Das politische Buch

Menschen - Themen - Hintergründe

Von unten betrachtet: die toxische russische Gesellschaft

In vielen neuen Erscheinungen, aber auch schon in früheren Publikationen ist das Machtsystem Putins ausreichend genau beschrieben, aber von der Öffentlichkeit leider nie aufmerksam genug zur Kenntnis genommen worden. Lesen hilft. Auch weiterhin, im Augenblick, wo russische Bomben in der Ukraine fallen.
Wie aber tickt die russische Gesellschaft zu Hause, die offenbar hinter Putins Kriegshandlungen loyal steht?


Es ist sehr verdienstvoll, dass die Korrespondentin des Deutschlandfunks, Gesine Dornblueth, die seit Beginn der 1990er Jahre unzählige Recherchereisen nach Russland unternommen hat, die Gesellschaft dieses Landes sehr hautnah betrachtet, beschreibt, analysiert.


Schon eingangs schreibt die Journalistin Klartext. Russlands Truppen begehen unermessliche Gräueltaten, beschießen Zivilisten, plündern, foltern, vergewaltigen, vernichten alles, was ukrainisch ist.
Dornblueth ist sich nicht sicher, wann dieser Krieg endet, wer wüsste das von uns sonst? Aber sie glaubt schon, irgendwann wird Putin die Macht abgeben, aber seine russische Gesellschaft wird bleiben.


Manche Identität von Augen- und Ohrenzeugen wird in dem Buch nicht gelüftet, das wundert einen nicht, denn derzeit eine eigene Meinung in Russland zu haben, ist inzwischen lebensgefährlich.


Dornblueth ist immer sehr nah dran an den Geschehnissen und auch an den Menschen, gleich, ob es sich um den jugendlichen Nachwuchs Putins handelt, der gegründeten Organisation „Naschi“, oder gegenteilig um alte Menschen, die kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können, weil sie nur geringe Renten haben.


Dornblueth beschreibt Putins Russland als mafiöses Geheimdienstregime, mit all seinen Exzessen.  


Die Autorin liefert mit ihrer soziologisch-journalistischen Studie keinen breiten historischen Abriss, erwähnt jedoch immer wieder zwischen den vielfältigen menschlichen Begegnungen die historischen Entwicklungen Russlands in den vergangenen Jahrzehnten. Denn mit Putins Rückkehr ins Amt, den vielen repressiven Gesetzen, den willkürlichen Festnahmen, den Urteilen gegen viele Kritiker ist die Angst unter den Menschen wieder da und allgegenwärtig.


Dornblueths Urteil über die russische Gesellschaft: Die nationale Idee hat an Boden gewonnen, aber die Russen selbst sind nicht “fanatisch“ vielmehr “apathisch“.


Ob das Leben mit der orthodoxen Kirche oder der Schulalltag, Rentenprobleme oder Oppositionsverfolgung, Geheimdienstaktivitäten oder Putins Machtgelüste, die russische Armee und ihre Interna, das alles bietet Gesine Dornblueth en detail.


Das Urteil der Autorin und Korrespondentin ist glasklar: Selbst wenn Putin geht, bleibt die russische Gesellschaft, die Putin erst möglich gemacht hat, eine Gesellschaft, in der die Verbrechen der Sowjetzeit, der Nationalismus und Chauvinismus nicht aufgearbeitet und bekämpft wurden und werden.


Nicht vergessen wird in der Analyse auch die Funktion der ständig währenden Propaganda, durch die ein Regime errichtet werden konnte, das wie die Mafia funktioniert, mit Erpressung, Angst, Willkür, Machtperversion. 


Dornblueths Schlussurteil: Die Gefahr ist nicht vorbei, wenn das Morden in der Ukraine aufhört. Ein aufrüttelndes, gut lesbares, spannendes und ausgezeichnet recherchiertes Buch über das Russland heutiger Tage. 


Gesine Dornblueth, geboren 1969, ist promovierte Slavistin und Hörfunkjournalistin. Von 2012 bis 2017 war sie Deutschlandfunk-Korrespondentin in Moskau. Seit Beginn der 1990er Jahre unternahm sie zahlreiche Recherchereisen nach Russland und den gesamten postsowjetischen Raum


Thomas Franke, geb. 1967, ist Journalist, Autor, Regisseur und Produzent vor allem für den Deutschlandfunk. Von 2012 bis 2017 lebte er in Moskau.

 

Gesine Dornblueth Thomas Franke Jenseits von Putin Russlands toxische Gesellschaft Herder

 

Betreibt Putin Revanchismus?

Es sind die klaren Worte und die Beschreibungskraft des Autors, die wie ein Lese-Sog wirken. Da schreibt Thumann, dass die Einberufungsbefehle für den Russlandüberfall vom Hausmeister, dem Pizzaboten, dem Stromableser, dem Blockpolizisten ins Haus getragen werden. Nah dran. Und auch die Kriegs-Schuldfrage klärt Thumann eingangs schnellstens: „Schuld daran sind ein Mann, sein Regime und seine Unterstützer. Sie haben ohne Not und ohne Bedrängnis, aber mit imperialer Gebärde ein Nachbarland überfallen. Mit furchtbaren Konsequenzen für die ganze Welt.“ 


Und auch unsere außenpolitische Schlafmützigkeit benennt der langjährige Osteuropa-Korrespondent der ZEIT konkret und unumwunden: „Die westliche Gutgläubigkeit, Kumpanei und ein riesiger Vertrauensvorschuss haben Wladimir Putin groß gemacht. Dessen Pläne sind eben, die liberale Demokratie zu beerdigen und Europas Sicherheit wie wirtschaftlichen Lebensgrundlagen zu erschüttern.“


Thumann empfiehlt uns, die westliche Geschichtsbrille abzusetzen und Putins Aufstieg als eine Spielart des radikalen neuen Nationalismus zu verstehen, der in unserem Zeitalter in vielen Ländern eben modisch geworden ist. „Klare Worte. Der Nationalismus ist zurück.“


An Kanzler Schröder diagnostiziert er ein Krankheitssymptom, die „deutsche Putinophilie“. Seine weitere Diagnose, die deutsche Ostpolitik sei gescheitert, geht mir etwas zu weit. Wir haben deren politische Ergebnisse einfach nicht mehr eingeordnet in eine systematische europäische aktive neuorientierte Osteuropapolitik. Die Friedensbemühungen anfangs waren doch richtig, die letztlich zur Wiedervereinigung geführt haben.  Korruptionsgeschäfte und Gasabhängigkeiten im späteren Verlauf dagegen nicht, „… in einer Mischung aus Überheblichkeit, Illusionen und einem gehörigen Schuss Korruption beim Pipeline-Bau. Alles zusammen half Wladimir Putin, zu dem zu werden, der er heute ist.“


Klar und deutlich weist Thumann darauf hin, dass die Tschetschenienkriege „das Laboratorium einer Art der Kriegführung, die mangelnde Effizienz und Durchschlagskraft durch Grausamkeit und Rache ersetzt“, gewesen ist. 


Hätten nur mal alle Journalisten damals 2007 und 2008 etwas mehr auf Anna Politkowskaja und deren Mahnungen gehört, aber bitte bevor sie ermordet wurde. Die Gewaltexzesse waren nämlich schon damals ablesbar, und die Vernichtung „Grosnys“ und die Bombadierung „Aleppos“ waren die Gräuel-Etappen zum heutigen „Mariupol“ und „Butscha“. 


Ursache, der wieder erstarkte Nationalismus: „Eine Ideologie, die Europa im 20. Jahrhundert zwei Mal zerstört hat und für den Tod von über 100 Millionen Menschen verantwortlich ist, bestimmt heute die internationalen Beziehungen.“ Und „Putin kennt nur noch den Kriegszustand als Normalität“.


Drastisch schildert der Autor das Lagerleben im „Archipel Putin“ ein gnadenloser Strafvollzug, Schläge und Quälereien gehören zum Alltag. Sogar Vergewaltigungen kommen vor, die auch noch gefilmt werden. 
Der Autor weist auch darauf hin, dass Putins Wähler eine Mitschuld tragen, denn je weniger Freiheit sie hatten, umso mehr liebten und wählten sie ihn. Thumann vergisst nicht, die Lügenmaschinerie Russlands darzustellen, die ätzenden Talkshows zu schildern und die Haupt-Propagandathesen zu benennen. 


a. Die Ukraine sei kein Staat
b. ein Genozid gegen die Russen im Donbass sei im Gang,
c. die Nato-Staaten hätten 1990 versprochen, die Nato nicht zu erweitern.

 

Zitat: „Russland hat sich mit dem Krieg gegen die Ukraine auch selbst überfallen. Wladimir Putin leitete eine neue Phase der Selbstbemitleidung, Depression und pathologischen Aggressivität ein. Die aber wurde hinter einer grandiosen Inszenierung von Normalität versteckt. Putin und die Propagandisten taten viel dafür, die Menschen hinter sich zu scharen und gleichzeitig ruhig zu stellen. Im Fernsehen malten sie ein Bild vom heroischen Überlebenskampf Russlands gegen den Westen in der Ukraine… Das Land isolierte sich zunehmend.“


Die westlichen Firmen zogen sich zurück. Thumanns Fazit und Analyse ist glasklar: „Putin schickt eine ganze Generation junger Russen für einen sinnlosen Krieg in den Tod. Putin zerrüttet die russische Industrie und Gesellschaft. Er plündert die einst gefüllten Staatskassen. Er wirft das Land um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurück. Er ruiniert alles für sein Ukraine-Abenteuer. Deshalb darf Putin sich keine halben Sachen erlauben, keine Kompromisse, keine Zugeständnisse, keine Niederlagen. Andere verlieren. In den Augen des Volkes darf er nur siegen.“


Am Ende weist der erfahrene Auslandsjournalist auf die atomaren Drohungen und Gefahren hin, zwar als Teil der psychologischen russischen Kriegsführung, aber eben auch als realistisches Gefahrenmoment: „Alles, auch das Überleben der Menschheit, liegt in seiner Hand.“


Fazit der Russland-Anamnese: „Geschichte ist ihm sicher: als blutrünstigster Herrscher Russlands seit Josef Stalin.“ 
Und am Ende des Buches möchte man mal wieder den von Ranicki populär gemachten Satz, der von Bert Brecht aus dem „Guten Menschen von Sezuan“ stammt, abwandelnd zitieren „…wir seh‘n betroffen // Den Vorhang auf und alle Fragen offen.“


Wird es nie wieder eine Ostpolitik geben?


Michael Thumann ist außenpolitischer Korrespondent der ZEIT und lebt in Moskau. Seit den 1990er Jahren berichtet er für die ZEIT aus Russland, Osteuropa und dem Nahen Osten. Seine Artikel, Podcasts und Bücher über Russland als Vielvölkerstaat und den neuen Nationalismus Putins haben unseren Blick auf dieses Land erweitert. Russland kennt er schon aus Studienzeiten, als er unter anderem an der Moskauer Lomonossow-Universität studierte.


Michael Thumann REVANCHE WIE PUTIN DAS BEDROHLICHSTE REGIME DER WELT GESCHAFFEN HAT      C.H.Beck

Links


• Audio: "Putins Aufstieg ist ‚Spielart des radikalen neuen Nationalismus‘" NDR, 28. Januar 2023 [05:00min.]


• Audio: "SWR 2 Gespräch" - Lukas Meyer-Blankenburg, SWR 2, 12. Februar 2023 [12:39min.]


• Video: "Markus Lanz vom 8. Februar 2023" - Zu Gast: Paul Ziemiak, Helene Bubrowski, Claudia Major und Michael Thumann. ZDF [01:16:15min.]


• Podcast: "‘Die Unterstützung für Putin ist ungebrochen‘" - Ileana Grabitz, Heinrich Wefing, Die Zeit, 24. Februar 2023 [58:12min.]


• Audio: "Buchkritik" von Thilo Kößler in Deutschlandfunk Kultur, 25. Februar 2023 [08:21min.]

 

PRESSESTIMMEN


„Das Buch schildert den selbst ernannten ‚Geschichtsvollzieher‘ Wladimir Putin materialreich und argumentativ abgewogen.“ WELT, Sven Felix Kellerhoff


„Kaum einer kennt Russland besser als Michael Thumann … ein atemberaubend geschriebenes Buch“ RBB Radio Eins, Marco Seiffert, Tom Böttcher


„Beitrag zu einem realistischeren Bild. … Wer die Vorgeschichte dieses Krieges besser verstehen will, sollte das Buch von Michael Thumann lesen.“ taz, Jan Pfaff


„Das Buch bringt Putins Denken und Wirken auf den Punkt. Thumann ist der beste Russlandkenner.“ SonntagsBlick, Daniel Arnet
„Erklärt, was für ein Regime das heute in Russland ist“ ORF Fernsehen, Paul Lendvai


„Beschreibt persönliche und historische Kränkungen als Putins Antrieb für die Invasion der Ukraine“ WDR 5 Politikum


„Ein Buch voller tiefer Einsichten“ Der Standard, Hans Rauscher


„Sehr interessante Erzählung, die die europäische Sicht, aber auch die russische Innensicht miteinander verbindet - große Leseempfehlung.“ Podcast Ostausschuss, Jan Claas Behrends


„Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit. … Ein Therapeutikum gegen all jene infamen Verwässerungstendenzen in Ost und West, die Putins Brutalität der Kriegsführung zu relativieren versuchen.“ profil, Wolfgang Paterno


„Kommt nicht nur zur rechten Zeit [...] es beantwortet auch ganz wesentliche Fragen einer zunehmend besorgten Öffentlichkeit [...] brillant geschrieben“ Deutschland Funk, Thilo Kößler


„Ich empfehle das Buch sehr […] ein brillantes Buch“ ZDF, Markus Lanz
„Ein scharfsinniges, ein horizonterweiterndes Buch.“ Tagesspiegel, Denis Scheck


„Buch der Stunde [...] intime Einblicke in das, wie man von Moskau aus die Welt sieht.“ taz, Jan Feddersen


„Beschreibt Russlands Absturz in eine zunehmend totalitäre Diktatur“ Handelsblatt


„Eine Pflichtlektüre“ Der Standard, Paul Lendvai


„Überzeugend argumentiert und brillant geschrieben … Trotz Faktenfülle und Komplexität liest es sich ausgesprochen gut, ist leicht verständlich und sehr spannend.“ NDR Kultur, Katja Eßbach


„Einer der besten Russlandkenner“ SWR 2 Lesenswert, Lukas Meyer-Blankenburg

 

Russsland im Kriegsrausch

Seine Worte und Sätze rattern wie ein Maschinengewehr rasend schnell, laut dröhnend, sind brutal, sie treffen, verwunden, schießen ins Schwarze wie die blanke verletzende Wahrheit so explosiv. Das Buch ist schonungslos geschrieben und trifft auch den Leser schmerzend ins Verwundbare. Babtschenko schreibt eine Art Schützengraben-Literatur. Aber so, als wäre er dort im Graben völlig ohne Deckung: „Immer war ich dort, wo es meinem Land schlecht ging.“ 


Heute nennt Russland seinen ehemaligen Soldaten Arkadi Arkadjewitsch Babtschenko einen „Nationalverräter“. Und „Russland ist ein Land im permanenten Kriegszustand“, lautet das Fazit Babtschenkos. Das russische Volk muss für den Autor kriegsinfiziert sein, denn „Der Krieg ist ein Virus. Eine umfassende pandemische Erkrankung.“ 


Babtschenko schreibt Klartext und zündet mit jedem Satz lohnende Erkenntnisgewinne: „Der Weg, den das Land jetzt gerade nimmt, führt in den sicheren Abgrund.“ Babtschenko schwurbelt nicht, ist eindeutig in seinen Analysen, Erkenntnissen und sogar in Prophezeiungen. Und er beobachtet genau im russischen Alltag: In der U-Bahn umgeben ihn nur  Xenophobe, Dunkelgeister, Schweinehunde und einfach nur Dummköpfe. Er sieht keine intelligenten Gesichter mehr in der Metro. 


Babtschenko speist seine Einsichten aus langjährigen Kriegserfahrungen unter anderem in Tschetschenien und im Kaukasus. „Im Krieg habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Mensch sich innerhalb weniger Wochen zum Tier machen lässt.“ 


In der Ukraine finden wir nun jede Menge völkerrechtswidrige Beweise genau dafür. Babtschenko meint sarkastisch: „Aber das Tempo, mit dem wir uns dem Mittelalter nähern, ist geradezu erschreckend, meine Herren.“ „Nächste Haltestelle – Blutbad.“


In seinem Land ist inzwischen alles verboten: Demonstrationen, Widerstand gegen widerrechtliche Festnahme und widerrechtliche Verhaftung, Selbstbestimmung der Nationen, Austritt aus Russland und Separatismus, Adoption von Kindern durch Ausländer, Propaganda für Homosexualität, ungenehmigte Plakate, der Fernsehsender Doschd ebenso verboten.


Babtschenko empfindet den Krieg als finsterste Hoffnungslosigkeit: „Nichts war schwärzer, nichts schrecklicher … Man darf junge Burschen im Alter von achtzehn nicht zur Schlachtbank führen. Das darf man nicht. Niemals.“ Und „Warum schützen die sich selbst (die Eliten Anm. des Autors) mit einer Berufsarmee, während sie zur Verteidigung des Landes achtzehnjährige Jungs abstellen? Warum?“


Babtschenkos Szenarienbeschreibungen jagen dem Leser einen finsteren Schrecken ein, und die Realität überholt den Autor, denn das Buch kann nur einen Teil des Krieges, nämlich den Beginn, mit umfassen. „Hier wird eine einzige große Volksrepublik sein, auf einem Sechstel der Erdoberfläche, von Meer zu Meer. Mit Alkoholikern an den Kontrollposten, abgeschnittenen Köpfen im Flüsschen, Folter in den Kellern, verschwundenen Geschäftsleuten und öffentlichen Hinrichtungen.“ … „Die Welt wird es nicht riskieren, dieses Territorium, das von Idioten mit Atomwaffen bevölkert ist, sich selbst zu überlassen. Sie wird Maßnahmen ergreifen.“ Wir sind mittendrin. „Aber so, wie es einmal war, wird es nie wieder werden. Nichts hört auf und geht wieder in die alten Bahnen zurück, dessen muss man sich bewusst sein.“ 


Für den Autor hat Russland versagt, Demokratie, Technologie, Wirtschaft, Stabilität, Entwicklung und Sicherheit zu generieren. „Wir können nur Putins generieren, in unterschiedlicher Bauweise. Und solche Leute hält man lieber auf Abstand.“


Die Abrechnung mit Putin ist schonungslos: „Putin hat eines wirklich geschafft: Er hat den übelsten Dreck aus den Menschen herausgeholt… er hat die aggressiven Prolls zu Herrschern gemacht.“  „Das Land verwandelt sich in eine Mischung aus Irak, Haiti, Somalia, Kolumbien, IS und Volksrepublik Donezk.“ Und „Ganz gleich wie es kommt, Russland wird die Weltarena verlassen, den atomaren Knüppel wird man ihm aus der Hand nehmen“.


Für Babtschenko ist jetzt schon einiges glasklar: „Wladi, du bist ein Pisser. Du verkackst alles. Sogar nicht nur den Blitzkrieg verkackt, die Invasion, Kyiv und die UdSSR 2.0. Du hast alles, buchstäblich alles verkackt.“


Babtschenko erinnert an seine oppositionellen Weggefährten, die ermordet worden sind oder im Gulag sitzen, flüchteten oder ins Exil mussten. Babtschenkos Satzkaskaden triefen voller Ironie, Sarkasmus, ätzendem Spott. Putins Rückzug sieht Babtschenko nicht, eine Niederlage einzugestehen, dafür wäre er unfähig. 
Zornig und wütend schreibt der Autor: "In den vergangenen 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gingen von Russland 40 kriegerische Interventionen aus, alle auf fremdem Territorium, alles Eroberungskriege." 


Babtschenko schreibt mit dem Talent zur Prophezeiung, die allerdings wie so oft nicht gehört wird. "Ich habe zehn Jahre lang geschrieben: Flieht, ihr Dummköpfe. Es wird Krieg geben, Faschismus, den Gulag. Es wird nur schlimmer, haut ab. Und dafür haben sie mich einfach nur gehasst."


Selenskyj beschimpft er als einen zu reaktiv eingestellten Politiker, der als gelernter Schauspieler seinen Applaus sucht. Sein Volk ermuntert Babtschenko mit Durchhalteparolen: „Wir alle werden in unsere Häuser zurückkehren. Wir werden sie renovieren und erneut Wurzeln schlagen. Hört ihr? Nicht schlapp machen, nicht rumheulen. Alles wird Ukraine sein.“ 

 

Arkadi Babtschenko, 1977 in Moskau geboren, kämpfte in den Tschetschenienkriegen. Später schrieb er für die „Nowaja Gazeta“, u.a. als Kriegskorrespondent. Seit 2017 lebt er im Exil. 2018 wurde ein tödlicher Anschlag auf Babtschenko in Kiew gemeldet – laut ukrainischem Geheimdienst eine Inszenierung zum Schutz vor russischen Verfolgern; der Fall sorgte international für Aufsehen. Babtschenkos Bücher wie „Die Farbe des Krieges“ (2007) zählen zu den bedeutendsten Werken der jüngeren Kriegsliteratur.

 

Arkadi Babtschenko Im Rausch Russlands Krieg rowohlt Berlin

Philosophie in Zeiten des Krieges

Sich immer eine Hintertür offen halten, nie alles von sich preisgeben, die Dinge plötzlich von ganz anderer Seite betrachten: Volker Reinhardt erzählt das Leben des philosophischen Virtuosen Montaigne konsequent in seinem historischen Kontext, der Zeit der Bürgerkriege in Frankreich. (C.H.Beck)

 

Wie fortschrittlich kann ein Konservativer doch denken, schreiben und handeln! Seiner Zeit weit voraus tritt Michael Montaigne im 16. Jahrhundert dem religiösen Wahn entgegen. In Frankreich toben die Religionskriege: Eine sich radikalisierende katholische Mehrheit gegen eine große, nicht minder radikalisierte reformierte Minderheit. Die Bartholomäusnacht von 1572 ist der blutige Höhepunkt dieses Konflikts, dessen theologischen Hintergrund Montaigne in den „Essais“ seiner ganzen Lächerlichkeit preisgibt. Volker Reinhardt, Professor für Geschichte an der Universität von Fribourg, hat über diesen zwischen allen Stühlen schreibenden Philosophen eine „Philosophie in Zeiten des Krieges“ geschrieben.

 

Sie räumt mit dem geschichtlichen Bild Montaignes einerseits gründlich auf und vertieft andererseits eine moderne Lesart seiner „Essais“ mit einer Neuübersetzung zahlreicher Belegstellen. In Zeiten tobender Inquisition, wahllosen Hexenverbrennungen und einer Zensur durch den Index der „verbotenen Bücher“ aus dem päpstliche Rom bedurfte eines großen taktischen Geschicks, dieses Leben zwischen den Kriegsparteien zu führen und so „ketzerische“ Schriften wie die „Essais“ zu veröffentlichen.

 

Von diesen taktischen Finessen Montaignes, von seinen Verschleierungen und seine Kritiker in die Irre führenden Täuschungen handelt diese sorgfältig recherchierte Biographie. Als ob Montaigne ein raffinierter Betrüger und Verbrecher gewesen wäre. Das war er auch in den Augen der herrschenden klerikalen Eiferer in allen Lagern. Er war es auch – aber im Dienst von Vernunft, von einer Absage an Gewalt, von einer vorweggenommenen Aufklärung, im Dienst der Wahrheit.
Montaigne wurde 1533 als ältester Sohn einer bürgerlichen Familie geboren. Seine Mutter entstammte einer Kaufmannsfamilie in Toulouse, sein Vater wurde ein angesehener Bürgermeister von Bordeaux und sorgt dafür, dass sein Sohn als junger Mann in das parlement von Bordeaux berufen wird, einen örtlichen Gerichtshof, in dem Michel nicht reüssiert, aber bald eine schändliche Netzwerk-Korruption feststellt. Der Umweg über das Amt im parlement zur Anerkennung als Adliger mit allem Ansehen und allen Rechten war steinig. Über das vorhandene, seit hundert Jahren im Familienbesitz befindliche Landgut und eine entsprechende Lebensführung gelang diese schließlich. Schon hierzu waren Verstellungen notwendig.

 

Auf einer langen Romreise erfuhr Montaigne, dass er auf Betreiben von mächtigen Freunden, die seine vernünftigen Einstellungen schätzten, wie sein Vater zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt und nach zwei Jahren eher lustloser Amtsführung sogar durch geschicktes Taktieren zu einer weiteren Wahlperiode wiedergewählt wurde. Die endete im Chaos einer Pestepidemie.
Sein bester Freund und philosophisches Vorbild Etienne de Boétie stirbt 1563. Er heiratet zwei Jahre später Françoise de la Chassaigne. Aus der Ehe gehen sechs Kinder hervor, von denen nur die 1571 geborene Leonore das Erwachsenenalter erreicht. Nach dem Tod seines Vaters erbt er dessen wichtigste Titel und Güter, er zieht sich auf Schloss Montaigne zurück und veröffentlicht den literarischen Nachlass seines verstorbenen Freundes, den er hochgestellten Persönlichkeiten widmet. Daraufhin wird er in den königlichen Ritterorden Ordre de Saint Michel aufgenommen und zum königlichen Kammerherrn ernannt. Damit ist sein aristokratischer Status gesichert.

 

1580 erscheinen seine ersten, auf Schloss Montaigne entstandenen Essais in einer zweibändigen Ausgabe, denen später weitere, ergänzte und veränderte Ausgaben erfolgen. Auf einer langen Romreise mit zahlreichen Umwegen schreibt er eine Art Reisejournal, in dem er wiederum aus taktischen Erwägungen vieles vortäuscht. Seine mitgeführten Essais werden von der päpstlichen Zensurbehörde zunächst konfisziert, schließlich aber mit Ermahnungen, einiges künftig zu ändern, zurückerstattet. Auf diese päpstliche Unbedenklichkeitsbescheinigung kommt es ihm an. Er fährt fort, an seinen Essais zu schreiben und aus den „Versuchen“ wird philosophischer Klartext, den sein Biograph in überlegener Kenntnis des ganzen Werks überzeugend und großzügig auswählt sowie in seiner eigenen, modernen Übersetzung zitiert. Der kleine bibliographische Anhang verweist u.a. auf die hervorragende, von Hans Stilett besorgte Gesamtübersetzung von 1999 im seinerzeit noch von H.M. Enzensberger verantworteten Verlag Die Andere Bibliothek.

 
Als markantes Beispiel und Quintessenz für den philosophischen Klartext Montaignes wählt Reinhardt den 1588 veröffentlichten Essai „Wider den Wahn“ aus, der die seinerzeit grassierenden Hexenverbrennungen aufs Korn nimmt. Montaigne ruft zum Gebrauch des Gesunden Menschenverstandes auf, der die unter Folter erpressten „Geständnisse“ als religiös verfälschte Beweise verwerfen müsste. 78 Jahre nach seinem Tod 1592 setzt die Katholische Kirche Montaignes Essais auf den Index der verbotenen Bücher.


Harald Loch


Volker Reinhardt: Montaigne   -   Philosophie in Zeiten des Krieges
C.H.Beck, München 2023   330 Seiten   29.90 Euro

 

Volker Reinhardt ist Professor für Geschichte an der Universität Fribourg.

Der Patient Deutschland auf der Couch

Der Patient ist Deutschland. Die Autorin wollen wir an dieser Stelle mal als Ärztin verstehen, die den kranken Patienten Deutschland eingehend untersucht. Für die genaue Anamnese muss die Mutter von Anita Blasberg zur Verfügung stehen, die ein Krankheitssymptom nach dem anderen berichtet, weil ihr das Vertrauen in die Politik, diesen Staat und seine Gesellschaft verloren gegangen ist. Es kommen weitere Zeitzeugen mit ihren Krankheitsgeschichten auf die Couch, auch prominente wie der Politiker Franz Müntefering oder der Unternehmensberater Roland Berger. 


Bleiben wir also für einen Moment in der Arzt- Patient-Metapher. Es werden der Puls gemessen, die Hirnströme, das Herz-Kreislauf-System untersucht, das Knochengerüst abgetastet, man würde in die Krankheitsakte schreiben, Details von den versagenden und verzagenden Institutionen in Deutschland, der nicht mutigen Politik, der Schere zwischen Arm und Reich, der mangelnden Innovationsfähigkeit. Deutschland ist gefühllos, dem Geld hinterher hetzend, ihm fehlt die Lernfähigkeit und Ernsthaftigkeit, Zusammenhänge werden nicht mehr hergestellt. 


Fassen wir also die Diagnose zusammen, Deutschland leidet - und das ist meine Formulierung - an Schlafapnoe, Atemaussetzer des Systems, Sauerstoffarmut und dauerhafter Schläfrigkeit. 
Zu diesem Befund komme ich, nachdem ich dieses Buch gelesen habe. 
Es sind nicht die Formulierungen der Autorin selbst, sondern die des Rezensenten, aber sie meint genau das. 


Wir haben einen Vertrauensverlust festzustellen, der in Stufen erfolgt ist. Die Mutter der Autorin, die in einem viertägigen Gespräch mal so richtig vom Leder zieht, schimpft, weil wir nicht aus Fehlern lernen, die Politik keine Entscheidungen trifft, die Politiker sich die Taschen vollstecken, das soziale Miteinander verloren gegangen ist. Auch die Journalisten bekommen ihr Fett weg, zu unkritisch, zu viel Hype, zu viel Mainstream, zu wenig systemische Kritik.


Sehr eindrucksvoll das Kapitel Melnyk, der deutsche Militärhilfe ersehnt und beschimpft nach Hause geschickt wird. 


Und wie könnte Vertrauen wiederkehren? 


Lagerdenken und Feindbilder aufgeben, auf Gemeinsamkeiten besinnen, ständigen Wettbewerb begrenzen, echte globale Kooperation, Revitalisierung des wirtschaftlichen Wettbewerbs und Zerschlagung der Monopole, das wäre ein WUMMS und, und, und, vor allem miteinander reden. 


Eine überzeugende, gut lesbare Studie über Deutschland und seine Bewohner, ein Erfahrungsbericht von der politischen und gesellschaftlichen Basis, brillant reportagehaft geschrieben, ganz und gar nicht hochnäsig oder journalistisch besserwisserisch. 
Fazit: Deutschland muss aus seiner dauerhaft-dämmernden Schläfrigkeit aufgeweckt werden.


Anita Blasberg, 1977 in Düsseldorf geboren, studierte Sozialwissenschaften, Politik, Psychologie und Germanistik. Seit 15 Jahren arbeitet sie als Redakteurin und Reporterin für DIE ZEIT. Zuletzt entwickelte und leitete sie gemeinsam mit Dorothée Stöbener das neue Ressort Entdecken. Sie wurde mit dem Deutschen Sozialpreis und dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Für die Fernsehreportage „Die Weggeworfenen" erhielt sie u. a. den Prix Italia. Blasberg hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie bei Hamburg.


Anita Blasberg Der Verlust Warum nicht nur meiner Mutter das Vertrauen in unser Land abhandenkam ROWOHLT

 

Die Fratze des Krieges

Titel
Katrin Eigendorf Putins Krieg Wie die Menschen in der Ukraine für unsere Freiheit kämpfen S.Fischer


Autor
Katrin Eigendorf, geboren 1962, gehört zu den renommiertesten deutschen TV-ReporterInnen. Seit den 1990er Jahren ist sie Auslandskorrespondentin und berichtet für ZDFheute, heute-journal und Auslands-Journal aus Krisenregionen. Seit 2018 ist sie Internationale Reporterin des ZDF mit den Schwerpunkten Ukraine, Russland, Afghanistan, Libanon, Irak und Türkei.


2021 wurde sie zur Journalistin des Jahres in der Kategorie „Reportage national“ gewählt und mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus ausgezeichnet, 2022 wurde sie für den Grimme-Preis nominiert.  Sie bekam auch den Deutschen Fernsehpreis. Seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 war Katrin Eigendorf über Wochen in der Ukraine und berichtete zeitweise täglich über die Situation der Menschen im Land. Katrin Eigendorf lebt in Berlin.


Inhalt
Reportagen aus dem Krieg in der Ukraine - Menschen berichten über ihren Freiheitskampf und ihre Bedrohungen - die russische Seite kann allerdings nicht dargestellt werden.


Gestaltung
Hardcover, 256 Seiten, zehn Kapitel aus den verschiedenen Kriegsregionen, kurzes Vorwort, Dank am Ende und knappes Literaturverzeichnis, Übersichtskarte der Ukraine und den umliegenden Ländern. Vor jedem Kapitel leitet ein Foto den Text ein. Ihm vorangestellt sind Zitate. In den Text eingestreut Auszüge der Reportagen als Text. Beim Lesen nervig das Doppelpunkt-Gegendere.
Cover Gesichtsfoto von Katrin Eigendorf mit Ukrainefoto und Pulverdampf, mit dem Aufkleberhinweis, dass es sich bei der Autorin um die Korrespondentin des ZDF in der Ukraine handelt.


Zitat
„Es hatte viele Anzeichen für dieses geradezu faschistoide Denken eines Staatsführers gegeben, der in Formen der staatlichen Expansion denkt, die Europa überwunden zu haben glaubte.“


Meinung
Es ist ein klassisches Reportagebuch, keine umfangreiche politische Analyse der Ursachen, der militärischen Operationen oder des geostrategischen Blicks in die Zukunft. Das will das Buch aber auch nicht sein. Eigendorf zeigt den Alltag des Krieges in einer Chronik der laufenden Gewalttaten Russlands, immer aus der Nähe und aus der menschlichen Perspektive betrachtet. Immer wieder zieht Eigendorf auch einige Parallelen zum politischen Versagen des Westens in Afghanistan, denn Eigendorf ist erfahrene Kriegsberichterstatterin. In der Redaktionsstube zu sitzen und schlaue politische Analysen zu verfassen ist Eigendorfs Sache nicht. Sie will am Ort sein, dort, wo Journalisten immer gewohnt sind zu sagen, sie seien vor Ort. 


Vom Aufbau der Drohkulisse Russlands bis hin zu den Kriegsverbrechen in Butscha zeigt Eigendorf ein breites detailliertes Panoramabild der Situationen im Kriegsalltag. Historische Verweise sind knapp gehalten, Eigendorf beschränkt sich auf den Weg der Ukraine vom Majdan, über die Krim-Annektierung bis hin zu Butscha, Borodjanka und Irpin. 
Der Agressionsweg Russlands beginnt mit dem Fall der Administration in den beanspruchten Gebieten der Ukraine, es folgen die Übernahme der Polizeistationen, des Militärkomplexes, der Radiostationen und dem Aufbau einer Separatistenbewegung, um die Ukraine zu spalten. 
Immer wieder streut Eigendorf auch Persönliches ein, etwa, dass sie den Krieg in der Ukraine als ihre wohl wichtigste Herausforderung sieht. Sie vergisst nicht ihr Team („Es ist auch wichtig, dass wir uns als eine Gemeinschaft im Team verstehen“) zu loben, auf die Versorgungswidrigkeiten im journalistischen Alltag und die Strapazen der weiten Wege hinzuweisen, die Sicherheitserfordernisse mitzudiskutieren, auch die Beschränkungen bei Dreharbeiten, die durch die Interessen der ukrainischen Armee bedingt sind. Drehgenehmigungen der Armee müssen vorliegen, ein Presseoffizier ist bei den Dreharbeiten dabei. Detailbeobachtungen zeigen die optischen Orientierungen einer Fernsehjournalistin, die bei einer Frau nicht nur Erschöpfung feststellt, sondern auch, dass „die Haare strubbelig um ihren Kopf“ liegen. 
Etwas verwundert ist man über diesen Satz: “Die Gastfreundschaft, die Hilfsbereitschaft scheint Teil der Kultur, eine Art Überlebensgarantie zu sein.“ Meine Erfahrungen in Osteuropa sind eindeutiger, hier müsste ein IST stehen.

 
Eine kritische Beobachtung der politischen Entwicklung im Land Ukraine selbst fließt - etwas knapp gehalten - in die Zwischenzeilen des Textes ein: „Die Elite hat erneut das Land im Würgegriff, wenige Oligarchen dominieren die Wirtschaft, eng verflochten mit der politischen Elite.“ 
Russland hat nicht damit gerechnet, dass in heutigen Medienzeiten der Krieg dicht vor den Augen der Weltöffentlichkeit stattfindet. „Es wird immer deutlicher, der Blitzkrieg ist gescheitert.“ Und das ist die Fratze des Krieges: Bauern bestehlen, Kinder ermorden, plündern, planlos zerstören, Bomben werfen, Kriegsopfer verminen, ziellos die Bevölkerung töten, wütende Zerstörung, die Kriegsgräuel, wie Eigendorf sie plastisch darstellt, in einem Krieg, der von der Würde der Menschen nichts wissen will. Es wird getötet, die Menschen verwundet, gefoltert, vergewaltigt, verschleppt. 


Eigendorf findet die Rolle des Präsidenten Selenskyj überzeugend: „Sein ganzer Körper spricht vom Schmerz des Erlebten. Seine dunklen Augen wirken immer noch sehr intensiv, zugleich aber unendlich traurig. Nein, da steht kein Schauspieler, sondern der echte Mensch, der sich um Stärke bemüht und doch verletzlich wirkt.“ 


Eigendorf erwähnt, dass sie sich nicht ihrer Gefühlswelt hingeben will, doch wenn es um die Kinder und die leidenden Frauen im Krieg geht, bleibt es nicht aus, dass auch Kriegsreporterinnen sich das eine oder andere Gefühl zugestehen müssen. Schon weil auch das Buch im ICH-Stil geschrieben ist, so bescheinigt die Süddeutsche Zeitung in ihrer Rezension denn auch der Autorin etwas „böse Egozentrik“ und „journalistische Selbstgerechtigkeit“. Als Kriegsreporterin fliegen einem nicht nur die Kugeln und Bomben am Berichterstattungsort um die Ohren, zuweilen auch die Worte von Kollegen aus dem warmen Daheim. Dafür wurde zur ausgleichenden Gerechtigkeit Eigendorf in Fulda der „Winfriedpreis“ für Menschlichkeit in der Berichterstattung verliehen. Hier könnte nun eine lange journalistische Debatte beginnen, ob dies eine journalistische Kategorie ist. Wie eingangs gesagt, das Buch ist journalistische Impression, keine trockene Politanalyse. Dennoch lesenswert.


Leser
Wir alle, insbesondere die Politiker, die vor und nach der Krim-Annexion alle Augen zugedrückt haben und sie jetzt plötzlich öffnen, und auch das Nobelpreis-Komitee, das erst einen Krieg brauchte, um den Frieden zu entdecken.


Pressestimmen 
„Katrin Eigendorfs Schilderungen im Ukraine-Krieg sind vielschichtig, brutal, gehen gelegentlich ans Herz und schockieren bisweilen – und sind damit ein Abbild des grausamen und schrecklichen Krieges. Es gab nicht wenige Stellen in dem Buch, an denen ich innehalten musste, da die Erfahrungen im Kriegsgebiet, unter anderem in Mariupol, Charkiw und Kyiw, schon beim Lesen teilweise nicht zu ertragen gewesen sind.“ (Ostwestfalen-Blog)

 

Putin - der Killer im Kreml

Man könnte das Buch einen Regionalkrimi nennen, schon vom Titel her, denn der „Killer im Kreml“ spielt in Russland, zugleich aber auch in der Ukraine. Auch das Literatur-Genre des Politthrillers kommt in Frage. Es ist auch das Reportagebuch eines Kriegsreporters. Wissenschaftskrimi kommt als Einordnungsbegriff ebenso in Frage, wenn es um den Einsatz des Giftgases Nowitschok geht. Und am Ende ist es auch ein Phantasy-Roman, wenn darüber spekuliert wird, welche sexuellen Neigungen der Kreml-Chef hat. 


Ein Stilmittel ist jedoch durchgängig, die zugespitzten, handfesten und burschikosen Formulierungen des Draufgänger-Journalismus, der am Ort ist, Zeitzeugen kennt, Experten trifft, nicht drum-herumredet, sondern die Tatsachen mit knallendem Text schildert. So wird das Buch zum Pageturner, ein Thriller, der leider aus der russischen Real-Eiseskälte kommt und nicht - wie dereinst von John Le Carré - aus dem Fictionreich des Bösen. 


John Sweeney, Jahrgang 1958, war Reporter für die BBC und andere Medien. Er berichtet auch seit dem Kriegsbeginn aus Kiew über die Kriegshandlungen, Russland ist seit bald 30 Jahren sein Lebensthema. Er berichtet über Verhaftungen und Verletzungen völkerrechtlich verbindlicher Grenzen, über Morde, Bombenanschläge, Tschetschenienkriege, die Schicksale von Oppositionellen. Er thematisiert die Völkermordaktivitäten in Kriegen. Dass Putin den Westen und seine Appeasement-Politiker beeinflusst hat und Links- wie Rechtsparteien finanziell unterstützt, Söldnertruppen als getarnte russische Kriegsmaschienerie einsetzt, das alles listet der Journalist in beeindruckender Weise auf und zeichnet so ein brutal realistisches Schreckensbild. 


Nun kann man kritisch einwenden, dass seine Stilmittel des Boulevards auch ein Zerrbild abgeben, aber zugleich müssen wir uns doch ehrlich zugestehen, dass wir im Westen lange genug weder Klartext geschrieben noch Klartext gelesen oder geredet und böse Bilder und Taten zur Kenntnis genommen haben. Sachbücher wurden zwar genug geschrieben, aber eben in der Öffentlichkeit und Politik nicht ausreichend zur Kenntnis genommen. 


Die Schreckensmeldungen aus Russland sind lange Jahre zur News-Alltagsroutine geworden, vor dem Krieg schon und jetzt im Ukrainekrieg auch schon wieder. Die Gewöhnung und die Verdrängung greifen um sich.


Es ist nicht so, dass die politische Seite in dem Thriller-Buch zu kurz käme. Seine starken Seiten hat es auch, wenn Sweeney Oppositionelle zu Wort kommen lässt, wie die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja.  Es sind solche Zitate, in denen Sweeney seine Politikanalyse versteckt. 


„Die Gesellschaft hat grenzenlose Apathie gezeigt. … Die Tschekisten haben sich an der Macht eingerichtet, wir haben sie unsere Angst sehen lassen und dadurch nur ihren Drang verstärkt, uns wie Vieh zu behandeln. Der KGB respektiert nur die Starken. Die Schwachen verschlingt er.“ 


Boris Nemzow, Präsidentschaftskandidat gegen Putin und auf der Moskwa-Brücke im Zentrum Moskaus brutal erschossen bringt es auch auf den Punkt: „Diese grausame Dummheit eines wahnsinnigen KGB-Mannes wird Russland und die Ukraine teuer zu stehen kommen. Wieder einmal werden auf beiden Seiten junge Männer den Tod finden, Müttern und Ehefrauen werden die Söhne und Männer geraubt, Kinder zu Waisen gemacht. Auf die verödete Krim werden keine Touristen mehr kommen. Zweistellige Milliardenbeträge in Rubeln werden Alten und Kindern genommen und in die Kriegsmaschinerie geworfen und anschließend sogar noch mehr Geld, um das räuberische Regime auf der Krim finanziell zu unterstützen … Mein Gott, warum sollten wir derart verflucht sein??? Wie lange können wir das noch ertragen?!“ 
Nawalny, Dissident, Antikorruptions-Aktivist, auf den ein fast tödlicher Giftanschlag ausgeführt wurde und der zu einer neunjährigen Haftstrafe in einer Strafkolonie verurteilt wurde, analysiert „Er ist der Zar der Korruption.“ Und er meint Putin.

 

Oder - nach der Auflösung der ideologischen Anziehungskraft des Kommunismus - haben wir in der Russischen Föderation „eine ethnonationalistische Kleptokratie unter Leitung eines Raffkes mit einem zu langen Tisch.“ Sweeneys Fazit.


In den einzelnen Kapiteln dokumentiert Sweeney die lange Liste der Giftopfer, der Erschossenen, immer namentlich genannt, die mysteriösen Autounfälle und dramatischen Flugzeugabstürze, die Erhängten - als Selbstmorde getarnt - und Menschen, die aus Fenster stürzten. 
Detailliert beschäftigt er sich auch mit dem Giftgas-Nowitschok-Einsatz in England. Zitiert zum Beispiel 20 Vernebelungssätze des FSB etwa so: Nowitschok wurde gestohlen, es könnte dem Opfer Sergei Skripal selbst gehört haben, das Gift wurde in den USA entwickelt und so weiter.
Aber Sweeney gibt auch dem Spekulativen und damit dem Leser-„Affen“ Zucker über das Frauen- und Sexleben Putins oder Krankheiten, die er haben könnte.

 
Zugespitzt auch, wenn er auf Seite 193 eine Seite lang über Putins Gesicht spricht, von verschiedenen Merkmalen eines Psychopathen redet. Putin, ein aalglatter Lügner, ohne jegliches Muskelzucken im Gesicht, furchtlose Dominanz, Schuld-Externalisierung, bei Unklarheit der frühen Kindheit. 


Auch in den Schlusssätzen verbleibt der Autor auf der höchst spekulativen Ebene: „Ich traue mir die Voraussage zu, dass Wladimir Putin nicht mehr viel Zeit auf dieser Welt verbringen wird.“ Und der Spekulationshorizont wird ziemlich geweitet: Erhebt sich das Volk, weil die Wirtschaft in die Knie geht, wird Putin von seinen Generälen weggeräumt; greift er selbst zur Pistole oder zum Gift oder stirbt er an einem Tumor? Fügen wir selbst eine Spekulation hinzu: Sweeney selbst ist anschlagsgefährdet. 


Das Buch hat seine psychologische Tiefenwirkung beim Leser, weil es einerseits seriös recherchierend zusammenfassend und breit detailliert angelegt ist, aber zugleich auch journalistisch boulevardesk zuspitzt. Die Historiker werden dereinst die Spreu vom Weizen trennen müssen.  


John Sweeney, Jahrgang 1958, arbeitete als Reporter für die BBC und ist ein vielfach ausgezeichneter Journalist mit internationalem Profil, der seit Kriegsbeginn aus Kiew berichtet. Seit fast 30 Jahren verfolgt er als investigativer Journalist hartnäckig die Geschäfte und Verbrechen der Mächtigen Russlands, allen voran Wladimir Putins.

 

John Sweeney Der Killer im Kreml Intrige - Mord – Krieg. Wladimir Putins skrupelloser Aufstieg und seine Vision vom großrussischen Reich HEYNE

 

Worte als Waffe

 
Können Worte eine Waffe sein? Ja! Wolodymyr Selenskyjs Botschaften in seinen öffentlichen Reden können so verstanden werden. Zündend sind sie in jedem Fall, wirkungsvoll auf öffentlichen Bühnen, in Parlamenten und auch ganz einfach in den sozialen Medien gehalten. Sie zielen genau, und sie treffen ins Schwarze. 

 

Medial ganz traditionell und analog legt Ullstein ein aktuelles Taschenbüchlein mit 173 Seiten vor, gelbblaues Ukrainecover mit dem Präsidenten auf der Umschlagseite, der uns eindringlich in die Augen schaut, Reden im Zeichen des Krieges hält und doch damit langfristig wohl auf Frieden hofft. 

 

Der Erlös des Buches geht an eine von der Ukrainischen Botschaft in Paris beauftragte Organisation zur Unterstützung der ukrainischen Bevölkerung.

 

Was wirft das Buch für Fragen auf? Fällt die Ukraine, fällt auch Europa! Hinter diesem Satz steht ein Ausrufezeichen, müsste dort nicht ein Fragezeichen stehen!?
Selenskyj ist zur Hauptfigur des Widerstands gegen Putins Angriffskrieg geworden. 

 

Putin zerstört Städte, bombardiert die Zivilbevölkerung, verletzt Menschenrechte, hat die europäische Friedensordnung über den Haufen geworfen, droht allen europäischen Demokratien, verbreitet Angst. Vor allem, wenn er von Atombomben spricht, beginnt Europa zu zittern.
Was hält der ukrainische Präsident Selenskyj dagegen? In diesem Buch: das Wort!

 

Selenskyj hat das Studium der Juristerei absolviert, war Schauspieler, Komiker, Regisseur, Fernsehmoderator, Film-Produzent und Drehbuchautor. Und jetzt ist er eben Staatspräsident.
Seine Reden hält er vor ausländischen Gremien oder gerne besonders häufig über die sozialen Netzwerke.

 

Sein Volk ruft er zu Mut und Tapferkeit auf. Er berichtet ungeschminkt über Erfolge und Scheitern im Krieg. Selenskyj stellt historische Zusammenhänge her. Etwa bei seiner Rede an die französische Nation erwähnt er Verdun, gegenüber Japan die Atomunfälle, für die Vereinigten Staaten Pearl Harbor, bei Deutschland die Verbrechen der Wehrmacht in der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges.

 

Selenskyj spricht über die Einheit der ukrainischen Gesellschaft, spart nicht mit Pathos, etwa wenn er in einer Rede mit „Großes Volk eines großen Landes“ eröffnet. Seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz beginnt er so: „Russland sagt, dass es keinen Angriff unternehmen wird. Jemand lügt.“ Selenskyj weiß auch das Publikum einzubeziehen, wenn er zum Beispiel zur Invasion der Russen am 24. Februar 2022 sagt: „Heute sind wir es, morgen seid ihr‘s.“
Die wiederkehrende Formel am Ende seiner Reden: „Ruhm und Ehre der Ukraine.“ 

 

Schon Anfang März erwähnt Selenskyj die Möglichkeit einer drohenden Hungersnot in bestimmten Regionen der Welt. Vorausschauend.  Immer wieder bringt Selenskyj moralische Kategorien in den Text ein oder ruft die Bewohner der Städte zum Durchhalten auf. „Wir kämpfen gegen einen mächtigen Feind, der uns zahlenmäßig überlegen ist und der eine hohe Materialüberlegenheit hat, der abertausend Lichtjahre von den normalen Menschen entfernt ist, die menschliche Würde besitzen.“
 „Raketen auf Odessa? Es wird ein Kriegsverbrechen sein, es wird ein Verbrechen für die Geschichtsbücher sein.“

 

Selenskyj beweist patriotische Stärke: „Ich bleibe hier. Ich bleibe in Kiew … Ich verstecke mich nicht und ich habe vor niemandem Angst, wie viel es auch kosten mag, diesen unseren patriotischen Krieg zu gewinnen.“ 
Es sind kurze einprägsame Worte und Sätze, die Selenskyj wählt, klare Formulierungen, die sofort eingängig sind und bestens verstanden werden, etwa in dem Satz: „Sie radieren unsere Klöster aus, wir versorgen die Gefangenen.“ 

 

Als der deutsche Bundestag ihm zuhört, appelliert Selenskyj an Kanzler Scholz: „Geben Sie Deutschland die Führung, die es verdient und auf die ihre Nachfahren stolz sein werden, unterstützen Sie uns.“
Kapitel 24 ist überschrieben: „Die Freiheit muss besser bewaffnet sein als die Tyrannei.“ 

 

Das Buch ist sicher eine Momentaufnahme auf der Time-Line eines Krieges, eine aktuelle Zustandsbeschreibung, in einer Zwischenzeit der kriegerisch-bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine, ein Angriffskrieg, der an Brutalität kaum zu überbieten ist. Es sind in diesem Buch zusammengefasst Einsichten und Aussichten, Augenblicke, Kommentare, patriotische Gefühle, strategische Einschätzungen, Appelle, Fragen an die Weltöffentlichkeit, Bitten um Unterstützung für das Militär. Selenskyi will der Bevölkerung Mut machen, es ist ein erschütterndes Dokument eines bedrohten Volkes, im Angesicht von Kriegsterror, der aus Moskau kommt und dessen Auftraggeber Putin heißt. 
 
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj, geboren am 25. Januar 1978 in Krywyj Rih, ist seit dem 20. Mai 2019 Präsident der Ukraine. Nach seinem Jurastudium erlangte er in der Ukraine und in Russland Popularität als Schauspieler, Komiker, Regisseur, Fernsehmoderator, Filmproduzent und Drehbuchautor. Für seine Haltung und sein Auftreten angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine seit Februar 2022 erfährt er weltweit Hochachtung.
 
Wolodymyr Selenskyj Für die Ukraine - für die Freiheit Reden im Zeichen des Krieges ULLSTEIN

Putin und der MAFIA-KGB-KAPITALISMUS

Klare Worte, eindeutige journalistische und weniger wissenschaftliche Formulierungen und Erkenntnisse, einfachere Interpretationsmuster, mehr Quellenanalyse anderer Autoren und dennoch eigene handfeste Urteile, eher politische Streitschrift als glasklare Analyse. Das ist mein Fazit, nachdem ich das 175-Seiten-Essay aus der Hand gelegt habe, entstanden aus einer Politserie im österreichischen Magazin FALTER.
Fassen wir mal zusammen, was Misik meint: Putin hat den Verstand verloren, dämmert in einer Parallelwelt vor sich hin. Da zitiert er Analytiker und Politiker. Putin lebt in seiner eigenen Welt, seine Art der Rationalität können wir gar nicht verstehen. Russland wolle einen Konflikt mit dem Westen, der Westen sei durchschaubar, der Kreml jedoch nicht. 


Eine Einmann-Tyrannei regiert Russland. Mancher Putingefährte warf das Handtuch, weil Russland unfrei wurde, Kriegshetze betreibt und von einer Macht- und Oligarchenclique regiert wird. Hier einige Zitat-Kostproben: „Im hybriden Krieg sind Lügen Part of the Game.“ Russland will die Veränderung des Status quo, verhält sich expansiv. „Nach diesem Krieg wird es Jahrzehnte des Hasses geben, und außerdem liegt die Ukraine in Schutt und Trümmern.“ „Für China ist Putin nicht viel mehr als ein Tankwart mit Atomwaffen.“ „Russland wird so isoliert sein, wie es niemals war.“ So perlt die Analyse dahin. 


Misik blickt auch zurück, beschreibt den kämpferischen Judo-Jugendlichen Putin, dessen Bildungshorizont sich in Kämpfen auf der Straße entwickelt: “Ich war ein echter Schläger.“


 Mit Putin hat sich eine Despotie über Russland gesenkt. Es Diktatur zu nennen, verkneift sich der Autor. Die pluralistische Gesellschaft wird in einem „schleichenden Putsch“ immer mehr abgewürgt. Putins Ideologie ist russisch-nationalistisch, autokratisch und spirituell-religiös. Das sind die Elemente dazu: Starker Staat, Patriotismus, territoriales Politikverständnis, Russland, die bedrohte und die beleidigte Nation.

 

„Wladimir Putin produziert gleichsam selbst exakt das, was er beklagt.“ 
Hinzu kommt ein Dogma, der Ukraine die Staatlichkeit und das Existenzrecht abzusprechen, mit der Formel (Ukraine, die erfundene Nation): „Ein Nazi ist ein Ukrainer, der sich zuzugeben weigert, dass er Russe ist.“ Für Misik ist klar, ohne die Ukraine ist Russland amputiert. Wenn Russland Großmacht sein will, muss es die Ukraine kontrollieren, „das kann man drehen, wie man will“. 


Immerhin geht sein Blick in die Zeit zurück, als 2007 Nichtregierungsorganisationen als ausländische Agenten zu registrieren waren, er erwähnt drohende Strafen bei Oppositionsverhalten, den Personenkult um Putin, die nationalistisch-religiösen Spindoktoren, die Machtmittel der gelenkten Demokratie. Wenn es aber an komplizierte Netzwerkverflechtungen geht, verweigert der Autor die Detailgenauigkeit, verweist auf ausführliche Werke, da verlässt er sich in der eigenen Analyse auf einzelne illustrierende Exempel: Für ihn ist Russland eine Art „Mafia-KGB-Kapitalismus“. 


Sein Fazit: Putin hat keine Angst vor einer expandierenden NATO, er hat vielmehr Angst vor der freiheitlichen Lebensweise der Demokratien. Die Reduktion von Komplexität vereinfacht das Lesen dieses Buches. Ob es immer der Wirklichkeit gerecht wird, sei in Frage gestellt. 


Robert Misik, geboren 1966, ist ständiger Autor der „tageszeitung“ (Berlin), von „profil“ und „Falter“ (Wien) und einer der streitbarsten linken Publizisten seiner Generation. Autor zahlloser Kritiken, Essays, Kommentare und Reportagen. 1999 und 2000 erhielt Robert Misik den "Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch".

 


Robert Misik PUTIN Ein Verhängnis Wie Wladimir Putin Russland in eine Despotie verwandelte und jetzt Europa bedroht PICUS

"Der weiße Gesang" über Opposition in Belarus 

„Du kannst nicht zuhause Borschtsch kochen, wenn dein Mann im Knast verprügelt wird.“


„Der weiße Gesang“ – so der Titel des Buches von Dorota Danielewicz – bedeutet die Wiederkehr einer alten volkstümlichen Gesangstechnik von osteuropäischen Frauen, die ihren Gefühlen beim Singen einen freien Lauf lassen, ihre Stimme kommt aus dem Solarplexus und nimmt den ganzen Körper als Resonanzraum mit. Man hört also ganz „ungeschminkt“ die guten, ehrlichen Stimmen der Frauen, die ihr Innerstes nach außen kehren. Damit ist der Titel des Buches geklärt.


Die politische Ausgangslage in Südosteuropa benennt die Autorin so: Wie sind die imperialen Pläne Russlands, was heißt das für die geopolitische Lage in der Ukraine, in Georgien, Kasachstan und Belarus? Was hat sich nach den gefälschten Wahlen in Belarus getan? Wie lange kann sich Alexander Lukaschenko an der Macht halten?


Eines ist klar, die Opposition konnte das System Lukaschenko nicht aushebeln, die Demonstranten sind entweder zu politischen Gefangenen geworden, tausende sitzen in Haft oder in Arbeitslagern oder sie mussten ins Exil, ins benachbarte Ausland, vor allem nach Polen und Litauen flüchten.


Das Buch von Dorota Danielewicz mit Interviews und Porträts über die mutigen Frauen der belarussischen Revolution versammelt die lauten, beherzten Demonstrantinnen und Oppositionellen, die auf die Straße gegangen sind, um in Massenprotesten gegen Alexander Lukaschenko ein politisches Zeichen der Demokratisierung zu setzen, gegenüber einem Machthaber, der sich seit 26 Jahren an der Spitze hält.
Der Befund ist schon am Anfang klar: Lukaschenko hat im heutigen Belarus das kommunistische System in das Heute hinein verlängert, und Russlands Politik geht es um die Aneignung von Territorien, also Eroberung oder Einflussnahme.


Die meisten oppositionellen Frauen hatten sich im Koordinierungsrat organisiert, um in einer beispiellosen Initiative von zivilem Ungehorsam sich gegen die Diktatur in Belarus zu stellen.


Viele Frauen wurden vorübergehend in Haft genommen, mit vorgeschobenen oder inszenierten Anklagepunkten inhaftiert, sie wurden geschlagen oder sogar gefoltert.


Das Buch zeigt die persönlichen Schicksale der festgesetzten Frauen, die in den engen Gefängniszellen tage- oder wochenlang ausharren müssen, bevor sie wieder freigelassen werden. Niemand soll wissen, wo dies geschieht. Deshalb stehen Gefangene oft hilflos vor den Toren der Haftanstalten, müssen sich Handys ausleihen, um sich abholen zu lassen, weil die Angehörigen gar nicht wissen können, in welchen Haftanstalten die Demonstranten gelandet sind.


Dort müssen sie Überlebensstrategien für sich selbst finden. In den Zellen treiben sie Gymnastik, marschieren zwischen den Mauern stoisch hin und her, lernen Gedichte auswendig, füttern anwesende Spinnen oder andere Tiere, bemalen Wände oder führen Monologe.


Die politische und persönliche Alternative ist das selbstgewählte Exil in Nachbarländern. Auch von dort aus können sie politisch Einfluss nehmen. Anfang 2022 gab es 700 Flüchtlinge, die Belarus verlassen haben. In Polen wird die belarussische Minderheit auf 30.000 Personen beziffert. Schon das Zeigen der weiß-rot-weißen Flagge gilt als Haftgrund. Das Exil vor allem in Polen und Litauen ist also der Ausweg für die Oppositionellen.


So sagt eine Demonstrantin: „Ich habe mein Zuhause verloren, meinen Studienplatz, meine gesamte Umgebung. Meine Welt brach komplett zusammen, alle Pläne, die ich hatte, lösten sich in nichts auf. Nur weil ich zu meinen Überzeugungen gestanden habe, weil ich versucht habe, die Rechte der Studierenden zu verteidigen, flog ich von der Uni.“ 


Der Wahlbetrug Lukaschenkos war das Hauptmotiv, um auf die Straße zu gehen und gegen das System zu protestieren. Den Demonstranten wird dann Extremismus vorgeworfen, und sie wandern nach inszenierten Gerichtsverhandlungen in den Knast. Die rechtswidrige Inhaftierung ist verbunden mit unmenschlichen Bedingungen. Im Gefängnis wurden zum Beispiel Frauen zu stundenlangem Stehen gezwungen. Sie wurden medizinisch oder hygienisch nicht versorgt, mussten sich nackt ausziehen, wurden gedemütigt. Auch hohe Geldstrafen oder langjährige Haftstrafen sollen den politischen Widerstandswillen brechen. Wer ins Arbeitslager muss, ist sogar gezwungen, sich die Fahrkarte selbst zu kaufen.


Im offiziellen Sprachgebrauch gibt es den Begriff in „Haft nehmen“. So kann es durchaus vorkommen, dass die Sicherheitsbehörden mitteilen, dass eine „Mikrowelle oder der Staubsauger gerade verhaftet wurde“. In „Haft nehmen“ heißt nämlich auch „pfänden“.


Am schlimmsten traf es Siarhej Tichanowski, der gegen Lukaschenko kandidieren wollte. Er ist Videoblogger und Ehemann von Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, die für ihn als Kandidatin einsprang. Ihm wurde vorgeworfen, über Socialmedia-Kanäle Demonstrationen, Aufstand, Ausschreitungen organisiert und damit sozialen Hass angestachelt zu haben. So wurde seine Kandidatur verhindert. Er wurde wegen Verbot, Vorbereitung und Organisation von Massenaufständen zu 18 Jahren Arbeitslager unter verschärften Bedingungen verurteilt. 


Der politische Befund ist klar: Die Machtvertikale von Lukaschenko lässt demokratische Prozesse nicht zu, doch die Hoffnung der oppositionellen Frauen ist ebenso klar: alle Diktaturen fallen. Die Frage wäre dann allerdings noch zu beantworten: Wann? 

 


Dorota Danielewicz Der weiße Gesang Die mutigen Frauen der belarussischen Revolution EUROPA Verlag


Dorota Danielewicz ist in der deutschen Literaturszene bekannt. Sie lebt seit ihrem 16. Lebensjahr in Berlin, war fast 20 Jahre lang als Rundfunkjournalistin für den RBB tätig und hat in deutschsprachigen Zeitungen publiziert. Ihr erster Roman Auf der Suche nach der Seele Berlins erschien 2014, ihr Buch Der weiße Gesang über die mutigen Frauen in Belarus im Frühjahr 2022, beide im Europa Verlag.

 

Putins Netz

 

Jahrzehnte gab es einen Berufsstand in Europa, dem kein festgelegtes Ausbildungsprofil zugrunde lag: dem Kreml-Astrologen. Je weniger über die Machtelite hinter den Kremlmauern nach außen drang, umso mehr blühten die Phantasien um Politik und Personen der KpdSU. Spione, „rote Koffer“, Atombombenarsenale, Politthriller befeuerten die Analysen, und wie so oft bei Astrologie war von vorneherein klar, dass es bei aus Sternbildern abgeleiteten Analysen so oder aber auch anders werden kann mit dem, was dereinst UdSSR genannt wurde.

 

Catherine Belton, Journalistin bei der Financial Times und heute bei Reuters tätig, gehört dem Berufsstand der Kreml-Archäologen an. Archäologie dient als Wissenschaft dazu, die Vergangenheit und die kulturelle Entwicklung der Menschheit zu erforschen, zum Beispiel durch Ausgrabungen. Belton gräbt aus, erforscht also das Beziehungsnetz Putins in der Entwicklung bis heute. Unglaublich detailliert arbeitet sie mit dem Ärchologen-Pinselchen heraus, wer Putin in den Sattel hievte und wen Putin aus demselben hob oder gar herunterstürzte.

 

Mafiabeziehungen, Bankkonten, Immobiliengeschäfte, Firmenübernahmen, Vorstands- und Aufsichtsratsposten, Geldflüsse, Luxusvillen, Superyachten spielen eine Rolle, Menschen verschwinden, ebenso Staats- und Parteigelder, Missliebige werden erschossen oder stürzen aus Fenstern. Das sind die „Artefakte“, die mit dem Archäologenpinselchen klar hervortreten und aufweisen, wie aus einem autokratischen System nach und nach eine Diktatur wurde.

 

Und der Westen, PR-Firmen, Banken, Rechtsanwaltskanzleien verdienten – vor allem in London – kräftig mit. „Es ist ein Kartenhaus. Ein kleiner Stoß reicht, und alles bricht zusammen. (…) Das weiß er auch, aber er kann nicht aus sich heraus“, analysiert ein Weggefährte Putins.

Auf solchen Vorhersagen gründet nach einem Angriffskrieg Russlands sich nun auch die Hoffnung des Westens, der scheiternde Blitzkrieg oder Long-Angriffskrieg konnte in diesem Belton-Buch natürlich noch nicht vorkommen. Sie analysiert Machtstrukturen, Abhängigkeiten, Vitamin-B-Zusammenhänge, Devisengeschäfte, Milliarden-Dollar-Transfers und die völlige Abwesenheit, was Moralphilosophen schlechtes Gewissen nennen. Kein Wunder, der KGB führt Wirtschaft, Justiz und politisches System an. Er benutzt als Hydra-Konstrukt den Kapitalismus, um es dem Westen heimzuzahlen, denn der Zerfall des einstigen Sowjetreichs ist historisch noch nicht verdaut.

 

Wir erleben Putins schnellen Aufstieg in St. Petersburg, seinen Einsatz an der KGB-Front in Dresden, wo einst in Hotels Wanzen das Sexleben von Westlern ausforschten. Belton ruft die Zusammenarbeit der Geheimdienstler mit Terror-Gruppierungen der arabischen Welt in Erinnerung, die Verstrickung der Stasi mit der RAF und dem Global-Terroristen Carlos.

In dem Buch behauptet eine nicht genannte Quelle aus dem RAF-Kreis der Terroristen, Putin habe hier eine Rolle gespielt, „… den Westen zu erschüttern und zu destabilisieren, behauptet das einstige Mitglied der Terrorvereinigung. Laut dem ehemaligen RAF-Mitglied verfolgte der Anschlag auf Herrhausen sowjetische Interessen: ‚Ich weiß, dass das Ziel aus Dresden vorgegeben wurde, nicht von der RAF.‘“

 

Beweise für diese steile These liegen in dem Buche jedoch nicht vor. Belton lässt Putins Umkreis zu Wort kommen, Putin das Chamäleon: „Er wechselte seinen Standpunkt so schnell, dass man nie sagen konnte, wer er wirklich war.“ Belton lässt Erinnerungen an die Mangelwirtschaft wach werden, als der Schwarzmarkt blühte, weil alles, aber auch alles fehlte: „Prostituierte gaben sich in einer Nacht für einen Strumpf und in der nächsten für den zweiten hin. Es war ein Albtraum.“

Die Zerschlagung des Ölkonzerns Jukos, das Schicksal Chodorkowskis fehlten ebenso wenig wie die genaue Beschreibung von Geldflüssen in geheimen Netzwerken und Zahlungssystemen des KGB. Die Geldscheffler „...fühlten sich vom Kommunismus betrogen.“ Es entstand eine „Freunderlwirtschaft“, ein dafür florierendes tätiges Bankensystem und an der Spitze der grandios aufgestiegene Putin: „Seine Arbeit war immer brillant. Er formulierte seine Ansichten präzise. Er analysierte Situationen präzise.“ Und er verstand sich aufs Täuschen: „Kriegsführung beruht auf Täuschung … Putin hatte das, was er beim Judo gelernt hatte, tief verinnerlicht.“ Unterwegs als russischer James Bond, mit geopolitischem Knowhow, der die Russen-Seele kennt: „Für die Russen ist ein starker Staat keine Anomalie, die es loszuwerden gilt. Ganz im Gegenteil – sie betrachten ihn als Quelle und Garanten der Ordnung und als Initiator und Triebkraft jedes Wandels.“

 

Aber Putin wird auch als mit Minderwertigkeitskomplexen belasteter Mensch geschildert, der zurückschlägt, wenn er sich herabgesetzt fühlt. Seine Gegner stellt er vor die Wahl, politischer Gefangener oder politischer Flüchtling zu sein. Die orthodoxe Kirche nutzt er zum Machtbackground, Gegner schaltet er komplett aus, der Presse wird die Freiheit genommen, die Opposition ins Gefängnis geworfen, die Telefonjustiz feiert wieder fröhliche Urständ. Unter den entsprechenden Telefonnummern gibt es erwünschte Urteile.

 

Und allem liegt die Philosophie seines Herrschaftsanspruches zugrunde, die auf drei Elementen beruht: „Das erste ist die Autokratie – eine starke Regierung, ein starker Mann, ein Papa, ein Onkel, ein Boss. Also ein autokratisches Regime. Das zweite Element ist das Territorium, die Heimat, die Vaterlandsliebe und so weiter. Das dritte Element ist die Kirche. Dies ist das Element, das alles zusammenbringt. Der Mörtel, wenn man so will. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich tatsächlich um die Kirche oder um die Kommunistische Partei handelt.“  

 

Auch das Schicksal der Ukraine wird behandelt: „Verlust der Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion (wird) am stärksten gespürt, als handelte es sich bei dem Land um ein Phantomglied des Reiches, von dem Russland glaubte, es befinde sich noch an seinem Körper … Russland steckte seinen Einflussbereich in den ehemaligen Sowjetrepubliken ab, wenn auch etwas spät. Es befand sich auf einer neuen Marschroute. Es war dabei, eine Brücke zu seiner Großmachtvergangenheit zu errichten.“

 

Weitere Schlüsselsätze im Belton-Buch: „Als der Westen dachte, der Wettstreit des Kalten Krieges sei vorbei, verlor er den Respekt vor seinem Gegner. Nun wird er sich dessen wieder bewusst.“

„Das passiert, wenn der KGB an die Macht kommt. Sie können nichts anderes als Geheimoperationen durchführen.“

 

Oder: „Die Schwäche des westlichen Kapitalismus, in dem Geld letztendlich alle Bedenken überwog, hat das System weit für die Manipulationen des Kreml geöffnet.“

 

Das gewaltige, opulente Recherchewerk der Autorin strengt selbst den aufmerksamen Leser an, fordert volle Konzentration und einen gewissen Zeitaufwand fürs Verstehen der komplexen Sachverhalte und Personenbeziehungen, bringt eine Überfülle von Namen. Akribisch seziert die Journalistin das System der Oligarchen und der Kleptokratie und deren Einfluss auf den Westen.

 

Kreml-Archäologie ist ein mühsames, aufwendiges von der Öffentlichkeit lange Jahre kaum beachtetes Geschäft. John le Carré, würde er noch leben, hätte Romanstoff für unendliche viele Thriller in Folge. Vielleicht hätten wir uns alle als Leser mehr Sachbücher als Spannungsschinken vornehmen sollen. Wie hieß dereinst sein Erfolgsroman: „Das Russlandhaus“ - der Titel wäre auch passend für Beltons Buch. In dem Gebäude gibt’s viele Türen, Räume, Geheimgänge und kaum Fenster. Wir hätten reinschauen sollen, solange die Einladung an den Westen galt.  

 

CATHERINE BELTON berichtete von 2007 bis 2013 für die Financial Times aus Moskau und arbeitet heute für die Nachrichtenagentur Reuters. Ihr 2020 erschienenes Buch „Putins Netz“ wurde von The Economist, der Financial Times, The New Statesman und The Telegraph zum Buch des Jahres gekürt. Catherine Belton lebt in London.

 

Warum das Autoritäre wieder modern ist


Es ist ein Buch, das sich aus persönlichen Erfahrungen, historischen Kenntnissen und der ausgeprägten Fähigkeit zu theoretischer Analyse speist. Wieso sind überall rechtskonservative Regierungen an der Macht? Warum taumeln Demokratien, ihr Selbstverständnis verlierend?
Der politische Diskurs hat sich verschoben, analysiert die Autorin Applebaum in ihrem Buch, und zwar nach rechts. Das essayistisch angelegte Buch, im journalistischen Sound geschrieben, nimmt sich die politischen Systeme in den USA und Großbritannien vor, in Frankreich, Italien, in Ungarn und Polen. 


Die Klammer des Buches mutet zunächst für eine Historikerin etwas seltsam an. Eingangs schildert Applebaum eine „Warming up Party“ in Polen, zu der sie aufs Land viele Freunde und Weggefährten eingeladen hat. Dort stellt sie einen Stimmungsumschwung unter ihren Gästen fest. Am Ende des Buches ist es wieder eine Party, die ihr klarmacht, sie hat einen Teil ihrer Freunde wirklich verloren, ins rechte und rechtsextreme Milieu abgedriftet, und nicht mehr erreichbar für sie.
Eine Milieustudie ist das also geworden, aber auch eine knallharte politische Analyse, mit vielen Fakten angereichert und impressionistisch grundiert. Und damit sehr gut zu lesen.


Sie schildert den Siegeszug der rechtskonservativen PiS, der polnischen Partei für Recht und Gerechtigkeit, die den Staatsapparat auf Parteilinie bringt und die Justiz, die Gerichte gefügig macht. 
Zuerst spürt sie Gegner auf, polenfeindliche Kräfte zum Beispiel, jene Polen, denen neuerdings die Schuld am Holocaust gegeben wird, es folgen die islamischen Zuwanderer, von denen es übrigens in Polen kaum welche gab, und schließlich am Ende die Homosexuellen, die „regenbogenfarbene Pest“, wie der Jargon der Straße heißt. 
Der Freundeskreis der Autorin zerfällt, antisemitische Propaganda macht die Runde, Verschwörungstheorien werden modisch, die Gräben verlaufen tief, mitten durch Familien, und sie zerreißen Freundschaften. Applebaum wird selbst - mit einem hochrangigen Politiker verheiratet - als Jüdin Opfer von Schmutzkampagnen. 


Applebaum wundert sich, dass es nicht die Unterschichten sind, die so in die Irre gehen, nein diese „clercs“ sprechen Fremdsprachen, haben Hochschulen besucht, leben wohl situiert in London, Washington, Warschau oder Madrid. Die Frage ist, haben sie immer schon autoritäre Haltungen gepflegt oder im neuen Jahrtausend irgendwie eine totale Wandlung durchgemacht?


Nationalistische Ideologen gehören dazu, ehemals hochgesinnte politische Essayisten, auch Harmoniesüchtige, denen die globale Welt und ihre Probleme einfach zu komplex ist. 


Entweder hat die Auseinandersetzung mit der Linken sie radikalisiert, mutmaßt Applebaum, oder sie kritisieren die Schwäche der liberalen Mitte. Sie sind Zyniker geworden oder bedienen sich der neu gefundenen autoritären Rhetorik, um öffentliche Macht und Anerkennung zu gewinnen. Untergangsphilosophen mischen sich unter die religiösen Fanatiker. Chaos-Befürworter treffen Machterhalt-Demagogen. 
Applebaum blickt mit historisch geschultem Blick in die Vergangenheit, mit journalistisch flotter Feder geschrieben durchstreift sie die politischen Systeme weltweit, analysiert modern gewordene Einparteienstaaten oder gewachsene Machtmonopole, und kehrt immer wieder in die Heimat Polen zurück.


Wer sind nun die nach rechts Abgedrifteten? Mit "clercs" bezeichnet Anne Applebaum all die Personen, die diesen Wandel, diese Breaks, diese Umstürze oder Umschwünge überhaupt erst ermöglicht haben. Sie sitzen in den social media, in Presse, Rundfunk und Fernsehen, arbeiten als Data-Analysten oder im Justizsystem, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Sie stricken so lange am Narrativ, bis die Wahrheit verdunstet ist. 
Ein griechischer Politikwissenschaftler erklärt ihr das Phänomen: „Einigkeit ist unnormal. Die Norm ist die Polarisierung. Die Norm ist die Skepsis gegenüber der freiheitlichen Demokratie. Der Autoritarismus ist immer verlockend.“ Die Menschen hatten immer unterschiedliche Ansichten, heute haben sie unterschiedliche Tatsachen.
Die Algorithmen der sozialen Medien fördern zudem die falsche Wahrnehmung von Welt. Es kann dadurch Missklang und Chaos gestiftet werden, viele Menschen werden verunsichert. 


Die Folge: Teilung, Separierung, politische Umwälzungen, Freundschaften, Familien zerreißen, gesellschaftliche Klassen spalten sich auf, traditionelle Bündnisse werden gesprengt. Was in ihrer Aufzählung fehlt sind die Werte, die nicht mehr allgemein geteilt werden, aber geteilt werden sollten. 


Der Rezeptkatalog, wie man alldem entgegenwirken könnte, ist nicht sehr ausführlich. Neue Bündnisse eingehen, Teilnahme ermöglichen, Diskussion einfordern, bereit sein für Einsatz und Auseinandersetzung. Für Applebaum jetzt ein „Weg durch die Finsternis“.


Von Putins Krieg hat sie in der dritten Auflage von 2021, bei SIEDLER erschienen, noch nichts wissen können. Das ist nicht mehr die „Verlockung des Autoritären“. Hier mischt sich in einem menschenverachtenden System der Oligarchen Antidemokratisches neu und führt zur völligen Vernichtung des Gegners. Das ist mehr als nur antidemokratisch. Das ist Aufhebung von Moral. Entwertung der Werte. Verabschiedung vom Zivilisatorischen. Auf dem Weg zur reinen Diktatur und zum Genozid. 

 

 


Anne Applebaum, geboren 1964 in Washington, D. C., ist Historikerin und Journalistin. Sie begann ihre Karriere 1988 als Korrespondentin des „Economist“ in Warschau, von wo sie über den Zusammenbruch des Kommunismus berichtete. Seit langem beschäftigt sie sich mit der Geschichte der autoritären Regime in Osteuropa. Für ihr Buch „Der Gulag“ (2003) erhielt sie den Duff-Cooper- und den Pulitzer-Preis. Sie arbeitet als Kolumnistin für die Zeitschrift „The Atlantic“ und als Senior Fellow an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies.

 

 

PRESSESTIMMEN


„Applebaum schildert eindringlich, wie die Propagandisten nicht nur Ängste verbreiten, sondern reale Gefahren für andere lancieren […] exzellent geschrieben, […] ein zutiefst persönliches Buch.“ ARD titel, thesen, temperamente 


„Die Historikerin Anne Applebaum ist bekannt als klarsichtige Analytikerin und leidenschaftliche Essayistin. […] Je tiefer sie bohrt, desto gespenstischer werden ihre Einsichten.“ DIE WELT 


„[E]in Schlüsselwerk zum Verständnis der autoritären Bedrohung [...] eine glasklare, nüchterne Analyse der Voraussetzungen totalitärer Haltungen. Ein Meisterwerk, würdig einer Hannah Arendt.“ SWR2 lesenswert


„Beunruhigend relevant: Wer dieses Buch liest, ohne sogleich in Schnappatmung zu verfallen, wird wohl kaum mehr selbstgerecht-distanzierend über die ›neuen Rechten‹ schwadronieren können […].“ Deutschlandfunk Kultur Buchkritik
„[S]charfsinnig und atemberaubend klar geschrieben.“ FAS 

Überlebenskünstler im heutigen Russland

Joshua Yaffa, Korrespondent des US-Magazins „The New Yorker“ in Moskau, hat in seinem Buch „Die Überlebenskünstler“ sieben Prototypen der Angepassten analysiert, die sich Putins System mit einem gewissen Instinkt annähern, um überlebenskünstlerisch die eigene Zukunft irgendwie zu sichern. Die sehr detaillierten Personenporträts umfassen einen Filmemacher und Fernsehchef (Konstantin Ernst), einen Gemeindepfarrer, einen Unternehmer, eine Historikerin, Ärztin, einen Künstler und eine Menschenrechtsaktivistin. 

 

„Verschlagenheit“ diagnostiziert der Autor als ein generelles Psycho-Charakteristikum des Russland-Menschen. Das Leben im Nachfolgestaat der Sowjetunion ist ein ständiger Kompromiss dem Staat gegenüber. 
Angstgefühle, Ohnmachtsempfinden, instinktiver Gehorsam gehören dazu, die Bürger agieren hingebungsvoll loyal dem Staat gegenüber, der vorgibt, kompetent und am Wohl des Einzelnen interessiert zu sein.  Die Bürger empfinden den Staat aber als dysfunktional und doch zugleich als legitim, als ungerecht und doch eben auch als respektabel. Eben im Zwiespalt befindlich und widersprüchlich. 


Der Autor bekennt, ihm ist eine strikte Einteilung in Unterdrückte und Unterdrücker weitgehend unmöglich. Der Russlandmensch ist für Yaffa so gestrickt, Zitat: „Er passt sich der sozialen Realität an, sucht nach Freiräumen und Schlupflöchern in ihrem Normensystem, versucht, ihre ‚Spielregeln‘ für die eigenen Interessen zu nutzen und sie zugleich - was nicht weniger wichtig ist - ständig in einem gewissen Maß zu umgehen.“
Yaffa beschreibt zum Beispiel eine russische Fernsehgröße, Chef des Ersten Kanals, Konstantin Ernst, ein prominenter Medienmensch, der Putins Image in der Öffentlichkeit schönfärbt. Sein journalistisches Credo: Russland muss zusammengeführt werden. Erst in zweiter Linie geht es ihm um Information seines Publikums. 


Das wäre zu platt: Niemand gibt je die Anweisung zur Zensur, das läuft wie von selbst, man könnte auch sagen wie geschmiert. Ernst nimmt praktischerweise regelmäßig an den wöchentlichen Planungstreffen teil, die der Kreml für die Leiter der großen Medienanstalten abhält. 
Ernst dirigiert den Ersten Kanal als „Zar und Gott“. Sein Motto: Gerechtigkeit, Demokratie, die ganze Wahrheit gibt es nirgends auf der Welt.  Der Erste Kanal und Konstantin Ernst spielen Putins Spiel mit. Einem Moskauer Geschäftsmann gegenüber sagte er dereinst: „Sie haben keine Ahnung, was für ein Hochgefühl es ist, so viele Menschen beeinflussen zu können.“


Ob das Mediensystem Russlands, die beiden Tschetschenienkriege, der Einsatz von Medizinaktivisten, die an allen Fronten für Menschlichkeit kämpfen, das System der Kirche oder im gesellschaftlichen Bereich die bürgerschaftlich engagierten Menschen in Initiativgruppen, wie etwa MEMORIAL, Yaffa zeichnet mit ihnen mosaikartig ein sehr, sehr detailliertes, fundiertes, ziseliertes, genauer als genau gezeichnetes Bild des politischen und gesellschaftlichen Systems Russland in seinen sieben Personenporträts.


Putins Machtrezept, seine politische Formel für das weitere Festhalten an der Macht, baut auf den Segen höchster Geistlicher. Dazu gehört sein oberflächliches Bekenntnis zum russisch-orthodoxen Christentum, zum sozialen Konservatismus, begleitet von grundsätzlichem Misstrauen gegen urbane Eliten, und ausgelebter Antiamerikanismus. Die Kirche gilt als „Ministerium für rituelle Dienstleistungen“ und sie verspricht: “Wir versorgen den Staat mit ethischen Bürgern.“ Will heißen: Diese sind patriotisch.  


Der Kampf gegen den Terrorismus ist eine heilige Schlacht, man glaubt wieder an die Symbole russischer Stärke und kämpft gegen Islamisten und Homosexuelle genauso wie gegen den bösen, bedrohlichen Westen im Allgemeinen. Die Ungerechtigkeiten, die Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion glaubt, erlitten zu haben, werden ausgeglichen durch erneut demonstriertes Machtbewusstsein, etwa durch die Einverleibung der Krim.


Yaffa beschreibt auch Lebensnahes, wie es zum Beispiel gelingen kann, trotz Widerständen einen Zoo in Russland zu betreiben. Yaffa schildert die Ursache und Wirkung der Krim-Annexion, ist im Donbass unterwegs, führt zurück in historische Zusammenhänge, beschreibt, warum die russische Gesellschaft sich nicht mit der Komplexität der Vergangenheit auseinandersetzt. 


Russland empfindet sich als Erbe des sowjetischen Großmachtstatus. Was zählt ist die Geschichte des Sowjet-Imperiums und die Macht des Staates. Auch im Bereich der Kunst kommt es darauf an, die politische Situation aktuell einzuschätzen, richtig zu interpretieren, auf der rechten Seite zu sein.


Die Taktik in der Kunst, etwas Modernes, Revolutionäres umzusetzen, muss sich ständig wandeln können, nach erfolgreicher Opportunität suchen. NGO’S werden als „ausländische Agenten“ per Gesetz diskreditiert und verboten und Museumsbetreiber, die Menschenrechte wahren wollen, werden denunziert oder hinter Gitter gebracht. Die Gerichte spielen dabei systemisch unterstützend mit.
Konzessionen machen, opportun sein, kollaborieren, rote Linien beachten, das sind die gängigen Handlungsmaxime. Während der Staat an Stärke gewonnen hat, bleibt die Gesellschaft dagegen schwach.
Der Autor diagnostiziert dabei die völlige Abwesenheit jeder Orientierung an Werten. Dazu hätte man gerne mehr gelesen. 


Dem System Putins diagnostiziert der Autor ein immer ungeschickteres und paranoides Vorgehen, Putin sei dazu verdammt, zunehmend starrer und repressiver zu agieren. 


Und Putins Zukunft als Zar Russlands? Für den Autor ist es wahrscheinlicher, dass ein Staatsstreich von oben kommen könnte als eine Revolution von unten. Ist also auch Wladimir Wladimirowitsch Putin ein Überlebenskünstler? Quo vadis Russland? 

 

Joshua Yaffa Die Überlebenskünstler Menschen in Putins Russland zwischen Wahrheit, Selbstbetrug und Kompromissen ECON

 

das große nein

Ein NEIN ist ein NEIN. Diesen Satz kennen wir aus der „Me-too“-Debatte und aus dem Recht. Der Grundsatz gilt ja nicht nur im richtigen Leben allgemein, sondern neuerdings genauer im Verhältnis der Geschlechter zueinander und besonders eben auch im Sexualstrafrecht. Es macht sich schon derjenige strafbar, der "gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen" vollzieht. 


Der Münchner Soziologe entdeckt in der Soziologie für die Gesellschaftsanalyse ein ganz anderes NEIN, „das große nein“ für seine Analyse gesellschaftlichen Protestes, in der kursbuch.edition erschienen. Interessanterweise setzt der Verlag den Titel auf das Buch über das große NEIN in Kleinbuchstaben. 


So groß kann der Protest also nicht sein, aber immerhin doch groß genug geraten, um mal soziologisch genauer unter die Lupe genommen zu werden.


Armin Nassehi schreibt im Vorwort als erstes, was dieses Buch -  es hat nur 160 Seiten - leisten soll und was nicht. Damit werden die Erwartungen auch nicht überspannt. 


Hauptaufgabe ist für ihn, in einer Art Phänomenologie des Protestes zu klären, welche Funktion Proteste in der Gesellschaft haben und unter welchen Bedingungen sie wahrscheinlicher werden. 
Das Buch passt im Augenblick gut in die Protestzeit unserer Tage. Corona-Proteste kommen aber im Einzelnen noch gar nicht vor, denn es ist zu einem früheren Zeitpunkt erschienen. Armin Nassehi will auch gar nicht bestimmte Proteste konkret analysieren und typisieren, er will sie, was Soziologen ja gerne tun, unter einer Kategorie, unter einer gemeinsamen Form des Protestes subsumieren. 


Sein Ziel ist es, ein „Vademecum“, einen handlichen Leitfaden, zu schaffen, der erklärt, wie Proteste funktionieren, wie sie zustande kommen, was sie vermögen, wozu sie aber auch nicht in der Lage sind. 
Interessant ist, dass der Soziologe nicht in konkrete Protestformen des politischen Alltags vordringen will, nein, er möchte einen ziemlich weiten Sicherheitsabstand zur Protest-Kommunikation halten, sozusagen „writing distancing“ zur Protest- Kommunikation. Auch will er als Autor nicht selbst unter Protestverdacht geraten. Aber so ganz ohne praktische Beispiele aus dem politischen Alltag kommt der Autor eben doch nicht aus. 


Greifen wir einige seiner Erkenntnisse heraus:


Protest bearbeitet soziale Differenzen.
Protest ist die sichtbarste Form von Kritik.
Protest richtet sich zumeist an Dritte. 
Protest lebt von Posen.
Proteste haben besondere Organisationsformen, die Mitgliedschaftsrollen darin sind nicht stabil, es sind lose Netzwerke, mit loser Kopplung, fluide, also fließend.


Proteste sind dann irgendwie unverhältnismäßig, darin liegt ihre Stärke, denn Proteste wollen nicht wie die Politiker entscheiden, Kompromisse schließen, sich der „Kleinarbeit von Problemen unterwerfen“. 
Man kann die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte des Protestes begreifen. 


Wer kommuniziert, setzt sich dem Risiko des Protestes aus. Schönen Gruß an alle Virologen, nebenbei bemerkt. 


Der grundlegende Ausgangspunkt soziologischen Denkens, so der Münchner Wissenschaftler, ist Kommunikation. Sie trägt auch die Möglichkeit der Negation in sich. Armin Nassehi begreift Protest als eine NEIN-Stellungnahme. Kommunikation ist gewissermaßen das Management möglicher NEIN-Stellungnahmen. Weil Konflikte nur begrenzt institutionalisiert werden können, also irgendwie ins System integriert werden, ist Protest eine Reaktion darauf. 


Armin Nassehi wird doch konkret, greift PEGIDA auf sowie die linksalternative Szene und ihre Protestformen, verweist auf Sponti-Bewegungen, die Migrantenbewegung, Shitstorms, Klimademos, Occupy, Gelbwesten, 1968er-Protest, auf Grüne und AfD, dabei wertet er die Liberalisierung und Pluralisierung von Kultur und Lebensformen als ein Ergebnis von Protestpotenzial, als ein Endprodukt von NEIN-Stellungnahmen. 


Der Autor widmet ein Kapitel dem Thema Gewalt und Protest, dem er eine Steigerungslogik zuspricht und eine gewisse Attraktivität.
Wenn Forderungen von Instanzen, zum Beispiel der Politik, nicht erfüllt werden, dann wird die Kommunikation selbstbewusster, lauter, die Forderungen werden im Ton gesteigert (Semantik) und die Diagnosen werden zunehmend radikaler. 


Bei der AfD zum Beispiel von Lucke zu Höcke. Die AfD habe eine „Geschichte der semantischen Radikalisierung“, die Anhängerschaft brauche „stärkere Dosen“. Das „Nein“ müsse fortwährend verstärkt werden. Die Protestpartei profitiere von ihrer eigenen Radikalisierung. In diese Steigerungslogik passe Gewalt sehr gut, den Gewalt hat etwas Attraktives. 


Die Tragik des Protestes - so Armin Nassehi - liegt in der Unmöglichkeit des Protestes, erfolgreich zu sein, wie man es als Protestler gerne hätte. „Tragik und Eskalation liegen nahe beieinander.“ So kann die Gewaltbereitschaft dann konkret werden. 


In einem Extrakapitel diskutiert der Autor den Zusammenhang zwischen Protest auf der Straße und Protest im Netz. Im Netz sind NEIN-Stellungnahmen niedrigschwellig. Der „Hashtag“ wird zum Megafon, ein Klick reicht aus, um zwar geräuschlos aber dennoch laut zu protestieren. 


Im Schlusskapitel zum Thema Demokratie und Protest zeigt der Soziologe die Janusköpfigkeit des Protests auf. Einerseits ist er ein Demokratie-Generator, hat Bedeutung für den politischen Machtkreislauf, denn der Staat braucht „Feedback“ aus der Gesellschaft, er muss seine Entscheidungen permanent an der Realität überprüfen, ob sie denn auch durchsetzbar sind. 


Was ist der Sinn des Protestes dann überhaupt? Er kann den Machtkreislauf in Frage stellen oder durchbrechen. „Protest ist vorgeführte Loyalitätsunterbrechung.“ „Man kann durchaus sagen, dass die Klimaproteste derzeit ebenso mitregieren, wie rechtskonservative und rechte Proteste das in der Flüchtlingspolitik getan haben.
Protest „holt das Demokratische“ in den politischen Prozess zurück. Soweit die positive Seite. Aber Protest kann die Demokratie auch gefährden. 


„Proteste sind eben auch Selbstermächtigungen ohne demokratisch erworbenes Mandat.“ „Das ist in der Demokratie riskant, denn sie schließt die demokratischen Möglichkeiten von Antidemokraten mit ein.“
Fazit: Protest ist ambivalent, er kann die politischen Institutionen und deren politische Prozesse nicht ersetzen, er kann sie nur irritieren. Und das ist ja auch schon etwas.


Das Buch von Armin Nassehi ist eher ein Vademecum für Zeitgeist-Checker, Geschulte in politologischen und soziologischen Fragen, für Menschen, die sich für politische Theorie und Analyse von Gegenwartsfragen interessieren und das Vokabular der Soziologie zum besseren Verständnis intus haben sollten. 


Es ist aber besonders aktuell, weil es ein kluges, analytisches Denkinstrumentarium anbietet, um auch derzeitige Protestformen Pro- und Contra-Corona-Lockerungen einzuordnen, bei allem Irrtumsvorbehalt, den Wissenschaft - und übrigens auch Politik - für sich in Anspruch nehmen kann und darf. 


Das Volk beansprucht aber in Corona-Zeiten, selbst in dümmster populärer Ausprägung im Internet, politische Wahrheitskommunikation in absoluter Form. Im Regierungshandeln besonders.  Der Bürger, im Schwarz-Weiß-Denken von Talkshows geschult, muss alles und zu jeder Zeit 100Prozent dem Ja oder Nein untergeordnet serviert bekommen, sogar 150prozentig abgesichert, am besten an Richtwerten sogar für die Zukunft ausgerichtet. Und es muss eben als richtig oder falsch eingeordnet werden können. Differenzierung ist aus der Mode gekommen.


So einfach ist das Leben, die Vergangenheit, die Gegenwart und erst recht die Zukunft leider nicht.


Dumme und Gescheite unterscheiden sich dadurch, dass der Dumme immer dieselben Fehler macht und der Gescheite immer neue, heißt es im Volksmund. Worin unterscheiden sich nun Politiker und Virologen, ach lassen wir das, erst einmal üben wir „distancing“ von all diesen Fragen. Oder, wie sagte es einst Peter Felixberger, Herausgeber des KURSBUCHES und Kollege von Armin Nassehi: „Seit ich lebe, geht die Welt unter.“ Mit diesem Satz kann man weiterleben. 

 

Armin Nassehi das große nein kursbuch.edition

 

Kremls Traum von einer Großmacht


Wir lieben Russland! Oder wir verdammen es? Wir respektieren Putin, und dennoch belegen wir sein Land zugleich mit Sanktionen. Wir wollten Russland nach Europa führen und haben die Türen zugeschlagen. Die einen wollen mit dem Riesen-Reich mehr Kontakte schaffen, Gespräche führen, Verträge abschließen, neue Absatzmärkte schaffen, die anderen verweisen auf die völkerrechtswidrige Krim-Annexion, die immensen Wahlbeeinflussungen, die konsequente Verfolgung von Minderheiten und brutale Ausschaltung politischer Opposition und sehen Russland als NO-go-Area. 


Es wird Zeit für mehr Sachlichkeit und Differenzierung, und da kommt das CH.Links-Buch von Manfred Quiring RUSSLAND.AUFERSTEHUNG EINER WELTMACHT gerade recht. Er war langjähriger Korrespondent für die BERLINER ZEITUNG, ADN und DIE WELT und ist ein profunder Kenner Russlands. 


Seine Kernfrage: Russland spielt wieder eine größere Rolle auf dem internationalen Parkett, aber ist es damit schon wieder zur Weltmacht geworden? Woher rührt das polit-aggressive Verhalten Russlands? Welche innenpolitischen Prozesse spielen sich ab? Wie geht der fortgesetzte Demokratieabbau und die Verfolgung der politischen Opposition voran? Warum kommt es zur Re-Stalinisierung und Re-Militarisierung? Welche europapolitischen Perspektiven ergeben sich aus der neuen „alten“ Rolle Russlands und wieso hat das alles mit MEHR-SCHEIN-ALS-SEIN zu tun. Oder wie Quirin es formuliert: So tun, als ob. Russisch heißt das POKASUCHA. 


Quirin analysiert die Säulen der Kleptokratie Putins, zu denen die Geheimdienste, die machtvollen Chefs der Staatsunternehmen, seine Petersburger „Spezln“, die Wirtschaftskreise in offshore-Häfen gehören. Und die gleichgeschalteten russischen Medien gehören auch dazu. Während sich Russland international profiliert und zugleich westeuropäisch gesehen isoliert, also vom Westen abwendet, nähert es sich dem strategischen Partner China immer näher an. 


„Russlands Weg auf den Olymp der ganz Großen in dieser Welt ist der Weg der kleinen militärischen Schritte“. Ob Moskaus Eroberung der Krim, der Krieg in der Ostukraine, die Syrien-Operationen, die Arktispolitik und die Einmischung in Zentralafrika, Putins graue und grüne Männer sind überall. Die „Grauen“ sind die loyalen Parteigänger, die Unternehmer, Ex-Militärs, Staatsbedienstete, Geheimdienstleute, die die Kreml-Clans um Putin und Putin selbst unterstützen. Die „Grünen Männer“ operieren verdeckt und militärisch. Und die noch unsichtbareren Männer führen den Cyberkrieg im Internet hinter allen möglichen Kulissen und beeinflussen international Wahlprozesse. 


Wie soll nun eine Politik der Europäer gegenüber dem wieder erstarkten Russland aussehen? Der Autor folgt dem russischen Oppositionspolitiker Jawlinskij: „Sie fragen mich, wie man eine gemeinsame Sprache mit Putin finden kann? Ich sage Ihnen: Putin versteht nur die Sprache der Macht, der Stärke“. Und Europa ist derzeit schwächer als schwach. Die Europäer müssten „selbstbewusst und konsequent auf Augenhöhe mit Moskau sprechen“. 


Das Russland-Buch des Autors zeigt sehr differenziert und genau die vertikalen Machtstrukturen, benennt namentlich die einflussreichen Personen-Kartelle, analysiert die historischen und aktuellen Hintergründe, geht also sehr in die Tiefe, ohne dabei Klarheit, Präzision, Anschaulichkeit und Übersicht zu verlieren. 
Es ist eine Art Glasnost (Offenheit)- und Perestroika (Umgestaltung)-Buch für Russland-Versteher und Russland-Nichtversteher. Quiring öffnet uns die Augen, wie Russland tickt. 


Für die europäische und deutsche Politik folgt daraus: Wie müssen wir gegenüber Russland unsere Politik ändern, also umgestalten? Doch in unserer Außenpolitik, da ist Вакуум. Das ist Russisch, heißt Vakuum und bedeutet zu Deutsch luftleerer Raum!

 

Manfred Quiring RUSSLAND.AUFERSTEHUNG EINER WELTMACHT CH.LINKS VERLAG 

Globalisierung und Revolte

Globalisierung wirkt immer vor allem lokal. Dort macht der israelische Star-Journalist Nadav Eyal seine Erfahrungen mit dem, was er „Revolte“ gegen diese örtlich wirksame Globalisierung nennt. Seine Methode in dem gleichnamigen Buch greift die Dialektik zwischen global und lokal auf und gewinnt dadurch Anschaulichkeit und Überzeugungskraft.

 

Der 1979 geborene Chefkorrespondent des israelischen Fernsehsenders Channel 13 hat in den letzten zehn Jahren die Orte aufgesucht, an denen er von der Globalisierung betroffene Menschen traf. Oder die glaubten, wegen der Globalisierung Nachteile erlitten zu haben. Um es vorweg zu sagen: Eyal warnt vor dem Rückbau der Globalisierung. Er beschreibt z.B. den globalen Migrationsdrang sowohl historisch als eine anthropologische Grundeigenschaft und als ein Menschenrecht. Er stellt sich mit den 2015 aus Syrien geflohenen Menschen an der serbisch-ungarischen Grenze an, spricht mit ihnen und fragt Jahre später an, wie es ihnen inzwischen in Deutschland geht.

 

Sie haben natürlich Heimweh, aber sie haben Arbeit, eine Wohnung, ein Leben. Am Schicksal seines 1933 aus Bialystok in Polen illegal nach Palästina eingewanderten Vaters macht er Migrationsverbote deutlich. Seine Familie konnte er zunächst nicht mitnehmen und später auch nicht mehr retten.


Breiten Raum nehmen in dem von Ruth Achlama glänzend übersetzten Buch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Globalisierung und der aus ihnen resultierende Widerstand ein. Wenn die westlichen Länder ihren Stahl nicht mehr selbst herstellen, sondern aus China beziehen, entstehen aus den dortigen Hochöfen die giftigen und klimaschädlichen Abgase, nicht mehr im Ruhrgebiet oder in Pennsylvanien. Und die chinesischen Machthaber vertreiben diese Hochöfen aus der Nähe der Städte in ländliche Gegenden.

 

Aus der globalisierten Produktionsverlagerung wird ein lokales Ärgernis, wenn nicht Schlimmeres. Auf der anderen Seite verelenden die amerikanischen Bergbau- und Industriestädte, werden Menschen arbeitslos, wird eine ganze Mittelklasse zu Opfern der Globalisierung. Oder der Propaganda gegen diese. Die Folgen sind in Trumps Agenda nachzuvollziehen: Einschränkung des freien Welthandels. Eyal erinnert daran, das sein „America first“ das Schlagwort derjenigen war, die gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg waren. Trump, den Eyal regelrecht demontiert, nennt sich selbst einen „Nationalisten“. Auch in anderen Ländern interviewte der Autor Nationalisten, Propagandisten der „Neuen Rechten“, Neonazis: Er fährt auf dem Höhepunkt der Krise nach Athen, spricht mit Marine Le Pen, mit thüringischen Rechtsradikalen. Sie alle stellen das „Wohl“ der Einheimischen über das der ganzen Welt, halten Einwanderung aus rassistischen Gründen oder zum vorgeblichen Schutz inländischer Arbeitnehmer wenigstens für unerwünscht.
Einige Kapitel schreibt Eyal über die Zustände in den USA, über den freien Waffenbesitz, über die Lügen, die nicht nur der Präsident, sondern rechts-subversive Medien verbreiten. Er besucht Hinterbliebene der Kinder, die 2010 in einer Schule in Sandy Hook, Connecticut, von einem Mörder mit einem Sturmgewehr erschossen wurden.

 

In Verschwörungstheorien wurde behauptet – und von manchen geglaubt – dass diese Kinder überhaupt nie gelebt hätten, sondern der „angebliche“ Mord eine Erfindung Obamas in seiner Kampagne gegen den freien Waffenverkauf gewesen sei. Überall ist Eyal vor Ort, fragt genau nach und recherchiert dann in allgemein zugänglichen Quellen, nennt Zahlen, widerlegt Propaganda. Alles das verdichtet sich zu einer hervorragend lesbaren Analyse des gegenwärtigen Zustandes der Welt, die sich ohne Sinn und Verstand auf eine Klimakatstrophe zubewegt. Die „Revolte“ gegen die Globalisierung sei – so der Befund Ayals – ein Teil der Katastrophe. Helfen könne nur mehr Zusammenarbeit der Staaten – auch gegen die übermächtigen Konzerne.

 

Harald Loch


Nadav Eyal: Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Ullstein, Berlin 2020     492 Seiten   29,99 Euro

 

Die Mobilmachung von Rechts

 

Es ist eine Fleißarbeit: Die Autoren haben hunderte Videos geschaut, Facebook und Instagram geprüft, sind in geschlossene Server abgetaucht, haben undercover an Chatgruppen teilgenommen, sie haben Funktionäre und Frontkämpfer der Rechten befragt, haben im In- und Ausland Experten interviewt, sind Verschwörungstheorien gefolgt, haben unzählige Posts gelesen und Youtube-Filme angeschaut.

Ihr Fazit: Die Neue Rechte will unsere Kultur zerstören, hat der Demokratie den Kampf angesagt, ein ganzes Netzwerk von rechten Vereinen, Zeitschriften und Influencern verbreitet gefährliche Ideologien.

 

Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, die neuerlichen Festnahmen im rechtsradikalen Milieu oder der Anschlag in Hanau bestätigen die Autoren auf der ganzen Linie. Denn diese Gruppen planten auch Attentate gegen Politiker, um bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland hervorzurufen.

 

Die Autoren analysieren in den rechtsradikalen Milieus der USA die Ursprünge dieser Entwicklungen, in denen eine digitale Radikalisierung stattfindet. Sie beschreiben die Phasen des Infokrieges und des politischen Onlinekampfes, die auch den Charakter der normalen gesitteten politischen Auseinandersetzung negativ beeinflussen.

 

Die Rolle von Facebook wird ebenso thematisiert wie der Erfolgskurs der AfD bei Wahlen.

Das Ergebnis ihrer Analyse: Die Netzwerke wollen unser Verhalten und unsere Wünsche kontrollieren, mit den sozialen Medien haben die extremen Rechten genau das Handwerkszeug bekommen, um der Demokratie den Kampf anzusagen.

 

„Der Erfolg rechter Bewegungen im Netz ist geplant.“

 

Was Influencer schaffen, nennt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ein „Konnektiv“. Die Gruppen sind für den Moment, für ein bestimmtes Thema gebunden. Dabei sind sich die Autoren sicher: „Die rechte Mobilmachung ist in vollem Gange.“

 

Die Autoren zeigen zum Beispiel, wie auf Imageboards Bilder gepostet werden, die dann bearbeitet mit neuen Zitaten und auch extremen Botschaften in neuen Kontexten weiter verbreitet werden.

 

Oft sind solche Posts einfach nur witzig, häufig jedoch auch anstößig, rassistisch oder frauenfeindlich. Es existieren nämlich auch radikale Männer-Communities, die offen ihren Frauenhass ausleben. Nicht selten kommen Attentäter auch aus dem Gamer-Milieu.

Die Neue Rechte in den USA und in Deutschland sieht in der Kultur den Hebel für ihre konservative Revolution.

 

Ob „weißer Ethnostaat“, rassistische Slogans, das Schwenken von Hakenkreuzflaggen, “Ethnonationalisten“ „Identitäre“, der „Kampf um die Köpfe“, die Vielfalt rechtsextremer Phänomene wächst.

 

Politische Führung erzeugt Emotionen, und die sozialen Netzwerke werden dabei zu perfekten Waffen im Infokrieg.

 

Was nicht in den Medien war, hat nicht stattgefunden. Die Aufwühlmethode ist einfach: Reibung erzeugen, Kontroversen konstruieren, Empörung produzieren.

 

In der visuell geprägten Welt erfolgt die Mobilisierung über Bilder und Emotionen. Martin Heidegger philosophiert: “Der Grundvorgang der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild.“

Brasilianische Kommunikationswissenschaftler haben nachgewiesen, dass die Inhalte von leichteren und seichteren Themen auf YouTube zu radikaleren Themen gewandert sind.

 

Auf Facebook werden im Namen der AfD 1600 Accounts betrieben. Der politische Befund der Autoren ist POLARISIERUNG, die Rechte schlüpft in eine Opferrolle, Personalisierung und Polarisierung paaren sich und kämpfen um die größtmögliche Reichweite in den sozialen Medien. Internetexperten sprechen schon davon: Die Tendenz zum Faschismus ist in den Plattformen eingebaut, die Logarithmen geraten außer Kontrolle.

 

Die Autoren weisen schlüssig und faktenreich, sehr detailgenau nach, wie Propaganda und der Rechtsruck in der Gesellschaft funktionieren, wie radikalen Netzaktivisten die Demokratie angreifen. Es wird Zeit, dass sich die Demokratie wehrt. Erst recht seit den Ereignissen in Hanau.

 

Patrick Stegemann/Sören Musyal Die rechte Mobilmachung. Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen ECON

 

Sören Musyal, *1989, studierte in Erfurt, Berlin und New York Kommunikationswissenschaft und Sozialwissenschaften. Er arbeitet seit mehreren Jahren wissenschaftlich und publizistisch für verschiedene Auftraggeber*innen zur radikalen Rechten – online wie offline. Für die Doku „Lösch Dich – So organisiert ist der Hate im Netz“ war er verdeckt in rechten Trollnetzwerken aktiv.

 

Patrick Stegemann, *1989, ist Kommunikationswissenschaftler und Soziologe. Nach seinem Studium in Erfurt, Berlin, Haifa und Kairo entwickelt und realisiert er Bewegtbildjournalismus auf Facebook, Instagram, YouTube und im Fernsehen. Für den Film „Lösch Dich. So organisiert ist der Hass im Netz“ wurde er mehrfach u.a. mit dem Reporterpreis und dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet.

 

Presse

 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/p-stegemann-und-s-musyal-die-rechte-mobilmachung-die.950.de.html?dram:article_id=469219

Neues Enthüllungsbuch                              Trump gegen die Demokratie

„Fasten your seatbelts“ muss es vor der Lektüre des aktuellsten Trump-Buches heißen. Die beiden Journalisten Washington Post Philip Rucker und Carol Leonig haben das schwindelerregende Enthüllungsbuch unter dem Titel „Trump. Gegen die Demokratie“ mitten während des laufenden Amtsenthebungsverfahrens veröffentlicht. Ein Heer von Übersetzern hat es rechtzeitig für das deutsche Publikum aufgetischt, das sich gut festhalten sollte, bei dem schnellen Wechsel von Achterbahn, Kettenkarussell und anderen halsbrecherischen Attraktionen auf dem Rummelplatz Washington. So viel vorweg: Das krankhaft sprunghafte Verhalten des US-Präsidenten bis auf den erst am Schluss des Buches beschriebenen Ukraine-Skandal rechtfertigt nach der US-Verfassung keine Amtsenthebung, es verbietet aber eine Wiederwahl. Immerhin haben die Institutionen der Vereinigten Staaten noch Schlimmeres verhindert. Ob das amerikanische Wahlrecht und die Weisheit der Wähler das Schlimmste, eine Wiederwahl Trumps verhindern können, mag bezweifelt werden. Eines steht nach diesem Buch, das ein werbewirksames Loblied auf die Washington Post singt, aber auch fest: Die Pressefreiheit und der investigative Journalismus sind ein nicht zu überschätzender Wert der Demokratie.

 

Die beiden Journalisten schreiben ein hervorragend lesbares Buch, das sehr unterhaltsam wäre, wenn es nicht auf jeder Seite zurecht Alarm schlagen, von Ungeheuerlichkeiten berichten würde. Trumps Umgang mit Ministern und leitenden Mitarbeitern, sein Verhältnis zur Wahrheit, sein fehlender Respekt vor der Gewaltenteilung in ihrer US-amerikanischen Variante sowie sein vulgäres Vokabular erscheinen in einem verheerenden Licht. Rucker und Leonnig lassen im Schnelldurchlauf einen vom Präsidenten ausgelösten Skandal nach dem anderen ablaufen. Die Namen der Gefeuerten, der resigniert Zurückgetretenen, der Gedemütigten und der Speichellecker sind Legion. Den zaghaften Bericht des Sonderermittlers Mueller bedauern die Autoren, die selbst mehr zusammengetragen haben, vor allem über Trumps Versuche, die Ermittlungen der Justiz zu behindern. Dabei wird die Sonderstellung des amerikanischen Justizministeriums deutlich, das vom Weißen Haus unabhängig neben der klassischen Regierungsaufgabe auch die Funktion einer Anklagebehörde ausübt. Die Sprunghaftigkeit des Präsidenten stellt jede Pressesprecherin, jeden Kommunikationsleiter und auch seine Anwälte immer wieder vor unlösbare Probleme.

 

Den „Freispruch“, den der Präsident seinem russischen Amtskollegen Putin In Helsinki wegen der von den US-Geheimdiensten beweiskräftig ermittelten Einmischung in den Wahlkampf erteilte, musste er, wieder in Washington, zurücknehmen. Das Desaster war in einem „Spickzettel“ versteckt, den ihm seine hochrangigen Berater vor dem Treffen mit Putin in sein Dossier gelegt hatten. Putin war gerade mit 75% wiedergewählt worden. Auf der Karteikarte stand: „Nicht gratulieren!“. Trump hatte wie gewöhnlich das Briefing nicht gelesen und gratulierte Putin prompt zu dessen Wahlerfolg. Gerade hatte Putin in England einen übergelaufenen Doppelagenten ermorden lassen. „Mördern gratuliert ein amerikanischer Präsident nicht“, hatten die Berater gemeint. Von dem Spickzettel und dem Abweichen Trumps erfuhren die Medien, berichteten groß darüber und der Sicherheitschef Trumps musste wegen dieses Lecks in der Verwaltung des Weißen Hauses gehen. Die Trennung der Kinder von ihren illegal in die USA eingewanderten Eltern musste Trump wegen der weltweiten Empörung abmildern. Die Ankündigung, die NATO zu verlassen, blieb Theaterdonner, die Verständigung mit Nordkorea ein völlig unrealistisches Versprechen. Das Buch wimmelt von Beispielen für nicht ausgelassene Fettnäpfchen und leider auch für Schlimmeres. Das letzte Kapitel des Buches ist dem Ukraine-Skandal gewidmet, das im Mittelpunkt des Amtsenthebungsverfahrens steht.

 

Der Präsident ist unfähig und für das Amt völlig ungeeignet – egal, ob man das aus der Perspektive der Republikaner sieht oder aus der der Demokraten. Unfähigkeit ist kein Grund für eine Amtsenthebung. Das Buch der beiden Autoren von der Washington Post wäre aber geeignet, würde es von einem ausreichenden Teil der Wähler gelesen, Anhänger Trumps wenigstens zu Zweiflern umzustimmen – man kann es nur hoffen.

 

Harald Loch

 

Philip Rucker und Carol Leonnig: Trump. Gegen die Demokratie“

Aus dem Amerikanischen von Martin Bayer, Karlheinz Dürr, Hans-Peter Remmler, Walter Roller, Karin Schuler, Violeta Topalova

S. Fischer, Frankfurt am Main 2020   560 Seiten   22 Euro

Trump unter Beschuss

Der Beginn der Amtsperiode von Präsident Donald Trump war eine Mischung aus organisatorischem Chaos und Psychodramen, aus Mitarbeitern feuern und Zornausbrüchen. Eben FEUER UND ZORN.  In der zweiten Phase steht Trump – so der neue Buchtitel: “Unter Beschuss“. Zielgerichtet von außen, weil die Demokraten das Amtsenthebungsverfahren wollen, das in dem neusten Buch von Michael Wolff noch keine Rolle spielt, aber eben auch „friendly fire“ von innen, denn viele Mitarbeiter und Trumps Parteibasis Basis halten ihn für „unzuverlässig“, „hoffnungslos abgelenkt“ und „seinem Amt nicht“ gewachsen. So steht es in den Vorbemerkungen.

 

Wolff empfindet als Autor eine „Katastrophen-Faszination von Trump“, und er hegt die Gewissheit, dass der US-Präsident sich am Ende selbst zerstören wird. Bisher ist das jedoch ausgeblieben.

 

Im ersten Band konnte Wolff noch im Weißen Haus sitzen und selbst als Lauscher an der Wand zuhören und beobachten. Nun muss er sich im zweiten Band auf Quellen meist geschasster Mitarbeiter von Trump verlassen, die unter seinem Quellenschutz stehen. Er hat ihnen Anonymität zugesichert. Quellengenauigkeit ist also kaum prüfbar.

 

Wolff beschreibt sich selbst deshalb als Buchautor nicht als Journalist, eher die Gesellschaft als die Politik und wohl „befreiter“ schreibend. Dennoch: 150 Informanten hat Wolff befragt. Die Zitate verlangen Leser-Vertrauen. Also hoffentlich nicht zu viel Fiction statt Faction.

Der zweite Mangel entsteht in der FAKENEWS-Zentrale Weißes Haus selbst, denn dort herrscht “ (…) die Bereitschaft, die Wahrheit zu zerreden oder für unwahr zu erklären oder notfalls gleich unverblümt zu lügen“.

 

Und die dritte Ebene benennt Wolff auch als Problem selbst, dass er eher menschliche Haltungen, und Gemütsverfassungen beschreibt als politische Haltungen und aus meiner Sicht vor allem, deren gravierende politische Zusammenhänge und vor allem Folgen von ihm knapp behandelt werden.

 

So ist dieses zwar spannende und gut lesbar geschriebene Buch eine detailversessene, mit vielen Namen gespickte Polit-Revue, mit unzähligen Anekdoten und Intimitäten, eine knallharte Politikanalyse ist es jedoch nicht.

 

Das Buch entspricht also dem Medientrend, alles zu personalisieren. Geld, Lügen, Style, Gerüchte, Macht, Sex, all dies kommt bei Trump zusammen, als läge ein Hollywood-Drehbuch vor.

 

Die ZEIT zitiert den Autor: "Ich habe eine Geschichte über eine Welt voller Ganoven geschrieben. Und ich habe es zum größten Teil auf der Basis dessen gemacht, was mir Lügner und Gauner erzählt haben. Das ist natürlich verwirrend. Man muss versuchen, alles, so gut es geht, zu analysieren und zu zerlegen. Denn sogar Lügner und Ganoven sagen manchmal die Wahrheit."

 

Die Stärken des Buches liegen aber auch genau darin, das matrixhafte Beziehungsgeflecht zwischen Wählerschaft, Unterstützern, Spendern, politischen Freunden, Geschäftskollegen, Funktionsträgern, Medienleuten, entlassenen Mitarbeitern, vermeintlichen oder echten Sexpartnern und vor allem der Familie Trump selbst auseinander zu differenzieren und am Ende auch wieder zusammen zu setzen, was schwierig genug ist.

 

Man muss sich auch darauf einlassen, dass die offene Hauptquelle des Buches der Präsidentenmacher Stephen K. Bannon ist, der zwar den Wahlkampf für Trump gewonnen, aber alle seine Jobs später verloren hat.

 

Wolff zündet in dem Buch eine Rakete nach der anderen, ein breites Personen-Panorama von Mueller über Cohen, bis Flynn und Kushner, von Hannity bis Kashoggi, von McCain bis Woodward.

 

Ein Jahrhundertfeuerwerk wäre es für den Autor geworden, hätte Mueller nach seinem Sonderbericht wirklich Anklage gegen Trump erhoben. So bleibt einstweilen offen, ob in der Amtszeit oder erst danach gegen einen Präsidenten der Vereinigten Staaten Anklage erhoben werden kann und ob es tatsächlich ein Amtsenthebungsverfahren geben wird.  Sollte es dazu kommen, ist für einen Schuldspruch eine Zwei-Drittel-Mehrheit des Senates erforderlich. Wenig wahrscheinlich.

 

Die zweijährigen Ermittlungen des Sonderermittlers Mueller waren jedoch auf zwei Punkte zusammengeschrumpft: Hatten der Präsident oder Mitglieder seines engeren Kreises mit russischen Regierungsstellen konspiriert, um die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen, und wenn dem nicht so war, war es zu einer Justizbehinderung gekommen?

 

Muellers Stellvertreter warf daraufhin das Handtuch, stieg enttäuscht über Muellers Beschränkung auf diese beiden Punkte aus. Mueller wurde eben als vorsichtiger und unentschlossener Bürokrat eingeschätzt: „(…) so wenig wie möglich zu tun“. Denn Trump ist wie er ist, und er war vom Land gewählt worden.

 

Natürlich spielen auch Trumps Affären, behauptete oder auch wahre Sexbeziehungen, eine Rolle. Er prahlte sogar damit, mit einer schwarzen Frau geschlafen zu haben, er habe „eine wenig Schokolade in seiner Diät“ ganz gern.

 

Solch Anekdotenhaftes ist zuhauf zu finden. Personenkurzporträts, Zeittafel, Bilder fehlen jedoch, in der Kürze der Entstehungszeit dieses Buches wohl nicht zu schaffen.

 

Bannon glaubt, der wahre Grund der Bemühungen, den Präsidenten zu Fall zu bringen, liegt nicht darin, dass Präsident Trump ein Versager ist. Nein, das Establishment will ihn loswerden, weil er erfolgreich ist. Sogar seine Freunde durchkreuzen seine Agenda von innen heraus. Er ist kein Vertreter klassischer traditioneller Werte der Konservativen: Freiheit des Geistes, der Märkte und der Menschen.

 

Kissinger brachte es auf den Punkt: „Die gesamte Außenpolitik hängt davon ab, wie eine einzige labile Person auf wahrgenommene Beleidigungen und Schmeicheleien reagiert. Wenn jemand etwas Nettes über ihn sagt, sind sie unsere Freunde; wenn sie etwas Unfreundliches sagen, wenn sie nicht seinen Ring küssen, sind sie unsere Feinde.“

Erfahrene Verteidigungs-, Diplomaten- und Geheimdienstkreise, und zwar die meisten, zweifeln an der Kompetenz und Zurechnungsfähigkeit des Präsidenten. „Die fundamentalste Regel in Trumps Weißem Haus lautete: Niemand darf dem Präsidenten widersprechen – niemals, in welcher Form auch immer.“

 

Hinzu kommen die kurze Aufmerksamkeitsspanne des Präsidenten und die chronische Unordnung im Weißen Haus. Und er ist eher – so Beobachter – ein Verkäufer als ein Politiker, er hat die Fähigkeit, sich auf gute Nachrichten zu konzentrieren.

 

Manche attestieren ihm einen unberechenbaren Geisteszustand, „vollkommen durchgeknallt“, ein „überdrehtes Kind“, das man verhätscheln und geschickt anfassen muss, wie sein Schwiegersohn Kushner, amerikanischer Immobilienentwickler, Medienunternehmer, Finanzinvestor und Politikberater, analysiert: „Er versteht nur konkrete Themen.“

 

Für die Rede zur Lage der Nation hatte er noch nicht einmal einen Redenschreiber engagiert, obwohl schon zwei Jahre im Amt.

Es wurden also keine Anklagen von Mueller erhoben. Im Übrigen wurde nach dem Schwarze-Peter-Prinzip die Angelegenheit an weitere Dienststellen zur Prüfung delegiert.

 

Auf föderaler und bundesstaatlicher Ebene betreffen diese Ermittlungen rund um die Familie Trump die Themen Geldwäsche, Wahlkampfbetrug, Missbrauch des präsidialen Begnadigungsrechts, Korruption im Zusammenhang mit Geldern der Amtsführung, Falschangaben bei der Offenlegung von Finanzen und Bankbetrug.

 

Muellers Fazit nach zweijährigen intensiven Ermittlungen: Verschwörung nicht nachgewiesen, Justizbehinderung nicht eindeutig belegt. Trump über Mueller: „Was für ein Arschloch.“

 

Wolffs Resümee: „Da hatte sich eins der umwälzendsten Erdbeben der amerikanischen Geschichte ereignet - nur Donald Trump sah darin ganz und gar nichts Ungewöhnliches. Wieder einmal war er einem möglichen Todesstoß ausgewichen.“ Und Trumps Schlussfolgerung scheint schon damals richtig gewesen zu sein: „Die werden mir trotzdem weiter nachstellen.“ Die Demokraten sind dabei: Die Vorstufen für das Verfahren der Amtsenthebung sind eingeleitet. Heute wird Trump zusätzlich vorgeworfen, den ukrainischen Präsidenten um Ermittlungshilfen gegen seinen internen demokratischen Kandidaten-Widersacher Joe Biden gebeten zu haben. Biden soll in der Ukraine Ermittlungen gegen seinen Sohn Hunter verhindert haben. Wolffs Fazit: Aus einem gewählten Präsidenten wird eben noch kein legitimer.

Sein Buch, ein detailreiches, personenfixiertes Live-Panorama jüngster Zeitgeschichte, das die vielfältigen Beziehungslinien zu entwirren versucht, die Hauptpersonen charakterisiert und auf- und wieder abtreten lässt.

 

Das Psychogramm eines Zornickel = Zu bösartigen Zornausbrüchen neigender Mann, vielleicht auch charakterlich einfach jähzornig. Wie heißt es doch im Englischen, „a hot head [choleric person]“.  

Im Hörfunk-Interview mit dem ARD-Korrespondenten Georg Schwarte enthüllt Michael Wolff: „Am Ende des Tages sind die Haare ja auch ein großes Mysterium. Die Hörer sehen nicht, dass ich glatzköpfig bin, aber er ist unter diesen Haaren so glatzköpfig wie ich.“ Wenn dem so ist, bleibt die Allerweltsfrage, womit wird die Perücke gefärbt? Hatten wir das nicht mal als Kanzlerfrage…Einstweilen raufen wir uns selbst die verbliebenen Resthaare.

 

 

Michael Wolff, 1953 geboren, ist der Autor des Bestsellers «Feuer und Zorn», das eindrucksvoll die ersten Monate der Trump-Präsidentschaft beschreibt. Wolff hat zahlreiche Preise für seine Arbeit erhalten, darunter zweimal den «National Magazine Award». Er hat sieben Bücher verfasst und schreibt für «Vanity Fair», «New York» und «The Hollywood Reporter». Michael Wolff lebt in New York und hat vier Kinder.

 

Michael Wolff Unter Beschuss. Trumpfs Kampf im Weißen Haus ROWOHLT

 

https://www.deutschlandfunk.de/autor-des-trump-buchs-fire-and-fury-michael-wolff-legt-nach.1773.de.html?dram:article_id=451006

 

Lateinamerika und seine Literatur

Lateinamerika brennt schon wieder. Seit der Entdeckung, der Eroberung und der Kolonisierung, seit der Befreiung von den europäischen Herren, seit der Übermacht des Imperialismus der nordamerikanischen Yankees kommen Süd- und Mittelamerika nicht zur Ruhe. Nachzulesen ist diese stürmische Geschichte der letzten fünf Jahrhunderte in der Literatur, in der die Autoren dieses Kontinents wirklichkeitsnah, poetisch, beschwörend von ihr erzählen. „Magischen Realismus“ hat man diesen literarischen Überfluss zeitweise genannt.

 

Sechs Literaturnobelpreisträger haben die Weltgeltung diese Literatur beglaubigt. Wer die Geschichte Lateinamerikas anhand der Romane, Gedichte und Essays nacherzählen will, muss einen großen überblick haben.

 

Michi Strausfeld ist für Deutschland wohl die berufenste Expertin für eine solche Herkulesaufgabe. Mit ihrem Buch „Schmetterlinge und die Herren Diktatoren“ gelingt ihr ein dreifaches Kunststück: Sie schreibt eine empathische Literaturgeschichte Lateinamerikas. Dazu und damit vermittelt sie einen guten Überblick über die bewegte politische Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Subkontinent. Dazwischen erzählt sie lebendig von ihren zahlreichen Begegnungen und Freundschaften zu Autoren, deren Werke sie in Deutschland bekanntgemacht hat – als jahrzehntelange Lektorin bei Suhrkamp, als Literaturvermittlerin aus Leidenschaft und Berufung durch umfassende Kenntnis.

 

Einige Themen durchziehen seit Jahrhunderten die literarischen Zeugnisse Lateinamerikas, weil die Politik diese Themen vorgibt. Immer spielt das ungelöste Verhältnis der iberischen Eroberer und Kolonisatoren zu der indianischen alteingesessenen Bevölkerung eine entscheidende Rolle. Deren bis heute kaum vollständige erschlossene Hochkulturen zerstörten die Spanier und Portugiesen so nachhaltig, dass erst die literarische Erinnerungskultur diese verschüttete Kultur wieder freilegen konnte. Die bleischwere Last eines mächtigen Katholizismus, dessen Inquisition viele Opfer forderte, ist ein Dauerthema geblieben. In letzter Zeit – die Autorin legt den Finger auf diese Wunde – haben insbesondere in Brasilien radikale evangelikale Bewegungen der katholischen Kirche in ihrem Druck auf die Menschen Konkurrenz gemacht.

 

Die Ausbeutung der Bodenschätze, zunächst waren es Gold und Silber, später Kupfer, Salpeter und Erdöl, Kautschuk und Zucker blieben ein Thema, und die damit verbundene Ausbeutung der indigenen Bevölkerung spiegelt sich in der Literatur wider. Als die durch Ermordung, Krankheiten und Alkohol dezimierten Indianer nicht mehr für den Profit ausreichten, wurden Sklaven aus Afrika über den Atlantik gezwungen, die nicht etwa besser behandelt wurden. Die Bevölkerungen und die Kulturen Altamerikas, Europas und Afrikas begegnen sich und durchmischten sich.

 

Aber die krassen sozialen Unterschiede verschärften sich, die Reichen wurden superreich, die Armen lebten am Rande des Hungertodes. Lesen und schreiben konnten nur wenige. Die Literatur konnte sich im Wesentlichen nur an die weiße Oberschicht wenden. Wenigstens die wurde mit den Errungenschaften der Aufklärung und der Revolutionen in Nordamerika und in Frankreich vertraut. Hieraus entstand die Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts und mit ihr die Befreiung von der spanischen und portugiesischen Kolonialherrschaft.

An den Eigentumsverhältnissen, der sozialen Differenzierung entlang der ethnischen Grenzen änderte sich nichts. Ebenso wenig an der grassierenden Korruption und an der Bereicherung einiger Weniger. Hinzu kam – spätestens seit der Monroe-Doktrin der USA – deren Imperialismus, deren Kapital mit entsprechenden Gewinnerwartungen, deren Interventionen zu Gunsten von Diktatoren und zu Lasten demokratischer Entwicklungen.

 

Alles das beschreibt und erzählt Michi Strausfeld nicht in einem historischen Sachbuch, sondern anhand der sich mit dieser Geschichte auseinandersetzenden belletristischen Literatur Lateinamerikas. Kein Land und kein Kontinent außer Lateinamerika lassen sich über Romane und Gedichte verstehen. Die Autorin weckt Neugier auf die Bücher, die sie in einer überbordenden Bibliographie zum Nachlesen anbietet. Ihr Buch liest sich selbst wie ein literarisches Meisterwerk. Es mündet in dem begeisterten und begeisternden Boom. „Wenn man will, begann die Rezeption der lateinamerikanischen Literatur in Europa 1961, als Jorge Luis Borges gemeinsam mit Samuel Beckett den internationalen Verlegerpreis Formentor erhielt, und das bedeutete die gleichzeitige Publikation in mindestens sieben Ländern.“ An diesem Boom war die Autorin für Deutschland maßgeblich beteiligt. 1970 begegnete sie erstmals Gabriel García Márquez in Barcelona, über dessen „Hundert Jahre Einsamkeit“ sie im Fach Hispanistik promovierte. Mit ihm und vielen anderen traf sie sich immer wieder, entwickelten sich Freundschaften.

 

Das Publikum erlebt diese Autorinnen und Autoren live in der Erzählung von Michi Strausfeld: Isabel Allende in Los Angeles, Carlos Fuentes auf der 1976er Buchmesse in Frankfurt und später überall auf der Welt, João Ubaldo Ribeiro 1987 in Brasilien, Augusto Roa Bastos 1978 in Frankreich, Juan Rulfo 1974 in Mexiko, Mario Vargas Llosa 1971 in Barcelona, später, seiner Einladung folgend auf dem Amazonas, Octavio Paz anlässlich der Verlegung des Nobelpreises 1990 bei einem Abendessen in Stockholm, Darcy Ribeiro 1977 zusammen mit Inge Feltrinelli auf der Copacabana, Juan Carlos Onetti 1989 in Madrid, Julio Cortazar 1972 in Paris. Die Liste ließe sich fortsetzen. Lateinamerika und seine reiche Literatur erlebt man so hautnah sonst nur, wenn man die Originalliteratur liest. Dazu schreibt Michi Strausfeld eine großartige Einladung.

 

Harald Loch

 

 

Michi Strausfeld: „Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren“

Lateinamerika erzählt seine Geschichte

S. Fischer, Frankfurt am Main 2019    568 Seiten   26 Euro

 

Macht Großbritannien sich klein?

 

 

„Wir sind bei Europa, aber nicht in ihm. Wir sind verbunden, aber nicht eins.“ So formulierte es einst Winston Churchill, der englische Premierminister von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955.

Wie werden die Wahlen in Großbritannien im Dezember ausgehen, wird der Brexit im Januar vollzogen, geordnet oder chaotisch und wenn ja, unter welchen Umständen? Fragezeichen über Fragezeichen.

Sagen wir hier aber zuerst, für wen dieses Buch BRENDAN SIMMS: DIE BRITEN UND EUROPA. TAUSEND JAHRE KONFLIKT UND KOOPERATION von der DVA geeignet ist.

 

Zielgruppe: Deutsche Staatsbürger, die nicht verstehen, was sich auf der Insel abspielt, Bürger Großbritanniens, die geschichtsvergessen sind, alle Europaparlamentarier, die neue EU-Kommission, Michel Barnier der EU-Unterhändler, Boris Johnson, EU-Kommissarin Ursula von der Leyen, Manfred Weber von der konservativen Fraktion, Jean-Claude Juncker und alle Brexit-Gegner und -Befürworter sowie alle Angehörige des Deutschen Bundestages u nd natürlich die an Europa und Historie interessierten Europäer.

 

Die Stärke des Buches ist ein umfassender faktenreicher Rückblick auf tausend Jahre Konflikt und Kooperation zwischen den Briten und Europa. Es ist eine Geschichte, die von der Insellage Englands bestimmt war, doch dieser einseitige Blickwinkel als einziges Erklärungsmuster ist falsch, weil der kontinentale Einfluss auf die Geschichte Englands – so der Cambridge-Historiker Brendan Simms - immer stark war.

Es gab die intensiven Verbindungen zu den europäischen Königshäusern in der Zeit des Absolutismus, der französischen Revolution, des napoleonischen Zeitalters, zur Politik des Nationalismus, des Faschismus. Unter diesen Rubriken folgen die Kapitel hintereinander. Dann schließt das Kapitel Europäische Integration ab.

 

Der Autor sieht Großbritannien immer noch als europäische Großmacht, bei der für den Autor dahin gestellt ist, ob es Europa überhaupt verlassen kann, die EU jedoch schon, aber eben Europa nicht.

Englands Nationalstaat entstand durch europäischen Druck, ebenso das Vereinigte Königreich.

 

Zitat: „Die Beziehungen zwischen Engländern, Schotten, Iren und Wallisern sind tiefgreifend geprägt durch den kontinentalen Kontext.“

Europakritisch ist das Buch dennoch. Oder besser gesagt EU-kritisch. Europa ist zwar ein Kernpunkt britischer Politik, doch gemeint war nach britischer Auffassung immer ein zwischenstaatliches und kein überstaatliches Gebilde.

 

Europa, eine gut gemeinte Geschichte in der Geschichte, aber „kreuzlahm“ und schwierig zu gestalten, bei ökonomisch verschieden starken Partnern.

 

Ob Großbritannien groß und wirtschaftlich stark ist und politischen Einfluss in Europa behält, bleibt abzuwarten.

 

Das Buch ist eine fundierte, breit angelegte und zugleich tiefgehende historische Analyse des Verhältnisses zwischen Insel und Kontinent, eine Prophezeiung in die Zukunft ist es nicht, aber es bietet für uns Kontinentale eine Verständnisfolie, wie die Briten ticken. Doch irgendwie anders… Bei den Wahlen werden wir es sehen und erst recht beim Exit zum Brexit.

 

Brendan Simms: Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation DVA

Die Gefahr von RECHTS

Titel Norbert Frei/Franka Maubach/Christina Morina/Maik Tändler Zur RECHTEN Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus Ullstein

 

Autor Prof. Dr. Norbert Frei lehrt Neuere und Neueste Geschichte in Jena und leitet das „Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts“.
Dr. Franka Maubach ist Historikerin an der Universität Jena und schreibt derzeit an einer Arbeit über die Deutung des „deutschen Sonderwegs“.
PD Dr. Christina Morina lehrt Neuere und Neueste Geschichte Deutschlands in Europa an der Universität Amsterdam.
Dr. Maik Tändler ist Historiker an der Universität Jena und forscht zur Geschichte der intellektuellen Rechten in Deutschland.

Gestaltung Einführung, acht Kapitel und Schluss, Anhang, Nachwort, Anmerkungen, Tipps zum Weiterlesen, Abkürzungen, Hinweise zu den Abbildungen, Namensverzeichnis

 

Cover Schlagzeilen in Rot, gewissermaßen als Alarmzeichen 

 

Meinung Es ist schon ein interessanter Hinweis, dass die Initiative für dieses Buch vom Verlag ausging. Sitzen wir nicht alle in unseren BLASEN-Ecken und arbeiten vor uns hin, während der gesellschaftliche Dialog vor die Hunde geht? Jedenfalls ist es gut, dass es endlich, vielleicht verspätet, erscheint. Was ist denn los mit unseren Intellektuellen, wohin haben sie sich zurückgezogen, wo sind die gesellschaftlichen Debatten in der Vehemenz der vergangenen Jahre, wann hält der Bundespräsident endlich eine große Rede, aber das ist ein anderes Thema?


Das Buch hat Tiefen- und Breitenwirkung. Es geht in die vergangene Tiefe der Ära-Adenauer und in die Geschichte und politische Kultur der DDR, es thematisiert die Mobilisierung von Rechts in der frühen Bundesrepublik. Es legt Widersprüche in der Breite vor, einerseits gibt es immer noch das Engagement vieler Gruppen gegen Rechts, andererseits eine gewisse Ermüdungstendenz durch Ritualisierung, Medienflut und Jahrestag-Gefeiere. Dagegen steht auch die neue Vergangenheitsbewältigung von Rechts, die „Ausländer-raus“-Debatte und der Rechtsterrorismus der Neunziger Jahre. In Kapitel 8 werden unter der Überschrift „Demokratie und Polarisierung im Vereinigten Deutschland „ die Rechtstendenzen der letzten Jahre thematisiert. Im Schlusskapitel schreibt das Autorengespann über die „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad?“, mit einem Fragezeichen versehen. Das Buch legt offen, dass die nationalkonservativen Denkmuster und die völkischen Denk-Schablonen im Laufe der Jahrzehnte nur zurück gedrängt worden, aber niemals verschwunden waren.

 

Wo sind die Habermase, die Dahrendorfs, die Sloterdijks, die Augsteins, die Dönhoffs, die Sontheimers heutiger Tage, um nur einige zu nennen, die solche Thesen in einem breiten politischen und gesellschaftlichen Diskurs debattiere?. Und wo sind die Sendeplätze und Zeitungsseiten, auf denen so etwas stattfindet? 


Mit Infohäppchen ist es eben nicht getan, die Debatte muss tiefer und breiter ansetzen als in Talkshows und Infoprogrammen üblich. Dieses Buch ist eine ausgezeichnete Materialsammlung dafür und gehört auf jede Schulbank. Liebe Kultusministerinnen und -minister: Bitte ankaufen und vor allem auch selber lesen. 


Zitat: “So droht Deutschland derzeit von Rechts zusammenzuwachsen: in einer neuen nationalistischen Formation, die den entschlossenen Widerstand all derer verlangt, denen eine liberale Demokratie und eine menschenfreundliche Gesellschaft am Herzen liegen.“ 

 

Leser Alle Rechts- und Links-Demonstranten, Populisten, Holocaust-Leugner, Parteien-Vertreter, Staatsanwälte, Journalisten, Wutbürger, Ossis und Wessis
 

PRESSE


 „So geht zeitgemäße Geschichtsschreibung: Norbert Frei und seine Kollegen zeichnen die Genese rechten Denkens nach 1945 - in Ost und West. Und legen klar dar: eine einfache Unterscheidung in Gut und Böse gibt es nicht. Eher viel Grau auf beiden Seiten.” twitter, Jana Hensel, 06. 05. 2019


„Die Autoren schreiben gegen ein Phänomen der Gegenwart an: die erstarkende nationalistische, rechtspopulistische Bewegung." FAZ, Hannah Bethke, 03. 05. 2019


"Dieses Buch zur Rechten in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte kommt spät, dennoch 'zur rechten Zeit'." Deutschlandfunk Kultur, 08. 04. 2019


"Die Autorenschaft auf vier Personen zu verteilen ist riskant, aber geglückt: die Kapitel sind gut aufeinander abgestimmt und der angenehm lesbare Stil sehr kohärent. Der Rechtsruck der vergangenen Jahre verliert durch die hier geleistete Kontextualisierung nicht seinen Schrecken. Er wird aber besser begreifbar." Süddeutsche Zeitung, Tanjev Schultz, 18. 03. 2019


"Zum ersten Mal hat sich mit ihm (Professor Norbert Frei), Franka Maubach, Christina Morina und Maik Tändler ein ganzes Team von Geschichtswissenschaftlern auf Ursachenforschung für den neuen Boom des Nationalismus in Deutschland begeben.“ Sächsische Zeitung, Oliver Reinhard, 05. 03. 2019


"Ein wichtiger Sammelband gibt historische Tiefenschärfe in unsere im aktuellen Rechtsruck verschärften Nation- und Heimat-Debatten." taz , Detlev Claussen, 02. 03. 2019

 

Das braune Netz

Titel  Willi Winkler Das braune Netz Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde Rowohlt Berlin

 

Inhalt Die Demokratie der Bundesrepublik wurde mit aufgebaut von ihren Feinden. Das ist die Hauptthese des Buches von Willi Winkler. Er legt eine schonungslose Betrachtung ihrer Frühgeschichte zum 70. Geburtstag vor. Die BRD ist nach den Kriegswirren eine Erfolgsgeschichte geworden, aber dass ausgerechnet ihre Gegner vom rechten Rand des politischen Spektrums daran beteiligt waren, ist zwar bekannt, aber es wurde als historisches Faktum bisher nicht in einer solchen Bandbreite und Tiefe der Argumentation dargestellt. Wo haben die Alt-Nazis gewirkt, was haben sie bewirkt, wer hat sie geschont, bis wann waren sie tätig, all dies ist in dem historisch gut faktenbegründeten Buch nachzulesen, das - wie immer bei Willi Winklers Texten (auch in seinen Zeitungsbeiträgen) - süffig zu lesen ist. Und vor allem eine kulturhistorische Dimension hat.

Gestaltung Einleitung, sieben Kapitel „Die Mörder sind unter“, „Überall Verrat, der Kommunismus bedroht die Bundesrepublik“, „Mit Hitlers Soldaten wird die Bundesrepublik remilitarisiert“, „Wenn ein KZ-Mann auf einen SS-Mann trifft“, „Aus Hans Schneider wird Hans Schwerte“, „Konrad Adenauer versucht, die Medien zu kontrollieren“, „Deutschland hat die Wahl - Ein Stück Machtwechsel, der 20 Jahre auf sich warten lässt“, Schluss, Anhang, Anmerkungen, Personenregister, Zeittafel, Dank.

 

Cover Nazi-Hakenkreuz, vernetzt dargestellt

 

Zitat „Je näher man die Vergangenheit anschaut, desto ferner blickt sie zurück.“

 

Meinung Nachdem die NAZI-Vergangenheit der Deutschen in vielen, vielen Facetten fast auserzählt ist, die Augen- und Ohrenzeugen aussterben, widmen sich die Autoren den Fünfziger und Sechziger Jahren. Rückblende also in eine Zeit, als Conny Adenauer regierte, die „Soffjetz“ uns bedrohten, die SPD noch stark und lautstark war, sich die Volksparteien entwickelten, die Öffentlichkeit sich langsam wieder daran gewöhnte, Soldaten zu haben, Herbert Wehner mitunter tobte, SPIEGEL-Redakteure im „Knast“ saßen, das ZWEITE DEUTSCHE FERNSEHEN erfunden wurde.

 

All dies beschreibt Willi Winkler in einer solchen Farbigkeit und sprachlichen Brillanz, dass dieses Geschichtsbuch manchem verstaubten Historiker in dessen Bibliothek gestellt werden sollte: Als Vorbild, wie man Geschichte wirklich spannend beschreiben kann. Die alten Nazi-Netzwerke bestanden weiter und funktionierten hinter den politischen Kulissen, weitgehend im Verborgenen, außerordentlich gut.

Spannend, dass es dem Autor immer wieder gelingt, die kulturpolitischen Hintergründe mit darzustellen. Das trägt beim Leser zu einem Verständnis bei für eine Zeit, die er vermutlich aus Altersgründen nicht mitbekommen hat. 

 

Ob der Kulturkampf gegen den Film „Die Sünderin“ von Hildegard Knef, die prüde Republik, das deutsche Wirtschaftswunder, der Adenauer-Berater Hans Globke, all das ist das historische „Brot der frühen Jahre“ (Böll). Das Schicksal des SS-Mannes Josef Mengele wird nicht vergessen, über die braune Vergangenheit von „Derrick“ Horst Tappert wird berichtet, die rechten Rechten in der SPIEGEL-Redaktion werden vorgestellt, Spione enttarnt, die SPIEGEL-Affäre nochmals erzählt, die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik nachvollzogen. Das Schluss-Kapitel, nur zwei knappe Buchseiten, fällt sehr, sehr knapp aus, ein breiteres Resümee hätte man sich als Leser mit Ausblick auf die Siebziger und auch heute gewünscht.  

Autor Willi Winkler war Redakteur der ZEIT, Kulturchef beim SPIEGEL, er schreibt heute für die "Süddeutsche Zeitung". Winkler ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt schrieb er "Die Geschichte der RAF". Willi Winkler erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderen den „Otto-Brenner-Preis“ für kritischen Journalismus.

 

Pressestimmen

 

Das Buch ist prall voller Geschichten, es liest sich wunderbar. WDR 3 "Mosaik"

 

Das große Verdienst des Buches von Willi Winkler besteht darin, den Einfluss aufzuzeigen, den nationalsozialistische Ideologen bis weit in die Sechziger Jahre hinein hatten. Deutschlandfunk Kultur

 

Ein lesenswertes Buch ... Winkler gelingen auch dank seiner Stilbrillanz eindrucksvolle individualpsychologische und mentalitätshistorische Tiefenbohrungen. Kölner Stadt-Anzeiger

 

Ein aufwühlender, schonungsloser, fulminanter Bericht. WDR 5

Wo waren sie alle hin, die Nazis, nachdem das 'Dritte Reich' gefallen war? Kaum je zuvor hat jemand den Finger so tief in diese Wunde gebohrt. Dresdner Morgenpost

 

Ein phantastischer Erzähler. Claudius Seidl SZ

 

Eine historische Milieustudie, spannend wie ein Krimi und verblüffender als jeder zeitgenössische Roman. FAZ am Sonntag  

 

Gauland - Die Rache des alten Mannes

 

Der Autor hat die Kraft zu beschreiben, die Dinge zu deuten, Zusammenhänge darzustellen. Das sind die Talente des Autors Olaf Sundermeyer. Er beschreibt Gauland als ein an Depression, Magenschmerzen und an der Politgesellschaft heutiger Tage leidenden Mann.


Gauland nutzt die Verwerfungen einer Gesellschaft, in deren Mitte er einst stand, als politischer Helfer zumeist hinter den Polit-Kulissen. Früher schrieb er für andere Reden, jetzt hält er sie selber und  nutzt dabei die Hassgefühle anderer. Die AfD ist eine Bewegungspartei, die einen Sog entstehen lässt, in dem Zweifler, Unzufriedene und Zukurzgekommene am rechten Rand eine neue politische Heimat rechts von der CDU/CSU und links von der NPD gefunden haben. 
Der Schlüsselsatz lautet: „Gauland selbst ist kein Rechtsextremist. Er sorgt aber dafür, dass sie hoffähig werden, und liefert ihnen Argumente in bürgerlicher Diktion.“


Zum Volkstribun fehlt ihm jedoch das Kumpelhafte. Sundermeyer liefert ein Psychogramm, eine genaue politsoziologische Studie, ohne wissenschaftsschlau daherzukommen. 


Gaulands Zielgruppen: die Unzufriedenen, die Ängstlichen, die Neidischen. Gauland ist ihr Zuhörer. Dennoch hält er Menschen auf Distanz. Gauland war in Hessen der Schattenmann in der Landespolitik und Helfer Walter Wallmanns. Er schrieb ein kohlkritisches Buch und verbaute sich damit die CDU-Parteikarriere. „Gauland ist sozusagen der Lafontaine der CDU.“


Er, der nie in der CDU richtig verankert war, galt als Abtrünniger. 
Er liebt den englischen Lebensstil, die Tweed-Mode ist für ihn erfunden und sein Markenzeiche ist die Hundekrawatte. Er ist der Ost-West-Versteher in Potsdam, reitet die Themen der Flüchtlingswelle, obwohl selbst ein Flüchtling, geißelt die selbstgerechte Politikelite, er schwamm mit im linken Gewässer der Frankfurter Kultur- und Politschaffenden und wird sogar zur Romanfigur Martin Walsers.


Das Bundespresseamt, in dem er arbeitete signalisierte ihm jedoch, dort unter Klaus Bölling keine Karrierechancen zu haben. Er bewirbt sich daher um Stellen im Unionslager, Franz Josef Strauß will ihn aber nicht, und so landet er bei Walter Wallmann in Hessen. 


Gauland hört gerne Deutschlandfunk und kritisiert dennoch als erfahrener Publizist die „Systemmedien“. Er adaptiert grüne Parteistrategien für Rechtspotentiale, er strebt durch die Institutionen einen Marsch an die Macht an. Die Partei und ihr Anführer Gauland beackern  das ungepflügte Feld Deutschland, Heimat und Identität und Gauland pflügt damit die Gesellschaft um. 


Olaf Sundermeyer beschreibt Gaulands Aufstieg als einen Egotrip. Gauland ist für ihn ein Opportunist und Zyniker, der die Axt an das politische System legt, das für ihn keine Verwendung mehr hatte.  
Der böse alte, kranke Mann nimmt Rache. Das ist jetzt sein MEHR, das ihm im bisherigen politischen Leben versagt geblieben war. 
Gauland möchte beachtet werden. So wurde er vom Underdog zum politischen Bullterrier. 


Ein kluges, analytisches, spannendes Buch, das so gut geschrieben ist, dass es zum Pageturner wird, das man nicht mehr aus der Hand legen will. 


Olaf Sundermeyer GAULAND. Die Rache des alten Mannes. CHBeck

 

Das sieche Sterben der Demokratien

Sie sind Experten für AUTORITARISMUS, sie befassen sich mit der Frage, warum Demokratien sterben, und ihre Methode ist es, weltweit Vergleiche zu ziehen. Das ist gefährlich und spannend zugleich, riskant, weil Vergleiche hinken können, (Kann man politische Systeme wie die USA mit Venezuela in eine Reihe stellen?) aber zugleich ist sie sehr reizvoll, denn die Autoren entwickeln Kriterienkataloge, wie Demokratien dahinsiechen und dann das Zeitliche segnen. 
Bisher ist eine so breit angelegte und ziemlich tiefgehende Analyse nicht vorgelegt worden, und sie ist in den einzelnen Ergebnissen erschütternd.

 
Die Verfasser sind selbst darüber schockiert, dass sie sich mit ihrem eigenen Land beschäftigen müssen, das gilt jedoch meines Erachtens genauso für Deutschland. 


Demokratien sind zerbrechlich, sie müssen immer wieder neu erkämpft werden, und es muss auch immer wieder dafür geworben werden, wie Dr. Hildegard Hamm-Brücher zeitlebens behauptet und gefordert hat. Heute sind solche Appelle zwar vergessen, müssen jedoch erneuert und aktualisiert werden, und sie sind weltweit dringlicher denn je. 
Auf die Vereinigten Staaten bezogen sprechen Levitsky und Ziblatt, zwei Professoren für Regierungslehre aus Harvard, vom „Niedergang und Fall einer der ältesten und erfolgreichen Demokratien der Welt“.
Im Kern des Buches geht es also um die Vereinigten Staaten und den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Zitat: “Viele Republikaner klammern sich an den Spruch, dass Trumps Kritiker ihn beim Wort, aber nicht ernst nähmen, während seine Anhänger ihn ernst, aber nicht beim Wort nähmen.“ 


Im Kriterienkatalog der Analysten geht es um folgende Merkmale im

„Autokraten-Lackmustest“:

 

• Ablehnung demokratischer Spielregeln
• Leugnung der Legitimität politischer Gegner 
• Tolerierung von oder Ermutigung zu Gewalt und 
• die Bereitschaft, die bürgerlichen Freiheiten von Opponenten, einschließlich der Medien, zu beschneiden.


Schwache Zustimmung zu demokratischen Spielregeln sehen die Autoren bei Trump, weil er schon im Vorfeld der Wahlen deren Legitimität in Frage gestellt und angedroht hatte, die Ergebnisse nicht anzuerkennen. 
Autoritäre Politiker verunglimpfen ihre Rivalen als kriminell, subversiv und antipatriotisch, schätzen sie als Gefahr für die nationale Sicherheit ein oder kritisieren deren persönliche Lebensweise. Da gibt es genügend Trump-Beispiele. 


Das dritte Kriterium beschäftigt sich mit dem Thema Gewalt und deren Tolerierung bzw. Ermutigung dazu. 


Dafür liefert das Autoren-Paar eine Reihe von Beispielen aus Wahlkampfszenarien und bei Demonstrationen pro und contra Trump. Der vierte Punkt spricht das Thema „bürgerliche Freiheiten“, das Verhältnis zu Opponenten inklusive das Verhältnis zu den Medien bzw. zur politischen Öffentlichkeit an sich. 


FAKE NEWS wurde zum Standardbegriff weltweit!


Die Autoren sehen in den Verfassungen und politischen Institutionen „Bollwerke“, „Leitplanken“ der Demokratie, die Sicherheitsvorkehrungen sein sollen, jedoch heutzutage nicht mehr ausreichen. 

Die Politologen benennen ausreichend Gefahrenpotentiale, zum Beispiel liegen diese auch darin, dass die so genannte „institutionelle Zurückhaltung“ aufgegeben wird. Die Selbstbeschränkung der Parteien und Politiker wird aufgegeben, und es wird ausgereizt, was auszureizen ist, mit allen den damit verbundenen Gefahren. 


Es ist also politisch unklug, die Machtfülle jeweils auszureizen, oder die eigene Opposition zu pulverisieren. 


Die Politikwissenschaftler sehen eine „besorgniserregende Lücke“ zwischen der althergebrachten Erwartung, wie unser politisches System funktionieren sollte und wie es tatsächlich funktioniert.
Politik nähert sich den Methoden der „Kriegsführung“ an und wird damit gefährlich. 


Die Verfasser der Studie bescheinigen dem amerikanischen Präsidenten „autoritäre Neigungen“ mit dem Ansinnen, eigene Macht zu stärken, Schiedsrichter gleichzuschalten, Schlüsselspieler zu neutralisieren und die Spielregeln neu zu schreiben, um das politische Spiel zu Ungunsten des Gegners zu verändern.

 
Alle diese eben genannten Methoden autoritärer Politik hat Trump angewendet, indem er unabhängig handelnde Behörden bestraft und säubert, Entlassungen vornimmt, die Medien kritisiert oder ausschaltet. Doch im Ergebnis kommen die Analysten von Regierungshandeln zum Ergebnis: Trump schrammt an den demokratischen Leitplanken entlang, doch durchbrochen hat er sie noch nicht. 

 

In Tabellen vergleichen die Autoren dann neun autoritäre Länder - Argentinien, Ecuador, Italien, Peru, Polen, Russland, Türkei, Ungarn und Venezuela - , die als jeweils „mild“ autoritär, „autoritär“ oder „demokratisch“ eingestuft werden, wobei Peru als einziges Land als demokratisch eingestuft übrig bleibt. 


Das Buch zählt Trumps Lügen auf, befasst sich mit seinen Tweets und Beleidigungen der Presse bzw. seiner Gegner und kommt am Schluss des Buches zu drei möglichen Zukunftsszenarien: 


Beginnen wir zunächst mit dem optimistischsten, dass sich die amerikanische Demokratie erholt. 
Im zweiten Szenario, dass die Republikaner mit einem weißen nationalistischen Profil die weiteren Wahlen gewinnen werden.
In der dritten, für die Auguren wahrscheinlichsten Prognose, kommt es zur weiteren Polarisierung, zur Abkehr von politischen Konventionen und zur verschärften „Kriegsführung“ zwischen den Institutionen in einer Demokratie ohne Leitplanken. 


Im Fazit formulieren Levitsky/Ziblatt einen Auftrag an die heutige Generation. Europäer und Amerikaner hätten in der Vergangenheit enorme Opfer gebracht, um die Demokratie gegen äußere Bedrohungen zu verteidigen. Heutige Generationen, die die Demokratie für selbstverständlich halten, müssen verhindern, dass sie von innen zerstört wird.


Das Buch ist eine sehr lesenswerte, kritische und beweiskräftige Analyse, die immer wieder Vergleiche zu den anderen autoritären Demokratien zieht, jedoch wegen der Gefahren in der USA-Demokratie beim Ländervergleich zuweilen oberflächlicher bleiben muss. Denn dort wären eben neun umfangreiche Einzelstudien notwendig, und das Buch hätte dann vielleicht den neunfachen Umfang , also neun mal 320 Seiten und damit 2880 Seiten! Unlesbar!!!


Die 320 Seiten gehören jedenfalls auf den Nachttisch eines jeden deutschen Politikers, zuallererst aber auf den von Trump und dann auf den von Seehofer – mit „freundlich demokratischen Grüßen“.


Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben und was wir dagegen tun können Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2018

Prag 1968 - Der Panzer zielte auf Kafka

Es ist ein Buch historischer Dokumente. In Bild und Text. Ein Geschichts-Rückblick. Und ein Einblick zugleich. Eine persönlich gefärbte Erinnerung des Böll-Sohns René. Es wirft wie mit einer Lupe einen tiefschürfenden Blick in die Geschichte Tschechiens. 


Es beginnt mit einem Gedicht: „Es standen die Panzer am Ufer der Moldau“ und es endet mit Danksagungen der am Buch Beteiligten. Martin Schule Wessel schreibt einen Essay über Heinrich Böll und den Prager Frühling. Jochen Schubert erinnert an das Verhältnis von Heinrich Böll zur CSSR. Wir sehen die Tagebuch-Aufzeichnungen als Original abgedruckt und die gut lesbare Transkription dazu. Es bietet die Böll-Texte „Ein Brief aus Prag“ und den sehr bekannten und populären Aufsatz „Der Panzer zielte auf Kafka“, und es folgen schließlich die Böll-Interviews mit der ZEIT, dem SPIEGEL, der ARD und der Zeitschrift KONKRET. Illustriert ist das Buch mit eindrucksvollen bewegenden Fotos aus der Besatzungszeit Prags, Faksimiles von Zeitungen und Literaturzeitschriften. Sogar Bölls Ticket Köln-Prag-Köln fehlt nicht oder seine Hotelkarte. 


René Böll gesteht, dass seine Eltern Angst hatten, als er auf die Strasse ging und die Besatzungsmacht ansehen wollte, während der Vater Interviews gab, Artikel schrieb oder an Zeitschriften mitarbeitete. 
„Wir wollen mehr Licht!“ In diesem doppeldeutigen Satz der Prager Studenten steckte das Aufstands-Potential. Einerseits wurde in den Studentenheimen immer wieder der Strom abgestellt, und andererseits war es ein Freiheitsanspruch für mehr Reform im Sozialismus. Doch der Protest war keine genuine Studentenbewegung wie die 1968er Revolte im Westen, die auf Kapitalismuskritik abzielte und weniger auf Demokratie-Reform. Im Osten, so Böll, war es umgekehrt. Und die Reformbestrebungen hatten zudem literarische Wurzeln in der Kafka-Konferenz 1963. 


Böll entwickelte auch ein Sensorium für den religiösen und kirchlichen Wandel im Prager Frühling. Er sprach vom „Evangelium der Demokratie“ vom Prager Frühling als „großem Dauerkonzil“.

 
Am 22. 8. notiert Böll „Panzer vor der Nationalbank und rund um den Rundfunk“, über Hrabal „keine Ironie mehr möglich“, „ Nachricht von der Räumung des Wenzelsplatzes“, der „Russenhass immer stärker“, und er stellt fest, wann wie viel Schüsse fallen und dass man sich so schnell daran gewöhnt und aus dem Krieg noch die Schutzreflexe gewohnt ist, zum Beispiel auf den Boden legen, wenn geschossen wird.   
Alkoholverbot in der Stadt, das sieht Böll als friedensstiftende Maßnahme, und amerikanische Journalisten fragen sich, ob hier ein europäisches Vietnam aus der Taufe gehoben wird. 


Böll schaut der Besatzungskatastrophe und den Menschen tief ins Auge: „Diese Gesichter werden mich noch lange beschäftigen, sie haben mich aufs Tiefste bewegt.“ Und er stellt resümierend fest, “Ich glaube, dass die Schriftsteller, Journalisten und Publizisten die ganze Entwicklung in der CSSR von Januar bis August stark beeinflusst haben“. 
Mit einer ausführlichen Bibliografie der Texte und Interviews endet das Buch, in dem Geschichte, das DAMALS, das Denken und Handeln, die Reformmotive, die Enttäuschungen, das Gewaltszenario deutlich nachgezeichnet wird, dass der Leser einen eindrucksvolle Chance bekommt, die Ereignisse von damals sehr konkret nachzuvollziehen. Es ist gerade mal 50 Jahre her, und dieses „1968“ barg Gefahrenpotentiale mitten in Europa, die wir durch das geeinte Europa fast vergessen haben. Europa ist wieder in Gefahr. Vergessen wir also nicht, was früher war. 


Man wünscht dem Buch eine große Verbreitung gerade aus diesem europäischen Krisen-Grund.

 

 

Heinrich Böll Der Panzer zielte auf Kafka Heinrich Böll und der Prager Frühling Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2018

Fischer: der Abstieg des Westens

Schon seit Helmut Schmidt wissen wir aus den 1970er Jahren, dass China sich anschickt, eine Weltmacht zu werden. Lange Jahre haben wir diesen Befund ignoriert und in den letzten Jahren sowieso Außenpolitik als eine Art „Nebenbei-Geschäft“ betrieben. Der Asien-Pazifik-Raum wird immer wichtiger, die Vereinigten Staaten haben sich schon vor Trump zu Zeiten Barack Obamas im Geschäft der internationalen Politik reservierter gezeigt. Und nach der Brexit-Abstimmung Großbritanniens und den wachsenden Erfolgen der Populisten betreibt Europa eine beständige ratlose Nabelschau. 


Joschka Fischer legt jetzt eine Streitschrift vor, die den ABSTIEG DES WESTENS bereits final diagnostiziert und Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts beschreibt, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch. 


Geopolitische Erschütterungen, Auflösung der UdSSR, Krisen in Europa, Regionalkonflikte und Kriege, die Bankenkrise, Europas Zerfallsprozess, die Wahlerfolge der Populisten in ganz Europa, das alles sind Komponenten eines Erosionsprozesses, den Joschka Fischer detailgenau und schonungslos aufschreibt. 


Wir befinden uns in einer Krisensituation der liberalen westlichen Demokratien, autoritäre Regime schieben sich nach vorne, autokratische Präsidenten machen von sich reden, Populisten versprechen, mit Simpel-Rezepten, die schwierigen Probleme zu lösen, das alles behindert rationale auf Vernunft-Konzepten beruhende und auf Konsens angelegte Politik, die zudem von den Aufgeregtheiten des Mediengeschäfts irritiert werden. 


Die Machtgewichte verschieben sich, die Ordnung der Staaten wankt, die bipolare Ordnung in Zeiten des Kalten Krieges hat sich aufgelöst. Der Zeitgeist reagiert mit Nervosität und Ambivalenz. „Wer werden die Gewinner und Verlierer sein?“, fragt der ehemalige Bundesaußenminister im Vorwort.

 
Gegenüber dem europäischen Einigungsgedanken haben sich Feindschaften entwickelt, die Rückkehr zur Nation, ja zum Nationalismus bricht sich Bahn. Für die EU war die Brexit-Entscheidung Großbritanniens ein heftiger, noch unverdauter Schlag. Durch Trump werden sich die amerikanische Außenpolitik und die Führungsrolle der USA drastisch verändern. 


Der Westen ist nicht mehr der Westen.

 
Fischer fürchtet auch, dass 2022 in Frankreich ein nationalistischer Wahlsieg drohen könnte. Dann wäre Europa am Ende. Fischer beschreibt folgend den Übergang von der Welt von gestern zur Welt von morgen. Wann wird China die globale Führungsrolle in einer neuen Ordnung übernehmen? Kommt es zu einem DUOPOL USA und China? Und welche Rolle wird Russland spielen? Fischer sieht Ostasien als das Zentrum des 21. Jahrhunderts, also eine Art Achsenverschiebung. Doch Asien sei noch im Großmachtdenken und in den Machtrivalitäten des 19. Und 20. Jahrhunderts gefangen, verbunden mit atomaren Gefahrenpotentialen. Europa steht vor der Aufgabe der Erneuerung oder gibt sich selbst auf.
Das transatlantische Mündelverhältnis – durch Donald Trump aufgekündigt – werde nicht wiederkehren.

 

Fischer analysiert sehr faktenfundiert die Erosionsprozesse, die neuen Machtverhältnisse, die Unsicherheiten durch islamistische Bewegungen und nationalistische Politiken. Er erklärt die wirtschaftlichen Fundamente, gibt detaillierte Zahlen an, vergisst nicht die historischen Voraussetzungen für all diese Entwicklungen zu benennen, in einer klaren, deutlichen, gut les- und verstehbaren Sprache, kompakt zusammenfassend und zugleich mit einem mahnenden und auf moralischen Prinzipien (ohne Zeigefinger-Attitüde) beruhenden Fundament. 


Nach innen betrachtet diagnostiziert Joschka Fischer in der liberalen Demokratie und „Akzeptanz- und Systemkrise“, der Neonationalismus sei ein Misstrauensvotum gegen die politischen und wirtschaftlichen Eliten, durch die digitalen Medien entstünden zusätzliche Manipulationsgefahren und es drohte eine soziale Destabilisierung, wenn der moderne Kapitalismus sich weiter gefährlich krisenhaft entwickele. 
Es bedarf - nach Fischer - einer Erneuerung der europäischen Vision, einr Bewegung von unten.

 

Im letzten Kapitel beschreibt Fischer die Rolle Deutschlands zunächst mit kurzen historischen Rückblicken. Deutschland gewinnt politische Potentiale als Mittelmacht in schwieriger geographischer Lage zurück, wenn die USA und die Angelsachsen sich zurückziehen, gewinnen diese neuen Herausforderungen eine überragende Bedeutung. 
Die transatlantische Sicherheitsklammer bleibt als europäische Rückversicherung angesichts seiner geopolitischen Lage unverzichtbar. Es beginnt ein neuer Abschnitt für die deutsche Geschichte.

 
Joschka Fischers Buch ist eine Aufgabenbeschreibung nationaler, europäischer und internationaler Politik, eine historisch fundierte Analyse der aktuellen Situation, die Gefahrenpotentiale benennt, Lösungsmöglichkeiten aufzeigt und eine Art To-Do-Liste für die politische Klasse erstellt. 


Joschka Fischer, geboren 1948 in Gerabronn. Von 1994 bis 2006 Mitglied des Bundestages, von 1998 bis 2005 Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. 2006/07 Gastprofessor an der Universität Princeton, USA. Joschka Fischer lebt in Berlin. 

 

 

Postfaktisch oder gefühlte Wahrheiten


Ist die Wirklichkeit das, was uns umgibt, oder wird sie angeklickt und damit erst Wirklichkeit? Eine philosophische Streitfrage, die Kernthema dieses Buches ist. 


Die Autoren gehen von einem Marktmodell aus. Auf dem Markt des Digitalen werden Daten und Informationen gehandelt. Sie müssen eine Aufmerksamkeitsschwelle überwinden, um zur Kenntnis genommen zu werden. Die Autoren meinen nun, dass unsinnige, aufgeblähte falsch- und überbewertete Fakten die Hauptrolle spielen, Wahrheit und sachgerechte Fakten jedoch untergeordnet werden. Es entstehen Blasen der Aufmerksamkeit, die - je größer sie sind - umso mehr sich selbst Bedeutung verleihen. Hintergrund ist das Herdenverhalten der Menschen, das nach der Logik funktioniert: "Nutzer, die dies mochten, interessiert auch das." 


Das heißt Werbung und Traffic bedeuten Geld, Macht und politischen Einfluss. Wahrheiten, Fakten und politische Herausforderungen und auch traditionelle Medien, wie ich hinzufügen würde, spielen nicht mehr die Hauptrolle. 


Die wahrheitsgetreue Information wird verdrängt durch die Jagd nach Aufmerksamkeit. 


Desinformation, politische Blasen, plumper Populismus führen zur postfaktischen Demokratie, die für die Demokratie selbst bedrohlich ist. 
In sechs Kapiteln analysieren die Autoren nach Vorwort und Einleitung die Ökonomie der Aufmerksamkeit, den Markt der Nachrichten, die Spekulationen um Aufmerksamkeit, FAKENEWS und alles, was damit zusammenhängt, Populismus und Verschwörungstheorien, die auf Faktenresistenz beruhen. Mit Dank, Literaturhinweisen und Anmerkungen schließt die Studie.

 
Wichtigster Satz: „Eine Demokratie befindet sich in einem postfaktischen Zustand, wenn politisch opportune, aber faktisch irreführende Narrative statt Fakten als Grundlage für die politische Debatte, Meinungsbildung und Gesetzgebung dienen.“ 


Dem Reichtum an Informationen heutzutage steht die Knappheit von Aufmerksamkeitsreservoirs gegenüber. Die Medienlogik entspricht kommerziellen Interessen. „Wer mit Erfolg auf der Medienklaviatur spielt, kann in der medialisierten Gesellschaft enorme politische Gewinne einfahren.“

 

In der HYPERREALITÄT verschwindet die Unterscheidung zwischen Medium und Realität. Realität wird zu einem Medienprodukt, zur Simulation von Wirklichkeit. Die Politik setzt dabei Signale und betreibt Symbolpolitik; beides verursacht Blasenbildung, löst aber keine politischen Probleme, ist reines, mediales Inszenieren. 
Wie setzt man Aufmerksamkeit? Durch FRAMEN, wie entstehen Gerüchte, wie entstehen FAKE NEWS, fingierte Nachrichten, war Propaganda nicht irgendwie immer schon? Fragen über Fragen, die von den Autoren aufgeworfen werden.

  
Die Wahrheit kommt neuerdings aus dem Bauch, man glaubt an das, was man als wahr fühlt. Wie sind die Strukturen von Verschwörungstheorien? All diese postfaktischen Aspekte der politischen und medialen Kommunikation werden von den beiden Autoren behandelt. Dieses Buch muss in die Hand von Politikern und Journalisten, in die Hand von Mediengestaltern und politischen "Dummbeuteln".

 

SKALA ZUR INFORMATIONSQUALITÄT

ZONE 1

Wahre Aussage

Verifizierte Fakten

ZONE 2

Verzerrte Aussagen

Rahmensetzung, spitze Winkel, Auslassung, »ausgewählte Fakten«

Unbelegte Aussagen

Gerüchte (vielleicht wahr, vielleicht falsch)

ZONE 3

Falsche Aussagen

Falschwiedergabe von Fakten, im Widerspruch zu diesen

Lügen

Intendierte Falschaussagen

Bullshit

Falschwiedergabe eigener Motive und Ziele, Verstellung, Fingieren, Aufhebung der Trennung zwischen wahr und falsch

Fake News

Fingierte Nachrichten, Falschwieder­gabe von Motiven und Zielen mit Simulation von Journalismus und damit Wahrhaftigkeit.

 

 

Vincent F. Hendricks, Jahrgang 1970, ist Professor für Formale Philosophie und Direktor des Center for Information and Bubble Studies (CIBS) an der Universität Kopenhagen. Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Elite Research Prize des dänischen Forschungsministeriums. Er ist Mitglied des Institut Internationale de Philosophie, Gewinner des Kopenhagener Science Slams 2015 und Koautor des Buches Infowars (2016).

Mads Vestergaard ist Doktorand am Center for Information and Bubble Studies (CIBS) der Universität Kopenhagen, wo er seinen Master in Philosophie machte. Darüber hinaus ist er u. a. Gründer und ehemaliger Vorsitzender der "Nihilistischen Volkspartei", einem dänischen Kunst- und Satireprojekt.

 

Feuer und Zorn

Trumps White-House-Organisation schreibt Michael Wolff hat nichts Militärisches an sich: Keine vertikalen Strukturen, einer sitzt ganz da oben, ein Haufen Mitarbeiter darunter, die sich um die Aufmerksamkeit des Chefs balgen. Es geht nicht um die Verteilung von Aufgaben, sondern um die Verteilung von Aufmerksamkeit. Wem hört der Chef zu und vor allem wie lange.

 
Wolff beschreibt das Weiße Haus als Organisation wie im Trump-Tower. Jeder versucht jeden auszustechen, jeder versucht, an jeder Sitzung teilzunehmen. Man bahnt sich seinen Weg durchs Labyrinth der Machtzentrale. Organisatorische Stringenz liegt dem Präsidenten fern. Und die gegenseitige Geringschätzung verhindert, dass die Schranzen übereinander herfallen. Anpassung total ist karrierefördernd. Was der Präsident vielleicht wollen könnte, wird von den Beratern vorgeschlagen. Trial-and-Error. Klappt oder klappt nicht!

 
Erschreckend Wolffs Analyse: Trump verarbeitet gewissermaßen Informationen gar nicht. Wenn etwas Trump wichtig ist, hat er eine vorgefasste Meinung, hat er keine Meinung zu etwas Bestimmtem, leistet er sich auf Dauer weder eine Meinung noch irgendwelche Informationen dazu.


Und dazu kommen die Leaks seiner Mitarbeiter: Jeder beschuldigt jeden, heimlich Informationen weiterzugeben. „Ob paranoid oder sadistisch, dekliniert er die Fehler und Schwächen sämtlicher Mitarbeiter durch.“ 
Wolff vermisst politisches Handwerk: „Es fehlte eine kohärente Botschaft, weil niemand da war, der eine hätte schreiben können“. Er legt sich fest, dass er sich auf nichts festlegt und irgendwann bekommt er jeden in seiner Umgebung satt. „Es ist schlimmer, als Sie sich vorstellen können. Ein von Clowns umgebener Idiot. Trump liest nichts, weder Memos von gerade mal einer Seite noch die kurzen Strategiepapiere, gar nichts. Er steht mitten in Besprechungen mit Staatsoberhäuptern auf, weil er sich langweilt. Und seine Mitarbeiter sind nicht besser.“


Er will nur geliebt werden, und es geht das Gerücht, im tiefsten Inneren sei Trump ein Weichei. 


Zitat: „Mutete das Weiße Haus unter Trump schon so verstörend an wie keine andere Regierung in der Geschichte, so waren die Ansichten des Präsidenten zur Außenpolitik und zur Welt im Allgemeinen in ihrer Beliebigkeit, Ahnungslosigkeit und Sprunghaftigkeit besonders beunruhigend.“ Kissinger meinte, im Weißen Haus tobe ein Machtkampf zwischen Juden und Nichtjuden. 


Zwar hat Trump drei Bildschirme im Schlafzimmer. Doch für ihn sind nur FAKE NEWS unterwegs: „Alle Nachrichten waren manipuliert und zurechtgebogen, gesteuert und platziert. Alle Nachrichten waren bis zu einem gewissen Grade gefälscht - das wusste er sehr gut, denn er hatte es in seiner Karriere oft genug selbst getan“. Und Trump gesteht selbst: „Ich habe mir schon immer alles Mögliche ausgedacht, und es wird stets gedruckt.“ Er sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht: „Ungefiltert, völlig verrückt.“

 

Trump versteht die Präsidentschaft weder von der Institution noch von den politischen Prinzipien her, Rituale, Korrektheit im Staatsamt, das Verständnis für Symbolik in politischen Botschaften lässt er völlig vermissen, erst recht staatsmännisches Auftreten, das alles übersteigt sein Begriffsvermögen. Für Trump ist der kürzeste Weg der Beste, Komplexität und Bürokratie halten alles nur auf, Schwierigkeiten muss man umgehen oder ignorieren.

 
FBI-Direktor a.D. James Comey (von Trump gefeuert) hält den amerikanischen Präsidenten wahrscheinlich für einen Dummkopf und mit Sicherheit für einen Lügner, schreibt Michael Wolff. „Typisch Trump“, sagt der ehemalige Berater Bannon, „er glaubt, er kann das FBI feuern“.
Trumps generelle These, wenn ein einzelner Mann die tiefsitzende Wut und den Unmut der Amerikaner schürt, kann er mächtiger sein als das politische System selbst. Eine Zeit der HYPERMEDIA. Und Hybris! 
Wolffs Befund: Amerika ist unaufmerksam, zersplittert und zerstreut, Politik hat sich zum Zielgruppengeschäft entwickelt. Politik wurde zu einem Geschäft für Experten B2B – Business to Business. 
Fazit 1: Ein „Zufallspräsident“! Fazit 2: „Seine Präsidentschaft, wie lange sie auch dauern mochte, hatte die Tore für die wahren Außenseiter aufgestoßen, Trump war nur der Anfang.“

 
MICHAEL WOLFF FEUER UND ZORN. IM WEISSEN HAUS VON DONALD TRUMP ROWOHLT


Michael Wolff, 1953 geboren, ist ein amerikanischer Journalist und Autor. Er schreibt für «Vanity Fair», «The Hollywood Reporter», «The Guardian», «USA Today» und die britische Ausgabe von «GQ». Er hat sechs Bücher veröffentlicht, darunter «The Man Who Owns the News» (2008), eine Biographie von Rupert Murdoch. Wolff hat zahlreiche Preise für seine Arbeit erhalten, darunter zweimal den «National Magazine Award». Er lebt in New York und hat vier Kinder.
Pressestimmen


«‘Feuer und Zorn‘ erinnert in seiner höchst unterhaltsamen, geradezu beängstigenden Aufzählung endloser Palastintrigen im Weißen Haus an ähnlich historische Klatschgeschichten von höchster Stelle, die früher einmal Welt-Bestseller wurden ... Wolff schildert ein vulgäres, machtverliebtes Milieu rings um einen Präsidenten, der einem schließlich leidtut. Der Autor pflegt einen anspruchsvollen Stil. Gleichwohl beschleicht den Leser ein unbehagliches Gefühl - der höchst intime Einblick in die menschlichen Unzulänglichkeiten Trumps schmerzt.»
Michael Nauman, Die Zeit


Voller Lügen, Entstellungen und Quellen, die nicht existieren.
Donald Trump


«‘Fire and Fury‘ lässt sich ganz auf die Welt von Donald Trump ein, auf den Wahnsinn und Wahnwitz seiner Präsidentschaft.»
Johanna Bruckner, Süddeutsche Zeitung


«Wolff zeichnet das Bild eines ahnungs- und ideenlosen, desinteressierten, lernunfähigen, auf Äußerlichkeiten fixierten, unreifen, paranoiden, verlogenen, jähzornigen und hoffnungslos selbstverliebten Präsidenten. »


Andreas Ross, Frankfurter Allgemeine Zeitung
«‘Fire and Fury‘ ist fesselnd geschrieben und gleicht mit vielen Dialogen mitunter einem Drehbuch.

Matthias Kolb, Süddeutsche Zeitung


«‘Fire and Fury‘ ist extrem süffig geschrieben, dicht, spannend, oft elegant, im lässigen Stil angelsächsischer Historiker. Man sitzt mit Trump am Tisch, streift durch dunkle Gänge des Hauses, das er angeblich so wenig leiden kann, duckt sich mit anderen vor dem Gebrüll des Präsidenten.»
dpa


«Wolff besitzt offenbar die Fähigkeit, auf wichtige Menschen zuzugehen, diese dabei zuerst mental aufzubauen, nur um sie anschließend genüsslich zu zerlegen.»
Tobias Sedlmaier, Neue Zürcher Zeitung


«Eine faszinierende Lektüre … Wie unglaublich die Dinge auch sein mögen, die man über Trump erzählt – sie stimmen alle.» 
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 

 

«Widerwärtig und fesselnd.» 
Die Zeit 

 

«Seine Kraft entwickelt das Buch, weil Wolff als Erster all diese seit Monaten kursierenden Gerüchte in eine große Geschichte packt … Empfehlenswert.» 
Süddeutsche Zeitung

Gibt es eine Logik gegen RECHTS?

Im Fadenkreuz des Leitfadens stehen die „Rechten“. Drei gestandene Autoren wollen uns erklären, wie wir mit ihnen reden sollen. Brauchen wir das wirklich und hilft uns ihr Buch „mit Rechten reden“, wenn wir nicht wissen wie wir das anstellen sollen? Vorweg ein a priori der Demokratie: Dass wir mit jedem reden dürfen und auch hin und wieder reden müssen, sollte unstreitig sein.

 

Ebenso dürfte klar sein, dass wir es nicht mit der Intention des Missionars tun sollten nach dem Motto „und willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag‘ ich dir den Schädel ein.“


Per Leo, Autor des zu Recht hoch gelobtem Romans „Flut und Boden“, Maximilian Steinbeis, Betreiber des auch international angesehenen „verfassungsblog.de“ und Daniel-Pascal Zorn, promovierter Philosoph mit dem Spezialgebiet „Argumentationslogik“ verknüpfen mit ihrem „Leitfaden“ fast Unvereinbares miteinander. Das Wichtigste: Sie entschleiern die Taktik der politisch organisierten Rechten als einfachen rhetorischen Trick. Auf die gut dosierte Provokation erwarten sie den Keulenschlag der Nicht-Rechten, den sie mit der unwahren Unterstellung kontern, man könne in diesem Staat nicht mehr die Wahrheit sagen, ohne diffamiert zu werden. Die Autoren nennen Beispiele dafür: Höckes Dresdner Rede mit dem Etikett „Denkmal der Schande“ für das Berliner Mahnmal zur Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden. Die bekannte rechtsnationalistische Einstellung Höckes ließ nur eine der in der Tat mehrdeutigen Lesarten zu.

 

Die deutsche und internationale Öffentlichkeit war empört, schwang die Keule. Das verlogene, „klarstellende“ Nachwort Höckes triefte dann vor Opfertränen, die erneut Empörung auslöste usw. Die Autoren des Leitfadens fassen diese rhetorische Taktik der „Rechten“ kurz zusammen: Mal spielen sie das Arschloch, dann wieder das Opfer. Immer ist ihnen Öffentlichkeit sicher. In Amerika ist einer mit dieser Taktik Präsident geworden.


Diese Entlarvung des argumentativen Tricks könnte oberlehrerhaft wirken. Darum fügen die drei Autoren eine vierte Person ein, einen anonym bleibenden Unbekannten. Dieser fiktionale Teil des Buches verstört den an logischer Beweisführung interessierten Leser, noch dazu, wenn er auf seinem Sterbebett den herbeigeeilten Autoren noch seinen letzten Traum erzählt, dessen Deutung offener bleibt als die reine Lehre von S.F. es zulässt. Der irritierte Leser muss bei der Stange gehalten werden. Deshalb würzen die Autoren ihre zeitgeschichtliche Analyse mit einer für solche Arbeiten nicht üblichen Portion Humor, gutem Humor, teils in englischer Sprache – welche Provokation! – teils auch auf Kosten der „Linken“, denen sich die Autoren in vielem verbunden aber keineswegs zugehörig fühlen. So entsteht ein unterhaltsames Buch, das den „Rechten“ wie den „Linken“ nichts durchgehen lässt, aber wie bei einer fernöstlichen Verteidigungsmethode zunächst nachgibt, um dann argumentativ den Gegner, pardon: die Gesprächspartner! kampfunfähig zu machen. Das gelingt mal besser und mal weniger, ist aber als „Sprachspiel“ neuer Art ein interessantes, manchen sicher überzeugendes Experiment. Ob es auch funktioniert, wenn die „Rechten“ nicht mitspielen, muss offenbleiben. 


Der Leitfaden ist für die Argumentation mit der „offiziellen“, zwar oft widersprüchlichen aber doch organisiert auftretenden „Rechten“ konzipiert. Im Gespräch mit dem Einzelnen kommt es darauf an, die persönlichen und die gesellschaftlichen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen der Gesprächspartner zu einem der „Rechten“ geworden ist, als der ja niemand geboren wird. Dass darunter viele Arbeiter sind, sagen die Wähleranalysen. Was hat die „geborenen Linken“ zu „Rechten gemacht? Es lohnt sich, hierzu Didier Eribons „Gesellschaft als Urteil“ zu lesen.


Harald Loch


Leo/Steinbeis/Zorn: mit Rechten reden. Ein Leitfaden
Klett-Cotta, Stuttgart 2017   183 Seiten   14 Euro

 

Die französische Revolution bei RECLAM

Die Deutungshoheit über die Französische Revolution ist umstritten. „All unsere Versuche, sie durch machtvolle Aktivitäten bestimmter sozialer Gruppen oder Klassen oder anderer Teile der Gesellschaft zu erklären, sind fehlgeschlagen.“ Mit diesen markanten Worten fegt Jonathan Israel die marxistischen wie alle anderen gesellschafts- und wirtschaftsgeschichtlichen Deutungen vom Tisch. Er verfolgt einen anderen Ansatz, den er mit Vehemenz, unüberbietbarer Detailkenntnis und plausiblen Erklärungen verfolgt. Der 1946 geborene Israel ist ein britischer Historiker, der als Spezialist für europäische Ideengeschichte des 17. Und 18. Jahrhunderts zuletzt am Institute for Advanced Study der Princeton University tätig war. Sein ideengeschichtliches Hauptwerk Radical Enlightenment gibt die philosophische Grundlage für seinen stringenten neuen Deutungsversuch der Französischen Revolution. Hierfür baut er auf dem seit Jüngstem versuchten sozio-kulturellen Ansatz auf und integriert Sozialgeschichte und Ideengeschichte zu einer eigenen, zu allen bisherigen Lesarten alternativen Erzählung der die Welt verändernden Ereignisse von 1789 bis 1799. Aber er beginnt Jahrzehnte vor dem Sturm auf die Bastille, bei den Aufklärern der encyclopédie, bei den französischen Philosophen der lumières, die alle eine freiheitliche politische Philosophie vertraten, vor allem bei Diderot, Voltaire, Montesquieu und Rousseau.


Die im Vorfeld längst formulierten Ideen von der Gleichheit der Menschen, von dem unveräußerlichen Wert der Freiheit hatten schon die der französischen vorausgegangene amerikanische Revolution mit der Erklärung der Menschenrechte beflügelt. Sie beherrschten die intellektuelle Szene nicht nur in Frankreich, aber hier besonders. Zahllose Flugschriften und Bücher hatten diese Ideenwelt bis 1788 zu einem unter dem marode gewordenen royalistischen Regime zunächst verdeckt, bald immer offener zutage getretenen Mainstream beigetragen, einem gärenden Teig, der – so Israels neuer Ansatz – den Ausbruch und die Entwicklung der Französischen Revolution fast zwangsläufig nach sich zog. Als Hauptakteure benennt Israel denn auch Publizisten und Journalisten, deren immer flammendere Beschwörungen der Ideen von Gleichheit und Freiheit letztlich die Fackel der Revolution entzündeten. Hierbei traten von Anfang an unterschiedliche Ausprägungen der Aufklärung zu Tage, unter denen sich die der „Radikalaufklärung“ zuzuschreibenden gegenüber den „milderen“ am stärksten durchsetzten. Es ist ungeheuer spannend, die Auseinandersetzungen zwischen den revolutionären Denkern und der vor allem klerikalen und adligen Reaktion, aber auch unter den verschiedenen Strömungen der Revolutionäre selbst zu verfolgen. Ein großes Verdienst dieses monumentalen Buches ist eine Liste von über 150 Biogrammen der Hauptbeteiligten. Sie ermöglicht, die Vielzahl der hierzulande häufig unbekannten Namen auseinanderzuhalten und ihren Beiträgen zu dem Geschehen zuzuordnen.


Um den roten Faden der soziokulturellen, ideengeschichtlich bedeutsamen Entwicklung bis zur und während der Revolution bis zu ihrem „napoleonischen“ Scheitern rankt sich, wie zwangsläufig aus den Ideen erwachsend, die Darstellung der tatsächlichen innen- und außenpolitischen Ereignisse und der sich dramatisch verändernden sozialen Lage in Paris und in den Provinzen. Das rasche Erwachsenwerden bis zur Erklärung der in ihrer endgültigen Formulierung umstrittenen Menschenrechte und bis zur ersten demokratischen Verfassung der Welt ist in allen Einzelheiten nachzuvollziehen. In den ersten Jahren fand die Revolution ja noch unter dem monarchischen Regime von Louis XVI statt, bis er umgebracht wurde. Auch diese erste cohabitation zwischen dem Monarchen und den revolutionären Institutionen ist spannend erzählt. Die Entmachtung der katholischen Kirche, die Gleichberechtigung der Juden, die Abschaffung von Privilegien, auch der männlichen gegenüber den Frauen, die Emanzipation der Sklaven auf Haiti und auch der Putsch von Robespierre sind vor dem Ideenrelief, das Israel nach wie vor für bestimmend hält, gut nachvollziehbar. Die Dämmerung der aufgeklärten Revolution kam viel zu rasch. La terreur dauerte von September 1793 bis etwa Juli 1794 und ist wie ein blutiger Verrat an den seit Sommer 1793 kippenden Kernwerten der Revolution zu verstehen.


Jonathan Israel hat einen einleuchtenden neuen Deutungsansatz für die Französische Revolution entwickelt und diesen in einer glänzen Synthese von geistesgeschichtlicher Darstellung und historiographischer Genauigkeit nach dem Motto des Untertitels seines Buches erzählt: Edeen machen Politik. Er hat damit auch das Erbe dieser Revolution benannt: die Kraft und die Gefahren, die von der Radikalaufklärung ausgehen können.


Harald Loch


Jonathan Israel:                                                                                  Die Französische Revolution. Ideen machen Politik
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Bossier
Reclam, Stuttgart 2017   990 Seiten   49 Euro

 

100 Tage TRUMPelei im Amt

Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt
 

Rechtzeitig zur 100-Tage-Bilanz von Donald Trump erscheint ein 30-Jahre-Resümee seiner politischen Rhetorik: der in Cambridge lehrende irische Historiker Brendan Simms und sein Kollege vom Londoner King’s College und der University of Texas, Austin, Charlie Laderman verfassten die zeithistorische Studie „Wir hätten gewarnt sein können“. Ihr schmales Buch besteht aus zwei Teilen: in einem ersten zählen sie zentrale politische Äußerungen Trumps seit den frühen 1980er Jahren auf und fügen die wörtlichen Zitate gleich an. In einem zweiten versammeln sie ihr zeitgeschichtliches Urteilsvermögen und konkretisieren die Warnung, die sie im Titel andeuten. Die Klammer bildet ein Zitat aus Henry Kissingers Memoiren: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass politische Führer durch Erfahrungen an Tiefgründigkeit gewinnen. … Die Überzeugungen, die führende Politiker vor Übernahme eines hohen Amtes gewonnen haben, sind ihr intellektuelles Kapital, das sie während ihrer Amtszeit verbrauchen.“ Wir können also, das ist der Ansatz der Autoren, die Politik Trumps aus seinen Stellungnahmen der letzten 30 Jahre verstehen und auch prognostizieren. Es sind im Wesentlichen zwei Kernsätze der politischen Überzeugung, die in den letzten Jahrzehnten wie in der ersten 100 Tagen seiner Präsidentschaft hervorstechen: Es seien weniger die Feinde als die Verbündeten der USA, die es zu Kasse zu bitten gelte. Sie sollten nach dem Willen von Trump die Kosten dafür übernehmen, dass die USA sie militärische „beschützen“. Und sie sollten keine Handelsgewinne auf Kosten der USA machen!

 

Die zweite Seite seiner Botschaft, die er seit drei Jahrzehnten an die amerikanische Bevölkerung richtet, lautet: „Mit dem Geld, das wir von den Partnern einfordern müssen, könnten wir den Arbeitern und Farmern der USA ein auskömmliches Leben bieten, die Gesundheitskosten tragen, Straßen reparieren und Schulen bauen“. Der populistische Dualismus aus Nationalismus und sozialen Wohltaten kennzeichnet das politische Credo Trumps, der vor allem „Führung“ vermisst hat und selbst verspricht. Wenn das alles nach einem vor allem Deutschland bekannten verheerenden Muster geschieht, sollte man nicht falsche Parallelen ziehen. Im Gespräch sagt Brendan Simms: „Der Populismus Trumps setzt auf Nationalismus und auf soziale Versprechungen, aber das ist kein Nationalsozialismus. Trump ist in einer Demokratie großgeworden, er strebt keine faschistische Diktatur an. Daran würden ihn auch die intakten verfassungsmäßigen Institutionen hindern.“ Gewarnt wird trotzdem und vor Anderem.


Im zweiten Teil folgern die Autoren aus den vergangenen Verlautbarungen Trumps: „Wir wissen bereits, was für eine Figur Trump ist. Vom Verhalten her ist er ein Silberrückengorilla, ein narzisstischer Pfau, ein Alphatier, ein Elefant im Porzellanladen. Politisch ist er ein Bourbone, der in den letzten drei Jahrzehnten nichts gelernt und nichts vergessen hat. Einem alten Hund wie ihm kann man keine neuen Tricks beibringen. Der Leopard wechselt nicht seine Flecken.“ Solche drastischen Formulierungen erschließen sich dem Leser als konsequente Folgerung aus dem ersten Teil mit den vielen O-Tönen, die sich wie ein permanenter, über 30 Jahre laufender Wahlkampf lesen. Voller Urteilskraft schreiben die Autoren, was die Welt erwarten kann. Je mehr Trump innenpolitisch von den Institutionen Erfolge verwehrt werden, desto mehr wird er sich diese auf dem Gebiet der Außenpolitik zu holen suchen. Die Welt sollte sich warm anziehen! Ganz konsequent haben die Autoren nicht aus Trumps – von Ghostwritern geschriebenen – Büchern zitiert sondern aus seinen Interviews – eben ihn selbst. Dabei verwendet er eine erstaunlich einfache Sprache, die nach Auffassung von Simms nicht auf Wirkung gegenüber einfachen Menschen inszeniert sondern seine natürlich Diktion ist. Einfach, deutlich, brutal.


Harald Loch


Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt
DVA, München 2017   157 Seiten   12 Euro

 

 

Interview mit Brendan Simms zu seinem Trump-Buch

 

Frage: Sie und Ihr Kollege Charlie Laderman haben Ihrem Buch über Donald Trumps Sicht auf die Welt den Titel gegeben „Wir hätten gewarnt sein können“. Wovor eigentlich?

 

Simms: Wir haben uns viele politische Stellungnahmen Trumps aus den letzten 35 Jahren angesehen und haben eine verblüffende Kontinuität seines Populismus feststellen können. Sie besteht aus zwei Komponenten: Nationalismus und sozialen Versprechen. Beides hängt miteinander zusammen. Trumps Nationalismus geht davon aus, dass die Verbündeten für den militärischen Schutz, den ihnen die USA bietet, nichts bezahlen, dass sie den Schutzpatron im Gegenteil im Handel übervorteilen. Diese Kosten, forderten die USA sie ein, könnten den Arbeitern und Farmern der USA ein besseres Leben ermöglichen. Es könnten mit dem Geld Straßen und Schulen gebaut werden. Die USA könnten dann – wie Trump sagt – den Status eines Entwicklungslandes verlassen. Er greift also soziale Missstände und Defizite der Infrastruktur geschickt auf und fordert die Kosten dafür von den Verbündeten und den Handelspartnern ein. Die bisherigen Präsidenten der USA seine zu dumm gewesen und hätten keine Führung gezeigt.

 

Frage: Die Zutaten zum Populismus sind offenbar überall gleich. Marine Le Pen erobert damit ebenso Stimmen wie die AfD in Deutschland. Erinnert das nicht auch an Hitler, vor dessen Politik man ja auch hätte gewarnt sein können?

 

Simms: Nein! Die Kombination von Nationalismus und sozialen Versprechen bei Trump ist nicht mit „Nationalsozialismus“ gleichzusetzen. Trump ist in einer Demokratie großgeworden und ist Bestandteil dieser Demokratie. Er hat sicher nicht vor, eine faschistische Diktatur zu errichten. Er verfolgt seine Ziele innerhalb der amerikanischen Demokratie, deren Institutionen ja funktionieren, deren Gerichte funktionieren und deren Kongress Trump ja nicht in jedem seiner Schritte folgt. Aber: Je mehr er innenpolitisch ausgebremst wird, desto stärker verlegt sich sein populistischer Aktivismus auf die Außenpolitik. Die haben wir unserem Buch besonders untersucht.

 

Frage: Ist es nicht erstaunlich, sie lange sich der Wirtschaftsmogul in die Außenpolitik der USA mit eigenen Statements eingemischt hat?

 

Simms: Ja, wir waren überrascht, dass Trump seit über 30 Jahren immer wieder und sehr medienwirksam die amerikanische Öffentlichkeit angesprochen hat. Es ist, also ob er seit Jahrzehnten in einem permanenten Wahlkampf stand, obwohl er ja erst zuletzt als Kandidat angetreten und dann auch gewählt worden ist. Und sein politisches Credo ist immer gleich geblieben: Die Welt lacht über Amerika, seine Präsidenten sind unfähig und können nicht verhandeln, sie lassen sich auf der Nase herumtanzen und verschleudern den Reichtum Amerikas, der im Innern fehlt, um sozialen und gesellschaftlichen Reichtum zu erzielen.

 

Frage: Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Bleiben Trumps Ansichten immer gleich?

 

Simms: In seinen Grundüberzeugungen bleibt er konstant. Im Detail passt er seine Aussagen den veränderten Bedingungen an. War es am Anfang vor allem Japan, dem er vorwarf, mit seinen billigen Waren den amerikanischen Markt überschwemmt zu haben und sich praktisch kostenlos von den USA militärisch beschützen lassen – was übrigens nicht stimmt, denn Japan hat viel dafür bezahlt – so richtet sich der Vorwurf, unzulässige Handelsvorteile gegenüber den USA zu ziehen, jetzt gegen China. Gegenüber dem Öl-Kartell der OPEC ist seine Haltung gleichgeblieben, wegen des stark gesunkenen Öl-Preises aber weniger aggressiv. Gegenüber Iran bestehet seine aggressive Ablehnung ungeachtet aller Veränderungen dort nach wie vor. Die NATO hält er für ein Subventionsgrab, wenn die europäischen Partner nicht mehr für ihre Verteidigung ausgeben. Putin bewundert er und die Annexion der Krim einen Tag nach Beendigung der Olympischen Spiele in Sotschi hält er für einen genialen Schachzug des Staatsmannes Putin.

 

Frage: Stimmt es, dass die großen Konzerne den Wahlkampf von Trump finanziert haben?

 

Simms: Vielleicht, jedenfalls aber weniger als sie Hillary Clinton unterstützt haben. Trumps Wahlkampf hat weniger gekostet als der seiner Gegnerin. Er brauchte auch weniger für seine Medienpräsenz auszugeben, die Zeitungen und Fernsehstationen kamen zu ihm und wollten seine Statements haben. Sie waren zwar überwiegend gegen ihn eingestellt, verschafften ihm aber – kostenlose – Auftritte.

 

Frage: Beobachten wir nicht ähnliches bei Le Pen oder bei der Berichterstattung über Pegida oder die AfD?

 

Simms: Ja, es ist überall dasselbe. Die Medien verschaffen der Sensation, die sie eigentlich ablehnen, überproportionale Aufmerksamkeit und erreichen mit dem so transportierten Populismus breite Schichten der Bevölkerung.

 

Frage: Zum Abschluss noch ein Wort von Ihnen zum Brexit und zu Europa.

 

Simms: Ich denke Europa muss vertieft werden, es muss also mehr und nicht weniger Europa sein. Da hätte das UK dann vielleicht nicht mehr mitmachen können. Aber das wäre der richtigere Zeitpunkt für eine Trennung gewesen, die ich von Herzen bedauere. Wenn auch Europa den Austritt Großbritanniens bedauert und fast die Hälfte der Briten ihn nicht wollten, dann sollte das Verhältnis nach dem Brexit so eng und so gut wie möglich sein. Beide Seiten sollten keinen „harten Brexit“ anstreben und auch ihre Rhetorik mäßigen, wie es sich unter Freunden gehört.

 

Das Gespräch fand am 29. April in Berlin statt. Die Fragen stellte Harald Loch

 

Bibliographie: Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

DVA, München 2017   157 Seiten   12 Euro

Putins verdeckter Krieg

Titel Boris Reitschuster Putins verdeckter Krieg. Wie Moskau den Westen destabilisiert ECON

 

Autor Boris Reitschuster ist geborener Augsburger und gelernter Russe. Nach dem Abitur zog er mit zwei Koffern nach Moskau und schlug sich als Deutschlehrer und Dolmetscher durch. Von 1999 bis 2015 leitete er das Moskauer Büro des Focus; heute lebt er als Publizist in Berlin. 2008 wurde er mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet. 
Seine hochgelobten politischen Sachbücher Putins Demokratur (2006/2014) und die Medwedew-Biographie Der neue Herr im Kreml? (2008) erschienen bei Econ. (Verlagsfinfo) 
 
Inhalt Putins Strategien den Westen zu schwächen und Russland zu stärken
 
Gestaltung Sachbuch, Vorwort, 19 Kapitel, Dank, Literaturempfehlungen, Anmerkungen
 
Cover Senkrecht gestellte Überschriften in den russischen Farben weiß, blau und rot
 
Zitat „Putin greift tief in die Giftkiste des Stalinismus und des KGB“.

 

Meinung Es ist ein Krieg, der nicht einmal Waffen braucht, die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischen, nicht militärische Mittel gewinnen an Einfluss, das ist die neue Militärdoktrin Russlands. „Lieber hätte ich ein anderes Buch geschrieben“, schreibt der Putinkritiker Boris Reitschuster, der den Fernsehjournalisten Hanns-Joachim Friedrichs zitiert, ein Journalist dürfe sich nicht mit einer Sache gemein machen. Gilt das im Unrechtsstaat auch? Macht der Journalist sich nicht dann zum nützlichen Idioten, wenn er schweigt. Reitschuster will nicht schweigen, will offen legen, Fakten bieten, aus denen Analysen erwachsen. Sein Ziel, der Westen möge seine eigene gefährliche Schwäche erkennen. 

 

Putin ist kein Ideologe wie Stalin. Der Kritiker Kasparow bringt es auf den Punkt, Putin will regieren wie Stalin – eben hart – aber leben wie Abrabamowitsch, will heißen wie im kapitalistischen Paradies. „Putins einzige Ideologie ist der Machterhalt.“

 

Der geheime, hybride Krieg heißt konkret: Informationskampf und Spezialoperationen,  verdeckte Aktionen der Geheimdienste und Sondereinsatzkommandos. Die Strategie: den Gegner spalten, unterwandern, korrumpieren, zersetzen. Den Gegner in die Irre führen, verwirren, im falschen Glauben lassen, Lügen, Desinformation und Einschüchterung nützen

 

Der Haupterfolg Putins sei - so Reitschuster - der Westen merke es gar nicht, dass er angegriffen und an der Nase herumgeführt werde. 
Putins Angst vor Revolution im eigenen Land treibt seltsame Blüten: Wegen der orangenen Revolution dürfen Politiker diese Farbe in der Öffentlichkeit nicht tragen, die Vorbeugung gegen solche Volksaufstände sind Hauptziel putinscher Politik. 
Dabei treibt russische Propaganda im eigenen Land die Horror-Visionen über Russland ohne Putin auf die Spitze: Weltuntergang, Hungerwinter, Flucht, Bürgerkrieg, Anarchie, Gottesstaat im Kaukasus, Einmarsch der NATO in Kaliningrad und Invasion der Chinesen im Osten. Verschwörungstheorien und Antiamerikanismus verbreiten sich so in den russischen Medien. Reitschuster entlarvt: Der Staat ist die organisierte Kriminalität.

 

Er weist auch nach, dass der Einsatz von russischem Militär auf den Krim eine Invasion war.

 

Schröder sei der Lobbyist des Kreml, ja sein Einflussagent, behaupten russische Kritiker. Reitschuster wirft viele Fragen auf über Hintergründe im Petersburger Dialog, welche deutschen Medien gebremst werden die Wahrheit über Putin zu berichten. Reitschuster nennt das „Lückenpresse“. Und er bietet weitere, viele einzelne Informationen, zum Beispiel: War der Hackerangriff auf den Bundestag im russischen Auftrag geschehen?

 

Im Internet sind Trolle unterwegs, die den Meinungsbildungsprozess beeinflussen wollen. Der Auftrag lautet: das Verbreiten positiver Meldungen über Russland und negativer Informationen über Russlands Feinde sowie die Beeinflussung der öffentlichen Meinung.
Der Kreml beauftragt PR-Agenturen, russische Kampftruppen werden in Deutschland ausgebildet. Putin will zurück zu alter sowjetischer Macht, er tut alles, um Europa zu schwächen, testet die Widerstandsfähigkeit seiner Nachbarn mahnt Bernard Henri Levy. 
Reitschuster benennt auch Kontakte Putins zu rechtspopulistischen Parteien. Was tun? Der Westen muss sich seiner Grundwerte wieder klarwerden. Deutschland muss seine Freiheit verteidigen, meint der Autor. 

 

Reitschuster hat wieder ein faktenreiches, sauber recherchiertes Buch vorgelegt, das den Putinverstehern so gar nicht in den Kram passen wird. Es liest sich wie ein John le Carré-Roman spannend von der ersten bis zur letzten Zeile, ein aufklärerisches mutiges und ehrliches Buch, das viel Beachtung verdient. 
 
Leser Putinkritiker, Putinversteher, Gerhard Schröder und Angela Merkel, Politiker und Parlamentarier

Ukrainische Lektionen von Karl Schlögel

Titel Karl Schlögel Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen Hanser

 

Autor Karl Schlögel, Jahrgang 1948, hat an der Freien Universität Berlin, in Moskau und Sankt Petersburg Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Bis 2013 lehrte er als Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Bei Hanser erschien zuletzt: Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent (2013).

 

Gestaltung Hardcover, nach der Einleitung reflektorisches Kapitel über seine eigene Position zum Thema, zwei Kapitel über Russland und Ukraine, acht weitere Kapitel über Städte in der Ukraine, die teilweise schon vorher erschienen sind, Fazit, Danksagung und Literaturhinweise, vor den jeweiligen Kapiteln unterhalb der Überschriften einleitende Hinweise auf den Kapitelinhalt.

 

Cover Foto von Demonstranten auf dem Majdan in Kiew

 

Zitat „Die Annexion der Krim war für mich wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel.“

 

Meinung  Schlögel bezieht sich als Historiker und erwiesener Russlandkenner auf sein langjähriges wissenschaftliches, schriftstellerisches und erfahrungsmäßiges FRAMEWORK und stellt dabei fest: von der Krim als Topos des russischen Leidens, habe er vorher nie etwas gehört und er zweifelt dabei zugleich  seinen eigenen Erkenntnisstand an, der die Ukraine bisher ebenso weitgehend ausblendete wie die westliche Öffentlichkeit es ebenso tat.

Die Aggression Putins stellt für Schlögel die deutsch-russischen Beziehungen radikal in Frage.  Schlögel stellt persönliche  Enttäuschungen und Kränkungen in den Raum, da spricht eine verletzte Seele über ihr Inneres, während er das Äußere  als Putins „Sackgasse“ darstellt, die er mit einem vom Zaun gebrochenen Krieg eingeschlagen hätte, die jedoch einen anderen Weg freimache, aufs Neue über Russland nachzudenken.

 

Schlögel fühlt sich quasi zwischen Gewissheiten in der bisherigen Erkenntnis einerseits  und Fassungslosigkeiten über die eingetretene Realität andererseits.

 

Statt nur westwärts denkend, begreift Schlögel auch den russischen Raum als große weite Welt und er weist mit Recht darauf hin, dass jenseits der aktiven Ostpolitiker als Handelnde in früheren Zeiten auch die Zivilgesellschaft bereits die Moskauer Küche als Ort des Palavers über Politik entdeckt hatte und  es Beziehungen durch den eisernen Vorhang immer schon gab, auch außerhalb der politisch-diplomatischen offiziellen Beziehungen.

 

Der Historiker schildert zunächst Putins Krisendeutung, der Westen trage die Schuld an der Ukraine-Krise, Russland sei das Opfer einer aggressiven Politik der NATO und des Westens überhaupt. Schlögels soziologisch-historisch und städtepolitisch bzw. geostrategisch bestimmte Analyse kommt zu dem Ergebnis: Die Eliten haben sich in Russland das Volkseigentum unter den Nagel gerissen, die Modernisierung Russlands im gesamten Land  blieb aus: "In einer kleinen, chirurgisch präzisen Aktion die Krim zu besetzen, erwies sich als einfacher, als die Autobahn zwischen Moskau und Sankt Petersburg fertigzustellen." Der Autor spricht von Stabilisierung des Landes ohne Modernisierung, und das hieß konkret: Gleichschaltung, Machtvertikale, zügellose Kleptokratie mit der Umverteilung des Eigentums nach oben, ohne Partizipation, ohne Rechtssicherheit. Die Ukraine-Krise hat eine Regierung herbeigeführt, die der säkularen Modernisierungsaufgabe nicht gewachsen war. 

 

Angesichts des „information war“ sieht Schlögel Europa in der Hinterhand.  Die politische Klasse entdeckt die Formel „Kalter Krieg“ neu und muss feststellen, dass geostrategische Überlegungen neue Nahrung finden mit einer gewissen Explosivkraft für die Friedenskonzepte in Europa. Das Nachkriegsdeutschland hatte die Ukraine allenfalls als Kornkammer der ehemaligen Sowjetunion wahrgenommen. Die Tatsache, dass im II. Weltkrieg jeder sechste Bürger auf ukrainischem Territorium sein Leben verlor, ebenso 2,5 Millionen seiner jüdischen Mitbürger, war im öffentlichen und im Geschichtsbewusstsein verdrängt. Karl Schlögel spricht von der „Abwesenheit der Ukraine auf der mental map der Europäer oder des Westens überhaupt.“.                             

Schlögel zeigt auf, welche Sprengkraft die ethno-nationale Argumentation Putins in sich trägt.

                                                                                
Er stellt sich die Frage, ist die Ukraine-Krise und die Rückkehr zum Gewaltkonzept ein Nachhall auf den Kalten Krieg, eine Rückkehr zu demselben oder eine Art Vorkriegszeit?

 

Bisher waren Grenz-Verschiebungen im Europa der heutigen Zeit bis gestern tabu, der neuerliche „Regelverstoß“ jedoch könnte die ganze internationale Ordnung wieder umstoßen. „Das Umstoßen von Regeln zerbrach eine ganze Welt, die auf Verhandlung, Diplomatie, eine Kultur des Diskurses begründet war.“ Die Destabilisierungstendenzen könnten Europa als Ganzes erfassen, oder haben es bereits schon getan.

Schlögel fürchtet zudem die fundamentalistische Orthodoxie und das autoritäre Regime könnten einen Sog auf orientierungslose Jugendliche ausüben. Schlögel erkennt in Putin den „failing man“, denn es ist die Zerstörung russischer Institutionen festzustellen und alle Macht ist auf eine Person zusammengeschrumpft.

 

Nach dem Russland-Ukraine-Teil des Buches geht der Autor reise-soziologisch und kulturell orientiert in die Landesteile der Ukraine und stellt deren Städte vor. Er zeigt das Laboratorium KIEW (Sie pulsiert, sie vibriert, sie fiebert), ODESSA, (Wer Handel treibt schießt nicht, oder es ist besser an den Strand zu gehen als in den Krieg zu ziehen) JALTA, (Für das russische Militärpersonal ist die Schwarzmeerküste der ideale Alterssitz) CHARKIW (Charkiw scheint im Sommer 2014 weit entfernt von Raketenbeschuss, Häuserkampf und zerstörter Infrastruktur), DNIPROPETROWSK (Mehr als jede andere Stadt ist sie ... zum Zentrum der Selbstverteidigung der Ukraine geworden)  DONEZK (Donezk sieht aus wie ein Mensch, der tödlich getroffen ist, aber noch nicht weiß, dass er bald sterben wird) CZERNOWITZ (Wie hilflos sind die Bemühungen, nun der Stadt etwas von ihrem Glanz und ihrem Gesicht zurückzugeben), LEMBERG (Wer nach Lwow  fährt, fährt in eine sowjetische Großstadt und nicht in eine habsburgische Fata Morgana).

Wir erleben während des Lesens immer wieder die selbstreflektorische und selbstkritische Position des Historikers, der eine „Abstandsfrist“ erkennt, eine Art Hemmung, die Lage zu erkennen, eine merkwürdige Analyse-Lähmung, der „gewalttätigen Wirklichkeit der Welt entwöhnt.“

Schlögels Sprache fesselt, fasziniert, zieht hinein in die Situationen, Städte, Analysen und ersten allgemeinen Verunsicherungen. Ein Beispiel, er nennt den Scharfschützen einen „Feinmechaniker des Todes“.

 

Wir begegnen in dem Buch den Regionen und Städten der Ukraine weniger den aktuell handelnden Politkern. Die heutigen schnellen Ereignisse und Berichterstattungen darüber zwingen auch dem Historiker einen anderen Zeit-Analyse-und Erzähl-Rhythmus auf.

Schlögels Buch ist eine  bekennende Analyse, von West-Werten untermauert, Schlögel  verlässt das objektivierende Terrain des Nur-Historikers, er erweist sich als Stadtsoziologe, als Geo- und Kulturpolitiker und zugleich als Westorientierter bzw. Ostenttäuschter. Das ist eine Art Katharsis als Russlandexperte, ein existentieller Schock, der das eigene Lebenswerk in Frage stellt. Aber er sieht sich in der Reihe auch anderer Historiker, sie „haben keine Rezepte für die Lösung der aktuellen Probleme, aber ihnen ist der Lauf der Dinge in der Gegenwart nicht gleichgültig.“

 

Schlögel diagnostiziert als Historiker - von den aktuellen Entwicklungen verunsichert - den ERNSTFALL, er fühlt eine tiefe metaphysische Kränkung, dass sich die Geschichte nicht so entwickelt hat, wie erwartet worden ist, eigene Vorhersagen wurden zu Irrtümern, Lebensplanungen sind durcheinandergebracht, für ihn meldet sich das UNHEIMLICHE zurück. Eine faszinierende Analyse mit Selbstzweifeln und Lektion für uns alle.

 

Leser Russland-Versteher und Russland-Kritiker sowie Ukraine-Ahnungslose

Russland-Reflex reflektieren

Titel Irina Scherbakowa/Karl Schlögel RUSSLAND REFLEX. Einsichten in eine Beziehungskrise edition Körber Stiftung

 

Autor Karl Schlögel, geboren 1948, hat an der FU Berlin, in Moskau und St. Petersburg Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Er war Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Schlögel ist Autor und Herausgeber u.a. der Bücher: "Moskau lesen. Die Stadt als Buch"; "Das Wunder von Nishnij oder die Rückkehr der Städte"; "Der Große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917-1941"; "GO EAST oder die zweite Entdeckung des Ostens".

 

Die promovierte Germanistin, Historikerin, Publizistin und Übersetzerin Irina Scherbakowa (Jg. 1949) lehrt am Zentrum für Erzählte Geschichte und visuelle Anthropologie der Moskauer Afanassjew-Universität. Für ihren Film »Alexander Men. Treibjagd auf das Sonnenlicht« (WDR 1993) wurde sie 1994 mit dem Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Seit 1999 gehört sie dem Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar an.

Irina Scherbakowa ist Koordinatorin des russischen Geschichtswettbewerbs für Jugendliche, der von der Menschenrechtsgesellschaft MEMORIAL seit 1999 jährlich ausgerichtet wird. Als Nichtregierungsorganisation setzt sich MEMORIAL für die Aufklärung der sowjetischen Repression und den Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland ein. MEMORIAL ist Mitglied des europäischen Geschichtsnetzwerks EUSTORY der Körber-Stiftung.  2005 wurde Irina Scherbakowa mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet; 2014 erhielt sie den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik.

 

Gestaltung Hardcover, Vorwort, drei Kapitel, ausgewählte Literatur, 142 Seiten

 

Cover Moskau-Silhouette

 

Zitat: „Es hat immer einen großen Zauber der russischen Kultur gegeben.“

 

Meinung  Dieses Buch ist eine Momentaufnahme, die Beziehungskrise Russland-Deutschland wird auf den Prüfstand gestellt und die beiden Autoren analysieren wie zwei erfahrene „Eheberater“, woran es in dem Verhältnis hapert. Gewalt „in der Ehe“, falsche Treueschwüre, Seitensprünge, Klischees, irritierende Verhaltensmuster, Irrtümer, Vergangenheitsbewältigung, nicht erfüllte Sehnsüchte haben die Beziehung eingetrübt. Steht man nun vor der Scheidung oder soll man es nochmals miteinander versuchen. Das Buch ist ein dichtes Gesprächs-Protokoll eindringlicher Art, das dem Laien aber auch dem Russland-Fachmann die Augen öffnet.

Schlögel, der vom Mao- nicht dem Marx-Virus der 68er Jahre infiziert war, bekennt im Blick zurück auf die eigene Vergangenheit: Autoritätsgläubigkeit, der Glaube an Ideen und Ideologien, Wirklichkeitsverweigerung und Selbstermächtigungsphantasien verblendeten den Blick auf Realitäten. Sich in Dissidentenkreisen zu bewegen hieß, zu wissen, wie Flugblätter produziert werden, wie verbotene Literatur geschmuggelt wird und Bücher zu vervielfältigen waren.

 

Und die Lage heute: Schlögel misstraut dem Analysebegriff Transformation: “Das Stichwort wirkt wie eine Art Selbstberuhigung.“ Selbstkritisch fügt er jedoch hinzu, als die russischen Sturmtrupps auf der Krim und im Donbass einfielen, analytisch nicht auf der Höhe der Zeit gewesen zu sein. Völlig richtig kritisiert Schlögel das deutsche Fernseh-Expertenwesen zu Griechenland, zu Flüchtlingswellen, das so lange herumschwadroniert, bis alles wieder seinen geordneten Platz in einer geordneten Welt gefunden und seinen Schrecken verloren hat.

Die Russlandkenner und -versteher kritisiert Schlögel als „Veteranen“-Analytiker, die in Talkshows ihre Erfahrungen von gestern austauschen.

 

Irina Scherbakowa beharrt auf ihrem eigenen geschichtsanalytischen Ansatz, man kann das aktuelle Geschehen in Russland nicht bewerten, wenn man die Veränderung des Geschichtsbildes und der Propaganda nicht einordnen kann, gerade würde die Geschichte Russlands wieder einmal missbraucht.

 

Mit der Annexion der Krim hat für Scherbakowa  die sehr lange Epoche der Aufklärung ein vorläufiges Ende gefunden. Sie weist auf die vielen Schichten der Gesellschaft hin, die zu den Verlierern der Geschichte gehören, in einer Zeit, in der Bildung und Wissenschaft ihren Sinn verloren haben, eine Zeit in der alle käuflich zu sein schien.

Schlögel mahnt, nicht immer aus russischer Perspektive auf die Ukraine zu schauen. Skeptisch sieht Schlögel die Rolle der Diplomatie, die eine Lösung der aktuellen Krise nicht allein herbeiführen könne, es komme auf die Selbstverteidigungsbereitschaft der Nation an und sie müsse auch der Demagogie nationalistischer Führer widerstehen.

Schlögel spricht von der totalen Erschöpfung des Landes, Scherbakowa von der “Kehrtwende in der Demokratisierung“ und von der „Käuflichkeit“ Europas.

 

Beide analysieren und interpretieren Klischees und Stereotype: Schlögels Fazit: “In meinen Augen ist Putin ein gefährlicher Mann, er hat alles aufs Spiel gesetzt und kaputt gemacht, was in den letzten Jahren passiert ist, um aus den alten Klischees und Vorurteilen herauszukommen.“

 

Der friedensverwöhnten westlichen Gesellschaft wurde ein Schlag versetzt, man müsse sich auf alle Fälle auf die Fortsetzung der Aggression einstellen.

 

Schlögel fordert ein „waches Gegenwartsbewusstsein, das die Pfade der eingespielten Rhetorik hinter sich lässt“, man müsse sich eingestehen, dass es in Europa wieder Krieg gibt:“ Man muss sich eingestehen, dass sich Konflikte nicht immer im Gespräch beenden lassen.“

 

Das blaue Sofa

 

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2493884/Die-blaue-Stunde:-Thema-Russland