Belletristik

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Roman mit Biss: Auf den Spuren von Fürst DRACULA

Der Ort der Handlung wird anonymisiert und abgekürzt. Er heißt einfach B., eine kleine Ortschaft in der Walachei, südlich von Transsylvanien gelegen, am Fuß der Karpaten. Ich kenne die Ecke, habe gute Freunde aus Siebenbürgen.


Die Erzählerin greift rumänische Geschichte auf, die voll unvorstellbarer Grausamkeiten steckt und stellt sie in den Kontext mit Geschehnissen jener „barbarischen kommunistischen Zeit“, in der Ceaușescu der diktatorische Fürst unserer Tage war. 

 

Die Erzählerin im Buch hat mit Vorliebe Abenteuerbücher gelesen, etwa Jules Vernes, Alexandre Dumas und Karl May. Von Bram Stoker dem Dracula-Erfinder erwähnt sie aber nichts. Aber dafür Ceaușescu, der das Volk „aufsaugende Diktator“. In der Diktatur flohen viele oder wanderten aus, nach der Revolution kehrten aber viele wieder als Heimatsucher zurück. 

 
Wenn die Autorin von Regenfällen erzählt, schreibt sie, dass damals alle „Niederschläge Ihre Feierlichkeit hatten und eine angemessene Bühne“, jetzt „regnete es gleichgültig“. So poetisch faszinierend sich das Buch an vielen Stellen liest, schwebend, träumend, nimmt es als Fantasy-Geschichte doch auch wieder konkrete Bodenhaftung auf. 
Es geht nämlich dann um die korrupten Politiker des Landes, die illegal Schwimmbäder mit Tennisplätzen kaufen, alte Hotels und Restaurants sanieren, Transportfirmen übernehmen, eben Geschäfte mit alten Parteifreunden tätigen, Projektgelder kassieren und ja auch krumme Geschäfte mit Grundstücken abschließen, illegaler Holzeinschlag miteingeschlossen.


Wie heißt es in der ersten Strophe der rumänischen Nationalhymne: 
Deșteaptă-te, române, din somnul cel de moarte,
În care te-adânciră barbarii de tirani!
Acum ori niciodată croiește-ți altă soartă,
La care să se-nchine și cruzii tăi dușmani!
 
Erwache, Rumäne, aus deinem Schlaf des Todes,
In welchen Dich barbarische Tyrannen versenkt haben!
Jetzt oder nie, webe Dir ein anderes Schicksal,
Vor welchem auch Deine grausamen Feinde sich verneigen werden!
Nun der „Todesschlaf“ spielt in dem Buch die Hauptrolle, es geht um eine-Familien-Gruft, Souvenirshops, den Tourismus und um Fürst Vlad III., der mit harter Hand seine Feinde richtete, auf Pfähle spießte und qualvoll sterben ließ. Der „Pfähler“ Vlad Tepes, der auch als literarisches Vorbild für „Dracula“ diente. Mehr sei an dieser Stelle nicht konkret verraten. Dana Grigorcea erzählt ihre gruselig-grausame Dracula-Geschichte, dieses politische Gleichnis, mit großer Sprachpotenz und zugleich mit einer gewissen Leichtigkeit.


Es kommt in dem Roman auch das Landestypische zum Zuge, wie ich es von Fahrten nach Transsylvanien mit rumänischen Freunden kenne.
Da wird zum Beispiel Muskatwein oder Weichsel-Likör getrunken, oder Brennnessel-Pasteten mit viel Knoblauch genossen, Auberginen-Salat, Tomaten mit Knoblauch, eingelegte Paprika gegessen und Rotwein gekippt.


Unsere folkloristische Neugierde wird also geweckt und den Aberglauben des Volkes lernen wir auch kennen. Etwa die Volksweisheit, wenn Salz auf dem Tisch verschüttet wird, kommt es zum Streit. Gläser, die noch nicht ganz leer sind, bitte nicht auffüllen! Einen Brotlaib von beiden Enden anschneiden, bringt Unglück!


Aber auch Politisches schwingt immer mit. Zum Beispiel, dass Ceaușescu gute Beziehungen zu den Ölstaaten aufrecht hielt. Da war es ihm egal, ob es sich um Diktatoren handelte, er war ja selber einer. 
Wir lesen von Misswirtschaft, uferloser Korruption, einem Volk voller Dummheit und Herdentrieb, einem Land in dem damals unter Ceaușescu, mehr Ordnung, mehr Patriotismus, mehr Respekt vor Autoritäten herrschte. Man liebte und liebt die starke Hand des Führers. 
Fazit der Romanparabel: „Der „Vampir Biss“ ist keine Strafe wie etwa das Pfählen eine ist.  Er ist die Erlösung dessen, der geknechtet, verraten und erniedrigt wurde. Her mit Eurem schwachen Blut! Und dann nehmt und trinkt alle vom Blut des Fürsten. Ihr Ohnmächtigen, die ihr mächtig werden wollt. Dies ist der Blutsbund derer, die für das Recht kämpfen.“ 
Man könnte auch ein weniger prosaisches Zitat aus diesem "politischen Schauerroman" für das rumänische Volk wählen: Jeder Tritt in den Arsch ist ein mächtiger Schritt nach vorn. Aber wohin torkelt Rumänien?

 

Dana Grigorcea Die nicht sterben Penguin

Angst und Aerosole

Gerade beschäftigen wir uns wieder in der Pandemiedebatte um das Thema Lockerung. Dabei wissen wir, dass ihr der Tod folgen kann. Thea Dorn hat in ihrem Briefroman die Geschichte ihrer an Covid verstorbenen Mutter aufgeschrieben. Dies in Form eines Briefwechsels zwischen einer gewissen Johanna und ihrem Freund Max. 


Mit einer Postkarte beginnt das Buch: „Liebe Freundin, wie geht es Dir? Dein Alter Freund.“ 


Es ist ein Buch über die Verlustangst und die Bedeutung des Todes für das Leben oder die Bedeutung des Lebens für den Tod. Also: „Die schlimmste Seuche unserer Tage ist die Angst.“


Die Autorin schreit in diesem Buch geradezu heraus: „Sie haben mich nicht zu ihr gelassen!!!! Den Sicherheitsdienst haben sie gerufen, als ich versucht habe, trotzdem in das Gebäude rein zu kommen. Irgendwo da drinnen hing meine Mutter an irgendwelchen Maschinen. War am ersticken, verrecken, und sie haben mich nicht zu ihr gelassen!!!! Infektionsrisiko!!! Das Infektionsrisiko sei zu groß.“


Das tödliche Schicksalsende der Italienreise ihrer Mutter ist am Ende für Dorn auch eine Rechtsfrage: Kein Staat dieser Welt, so die Autorin, hat das Recht, einen Menschen zum einsamen Tod zu verdammen.
Ihre Mutter war eine prominente Schauspieler-Agentin und hatte sich bei einer Italienreise leichtsinnigerweise infiziert. Bei der Beerdigung in München tauchen dann die Fotografen-Geier der Boulevardpresse auf, um Prominente „abzuschießen“, die Polizei tritt auf, um über Infektionsschutz, Hygieneregelungen und Ordnungswidrigkeiten zu informieren und deren Einhaltung anzumahnen.


In einem gut lesbaren, spannenden Dialogverfahren von Frage/Antwort Frage/Antwort/Ansichtskarten/Briefantworten versucht die Autorin sich an Trauerarbeit. Schmerz, Schreie, Verzweiflung, Unrecht, Leid, Schicksal, das alles prasselt auf den aufgewühlten Leser ein, denn Thea Dorn möchte dem Unrecht hier den Prozess machen.
Thea Dorn schildert eindringlich und gut nachzuempfinden, wie sie die „ausgestorbene Wohnung“ ihrer Mutter ausräumen muss und dabei noch einmal ihre Nähe sucht. Sie empfindet die Situation dennoch als „Totenhausfriedensbruch“.


Sie kauft sich zur Beruhigung eine Schachtel Zigaretten, obwohl sie eigentlich nicht raucht, während da draußen eine Lungenseuche tobt. Thea Dorn erträgt kaum den täglichen Pandemie-Horror: Die Bildschirm-Konferenzen, wenn Schauspieler und Schriftsteller oder Musiker Wohnzimmer-Aufführungen verbreiten. Sie kann die News-Ticker nicht mehr aushalten und auch die Wissenschaftler nicht, die erklären, was wir alles wissen, und in Wahrheit nichts wissen. 


Sie bekommt keine letzte Begegnung mit ihrer toten Mutter gestattet, sie darf sie nicht im Sarg sehen, sie erhält kein Foto mehr von ihr. Ein Abschied ohne Abschied. 


Im Briefwechsel entdecken wir immer wieder philosophische Erkenntnis- Sätze, aber auch Eindrücke über den Zustand unserer Gesellschaft, wenn zum Beispiel das Vernünftige ins Absurde umschlägt.
Thea Dorn zitiert Sokrates und Seneca, Kleist und Platon, Simone de Beauvoir und Canetti, ihre philosophische Kenntnis bettet Dorn anspruchsvoll in den Text ein, beschreibt aber auch alltagsnah ihren Katzenjammer, ihre Zweifel oder die schreckliche, aber dennoch hilfreiche Apparate-Medizin 


Sie beschreibt eine Gesellschaft zwischen nicht ausgelebtem Hedonismus und faszinierender Massendisziplin, zwischen Herdenimmunität und Alltagswahnsinn. 


Wir stolpern als Leser über die verklausulierte Handlungshilfe zum Pandemie-Arbeitsschutz-Standard für die Branche „Bühnen und Studios im Bereich Proben und Vorstellungsbetrieb“, derart bürokratisch-beamtig formuliert, dass einem das Grausen kommen könnte.  Für Dorn führen wir eine Lumpen- Tragödie auf, dazu ein Halleluja auf eine wahre „Ökokalypse“.


Johanna, ihre Brief-Hauptperson, muss feststellen, dass auch ihr verlässlicher Liebhaber In der Pandemie reumütig zu seiner Familie zurückgekehrt ist, und sie es ihm nicht einmal verdenken kann. Die Leichtigkeit des Seins ist eben verloren. Wird unerträglich. 
Geradezu begeistert hat mich der Satz Johannas, dass sie als Feuilleton-Redakteurin bei ihrer Zeitung eigentlich hätte kündigen müssen, und zwar, als der erste News-Ruhm eingerichtet wurde, als es um Klickzahlen für Artikel, Aktienkurse, TV-Sternchen auf Seite Eins ging, an dem Tag, als der Kultur-Teil halbiert wurde, als die Chefredaktion vor versammelter Mannschaft verkündete, dass reine Buchbesprechungen, Theater-, Opern- und Konzertkritiken nicht mehr erwünscht seien. Es gehe nur noch um „Diskurs“. Aber Diskurs auf welchem Fundament, möchte man fragen, auf dem der TV-Sternchen??? Der Aktienkurse? Der Klick-Zahlen?


Resignativ heißt es auf Seite 158: Was soll ich in der Kultur, gemeint ist die Redaktion dafür, wenn die Kultur selbst den Bach runter geht? Untergangs-Berichterstattung machen? 


Es regt die Autorin auch auf, dass Politiker in der Lockdown-Diskussion Nagelstudios und „Muckibuden“ in einem Atemzug mit der Kultur nennen. Sie hatte den Wunsch, einen öffentlichen Aufruf der Künstler dagegen zu initiieren. Doch das gelingt ihr nicht. Zu viele sprechen dagegen. Am Ende begreift sie: Ein Aufruf bringt nichts, was wir brauchen ist ein Aufstand. Fragt sich am Ende der Leser aber, Aufstand – wer? Und gegen wen genau?


Es ist ein aufwühlendes Argumente-Buch, das hinterfragt, zweifelt, schimpft, argumentiert, philosophiert, weint und auch zuweilen weinerlich ist und sein will, eine Seelen-Bestandsaufnahme, ein Befindlichkeits-Barometer, keine Postkartenidylle, denn der Briefwechsel ist eigentlich ein Dialog mit dem Mittel der Ansichtskarte auf der einen und des Antwortbriefes auf der anderen, auf Maxens Seite. 
Mit Mail und Whatsapp, Facebook oder Tiktok wäre das weniger gut möglich. Es kann sein, dass das Buch Trost spendet. Eine Garantie dafür gibt es nicht. Wie überhaupt Garantien in Pandemien garantiert scheitern können.


Thea Dorn TROST Briefe an Max Verlag PENGUIN

 

Thea Dorn, geboren 1970, studierte Philosophie und Theaterwissenschaften in Frankfurt, Wien und Berlin und arbeitete als Dozentin und Dramaturgin. Sie schrieb eine Reihe preisgekrönter Romane und Bestseller, Theaterstücke, Drehbücher und Essays und moderierte die Sendung »Literatur im Foyer« im SWR-Fernsehen. Seit März 2020 ist sie leitende Moderatorin des »Literarischen Quartetts«. Thea Dorn lebt in Berlin.

 

Durs Grünbein OXFORD LECTURES

Poetik-Vorlesungen sind für Literaten eine gute Möglichkeit, aus dem Schriftstellerzimmerchen im Elfenbeinturm heraus zu treten, den Schreibtisch, das Notizbuch, den PC oder das Tablet zu verlassen, vor sein Publikum zu treten und reflexiver auf das eigene Schaffen zu schauen als es bei einer einfachen Lesung mit Buchhandlungspublikum möglich wäre. Es sind VOR-Lesungen und keine Lesung, und es ist meist den Literatur-Größen vorbehalten, dazu eingeladen zu werden. 


Es geht um die „Lord Weidenfeld Lectures“. Zu den früheren Inhabern dieser Professur an der Oxford University zählen George Steiner, Umberto Eco, Amos Oz und Mario Vargas Llosa. Die „Lectures“ sind einer der wirklichen Höhepunkte im akademischen Jahr, gleich ob Wissenschaftler oder Schriftsteller, vor Studenten dann auftreten. 


Durs Grünbein wählt in seinen vier Texten den Zusammenhang zwischen Totalitarismus und Geschichte, kombiniert Wort und Bild Vergangenheit und Zukunft, eigene subjektive und objektive Geschichtsbetrachtungen. Es geht um das Stückwerk von Erinnerungen und die Möglichkeit, dafür literarisch die passenden Worte zu finden. 


So empfindet man als Leser der „Lectures“ den Literaten Grünbein als sorgfältigen „Geschichtsarchäologen,“ der mit Pinselchen das historische Erdreich, den Geschichtsstaub entfernt, damit die genauen Strukturen von „History“ klarer zu sehen sind. 


Ob Hitler auf der Briefmarke, der Autobahnbau der Nazis, der aggressive Angriffskrieg mit Bombadierung aus der Luft, hier setzt Grünbein thematisch an und setzt zugleich seinen individuellen Umgang mit Geschichte der kollektiven Erfahrung von Vergangenheit gegenüber. 
In der ersten Vorlesung geht es also um Grünbeins Briefmarken-Sammlung und das Konterfei Hitlers auf den postalischen Wertzeichen, die er als Kind ins Briefmarkenalbum sortiert hatte. Viele verschiedene Farben und Wertzeichen gingen um die Welt. Im nächsten Text thematisiert Grünbein das Zukunftsprojekt Autobahn, die von den Nazis in die Landschaft hinein inszeniert wurde. Im Kapitel Bombenkrieg, Titel „Im Luftkrieg der Bilder“, thematisiert Grünbein die Bombennächte, die Zerstörung der englischen Städte und kommt zu der persönlichen Einsicht: “Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 wird mir für immer als Warnung im Gedächtnis bleiben.“


Kurt Kister, Süddeutsche Zeitung, wirft in einer SZ-Rezension die grundsätzliche Frage auf: Schadet es nicht der wissenschaftlichen Seriosität, wenn es gut lesbare, gar literarische Geschichtsschreibung gibt?


Darf Geschichtsschreibung also literarisch fundiert und grundiert sein, in wie weit darf Persönliches, die Eigenbeobachtung also, in Geschichtsschreibung einfließen? Kister kommt zu dem Ergebnis, die in ihrer Subjektivität beste Geschichtsschreibung ist die, die auch die Verortung der eigenen Position gegenüber dieser Geschichte zulässt. „Grünbeins Aufsätze gewordene Reden sind gute, weil stilistisch brillante Beispiele dafür, warum Literatur ohne Geschichte kaum denkbar ist“, schreibt Kister. 


Ich finde einen historischen Zusammenhang als ausreichende Begründung dafür, den Grünbein selbst benennt: „Was mich nicht loslässt, ist das Problem der totalen Verfügbarkeit ganzer Völker“, schreibt Grünbein. 


Damit ist die Frage nach der Möglichkeit der Gewaltherrschaft in allgemeiner Form gestellt, und aktueller könnte dieser Befund angesichts der krisenhaften Entwicklung in Demokratien nicht sein. Es sind die Nachbilder autoritärer Herrschaft, neue Träume von Rechtspopulisten von der Volksgemeinschaft, Politikmarketing und Populistenpropaganda, die rückwärtsgewandten Visionen von starken Nationen und deren möglichst autarken Wirtschaften, die Durs Grünbein umtreiben. 
Am Schluss aber, so formuliert es sein Verlag Suhrkamp, steht eine erste Erfahrung von Ohnmacht im Schreiben und die daraus erwachsende, bis heute gültige Erkenntnis: „Es gibt etwas jenseits der Literatur, das alles Schreiben in Frage stellt. Und es gibt die Literatur, die Geschichte in Fiktionen durchkreuzt.“ 


Es ist aber die Literatur, die zu folgendem Ergebnis kommt: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler“ (Ingeborg Bachmann) 
Vielleicht ist Literatur doch der eindrucksvollere und wirkungsvollere Ratgeber als Geschichte, um aus der Geschichte zu lernen? Und wir sehen am Ende betroffen, den Vorhang zu und wieder alle Fragen offen…


Durs Grünbein: Jenseits der Literatur. Oxford Lectures. Suhrkamp 

 

Pressestimmen


„Ausgehend vom historischen Detail und ausgerüstet mit einem enormen Wissen, zieht [Durs Grünbein] historische Koordinaten nach und sucht nach den Verschaltungen von Technik, Ideologie und Sprache.“ Jörg Schieke, MDR KULTUR 

 

„Durs Grünbeins brillanter Gedankenstrom in vier Teilen sollte viel diskutiert und gelesen werden.“ Peter Helling, NDR 

 

„Durs Grünbeins faszinierender Versuch einer alternativen Geschichte der NS-Zeit.“ DIE WELT 

 

„‘Jenseits der Literatur‘ ist ein geharnischter, kluger und umsichtiger Essay.“ Michael Braun, Kölner Stadt-Anzeiger 

Anna Baar: Nil       Roman


Bin ich Sobek, habe ich ihn für meinen Fortsetzungsroman erfunden oder bin ich der Chefredakteur, der mich zwingt, den Roman schnell zu einem dramatischen Ende zu bringen? Diese Frage nach dem Selbdritt stellt die Protagonistin – oder ist sie nicht vielleicht ein Mann? – in dem literarisch wohlkonstruierten Roman „Nil“ von Anna Baar.

 

Jede Leserin dieser kleinen literarischen Kostbarkeit wird die Frageschraube noch eine Drehung enger ziehen und nach dem Platz der Autorin fragen, schließlich, eingedenk dieser Schichtung von Wirklichkeit und Fiktion, auch nach sich selbst: „Am Ende trifft alles zu, gerade das Ausgedachte.“ Anna Baar, 1973 im damals jugoslawischen Zagreb geboren, lebt heute in Klagenfurt und Wien. Dem hiesigen Publikum ist sie durch ihr Erfolgsdebüt „Die Farbe des Granatapfels“ in bester Erinnerung.

 
Erinnerung gewinnt auch im „Nil“ eine auf das Selbst der Autorin weisende Bedeutung: „Wir werden unsere Geschichten nicht los, ob wir sie nun erzählen oder nicht, manchmal rutscht etwas davon heraus, mitten ins Schweigen hinein, in die stehengebliebene Zeit…“ Der Vater der Protagonistin war Tierpfleger im Zoo, vögelte seine an den Küchentisch gelehnte Frau im Stehen. Seine Strenge zwang seine Tochter zu ständigem Leugnen: „Ich war es nicht“, wenn ihr eine Tasse zu Boden fiel und zerbarst.

 

Um das Elternhaus kreist sie als Sobek, auch als sie es längst – für immer? – verlassen hat. Jetzt schreibt sie also für ein Frauenmagazin Fortsetzungsromane. Der Chefredakteur gibt ihr einen Wink - einen Befehl? – sie solle „alles so arrangieren, dass es zu einer Art Bühnenspiel wird, mich unters Publikum mischen, Zuschauer unter Zuschauern sein.“ Sie macht sich ans Werk: „Die Handlung gestalte ich schlicht: Einer geht nachts im Schneesturm immer dieselbe Straße entlang, um einen zu finden, der ihn erwartet, erkennt. Auf dem Weg geht ihm auf, dieser Jemand bin ich. Mein Name tut nichts zur Sache. Seiner soll Sobek sein.“


Eigene Erinnerung der Protagonistin, die von ihr gestaltete literarische Wirklichkeit und auch der Schreibauftrag für das Frauenmagazin verflechten sich kunstvoll. Jeder Leser wird das zu entwirren versuchen. Immer wieder taucht ein Steinbruch auf, von dessen Rand jemand springen könnte, der nicht weiterkommen will. Immer wieder mischt sich die Autorin mit kleinen weltweisen Aperçus in ihre eigene Erzählung ein: „Der Mensch leidet gern am Zustand der Welt, aber ungern an sich.“ Oder auch, wenn Sobek ums Elternhaus streunt: „Zur letztgültigen Heimkehr genügte kein Eintritt in gleichwelches Haus…“ Anna Baar schreibt das alles mit einer sehr genauen Feder, die sie auch für das nur vage Wirkliche wetzt, und schichtet damit einen literarisch anspruchsvoll gelungenen Roman.


Harald Loch


Anna Baar: Nil       Roman
Wallstein, Göttingen 2021   150 Seiten          20 Euro

 

 

Hure im Weißen Kleid - Von Hand zu Hand

 

Ausgerechnet eine Hochzeit! Ein schwuler Bräutigam und eine schon von Hand zu Hand gereichte Braut feiern im Nobelvorort Rosedale bei Toronto vor geladenen Gästen aus der Oberschicht. Gähnende Langeweile im Publikum, fehlende Empathie für das Paar, bissige Bemerkungen und fetzende Dialoge mischt die kanadische Autorin Helen Weinzweig zu einem auf avantgardistische Weise unterhaltsamen kleinen Roman. Der Titel „Von Hand zu Hand“ weist auf die Vergangenheit der Braut. „Von den Partygästen wird sie ihrer Sünden wegen routinemäßig beleidigt; eine Dame höhnt, dass sie bald wieder im Geschäft sein wird, auch wenn sie verheiratet ist; eine alte Flamme sieht sie als Hure im weißen Kleid und spuckt ihr vor aller Augen ins Gesicht.“ In einem lesenswerten Nachwort fasst James Polk, der erste Lektor der Autorin, so die Atmosphäre dieser Feier zusammen, auf der viele Frauen wütend, verlassen und gedemütigt sind. Auch die getrennten Eltern der Braut sind nicht ohne. Ihr Vater, zwar benachrichtigt aber nicht eingeladen, erscheint aus seinem Exil in Mexico mit seiner achtzehnjährigen Frau, einer Indianerin, die ihr Baby vor dieser bizarren Kulisse am Boden hockend stillt. Die Struktur des Romans bestimmen die Dialogfetzen. Und die haben es in sich: Teils Biss, teils „quasi-rabbinische Weisheiten“, wie ihr früherer Lektor findet. Zu den überkommenden Traditionen heißt es im rasanten Stakkato ihrer Dialoge:


„Oder wir können sie ignorieren. / Auf eigenes Risiko. /Alles ist. / Was? / Auf eigenes Risiko.“


Helen Weinstein ist 1915 im damals noch zum zaristischen Russland gehörenden Polen als Helen Tenenbaum geboren. Ihre Mutter sei eine streitlustige Friseurin, ihr Vater ein leidenschaftlicher Talmudgelehrter und marxistischer Revolutionär gewesen, der bald nach Italien floh. Die Mutter zog mit ihrer Tochter nach Toronto und eröffnete im Judenviertel einen Salon. Dort lernte Helen, die zunächst nur Jiddisch gesprochen hat, Englisch. Sie fing erst mit über 50 Jahren an zu schreiben, als sie sich in ihrer Ehe mit dem Musiker John Weinzweig in der Hausfrauenrolle langweilte. Ihren Schreibprozess – immer alles aufzuschreiben, was ihr gerade in den Sinn komm – bezeichnete ihr Lektor als „aleatorisch“. Damit ist die zufällige Anordnung der oft nicht einmal eine Seite beanspruchenden Romansplitter gemeint. Das erinnerte manchmal an den Nouveau Roman oder auch an die avantgardistische argentinische Literatur. In „Von Hand zu Hand“ verdichtet sich diese unkonventionelle Art zu einem von Hans-Christian Oeser treffsicher übersetzten literarischen Leckerbissen, dessen Unterhaltungswert mit der bissigen Ironie konkurriert, in der die Autorin die ihr nicht unvertraute „bessere“ Gesellschaft auf die Schippe nimmt. Leider hat Ellen Weinzweig nur noch einen weiteren Roman schreiben können. Sie erkrankte bald, büßte ihren intellektuellen Scharfsinn ein und starb 2010 im Alter von 94 Jahren in einem Heim.


Zeremonienmeisterin der Hochzeit ist die Chefin des Etablissements, das die Brautleute ohne Abschied mitten während der Feier verlassen. Sie fingieren eine Hochzeitreise, frieren in Wahrheit in ihrem Auto, mit dem sie ziellos durch den Ort fahren bis sie davon ausgehen, dass alle Gäste verschwunden sind. Dann kehren sie zu dem Hotel zurück, wo die Braut die Suite „Versailles“ für die Hochzeitsnacht gebucht hatte. Weil sie erst so spät zurückkommen, ist diese Suite inzwischen geschäftstüchtig anderweitig vermietet und dem Paar bleibt nur eine Dachkammer. Das Buch, dem der Verlag einen vornehmen Leineneinband spendiert hat, gehört dagegen in die Belle Etage der Literatur.


Harald Loch


Helen Weinzweig: Von Hand zu Hand           Roman
Mit einem Nachwort von James Polk
Aus dem kanadischen Englisch von Hans-Christian Oeser
Wagenbach, Berlin 2020   155 Seiten   20 Euro

 

 

ADA - Familiensaga und deutsche Zeitgeschichte

Es handelt sich bei „ADA“ um eine Familiengeschichte in einer Generationengeschichte voller Zeitgeschichte. Berkels fiktive Schwester berichtet als Ich-Erzählerin von den altbackenen 1950er Adenauer-Jahren über die halbrevolutionären 1960er bis in die frühen 1990er Jahre. Ihre Geschichte spielt auch zwischen den Ländern Deutschland, Frankreich und Argentinien.


Im Vorgänger-Roman "Der Apfelbaum" hat Berkel das reale Leben seiner jüdischen Großmutter und jüdischen Mutter erzählt. Nun schreibt er als Mann eine Frauenstory, wie die Mutter, gemeinsam mit der Tochter Ada, nach dem Krieg ins zerstörte Berlin zurückkehrt. Den Mauerbau empfindet Ada so: „Der 13. August 1961 war der Beginn einer Katastrophe gewesen. Vorher hatte ich gelebt, ab diesem Zeitpunkt habe ich überlebt.“


Es gelingt dem Schauspieler Berkel sehr überzeugend, uns das Frauen-Schicksal vor Augen zu führen. Als schreibender Schauspieler oder schauspielender Autor versteht er sich auf Dramaturgie und das Schreiben von Dialogen. Nach der Kindheit in Argentinien, ohne Vater aufgewachsen, hat es Ada schwer, sich in Deutschland einzugewöhnen, in ein Land, in dem man nicht über den Rasen gehen darf und Ampeln beachten muss. In Argentinien ist das ganz und gar anders. 


Im Unterricht muss Ada in ungewohnter Weise kerzengerade sitzen und mucksmäuschenstill sein, und die deutschen Bürger verhalten sich auch so, sehr redescheu, als hätte der Krieg gar nicht stattgefunden. Über die Nazizeit wird in Deutschland also lautstark geschwiegen. „Das Entscheidende dieser Generation war, dass sie nicht gesprochen haben, dass sie nichts erzählt haben“, sagt der Autor in einem Interview.
Ada spürt ständig ihre deutschen Bildungslücken, sie weiß nichts von Bardot und Beethoven, von Goethe und Chuck Berry und schon gar nichts von der Zeit, als die Tanten noch den Namen Gertrud trugen und ein Nein des Vaters noch unumstößlich war.


Berkel schreibt lebensnah. Zum Beispiel schildert er als männlicher Autor die erste Menstruation eines Mädchens, beeindruckend, überzeugend, sehr nah, starker Leseindruck. 


Zwar lernt Oma nach dem Tod ihrer Ehemänner die Nachfolger reihenweise auf der Kirchenbank kennen, aber es ist auch die Zeit, wo Ada nicht weiß, was es heißt „… wenn einer vom anderen Ufer war“. 
Immer wieder gelingen Berkel solche Sätze wie: „Aber scheinen wir nicht am meisten, was wir am wenigsten sind?“  


Und so beschreibt Berkel „das erste Mal“: „Was presste sich da an mich? War es das? Ja, das war es. Jetzt nahm er meine Hand und führte sie da hin. Fehler. Das hätte ich wissen müssen. Eine Frau muss wissen, was zu tun ist, um dem Mann zu gefallen. Ich war noch keine Frau, aber ich würde es heute werden. Es war an der Zeit. Ich konnte nicht so weitermachen. Seine Hose stand offen. Ich wusste nicht, wie das geschehen war. In meiner Hand lag ein warmes, festes Etwas, ich zuckte zurück.“


„Ein Mädchen, das im Nachkriegsdeutschland lebt wie in einem Keller voller Gerümpel, das sich als toxischer Sondermüll der Geschichte erweist“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ in einer Buchkritik. Nun liegt also der zweite Band mit eher fiktivem Hintergrund seiner Familiengeschichte vor. Berkel verspricht eine Triologie. 

 

 

Christian Berkel ADA ULLSTEIN

Véronique Ovaldé: „Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln“


„… oder um eine andere Straftat zu verdecken…“, so ähnlich heißt es auch im französischen Strafrecht, wenn ein Tötungsdelikt als Mord qualifiziert wird. Aber der Roman von Véronique Ovaldé ist kein Krimi, sondern ein Roman über eine selbstbewusste Frau (Gloria, 33 Jahre +) und ihre beiden Töchter Loulou (6 Jahre) und Stella (15 Jahre). „Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln“ heißt der von Sina de Malfosse mit jedem Knall und jeder Zärtlichkeit einfühlsam übersetzte Roman der 1972 geborenen Autorin, die selbst drei Kinder hat. Ihr neuestes Erfolgsbuch erzählt von der hastigen Abreise der jungen Mutter von der Côte d’Azur in die unwirtlichere Waldwelt des Elsass. Ihrer älteren Tochter nimmt sie gleich bei der Abreise das Handy ab. Niemand soll erfahren, wohin sie aufgebrochen sind. Mit im Gepäck hat Gloria die Beretta ihres bei einem Brand in seiner Werkstatt umgekommenen geliebten Ehemannes Samuel, des Vaters ihrer Kinder. Es war eine sofortige amour fou zu dem Antiquitätenfälscher mit dem gewinnenden Wesen.


In Sprüngen zwischen der elsässischen Gegenwart im verlassenen Haus von Glorias verstorbener Großmutter und verschiedenen Vergangenheiten, erfahren die Leserinnen interessante, meist nicht den Konventionen entsprechende Einzelheiten über die Herkunft. Glorias Vater ist früh gestorben, ihre Mutter hatte sich mit einem Zahnarzt aus dem Staube gemacht. Fortan kümmerte sich ihr Nennonkel Gio um sie, in dessen robuster Bar Gloria servierte, bis sie Samuel heiratete. Ihr Vater hatte ihr ein gewisses Vermögen hinterlassen und es in die mündelsichere Verwaltung eines Jugendfreundes aus seiner korsischen Heimat gegeben, der es ihr zu ihrer Volljährigkeit überließ. Alle diese Personen wachsen dem Leser als markante Persönlichkeiten zu. Ovaldé zeichnet deren Besonderheiten meist liebevoll, zuweilen auch in etwas ruppigerer Sprache nach. Ihre Hauptperson Gloria entwickelt sich während der Jahrzehnte, die der nicht zu lange Roman umfasst, bis zu ihrer „Heimkehr“ in die korsische Herkunft ihres Vaters, Onkels und Anwalts. Keiner von ihnen lebt mehr, ihr Mann auch nicht. Keiner von ihnen hatte Angst vor Gloria, die lächeln konnte. Ihre Großmutter aus dem Elsass war auch nicht eines natürlichen Todes gestorben: Zu viele Hornissen hatten sie gestochen. 


Bei einem solchen Leben – inzwischen ohne die Beretta – kommt es der liebenden Mutter darauf an, ihre Töchter zu schützen, ihnen ein Leben ohne die Belastungen der Familie zu ermöglichen. Sie leben am Ende weit entfernt von ihr. In Sicherheit – nicht vor ihrer Mutter, aber vor deren heimlicher Biographie. Ovaldé hält ihr Publikum mit Andeutungen in Spannung, geht immer wieder auf ihre Leser zu, entfernt sich wieder, erzählt in einem großen Bogen zwischen Idylle und Thriller. Seit sie auf Korsika lebt, schweigt Gloria hartnäckig: „Denn wenn man sich für die Stille entschieden hat, sieht man besser, das versteht sich von selbst, und man lässt davon ab, den Dingen mehr Tragweite und Bedeutung zuzuschreiben, als sie tatsächlich enthalten.“


Harald Loch


Véronique Ovaldé: „Niemand hat Angst vor Leuten, die lächeln“   Roman
Aus dem Französischen von Sina de Malfosse
Frankfurter Verlagsanstalt 2021,   224 Seiten   22 Euro

 

Jonnasson - Absurdistan in Afrika und Schweden

Wir befinden uns in Absurdistan. Janassons Geschichte ist wieder einmal schräg, seltsam, verquer, abgedreht.

 

Man könnte auch sagen, er entführt uns nach Groteskistan, seine Figuren sind wunderlich, absonderlich.

 

Oder sind wir doch in Skurrilistan, weil er possenreisserisch und ständig übertrieben, verschroben, sonderlich und verquer schreibt.

 

Seine Sprache aus Lakonistan, schwarz, humorvoll trocken.

Seine Geschichten sind wie Flash-Literatur, die grell aufblendet, aber nicht in die Tiefe geht, sich selbst weiter antreibt, übertreibt und immer, immer weiter steigert. Blühender Blödsinn also.

 

Da ist Victor. Ein schwedischer Nationalist, stramm rechts orientiert, der von einem arischen Schweden und einem nordischen Führer phantasiert. Der Autor knüpft eine Kette absurder Zusammenhänge aneinander. Kevin hat dunkle Haut, kommt aus der kenianischen Savanne und ist der uneheliche Sohn des echtsnationalen Victor, der seinen Sohn mit einer Prostituierten gezeugt hat.

 

Diesen will er schnellstens loswerden, setzt ihn in Afrika auf einen Akaziebaum und rechnet damit, dass er herunterfällt und von den Löwen ganz und gar gefressen wird. Nun gibt es da in der Savanne eben auch einen Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hat und der sich sehr überrascht zeigt, als die Sicherheitsbeamten ihm in Stockholm den Speer und das Messer abnehmen, weil das nun ganz und gar nicht zu den westlichen Sicherheitsstandards an internationalen Flughäfen passt. „Die Leute wurden immer merkwürdiger, je weiter er von zu Hause wegkam.“

 

Das sind die Clashs of civilisations, die Jonasson so gerne montiert, die gesellschaftlichen Widersprüche und Absonderlichkeiten. Gefälschte Gemälde und Freiheit der Kunst werden als Thema untergemischt, und so treibt die Romangroteske von einem Komik-Spot zum nächsten.

Kritiker finden, dass sich der Autor in seinem Roman nicht eindeutig von rassistischen Klischeevorstellungen trennt, die heutigen Vorurteilsstrukturen, die in der Gesellschaft immer noch herrschen, gerne bedient und in der allgemeinen Albernheit der Handlung das Ernsthafte vollends verloren gehen lässt.

 

Wollen wir nicht wie einst Godot auf der Wartebank sitzen und das Ernsthafte reklamieren, die Groteske ist zulässig, durch Kunstfreiheit gedeckt. Jonasson muss nicht schon wieder Haltung beweisen, wie allerorten derzeit üblich.  

 

Ob Ausländerfeindlichkeit oder Gleichberechtigungsfragen, sie werden in die humorvolle Ecke abgedrängt. Ja, es ist eben auch nur Unterhaltung und wird millionenfach gekauft.

Zufälle produzieren immer mehr Verwicklungen, dass der wohlwollende Leser mit hoher Aufmerksamkeit alle Stränge mit hoher Aufmerksamkeit mitverfolgen muss.

 

Jonasson will das grassierende Unwesen faschistoiden Denkens durchaus entlarven, die gelebte Doppelbödigkeit der Correctness aufs Korn nehmen. Und dann kommt auch noch „Adolf“ vor und die Frage, ob Rolltreppen in die Savanne passen? Und noch viel mehr Merkwürdigkeiten.

 

Ach lassen wir das, ernst sein zu wollen. Jonasson ist moderner literarischer Dadaismus. Alles irgendwie gaga, durchgeknallt. Und Salto mortale der Figuren und Handlung und Sprache.

 

Jonas Jonasson: Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte C. Bertelsmann Verlag 

 

Ein Panoramabild über Amerika

Der pakistanische Autor ist ein Archäologe in der Gegenwart. Er untergräbt die amerikanischen Fundamente und bringt dabei Schwachstellen zutage. "Ich kann mir nur etwas über Dinge ausdenken, die schon geschehen sind …". Also ist dieser Roman gelebte Erinnerung, ein Memoir, ein Wirklichkeitsroman, der zwischen Fakten und Erfindung schwebt. 


Ayad Akhtars Ich-Erzähler heißt also auch Ayad Akhtar in dem Familienroman (Autor und Hauptfigur sind aber nicht identisch) und er erzählt vom Schicksal pakistanischer Muslime als Einwanderer in Amerika. Er, als Autor auf Erfolgskurs, sein Vater scheiternd. Es sind Einwandergeschichten von zwei muslimischen Amerikanern und erzählt von den gesellschaftlichen Disruptionen, den Brüchen und Erschütterungen seit den Anschlägen vom 11. September 2001 auf die Twin-Towers. Ein Roman mit Gesellschaftsanalyse. 


Welche Assoziation haben die USA seit dem Attentat zum Islam: Wut – abgesondert – Selbstmord – schlecht – Tod, zählt der Autor auf und es folgt dann der Dialog: „In dieser Reihenfolge?“ „‘Tod‘ stand an erster Stelle.“ „Ziemlich trostlos“. 


Die Dialogszenen könnte man in vielen Passagen auch auf eine Bühne beamen. 


Muss man aber nicht etwas Positives dagegensetzen, so der Autor, dass in jenen Regionen der Erde, wo der Islam herrscht, die Algebra erfunden wurde, das Fundament für die Methoden der Wissenschaft gelegt wurde? 


Aber Geschichte wird eben von den Siegern geschrieben, schreibt Akhtar. Geschichte kann auch verschweigen.


Die Grundfrage im Roman: Ist die Hauptfigur Teil der amerikanischen Kultur oder durch das Anderssein immer noch anders? Der Autor bekennt seinen Eigenanteil am Fremdsein in den USA, sich immer noch als eben „anders“ zu betrachten. 
Ein Ratschlag für eine kluge Investition macht den Autor zum reichen Mann, zum „neoliberalen Höfling, zu einem subalternen Aspiranten der herrschenden Klasse“. 


Die Hauptfigur glaubt an den politisch aufgeklärten spätkapitalistischen Individualismus. Das Regime der Konzerne lässt allerdings kein Mitspracherecht im Hinblick auf die Gier zu, die Schwachen lässt man im Stich, und aus den Glücklosen wird Profit geschlagen. Das Zins-Karussell dreht sich, es geht um Kauf und Verkauf von Zinsen, was im Islam schändlich und verboten ist. Der Wahnsinn um die Ramschanleihen treibt Blüten. Ayad Akhtar lässt sich mittreiben im Laster- und Lotterleben der Reichen und Schönen. 


Ihm gelingen auch die Sexszenen im Buch, spannend über zwei Seiten getrieben, deren Höhepunkt beim Höhepunkt in dem Satz gipfelt: „Ich wollte diesen Körper besitzen. Ich wollte ihn zerstören.“
Er beobachtet aber auch den Bankenwahnsinn und die Korruption auf lokaler Gemeindeebene genauer, wo Stadträte mit Stadiontickets bestochen und wilde Partys mit Prostituierten gefeiert werden. 
Er seziert wie mit einem scharfen OP-Skalpell die Produkt- und Konsum-Perversion, in der sie „…ihre Arbeiter und Angestellten schlecht behandeln und betrügen, ihre Kunden übers Ohr hauen, die Umwelt zerstören, nicht funktionierende Produkte auf den Markt werfen, lebensgefährliche Autos, Medikamente und Flugzeuge verkaufen und ständig neue, raffiniertere Methoden ersinnen, um aus der uralten Unternehmenslüge Profit zu schlagen, der Kunde – und nicht der ohne Rücksicht auf menschliche Kosten erwirtschaftete Gewinn – sei König. Und in dessen Moralcodex der Satz „Man muss lügen, bis es stimmt“ eingewoben ist.


Die Vormachtstellung des Kapitals ist durch keinerlei Moral beschränkt. Was ist das für eine Gesellschaft, in der bei einem Date die Frage: „Wo steht der Ölpreis heute?“ eine vorrangige Rolle spielt. Akhtars Dialogkraft steckt voller Wortpotenz.


Der Turbokapitalismus bezahlt Schulden mit Schulden. Denn Schulden sind die beste Investition in der Welt. Man schaut, dass man Geld parken kann, und sieht zu, wie es einfach wächst und wächst und wächst. American way of life … and investment. Der amerikanische Traum zwangsversteigert. 


Als das zweite Flugzeug in den Turm rast und Amerikas Selbstgewissheit zerstört „… da wusste ich es. Ich weiß nicht warum, aber ich wusste es sofort.“ Was wusstest Du?“ „Dass wir es waren. Dass wir das getan hatten.“ 


Akhtar schreibt, dass in seinem Land schwarze Amerikaner sich mit der einzig wichtigen Tatsache auseinandersetzen müssen, dass alles in den USA darauf abzielt „sie unten zu halten“.


Absonderlichkeit, Missachtung aller Verhaltensregeln, Mangel an Sachkunde, Verlogenheit, Vulgarität, diese Etiketten kleben an Donald Trump, der in der Kulisse dieses Elegienromans immer wieder vorkommt. Ein unverfrorener rassistischer Immobilienmagnat, ein eitler Idiot mit einer nazistischen Ich-Besessenheit, die das Volk jeden Tag dümmer macht. Gier kombiniert mit Verdorbenheit. Das ist Trumps Erfolgsmodell. 


Die Gegenthese aber formuliert ein gewisser Mike: “Trump hatte die nationale Gemütslage erfasst…“ in einem Land, in dem die Armut draußen real ist, in leeren Städten die Häuser verfallen, Hauptstraßen sterben. Und im Fernsehen statt Politik bloße Dramaturgie, Konflikte säen, Konsequenzen versprechen gang und gäbe ist: „Vielleicht hatte Plato recht, als er uns vor einer Stadt mit zu vielen Geschichtenerzählern warnte.“ Akhtar ist selbst ein grandioser autofiktionaler Geschichtenerzähler, der uns, zwischen Pakistan und den USA, die Lage formenreich beschreibend, in seinen Bann zieht. 
Kann eine Nation gedeihen, in der es allein um Konsum geht: „War das Gemeinwohl wirklich nicht mehr wert als das Geld, das man an der Kasse sparte?“ Der Preis ist geil…Und es hatte noch nie so viele Jobs gegeben, die so wenig einbrachten. 


Schonungslos entlarvt der Autor die konsumkapitalistischen Attitüden, wenn das Publikum nicht mehr über die Handlung des Films, sondern den Kassenerfolg kommuniziert, wenn nicht das Ergebnis des Baseballspiels thematisiert wird, sondern die Ablösesumme. Die USA, ein Land, das Menschen auf den Mond schießt, aber keine allgemeine Krankenversicherung auf die Beine stellen kann. 


Ein Roman, wie ein 360-Grad-Panoramen-Gemälde rund, perspektivenprall, genauestens beobachtet und beschrieben, und das Schwarze und das Weiße in der amerikanischen Gesellschaft farbig „gemalt“. Stilistisch formenreich erzählt sein Buch von Herkunft, Zugehörigkeit, Identität, Heimat, dem Niedergang der USA und einer tiefen Desillusionierung in einer Elegie, in einem „Klagelied“ dargestellt.
Amerika, Du hast es besser? Nein, Amerika, es geht Dir schlechter. Dennoch: Amerika ist Ayad Akhtars Heimat, sein Bekenntnis am Schluss. Sein Vater kehrt zurück nach Pakistan, in die „neue“ alte Heimat. 

 

Ayad Akhtars HOMELAND ELEGIEN CLAASEN

 

Wann wird das gute Buch zum guten Buch?

Was für ein Buch-Plan? Eine literarische Stilkunde zu schreiben, die meisten Schriftsteller an ihrem Stil zu überprüfen, ob sie einen guten oder schlechten schreiben und dabei auch noch die Übersicht zu bewahren.


Das ist großartig gelungen. Wilhelm Hauff, auf Verlegersuche, fand: „Ein Brief mit tausend Gulden ist immer in einwandfreiem Stil geschrieben.“ Soweit das pekuniäre. Achtung, Stilfalle, sollte man nicht Fremdwörter vermeiden? 


Maar definiert eingangs: „Was ist guter Stil? Und was hat guter Stil mit großer Literatur zu tun? Alles, oder fast alles.“ Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt, aber es ist noch nicht genau genug ausgedrückt. 
Maar bemüht den oft zitierten und genauso oft missverstandenen Kafka, der behauptet, die Individualität der Schriftsteller bestehe darin, dass jeder auf ganz besondere Weise sein Schlechtes verdecke.
Maar findet drei Regeln: Man ist Stilist oder man ist es nicht. Regel 2: Es gibt ein paar unfehlbare Stilisten wie Schopenhauer, Hebel, Gottfried Keller, Kafka. Und sein dritter Regelsatz: Es gibt gar keine Regeln, jedenfalls kann man sie alle brechen. Aber man muss es können.
Und so bekommt jetzt jeder Schriftsteller so nach und nach sein Fett weg. Balzac ist kein Stilist, Zweig findet keine neuen Metaphern, auch Böll hat keinen Stil - nur drei Beispiele. Die Behauptungen werden jedoch nicht besonders tiefergehend begründet bei der Fülle der Beispiele ist das zu verstehen.  


Das Buch ist auch Handlungsanleitung: Vermeide Wiederholungen, Klischees, Ungenauigkeiten, Umständlichkeiten. Hinderlich ist auch ein zu geringer Wortschatz.  Maar sagt: „Guter Stil beruht auf einem inneren Verbotskanon.“ Und „Es gibt viele Wohnungen im Haus der Sprache“.
Schon bei der Zeichensetzung geht es los, die vom Schriftsteller oft eigenwillig und auch bewusst falsch benutzt wird: „Das überflüssige Komma stört ohnehin mehr als das fehlende.“Maar hat jede Menge Empfehlungen für den guten Schreiberling: Ausrufezeichen vermeiden, keine Klammern im Satz, keine drei Pünktchen und „Ein falsches Wort kann nicht nur Beziehungen, sondern auch Sätze ruinieren“.
Ob Substantiv, Verb oder Adjektiv, man halte es mit Rilke: „Er war ein Dichter und haßte das Ungefähre.“ 


Auch Vorsicht vor Metaphern, nicht zu viele starke Bilder. Das eine tötet das andere. Nicht in die Wiederholungsfalle tappen, also um die wiederholten Worte zu vermeiden, zwanghaft neue zu finden. „Wehe dem, der das Fahrrad im nächsten Satz durch den Drahtesel ersetzt!“ Maar nennt Herta Müller wortschöpferisch und bilderstark, weil die normale Sprache das Extrem nicht ausdrücken kann. Sie sei dabei hochkontrolliert. Und an Botho Strauß gefällt dem Autor das aphoristische Talent. Beispiel: „Der Stilist hat Einfälle – Botho Strauß hat viele davon. Es ist ein Aphoristiker an ihm verlorengegangen. ‚Ich habe nie mitten im Leben gestanden. Wo mag das sein? ‘“ Wo aber bleibt der Stil, wenn etwas Unsagbares auftaucht? An dieser Grenze scheitert Stil. Karl Kraus findet Abhilfe: „Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige.“

 

Nehmen wir noch ein paar Worte her, um dieses kluge Buch zu charakterisieren: Ein überraschendes, gut lesbares, an vielen Beispielen erzähltes Buch, das keine Theorie, kein Lexikon der Stilkunde darstellt, sondern ein Angebot ist, dem Stil eines Schriftstellers selbst und eigenständig auf die Spur zu kommen. 


Dogmatisch ist es ganz und gar nicht, aber für Wissenschaftler, die Sprache als „Graubrot“ anbieten, ist es sicher stilbildend. Für Literaten und Journalisten genauso.


Michael Maar Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur Rowohlt


Michael Maar, geboren 1960, ist Germanist, Schriftsteller und Literaturkritiker. Bekannt wurde er durch „Geister und Kunst. Neuigkeiten aus dem Zauberberg“ (1995), für das er den Johann-Heinrich-Merck-Preis erhielt. 2002 wurde er in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen, 2008 in die Bayerische Akademie der Schönen Künste, 2010 bekam er den Heinrich-Mann-Preis verliehen. Zuletzt sind von ihm erschienen: „Heute bedeckt und kühl. Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf" (2013) und „Tamburinis Buckel. Meister von heute“ (2014). Er hat zwei Kinder und lebt in Berlin.


13.11.2020 00.00 Uhr   in 1070  Wien
Lesung und Gespräch ”Die Schlange im Wolfspelz”
Lesung mit Michael Maar

 

Veranstaltungsort:
Literaturhaus Wien
Zieglergasse 26a
1070 Wien 


13.11.2020 13.00 Uhr   in    Wien
Gespräch ”Die Schlange im Wolfspelz”
ORF-Bühne auf der Buch Wien
Halle D, Bühne 1

 

01.12.2020 19:30 Uhr   in  22087  Hamburg
Lesung und Gespräch ”Die Schlange im Wolfspelz”
Lesung und Gespräch mit Michael Maar
Moderator: Andreas Isenschmidt

Veranstaltungsort: Literaturhaus Hamburg e.V. Schwanenwik 38 
22087 Hamburg

Balzano: Ich bleibe hier

 

Wie oft bin ich über den Reschenpass von Bayern nach Südtirol in den Vinschgau gefahren, und jedes Mal, wenn ich die Kirche sah, da mitten im See, mit der Kirchturmspitze aus dem Wasser ragend, machten wir eine kurze Pause, beobachteten die Touristen, die dem Untergegangenen nachspürten, Rast machten oder die Wasserfläche beobachteten, unter deren Linie zwei Dörfer verschwunden waren, weil ein Stausee entstehen musste. Erzwungen wurde!

 

Marco Balzano erzählt in seinem Buch die Geschichte einer Familie, von Leid, Widerstand, Mut und Wut über Faschismus und Technikwahn und die Geschichte des verschwundenen Dorfes Graun, das im See verschwand.

 

Die einen verließen die Gegend, weil sie unter Zwang italianisiert wurden, die anderen blieben eben. Dort „...verlief das Leben in den Grenztälern im Rhythmus der Jahreszeiten. Es schien, als käme die Geschichte nicht bis hier herauf.“ Irrtum!

 

Mussolini ließ Straßen, Bäche und Berge umtaufen. Das Italienische zog ein, das Deutsche aus. Die Faschisten besetzten alles. Doch es regt sich Widerstand: „Wenn ihr euch nicht mit der Politik beschäftigt, beschäftigt sich die Politik mit euch!“ Wir gegen Sie, war das Lebensmotto. Die Sprache des einen gegen die anderen. Auf Faschismus folgt Nazismus.

Die Montecatini-Gruppe will die Strömung des Flusses für die Energiegewinnung nutzen. Die Ich-Erzählerin Trina richtet ihre Worte im Roman als Erzählung an ihre geliebte Tochter Marica, die Graun verlassen hat. Trina dagegen bleibt und unterrichtet im Geheimen in ihrer deutschen Muttersprache.

 

Der Faschismus spaltet die Bevölkerung in „Optantinnen“, die anderswo ihren Lebensweg suchten, und „Dableiberinnen“.

 

Beeindruckend, wie es dem Autor gelingt, die Sprache und ihre Funktion zu behandeln, die zu Mauern werden: „Die Sprachen waren zu Rassenmerkmalen geworden. Die Diktatoren hatten sie in Waffen und Kriegserklärungen verwandelt.“

 

Und dann kamen die Bagger, die Traktoren und Lastwagen, die Planiermaschinen und Bauarbeiter. Eisenklirren und Motorengedröhn erfüllten die Luft. Die Arbeiten am Staudamm hatten begonnen: „Ich nahm einen Geruch nach Brackwasser in der Luft wahr, den ich noch nie zuvor gerochen hatte. In der Ferne erhöhten andere Trupps die Dämme und bauten die Überläufe und die Schleusen, die sich bald öffnen würden, um das Wasser hereinzulassen, das uns überfluten würde. Wir taten so, als sähen wir nichts, und machten einen Bogen darum, wir vertrauten auf den Papst, auf das Komitee, auf Pfarrer Alfred, aber im Frühjahr 1947 sahen wir den Staudamm direkt hinter uns, und er hörte nicht auf, uns zu verfolgen.“

 

Die Geschichte von Verdrängung und Untergang, von Widerstand und Scheitern, von Hoffnungen und Zweifeln, von Sieg und Niederlage strebt ihrem Höhepunkt zu: „Das Schweigen der Berge war erstorben im unaufhörlichen Lärm der Maschinen, die nie stillstanden. Auch abends nicht. Auch nachts nicht.“ Und „Das Wasser brauchte fast ein Jahr, bis es alles überflutet hatte.“

 

Die Menschen verlieren ihre Häuser und ihre Vergangenheit, Arbeiter am Staudamm ihr Leben, die Berge ihre Unschuld und die Geschichte ihren Zusammenhang und ihre positive Deutung.

 

Im Anhang erläutert der Autor nonfiktional, dass ihn das Bild des Turms im Wasser nie losgelassen hat, weil sich in dieser Region Verantwortungslosigkeit, Grenzziehungen, Machtmissbrauch begegnet sind. Ein aufwühlendes und dennoch ruhig, aber anschaulich erzähltes Stück deutsch-italienischer Geschichte.  

 

Marco Balzano Ich bleibe hier DIOGENES

 

Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer für Literatur an einem Mailänder Gymnasium. Mit seinem letzten Roman, ›Das Leben wartet nicht‹, gewann er den Premio Campiello, mit ›Ich bleibe hier‹ war er nominiert für den Premio Strega. Er lebt mit seiner Familie in Mailand

 

GRAUN

https://de.wikipedia.org/wiki/Graun_(Graun_im_Vinschgau)

 

 

Pressestimmen

 

„Ein zutiefst berührender Roman.“ Patricia Arnold / NZZ am Sonntag, Zürich

 

„Ein starker, eindrücklicher, kitschfreier Heimatroman.“ Münchner Merkur

 

„Nüchtern erzählter und kluger Roman über die wechselvolle Geschichte Südtirols.“ Karen Krüger / Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 

„Balzanos Prosa ist knapp, eindringlich und ganz nah an seiner Protagonistin.“ Meike Schnitzler / Brigitte, Hamburg

Couscous mit Zimt - Frauenporträts

„Weil wir uns in Afrika die Füße verbrannt haben“, hieß es in der Familie Bellanger, wenn davon die Rede war, dass sie „pieds noirs“ seien. So nennt man in Frankreich diejenigen, die aus den Ländern des Maghreb über das Mittelmeer in ihr europäisches Ursprungsland zurückgeflohen sind, als diese Länder unabhängig wurden. Auch Lucile Bellanger hatte in Tunesien das verwöhnte Leben geführt, das sich die Damen der Kolonialherren leisten konnten. Von ihr handelt der Roman „Couscous mit Zimt“ der ebenfalls von einer Mutter mit tunesischer Pied-noir-Geschichte abstammenden Berlinerin Elsa Koester, die als Journalistin für den Freitag arbeitet. Drei starke Frauen spielen die Hauptrollen. An drei Hauptorten entwickelt sich die Familiengeschichte: In Tunesien, in Paris und in Berlin. Dazwischen wird gereist, in Frankreich nach Châteauroux, um dort den jugendlichen Gérard Depardieu und seine Bande kennenzulernen, nach Kreta, um dort von der von Touristen gepflegten freien Liebe angewidert zu werden. Aber der Reihe nach!

 

Lucile Bellanger beginnt den Roman mit einem Seufzer: „Ich habe Gott nie um Kinder gebeten…“. Aber sie hat in Tunesien zwei Söhne von ihrem ersten, zwei Töchter von ihrem zweiten Mann bekommen. Um eine von ihnen geht es in erster Linie, um Marie, die – in Tunesien geboren und dort als Kind glücklich aufgewachsen – wie entwurzelt weder in Paris bei ihrer Mutter Lucile, noch in Berlin, in „Nazideutschland“ leben kann. Hier ist sie aber, inzwischen von ihrem deutschen Mann getrennt, und mit ihrer mittlerweile erwachsenen Tochter Lisa zu Hause. Lucile, die Großmutter, stirbt mit 102 Jahren in ihrer Pariser Wohnung in der Avenue de Flandre. Unmittelbar darauf stirbt auch ihre Tochter Marie in Berlin an Krebs. Luciles Enkelin Lisa, die inzwischen an ihrer Dissertation über die Welt um Büchners „Lenz“ schreibt, erbt das Appartement ihrer Großmutter und fährt nach Paris, um diese dort aufzulösen.

 

Elsa Koester erzählt die Geschichte und die Geschichten dieser drei charakterstarken Frauen in Abschnitten, die sie abwechselnd jeder von ihnen widmet. Lucile und Marie erzählen in einer sehr subjektiven Ich-Sprache, über Lisas Objektivität wacht ein allwissender Erzähler. Diese Perspektivwechsel bringen unterschiedliche Wahrheiten über die Familiengeschichte ans Licht. Manchmal mischen sich auch noch Maries Schwester und ihre Halbbrüder mit eigenen Varianten ein. Marie ist eine unverbesserliche Alkoholikerin und Raucherin, auch noch, als der Knoten in ihrem Hals diagnostiziert wird. Sie ist das enfant terrible der Familie, ihre Mutter Lucile ist der Feldwebel. Die zwingt Marie zu einer Abtreibung, beide schlagen sich bei den seltenen Besuchen Maries bei ihrer Mutter. Lisa kapituliert bald bei der Suche nach der Wahrheit. Soweit der äußere Rahmen dieses kunstvoll gebauten Triptychons. Der Roman bietet in den einzelnen Lebensabschnitten der drei Frauen in Dialogen mit der Umgebung und in intensiven inneren Monologen und Selbstreflexionen eine große Palette an Themen. Natürlich die Abtreibung und das Kinderkriegen. Die Liebe zu Männern – die zu Frauen wird gelegentlich zart angedeutet. Marie hat den Mai 68 in Paris miterlebt: Camus oder Sartre, die Befreiung der Gesellschaft oder die des Individuums, Gewalt oder andere Möglichkeiten? Durfte Frankreich Kolonien haben und durften die dort heimisch Gewordenen daraus vertrieben werden? Befreit das Kopftuch nicht muslimische Frauen von den unerwünschten Blicken auf ihre Körper? Vieles wird politisch oder existenziell diskutiert und auch Lisa gerät in Paris in Diskussionen und Gewaltexzesse im Rahmen der „Nuits debout“. Die Welt der der Frauen und die Welt überhaupt ist voller Probleme und Fragen. Elsa Koester legt ihren Protagonistinnen wohl oft ihre eigene Auffassung in den Mund. So könnte alles besser werden – die Welt und auch für jeden Einzelnen. Das ist beruhigend zu lesen, dass es solche Entwürfe gibt, auch wenn sie manchmal nur angedeutet werden. Dann bekommt die Frage ihre eigentliche Bedeutung, ob zu viel oder wenig Zimt im Couscous steckt, der Lieblingsspeise aller drei Frauen.

 

Harald Loch

 

Elsa Koester: Couscous mit Zimt         Roman

Frankfurter Verlagsanstalt, 2020   446 Seiten   24 Euro

 

Nicolas Mathieu: Rose Royal              


Kann schlechter Sex ein Todesurteil sein? Lange Zeit sieht es in Nicolas Mathieus kleinem Roman so aus. Die Titelheldin Rose, Anfang fünfzig, hat einiges erlebt mit Männern, ist geschieden, hat zwei Kinder außer Haus. Sie sieht klasse aus, vor allem ihre Beine werden bewundert. Sie hat sich eine Pistole angeschafft und trägt sie immer in ihrer Handtasche, um sich gegen Männer, Demütigung und Gewalt zur Wehr setzen zu können. Sie hat eine kleine Wohnung, vermutlich in der französischen Provinz, eine ordentliche Stelle im Büro, ein kleines Auto. Sie trinkt nach Feierabend gern ein oder auch ein paar Gläser im Royal. „Es war noch früh am Abend. Rose freute sich, sie hatte Durst.“ Dort lernt sie Luc kennen, der mit seinem angefahrenen und schwer verletzten Hund in die Kneipe kommt. Rose gibt ihm dort den Gnadenschuss. Luc ist Bauunternehmer, sieht gut aus, hat einen schiefen Zahn. Er meldet sich ein paar Tage später bei ihr. Sie treffen sich in einem Restaurant. Er lädt sie wiederholt ein, bis er sie zu sich nach Hause holt. Im Bett ist er nicht so erfolgreich wie auf dem Bau.
Die Beziehung schleppt sich weiter. Rose findet den mächtigen SUV mehr sexy als den Fahrer. Aber sie genießt den kleinen Luxus mit ihm. Es ist in Mathieus gelungenem Milieubild ein wohlhabender, kleinbürgerlicher Luxus. Der Sex wird nicht besser. Rose versucht nicht nur ihren, sondern auch den Alkoholkonsum ihres Lovers zu bremsen – bald trinken beide wieder. Gerne Gin, gern auch Champagner. Meist schläft sie bei Luc. Bald findet sie es unpraktisch, nur zum Kleiderwechseln in ihre Wohnung zu fahren. Sie zieht zu ihm. Sie muss auch nicht mehr arbeiten, braucht kein eigenes Auto mehr. Der Alltag wird nicht besser, Aussprachen helfen nichts. Ein Zurück würde kompliziert. Als Luc zum Jahrestag ihres Kennenlernens ein Wochenende in einem Luxushotel bucht, fasst Rose dort, wo sie sich durch die Vornehmheit der Umgebung geschützt fühlt, einfach abzuhauen. Luc schläft nach misslungenem Sex und Rose ist schon fast unterwegs. Die 9 mm Patronen ihres Revolvers beenden diese Beziehung und den knappen Roman auf überraschende Weise. Irgendwie konsequent.


Das schmale Buch des 1978 geborenen Nicolas Mathieu ist in präziser, nicht unbedingt unterhaltsamer, dafür scharf konturierter Prosa geschrieben. Die Persönlichkeiten der Protagonistin und ihres Partners wachsen der Leserin entgegen, als ob sie ihnen im Royal oder in besseren Etablissements persönlich begegnete. Der Autor gewann vor zwei Jahren mit „Wie später ihre Kinder“ den begehrtesten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Mir „Rose Royal“ legt er vielleicht nur einen Zwischenstopp ein, bevor wieder ein größerer Roman folgt, den man sich nach diesem bitteren amuse gueule wünscht. So bleibt es zunächst bei einer beeindruckenden petitesse.


Harald loch


Nicolas Mathieu: Rose Royal               Roman
Aus dem Französischen von Lena Müller und André Hansen
Hanser Berlin, 2020   95 Seiten   18 Euro

 

 

Lily King: Writers & Lovers


Als Profigolferin hätte sie viel Geld verdienen können. Nach ihrer verkorksten und verschlampten High-School-Zeit hat sie aber über 70000 Dollar Schulden. Sie lebt in Boston, wohnt in einer ausgemusterten Garage, jobbt im „Iris“, einem angesagten Restaurant für wenig Geld und knappes Trinkgeld. Casey Peabody hat kürzlich ihre Mutter verloren und ringt sich seit sechs Jahren Seite um Seite ihres Romans ab, des ersten, in den sie sich mangels besserer Alternativen verkrochen hat. Sie weiß nicht, ob ihr Talent dafür reicht, zweifelt an ihrer Möglichkeit, Schriftstellerin zu werden, verkehrt in einschlägigen Autorenkreisen und sieht sich permanent ihrer Weiblichkeit ausgeliefert. Der Vermieter ihres Schuppens, ein Freund ihres viele tausend Meilen entfernt wohnenden Bruders, macht sie mit den Worten nieder: „Ich staune, dass du tatsächlich glaubst, dass du etwas zu sagen hast.“ Dazu kommen alarmierende körperliche Anzeichen, sie hat meist keine Krankenversicherung – Amerika eben. Zum Glück hat sie eine Freundin. Muriel ist eine gnadenlose Leserin, eine Lektorin, deren Urteil viel wiegt. Sie macht Casey Mut.


Lily King, hierzulande mir ihrem Erfolgstitel „Euphoria“ bestens eingeführt, nennt ihren neuen Roman „Writers & Lovers“. Über die Writers und deren Allüren zieht sie mit feiner Ironie her. Die Lovers von Casey sind Oscar, ein erfolgreicher Autor Mitte vierzig, der nach dem Tod seiner Frau zwei Kinder, fünf und sieben Jahre alt, allein erzieht und eine Frau, vielleicht auch nur eine Haushälterin oder ein Kindermädchen sucht - und Silas, ein etwas unzuverlässiger junger Dichter, der eigentlich nicht Frage kommt, weil er in einigen Jahren nur zwei Sätze zustande gebracht hat. „So etwas steckt an“, meint Casey, die bei dem älteren Kollegen ein bisschen angebissen hat. Verliebt ist sie eigentlich in dessen beide Jungs – und umgekehrt. 


Am Ende löst sich alles glücklich auf, Caseys Roman wird fertig und von Verlagen angenommen, ihre Knötchen erweisen sich nicht als bösartig und als Eselin zwischen zwei Heuhaufen entscheidet sie sich wohl für den wohlschmeckenderen. Das könnte leicht kitschig sein. Nicht so bei Lily King, die mit ihrer genauen Beobachtung der sozialen Wirklichkeit, ihrer Personenbeschreibung, nach der jeder Leser ein Phantombild auch des Innenlebens der Figuren zeichnen könnte, mit ihrer Dramaturgie, die nach Verfilmung schreit, einen rasanten, nachdenklich stimmenden und ohne Larmoyanz auskommenden Roman schreibt. Ohne Überschwang kommt Lily King und Sympathie für ihre Casey Peabody allerdings nicht aus. Die Szenen im „Iris“, in denen Casey und die anderen hin- und herflitzen, schnöselige Gäste nerven, und das Personal wegen Kleinigkeiten abgemahnt wird, zählen zu den Kabinettstückchen einer Literatur, die amerikanisch unterhält, kritische „Ostküstenliteratur“ ist und von Sabine Roth in wunderbar treffendes Deutsch übersetz wurde – ein schöner Roman.


Harald Loch


Lily King: Writers & Lovers        Roman
Aus dem Englischen von Sabine Roth
C.H.Beck, München 2020   319 Seiten   24 Seiten

 

Kluge, der Weltenerkunder: Russland-Kontainer

Alexander Kluge gehört zu den Begründern des Neuen deutschen Films, er versteht sich aber in erster Linie als Schriftsteller. 
 
»Ich bin und bleibe in erster Linie ein Buchautor, auch wenn ich Filme hergestellt habe oder Fernsehmagazine. Das liegt daran, dass Bücher Geduld haben und warten können, da das Wort die einzige Aufbewahrungsform menschlicher Erfahrung darstellt, die von der Zeit unabhängig ist und nicht in den Lebensläufen einzelner Menschen eingekerkert bleibt. Die Bücher sind ein großzügiges Medium, und ich trauere noch heute, wenn ich daran denke, dass die Bibliothek in Alexandria verbrannte. Ich fühle in mir eine spontane Lust, die Bücher neu zu schreiben, die damals untergingen.« 

 

Zitat aus Alexander Kluges Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis im Jahr 1993 

 

„Buchstaben sind Rebellen“. 
 
In den Anfangssätzen des Buches steht der Satz: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Alexander Kluges Wissensdurst stammt aus dem Erzählen, er fängt an, etwas zu erzählen noch bevor er etwas weiß, heißt es im Einleitungskapitel. Also Schreiben als Erkundungstour. 

 

Was ist das für ein Buch hinter dem geheimnisvollen Schwarz-Weiß-Einband? Kontainer ist als Titel des Buches mit K geschrieben, eben russisch. Kontainer, das ist per Definition ein Großraum-Behälter zur Lagerung von Gütern - in diesem Fall eine Text- und Bilder-Sammelbox, eine Art Buch-Koffer voller Inhalt, Bilder, Szenenausschnitten, Wortfetzen, Zitaten, Erkenntnissen, Berichten, Skizzen, Tagebuchnotizen, Selbstgesprächen, historischen Einblicken, Wortfeldern, Auf- und Abblenden, Kritzeleien und Kritik. 

 

Kluge klaubt thematische Verrücktheiten auf wie Katzen im Weltraum, oder Nachrichten an Außerirdische oder Dokumentarisches wie das Massensterben von Zirkusunternehmen. 

 

Kluge collagiert seine Inhalte, stellt szenisch zusammen, verbindet Text und Bild, Historisches und Gegenwärtiges. Er positioniert hintereinander linear Wortfelder und Bildimpressionen. Ausschnitte aus Welt. 
Der Autor geht ins Innere der Räume, etwa in den Wartesaal in einer südrussischen Provinz, oder er dringt ins menschliche Innere, in die Träume eines Moskauer Schlafforschers ein.

 

Russland ist für Kluge - so die Kapitelüberschriften - ein Vaterland der Besonderheiten. Alle Seelen Russlands weisen mit ihren Wurzeln zum Himmel. Kluge hat einen genauen Blick für Biographie und Geographie. Er entdeckt die verschwundene Macht in Russland, die hinter dem Putz versteckt ist und er stellt auch philosophische Fragen, zum Beispiel, ob ein Gemeinwesen ICH sagen kann? 

 

Kluge sammelt kluge und kuriose Fundstücke. In Tagebuch-Exkursen diskutiert der Autor zum Beispiel mit Habermas in einem Vorweihnachtsgespräch die Rolle der Soziologie als einer Art „Baukunst“. 

 

Kluge sammelt Russland-Briefmarken und zeigt sie im Bild, und er schildert auch das russische Kino vor 1914. Ein Beobachtungsspektrum so weit wie Breiten- oder Längengrade.  

 

"Auf die Frage, warum ich keine Romane schreibe, erwidere ich: Was ich schreibe, sind Romane", … "Romane sind ihrem Prinzip nach Sammlungen. ... Zu Sammlungen geworden, verlangen sie nach Fortsetzung. Insofern hat das Poetische den Charakter einer Baustelle." 

 

Alexander Kluge, der Weltenbeobachter, Angehöriger einer Art Sammlungsbewegung der besonderen Art, er bewegt sich durch diese Welten und sammelt dabei für seine historische Schatzkiste. Es könnte ja etwas verloren gehen. 

 

Ich kann diese Haltung nachvollziehen, deshalb liegt ja auch beim Rezensenten, auf meinem Schreibtisch, immer noch die kaputte Offiziersuhr, die mir ein Soldat nach der Wende in Weißrussland verkauft hat, seine Militärmütze habe ich im Schrank versteckt und das Stück Stacheldraht vom Grenzzaun zwischen Ost und West liegt zwischen den Kaffee-Servicetassen alter Tanten. 

 

Auch politische Systeme mit ihren Grenzen können zerbrechen, wie Porzellan, das auf den Boden fällt. Aber wer kehrt Systeme auf?  
 
Alexander Kluge Russland-Kontainer Suhrkamp 

 

 
Alexander Kluge, geboren 1932 in Halberstadt, ist Jurist, Autor, Filme- und Ausstellungsmacher; aber: »Mein Hauptwerk sind meine Bücher.« Für sein Werk erhielt er viele Preise, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Theodor-W.-Adorno-Preis, Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und 2019 den Klopstock-Preis der Stadt Halberstadt.
 
Pressestimmen
 
»Alexander Kluges Bücher sind Textgebirge. Sie verdichten sich zu einem Wissenskontinent.« Christine Hamel, WDR
»Poetische Fracht aus einem Land, dessen Weite und Vielfalt allein schon die Vorstellungskraft in Gang setzen. Alexander Kluges Kunst der Auslassung wiederum, seine elliptische Denkart, die konsequent auf Zusammenhänge verzichtet und der Fantasie des Lesers viel Raum gibt, ist eine kongeniale Methode der Annäherung an Russland.« Niels Beintker, Bayern 2
 
 

Esprit aus Frankreich

Zu Frankreich und zur französischen Literatur fallen einem viele Komplimente ein. In Zeiten wie diesen ist der Import von savoir vivre, also von Lebensart, besonders willkommen. Aber François Heurtevent, der Held des Romans „Glücklicher als gedacht“, erlebt gerade die größte Katastrophe seines bislang so erfolgreichen Lebens: Er ist als langjähriger Bürgermeister von Perisac gerade abgewählt worden.

 

Man findet diese mittelgroße Stadt nicht auf der Landkarte. Der Autor des Romans, Antoine Laurain hat sie erfunden und sie mit allen Vorzügen der französischen Provinz ausgestattet – vor allem mit einem 3-Sterne-Restaurant, „La Musarde“, das Sylvie lukullisch betreibt, die Frau des abgewählten Bürgermeisters. Der kann sein Schicksal nicht fassen und bekommt sein Leben nicht mehr in den Griff – bis der Autor, sein Erfinder und Schöpfer, ein paar geniale Einfälle zu seiner Rettung hat. Um die geht es in dem leichten, von Claudia Steinitz sehr schön übersetzten Roman.


François Heurtevent findet ein altes Klassenfoto aus seiner Schulzeit und beschließt, einige der ehemaligen Klassenkameraden zu besuchen. Hilfreich beim Ermitteln der Adressen ist ein guter Bekannter, der ein hohes Tier im französischen Geheimdienst ist. Ihn hatte Heurtevent während der Aufstiegsphase seiner Karriere kennengelernt, die er als Assistent bei einem inzwischen verstorbenen Spitzenpolitiker verbracht hatte. Zufällig – wie das „glückliche Leben“ eben auch Zufälle braucht – gerät er in Paris an einen Makler, der die ehemaligen Büro- und Wohnräume dieses Granden der Pariser politischen Klasse vermieten soll. Heurtevent kommt auf den verrückten Einfall, sie zu mieten und beginnt von hier aus seine recht bizarre Besuchs-Tour bei den Klassenkameraden. Einer ist Priester geworden und serviert einen sagenhaft teuren Messwein, ein anderer ist Antiquitätenhändler geworden – ein Beruf, den der Autor auch schon ausgeübt hat. Eine ehemalige Klassenkameradin hat sich als Prostituierte in Metz niedergelassen. Ihr letzter Kunde wird Heurtevent. Ein anderer dreht Pornofilme und eine betreibt einen exklusiven Friseursalon.

 

Diese Besuche bieten dem Autor Gelegenheit, Erinnerungen seines Protagonisten wachzurufen und seine Erzählung mit biographischen Miniaturen zu schmücken – toll macht er das. Sein Humor lässt einen nicht die Schenkel klopfen, ist vielmehr geistreich. Der Esprit der nicht ambitioniert tiefschürfenden Dialoge erfrischt in trockenen Zeiten. Elegant erzählt, wächst ein sehr französischer Roman aus dem Wahldebakel, das am Ende auch noch sehr spannend und völlig überraschend aufgelöst wird. Hoffentlich kann Heurtevent auch nach dem literarisch gekonnten Salto  „glücklicher als gedacht“ weiterleben.


Harald Loch


Antoine Laurin: „Glücklicher als gedacht“   Roman
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Atlantik/Hoffmann und Campe, Hamburg 2020   

 

Nevo: „Die Wahrheit ist“ 

Sein lange verschollener Freund Chagai Karmeli hat gern Schach gegen sich selbst gespielt. Das könnte für den israelischen Autor Eshkol Nevo das Muster für die Anlage seines Romans „Die Wahrheit ist“ gewesen sein. Und die Geburt eines neuen Genres: Des Interview-Romans. Ja! Eshkol Nevo bezeichnet das Interview mit sich selbst als Roman. Natürlich werden die Fragen anonym aus dem Netz gestellt – so wird es plausibel. Das Netz aber ist er selbst. Also ist das Buch als Roman zu lesen, als eine fiktionale Lebensbeichte mit sich selbst als Beichtvater oder als der von Fragen an sich selbst ausgelöste Bewusstseinsstrom.

 

Der Roman handelt von Levy Eshkol in Form von einzelnen Geschichten, Episoden, Aperçus, Antworten eben auf Fragen, die sich ein Mann in der Mitte seines Lebens stellt. Fragen an seine Arbeit als Schriftsteller, an die Liebe zu seiner Frau Dikla, Fragen zu seiner bewegenden Freundschaft mit dem an Bauchspeicheldrüsenkrebs dahinsiechenden Ari. Dazwischen immer wieder Fragen zu Israel, zu den Besetzungen, zur Armee. Immer richten sich die Fragen auf das Eingemachte einer an sich selbst zweifelnden Existenz. Oft beginnen die Antworten ausweichend, holen aus zu einer Geschichte, die manchmal wie eine Metapher klingt, oft überraschende Pointen enthält, bei aller aus der condition humaine wachsenden Melancholie Ironie und Witz entfaltet. Auf die Frage aus dem Netz, das er selber ist: „Was halten Sie von der Zwei-Staaten-Lösung?“ antwortet er „Auf diese Frage möchte ich nicht antworten.“ Und er begründet das auch. Die Frage nach seinem Großvater beantwortet er knapp: „Ich kannte ihn nicht, er ist vor meiner Geburt gestorben.“ Aber er korrigiert den herumratenden Fragesteller mehrmals, bis der die richtige Antwort verrät: „Mein Großvater Levi Eshkol war von 1963 bis zu seinem Tod 1969 der dritte Ministerpräsident Israels.“ Dessen 1971 geborene Enkel, der auf der Couch des Analytikers liegt, der er selbst ist, leidet besonders unter dem Auszug seiner ältesten Tochter Shira, die mit 16 in ein Internat gezogen ist, als sie festgestellt hatte, dass ihr Vater eine Episode aus ihrem Leben – wenn auch gut anonymisiert – in einem Roman verwendet hat. 


Es geht um Lügen, um Lebenslügen und um die Wahrheit, die in Eshkol Nevos Antworten auf die Fragen offenbart, die er – aus dem Netz – an sich selbst richtet. Nach einer Lesung in Deutschland überreicht ihm der Vorsitzende der dortigen Jüdischen Gemeinde das dicke Buch eines Überlebenden. Bei seiner Abreise passt es nicht in seinen Koffer – es wird ihm zur nächsten Station auf seiner Lesereise nachgesandt, auch dort lässt er es bei seiner Abreise liegen, versteckt es sogar – die Sache wiederholt sich und auch vor dem Rückflug nach Israel will er es wegen der Kosten für das Übergewicht nicht mitnehmen. Zurück in Israel wird es ihm mit einem bösen Kommentar nachgesandt. Die Geschichte erzählt er auf die Frage, warum er nie über den Holocaust schreibe.
Eshkol Nevo erzählt so viele Geschichten, dass sie Stoff für viele Romane ergäben. Man wünscht sich, dass er diese schreibt oder auch andere, denn sein Reservoir scheint unerschöpflich. Aber nicht nur die Geschichten faszinieren. Wie er sie erzählt – von Markus Lemke in treffendes Deutsch übersetzt – kann süchtig machen, obwohl die Wahrheit nicht immer leicht zu ertragen ist. Der Roman ist eine Einladung an seine Leser, mit den eigenen Lebenslügen aufzuräumen, sich Fragen zu stellen und sich an den Antworten zu bereichern, die Eshkol Nevo ihnen serviert.


Harald Loch


Eshkol Nevo: „Die Wahrheit ist“                     Roman
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Dtv, München 2020   430 Seiten   22 Euro

 

 

Die Brexit-Kakerlake

Der gute alte Kafka stand Pate und lieferte die Grundidee: Bei Kafka verwandelt sich Gregor Samsa vom Menschen zu einem Käfer. McEwan dreht den literarischen Spieß um, und er lässt eine Parlaments-Kakerlake auf die Welt kommen, die zum britischen Regierungschef Jim Sams mutiert. Eingangssatz, an Kafka leicht angelehnt: "Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt."

Mc Ewan ist ziemlich ärgerlich über die unendliche Geschichte der Brexit-Debatte in seinem Land. Aber statt demonstrierender Wutbürger zu werden greift er zu seinem Mittel: der schreibt ein Buch, eine Politsatire, eine Parodie, die beim Lesen so manchen Lacher erzeugt, jedoch ein Grundproblem nicht ganz auflösen kann, dass die Brexit-Realität noch verrückter ist, als Ewan sie darstellen kann. Das wird sich auch in der Zukunft noch klarer beweisen.

 

In dieser Erzählung stellt Ewan zwei Politgruppen gegenüber, die Reversalisten, die Umdreher, gegen die Clockwiser, die weiterhin im Uhrzeigersinn mit der Zeit voran gehen. Übersetzt in die Realität sind es die „Brexiteers“ die als „Leaver“ hier gegen die „Remainer“ stehen.

Reversalismus, das politische Kakerlaken-Konzept heißt: „Wer Arbeit hat, muss zahlen.“ Und zwar dem Arbeitgeber Geld geben. Wer exportiert muss zahlen.

 

Dahinter steht die Idee, den Geldfluss umzukehren. Beim Einkauf bekommt der Käufer die Preissumme in die Hand ausbezahlt. Damit kann er seinen Arbeitgeber finanzieren. So gerät das Geld in Umlauf, der Welthandel floriert, denn den Warenexporten muss Geld hinterher geworfen werden.

 

Man sieht förmlich den Wirr-Schopf Boris Johnson vor dem geistigen Leser-Auge, wenn der Briten-Premier schamlos Absprachen bricht. Denn hier sehen wir „Politik in der reinsten Form: der Durchsetzung von Zielen mit allen verfügbaren Mitteln“. Fake-News und Lügen-Parolen sind für die Kampagne zulässig und sehr nützlich: „Nichts war so befreiend wie ein engmaschiges Lügennetz. Deshalb also wurden Menschen Schriftsteller“, schreibt Ewan selbstironisch.

 

Die Zeit wird zurückbewegt, alles kehrt sich um.

 

Ewan lässt auch einen INTERNETwehmutseufzer zu, als ältere Journalisten noch druckfrische Papierausgaben von Zeitungen in Händen hielten, und - ich würde sogar noch weitergehen und sagen - sogar daran süchtig schnüffelten. In der alten Welt der Fleetstreet, wo die englischen Zeitungen in den analogen Zeiten gedruckt wurden.

Europakritisches hält sich in diesem schmalen Satireband in Grenzen, es kommt jedoch auch vor, wenn etwa die EU-Kommission etwa „lebhafte Debatten über moldawische Eiscreme“ führt.

 

McEwan‘s Sinn vom Ganzen: Warum treibt der britische Premier seinen politischen Umstieg, den Reversalismus, auf die Spitze? Es steht also die „Warum-Frage“ im Raum und wird mit einem „Weil“, einem „Because“ beantwortet: „Weil. So lautete letztlich die einzige Antwort: Weil.“

Es gibt also keine vernünftige Begründung. Der Sinn mutiert zum UnSINN.  

 

Ian McEwan: „Die Kakerlake“
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes Verlag, Zürich 2019

 

 

 

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Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

Man stelle sich vor, man befinde sich im Hausarrest oder es stimme wirklich, was Blaise Pascal meint, wonach alles Unglück der Menschen daher rühre, „dass sie nicht willens und fähig seien, ruhig in einem Zimmer zu bleiben, und stets hinaus in die Welt drängten“.

 

Aber wozu?

 

Warum denn in die Ferne schweifen, wo das Gute liegt so nah? Es gibt nichts Kleines in der Welt, es kommt auf den Standpunkt an, sagt August Oetker, keineswegs Philosoph, sondern der Erfinder des Backpulvers. Er wusste, was die Welt zusammen hält.

Goethe spricht: Im Kleinen ist man nicht allein.

 

Schauen wir also auf die kleinen Hauptgegenstände des Buches auf einen Brieföffner, Überseekoffer, auf Gegenstände des normalen Alltags: Aschenbecher, Kochbücher. Das sind die Startpunkte für die „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ von Karl-Markus Gauß.

Karl-Markus Gauß erzählt von seiner Familie, historischen Ereignissen und aus dem Alltag eines Schriftstellers. Es ist eine Expedition ins Innenreich der vier Wände, die Innenwelt der Innenwelt.

Das große, geräumige Salzburger Haus von Karl-Markus Gauß,1896 gebaut, ist der Schauplatz der Nicht-Handlung.

 

Gauß schweift ab und kehrt zurück, wandert aus und wieder ein. In Exkursen bewegt er sich thematisch in das Andere, zum Beispiel in das Warten. Er entwickelt eine Typologie des Wartens. „Das Warten ist die unmerkliche Bewegung des Todes.“

 

Wir lernen Weggenossen kennen und geschichtliche Gestalten. Es findet eine Welterkundung im Zimmer stattet, die niemals rastet, weil sie sonst rostet.

 

Eine Reise kann also auch auf dem Schreibtisch ohne CO2-Ausstoß stattfinden, Papiere, Dokumente, Zeugnisse, allerlei Alltagskram, diese Enzyklopädie seines Schreibtisches gibt Auskunft über die Umgebung und die Person des Schriftstellers.

 

Warum müssen seine vielen gespitzten Bleistifte immer strammstehen? Wie lange dauert eine Rundreise durch Europa? Warum hebt man etwas auf und wirft es nicht weg? Wie sinnvoll ist es, Duschhauben zu sammeln? Warum wachsen Bücherregale ins Unendliche nach oben? Und schließlich der Alkohol: „...die Würde des edlen Rausches ist höher zu veranschlagen als die Depression, die er verursacht“. Das Buch, eine abenteuerliche Reise zum Innersten, zum Inneren das das Innere zusammenhält und das Besondere und Absonderliche.

 

Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, wo er heute als Autor und Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik lebt. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und oftmals ausgezeichnet, darunter mit dem Prix Charles Veillon, dem Johann-Heinrich-Merck-Preis und dem Jean-Améry-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt Der Alltag der Welt (2015), Zwanzig Lewa oder tot (2017).

 

 

FALLOBST - der neue Enzensberger

Also in seinem Pass müsste in der Rubrik Berufsbezeichnung eine große Spalte bereit gehalten werden für Hans Magnus Enzensberger: Herausgeber, Verleger, Lyriker, Romancier, Dramatiker, Kommentator, Hörspielschreiber, Kritiker, Polemiker, Essayist.

Er ist eine verschmitzte, coole Type im heutigen Jargon gesagt, und er ist eben auch seit über sechzig Jahren in dieser Republik der Kritiker des Jargons der Eigentlichkeit und der Unendlichkeit der Welt.

Er bereitet Spaß mit seinem Schreiben, fordert auf zu vernünftigem kritischen Denken, lockt Widersprüche hervor, aber auch begeisternde Übereinstimmung.

 

Nun klaubt er Worte-Fallobst auf und steckt es in einen Korb mit dem Reimhinweis: “Manche sammeln es auf, wenn sie sonst nichts zu tun haben. Solange es nicht verfault ist.“

 

Danke dafür, denn mit 90 ist es kein Vergnügen mehr, sich nach Fallobst zu bücken. Aber Enzensberger tut es für uns.

 

Einige Kostproben von Notizen, Sprüchen, Tages- und Altersweisheiten, Nebenbei-Aufzeichnungen, Glossen, Weisheiten und Dummheiten in diesem „Notizbuch“.

 

Eine kleine Auswahl aus 380 Seiten:

 

Anna Achtmatova: „Jeder Versuch, zusammenhängende Erinnerungen zu verfassen, läuft auf eine Fälschung hinaus“.

 

Max Beckmann: „Manchmal wäre man froh, sich selbst los zu sein“.

 

Gottfried Benn: „Erstaunlich, dass man am Ende einer Karriere selbst überhaupt nicht weiß, wer man war und ist.“

 

Bayerische Volksweisheit. „Mach ma halt a Revolution, damit a Ruah is“

Enzensberger druckt Lexikon-Artikel ab, zum Beispiel über Lyrik und das Gedicht an sich: „Alles in allem hat sich diese Textsorte als überraschend zählebig erwiesen“.

 

„Man tut gut daran, alles abzusagen, was angesagt ist“.

 

Er kritisiert die deutsche Dienstleistungswüste, zum Beispiel am Dienstleister Post, der sein Quasimonopol ausnutzt und zum Beispiel aus seiner Servicenummer ein Postgeheimnis macht.

 

Gerhart Baum wird zitiert, der den Leitartiklern und Talkshowgrößen Deutschlands attestiert, nicht dem Zeitgeist sondern dem Tagesgeist nachzuhecheln.

 

Und er geißelt die zärtliche technikaffine Smartphone-Generation: „Früher war es klinisch kranken Menschen vorbehalten, im öffentlichen Raum ihre intimsten Probleme und Obsessionen lauthals preiszugeben. Auch eine neue Gestik ist zu beobachten. Fast ausnahmslos führen die Menschen Geräte mit sich, zu denen sie ein erotisches Verhältnis pflegen. Sie wischen, fummeln, nesteln, wedeln und stöpseln nicht nur an diesen Gegenständen herum, sondern kitzeln, streicheln, frottieren, tätscheln, knuddeln und massieren sie.“

 

Und wie soll daraus Nachwuchs entstehen, möchte man selbst meinen?

Enzensberger nimmt sogar Nullsätze aufs Korn, die nichts, aber auch gar nichts aussagen, etwa: „Es tut sich was.“  oder den Abkürzungswahn digitaler Welten von HDMI bis VGA.

 

Dieses Buch ist keine Satz- oder Wörter-Wüste, nein, ein erfrischender prickelnder Literaturquell, mal Rinnsal, mal Bach, mal Fluss, mal Wörtermeer zum Ein- und Untertauchen. Genial!

 

Hans Magnus Enzensberger Fallobst. Nur ein Notizbuch Suhrkamp

Pressestimmen

Wer will die Insel Rügen kaufen : CHINA?


Zielgruppe Schwarzseher, Zukunftsforscher, China-Experten, Statistiker, Kabarettisten, Wähler, Amerikaner, Russen, Deutsche. 


Meinung Dem Wirtschaftsredakteur KASSANDRA wird gekündigt. Schreiben wir doch mal die Synonyme dafür auf: Er ist entlassen, rausgeworfen, vor die Tür gesetzt, freigestellt, abserviert, abgebaut, kaltgestellt, fallengelassen, verjagt, rausgekickt, ist zurückgetreten, hat abgedankt, ist ausgestiegen, sein Vertrag wurde aufgelöst, beendet, er zog einen Schlussstrich, das Arbeitsverhältnis wurde abgeschlossen, er hat mit seinem Job Schluss gemacht, wurde zurückgetreten, sein Arbeitsplatz wurde abgebaut. Er wurde abgesetzt, entfernt, fortgeschickt, suspendiert, seines Amtes entkleidet, auf die Straße gesetzt, ihm wurde der Laufpass gegeben, der Stuhl vor die Tür gestellt, er ist gefeuert, wurde in die Wüste geschickt, geschasst, man hat sich von ihm getrennt, er hat abheuert, abgemustert, ist ausgeschieden. Hat den Dienst quittiert, aber die wahre Wahrheit lautet, er wurde wegrationalisiert. Denn wir wissen ja: „Mit der gedruckten Presse geht es abwärts.“ 

 
Aber jetzt kann er befreit schreiben: „Subjektiv jedenfalls, rücksichtslos“, weiterschreiben, endlich frei!  


Kassandra, also Delius, schreibt nun Tagebuch-Notizen. Kassandra hat ein Problem, er sieht die gelbe Gefahr, die Chinesen auf uns zukommen. 
Der Westen steigt ab, China steigt auf. Wir würden erst aufwachen, wenn der chinesische IOC von Wien nach Budapest rollt. Die Chinesen kaufen französische Weingüter, 150 haben sie schon, und venezianische Paläste. Wann also ist Rügen dran? Es geht Delius um die Gefahr, dass China durch seine Wirtschaftsmacht zur Weltmacht wird, und dabei die paar restlichen westlichen Werte abgeräumt werden.


Eine SPIEGEL-Rezensentin meint, ein Roman sei das nicht, wie das rowohlt-Cover behauptet, sie kritisiert, das wüssten wir alles schon oder hätten es schon mal gehört, gelesen, gesehen. Stimmt! Aus Zeitungsleser-Perspektive. Aber endlich verknüpft ein Roman-Autor mal Aktuelles und Politisches und schreibt nicht schon wieder einen der unzähligen Familienromane, und dann ist es auch wieder nicht recht. 
Delius warnt ja sogar selbst: „Auch für die eigenen Gemeinplätze gilt: Alle vier Wochen zum TÜV.“ 


Also ein richtiger Roman ist es nicht, er ist mehr Faction als Fiction, aber eine Tagebuch-Brief-Erzählung für die Enkelin Lena.


Es sind Beobachtungen, Meinungsfetzen, Momentaufnahmen, geschrieben wie ein Smartphone-Camera-Flash, zum Weg-und-weiter-wischen: Griechenland-Rettung, Banken-Rettung, Koalitionsverhandlungen, MÜK, die maßlos überschätzte Kanzlerin. Fußball kommt vor: Stürmer Müller „Wir haben die Qualität, wir müssen sie nur auf die Wiese bekommen.“ Oder der Mittelfußknochen von Manuel Neuer. 


Dieses Buch ist eine Realitätsmontage: Es geht um Mafia-Investments, Zeitgeist-Feuilletonisten, die Krimi-Invasion im Fernsehen, Politiker Helmut Kohl, die wahre schwarze NULL, also Schäuble und vor allem Angela Merkel. 


Delius schreibt die deutschen Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten auf, notiert das Talkshow-Geplapper, kritisiert die Journalistenzunft und das Mediengeheule heutiger Tage im Netz, dessen Stimmung wichtiger genommen wird als die langweilige grundsolide Recherche. Es ist halt ein aktuelles Meinungsgewusel.


Während wir uns ablenken und abgelenkt werden, bauen die Chinesen die Seidenstraße. Für den 27.10 notiert Delius: „Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich.“ 


Delius ist Wutbürger im Hysterikerland.  


Delius übt Kritik an abstrusen Tatort-Plots, die nicht mal die NSU-Morde und deren Nähe zum Verfassungsschutz thematisieren.
Während Putin und Assad Syrien tot bombardieren, sind die Chinesen schon am Wiederaufbau. 


Für Varoufakis und Griechenland bricht er eine Lanze. Denn sein wirtschaftliches Hauptthema neben Chinas Aufstieg ist die Griechenland-Rettung, die eine Bankenrettung war. Die Europapolitiker sind für ihn die „Totengräber Europas“, die wiederum Pressesprecher beschäftigen, die „das Gegenteil in schönen Worten zu behaupten wissen“. 


Die Haltung Delius schwankt zwischen „altersmilde“ werden oder „altersradikal“: „Beides! Radikal gegenüber den Verhältnissen, milde zu den Menschen.“


Die Diagnose nach der Tagebuch-Anamnese: Er hat das „China-Syndrom“, es geht nicht um radioaktive Explosion in einem Atomkraftwerk, sondern um eine aktive schleichende chinesische Invasion - als Zukunftsvision. Und die Angst davor. 


Delius hat also Visionen, Helmut Schmidt würde sagen, da muss man zum Arzt gehen, aber genau diese Politikerhaltung regt Delius ja auf. Die Ignoranz gegenüber einer Zukunftsgefahr, die unsere westlichen demokratischen Werte bedroht. Schmidt war es aber gerade, der in den 1970er Jahren schon auf die kommende Weltmacht China hinwies. Kaum einer hat das damals beachtet. Unsere reservierte deutsche Haltung ist eben: Na dann warten wir mal die Zukunft ab. Schließlich gilt das Zitat eines Unbekannten: Zukunft ist etwas, das meistens schon da ist, bevor wir damit rechnen.


Der Autor Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, in Hessen aufgewachsen, lebt seit 1963 in Berlin. Seine Werkausgabe im Rowohlt Taschenbuch Verlag umfasst derzeit achtzehn Bände. Friedrich Christian Delius wurde unter anderem mit dem Fontane-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis und 2011 mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.

 

 

Pressestimmen

 

Friedrich Christian Delius' Erzählung aus dem Jahre 1991 liest sich sehr aktuell ... Sie versammelt verblüffend viele ost-west-deutsche Vorurteile und Befürchtungen, die fast drei Jahrzehnte später noch virulent sind – beziehungsweise sich erfüllt haben. Südwest Presse

 

F. C. Delius entwirft das unterhaltsam-bissige Porträt eines Freidenkers, der seine Gedanken nicht länger an die Leine nehmen muss. ... Ein wunderbares Deutschland-Album. Frankfurter Neue Presse

 

Kann ein Buch, in dem das Wort "Handelsbilanzdefizit" vorkommt, unterhaltsam sein? – Und wie! Münchner Merkur

 

Wer irgendwann mal in einer fernen Zukunft auf unsere Zeit schaut, dürfte von diesem Roman eine Menge lernen. Der Tagesspiegel

NDR

Maschinen wie ich

 

Und nun geht es den beiden verliebten Hauptfiguren Charlie und Miranda darum, den Roboter mit einem Charakter, einem typischen Temperament auszustatten.

 

Soll er nach der Temperamentslehre heiter, aktiv sein, also Sanguiniker, oder passiv, schwerfällig, ein Phlegmatiker? Soll er traurig, nachdenklich als Melancholiker auf dem Sofa sitzen oder so

gar reizbar und erregbar als Choleriker in der Wohnung herumtoben?

Wie würden Sie entscheiden, und was würden Sie sagen, wenn dieser Maschinenmensch Ihrer Frau Komplimente macht, schön konstruierte Liebesgedichte vorträgt und zugleich brav und fleißig den Abwasch erledigt?

 

Aber zuletzt: Was wäre, wenn die Künstliche Intelligenz so weit führt, dass der Maschinenmensch Ihre Frau verführen würde?

So ist die Ausgangskonstellation des Buches, denn auf der Welt sind inzwischen 13 Evas und 12 Adams als MetallMaschinenMenschen unterwegs.

 

Ian McEwan, erfolgreicher englischer Autor, dessen Romane Moral und zeitgeschichtliche Themen zusammenbringen können, hat sich dem Thema Künstliche Intelligenz gewidmet, und er erzeugt so einen immensen Lese-Sog, weil seine Erzählweise alles bietet:

Die Grundkonstellation ist gut recherchiert, die Ausgangslage zündet sofort, die Buchdramaturgie treibt das Geschehen lebhaft voran, die Ideen sprühen geradezu, zeitgeschichtliche Umdeutung geschichtlicher Daten und Personen, sogar die ME-TOO-Debatte werden verarbeitet.

Zwar legt der Autor das Geschehen in die Vergangenheit, in die Zeit des Falklandkrieges.


 ("Der erste wirklich funktionsfähige künstliche Mensch mit überzeugender Intelligenz und glaubhaftem Äußeren, mit lebensechter Motorik und Mimik kam auf den Markt, eine Woche, ehe unsere Truppen zu ihrer hoffnungslosen Falkland-Mission aufbrachen.")

 

Doch die Thematik weist weit in unsere menschliche Maschinenzukunft.

Der Trick des Autors ist, er legt die Zukunft in eine veränderte, umgedeutete Vergangenheit, er arbeitet also mit einer Art "Retro-Zukunft", in der John F. Kennedy und John Lennon zum Beispiel noch leben.

 

Nun wie war dieser Maschinen-Adam, ein Gerät, ein Automat, ein Apparat mit menschlichen Zügen konstruiert?

"Er war kompakt gebaut, breitschultrig, hatte einen dunklen Teint und dichtes, schwarzes, nach hinten gekämmtes Haar, ein schmales Gesicht mit einer leicht gekrümmten Nase, die ihn hochintelligent wirken ließ, einen grüblerischen Blick unter schweren Lidern und feste Lippen, die in diesem Moment, vor unseren Augen, ihren tödlich gelbweißen Farbton verloren und eine satte lebhafte Farbe annahmen, sich in den Mundwinkeln sogar ein wenig entspannten."

 

Adam war eine Computermaschine mit menschlichen Gefühlen.

Die Maschine hatte literarisches Talent, schrieb Gedichte mit dem Wortschatz Shakespeares, und sie hatte die Fähigkeit, bei allen Datenbanken dieser Welt Wissen abzuschöpfen.

Der Maschinenmensch war ein Aufgabenerlediger, und er spekulierte an den Börsen so gut und erfolgreich, dass die Hauptfigur Charlie und seine Freundin davon leben konnten. Aber „Bald wären wir vielleicht Sklaven unserer beschäftigungslosen Zeit.“

 

Wenn Mensch und Maschine so nah beieinander liegen, liegen sie bald nah beieinander. Nicht Mensch und Mensch, Charlie und seine Freundin Miranda, sondern die Maschine, der Roboter Adam und Mensch Miranda. „Ich sah, wie er sie küsste – länger, tiefer, als ich sie je geküsst hatte.“

Es kommt zum erfüllten Geschlechtsverkehr, da fragen sich Frau und Mann jedoch sofort, wie das denn sein kann?

 

Die Erektion des Maschinen-Mannes: „Sein Schwanz füllt sich mit destilliertem Wasser. Aus einem Tank in der rechten Pobacke.“ Adam war also „Eine fickende Maschine“, mit Sextechniken wie aus dem Lehrbuch, unermüdlich, lobt Miranda.

 

 So weit, so klar.

 

Sein Atem allerdings roch wie die Rückseite eines warmen Fernsehers.

„Ich hasste ihn“, sagt die Hauptfigur Charlie.

Nun nimmt der Roman erhebliche Fahrt auf, denn eine klug konstruierte Vergewaltigungsgeschichte bietet einen weiteren Romanhintergrund, der hier nicht weiter verraten werden soll.

 

Ja, der Maschinen-Mann kann fast alles, was Menschen auch können, sogar besser und mit mehr Durchhaltevermögen. Nur eines kann er als nach 1- und 0-Methode operierendes Wesen nicht, es fehlt ihm die Fähigkeit zum Kompromiss, zur Lüge, zum Taktieren, zum Durchwurschteln: Alles, was heutzutage in Politik, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft zum menschlichen Instrumentarium gehört, um weiter zu kommen.

 

Ein Mord steht am Ende des Romans und eine Gerichtsstrafe. Mehr sei hier nicht verraten.

 

An manchen Stellen geht der Autor etwas deskriptiv ausschweifend vor. Aber die Geschichte aus Vergangenheit und Zukunft zugleich ist spannend bis zur letzten Zeile.

 

Ian Mc Ewan Maschinen wie ich  DIOGENES

 

David Foenkinos: Die Frau vom Musée d’Orsay

Es gibt Gemälde, deren Rahmen größer als das Bild selbst ist. „Die Frau vom Musée d’Orsay“, der jüngste Roman des fünfundvierzigjährigen Pariser Autors David Foenkinos, überträgt diese Proportionen überzeugend in die Literatur. Die ausführliche und ungewöhnliche Rahmenhandlung umschließt eine Tragödie, schöne Bilder im Kontrast zu einem widerlichen Verbrechen. Der Rahmen erzählt den ungewöhnlichen Schritt Antoines, eines Professors für Kunstgeschichte aus Lyon. Von einem Tag auf den anderen beschließt er, seiner Hochschule den Rücken zuzukehren. Er bewirbt sich als Museumswärter am Pariser Musée d‘Orsay und bewacht fortan die Gemälde Modglianis, über den er promoviert und gelehrt hatte. Mathilde, die Personalchefin des Museums erschrickt zwar über diese ungewöhnliche Bewerbung, wagt es trotzdem, ihn einzustellen.  Oft sitzt Antoine vor dem Modigliani-Porträt der Jeanne Héburterne und hält mit dem Bild Zwiesprache.

 

Er verheimlicht die Motive für seinen kaum verständlichen Schritt und verstrickt sich dabei gelegentlich in Widersprüche. Manche seiner Ausflüchte sind sehr komisch. Einem Führer, der Besucher durch die Modigliani-Ausstellung begleitet, fällt er ins Wort – er weiß es ja besser. Das gefährdet seine Anstellung und auch die Position der Personalchefin. In schönen, leichten Schwüngen bereitet Foenkinos die Annäherung der beiden vor, bis sie – am Musée d’Orsay ist ihre Stellung unhaltbar geworden – gemeinsam im Auto nach Lyon aufbrechen.


Bei der morgendlichen Einfahrt in die Stadt lässt Antoine Mathilde an einem Friedhof halten. Hier endet zunächst die Rahmenhandlung und es beginnt ein Rückblick auf das Drama der jungen Camille. Scheinbar ohne Zusammenhang mit dem Rahmen entwickelt der Autor die Adoleszenzgeschichte einer Heranwachsenden, die – sie ist gerade 16 Jahre alt – ihre Berufung spürt, Malerin zu werden. Der Leser begleitet sie durch ihr junges Leben, das plötzlich eine so abrupte Wendung nimmt, dass sie für Wochen ausfällt, in der Schule versagt, sich in sich selbst verkriecht, mit niemandem spricht. Hier entwickelt Foenkinos ein subtiles Verständnis für die Psyche einer jungen Frau. Ihre Eltern sind verzweifelt, ermöglichen ihr aber, nachdem sie sich wieder gefangen und ein glänzendes baccalaureat hingelegt hat, ein Studium an der Kunsthochschule.


Hier schließt sich, immer noch in der Vergangenheit, der Rahmen kunstvoll wieder an das inzwischen entstandene Bild von Camille: Sie studiert bei Antoine, beweist ihr großes Talent, zeigt dem verehrten Lehrer ihre Bilder. Der ist begeistert und von ihrem Genie überzeugt. Nach einer strengen Benotung durch ihn verschwindet Camille für immer. Antoine belädt sich mit Schuldgefühlen, und flieht verzweifelt nach Paris ans Musée d’Orsay. Nach dieser Auszeit wieder zurück in Lyon, plant er zusammen Mathilde eine Ausstellung der nachgelassenen Bilder Camilles. Er sucht ihre tieftraurige Mutter auf und erfährt von Camilles Abschiedsbrief und dem eigentlichen Motiv für ihre Verzweiflungstat. Die ausstellende Galerie ist von den Werken der jungen Künstlerin begeistert, die Ausstellung wird auch von der Hochschule unterstützt und wird ein Riesenerfolg.


Der Rahmen hat dann das letzte Wort. Offen endet dieser klare und schöne Roman, dessen französischer Titel „Vers la beauté“ treffender als der deutsche ist: „Antoine stand allein in der Galerie. Glücksgefühle durchströmten ihn. Er näherte sich einer Zeichnung, die es ihm ganz besonders angetan hatte. Einem Selbstbildnis von Camille. Er blickte ihr tief in die Augen und flüsterte ein paar Worte, so wie er manchmal mit dem Porträt von Jeanne Héburterne geredet hatte. Da spürte er plötzlich einen Lufthauch, der ihm sanft übers Gesicht strich.“


Harald Loch


David Foenkinos: Die Frau vom Musée d’Orsay
Aus dem Französischen von Christian Kolb
Penguin Verlag, München 2019   236 Seiten   20 Euro

 

André Aciman: Fünf Lieben lang 

Wie ein so vielseitiger Liebhaber wie Paul so schüchtern sein kann, bleibt eines der Geheimnisse der Liebe. Die letzte der fünf ausgewählten bedingungslosen großen Lieben verpasst er. Vielleicht, weil er der hinreißenden Musikschriftstellerin Heidi auf der Frage, wann er denn mit dem Rauchen aufgehört habe, antworten musste: „In Deinem Geburtsjahr“. Vielleicht, weil die Jahrzehnte zwischen beider Lebensalter ihn schüchtern machen? Diese kurze Episode am Schluss des Romans „Fünf lieben lang“ setzt André Aciman gegen die zauberhafte, noch fast ahnungslose Junge liebe Pauls zu einem Kunsttischler. Giovanni hat er auf einer italienischen Insel während der mit seinen Eltern verbrachten Sommerferien kennen und – auf seine Art – lieben gelernt. Das hat schon eine allererste sexuelle Bedeutung, auch eine Ahnung von gleichgeschlechtlichem Begehren. 


Später lebt Paul in New York, er leitet wohl eine der bedeutenden kulturellen Zeitschriften und ist nach Studien in Harvard in den kultiviertesten Kreisen der amerikanischen Ostküste bestens vernetzt. Er heiratet Maud, verliebt sich beim Tennis in Manfred, führt eine im Olympiadenrhythmus alle vier Jahre aufflammende Liebe zu Cloé, einer Lektorin, die er schon zu gemeinsamen Studienzeiten begehrte, als sie gemeinsam in Harvard Orwell ins Altgriechische übersetzten. Ja, so etwas gehörte an amerikanuischen Eliteuniversitäten zum Studium! Für Aciman ist das vielleicht nicht so sensationell: Er ist 1951 im ägyptischen Alexandria als Sohn italienisch-türkischer Eltern geboren. Im Hause seiner sephardisch-jüdischen Familie sprach man Französisch, Italienisch, Ladino und Arabisch. Warum also an der Harvard-University nicht Orwell ins Altgriechische übersetzen? Aber neben der Übersetzung ist er in Cloé verliebt, zu schüchtern, um mit ihr zu schlafen, aber nicht zu schüchtern, seine sexuellen Begierden mit einem noch jüngeren Chemiestudenten zu stillen – immer sowohl als auch!


Auf dem Tennisplatz begnet er dem Modellathleten Manfred, schleicht zwei Jahre um ihn herum, sieht ihn in der Umkleide nackt und wagt nicht, ihn anzusprechen. Dann bricht Manfred den Bann, der Paul ebenso begehrt und beide leben dann bald zusammen. Dazwischen alle vier Jahre Cloé, immer nur für zwei oder drei Tage – danach: Kontaktsperre und Funkstille. Am Ende der letzten, unvollendet bleibenden Annäherung an Heidi erfährt der Leser in einem Nebensatz, dass Paul inzwischen mit Claire verheiratet ist, die schon auf den diversen Partys eine Rolle gespielt hat.


Der Autor schreibt sich in einen wahren Liebesrausch, in dessen Fokus immer eine beneidenswert perfekte Sexualität steht. Die hat ihre wollüstigen, ihre ästhetischen, nie aber vulgäre oder obszöne Gesichter. Der gegenseitige Respekt aller Beteiligten, zivilisiert gezähmte Eifersucht und vor allem eine in Vorspielen und auch „dabei“ gepflegte Sprache, zu eleganten Dialogen geformt, machen aus dem erotisch aufgeladenen Roman ein literarisches Ereignis. Ganz nebenbei kommen die Kenner und Liebhaber New Yorks auf ihre Kosten, sie könnten einen Stadtplan und auch einen Restaurantführer zur Hand nehmen und Paul und seinen fünf Lieben auf dem Fuss folgen. Wer der ganzen Sexualität des Romans überdrüssig wird, erfreut sich an der ironischen Demontage einer Ostküsten-Oberschicht und an der unter der kribbelnden Oberfläche der wunderschönen Worte lauernden schonungslosen Wahrheit über die condition humaine.


Harald Loch
 
André Aciman: Fünf Lieben lang Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Christine Buchner unter Mitarbeit von Matthias Teiting
dtv, München 2019 351 Seiten 22 Euro

 

Joseph Schmidt - der "deutsche Caruso"

Er war der „deutsche Caruso“. Ein hoch talentierter, in der Welt bekannter Tenor. Er war Jude und sein Schicksal war die Flucht vor den Nazis. Das Buch erzählt weniger seine überragende Künstlerkarriere als vielmehr die Fluchtumstände in den Zeiten der Judenverfolgung. 
Joseph Schmidt will aus dem besetzten Vichy-Frankreich in die rettende neutrale Schweiz fliehen, die ihm Asyl geben soll. Hier entstehen die Parallelen zur heutigen Zeit: Wie gehen die Menschen mit Flüchtlingen um, und gibt es Parallelen zu damals? 


Es gelingt dem Autor Lukas Hartmann eine schwierige geschichtliche wie politische Thematik in einem gut lesbaren, nie langweiligen Ton an den Leser zu bringen, ja ihn geradezu zu fesseln, obwohl von der Handlung her eigentlich nicht viel geschieht. 


Nazideutschland zerstörte die Karriere des weltweit bekannten Tenors. Zeitungen und Radiosender vergaßen ihn willentlich. Seine Schallplatten wurden aus den Regalen genommen. Joseph Schmidt bekam Auftrittsverbot und wurde aus dem Musikleben regelrecht verbannt. 
Er wird in einem Lager festgesetzt, erkrankt sehr schwer, wird jedoch von den Lagerärzten bei der Behandlung vernachlässigt und nicht richtig behandelt. Das rettende Asyl erreicht er nicht. Er stirbt im Internierungslager.


Es ist also eine traurige Geschichte, die auch traurig zu Ende geht. 
Dem Autor gelingt es, den Leser in die damalige Zeit des Naziterrors und der sie unterstützenden Kollaborateure zu versetzen und zugleich Erinnerungen an die heutige Zeit zu wecken, ohne dabei jedoch einen moralischen Zeigefinger zu erheben. Das Buch müsste lehrreiche Schullektüre für den Unterricht werden. Ob im Fach Geschichte oder im Fach Musik wäre dieses Buch mit seinem Thema gleich wichtig. 

 

Ein Lied geht um die Welt

Es wird im Leben…

Dein ist mein ganzes Herz

Der Autor Lukas Hartmann, geboren 1944 in Bern, studierte Germanistik und Psychologie. Er war Lehrer, Journalist und Medienberater. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Spiegel bei Bern und schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder. Er ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz und steht mit seinen Romanen regelmäßig auf der Bestsellerliste.

Erde und Papier

John Lennon ist tot, Wondratschek macht sich darüber seine Gedanken. Er philosophiert über Maler und Komponisten, erzählt aus seiner Kindheit und gymnasialer Schulepoche. Das Buch enthält Zeitungsartikel, Festreden, Beiträge für Illustrierte, Vorwitziges und Nachdenkliches, den Fragebogen von Max Frisch, den Wondratschek einfallsreich ausfüllt. Nur ein einziges Gedicht ist abgedruckt, Thema „Liebe“. Zitat daraus: “Für eine große Liebe braucht es zwei Einzelgänger und ein Gebet.“ 
Greifen wir noch etwas näher in die Seiten. Seine Schulaufsätze waren „mit schulischen Maßstäben nicht zu erfassen“. Für Auftragstexte steckt er massig Kohle ein, das bringt eben mehr ein als das Gedichteverfassen. Von Daniel Keel, dem Diogenes-Verleger, will er Gold statt Geld. Wondratschek weiß, was es heißt, um Honorar zu kämpfen. Der ist darauf hin mehr als verstimmt. 
Gutes Schreiben ist für Wondratschek dann gut, wenn es folgende Kriterien erfüllt: Klarheit, Brillanz, Zartheit, Fremdheit. Und nicht jeder Gedichteschreiber ist für ihn ein Dichter. 
Seine Sätze faszinieren: „Nun gut, in Wien war noch nie etwas aktueller als die Vergangenheit.“ Da schreibt er über ein Stundenhotel in Wien.
Oder: „Zuerst verdient man im Ruhm. Dann bezahlt man.“ 
„Ich bin gern in Gesellschaft von Menschen, deren Talent größer ist als der Ehrgeiz.“

 


Ja solche Sätze gefallen ihm, auch wie der von Janis Joplin: „Scheiß auf Revolutionen. Ich will Euch mit meiner Musik zum Vögeln bringen“. 
Wovon seine Bücher handeln, kann er nicht sagen. Er möchte gerne aus der Reihe tanzen, ist der Widerspenstige, Eigenartige mit Sonderlingstatus. Verleger entscheiden, ob ein Autor zur „Goldreserve“ des Verlages gehört. Kritiker sind „Hochadel“, Funktionäre der öffentlichen Meinung, „spesengesättigte Herumtreiber in allen Goethe-Instituten weltweit“. Und die Buchmessen sind nichts anderes als ein „fünf Tage dauerndes Trainingslager für Heuchelei“. Und auf Seite 234 schreibt der in Wien lebende Autor, wie europäisch wir nun alle schon sind, ja geradezu global. Denn Wondratschek  hat einen deutschen Pass, einen böhmischen Namen, wohnt in Wien, sein Nachbar ist Serbe, sein Schuster Kasache, Türken liefern Obst und Gemüse , der Pizzaman ist aus Apulien und der Busfahrer Inder, während aus dem Musikgymnasium Asiatinnen strömen. 


Schlussfrage. Zitat: „Was ist Literatur? Das, was übrigbleibt, wenn man aus einem Buch die Handlung abzieht.“ Sein Buch hat keine Handlung. Es könnte also Literatur sein. „In Wirklichkeit ist die Poesie, etwas Geheimes.“ (Marcel Proust). Und irgendwie ist Wondratschek ein Geheimnisträger. 

 

Wolf Wonratschek Erde und Papier Ullstein

 

 

 

  Paul Adler. Absolute Prosa

Wenn es Vorläufer der Moderne und eine oft belanglose Postmoderne gibt – die Suche nach der Kernmoderne im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts verheißt etliche nicht gehobene Schätze! Eines der fast vergessenen Wunder ist das Werk des 1878 im jüdischen Ghetto Prags geborenen Paul Adler. In 2017 startete der Dresdner Thelem Verlag eine von Annette Teufel herausgegebene, auf fünf Bände angelegte kommentierte Ausgabe mit dem 2. Band der Gesammelten Werke: „Nämlich“.

 

Inzwischen hat der Düsseldorfer Leske Verlag als ersten Band seiner Reihe „Kometen der Moderne“ eine sich streng an den Originalversionen haltende Ausgabe der drei wichtigsten Romane, Erzählungen und anderer Texte unter dem Titel „Absolute Prosa“ veröffentlicht, die es hier zu würdigen gilt. Claus Zittel hat den Band herausgegeben und mit einem lesenswerten Nachwort versehen, das u.a. mehrere Originalrezensionen der Hauptwerke Adlers enthält, die während oder kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstanden sind. Zittel ist Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Stuttgart. Er gibt die Reihe „Kometen der Moderne“ heraus.

 

Kometen sind zumeist wiederkehrende Himmelskörper unterschiedlicher Helligkeit. Das Werk von Paul Adler strahlte in der Zeit um 1920 blendend und ist seitdem nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten sichtbar geblieben. Adlers Texte erschließen sich nicht leicht. Sie sind weder „spannend“, auf „Plot“ geschrieben noch gar unterhaltsam. „Adlers Prosa nimmt virtuos die zu seiner Zeit neuesten Tendenzen in Musik und Malerei auf, um innerhalb der Sprache in bisher ungekannter Radikalität eine eigene Form der Dichtung zu kreieren, die bei aller Abstraktheit nie ihren Gegenstandbezug gänzlich aufgibt, sondern ihn im Ungefähren hält“ (Claus Zittel im Nachwort). Dabei sprengt er in seinen drei im Band versammelten kleineren Romanen „Elohim“, „Nämlich“ und „Die Zauberflöte“ vollkommen den Rahmen dessen, was man vor oder nach ihm unter dem Genre „Roman“ verstand. 1914 erschien im Dresdner Hellerauer Verlag „Elohim“ – ein mit jüdischer, fernöstlicher, christlicher und antiker Mystik gesättigter expressionistischer Text, in dem es um Rhythmus und Musikalität vor einem sich kaum erschließenden Inhalt geht.

 

„Alle Unverständlichkeit ist relativ“ schrieb schon Friedrich Schlegel, aber Adler legt es nicht auf die Unverständlichkeit an, sondern erzählt ganz präzise von seiner Verwirrung, lässt sie Klartext sprechen. Das ist mehr als ein Innerer Monolog, tiefer als ein Bewusstseinsstrom, das ist der genaue Ausdruck ganz allgemein menschlicher Verwirrung. Im 1915 wiederum Dresden erschienenen Roman „Nämlich“ bekennt Adler gleich zu Beginn, dass er dem Ideal der Klarheit nicht zu entsprechen vermag und sich stattdessen anschickt, „sein Bewusstsein zu inspizieren“. Der Roman enthält verschiedene Textsorten, z.B. ein Gedicht zum Geburtstag seiner Mutter, einen Dialog zwischen Sokrates und Nämlich, Erzähltes und das sicher wirre aber ganz aus dem „inspizierten Bewusstsein“ Gehobenes. In der stilistisch und sprachmelodisch durchgearbeiteten Form ist dieser Text sicher ein fulminanter Höhepunkt hermetischer, eben „absoluter“ Prosa. „Nein, es ist nicht möglich, eine Analyse dieses Werkes zu geben; es kann nicht gekennzeichnet werden“, zitiert das Nachwort Adlers Zeitgenossen Kurt Pinthus.

 

Adler gehört dem illustren Kreis Prager Autoren deutscher Zunge an, er kannte Kafka und wurde von ihm bewundert und auch gefürchtet, er war mit Max Brod befreundet und während seiner Berliner Zeit gehörte Carl Einstein zu denen, die seine Größe erkannten. Eigentlich war er Jurist, gab aber seinen Beruf auf, als er von ihm Tätigkeiten verlangte, die gegen sein Gewissen waren. Lange lebte er in der Künstlerkolonie Dresden-Hellerau, von wo er 1933 nach Prag zurückfliehen musste. 1939 erlitt er dort einen Schlaganfall und überlebte, dank seiner Frau in einem Versteck, starb aber schon 1946 an einem zweiten Schlaganfall. Auf dem jüdischen Friedhof von Prag wurde er begraben. Aber Kometen haben es an sich wiederzukehren. Seine Absolute Prosa ist es wert, hat es in sich und wird auch hundert Jahre nach ihrem ersten Erscheinen wieder einen hellen Schweif von Bewunderung leuchten lassen.

 

Harald Loch

 

Paul Adler. Absolute Prosa

Elohim, Nämlich, Die Zauberflöte und andere Texte

Herausgegeben von Claus Zittel, Mitarbeit von Fabian Mauch

C.W. Leske, Düsseldorf 2018   456 Seiten   28 Euro

Traurige Geschichte - hoher Unterhaltungswert

Ob „Die allertraurigste Geschichte“ von Ford Madox Ford der beste französische Roman in englischer Sprache ist, muss hier nicht entschieden werden. Gelegentlich ist das behauptet worden, und der Autor beruft sich an anderer Stelle auf Maupassant. In der bestechenden neuen Übersetzung von Fritz Lorch und Helene Henze gehört der vor gut hundert Jahren geschriebene Roman jedenfalls zu den lesenswertesten des an Literatur ja nicht armen vorigen Jahrhunderts. Der Autor stammt väterlicherseits von Deutschen ab und lässt das Geschehen weitgehend im hessischen Bad Nauheim spielen, wo sich zwei Ehepaare – ein englisches und ein amerikanisches – jahrelang zur Behandlung verschiedener Herzerkrankungen treffen. Natürlich sind sie begütert, natürlich gehören sie einer Gesellschaftsschicht an, in der man damals noch wusste, was sich gehört. Das hindert sie nicht daran, sich schlecht zu benehmen, sich die Partner abspenstig zu machen, einander zu lieben und zu hassen. Die Grundausstattung des Personals ist also ein Quartett, so dass es keine der abgeschmackten Dreiecksgeschichte ist, eher Polygon, weil der englische Gutsherr Edward Ashburnham es manchmal nicht lassen und mit seiner katholisch erzogenen Gattin Leonora nicht viel anfangen kann. Der Erzähler ist ein amerikanischer Millionär, der mit seiner Frau Florence alljährlich während der Kursaison nach Bad Nauheim kommt und die Ashburnhams trifft. Alle wichtigen Ereignisse im Leben von Florence fielen auf einen 4. August. Der Autor hat seinen Roman 1913 begonnen und er ist 1915 erschienen. Dazwischen lag der Beginn des Ersten Weltkrieges, an dem England aufgrund seiner Kriegserklärung teilnahm, die auf den 4. August 1914 fiel. Ford nahm als englischer Soldat im Krieg teil. Nichts aber deutet im Roman die sicher nicht zufällige Koinzidenz der Daten an.


Das Quartett ist ja als literarische Figur nicht unbekannt. Hierzulande wird man an die „Wahlverwandtschaften“ denken. Die literarische Ausnahmestellung erlangt „Die allertraurigste Geschichte“ durch die auch in der Ironie genaue atmosphärische Dichte in der Darstellung einer gerade noch viktorianischen, fast schon modernen upper class - und durch eine Erfindung. Ford verzichtet nämlich auf den allwissenden, auktorialen Erzähler und setzt an seine Stelle die ungenaue, rätselnde, zweifelnde und verzweifelnde Stimme des Amerikaners. Hinter einem allwissenden Erzähler liest man meist den Autor selbst. Der muss ja eigentlich alles über seine Geschichte und über die von ihm erfundenen Personen wissen. Aber warum eigentlich? Seit wann wissen Menschen über andere Menschen genau Bescheid, selbst wenn sie sich diese ausgedacht haben. Mit dieser Erfindung des manchmal nur vermutenden Erzählers wird das psychologisch nicht etwa durchkomponierte, immer auch widersprüchliche Verhalten der Hauptpersonen auf fiktionale Weise wirklich. Ja, so verrückt können sich Erwachsene verhalten, so ungefähr ist das Leben – nicht etwa genau so. Damit fügt Ford Madox Ford der erzählenden Literatur eine wunderbare neue Möglichkeit hinzu, die in der perfekten Ausführung vollkommen überzeugt.


Am Ende dieser wirklich traurigen Geschichte mit hohem Unterhaltungswert sind die meisten Hauptpersonen tot, die letzte der unerlaubten Leidenschaften Edwards wird wahnsinnig, der überlebende Erzähler bleibt nur übrig, um uns das alles zu überliefern. So viel Liebe und Hass, Niedertracht und Großherzigkeit, Hinterlist, Opferbereitschaft und Eifersucht sind nur im Modus der Ironie darstellbar. Die gelegentlichen Ausfälle des anglikanischen Erzählers gegen den Katholizismus muss man deshalb wohl vor dem Hintergrund der späteren Konversion Fords zu dieser Religion lesen. Die Wiederentdeckung dieses großen Romans durch die sehr gute neue Übersetzung bereichert das deutschsprachige Publikum um eine Ikone, die längere Zeit verhängt war. Das kluge Nachwort von Julian Barnes ist die Stimme eine qualifizierten Verehrers dieses wundervollen Romans.


Harald Loch


Ford Madox Ford: Die allertraurigste Geschichte
Aus dem Englischen von Fritz Lorch und Helene Henze
Mit einem Nachwort von Julian Barnes
Diogenes, Zürich 2018   306 S. Ln. im Schuber   29 Euro

 

Rudolf Borchardt: "Weltpuff Berlin"  


 
Betrachtet man Literaturkritik neben allen, oft nur eingebildeten, höheren Ansprüchen wenigstens auch als Leserinformation, dann stellt sich bei dem Roman „Weltpuff Berlin“ von Rudolf Borchardt (1877 – 1945) folgende Frage: Wem kann man diesen, von den Erben des Autors wegen seines „pornografischen“ Charakters lange Zeit zurückgehaltenen Roman empfehlen? Männliche Leser werden gnadenlos scheitern, wenn sie sich mit dem überpotenten Helden des Romans nacheifernd identifizieren. Frauen werden ungläubig bestaunen, was alles möglich sein soll und werden sich – manche bedauernd, manche auch heilfroh – der gewohnten Normalkost zuwenden müssen.

 

Eines steht fest: Als Konfirmationsgeschenk ist „Weltpuff Berlin“, das verbietet schon der Titel, nicht geeignet. Ganz uneingeschränkt aber gilt die literarische Extraklasse dieses auch auf mehr als 1000 Seiten nicht ermüdenden Romans eines Autors, dessen Gesamtwerk mit einer soeben begonnenen Kritischen Ausgabe erst neu und eindrucksvoll erschlossen wird.


Der Handlungsverlauf ist schnell erzählt: Ein Student der klassischen Sprachen verschlampt seine Doktorarbeit, lebt auf großem Fuße (über das Dativ-e an anderer Stelle mehr) und ist von der Natur mit atemberaubenden sexuellen Fähigkeiten ausgestattet. Das alles spielt in Berlin im Jahre 1901. Der Autor nimmt sich die Freiheit, viele Einzelheiten der legendären „roaring twenties“ in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vorzuverlegen. Das wird in den Nachbemerkungen des Herausgebers Gerhard Schuster in der Einzelausgabe kurz angedeutet, in dem Kommentarband der zeitgleich erscheinenden Kritischen Ausgabe im Einzelnen aufgelöst. Der 24-jährige, mit stark autobiografischen Zügen angelegte Protagonist erzählt von sich und seinen zuweilen im Stakkato folgenden sexuellen Erlebnissen mit ausnahmslos bewundernswerten Schönheiten aus den unterschiedlichsten Kreisen der keineswegs konservativen wilhelminischen Reichshauptstadt. Neben den Betten sind die gesellschaftlichen Verhältnisse die Schauplätze dieses Romans. Er spielt in einem Milieu, in dem Geld nur selten eine Rolle spielt, in der ein großzügiger junger Mann mit größeren Scheinen und goldenen Münzen nicht etwa Liebesdienste bezahlt, sondern erotische und menschliche Ausstrahlung belohnt. In diesen Genuss kommen Zimmermädchen ebenso wie manche Baroness.


Die Aneinanderreihung von Bettgeschichten würde über so viele Seiten langweilig sein, verfügte der Autor nicht über exquisite literarische Fähigkeiten, die allein die Herausgabe dieses unter der „gewöhnlichen Prüderie“ (Schuster) lange in Marbach unter Verschluss gehaltenen Werkes allein rechtfertigen. Borchardt schreibt einen eleganten Stil, als er – in aller Heimlichkeit vor seiner Umgebung – den Roman in den 1930er Jahren im zunächst freigewählten italienischen Exil niederschreibt. Seine jüdische Herkunft verschloss ihm ab 1933 den deutschen Buchmarkt. Auf der Flucht vor den judenjagenden deutschen Truppen kam er kurz vor Kriegsende am Rande der Alpen ums Leben. Borchardt erzählt von den immer wiederkehrenden erotischen Erlebnissen in immer neuen Worten. Die virtuose sprachliche Umsetzung beglaubigt mit literarischen Mitteln den ebenso virtuosen Umgang des Protagonisten mit seiner Potenz. 

 

Zur Sprache des gebildeten Autors gehört es auch, dass lange Passagen in Dialogen auf Englisch und Französisch geführt werden, dass auf der Tanzfläche die Konversation auch schon mal auf Lateinisch hin auf das Entscheidende lenkt und auch altgriechische Quellen früher erotischer Literatur werden im Original zitiert. Ein Anhang mit den Übersetzungen ist dazu notwendig, der Verlag hat zwei Lesebändchen spendiert, die das Hin- und Herblättern im Buch erleichtern. Der Text selbst ist in der Manuskriptform übernommen, nicht in zeitgerechter Form glattgeschliffen publiziert. Das bedeutet z.B., dass Borchardt heute Ehrenpräsident der „Gesellschaft zur Rettung des Dativ-e“ sein könnte. Der zeitlos aktuelle Inhalt und die schöne Sprache in ihrer früheren Gestalt bilden einen gelungenen Kontrast und trotzdem eine glückliche Einheit.


Harald Loch
 
Rudolf Borchardt: Weltpuff Berlin   Roman
Aus dem Nachlass herausgegeben und mit Nachbemerkungen von Gerhard Schuster
Edition Tenschert bei Rowohlt, Reinbek 2018                             1086 Seiten 35 Euro
Oder:


Rudolf Borchardt:  Sämtliche Werke 
Herausgegeben vom Rudolf Borchardt Archiv
Band XIV/1   Erzählungen 2   Weltpuff Berlin, Erzählerische Fragmente, Paulkes letzter Tag
Herausgegeben von Gerhard Schuster
Teil 1 (Text) und Teil 2 (Kommentar)   
Leinen im Schuber, 1187 Seiten   98 (ab 1.1.2019 128) Euro

 

 

Irmtraud Gutschke: Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt

Der Eine ist der französische Schriftsteller Lous Aragon (1897 – 1982). Er „schwört“ 1959, die Erzählung „Djamila“ des damals noch unbekannten kirgisischen Autors Tschingis Aitmatow sei „die schönste Liebesgeschichte der Welt“. Er hat die Geschichte aus dem Russischen übersetzt. Vielleicht hat er noch eigene Gründe für dieses ungewöhnliche Lob. Er ist mit der Russin Elsa Triolet, der Schwägerin von Wladimir Majakowski verheiratet und ist seit Jahren Kommunist, zu selten ein kritischer, aber immer ein treuer. 


Die Andere ist die wohl dienstälteste Literaturredakteurin in deutschen Zeitungen: Irmtraud Gutschke. 10 Jahre nach dem „Schwur“ von Aragon lernt sie in Jena, wo sie Anglistik und Slawistik studiert, „Djamila“ kennen und dort auch den Autor. 


Sie ist 1950 in Chemnitz geboren, war also erst 19 Jahre alt. Das Erlebnis Aitmatow lässt sie nicht mehr los. Sie schreibt ihre Diplomarbeit über ihn. 1971 wird sie Literturredakteuerin im Neuen Deutschland. Allen Veränderungen der Zeit zum Trotz betreut sie bis heute das Literatur-Feuilleton dieser Zeitung – eines der besten in Deutschland. 
Während dieser Zeit promoviert sie über Aitmatow, trifft ihn immer wieder – sei es in seinem, sei es in ihrem Land – und schreibt über ihn. Wenige Wochen nachdem Aitmatow kurz vor seinem 80. Geburtstag in Nürnberg stirbt, hält sie auf einem Symposion zu seinen Ehren in New York in der Library of Congress eine viel beachtete Rede. Und jetzt legt sie den bemerkenswerten Essay „Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt“ auf den Büchertisch.
Ihr Buch ist ein biographischer, ein literaturkritischer und – mit Verlaub – ein autobiographischer Essay. Die Biographie reicht von Aitmatows Kindheit, der 1928 in einem nordkirgisischen Dorf geboren wurde, bis zu der Zeit, als er Ideengeber von Gorbatschow wurde und in die schwierige Zeit danach. 


Als Kind verlor er den Vater als „Feind des Volkes“ durch stalinistischen Terror. Während des Krieges musste er noch als Junge Verantwortung übernehmen, weil er als einziger im Dorf lesen und schreiben konnte. Er begann ein Landwirtschaftsstudium, wechselte bald in das berühmte Literaturinstitut in Moskau und begann mit der 1958 erschienenen „Djamila“ seinen Aufstieg zum weltweit geachteten Schriftsteller. 
Gutschke schreibt über seine umgängliche, menschenfreundliche Art, seine Haltung zu Religionen, sein immer kompliziertes, leidenschaftliches Verhältnis zu Frauen. Sie kennt ihn und seine engere Heimat, sie kennt seine Familie und entwirft ein sehr persönliches Bild von ihm. 
Der literaturkritische Teil des Essays lebt von dem perfekten Wechselspiel zwischen eigener Darstellung und diese belegenden Zitate aus den wichtigsten Werken. Das ist so voller Empathie, dass die Essayistin zuweilen in den hohen Ton Aitmatows fällt, sich alles wie aus einer Feder liest. 
Im Mittelpunkt stehen - von der Autorin seinerzeit nicht immer bemerkte - kritische Parabeln über den Zustand der Sowjetunion, stehen Aitmatows fabelhafte Übertragungen menschlicher Haltungen in die Welt der Tiere, der Pferde, der Kamele, der Schneeleoparden. Immer geht es Aitmatow um die existenzielle Auseinandersetzung zwischen dem Bösen und dem Guten. In der Literatur verschwindet der so umgängliche Autor in einem harten Realismus des Entscheiden-Müssens, vielleicht des „Wer – wen“!


Biographie und Literaturkritik verweben sich mit einer erstaunlich offenen,  autobiographischen Selbstbeschreibung der Essayistin. Sie macht ihre eigene bemerkenswerte Entwicklung anhand der Lektüre von Aitmatows Werken und anhand der sich verändernden Welt nachvollziehbar. Viele der Ideale Aitmatows sind auch ihre, vielleicht ist ihr Realismus noch schonungsloser, weniger romantisch. Das Kernanliegen ist beiden geblieben: Es soll Frieden zwischen den Völkern herrschen und den Menschen soll es überall auf der Welt gut gehen. Ist das eigentlich zu viel verlangt?


Harald Loch


Irmtraud Gutschke: Das Versprechen der Kraniche. Reisen in Aitmatows Welt
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018   200 Seiten   22 s/w Fotos   16 Euro

 

Der Filmvorführer

Einer der beliebtesten Autoren und Wortführer der georgischen Delegation zur Frankfurter Buchmesse ist Aka Morchiladze. Sein jüngst auf Deutsch erschienener Roman „Der Filmvorführer“ handelt von diesem großen Thema. Der 1966 in Tbilissi geborene Autor wählt die Form einer Art Lebenslauf des Chauffeurs Beso für die Geschichte einer ungleichen Freundschaft des Jugendlichen, der im Verlauf der Geschichte zu einem jungen Mann heranwächst, zu einem 40 Jahre älteren Mann. Der Jüngere hat keinen Vater mehr, lebt in einer christlich orthodoxen und von der Sowjetunion geprägten Gesellschaft bei seiner Mutter. Der Ältere, Islam Hussein, ist Moslem, von den Sowjets vertrieben aus einer der asiatischen Republiken der während der Romanhandlung untergehenden UdSSR.

 

Er hatte nie eine Frau und ist der Filmvorführer in dem Club einer westgeorgischen Kleinstadt. Dort nennt man ihn den „Tartaren“ oder auch „Islam Sultanow“. Die täglichen Besuche Besos in der Vorführkabine werden unterbrochen, als er zum Militärdienst eingezogen und nach Afghanistan kommandiert wird. Für diesen Fall hatte ihm sein muslimischer Freund einen Text zum Auswendiglernen mitgegeben und einen Zettel. „Ich habe nicht gefragt, was darauf stand und weiß nicht, ob es in Persisch oder Arabisch geschrieben war“, schreibt Beso in seinem „Lebenslauf“. Aber das Gelernte und das Geschriebene retten ihm das Leben, als er als einziger einen Überfall auf seine Einheit überlebt, muslimischen Kämpfern, die ihn töten wollen, in die Hände fällt und er seinen Text aufsagt und seinen Zettel hinreicht.
Nach seiner glücklichen Rückkehr setzt die Zeit des Übergangs in der Sowjetunion ein. Georgien wird unabhängig, der Bürgerkrieg erreicht auch die Kleinstadt, in der Beso und Islam Sultanow ihre Freundschaft vertiefen. Beso verliebt sich in ein Mädchen aus „besseren Kreisen“ in der nächstgelegenen großen Stadt. Aber der Versuch, eine Ehe zwischen beiden in einer orientalischen Weise zu „arrangieren“ scheitert am Dünkel der Wohlhabenden. Der Filmvorführer entwickelt einen Plan zu einer „einverständlichen“ Entführung und ermöglicht so das Eheglück der beiden jungen Leute. Später knüpfen Verwandte aus der Heimat von Islam Sultanow neue Verbindungen zu ihm und er verlässt den kleinen Ort und damit Beso. Bevor er abreist, ermahnt er Beso noch, eine Fremdsprache zu lernen. Beso lernt Englisch und schreibt seinen „Lebenslauf“ in dieser für ihn fremden Sprache. Er beklagt manchmal, dass er sich in seiner Muttersprache besser ausdrücken könnte. Etwas schelmisch geht Morchiladze mit seinen Lesern um, die ihm dieses literarische Kabinettstück gern durchgehen lassen. Der abgereiste Filmvorführer lässt Beso nach seinem baldigen Tod einen Brief übergeben, in dem er ihn seinen Sohn und Bruder nennt und ihm sein Königreich Kirbal in Asien vermacht, aus dem er als Kind vertrieben wurde. 


Ein Märchen? Dazu enthält es zu viel zeitgeschichtlichen Realismus aus Georgien. Ein Novelle? Dazu bildet „Der Filmvorführer“ ein viel zu breites Panorama der Zeit und des ländlichen Georgiens ab und wirft viel zu tiefe, existenzielle Fragen auf. Der Autor hat in Wirklichkeit einen Kleinen Roman geschrieben, ein in der russischen Literatur entwickeltes und beliebtes Genre. In ihm geht es nicht nur um Freundschaft und die Spannung zwischen Tradition und Erneuerung im postsowjetischen Georgien, sondern auch um die dort herrschende multiethnische Großzügigkeit und um religiöse Toleranz und Nächstenliebe, die eben nicht nur christlich verstanden wird. Morchiladze erzählt in einfachen Worten die bewegende Geschichte von einem großen Freund und Retter  –  ein schöner Kleiner Roman.


Harald Loch


Aka Morchiladze : Der Filmvorführer   Roman
Aus dem Georgischen von Iunona Guruli
Weidle Verlag, Bonn 2018   132 Seiten  19 Euro

 

  Nana Ekvtimishvili: Das Birnenfeld

Georgische Autoren beginnen ihren Weg nicht wie hierzulande oder in Amerika an Literaturinstituten, sondern eher auf Filmhochschulen. Archil Kikodze („Der Südelefant“) ist ein Beispiel für diesen Ausbildungsweg und die 1978 in Tbilissi geborene Nana Ekvtimishvili hat ihren an der Filmhochschule Babelsberg begonnen. Seitdem lebt sie in Berlin und Tbilissi und hat mit Simon Groß zwei vielfach preisgekrönte Filme gedreht („Die langen hellen Tage“ und „Meine glückliche Familie“). Zwischen beiden Filmen erschien ihr jetzt von Julia Dengg und Ekaterine Teti sehr einfühlsam ins Deutsche übersetzter Roman „Das Birnenfeld“. Er spielt in einem Heim für geistig behinderte Kinder, die zum größten Teil nicht behindert, sondern verlassen, aufgegeben, im Stich gelassen sind. Das Heim ist notorisch unterfinanziert, die Lehrer dort sind überfordert und die Rektorin eher korrupt als korrekt.


In diesem Umfeld ist Lela, die achtzehnjährige Heldin des Romans, herangewachsen. Sie hat sich zu einer Stütze des Heims, zur Beschützerin der Kinder und Jugendlichen entwickelt, gibt ein starkes Beispiel für die Kraft und Ausstrahlung der rebellischen Mädchen Georgiens. Die Autorin stellt ihrem Publikum eine ganze Reihe von Kindern vor, erzählt liebevoll von ihren manchmal skurrilen Eigenheiten und Abenteuern und von ihrem Kummer. Irakli ist ein Junge, den Lela einmal wöchentlich zu einer in der Nachbarschaft wohnenden Familie begleitet, damit er mit seiner Mutter telefonieren kann. Sie verspricht jedes Mal, ihn besuchen zu kommen. Schließlich erfährt Irakli, dass sie nach Griechenland gegangen ist und wahrscheinlich nie mehr zu ihrem Sohn zurückkommt. Die Massenauswanderung aus Georgien wird so zu einem Hintergrundthema des Romans. Fast ein Viertel der Bevölkerung des Landes hat in den letzten den Weg nach Europa oder Amerika genommen. Auch Irakli steht eine Adoption durch eine amerikanische Familie bevor – er widersetzt sich in letzter Minute. Ein anderes Thema des Romans ist am besten mit „me too“ umschrieben. Lela hat seit ihrem Missbrauch durch den Geschichtslehrer des Heims die feste Absicht, ihn zu töten. Später gibt sie sich einem Autofahrer hin, der sie dafür bezahlt. Sie kann davon die Englisch-Stunden für Irakli bezahlen.


Hinter allem glüht und graut der georgische Alltag von Tbilissi. Die Erzählung streift die alten Hinterlassenschaften, die durchwachsene Gegenwart, die Hilflosigkeit einer Gesellschaft, mit gestrandeten Kindern und Jugendlichen umzugehen. Manchmal blinkt die natürliche Menschlichkeit einfacher Leute auf, manchmal auch ihre Grausamkeit. Hoffnung erweckt in allen ihren Handlungen und Ansichten Lela, die starke junge Frau mit Sinn für Gerechtigkeit jenseits aller vorgegebenen Normen. Die Autorin lässt die Jugendlichen ihr nicht komfortables Leben leben und ihre Sprache sprechen. Das gibt dem ganzen Roman vor allem für jüngere Leser ein hohes Maß an Authentizität. Diese literarische Qualität lernt man nicht an Literaturinstituten sondern beim genauen Beobachten und Hinhören. Nana Ekvtimishvili kann beides und sie formuliert das, was sie gesehen und gehört hat, für ihre Leser in junger Meisterschaft – ein sehr anspruchsvolles literarisches Debüt.


Harald Loch
 
Nana Ekvtimishvili: Das Birnenfeld
Aus dem Georgischen von Julia Dengg und Ekaterine Teti
Suhrkamp, Berlin 2018   221 Seiten      16,95 Euro

 

Blick zurück auf Amerika

 

Wer Amerika verstehen will, sollte einen Blick zurück werfen, etwa 150 Jahre. Der 1955 in Dublin geborene Sebastian Barry entwirft in seinem in Irland preisgekrönten Roman „Tage ohne Ende“ ein schonungsloses Bild der grausamen Vernichtung der Indianer Nordamerikas und des gegen alle Farbigen gerichteten Rassismus. Gewalt allenthalben: Viele schossen aus Habgier, aus Hass auf den Anderen, aus einer Laune. 
Der Ich-Erzähler McNulty, ein Junge aus Irland, vor der Hungersnot von dort nach Amerika geflohen, bevor er seine Eltern und seine Schwester im furchtbaren Elend sterben sah, trifft irgendwo auf dem Neuen Kontinent beim Schlafen in einer Buschhecke den gleichaltrigen John Cole. Beide werden Freunde fürs Leben. Sie schlagen sich durch, treten, jung wie sie sind, als Frauen verkleidet in einer Show für Bergarbeiter auf, verdingen sich als Soldaten und nehmen an Feldzügen gegen Indianerstämme teil, sehen Mord und Totschlag und entgehen oft selbst nur knapp einem für ihr Alter zu frühen Ende. Sie haben sich bei allem ihr Herz erhalten, folgen nicht den niedrigsten Eingebungen, nehmen Rücksicht, mögen einander. Immer wieder geht es gegen Indianer. Die weißen Amerikaner brechen wiederholt Friedensvereinbarungen mit den Sioux. Ein ganzer Stamm wird fast vernichtet, eine Tochter des Häuptlings überlebt und wird gefangengenommen. Als der nach einer Verhandlung im Fort der Truppen erscheint und mit seiner Tochter fortreitet, dreht ein Soldat durch und schießt auf den Häuptling, trifft aber dessen Tochter Winona tödlich. Bei einem späteren Gemetzel fällt den Soldaten deren Cousine in die Hände. McNulty und John Cole nehmen die vielleicht Elfjährige in ihre Obhut und nennen sie nach der erschossenen Winona. Sie verlassen die Armee und beginnen zu dritt ein ziviles Leben auf einer Tabakfarm in Tennessee.

 
Der Roman wechselt die allgegenwärtige Gewalt mit poetischen Landschaftsbildern, er erzählt von einer wunderbaren Freundschaft zwischen McNulty und John Cole, von deren Verantwortung für ihre Winona - für John Cole ist sie eine Tochter. Im beginnenden Bürgerkrieg stehen die beiden Männer voller Überzeugung auf Seiten des Nordens, der für die gleichen Rechte aller und gegen die Sklavenhalter der abtrünnigen Südstaaten zu Felde zieht. Winona bleibt auf der Farm und die beiden reaktivierten Soldaten überleben blutige Schlachten, geraten in Gefangenschaft und kehren am Ende des Bürgerkriegs halbverhungert auf die Farm und zu Winona zurück. Sie haben weitere Herausforderungen zu überstehen, immer stehen der Schutz und die Obhut für Winona im Vordergrund. In den Wirren des Bürgerkriegs traut ein Geistlicher John Cole und McNulty, der fortan in Frauenkleidern lebt und sich als Madam anreden lässt. In Zeiten von Anarchie ist manches möglich, kann die Freiheit wirklich grenzenlos sein.


Sebastian Barry erzählt das alles als modernen Western aus vergangener Zeit. Hans-Christian Oeser hat das Buch fabelhaft übersetzt und den Ton des Icherzählers wunderbar getroffen. Die Protagonisten sind einfache Menschen voller Kraft zum Überleben in todbringenden Zeiten, voller menschlicher Empfindungen für alle Hautfarben, voller Liebe füreinander. So sprechen sie auch. Der Rassismus des Südens ist längst nicht vorbei, der Kampf und gleiche Rechte geht immer weiter, die Schuld der weißen Mehrheit wächst. Alle Gewalt und alles Töten bringen aber den natürlichen Humanismus der drei nicht um. Und manchmal sagen sie wunderbare Sätze: „Unterdessen sagt John Cole, er liebt mich mehr, als je ein Mann geliebt hat, seit Menschenaffen umhergestreift sind. Im Grand Rapids Courier ist davon die Rede, dass der Mensch früher mal ein Affe war, was ihn, sagt John Cole, nicht überrascht, wenn man bedenkt.“ Stimmt! Wenn man bedenkt…


Harald Loch


Sebastian Barry: Tage ohne Ende    Roman
Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Steidl, Göttingen 2018   263 Seiten   22 Euro

 

Gogol statt GOOGLE

François-Henri Désérable: Ein gewisser Monsieur Piekielny
Was für ein großartiges Gemenge! Ein junger französischer Autor schreibt von sich selbst. Das ist erforderlich, um zu seinem Lieblingsautor, dem ebenso französischen aber russische verwurzelten Doppel-Goncourt-Preisträger Romain Gary überzuleiten. Dessen „Frühes Versprechen“ rettet dem jungen Autor namens François-Henri Désérable das Abitur – er hatte das Buch zwanzig Mal gelesen, die übrigen auf der Liste der Prüfer kein einziges Mal. Das frühe Versprechen hatte der junge Romain Gary, der damals noch als Roman Kacew um 1920 in Wilna einem Nachbarn, Monsieur Piekielny, gegeben. Es lautete: er sollte ihn in Zukunft bei allen Gelegenheiten, vor allem gegenüber hochgestellten Persönlichkeiten erwähnen, dass er, Piekielny, in der Großen Pohulanska Nr. 16 in Wilna gelebt hat.


„Im Mai 2014 geriet ich durch allerlei Zufälle in die Jono-Basanavičiaus-Straße im litauischen Vilnius“, beginnt Désérable seinen Roman. Er ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Eishockeyspieler. Auf Umwegen ist er nach Vilnius gelang, als er zur WM nach Minsk wollte. Durch allerlei Zufälle fand er sich vor einem Haus wieder, an dem sich folgende Plakette befand: „Der französische Schriftsteller und Diplomat Romain Gary lebte von 1917 bis 1923 in diesem Haus, das er in seinem Roman Frühes Versprechen erwähnt.“ Die Straße war inzischen umbenannt worden. Früher hieß sie „Große Pohulanska“. Das ist der Urknall für eine intensive Nachforschung  nach diesem Monsieur Piekielny und zu dem Roman, der – wie gesagt - ein Gemenge wird. 


Désérable sucht im Internet und in Archiven nach Einwohnerlisten, er befragt den Senior des Hauses Gallimar, der der Verlag Garys war und auch sein eigener ist, er zweifelt, ob dieser Piekielny überhaupt gelebt hat. Aber er widmet diesem Wilnaer Juden schließlich eine fiktive Biographie mit einem erschütternden Ausblick auf sein Ende, das er mit Zehntausenden anderen litauischen Juden teilt. Nicht, dass sich nichtjüdische Litauer nicht daran beteiligt hätten! Das ganze Verbrechen von Einsatzgruppen und Wehrmacht wächst dem Leser – nicht unvermittelt – in einem Roman zu, der an anderen Stellen unterhaltsam, ironisch, voller poetischer Kraft zu genießen ist. Das Massaker an den Wilnaer Juden verschattet nicht die schönen Seiten des Romans, aber es gehört dazu, wie es zu der deutschen und der europäischen Geschichte gehört.


Die immer wieder eingschobenen Passagen über Romain Gary entlarven ihn als genialen Lügner, feiern den großen, vielfach verwundeten Kämpfer fûr die Befreiung und die Ehre Frankreichs an der Seite von Charles de Gaulle, begleiten ihn zu glamourösen Empfängen bei Queen Elizabeth oder John F. Kennedy, zeichnen ihn als Diplomaten Frankreichs und erzählen von dem zu seinen Lebzeiten nie aufgedeckten Coup, dass er unter seinem bekannten und einem anderen Pseudonym zweimal den Prix Goncourt gewonnen hat, obwohl dessen Statuten vorschreiben, dass er an einen Autor nur einmal vergeben werden darf. Das ist amüsant erzählt, leicht geschrieben und schön zu lesen - auch auf Deutsch, dank der hervorragenden Übersetzung von Sabine Herting.


Aber zurück zu Piekielny: Eigentlich hatte Désérable die Suche nach ihm schon aufgegeben. Eines Tages sieht er eine „großartig inszenierte“ Aufführung von Gogols Revisor. Er weiß, dass Romain Gary Gogol ebenso schätzte wie er selbst. Und er hört im 4. Aufzug, Szene 7, wie der einfache Mann Bobtschinskij den falschen Revisor Chlestakow bittet: „Und wenn Sie zufallig dem Zaren begegnen, dann sagen Sie auch dem Zaren: Euer Majestät, dort in jener Stadt lebt Pjotr Iwanowitsch Bobtschinskij“.  Nun war alles klar. Marion, die Freundin des Autors löst das Rätsel nach der Aufführung: “Daher kommt er also, dein Piekielny. Als du deine Nachforschungen begonnen hast, dachtest du, du fändest ihn bei Google: Dabei war er bei Gogol!“


Gogol statt Google! Aber Désérable schlägt noch ein Volte: Bei einem erneuten Besuch in Vilnius trifft er eine alte Frau im Hause von Garys Kindheit, in dem auch Piekielny gewohnt haben soll, und fragt nach ihm. Ja Gary habe sie gelesen und „Piekielny – na klar!“ Sie erinnert sich: „Piekielny war sein Spitzname“, den er auch für sich angenommen hatte, sein wirkliche Name war...


Harald Loch


François-Henri Désérable: Ein gewisser Monsieur Piekielny
Aus dem Französischen von Sabine Herting
C.H.Beck, München 2018   256 Seiten   22 Euro

 

Julio Cortázar: Die Katzen / Los Gatos

Die frühe Erzählung „Die Katzen“ des argentinischen Autors Julio Cortázar ist erst nach seinem Tode in einem unübersichtlichen Konvolut von Papieren, den „Papeles“, gefunden worden. Hieraus haben die Übersetzer „Los Gatos“ ausgewählt, ein literarisches Kleinod. Die herausgebende Kunststiftung NRW und der Lilienfeld Verlag bieten das Authentische des spanischen Originals und die experimentelle „Tandem-Übersetzung“ in einer schönen zweisprachigen, synoptisch angeordneten Ausgabe den literarischen Schatzsuchern zur Entdeckung an. Worum geht es in dem schmalen Band?


Die Erzählung spielt in Buenos Aires in den 1940er Jahren. In Europa und im Pazifik wütet der Zweite Weltkrieg. Marta und Carlos Maria – Cousin und Cousine – wachsen wie Geschwister in der Familie Hilaire auf. Aus übermütigen Kinderspielen werden Annäherungen anspruchsvollerer Art. Ihr Spiel endet meist in einem Fauchen, wie es Carlos Maria von Katzen auf dem Dachboden hört. Aber er ahnt bald, dass sie dort nicht kämpfen, sondern etwas Geheimnisvolles treiben. Andeutungen von erwachender Liebe wechseln mit längeren Trennungen. Zwei Ereignisse bestimmen den Fortgang der Geschichte: Ein junger Kunststudent wirbt nicht ohne Erwiderung um die Gunst von Marta und Carlos Maria findet einen nur noch teilweise lesbaren Brief seines Vaters. Aus der Cousine wird plötzlich die Schwester – oder doch nicht? Zwischen notwendigem und eingebildetem Tabu schwankt Carlos Maria. In einem Aufwallen von Kühnheit geht er der begehrenden Marta nicht weit genug, erliegt dem Tabu und flieht aus der Familie.


Cortázar (1914 – 1984) erzählt in dieser 1948 entstandenen Novelle nicht nur von den Irritationen des Heranwachsens, er schreibt nicht nur eine bezaubernd angedeutete Liebesgeschichte, er verwandelt die auch ihm persönlich vertraute, verbotene Liebe zu einer Schwester in eine literarische Kostbarkeit, die nachzuvollziehen im spanischen Original ein Gewinn sein kann. Die deutsche Erstübertragung – entstanden im Rahmen der Straelener Übersetzerwerkstatt – ist das Ergebnis eines von Kunststiftung NRW angestoßenen Experiments. Der erfahrene Übersetzer für spanische, katalanische und portugiesische Literatur (Frank Henseleit, Jahrgang 1964) und die 25 Jahre jüngere Romanistin Henriette Terpe erarbeiten gemeinsam eine literarisch kongeniale Übertragung des feinen, durch seine sprachlichen Andeutungen anspruchsvollen spanischen Originals. Zweisprachige Ausgaben gibt es sonst fast nur für Lyrik oder für den Kanon von Klassikern. Dieses Fundstück aus dem ungeordneten Nachlass von Cortázar zweisprachig herauszugeben, ist eine wertvolle Pioniertat der Stiftung und des Verlages – danke!


Harald Loch


Julio Cortázar: Die Katzen / Los Gatos
Zweisprachige Ausgabe
Aus dem Spanischen und mit einem Nachwort von Henriette Terpe und Frank Henseleit
Herausgegeben von der Kunststiftung NRW
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2018   128 Seiten   18 Euro
 

 

Thomas Der Schwindler - Von Jean Cocteau

Der Weltkriegsroman des wohl letzten Dandys, eines der Archetypen des fin de siècle, eines eleganten und voller Esprit lebenden und schreibenden konservativen Avantgardisten setzt einen Kontrapunkt. Jean Cocteau hat mit seinem „Thomas der Schwindler“ die literarische Alternative zum Bellizismus der „Stahlgewitter“ von Ernst Jünger oder auch zum Pazifismus von „Im Westen nichts Neues“ von Remarque geschrieben.

 

Er verwandelt tatsächliche Ereignisse und ihm begegnende Menschen in einen tragikomischen Hochstaplerroman. Auf dem Grabkreuz auf dem Marinefriedhof von Nieuport an der äußersten Nordflanke des Stellungskrieges im Ersten Weltkrieg steht: „G.T. de Fontenoy“. Als Sechzehnjähriger gibt er sich als Neffe des berühmten Generals gleichen Namens aus, mit dem er aber nicht verwandt, nur in dem Ort Fontenoy bei Auxerre geboren ist. Dieser Schwindler gerät an die jung verwitwete, steinreiche Princesse de Bormes aus polnischer Familie, die mit ihrer heranwachsenden Tochter Henriette in einem Pariser Stadtpalais wohnt. Wie Iris Radisch in ihrem lesenswerten Nachwort enthüllt, gab es ein wirkliches Vorbild für diese Princesse im Leben Cocteaus und auch die Geschichte des Schwindlers hat einen realen Hintergrund.


Auf dieser vielversprechenden Grundlage baut sich der „unverschämte“ (Iris Radisch) Roman auf. Der Weltkriegs-Patriotismus der Princesse und ihrer aristokratischen Umgebung gipfelt in einer Exkursion an die Front, wo die Marneschlacht tobt. Die Regierung hatte Paris aus Furcht vor einem Durchbruch der Deutschen nach Bordeaux verlassen, aber einige sind in der von Ferne beschossenen Hauptstadt geblieben. Cocteau blamiert alle strategischen Interpreten des Stopps der Deutschen vor Paris mit den Worten: „Die Schlitzohren setzen sich immer gegen die Musterschüler durch, wenn nur irgendein Umstand letztere daran hindert ihrem vorgefassten Plan blind zu folgen.“ Gemeint ist der „Schlieffen-Plan“ des deutschen Generalstabs.


Der Frontausflug wäre ohne Thomas den Schwindler gescheitert. Der wirkt wie ein passe-partout, wenn er seinen Namen nennt und damit alle Kontrollen des Konvois passierbar macht. Auch dieser aristokratische Ausflug hat tatsächlich stattgefunden, Cocteau hat an ihm mit seinem Mercedes teilgenommen. Es ging darum, Verwundeten Obst und Kekse zu bringen und auch Likör. Die Wohltäter wollten einige der Verletzten nach Paris in ein leerstehendes Krankenhaus zur besseren Pflege mitnehmen. Ein fürwahr frivoles Abenteuer, wie Iris Radisch kommentiert. Cocteau hatte sich bei seinem eigenen Ausflug eine Sanitäter-Uniform bei einem Schneider maßanfertigen lassen. Im Roman amüsieren sich die Pariser „Wohltäter“ dann bei weiteren Frontausflügen ganz köstlich kurz hinter den Schützengräben - die Toten zählen schon in die Millionen.


Im Schatten dieses Abenteuer- und Schwindlerromans entwickelt sich eine Romanze zwischen der inzwischen sechzehnjährigen Henriette und Thomas, der immer mehr in sein anderes Ich hineinwächst. Es wird ihm zur zweiten Natur. Aber er braucht Abstand von Henriette und ihrer charmanten, die Umgebung mal bezaubernden, mal zur Verzweiflung bringenden Mutter. Er lässt sich zu einer privat gesponserten Feldküche an die belgische Front versetzen. Kurz nachdem ihn dort die Princesse und ihr Tochter im Rahmen einer Front-Theatergruppe besucht haben, stirbt er, von einer deutschen Kugel getroffen.


Cocteau gelingt mit diesem Roman ein überraschender Wurf, mit dem er die Absurdität des Krieges auf ganz persönliche Weise vorführt, ohne seine eigene Welt zu verraten. Die steht anachronistisch zum Morden an der Front. Seine elegante Welt der Vorkriegszeit, eben „die Welt von gestern“ gerät in Kollision zu der von heute und morgen – ein Abschied mit Aplomb. Der Roman strotzt vor Ironie und Witz, erzählt elegant und augenzwinkernd, von Claudia Kalscheuer ganz in Cocteaus Geist fabelhaft neu übersetzt - eine Manesse-Kostbarkeit dieses Frühlings.


Harald Loch
 
Jean Cocteau: „Thomas der Schwindler“    Roman
Neu aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kalscheuer
Mit einem Nachwort von Iris Radisch
Manesse, Zürich 2018   188 Seiten   20 Euro

 

Vergangenheitsbewältigung: Josef Winkler

Wittgenstein sagt „wovon man nicht sprechen kann, muss man schweigen“. Andererseits gilt: „wovon zu lange geschwiegen wurde, darüber muss man reden!“ Oder eben schreiben, wie es der Kärntner Büchner-Preis Träger Josef Winkler seit Jahrzehnten tut.

 

Erst vor kurzem hat er erfahren, dass in seinem Heimatdorf Kamering der Leiter der „Aktion Reinhardt“, sein Kärntner Landsmann Odilo Globocnik nach seinem Selbstmord auf einem Feld verscharrt wurde, das Winklers Vater und schon sein Großvater mit Getreide bestellt hatten. „Aktion Reinhardt“ war der Tarnname der Nazis für die systematische Ermordung der Juden und Roma in den fünf Distrikten Warschau, Lublin, Radom, Krakau und Galizien des „Generalgouvernements“. Die Ermordung von über 2.000.000 Opfern ist mit den Namen der Vernichtungslager Treblinka, Belzec und Sobibor verbunden. Der 1945 zunächst in Italien untergetauchte Odilo Globocnik hatte sich gerühmt: „Zwei Millionen ham’ma erledigt.“

 

Er war nach Kriegsende unter falschem Namen nach Kärnten gelangt, dort von der britischen Besatzungsmacht enttarnt und – nachdem er sich mit einer Zyankalikapsel der Verantwortung feige entzogen hatte – auf dem „Sautratten“ genannten Feld in Kamering verscharrt worden.
Winkler klagt seinen Vater an, dass er ihm das nie erzählt hatte. Er findet böse, einem Sohn eigentlich nicht gebührende Worte gegen seinen Vater, gegen seine Familie, gegen das ganze Dorf. Dort ist er vielleicht der bestgehasste Mensch, weil er schon in vielen Büchern gegen das Verschweigen geschrieben hat.

 

Diesmal holt er nach längerer Schreibpause noch einmal gewaltig aus, schreibt fast atemlos gegen die Ignoranz in der Familie, gegen das Verschweigen der Verstrickung in das Naziregime, gegen die nach wie vor herrschende radikale rassistische allgemeine Meinung im Dorf: „Du musst doch gewusst haben, gib’s zu mein Tate, dass im Kärntner Drautal, in dem wir aufgewachsen sind, auf den Sautratten, einem Gemeinschaftsfeld von mehreren Bauern, der aus Klagenfurt stammende Judenmassenmörder Odilo Globocnik verscharrt worden ist.“

 

Winkler hämmert die Worte „Judenmassenmörder“ oder dessen Worte „zwei Millionen  ham’ma erledigt“ wie ein Leitmotiv durch seine Klage- und Anklageschrift, in der er auch seine Onkel nicht verschont, die nach dem Krieg aus allen Fotos herausgekratzten Hakenkreuze und die brutal-autoritären Prügel nicht vergisst, die ihm und allen Kindern damals statt Erziehung verabreicht wurden, die bigotte Frömmigkeit aller möglichen Hochwürden würdigt und der drei im Krieg gefallenen Brüder seiner Mutter angemessen gedenkt. Vor allem Kindheitstraumata geben dem Roman den Charakter einer auf der Couch sich selbst abgerungenen Erinnerungsarbeit.

 

Sie ist aber – und das unterscheidet Winklers Roman wohltuend von vielen selbstbezüglichen Werken anderer Autoren – diese Erinnerungsarbeit ist aber nicht nur für Winkler selbst sondern für alle Leser nötig und wichtig; denn: Wovon man Jahrzehntelang geschwiegen hat, muss man endlich reden! Winkler schreibt in seinem wortmächtigen, temperamentvollen Stil, in dem sein Heimatdialekt die Erde förmlich dampfen lässt, die er durch das verschwiegene Verscharren des Judenmassemörders auf eine ganz weltliche Weise entweiht sieht – ein gegenwärtiger, leider hochaktueller Blick auf eine Vergangenheit, die nicht vergeht.


Harald Loch
 
Josef Winkler: „Laß dich heimgeigen, Vater, oder Den Tod ins Herz mir schreibe    Roman
Suhrkamp, Berlin 2008   200 Seiten   22 Euro

 

Wie hoch die Wasser steigen

 

Die Arbeitswelt auf einer Ölplattform hat Wenzel Groszak gründlich geprägt. Im Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ der 1983 in Hamburg geborenen Anja Kampmann heißt er Waclaw. Seine Familie stammte aus Polen, sein Vater hatte sein Leben unter Tage im Ruhrgebiet verbracht und seine Gesundheit verbraucht, der Steinkohle wegen. Waclaw wollte jeder Enge entgehen, zog in die Weite und holte wie sein Vater Energie aus der Tiefe – er über dem Meeresspiegel auf gefährlichen Bohrinseln. Dort, vor der westafrikanischen Küste, verliert er seinen besten Freund, den aus Ungarn stammenden Mátyás im Sturm. Waclaw soll sich an Land von dem Schock erholen und reist in nicht enden wollender Trauer zu Orten gemeinsamen Erlebens, zu den Hinterbliebenen des Freundes in der ungarischen Steppe, zu einem alten Freund seines Vaters in die Nähe von Genua, weiter nach Westfalen, wo er großgeworden ist. Dort soll er eine Brieftaube fliegen lassen, die ihm der Freund seines Vaters in Italien anvertraut hat. Er zieht weiter bis nach Polen, wo er seine frühere große Liebe Milena nicht mehr sprechen kann – sie liegt nach einem Unfall im Koma und wird künstlich beatmet. Zurück auf die See und zum Öl geht Waclaw nicht mehr.

 

Anja Kampmann erzählt in ihrem ersten, schon so gelungenen Roman von diesen Fahrten, weg von der Erinnerung an den toten Freund immer hin zu neuen Erinnerungen an ihn. Die Trauer begleitet Waclaw. Fragen nach dem Sinn stellen sich ihm nicht, wahrscheinlich ist die Frage schon sinnlos. Die unmenschliche Arbeit in der bohrenden Einsamkeit auf den Plattformen, von denen er einige hat sinken, andere hat brennen sehen, verbietet ihm, die eigene Existenz nach Sinn zu befragen. Die Autorin verknüpft die traurige Gegenwart mit einer an Mátyás erinnernden Vergangenheit zu einer Gleichzeitigkeit, in der ein ganzes Leben aufgehoben ist. Anja Kampmann dringt so tief in Wesen und Schicksal ihres eigenen Geschöpfes Wenzel/Waclaw ein, dass sie sich darin zu verlieren droht. Davor schützt sie ihre seit einem guten Jahrzehnt gewachsene literarische Professionalität, mit der sie das Eigenleben ihres Protagonisten zugleich erfindet und frei lässt, aber auch wieder einfängt.

Die Autorin hat bisher vor allem Gedichte geschrieben. Sie verknüpft ihre Lyrik mit Musik. Auch ihr Roman atmet bei allem, manchmal auch schonungslosen Realismus einen Grundton von Poesie. Anja Kampmann verfügt über einen schönen Vorrat an Metaphern, die meisten unerhört, manche von ihnen enden überraschend im Abstrakten. Waclaw nimmt auf seiner Fahrt mit einem Pickup von Ligurien nach Norden nicht nur die Brieftaube mit sondern liest auch ein älteres Bauernpaar auf. Sie können sich kaum verständigen und er weiß nicht, wohin sie wollen. Er kauft eine Landkarte: „Niemand von ihnen versuchte, die Karte zu lesen, oder schlug sie auch nur auf, als gäbe es einen anderen Zusammenhang weit unter der Eile.“ So enden manche Aussagen mit einem Wort, das den Leser beschäftigen mag. Am besten, er lässt es so stehen. Er wird sich oft über solche Details freuen können und das Ganze als einen kostbaren, auch preisverdächtigen Roman lesen.

 

Harald Loch

 

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen      Roman

Hanser, München 2018    352 Seiten   23 Euro

 

Ein Kosmos aus vielen Romanen

Aka Mortschiladse: Santa Esperanza

 

Suchen Sie nicht nach einem Reisführer über die Insel Santa Esperanza oder über die Johannesinseln im Schwarzen Meer. Sie gehören nicht wirklich zu Georgien, waren keineswegs ein britisches Dominion und sind früher auch nicht von Genua aus kultiviert worden – es gibt sie einfach nicht. Das kann man bedauern. Aber gegen die aufkommende Traurigkeit gibt es ein Heilmittel: Der georgische Kultautor Aka Mortschiladse hat „Santa Esperanza“ erfunden und seinen „Kosmos aus vielen Romanen“ – so nennt er sein erfundenes Genre – auch nach dieser Insel genannt. Auf 760 Seiten erzählt er munter vom Leben und Treiben auf seiner erfundenen Insel, die er laut einem 30 Seiten langen „Inhaltsverzeichnis des Herumtreibens der Spielkarten und tausenderlei anderer Dinge …“ zweimal bereist hat. Hier beschreibt er auch den Aufbau dieses monumentalen Erzählwerks in vier mal neun größere und jeweils mit 4 und 9 multiplizierbare kleinere und größere Geschichten. Diese Gliederung folgt einem auf Esperanza gepflegten Kartenspiel mit 36 Karten. Aber diese fabulierte Einleitung ist bereits Teil des gesponnenen Romans.

 

Die erfundene Welt „Esperanza“ ist eben total real – so real wie keine Wirklichkeit sondern nur Literatur sein kann.

 

Wer sich auf diese von Natia Mekladse-Bachsoliani übersetzte Expedition einlässt – und das werden angesichts des Ehrengastes Georgien auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse einige tun – kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Autor beschreibt die Insel naturalistisch, gibt einen kommentierten Hotel- und Restaurantführer heraus, führt sein Publikum durch die Gassen der Altstadt des Hauptortes und stellt ihm einen ansehnlichen Teil der Inselbevölkerung vor. Einige gehören den alten Familien an, die sich als „Gründer“ verstehen – aber nicht etwa untereinander.

 

Alle haben ihre Leichen im Keller, intrigieren gegeneinander, leben in einem inneren Kriegszustand gegeneinander, verkehren aber auch voller Humor und Schelmerei miteinander. Überschriften laden zu kleineren Abenteuern ein: „I love you baby – vom Klagelied zerrissene Herzen“ lautet eine und beginnt – ganz Esperanza: „Das Klagelied ist das Sonderbarste und Überraschendste, was man auf Santa Esperanza vorfindet. Es wird nur in neun Clubs in Santa City gesungen und keinesfalls öffentlich. Fast an jeder Ecke gibt es Kassetten…“ Dann erfindet der Autor eine Geschichte um das Klagelied, um zu schließen: „So nahm man an, dass es gewesen sei. Es kann aber auch anders gewesen sein, selten, aber möglich.“ Das gilt für alles, was in diesem Kosmos zu entdecken ist. Das Schöne ist: man muss es nicht von vorne bis hinten lesen, obwohl auch das lohnt, sondern man kann mit einem Stilett hineinstechen und die Kurzgeschichte lesen, auf die man gerade trifft. Es sind alles Volltreffer, die danebengehen, neben die nüchterne Realität.

 

Hinreißend „Monica Uso di Mare und zwei Männer“! Der Leser lernt die Fahrerin eines von „nur drei linksgesteuerten Autos auf der Insel“ kennen, eines VW Käfers. Die Besitzerin stammte aus einer der berühmtesten Familien der Insel und war ein sehr kompliziertes Mädchen: „Monica Uso di Mare war fünfundzwanzig Jahre alt, Klatsch-Reporterin ohne feste Anstellung, mit Neigung zur politischen Reportage. Sie hatte einen eher flachen Busen und ging bauchfrei. Durch den Nabel trug sie einen Ring mit Korallenperlen. Sie wusste vieles, aber nichts von Anfang bis Ende.“ Musste sie auch nicht, muss der Leser auch nicht, wenn er die vielen einzelnen Ausgeburten der überbordenden Fantasie Mortschiladses liest – in welcher Reihenfolge auch immer.

 

Bei einem 760 Seitenstarken Wälzer sind normalerweise ein paar Urlaubstage einzuplanen. „Santa Esperanza“ ist selbst wie Urlaub im Schwarzen Meer oder im Literaturland Georgien. Man kann diesen Kosmos tagtäglich in kleinen Portionen genießen. Die Anreise zu ihm erfolgt über die Buchhandlung und die Erholung setzt beim ersten Stich mit dem Stilett in den Buchblock ein, der im Übrigen durch Fadenheftung stabil zusammengehalten wird.

 

Harald Loch

 

Aka Mortschiladse: Santa Esperanza. Ein Kosmos aus vielen Romanen

Aus dem Georgischen von Natia Mikeladse-Bachsoliani

Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018   760 Seiten   36 Euro

Peter Handke: Die Obstdiebin

 

Schon wieder Frankreich? Oder gar Österreich? Gemach! „Wolfram von Eschenbachs Geschichten, die ebenso wie die hier, allesamt in Frankreich spielen, doch Vers um Vers und Reim auf Reim deutsch geschrieben sind, warten zwischendrin nicht selten an den passenden Stellen mit französischen Worteinsprengseln auf. Dem Deutschschreibenden in der französischen Niemandsbucht, la baie de personne … kommt so ein Wolframwort in den Sinn / ein Wort wie bei ihm sonst nie, / dieses Wort ist: fleuri, / und wieder: Unübersetzbarkeit.“ Peter Handke, der seit Jahrzehnten bei Paris lebt, beruft sich auf Wolfram von Eschenbach, er streut – oft unübersetzbare – Vokabeln seines Gastlandes in den langsam fließenden deutschen Text seines neuen Romans „Die Obstdiebin“. Er wandert mit ihr drei Tage lang in die Picardie, ins Vexin, eine Hochebene aus Kalkstein, die ihn an den Karst im italienisch-jugoslawischen Grenzgebiet erinnert, das der in Kärnten geborene Autor zu seiner weiträumigen Heimat zählt. Die Obstdiebin tritt erst nach und nach auf. Zunächst ist es Peter Handke selbst in seiner Eigenschaft als Erzähler ihrer Geschichte, der sich aus dem Pariser Vorort in sein Sommeranwesen in der Picardie aufmacht. Wie durch Überblendungen ins Rampenlicht getreten, spielt die blutjunge Obstdiebin, der ihr Schöpfer den Namen Alexia gibt, den Ich-Erzähler aus dem Anfang an die Wand, wird zur titelgebenden Protagonistin. Und zu was für einer!

 

Die junge Frau ist nach kurzer Bahnfahrt zu Fuß unterwegs, mit reichlich Gepäck. Sie durchmisst eine vor 40 Jahren entstandene „Neue Stadt“ im Gürtel um Paris, jenseits der Banlieue, künstlich und nicht gewachsen. In ihr hatte sie nicht einmal ein Semester BWL an einer Eliteschule studiert. Dann war sie unterwegs, zuletzt in Sibirien am Jenissei. Aus dieser „Neuen Stadt“ gelangt sie in offenes Gelände. Peter Handke nutzt diesen Übertritt ins Freie zu leisen, poetischen Hymnen an die Natur, die Welt der Vögel und der Pflanzen. Obstbäume stehen im Weg, um die Mission Alexias zu erfüllen: nur die hochoben, nicht ohne Mühe zu pflückenden Früchte sind das Ziel ihres unschuldigen Mundraubs. Das kann sie, unauffällig und unbestraft perfekt. Wenn sie, was ihr einmal widerfährt, von Schuldgefühlen wie gelähmt ist, dann nicht wegen der Obstdiebstähle. Urschuld der Menschheit?

 

Sie begegnet anderen Menschen. Einmal wird sie, es ist schon anbrechende Nacht, von einer Familie in ein Haus gebeten, die gerade Totenwache hält und bleibt dort bis zum nächsten Morgen. Am nächsten Tag schließt sich ihr ein junger Pizzalieferer an. Zwischen beiden wächst eine zarte, bezaubernde Liebesgeschichte, die in einem Hotel endet. Der alte Besitzer hat das Haus schließen müssen, es soll demnächst abgerissen werden. Er bewirtet beide und im Laufe des Abends rettet Alexia ihren jungen Begleiter davor, sich etwas anzutun. Sie tanzt zu Musik aus der Jukebox mit dem Alten und dem Jungen. Dann verschwinden alle in ihren je eigenen Zimmern. Alexia macht sich bewusst, dass sie keine religiöse Liebe zu Gott sucht sondern schon zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Aber das hat noch Zeit – wie alles in ihrem Leben. Sie kennt keine Eile, legt weite Strecken zurück, ermüdet trotz ihres Gepäcks nicht.

 

Die Landschaft verpflichtet nicht nur zur Naturbetrachtung. Im Zweiten Weltkrieg fanden hier nach der Landung der Alliierten im Jahre 1944 heftige Kämpfe statt. Manchmal findet die Obstdiebin – der Roman spielt im Jahr 2016 – noch Aluminiumbecher aus dieser Zeit. Peter Handke nutzt die herzhafte Geschichte von der Obstdiebin immer wieder für aphoristische Einschübe zu Krieg und Frieden, zu Gesellschaft und ihren Verkommenheiten. Diese Aperçus aus dem Munde der Obstdiebin oder auch aus dem Off des Erzählers reißen den Leser nicht aus seinen Träumen, zu denen dieser Dreitages-Marsch in die Picardie ja einlädt. Diese Einfälle geben dem einfachen Leben auf der Tour eine Würde des Ernstes, die aus dem Roman großartige Literatur macht.

 

Am Ende der Wanderung trifft Alexia ihren Vater, von dem sie sich erst vor drei Tagen in Paris verabschiedet hat, ihren Bruder, den sie zuletzt vor dessen Stimmbruch gesehen hatte und ihre Mutter – seit einem Jahr ohne Kontakt zu ihr. Auf einem von der Mutter organisierten Fest bricht es seitenlang aus ihren Vater heraus: „Hoffnungslosigkeit, du unsere Stärke, unsere Waffe, unsere Wappnung. (Zwischenruf: ‚Unser Kapital‘)“ Oder: „Bedürfnis nach Balkan“. Weiter: „Rußland? Heute ist Rußland, heute sind Puschkin, Tolstoi, Turgenjew und Tschechow hier bei uns im Vexin, in der urfranzösischen Picardie, wenn es auch nicht mehr Zeit für Geschichten ist, wie sie die in Rußland und im neunzehnten Jahrhundert erzählt haben, wohl aber immer noch für ihren Ton.“ Wie für den Handke-Ton!

 

Harald Loch 

 

Peter Handke: Die Obstdiebin - oder einfache Fahrt ins Landesinnere 

Suhrkamp, Berlin 2017   539 Seiten   34 Euro

 

 

Wachtraum - ein Generationen-Panorama

 

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Sagte der Philosoph Adorno. Es gab ein Leben mit dem Holocaust und es gibt auch ein Leben danach. Das Buch von Susanne Scholl ist eine Familien-Saga über Generationen, sie verbindet Traum und Traumata mit Geschichte und Geschichten. Die Hauptfigur ist zunächst Fritzi, die aus dem nationalsozialistischen Wien nach England emigriert, jedoch der Insel bald wieder den Rücken kehrt und in ihre Geburtsstadt Wien zurückkehrt.

 

Zur eigentlichen Hauptperson wird dann aber ihre Tochter Lea. Es sind Familienerinnerungen, die zwar autobiographische Farbe haben, aber es ist - so die Autorin - ein rein fiktiver Figuren-Reigen, ein breiter Erzählstrang, in den Historisches und Gegenwärtiges eingeflochten wird. Auschwitz und Emigrantenszene, die aktuelle Flüchtlingskrise, Krieg und Terror in Syrien und Afghanistan, terroristische Anschläge in Paris und anderswo.

 

Die fiktiv geschilderten Lebensläufe und Lebenslinien mischen sich mit vielen psychologischen Ebenen der Figuren, die von Albträumen und Ängsten, vor dem Hintergrund des Jüdisch-Seins über die Generationen hinweg gegenwärtig bleiben. Wir bewegen uns im Nachkriegs-Wien, spüren, dass diese Stadt etwas mit Freud und der Psychoanalyse zu tun hat, verfolgen die scheiternden Ambitionen, etwas mit der kommunistischen Idee anzufangen.

 

Das Leben der Lea besteht eben auch aus Ehe, Kindern, Enkeln und Beruf, sie erlebt Lebens- und Liebes-Zweifel und am Ende des Romans dringt die Tragödie vom bösen ins richtige Leben ein. Ein Zeit- und Figurengemälde über die Welt von gestern und heute, eine Art Schnitzlers Wiener Menschen-Reigen in Romanform über starke Frauen und ihren Überlebenskampf.

 

Susanne Scholl ist 1949 in Wien geboren, studierte Slawistik in Rom und Moskau, war langjährige ORF-Korrespondentin in Moskau. Susanne Scholl veröffentlichte zahlreiche Bücher und erhielt wichtige Preise für ihre journalistische Arbeit und ihr menschenrechtliches Engagement. 

 

Susanne Scholl Wachtraum Roman Residenz Verlag

In einem anderen Licht: Terror

Worum geht es in dem Buch? Miriam bekommt anonyme Briefe mit nur diesem Satz geschickt: „Fragen Sie Dorothea nach Marguerite.“ Dorothea Sartorius ist die Witwe eines Reeders und eine Mäzenin in Hamburg. Miriam soll gerade die Verleihung des Sartorius-Preises für Zivilcourage vorbereiten. Dorothea war in den 70er Jahren Mitglied in einer linksextremen Terrorgruppe. Die frühere Freundin und politische Weggefährtin von Dorothea erhebt schwere Anklage: „Sie hat uns verraten. Sie hat alles verraten, was ihr heilig war.“ Heißt es in der Verlagsankündigung.


Katrin Burseg erzählt von Liebe und Verrat, von Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Und von der Herausforderung, authentisch zu leben. "In ein anderen Licht" ist ein lebendiges Porträt einer Frau vor dem historischen Hintergrund des deutschen Herbstes, schreibt der Verlag in seinem Ankündigungstext: „Wie schwer wiegt die Last des Schweigens? Und wie verändert sich der Blick auf die Ereignisse von damals im Lauf der Geschichte? Diese Fragen beschäftigen mich in meinem Roman „In einem anderen Licht“. Dorothea Sartorius, reiche Witwe und Stifterin eines Preises für Zivilcourage, wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. War sie in ihrer Jugend Mitglied einer linksextremen Gruppierung und hat sie den Tod dreier Menschen zu verantworten? Mehr als vierzig Jahre hat Sartorius geschwiegen, doch nun ist sie bereit zu sprechen. „Fragen Sie!“, fordert sie die Journalistin Miriam Raven auf. Doch je mehr Miriam über Dorotheas Leben erfährt, desto stärker reift in ihr die Erkenntnis heran, dass man eine Geschichte nicht nur von ihrem katastrophalen Ende her betrachten kann.

 
Miriam muss sich fragen, was schwerer wiegt – Dorotheas Vergangenheit im Umfeld der RAF oder ihre Wandlung zur vielbeachteten Stifterin und Wohltäterin. Kein zeithistorischer Roman also, sondern ein zweiter Blick auf die Ereignisse, eingewoben in eine Geschichte von Liebe und Trauer, Anfang, Ende und Neubeginn. Ganz bewusst habe ich für meinen Roman nach einem Ort und Zeitpunkt gesucht, die das Geschilderte möglich erscheinen lassen, ohne dass sie sich konkret in die Landkarte des RAF-Terrors einfügen. Und ganz bewusst habe ich mein Schreiben dem Gedanken untergeordnet, dass die Wahrheit bisweilen nur eine Sache der Vorstellungskraft ist. Kein Richtig oder Falsch also, sondern vielmehr die Auseinandersetzung damit, was Wahrheit im Leben, in der Erinnerung und auch in der Fiktion bedeutet. Und wie sich Erkenntnis vermittelt schreibt die Autorin selbst auf dem RESDONZBODEN des Verlags im Internet. Leben - Erinnerung – Fiktion, diese Ebenen gelingen der Autorin gut im Plot. Die Autorin, die vor allem die psychologischen Hintergründe gut ausleuchtet, die Dimensionen der Selbstfindung ausbreitet, legt jedoch einen „Gazeschleier“ vor die terroristische Handlung, man sieht als Leser zwar hindurch und ahnt, was der DEUTSCHE HERBST gewesen sein könnte, doch als Zeitgenosse, der dies alles miterlebt hat, bleibt an der Schlei – einem der Handlungsorte – doch manches schlei-erhaft.


In den Anmerkungen am Schluss des Buches – sie erscheinen wie eine Entschuldigung dafür – schreibt die Autorin: „Manchmal ist die Wahrheit nur eine Sache der Vorstellungskraft“. Die Autorin erlebte die Geschehnisse als Sechsjährige, wie sie schreibt „wohl nicht bewusst“. 
Manche Beschreibungen alltäglicher Umstände sind etwas zu genau, dafür bleibt Historisches zu ungenau. Durchaus gewollt, doch man vermisst es irgendwie. Ob „milde Temperaturen des Tages“ oder „ atemlose Augenblicke“ oder „Herbstrezepte“, will der Leser oder die Leserin, das alles so genau wissen, wenn es doch eigentlich um Schuld und Terror geht. Vielleicht ist dies aber der männliche Blick des Rezensenten. Der Verlag hat dieses Buch als Frauenbuch angekündigt. Na dann… 

 

Katrin Burseg, geboren 1971 in Hamburg, studierte Kunstgeschichte und Literatur in Kiel und Rom, bevor sie als Journalistin arbeitete. Sie hat mehrere historische Romane veröffentlicht. Für ihren Roman „Liebe ist ein Haus mit vielen Zimmern“ wurde sie 2016 mit dem DELIA-Literaturpreis ausgezeichnet. Die Autorin mag Spaziergänge am Wasser, hört gerne klassische Musik und liebt die überraschenden Abenteuer beim Schreiben. Hamburg ist ihr Sehnsuchtsort, sie lebt mit ihrer Familie im Herzen der Stadt.

 

Mehr unter

 

www.katrinburseg.de

Henry James: Lady Barbarina    

Die Kunst des Romans hat dieser 1843 in New York geborene und 1916 in London gestorbene Autor in seinem gleichnamigen Essay beschrieben. Der Kosmopolit Henry James gilt mit seinen 20 Romanen und 112 Erzählungen als erster amerikanischer „Modernist“, dessen Werk nicht nur Generationen von Autoren beeinflusst hat, sondern auch das gegenwärtige Publikum begeistert. Die jetzt erstmals auf Deutsch erscheinende längere Erzählung „Lady Barbarina“ ist im Original erstmals 1884 in drei Lieferungen im Century Magazine veröffentlicht worden und nimmt ein Lebensthema des Autors auf: Das Leben auf zwei Kontinenten, in den Vereinigten Staaten und in England. Genauer: Die Unmöglichkeit und Unvereinbarkeit der unterschiedlichen Lebensstile beiderseits des Atlantiks. Der Amerikanische Millionärssohn und Arzt Jackson Lemon verliebt sich in London in die der englischen Hocharistokratie angehörende Lady Barbarina. Er will diese in seinen Augen perfekte junge Frau heiraten, steht aber vor Schwierigkeiten, die ihre Eltern aus Jahrhunderte alter Tradition auftürmen: Wie soll die Tochter das bürgerliche Leben in Amerika aushalten, wie soll sie materiell abgesichert sein?


Die Erzählung stellt die von altem, inzwischen keineswegs mehr wohlhabendem Adel geprägte konservative Haltung der englischen Familie dem liberalen, dynamischen und von einem in der New Yorker Oberschicht kultivierten Freiheitsbegriff geprägten Charakter des Bewerbers gegenüber. Der knickt endlich ein, und sichert mit einem ererbten Vermögen vertraglich die materielle Existenz seiner Frau, mit der er in New York eine großzügige Wohnung in der Fifth Avenue bezieht. Was alle vorausgesehen haben: Lady Barbara kann in New York nicht leben und drängt auf eine Rückkehr, in die Jackson Lemon endlich einwilligt. In London nimmt das Paar die überkommenen Sitten der englischen Aristokratie wieder auf, beide reiten auf der Row, einer den Berittenen vorbehaltenen Hauptallee des Hyde Parks und bekommen eine Tochter, die zu den schönsten Hoffnungen schon als Baby berechtigt.


Das alles spielt sich in Kreisen ab, die für gewöhnliche Sterbliche und das bürgerliche Lesepublikum nicht erreichbar sind. Geld spielt für den Amerikaner keine Rolle, überkommener Lebensstil englischen Hochadels dafür eine umso größere. Dieses Leben kann man in New York nicht führen, die Millionen Dollar dagegen in London gut gebrauchen. Diese Konstellation könnte unter der Feder eines Geringeren zu einer dürftigen Kolportage zerrinnen. Henry James macht aus ihr eine durchaus spannende, die so unterschiedlichen Charaktere der Haupt- wie auch einiger Nebenfiguren mit Ironie und einer Portion Humor versehene literarische Petitesse, deren Entdeckung in der treffenden Übersetzung von Karen Lauer gehobene Unterhaltung verspricht. James erzählt aus der Perspektive eines sich gelegentlich selbst einmischenden Allwissenden, lockert dadurch die Strenge des Beobachtens immer wieder auf und entlässt seine erstaunten Leser mit dem Gefühl, etwas literarisch Wichtiges über etwas thematisch Überholtes gelesen zu haben. Oder ist die „Lady Barbarina“ gar ein Schlüssel zum Verständnis des Brexit-Votums?
Harald Loch  
 
Henry James: Lady Barbarina   
Aus dem Englischen übersetzt sowie mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Karin Lauer
Dörlemann, Zürich 2017   223 Seiten   21 Euro

 

Upton Sinclair: Boston

Vor 90 Jahren, kurz nach Mitternacht am 23. August 1927, wurden in Boston die beiden italienischen Einwanderer Ferdinando Sacco und Bartolomeo Vanzetti hingerichtet. Sie wurden – so viel steht heute fest – Opfer eines Justizmordes. Beide waren bekennende Anarchisten, beide waren aus Überzeugung gewaltfrei, beide waren der steinreichen und konservativen Obrigkeit von Massachusetts ein Dorn im Auge. Ihnen wurden in einem unfairen Prozess zwei Raubüberfälle zur Last gelegt, die sie nicht begangen hatten. Dabei waren Menschen zu Tode gekommen. Sie waren Immigranten, Wortführer der Arbeiterbewegung und alle Vorurteile der Richter und der Gnadeninstanzen wurden ihnen zum Strick gedreht. Sie endeten auf dem elektrischen Stuhl und in aller Welt erhob sich Protest. 50 Jahre nach ihrer Hinrichtung gab im Juli 1977 der demokratische Gouverneur von Massachusetts, Michael S. Dukakis, eine Ehrenerklärung für die beiden und ihre Familien ab: „Die Atmosphäre ihres Verfahrens war durchdrungen von Vorurteilen gegen Ausländer und Feindlichkeit gegenüber unorthodoxen politischen Ansichten“ und „schlichter Anstand und Mitgefühl, wie auch der Respekt vor der Wahrheit und eine fortwährende Verpflichtung zu den höchsten Idealen unserer Nation erfordern, dass das Schicksal von Sacco und Vanzetti von allen im Gedenken bewahrt wird, die Toleranz, Gerechtigkeit und menschliches Verständnis wertschätzen.“


Upton Sinclair (1878 – 1968), sozialistischer Erfolgsautor der USA, war Zeitgenosse der Ereignisse und verfasste schon ein Jahr nach der Hinrichtung von Sacco und Vanzetti seinen zeithistorischen Roman „Boston“. Jetzt legt Manesse die grandiose neue Übersetzung von Viola Siegemund vor, die erste deutsche Ausgabe seit 1929! Sinclair hat für seinen Roman einen mehrfachen Aufwand mit der Wahrheit getrieben: Zuerst musste er die zum Todesurteil führende gerichtsnotorische Unwahrheit dekonstruieren und dann hat er auf der so gewonnenen historischen Wahrheit ein fiktionales Geschehen aufgebaut, in dem er die gesellschaftlichen Verhältnisse um die Bostoner „Blaublüter“ und die von ihnen ausgebeuteten Arbeiter erzählt. Dietmar Dath kommt in seinem schönen Nachwort, in dem er den Begriff der Wahrheit in der Literatur diskutiert, zu dem Ergebnis: „Der Roman Boston ist wahr.“ 
Die Namen und Familien der beiden Justizopfer hat er nicht verändert. Hinzugefügt hat er die Figuren der Cornelia Thornwell und ihrer Nichte Betty sowie deren ganzer Familie, die zu den wohlhabendsten und einflussreichsten der ganzen amerikanischen Ostküste gehörte. Cornelia und Betty scheren aus dieser stockkonservativen Millionärsfamilie aus und lernen zunächst Vanzetti und dann auch Sacco kennen und schätzen.

 

Dieser Einfall erlaubt es Sinclair, die puritanische Geldaristokratie in ihren Einflussnahmen, ihrem kapitalistischen Erfolgsstreben und ihrer Verlogenheit darzustellen. Beide Milieus, die der italienischen Anarchisten und die der reichen frühen Einwanderer reiben sich auf Leben und Tod kontrapunktisch aneinander – Realismus und Wahrheit in Wirklichkeit und Fiktion! Die ganze Erzählkunst Sinclairs, in der sich Engagement und dramaturgische Kraft, Dialogstärke und Milieusicherheit zu einem Riesenroman fügen, kommt schon in den Anfangskapiteln zur Geltung. Die Spannung lässt einen, obwohl das Ende ja bekannt ist, nicht mehr los. Die Empathie mit den Opfern und ihren aus „besten“ Kreisen stammenden beiden Anhängerinnen bleibt ungebrochen. Der ergreifende Schluss – der Abschiedsbesuch Cornelias in der Todeszelle, Stunden vor dem Stromschlag auf dem elektrischen Stuhl – ist frei von Kitsch: reine Humanität. Der politische Idealismus der beiden Justizopfer erscheint nicht als politisches Programm Sinclairs, sondern bleibt deren - vielleicht unrealistischer - Traum. Aber: Seit wann werden Träume mit dem Tode bestraft? Ein Sonderlob gebührt der Übersetzerin. Ihr gelingt der „zeitgeschichtliche“ Ton des Originals und sie überträgt das unvollkommene Amerikanisch der Italiener in ein authentisch unvollkommenes „Einwanderungs-Deutsch“. Eine wichtige Neuentdeckung!


Harald Loch  


,Upton Sinclair: Boston            Ein zeithistorischer Roman
Neu aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Viola Siegemund
Nachwort von Dietmar Dath
Manesse Verlag, Zürich 2017, 1032 Seiten  42 Euro

 

Katja Lange-Müller: Drehtür

Kein Willkommen in München! Der Ort der Handlung ist unwirtlich: Aus Managua in Nicaragua ohne Reisegepäck zurück, allein, stumm, ja fast ohne Regungen steht die 65jährige Krankenschwester Asta im eigenen Dunstkreis. Sie hüllt sich in Zigarettenqualm. Neben diesen Rauchzeichen halten innere Monologe Asta am Leben: „Ach ja, helfen, denkt Asta, das war schon schön – am Anfang!“ Die von den Jahren des Helfens im Beruf geprägte Protagonistin in Katja Lange-Müllers Roman „Drehtür“ assoziiert frei. An einer Drehtür am östlichen Ende des Flughafen Franz-Josef Strauß bleibt Asta stehen. Einer Drehtür, die ins Innere zu führen scheint... München ist das Ende ihrer 2013 unfreiwillig freiwillig angetretenen Heimreise. Rückflug in ein Land, das mit der früheren Heimat wenig zu tun hat: Die Heldin ist in der DDR aufgewachsen und hat bei ihrer Ankunft 22 Jahre harter Auslandstätigkeit hinter sich. Ihre letzten Kollegen im Krankenhaus in Nicaragua hatten eifrig gespart und ihr das One-Way-Ticket zum Geburtstag geschenkt, ihr damit mit sanfter Gewalt den Abschied für immer und auch vom Beruf bereitet. Sie hatte nicht nur die Altersgrenze erreicht, sondern hätte am Ende selbst Hilfe benötigt.

 

Als Helfende war Asta glücklich, unter extremen Bedingungen zu arbeiten. Während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester war die geschlossene Frauenstation des Klinikums Berlin-Herzberge ihre Lieblingsstation gewesen. Jetzt stehen ihrer äußeren Sprachlosigkeit im Inneren die freien Assoziationen gegenüber, ausgelöst von Gesichtern in ihrer Umgebung. Zudem mischt sich seit drei Wochen eine innere Stimme in ihr Leben ein. Das erhöht noch ihr Gefühl der Fremdheit: „Ich kenne doch keinen mehr, hier am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache.“ Isolation und Angst vor dem Verrücktwerden weichen in den inneren Monologen einer farbigeren Vergangenheit, in der neben ihr selbst Patienten, Kollegen und Weggefährten von früher die Bretter der inneren Bühne betreten. Die Autorin nimmt ihr Publikum mit in das Ost-Berlin der 1960er Jahre, in die revolutionäre Gefolgschaft eines Che Guevara, in das Kalkutta von Mutter Theresa und in eine tunesische Ferienanlage – es herrscht Reisefreiheit der Gedanken.

Brüche und Abbrüche bestimmten Astas Beziehungen. Das Ergebnis waren soziale Isolation und überraschende Feindseligkeiten, die ihr entgegenschlugen – zuletzt mit dem geschenkten Abschiebeticket nach Deutschland. Katja Lange-Müller holt die Leser ab, indem sie sie leichtfüßig von einem Ort zum nächsten mitnimmt. Dort lebt ihre Protagonistin die existenziellen Grenzerfahrungen anderer nach. Diese Abwechslung ist die Dialektik zu dem Stillstand vor der Drehtür. Die Reisen gehen nicht nur über Kontinente sondern auch innerhalb der Sprache weiter. Köstlich ist der Ausflug, der von der Farce einer Gutsleberwurst über die Farce auf der Bühne, in der etwas durch den Wolf gedreht wird, zu Rotkäppchen und dem Wolf und zurück zur Gutsleberwurst führt, der uneingestandenen Sehnsuchtsdelikatesse aus DDR-Zeiten. Aber Asta kauft sich keine Gutsleberwurst, ihre Sehnsucht richtet sich auf das Ende.

 

Johanna Reinicke

Katja Lange-Müller: Drehtür          Roman

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016   216 Seiten   19 Euro