Biographien und Tagebücher

Hier finden Sie das Leben der Anderen in Biographien und Tagebüchern

Biden oder Trump?

Wer ist Joe Biden, und wenn ja, wie viele? Joe sagt gern etwas. Und wenn, dann sehr viel! Seine Reden sind lang. Aber wenn Biden aufgefordert wird, sich kurz zu fassen, „nicht übermäßig viel zu reden“, ist er auch in der Lage, mit einem knappen „Ja“ zu antworten und dann zu schweigen: Joe Biden hat also mindestens zwei Seiten. Eine Kurz- und eine Langfassung.

 

Kennen wir Joe Biden? Im United States Senate Committee on Foreign Relations war er zuletzt Vorsitzender und damit Jahre lang einer der profiliertesten Außenpolitiker des amerikanischen Kongresses. Daher kennt Biden Gott und die Welt, in allen möglichen und unmöglichen Ländern, völlig gleich, ob es Konservative sind oder Sozialdemokraten, Demokraten oder Diktatoren. Aber kennen wir ihn? Noch nicht sehr gut. Der US-Journalist Evan Osnos, Redakteur beim Magazin THE NEW YORKER, stellt ihn uns vor.

 

Osnos beschreibt Obama als Technokraten und Biden dagegen als cleveren Instinktpolitiker, der menschliche Nähe sucht und es zuweilen mit liebevollen Berührungen übertreibt, ohne jedoch tiefer in die gefährliche Mee-too-Debatte zu geraten.

 

Bidens Vizepräsidentschaft unter Obama beschreibt der Autor als reine Vernunftehe. Während Obama die Verehrung gegenüber seiner Person relativ gleichgültig ist, sucht Biden „nach jeder Hand, jeder Schulter, jedem Kopf“.

 

Den Teleprompter mag er nicht, denn das bloße Vorlesen fällt ihm schwer. Biden hatte als Stotterer Sprachprobleme. So formuliert er gerne frei. Lässt Redemanuskripte links liegen und erlaubt sich in Wahlreden verbale Schnitzer, die in Wahlkampfstäben als „Joe-Bomben“ tituliert werden.

 

So übt Obama sich in Vorsicht: “Ich will ihren Standpunkt hören, Joe. Nur will ich ihn in zehnminütigen Ausführungen hören, nicht in sechzigminütigen.“

 

Biden hat ein Feeling für gesellschaftliche Veränderungen, liebt Ray-Ban-Pilotenbrillen, hat lockere Sprüche drauf, ist Liebling des Establishments, genießt das Bad in der Menge. John Kerry bescheinigt ihm: „Er ist ein Politiker, der ständig Tuchfühlung sucht, und es ist alles echt. Nichts davon ist aufgesetzt.“

So kann es aber auch sein, dass manche Biden als schlicht blöd oder kauzig ansehen. Und auch Frauen ihm ungebetene Zuneigungsbekundungen unterstellen. Biden versprach nach öffentlichen Angriffen, künftig die „persönliche Distanzzone zu respektieren.“

Putin gegenüber soll er nach eigenen Aussagen allerdings Auge in Auge gesagt haben, “Herr Ministerpräsident, ich schaue Ihnen in die Augen, und ich glaube nicht, dass Sie eine Seele haben.“

 

Osnos schildert Bidens außenpolitisches Handwerkszeug, deutet seine politischen Positionen, interpretiert seine Gespräche, begründet mit Zitaten, liefert auch das Hinter-den-Kulissen-Geraune, hat viele intensive Gespräche mit Biden und Obama geführt, aus denen er seine Details der Schilderung schöpft.

 

Während Bidens Konkurrentin Hillary Clinton die Truppenaufstockung in Afghanistan, einen Einsatz zum Sturz Gaddafis und das Kommandounternehmen gegen bin Laden unterstützte, sprach Biden sich gegen alle drei Vorhaben aus.

Wird Biden auf sein Alter angesprochen, entgegnet er: „Schaut mich an. Entscheidet selbst.“ Dass er früh Frau und Kind bei einem Autounfall verlor und später sein Sohn im Alter von 46 Jahren an einem bösartigen Hirntumor verstarb, bewältigte er mit Selbstfindungssprüchen: „Wir Bidens haben eine starke Persönlichkeit, und wir leben eng beieinander.“

 

So ist auch zu erklären, dass mehrere Wahlkampagnen, persönliche Schicksalsschläge, Angriffe wegen seines damals drogenabhängigen Sohnes, der Tatsache, der ewige Zweite zu sein, ihn nicht davon abhielten, als demokratischer Kandidat nach dem Verzicht von Bernie Sanders energisch in sein vorerst letztes Präsidentschaftsrennen zu gehen.

 

Er tat das unter den schwierigsten Corona-Bedingungen des „social distancing“ und gegen einen ständig spaltend-polternden Zwitscher-Präsidenten Donald Trump. Biden dagegen vermeidet jegliches Lagerdenken und will auch nicht den neusten „Twitterkrieg“ gewinnen. Die Vereinigten Staaten könnten „ohne Konsens nicht funktionieren.“

Im Falle des Wahlsieges sieht der Autor die generellen Themen China, Klimawandel, künstliche Intelligenz auf den möglichen Präsidenten Biden zukommen. Er führt das aber nicht näher und detaillierter aus.

In dem ersten deutschsprachigen Buch über den Herausforderer Donald Trump vermeidet Osnos in seinem farbigen, opulent zitatgefütterten Personenporträt mögliche Zukunftsszenarien und deren Deutungsmuster über die zerrissene Nation der USA.

 

Osnos personalisiert und psychologisiert in seiner Personenstudie über die zwei divergenten Stränge in Bidens Biographie: Einerseits die Mythen, auf denen die Politik seiner Verantwortung fußt und auf Bidens persönlichen Erfahrungen mit den Unglücken und tragischen Geschehnissen in seiner Familie.

 

Biden rechnet also immer mit dem Schlimmsten, zum Beispiel dass Trump sich nach der Wahl einfach im Lincoln-Schlafzimmer ans Bett ketten lässt, wie Mitarbeiter verlauten lassen, und sich weigert, das Weiße Haus zu verlassen. Na, man wird sehen, wer dort künftig liegen wird.

 

Evan Osnos Joe Biden Ein Porträt SUHRKAMP

Meister der Dämmerung: Peter Handke

Handke und die Metamorphosen – Handke als Wanderer auf dem Weg – Handke als ständiger Wort-Verwandlungskünstler. Viele verschiedene AN-Sichten von und über Nobelpreisträger Peter Handke in diesem biographischen Buch von Malte Herwig:


Malte Herwig Meister der Dämmerung. Peter Handke. Eine Biographie. Aktualisierte und erweiterte Ausgabe PANTHEON


Handke über sich selbst: Würde er seine Autobiographie schreiben, hieße sie: Betrachtungen meiner Irrtümer. Und was sind Handkes Irrtümer? Ach, drehen wir doch erst einmal den Spieß um. Die Öffentlichkeit ist es, die etwas verwechselt. Handkes Worte – etwa zu Jugoslawien - sind seiner Auffassung nach keine politischen Statements, er begreift sie als Literatur. Und das versteht die Öffentlichkeit wiederum nicht. Es ist halt auch so: Wer Publikum beschimpft, muss mit seiner „Rückhand“ rechnen. 


Wenn Handke dichtet, schreibt, steigt er ins Bergwerk der Bilder und Sätze. 


Was bewegt ihn, setzt ihn in Bewegung? Die Themen: Krieg, Nationalsozialismus, Slowenien, mit der Mutter gegen die Väter – ein leiblicher und ein anderer, genannt Stiefvater, mit dem er brieflich auf die Entfernung kommuniziert. Das Vater-Sohn-Verhältnis für Handke „…eine Grundfrage der menschlichen Existenz“. Das alles beeinflusst sein Erzählen und noch vieles mehr.


Die Wirklichkeit wird durch sein Schreiben neu erschaffen. Sich findend, durch Erzählung und durch Wege, die zu gehen sind.  „Eine glückliche Kindheit verbringe ich erst in der Erinnerung“. Er fragt: „Mama, was ist ein Buchstabe?“ 

 
Handke hängt an Deutschland – sein Vater war Deutscher. Er liebt Slowenien und dessen Sprache. Dort ist er aufgewachsen. Österreich beansprucht ihn und will ihn aus Frankreich heimholen. Handke empfindet das eher als Heimsuchung. 


Handke liebt das Abseits, er liebt Schwellenorte, Peripherie, Randzonen der Großstädte. Deshalb lebt er im Vorort Chaville bei Paris.
Von Meinungen hält er nicht viel, sie haben für ihn eine tödliche Mechanik, denn Handke hat ein Ziel. Er stellt sich außerhalb des Bewusstseins, der Meinungen, der Vorstellung der anderen. Dort ist der Ort, wo er leben will.  Wenn er sich selbst beim Meinen ertappt, beginnt er den Kampf gegen sich selbst. 


Handke ist Musterschüler, was sonst? Der Lehrer bescheinigt ihm, ein kluger Fragensteller zu sein und stellt ihm in Aussicht, mit 50 ein Nobelpreisträger zu sein. Na bitte, etwas später hat es ja geklappt. 
Das Schreiben ist für ihn nicht nur Begabung oder Intuition, sondern auch eine Sache des beharrlichen Willens.

 
Im Internat ist er vernichtet worden. Seine Erzieher sind die Autoren, die Bücher, schreibt Malte Herwig.


Die Menschenscheu wird er nie ganz verlieren. Die Lebensbeschreibung des Nobelpreisträgers geht so nach den Worten seines Biographen: Die Schriftstellerrolle macht es Handke möglich zu balancieren: zwischen Einsamkeit und gesellig sein, zwischen Fanatismus und Gelassenheit, zwischen Kunst und Leben und ich würde hinzufügen zwischen Wirklichkeit und Literatur. 


Handke hält es mit Kafka, denn dieser schreibt, um zu sein. 
Schreiben ist Kampf mit sich selbst, die entscheidenden Ereignisse finden in der Innenwelt statt.


Der Beat der Zeit löst Handke die Zunge. Als Gymnasiast besucht er Bälle, geht leidenschaftlich gerne – auch später noch – ins Kino, wird zum „lonesome Cowboy“, sein Notizbuch dabei der Colt. Er lernt italienisch sprechen und Klavier spielen. 


Freunde bescheinigen Handke auf der einen Seite Schüchternheit, auf die andere „aggressive Verschmitztheit (Alfred Kolleritsch). Handke neigt zu Panikattacken und überreizten Nerven, notiert sein Biograph. Schon das Rascheln von Zigarettenpapier kann ihn kribbelig machen.
Herwig lässt die Lebensstationen farbig und detailgenau Revue passieren, indem er nicht seine eigene Vorstellungskraft strapaziert, sondern seine Handke-Darstellung entlockt Erkenntnisse aus dem Werk, aus der Literatur, aus den Sätzen, den Gedanken, den Geistesblitzen, aus den Gesprächen mit ihm und auch mit den Zeitzeugen und Freunden. Sein vertrautes Verhältnis zu seinem „Gegenstand“ strapaziert er nicht allzu oft. Sehr klug und überzeugend. 


Handke bescheinigt bei dem berühmten Treffen der Gruppe 47 den dort versammelten Poeten „Beschreibungsimpotenz“, feiert mit „Publikumsbeschimpfung“ Theatertriumphe (Beschimpfen ist kein Spiel, es ist die Wirklichkeit), wird in die Heldengalerie der Suhrkamp-Autoren aufgenommen. Der Pop-Poet liebt Beatles-Songs und Canned Head, besucht ein Rolling-Stones-Konzert, steht am Flipperautomaten und bekommt als jüngster Preisträger den Büchner-Preis. Später gibt er ihn protesthalber zurück.  


„Auf der Straße ging ich wie ausgesetzt.“ 


Angst ist sein Antrieb, die Panikattacken versetzen ihn in einen rauschhaften Zustand, seine Wahrnehmungsfähigkeit wird gesteigert. Er kann dann aber auch jähzornig, aufbrausend sein. Er braucht die Einsamkeit und leidet zugleich an ihr. „Gehe Autor, und auch deine Geschichte geht weiter.“ Schreiben gleicht einem Luftholen. „Sitzt du an einem Buch?“, fragt sich der Tagebuchschreiber Handke. „Nein, ich gehe.“


„Was ich zu sagen habe, steht in meinen Büchern“, schnauzt er journalistische Fragesteller an. „Von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendwas von mir gelesen hat.“
Journalisten „halt Gesindel“.  


Handke lebt nach seinem Gesetz des Schreibens, das er über alle persönlichen Beziehungen und auch Konventionen der Gesellschaft stellt. 


Der ehemalige Hanser-Verleger und langjährige Handke-Freund Michael Krüger diagnostiziert ein Lebensproblem: Handke möchte alleine sein, um seine Arbeit zu tun, braucht aber auch andere Leute. 
„Tausend Seiten Einsamkeit“, notiert Herwig. 


Zugleich kann Handke Schriftstellerkollegen verbal vernichten, wenn er vollkommen ausrastet: „Hätte ich nicht meinen Fanatismus der Sprache, ich wäre auch ein Amokläufer geworden.“ Einen FAZ-Journalisten verprügelt Handke. 


Da holt sich nach Handke der eine Autor Details am Computer zusammen, um zu schreiben, der nächste formuliert „Scheißhausliteratur“, eine Nobelpreisträgerin ist „kunstgewerblich unterwegs“, Geschwafel, Zeitungssätze, Handke kritisiert seine Kollegen durchaus mit Vernichtungswillen. 


In seinem Haus in Chaville, südwestlich vor Paris gelegen, flickt er seine Hemden, sammelt er Pilze, wandert er im Wald, knackt Nüsse und kocht sich und anderen eine Pilzsuppe. 


Die Texte zum Jugoslawienkrieg, seine Rede am Grab Slobodan Miloševićs, den Besuch bei Karadžić und die umfangreiche Diskussion dazu, auch wieder anlässlich der Verleihung des Nobelpreises lässt Herwig nicht aus, Handke bedauert am Ende seine Interview-Äußerungen zu Srebrenica. 


Handke befreit sich am „Pfahl des eigenen Ichs“ von quälender Unsicherheit, Reizbarkeit und Nervosität. Es ist wie eine Überlebensstrategie. Sein Schreiben ist kein Ausdruck von Persönlichkeit, sondern Ausflucht von Persönlichkeit.

 
Malte Herwig gelingt auch mit den aktuellen Ergänzungen das intensive, tiefgehende, auch psychologische Porträt eines einzigartigen Literaten. Die familienhistorischen Hintergründe, die jungen Entwicklungen eines Ausnahmeschülers, die rasante Karriere eines Pop-Poeten, die umstrittenen politischen Wirkungen des Autors, die Entwicklung zum Nobelpreisträger, das alles ergibt ein breites, gelungenes, farbiges und tiefschürfendes Personen-Panorama. Das dramatische Werk Handkes kommt allerdings zu kurz. Dafür entschädigt die Schreibkunst des Biographen, der dem schwierigen Handke emphatisch auf die Pelle rückt. 


Der Anhang des Buches hat eine Zeittafel, eine Auswahlbibliographie ausführliche Bildnachweise, auch ist es reich mit privaten Schwarzweiß-Fotos illustriert. Leider fehlt ein Werkverzeichnis Handkes. 


 

„Der Kampf gegen mich selber ist der große Kampf“. Peter Handke

 

Malte Herwig, geboren 1972 in Kassel, studierte Literatur, Geschichte und Politik in Mainz, Harvard und Oxford, wo er 2002 mit einer Arbeit über Thomas Mann promovierte. Für sein Buch über Thomas Mann, Bildungsbürger auf Abwegen, erhielt er 2004 den erstmals gestifteten Thomas-Mann-Förderpreis. 2010 erschien Meister der Dämmerung, eine Biographie Peter Handkes. 2013 folgte Die Flakhelfer: Wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden und 2015 Die Frau, die Nein sagt: Rebellin, Muse, Malerin - Françoise Gilot über ihr Leben mit und ohne Picasso. Malte Herwig lebt als Autor und Journalist in Hamburg.


Malte Herwig Meister der Dämmerung Peter Handke Eine Biographie 

(Aktualisierte und erweiterte Ausgabe PANTHEON 2020)

 

Pressestimmen

 

„Herwig weiß, den gewaltigen Stoff spannend zu bündeln, und formuliert glänzend“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

„In der nun vorliegenden aktualisierten Ausgabe seiner Handke-Biographie „Meister der Dämmerung“ zeichnet Malte Herwig erneut ein differenziertes Bild des Nobelpreisträgers, das weder ketzerisch ist, noch bloße Ehrerbietung. Es ist ein kluges Spiel der Fragen, zurückhaltend und von adäquater Sensibilität.“ (Welt kompakt)

ZITAT aus der Biographie

 

„When I think of all the good times that I’ve wasted having good times“ Eric Burdon


 

Mehr Informationen zu Peter Handke Handke online

 

https://handkeonline.onb.ac.at/node/1577

Hörfunkinterview Peter Handke                         hr 2 Doppelkopf

Zwei Rabauken auf der Leinwand

Der eine hieß Heinrich George, war bodenständiger Kraftklotz. Der andere, sein Sohn, hieß Götz George und war ebenso ein Muskelprotz. Der eine in der Diktatur, der nachfolgende in der Demokratie. Beide waren sie Lieblinge des Publikums und Schauspieler durch und durch. 

Als Rumpelstilzchen probte Heinrich George in den Theaterkulissen schon als herumhüpfendes Kleinkind sein Talent, gab als „irrlichternder Irrwisch“ Kostproben seiner Theaterleidenschaft und verdiente sich mit Geige, Laute und als Bänkelsänger ein paar Groschen dazu.


Schon früh erprobte er auch sein Machtorgan, die Stimme, nach Hans-Hartz-Manier und sang dem Sturm und Ozean Lieder entgegen, denn er wollte spielen, spielen, spielen. Vor allem laut und eindringlich.  

Heinrich George, breiter Schädel, körperliche Fülle, machte die Theaterbühne oder Leinwand breit, bevor es Cinemascope gab. Und „breit“ war er auch, wenn er dem Alkohol fröhnte und sich lebensfüllige Eskapaden leistete. 

 
George, ein Bürger- und Mädchenschreck, dem Zuckmayer schon früh im Feuilleton Genialität zusprach. Sein Biograph Thomas Medicus bringt es auf den Punkt: George hatte dunkle Seiten, das Pathologische, Triebhafte, Affektive, Unberechenbare, Tierische, das Dionysische steckte in ihm, und er brachte es temperamentvoll geladen auf die Bretter, die nichts weniger als die Welt bedeuteten. Ein Kraftprotz und Haudrauf mit Herz und Schnauzbart, der auch schon mal „nackert“ auf dem Tisch Geige spielt: „Seine Kunst war die Maske der Maskenlosigkeit.“

Seine Paraderolle: Götz von Berlichingen („Götz“ musste dann auch diesen Vornamen tragen) und Joachim Nettelbeck im Film „Kolberg“, der Lasst uns Durchhalten und-Überleben-Film im Hitlerdeutschland. Heinrich verstand es, zu antichambrieren, war anpassungsfähig. 

“Hitler-Junge Quex“ war Georges erster Kniefall im Nazireich und speziell Göbbels gegenüber, der den Film als grandioses Propagandainstrument entdeckte. 


George war einerseits der Repräsentant der Hochkultur, zum Beispiel im Schillertheater, und andererseits das vitale Sinnbild für die Populärkultur des Films, um damit die Seele des Volkes und die Herzen der Menschen zu erreichen (Joseph Göbbels).


Die Abschluss-Rechnung wurde nach dem Krieg gemacht. Am 14. Mai 1945 wird George in seinem Haus von sowjetischen Soldaten festgesetzt, verhört und als Verdächtiger ins Speziallager Hohenschönhausen und dann nach Sachsenhausen verschleppt. Deutschland sollte entnazifiziert werde. Vater George stirbt im Lager an den Folgen einer Blinddarmoperation, an Lungenentzündung und Herzschwäche.  


Derweil hatte Sohn Götze als aufgeweckter Junge die Nachkriegslektion schon intus. Zigaretten sind jetzt Währung, Kohlen und Essbares zu besorgen, das war sein Tagesgeschäft. Götz Lebensrolle: Er wurde Straßenjunge. 

 

Götz George tritt als Schauspieler in die großen Fußstapfen seines übergroßen Vaters und wird sich zeitlebens zweifelnd fragen: „War ich so gut wie Heinrich?“


Ob Filmaufnahmen oder Sprach-Schallplatten, Sohn George betrachtet und lernt, wie sich der Vater stimmlich, mimisch, gestisch, körperlich-physiognomisch präsentiert. “Die in einem starken männlichen Körper steckende zarte Seele sollte ihn berühmt machen“, schreibt Marcus einfühlsam über Götz. 


Aber auch Georges Körperlichkeit findet ihren Ausdruck. Seine Stunts führt George fortan immer selbst aus, nachdem er sie bei einem befreundeten Stuntman gelernt und geübt hat. 
„Götz George war ein ehrgeiziger Schauspieler zwischen den Stühlen, dessen Talent erkannt, aber nicht so verlangt war, wie er sich das wünschte.“ 


Erst nach und nach erobert George sich die wichtigen seriösen Rollen, die ihm immer mehr Gewicht geben und er damit aus dem Schatten des Vaters treten kann. 


Ob als Lagerkommandant Höss oder als Massenmörder Haarmann, ob im Film „Abwärts“ oder in „Schtonk“, Götz George reift von Film zu Film. Mit seiner Paraderolle als Kommissar Schimanski im TATORT spielt er sich als Rabauke in die Herzen der deutschen Fernsehzuschauer, als eine Art „Naturgewalt“, mit „körperbetonter Ausdrucksweise“, ein „kraftstrotzendes Erscheinungsbild“, mit vom Vater vererbter „Körperwucht“, so dass die ZEIT vom „Deutschlandkörper“ spricht.  

Götze Gorge, der sich selbst „schüchtern“ nennt, sucht zeitlebens als Abgrenzung zu seinem übermächtigen Vater nach Anerkennung in der Öffentlichkeit und eigenem Profil. Aber öffentliches Eigentum zu sein, da weigerte sich der Star von Film und Fernsehen. Sein Biograph Medicus gibt ihm in diesem Buch die Anerkennung in deutlicher Schilderung und Einfühlsamkeit, die in dem Satz gipfelt: Einen „Deutschlandkörper“ wie ihn wird es nicht mehr geben. Diese einzelne Behauptung ist vielleicht etwas voreilig. 

 

Thomas Medicus, geboren 1953, schrieb u.a. für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und war stellvertretender Feuilletonchef der „Frankfurter Rundschau“, auch arbeitete er viele Jahre für das Hamburger Institut für Sozialforschung. Heute lebt Thomas Medicus als freier Publizist in Berlin. 

 

Thomas Medicus Heinrich und Götz George Zwei Leben Rowohlt Berlin

Kissinger - Wächter des Imperiums

Soll man ihn als politisches Genie einstufen, als genialen Karrieristen, als Weltenlenker, Visionär, Stratege, als Medien-Superman, der „Türöffner“ nach China war, Friedensstifter in Vietnam und Berater zahlreicher amerikanischer Präsidenten? Seine Markenzeichen Virtuosität, Brillianz und Kreativität, Charme, Witz und Zugewandtheit, „Henry, the Kraut“, the Womanizer und Partyboy, („Je größer die Krise, desto lang-beiniger die Frauen an Kissingers Seite“), der aus dem Hut zauberte, was jeweils gefragt war. 


Oder soll man ihn unnahbar, kleinmütig, misstrauisch, unsicher, hinterhältig, ehr- und habsüchtig, als Chamäleon, Kriecher, schleimigen Höfling und Mann bezeichnen, „der lügt, wie andere Leute atmen“? All diese Bezeichnungen zählt Biograph Greiner auf, und im Laufe des Buches wird immer deutlicher, was für ein Mann dieser Kissinger ist, einfach ein Machtmensch, und der - wie so oft bei kleinen Männern - die Größe buchstäblich suchte. 


Kissinger war ein US-Außenminister, der die Klaviatur der Machtausübung, der geheimen Diplomatie und des Kleinbeigebens bravourös beherrschte. Auf der einen Seite in der Politik, zu drohen, zu erpressen, zu bombardieren, auf der anderen Seite den klugen berechnenden Diplomaten spielen, der auf internationalem Parkett die Konflikte aus der Welt schafft und zugleich attraktiver Partymensch in der Damenwelt sein konnte. 


Skrupellosigkeit war wohl eine seiner dominierenden Charaktereigenschaften. „Ein Irrer mit einer Handgranate in der Hand hat eine deutlich überlegene Verhandlungsposition.“ So war es nicht verwunderlich, dass Kissinger begrenzte Atomkriege mittels taktischer Atomwaffen als Option in seinem theoretischen politischen Waffenarsenal für nötig und möglich hielt. 


Kissinger, in Fürth geboren, emigrierte in die Vereinigten Staaten, Hitlers Naziterror hatte 30 Menschen aus Kissingers Verwandtschaft in den Tod geschickt. 


Greiner schildert uns auch den Menschen Henry sehr facettenreich, der gerne in historischen Büchern schmökerte, in Harvard mit Ausdauer, Konzentration und Disziplin studierte, um in die Elitezirkel aufzusteigen. Sein Motto: „Aber ein Anführer muss so handeln, als wären seine Ansprüche bereits Realität.“


Sein politisches Credo lebenslang: Die USA müssen wirtschaftlich und militärisch eine Übermacht darstellen, nur so bleibt die Welt im Gleichgewicht, Kriegsrisiken sind einzugehen, sonst werden die Großen in der Welt zu aggressiv, Diplomatie dient nur dazu, die politischen Gewaltmittel wie politische oder militärische Erpressung feinzujustieren.
Entspannungspolitiker wie Brandt oder Bahr waren für den Weltdiplomaten politische Weicheier. „Wir müssen das [ein Berlin-Abkommen] vermasseln.“ 


„Mut zum Krieg ist nicht alles, aber ohne den Mut zum Krieg ist alles nichts.“ Auf Deutschland bezogen lautete dann sein Petitum: Totaler Krieg für Berlin? „Ja - als letztes Mittel, wenn die Freiheit Berlins nicht anders zu verteidigen ist.“


Kennedy hielt Kissinger fern vom Oval Office, bei Nixon saß er auf dessen Schoß. Kissinger beherrschte die Kunst, die vielseitigen Angriffe gegen ihn erfolgreich abzuwehren, und zwar besonders dann, wenn sie sehr berechtigt waren. Als Redenschreiber zu akademisch, als Berater auch die Seiten wechselnd, „Tricky Kissinger“ gab sich geschmeidig um der Karriere willen, er strebte skrupellos nach Ämtern, wo es nur ging. 
Er drangsalierte seine Miterbeiter, Brüllerei, Türen und Gegenstände schmeißen waren gang und gäbe, aber er lockte sie auch mit Theaterkarten, Blumensträußen und Überraschungen. Er wollte Ja-Sager um sich herumhaben. Kontrahenten wurden ins Abseits gestellt: Sein Motto, andere erniedrigen, um sich selbst größer zu machen. Wie bei Trump verließen viele ihren Arbeitsplatz.  


Der Vietnamkrieg, war das alles beherrschende Thema. Für Nixon wie Kissinger war klar: „…wir werden Nordvietnam wegputzen. […] Ich sag’ es noch einmal: Wir können den Krieg nicht verlieren ...Wir werden den gottverdammten Norden bombardieren, wie er noch nie bombardiert worden ist. […] Lasst dieses Land in Flammen aufgehen. […] Es gibt keine Obergrenzen – abgesehen von Atomwaffen. […] Es gibt keine Obergrenzen, das gibt es nicht mehr.“ 


In den 1970er Jahren besuchte Kissinger seine Geburtsstadt Fürth, ich hielt ihm als junger Reporter im Besucherkonvoi frech das Mikrofon vor die Nase und fragte nach dem Ausgang des Vietnamkrieges, keine Antwort, eine Antwort auf die Frage, ob sein Lieblingsverein Spielvereinigung Fürth das letzte Spiel verloren hat, blieb er mir nicht schuldig. Zusatzfragen waren nicht möglich, seine Sicherheitsleute rempelten mich außer Sichtweite und drängten mich ins Abseits. Eine gelbe Karte wäre es wert gewesen. 

  
Die Vietnam-Diplomatie, die Nixon-Tonbänder, die kriminelle Einbruchspolitik „Watergate“, das alles ist nachzulesen in dem sehr genauen biographischen Opus Magnum von Bernd Greiner, dass sich trotz des Volumens sehr spannend lesen lässt und viele Originalquellen zitiert.


Besonders spannend die deutschlandpolitischen Bezüge der Kissinger-Biographie, der Bahr für eine „hinterhältige Echse“ und Brandt für einen versoffenen „Trottel“ hielt. 


Vor allem das Nixon-Kissinger-Verhältnis ist einfühlsam und belegstark interpretiert. Die Hintergründe des Watergate-Skandals werden minutiös ausgeleuchtet. Auch das „Leben danach“ von Henry Kissinger findet eine ausreichende Würdigung. Der Memoirenschreiber, der Überall-Berater, der Pressekontakter, der Geldeintreiber und Witze- und Wortemacher, der Kontrollfreak, der Bratwurstliebhaber, Fußballfan, Redenhalter. Das alles war Kissinger in einer Person. 


Eine sehr faktenreiche, überzeugende, schonungslose Biographie, die man in zwei Zitaten aus dem Buch zusammenfassen kann, der private Mensch Kissinger war so: “Er könnte bei einer Dinner-Party direkt am Notausgang sitzen“, so eine Journalistin, „und stünde dennoch im Mittelpunkt.“


Und der Politische: „Für die einen war er deshalb unwiderstehlich, für andere unausstehlich und für alle unvermeidlich.“

 

Bernd Greiner ist Gründungsdirektor und Mitarbeiter des „Berliner Kollegs Kalter Krieg“. Er lehrte Außereuropäische Geschichte an der Universität Hamburg und leitete bis 2014 den Arbeitsbereich „Geschichte und Theorie der Gewalt“ am Hamburger Institut für Sozialforschung.

 

Pressestimmen
"Es ist viel mehr als eine exzellente Biografie, es bietet eine Darstellung der Grundzüge und Idiotien amerikanischer Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, sinnfällig gemacht anhand des Gespanns Nixon und Kissinger.“ Süddeutsche Zeitung, Franziska Augstein

 

Greiner, Bernd Henry Kissinger Wächter des Imperiums C.H. Beck

Hegel - zum 250. Geburtstag


Sebastian Ostritsch beginnt seine Hegel-Biographie mit einem klaren Diagnose-Irrtum. Hegels Ärzte schreiben Cholera als Todesursache auf den Totenschein, in Wahrheit starb der Weltphilosoph aber an den Folgen eines schon länger währenden Magenleidens. Da haben wir den Widerspruch selbst im Ableben des Gedankenmeisters. Der richtige Tod im Falschen, um den Adornospruch etwas abzuwandeln 
Sein Werk hat enzyklopädische Ausmaße und enthält so ziemlich alles, was die Welt im Innersten und Äußersten zusammenhält, eine philosophische Wissenschaft der Wissenschaft, wie Ostritsch schreibt.
Der Stuttgarter Rechtsphilosoph kombiniert in seinem Buch kapitelweise Werk und Lebensdaten und erklärt Hegel auch, das ist das Besondere aus schwäbischen Lebensweisheiten und Ansichten. 


Hegels Kern des Philosophischen ist ein ziemlich moderner Flow-Gedanken. Man denkt sich, dass Gedanken eigentlich etwas Festes sind, doch im Prozess des Denkens lösen sie sich auf, gerinnen zu anderen Gedanken, werden gar zu ihrem glatten Gegenteil. Martin Walser hat das in die Formel gebracht: Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Das ist das Dialektische bei Hegel. 


Ostritsch kombiniert das Dialektische mit der schwäbischen Denkweise: „Hegel denkt nicht nur schwäbisch, er spricht und benimmt sich auch so.“ Es ist eine Art Sowohl-als-auch Denke. Etwa so: „Nichts ist umsonst, nur der Tod, und der kostet das Leben“. Das ist das Gedankenspiel mit Gegensätzen. 


Ostritsch lässt die Französische Revolution Revue passieren und was sie für Hegel bedeutete, beschreibt Hegels Lebenssituationen und Philosophie-Phasen und -phrasen, interpretiert die Beziehungen zu Hegels Zeitgenossen, bemüht sich im Schreiben um verständliche Sprache, die sich vom Philosophie-„Geschwurbsel“ wohltuend abhebt, ohne Hegel und seine Verständnisniveaus zu vergewaltigen. 
Er betrachtet im Kapitel „Phänomenologie des Geistes“ Hegels endlose Satzkaskaden, die verschachtelten Nebensätze und zusätzliche Pronomen, befeuert vom Weingenuss, und so beschreibt Ostritsch die Phänomenologie als einen „großen Rausch“. „Das Ansichsein der Gegenstände liefert den Maßstab für das Wissen.“ 


Ostritsch argumentiert sehr lebensnah und praktisch, erklärt die Ich-Wir-Beziehung aus dem Geist des Mannschaftssports. Es ist eine Art Bei-sich-sein-im-anderen: „Ist der Geist einer Mannschaft intakt, herrscht eine tiefe psychische und emotionale Bindung zwischen den einzelnen Mitgliedern.“ Oder so: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“


In wechselnden Perspektiven beleuchtet Ostritsch die Lebensstationen Hegels, seine philosophischen Erkenntnisse, die schwäbischen Gedanken und Lebensweisheiten-Hintergründe, und die Zusammenhänge der Wirkmächtigkeit der Gedankenwelt Hegels, der das System der Philosophie „als Ganzes“ begreift, während die Philosophie heute den Weg der kleinteiligen Einzelwissenschaften beschreitet, wie Ostritsch kritisch anmerkt und dann noch „dialektisch“ am Ende einen Hegel-Gegner anführt, nämlich Schopenhauers Kritik an Hegel genüsslich zitiert:
„Hegel, ein platter, geistloser, ekelhaft-widerlicher, unwissender Scharlatan, der mit beispielloser Frechheit Aberwitz und Unsinn zusammenschmierte, welche von seinen feilen Anhängern als unsterbliche Weisheit ausposaunt und von Dummköpfen richtig dafür genommen wurden, wodurch ein so vollständiger Chorus der Bewunderung entstand, wie man ihn nie zuvor vernommen hatte.“


Sebastian Ostritsch, geboren 1983, studierte Philosophie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an den Universitäten Stuttgart und Paris. 2013 wurde er mit einer Arbeit über Hegels Rechtsphilosophie als Metaethik an der Universität Bonn promoviert. Ostritsch lehrt und forscht heute am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart.


Sebastian Ostritsch Hegel Der Welt-Philosoph PROPYLÄEN

 

Hermännchens Mondfahrt

ja, als Jungs lasen wir gerne Jules Vernes Romane: „Reise um die Erde in 80 Tagen“ oder „Reise um den Mond“ oder „Von der Erde zum Mond“ waren unsere Phantasy-Lieblingslektüre. Wir fuhren mit Scott und Amundsen zum Nord- und Südpol, bestiegen mit Luis Trenker irgendwelche Nord- und Südwände. Und wir gingen mit dem Segelschiff PAMIR unter. Wir nannten das Lesen Abenteuer und noch nicht Adventure oder Event. 

 

Figuren wie Wernher von Braun faszinierten schon damals, weil er den Traum von der Raketenfahrt zum Mond nicht nur träumte, sondern lebte und verwirklichte. Nazis, Peenemünde, V2, das erzählte man uns nicht, erst später in der Jugendzeit stießen wir auf diese politischen Hintergründe. 


Forscherfiguren faszinieren mich. 


Meine Freunde aus Hermannstadt und Schäßburg zeigten mir dereinst bei einem Besuch in Rumänien eine kleinere Rakete, die etwas verwaist in einem verwilderten Vorgarten stand. Sie erinnerte an Hermann Oberth aus Siebenbürgen, der Physik studierte, nach Göttingen auswanderte und zum deutschen Raketen-Pionier wurde.


Daniel Mellem widmet ihm in seinem Roman DIE ERFINDUNG DES COUNTDOWNS, erschienen bei dtv ein 287-Seiten-Buch. Es ist in zehn Kapitel aufgeteilt und stellt selbst von Abschnitt zu Abschnitt einen heruntergezählten Countdown dar. 


Die Geschichte aus der Geschichte beginnt im rumänischen Schäßburg, zählt also herunter von ZEHN bis EINS und endet mit dem Start der Mondrakete Saturn V, die nach zwei unbemannten Testflügen zur Erfolgsrakete der bemannten Raumfahrt wurde. 


Fangen wir vorne an: Papa Oberth besitzt ein Teleskop, er lässt den Jungen bei Vollmond hineinschauen. Der Samen für den Wissensdrang des Buben ist gelegt. Alle schauen immer nur in die Vergangenheit, er muss altgriechische Vokabeln pauken, antike Jahreszahlen büffeln, beklagt der Schüler in seinem Paukunterricht. Hermann Oberth fragt sich also: Warum schaut denn keiner in die Zukunft?


Seine kluge Antriebs-Erkenntnis: Es braucht nicht eine große Explosion zum Antrieb einer Rakete, es werden viele kleine benötigt. Auf dem Friedhof zündet er sein erstes Versuchsobjekt. Ergebnis: “Hermann hat den Friedhof abgefackelt.“ 


Hermann ist, was man heute einen „Nerd“ nennen würde, grüblerisch, in sich gekehrt. Infinitesimalrechnung, Integrale, Differentiale exakt mathematisch zu lösen, das liegt ihm mehr als mit den Freunden Fußball zu spielen oder mit Mädchen auszugehen. Kurzum, er ist gerne ins Selbstgespräch vertieft. Vor sich hin plappernd entgegnet er dem Vater: „Ich rede eben gerne mit gescheiten Menschen.“ 


Sein spezieller Menschheitstraum aber ist es, einmal eine Rakete für den Weltraum zu konzipieren - sie könnte den Krieg entscheiden - oder zum Mond zu fliegen, oder die Frontlinien endlich überflüssig zu machen. Aber es sollte eben keine Pulver-Rakete werden, sondern eine, die mit flüssigen Treibstoffen unterwegs ist. 


Oberths Obsession und spätere Theorien fußen auf mehreren Prinzipien und Phantasien, die er in seinen bekanntesten Werken formuliert: DIE RAKETE ZU DEN PLANETENRÄUMEN (1923) und WEGE ZUR RAUMSCHIFFAHRT (1929). 


Seine Grundannahmen: Erstens:

 

Der Bau von Maschinen, die höher in die Lüfte steigen können als die Erdatmosphäre reicht, ist wahrscheinlich. 


Zweitens: Die Raketen könnten den Anziehungsbereich der Erde verlassen. 


Drittens: Menschen können ebenso damit fliegen. 


Und viertens: Das alles könnte sich sogar wirtschaftlich lohnen. Seine praktischen Ideen reichen von Nachrichten- und Wettersatelliten bis hin zu erdnahen Raumstationen und auf dem Mond, sowie der Nutzung von Sonnenenergie durch Spiegel, die im Weltraum aufgebaut werden könnten.


Seine Grundidee für den Raketenbau ist, zwei Raketenstufen wären erfolgreicher als eine, die zweite könnte nämlich schon in der oberen Atmosphäre, ohne die Masse der ersten weiterzutragen, sehr viel weiter ins All vordringen. 


Fritz Lang, der renommierte Filmregisseur jener Tage, engagiert Hermann Oberth für seinen Film FRAU IM MOND als Berater. „Ich biete Ihnen zehntausend Reichsmark. Bauen Sie mir zur Premiere meines Films die erste Rakete der Welt.“ Beim Dreh erfindet Lang als Zeichen für den Drehbeginn und zum Start der Kamera das Herunterzählen von zehn bis Eins. Der Countdown war geboren. 


Während Oberth bei Wernher von Braun noch über den technischen Einzelheiten brütet und sich dabei den Kopf zerbricht, hat Braun den Prototyp längst gebaut. „Von Braun wollte derjenige sein, der die Rakete baute.“ Der hat Hermann Oberth aber nach dem Krieg immerhin als ein Dankeschön ein CARE-Paket geschickt. Der Fritz-Lang-Film hatte ihn nämlich zum Raketenbau in Peenemünde und später in Cape Canaveral zum Apollo-Programm inspiriert. 


Die Idee von der Weltraumrakete war in Nazi-Deutschland aber vorerst zu einer Kriegswaffe mutiert. Das Prinzip der Abschreckung hieß: „Das einzige Mittel, sich gegen die Rakete zu verteidigen, ist, die Rakete selbst zu besitzen.“


Hermann Oberths Dasein ist ein Leben zwischen Zahlen und Misserfolgen, Zweifeln und Experimenten, Hilflosigkeiten im Familienleben, finanziellen Problemen, gescheiterten Lebensstationen. Hermann ist ein missverstandener Grübler, der sich den Nazis andienen will, zum Ufo-Spinner und am Ende gar zum NPD-Mitglied wird, der Parapsychologie anheimfällt, fliegende Untertassen im Universum aufspürt und das telepathische Gespräch mit Toten sucht. Oberth bleibt ein verkanntes deutsches Genie der theoretischen Physik. 
Der Sputnik-Flug der UdSSR und der US-Mondflug 1968 bestätigten jedoch seine grundlegenden theoretischen Überlegungen. Während Oberth auf Papier noch seine komplizierten Berechnungen kritzelt, zeigt Wernher von Braun ihm die ersten Rechner mit Elektronenröhren in den USA. 


Oberth war seiner Zeit zwar theoretisch weit voraus, menschlich aber in der Gegenwart gefangen und politisch in die Vergangenheit verstrickt. 
Mellem stellt ihn als einen Menschen voller Widersprüche, voller Sehnsüchte und voller Verfehlungen dar, wie der Autor in seinem Nachwort schreibt. „Die Deutschen sind das Volk der großen Taten und der kleinen Seelen“, heißt es an einigen Stellen des fortwährenden Scheiterns seiner Hauptfigur im Roman.  


Dem Autor Daniel Mellem ist ein spannend zu lesender Erstlingsroman gelungen, eine Biographie in der literarischen Form eines Romans, die Beschreibung eines Physikers und seiner Lebensstationen in zehn chronologischen Kapiteln. 


Schriftsteller-Kollege Saša Stanišić lobt den Roman und Autor Oberth, „…er hat eine Rakete gezündet.“ Dieses Lob ist etwas zu explosiv geraten, zwar sind die Lebensphasen eindrücklich beschrieben, die Momente des Scheiterns sehr deutlich gemacht, die Sprache bleibt jedoch an manchen Stellen zu physikalisch knapp und sachlich. Die Story ist in einem nüchtern-realistischen Ton erzählt, die Szenenwechsel sind wie in einem Filmschnitt glatt und zuweilen etwas sprunghaft dargestellt. Dennoch das Buch verspricht ein lesenswertes Abenteuer!  

 

https://www.ndr.de/kultur/buch/buchdesmonats/NDR-Buch-des-Monats-November-Die-Erfindung-des-Countdowns,mellem102.html

 

Daniel Mellem, geboren 1987, lebt in Hamburg. Sein Studium der Physik schloss er mit einer Promotion ab, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig der Arbeit an seinem ersten Roman widmete. Für „Die Erfindung des Countdowns“ wurde er bereits mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet.

 

Links

 

Bayerischer Rundfunk

 

ndr

 

Das Schuh-Imperium des Antonín Bat´a

„Es hängt alles an der Sprache, Mädel“. Das ist einer der klassischen Kernsätze in diesem Buch oder auch dieser: „Das Schreiben hat mich immer gerettet, wenn ich nicht mehr aus noch ein wusste, wenn ich mich ohnmächtig fühlte, weil ich beinahe alles verloren hatte.“ So spricht die Hauptperson Antonín Baťa in diesem Buch, der neben seinem Unternehmertum Romane und Gedichte schreibt. Eine schillernde, überraschend vielseitige Figur, die von der Autorin aus allerlei Perspektivenwechsel anderer Personen - einem Mosaik gleich - „zusammengefügt“ wird.  

 

Die Autorin gab einst in der brasilianischen Kleinstadt Nova Adradina Unterricht in tschechischer Sprache. Sie lernte die älteste Enkelin von Jan Antonín Bat’as kennen, durfte in den alten Pappschachteln ihres Großvaters mit dem großen Namen wühlen und in unzähligen Gesprächen nach und nach die Struktur eines Perspektivenromans entwickeln, der alles aus Verwandschaftssicht berichtet, einerseits auf der Wirklichkeit beruhend, aber auch auf dem trügerisch-subjektiven wie der Erinnerung fußt und wie ein Personen-Puzzle kapitelweise zusammengesetzt ist.

 

Antonín Baťa war Nazi, Jude, schmutziger Slawe, Agent des Dritten Reiches, Deserteur, Vaterlandsverräter, Netzbeschmutzer, Sündenbock der Kommunisten, wie er sich selbst beschreibt, aber vor allem der „Schuhkönig“. Besser eigentlich Schuh- Kaiser“, denn er war zu seiner Zeit der Größte und Mächtigste, brachte das Schuhwerk in alle Welt und seine Philosophie dazu, zum Beispiel für seine Arbeiter neue Städte zu gründen, irgendwo im Dschungel. Vor dem Krieg war das Unternehmen die größte tschechische Aktiengesellschaft. Das größte Vermögen in Mitteleuropa gehörte dem Chef Bat‘a.  

 

Klären wir erst einmal den geschichtlichen Hintergrund. Die Schuhfabrik Baťa wurde am 24. August 1894 durch Tomáš Baťa und seine Geschwister Antonín und Anna im ehemaligen Österreich-Ungarn gegründet, in der mährischen Stadt Zlín.

 

Schuhe maschinell in einer Fabrik in großem Stile zu produzieren, war damals ein revolutionierendes Firmenkonzept. Das Unternehmen wuchs schnell und expandierte weltweit. Während der Kriegszeit lieferten die Fabriken allerdings auch kriegsnotwendige Militärstiefel, zum Beispiel an die Nazis.

 

Jan Antonín Baťa gründete Städte, baute für seine Mitarbeiter neue Siedlungen, Krankenhäuser dazu und unterstützte ganz fortschrittlich die Fortbildung seiner Kräfte vor Ort.

 

„Die Tschechen haben sowieso nicht begriffen, dass ich mit der Förderung nationaler Kunst ihr Selbstbewusstsein steigern wollte…“, schreibt die Hauptfigur und zieht die Konsequenz daraus, in unwirtlichen Regionen Südamerikas funktionierende Städte aufzubauen, zum Beispiel „Batatuba“ – „Vater Batas“, Ort bei Sao Paulo. Täglich werden dort 150 Paar Schuhe gefertigt.

 

Die Nazi-Okkupation der Tschechoslowakei hatte ihn ins Exil getrieben. Nach dem II. Weltkrieg galt er dann bei den Kommunisten als Volksverräter und Kollaborateur der Nazis, obwohl er Juden die Ausreise nach Brasilien ermöglichte und die Exilregierung in London unterstützte. Die Kommunisten verstaatlichten dann das Unternehmen und „töten jede Lebensfreude“, wie Antonín Baťa schreibt.

 

Hunderte Protestbriefe, Depeschen, Telegramme bleiben ohne Erfolg. Antonín Baťa wird vom Volksgerichtshof zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Er verliert die Bürgerrechte und sein komplettes Eigentum.

Ein „stolzer Hitzkopf“, visionärer Unternehmer, der durch seine Familienbeziehungen und Monologe porträtiert wird, in jeweils wechselnden Kapiteln und Blickrichtungen. Für Antonín Baťa war der größte menschliche Makel: Pessimismus.

 

Die Autorin lässt sehr viele Personen aus dem Umfeld zu Wort kommen, um ein umfassendes „Seufzer“-Bild in die Vergangenheit entstehen zu lassen, als Briefe noch mit Markentinte geschrieben, Postkarten verschickt und die Nachrichten irgendwie immer verspätet eintrafen.

 

Markéta Pilátová: Mit Baťa im Dschungel Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Wieser Verlag

 

Markéta Pilátová, geboren 1973 im tschechischen Kroměříž, ist studierte Hispanistin. Mehrere Jahre lebte sie in Brasilien und in Argentinien, wo sie die Nachfahren tschechischer Emigranten in Tschechisch unterrichtete. Neben ihrer literarischen Arbeit schreibt sie regelmäßig als Journalistin für namhafte tschechische Zeitungen und Magazine. Ihre Romane wurden bisher in sechs Weltsprachen übersetzt. Zuletzt bei Wieser: Der Held von Madrid (2019).

 

Sophia Marzolff: Geboren 1971 in Heidelberg. Freiberufliche Lektorin und Literaturübersetzerin aus dem Tschechischen, Französischen und Italienischen. Von Markéta Pilátová übersetzte sie zuletzt Der Held von Madrid für den Wieser Verlag.

 

 

Der Musik-Titan: Ludwig van Beethoven

Als ich vor einigen Jahren das Beethoven-Museum in Bonn besuchte, war ich arg verwundert darüber, dass es in diesem Haus sehr, sehr ruhig war. Erstens war ich der einzige Besucher und zweitens war von der Musik des Genies kein einziger Ton zu hören. Multimedia war zwar schon erfunden, aber noch nicht in die Museumslandschaften vorgedrungen. So passte die Lautlosigkeit des Museums zur Schwerhörigkeit und am Ende Taubheit des Komponisten.


Matthias Henke nähert sich Beethoven von vielen verschiedenen Seiten und Betrachtungsweisen, schöpft aus unzähligen historischen Quellen. 
Wir erleben mit, wie Mediziner die krankhaften Veränderungen an Beethovens Gehörgängen entdeckten. Sie beschrieben die Hörnerven als „zusammengeschrumpft und marklos“ oder die „Eustachische Ohrtrompete“ als „sehr verdickt“.


Der Autor zitiert die These, um einem Kunstwerk oder einem anderen Geistesprodukt nahe zu kommen, sei es unabdingbar, sich in das Leben der Urheber einzufühlen. Henke tut es. 


Beethoven selbst verlangte von reproduzierenden Künstlern, ein Werk „in allen Theilen und in seiner Einheit zu durchdringen“, andernfalls bliebe es bei einem „armseligen todten Abspielen“, wie es bei Henke auf Seite 22 heißt. Nach dem frühen 19. Jahrhundert ging es darum, die Musik nicht einfach nachzuspielen, eins zu eins umzusetzen, sondern zu interpretieren.


Wien liebt Mozart und lebt gut davon. Beethoven war Bonner, Wiener, Berliner und vom Namen her Belgier. Die Vermarktungspotenz Mozarts hat Beethoven nie erreicht.


Am 17. Dezember 1770 kommt Beethoven in der Bonngasse 20 (vormals 515) zur Welt, sein Geburtshaus ist heute als Beethoven-Haus bekannt. Dort werden gleich drei Häubchen verwahrt, die der Säugling getragen haben soll, als er das Sakrament der Taufe, am 17. Dezember 1770 in der 1806 nach einem Blitzeinschlag demolierten Pfarrkirche St. Remigius empfing, wie der Autor schreibt. 


Wir lernen die verwandtschaftlichen Beziehungen Beethovens kennen, seine Wanderschaft nach Wien und Berlin, seine charakterlichen Schwächen und Leiden wegen seiner zunehmenden Taubheit: „Oft büßen die Betroffenen ihre Fähigkeit ein, sich auf natürliche Weise zu entspannen. Schreckhaftigkeit und innere Ruhelosigkeit nehmen möglicherweise zu, ebenso die Unsicherheit im zwischenmenschlichen Umgang. Gefühle der Einsamkeit wie Verletzlichkeit bemächtigen sich der Schwerhörigen nur allzu leicht und können ihre Reizbarkeit erhöhen …  Beethoven war sehr reizbar, sehr aufbrausend, sehr empfindlich und dadurch oft ungerecht und misstrauisch gegen seine besten Freunde“. 
Beethoven, empfänglich für den Zorn, war fähig zu „platzen“. Dann konnte er Bedienstete prügeln oder in äußerster Erregung die Suppe über jemandem ausschütten. 


Dennoch: Beethoven schätzte auch menschliche Freundschaften. Bei Frauen hatte er keinen bemerkenswerten Erfolg, und seinen Zahlungsverpflichtungen kam er - ewig in Geldnöten - nur zögerlich nach.


Sein Opus Eins sind die drei in Es-Dur, G-Dur beziehungsweise c-Moll gesetzten Klaviertrios, die er 1797 veröffentlichte. 


Der Autor stellt uns in Folge die wichtigsten Kompositionen dar, eingeordnet in die musikhistorischen und gesellschaftspolitischen damaligen Zustände und Umstände. 


Wir erfahren nebenbei auch menschlich allzu Menschliches. Beethoven wurde zum Beispiel mit Spitznamen „Mehlschöberl“ genannt.
Sein Leben war eine Mischung aus „unmotivierter Heiterkeit“ und wegen seiner nach und nach einsetzenden Schwerhörigkeit von tiefem Trübsinn geprägt. („…in meinem Fach ist das ein schrecklicher Zustand.“)
Beethoven beschrieb 8.000 Einzelblätter - mit musikalischen Einfällen und Gedankesblitzen, Ideen oder Partitur-Entwürfen. 


Im „Heiligenstädter Testament“ schreibt Beethoven: 
„O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache“ und   „… welche Demüthigung wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten Singen hörte, und ich auch nichts hörte, solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung“.  


Beethoven schwankte in seiner politischen Haltung zwischen Adel und Revolution, so sagte er, seiner Wirkung durchaus bewusst: „Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben; Beethoven gibt’s nur einen.“
Beethoven verstand es jedenfalls ausgezeichnet, die Oligarchie, den hohen und höchsten Adel für seine eigenen Zwecke einzuspannen. 
Beethoven, ein Genie und Tölpel zugleich, der im Dialekt sprach, nichts von „äußerer Bildung verrieth, vielmehr unmanierlich in seinem ganzen Gebahren und Benehmen war“, wie Zeitgenossen berichten, die von „mangelnder Körperhygiene und Chaos in den Wohnräumen“ berichten. 
Wir erfahren Persönliches und Politisches: Beethovens Stimme war sanft und ein klein wenig belegt, und Beethoven hielt die Ideale der Französischen Revolution zeitlebens hoch. 


Der Autor blickt nicht nur zurück, sondern auch auf gegenwärtige Tage: Zwischen 1909 und 2019 entstanden mehr als 70 Filme, die sich mit Beethoven auseinandersetzen: mit der geschichtlichen Figur, dem Menschen, dem Komponisten, seinem Schaffen. 


Seine Musik wurde von Machthabern wie den Nazis missbraucht und von der Olympischen Idee und anderen Sportereignissen benutzt. 
Deutsche Klavierfabrikanten und die Werbeindustrie brauchten seine Kompositionen für Reklamespots, ob „Fünfte“ oder „Neunte“ Beethovens Schicksalstöne pochten ständig an irgendwelche Studio-Pforten. Da Da da daaaaaa! 


Das Beethoven-Buch von Matthias Henke ist eher etwas für Musikliebhaber, aus einzelnen Sichtweisen und Perspektiven in verschiedenen Tonlagen gesetzt und addiert, weniger mit einem Motiv durchkomponiert. 


Der Autor zitiert Arthur Schopenhauers Lebensweisheit: „Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern den Text“ und „die folgenden dreißig den Kommentar dazu.“ 


Henke liefert beides: Kommentar und Text und ergänzend Töne noch dazu. 

 

Matthias Henke Beethoven HANSER


"Ein facettenreicher, spannend zu lesender Streifzug durch Beethovens bewegtes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen. ... Nicht zuletzt lohnt sich Henkes Buch, weil er zum Schluss auch über den Tellerrand der Biografie schaut und in vier Extrakapiteln einen Exkurs in die Kulturgeschichte des Hörens unternimmt und sich der Nachwirkung Beethovens in Film und Werbung widmet." Miriam Damev, Falter, 

"Ein umfassendes Kompendium über die Jahrhundertfigur Beethoven." Robert Jungwirth, Bayrischer Rundfunk Klassik

 

"Seine 400-Seiten Biografie widerspricht vielen gängigen Etikettierungen und Pauschalisierungen Beethovens. Es ist ein leises Buch gegen ein dröhnend-heroisierendes Beethoven-Klischee. ... Henke zeigt die bizarren Gegensätze zwischen dem gefeierten Künstler und seiner kläglichen Existenz." Reinhold Jaretzky, MDR Kultur


Matthias Henke, Jahrgang 1953, übernahm nach akademischen Lehr- und Wanderjahren 2008 an der Universität Siegen eine Professur für Historische Musikwissenschaft, die er bis 2019 innehatte. Seither arbeitet er als Forschungsprofessor an der Donau-Universität Krems. 

Eine Frau für Freiheit: Simone de Beauvoir


Bei der Würdigung guter Biographien kann man ins Schwanken geraten, ob man eher der Lebensleistung des porträtierten Persönlichkeit Respekt entgegenbringen oder der biographischen Arbeit Bewunderung zollen sollte. In den seltenen glücklichen Fällen gilt beides. Simone des Beauvoir (1908 bis1986) und ihre englische Biographin, die Philosophin Kate Kirkpatrick, verdienen beide Respekt und Bewunderung.
Das englische Original heißt „Becoming Beauvoir“ und das trifft sowohl den Lebensweg der französischen Ikone des frühen Feminismus als auch die aus diesem Leben abgeleitete Grundthese ihrer Biographin genau: „Man kommt nicht als Frau auf die Welt, man wird es.“ Schrieb Beauvoir in ihrem mittlerweile zum Klassiker gewordenen Buch „Das andere Geschlecht“ (1949). Und genau so geht Kirkpatrick in ihrer Biographie vor. Simone de Beauvoir kam nicht als „die“ Beauvoir auf die Welt, sie wurde sie. Eben: „Becoming Beauvoir“! Dabei wirft die Biographie entscheidende Blicke auf die Kindheit und Jugend der in eine bürgerliche, nach und nach verarmte Familie geborenen Tochter einer gläubigen Katholikin und eines atheistischen und untreuen Vaters.

 

Interessant wird die frühe Auseinandersetzung dieser Tochter mit philosophischen Themen, insbesondere dem Begriff der Freiheit. Bereits in jungen Jahren entwickelte sie 1927 eine philosophische Linie, in der sie ein Gleichgewicht zwischen dem Selbst und den Anderen anstrebte. Das alles, bevor sie ihren Studienkollegen Jean Paul Sartre kennenlernte, mit dem sie 1929 einen lebenslangen „Pakt“ schloss und der 1943 sein philosophisches Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ veröffentlichte und in ihm die Unterscheidung zwischen „An sich“ und „Für sich“ in Zentrum stellen würde. Für Kirkpatrick heißt das: „Viele haben irrigerweise diese Unterscheidung in Beauvoirs Romanen und in „Das andere Geschlecht“ Sartre zugeschrieben, doch Beauvoir entwickelte diese Sicht schon früh und unabhängig von ihm.“


Das wäre nicht so wichtig, wenn nicht Simone de Beauvoir zeitlebens und auch noch nach ihrem Tode als unselbständige Philosophin dargestellt würde, die sich an dem von Sartre entwickelten „Existenzialismus“ bedient hätte. In Wirklichkeit war es so, dass sich beide alles, was sie schrieben, gegenseitig vorlegten und dass Sartre nichts zur Veröffentlichung freigab, was nicht den „Segen“ von Simone des Beauvoir hatte. Der „Pakt“ hielt, und zwar auch in der sehr persönlichen Hinsicht: Beauvoir und Sartre blieben zeitlebens verbunden, ein intellektuelles Paar, das nie eine gemeinsame Wohnung hatte, sich gegenseitig zeitlebens mir „Sie“ anredete und sich wechselseitig alle möglichen „kontingente“ Beziehungen zubilligte. Diese Beziehungen beschreibt die Biographin ohne Voyeurismus, mit nicht nur gebotenem, rücksichtsvollem Takt. Sie benennt auch alle Schwierigkeiten, deren Einzelheiten der „Pakt“ noch nicht kennen konnte, die erst nach und nach der Öffentlichkeit bekannt und in ihr skandalisiert wurden. Auf Seiten Beauvoirs waren es Männer und Frauen, manchmal Schülerinnen von ihr. Bemerkenswert ist die langjährige Liebesbeziehung zu Claude Lanzmann, dem einzigen Mann mit dem sie eine Wohnung teilte und mit die sich duzte. Ihm gab sie Geld für seinen Film „Shoah“.


Kirkpatrick findet in ihrer Biographie ein bewundernswertes Gleichgewicht zwischen der Beschreibung, Entstehungsgeschichte und Rezeption von Beauvoirs Werken sowie ihren persönlichen, bis heute keinen Konventionen entsprechenden intimen Beziehungen. Ihre Biographin betont Beauvoirs frühes politisches Engagement gegen die französischen Gräuel im Algerienkrieg, ihr lebenslanges Eintreten gegen Antisemitismus und Rassismus und in der Zeit ihrer Reife, vor allem für die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs (realisiert durch die „Loi Weil“ im Jahre 1975), ein Antidiskriminierungsgesetz und den Kampf gegen den Rechtsradikalismus à la Le Pen. Eine für Frankreich und für das Selbstbestimmungsbewustsein aller Frauen der Welt einflussreiche Persönlichkeit gewinnt – auch in der Abgrenzung zu Jean Paul Sartre – in dieser auf neue Quellen wie erst kürzlich veröffentlichte Tagebücher und Briefwechsel gestützten Biographie noch einmal neue Konturen. Respekt und Bewunderung gelten ihr wie ihrer Biographin.


Harald Loch


Kate Kirkpatrick: Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben
Aus dem Englischen von Erica Fischer und Christine Richter-Nilsson
Piper, München 2020   523 Seiten, 14 s.-w. Abb.   25 Euro

 

Ein neuer Blick auf Hitler

Als der britische Außenminister Lord Halifax im November 1937 Hitler auf dem Berghof aufsuchte, habe er den Reichskanzler bei seiner Ankunft für einen Diener gehalten. Offenbar hatte der sonst so großsprecherische und selbstbewusste „Führer“ eine entsprechende Haltung eingenommen – oder gespielt? Diese Anekdote illustriert den Grundtenor der aktuellen Hitler-Biographie des Cambridge-Historikers Brendan Simms: Hitler bewunderte, zeigte Respekt und fürchtete die Stärke Großbritanniens und dahinter die der USA. Dieser neidvolle und immer auch ängstliche Blick auf Anglo-Amerika bestimmte nach dieser neuen Lesart Hitler in seinen Entscheidungen und Handlungen stärker als die Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus.  Letztlich führte er gegen beide einen aussichtlosen Krieg mit verbrecherischen Mitteln, aber er spekulierte bis zuletzt auf einen Separatfrieden mit dem Westen. Der Krieg im Osten sollte Lebensraum für die Auseinandersetzung mit Anglo-Amerika schaffen. Simms schafft er mit seiner monumentalen Hitler-Biographie eine völlig neue Sicht auf dessen Beweggründe. 

 

Eine Quelle dieser Hochachtung vor den wirtschaftlichen und personellen Möglichkeiten des Britischen Empire und der USA sei Hitlers Begegnung mit zwei amerikanischen Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg gewesen, die von deutschen Auswanderern abstammten. Hitler beklagte die millionenfache Auswanderung von Deutschen nach Amerika und Australien als Verlust für das deutsche Volk und führte sie auf den fehlenden „Lebensraum“ und auf die Attraktivität der Einwanderungsländer zurück. Wie eine Bestätigung liest sich die lange Namensliste der deutschstämmigen Generale der US-Army, die 1944/45 den Kampf gegen Nazideutschland über den Rhein trugen. Hitler bescheinigte den Briten und auch den USA eine höhere „rassische“ Qualität als dem deutschen Volk, das aus historischen Gründen aus vielen rassischen Komponenten bestünde. 

 

Die Feindschaft dieser „germanischen Brudervölker“ gegen Deutschland führte Hitler auf das Wirken des internationalen Großkapitals und der dieses beherrschenden einflussreichen Juden in der Londoner City und in New York zurück. Die Biographie von Simms liest sich anfangs eher wie ein „Persilschein“ für Hitler, der den jüdischen Arzt seiner Mutter vor seinen mörderischen Verfolgungen ausweichen ließ. Aus den frühen Jahren seien von Hitler keine antisemitischen Äußerungen oder Haltungen bekannt. Nach dem Ersten Weltkrieg begann er in München mit Agitationen gegen die Friedensbedingungen von Versailles und später, während der Weimarer Zeit polemisierte er gegen den Young-Plan zur Streckung der Reparationszahlungen und stellte den jüdischen Einfluss in Anglo-Amerika in den Vordergrund. Er erfand eine jüdische Weltverschwörung, die auf Deutschland zielte.

 

Eine Biographie Hitlers ist immer auch eine Geschichte der NSDAP und der Eskalation der Judenverfolgung bis zum Holcaust. Simms konzentriert sich auf markante Ereignisse und wichtige Personen, stellt immer die Einflussnahme und Reaktionen Hitlers auf die Entwicklung in den Vordergrund. Er stützt sich in seiner Biographie auf die zahllosen Vorarbeiten von Historikern, liefert also eine Art Meta-Analyse, die er allerdings mit seiner eigenen, überzeugenden Urteilskraft zu einer wirklich neuen Sicht auf den Diktator zusammenfasst. Das gilt auch für die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die Simms nur an ausgewählten Ereignissen als Militärgeschichte schreibt. Dabei legt er manchen Details für sein britisches Heimatpublikum ein vergleichsweise größeres Gewicht bei, wie z.B. den Planungen der „Achsenmächte“ für eine Eroberung Maltas oder die Behandlung der von der Wehrmacht besetzten Kanalinseln. Immer steht die Person Hitler im Mittelpunt seiner „globalen Biographie“. Immer wieder kommt Simms - mehr nebenher - auf die persönlichen Lebensumstände und den sich rapide verschlechternden Gesundheitszustand Hitlers zu sprechen. 

 

Im Mittelpunkt der politischen Biographie der Kriegszeit stehen die über die Propagandamittel beider Seiten ausgetauschten Rededuelle mit Churchill und später mit Roosevelt. Frankreich hatte nie eine bedeutende Rolle in Hitlers Denken gespielt, die Sowjetunion eigentlich nur als der Raum, auf dem deutsche Siedler leben sollten. Als dieser Raum erobert war, standen die denkbaren Siedler „im Felde“ und fehlten für die Besiedlung. Simms bringt diesen Zustand prägnant auf den Punkt, wenn er schreibt: „Aus dem Volk ohne Raum wurde ein Raum ohne Volk.“ Da dieser „Lebensraum“ von Menschen bewohnt war, plante er deren Vernichtung, so wie er die „nutzlosen Esser“ in Deutschland durch sein Euthanasie-Programm ausschaltete. Der zum „Todesraum“ gewordene „Lebensraum“, den Hitler anstrebte, war nach dessen Auffassung nötig, um gegen Anglo-Amerika mit seinen nahezu unbeschränkten Ressourcen bestehen zu können. 

 

Brendan Simms stellt in seiner „globalen Biographie“ eine andere, bisher vernachlässigte Seite von Hitlers politischer Motivation dar. Diese neue Seite wird bei künftigen Beschreibungen der Person Hitlers und der Politik des „Dritten Reiches“ nicht mehr übersehen werden können. Wieder, wie schon Christopher Clark, schreibt ein britischer Historiker aus Cambridge einen Teil der deutschen Geschichte neu. Wie Simms diese Herausforderung gemeistert hat, kann man nur bewundern.

 

Harald Loch
 
Brendan Simms: Hitler. Eine globale Biographie
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt
DVA, München 2020   1056 Seiten   44 Euro

 

 

Brendan Simms, geboren 1967, ist Professor für die Geschichte der internationalen Beziehungen an der Universität Cambridge. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte Europas und die Geschichte Deutschlands im europäischen Kontext. Daneben publiziert er in Zeitschriften und Zeitungen zu aktuellen europapolitischen Themen.

Anne Weber: „Annette, ein Heldenepos“

Gewiss, sie ist eine Heldin. Anne Beaumanoir hat ihr Leben in der Résistance aufs Spiel gesetzt. Sie hat während der deutschen Besetzung versteckten Juden Unterschlupf gewährt. Ihr Heldenmut ist in Yad Vashem beglaubigt. Später hat sie, die als Französin gegen die ihr Land besetzenden Deutschen gekämpft hat, nicht akzeptieren wollen, dass ihr eigenes Land Algerien besetzt und unterdrückt. Sie hat dem FLN in Frankreich verbotene, geheime Dienste geleistet.

 

Sie ist in Abwesenheit in ihrer Heimat dafür zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dem unabhängig gewordenen, jungen Staat Algerien hat sie – inzwischen Neurobiologin und Ärztin – im noch nicht funktionierenden Gesundheitsministerium unschätzbare Leistungen erbracht. Ihr wurde von Ben Bella persönlich die algerische Staatsangehörigkeit übertragen, die sie neben ihrer französischen bis heute behält, obwohl sie nach Ben Bellas Sturz aus dem Land fliehen musste. Sie war Kommunistin. An der Richtigkeit von allem, was sie tat, hat sie gezweifelt, sich aber immer für die Seite entschieden, die ihr gerechter erschien. Sie lebt heute – sechsundneunzigjährig – in Südfrankreich. Dort ist ihr Anne Weber begegnet.


Die ist 1964 in Offenbach geboren und lebt seit vielen Jahren in Paris. Sie schreibt auf Deutsch und auf Französisch, war in Klagenfurt erfolgreich, übersetzt und hat wichtige Preise gewonnen. Aus der Begegnung mit der greisen Heldin und Widerständlerin qua Natur hat sie ein bemerkenswertes Buch verfasst: „Annette, ein Heldinnen-Epos“. Der Lauf des immer gefährdeten, mutig sich keine Bewährungsprobe entziehenden Lebens, wäre Stoff genug für einen dickleibigen Roman. Anne Weber hat ein besseres Format gewählt: Sie hat ein knappes Epos geschrieben, ein „Heldinnen-Epos“ eben – was sonst. Das Epos, eine in erzählenden Versen verdichtete Biographie, ist genau die richtige Form der Hommage an eine Frau, die sich konsequent für das ihr richtig erscheinende entschieden hat. Die Autorin nimmt sich – bei aller Empathie für ihre Annette Beaumanoir – zurück. Sie mischt sich nur gelegentlich in den Gang der Lebensgeschichte ein. Ganz wie in den antiken Epen. Sie relativiert dann die Entscheidungen ihrer Heldin behutsam als „Allwissende“ und ex post ohnehin Schlauere. Aber sie lässt Annette ihre eigenen Zweifel, die sie ehren. 


Für alles das gebietet Anne Weber über eine Sprache und über Stilmittel, die bezaubern, überzeugen und der Heldin dieses modernen Epos so gerecht werden, wie es Worte überhaupt können. Der ausnehmend schöne Text steht  in angemessenem Flattersatz, der die angedeutete Versstruktur des Ganzen unterstreicht, die immer mitschwingende Poesie einer ernsten und oft mörderischen Erzählung. Natürlich ist das alles spannend, oft hochdramatisch, immer lebensgefährlich. Aber es ist nicht die langweilige Spannung sogenannter Spannungsliteratur, sondern die poetische Fassung eines ganz außergewöhnlichen, heldenhaften und irgendwie auch beispielhaften Lebens.


Harald Loch


Anne Weber: „Annette, ein Heldenepos“
Matthes & Seitz, Berlin 2020    208 Seiten   22 Euro

 

Ein Freund, ein guter Freund

Der Deutsche tut sich schwer mit dem Leichten. Er liebt auch insgeheim den Schlager, doch im abendlichen Partygespräch sind es die Herren Mozart, Vivaldi, Beethoven, die als Lieblingskomponisten ungefragt herhalten müssen. Wer sein Leben dem Seichten und Leichten gewidmet hat, der wird gerne ganz schnell vergessen und in Deutschland mitnichten geschätzt.

 

„Ein Freund, ein guter Freund“, „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“, „Das ist die Liebe der Matrosen“, „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ oder „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“ aus dem Musical May Fair Lady, das sind seine Erfolgslieder, und Gilberts Texte avancieren zu viel gesungenen Gassenhauern. Sein Melodientalent schafft es sogar bis zur regelmäßigen Erkennungsmelodie in die regionale Berliner Abendschau.

 

Heute ist das Operetten- und Schlagertalent völlig vergessen, doch Dank dem Verleger des CH. Links Verlags Christoph Links hat Christian Walther das vergessene Schicksal des erfolgreichen Lieddichters zwischen Schlager und Welt-Revolution wieder ans Tageslicht befördert.

Er verfasste engagierte politische Lyrik, und seine Arbeiterkampflieder werden zu sozialistischen Klassikern. Auch an der äußerst erfolgreichen Operette „Im weißen Rössl“ ist Gilbert beteiligt.

 

Vor den Nazis muss er flüchten, in den USA kennt ihn jedoch keiner, und seine deutsche musikalische Karriere interessiert dort wirklich niemanden. Als genauer Beobachter der Zeitläufte macht er in den frühen Fünfzigern in Deutschland mit Erich Kästner Kabarett. Die ZEIT nennt ihn so: „Ein sarkastischer Poet von scharfem politischen Wortwitz.“

In den frühen Jahren bewegt er sich in den jüdischen Künstlerkreisen der Berliner Künstlerkolonie.

 

„Mir ist innerlich, mir ist äußerlich heut so millionär zu Mut“, lautet ein Satz von ihm. Er war also ein Wortzauberer, dem die Substantive „… unter der federleichten Hand zu Adverben“ werden, wie der Autor schreibt, und der aber als Jude zum Judentum einen gewissen Abstand hielt.

 

Der SPIEGEL adelte ihn nach seinem Tode zum Klassiker der „Übersetzungskunst“. Für 40 Operetten und Revuen hat er Texte zugesteuert, Verse für 60 Tonfilme gedichtet, im Nachkriegsdeutschland avancierte er zum viel beschäftigten Musical-Übersetzer. Neben „My Fair Lady“ hat er auch „Hello Dolly“, „Oklahoma“ und „Cabaret“ nicht nur übersetzt, sondern nachgedichtet.

 

Das Buch druckt im Fließtext natürlich die Liedreime des Künstlers im Originaltext ab und es ist auch illustriert, schwarzweiß bebildert.

Robert Gilbert ein witziger, ein satirischer ein kritischer Mensch, dem wir Sätze verdanken wie: „Ein Freund bleibt immer ein Freund, und wenn die ganze Welt zusammenfällt“.

 

Das Buch ist eine Lebens-Revue, farbig geschildert, gar nicht dissertationsartig verschleimt, es handelt sich nämlich ursprünglich um einen Promotionstext, ein farbiges Zeitenpanorama also, so frech und im Takt so temporeich wie ein Charleston.

 

Christian Walther Ein Freund, ein guter Freund. Robert Gilbert – Lieddichter zwischen schlager und Weltrevolution CH.Links Verlag

Beethoven - der Musik-Titan

Da, da, da, daaaa…Schicksals-Symphonie Nr. 5 c-Moll – Komponist Ludwig van Beethoven, von Christine Eichel in ihrem Buch DER EMPFINDSAME TITAN im SPIEGEL SEINER WICHTIGSTEN WERKE porträtiert, hat sich mit diesem musikalischen Motiv auf den Festplatten unserer musikalischen Hirne tief abgespeichert.  

 

Die Welt als Wille und Musik, diese vom Philosophen Schopenhauers abgeleitete Überschrift ordnet den Komponisten und sein Werk pointiert ein mit dem Satz: „Es ist ein Überfall im Fortissimo. Vier Töne, eine große Terz, mehr braucht Beethoven nicht, um den markantesten Aufschlag der abendländischen Symphonik hinzulegen, Fanfarengleich, binnen weniger Sekunden erzeugt dieses knappe Motiv gespannteste Aufmerksamkeit.“

 

In diesem einzigen Satz ist die Kunstfertigkeit der Autorin gesetzt und bewiesen. Philosophie, Literaturwissenschaft und Musikwissenschaft hat sie studiert, über Adorno promoviert, die Kultur-Ressorts von Cicero und Focus geleitet, erfolgreiche Sachbücher geschrieben, und dennoch hindern diese Karriere-Etappen sie nicht daran, treffend, packend, demonstrierend, illustrierend, erläuternd, wortverführerisch zu schreiben, dass man der Musik und Person Beethovens immer näherkommt, und noch näher.

 

Mit dem Wort Überfall wird klar, es handelt sich um gewalttätige Charakterzüge des polternden Komponisten. Sie beschreibt die musikalische Setzung mit Tönen und Terz als sportlichen Tennisaufschlag, als Auftakt, als gigantischer Beginn einer Symphonie. Fanfarengleich bringt uns in eine gespannte Startposition, da ist etwas zu erwarten. Die Zeitdimension kommt hinzu, das Motiv ist knapp, und sie verbindet damit sofort auch schon die Reaktion des Zuhörers am Schlusspunkt des Satzes. Wir geraten durch dieses Motiv in gespannteste Aufmerksamkeit.

 

Diese Vorgehensweise, dieses Beschreibungstalent fasziniert den Leser von der ersten bis zur letzten Seite, denn dieses Buch, zum Auftakt des Beethoven-Jahres bei Blessing im Verlagshaus RANDOMHOUSE erschienen, bringt Mensch und Werk dermaßen plastisch zueinander, so hierarchiefrei, als hätte Adorno diktiert: Liebe Autorin, schreibe musikdemokratisch, will heißen vergiss das Elitäre.

Schon im Prolog schildert Christine Eichel uns einen Klavierwettbewerb. Während in Paris die Revolution gefeiert wird, feiert der Wiener Hochadel mit Prunk und geziertem Gehabe sich selbst, wer braunes Bier konsumiert und Würstel hat, braucht nicht zu revoltieren, brummelt Beethoven, der Freiheitsliebende. Er geht beim Klavierwettbewerb als Sieger vom Platz, seine Gegner loben den am Klavier fantasierenden Beethoven: „In dem jungen Menschen steckt der Satan. Nie habe ich so spielen gehört! Er fantasiert auf ein von mir gegebenes Thema, wie ich selbst Mozart nie fantasieren gehört habe.“

 

Eichels Sätze treffen punktgenau, wenn sie Beethoven beschreibt: Schwierige Kindheit, rebellisches Künstlertum, provokatives Auftreten, Enfant terrible der Musikgeschichte, arbeitsbesessen, selbstzerstörerisch, eruptives Wesen, Launen, grob, unbeherrscht, die Tugend der Höflichkeit bleibt ihm fremd. Eichel fasst zusammen: „Heute fasziniert gerade das Unangepasste dieser Künstlerexistenz.“

 

Die NEUNTE, das Schlusskapitel im Buch, gespielt bei Stalins Ankündigung der Verfassung, am Ende des Sechstagekrieges in Tel Aviv, als Europahymne vielfach intoniert, bei der Wiedervereinigung aufgeführt, bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Japan weltweit inszeniert, ist eine musikalische Erfolgsstory. Die Ode des Schlusssatzes verheißt „… neben Freude und Freiheit vor allem das große Wir“. Die Autorin nennt die NEUNTE „die eigentliche Schicksalssymphonie der Deutschen“.

 

Ihr Buch, mit erzählerischer Lust am Schreiben komponiert, ist eine sehr gut gelungene symhonische Dichtung zum Auftakt des Beethoven-Jahres, so erregend melodiös und rhythmisch und gewaltig wie Beethovens Musik selbst.

 

Christine Eichel Der empfindsame Titan. Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke. (Blessing)
 

 

 

Interview

ARD-Audiothek

 

Homepage der Autorin

Christine Eichel

 

Radio

RBB

 

Kritik

 

»Ein Meisterwerk. [...] Sprachlich hinreißend, historisch spannend und bei aller Faktendichte dennoch höchst unterhaltsam, ist „Der empfindsame Titan“ ein gelungener literarischer Auftakt des Beethovenjahres.« ARD

 

Die Leonardo-Biographie bei CHBECK

Es wird immer seltener, „das schöne Buch“ in Händen zu halten. Kartonummantelte Schnell-Seller überschwemmen den Markt, Wegwerfbücher, die nicht den Weg ins ewige Bücherregal finden, haben sich beim Leser durchgesetzt, sie brauchen keinen Platz. Die electronic-Ware ist sowieso auf dem Vormarsch. Von den CLOUD-Büchern gar nicht erst zu reden. Da kommt vom CH-Beck-Verlag die Biographie von Volker Reinhardt über LEONARDO DA VINCI DAS AUGE DER WELT auf den Rezensenten-Tisch.


Was für ein Buch, was für ein haptisches Erlebnis, das Cover fokussiert auf einem da Vinci Porträt das Auge der „Dame mit dem Hermelin“. Die Goldlettern der Überschrift faszinieren. Der goldende Umschlagkarton adelt den beschriebenen Allroundkünstler des letzten Jahrtausends. Die Bebilderung ist drucktechnisch grandios, gedruckt auf säurefreiem, alterungsbeständigem Papier.

 
Die technischen Zeichnungen Leonardo da Vincis sind groß genug abgedruckt, um die Einzelheiten mit dem Auge des Betrachters nachzuvollziehen. 


Ein wirkliches Lese- und Blättervergnügen dieses Buches. 
Zehntausende von Zeichnungen zeigen, was die Welt im Innersten zusammenhält und was menschliche Vorstellungskraft an Visionen hervorrufen kann, seien es nun Helikopter oder Unterseeboote, die Innenseite der menschlichen Körper oder die Außenseite der Natur. 
Apropos: Leonardo da Vinci war Außen-SEITER, der sah mit seinem Auge alles von einer anderen Seite als seine Zeitgenossen, auch als Anatom. 
Er galt schon zu Lebzeiten und bei alten Biographen als Außenseiter, als Verächter aller Werte, Normen und Regeln. Auch seine Malerei brach radikal mit Traditionen und Konventionen seiner Zeit. Mit neuen Maltechniken und Farben revolutionierte er die Malerei, kam jedoch zuweilen zeitlich mit der Lieferung verabredeter Werke ins Hintertreffen, wenn seine Schaffenskraft ihn selbst überrundete. 


Der Autor der Biographie verzichtet bewusst auf Hypothesen, Anekdoten und Stereotypen in der da-Vinci-biographischen Geschichtsschreibung. Volker Reinhardt zieht Textanalysen heran und finanzielle Hintergründe, um auf eine Art archäologische Wahrheitsfindung der Ausnahmeperson Leonardo da Vinci näher zu kommen. 


Ob Herkunft, Familie, frühe Prägungen, seine Zeit in Mailand, die späten Wanderjahre, die Schaffenszeit in Rom, die Suche Leonardos nach den Kräften der Natur, alle diese Buchkapitel ergeben ein immer klareres Bild des Rätsels da Vinci. 


Der üppige Buchanhang ist ausgezeichnet erarbeitet und fundiert mit einem gründlichen Verzeichnis der wichtigsten Gemälde versehen, eine Zeittafel und geographische Karte ist mit dabei, mit umfangreichen Anmerkungen und Literaturangaben versehen, mit Nachweis der Bildzitate und einem ausführlichen Personenregister ergänzt.
Der Historiker zieht im Schlusskapitel ein wichtiges Fazit über die Abwertung der Wortkultur: Sprache als Ausdruck von Individualität und moralischer Qualität werde heutzutage abgewertet, ja sogar der Lügenhaftigkeit verdächtigt.

 

Es zählt in diesen Zeiten mehr, was technisch machbar ist, trotzdem bleibt Leonardo da Vinci als Realität und Mysterium eine Quelle für Inspiration. Und dieses Buch wirkt durch Information ohne Manipulation.
Das ganze Buch ist Buchstabe für Buchstabe, Bild für Bild, Zeichnung für Zeichnung ein Beweis dafür und zugleich Quelle für weitere Inspirationen. 

 

Jana Revedin: „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“                                                          Das Leben der Ise Frank

Hundert Jahre Bauhaus – Gelegenheit, an Ise Frank zu erinnern, die Frau des Bauhaus-Gründers Walter Gropius. In einem biografischen Roman setzt Jana Revedin ihr jetzt das Denkmal, das ihr in der Männerwelt der Architektur bisher verwehrt wurde. Die 1965 in Konstanz geborene Autorin ist selbst Architektin und hat sich auf die Reformarchitektur der Moderne in ihren theoretischen Werken spezialisiert.

 

Nachdem sie international studiert und schließlich an der Universität Venedig promoviert und habilitiert hat, ist sie heute ordentliche Professoren an Architekturhochschulen in Paris und Lyon. Entstanden ist ein im Wesentlichen auf das Bauhaus konzentriertes Lebensbild der ersten Frau, die die revolutionären Thesen des großen Reformarchitekten Bruno Taut in dem von ihr und ihrem Ehemann Walter Gropius konzipierten, leider nicht erhaltenen „Direktorenhauses“ in Dessau umsetzte.

 

Dabei gelingt es Jana Revedin, eine atmosphärische Geschichte des Bauhauses ihrem Publikum zu vermitteln, das die großen Namen zwar noch kennt, das Moderne, das interdisziplinär Neue der Ausbildungsstätte Bauhaus und auch seine Verstrickung mit der Geschichte der Weimarer Republik nicht mehr parat hat.


Ise Frank entstammte einer großbürgerlichen jüdischen Familie, zu der ein über mehrere Länder verzweigtes Netz von Banken gehörte. Sie war in einer Münchner Verlagsbuchhandlung und als Literaturrezensentin tätig, als sie auf einer Veranstaltung in Hannover Walter Gropius kennenlernte, der bald um sie mit den Worten „Ich brauche Sie, Ise“ warb und den sie kurz danach heiratete. Sie folgte ihm nach Weimar, wo bald die „Völkischen“ die Macht übernahmen und einen Umzug erforderlich machten. Inzwischen hatte Ise Frank die Geschicke des Bauhauses mit ihrem eigenen Leben so verknüpft, dass sie bei ihrer Schulfreundin Gussi in Köln um eine Übersiedlung des für Weimar zu „linken“ Bauhauses an den Rhein anklopfte.

 

Gussi war die Ehefrau des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, der großzügige Bedingungen in Aussicht stellte. Aus Köln schrieb sie ihrem Walter Gropius: „Jeder nennt mich hier Frau Bauhaus“. Das Zitat hat den Titel des Buches ergeben. Aber das Bauhaus zog schließlich von Weimar nach Dessau um, wo Ise Frank die Öffentlichkeitsarbeit übernahm und das zentrale Kraftwerk der Einrichtung übernahm. Die Großen Künstler dieser Zeit machten alle am Bauhaus Halt und arbeiteten dort jahrelang: Paul Klee, Wassily Kandinsky, Marcel Breuer, László Mololy Nagy, Lyonel Feininger, Bruno Taut, Oskar Schlemmer oder Ludwig Mies van der Rohe. Mit ihnen lebte Ise Frank zwar nicht unter einem Dach, bewohnte mit ihnen aber doch eine geistig-künstlerische Ideengemeinschaft der demokratischen Moderne. Eng arbeitete sie mit ihrer Freundin, der Fotografin Irene Hecht, einer ungarischen Jüdin zusammen. 


Die Autorin beschreibt Gebautes und auch steckengebliebene Projekte, wie das mit Erwin Piscator zur Panorama-Aufführung von Brechts „Trommeln in der Nacht“. Sie verschweigt auch heikle, höchstpersönliche Situationen nicht, die in einer sich freiheitlich verstehenden Umgebung mit starken, eigensinnigen Persönlichkeiten nicht ausbleiben. Empathisch erzählt sie von der tot geborenen Tochter Paula, bei deren Geburt auch die Mutter Ise Frank in Lebensgefahr geriet. Ihr Buch hat die Autorin ihrer ebenfalls tot geborenen eigenen Schwester Tanja gewidmet. Die objektiven Vorgänge schildert sie historisch genau, die Dialoge, Gedanken und auch die inneren Monologe erfindet sie zwar dem Wortlaut nach – aber so oder so ähnlich wird wohl gesprochen und gedacht worden sein.

 

Dafür steht die umfassende Fachkenntnis der Autorin und ihr Einfühlungsvermögen in die Persönlichkeiten. Wunderbar, wie die sonst Fachpublikationen zur Architekturtheorie verfassende Autorin das belletristische Fach beherrscht. Sie schenkt ihrem Publikum ein Buch, das an eine fast vergessene, bedeutende Frau erinnert und in dem sie das prickelnde Flair des Bauhauses als Hoffnungsträger der modernen Architektur überzeugend literarisch einfängt.


Harald Loch
 
Jana Revedin: „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“
Das Leben der Ise Frank
DuMont, Köln 2018   Abbildungen 304 Seiten   22 Seiten

 

Alexander Kluy: George Grosz. König ohne Land

„Ein kleines Ja und ein großes Nein“ – immerhin! Dergestalt und gekonnt ambivalent überschreibt George Grosz „sein Leben von ihm selbst erzählt“ - der Untertitel deutet Distanz an. Das Buch ist unter seinem englischen Titel 1946 zuerst in den USA erschienen. Dorthin ist Grosz, seiner Verfolgung durch die Nazis zuvorkommend, schon 1933 ausgewandert. Eigentlich nur zum Sterben kehrt er 1959 in seine Heimatstadt Berlin zurück. Diesem herausragenden Künstler einer eigenen Moderne, von dem Kurt Tucholsky schrieb „Niemand hat das moderne Gesicht des Machthabenden so bis zum letzten Rotweinäderchen erfasst wie George Grosz“. 

 

Über diesen schonungslosen Realisten hat Alexander Kluy eine detailreiche, einfühlsame und glänzend geschriebene Biografie verfasst. Sie erzählt das Leben dieses widerständigen Künstlers entlang seiner äußeren Stationen: Berlin, Hinterpommern, Dresden, Berlin, immer wieder Paris und auf der Flucht, dann ein Vierteljahrhundert Amerika. Im Detail entwickelt sich die Lebensgeschichte unter der Feder des schon durch seine Biografie über Joachim Ringelnatz ausgewiesenen Kulturpublizisten Kluy aber in erster Linie anhand des überreichen Werks des Künstlers. Der Verlag hat dem Buch einen schönen kleinen Bildteil spendiert, der allerdings nicht annähernd das Gesamtwerk von Zeichnungen, Skizzen, Gemälden und Collagen repräsentiert.


Schon als Kind kommt Georg Ehrenfried Groß, als der er 1893 mitten in Berlin geboren wird, mit dem preußischen Militär in Berührung. Als sein Vater – Georg ist gerade sieben Jahre alt – plötzlich stirbt, nimmt seine Mutter eine Stellung als Köchin im Offizierskasino der Blücher-Husaren im pommerschen Stolp an. Zackige Hochnäsigkeit der Monokelträger, verlogene Vornehmheit der Uniformträger, Herrenmenschentum und Machtanspruch dieser, das wilhelminische Preußen beherrschenden Gesellschaftsklasse prägen sich ihm tief ein. Er erkennt sie wieder, als der Erste Weltkrieg verloren ist, die Novemberrevolution verspielt wird und Weimar keinen neuen Anfang findet. Er wird ein Linker, findet in der Kunstakademie in Dresden eine konventionelle Ausbildung, danach verständnisvollere Lehrer in Berlin.

 

Er fängt an, seine zunächst in der gerade gegründeten KPD geschärfte politische Überzeugung künstlerisch umzusetzen, geißelt die Wirklichkeit, die er täglich als ein Seh-Mensch wahrnimmt, zu skizzieren, zu zeichnen. Er will diese Wirklichkeit verändern helfen. Seine Bilder sind schonungslos, finden zunehmend Anerkennung im linksliberalen Bürgertum, werden zur politischen Gegenpropaganda gegen den wiedererstarkten militaristischen Geist eingesetzt. Vom organisierten Kommunismus verabschiedet sich der sich nun George Grosz nennende Künstler, wird aber kein „Renegat“, will aber seine Unabhängigkeit, seine geschärfte Individualität als Künstler behalten, bleibt ein Linker.


Kluy verfolgt seine künstlerische Entwicklung über seine maßgebliche Beteiligung an DADA zu gezielten politischen Entwürfen, über Buchillustrationen und vor allem anhand der sich täglich füllenden Skizzenblöcke, Steinbrüche für spätere ausführlichere Zeichnungen, zunehmend auch für Gemälde. Grosz wird bekannt, beliebt bei einem kleinen Teil, verhasst bei den Herrschenden. Er wird in Prozesse verstrickt, in denen die Freiheit der Kunst in allen Instanzen zu verteidigen. Sein Biograf kann anhand der erhaltenen Tagebücher und Briefwechsel, aus denen er gut ausgewählt zitiert, die Begegnungen mit den linken und halblinken Größen seiner Zeit nachvollziehen. Das zahllose Namen enthaltende, Grosz gewogene Who is Who der Weimarer Zeit beweist andererseits, wie dünn die Schicht demokratischer Kreise der immer gefährdeten Republik eigentlich ist. Die Vernetzung ist auch zur Sicherung des Lebensunterhalts erforderlich. Der wird eigentlich immer prekär bleiben. In seiner Ehefrau findet er eine solidarische Partnerin, die mit und an ihm leidet.


In den USA muss Grosz sich als Lehrer an einer privaten Kunstakademie verdingen, ehe er als Immigrant und Flüchtling vor den Nazis Anerkennung, Preise erringt und auch Verkäufe erzielt. Seine Inhalte werden weniger politisch, sein realistischer Stil wird in einer vom abstrakten Expressionismus zunehmend beherrschten Kunstwelt nicht mehr gefragt. Zeitlebens hat kein Verständnis für die Arbeiten eines Picass entwickelt. Er sieht bald nach dem Zweiten Weltkrieg keine künstlerische Zukunft mehr in Amerika und kommt 1959 in das Westberlin des Kalten Krieges zurück, wo er wenige Wochen später auf wenig würdige Weise stirbt. Nicht weit von Ringelnatz entfernt wird er auf dem schönen Landschaftsfriedhof an der Heerstraße (!) beerdigt.


Harald Loch
 
Alexander Kluy: George Grosz. König ohne Land 
DVA, München 2017   476 Seiten, farb. Bildteil   25 Euro

 

David Ben Gurion

Der 1945 in Jerusalem geborene israelische Historiker Tom Segev hat über David Ben Gurion eine materialreiche und kritische Biographie geschrieben, die von Ruth Achlama aus dem Hebräischen übersetzt wurde. Das Buch leistet eine Annäherung an die schwierige Persönlichkeit Ben Gurions. Es ist eine immer interessante Erzählung der Vorgeschichte der Staatsgründung und der Entwicklung Israels in den ersten Jahrzehnten seiner seither gefährdeten Existenz. Die Biographie führt in den Zionismus ein, den gedanklichen Motor für das Streben nach einem Staat Israel. Das Hauptverdienst dieser Biographie liegt in der Darstellung der streitbaren Auseinandersetzung innerhalb des israelischen Führungskreises um den richtigen Weg, ein vernünftiges Maß, den Wunsch nach beidem: militärischer Stärke und Frieden, um den Ausgleich zwischen religiösen und weltlichen Argumenten. Israel und seine führenden Politiker haben es sich nicht leicht gemacht hätten!
Tom Segev hält mit seiner gut begründeten kritischen Haltung zu Ben Gurion nicht zurück. Der war 1886 im seinerzeit zu Russland gehörenden polnischen Städtchen Płońsk geboren, lernte früh die Ideen des Zionismus kennen und wanderte 1906 in dem Osmanischen Reich angehörende Palästina aus. Er entwickelte dort eine intensive Tätigkeit, um den Traum von einem Staat zu verwirklichen, in dem die Juden nicht wie überall sonst in der Minderheit und von Verfolgungen bedroht wären. Er unternahm Reisen nach Saloniki und Istanbul, begann dort ein Jurastudium und gelangte während des Ersten Weltkriegs in die USA, wo er seine Frau Paula kennenlernte, mit der er nach Kriegsende nach Palästina zurückkehrte. Das stand nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches unter einer vom Völkerbund vergebenen britischen Mandatsverwaltung, mit der es ständig um Einwanderungsquoten für Juden aus Europa ging und die auch die Rechte der arabischen Bewohner Palästinas zu berücksichtigen hatte. Es ging schon damals immer um Land und Leute und um Grenzen. 


Während des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust erreichten Ben Gurion in Israel Nachrichten über ein angebliches Nazi-Angebot, viele Juden aus dem deutschen Machtbereich gegen hohe Zahlungen freizulassen. Tom Segev wiederholt seine schon früher aufgestellte These, dass damals die Rettung eines Teils der europäischen Juden versäumt wurde. Wie realistisch diese Möglichkeit war, bleibt offen. Jedenfalls scheiterten Geheimverhandlungen mit deutschen Stellen an der britischen Weigerung, hinter dem Rücken der Sowjetunion Separatgespräche mit dem gemeinsamen Feind zu führen. Das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis belastete später auch die Annäherung zwischen der jungen Bundesrepublik und Israel, bei der es dann um erhebliche Zahlungen Bonns an den Staat und um das ging, was man „Wiedergutmachung“ nannte.


Tom Segev erzählt anhand des Lebenslaufs von Ben Gurion von den vielen Einwanderungswellen nach Palästina und später nach Israel. Er berichtet über die Kriege, die Israel gegen seine Nachbarn führte, über die Auseinandersetzungen innerhalb der Führung, wenn es zu israelischen Übergriffen gegen Palästinenser kam. Er erzählt von den Aktivitäten Ben Gurions auf der internationalen Bühne, von den Wahlkämpfen in Israel, von Intrigen und Anfeindungen innerhalb der Regierung und der Knesseth, von den Bemühungen um Geldbeschaffung bis zu der Entwicklung des israelischen Atomprogramms, das als Lebensversicherung für Israel angesehen wurde. 


Die Biographie ist eine bestens dokumentierte, glänzend geschriebene große Erzählung über die Gründung Israels und seine ersten Jahrzehnte. In ihr begegnet der Leser den wichtigsten Namen der israelischen Politik von Chaim Weizmann über Begin, Moshe Dayan, Golda Meir zu Schimon Peres. Wichtige internationalen Staatsmänner, hatte Ben Gurion persönlich kennengelernt: De Gaulle, Kennedy und Adenauer. In jungen Jahren hat er Lenin in Moskau erlebt, später Churchill kurz vor dessen Tod. Beide hat er bewundert. Mit allen und vielen in Israel kreuzte Ben Gurion die Klingen, fand nicht nur vorteilhafte Kompromisse, musste seine Mehrheiten in Israel immer wieder mit Rücktrittsdrohungen erzwingen und war später am Ende seiner lebenslang für den Staat Israel verausgabten Kräfte. Wenn es ein Biograph schafft, neben der politischen Seite eines Mannes wie Ben Gurion auch seine nicht immer im vorteilhaften Licht erscheinende persönlich Seite dem Leser nahezubringen, ist das Kunststück perfekt: Ein bleibendes Geschenk an das Publikum zum 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel.


Harald Loch


Tom Segev: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Siedler, München 2018   800 Seiten 27 s/w Abb.   35 Euro 
 
 

 

Beethoven - Der Schöpfer und sein Universum

Titel Martin Geck BEETHOVEN Der Schöpfer und sein Universum SIEDLER


Autor Martin Geck ist Professor für Musikwissenschaft an der Universität Dortmund. Seine Bücher zur Musikgeschichte und seine Biographien großer Komponisten (u. a. über Mozart und Schumann) wurden von der Kritik hoch gelobt und in ein Dutzend Sprachen übersetzt; für sein Buch über Johann Sebastian Bach wurde er mit dem Gleim-Literaturpreis ausgezeichnet. Bei Siedler erschienen zuletzt seine Biographien über Matthias Claudius und Richard Wagner.


Gestaltung 510 Seiten, Vorwort, 12 Kapitel, Epilog, Anmerkungen, Bibliographie, Werkregister, Personenregister und Bildnachweis. Den Kapiteln sind erläuternde Bild-Konstellationen und Zitate vorangestellt, im Textteil  auch erläuternde Noten-Beispiele


Cover Beethoven Kopf-Porträt mit grauer Wuschel-Mähne 


Zitat „Bei aller Ausdehnung hat das Beethoven-Universum ein Zentrum, nämlich seine Werk“ 

 

Meinung Als ich vor Jahren das Beethoven-Museum in Bonn besucht habe und in keiner Ecke der Ausstellungsräume Musik des Genies ertönte, war ich verzweifelt ob der musealen Verantwortungslosigkeit. Das Museum zum Anfassen war längst auf der Welt, das Musik-Museum zum Mithören war noch nicht mal in den Geburtswehen. Als ich Martin Gecks einmalige Biographie über den „Schöpfer und sein Universum“ in die Hand nahm, erinnerte ich mich an die Begebenheit und es kam mir so vor, als wäre dieses detail- und kenntnisreiche Buch geradezu eine „Bastelanleitung“ für ein lebendiges tönendes Beethoven-Museum. Es hat nämlich eine Eigenart, wie biographische Bücher sonst ganz selten. Es hat eine eigene flüssige Handschrift, eine überzeugende Struktur und vor allem es gesellt sich zu der Person Beethovens eine Reihe von Zeitgenossen dazu, die Beethovens Werke quasi so nebenbei erläutern, illustrieren, klar machen.

 
Ja, Beethoven und Napoleon Bonaparte haben den „Titanismus“ gemeinsam wie auch Wilhelm Furtwängler. Diesen weiten Bogen schlägt der Autor im Beethoven-Universum, um seinem Werk ein unverwechselbares Profil  zu geben, „ …weil es um eine zutiefst menschliche Schöpfung geht – mit all ihren Höhenflügen und Verzagtheiten, Kampfesgesten und Friedensbotschaften.“ 
Napoleon ist für Beethoven die „Lichtgestalt“: „Im Bereich der Kunst will es Beethoven dem großen Bruder gleichtun.“ Furtwängler propagiert die “geistige Macht der deutschen Innerlichkeit“: „Durch Niemanden wird Gewalt und Größe deutschen Empfindens und Wesens eindringlicher zum Ausdruck gebracht“. 


Mit diesem biographischen Personen-Panorama kombiniert Geck Bach, Aldous Huxley und Glenn Gould, Rousseau, Bernstein und Tintoretto, Richard Wagner, Thomas Mann und Hans Eisler, er kontrastiert auch die Komponisten, die im Schatten Beethovens komponieren: Schubert, Mendelssohn-Bartholdy und Franz Liszt. Fazit des Autors, der selbst ein geniales biographisches Konzept für dieses Buch „komponierte“. 
Zitat: “Die in seiner Zeit propagierte Selbstermächtigung des Menschen erlebte er nicht nur als wachsende Verfügungsgewalt des Komponisten über sein Material; vielmehr spiegeln seine Werke zum Ende hin zunehmend den Prozess der Fragmentierung alles Gesellschaftlichen und das Sich-Fremd-Werden der Einzelnen. Doch das alles geschieht ohne Resignation. Leidenschaftlich und kämpferisch steht Beethovens Musik für ein Glück ein, das es noch zu erringen gilt.“ 


Ein differenziertes, nicht immer leichtes aber erzählerisch fließend lesbares, großartiges Buch, eher für den Klassik- und Beethoven-Kenner als den Klassik-Zögling. 

 

Leser Beethoven-Fans, Mozart-Fanatiker, Musik-Studierende, Dozenten und Biographie-Autoren

 

LINKS https://www.br-klassik.de/aktuell/br-klassik-empfiehlt/buecher/buch-tipp-martin-geck-beethoven-schoepfer-universum-100.html


https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/cluster/geck-beethoven-der-schoepfer-und-sein-universum/-/id=10748564/did=20472762/nid=10748564/z1vj81/index.html


http://www.ardmediathek.de/radio/kulturradio-vom-rbb-Lesestoff/Martin-Geck-Beethoven-Der-Sch%C3%B6pfer-un/kulturradio/Audio-Podcast?bcastId=48866420&documentId=49393874

 

PRESSE


»Martin Gecks neues Beethoven-Buch ist ein großer Wurf. (...) Womöglich ist das beste Buch zum anrollenden Beethoven-Jahr 2020 schon erschienen.« DIE ZEIT (23.11.2017)

 

»Dieses Buch [ist] ein "Must have" für jeden Beethoven-Interessierten und -Kenner.« BR Klassik (26.10.2017)

 

»Martin Gecks kluge neue Biografie nähert sich dem Komponisten abseits von Kult und Klischee.« Süddeutsche Zeitung, Beilage zur Frankfurter Buchmesse (10.10.2017)

 

»Auf jeden Fall ein absolut lesenswertes, spannendes, fundiertes und geistvolles Buch.« Deutschlandfunk Musikjournal (18.09.2017)

 

»Fantastisch geschrieben und für jedermann gut lesbar. (...) Ein großes Buch eines großen Musikwissenschaftlers.« SWR 2 Buchkritik (25.10.2017)

Briefwechsel Hannah Arendt

Hannah Arendt: Wie ich einmal ohne dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen - Briefwechsel mit fünf Freundinnen


Hannah Arendt war eine fleißige Korrespondentin. Ihre Briefwechsel mit ihrem Heidelberger Doktorvater Karl Jaspers, mit Martin Heidegger, ihrem Ehemann Heinrich Blücher, mit Walter Benjamin oder Uwe Johnson sind längst veröffentlicht und von der Forschung intensiv rezipiert worden. Bislang war der Briefwechsel mit ihrer langjährigen Freundin Mary McCarthy als einziger mit einer weiblichen Korrespondentin ediert5 worden. Die beiden Arendt Forscherinnen Ingeborg Nordemann und Ursula Ludz haben jetzt gleich fünf weitere Korrespondenzen mit Freundinnen herausgegeben und kenntnisreich kommentiert. Für das gesamte umfassende Briefwerk der 1906 in Hannover geborenen, in Königsberg aufgewachsenen, vor den Nazis über Paris in die USA geflohenen und 1975 in Manhattan gestorbenen Denkerin gilt, was die Herausgeberinnen in ihrem Vorwort schreiben: „Hannah Arendts hinterlassene Briefe mit Freunden und Freundinnen führen mitten in die Gedankenwelt der politischen Philosophin, aber in ihrer unvoraussehbaren dialogischen Dynamik auch über sie hinaus.“ Wer waren die jetzt als Korrespondentinnen öffentlich herausgehobenen Frauen?


Anne Weil-Mendelsohn war Hannah Arendts „beste Freundin seit ich 14 Jahre alt bin“. Sie kannten sich als Schülerinnen aus Königsberg, studierten beide unabhängig voneinander Philosophie - Anne Promovierte bei Ernst Cassirer – und näherten sich mit ihren Ehemännern in der Pariser Emigration wieder. Der Briefwechsel setzt wohl erst in den USA ein; erhalten sind nur die Briefe von Anne Weil. Sie wurde nach dem Tod ihrer Freundin eine wichtige Quelle für die maßgebliche Arendt-Biografie von Young-Bruel. Leitmotiv der Freundschaft und der Korrespondenz blieb ein frühes Buchgeschenk Annes an Hannah, ein Buch von und über Rahel Varnhagen.
Die Freundschaft mit der schon 1950 gestorbenen Hilde Fränkel dauerte nur wenige Jahre. Hannah Arendt sprach von einer „erotischen Genialität“ ihrer Freundin, von einer „Intimität“ und einem „Glück“, das „umso größer ist, weil sie keine Intellektuelle“ sei. Die Korrespondenz führte oft über den Atlantik hinweg, wenn Hilde in New York blieb und Hannah auf Europareise war. Eine Postkarte aus einem Heidelberger Gasthaus vom Dezember 1949 macht den Anfang. Im Februar 1950 schreibt Arendt an die Freundin: „Über Deutschland könnte man Bände schreiben…Die Nazis (genannt Mitläufer) ziehen gerade jetzt wieder in alle ihre alten Stellen, gebärden sich dabei, als ob sie ein selbstverständliches Recht auf alle Stellen hätten. In Heidelberg sagte man mir gerade, dass man unter politisch Verfolgten, für deren Rehabilitierung sich alle Welt einsetzt, nur noch Nazis versteht.“ Anlässlich eines Besuchs von Hannah bei Heidegger schreibt der ein kleines Gedicht „für die Freundin der Freundin“…


Charlotte Beradt war die Dritte im Bunde einer nicht ganz aufgehenden „ménage trois“ zwischen ihr, Hannah Arendt und deren Ehemann Heinrich Blücher. Sie hatten sich Anfang der 1940er Jahre in New York kennengelernt. Manche Irritation stellte sich im Laufe der Korrespondenz ein. Besonders drastisch, als sich Hannah Arendt bei ihrem Ehemann nach der Anrede „Liebster“ darüber beschwert, dass er  vergessen hatte, ihr in Genf zum Geburtstag zu gratulieren. „Dies habe ich die Absicht, Dir bis an unser seliges Ende unter die Nase zu reiben. Immerhin, falls Du es vergessen hast, ich bin jetzt 50 Jahre.“ Und sie vergisst nicht, ihrem abgelenkten Ehemann nach New York zu schreiben, dass ihr „Jaspers, per Eilboten, damit es mich auch ja am Sonntag erreicht“, geschrieben hat.


Rose Feitelson war Freundin und Übersetzerin einiger Arbeiten von Hannah Arendt ins Englische. Sie war keine Emigrantin, sondern in New York geborene Jüdin, die erst durch die Bekanntschaft mit Hannah Arendt in Kontakt zu einer außerjüdischen Lebenswelt kam. Ihr Briefwechsel zwischen 1952 und 1963 betrifft politische Inhalte, besonders zu Arendts Berichterstattung über den Jerusalemer Eichmann-Prozess und deren Rezeption in den USA.


Schließlich Helene (Helen) Wolff, die überlebende Gattin des legendären Verlegers Kurt Wolff, dessen Werk sie nach dessen Tod fortsetzte. Hier geht es natürlich um verlegerische, editorische Fragen. Die Korrespondenz wendet sich erst spät vom „Sie“ zum „Du“ und enthält aufschlussreiche Querverbindungen etwa zu Günter Grass oder Uwe Johnson. Es geht um die von Arendt aus einer freundschaftlichen Distanz mitbetreute amerikanische Jaspers-Ausgabe sowie die englische Übersetzung wichtiger Texte Walter Benjamins. Ihrem Briefwechsel ist der Titel der gesamten Ausgabe dieser fünf Korrespondenzen entnommen.


Für alle fünf Briefwechsel gilt das typische Arendt-Wort aus ihrem Denktagebuch: „Freundschaft ist eine eminent republikanische Tugend“!

 
Harald Loch


Hannah Arendt: Wie ich einmal ohne dich leben soll, mag ich mir nicht vorstellen - Briefwechsel mit den Freundinnen Charlotte Beradt, Rose Feitelson, Hilde Fränkel, Anne Weil und Helen Wolff
Herausgegeben von Ingeborg Nordmann und Ursula Ludz
Piper, München 2017   678 Seiten   38 Euro

 

Patrice Gueniffey: Bonaparte 1769 – 1802

Bis zu seiner Heirat mit Josephine hieß er Buonaparte nach seinen italienischen Vorfahren auf Korsika. Danach schrieb er sich, inzwischen ganz Franzose geworden, Bonaparte. Als er 1804 zum Kaiser gekrönt wurde, nannte er sich Napoleon. Die Literatur über ihn ist unübersehbar. Jetzt gilt es eine neue Biografie anzuzeigen, die zwar nur bis zu seiner Ernennung und Wahl per Volksentscheid zum Ersten Konsul auf Lebenszeit im Jahre 1802 reicht. Sie beschreibt also die ganze Epoche der „grande armée“ bis zu Leipzig und Waterloo nicht mehr, erzählt aber den märchenhaften Aufstieg eines politischen und militärischen Genies in bisher nicht gelesener Deutlichkeit, Eleganz und ausgewogener Urteilskraft. Patrice Gueniffey hat sie verfasst.

 

Er ist Historiker an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales. Sein herausragendes Verdienst ist es, das spannungsreiche Verhältnis zwischen Bonaparte und den verschiedenen Etappen und Ausprägungen der Französischen Revolution in ein nachvollziehbares Urteil zu gießen. Mit dem von ihm angeführten Staatsstreich vom 18. Brumaire VIII des französischen Revolutionskalenders – also dem 9. November 1799 – endete die Französische Revolution, aber in den drei Jahren als Erster Konsul sicherte Bonaparte den Bestand ihrer „nachhaltigen“ Ergebnisse und überwand manche ihrer nicht haltbare Auswüchse. Er setzte den seine Macht erhaltenden Terror fort, veranlasste aber auch die zivilisatorische Großleistung des „code civil“ mit der Einführung von Zivilehe und Scheidung. Er blieb irgendwie den Grundideen der Revolution verbunden, war aber zugleich „postrevolutionär“. War er ein „aufgeklärter Despot“?


Der Weg dahin war dem in ein korsischen-nationalistisches Milieu Geborenen nicht in die Wiege gelegt. Er wurde auf französischen Militärschulen zum „Franzosen“ erzogen und legte mit seinen glänzenden Feldzügen in Italien und – trotz seiner eigentlichen Niederlage – in Ägypten den Grundstein für seine Popularität und für seinen Machtanspruch in Paris. Sein Biograf erzählt die Geburt eines Genies, oder auch die Entdeckung seines eigenen Genies durch Bonaparte in vielen interessanten Details.

 

Er verfügt über einen eleganten, stets im Dienste der Vermittlung von entscheidenden Tatsachen stehenden Stil. Das Übersetzerteam hat für die deutschen Leser hervorragende Arbeit geleistet. Die im Text immer wieder eingestreuten Zitate von Bonaparte selbst, von seinen Zeitgenossen aber auch von Historikern der Gegenwart vermitteln einen abwechslungsreichen Lesegenuss. Die vom Autor eingesetzte Urteilskraft entscheidet oft zu Gunsten des Bildes, das er von Bonaparte zeichnet. Seine Kritik setzt meist an dessen – seltenen – Fehlschlägen ein. Es ist eine eher machiavellistische Kritik, ohne dass Gueniffey den republikanisch-demokratischen Grundkonsens aufgibt.

 
Im persönlichen Bereich scheut der Biograf keine Details, obwohl sie nicht im Mittelpunkt stehen. Bonapartes Beziehung zu Frauen, vor allem zu seiner die Abwechslung liebenden Gattin Josephine charakterisiert Gueniffey durchaus im Geiste der damals sehr freizügigen Zeit, nicht ohne den Anflug von Genuss. Aber er widmet sich viel stärker den politischen und auch den militärischen Details. Seine genaue Beschreibung der einzelnen Etappen auf Bonapartes Aufstieg ist immer interessant. Sie zeugt von genauem Studium vor allem der umfangreichen Selbstzeugnisse des Aufsteigers und seiner Umgebung und von einer Beobachtung der zeitgenössischen Presse. Ein Meisterstück ist das Kapitel über die kaum glaubliche, intensive Einflussnahme Bonapartes als Erster Konsul auf die Redaktion des Code Civil, die er eigentlich einem auf Ausgleich gerichteten Monarchisten Portalis übertragen hatte, der die Vorleistungen des römischen Rechts einarbeitete.

 

Er selbst setzte dem epochalen Werk dann noch die „rote Mütze der Revolution“ auf. Das monumentale Werk von Patrice Gueniffey enthält viele solcher Glanzstücke, wird durch dekorative Bildtafeln, Landkartena und eine für weiterführende Studien hilfreiche, umfangreiche Bibliographie ergänzt. Das kostbare Buch ist mit großem Gewinn und noch dazu kurzweilig zu lesen.


Harald Loch


Patrice Gueniffey: Bonaparte 1769 – 1802
Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer, Tobias 

Marie NDiaye: Die Chefin. Roman einer Köchin

Auf die Perspektive kommt es an! Ein älter gewordener junger Mann erzählt von einer Künstlerin, von ihrer gelebten Philosophie der ehrlichen Einfachheit, von seiner ungewöhnlichen Liebe zu ihr, von seinen Enttäuschungen. Marie NDiaye wählt für ihren fabelhaften Roman „Die Chefin“ diese Perspektive. Der Erzähler ist befangen in seiner Subjektivität. Sein Bild von seiner Chefin ist verklärt und damit um so schöner. Nur er kann sie so ideal beschreiben, so literarisch beglaubigen, ihr Leben in und um Bordeaux so wirklich nacherleben lassen – der Einfall der Autorin ist genial. Die Chefin ist in einer einfachen und armen und kinderreichen Familie geboren. Ihre Eltern haben keine Ambitionen, wollen nicht aufsteigen, arbeiten hart und ermöglichen ihren Kindern, vor allem der späteren „Chefin“ einen glücklichen Anfang.

 

Als Sechzehnjährige geht sie in den Haushalt einer wohlhabenden Familie, in der sie in der Küche hilft und für die sie während eines Sommeraufenthalts in deren Ferienaus in den Landes am Atlantik plötzlich kochen soll und darf. Hier erwacht das Genie der Köchin, die sich später in Bordeaux selbständig machen, ein Restaurant eröffnen wird, das „La Bonne Heure“ und neben anderen einen jungen Koch einstellt, den Erzähler in diesem schönen Roman. „Die Chefin“ ist nicht „auf Plot“ geschrieben, fließt ohne aufgesetzte Spannung in einer eleganten Sprache dahin, die die kongeniale Übersetzung von Claudia Kalscheuer auch den deutschen Leser begeistern lässt. Das Werk ist klug, nie langweilig, es besticht durch eine dem Menschen zugewandte Poesie und ist von bewundernswerter Statik.


Der Erzähler lebt in der guten Mitte seines Lebens inzwischen in einem spanischen Rentnerparadies, in dem sich Wohlhabende zu gutem Essen und reichlichem Trinken bei nichtssagenden Gesprächen treffen. Er erwartet hier den Besuch seiner Tochter, die er kaum kennt. Sie stammt aus einer längst aufgelösten Beziehung und hat bei ihrer Mutter in Kanada gelebt. Jetzt ist sie erwachsen. Wenn er über sich selbst erzählt – die Passagen sind auch graphisch abgesetzt – schwingt ein gewisser Überdruss mit. Er erinnert sich an die Glanzzeiten des Restaurants „La Bonne Heure“ und eben an die Chefin. Was er über sie weiß, hat er von ihr, was sie ihm in langen Gesprächen nach dem Abendservice in der Küche des Restaurants von sich erzählt hat. Den Rest hat er selbst recherchiert. Meist ohne ihr Wissen. Aber was er den Lesern über sie erzählt, über ihr ungewöhnliches Wesen, ihre Einstellung zu den von ihr entwickelten Gerichten, zu den natürlichen Produkten, zu ihren Gästen, zu den Menschen überhaupt, das weiß er aus eigenem Erleben. Er erzählt, wie er die doppelt so alte Chefin geliebt hat, von ihr allenfalls in einer Andeutung wahrgenommen. Er erzählt von ihrer Intelligenz, die ihr kaum jemand zutraute, die ja nur mit Mühe lesen und schreiben konnte. Er erzählt von ihrer Würde von der nie in Frage gestellten Liebe zu ihrer Tochter, die sie mit dem Gärtner der ersten Familie hatte, bei der sie kochen musste und durfte.


Diese Tochter wird dann der Chefin zum Verhängnis. Sie dominiert als junge Frau ihre Mutter und wirtschaftet mit nordamerikanischen Methoden das inzwischen mit einem vom Guide verliehenen Stern ausgezeichnete Restaurant so weit herunter, dass es seine Gäste verliert und am Ende schließt. Das Verhältnis zwischen der Chefin und ihrer Tochter trübt das Glück des Lesers über das einfache, auch philosophisch unterlegte Genie der Mutter. Der Erzähler wird kurz vor der Schließung des „La Bonne Heure“ entlassen und verliert seinen idealisierten Lebensinhalt. Wenn die Trauer des Erzählers und auch des Lesers unerträglich wird, wendet sich das Blatt noch einmal zum Ende beglückend und überraschend. Nicht etwa ein wohlfeiles Happy End sondern ein schöner Schluss, unerwartet aber nach allem Erzählten plausibel und richtig, beendet dieses Meisterwerk von Marie NDiaye. Ihren im Jahre 2009 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Drei starke Frauen“ setzt sie mit „Die  Chefin“ eindrucksvoll fort - große französische Literatur der seit einem Jahrzehnt auch in Berlin lebenden Autorin.


Harald Loch


Marie NDiaye: Die Chefin. Roman einer Köchin
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Suhrkamp, Berlin 2017   333 Seiten   22 Euro

 

LENIN - Ein Leben

Vor hundert Jahren veränderte er die Welt, teilte sie in zwei Entwürfe, stellte den halben Erdball auf den Kopf und „lebt“ bis heute – einbalsamiert in einem Mausoleum. Er wird verehrt von einem Volk, dessen heutiger Machthaber der Enkel des Kochs dieses asketischen Revolutionärs war. Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich später Lenin nannte, ist als Politiker oft beschrieben worden. Er wusste mit seiner Schrift „Was tun?“, was notwendig war, er setzte sich gegen alle Widerstände durch und hatte keine Skrupel, die Theorie von Marx und Engels den praktischen Notwendigkeiten anzupassen. Er war ein Marxist des Sachzwangs und ein in der Praxis erfolgreicher Theoretiker der Revolution. Als solcher galt er der halben Welt als Vorbild. Sein Bekenntnis zum Terror als notwendiges Instrument zum Machterwerb und -erhalt forderte zahllose Opfer. Der von ihm als „zu grob“ nicht empfohlene, acht Jahre jüngere Nachfolger Stalin vervielfältigte diesen Terror. Nachahmer in weiten Teilen der Welt begingen millionenfache Verbrechen auch im angebeteten Namen Lenins. Was für ein Mansch war er und was hat er für ein Leben geführt?


Der 1956 in Budapest geborene britische Historiker Victor Sebestyen hat soeben eine Lebensbeschreibung vorgelegt, die einen persönlicheren Blick auf Lenin wirft als seine Bewunderer und seine Richter. Der Gewinn dieser Perspektive ist durchaus ein historischer. Einerseits entsteht ein scharfes, keineswegs immer unsympathisches Porträt eines hochintelligenten Menschen, der bescheiden lebte und einer eigenen sozialistischen Moral folgte, die von vielen seiner korrupten Mitstreiter und Nachfolger verraten wurde. Dieses Bild von Lenin wächst aus einem Panorama der Epoche hervor, das die Zustände im zaristischen Russland, die beginnende Internationalisierung der sozialistischen Arbeiterbewegung und die revolutionären Zustände im Jahre 1917 bis zu Lenins Tod am 21. Dezember 1924 abbildet. Diese Fakten sind erforscht und vielfach beschrieben. Sie mit dem persönlichen Leben Lenins abzugleichen, sie aus zeitgenössischen Quellen authentisch zu zitieren, ist das Verdienst des Autors.

 

Er hält sich mit eigenen Urteilen nicht zurück, die den Menschen Lenin nicht aus dem Blick verlieren. Er ist 1870 in der bürgerlichen Kleinstadt Simbirsk geboren wie sein späterer Widersacher Kerenski auch, der als Ministerpräsident der provisorischen Regierung von der Revolution gestürzt werden sollte. Der junge Wladimir war ein hervorragender Schüler, immer der beste, unauffällig in seinem Verhalten. Erst als sein älterer Bruder Alexander 1887 an seinem 21. Geburtstag wegen der Vorbereitung eines Attentats auf Zar Alexander III. gehängt wurde, politisierte sich Waldimir und radikalisierte sich im universitären Untergrund, so dass er bald verbannt wurde.

 

Dort, in Sibirien heiratete er Nadeshda Krupskaja, die sein Leben fortan als sozialistische Revolutionärin teilte. Als Externer schloss Wladimir als Jahrgangsbester das Jurastudium an der Petersburger Universität ab und war kurze Zeit als Rechtsanwalt tätig, musste aber bald und wiederholt ins Exil gehen. In den folgenden Jahren war in der Schweiz, in Paris, mehrmals auch Berlin, wo er 1895 im Deutschen Theater die zunächst von der Polizei verbotene Aufführung von Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ sah, in Italien bei Maxim Gorki, mit dem ihm zeitlebens Freundschaft und politische Meinungsverschiedenheiten verbanden. Ein besonderes Kapitel widmet Sebestyen der legendären Fahrt im versiegelten Eisenbahnwaggon durch das Deutsche Reich nach Schweden. Mit höchster Billigung der Deutschen sollte Lenin nach Russland geschmuggelt werden, damit er dort die Revolution entfesseln sollte und danach einen Separatfrieden mit Deutschland schließen würde, das auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkrieges dringend Entlastung von dem Zweifrontenkrieg suchte.


Überall lebte Lenin bescheiden, nahe am Prekariat. Er war menschlich zuverlässig, in politischen Fragen unnachgiebig und seiner Theorie folgend, dass nur absolut sichere Genossen die Gewähr für eine erfolgreiche Revolution bilden könnten. Deshalb betrieb er in allen Vorläufer-Organisationen immer wieder Spaltungen, um die „reine Lehre“ – das wurde zunehmend ausschließlich seine Lehre – durchzusetzen. Vor 100 Jahren, im Oktober 1917 hatte er damit Erfolg. Dieses Kapitel steht im Zentrum und auch am Anfang des im Übrigen chronologisch aufgebauten Buches. In ihm wird den in früheren Veröffentlichungen oftmals im Schatten Lenins stehenden Frauen eine historische Aufwertung zuteil: Seiner Frau, der Krupskaja, die eine zuverlässige und unentbehrliche Mitarbeiterin war, seiner Geliebten Inessa Armand, die auch zur Freundin seiner Frau wurde und die ihn auf einem wichtigen Kongress in Brüssel vertrat, seiner Mutter Maria Alexandrowna, die ihn immer wieder im Exil mit Geld unterstützte. Die Feministin Alexandra Kollontai wurde unter ihm die erste Ministerin der Welt, später auch die erste Frau, die einen Botschafterposten bekleidete. Affären hatte er nicht. Die ménage à trois mit der Krupskaja und Inessa hatte nichts Anstößiges an sich. Ganz anders als sein mörderischer Terror gegen die Kulaken, die Kronstadt-Matrosen und die orthodoxe Kirche nach der erfolgreichen Revolution. 


Das von Satz zu Satz spannend zu lesende Buch enthält einen informativen Anmerkungsapparat, eine internationale Bibliografie und zur Erleichterung des Lesers einen Anhang „Dramatis Personae“ mit Kurzangaben zu den darin aufgeführten Personen. Die Prominentesten sind Stalin und Trotzki, der Geheimdienstgründer Felix Dscherschinski und Maxim Gorki.
Harald Loch
 
Victor Sebestyen: Lenin. Ein Leben
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz, Karin Schuler und Henning Thies
Rowohlt Berlin, 2017   704 Seiten   29,95 Euro​

Albert Speer - eine deutsche Karriere

Die Richter in Nürnberg hätten es wissen können – sie ließen sich von einem vorgetäuschten Einverständnis mit dem umstrittenen Tribunal einwickeln. Eine Generation von Nachkriegshistorikern hätte es wissen können – wenn sie in die Quellen gesehen hätten. Die ganze, durchaus an dieser Personalie interessierte Welt ist von Albert Speer an der Nase herumgeführt worden, als hätte es den von ihm gespielten „Guten Nazi“ geben können. Er habe nichts gewusst von den Verbrechen der Nazis, er staune selbst darüber, dass er nichts gewusst habe, obwohl er es doch hätte wissen müssen. Über Jahrzehnte hielt sich dieses Bild des genialen Architekten und Rüstungsorganisators, der zum engsten Führungs- und Insiderkreis um Hitler gehörte. Am Ende habe er sogar die befohlene Selbstzerstörung der verbliebenen Rest-Industrie des niedergerungenen Nazireiches verhindert. Ein ich sich nicht einmal schlüssiges Lügengewebe hat gegenüber der seriösen „wissenschaftlichen“ Geschichtsschreibung und auch dem investigativen Journalismus über viele Jahre gehalten. Dabei hätte kein Staatsanwalt ihm sein unplausibles Märchen abgenommen. 


Am Ende, eigentlich erst nach Speers Tod kam alles langsam heraus. Der 1964 geborene Magnus Brechtken, stellvertretender Direktor des Instituts für Zeitgeschichte und Münchner Professor entlarvt jetzt mit einem groß angelegten Werk die Lügengeschichten und prangert das Versagen von Wissenschaft und Journalismus in scharfen Tönen an. „Eine deutsche Karriere“ lautet der Untertitel des auf intensivem Quellenstudium und zeitgeschichtlicher Forschung basierenden Buches.

 

Seine „Hauptangeklagten“ neben Speer selbst sind der Mitautor seiner Bücher und Speer-Biograf Joachim Fest und sein Verleger Wolf Jobst Siedler. Vor und nach ihnen plapperten alle den von Speer selbst vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal vorgegebenen Tenor nach. Das hatte Speer zu damals „milden“ 20 Jahren Freiheitsstrafe im Spandauer Kriegsverbrecher-Gefängnis verurteilt, die er bis auf den letzten Tag verbüßt hat. Begnadigungsinitiativen von deutschen Politikern von Globke bis Willy Brandt scheiterten sämtlich am Widerstand der Veto-berechtigten Sowjetunion. Aus dem Gefängnis heraus bereitete Speer sein Leben in Freiheit mit herausgeschmuggelten Kassibern vor, ließ bei namhaften Unterstützern mehrere Hunderttausend D-Mark auf einem sogenannten Schulgeldkonto für seine Frau und die sechs Kinder einsammeln und verpflichtete vor allem seinen ehemaligen leitenden Mitarbeiter Rudolf Wolters zu Stillschweigen.


Brechtken teilt sein stilistisch hervorragend durch das Leben Speers und die Zeitgeschichte führendes Buch in zwei Teile: Im ersten beschreibt er Speers Leben und Wirken bis 1945, im zweiten seine Legenden und Lügen danach und die – unfreiwilligen – Helfer bei deren Verbreitung. Die wesentlichen Abweichungen von der Wirklichkeit sind so gravierend, dass ihm in Nürnberg wahrscheinlich auch die Todesstrafe gedroht hätte.

 

Von der Verfolgung der Juden habe er nichts gewusst, hatte der auch als Nachfolger Hitlers gehandelte Speer wie ein Mantra wiederholt. Tatsache ist, dass er Tausende von „Judenwohnungen“ in Berlin „freimachen“ ließ, um Bombengeschädigte und auch Funktionäre, denen er sich verpflichtet fühlte, unterzubringen. Die entmieteten Juden kamen ausnahmslos in Konzentrationslager.

 

Bei der Erweiterung von Auschwitz arbeitete Speer intensiv mit Himmler zusammen – nicht nur beim Ausbau des Barackenlagers sondern auch bei dem Aufbau der umliegenden Betriebe, in denen die KZ-Häftlinge arbeiteten. Die unsägliche Posener Rede Himmlers hat er als Vorredner mit angehört und den verbrecherischen Aufruf zum Judenmord mitbekommen. Die in einem Stollen im Harz untergebrachte V2-Fabrik Dora Mittelbau hat er initiiert und besichtigt.


Andere Lügen erscheinen eher als „lässliche“ Sünden – so die frisierten Rüstungszahlen bis ins Jahr 1945 und die Mär von dem Aufbau der Neuen Reichskanzlei für Hitler in nur einem Jahr. Hitler hatte aus Propagandazwecken diese „einmalige“ Leistung deutscher Ingenieure und Bauarbeiter erfunden und Speer hat sie zeitleben beibehalten. Diese Lüge diente Speer dazu, ihn als genialen Architekten und Organisator darzustellen, der gar keinen Sinn für die politischen Zusammenhänge hatte. Und das alles ließen ihm, der seine oft in seinem Heidelberger Haus empfangenen Gesprächspartner ebenso wie die Nürnberger Richter einzuwickeln vermochte, Wissenschaft und Öffentlichkeit über Jahrzehnte durchgehen. Zu den Getäuschten zählten auch in Opferkreisen anerkannte Persönlichkeiten wie Simon Wiesenthal und Robert Kempner, die ihm gleichsam „Persilscheine“ ausstellten.

 

So nannte man die oft gefälligen Leumundszeugnisse in den Entnazifizierungsverfahren nach dem Kriege. Einem solchen musste sich Speer nie stellen, weil der Eröffnungsbeschluss ihm im Spandauer Gefängnis nie zugestellt wurde. So konnte auch sein Vermögen nicht in einem Sühneverfahren eingezogen werden, das er bis 1945 angehäuft hatte.

 

Nach seiner Freilassung kamen dann Honorare in Millionenhöhe für seine Buchveröffentlichungen und Nebenrechte in aller Welt hinzu. Jedenfalls ist Speer nie entnazifiziert worden. Brechtkens unendlich verdienstvolles Buch zeigt, dass Speer einer der Hauptverantwortlichen für die Verbrechen der Nazis und die unsinnige Verlängerung des Krieges war und gibt ihm – endlich – keinen Pardon.


Harald Loch
 
Magnus Brechtken: Albert Speer. Eine deutsche Karriere
Siedler, München 2017   910 Seiten   40 Euro

 

Benjamin - der Unvollendete

Das Neue und das Immergleiche!  Der 1892 in Berlin geborene Walter Benjamin interessierte sich zeitlebens für das Verhältnis zwischen beiden geschichtlichen Wundern. Es ist nicht die gleiche Differenz wie die zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen sondern die Grundspannung der geschichtlichen Zeit. In ihr lebte der deutsch-jüdische Philosoph, Schriftsteller und Kritiker nur bis zum 26.9.1940, als er sein Leben auf der Flucht in den Pyrenäen selbst beendete. Lorenz Jäger hat diesem „Leben eines Unvollendeten“, wie der Untertitel lautet, jetzt eine Biografie gewidmet, die auch andere Spannungen thematisiert: Benjamin wurde in eine assimilierte jüdische bürgerliche Familie geboren zu einer Zeit, da Assimilation und auch Bürgerlichkeit für ihn nicht mehr zur Debatte standen.

 

Mit Gershom Scholem früh befreundet, dem er – betrachtet man Benjamins Ende – leider nicht nach Israel folgte, diskutierte er Judentum ganz anders. Mit metaphysischen Ansätzen begann seine eher „bürgerliche“ Philosophie, aus der er bald einen „Materialismus der Dinge“ entwickelte. Seinen Marxismus schulte er – dann schon im Pariser Exil – in Gesprächen mit Brecht. Die ihm eigentlich gemäße politische Haltung eines Antistalinisten, ohne, wie Manès Sperber oder Arthur Koestler zum Häretiker zu werden, konnte er für sein Leben nicht mehr ausformulieren, weil er dazu keine Zeit mehr hatte.
Wer die sehr konservativ-kritische Adorno-Biografie Jägers kennt, ist gespannt, wie er es mit Benjamin hält. Die Erwartungen werden nicht enttäuscht.

 

Benjamins marxistische Grundfärbung kann seinem Biografen nicht gefallen – er nennt ihn wiederholt einen Bolschewisten. Den politischen Irritationen eines von den Nazis verfolgten deutschen Juden, der im Sozialismus und in der damals in Moskau vorherrschenden Macht dieser Todfeinde des Faschismus Rettung sah, dann aber nach dem Hitler-Stalin-Pakt und an der Schwäche des Westens verzweifeln musste, kann Jäger nur in der Attitude des – ex post - allwissenden Antikommunisten begegnen. Andererseits schätzt er die literarische Dimension in Benjamins Arbeiten: „Wenn Adornos Idiom unverkennbar manieriert anmutet, wofür die leichte Parodierbarkeit ein Beweis ist, so schrieb Benjamin in seinen besten Momenten ein klassisches Deutsch eigener Prägung, das oft geradezu klingt, als habe er diese vollendete Diktion allererst erfunden“. Jäger bewundert das „absolute Gehör für Prosa“, das Benjamin herausbildete.


„Das Leben eines Unvollendeten“, ist keine klassische Biografie. Sie ist zwar im Großen und Ganzen chronologisch. Trifft Jäger aber beim Nachzeichnen des Lebenslaufs auf Personen, die für Benjamin wichtig werden, flicht er kleine biografische Essays über sie ein. Das zeugt von Bildung und erzeugt Übersicht. Auf diese Weise begegnet der Leser Hannah Arendt, die in erster Ehe mit Benjamins Cousin Günther Stern, später Günther Anders verheiratet war, Adorno und Kracauer, Brecht und Scholem, Franz Hessel, mit dem er Proust übersetzte und Hofmannsthal, seiner Cousine Gertrud Colmar und der Frau seines Bruders, Hilde Benjamin. Hauptsächlich aber folgt die Struktur des Buches den Werken Benjamins. Jäger liest sie aus seiner entgegengesetzten Perspektive manchmal ohne rechtes Bemühen um Verständnis. Oft aber ist gerade dieser kritische Blick notwendig und gewinnbringend. Sehr hübsch und spektakulär verschränkt Jäger Benjamins Auseinandersetzung mit Goethes „Wahlverwandtschaften“ mit dessen persönlichen Erlebnis der – wie man es in der Welt der Konzerne nennen würde - „Überkreuzverflechtung“ zweier Paare. An Widersprüchen ist das Leben Walter Benjamins reich genug, um seinem routinierten Biografen Stoff für überraschende Momentaufnahmen zu bieten: Der letzte erhaltene Briefwechsel Benjamins, der nicht besonders ansehnlich war, aber auf Frauen anziehend wirken konnte, dieser letzte Briefwechsel erfolgte mit einer Prostituierten. Und als er aus dem Leben geschieden war, fanden die spanischen Behörden bei ihm einen Brief an einen Dominikanermönch. Folglich wurde dieser deutsche Jude mit einem katholischen Requiem ins Paradies verabschiedet. Insgesamt entsteht so ein wenn auch nicht liebevoll-empathisches aber doch voller Respekt und manchmal auch Bewunderung gezeichnetes, sehr lebendiges und  inhaltsreiches Porträt dieses immer wieder neu zu entdeckenden deutsch-jüdischen Denkers.


Harald Loch
 
Lorenz Jäger: 
Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten
Rowohlt Berlin, 2017   398 Seiten, zahlr. Abb.  23,99 Euro

 

Der ROSEN-Kanzler aus dem Rheintal

Was gibt es Neues zu Konrad Adenauer? Es kommt darauf an, für wen. Die Älteren werden in der aktuellen Biografie des im vergangenen Jahr verstorbenen Publizisten und Filmemachers Werner Biermann den Aufstieg der jungen Bundesrepublik und ihre frühen Sünden nachlesen. Die Jüngeren werden staunen und versucht sein, Parallelen zu heute zu ziehen. In keiner der früheren Biografien stand etwas über das den Weltfrieden wahrende informelle agreement zwischen Kennedy und Chruschtschow über die amerikanische Duldung des Baus der Berliner Mauer. Der in filmischer Schnitttechnik geübte Biograf geht bis zu den Großeltern zurück, um die einfache Herkunft, Armut und Sparsamkeit und die nicht selbstverständliche Mischung aus katholischem Christentum und preußischem Pflichtbewusstsein gegenüber dem Staat schon aus den rheinischen Wurzeln zu erklären.

 

Manch strenge Seite in Adenauers Persönlichkeit wird dadurch verständlicher. Der Biograf versucht – manchmal fast zu auffällig – Licht und Schatten dieser Persönlichkeit und ihrer Politik ausgewogen darzustellen, als müsste sein Text das Nadelöhr des öffentlich-rechtlichen Rundfunks passieren. Trotzdem liest sich seine Biografie dank des eindrucksvollen Laufs des langen Lebens Adenauers und wegen des Verzichts auf publizistische Extravaganzen als ein Beispiel zeitgeschichtlicher Spannungsliteratur. Ein großer Bilderteil illustriert Leben und Politik und lässt den Leser an der wachsenden Familie Adenauers teilhaben. Er hatte mit seinen beiden früh verstorbenen Ehefrauen insgesamt sieben Kinder und eine wachsende Schar von Enkeln.

 

Die rheinische Kindheit und Jugend, Studium der Rechte, die Zeit des Referendariats und als Assessor sind durch Strenge und Sparsamkeit geprägt. Erst seine erste Ehe führt Adenauer in den Kreis der Wohlhabenden und Mächtigen Kölns ein. Damit beginnt sein bis dahin eher unwahrscheinlicher Aufstieg zum Oberbürgermeister von Köln. Seine persönlichen Beziehungen ermöglichten diese Karriere erst, der er sich dann aber vor allem in der schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erstaunlich gewachsen zeigte. Schon als Beigeordneter erwarb er sich einen guten Ruf, erhielt Angebote auf das Bürgermeisteramt in Aachen, setzte aber auf Köln, der Stadt, der er mit personalpolitischer Strenge aber auch stadtplanerischer Weitsicht bleibende Impulse verlieh. Bemerkenswert war sein Erfolg auch beim damals noch möglichen Aushandeln der Beamtenbezüge, der ihn an die Spitze der Skala brachte.

 

In der Weimarer Zeit leitete er den Preußischen Staatsrat in Berlin, in dem die Regionen des riesigen Bundesstaates Preußen vertreten waren. Eine Reihe von Skandalen, auch wirtschaftliche Fehlspekulationen während der Weltwirtschaftskrise brachte er mit Hilfe wohlhabender Freunde nahezu unbemerkt hinter sich. 1932 eröffnete er die auf seine Initiative gebaute erste deutsche Autobahn zwischen Köln und Bonn, die kurz darauf von den Nazis „zurückgestuft“ wurde, um den Mythos von „Hitlers Autobahnen“ zu begründen. Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Machthaber war die Absetzung Adenauers als Oberbürgermeister von Köln.

 

Während der Nazizeit versteckte sich Hitler zeitweilig in einem Kloster in der Eifel, weil ihm Gefahr drohte. Gegen Ende des Krieges wurde verhaftet, auf abenteuerliche Weise „befreit“ und in seinem neuerlichen Versteck dann verraten und fast bis zum Eintreffen der Alliierten erneut eingesperrt. Ein Kommunist rettete ihm damals das Leben. Am Widerstand gegen Hitler hat er sich nicht beteiligt, aber immer mit Verachtung auf das Regime geblickt. Als tatsächlich „Unbelasteter“ vertrauten ihm die Alliierten und bald war er wieder Oberbürgermeister. Die englische Besatzungsmacht setzte ihn dann zum zweiten Mal ab. Seine Nähe zu französischen Besatzungsstellen war den Briten wohl nicht genehm. Adenauer hatte aber ohnehin einen weiteren Horizont im Blick als den vom Kölner Dom aus.

 

Er wurde schnell wichtiger Funktionsträger in der neugegründeten CDU, zunächst im Rheinland, dann in der britischen Zone und alles lief nach der Gründung der Bundesrepublik auf ihn zu, der dann auch ihr erster Bundeskanzler wurde. Auf dem Wege dahin musste Adenauer innerparteiliche Konkurrenten ausstechen, wie den Ministerpräsidenten von NRW Arnold, dem er vorwarf, ein zu „sozialistisches“ Programm zu vertreten. Im Ahlener Programm der CDU von 1947 standen noch entsprechende Passagen. Kurt Schumacher, der ebenso antikommunistische Rivale von der SPD, unterlag.

 

Dann erzählt Biermann die Geschichte der jungen Bundesrepublik am roten Faden der Biografie Adenauers. Am Anfang das Wirtschaftswunder, das mit dem Namen Ludwig Erhards verbunden wird, den der spätere Adenauer nicht als Nachfolger verhindern konnte („Die CDU ist doch keine Wirtschaftspartei“), die Westbindung, das Zurückstellen der Frage der Wiedervereinigung, die Wiederbewaffnung und die Dynamisierung der Altersrenten, der Kalte Krieg mit Adenauers unverwüstlichem Antikommunismus, die Wiedererlangung der Souveränität, die diversen Berlin-Krisen, die Spiegel-Affäre, Mauer - das sind nur einige der Stichworte, die in dieser Biografie plastisch zu Leben erweckt werden. Auch der „Muff“: kurz nach dem Krieg war sich Adenauer sicher, dass kein ehemaliges NSDAP-Mitglied wieder in den Staatsdienst aufgenommen werden dürfte.

 

Ein paar Jahre später ging es offenbar nicht ohne, nicht einmal mehr ohne ehemalige SS-Angehörige. Aber auch der Versuch, durch „Wiedergutmachung“ die Verantwortung für die Verbrechen am jüdischen Volk wenigstens auf diese zu übernehmen.

Die Aussöhnung mit Frankreich war eine Herzensangelegenheit und die wiederholten Begegnungen mit De Gaulle nehmen einen vornehmen Platz in der Darstellung ein. Die deutsch-französische Freundschaft ist eines der bleibenden Elemente von Adenauers Politik und scheint sogar als „nationalistische Achse“ zwischen Marine le Pen und Frauke Petry auf der antieuropäischen Ebene eine unbeabsichtigte Fortsetzung gefunden zu haben. De Gaulles und Adenauers Zweifel an der Zuverlässigkeit der USA und Großbritanniens erleben gerade eine Neuauflage. Als seriöser Biograf überlässt Biermann solche Gedanken aber dem auch nach über 600 Seiten „Adenauer“ keineswegs ermüdeten Leser.

Harald Loch

 

Werner Biermann:

Konrad Adenauer – Ein Jahrhundertleben

Rowohlt Berlin, 2017   656 Seiten  zahlr. Fotos  29,95 Euro

Fallada - was nun?

André Uzulis: Fallada  -  Biografie 

 

Zwischen allen Stühlen, zwischen Unterhaltung und Kunst, zwischen Vergessen und Neuentdeckung – Hans Fallada (1893 – 1947) ist die umfassende Biografie des Historikers und Journalisten André Uzulis gewidmet. Der Erfolgsautor des 1932 erschienenen Romans „Kleiner Mann – was nun?“ blieb auch mit seinen späteren Erfolgen „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ (1934) und „Wolf unter Wölfen“ (1937) auf der Überholspur in Zeiten, in denen andere Zeitgenossen das Land verlassen mussten.

 

Früher als andere hat er dann mit seinem erst vor wenigen Jahren in New York wieder aus der Vergessenheit gerissenen „Jeder stirbt für sich allein“ (1947) einen ersten antifaschistischen Roman in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geschrieben. Dazwischen gab es viel literarischen Leerlauf, Belangloses, Durchschnittliches. Das Leben dieses als Rudolf Ditzen in Greifswald geborenen Sohnes eines Reichsgerichtsrates verlief alles andere als geradlinig. Schon in seiner Jugend machte er mit einem inszenierten, halb gescheiterten, halb „erfolgreichen“ Doppelselbstmord eine traumatische Erfahrung. Sein „Nicht-zurechnungsfähig“ rette ihn vor dem Gefängnis und später auch vor dem Wehrdienst, bekam aber bald eine eigene Bedeutung: Alkohol und dann auch Morphium zerstörte ganze Lebensphasen des Rudolf Ditzen, der sich seit seinen ersten Veröffentlichungen Hans Fallada nannte.

 

Seine Familie hatte ihn beschworen, den Namen Ditzen nicht mit enthüllenden Geschichten zu beschädigen.

Die Biografie von Uzulis bildet das von Höhen und Abgründen gekennzeichnete Leben Falladas in einer gut recherchierten Offenheit ab. Sie ist weniger eine literaturgeschichtliche Werk- als eine leidensgeschichtliche Lebensbeschreibung des Autors, der seine besten Werke in rauschhafter Schreibekstase in kürzester Zeit niederschrieb und nach Fertigstellung eines Werks regelmäßig zusammenbrach. Er unterzog sich dann in Krankenhäusern und Sanatorien immer wieder Entzugsbehandlungen, die er unkritisch sich selbst gegenüber meist eigenverantwortlich abbrach. Oft war es Geldnot, die ihn wieder an den Schreibtisch zwang. Immer aber waren es die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen, aus denen er seine Sujets und die Einzelheiten seiner Erzählung gewann. Der „kleine Mann“ war sein typischer Protagonist und den hatte er immer wieder kennengelernt.

 

In seinen Werken entstand ein Realismus dieses Milieus, das seine Leser wiedererkannten. Sie fühlten sich verstanden von ihm. „Kleiner Mann – was nun?“ liest sich wie eine Quelle über die Befindlichkeit weiter Bevölkerungskreise in den letzten Jahren der Weimarer Republik und „Jeder stirbt für sich allein“ als einmaliges Dokument des Alltagslebens von einfachen Leuten, die Gegner der Nazis waren.

 

Uzulis verschweigt das Lavieren Falladas während der Nazizeit nicht. Er war ein unpolitischer Autor, kein Intellektueller sondern ein mit allen menschlichen Schwächen gezeichneter, halbangepasster Zeitgenosse, kein Sympathisant der Nazis aber auch keiner, „der ihnen die Stirn“ bot, ängstlich, innerlich zerrüttet und seinen Sternstunden in der Lage große Werke zu schaffen. Die private Seite seines Lebens, seine beiden Ehen, von „Seitensprüngen“ überschattet, das Verhältnis zu der Familie, der er entstammte wie zu der, die er gründete, seine Gefängnisaufenthalte wie seine Freundschaften zu Ernst Rowohlt oder zu Johannes R. Becher, sein im Mecklenburgischen Carwitz entwickelter Gefallen an der Bienenzucht und seine hilflose, ihn völlig überfordernde Rolle als von der Sowjetischen Militäradministration eingesetzter Bürgermeister – alles erzählt sein Biograf spannend und mit kritischer Empathie.

 

Harald Loch

 

André Uzulis: Fallada  -  Biografie

Steffen Verlag, Berlin 2017   437 Seiten   26,95 Euro

 

Die "ausverkaufte" TRUMP-Show

Titel Michael D’Antonio Die Wahrheit über Donald Trump ECON

Autor Michael D'Antonio hat als Journalist u.a. für Newsday und das New York Times Magazine gearbeitet und wurde dafür mit dem Pulitzer-Peis ausgezeichnet.

 

Inhalt Ein Psycho-Porträt des Präsidentschaftskandidaten Donald Trump

Gestaltung Sachbuch, Vorwort und Einleitung, 15 Kapitel, Nachwort, Danksagung, Anmerkungen, Bibliographie, 544 Seiten

 

Cover Einband Trump-Porträt, Hardcover in der Farbe GOLD

 

Zitat „Wenn jemand etwas gegen mich unternimmt, ist er für mich gestorben.“

 

Meinung Am 8. November wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Trumps Kampagne, von der einige meinen, sie sei schon zu Ende, beschreibt der Autor als ein Spektakel der Verfälschungen, bruchstückhaften Wortfetzen, emotional aufgeheizt, sie trotze der üblichen politischen Analyse.

Wie sagten Geheimdienstler dieser Tage: der kann es nicht und der darf es nicht werden. Sogar der lammfrohe deutsche Außenminister Frank Walter Steinmeier packt inzwischen die transatlantische Streitaxt aus.

Wie zeigt ihn der Autor? Trump ist ein  Ängsteschürer, weckt Ängste vor den Terroristen, vor Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Globalisierung. Journalisten sind für ihn Abschaum, dem Autor verspricht er zwar sieben Interviews, nach fünf Meetings verweigert er aber die folgenden. („der totale Abschaum“ – Trump über Reporter) Der Autor lässt konsequenterweise kein Gegenlesen des Pressesprechers zu. Sehr ehrenhaft!

 

Trump kenne keine Ideale und nur den eigenen Machtwillen. Trump – ein Name für Erfolg, definiert durch Wohlstand und Luxus.

Schon Tocqueville, französischer Publizist, der als Gründer der vergleichenden Politikwissenschaft gilt und der 1835/ 1840 die Systemanalyse De la démocratie en Amérique  schrieb, wusste,  der Hintergedanke beim Amerikaner ist das Geld. In der 100 Millionen teuren Dienst-Boeing Trumps klicken vergoldete Sitzgurte zusammen.

Michael D’Antonio sieht in Trump eine Mischung aus Vulgarität, Reichtum und herzerfrischendem Hedonismus. Trump reklamiert Anerkennung, die ihm zustehe, aber, die man ihm nicht zolle.

 

Mit Immobilien-Geschäften und Glücksspiel-Casinos scheffelte er seine Millionen. Popstars und Hollywood-Größen kauften ihm die Luxus-Lounges ab.

 

Seine politische Rhetorik polarisiert. Der Begriff er wählt „deutliche Worte“ beschreibt diese Handlungsweise nur extrem verharmlosend.

Die Show – so Trump über Trump - heiße Trump und sei überall ausverkauft. Aber Konkurse von Firmen lastet er sich nicht selbst an und seine finanziellen Hintergründe will er nicht erhellen.

Trump schreibt erfolgreiche Erfolgsbücher über Erfolg. Seine Business-Universität entpuppt sich jedoch als besseres Coaching-Seminar. Kursgebühr 34 995 Dollar. Er setzt mit einem Rolling Stones-Konzert dennoch in seinem Casino 800 000 US-Dollar in den Wüstensand.

Trumps Haarpracht legendär. Eine „Leuchtreklame“! „Zuckerbäckerwerk auf seinem Haupt“. Er spielt die Rolle: jugendlich. Ein frauenfeindlicher Moneten-Macho, der gerne twittert, Verbalschläge austeilt, Menschen gegen sich aufbringt, aufmerksamkeitsversessen.

 Das Buch-Fazit: Narzissmus als „Erfolgsstrategie“ in einer Gesellschaft, die Eigenwerbung wirklich nicht mehr schamhaft betrachtet.

 

Leser Alle Wähler in den USA und in Europa

Kissinger - Idealist oder Realist?

Der umstrittene Friedensnobelpreisträger war und ist Fan der  Spielvereinigung Fürth. Henry zuvor also Heinz spielte selbst Halbrechts und Mittelfeld in dem Verein, der zweifacher deutscher Meister und viermal süddeutscher Pokalsieger wurde. Als Jugendlicher liebte Kissinger Ballspiele, Fahrradfahren und die Freizeit mit Freundinnen verbringen. Und später bekennt er in den USA zwar englische Sprachdefizite, doch er verfüge über ein großartiges Fußball-Vokabular. Die Ausgrenzung der Juden führte jedoch  dazu,  dass Heinz nicht mehr Fan und Spieler der Spielvereinigung sein durfte, Stadionbesuche waren für den Juden verboten. Kissinger versteht sich jedoch eher als Jude in ethnischer denn in religiöser Hinsicht. Die politische Verfolgung der jüdischen Familien während seiner Kindheit beherrschte – wie er sagt - nicht sein Leben.

 

 

 

1975 wird Kissinger in Fürth mit der Bürgermedaille geehrt. Als Reporter des Bayerischen Rundfunks bin ich dabei, das Mikrofon in meiner Hand streckt sich dem amerikanischen Außenminister entgegen, während er in großer Gruppe an mir vorbeirennt, vier bis fünf CIA-Bewacher laufen an der Seite Kissingers mit, ich rufe ihm zu, um ein Statement über Vietnam zu bekommen, als Ablenkungsfrage zuerst: „Mr.Kissinger, wo steht denn die Spielvereinigung Fürth in der Tabelle, er wusste es, als ich die Vietnamfrage stelle, rempeln mir die athletisch wirkenden Bodycops ihre Ellbogen in meinen Körper, ich gebe mich buchstäblich geschlagen und Kissinger wendet sich ab.

Henry Kissinger wurde im mittelfränkischen Fürth in der Mathildenstraße 23 geboren. Henry liest mit Vergnügen Dostojewski, doch seine mangelnden Fremdsprachenkenntnisse machen ihn schüchtern, der mitteleuropäische Akzent in den USA sogar verlegen, seine mathematischen Kenntnisse könnten ihn auf den Weg des Buchhalters bringen. Doch es kommt anders. Kollegen und Lehrer schreiben ihm analytische Präzision und psychologischen Scharfsinn zu. Im Zeugnis steht eine ZWEI in Geschichte. Kissinger verschlingt Bücher, er will begreifen, sich seiner selbst bewusst werden.

 

Schon Ende 1944 steht er wieder als Soldat auf deutschem Boden. Als CIC-Sergeant hat er die Aufgabe, ehemalige Wehrmachtsangehörige zu registrieren und führende Nazis zu verhaften Er kehrt zurück ins „Land der Ruinen und der Leichen“. 5,2 Millionen deutsche Soldaten und 2,4 Millionen deutsche Zivilisten wurden im II. Weltkrieg getötet.

Seine Handlungsdevise als Soldat im Nachkriegsdeutschland: „Sei gerecht in deiner Entscheidung, aber rücksichtslos bei ihrer Ausführung. Lass keine Gelegenheit aus, um in Wort und Tat die Kraft unserer Ideale zu beweisen.“ In einem Brief an seinen Vater, der ihn aufgefordert hatte, hart zu sein schreibt er diese Zeilen.  Während sein Großvater an ihn appellierte “empfinde keine Hass auf alle Deutschen“.

Kissinger muss zwischen Tätern und passiven Zuschauern im Nazideutschland unterscheiden. Er übernimmt eine erste Lehrtätigkeit an der Geheimdienstschule in Oberammergau. Kissinger will seinen Teil zur politischen Umerziehung der Deutschen leisten. „Als ich zur Armee ging, war ich ein Flüchtling, und als ich sie verließ war ich ein Einwanderer.“

 

An der Harvard-University, an der er als ehemaliger Soldat das Freiticket fürs Studium bekommt, fällt Kissinger durch seine Abschlussarbeit auf -  die zu allen Zeiten je textlängste in Harvard – so dass künftig Studenten angehalten werden, kürzer zu texten. Ferguson fällt gar auf, dass Kissinger  Sartre falsch mit dem Namen Satre versieht. Sehr, sehr genau genommen…erwähnenswert in einer solchen Biographie? Müssen wir es so genau wissen? Beobachter sagen über den Harvardianer: er isst gerne und diskutiert, sie loben seinen unterhaltsamen Vortragsstil.

 

Drehen wir aber das Rad der Geschichte in die Nachkriegszeit. Im Frühjahr 1946 warnt der Karrierediplomat George F. Kennan vor dem internationalen Kommunismus als bösartigem Parasiten, der das erkrankte Gewebe befällt, Churchill warnt vor dem „eisernen Vorhang“ und Orwell schreibt im Observer vom KALTEN KRIEG gegen das britische Empire. Der KALTE KRIEG war ein KRIEG, schreibt Ferguson. Als Nicht-Militärfachmann sondern als Experte für Diplomatie-Geschichte hält Kissinger lokale, begrenzte Kriege für möglich und nötig, auch atomar geführt. Ostinitiativen, wie die Politik Brandts, waren für ihn ein Schreckgespenst.

 

Wer kein Risiko eingehen will, stellt den Sowjets einen Blankoscheck aus. Kissinger kritisiert die amerikanische außenpolitische Strategie, weil er Krieg wieder als verwendbares Instrument der Politik konzeptionell einführt: “Wenn uns die sowjetische Aggression einen Krieg aufzwingt, und wir dann nicht bereit sind, uns zu wehren, wird dies das Ende unserer Freiheit bedeuten.“

Ferguson stellt Kissinger als Wertkonservativen dar, der sich jedoch an Kant und nicht an Machiavelli orientiert. Er will westliche Werte durch das TUN herausstellen.

 

Verhandeln heißt für ihn die begrenzte Macht anzuerkennen und zu wissen, dass „Gewalt das letzte Mittel ist“. Man muss bei Verhandlungen das Drohende im Ungewissen lassen. Staatsmänner müssen das für richtig gehaltene am Möglichen messen. Seine Schlüsselerkenntnis:  psychologische Faktoren sind wichtiger als militärische Kapazitäten. Konservativ sein, heißt nicht Revolutionen zu besiegen, sondern ihnen vorzubeugen.

 

Aber die politische Öffentlichkeit, kritische Journalisten, Alt68er und amerikanische Buchautoren werfen dem "Idealisten" Kissinger vor, sich in Militärputsche und menschenrechtsverletzende Diktaturen eingemischt, Invasionen gestartet und die Bombardierung des neutralen Kambodschas im Vietnamkrieg in Kauf genommen zu haben.

Die umfassende reich bebilderte Monumental-Biographie setzt dort einen Schlusspunkt, wo  Kissinger 1968 als Nationaler Sicherheitsberater in die Regierung Nixon berufen wird.

Zehn Jahre hat Ferguson gebraucht, um den ersten Teil der Biographie zu schreiben. Kissinger selbst hat den Auftrag für sie an Ferguson gegeben, der zunächst zögerte, aber als Kissinger das private Archiv großzügig öffnete, war  Ferguson „eingefangen“, er hat fleißig und mühsam, jedoch lohnend, das Material aus 111 Archiven gesichtet und sich unterschreiben lassen, dass Kissinger nachträglich keine Korrekturen anbringen darf.  

 

Der voluminöse Umfang schreckt ab, fordert hartnäckiges Lesen, nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Buch. Ausführliche Zitate erhellen die Zusammenhänge zwar, bremsen jedoch an manchen Stellen den Lesefluss, wenngleich das Buch gut geschrieben und gut lesbar ist.  Wir erleben die Lebens- und Frauen-Geschichten Kissingers mit, sein Da-und-dort-Zögern, seinen wissenschaftlichen und beraterpolitischen Aufstieg, sein konzeptionelles Denken, sein diplomatisches Geschick und auch Scheitern, kurzum den ganzen Kissinger, mit dem Ferguson lange Gespräche führte, der Kissinger zugeneigt ist, dennoch kritisch bleibt.

 

Wir lernen die Handelnden der amerikanischen Politik und ihre Berater aufs Intimste kennen - Kennedy kritisiert er, weil er zu viele Meinungen hat – wir lesen ein breites Geschichtspanorama, Koreakrieg, Berlin-Krise, Kuba-Krise, Vietnam, mit der einzigen Frage verbunden, wie man einen nicht zu gewinnenden Krieg beenden kann.

Für Ferguson ist die Geschichte Kissingers die Geschichte eines Bildungsprozesses durch Erfahrung: Die Erfahrungshorizonte sind die deutsche Tyrannei, der philosophische Idealismus, die Geschichte der Diplomatie, die politische Realität, das Machbare eben zu erkennen und die eigene Fehlbarkeit einzuschätzen. In jedem seiner Lehrjahre erkennt Kissinger etwas Neues über das Wesen der Außenpolitik.

 

Im Grunde geht es in der Politik wie Politikwissenschaft um die Kernfragen: Was ist Macht? Wie geht man mit ihr um? Wo liegen ihre Grenzen, und wann weiß man, dass sie überschritten sind?

Fergusons Fazit: „Am Ende kam die Macht zu Kissinger“.

 

Niall Ferguson Kissinger 1923-1068 Propyläen

Kracauer - eine Biographie

„Die Idee der klassenlosen Gesellschaft war in seinen Augen nur eine radikale Variante des Liberalismus“ – so interpretiert Jörg Später in seiner Biographie Siegfried Kracauers dessen Position. Was für ein linker Gegenentwurf zum Historischen Materialismus! Was für eine Herausforderung für einen Liberalismus, der die Klassengegensätze ins Unerträgliche verschärft! Entstanden ist diese Haltung Kracauers im Verlauf seines zunächst in Frankfurt, dann in Berlin blühenden intellektuellen Lebens, das 1933 durch Flucht, Exil und Auswanderung in die USA prekär unterbrochen und für eineinhalb Jahrzehnte von Hunger, Wohnungsnot und Beschäftigungslosigkeit unterbrochen und erst ab Mitte der 1950er Jahre zu neuer fruchtbarer Teilhabe als intellektuelle Instanz beiderseits des Atlantiks wahrgenommen wurde. Sein Biograf arbeitet als Historiker am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg.

 

Er organisiert sein materialreiches Buch entlang der Lebensbereiche Ökonomie, Psyche und Kommunikation. Er vollzieht die nicht immer schmerzfreien Erfahrungen Kracauers auf dem Markt von Wissenschaft, Publizistik und Kunst nach. Später widmet den lebensbedrohenden existenziellen Grenzerfahrungen auf der Flucht vor den Nazis, im französischen Exil und in den ihn aufnehmenden, aber ihn nicht nachhaltig beschäftigenden Vereinigten Staaten nach. Vor allem aber lässt Später seine Leser an der geradezu überbordenden intellektuellen Produktivität Kracauers teilnehmen, seine Entwicklung vom philosophierenden Soziologen, zum Theoretiker der Filmästhetik bis zu einem Historiker, der die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit an den Erfahrungen der jeweiligen Gegenwart spiegelt. Das ist ein brillant geschriebenes intelligentes Vergnügen, so sehr die Empathie mit dem Lebenslauf Krakauers, seinem Leiden und der ihm durch die Verfolgung geraubten Schaffenszeit schmerzt.

 

Ein Glanzstück der Darstellung ist die Behandlung des „Philosophischen Quartetts“ in den späten 1920er Jahren. An dem Spieltisch hatten außer Kracauer noch der junge Theodor Wiesengrund, der sich später Adorno nennen sollte, Ernst Bloch und Walter Benjamin Platz genommen. Sie alle entwickelten auf je individuelle Weise doch eine sich ähnelnde Philosophie, in der es um die Wirklichkeit, also um eher soziologische Feststellungen ging. Kracauers Beitrag war sein aktuell gebliebenes Buch über „Die Angestellten“, in dem er die Anfälligkeit der Mittelklasse für gefährliche Ideologien erkannte und visionär beschrieb. Die vier bildeten so etwas wie eine „jüdische Peergroup“, in der das Jüdische so gute wie keine Rolle spielte, bis es sie zum Verlassen Deutschlands zwang. Im Jahr 1930 schickte die Frankfurter Zeitung den Feuilletonredakteur Kracauer nach Berlin. In der Reichshauptstadt tobten damals die politischen Kämpfe wie nirgendwo sonst, und er berichtete für die Zeitung von dem spannenden kulturellen Leben. Mit der Machtübernahme durch die Nazis war das alles vorbei und es schloss sich das prekäre Leben im Pariser Exil, später nervenaufreibenden Marseiller Wartestand, dann das Leben in New York an, wo die inzwischen verheirateten Kracauers von mildtätig vergebenen Projektaufträgen von der Hand in den Mund, praktisch ohne eigene Wohnung leben mussten.

Unter solchen Bedingungen, die sich erst allmählich besserten, entstand zunächst die psychologische Geschichte des deutschen Films „Von Caligari zu Hitler“. Später eine unpolitischere „Theorie des Films“. Das Spätwerk, in dem sich Kracauer zu dem Historiker entwickelte, der aus einer Zusammenschau der Mikro- und Makrogeschichte wie in der Filmästhetik zwischen Großaufnahme und der Totalen eine heute modern erscheinende Historiografie ableitete. Ihn interessierten als Historiker wie als Philosophen die Räume zwischen der Wirklichkeit und der Theorie, „die Dinge vor den letzten Dingen.“ Diese ganze Entwicklung eines der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts lässt sein Biograph in einer oft im Dialog mit den anderen „Leuchttüren“ der Zeit zu erlebenden Geistesgeschichte der Epoche lebendig entstehen. Als Kracauer am 26. November 1966 in New York starb, rief ihm Adorno seine Sicht dieser großen Persönlichkeit nach: „Ein wunderlicher Realist“.

 

Harald Loch

 

Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biographie

Suhrkamp, Berlin 2016   744 Seiten   39,95 Euro

Miguel de Cervantes  -  Ein wildes Leben 

Der nächste Welttag des Buches, der 23.4.2016, wird ein Jahrhundertereignis: Die Todestage von William Shakespeare und von Miguel de Cervantes jähren sich zum vierhundertsten Mal an diesem Tag. Genauer – wir begehen sie an diesem Tag. In England galt vor 400 Jahren noch der Julianische Kalender, in Spanien wie in den meisten katholischen Ländern jedoch schon 1582 der durch die päpstliche Bulle „inter gravissimas“ eingeführte Gregorianische Kalender. Nach diesem wäre Shakespeare am 3.5.1616 gestorben. Gefeiert wird trotzdem am von der UNESCO ausgerufenen Welttag des Buches. Bereiten wir uns also auf ein Cervantes-Jahr vor und lassen die Don Quijoterie der christlichen Kalenderführung beiseite und wenden uns dem spanischen Nationaldichter zu! Der Romanist Uwe Neumahr hat zur Vorbereitung der vierhundertjahrfeier eine Biografie geschrieben – die erste, die nach Jahrzehnten auf Deutsch erscheint und die die neueste Forschung berücksichtigt. Sie trägt den Untertitel „Ein wildes Leben“ und verspricht damit nicht zu viel.

Die Quellen zu Cervante‘ Leben enthalten zahlreiche, manche über Jahre reichende Lücken. Neumahr benennt sie, füllt sie mit behutsamen Vermutungen und schafft so einen gut lesbaren Lebenszusammenhang, der sich um einige wesentliche, gesicherte Tatsachen rankt. Cervantes ist 1547 in Alcala de Henares, dem alten keltisch-römischen Complutum geboren. Seine Vorfahren kann der Biograf benennen. Ungewiss bleibt, ob Cervantes nicht über seine Großeltern mütterlicherseits jüdische Wurzeln hat, also ein „converso“ ist, kein „Altchrist“ sondern einer von den Juden oder Muslimen, die von der Inquisition zur Flucht aus Spanien oder in den christlichen Glauben gezwungen wurden. Über Kindheit und Jugend ist nicht viel bekannt. Das „wilde Leben beginnt“, als Cervantes nach einem – verbotenen – Duell außer Landes gehen muss und in Neapel, das damals zur spanischen Krone gehörte, sein erstes Paradies und die lebenslange Sehnsuchtsstadt findet. Im Rahmen seines freiwilligen Militärdienstes nimmt er 1571 an der blutigen Seeschlacht von Lepanto teil, in der die christlichen Mächte die osmanische Flotte besiegen. Cervantes zeichnet sich durch Tapferkeit aus, seine linke Hand wird zerschmettert, er ist an der Brust verletzt. Auf der Heimfahrt wird sein Schiff von algerischen Piraten gekapert und er fünf Jahre in Algier als Geisel gefangen gehalten, bis er – nach vier erfolglosen Ausbruchsversuchen – freigekauft wird. Zurück in Spanien fängt er an zu schreiben – mehr für Gelegenheiten, auch fürs Theater. Wenig davon ist erhalten. Aber Schriftsteller ist er noch lange nicht. Vielmehr konfisziert er Nahrungsmittel für die Armada, treibt Steuern ein, macht Geschäfte. Nicht alles läuft gerade.

 

Sein Leben ist unstet. Immer ist er unterwegs, von seiner Frau getrennt, in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen, auf der Jagd nach Jobs. Erst in der Mitte seines Lebens fängt er ernsthaft an zu schreiben: Theaterstücke, Gedichte, Novellen – und erst jenseits der Mitte des Lebens den Roman der Romane, den Don Quijote, dessen zweiter Teil erst kurz vor seinem Tode fertig wird. Neumahr verfolgt die literarische Entwicklung von Cervantes auch in dessen Nebenwerken, die dem deutschen Publikum kaum bekannt sind. Immerhin gibt es von Don Quijote seit einigen Jahren die moderne und überzeugende Übersetzung von Susanne Lange, in der sich der ganze Reichtum des Romans auch für deutsche Leser erschließt. Der Biograf erliegt nicht der Versuchung, den seit Jahrhunderten angewachsenen Würdigungen von Don Quijote noch seine eigene anzuschließen. Er verweist vielmehr auf die Rezeption und lässt einige der wichtigsten Interpreten zu Wort kommen, legt mit ihren Worten den überbordenden Reichtum des Werkes offen, so dass sich der Weg des traurig-komischen Ritters und seines Gehilfen Sancho Panza in der Weltliteratur und in Deutschland nachvollziehen lässt. Dazu bietet Neumahr ein ganzes Panorama von Spanien in der frühen Neuzeit, seinen kolonialen Reichtum, seine Verschwendungssucht, die Korruption, seinen Abstieg. Das ist schwungvoll erzählt, mit gesicherten Anekdoten gewürzt, kurzweilig, „wild“, wie das Leben des Protagonisten selbst, empathisch und nicht mit vorlautem Urteil selbstgefällig geschrieben: Das Tor zum Original öffnet sich weit. Nur dass das Original hierzulande fast nur aus dem Hauptwerk besteht und es seit über 50 Jahren keine Gesamtausgabe mehr auf Deutsch gibt. So beschwört der Biograf die Verlagswelt: „Der 400. Todestag könnte endlich zum Anlass einer Rückbesinnung auf Cervantes‘ Werk in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden, wo noch viel für eine neue Lektüre und Verbreitung zu tun ist. Es würde sich außerordentlich lohnen.“

 

Harald Loch

 

Uwe Neumahr: Miguel de Cervantes  -  Ein wildes Leben  -  Biografie

C.H.Beck, München 2015   394 Seiten   26,95 Euro

 

Miguel de Cervantes Saavedra:

Don Quijote de la Mancha Teil I und II

Neu übersetzt von Susanne Lange

dtv, München 2011   1488 Seiten   29,90 Euro

oder gebunden:

Hanser, München 2008   1488 Seiten   68 Euro

 

Zweigs Reise ins Nichts

Titel Reinhard Wilczek Stefan Zweigs Reise ins Nichts. Historische Miniatur. Limbus Preziosen 

 

Inhalt Stefan Zweig war der meistgelesene, deutschsprachige Autor seiner Zeit. Dennoch wählt er nach acht Jahren im brasilianischen Exil in Petrópolis im Exil den Freitod.

 

Autor Reinhard Wilczek arbeitete als Musiklehrer, Kulturrezensent, Hochschullehrer und Lehrer. Der promovierte und habilitierte Germanist studierte in Wuppertal und Bochum Musik, Musikwissenschaft, Deutsch und Philosophie

 

Cover Die Einband-Gestaltung zeigt gezeichnete Medizinfläschchen, Tintenfässer und Schreibfedern

 

Gestaltung Gestalterische Annäherung an Insel-Taschenbücher, Literaturhistorische Nach-Zeichnung der letzten Lebensjahre des Stefan Zweig, der mit seiner Ehefrau seinem Leben freiwillig ein Ende setzte

Zitate aus dem Buch "Ich grüße alle meine Freunde. Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus." Stefan Zweig

"Lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen.“ Nietzsche.

 

Meinung  Der Autor weist an einigen Stellen in seiner historischen, lesenswerten Miniatur darauf hin, das Zweig an Depressionen litt und mehrfach die Absicht hatte, sich selbst zu töten. Es sind die Lebenskrisen des Stefan Zweig, die am Ende doch dazu führen, dass Zweig Hand an sich legt, sich vergiftet: Der Zusammenbruch der Donaumonarchie und das Ende des I. Weltkrieges, der Verlust der österreichischen Heimat durch die Okkupation Hitlers und die Hausdurchsuchung in seinem Salzburger Domizil, nach der Flucht in die tropischen Regenwälder der dritte Schock, dass mit einem eventuellen Kriegseintritt Brasiliens, der von Hitler entfesselte Weltkrieg ihn  auch an diesem entfernten Ort, im Dschungel Brasiliens, einholen kann. In der Schachnovelle - sein letzter Text - liegt Zweigs Testament, das in den Worten Auflehnung, Selbstbehauptung, Zurück-Geworfenheit auf die eigene Innerlichkeit, am Abgrund stehend, inhaltlich beschrieben werden kann.

Verfolgt, vereinsamt sieht Stefan Zweig nur noch diesen einen selbst gewählten, von Entscheidungsfreiheit bestimmten Weg. Dem Autor gelingt es überzeugend, die letzten Lebensjahre des Stefan Zweig zu beschreiben. Wir lernen das Untergehende mit zu verfolgen, das abgründige Schicksal des Autors will enträtselt sein.

 

Wilczek zeigt Entdecker-Leidenschaft, wir lernen dank dessen Zweig als einen Menschen kennen, der zum Streit unfähig ist, den Meinungskampf scheut, unfähig zu hassen oder den Hass , der im Nazisystem steckt, zu erwidern. Stefan Zweig wird Opfer seiner offenbarten Wahrheiten. Dem Autor gelingt es, Zweig und seinen Lebens-und Leidensweg in seiner Welt von gestern darzustellen. Ein anspruchsvoller Text, eine mitgeteilte Geschichtserfahrung und fundierte literaturhistorische Einordnung eines außergewöhnlichen Schriftstellerlebens

 

Leser Germanistikprofessoren und –studenten, Zweig-Enthusiasten, Menschen, die sich für Literaturgeschichte interessieren, historisch Interessierte, die begreifen wollen, wie die Zwanziger und Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts im Nazi-Chaos endeten

 

Verlag: Limbus

Der Preußen-Versteher?

Christoph Nonn: Bismarck  -  Ein Preuße und sein Jahrhundert

 

Kann die – gefühlte – hundertste Bismarck-Biographie  im Jahr seines 200. Geburtstages zu einer neuen Beurteilung führen? Oder muss jede Generation einfach „ihre“ Biographien bedeutender Persönlichkeiten schreiben, wie es für Luther, Napoleon, Churchill oder Caesar geschieht? Beide Fragen beantwortet der Professor für Neueste Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Christoph Nonn, auf überzeugende Weise. Beginnen wir mit der zweiten Frage: Seit der „zweiten Reichsgründung“ im Jahre 1989 stellen sich für Deutschland in der Mitte Europas ähnliche Fragen wie nach der ersten. Sie erlauben Vergleiche, neue kritische Würdigungen, Perspektiven, die sich früheren Generationen nicht aufdrängten. Wie geht man mit dem 1871 wie 1989 angewachsenen politischen und ökonomischen Gewicht Deutschlands um? Gibt es Parallelen oder ist alles ganz anders? Nonn selbst schreibt: „wie alle Geschichte hat die Geschichte Bismarcks und seiner Zeit eine ganze Menge mit der Gegenwart und der Zukunft zu tun.“

 

Die erste eingangs gestellte Frage, wie wir heute die Person Bismarck beurteilen können, hängt mit der zweiten eng zusammen. Nonn entwickelt, auch ohne den Blick ständig auf die Gegenwart zu richten, aus dem Preußentums Bismarcks, seiner agrarischen Ritterguts-Perspektive und seinen charakterlichen Besonderheiten eine aktuelle Zeichnung seiner Persönlichkeit, die deren einzelne Komponenten neu zusammensetzt und gewichtet. Er schreibt die Geschichte damit nicht neu, wie es etwa Christopher Clark mit seiner Geschichte Preußens oder seiner Biographie über Kaiser Wilhelm II. getan hat. Aber er berücksichtigt auch die neuesten Forschungen und stellt Bismarck gleichsam neben den Sockel, auf den ihn viele zuvor gehoben hatten. Da begegnet dem mit bester Historiographie unterhaltenem Publikum ein mit Fehlern und Fähigkeiten gesegneter Mensch. Das Porträt Bismarcks entsteht in erster Linie aus Zeugnissen, die seiner eigenen Feder entspringen: Briefe, Schriften, Gedanken und Erinnerungen. Auch wenn Nonn dabei vorzugsweise die pointiertesten Dokumente zitiert, entsteht doch ein authentisches Bild. Es wird gegengezeichnet von einer Darstellung der historischen Fakten, die – mit der Urteilskraft des Historikers verbunden – ein nicht nur in Nuancen neues Persönlichkeitsprofil zusammensetzen. Nicht immer leicht ist die Differenzierung zwischen taktischem Kalkül des „Vollblutpolitikers“ und seinen grundsätzlichen Überzeugungen. Nonn bietet dafür plausible Beurteilungen an, die auch einen Rest an Unbestimmtheit belassen, wenn es sich um Schnittmengen zwischen Kalkül und Überzeugung handelt. Das scheinbar Widersprüchliche wandelt sich dann zu einer allgemeinmenschlichen Dimension.

 

Als Beispiel für die „moderne“ Sicht des Autors auf das von ihm um die Person Bismarcks in Augenschein genommene Zeitalter mag seine Neuinterpretation der europäischen Revolutionen von 1848 dienen. Nonn sieht deren tiefere Ursachen weniger in sozialen Verwerfungen einer noch nicht recht begonnenen Industrialisierung als in der Modernisierung der großagrarischen Landwirtschaft. Damit ist er wieder bei den Interessen Bismarcks, der sein pommersches Landgut Kniephof erfolgreich bewirtschaftete. Zu einem anderen bedenkenswerten Urteil gelangt der Biograph bei der Darstellung der „konservativen Wende“ in den späten 1870er Jahren, denen er die gleichzeitige „antikonservative Wende“ in Frankreich und Italien gegenüberstellt. Den Satz „überhaupt ist es paradoxerweise in mancher Hinsicht gerade die relative Modernität des Deutschen Reiches gewesen, die dessen vergleichsweise konservative Entwicklung unter Bismarck begünstigte“ begründet er ebenso plausibel wie neu. Auch an vielen anderen Stellen seines glänzend geschriebenen Buches erfüllt Nonn eben die Erwartungen seiner Leser, dass „die Beschäftigung mit Bismarck nicht nur von antiquarischem Interesse“ ist.

 

Harald Loch

 

Christoph Nonn: Bismarck  -  Ein Preuße und sein Jahrhundert

C.H.Beck, München 2015   400 Seiten mit 50 Abb.  24,95 Euro

Bismarck II

 

Titel Norbert F. Pötzl Bismarck. Der Wille zur Macht Propyläen

 

Autor Norbert Pötzl volontierte bei der Südwestpresse in Ulm. Anschließend war er landespolitischer Korrespondent der Schwäbischen Zeitung in Stuttgart. Von 1972 bis 2013 arbeitete er für den SPIEGEL als Büroleiter in Berlin, Chef vom Dienst, Landeskorrespondent für Baden-Württemberg und später für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, zuletzt als stellvertretender Leiter des Ressorts Sonderthemen.

 

Cover Bismarck mit Prinz Heinrich Mütze und historischen Bildern

 

Gestaltung Paperback, kompakte 300 Seiten, bebildert, gesetzt aus der Sabon vom kriegsgeschehen, der Reichsgründung und dem obligatorischen „Von Bord gehen“

 

Zitat aus dem Buch: „An Bismarcks Lebensgeschichte können auch wir heutigen noch ablesen, wie man Macht gewinnt und verliert.“

 

Inhalt Ein Lebensporträt des Staatsmannes in sechs Kapiteln mit Vorwort und Anhang

 

Meinung Norbert F. Pötzl hat als SPIEGEL-Journalist gelernt, wie man kompakt informiert, ohne dabei den Inhalt zu verlieren. Diese Biographie ist anschaulich, gut lesbar, übersichtlich gegliedert, nicht historisch langweilig, sondern konkret, handfest und auch meinungsbetont. Leben, Charakter, Erfolge, Widersprüche, Fehler, Mythos sind die Überschriften der einzelnen Kapitel. Ob Reichsgründer, Kriegstreiber, Sozialistenverfolger, Sozialstaatler, Scheiternder, die Pötzl-Biographie ergibt ein lebendiges Gesamtporträt  des deutschen Reichskanzlers. der im europäischen Mächtekonzert mit seiner Bündnispolitik das Reich einigte. Die Einheit der Nation steht auf der positiven Haben-Bilanz, sein antidemokratisches, konservatives, restauratives Denken und sein Anti-Parlamentarismus stehen auf der Negativ-Liste. Theodor Fontane meinte nach seinem Sturz: „Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind.“ Pötzl resümiert, Bismarck wurde zum Mythos und Identifikationssymbol, die Reichsgründung war „Happy End der langen unglücklichen deutschen Nationalgeschichte“, Bismarcks umstrittene Innenpolitik sei dagegen aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt worden. Das Buch über Bismarck mit dem „Willen zur Macht“ ist vom Autor mit dem Willen zur Klarheit geschrieben.

 

Leser Geschichtslehrer und deren Schüler, Machtstrategen, Sozialpolitiker und Außenpolitiker, Historiker und Politiker in „failing states“.

 

Verlag: Propyläen

Was kann Merkel von Bismarck lernen?

Interview mit Norbert F. Pötzl

 

1.     Woran liegt es, dass Bismarck bei Biographie-Autoren einen so hohen Stellenwert hat?

 

Bismarck war zweifellos der bedeutendste europäische Staatsmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er hat, auch aufgrund seiner langen Regierungszeit als preußischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler, insgesamt fast 28 Jahre, epochale Veränderungen bewirkt und damit die Weichen für die umwälzenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts gestellt. Seine Politik zeichnete den Weg in den Ersten Weltkrieg ebenso vor wie die Zerstörung der Weimarer Republik durch antidemokratische Kräfte, die sich auf ihn als Vorbild beriefen. Dies fordert natürlich Biographen heraus, das Wirken dieses Mannes immer wieder neu zu durchleuchten.

 

 2.     Wie grenzen Sie Ihre Biographie von anderen ab?

Ich habe durch die Einteilung in sechs Querschnittskapitel eine Form gefunden, die von der herkömmlichen chronologischen Erzählung abweicht. Dadurch konnte ich Schwerpunkte setzen, die Hauptlinien in Bismarcks Handeln stärker herausstellen sowie die Zusammenhänge und Konsequenzen besser verdeutlichen. Bei diesem Stilmittel habe ich mich, wie ich gern einräume, von Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ inspirieren lassen.

 

 3.     Was war schwierig, was war leicht beim Schreiben der Biographie?

 

Schwierig war es zunächst, aus der Fülle des Stoffes die für das Verständnis Bismarcks wichtigsten Vorgänge aus dem Wust von Ereignissen herauszufiltern und sie unter die von mir gewählten Kapitelüberschriften einzuordnen. Es stellte sich aber heraus, dass sich jeweils zusammenhängende Komplexe unschwer unter „Erfolg“ (Reichseinigung), „Fehler“ (Kulturkampf und Sozialistengesetze) und „Widersprüche“ (Bündnispolitik) subsumieren ließen. Damit waren zugleich klare Bewertungen verbunden. Leichter fiel von vornherein, die Person Bismarcks in den Kapiteln „Leben“ und „Charakter“ zu porträtieren: Das eine schildert den äußeren Werdegang, das andere den inneren Menschen – und da muss man ja sagen, dass Bismarck ein Ekel war: hemmungslos herrsch-, rach- und fresssüchtig, und alles verbunden mit einer unglaublichen Larmoyanz. Sehr mit mir gerungen habe ich in dem abschließenden Kapitel „Mythos“, um die Balance zu wahren zwischen dem Respekt vor Bismarcks politischen Leistungen und der Kritik an seiner antidemokratischen Einstellung, die den Grund legte für die Obrigkeitsgläubigkeit der Deutschen bis tief ins 20. Jahrhundert.

 

4.     Warum wird Bismarck eher von der Außenpolitik her als von der Innenpolitik erinnert?

 

Den Bewunderern Bismarcks unter den Historikern ist es gelungen, die Paktomanie, mit der er teilweise miteinander unvereinbare Bündnisse einging, als genial auszugeben. Das hat sich in den Köpfen festgesetzt. Dagegen wurde Bismarcks von vornherein zum Scheitern verurteilter Kampf gegen die von ihm so genannten „Reichsfeinde“, die Katholiken und die Sozialisten, schon von seinen Zeitgenossen als Fehlschlag eingeschätzt und daher von der hagiografischen Geschichtsschreibung alsbald unterschlagen. Selbst die durchaus modellhafte Einführung einer Sozialversicherung schlug sich nicht auf der Habenseite nieder: Die Arbeiter, die Bismarck dadurch der Sozialdemokratie abspenstig machen wollte, waren über die kargen Leistungen erbost, und der Kanzler rückte von seinem eigenen Projekt ab, weil es nicht zu dem von ihm gewünschten Ziel führte.

 

 5.     Was kann Kanzlerin Merkel vom “eisernen Kanzler“ lernen?

Nachahmenswert ist allenfalls Bismarcks Pragmatismus, der unter dem Begriff „Realpolitik“ bekannt wurde. Unideologisch hielt sich Bismarck stets mehrere Optionen offen. Da der autoritär regierende Reichskanzler allein von der Gunst des Kaisers abhing und keine Partei repräsentierte, konnte er sich je nach Lage parlamentarische Mehrheiten suchen. Eine derartige Prinzipienlosigkeit würde indes in der heutigen parlamentarischen Demokratie die Glaubwürdigkeit der Parteien beschädigen.

 

Tucholsky - die scharfe Feder

Kritik

 

Titel Rolf Hosfeld: Tucholsky. Ein deutsches Leben. Biografie Siedler

 

Autor Rolf Hosfeld, geboren 1948, promovierte über Heinrich Heine, arbeitete als Dozent, Verlagslektor, Redakteur, Feuilletonchef der Wochenzeitung »Die Woche«, Film- und Fernsehproduzent und Regisseur sowie Chefredakteur der Buchreihe »Kulturverführer«. Er verfasste zahlreiche Bücher zu kultur- und zeitgeschichtlichen Themen. Rolf Hosfeld lebt in der Nähe von Potsdam.

 

Cover Ein jugendliches Porträtbild von Kurt Tucholsky mit dessen Unterschrift als Hintergrund

 

Gestaltung übersichtliche 320 Seiten, vier Hauptkapitel mit Anhang: Die Welt von gestern, Die halbe Republik, Deutschland von außen, Kein Ort nirgends, Anhang. Das Buch ist schwarz-weiß bebildert.

 

Zitat aus dem Buch: " "Die Diagnose lautet: Überdosis Veronal, vermischt mit Alkohol. Ohne Barbiturate konnte der von innerer Unruhe Zerrissene schon lange nicht mehr schlafen. Er hinterlässt nichts, keinen Abschiedsbrief. (...) War es Selbstmord? (...) Die Frage konnte nie endgültig geklärt werden."

 

Inhalt Hosfeld lässt in dieser Tucho-Biographie das kurze Leben von Kurt Tucholsky Revue passieren, der als Korrespondent und Schriftsteller in der Reihe mit Erich Kästner und Joachim Ringelnatz Anfang des 20. Jahrhunderts stand und Romane, Rezensionen, Feuilletons, Gerichtsreportagen, Anekdoten, Aphorismen, Aufsätze, Fabeln, Gedichte, Glossen, Märchen, Monologe, Liebesgeschichten, Reisebilder, Verse und Briefe schrieb. Er starb vermutlich durch Selbstmord.

 

Meinung

 

Ringelnatz über Tucholsky: "Er teilte an der kleinen Schreibmaschine Florettstiche aus, Säbelhiebe, Faustschläge. (...) ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten." Genauso ist es, als Tucholsky stirbt, beginnt der II. Weltkrieg und so endet auch diese Biographie. Mutig, neben den mindestens fünf bereits existierenden Biographien eine weitere zu schreiben. Hosfeld gelingt es einen eigenen zwar nicht literaturanalytischen Blick auf Tucholsky zu werfen, er erzählt, schildert, beschreibt, und so gewinnt dieses Buch ein eigenes Tucholsky-Flair. Natürlich beginnt Hosfeld mit der Rheinsberg-Liebesgeschichte, in die man sich als Leser selbst verliebt hat. Hosfeld bringt uns die Liebesbeziehungen von „Tucho“, der polygam gelebt hat, mittels der zahlreichen Briefe nahe. Die Hin-und Her-Gerissenheit des Autors, der an vielen Orten auf der Flucht vor den Nazis leben musste, wird ausführlich aufgezeichnet. Insbesondere widmet er dem Tucholsky-Aufenthalt in Paris als WELTBÜHNE-Korrespondent breiten Raum. Lebendig und nahe beschreibt Hosfeld den an NAZI-Deutschland verzweifelten Autor, der auch als Redner und Rezitator von Texten vor sein Publikum trat. Hosfeld ist es gelungen, einen großen deutschen Schriftsteller wieder auf die BÜHNE zu stellen, und irgendwie auch auf die WELTBÜHNE. Seine Werke sind aktueller denn je...

Leser Biographie-Leser, Verliebte und noch nicht-Verliebte, Tucho-Kästner-Ringelnatz-Fans, Leser, die die Weimarer und Hitler-Zeit verstehen wollen.

 

Verlag: Siedler

 

Leseprobe http://www.randomhouse.de/Buch/Tucholsky-Ein-deutsches-Leben-Biographie/Rolf-Hosfeld/e351642.rhd?mid=4&serviceAvailable=true&showpdf=false#tabbox

 

 

Pressestimmen

 

»Hosfeld bietet eine gute Einführung in das recht kurze Leben und das dagegen sehr umfangreiche Werk des großartigen Vielschreibers Kurt Tucholsky. Eine gut komponierte Biografie.« Deutschlandfunk – Andruck, 07.05.

»Hosfeld kann – angesichts der bisher erstaunlich wenigen Biografien über einen der profiliertesten Autoren der Weimarer Republik - mit seinem lesenswerten Werk eine Lücke schließen. «
dpa-StarLine, 02.05.2012

 

»Rolf Hosfelds Biografie handelt in erster Linie vom Zeitzeugen Tucholsky und ist damit eine höchst lesenswerte Geschichte Deutschlands im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. «
Neue Zürcher Zeitung, 15.08.2012

 

»Im schönsten Sinn des Wortes ein politisches, ein historisches und ein biografisches Lesebuch. Außerordentlich gut gelungen.«
vorwaerts.de, 17.04.2012

 

»Rolf Hosfeld Rückblick auf Tucholskys Leben setzt die Geschichte des Privatmanns [...] mit der öffentlichen Person und seiner ungeheuren Sprachkraft in Beziehung. «
DAMALS. Das Magazin für Geschichte, 7/2012

 

Rezensionen

 

Deutschlandradio und Deutschlandfunk

http://www.deutschlandradiokultur.de/eine-biografie-mit-ueberraschenden-volten.950.de.html?dram:article_id=208710

 

http://www.deutschlandradiokultur.de/es-begann-mit-dem-bilderbuch-fuer-verliebte.1270.de.html?dram:article_id=206064

 

http://www.deutschlandfunk.de/urahn-der-facebooker-und-twitterer.700.de.html?dram:article_id=207846

 

Die "schwarze" Patricia

- eine Rezension in Leseschritten

Joan Schenkar

Die talentierte Miss Highsmith

Diogenes 

 

1             Das Werk hat 1070 Seiten. Wen soll man jetzt ermorden: die Autorin, den Verleger, den Lektor? Was würde die talentierte Miss Highsmith dazu sagen? Und welche Mordmethode würde sie wählen? Wir entscheiden uns zu einer neuen Form, der Fortsetzungs-Rezension, die während des Lesevorgangs entsteht.

 

2             Schon auf Seite 14/25 die erste Überraschung: Patricia Highsmith wird von der Autorin ständig mit dem Vornamen PAT angesprochen, der Plot ihres Lebens soll aus ständigen Wiederholungen bestanden haben. Und die Biographie, die Joan Schenkar schreibt,  geht nicht chronologisch vor, Pats Leben war keine geradlinige Strecke vielmehr ein exzentrisches „Auf und Ab“ und „Hin und Her“ und Patricia Highsmith trank nicht gerade wenig Alkohol – eine Überraschung nach der anderen.

 

3             Was ist der Antrieb dieser „dunklen Frau“? „Obsessionen sind das Einzige, was zählt“ ... „Am meisten interessiert mich die Perversion, sie ist die Dunkelheit, die mich leitet“. Das ist natürlich der Stoff, aus dem die Krimis sind. Aber wie passt dazu, dass die Highsmith jahrelang für Comicverlage schrieb? Ihr tägliches Schreibpensum waren acht Seiten Text, ihr „Verbrauchspensum“ an menschlichen Beziehungen schier unübersehbar. Pat liebte Frauen zuallererst und auch Männer, aber nur probehalber. Ihre lesbischen Beziehungen, sexuelle Kurzabenteuer oder auch  einige längere Beziehungen verbarg sie so gut oder schlecht es eben ging vor der Öffentlichkeit, jedoch nicht in ihren Romanen.

 

4             Was ist die Intention der Autorin? Sie startet den Versuch, den „ständigen Wechsel der Identitäten zu fassen“. Diese Biographie folgt einem eigenen Muster: den Obsessionen und den Schaffensperioden der Highsmith, nicht der Lebens-Chronologie. Ihre Quellen, nahestehende Personen, werden zuweilen anonymisiert. Der Spannungsbogen, den die Highsmith in ihren Romanen wählt, die Story entweder langsam oder mit einem Bigbang zu beginnen, ist auch das Leitmotiv für die Biographin.

Die Vorgehensweise ist chirurgisch-präzise, also sehr genau, weil Tagebücher, Aufzeichnungen und „Cahiers“ (Hefte) der Patricia Highsmith zur Verfügung standen, und somit ihr Leben minutiös bis in die letzten Details und Verwinkelungen beschrieben werden kann. Das ist manchmal mühsam und sehr ausführlich, aber zugleich ebenso faszinierend, weil sozusagen ein genauer Röntgenblick entsteht, eine Situation für den Leser, als liege die Highsmith vor einem in der CT-Röhre. Wie sagt die Krimimeisterin über sich selbst: “Details über sein Privatleben preiszugeben ist für einen Schriftsteller, als würde er sich nackt in der Öffentlichkeit zeigen.“

 

5             Grimmige Individualität, sperrige-bizarre Originalität, eine Frau, die mit einer obsessiven Leidenschaft Listen erstellt, sie sammelt gehamstertes Briefpapier, hortet stapelweise Zettel, tippt ihre Romane, zweidreimal ab. Ständige Umzüge, vagabundieren zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, Alabasterhaut, Mandelaugen, Liebesaffären, Alkoholmissbrauch, Verführung verheirateter Frauen, und ein hohes literarisches Ziel, so kommt uns Patricia Highsmith auf den ersten Seiten der Biographie entgegen. ...“Stümper gibt es auf allen literarischen Gebieten euer Ziel muss sein, ein Genie zu sein.“

 

6             Wie sieht die Biographin das Werk – die Werke der Highsmith?
Sechs bis sieben Romane ein Dutzend Shortstories hält sie für mit nichts in Raum und Zeit vergleichbar, sie seien eigenartig, zwanghaft, originell, phantastisch, die Bücher seien gattungsübergreifend, die Geschlechterrollen in Frage stellend, beschäftigten sich mit der Anatomie der Schuld, die Autorin habe zwar nicht selbst Kunst im Schreiben Kunst angestrebt, aber ihre Werke seien durch Kunst inspiriert. Originalton Highsmith: „Ich finde, dass meine Bücher in Gefängnisbüchereien nichts zu suchen haben.“ 

 

7             Wer ist diese Frau, die auf Müllhalden ausgefallene Gegenstände für ihr Haus sucht, die an ihrem Busen ihre Lieblingshaustiere, nämlich Schnecken, verbotenerweise nach Frankreich importiert, die Juden, Schwarze, Latinos und Indianer nicht gerade liebt, die psychologisch zwischen Angezogen- und Abgestoßen sein, Selbsthass und Selbstüberhebung schwankt und die von sich selbst sagt: „Ich vergöttere Frauen ... “Auch wenn ich mir keine Dominanz ohne Liebe und keine Liebe ohne Dominanz vorstellen kann.“  Die Highsmith, eben Mrs. Mystery...

 

8             Was ist das charakteristische in Ihrem Werk? Erste Annäherungsschritte: Eine große Kälte steht im Zentrum ihrer Werke, in dem die „Anwesenheit der Abwesenheit von Schuld herrscht“. Verkleidung, Imitation, Verwandlung, Fälschung, Identitätsdiebstahl bestimmen die Verbrechensmotive, sie selbst versucht durch Rituale ihre Ängste zu bezwingen, leidet an einem Waschzwang, ersetzt im späten Leben ihre Gefühle durch Gegenstände, und betreibt einen Listen-Fetischismus, nummeriert ihre Wünsche und Begierden. Bei Sexszenen schaut sie weg, bei Gewaltszenen hin. Angst bestimmt ihr zweites Ich. Die Requisiten ihres unsteten Lebens, die sie ständig bei sich hat: ein Notizbuch, ein Füller, eine brennende Zigarette, eine Flasche (Martini, Whiskey, Bier) und jede Menge düstere Phantasien: „Ich kann mir für die Phantasie Nichts Stimulierenderes und Beflügelnderes vorstellen, als die Annahme, dass jeder, der einem auf dem Gehweg entgegenkommt, ein Sadist, ein Seriendieb oder sogar ein Mörder sein könnte.“

 

9            

Die Grundlage für einen Roman ist die Verlorenheit eines Individuums in diesem Jahrhundert, das nicht in dieses Jahrhundert passt, schreibt die Biographin Joan Schenkar über die talentierte Mrs. Highsmith. Für sie hat das Leben keinen Sinn ohne ein Verbrechen. Ihr Schreibmotiv ist nicht die Verliebtheit in Worte, sondern das Tagträumen um Tagträumens willen.  Sie schreibt nachts, denn dann erlahmen ihre nagenden Selbstzweifel. Alle wussten, dass sie Alkoholikerin war. Aber man sah sich verdammt vor, sie darauf anzusprechen, schreibt die Biographin. Pats selbsterklärende Argumente:“ Ein Künstler wird immer trinken.“

 

Sie liebt junge Mädchen und Lesbenbars, schläft ab und zu auch mit Männern,  hat den Drang, ihre Gefühle in einer männlichen Figur zu verkörpern. Sie fühlt sich als lebendiges Beispiel für einen Jungen im Körper eines Mädchens. Sie ist, meint die Autorin, Expertin für sadomasochistische Beziehungen. („Shades of Pat“) Sie schwankt zwischen Alleinsein und Beziehungen, überlegt sich radikale Änderungen zum Männlichen oder Weiblichen hin. Sie lebt den Widerspruch und ist der Widerspruch: „Es gibt nichts, was ich nicht tun würde. Mord, Zerstörung, anstößige Sexpraktiken. Aber ich würde trotzdem meine Bibel lesen.“

 

10           Selbstreflexionen: Ihr Selbstbewusstsein hat eine Lebensdauer von nicht mehr als vierundzwanzig Stunden. In der Beat- und Pop-Ära scheint sie wie aus der Zeit gefallen.  Die Highsmith, eine Frau der Absonderlichkeiten, sie sammelt 300 Schnecken  in Glasterrarien, entwickelt erfinderische Ideen, zum Beispiel eine  Galerie für schlechte Kunst, ein Schwitzthermometer, seltsame Lampenschirme und ein eigenartiges Mordwerkzeug, einen mit Strychnin versetzten Lippenstift. Sie schreib Liebesszenen zwischen sich paarenden Schnecken, lässt Journalisten und Gäste bei sich zuhause hungern statt sie gastlich zu bewirten. Bei den einen weckt sie Hass, bei den anderen tiefe Zuneigung.  

Das Fazit der fleißigen Biographin Joan Schenkar, die Highsmith hatte  Stalker-Neigungen, mit einem Drang zur Geheimniskrämerei. Dabei spielte sie mit falschen Identitäten.  In den Verbrechen, die sie als Schriftstellerin begeht, geht es ihr um das „unbestrafte Davonkommen“.

Am Ende ihres Lebens stellen die Ärzte Karzinome in Lunge und Nebenniere fest. Dioe Highsmith denkt über ihre Grabinschrift nach und meint: “Hier ruht jemand, der seine Chance stets vergab.“

Fazit der Biographin, die ein unglaublich detailliertes, in viele Einzelheiten verzweigtes und manchmal auch sich wiederholendes Lebens-Panorama geschrieben hat: Patricia Highsmith  schrieb fünf oder sechs der verstörendsten Romane des 20. Jahrhunderts. Die Frau mit der Schreibmaschine („Olympia“) philosophiert an einem Sylvestertag über das kommende Jahr, es klingt zugleich wie ihr Testament: Sie spricht einen Toast aus auf die Teufel, Lüste und Leidenschaften, auf die Gier, den Neid, die Liebe und den Hass, sie spricht über seltsame Begierden, reale und geisterhafte Feinde und sie toasted auf die „Armee der Erinnerungen“, mit denen sie kämpft und ihr Fazit lautet dann: Mögen all die genannten Domänen und Kräfte sie niemals ruhen lassen. Ja genauso geschah es...

 

Gesamturteil – Schluss der Fortsetzungsrezension

 

Die aus den Vereinigten Staaten stammende  Schriftstellerin und Dramatikerin Joan Schenkar hat ein voluminöses, detailreiches, präzises und gemein fleißig wirkendes Gesamtwerk vorgelegt, für das sie acht Jahre gearbeitet hat. Auf den fast 900 Seiten beschreibt sie minutiös die verwirrenden Lebensentwicklungen der Patricia Highsmith und verbindet ihre Lebensentscheidungen und Lebensformen mit den Protagonisten ihrer Romane. Dier Biographie  wirkt wie der sezierte Gen-Code der Bestseller-Autorin, die ihr Gesamtwerk dem DIOGNES-Verlag verschrieben hat. Ein umfangreicher dokumentarischer Anhang ergänzt die Biographie-Kapitel, die jedoch nicht chronologisch geordnet sind und insofern den Lesefluss erschweren, zumal die Kapitelüberschriften etwas willkürlich wenig aussagen. („Girls“ in Reihenfolge für die Liebesbeziehungen der Highsmith)

Es ist ein fulminantes, rechercheintensives Werk über Patricia Highsmith entstanden, die ständig auf Reisen ihren Lebensmittelpunkt und ihre  Identität suchte, als Leser ihrer Werke gewinnt man außerordentlich viel Hintergrundverständnis für Patricia Highsmith, die das Morden als Lebensmotto lebte, auf Papier und in ihren Phantasien ausgetobt.

 

ENDE