 abgeschlossen und ist zum Teil ein Kommentar auf die Bewältigung der Finanzkrise von 2010. Wer kümmert sich aber heute um die Finanzkrise von 2010? Die „Corona“-Krise, die wir jetzt erleben, ist viel schlimmer. Sie ist nicht auf Griechenland beschränkt, sondern umfasst die ganze Welt. Sie kann auch nicht mit Memoranden und einer Troika bewältigt werden, wie die griechische Finanzkrise. Diese Krise wird die sozialen Unterschiede weltweit prägen, mit verheerenden Folgen.


Auch EU-Kontrolleure müssen in Ihrem Roman sterben, das könnte als Europafeindlichkeit ausgelegt werden.


Nein. Das Motiv ist nicht die Europafeindlichkeit, sondern die blinde Wut der Verzweiflung. Ich darf aber nicht näher auf diese Frage eingehen, weil ich sonst die Täter enthüllen würde.


Sie schicken ihren Kommissar Charitos zum 12. Mal ins Ermittlungsrennen, ist er noch nicht mordsmüde?


Warum sollte er müde sein? Er hat sogar die lang ersehnte Beförderung bekommen und ist zufrieden.


Sie haben Brecht ins Griechische übersetzt, welches Werk oder welches Zitat gefällt ihnen am besten?


Ich lese oft aus dem Werk Bertolt Brechts, besonders seine Lyrik. Aber ich werde zwei Zitate erwähnen, die auch zu den Zeiten der Heuchelei sehr gut passen. Das erste stammt vom Räuber Macheath aus der Dreigroschenoper: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ Das zweite ist von Pierpont Mauler, dem Fleischkönig, im Stück Die heilige Johanna der Schlachthöfe: „Mein Geld will ich und mein Gewissen rein.“


Kann man von deutschen Krimiautoren etwas lernen, oder ist deutsche „Mentalität“ in Ermittlungen eher hinderlich?


Der Lernprozess zwischen Autoren ist eine sehr persönliche Beziehung. In der Regel weiß man nicht, wer von wem lernt und warum. Andererseits stimmt es auch, dass manche deutsche Krimiautoren dem Leser in ihren Romanen alles erklären wollen und ihm keinen freien Raum lassen, um weiter zu denken. Andererseits schätze ich manche deutsche und deutschsprachige Krimiautoren sehr, wie Friedrich Glauser, Jakob Arjouni und Ingrid Noll, um drei  Beispiele zu nennen.


Ist die Corona-Pandemie ein Krimithema oder ist das Thema Tabu, weil in der Realität am Virus unzählige Menschen ihr Leben lassen müssen?

 

Viren und Krankheiten eignen sich kaum als Krimithemen. Zwar könnte man die Folgen der Pandemie auf die Gesellschaft thematisieren, aber dafür ist es noch zu früh. Wir brauchen mehr Zeit und vor allem mehr Distanz. 

Mit Bat´a im Duschungel Schuhe produzieren

Die faszinierende Geschichte des tschechischen Schuhfabrikanten Jan Antonín Baťa, der – vor den Nationalsozialisten geflüchtet, von den Kommunisten verunglimpft – in Brasilien seine unternehmerischen Ideale weiterzuleben versucht, indem er dort mitten im Urwald neue Städte gründet und Fabriken erbaut. Markéta Pilátová begibt sich auf die Spuren Baťas und seiner Familie und lässt sie vom Kampf gegen die widerspenstige tropische Natur erzählen, vom Pioniergeist, mit dem etwas Neues geschaffen wird, aber auch von der Sehnsucht nach dem alten Europa und der Suche nach der historischen Gerechtigkeit. Ein vielstimmiges, schillerndes Romanmosaik – und zugleich ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts. (Wieser)

 

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Der Wert der Geschichte                              Zehn Lektionen für die Gegenwart

Aus der Geschichte lernen: Warum wir heute unsere liberalen Werte verteidigen müssen! Einer der führenden Historiker in Deutschland und sein Aufruf gegen die Geschichtsvergessenheit: Wir müssen immer wieder neu für die Werte der Freiheit kämpfen!Magnus Brechtken öffnet uns die Augen: In seiner fulminant erzählten Tour durch die Geschichte zeigt er an zehn Beispielen, wie hart die Werte von Freiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe erkämpft wurden, wie sehr sie das Leben der Menschen verbessert haben - und warum diese Errungenschaften heute auf dem Spiel stehen, durch Nationalisten und Populisten von rechts wie links.Wieviel Freiheit und welche Rechte hatte ein Bürger vor 150 Jahren? Wie selbstbestimmt war das Leben einer jungen Frau um 1900? Welche Autoritäten prägten die Existenz der Menschen damals? Wie demokratisch war die Gesellschaft? Und wo stehen wir bei all dem heute? (SIEDLER)

 

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Die Welt auf dem Teller                                      Inspirationen aus der Küche

 

Knusprige Brotkrusten, Eier von glücklichen Hühnern, familiäres Miteinander bei spanischer Paella, Innehalten bei grünem Tee mit japanischen Reisbällchen und Kindheitserinnerungen an Melonen-Momente – wenn Doris Dörrie über das Essen schreibt, liest sich das, als umarme sie die Welt. Essen und Kochen sind für sie Inbegriff von Lebensfreude und Genuss, Grund zur Dankbarkeit und Eigenverantwortung und ein Weg zum besseren Verständnis unserer selbst und der Welt, die uns umgibt. In „Die Welt auf dem Teller“ schreibt Doris Dörrie über ihre große Leidenschaft fürs Essen, Leben und Genießen. (Diogenes)

 

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Russland und die Rechtsstaatlichkeit

Der Fall Nawalny motiviert mal wieder einen Blick auf die russische Rechtsstaatlichkeit zu werfen. Der Fall von Wladimir Perewersin ist dafür gut geeignet. Alles scheint bestens zu laufen für Wladimir Perewersin: Mit gerade einmal 36 Jahren bekommt er einen hohen Posten bei einer russischen Bank. Doch dann gerät er in die Mühlen des Prozesses gegen Michail Chodorkowski, für dessen Ölkonzern Jukos er eine Weile gearbeitet hat. Chodorkowski hat sich bei Präsident Putin unbeliebt gemacht, und Perewersin soll ihn mit Falschaussagen belasten. Er weigert sich. Schließlich wird er selbst zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Ein Albtraum nimmt seinen Lauf - sieben Jahre verbringt Perewersin in Lagern und Gefängnissen, darunter die seit Sowjetzeiten berüchtigte »Matrosenruhe« in Moskau. Sein Buch gibt einen Einblick in die kaum fassbaren Zustände im russischen Justizwesen, das von korrupten und politisch willfährigen Gerichten geprägt ist, in dessen Gefängnissen Häftlinge schikaniert und gefoltert werden. (C.H. Links)

 

Rezension


Wladimir Perewersin Matrosenruhe. Meine Jahre in Putins Gefängnissen Ch. Links Verlag

 

Der Weltgeist Hegel: der 250. Geburtstag

Der Weltphilosoph

 

In Zeiten, in denen sich die gesellschaftlichen Gräben weiter vertiefen und ein striktes Entweder-oder das Denken beherrscht, ist Hegels Philosophie des Sowohl-als-auch so aktuell wie nie zuvor. „Alle Dinge“, schreibt Georg Wilhelm Friedrich Hegel, „sind an sich selbst widersprechend“. Bis heute gilt dieser Satz unter Philosophen als Zumutung, wenn nicht als Skandal. Doch nicht die Verherrlichung des logischen Widerspruchs ist Hegels Ziel, sondern vielmehr dessen Überwindung in einem dynamischen Prozess. Wer sich mit Hegel auf ein solches Denken einlässt, gerät in einen Rausch, den Sog der Vernunft, auch Dialektik genannt. Die Wahrheit einer Sache zeigt sich erst im Zusammenhang mit ihrem Gegenteil. Oder wie der Schwabe Hegel sagen würde: „So isch no au wieder.“ („So ist es nun auch wieder.“)

(Propyläen) 

 

mehr  Biographien

Autoreninterview: Sebastian Ostritsch

Was ist der wichtigste Satz Hegels?

 

Zumindest einer der wichtigsten ist: "Das Absolute ist der Geist" (Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften).


 

Warum hatte Hegel eine so unglaubliche Resonanz?

 

Weil er ein enzyklopädischer Denker war und weil er hinter allem Unvernünftigen, Zufälligen und Schlechten nach dem Wirken der Vernunft gesucht – und es in den Augen seiner Anhänger auch gefunden hat. In Hegels Philosophie liegt daher etwas sehr Versöhnliches.


 

Gibt es heute keine philosophischen Gesamtansichten mehr?

 

Hermann Schmitz (*1928), der Begründer der Neuen Phänomenologie, hat ein mehrbändiges "System der Philosophie" verfasst. Aber alles in allem sind die Systemdenker nach Hegel rar geworden. Hegel ist bezüglich des Systemanspruchs kaum zu überbieten.


 

Was ist der größte Irrtum über Hegel?

 

Dass Dialektik der starre Dreischritt aus These, Antithese und Synthese ist.


 

Was bleibt von Hegel?

 

Die Einsicht in die sogenannte spekulative Kraft der Vernunft: Die Vernunft verbindet, was der Verstand nur als getrennt denken kann.

 

Wie wir wurden, was wir sind

 

Heinrich August Winkler ist als Autor der Meisterwerke «Der lange Weg nach Westen» und «Geschichte des Westens» international bekannt geworden. Seine Bücher gelten als Inbegriff von historischer Sachkenntnis, klarem politischen Urteil und einer hervorragend lesbaren Sprache. Nach den großen Standardwerken, die mit einer Gesamtauflage von über 250.000 Exemplaren Bestsellerdimensionen erreicht haben, legt einer der prominentesten Historiker Deutschlands nun ein Buch von radikaler Kürze vor: Wer keine Zeit für die deutsche Vergangenheit zu haben glaubt, der kann sich nun in knappster Form einen Meisterkurs genehmigen.


Es gibt bequemere Nationalgeschichten als die deutsche. Aber nicht nur die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts wirken bis in die aktuellen Debatten nach und prägen deutsche Politik und deutsches Selbstverständnis. Auch ältere historische Ereignisse wie die Reichsgeschichte, die Reformation oder der Konflikt zwischen Einheit und Freiheit im 19. Jahrhundert haben Deutschland tief geprägt. Es bedarf eines großen Historikers, um die Tiefenschärfe all dieser Entwicklungen konzise zu beschreiben und zugleich in greifbare politische Lektionen für die Gegenwart zu übersetzen. Heinrich August Winkler hat mit «Wie wir wurden, was wir sind» die Deutsche Geschichte für aufgeklärte Bürgerinnen und Bürger geschrieben. (CH Beck)

 

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Doppelte Spur - Putin, Trump und Co...

Der investigative Journalist Ilija wird innerhalb weniger Minuten von zwei Whistleblowern des amerikanischen und des russischen Geheimdienstes kontaktiert. Ein großer Coup? Eine Falle? Er lässt sich auf das Spiel ein, zusammen mit Boris, einem amerikanischen Kollegen, folgt er der doppelten Spur nach Hongkong, Wien, New York und Moskau.
Die geleakten Dokumente eröffnen einen Abgrund von Korruption und Betrug, von üblen Verstrickungen krimineller Oligarchen und Mafiosi. Auch die Staatspräsidenten Russlands und Amerikas sind involviert. Was darf man glauben? (SFischer)
 
Da liegt jetzt auf dem Tisch des Schriftstellers ein Wust an Fakten, die er  recherchiert hat, um seinen Plot zu entwickeln. Er will dem Leser eine Geschichte von Politik und Macht erzählen, von bösen Herrschern und Whistleblowern, von russischen und amerikanischen Präsidenten, von Mafia- und Wirtschaftsbossen, von Sex, Missbrauch und Crime. Angesiedelt das alles im Agentenmilieu, irgendwie hinter den Kulissen. Und nun muss sich der Autor entscheiden: Schreibe ich ein Sachbuch oder etwas Fiktionales? 

 

Sachbücher müssen stimmen, die Wahrheit erzählen, Romane dürfen phantasieren. Gegen Sachbücher können Rechtsanwaltspraxen und Gerichte vorgehen, wenn Inhalte nicht stimmen, bei Romanen wird’s da schon schwieriger, und deshalb geht Ilija Trojanow in seinem Buch DOPPELTE SPUR romanhaft vor. 

 

Er erfindet Figuren, Whistleblower in Russland und den USA, die aus den Nähkästchen plaudern, will heißen über ihre Präsidenten hochbrisantes Material liefern und eine weibliche Ausplauderin, die den Missbrauchsskandal um eine Art „Lolitaexpress“ offenlegt, bei dem Teenager gezwungen werden, Männern und Frauen aus der Elite willig zur Verfügung zu stehen, den Betuchten bei Parties einen  Blick unter den Rock gewähren. Dorthin, wo keine Höschen getragen werden.
Trojanow macht aus einer Recherche über Politik einen literarischen Roman, baut seine fiktive Story auf Fakten auf. Das schützt ihn selbst und sein „Wahrheitsbuch“ vor Rechtsverfolgung. 

 

Politik, Wirtschaft und kriminelle Machenschaften haben ein Stelldichein. Trojanow nennt Trump „Schiefer Turm“ und Putin „Mikhail Iwanowitsch“ und Epstein wird „Wasserstein“. Und er selbst als Autor taucht im Buch auch als Figur mit Klarnamen Ilija Trojanow auf. Realität trifft Fiction. Fiction ist Realität.

 

Wir lesen viel über böse Machenschaften, welche schlimmen Figuren im Trump-Tower wohnen: Russische „Biznesmen“, Immobilienhaie, internationale Fußball-Funktionäre, Diktatoren, Glücksspielritter, Killer und Kunsthändler. 

 

„Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich.“ Damit sichert sich Trojanow ab. 

 

Der modernde Agent dient der Mafia und den Geheimdiensten. Der Leser schüttelt ob der Faktenlage ständig den Kopf, klopft sich auf die Schenkel und sagt: Darf das wahr sein…in der „Kakistokratie“, der Herrschaftsform der Schlechten. 

 

Sehr vergnüglich der Kenntnisgewinn am Rande in Sätzen wie diesen: „Die W-Lan-Verbindung auf Flügen funktioniert so wie mein alter Staubsauger: sporadisch.“ Oder „Gerichtsurteile sind Rezepte, die nach dem Kochen verfasst werden.“ „Bei Geldwäsche sind die Täter meist sichtbarer als die Tat.“ Oder „Die Mächtigen kommen in der Literatur zu selten vor“. 
In einem Parforceritt geht es an die Handlungsorte Hongkong, Wien, Prag, New York, Moskau, Orlando, Novgorod, Antalya, Miami. 

 

Der Roman fordert bei der dichten Faktenlage und Anzahl der handelnden Personen eine hohe Leseraufmerksamkeit – da und dort ist der Text geheimnisumwittert mit Balken geschwärzt, auch in den Leaks-Dokumenten selbst. So schreibt Trojanow: „Die schwarzen Balken wirken auf mich wie eine Augenbinde.“ 

 

Es ist ein Buch des Lese-Vergnügens und des politischen Missvergnügens: In welche politischen Hände sind wir denn da international hineingeraten? Sind wir nicht alle zum Spielball der Geheimdienste und Oligarchien in West und Ost geworden. 

 

Und wir haben uns ja auch noch nicht entschlossen genau genug zu entscheiden, ob Whistleblower für die Guten zu halten sind oder für die Schlechten? Trojanow widmet dieses Buch den „guten Whistleblowern“. 
Wie schrieb einst Dostojewski: „Nichts auf dieser Welt ist schwerer, als die Wahrheit zu sagen.“
 
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielt. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia. Unterbrochen von einem vierjährigen Deutschlandaufenthalt lebte Ilija Trojanow bis 1984 in Nairobi. Danach folgte ein Aufenthalt in Paris. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie in München. Dort gründete er den Kyrill & Method Verlag und den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Mumbai, 2003 nach Kapstadt, heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. Seine bekannten Romane wie z.B. ›Die Welt ist groß und Rettung lauert überall‹, ›Der Weltensammler‹ und ›Eistau‹ sowie seine Reisereportagen wie ›An den inneren Ufern Indiens‹ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei S. Fischer sein großer Roman ›Macht und Widerstand‹, sein Sachbuch-Bestseller ›Meine Olympiade: Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen‹ sowie der literarisch-politische Essay ›Nach der Flucht‹.
 
 
 
Ilija Trojanow Doppelte Spur SFischer

Interview mit Ilija Trojanow

Romane entstehen aus der Vorstellungskraft des Autors oder werden von der Wirklichkeit inspiriert, was schockiert Sie als Autor mehr? Ihre eigene Vorstellung von Trump und Putin und ihre Machenschaften oder die tägliche Wirklichkeit, wie sie Ihnen derzeit entgegenkommt?

 

Meine eigene Vorstellung von Trump und Putin ist eine realistische, das ist die unvermeidliche Folge von jahrelanger, seriöser Recherche. 

 

Wenn Sie ein reines Sachbuch geschrieben hätten, wären vermutlich schon Rechtsanwaltsschreiben oder Gerichtsurteile unterwegs, der Roman-„Mantel“ erlaubt Ihnen ein freieres Vorgehen?

 

Es ist kein Roman-Mantel, sondern ein durchkomponiertes Werk mit vielen literarischen Motiven, Anspielungen (etwa an die russische Literatur), dramatische Entwicklungen (eine Hauptfigur bekommt so wie seine Großmutter das zweite Gesicht) und sprachliche Finessen. Die drei Hauptfiguren haben einen biografischen Hintergrund, der die Themen des Romans spiegelt und das Motiv der russischen Gangsterlieder (Platine pesnie) ist in die Handlung integriert, insgesamt sieben Lieder, als Reflexion über die Frage, wieso bestimmte Formen der Kriminalität von mythischer Popularität sind. Die Meta-Ebene ist eine Reflexion über die Frage, wie man einen politischen Roman in Zeiten der Intransparenz bei gleichzeitiger Informationsfülle schreiben kann. Es ist mir schleierhaft, wie man all dies als Sachbuch hätte anlegen können.

Wogegen sollten sich die Rechtsanwaltsschreiben denn richten? Das, was sich in meinem Roman als faktisch ausgibt, ist gänzlich belegbar.

 

Moral und Werte sind in der Politik abhandengekommen: Oligarchien, Geheimdienste, Elite-Zirkel, Medienkartelle haben uns im Griff, haben wir noch eine Chance der Rückkehr zu einer ehrlichen, transparenten, bürgerorientierten, demokratischen Politik? 

 

Natürlich, durch massenhaften Widerstand und einer Re-Demokratisierung nicht nur der Politik, sondern, und das ist entscheidend, der Wirtschaft. Und zwar von unten, genauso wie wir eine Globalisierung von unten benötigen. 

 

Meinungen über Whistleblower sind zwiegespalten, für die einen sind sie Helden, für die anderen gehören sie lebenslang oder „länger“ hinter Gitter, müssten sie nicht eigentlich als demokratische Vorbilder auf den Sockel gehoben und zu Denkmälern erklärt werden?

 

Weder noch. Einerseits snd sie unabdingbar (einige der wichtigsten Enthüllungen der letzten Jahre stammen von Whistleblowern), andererseits muss die Öffentlich die jeweiligen Absichten hinterfragen (siehe Zusammenarbeit von Wikileaks mit russischen Sicherheitsdiensten).

 

Gutmenschen haben so gar keinen Platz in der „Kakistokratie“ in der Herrschaftsform des Schlechten und in ihrem Roman eigentlich auch nicht?

 

Was haben Sie gegen Emi, eine couragierte Dokumentarfilmerin, die sich jahrelang mit Mädchenmissbrauch beschäftigt, obwohl dies quälend und zermürbend ist? Was haben Sie gegen den Vater von Boris, der als Einwanderer die amerikanischen Ideale hochhält und als einziger gegen einen Mafiaboss aussagt und dafür nun im Rollstuhl sitzt? Und was haben Sie gegen die zwei Hauptfiguren, die sich aus reinem Idealismus monatelang einschließen, um die Leaks möglichst professionell auszuwerten? Lauter ehrenwerte Menschen, wie ich finde!

 

Sie müssen ihren Figuren andere Namen geben, um unangreifbar zu werden, Sie selbst tauchen aber als Ilija Trojanow auf – warum? 

 

Das trifft nicht zu. Außer Trump („Doppelter Turm“), Putin („Mikhail Iwanowitsch“) und Epstein („Wasserstein“) tragen alle anderen, seien es Oligarchen, US-Beamte oder Mafiabosse, alle ihren Eigennamen (und bei diesen ist völlig klar, wer gemeint ist, die Umbenennung hat mir einfach geholfen, über sie zu schreiben. Ich habe schon Zuschriften von Lesern erhalten, die genauso das Gegenteil fragen: Wie ich denn so mutig sein könne, die Namen nicht zu verändern, um unangreifbar zu werden. 

 

Giftanschläge in Russland auf Oppositionelle, rassistische Auswüchse in den Vereinigten Staaten und undemokratische Umtriebe eines Präsidenten, Wahlmanipulationen in Belarus, der Rechtspopulismus nimmt in Deutschland wieder zu, also genug Realitätsstoff für weitere Romane? Oder stürzen Sie sich demnächst auf das Corona-Thema?

 

Ich schreibe gerade an einem utopischen Roman, der mit all diesen Themen nichts zu tun hat.

Das Franziskus Komplott 

Die Amazonas-Synode ist vorbei, der Synodale Weg läuft holprig und immer deutlicher wird: Das Ringen um die Zukunft der Kirche ist dramatischer denn je. Mittendrin: Papst Franziskus. Bestsellerautor Marco Politi beschreibt seine Situation, enthüllt dunkle Machenschaften im Vatikan und entlarvt erbitterte Feinde wie den »italienischen Gegenpapst«. Er blickt auf die deutsche Kirche, stellt den internationalen Kontext her und erklärt überraschende Hintergründe und wichtige Zusammenhänge. Fesselnd wie ein Thriller schildert der Vatikan-Insider, was viele längst nicht mehr verstehen: Wie es so weit in der Kirche kommen konnte und was Franziskus nun tun will. Politi zeigt einen Papst, der angeschlagen ist, aber noch nicht aufgegeben hat. Und der weiß, dass sich sehr bald sehr viel entscheidet. (HERDER)

 

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Warum lesen? Mindestens 24 Gründe zu lesen

Sind wir, was wir gelesen haben? Schärft Lesen die Wahrnehmung? Den Gemeinsinn? Was geschieht im Gehirn, wenn wir lesen? Gibt es ein illegitimes Lesen? Ein ekstatisches? Liest man alt anders als jung? Wie las man im Sozialismus? Was liest man im Krieg? Was bedeutet Lesen in unserer heutigen Abstiegsgesellschaft? Macht Nicht-Lesen am Ende glücklicher? 

 

Dies ist ein Lesebuch und ein Buch über das Lesen, eine Anthologie, die das welt- und selbsterschließende Abenteuer des Lesens beschreibt, seziert und feiert. Ausgehend von ihren literarischen oder wissenschaftlichen Arbeiten nehmen sich 24 Autorinnen und Autoren die Freiheit, das Thema auf ihre Weise zu behandeln: in Gestalt einer Theorie, einer Erzählung, einer Kindheitserinnerung oder als Streifzug durch die eigene Bücher- und Lesegeschichte. (Suhrkamp)

 

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Der Club der toten Dichter - finanziell

Zeit für einen Kassensturz: Waren die Poeten früher wirklich arm? Ließ sich in der Romantik etwa Geld mit Gedichten verdienen?

Der Frankfurter Historiker Frank Berger ist diesen Fragen nachgegangen. Nach jahrelanger akribischer Forschungsarbeit erzählt er aus Briefen, Tagebüchern und anderen Quellen und berichtet über die finanziellen Angelegenheiten von über 70 Dichtern, Komponisten und anderen Künstlern aus der Zeit der Romantik. Ergänzend dazu hat er aufgrund umfangreicher Berechnungen erstmals die Grundlage dafür geschaffen, Geldbeträge des frühen 19. Jahrhunderts mit denjenigen der heutigen Zeit zu vergleichen – eine Pionierarbeit. Absolut lesenswert. (Verlagshaus Römerweg) 

 

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Hans-Jochen Vogel: Mehr Gerechtigkeit - mehr Wohnraum


Wie bleiben unsere Wohnungen bezahlbar?


Bezahlbarer Wohnraum ist das soziale Thema unserer Zeit. Immer mehr Menschen stellt sich die bange Frage, wie lange sie sich ihr Heim noch leisten können. Nicht nur in Großstädten zeigen die Preise nur noch nach oben. Die bisherigen politischen Maßnahmen, wie etwa die Mietpreisbremse, erweisen sich als stumpfes Schwert im Kampf gegen die scheinbar unaufhaltsame Verteuerung des Wohnens. Den eigentlichen Grund hinter den steigenden Preisen hat lange Zeit kaum jemand wahrgenommen: nämlich die explosive Steigerung der Baulandpreise. Erst Hans-Jochen Vogels beharrlicher Kampf setzte das Thema wieder auf die Tagesordnung: Die massive Spekulation mit steigenden Grundstückspreisen führte deutschlandweit in den letzten Jahrzehnten zu einer Erhöhung der Baulandpreise um 1.900 Prozent. Hans-Jochen Vogel streitet seit Jahrzehnten für eine Bodenrechts-Reform, um der ungebremsten Zockerei mit Grundstücken Einhalt zu gebieten und setzt in seinem Buch das Thema soziale Gerechtigkeit wieder ganz oben auf die politische Agenda. Er macht klar: Boden ist keine beliebige Ware und im Umgang mit ihm muss das Gemeinwohl die Regeln des Marktes zurückdrängen. Für Hans-Jochen Vogel ist dies ein Gebot der Gerechtigkeit. (Herder)

 

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Politik nach Corona

In nur einer Woche wurde Österreich so umgekrempelt, dass die 55 guten Nachrichten in der Coronakrise feststanden, an denen sich eine zukünftige Politik orientieren kann, wenn sie die Zeichen der Zeit erkennen will.


Da der drohende Klimakollaps und die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich nicht die Zukunft ist, die ich mir für unsere Kinder wünsche, notierte ich die 55 guten Nachrichten im Lauf der ersten Corona-Woche in Österreich. Denn wir Menschen vergessen so schnell. (Wieser Verlag)

 

Ist der Mensch lernfähig? Kaum zu glauben, sonst hätte er die Szenario- Studie zu einer Virenpandemie 2012 ernst genommen und Vorsorge getroffen. Ist der Mensch lernfähig? Kaum zu glauben, wenn man die Saufhorden am Ballermann, in den deutschen Innenstädten und an den Seestränden zur Kenntnis nimmt. Aber gehen wir doch einmal ganz entgegen unserem Gefühl davon aus, der Mensch sei wirklich lernfähig, dann müsste er das nur 50 Seiten „dicke“ Buch von MARIA STERN POLITIK NACH CORONA. 55 GUTE NACHRICHTEN, erschienen im Klagenfurter Wieser Verlag, in die Hand und dann auch ernst nehmen. 


Maria Stern schreibt: „Es war bald klar, dass Corona kein Stein auf dem anderen lassen würde.“ Ihre 55 positiven Kurz-Nachrichten sind erstaunlich analytisch, kenntnisreich, wegweisend für Politik und in jedem Fall lesens- und beherzigenswert. Alle können wir hier nicht behandeln, wir greifen die für uns wichtigsten heraus.
Nachricht 1: „Wir sitzen im gleichen Boot“, egal ob Kindergartenkind oder Staatschefin, Corona macht gleich: Alle müssen Hände waschen, um sich zu schützen. 


In knappen weiter nummerierten Kapiteln, jeweils eine einzige Seite umfassend, geht es so weiter: Corona zeigt unsere Handlungsfähigkeit, unser Vermögen zur Koordination und Kooperation, wir haben die Chance zum System-Reset. Menschen werden vom Saulus zum Paulus, Gutmenschen haben ein Comeback, wir denken wieder über Vorsorge in „fetten Jahren“ nach, und können auf präventive Politik setzen, die kommende Generationen im Auge hat. 


Nach der Kerosin-Diät wird die Luft wieder besser, Delphine nähern sich Triest, weil die Wasser verpestenden Industrieschiffe im Hafen blieben. Wissenschaft ist wieder wichtiger als die Auseinandersetzung mit Fake- News. Der freie Markt regelt eben nicht alles, die Globalisierung hat ihre Grenzen. Auch Waffenproduzenten müssen neuerdings wegen Absatzschwierigkeiten ihre Sinn-Konzepte überdenken. Armut wird sichtbarer. Das Gesundheitssystem muss gesunden. Und so geht es weiter und weiter. 


Nennen wir noch zwei der Analysekapitel: „Buch ist Kult“. Zuviel Streamen belastet das Netz, also zum papiergebundenen Buch greifen, es stürzt nicht ab. Gedankenblitze, Einsichten, Aussichten, kurz zusammengefasst und manchmal optimistisch zugespitzt: 55 gute Nachrichten für die Politik nach Corona. Bitte zur Kenntnis an alle Politiker und Minister müssten grün gegenzeichnen, heißt Zustimmung und ist dann so verabschiedet.


Am Schluss noch die „gute Nachricht“ Nummer 5 - in der Reihenfolge des Buches - Also doch:“ Wir können lernen“, denn tiefgreifende Ereignisse beeinflussen die Synapsen der Gehirne. Das beruhigt jetzt einerseits, doch es gilt andererseits auch der Schlusssatz aus dem Vorwort von Maria Stern: Wir Menschen vergessen so schnell. Irgendwo dazwischen muss die Wahrheit liegen.

 

Maria Stern wurde in Ostberlin geboren und wuchs in Österreich auf. Sie studierte Schauspiel und Tanz (Niederlande), arbeitete als Model und Lehrerin. Sie gründete den Verein „Forum Kindesunterhalt“, publizierte in diversen Anthologien und veröffentlichte zwei Krimis. Als Parteichefin von JETZT machte sie Kinderarmut in Österreich und die prekäre Lebenssituation vieler AlleinerzieherInnen zum Politikum. 


Maria Stern Politik nach Corona 55 gute Nachrichten Wieser Verlag Klagenfurt

Was kommt danach?

Krisen verändern die Welt. Unsere Vorfahren haben sich stets auf neue Umwelten, andere Bedingungen eingestellt. Deshalb hat unsere Spezies den Planeten erobert. Jetzt erfahren wir selbst eine Krise, die alles erschüttert und mitten in unser Leben eingreift. Das Virus verändert unseren Alltag, unsere Kommunikationsformen, die Art, wie wir arbeiten, fühlen und denken. Die Krise fungiert auch wie ein großer Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen. Der Zukunftsforscher Matthias Horx analysiert die Auswirkungen der Corona-Krise: Wie ändert sich die Gesellschaft? Wie reagieren Individuen, Staaten, Familien, Unternehmen auf die Herausforderung? Welche Rolle spielt die Angst vor der Zukunft? Und wie können wir sie in Zuversicht verwandeln? Geht es nach ein paar Monaten so weiter bis bisher? Oder erleben wir einen Kulturwandel, in dem alles seine Richtung ändert und eine völlig neue Zukunft entsteht? Statt einer Pro-Gnose übt Horx mit seinen Lesern die Re-Gnose, die Selbst-Veränderung durch rückblickende Vorausschau – und kommt damit zu überraschenden Ergebnissen. (Ullstein Ankündigung)

 

Rezension

 

Das X steht in mathematischen Gleichungen in der Regel für die unbekannte Größe als Variable. Mathias Horx trägt das X in seinem Namen, vielleicht ist schon deshalb vorbestimmt, dass das Unbekannte in der Zukunft ihn so stark interessieren wird, dass er vor Jahren schon eine Zukunftswerkstatt gegründet hat.  Sein aktuelles Hardcover-Corona-Buch besteht aus elf Kapiteln Zukunftszenario, einem Vorwort, einem Nachwort, einer Widmung sowie Abbildungen und Anmerkungen.

Kam das Buch deshalb so schnell auf den Markt, weil Matthias Horx sowieso immer schon weiß, was in der Zukunft kommen wird.

 

Gleich in der Aufschlagseite macht er uns mit einer Definition klar, die CORONA, das ist der Strahlenkranz der Sonne und das Adjektiv coronar (auch konorar) heißt, das Herz betreffend. Die Koronarstruktur ist das Geflecht von Adern, die das Muskelgewebe unseres Motors mit Blut versorgt.

 

Für Horx ist grundsätzlich klar, Krisen treiben nun mal die Weltgeschichte voran, sie beschleunigen latente Prozesse, stellen vorhandene Systeme und Herrschaftsverhältnisse auf den Kopf und treiben neue Technologien voran. Und dann stehen sie plötzlich vor uns: Die Entscheidungen über den Zukunftsweg.

 

Befinden wir uns in einer Krise, hinterlässt sie „eine Story, ein Narrativ, einen Code.“ Für den Autor sind Voraussagen gar nicht so schwierig, eher die Reaktionen darauf, die Konsequenzen daraus.

Klar ist für Horx, es wird keine Rückkehr zur bisher bekannten Normalität geben, schon deshalb, weil wir uns wundern werden, wie schnell digitale Kulturtechniken plötzlich zum Alltag werden, gegen die wir uns bisher so stark gewehrt haben.

 

Horx rechnet damit, dass es bald Medikamente gegen das Coronavirus geben wird, dass die Wirtschaft auch weiter schrumpfen kann, ohne dass eine Katastrophe ausgelöst wird. “Es könnte auch anders kommen als unentwegt befürchtet.“

 

Corona ist ein kommunikativer Sendbote, dessen Nachricht lautet: „Die menschliche Gesellschaft ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden.“

Horx mischt Zitate aus den Wissenschaften, etwa Hannah Arendt mit Schriftstellern (Camus), zitiert Gesellschaftsanalyse und mischt das mit eigener Vorstellungskraft. Psychologie und Soziologie, Philosophie und Anthroposophie, von allem etwas. Er schließt logisch und spinnt rum, er formuliert plastisch, rückwärts-analytisch und vorwärts-prognostizierend. Eine elastische Vorgehensweise mit Dehnungspotential.

 

Kann also so kommen oder aber auch anders. Wir können kämpfen, wir können Wunder schaffen nach dem Motto: „Etwas zu imaginieren, macht es real.“ (Brian Eno)

 

Und Horx phantasiert die neue Zukunft weiter: Schön wär‘ es, wenn uns die Wirtschaft nicht weiter mit Effizienzforderungen erpressen könnte, das wäre zukünftig. Eine Berufsflexibilität wird auf uns zukommen. Die Bösartigkeit des Menschen an sich wird verschwinden: der “Kult des Niederschreiens und des Nach-außen-Kehrens der inneren Verworfenheit.“

 

Horx spekuliert, dass wir künftig die Orgienkeller von Discos, Starkbierfeste, Kreuzfahrtschiffe und Après-ski-Parties ja sogar Selfieschüsse meiden werden.

 

Wie wird das „Neue Normal“ genau werden, das kann Horx uns allenfalls geahnt vorhersagen, weil es von vielen Individuen abhängt, wie wir als Einzelwesen auf die Krise reagieren: „Wir können etwas tun. Wir können etwas klären und uns entscheiden“.

 

Das Buch ist ein phantasievolles Möglichkeitsszenario, das meines Erachtens zu sehr auf das Individuum setzt, zu wenig zum Beispiel von Politik verlangt, es ist natürlich keine sichere Zukunfts-Voraussage, denn wir wissen ja, nichts ist so schwer wie die Zukunft vorauszusagen. „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten“, meinte einst sehr klug Willy Brandt.

 

Eine Voraussage wagen wir selbst - trotz Krise oder gerade wegen ihr: Es werden noch einige künftige Corona-Bücher auf den Markt kommen. Und es wird – da hat Horx ja recht – auf uns ankommen, wie wir damit umgehen.

 

Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert Ullstein

 

Matthias Horx (*1955) ist einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Seine Leidenschaft gilt seit über 30 Jahren den Transformationsprozessen in Wirtschaft und Gesellschaft. 

Matthias Horx: 

Die Welt nach Corona 

 

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die RE-Gnose. Im Gegensatz zur PRO-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht »in die Zukunft«. Sondern von der Zukunft aus ZURÜCK ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal:

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020


Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Strasse bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona?
Oder sogar besser?

Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

 

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

 

Jetzt im Herbst 2020 herrscht bei Fussballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

 

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten (der Business-Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für Viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

 

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonieren ohne Second Screen hervor. Auch die »messages« selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

 

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivial-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.


Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging da eigentlich?

Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen…


Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.

 

Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

 

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wieviel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

 

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie »Zusammenbruch« tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen »schwarzen April« gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

 

Heute im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die Globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten

Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

 

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

 

RE-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung
Warum wirkt diese Art der »Von-Vorne-Szenarios« so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir »in die Zukunft« schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme »auf uns zukommen«, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am Einfachsten darzustellen.

 

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung, und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein »Future Mind« – Zukunfts-Bewusstheit.

 

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren »Events«, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

 

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

 

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

 

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Corona-Krise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt »endet«, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

 

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks, oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

 

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransens-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Corona-Krise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

 

Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam in dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie »autoritär« handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch »futuristische« Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

 

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

 

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger


Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: Die Trend-Gegentrend-Synthese.

 

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität. Politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch »Globalisierung« genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen. Sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

 

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

 

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.”

 

Slavo Zizek im Höhepunkt der Coronakrise Mitte März

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoss der Menschheit zum ersten Mal fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

 

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

 

Aber sie kann sich neu erfinden.
System reset.
Cool down!
Musik auf den Balkonen!
So geht Zukunft.

 

Quelle:

 

www.horx.com und www.zukunftsinstitut.de.

Lojze Wieser Der Geschmack Europas Band 3 Ein Journal mit Rezepten. Zehn weitere Stationen

 
… wer nun denkt, es handle sich bei „Der Geschmack Europas“ einfach um ein europäisches Rezeptbuch, der irrt gewaltig. Natürlich werden dem Leser auch interessante Rezepte zu traditionellen Gerichten des jeweiligen Landes präsentiert, allerdings nicht so, wie man es aus Kochbüchern gewohnt ist.
 
Vielmehr geht es in „Der Geschmack Europas“ um die Esskultur, um kulinarische Traditionen und Geschichte. Da werden Themen angesprochen wie die Frage nach der Erfindung von Pommes oder wie die arme Gegend im Vulkanland der Südoststeiermark ihr Schicksal selbst in die Hand genommen hat. Außerdem finden wir auf fast jeder Seite sehr gute Fotos, mal vom Essen, mal von der Landschaft, mal von den Menschen und dem Produktionsteam. Es ist ein wenig so, als würde man mit auf die Reise genommen werden. Auf alle Fälle packt den Leser bei der Lektüre das Fernweh – Fernweh nach anderen Kulturen, Fernweh nach exotischeren Speisen. Und irgendwie schafft das Buch es aber gleichzeitig, dieses Fernweh beim Lesen zu befriedigen …
 
In Band 3 sind die von 2017 bis zum Herbst 2019 gedrehten Fernsehfolgen für den ORF Mähren, Montenegro, Elsass, Westliches Friaul, Alentejo, Wales, Bregenzerwald, Westirland, Korsika und Oberschlesien behandelt. Sie werden zugleich in 3sat gezeigt. (Wieser)
 

 

Making of GESCHMACK EUROPAS

Alle Fotos Copyright vom Autor Lojze Wieser

SPILLOVER - Pandemien, Epidemien, Seuchen

Lebensbedrohende Infektionskrankheiten wie AIDS, Ebola, Virusgrippen, SARS und aktuell Covid-19 können sich dank der Globalisierung schnell über große Räume verbreiten und Epidemien oder gar Pandemien auslösen. Ihnen ist eines gemeinsam: Die Erreger sprangen vom Tier auf den Menschen über – der sogenannte Spillover. In einem ebenso spannend erzählten wie beunruhigenden Buch schildert der preisgekrönte Wissenschaftsautor David Quammen, wie und wo bevorzugt Viren, Bakterien und andere Erreger auf den Menschen übertragen werden. (PANTHEON) 

 

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RUSSLAND-KONTAINER

Nicht nur über eine derzeit umstrittene Pipeline, sondern auch über Jahrhunderte des Austauschs wie der Abstoßung waren und sind Russland und Deutschland einander so fern wie verbunden. Die politische Gegenwart scheint kritisch, die Zeichen stehen auf Konflikt und Polarität, schreibt SUHRKAMP in der Verlagsankündigung des Buches von Alexander Kluges RUSSLAND-KONTAINER.

„In dieser Lage macht Alexander Kluge Russland zum ausschließlichen Thema eines neuen Großbandes. In dezidiert poetischer Weise, nicht mit dem herrischen Willen zur Synthese, nähert er sich dem unermesslichen Terrain des größten Landes der Erde und der Mehrzahl seiner Seelen. Ihm geht es um den »ungeknechteten« Stoff, der dem Leser und den Materialien »die Freiheit lässt zu atmen«. (Suhrkamp)

 

 

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Missbrauchte „Gefallsöhne“ der Anbiederung oder Zettl-Trauma

 

»Nie habe ich von Pater G. erzählt, aus Angst, man könne mir anmerken, dass ich sein Kind geblieben bin.«

 

»Meine Eltern hatten mich der Gemeinschaft der Patres anvertraut, weil mich dort das Beste, das selbst sie mir nicht geben konnten, erwarten würde. Ich habe sie heimlich oft verflucht, weil sie mich nicht darauf vorbereitet hatten, was dieses Beste sei …« Als Zehnjähriger wurde Josef Haslinger Schüler des Sängerknabenkonvikts Stift Zwettl. Er war religiös, sogar davon überzeugt, Priester werden zu wollen, er liebte die Kirche. Seine Liebe wurde von den Patres erwidert. Erst von einem, dann von anderen. Ende Februar 2019 tritt Haslinger vor die Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Dreimal muss er seine Geschichte vor unterschiedlich besetzten Gremien erzählen. Bis der Protokollant ihn schließlich auffordert, die Geschichte doch bitte selbst aufzuschreiben. (S.Fischer)

 

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Eine verspätete Reise nach Auschwitz

„Als ich 2015 Auschwitz besuchte, habe ich Menschen gesehen, die im Tor zur Hölle Selfies machten. Sie lächelten ungläubig: dass sie dort wirklich standen, unter dem morbiden Schriftzug ‚Arbeit macht frei’.“ Daan Heerma van Voss’ Reise nach Auschwitz ist eine Ode an seinen Freund und Namenspaten Daan de Jong, dessen Eltern deportiert wurden. Das NRC Handelblad pries die Erzählung als einen „intelligenten Essay von einem begnadeten jungen Autor, der Worte findet, um seine Gefühle am einsamsten Ort der Welt auszudrücken“. Heerma van Voss hat einen Text voller emotionaler Wucht geschrieben, mit dem er uns allen die Frage stellt: Was heißt Gedenken heute? (Büchergilde Gutenberg)

 

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Soziologie der Protestformen:                    Demo und Wissenschaft

 

Klimaproteste, Gelbwesten, PEGIDA, Occupy, Hongkong, Arabellion – die Anlässe sind vielfältig, die Inhalte unterschiedlich, und doch ist all diesen Protestbewegungen eines gemein: ihre formale Ähnlichkeit. Protest wird dann wahrscheinlich, wenn Interessen, Geltungsansprüche und Kritik an sich selbst erleben, dass sie sich in den eingefahrenen Routinen einer trägen Gesellschaft nicht durchsetzen können. Einerseits wird Protest damit zum Demokratiegenerator, versucht andererseits aber jener Vetospieler zu sein, den moderne Gesellschaftsstrukturen nicht zulassen. Die Grenzen, an die der Protest hierdurch stößt, initiieren eine merkwürdige Steigerungslogik und münden in einer strukturell tragischen Konstellation: In den Mühlsteinen der Gesellschaft, die es schafft, alle Opposition zu integrieren, verpufft der Protest. (Edition.kursbuch)

 

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Leben-Schreiben-Atmen                                      Eine Einladung zum Schreiben für Jedermann


1. Doris Dörrie, Ihr Buch Leben, schreiben, atmen ist eine Einladung zum Schreiben. Es geht darin aber nicht darum, Literatur zu schaffen, sondern um autobiographisches Schreiben, darum, dem eigenen Leben schreibend auf die Spur zu kommen. Sie sind eine bekannte Autorin und unterrichten seit Jahren Drehbuchautoren in «kreativem Schreiben». Wie kam es zu diesem Buch, das sich nicht an Profis, sondern an alle richtet?


Doris Dörrie: Seit vielen Jahren gebe ich als Professorin an der Filmhochschule und auch außerhalb Workshops überall auf der Welt, in denen ich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermuntere und anleite, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Immer wieder erlebe ich, welche enorme Ermächtigung es bedeutet, sich dem eigenen Leben schreibend zu nähern. Welche Freude, welche Inspiration, welche tiefe Befriedigung daraus entstehen kann, zu begreifen, dass jedes Leben berichtenswert ist! Dass jedes Leben unverwechselbar und das ganz eigene und besondere ist! Das bedeutet sehr viel in einer Welt, die sich immer mehr an einer homogenen digitalen Oberfläche orientiert, die immer nur fragt, ob ich schön und erfolgreich genug bin.  

 

2. Kann jeder schreiben?


Doris Dörrie: Ja. Jeder, der lesen kann, kann auch schreiben. Ich habe über die vielen Jahre einen sehr handlichen Werkzeugkoffer zusammengestellt, mit dem tatsächlich jeder lernen kann zu schreiben. Darüber hinaus gibt es in Wahrheit nur einen einzigen Trick: ganz genau hinzuschauen. Immer wieder. Und jeden Tag. Und das lässt sich trainieren. Hier geht es nicht darum, Literaturpreise zu gewinnen, sondern darum, genau und wahrhaftig dem eigenen Leben gegenüber zu sein. (Man kann aber durchaus auf diese Weise dann Literaturpreise gewinnen.)

 

3. Warum tut es gut zu schreiben?


Doris Dörrie: Es bringt mich auf eine manchmal fast magische Weise in mein eigenes Leben und meine eigene Zeit zurück. Wir haben immer mehr das Gefühl, uns zu verlieren, weil wir so selten im eigenen Leben anwesend sind und uns die Zeit durch die Finger rinnt. Wenn man schreibt, bekommt man ein Zuhause im eigenen Leben, eine Erdung und intensive Verbindung mit der Welt, wonach wir uns doch alle sehnen.  

 

4. Zu schreiben, sagen Sie im Buch, hat viel damit zu tun, sich zu trauen, Ängste zu überwinden. Welche Ängste sind das? Mussten Sie beim Schreiben dieses Buchs auch Ängste überwinden?


Doris Dörrie: Ja, schreiben möchten viele, aber die Angst zum Beispiel, nicht »gut zu sein«, hält sie davon ab. Das ist eine früh erlernte Angst, nicht zu genügen, sich zu blamieren. Natürlich kämpfe auch ich immer wieder mit dieser Angst (und vielen anderen), aber ich habe eine sehr wirksame Methode entwickelt, um jeden Tag aufs Neue diese Angst zurückzuweisen – und zu schreiben.

 

5. Sie erzählen in diesem Buch ja sehr persönlich aus Ihrem eigenen Leben.


Doris Dörrie: Bei diesem Buch bin ich deutlich erkennbarer persönlich geworden als bisher, was für mich aber eigentlich keinen großen Unterschied macht, weil alles, was ich schreibe, letztlich persönlich ist. Aber hier wollte ich zeigen, dass es vielleicht am Ende darum geht, uns gegenseitig auch unsere Schwächen und Verletzungen zu zeigen und über sie zu berichten, um tief und wahrhaftig miteinander zu kommunizieren. Es ist eine Frage der Verhüllung und Verschleierung, inwieweit man sich zu erkennen gibt. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich keine Verschleierung mehr brauche und es vielleicht auch an der Zeit ist, besonders als Frau jetzt über das tatsächliche eigene Leben zu erzählen. Was nützt es denn, wenn ich mich immer nur mit frisch gefönten Haaren und Beauty-Filter zeige und behaupte, dass alles ganz ganz toll ist in meinem Leben?

 

6. Sie fordern im Buch zum freien Assoziieren auf, bei dem man unter Umständen selbst überrascht wird, wohin das Schreiben einen führt. Gab es in diesem Buch für Sie auch Überraschungen?


Doris Dörrie: Es gibt, wenn man auf die Art und Weise schreibt, wie ich es hier schildere, jeden Tag Überraschungen, weil ich immer wieder darüber staune, was mein Gehirn tief in seinen Windungen anscheinend abgespeichert und aufgehoben hat. Das mit Methode wieder herauszukitzeln bedeutet, auch immer wieder überrascht zu werden von dem Reichtum des eigenen Lebens in all seinen Details. Das sind oft beglückende, aber nicht nur friedliche und hübsche Details und Szenen, doch sie schildern mich und mein kurzes, ganz eigenes Vorhandensein auf dieser Welt. Letzten Endes geht es darum, durch das Schreiben zu begreifen, dass man wirklich hier war. Dass jedes Leben in all seinen Details einen ganz besonderen und unvergleichlichen Wert hat.

 

7. Schreiben Sie jeden Tag?


Doris Dörrie: Ja.

In Folge veröffentlichen wir in der nächsten Zeit Hinweise von Doris Dörrie aus ihrer Schreibwerkstatt.

Held Revolutionär Idol: Beethoven 

Zum 250. Geburtstag: Matthias Henke zeichnet in seiner Biografie das Bild von Ludwig van Beethoven neu – frei von Idealisierung, in den Spannungen zwischen Bonn und Wien.

Heros, Revolutionär, nationales Idol: Ludwig van Beethoven musste in der Vergangenheit Wunschvorstellungen bedienen, die mit seiner Musik nichts zu tun haben. Matthias Henke legt die Biografie eines Menschen vor, der es niemandem leicht gemacht hat – erst recht nicht sich selbst. Seine Musik berührt uns bis heute. (Hanser)

 

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Bella Italia

So vertraut Italien deutschen Reisenden schon immer war und so innig die Liebe der Deutschen zur «italianità», so fremd erscheint das Land heute, schreibt rowohlt in der Verlagsankündigung: Tatsächlich scheint es immer fremder zu werden – denkt man an seine populistische Regierung, an einstürzende Brücken oder an das Fortbestehen der Mafia. Woher kommt das alles? Thomas Steinfeld hat in Italien gelebt und das Land bereist, von Südtirol bis Apulien, von den Gebirgspässen des Nordens bis zu den Olivenplantagen des Südens. Hier zeigt er das ganze Italien: das rege Treiben in den Zentren von Rom, Venedig oder Florenz ebenso wie die Arbeitersiedlungen der Industriegebiete und das Elend der Vorstädte. Er schildert den ländlichen Heiligenkult, die Begeisterung für schöne Autos, die Erfindung des Slow Food, erklärt das Land aber auch aus seiner Geschichte heraus: von der Renaissance bis zum Duce-Faschismus, der noch heute an manchen Orten nachwirkt.

Thomas Steinfeld zeigt eine Gesellschaft, die vielfältiger und oft anders ist, als man es sich nördlich der Alpen vorstellt – und zugleich Landschaften und Kulturschätze, die nie an Anziehungskraft verloren haben. Ein reiches, ebenso sinnliches wie reflektiertes Italien-Porträt, das uns die Widersprüchlichkeit und Schönheit dieses faszinierenden Landes mit neuen Augen sehen lässt. (rowohlt Berlin) 

 

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Der neue Walker-Krimi: Connaisseur


Die Kriminalromane des schottischen Historikers Martin Walker sind schon als schönes Kochbuch bewundert worden. In den Geschichten um Bruno, Chef de Police von Saint Denis im Département Dordogne geht es auch um Pferde, um seinen Basset Balzac und immer wieder auch um attraktive Frauen, zwischen denen Bruno hin- und hergerissen wird. Vor allem aber geht es um die französische Kleinstadt Saint Denis, die dem langjährigen Wohnort des Autors Le Bugue nachempfunden ist. Den zwölften Fall für Bruno wird man am besten als einen Kriminalroman mit historischem und zeitgeschichtlichem Hintergrund lesen. Der Autor verstreut kleine politische Botschaften gegen rechte Ideologien in seinen unterhaltsamen Kriminalroman und bricht in einer kleinen Nebenhandlung eine Lanze für die Wiedereingliederung von Straftätern. Es geht im Kern der Geschichte um den titelgebenden „Connaisseur“, einen schon sehr alten, superreichen Kunstexperten, der in der Résistance gekämpft hat und damals von einem Vichy-Milizionär schwer verwundet wurde, so dass er im Rollstuhl sitzt. Der Milizionär hat Nachkommen mit zwei Frauen hinterlassen. Die „Cousins“ werden noch eine Rolle in dem Fall spielen.


Der eigentliche Kriminalfall beginnt unvermittelt mit dem Tod der jungen amerikanischen Kunststudentin Claudia, die von ihrer Betreuerin im Louvre an den Kunstsachverständigen de Bourdeille vermittelt worden war. Der bewohnt ein Herrenhaus in der schönen Gegend am Zusammenfluss von Dordogne und Vézère. Claudias Leiche wurde auf dem 30 Meter tiefen Grund eines Brunnens gefunden.  War sie bei dem Versuch, ein Kätzchen zu retten hineingestürzt, hat sie etwa selbst ihrem Leben ein Ende setzen wollen? Als sich der einflussreiche Vater von Claudia aus den USA einschaltet, der auch mit dem amerikanischen Botschafter in Paris befreundet ist, als unverantwortliche Presseberichte über den Tod der bei allen beliebten Studentin erscheinen und eine britische Kanzlei von Privatdetektiven von ihrem Vater eingeschaltet wird, behält allein Bruno einen kühlen Kopf.

 

Er führt weiterhin Ermittlungen wegen Mordes, als viele schon von einem Unglück ausgehen. Er stellt Verdächtigen intelligente Fallen und geht weit in die Geschichte zurück. Dank seiner Hartnäckigkeit klärt er den Fall auf spektakuläre Weise, erledigt en passant noch den Verdacht, dass de Bourdeille sein riesiges Vermögen mit gefälschten Provenienz-Dokumenten prominenter Kunstwerke erworben hatte, tafelt unter Beweis seiner legendären Kochkünste für zehn Gäste auf und organisiert noch ein wunderbares Konzert im Schloss-Anwesen des Geschehens. Es hatte einmal Josephine Baker gehört, die aus Protest gegen die Rassendiskriminierung in den USA nach Paris gezogen war und die französische Staatsangehörigkeit angenommen hatte. Von diesem Schloss aus unterstützte sie die Résistance. Ihr zu Ehren sang die mit Bruno befreundete, begnadete Amélie alte Songs der Baker in einem prominent besuchten Schlosskonzert, an dem der amerikanische Botschafter und auch die Mutter der zu Tode gekommenen Claudia im Publikum teilnahmen. Das Buch „Connaisseur“ von Martin Walker trägt die Widmung: „Zum Gedanken an Josephine Baker, ‚Die schwarze Perle‘ und Résistance-Heldin.“

 

Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und politischer Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und war 25 Jahre lang bei der britischen Tageszeitung ›The Guardian‹. Er ist im Vorstand eines Think-Tanks für Topmanager in Washington. Seine ›Bruno‹-Romane erscheinen in 18 Sprachen.


Harald Loch
 
Martin Walker: Connaisseur. Der zwölfte Fall für Bruno, Chef de Police
Aus dem Englischen von Wolfgang Windgassen
Diogenes, Zürich 2020   437 Seiten   22 Euro

 

Tschernobyl - Anatomie einer Katastrophe

In seinem Tschernobyl-Thriller deckt Adam Higginbotham auf, was wirklich geschah. Mit großer Erzählkunst und basierend auf intensiver Recherche zeichnet er nach, wie am frühen Morgen des 26. April 1986 der Reaktor 4 des Kernkraftwerks in Tschernobyl explodierte und die schlimmste Atomkatastrophe der Geschichte auslöste.
Seither gehört Tschernobyl zu den kollektiven Albträumen der Welt: eine gefährliche Technologie, die aus den Rudern läuft, die ökologische Zerbrechlichkeit und ein ebenso verlogener wie unachtsamer Staat, der nicht nur seine eigenen Bürger, sondern die gesamte Menschheit gefährdet.


Wie und warum es zu der Katastrophe kam, war lange unklar. Adam Higginbotham hat zahllose Interviews mit Augenzeugen geführt, Archive durchforstet, bislang nicht veröffentlichte Briefe und Dokumente gesichtet. So bringt er Licht in die Geschichte, die bislang im Sumpf von Propaganda, Geheimhaltung und Fehlinformationen verborgen lag. (S.Fischer)

 

Die atomare Reaktorkatastrophe TSCHERNOBYL markiert den langsamen Anfang vom Ende des Atomzeitalters, auch wenn es noch der Explosionen in Fukushima bedurfte, um die Schließung der Kernkraftwerke in Deutschland endgültig zu beschleunigen und den Beginn des Zeitalters regenerativer Energien zu markieren. Zugleich bedeutete der GAU das Ende der Sowjetunion, der UdSSR, wie selbst Gorbatschow einräumt. 

 

34 Jahre nach der Reaktor katastrophe legt der Autor Adam Higginbotham eine spannende Reportage über das Tschernobyl-Unglück bei S.Fischer vor (Adam Higginbotham Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten), die wegen ihrer Tiefe, ihrer Präzision und schlüssigen Beweiskraft sehr überzeugend ist. 

 

Seit zehn Jahren arbeitet der Journalist akribisch an dieser einzigartigen Dokumentation, die mit vielen Einzelheiten überrascht. Sie thematisiert jedoch kaum die medizinischen Langfristfolgen, beschränkt sich auf die Schilderung der Atomindustrie und deren Aufbau, schildert den Ablauf der Reaktorexplosion detailgenau, die Evakuierungen, die Diskussion in den Politebenen, den Aufbau des Sarkophags, die Absperrung der Zone, den Prozess gegen die Hauptverantwortlichen. 


Blenden wir also in jene Zeiten zurück und zugleich in die umfangreichen Kapitel des 614 Seiten langen Buches, das auch eine kaum noch übliche ausführliche Rezension erfordert. 


In Russland war die so genannte „vorbetriebliche Instandsetzung“ gang und gäbe, eine Art Doppelarbeit, weil die handwerkliche Qualität sowjetischer Produkte auf allen Ebenen, seien es nun Transformatoren, Turbinen oder Schalteinheiten, derart miserabel war, dass die Materialien schon vor ihrem Einsatz instand gesetzt werden mussten, bevor sie überhaupt im Handel waren oder eingesetzt wurden. 
“Kleptokratische Pfuscherei“, „Vetternwirtschaft“, „verdrießliche Inneffizienz“, „ruinöse Verschwendung“ nennt das der Autor, und er macht als den Hauptschuldigen die Kommunistische Partei aus. 
Wer aber in dieser Partei war, hatte seine Vorteile, zum Beispiel beim Einkauf in speziellen Geschäften, beim Erwerb ausländischer Zeitungen, in der medizinischen Versorgung, aber eben auch auf der Karriereleiter. 
Auch Wiktor Brjuchanow, der Direktor des Atomkraftwerks, war Parteisoldat wie viele Angestellte, sie waren dem Vorgesetzten gegenüber verantwortlich und dem lokalen Partei-Komitee. 


Die Versorgungskrisen wurden in der gesamten UdSSR zu jener Zeit chronisch, in der Atomstadt Pripjat genossen die „Genossen“ jedoch ihre willkommenen Vorteile. Es gab üppig Schweine- und Kalbfleisch, frische Tomaten und Gurken, sogar duftiges französisches Parfum in der muffigen Sowjetunion. Kino, Musikschule, Schönheitssalon und Yachtclub machten den Aufenthalt in Pripjat angenehm.  


Der Planungsirrsinn im Planungstaat UdSSR hatte Folgen. Zum Beispiel war das Dach der Turbinenhalle mit leicht entzündlichem Bitumen gedeckt. Das war aus feuerpolizeilicher Sicht an sich schlimm genug, doch viel schlimmer war es, dass wichtige Tests vor der Fertigstellung des Atomkraftwerks unterblieben. Die Partei hatte einen Fertigstellungs-Termin festgesetzt. Er musste, komme was wolle, eingehalten werden: Der Turbinentest unterblieb. 


Die UdSSR wollte ein dichtes Netzwerk von Atomkraft-Komplexen errichten, die mit bis zu einem Dutzend Reaktoren ausgestattet sein sollten, um damit international zu glänzen. 


Hinter den Fassaden sah es anders aus. Nikolai Fomin, Parteisekretär und Apparatschik, stellvertretender Direktor des Kraftwerks und Chefingenieur, war beispielsweise ohne jede Erfahrung im Bereich der Kernenergie, machte fleißig Fernlehrkurse, um sich Kenntnisse in der Atomphysik anzueignen. 


Seit 1957 war die UdSSR verpflichtet, jeden einzelnen Atomunfall genauestens zu melden, der innerhalb ihrer Grenzen passierte. Die gewaltige atomare Explosion am 29. September 1957 in Tscheljabinks-40 blieb zum Beispiel dennoch unter der kommunistischen Decke jahrzehntelang verborgen. 


Reaktor-Steuerungstechniker Leonid Toptunow war beim Aufstieg vom Praktikanten zum Atomingenieur aufgefallen, dass die Steuerstäbe des Reaktors unter gewissen Umständen die Reaktivität des RBMK-Reaktors beschleunigen konnten, statt sie abzubremsen. Ein verheerendes technisches Detail als Ursache für die Katastrophe. 


Der RBMK-Reaktor (ein graphitmoderierter, wassergekühlter Siedewasser-Druckröhren-Reaktor) war der Triumph sowjetischer Gigantomanie. Es ging um Wirtschaftlichkeit durch Massenproduktion. Dieser Typ Reaktor war 20mal größer als westliche Reaktoren, er brachte 3.200 Megawatt Wärmeenergie zustande und lieferte 1.000 Megawatt Strom. Hunderte Graphitblöcke waren aufeinandergestapelt, um große Leistung zu bringen.


Das Containment, die sichere Ummantelung des Reaktors hätte jedoch die Kosten verdoppelt. Sie unterblieb. 


Ein Leck in den Druckröhren hätte verheerende Folgen haben können, wenn die Kernschmelze ausgelöst worden wäre.  Es ging um den Kühlprozess, denn wenn beim RBMK-Typ Kühlmittelverlust einträte, könnte es zu unkontrollierbaren Kettenreaktionen kommen. 
Wissenschaftler hatten genau davor gewarnt, als die Strukturpläne des Reaktors in der Planungsphase auf dem Tisch lagen. 


Schon 1975 war der Leningrader RBMK-Block durch eine teilweise Kernschmelze an 32 Brennelementen zerstört oder beschädigt worden. Radioaktivität trat in den Finnischen Meerbusen aus. Der Unfall wurde vertuscht wie so viele vor Tschernobyl. 


Zudem waren die Ventile und Strömungs-Messgeräte überfordert, die die unerlässliche Wasserzufuhr regeln sollten, sie sollten die 1.600 urangefüllten Kanäle regulieren. 


Die Kontrollingenieure waren ebenso geistig wie körperlich im Kontrollzentrum sehr stark beansprucht, irgendwie ständig überlastet, weil in jeder Minute dutzende einzelne Justierungen vorgenommen werden mussten - so stark, dass die Schalter für die Steuerstäbe ständig ausgetauscht werden mussten, weil die Druckknöpfchen zu stark beansprucht waren. 


Schon 1982 war es zu einer partiellen Kernschmelze mit Radioaktivität gekommen, auch dieser Tschernobyl-Unfall wurde vertuscht wie einige andere im gesamten Bereich der Sowjetunion. 


Die Steuerstäbe waren mit Borcarbid, einem Neutronengift ausgestattet, das langsam Neutronen verschlingt, um die Kettenreaktion einzudämmen. 


An den Spitzen der Steuerstäbe waren jedoch kleine Graphitspitzen als Neutronenmoderator angebracht, um die Kernspaltung zu erleichtern. Wurden nun die Steuerstäbe in den Kern eingebracht, verdrängte der Graphit das Neutronen absorbierende Wasser und die Reaktivität des Kerns nahm kurzzeitig zu. Die „Bremse“ des Reaktors war zum „Gaspedal“ geworden, wie oben schon angedeutet. 


Beim Test am Tag der Katastrophe sollte versucht werden, wie das Sicherheitssystem bei einem Stromausfall funktionieren würde, nämlich wann die Notstromdieselaggregate einsetzen und ob die Kühlmittelpumpen lange genug Wasser zuführen würden. 


Auf mehreren Seiten schildert der Autor die Befehlsketten und Befehlsstrukturen, die gegenseitigen widersprüchlichen Wortwechsel, die dann dazu führen, dass die 80 Kilogramm schweren Verschlusswürfel auf den Brennelementen zum Hüpfen kommen, Spielzeugboote gleichend, auf sturmgepeitschter See. 

 

Der Wasserkreislauf im Reaktor kommt plötzlich zum Stillstand, die Pumpen schließen, das Wasser verdampft sofort, die Wärmeleistung steigt auf 12 Milliarden Watt. Die Temperatur steigt auf 4.650 Grad Celcius, nicht ganz so heiß wie die Oberfläche auf der Sonne. 

1:24 Uhr: Das Wasserstoff-Sauerstoffgemisch explodiert, die katastrophale Explosion entspricht 60 Tonnen TNT, die 100 Röhren der Dampf- und Wasserkreisläufe fliegen in die Luft, der Brückenlaufkran wird aus der Verankerung gerissen, fast sieben Tonnen Uran-Brennstoff mit dem Reaktorkern werden komplett zerstört. Das Dach der Reaktorhalle fliegt in die Luft, die rechte Wand des Reaktorgebäudes ist völlig eingestürzt. 

 

Der Chef des Atomkraftwerks Wiktor Brjuchanow denkt: „Ich wandere ins Gefängnis“. Er wird Recht behalten. 


„Reaktor Vier war verschwunden. An seiner Stelle befand sich ein brodelnder Vulkan aus Uran-Brennstoff und Graphit – ein radioaktiver Brand, den zu löschen sich als nahezu unmöglich erweisen würde.“
Neben der werkseigenen Kantine wurden 2.080 Röntgen pro Stunde gemessen. Der Reaktor hatte 2.500 Tonnen Graphitblöcke enthalten, die in Brand geraten waren. Es herrschte bereits eine Temperatur von 1.000 Grad Celsius. Eine apokalyptische Situation – unbeherrschbar. 
Erst eineinhalb Tage nach der Explosion werden die Bewohner von Pripjat evakuiert. Im Herzen der radioaktiven Wolke pulsierten etwa 20 Millionen Curie Radioaktivität. 


Im südfinnischen Kajaani war es ein Soldat der finnischen Streitkräfte, der an seiner Messwarte eine unnatürlich hohe Hintergrundstrahlung feststellte, sie nach Helsinki weitermeldete, dort wurde jedoch nichts weiter veranlasst. 


In Moskau fragt Gorbatschow. „Was ist passiert?“ Es dauert, bis er eine schlüssige Antwort bekommt, denn am Ort des Geschehens sind alle hoffnungslos überfordert. 


Drei Tage, nachdem sich eine giftige Wolle über dem Reaktor von Tschernobyl in den Norden und Westen verabschiedet hatte, meldete TASS sehr dürftig:
„Im Kernkraftwerk Tschernobyl hat sich eine Havarie ereignet. Dabei wurde einer der Reaktoren beschädigt.“ 


Die Piloten, die dann mit ihren Hubschraubern über dem Reaktor kreisten, um dort Sandsäcke und Bor abzuwerfen. Saßen in ihren Pilotensitzen, wo sonst Fallschirme ruhten, auf Bleikugeln. Ihr Motto war: „Willst Du noch Vater werden, dann bette Deine Eier in Blei.“
Es ging beim Hubschraubereinsatz darum, eine Kernschmelze zu verhindern, die den Grundwasserspiegel erreichen könnte. 
Eine Einheit von chemischen Truppen klaubten die herumliegenden Graphitblöcke mit bloßen Händen auf, sie wurden hoffnungslos verstrahlt. Die Soldaten im Einsatz hatten über die olivgrünen Uniformen drei Millimeter dicke, weiche Bleiblechplatten gestülpt, sie trugen außerdem schwere Atemschutzmasken und Schutzbrillen. 


Für die Aufräumarbeiten bekamen sie 3.000 Rubel und eine Kiste Wodka, und sie durften sich sofort ausmustern lassen. Die Dosimeter warfen sie weg aus Angst davor, welche Messwerte sie ihnen anzeigen könnten. 
Der ehemalige Kriegsfotograf Igor Kostin kreiste mit einem Hubschrauber über das Katstrophengelände und hielt das Szenario in einem Film fest, die Strahlung war so intensiv, dass sie die Filmstreifen beschädigte.  


Hunderttausende von Reservisten der Armee waren im Einsatz. „Liquidation“ der Katastrophe lautete ihr militärischer Auftrag, ein verschönender verharmlosender Begriff, denn die Radionuklide, so der Autor, konnten weder zerlegt noch zerstört, nur verlagert, vergraben oder „bestattet“ werden. 


Die erste Evakuierungsphase betraf 363.000 Kinder, stillende Mütter und Schwangere, ein Exodus von etwa einer halben Million Menschen. 
Higinbotham schildert die internen Diskussionsprozesse im Politbüro, die Befehlsabläufe, die Evakuierungsphasen, die hilflosen Versuche, mit den Folgen der Reaktorkatastrophe klarzukommen, sehr ausführlich. Die Dialoge, die Meinungen, die Fehleinschätzungen, das Politgewäsch, die technischen Einzelheiten und Fehlkonstruktionen beschreibt der Autor in einer solchen faszinierenden Genauigkeit, so dass er das gesamte Schreckens-Szenario noch einmal für den Leser aktuell und sehr bedrückend werden lässt. 


Darin liegt die große Stärke dieses Buches, die Genauigkeit der Schilderung, eine grandiose Reportage, in packender Sprache.
Die genauen Dialoge - etwa aus der Steuerungszentrale des Reaktors während des Kontrollexperiments, die Gespräche aus dem Politbüro mit Gorbatschow oder das Frage- und Antwortspiel aus der Gerichtsverhandlung - sind spannend und haben Thriller-Qualitäten. 
Die Beschäftigten im Reaktor, sowohl die Verwaltung wie die Belegschaft, die in der Steuerzentrale Schicht hatte, wurden vor Gericht zu Freiheitsstrafen und Strafkolonie zwischen zwei und zehn Jahren Haft schuldig gesprochen. 

 
Erst viel später wurde deutlich und auch nachgewiesen und zugegeben, dass der RBMK-Reaktor strukturelle Mängel hatte. Es wurde auch nach und nach deutlich, dass nicht nur die Handvoll Operatoren in der Steuerzentrale des Reaktors Schuld hatten sondern auch das sowjetische Gesellschaftssystem und seine Irrtümer, Fehlplanungen, falschen Glaubenssätze. 


„Wir brauchen die absolute und ungeschminkte Wahrheit“, schrieb Sacharow. Ganz kam sie nie ans Licht. 


Der Sarkophag wurde mit 5,5 Milliarden Dollar beziffert, die der Kosten der Katastrophe insgesamt auf 128 Milliarden Dollar, so viel wie das gesamte Verteidigungsbudget der UdSSR für 1989. 
Das Buch ist bebildert, bietet ein Glossar, die Fachbegriffe aus der Atomphysik, die Maßeinheiten zur Radioaktivität werden erklärt. Im Epilog wird festgehalten, was aus den handelnden Personen geworden ist. Der Anmerkungsapparat ist umfangreich, der Dank des Autors an seine Quellen ergänzt die Hintergründe zur Recherche. 


Eingangs des Buches geben Karten der UdSSR, von Weißrussland, der Ukraine, von Pripjat und dem Atomzentrum, sowie der Kernkraftwerksanlage einen guten Überblick. 
Ergänzt werden sie durch die technischen Zeichnungen, einem Strukturplan des Tschernobyl Block-Vier-Reaktors mit graphitmoderiertem Reaktorkern. 


Die beteiligten Personen und ihre Funktionen sind ebenso genauestens aufgeführt.

 

Wer aus Katastrophen lernen will, muss zu diesem Buch greifen.


Adam Higginbotham Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten S.Fischer

 

Adam Higginbotham schreibt für »The New Yorker«, »The New York Times Magazine«, »Wired«, »GQ«, und »Smithsonian«. Zuvor war er US-Korrespondent für »The Sunday Telegraph Magazine« sowie Chefredakteur von »The Face«. Er lebt mit seiner Familie in New York City.


Wer sich über die Folgen der Reaktorkatastrophe informieren möchte, dem darf ich ausnahmsweise ein eigenes Buch empfehlen: 


Verstrahlt, vergiftet, vergessen Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren. Ein journalistischer Report von Frank Franke, Norbert Schreiber, Peter Vinzens INSEL VERLAG Das Buch ist nur noch im antiquarischen Handel erhältlich

Auferstehung einer Weltmacht

Russland will wieder Global Player werden. Das militärische Vorgehen in Syrien an der Seite von Diktator Assad und die Unterstützung des aufständischen Generals Haftar in Libyen haben dies der Welt vor Augen geführt. Was zunächst im nahen Umfeld stattfand - von Georgien über die Krim bis zur Ostukraine -, geschieht inzwischen auch in Afrika und Lateinamerika. Russland rüstet seine Verbündeten auf, exportiert Waffen und schickt (angeblich nichtstaatliche) Militärverbände in den Einsatz. Präsident Putin will sein Land zu alter Weltmachtstärke zurückführen.

Manfred Quiring, der mehr als zwei Jahrzehnte als Korrespondent in Moskau gearbeitet hat und die Machtverhältnisse im Land so gut wie kaum ein anderer kennt, zeichnet diese Entwicklung minutiös nach, benennt die Verantwortlichen, schildert ihre Methoden, zeigt die Gefährdungen der internationalen Politik und die Grenzen des Moskauer Einflusses auf. (CH.LINKS)

 

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Dürfen auch Professoren morden?                  Ein Klinik-Krimi

Man bekommt alles zurück im Leben. Aber gilt das nur für die bösen Taten? Oder auch für die guten? Und lassen sich beide gegeneinander verrechnen? Vor 25 Jahren hat Peter Zielke zwei Menschen getötet, seitdem als Arzt aber Dutzende Leben gerettet. (Nagel& Kimche)


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GLASFLÜGEL - ein neuer Kopenhagen-Krimi

 

Jeppe Kørner ermittelt in einem spektakulären Mordfall, der ganz Kopenhagen beschäftigt: Im ältesten Brunnen der Stadt, inmitten der Fußgängerzone, wurde eine Leiche gefunden. Auf die Hilfe seiner Kollegin Anette Werner kann er diesmal nicht zählen, denn die muss sich statt um den Mordfall um ihr Baby kümmern. Bald schon stößt Kørner auf eine düstere Einrichtung für hilfsbedürftige Jugendliche und auf Leute, die ihre eigene Vorstellung von Fürsorge haben. (DIOGENES)

 

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Aller Anfang ist schwer

Der erste Satz ist bekanntlich der schwierigste - und der wichtigste. Er muss den Leser verführen und verrät meist mehr, als wir bei der ersten Lektüre wahrnehmen. Manchmal enthält er im Kern schon die ganze folgende Geschichte. Peter-André Alts lustvoller Streifzug durch die Weltliteratur führt an großen Texten von der Antike bis zur Gegenwart vor, wie deren Anfänge jenen Pakt mit dem Leser schließen, der die erste Neugier in andauernde Leselust verwandelt. (C.H.Beck) 

 

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Neues Enthüllungsbuch:                                  Trump gegen die Demokratie

2020 ist das Schicksalsjahr der USA. Im November wird der Präsident gewählt, und die Lage spitzt sich dramatisch zu: Wird Trump es noch einmal schaffen? Und was würde das bedeuten? Dieses Buch gibt die Antwort.

 

Im Gewitter der täglichen Tweets und »News« treten die beiden Pulitzer-Preisträger von der »Washington Post« einen Schritt zurück, um die Amtszeit Trumps Schritt für Schritt zu rekonstruieren. Sie nutzen eine Fülle von neuen Details und Erkenntnissen, die sie aus Hunderten Stunden Interview-Material mit mehr als 200 Verwaltungsbeamten, Trump-Vertrauten und anderen Augenzeugen gewonnen haben, um entscheidende Muster hinter dem täglichen Chaos in der Regierung aufzudecken. Exzellent recherchiert und meisterhaft erzählt, lassen sie ein Bild von Trump entstehen, das uns besorgt stimmen sollte: Seine Versuche, das amerikanische System und die Demokratie zu unterlaufen, sind erfolgreicher als gedacht. In diesem Jahr geht es wirklich um alles. (Fischer)

 

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Beethoven-Jahr

Christine Eichel erzählt die fesselnde Geschichte eines Nonkonformisten. Wer war der Mann, der sich mit seinem wichtigsten Mäzen prügelte und seine Köchin schon mal mit faulen Eiern bewarf? Welcher Zusammenhang besteht zwischen seiner leidvollen Kindheit und seiner neuartig emotionalen Musik? Welchen Einfluss hatte seine fortschrittliche politische Haltung auf sein Werk? Warum blieben ihm glückliche Beziehungen verwehrt? Anhand sechs ikonischer Werke und vieler weiterer Kompositionen zeichnet Eichel das Portrait eines Mannes, der kein musikalischer Dienstleister mehr sein will und sich eine Existenz als unabhängiger Künstler ertrotzt. Ebenso kenntnisreich wie mitreißend schildert Eichel Beethovens geistigen Kosmos, berichtet von delikaten Liebeskomplikationen und bizarren Launen, schreibt über notorische Geldnöte und den eruptiven Humor des Komponisten. Jenseits gängiger Mythen wird der Mensch Beethoven auf neue, spannende Weise erfahrbar. 


Zielgruppe: Beethoven-Begeisterte, Mozart-Fans, Klavierlehrer- und schüler, Musikwissenschaftler, Eltern, Geigen- und Flötenkinder, Arte- und 3sat-Redakteure, Feuilletonisten der deutschen Presse

 

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Prag und seine Literaten

Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen weit gefassten, fundierten, genauen Überblick über die Literatur in Prag, Böhmen und Mähren. Alte Grenzziehungen literaturwissenschaftlicher oder politischer oder historischer Art werden vermieden. Das Buch bietet eine Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.

 

 

Es hat wirklich gefehlt: das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, das im J. B. Metzler Verlag bereits 2017 erschienen ist, aber als Standardwerk und großartiges Quellenbuch aus Anlass der Leipziger Buchmesse zum Themenschwerpunkt Tschechien ausführlich in einer Reihen-Besprechung der Hauptkapitel hier auf www.facesofbooks.de erneut gewürdigt werden soll.

Das 445-Seiten-Buch ist ein umfassendes Werk mit einer sehr in die Breite und in die Tiefe gehenden Genauigkeit, die den Bestseller-Leser vermutlich etwas überfordert und eher für germanistisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dennoch ist es lesbar und in knappen Kapiteln gehalten.

Es befasst sich mit einer „Hybrid-Literatur“. Damit meine ich, dass sowohl die beiden Sprachen der Literaten Deutsch und Tschechisch einerseits eine Rolle spielen. Hinzukommen andererseits die geographischen Besonderheiten in Grenzregionen. Und die Ländergrenzen in Böhmen und Mähren waren früher anders als heute gezogen. Neue Länder wie zunächst die Tschechoslowakei und später Tschechien und die Slowakei entstanden nach dem II. Weltkrieg. Zusätzlich ist das Rezeptionsverhalten zwischen österreichischem, deutschem und tschechischem Lesepublikum unterschiedlich, so dass sich ein eigenartiges, aber besonders interessantes Mischungsverhältnis aus all diesen Grundbedingungen ergibt.

Kernzelle dieser Literatur sind die weltbekannten Prager Autoren Kafka, Rilke, Werfel, Kisch, Reinerová, aber auch die weniger bekannten Oskar Wiener und Ludwig Winder.

Eine weitere Hyprid-Frage ist: Soll man Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Franz Werfel, die in Mähren, im Böhmerwald oder in Prag geboren sind, der österreichischen Literaturtradition zurechnen, also ausgrenzen? Die Herausgeber meinen: NEIN und verfolgen einen integrativen Ansatz, wenngleich früher die Prager Literaten als „dreifach“ besonders eingestuft wurden, weil sie in Prag national, religiös und sozial im Ghetto gelebt haben.

Mit diesem Handbuch wollen die Herausgeber aber starke Grenzziehungen vermeiden, das Phänomen „Literatur Prags und der Böhmischen Länder „als Gesamtheit“ betrachten. Es gilt, die literarischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Tschechen mit zu berücksichtigen.

Das Buch will keine Geschichte der tschechischen Literatur sein. Die in Vergessenheit geratenen historischen Ereignisse, die Mehr- bzw. Zweisprachigkeit der Autoren oder sogar der Sprachwechsel, wie etwa bei Karl Klostermann, werden berücksichtigt. Auch die institutionelle Seite, etwa Literaturverbände, Verlage, Periodika, Universitätsgeschehen, werden ebenso behandelt.

Den Herausgebern ist bewusst, dass Leser in Österreich und Deutschland und auch in Tschechien unterschiedliche Rezeptionsverständnisse haben können, weil länderspezifisch andersartige Bildungsvoraussetzungen gegeben sind. Das nehmen die Autoren in Kauf und zugleich in Anspruch, darauf Rücksicht genommen zu haben.

Das fünfte und das sechste Kapitel des Handbuchs widmet sich den Themen, den Motiven und Textsorten der deutschen Literatur in Böhmischen Ländern. Das Handbuch gibt eine gute allgemeine Orientierung, lässt sich auch kapitelweise lesen bzw. durcharbeiten und gibt auch auf spezielle Fragestellungen Auskunft.

Der deutsch-böhmische Germanist Kurt Krolop hat das umfangreiche Buchprojekt mit Rat und Tat begleitet, und der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft, hat ein Schluss Essay beigetragen. Wir werden in der nächsten Zeit weitere Kapitel des Buches behandeln…

Heute:

Kapitel Einleitung und Kategorisierung

 

Im Metzler Verlag sind schon einige literaturwissenschaftliche Handbücher erschienen, nun also die „zusammenhängende Darstellung der in einer mitteleuropäischen Region entstandenen Literatur“.

Fallen Namen wie Rilke, Werfel, Brod, Kafka und andere, nähren diese Autorennamen den Eindruck, alle deutsche Literatur stamme aus Prag. Die Autoren des Handbuches sehen darin eine Unangemessenheit, die deutsche Literatur von der Literatur der Böhmischen Länder abzutrennen.

 

Den Begriff der „Prager deutschen Literatur“ möchten die Autoren abschaffen und sprechen von der Literatur Prags und der Böhmischen Länder (als Eigenname verwendet und großgeschrieben!) „Böhmische Länder“ weist auch darauf hin, dass der Begriff Böhmen allein zu unscharf ist, handelt es sich doch um drei unterschiedliche geopolitische Räume: das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien. Wobei sich die west- und nordböhmischen Gebiete zum preußisch dominierten Deutschland orientierten und Mähren zur Habsburger Metropole Wien.

 

Die unterschiedlich entwickelten Verkehrswege förderten diese Orientierungen. Die zentralistische Struktur prägte auch die kulturellen Verhältnisse: „Hier die Metropole Prag, da die provinziellen Peripherien.“

An den beiden Autoren Rilke und Härtling weisen die Autoren nach, dass ihre Werke zunächst von der Herkunft thematisch regional geprägt waren, also Anklänge an die Böhmischen Länder zu finden sind, etwa in den Prager Geschichten von Rilke, bei Musils Mann ohne Eigenschaften, bei Härtling in autobiographischen Romanen. Härtling hat von 1941 bis 1945 seine Kindheitsjahre in Olmütz und Brünn verbracht. Fazit in diesem Kapitel: „Je vielseitiger sich Lebens- und Schaffenshorizonte von Autoren aufspannen, desto größer wird ihre Teilhabe an 

unterschiedlichen Literaturen.

 

Kapitel Literaturgeschichte

 

Eine Literaturgeschichte über die deutsche Literatur der Böhmischen Länder gibt es bisher nicht. Sie müsste die regionalen Infrastrukturen berücksichtigen, die Vernetzung der deutschsprachigen Literatur mit den Nachbarländern thematisieren und vor allem die Wechselwirkungen mit der tschechischen Literatur betrachten. Dabei gibt es jetzt schon Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen, die vor allem auf der wachsenden Zusammenarbeit von Germanisten und Slawisten fußen. Doch die Zusammenschau fehlt bislang.


Das Kapitel „Literaturgeschichtsschreibung“ setzt die Anfänge mit der geschichtlichen Betrachtung der Kronländer oder der Städte. Der Bezugsrahmen war zunächst die K.-u.-k.-Mo¬n¬ar¬chie, die Zuordnung zur deutschen Kultur im Gegensatz zur tschechischen Literatur betrachtet. Später wurde zwischen deutscher, deutsch-österreichischer und deutsch-böhmischer Literaturgeschichte differenziert. 
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung Prags galt sie unter nationalsozialistischem Regime als Teil der deutschen Literatur und nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung als eine Literatur, der das Land abhandengekommen war. 


Die Nazis grenzten jüdische und antinationalsozialistisch eingestellte Autoren aus. Die ersten Literaturgeschichten der Tschechoslowakei berücksichtigten teilweise deutsche Schriftsteller. In der Auseinandersetzung um die damals strittigen Grenzfragen wies der Literaturhistoriker und Schriftsteller Josef Mühlberger darauf hin, angesichts des „Grenzlandkampfes“ bestehe die Gefahr, den „Blick für Größe und Weite“ zu verlieren. 


Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es lange Zeit so, dass die deutsch-böhmische und die mährische Literatur aus dem Blickwinkel der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwunden war. Erst durch das Interesse an Kafka und an den Exilautoren wurde das Interesse wieder geweckt und besonders nach der samtenen Revolution befruchtet. 
Das interessante Überblickskapitel ist letztlich ein Arbeitsauftrag, sich mit der Literaturgeschichte dieser speziellen Gattung zu widmen, erst recht deshalb, weil sich im deutsch-tschechischen Verhältnis die kulturelle Dimension mehr als entwicklungsnötig darstellt. 

 

Kapitel Interkulturalität

 

 

Klären wir zuerst die Begriffe, wie uns die Disziplinen der Wissenschaften an den Universitäten zu jedem Studienbeginn zum besseren Verständnis anraten. Insbesondere die Soziologie, die Gesellschaftswissenschaften, sind es ja, die ganz besonders dafür bekannt sind, Wort-Ungetüme zu bilden. Nehmen wir als Beispiel das Wort INTERKULTURALITÄT. 
Es geht hier um das Bewusstsein einer Gesellschaft, deren Menschen ein Verständnis dafür entwickelt haben, dass ihre Mitglieder die kulturelle, sprachliche oder religiöse Verschiedenheit anerkennen oder mindestens anstreben und dabei wissen, dass der Andere in einer Gesellschaft mindestens respektiert und bestens akzeptiert ist. 


Ein ganzer Wissenschaftsbereich beschäftigt sich mit dem Thema, denn die Lebensbedingungen des Individuums und ganzer Gesellschaften sind so global geworden, dass man an diesen kulturellen Vorbedingungen eigentlich nicht mehr vorbeikommt. 


So findet man, ganz praktisch gesehen, im Internet Definitionen von COACHING-Organisationen, die Manager interkulturell fit machen für die globalisierten Wirtschaftsbeziehungen. 


Glossar: Interkulturalität 


„Unter Interkulturalität versteht man das Aufeinandertreffen von zwei oder mehr Kulturen, bei dem es trotz kultureller Unterschiede zur gegenseitigen Beeinflussung kommt.

Bei dem Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen werden die eigene kulturelle Identität und Prägung wechselseitig erfahrbar. Interkulturalität meint dabei die Einnahme und das Denken aus der jeweilig anderen Perspektive ohne das Ziehen vorschneller Schlüsse. Das Fremde soll nicht in das eigene Selbstverständnis angegliedert, sondern erstmal nur bewusst zur Kenntnis genommen werden“. (Quelle IKUD Coaching Seminare)
https://www.ikud-seminare.de/


Diese theoretischen Konzepte übertragen die Autoren Dieter Hebeböcke und Manfred Weinberg in ihrem Artikel „Interkulturalität/Konzepte der Interkulturalität“ auf die Literatur Prags und der böhmischen Länder. 
Interkulturalität sei dafür maßgebend schon seit dem 12. Jahrhundert, weil Bayern, Franken, Obersachsen, Schlesier und Österreicher unter der Regentschaft der Přemysliden als Handwerker, Bauern und Bergleute angeworben wurden und sich an den böhmischen und mährischen 
Grenzgebieten ansiedelten.


Die Autoren rechnen auch die Gruppen dazu, die sich um 880 bei Baubeginn der Prager Burg als Händler dort heimisch machten. Sie werden als national heterogen betrachtet. Auch die Juden hatten schon im 10. Jahrhundert in diesem Raum eine starke Stellung. Dass Tschechen, Deutsche und Juden in den böhmischen Ländern zusammengelebt haben, wird zu einer Erklärungsformel, die in der Literatur, in der Wissenschaftsgeschichte und in theoretischen Ansätzen dazu immer wieder vorkommt. 


Dabei werden zwei Nationen-Begriffe (Deutsch/Tschechisch) mit einem religiösen Attribut (Jüdisch) kombiniert. Diese Verbindung ist jedoch grundlegend falsch, denn die Deutschen waren ja national gesehen, keine Deutschen, sondern sie gehörten wie die Tschechen der Österreich-Ungarn-Donaumonarchie an. Muttersprachlich und vor dem kulturellen Hintergrund gesehen waren sie jedoch schon als Deutsche und Tschechen zu betrachten. Der Begriff Nation hilft also hier nicht viel weiter.


Im folgenden Ansatz der Interkulturalität versucht Gesellschaftstheorie sich abzuwenden von dem Dogma der ABGRENZUNG. Es geht zuerst einmal konkret um das Miteinander unterschiedlicher Kulturen im selben geographischen Raum, und ich füge hinzu, natürlich auch um das Gegeneinander. 


1990 wurde der theoretische Ansatz der Interkulturalität entwickelt, der davon ausgeht, dass Kultur permeativ und nicht separatistisch zu begreifen sei. Übersetzen wir die „physikalischen“ Soziologismen. Die PERMEATION ist das Eindringen eines gelösten Stoffs bzw. eines Gases durch eine Membran und dann durch eine Materieschicht. Es geht also um Durchlässigkeit. Das wird nun auf Gesellschaften und ihre Bevölkerungsgruppen übertragen. 


Das Streben nach Separation meint vor allem das politische Ziel der Gebietsabtrennung, um einen separaten, einen eigenen Staat zu gründen. Hier ist vielleicht meinerseits auch noch der Begriff Segregation anzuführen, den die Autoren in ihrem Beitrag selbst nicht anwenden. Segregation heißt ENTMISCHUNG von diversen Elementen in einem bestimmten geographischen Gebiet. 

 

Transkulturalität nach Wolfgang Welsch
„Mit Transkulturalität beschreibt Wolfgang Welsch (1997) das Konzept einer Gesellschaft, in der sich kulturelle Identitäten durch die Vermischung von Elementen verschiedener Kulturen konstituieren. Kulturelle Grenzen und die Vorstellung homogener Nationalkulturen werden aufgehoben, indem einzelne Kulturen innerhalb einer Gemeinschaft verschmelzen. So lassen sich moderne Gesellschaften als strukturell heterogen und hybrid auffassen.“
Quelle IKUD Coaching Seminare


In einer schlüssigen, leichter verständlicheren Formel, hat das der Literat Johannes Urzidil gebracht, der über sein Leben in Prag sagt: „Ich bin hinternational“. Er lebte hinter den Nationen. Vordergründig gab es zwar die nationalkulturelle Trennung in Prag, dahinter waren jedoch auch grundlegende Gemeinsamkeiten. 


Mischen sich zwei bisher voneinander getrennte Systeme, spricht man von HYBRIDISIERUNG. Darin steckt die Gefahr, dass der Wissenschaftler, betrachtet er das prägende Gemeinsame, die vorausgesetzten bzw. gelebten Abgrenzungen übersieht. 


Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Konzept Interkulturalität noch nicht angemessen abgerundet entwickelt ist, um solch hochkomplexe gesellschaftliche bzw. historische Zusammenhänge zu erklären. 


Interkulturalität wurde in den 1970er Jahren als Begriff verwendet, um Konzepte für Konfliktlösungen zu diskutieren bzw. Kompetenzen für internationale Geschäftsbeziehungen zu entwickeln. Das kulturell Fremde sollte besser verstanden werden. 


Dabei kam eine moralische Konnotation ins Spiel. Der schwer fassbare Begriff Interkulturalität wird zudem durch seine Verwendung in ganz unterschiedlichen Wissenschaften mit einer Vielzahl von Ansätzen und Lösungswegen noch unklarer. 


Wo hört die eine Kultur auf, und wo fängt die nächste an? Nun spielt der Begriff der oder das Fremde hinein. Wissen wir um den Fremden, kennen wir die üblichen Denkmuster des Anderen, welche Erfahrungshorizonte erinnern wir und wie spielt das zurück auf die Identifizierung mit der eigenen Kultur? Und wo nisten sich Zwischenräume ein? 
Der Philosoph und Anthropologe Wolfgang Welsch formuliert es so: „Ohne Abgrenzung keine unterschiedlichen Kulturen und ohne diese keine Interkulturalität.“ 


Wissenschaftler der Universität Konstanz, die die kulturellen Grundlagen von Integration untersuchen, gehen davon aus, dass IDENTITÄT kein natürlicher Dauerzustand im Selbstbewusstsein sozialer Akteure ist. Für diese Wissenschaftler stellen sich Identitätsfragen entweder in kritischen Übergangsphasen (in denen wir uns wohl heute befinden/Anm. des Autors), in ruhigen Zeiten können sie jedoch auch latent sein.  Damit wird die Kategorie jedoch von wechselnden gesellschaftlichen Situationen abhängig.


Wenn wir Kulturen vergleichen, müssen wir dann nicht auf absolute Wertmaßstäbe verzichten, weil sie uns den Blick verstellen? Sollten wir nicht statt vom fixen Wissen über das Fremde unser Verhältnis dazu vom Nicht-Wissen her definieren? 


Die Autoren fassen es so zusammen: „In diesem Nichtwissen generiert Interkulturalität ihr grenzüberschreitendes Potenzial.“ 


Die Autoren weisen auf die definitorischen Schwierigkeiten beim Begriff Interkulturalität hin und führen das KONZEPT des HORIZONTs ein, in dem nicht von gegeneinander abgegrenzten Einheiten ausgegangen wird, sondern von grundsätzlicher Vielfalt.


Es ist ein RAUM-Modell. Instabile Einheiten, nur zeitweise gültige Grenzen, Vermischungen und Verschiebungen sind darin ebenso enthalten wie nationalkulturelle Hintergründe.


Fazit der Wissenschaftler: Dieses HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER DEUTSCHEN LÄNDER, erschienen bei J. B. Metzler, folgt keiner einzelnen Theorie der Inter- oder Transkulturalität, sie ist als eine Art Materialsammlung für künftige Forschung anzusehen.

 

Kapitel Literatur und Raum

 

Das HANDBUCH DER DEUTSCHEN LITERATUR PRAGS UND DER BÖHMISCHEN LÄNDER hat eine sehr übersichtliche Inhaltsstruktur. Es beginnt mit dem Vorwort und endet mit dem in der Wissenschaft üblichen Anhang, der aus den Lebensdaten ausgewählter Autoren der Böhmischen Länder, aus einem deutsch-tschechischen Ortsregister, den Lebensdaten der Autorinnen und Autoren sowie dem Personenregister besteht.


Das Handbuch wird in acht Kapiteln gegliedert. 


Nach dem Abschnitt Literatur- und Forschungsgeschichte einer Region, dem Kapitel über Theoriekonzepte und dem Allgemeinen Hintergrund (darin ein geschichtlicher Abriss der Böhmischen Länder, institutionelle Informationen über Verlage und Buchhandel, Geschichte der Ästhetik) folgt im vierten Kapitel ein Aufriss der literaturgeschichtlichen Epochen und im fünften Kapitel dann Themen und Motive der Literatur: Historischer Roman, historisches Drama, Essay, phantastische Literatur, Sagen und Legenden, Mundartliteratur sowie Übersetzungen sind die einzelnen konkreten Textsorten, die im Kapitel Sechs zusammengefasst sind. 


Im siebten Schlussabschnitt zieht Peter Demetz, der renommierte amerikanische Germanist und Autor literaturwissenschaftlicher Werke deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft eine Bilanz.
Das Theoriekapitel wird abgeschlossen mit zwei Texten zu Konzepten des Raumes und Raumkonzepten der Region. Dabei sind sich die Verfasser im Klaren darüber, dass es bisher keine passgenauen Raumkonzepte für die böhmischen Länder gibt. 


In Prag und Brünn bildeten sich von den Autoren so genannte „Knotenpunkte“ der Literatur, es geht um die Vielfalt in den Kulturräumen Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien. Es wird auch das in der Politikwissenschaft und Soziologie angewandte Theoriemodell von Zentrum und Peripherie erwähnt. 


Auch das Raumkonzept von Henri Lefebre, dem französischen Philosophen und Soziologen, wird zitiert, der davon ausgeht, dass jede Gesellschaft einen ihr eigenen Raum produziert, der sich auf drei Ebenen abspielt.


Die erste Ebene bedeutet, die Wahrnehmung, also was wir erleben, benutzen, produzieren und reproduzieren. Auf Ebene Zwei gibt es den Raum des Wissens, der Zeichen und der Codes. Auf der dritten Ebene geht es um Imagination, welche Bilder und Symbole stellen wir her. 
Im weiteren Verlauf des Textes behandeln die beiden Autoren Manfred Weinberg und Irina Wutsdorff den Raumgedanken in Philosophie, im Strukturalismus und in den Kulturwissenschaften sowie weitere Ansätze, den Raum mythisch, ästhetisch oder theoretisch zu begreifen. 
Insofern schließt sich direkt daran an, was die Autoren Raumkonzepte der Region nennen, weil es ja eben auch um die geographischen Aspekte geht, um das Verhältnis der nationalen Gemeinschaften in den Böhmischen Ländern sowie um die Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften. 


Dieses Kapitel hilft, theoretische Überlegungen zur Einordnung der Literatur zu entwickeln, wenngleich die Autoren zugeben, dass alle Ansätze erst in den Anfängen befindlich sind, es also an theoretischem Handwerkszeug noch fehlt. Das ist den Autoren nicht anzulasten. Es hat eben sehr, sehr lange gedauert, bis der Blick ins Nachbarland Tschechien durch Grenzzäune hindurch und über sie hinweg freier war, um sich gegenseitig besser wahrzunehmen. Und auch dieser Prozess steckt erst in den Anfängen. In diesem Handbuch stehen allerhand Handlungsanleitungen dafür, es muss nur genutzt werden.  

 

Geschichte der Böhmischen Länder

 

 

Wann beginnt die Geschichte eines Landes? Ganz sicher vor der eigentlichen Geschichtsschreibung, die später einsetzt, weil es an den Vermittlungsmöglichkeiten mangelte und nur in der Erzählung die Weitergabe lag. Von den Anfängen wissen wir also wenig bis nichts, obwohl die Wissenschaft forscht, insbesondere die Archäologie, die nach den Anfängen der Geschichte buchstäblich gräbt. Weil es eben keine frühe Geschichtsschreibung gibt, bleibt die „früheste Kindheit der Geschichte“, so sagt es Clemens von Brentano „stumm“.
Wann beginnt der Übergang vom Mythos zur realen Geschichte? Vom Erzählten zum Faktischen? 


Im Falle Böhmens gehen wir von den Gründungssagen vom Stammvater Čeck oder Boemus aus. Historisch verbürgt, so steht es im Handbuch, ist jedoch nur die Dynastie der Přemysliden, einem Herrschergeschlecht, das bis 1300 an der Macht war. 


Nach dem Aussterben dieser Dynastie waren die Luxemburger mit König Johan Inhaber der Krone. Karl IV. war es dann, der durch die Gründung der ersten Universität nördlich der Alpen Prag zum europäischen Zentrum machte.


So bildete sich eine Epoche heraus, die zwischen der mittelalterlichen Tradition und dem Früh-Humanismus stand. 


Wissenschaftliche Wahrheiten und deren Verbreitung entwickeln sich zu jener Zeit im Gegensatz zum Denken in der Kirche, die Verweltlichung beginnt, und so ist es Jan Hus, der mit der Einführung des weltlichen Kelches, des so genannten Laienkelches, ein Jahrhundert (!) vor Martin Luther den Bruch mit den Lehren der Katholischen Kirche markiert. 
Nach dem Dreißigjährigen Krieg wird Böhmen in den habsburgischen Machtbereich integriert, das Denken wird rekatholisiert, die Eliten des Protestantismus vertrieben, die Böhmischen Länder werden zum Erbkönigreich der Habsburger ernannt. Der moderne Staat entsteht mit zentraler Verwaltung, der Ausdifferenzierung des Rechtsstaates und einer vom Staat gelenkten Wirtschaft. 


1784 wird Deutsch als Amtssprache verordnet, am Wiener Hof wird das Tschechische nämlich als „unfertige Sprache“ gesehen, das deutsch Geprägte überlagert den realen Sprachgebrauch des Tschechischen und marginalisiert es auf diese Art und Weise. 


„Unter dem Druck der französischen Revolution verstärkt sich die innere Repressionspolitik.“ 


Die Zeitungen werden zensiert, Buchhandlungen und das Schulwesen überwacht. Der Volksmund macht sich darüber lustig, indem er von den vier Armeen des Kaisers berichtet. Das „stehende Heer der Soldaten“, das „sitzende Heer der Bürokraten“ das „kniende der Geistlichen“ und das „schleichende der Denunzianten“.


Von der französischen Revolution und den Befreiungskriegen her beeinflusst, entsteht ein nationales Denken, die moderne tschechische Schriftsprache entsteht, die jedoch einen niedrigeren sozialen Status hat als das Deutsche im Vergleich. Es entstehen zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Kultursysteme. 


Die Tschechen fordern den so genannten „Trialismus“, die gleichberechtigte Vertretung von Deutschen, Ungarn und Slawen. Desintegrative und konfrontative Entwicklungen fördern das Trennende im deutsch-tschechischen Verhältnis. 
Auf die Gündung des tschechischen Nationaltheaters folgt die Eröffnung des Neuen deutschen Theaters, die deutsche Wissenschaftsgesellschaft wird konterkariert durch die Gründung der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. 


Die Auseinandersetzungen radikalisieren sich. Sprachverodnungen führen zu Widerstandsbewegungen, die auch gegen deutsche Geschäfte in Prag gewalttätig werden. Und Egon Erwin Kisch konstatiert: „Kein Deutscher erschien jemals im tschechischen Bürgerclub, kein Tscheche im deutschen Kasino.“ Und die jüdische Gemeinschaft steht dazwischen. Nach 1860 etabliert sich jedoch nach und nach eine moderne national argumentierende Kultur, die in der Musik durch die Komponisten Smetana, Dvořák und Janáček vertreten ist und weltweit Beachtung und Anerkennung findet. 


Historische Figuren, Narrative, Mythen und geschichtliche Ereignisse werden in das Zentrum der Kulturschaffenden gerückt. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges wirken monarchistische Tendenzen und die deutsch-tschechische Konkurrenz in Kultur und Bildung noch nach, nach dem Ausruf der tschechischen Republik 1918 entsteht der Nationalitäten-Staat. 


Zwischen 1938 und 1945 wird mit der Besetzung der Sudetengebiete durch Hitler und durch das Protektorat Böhmen-Mähren der tschechoslowakischen Staatlichkeit „durch Gewalt von außen“ ein „Ende gesetzt“. 


Es entsteht ein explosives kulturpolitisches Gemisch aus „Einschüchterung, Vereinnahmung, Rivalität und Kollaboration“, in dem sich aber auch Nischen der Eigenständigkeit und versteckter Widerstand entwickeln. 


Die Judenvernichtung erreicht ihren Höhepunkt in der Errichtung des Ghettos Theresienstadt. 


Nach Kriegsende werden drei Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Die Vertreibung führt zu einem Ende des jahrhundertelangen deutschen und tschechischen Zusammenlebens.

 

 

 

 

Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg) Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder