Das politische Buch

Menschen - Themen - Hintergründe

das große nein

Ein NEIN ist ein NEIN. Diesen Satz kennen wir aus der „Me-too“-Debatte und aus dem Recht. Der Grundsatz gilt ja nicht nur im richtigen Leben allgemein, sondern neuerdings genauer im Verhältnis der Geschlechter zueinander und besonders eben auch im Sexualstrafrecht. Es macht sich schon derjenige strafbar, der "gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen" vollzieht. 


Der Münchner Soziologe entdeckt in der Soziologie für die Gesellschaftsanalyse ein ganz anderes NEIN, „das große nein“ für seine Analyse gesellschaftlichen Protestes, in der kursbuch.edition erschienen. Interessanterweise setzt der Verlag den Titel auf das Buch über das große NEIN in Kleinbuchstaben. 


So groß kann der Protest also nicht sein, aber immerhin doch groß genug geraten, um mal soziologisch genauer unter die Lupe genommen zu werden.


Armin Nassehi schreibt im Vorwort als erstes, was dieses Buch -  es hat nur 160 Seiten - leisten soll und was nicht. Damit werden die Erwartungen auch nicht überspannt. 


Hauptaufgabe ist für ihn, in einer Art Phänomenologie des Protestes zu klären, welche Funktion Proteste in der Gesellschaft haben und unter welchen Bedingungen sie wahrscheinlicher werden. 
Das Buch passt im Augenblick gut in die Protestzeit unserer Tage. Corona-Proteste kommen aber im Einzelnen noch gar nicht vor, denn es ist zu einem früheren Zeitpunkt erschienen. Armin Nassehi will auch gar nicht bestimmte Proteste konkret analysieren und typisieren, er will sie, was Soziologen ja gerne tun, unter einer Kategorie, unter einer gemeinsamen Form des Protestes subsumieren. 


Sein Ziel ist es, ein „Vademecum“, einen handlichen Leitfaden, zu schaffen, der erklärt, wie Proteste funktionieren, wie sie zustande kommen, was sie vermögen, wozu sie aber auch nicht in der Lage sind. 
Interessant ist, dass der Soziologe nicht in konkrete Protestformen des politischen Alltags vordringen will, nein, er möchte einen ziemlich weiten Sicherheitsabstand zur Protest-Kommunikation halten, sozusagen „writing distancing“ zur Protest- Kommunikation. Auch will er als Autor nicht selbst unter Protestverdacht geraten. Aber so ganz ohne praktische Beispiele aus dem politischen Alltag kommt der Autor eben doch nicht aus. 


Greifen wir einige seiner Erkenntnisse heraus:


Protest bearbeitet soziale Differenzen.
Protest ist die sichtbarste Form von Kritik.
Protest richtet sich zumeist an Dritte. 
Protest lebt von Posen.
Proteste haben besondere Organisationsformen, die Mitgliedschaftsrollen darin sind nicht stabil, es sind lose Netzwerke, mit loser Kopplung, fluide, also fließend.


Proteste sind dann irgendwie unverhältnismäßig, darin liegt ihre Stärke, denn Proteste wollen nicht wie die Politiker entscheiden, Kompromisse schließen, sich der „Kleinarbeit von Problemen unterwerfen“. 
Man kann die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte des Protestes begreifen. 


Wer kommuniziert, setzt sich dem Risiko des Protestes aus. Schönen Gruß an alle Virologen, nebenbei bemerkt. 


Der grundlegende Ausgangspunkt soziologischen Denkens, so der Münchner Wissenschaftler, ist Kommunikation. Sie trägt auch die Möglichkeit der Negation in sich. Armin Nassehi begreift Protest als eine NEIN-Stellungnahme. Kommunikation ist gewissermaßen das Management möglicher NEIN-Stellungnahmen. Weil Konflikte nur begrenzt institutionalisiert werden können, also irgendwie ins System integriert werden, ist Protest eine Reaktion darauf. 


Armin Nassehi wird doch konkret, greift PEGIDA auf sowie die linksalternative Szene und ihre Protestformen, verweist auf Sponti-Bewegungen, die Migrantenbewegung, Shitstorms, Klimademos, Occupy, Gelbwesten, 1968er-Protest, auf Grüne und AfD, dabei wertet er die Liberalisierung und Pluralisierung von Kultur und Lebensformen als ein Ergebnis von Protestpotenzial, als ein Endprodukt von NEIN-Stellungnahmen. 


Der Autor widmet ein Kapitel dem Thema Gewalt und Protest, dem er eine Steigerungslogik zuspricht und eine gewisse Attraktivität.
Wenn Forderungen von Instanzen, zum Beispiel der Politik, nicht erfüllt werden, dann wird die Kommunikation selbstbewusster, lauter, die Forderungen werden im Ton gesteigert (Semantik) und die Diagnosen werden zunehmend radikaler. 


Bei der AfD zum Beispiel von Lucke zu Höcke. Die AfD habe eine „Geschichte der semantischen Radikalisierung“, die Anhängerschaft brauche „stärkere Dosen“. Das „Nein“ müsse fortwährend verstärkt werden. Die Protestpartei profitiere von ihrer eigenen Radikalisierung. In diese Steigerungslogik passe Gewalt sehr gut, den Gewalt hat etwas Attraktives. 


Die Tragik des Protestes - so Armin Nassehi - liegt in der Unmöglichkeit des Protestes, erfolgreich zu sein, wie man es als Protestler gerne hätte. „Tragik und Eskalation liegen nahe beieinander.“ So kann die Gewaltbereitschaft dann konkret werden. 


In einem Extrakapitel diskutiert der Autor den Zusammenhang zwischen Protest auf der Straße und Protest im Netz. Im Netz sind NEIN-Stellungnahmen niedrigschwellig. Der „Hashtag“ wird zum Megafon, ein Klick reicht aus, um zwar geräuschlos aber dennoch laut zu protestieren. 


Im Schlusskapitel zum Thema Demokratie und Protest zeigt der Soziologe die Janusköpfigkeit des Protests auf. Einerseits ist er ein Demokratie-Generator, hat Bedeutung für den politischen Machtkreislauf, denn der Staat braucht „Feedback“ aus der Gesellschaft, er muss seine Entscheidungen permanent an der Realität überprüfen, ob sie denn auch durchsetzbar sind. 


Was ist der Sinn des Protestes dann überhaupt? Er kann den Machtkreislauf in Frage stellen oder durchbrechen. „Protest ist vorgeführte Loyalitätsunterbrechung.“ „Man kann durchaus sagen, dass die Klimaproteste derzeit ebenso mitregieren, wie rechtskonservative und rechte Proteste das in der Flüchtlingspolitik getan haben.
Protest „holt das Demokratische“ in den politischen Prozess zurück. Soweit die positive Seite. Aber Protest kann die Demokratie auch gefährden. 


„Proteste sind eben auch Selbstermächtigungen ohne demokratisch erworbenes Mandat.“ „Das ist in der Demokratie riskant, denn sie schließt die demokratischen Möglichkeiten von Antidemokraten mit ein.“
Fazit: Protest ist ambivalent, er kann die politischen Institutionen und deren politische Prozesse nicht ersetzen, er kann sie nur irritieren. Und das ist ja auch schon etwas.


Das Buch von Armin Nassehi ist eher ein Vademecum für Zeitgeist-Checker, Geschulte in politologischen und soziologischen Fragen, für Menschen, die sich für politische Theorie und Analyse von Gegenwartsfragen interessieren und das Vokabular der Soziologie zum besseren Verständnis intus haben sollten. 


Es ist aber besonders aktuell, weil es ein kluges, analytisches Denkinstrumentarium anbietet, um auch derzeitige Protestformen Pro- und Contra-Corona-Lockerungen einzuordnen, bei allem Irrtumsvorbehalt, den Wissenschaft - und übrigens auch Politik - für sich in Anspruch nehmen kann und darf. 


Das Volk beansprucht aber in Corona-Zeiten, selbst in dümmster populärer Ausprägung im Internet, politische Wahrheitskommunikation in absoluter Form. Im Regierungshandeln besonders.  Der Bürger, im Schwarz-Weiß-Denken von Talkshows geschult, muss alles und zu jeder Zeit 100Prozent dem Ja oder Nein untergeordnet serviert bekommen, sogar 150prozentig abgesichert, am besten an Richtwerten sogar für die Zukunft ausgerichtet. Und es muss eben als richtig oder falsch eingeordnet werden können. Differenzierung ist aus der Mode gekommen.


So einfach ist das Leben, die Vergangenheit, die Gegenwart und erst recht die Zukunft leider nicht.


Dumme und Gescheite unterscheiden sich dadurch, dass der Dumme immer dieselben Fehler macht und der Gescheite immer neue, heißt es im Volksmund. Worin unterscheiden sich nun Politiker und Virologen, ach lassen wir das, erst einmal üben wir „distancing“ von all diesen Fragen. Oder, wie sagte es einst Peter Felixberger, Herausgeber des KURSBUCHES und Kollege von Armin Nassehi: „Seit ich lebe, geht die Welt unter.“ Mit diesem Satz kann man weiterleben. 

 

Armin Nassehi das große nein kursbuch.edition

 

Kremls Traum von einer Großmacht


Wir lieben Russland! Oder wir verdammen es? Wir respektieren Putin, und dennoch belegen wir sein Land zugleich mit Sanktionen. Wir wollten Russland nach Europa führen und haben die Türen zugeschlagen. Die einen wollen mit dem Riesen-Reich mehr Kontakte schaffen, Gespräche führen, Verträge abschließen, neue Absatzmärkte schaffen, die anderen verweisen auf die völkerrechtswidrige Krim-Annexion, die immensen Wahlbeeinflussungen, die konsequente Verfolgung von Minderheiten und brutale Ausschaltung politischer Opposition und sehen Russland als NO-go-Area. 


Es wird Zeit für mehr Sachlichkeit und Differenzierung, und da kommt das CH.Links-Buch von Manfred Quiring RUSSLAND.AUFERSTEHUNG EINER WELTMACHT gerade recht. Er war langjähriger Korrespondent für die BERLINER ZEITUNG, ADN und DIE WELT und ist ein profunder Kenner Russlands. 


Seine Kernfrage: Russland spielt wieder eine größere Rolle auf dem internationalen Parkett, aber ist es damit schon wieder zur Weltmacht geworden? Woher rührt das polit-aggressive Verhalten Russlands? Welche innenpolitischen Prozesse spielen sich ab? Wie geht der fortgesetzte Demokratieabbau und die Verfolgung der politischen Opposition voran? Warum kommt es zur Re-Stalinisierung und Re-Militarisierung? Welche europapolitischen Perspektiven ergeben sich aus der neuen „alten“ Rolle Russlands und wieso hat das alles mit MEHR-SCHEIN-ALS-SEIN zu tun. Oder wie Quirin es formuliert: So tun, als ob. Russisch heißt das POKASUCHA. 


Quirin analysiert die Säulen der Kleptokratie Putins, zu denen die Geheimdienste, die machtvollen Chefs der Staatsunternehmen, seine Petersburger „Spezln“, die Wirtschaftskreise in offshore-Häfen gehören. Und die gleichgeschalteten russischen Medien gehören auch dazu. Während sich Russland international profiliert und zugleich westeuropäisch gesehen isoliert, also vom Westen abwendet, nähert es sich dem strategischen Partner China immer näher an. 


„Russlands Weg auf den Olymp der ganz Großen in dieser Welt ist der Weg der kleinen militärischen Schritte“. Ob Moskaus Eroberung der Krim, der Krieg in der Ostukraine, die Syrien-Operationen, die Arktispolitik und die Einmischung in Zentralafrika, Putins graue und grüne Männer sind überall. Die „Grauen“ sind die loyalen Parteigänger, die Unternehmer, Ex-Militärs, Staatsbedienstete, Geheimdienstleute, die die Kreml-Clans um Putin und Putin selbst unterstützen. Die „Grünen Männer“ operieren verdeckt und militärisch. Und die noch unsichtbareren Männer führen den Cyberkrieg im Internet hinter allen möglichen Kulissen und beeinflussen international Wahlprozesse. 


Wie soll nun eine Politik der Europäer gegenüber dem wieder erstarkten Russland aussehen? Der Autor folgt dem russischen Oppositionspolitiker Jawlinskij: „Sie fragen mich, wie man eine gemeinsame Sprache mit Putin finden kann? Ich sage Ihnen: Putin versteht nur die Sprache der Macht, der Stärke“. Und Europa ist derzeit schwächer als schwach. Die Europäer müssten „selbstbewusst und konsequent auf Augenhöhe mit Moskau sprechen“. 


Das Russland-Buch des Autors zeigt sehr differenziert und genau die vertikalen Machtstrukturen, benennt namentlich die einflussreichen Personen-Kartelle, analysiert die historischen und aktuellen Hintergründe, geht also sehr in die Tiefe, ohne dabei Klarheit, Präzision, Anschaulichkeit und Übersicht zu verlieren. 
Es ist eine Art Glasnost (Offenheit)- und Perestroika (Umgestaltung)-Buch für Russland-Versteher und Russland-Nichtversteher. Quiring öffnet uns die Augen, wie Russland tickt. 


Für die europäische und deutsche Politik folgt daraus: Wie müssen wir gegenüber Russland unsere Politik ändern, also umgestalten? Doch in unserer Außenpolitik, da ist Вакуум. Das ist Russisch, heißt Vakuum und bedeutet zu Deutsch luftleerer Raum!

 

Manfred Quiring RUSSLAND.AUFERSTEHUNG EINER WELTMACHT CH.LINKS VERLAG 

Die ratlose Außenpolitik

Eine Art „tiefenpsychologischer“ Selbsterkenntnis des langjährigen Diplomaten steht im Einleitungskapitel: Das Thema Außenpolitik ist trocken. Recht hat er, es ist aber auch langjährig komplett aus dem Focus deutscher Politik geraten, und hinzu kommt der Medienalltag, der es oft bei spannenden Kameraeinstellungen und Kurzfilmen in Krisen und Konflikten dabei belässt, statt Außenpolitik gründlich zu analysieren und zu kommentieren. Aber: „Sinn von Außenpolitik ist es nicht, Nachrichtensendungen spannender zu machen.“
Volker Stanzel gehörte zu den Politik prägenden Diplomaten – er war Botschafter in Japan und China, arbeitete für die Stiftung Wissenschaft und Politik, hatte Lehraufträge an der Hertie School of Government und bekleidet heute das Amt des Vizepräsidenten der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.


Stanzel gibt eingangs zu bedenken, dass gegenwärtige deutsche Interessenlagen immer wieder von unerwarteten Ereignissen überrascht werden. Die außenpolitischen Auseinandersetzungen kreisen zuvörderst um traditionelle Fragen wie etwa: Wie viel Befugnisse soll die Europäische Kommission haben? Welche Rolle spielen die USA im transatlantischen Bündnis? Welche Auslandseinsätze der Bundeswehr sind finanzierbar? 


Außenpolitik, so die hehre Forderung des Diplomaten, sei so zu gestalten, dass die Bürger sie als Vertretung ihrer eigenen Interessen begreifen. Aber davon ist sie leider sehr weit entfernt. Die Diplomatenparole lautet also: Mitreden, mitmachen, mitbestimmen! Denn Lösungsvoraussetzungen seien besser, wenn es einen gesellschaftlichen tragenden Konsens gibt. 
Die Analyse des Autors ist deutlich, keineswegs diplomatisch zurückhaltend. Die Welt gerät aus den Fugen, wenn die Konflikte und Krisen nicht mehr oder immer weniger beherrschbar werden. Außenpolitiker und Diplomaten würden sich in gehobenen Sphären bewegen, seien als Fachleute unter sich, sie müssten jedoch mehr Verständnis schaffen, ja geradezu Mitspracheräume eröffnen. 
Stanzels Buch ist eine fundierte, ausführliche, panoramamäßig gestaltete Rundumblick-Bestandsaufnahme. Deutschland sei bisher die normale Mittelmacht, die Forderung an Außenpolitik sei es jedoch, Krisenverursacher und ihre Opfer an einen Tisch zu bringen. Europas Niedergang sei zugleich verbunden mit einer europäischen Großmachtdämmerung. 


Stanzel listet schonungslos die Schwächen auf: Der Zusammenhalt der Europäischen Union werde nicht sichergestellt, man setze bloß auf eine starke deutsche Führung. Die rasch fortschreitende Globalisierung schaffe international neue Akteure, durch Digitalisierung entstünden auch neue Öffentlichkeiten, die an der bestehenden Ordnung rüttelten und nationalpopulistische Bewegungen in Gang setzten. 


Weiter fährt Stanzel in der Bestandsaufnahme fort: Gegenüber Amerika und China wurde kein angemessener Umgang entwickelt, während sich die USA aus Europa zurückziehen und China eine immer größere internationale Rolle einnimmt. Und letztens, das Kräftefeld zwischen Russland, Osteuropa und der Europäischen Union sei nicht ausreichend ausbalanciert und stelle kein Mittel zur Gestaltung der europäischen Zukunft dar. Stanzel fordert die Einbeziehung zivilgesellschaftlichen Handelns, sonst bleibt Außenpolitik in regionalen oder globalen Problemzonen hängen und wälzt sich von einer Krisenproblematik zur nächsten. Ideen seien gefragt zur Bewältigung der Krisen in Palästina, Afghanistan, Irak, Iran, Russland/Osteuropa, China, in der Europäischen Union sowie im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Stanzel gibt zu bedenken, die deutsche Außenpolitik hätte den europäischen Faktor auch in der UNO stärker ins Spiel bringen müssen, vor allem an der Seite von Frankreich und Großbritannien.


Unter dem Stichwort „Öffnung und Vertrauen“ schlägt der Autor ein Schlusskapitel auf, über dem die Überschrift ein „neuer außenpolitischer Konsens“ steht. Kontinuität weiterdenken, sich dem Nationalpopulismus widersetzen, sich mit Europas Sicherheit beschäftigen, die Digitalisierung zähmen, sei die Aufgabe, jedoch mehr zu regeln, sei allerdings kein überzeugender Ansatz. Eine Nachgiebigkeit gegenüber russischen Aggressionen komme nicht in Frage, Klarheit gegenüber eigenen Interessen formulieren, die zivilgesellschaftlichen Werte dabei definieren, sei das Modell, eine „…zeitgemäße Außenpolitik, ruhend auf soliden demokratischen Prinzipien“ zu organisieren. 


So kommt der ehemalige Chefredakteur der ZEIT Theo Sommer zu dem Ergebnis, dieses Buch sei „... glänzend geschrieben, hochinformativ und vor allem sehr gut strukturiert. Nach meinem Urteil ist es das beste Buch über deutsche Außenpolitik, das derzeit auf dem Markt ist“. So ist es! 


Volker Stanzel Die ratlose Außenpolitik und warum sie Rückhalt der Gesellschaft braucht Dietz

 

Deutschlandfunk

 

 

Plädoyer gegen die Ungleichheit

In Zeiten verstärkter und erzwungener häuslicher Einkehr steigen auch die Chancen dicker, im wörtlichen Sinn vielseitiger Bücher. Das wichtigste in diesem Frühjahr hat Thomas Piketti mit dem 1312-Seiten-Wälzer „Kapital und Ideologie“ geschrieben. Wenn an dieser Zeitenwende viele Gewissheiten infrage gestellt werden, dann gehört das revolutionäre Gleichheitsversprechen dazu. Piketti analysiert in seinem auf überwältigendes Quellen- und Zahlenmaterial gestützten Buch die longue durée der Ungleichheit – weltweit und zu allen Epochen der jüngeren Vergangenheit. Er untersucht die ungleiche Vermögens- und Einkommensverteilung, die ungleichen Zugangsmöglichkeiten zu Bildung und Gesundheit, die ungleichen Partizipationschancen in Politik und Gesellschaft.


Der 1971 bei Paris geborene Piketti ist Professor an der École des hautes études en sciences sociales und legt nach seinem weltweit in 2,5 Millionen Exemplaren verkauften Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ jetzt ein aufregendes Manifest gegen die Ungleichheit vor – beileibe kein Aufruf zur Revolution trotz revolutionärer Erkenntnisse und Vorschläge! Sein Buch will Denkanstöße in einer partizipativen demokratischen Diskussion geben. Seine Analysen stützen sich auf wissenschaftlich ermittelte Daten. Aus ihnen folgen für den Autor gewisse Gesetzmäßigkeiten, die er mit offensiv vertretener Urteilskraft formuliert. Seine Vorschläge, die Quintessenz seiner Analysen, arbeiten nicht mit durchgerechneten Zahlen, sondern mit Modellen, die in realen gesellschaftlichen Experimenten auf ihre Realisierbarkeit überprüft und in mitbestimmten Diskursen nachjustiert werden müssten. 


Die in den „atlantischen“ Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts beschworene Gleichheit wurde schon in diesen „durch und durch bürgerlichen“ Revolutionen in Hinblick auf die Eigentums- und Einkommensverteilung schmählich verraten. Nach 1789 kam es in Frankreich keineswegs zu einer Umverteilung des Eigentums. Es wurde vielmehr als eines der unveräußerlichen Menschenrechte mit dem Siegel der Unantastbarkeit versehen, das es bis heute in allen westlichen Verfassungen behalten hat. Aus dem Menschenrecht für alle wurde eine Garantie wenige, also für die Ungleichheit. In vier Teilen untersucht Piketti die „Ungleichheit in der Geschichte“, die „Sklavenhalter- und Kolonialgesellschaften“ sowie die „Große Transformation im 20 Jahrhundert“, um am Ende zu neuem Nachdenken über die Dimensionen des politischen Konflikts aufzufordern.

 

Sofern belastbare Zahlen vorliegen, bereitet er sie in zahlreichen aussagekräftigen und erläuterten Grafiken und Tabellen auch für den statistisch nicht bewanderten Leser auf. „Um die Lektüre nicht zu erschweren, wurden nur die wichtigsten Quellen und Beleg im Text und den Fußnoten zitiert. Wer sich detailliert über die Gesamtheit der historischen Quellen, der bibliographischen Angaben und die im Buch verwendeten Methoden informieren möchte, ist eingeladen, den online verfügbaren Technischen Anhang zu Rate zu ziehen“, schreibt der Autor. Das ist eine beispielhafte Aufteilung eines großen Werkes in die Lesefassung und einen für die wissenschaftliche Nutzung bestimmten Online-Anhang!


Es ist ein interdisziplinäres „Gesamtkunstwerk“ entstanden, dessen Kern der Soziologie zuzuordnen ist, das Erkenntnisse der Volkswirtschaft aufbereitet und als Historiographie des Ungleichheit ein Geschichtswerk hohen Ranges darstellt. Auf dem Wege zu seinen Schlussfolgerungen untersucht er nicht nur den gegenwärtigen „Hyperkapitalismus“, sondern auch untergegangene kommunistische und postkommunistische Gesellschaften. Die sozialdemokratischen Versuche, die Ungleichheit abzubauen, werden in einem gesonderten Kapitel über die „unvollendete Gleichheit“ beschrieben und analysiert. Alles mündet in dem Schlusskapitel „Elemente eines partizipativen Sozialismus für das 21. Jahrhundert“. Darin fordert er zunächst eine progressive „Einkommensteuer“, die nach unserem Verständnis die Grundsteuer und eine hierzulande abgeschaffte, aber neu zu diskutierende Vermögensteuer zusammenfassen würde.

 

Er unterbreitet Vorschläge, wie eine Progression ermittelt und „gerecht“ aussehen könnte. Das Aufkommen dieser Einkommensteuer sollte im Wesentlichen zu einer Grundausstattung an Vermögen für jeden Bürger mit dem 25. Lebensjahr dienen. Ähnlich detailliert sind seine Vorschläge für eine progressive Einkommensbesteuerung, wobei er die Steuern und Sozialabgaben der Größenordnung nach zusammen betrachtet, ihre Verwendung jedoch getrennt halten möchte. Ihr Aufkommen solle ein Grundeinkommen ermöglichen, das oberhalb der heute schon garantierten Sozialeinkommen liegen würde.

 

Für einen gleicheren Zugang zu Bildung, Gesundheit und unternehmerischer Mitbestimmung macht Piketti Vorschläge, über die zu diskutieren sein wird.  Jedenfalls sei die Krise des Kapitalismus an einen Punkt gelangt, an dem die gewachsene Ungleichheit in einem Prozess des Umdenkens einem neuen Gleichheitsversprechen weichen müsse. Im Gespräch betont der Autor, dass dieser Umschwung in jedem Fall ohne Gewalt, also diskursiv erfolgen müssen. Hierzu ist diesem Buch eine größtmögliche Verbreitung zu wünschen.


Harald Loch


Thomas Piketti: Kapital und Ideologie
Aus dem Französischen von André Hansen, Enrico Heinemann, Stefan Lorenzer, Ursel Schäfer und Nastasja S. Dresler
C.H.Beck, München 2020   1312 S., 158 Grafiken und 11 Tabellen   39,95 Euro

 

 

Globalisierung und Revolte

Globalisierung wirkt immer vor allem lokal. Dort macht der israelische Star-Journalist Nadav Eyal seine Erfahrungen mit dem, was er „Revolte“ gegen diese örtlich wirksame Globalisierung nennt. Seine Methode in dem gleichnamigen Buch greift die Dialektik zwischen global und lokal auf und gewinnt dadurch Anschaulichkeit und Überzeugungskraft.

 

Der 1979 geborene Chefkorrespondent des israelischen Fernsehsenders Channel 13 hat in den letzten zehn Jahren die Orte aufgesucht, an denen er von der Globalisierung betroffene Menschen traf. Oder die glaubten, wegen der Globalisierung Nachteile erlitten zu haben. Um es vorweg zu sagen: Eyal warnt vor dem Rückbau der Globalisierung. Er beschreibt z.B. den globalen Migrationsdrang sowohl historisch als eine anthropologische Grundeigenschaft und als ein Menschenrecht. Er stellt sich mit den 2015 aus Syrien geflohenen Menschen an der serbisch-ungarischen Grenze an, spricht mit ihnen und fragt Jahre später an, wie es ihnen inzwischen in Deutschland geht.

 

Sie haben natürlich Heimweh, aber sie haben Arbeit, eine Wohnung, ein Leben. Am Schicksal seines 1933 aus Bialystok in Polen illegal nach Palästina eingewanderten Vaters macht er Migrationsverbote deutlich. Seine Familie konnte er zunächst nicht mitnehmen und später auch nicht mehr retten.


Breiten Raum nehmen in dem von Ruth Achlama glänzend übersetzten Buch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Globalisierung und der aus ihnen resultierende Widerstand ein. Wenn die westlichen Länder ihren Stahl nicht mehr selbst herstellen, sondern aus China beziehen, entstehen aus den dortigen Hochöfen die giftigen und klimaschädlichen Abgase, nicht mehr im Ruhrgebiet oder in Pennsylvanien. Und die chinesischen Machthaber vertreiben diese Hochöfen aus der Nähe der Städte in ländliche Gegenden.

 

Aus der globalisierten Produktionsverlagerung wird ein lokales Ärgernis, wenn nicht Schlimmeres. Auf der anderen Seite verelenden die amerikanischen Bergbau- und Industriestädte, werden Menschen arbeitslos, wird eine ganze Mittelklasse zu Opfern der Globalisierung. Oder der Propaganda gegen diese. Die Folgen sind in Trumps Agenda nachzuvollziehen: Einschränkung des freien Welthandels. Eyal erinnert daran, das sein „America first“ das Schlagwort derjenigen war, die gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg waren. Trump, den Eyal regelrecht demontiert, nennt sich selbst einen „Nationalisten“. Auch in anderen Ländern interviewte der Autor Nationalisten, Propagandisten der „Neuen Rechten“, Neonazis: Er fährt auf dem Höhepunkt der Krise nach Athen, spricht mit Marine Le Pen, mit thüringischen Rechtsradikalen. Sie alle stellen das „Wohl“ der Einheimischen über das der ganzen Welt, halten Einwanderung aus rassistischen Gründen oder zum vorgeblichen Schutz inländischer Arbeitnehmer wenigstens für unerwünscht.
Einige Kapitel schreibt Eyal über die Zustände in den USA, über den freien Waffenbesitz, über die Lügen, die nicht nur der Präsident, sondern rechts-subversive Medien verbreiten. Er besucht Hinterbliebene der Kinder, die 2010 in einer Schule in Sandy Hook, Connecticut, von einem Mörder mit einem Sturmgewehr erschossen wurden.

 

In Verschwörungstheorien wurde behauptet – und von manchen geglaubt – dass diese Kinder überhaupt nie gelebt hätten, sondern der „angebliche“ Mord eine Erfindung Obamas in seiner Kampagne gegen den freien Waffenverkauf gewesen sei. Überall ist Eyal vor Ort, fragt genau nach und recherchiert dann in allgemein zugänglichen Quellen, nennt Zahlen, widerlegt Propaganda. Alles das verdichtet sich zu einer hervorragend lesbaren Analyse des gegenwärtigen Zustandes der Welt, die sich ohne Sinn und Verstand auf eine Klimakatstrophe zubewegt. Die „Revolte“ gegen die Globalisierung sei – so der Befund Ayals – ein Teil der Katastrophe. Helfen könne nur mehr Zusammenarbeit der Staaten – auch gegen die übermächtigen Konzerne.

 

Harald Loch


Nadav Eyal: Revolte. Der weltweite Aufstand gegen die Globalisierung
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Ullstein, Berlin 2020     492 Seiten   29,99 Euro

 

Die Mobilmachung von Rechts

 

Es ist eine Fleißarbeit: Die Autoren haben hunderte Videos geschaut, Facebook und Instagram geprüft, sind in geschlossene Server abgetaucht, haben undercover an Chatgruppen teilgenommen, sie haben Funktionäre und Frontkämpfer der Rechten befragt, haben im In- und Ausland Experten interviewt, sind Verschwörungstheorien gefolgt, haben unzählige Posts gelesen und Youtube-Filme angeschaut.

Ihr Fazit: Die Neue Rechte will unsere Kultur zerstören, hat der Demokratie den Kampf angesagt, ein ganzes Netzwerk von rechten Vereinen, Zeitschriften und Influencern verbreitet gefährliche Ideologien.

 

Und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, die neuerlichen Festnahmen im rechtsradikalen Milieu oder der Anschlag in Hanau bestätigen die Autoren auf der ganzen Linie. Denn diese Gruppen planten auch Attentate gegen Politiker, um bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland hervorzurufen.

 

Die Autoren analysieren in den rechtsradikalen Milieus der USA die Ursprünge dieser Entwicklungen, in denen eine digitale Radikalisierung stattfindet. Sie beschreiben die Phasen des Infokrieges und des politischen Onlinekampfes, die auch den Charakter der normalen gesitteten politischen Auseinandersetzung negativ beeinflussen.

 

Die Rolle von Facebook wird ebenso thematisiert wie der Erfolgskurs der AfD bei Wahlen.

Das Ergebnis ihrer Analyse: Die Netzwerke wollen unser Verhalten und unsere Wünsche kontrollieren, mit den sozialen Medien haben die extremen Rechten genau das Handwerkszeug bekommen, um der Demokratie den Kampf anzusagen.

 

„Der Erfolg rechter Bewegungen im Netz ist geplant.“

 

Was Influencer schaffen, nennt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ein „Konnektiv“. Die Gruppen sind für den Moment, für ein bestimmtes Thema gebunden. Dabei sind sich die Autoren sicher: „Die rechte Mobilmachung ist in vollem Gange.“

 

Die Autoren zeigen zum Beispiel, wie auf Imageboards Bilder gepostet werden, die dann bearbeitet mit neuen Zitaten und auch extremen Botschaften in neuen Kontexten weiter verbreitet werden.

 

Oft sind solche Posts einfach nur witzig, häufig jedoch auch anstößig, rassistisch oder frauenfeindlich. Es existieren nämlich auch radikale Männer-Communities, die offen ihren Frauenhass ausleben. Nicht selten kommen Attentäter auch aus dem Gamer-Milieu.

Die Neue Rechte in den USA und in Deutschland sieht in der Kultur den Hebel für ihre konservative Revolution.

 

Ob „weißer Ethnostaat“, rassistische Slogans, das Schwenken von Hakenkreuzflaggen, “Ethnonationalisten“ „Identitäre“, der „Kampf um die Köpfe“, die Vielfalt rechtsextremer Phänomene wächst.

 

Politische Führung erzeugt Emotionen, und die sozialen Netzwerke werden dabei zu perfekten Waffen im Infokrieg.

 

Was nicht in den Medien war, hat nicht stattgefunden. Die Aufwühlmethode ist einfach: Reibung erzeugen, Kontroversen konstruieren, Empörung produzieren.

 

In der visuell geprägten Welt erfolgt die Mobilisierung über Bilder und Emotionen. Martin Heidegger philosophiert: “Der Grundvorgang der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild.“

Brasilianische Kommunikationswissenschaftler haben nachgewiesen, dass die Inhalte von leichteren und seichteren Themen auf YouTube zu radikaleren Themen gewandert sind.

 

Auf Facebook werden im Namen der AfD 1600 Accounts betrieben. Der politische Befund der Autoren ist POLARISIERUNG, die Rechte schlüpft in eine Opferrolle, Personalisierung und Polarisierung paaren sich und kämpfen um die größtmögliche Reichweite in den sozialen Medien. Internetexperten sprechen schon davon: Die Tendenz zum Faschismus ist in den Plattformen eingebaut, die Logarithmen geraten außer Kontrolle.

 

Die Autoren weisen schlüssig und faktenreich, sehr detailgenau nach, wie Propaganda und der Rechtsruck in der Gesellschaft funktionieren, wie radikalen Netzaktivisten die Demokratie angreifen. Es wird Zeit, dass sich die Demokratie wehrt. Erst recht seit den Ereignissen in Hanau.

 

Patrick Stegemann/Sören Musyal Die rechte Mobilmachung. Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen ECON

 

Sören Musyal, *1989, studierte in Erfurt, Berlin und New York Kommunikationswissenschaft und Sozialwissenschaften. Er arbeitet seit mehreren Jahren wissenschaftlich und publizistisch für verschiedene Auftraggeber*innen zur radikalen Rechten – online wie offline. Für die Doku „Lösch Dich – So organisiert ist der Hate im Netz“ war er verdeckt in rechten Trollnetzwerken aktiv.

 

Patrick Stegemann, *1989, ist Kommunikationswissenschaftler und Soziologe. Nach seinem Studium in Erfurt, Berlin, Haifa und Kairo entwickelt und realisiert er Bewegtbildjournalismus auf Facebook, Instagram, YouTube und im Fernsehen. Für den Film „Lösch Dich. So organisiert ist der Hass im Netz“ wurde er mehrfach u.a. mit dem Reporterpreis und dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet.

 

Presse

 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/p-stegemann-und-s-musyal-die-rechte-mobilmachung-die.950.de.html?dram:article_id=469219

Neues Enthüllungsbuch                              Trump gegen die Demokratie

„Fasten your seatbelts“ muss es vor der Lektüre des aktuellsten Trump-Buches heißen. Die beiden Journalisten Washington Post Philip Rucker und Carol Leonig haben das schwindelerregende Enthüllungsbuch unter dem Titel „Trump. Gegen die Demokratie“ mitten während des laufenden Amtsenthebungsverfahrens veröffentlicht. Ein Heer von Übersetzern hat es rechtzeitig für das deutsche Publikum aufgetischt, das sich gut festhalten sollte, bei dem schnellen Wechsel von Achterbahn, Kettenkarussell und anderen halsbrecherischen Attraktionen auf dem Rummelplatz Washington. So viel vorweg: Das krankhaft sprunghafte Verhalten des US-Präsidenten bis auf den erst am Schluss des Buches beschriebenen Ukraine-Skandal rechtfertigt nach der US-Verfassung keine Amtsenthebung, es verbietet aber eine Wiederwahl. Immerhin haben die Institutionen der Vereinigten Staaten noch Schlimmeres verhindert. Ob das amerikanische Wahlrecht und die Weisheit der Wähler das Schlimmste, eine Wiederwahl Trumps verhindern können, mag bezweifelt werden. Eines steht nach diesem Buch, das ein werbewirksames Loblied auf die Washington Post singt, aber auch fest: Die Pressefreiheit und der investigative Journalismus sind ein nicht zu überschätzender Wert der Demokratie.

 

Die beiden Journalisten schreiben ein hervorragend lesbares Buch, das sehr unterhaltsam wäre, wenn es nicht auf jeder Seite zurecht Alarm schlagen, von Ungeheuerlichkeiten berichten würde. Trumps Umgang mit Ministern und leitenden Mitarbeitern, sein Verhältnis zur Wahrheit, sein fehlender Respekt vor der Gewaltenteilung in ihrer US-amerikanischen Variante sowie sein vulgäres Vokabular erscheinen in einem verheerenden Licht. Rucker und Leonnig lassen im Schnelldurchlauf einen vom Präsidenten ausgelösten Skandal nach dem anderen ablaufen. Die Namen der Gefeuerten, der resigniert Zurückgetretenen, der Gedemütigten und der Speichellecker sind Legion. Den zaghaften Bericht des Sonderermittlers Mueller bedauern die Autoren, die selbst mehr zusammengetragen haben, vor allem über Trumps Versuche, die Ermittlungen der Justiz zu behindern. Dabei wird die Sonderstellung des amerikanischen Justizministeriums deutlich, das vom Weißen Haus unabhängig neben der klassischen Regierungsaufgabe auch die Funktion einer Anklagebehörde ausübt. Die Sprunghaftigkeit des Präsidenten stellt jede Pressesprecherin, jeden Kommunikationsleiter und auch seine Anwälte immer wieder vor unlösbare Probleme.

 

Den „Freispruch“, den der Präsident seinem russischen Amtskollegen Putin In Helsinki wegen der von den US-Geheimdiensten beweiskräftig ermittelten Einmischung in den Wahlkampf erteilte, musste er, wieder in Washington, zurücknehmen. Das Desaster war in einem „Spickzettel“ versteckt, den ihm seine hochrangigen Berater vor dem Treffen mit Putin in sein Dossier gelegt hatten. Putin war gerade mit 75% wiedergewählt worden. Auf der Karteikarte stand: „Nicht gratulieren!“. Trump hatte wie gewöhnlich das Briefing nicht gelesen und gratulierte Putin prompt zu dessen Wahlerfolg. Gerade hatte Putin in England einen übergelaufenen Doppelagenten ermorden lassen. „Mördern gratuliert ein amerikanischer Präsident nicht“, hatten die Berater gemeint. Von dem Spickzettel und dem Abweichen Trumps erfuhren die Medien, berichteten groß darüber und der Sicherheitschef Trumps musste wegen dieses Lecks in der Verwaltung des Weißen Hauses gehen. Die Trennung der Kinder von ihren illegal in die USA eingewanderten Eltern musste Trump wegen der weltweiten Empörung abmildern. Die Ankündigung, die NATO zu verlassen, blieb Theaterdonner, die Verständigung mit Nordkorea ein völlig unrealistisches Versprechen. Das Buch wimmelt von Beispielen für nicht ausgelassene Fettnäpfchen und leider auch für Schlimmeres. Das letzte Kapitel des Buches ist dem Ukraine-Skandal gewidmet, das im Mittelpunkt des Amtsenthebungsverfahrens steht.

 

Der Präsident ist unfähig und für das Amt völlig ungeeignet – egal, ob man das aus der Perspektive der Republikaner sieht oder aus der der Demokraten. Unfähigkeit ist kein Grund für eine Amtsenthebung. Das Buch der beiden Autoren von der Washington Post wäre aber geeignet, würde es von einem ausreichenden Teil der Wähler gelesen, Anhänger Trumps wenigstens zu Zweiflern umzustimmen – man kann es nur hoffen.

 

Harald Loch

 

Philip Rucker und Carol Leonnig: Trump. Gegen die Demokratie“

Aus dem Amerikanischen von Martin Bayer, Karlheinz Dürr, Hans-Peter Remmler, Walter Roller, Karin Schuler, Violeta Topalova

S. Fischer, Frankfurt am Main 2020   560 Seiten   22 Euro

Trump unter Beschuss

Der Beginn der Amtsperiode von Präsident Donald Trump war eine Mischung aus organisatorischem Chaos und Psychodramen, aus Mitarbeitern feuern und Zornausbrüchen. Eben FEUER UND ZORN.  In der zweiten Phase steht Trump – so der neue Buchtitel: “Unter Beschuss“. Zielgerichtet von außen, weil die Demokraten das Amtsenthebungsverfahren wollen, das in dem neusten Buch von Michael Wolff noch keine Rolle spielt, aber eben auch „friendly fire“ von innen, denn viele Mitarbeiter und Trumps Parteibasis Basis halten ihn für „unzuverlässig“, „hoffnungslos abgelenkt“ und „seinem Amt nicht“ gewachsen. So steht es in den Vorbemerkungen.

 

Wolff empfindet als Autor eine „Katastrophen-Faszination von Trump“, und er hegt die Gewissheit, dass der US-Präsident sich am Ende selbst zerstören wird. Bisher ist das jedoch ausgeblieben.

 

Im ersten Band konnte Wolff noch im Weißen Haus sitzen und selbst als Lauscher an der Wand zuhören und beobachten. Nun muss er sich im zweiten Band auf Quellen meist geschasster Mitarbeiter von Trump verlassen, die unter seinem Quellenschutz stehen. Er hat ihnen Anonymität zugesichert. Quellengenauigkeit ist also kaum prüfbar.

 

Wolff beschreibt sich selbst deshalb als Buchautor nicht als Journalist, eher die Gesellschaft als die Politik und wohl „befreiter“ schreibend. Dennoch: 150 Informanten hat Wolff befragt. Die Zitate verlangen Leser-Vertrauen. Also hoffentlich nicht zu viel Fiction statt Faction.

Der zweite Mangel entsteht in der FAKENEWS-Zentrale Weißes Haus selbst, denn dort herrscht “ (…) die Bereitschaft, die Wahrheit zu zerreden oder für unwahr zu erklären oder notfalls gleich unverblümt zu lügen“.

 

Und die dritte Ebene benennt Wolff auch als Problem selbst, dass er eher menschliche Haltungen, und Gemütsverfassungen beschreibt als politische Haltungen und aus meiner Sicht vor allem, deren gravierende politische Zusammenhänge und vor allem Folgen von ihm knapp behandelt werden.

 

So ist dieses zwar spannende und gut lesbar geschriebene Buch eine detailversessene, mit vielen Namen gespickte Polit-Revue, mit unzähligen Anekdoten und Intimitäten, eine knallharte Politikanalyse ist es jedoch nicht.

 

Das Buch entspricht also dem Medientrend, alles zu personalisieren. Geld, Lügen, Style, Gerüchte, Macht, Sex, all dies kommt bei Trump zusammen, als läge ein Hollywood-Drehbuch vor.

 

Die ZEIT zitiert den Autor: "Ich habe eine Geschichte über eine Welt voller Ganoven geschrieben. Und ich habe es zum größten Teil auf der Basis dessen gemacht, was mir Lügner und Gauner erzählt haben. Das ist natürlich verwirrend. Man muss versuchen, alles, so gut es geht, zu analysieren und zu zerlegen. Denn sogar Lügner und Ganoven sagen manchmal die Wahrheit."

 

Die Stärken des Buches liegen aber auch genau darin, das matrixhafte Beziehungsgeflecht zwischen Wählerschaft, Unterstützern, Spendern, politischen Freunden, Geschäftskollegen, Funktionsträgern, Medienleuten, entlassenen Mitarbeitern, vermeintlichen oder echten Sexpartnern und vor allem der Familie Trump selbst auseinander zu differenzieren und am Ende auch wieder zusammen zu setzen, was schwierig genug ist.

 

Man muss sich auch darauf einlassen, dass die offene Hauptquelle des Buches der Präsidentenmacher Stephen K. Bannon ist, der zwar den Wahlkampf für Trump gewonnen, aber alle seine Jobs später verloren hat.

 

Wolff zündet in dem Buch eine Rakete nach der anderen, ein breites Personen-Panorama von Mueller über Cohen, bis Flynn und Kushner, von Hannity bis Kashoggi, von McCain bis Woodward.

 

Ein Jahrhundertfeuerwerk wäre es für den Autor geworden, hätte Mueller nach seinem Sonderbericht wirklich Anklage gegen Trump erhoben. So bleibt einstweilen offen, ob in der Amtszeit oder erst danach gegen einen Präsidenten der Vereinigten Staaten Anklage erhoben werden kann und ob es tatsächlich ein Amtsenthebungsverfahren geben wird.  Sollte es dazu kommen, ist für einen Schuldspruch eine Zwei-Drittel-Mehrheit des Senates erforderlich. Wenig wahrscheinlich.

 

Die zweijährigen Ermittlungen des Sonderermittlers Mueller waren jedoch auf zwei Punkte zusammengeschrumpft: Hatten der Präsident oder Mitglieder seines engeren Kreises mit russischen Regierungsstellen konspiriert, um die amerikanischen Präsidentschaftswahlen zu beeinflussen, und wenn dem nicht so war, war es zu einer Justizbehinderung gekommen?

 

Muellers Stellvertreter warf daraufhin das Handtuch, stieg enttäuscht über Muellers Beschränkung auf diese beiden Punkte aus. Mueller wurde eben als vorsichtiger und unentschlossener Bürokrat eingeschätzt: „(…) so wenig wie möglich zu tun“. Denn Trump ist wie er ist, und er war vom Land gewählt worden.

 

Natürlich spielen auch Trumps Affären, behauptete oder auch wahre Sexbeziehungen, eine Rolle. Er prahlte sogar damit, mit einer schwarzen Frau geschlafen zu haben, er habe „eine wenig Schokolade in seiner Diät“ ganz gern.

 

Solch Anekdotenhaftes ist zuhauf zu finden. Personenkurzporträts, Zeittafel, Bilder fehlen jedoch, in der Kürze der Entstehungszeit dieses Buches wohl nicht zu schaffen.

 

Bannon glaubt, der wahre Grund der Bemühungen, den Präsidenten zu Fall zu bringen, liegt nicht darin, dass Präsident Trump ein Versager ist. Nein, das Establishment will ihn loswerden, weil er erfolgreich ist. Sogar seine Freunde durchkreuzen seine Agenda von innen heraus. Er ist kein Vertreter klassischer traditioneller Werte der Konservativen: Freiheit des Geistes, der Märkte und der Menschen.

 

Kissinger brachte es auf den Punkt: „Die gesamte Außenpolitik hängt davon ab, wie eine einzige labile Person auf wahrgenommene Beleidigungen und Schmeicheleien reagiert. Wenn jemand etwas Nettes über ihn sagt, sind sie unsere Freunde; wenn sie etwas Unfreundliches sagen, wenn sie nicht seinen Ring küssen, sind sie unsere Feinde.“

Erfahrene Verteidigungs-, Diplomaten- und Geheimdienstkreise, und zwar die meisten, zweifeln an der Kompetenz und Zurechnungsfähigkeit des Präsidenten. „Die fundamentalste Regel in Trumps Weißem Haus lautete: Niemand darf dem Präsidenten widersprechen – niemals, in welcher Form auch immer.“

 

Hinzu kommen die kurze Aufmerksamkeitsspanne des Präsidenten und die chronische Unordnung im Weißen Haus. Und er ist eher – so Beobachter – ein Verkäufer als ein Politiker, er hat die Fähigkeit, sich auf gute Nachrichten zu konzentrieren.

 

Manche attestieren ihm einen unberechenbaren Geisteszustand, „vollkommen durchgeknallt“, ein „überdrehtes Kind“, das man verhätscheln und geschickt anfassen muss, wie sein Schwiegersohn Kushner, amerikanischer Immobilienentwickler, Medienunternehmer, Finanzinvestor und Politikberater, analysiert: „Er versteht nur konkrete Themen.“

 

Für die Rede zur Lage der Nation hatte er noch nicht einmal einen Redenschreiber engagiert, obwohl schon zwei Jahre im Amt.

Es wurden also keine Anklagen von Mueller erhoben. Im Übrigen wurde nach dem Schwarze-Peter-Prinzip die Angelegenheit an weitere Dienststellen zur Prüfung delegiert.

 

Auf föderaler und bundesstaatlicher Ebene betreffen diese Ermittlungen rund um die Familie Trump die Themen Geldwäsche, Wahlkampfbetrug, Missbrauch des präsidialen Begnadigungsrechts, Korruption im Zusammenhang mit Geldern der Amtsführung, Falschangaben bei der Offenlegung von Finanzen und Bankbetrug.

 

Muellers Fazit nach zweijährigen intensiven Ermittlungen: Verschwörung nicht nachgewiesen, Justizbehinderung nicht eindeutig belegt. Trump über Mueller: „Was für ein Arschloch.“

 

Wolffs Resümee: „Da hatte sich eins der umwälzendsten Erdbeben der amerikanischen Geschichte ereignet - nur Donald Trump sah darin ganz und gar nichts Ungewöhnliches. Wieder einmal war er einem möglichen Todesstoß ausgewichen.“ Und Trumps Schlussfolgerung scheint schon damals richtig gewesen zu sein: „Die werden mir trotzdem weiter nachstellen.“ Die Demokraten sind dabei: Die Vorstufen für das Verfahren der Amtsenthebung sind eingeleitet. Heute wird Trump zusätzlich vorgeworfen, den ukrainischen Präsidenten um Ermittlungshilfen gegen seinen internen demokratischen Kandidaten-Widersacher Joe Biden gebeten zu haben. Biden soll in der Ukraine Ermittlungen gegen seinen Sohn Hunter verhindert haben. Wolffs Fazit: Aus einem gewählten Präsidenten wird eben noch kein legitimer.

Sein Buch, ein detailreiches, personenfixiertes Live-Panorama jüngster Zeitgeschichte, das die vielfältigen Beziehungslinien zu entwirren versucht, die Hauptpersonen charakterisiert und auf- und wieder abtreten lässt.

 

Das Psychogramm eines Zornickel = Zu bösartigen Zornausbrüchen neigender Mann, vielleicht auch charakterlich einfach jähzornig. Wie heißt es doch im Englischen, „a hot head [choleric person]“.  

Im Hörfunk-Interview mit dem ARD-Korrespondenten Georg Schwarte enthüllt Michael Wolff: „Am Ende des Tages sind die Haare ja auch ein großes Mysterium. Die Hörer sehen nicht, dass ich glatzköpfig bin, aber er ist unter diesen Haaren so glatzköpfig wie ich.“ Wenn dem so ist, bleibt die Allerweltsfrage, womit wird die Perücke gefärbt? Hatten wir das nicht mal als Kanzlerfrage…Einstweilen raufen wir uns selbst die verbliebenen Resthaare.

 

 

Michael Wolff, 1953 geboren, ist der Autor des Bestsellers «Feuer und Zorn», das eindrucksvoll die ersten Monate der Trump-Präsidentschaft beschreibt. Wolff hat zahlreiche Preise für seine Arbeit erhalten, darunter zweimal den «National Magazine Award». Er hat sieben Bücher verfasst und schreibt für «Vanity Fair», «New York» und «The Hollywood Reporter». Michael Wolff lebt in New York und hat vier Kinder.

 

Michael Wolff Unter Beschuss. Trumpfs Kampf im Weißen Haus ROWOHLT

 

https://www.deutschlandfunk.de/autor-des-trump-buchs-fire-and-fury-michael-wolff-legt-nach.1773.de.html?dram:article_id=451006

 

Lateinamerika und seine Literatur

Lateinamerika brennt schon wieder. Seit der Entdeckung, der Eroberung und der Kolonisierung, seit der Befreiung von den europäischen Herren, seit der Übermacht des Imperialismus der nordamerikanischen Yankees kommen Süd- und Mittelamerika nicht zur Ruhe. Nachzulesen ist diese stürmische Geschichte der letzten fünf Jahrhunderte in der Literatur, in der die Autoren dieses Kontinents wirklichkeitsnah, poetisch, beschwörend von ihr erzählen. „Magischen Realismus“ hat man diesen literarischen Überfluss zeitweise genannt.

 

Sechs Literaturnobelpreisträger haben die Weltgeltung diese Literatur beglaubigt. Wer die Geschichte Lateinamerikas anhand der Romane, Gedichte und Essays nacherzählen will, muss einen großen überblick haben.

 

Michi Strausfeld ist für Deutschland wohl die berufenste Expertin für eine solche Herkulesaufgabe. Mit ihrem Buch „Schmetterlinge und die Herren Diktatoren“ gelingt ihr ein dreifaches Kunststück: Sie schreibt eine empathische Literaturgeschichte Lateinamerikas. Dazu und damit vermittelt sie einen guten Überblick über die bewegte politische Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Subkontinent. Dazwischen erzählt sie lebendig von ihren zahlreichen Begegnungen und Freundschaften zu Autoren, deren Werke sie in Deutschland bekanntgemacht hat – als jahrzehntelange Lektorin bei Suhrkamp, als Literaturvermittlerin aus Leidenschaft und Berufung durch umfassende Kenntnis.

 

Einige Themen durchziehen seit Jahrhunderten die literarischen Zeugnisse Lateinamerikas, weil die Politik diese Themen vorgibt. Immer spielt das ungelöste Verhältnis der iberischen Eroberer und Kolonisatoren zu der indianischen alteingesessenen Bevölkerung eine entscheidende Rolle. Deren bis heute kaum vollständige erschlossene Hochkulturen zerstörten die Spanier und Portugiesen so nachhaltig, dass erst die literarische Erinnerungskultur diese verschüttete Kultur wieder freilegen konnte. Die bleischwere Last eines mächtigen Katholizismus, dessen Inquisition viele Opfer forderte, ist ein Dauerthema geblieben. In letzter Zeit – die Autorin legt den Finger auf diese Wunde – haben insbesondere in Brasilien radikale evangelikale Bewegungen der katholischen Kirche in ihrem Druck auf die Menschen Konkurrenz gemacht.

 

Die Ausbeutung der Bodenschätze, zunächst waren es Gold und Silber, später Kupfer, Salpeter und Erdöl, Kautschuk und Zucker blieben ein Thema, und die damit verbundene Ausbeutung der indigenen Bevölkerung spiegelt sich in der Literatur wider. Als die durch Ermordung, Krankheiten und Alkohol dezimierten Indianer nicht mehr für den Profit ausreichten, wurden Sklaven aus Afrika über den Atlantik gezwungen, die nicht etwa besser behandelt wurden. Die Bevölkerungen und die Kulturen Altamerikas, Europas und Afrikas begegnen sich und durchmischten sich.

 

Aber die krassen sozialen Unterschiede verschärften sich, die Reichen wurden superreich, die Armen lebten am Rande des Hungertodes. Lesen und schreiben konnten nur wenige. Die Literatur konnte sich im Wesentlichen nur an die weiße Oberschicht wenden. Wenigstens die wurde mit den Errungenschaften der Aufklärung und der Revolutionen in Nordamerika und in Frankreich vertraut. Hieraus entstand die Freiheitsbewegung des 19. Jahrhunderts und mit ihr die Befreiung von der spanischen und portugiesischen Kolonialherrschaft.

An den Eigentumsverhältnissen, der sozialen Differenzierung entlang der ethnischen Grenzen änderte sich nichts. Ebenso wenig an der grassierenden Korruption und an der Bereicherung einiger Weniger. Hinzu kam – spätestens seit der Monroe-Doktrin der USA – deren Imperialismus, deren Kapital mit entsprechenden Gewinnerwartungen, deren Interventionen zu Gunsten von Diktatoren und zu Lasten demokratischer Entwicklungen.

 

Alles das beschreibt und erzählt Michi Strausfeld nicht in einem historischen Sachbuch, sondern anhand der sich mit dieser Geschichte auseinandersetzenden belletristischen Literatur Lateinamerikas. Kein Land und kein Kontinent außer Lateinamerika lassen sich über Romane und Gedichte verstehen. Die Autorin weckt Neugier auf die Bücher, die sie in einer überbordenden Bibliographie zum Nachlesen anbietet. Ihr Buch liest sich selbst wie ein literarisches Meisterwerk. Es mündet in dem begeisterten und begeisternden Boom. „Wenn man will, begann die Rezeption der lateinamerikanischen Literatur in Europa 1961, als Jorge Luis Borges gemeinsam mit Samuel Beckett den internationalen Verlegerpreis Formentor erhielt, und das bedeutete die gleichzeitige Publikation in mindestens sieben Ländern.“ An diesem Boom war die Autorin für Deutschland maßgeblich beteiligt. 1970 begegnete sie erstmals Gabriel García Márquez in Barcelona, über dessen „Hundert Jahre Einsamkeit“ sie im Fach Hispanistik promovierte. Mit ihm und vielen anderen traf sie sich immer wieder, entwickelten sich Freundschaften.

 

Das Publikum erlebt diese Autorinnen und Autoren live in der Erzählung von Michi Strausfeld: Isabel Allende in Los Angeles, Carlos Fuentes auf der 1976er Buchmesse in Frankfurt und später überall auf der Welt, João Ubaldo Ribeiro 1987 in Brasilien, Augusto Roa Bastos 1978 in Frankreich, Juan Rulfo 1974 in Mexiko, Mario Vargas Llosa 1971 in Barcelona, später, seiner Einladung folgend auf dem Amazonas, Octavio Paz anlässlich der Verlegung des Nobelpreises 1990 bei einem Abendessen in Stockholm, Darcy Ribeiro 1977 zusammen mit Inge Feltrinelli auf der Copacabana, Juan Carlos Onetti 1989 in Madrid, Julio Cortazar 1972 in Paris. Die Liste ließe sich fortsetzen. Lateinamerika und seine reiche Literatur erlebt man so hautnah sonst nur, wenn man die Originalliteratur liest. Dazu schreibt Michi Strausfeld eine großartige Einladung.

 

Harald Loch

 

 

Michi Strausfeld: „Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren“

Lateinamerika erzählt seine Geschichte

S. Fischer, Frankfurt am Main 2019    568 Seiten   26 Euro

 

Macht Großbritannien sich klein?

 

 

„Wir sind bei Europa, aber nicht in ihm. Wir sind verbunden, aber nicht eins.“ So formulierte es einst Winston Churchill, der englische Premierminister von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955.

Wie werden die Wahlen in Großbritannien im Dezember ausgehen, wird der Brexit im Januar vollzogen, geordnet oder chaotisch und wenn ja, unter welchen Umständen? Fragezeichen über Fragezeichen.

Sagen wir hier aber zuerst, für wen dieses Buch BRENDAN SIMMS: DIE BRITEN UND EUROPA. TAUSEND JAHRE KONFLIKT UND KOOPERATION von der DVA geeignet ist.

 

Zielgruppe: Deutsche Staatsbürger, die nicht verstehen, was sich auf der Insel abspielt, Bürger Großbritanniens, die geschichtsvergessen sind, alle Europaparlamentarier, die neue EU-Kommission, Michel Barnier der EU-Unterhändler, Boris Johnson, EU-Kommissarin Ursula von der Leyen, Manfred Weber von der konservativen Fraktion, Jean-Claude Juncker und alle Brexit-Gegner und -Befürworter sowie alle Angehörige des Deutschen Bundestages u nd natürlich die an Europa und Historie interessierten Europäer.

 

Die Stärke des Buches ist ein umfassender faktenreicher Rückblick auf tausend Jahre Konflikt und Kooperation zwischen den Briten und Europa. Es ist eine Geschichte, die von der Insellage Englands bestimmt war, doch dieser einseitige Blickwinkel als einziges Erklärungsmuster ist falsch, weil der kontinentale Einfluss auf die Geschichte Englands – so der Cambridge-Historiker Brendan Simms - immer stark war.

Es gab die intensiven Verbindungen zu den europäischen Königshäusern in der Zeit des Absolutismus, der französischen Revolution, des napoleonischen Zeitalters, zur Politik des Nationalismus, des Faschismus. Unter diesen Rubriken folgen die Kapitel hintereinander. Dann schließt das Kapitel Europäische Integration ab.

 

Der Autor sieht Großbritannien immer noch als europäische Großmacht, bei der für den Autor dahin gestellt ist, ob es Europa überhaupt verlassen kann, die EU jedoch schon, aber eben Europa nicht.

Englands Nationalstaat entstand durch europäischen Druck, ebenso das Vereinigte Königreich.

 

Zitat: „Die Beziehungen zwischen Engländern, Schotten, Iren und Wallisern sind tiefgreifend geprägt durch den kontinentalen Kontext.“

Europakritisch ist das Buch dennoch. Oder besser gesagt EU-kritisch. Europa ist zwar ein Kernpunkt britischer Politik, doch gemeint war nach britischer Auffassung immer ein zwischenstaatliches und kein überstaatliches Gebilde.

 

Europa, eine gut gemeinte Geschichte in der Geschichte, aber „kreuzlahm“ und schwierig zu gestalten, bei ökonomisch verschieden starken Partnern.

 

Ob Großbritannien groß und wirtschaftlich stark ist und politischen Einfluss in Europa behält, bleibt abzuwarten.

 

Das Buch ist eine fundierte, breit angelegte und zugleich tiefgehende historische Analyse des Verhältnisses zwischen Insel und Kontinent, eine Prophezeiung in die Zukunft ist es nicht, aber es bietet für uns Kontinentale eine Verständnisfolie, wie die Briten ticken. Doch irgendwie anders… Bei den Wahlen werden wir es sehen und erst recht beim Exit zum Brexit.

 

Brendan Simms: Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation DVA

Das Licht, das erlosch - Taugen liberale Demokratien noch zum Vorbild?

Ja, so lieben wir unsere Demokratie: Sie hat 70 Jahre Frieden geschaffen, Deutschland ist wiedervereinigt, der Kommunismus am Boden, der Kapitalismus hat gesiegt, wir waren eben die Besseren, und deshalb haben wir den Kalten Krieg gewonnen. So ist das Narrativ, die Form unserer Darstellung: Demokratie leuchtet, ist ein Vorbild und sucht seine Nachahmer. Apropos, genau dieses Wort Nachahmung wird in den folgenden Zeilen eine große Bedeutung erlangen. Aber der Reihe nach.

Da waren ein paar Ereignisse, die unsere Werte ins Wanken brachten, 9/11-2001, die Krim-Annexion, der Bürgerkrieg in Syrien, die Flüchtlingswanderungen 2015, das Brexit-Tohuwabohu, die Wahl Trumps, die Aufstände der Rechtspopulisten in Europa und Südamerika, der rasante Aufstieg Chinas, der ja nun eher der Diktatur als der Demokratie zu verdanken ist, ja verdammt, wo bleibt unsere vielzitierte, gelobte Demokratie, sie war doch mal von uns als ein Modell für die Welt gedacht.

 

Da schütten die beiden Autoren Ivan Krastev und Stephen Holmes in ihrem Buch DAS LICHT DAS ERLOSCH. EINE ABRECHNUNG, erschienen bei ULLSTEIN Wasser in unseren Wein, oder besser sie machen den Schalter aus und rechnen ab. „Gestern war die Zukunft besser“, schreiben sie als ersten Satz und als letzten: „Es liegt an uns, zu feiern statt zu trauern.“ Dazwischen liegen 304 Seiten knallharte Analyse, warum die stabile, liberale Demokratie ins Wanken gerät. Die Integration des Ostens geriet nicht so, wie wir uns das erträumt haben.

Demokratien verkümmern und sterben, statt Weltoffenheit sind 675 befestigte Grenzen fertiggestellt oder im Bau. Wir haben festzustellen: Vertrauenskrise, Wählerschwund, amorphe politische Bewegungen, dilettierende Populisten, mit den Muskeln spielende Machthaber, fremdenfeindliche Rhetorik, autoritäre Führer, sterbende Volksparteien. Die Anarchie ist losgelassen in der Welt schrieb einst Yeats, ein irischer Schriftsteller vergangener Tage. Und sein Satz gilt eben auch für das HEUTE.

 

Haben wir uns geirrt, fragen die Autoren, war es schlichte Illusion, am Ende des Kalten Krieges mit dem weiteren Siegeszug der Demokratie und ihrer Regierungsformen zu rechnen?

1989, schreiben die Beiden, läutete das Zeitalter der Nachahmung ein, es verbreitete sich ein Widerwille gegen die Nachahmungspolitik, es gäbe keinen anderen Weg als die liberale Demokratie. Aber Menschen bräuchten Wahlmöglichkeiten, niemand wolle vom liberalen Westen in die Knie gezwungen werden, uns wäre es darum gegangen, durch Nachahmung zu modernisieren und durch Assimilierung Integration zu leisten.

 

Die globale Finanzkrise habe dem guten Ruf des Liberalismus den Todesstoß versetzt. Und unsere Werte seien eben so wertvoll auch nicht, weil sie oft, ziemlich verkommen durch Realitäten, nicht als Vorbild dienten.

 

So fordert das Autoren-Duo am Ende einen „geläuterten Liberalismus“. Aber wie der aussehen soll, das skizzieren sie nicht, das wäre wiederum ein anderes, ein nächstes Buch.

 

Nicht in allen Teilen kann man dem Autorengespann folgen, doch es ist trotz des Negativ-Buchtitels in vielen Teilen für die Erkenntnis erhellend, weil es einen eigenen, selbständigen, einfallsreichen Analyseansatz verfolgt. Eher für Politphilosophen und Politologen geeignet als für Populisten. Aber in jedem Fall für Demokraten.

 

Ivan Krastev/ Stephen Holmes Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung. Ullstein

 

 

Ivan Krastev,* 1965 in Bulgarien, ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien, wo er den Schwerpunkt Die Zukunft der Demokratie leitet. Er schreibt für die internationale Ausgabe der New York Times. 2017 erschien sein Essay Europa-Dämmerung.

 

Stephen Holmes,* 1948, ist Autor mehrerer Bücher und Professor der Rechtswissenschaften an der NYU School of Law. Zuvor lehrte er u.a. in Harvard. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Liberalismus und die Enttäuschungen infolge der Demokratisierung kommunistischer Regime. Er erhielt das renommierte Guggenheim-Stipendium.

 

 

Pressestimmen

 

»Ein bahnbrechendes Werk über die Politik seit dem Ende des Kalten Kriegs, das uns zwingt, bisherige Überzeugungen infrage zu stellen und die komplexe Dialektik aus Liberalismus und Antiliberalismus neu zu bewerten.« George Soros

»Es ist ein Buch, das einen dazu verführt, fast auf jeder Seite etwas zu unterstreichen und sich Anmerkungen zu machen. Mit dem Nachahmungs-Paradigma haben die Autoren ein anregendes Instrumentarium gefunden, um die massenpsychologischen Prozesse unserer Gegenwart offenzulegen. Die Fülle an überraschenden Einsichten und Beobachtungen ist beträchtlich, der detaillierte Blick auf Mentalitätsverschiebungen nicht durch die immer gleichen antifaschistischen Großbegriffe und Ismen verstellt.« Die Zeit, Adam Soboczynski

»Ivan Krastev ist einer dieser Philosophen, die auch Geschichtenerzähler sind; seine Pointen, Witze, Anekdoten sind Wegweiser, während er von einem Gedanken zum nächsten wandert… Zusammen mit dem New Yorker Rechtsphilosophen Stephen Holmes hat er gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel »Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung«. Und was für eine.« Der Spiegel, Lothar Gorris

»Ivan Krastev ist einer der großen europäischen Denker unserer Zeit.« Timothy Snyder

»Krastev zu lesen ist ein Genuss, denn in seiner stilistischen Kunst finden die Liebe zur Literatur, die politische Illusionslosigkeit und die Schönheit des Gedankens zusammen.« Die Zeit, Elisabeth von Thadden

»Stephen Holmes ist einer der brillantesten politischen Philosophen Amerikas.« Tzvetan Todorov

 

Die Gefahr von RECHTS

Titel Norbert Frei/Franka Maubach/Christina Morina/Maik Tändler Zur RECHTEN Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus Ullstein

 

Autor Prof. Dr. Norbert Frei lehrt Neuere und Neueste Geschichte in Jena und leitet das „Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts“.
Dr. Franka Maubach ist Historikerin an der Universität Jena und schreibt derzeit an einer Arbeit über die Deutung des „deutschen Sonderwegs“.
PD Dr. Christina Morina lehrt Neuere und Neueste Geschichte Deutschlands in Europa an der Universität Amsterdam.
Dr. Maik Tändler ist Historiker an der Universität Jena und forscht zur Geschichte der intellektuellen Rechten in Deutschland.

Gestaltung Einführung, acht Kapitel und Schluss, Anhang, Nachwort, Anmerkungen, Tipps zum Weiterlesen, Abkürzungen, Hinweise zu den Abbildungen, Namensverzeichnis

 

Cover Schlagzeilen in Rot, gewissermaßen als Alarmzeichen 

 

Meinung Es ist schon ein interessanter Hinweis, dass die Initiative für dieses Buch vom Verlag ausging. Sitzen wir nicht alle in unseren BLASEN-Ecken und arbeiten vor uns hin, während der gesellschaftliche Dialog vor die Hunde geht? Jedenfalls ist es gut, dass es endlich, vielleicht verspätet, erscheint. Was ist denn los mit unseren Intellektuellen, wohin haben sie sich zurückgezogen, wo sind die gesellschaftlichen Debatten in der Vehemenz der vergangenen Jahre, wann hält der Bundespräsident endlich eine große Rede, aber das ist ein anderes Thema?


Das Buch hat Tiefen- und Breitenwirkung. Es geht in die vergangene Tiefe der Ära-Adenauer und in die Geschichte und politische Kultur der DDR, es thematisiert die Mobilisierung von Rechts in der frühen Bundesrepublik. Es legt Widersprüche in der Breite vor, einerseits gibt es immer noch das Engagement vieler Gruppen gegen Rechts, andererseits eine gewisse Ermüdungstendenz durch Ritualisierung, Medienflut und Jahrestag-Gefeiere. Dagegen steht auch die neue Vergangenheitsbewältigung von Rechts, die „Ausländer-raus“-Debatte und der Rechtsterrorismus der Neunziger Jahre. In Kapitel 8 werden unter der Überschrift „Demokratie und Polarisierung im Vereinigten Deutschland „ die Rechtstendenzen der letzten Jahre thematisiert. Im Schlusskapitel schreibt das Autorengespann über die „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad?“, mit einem Fragezeichen versehen. Das Buch legt offen, dass die nationalkonservativen Denkmuster und die völkischen Denk-Schablonen im Laufe der Jahrzehnte nur zurück gedrängt worden, aber niemals verschwunden waren.

 

Wo sind die Habermase, die Dahrendorfs, die Sloterdijks, die Augsteins, die Dönhoffs, die Sontheimers heutiger Tage, um nur einige zu nennen, die solche Thesen in einem breiten politischen und gesellschaftlichen Diskurs debattiere?. Und wo sind die Sendeplätze und Zeitungsseiten, auf denen so etwas stattfindet? 


Mit Infohäppchen ist es eben nicht getan, die Debatte muss tiefer und breiter ansetzen als in Talkshows und Infoprogrammen üblich. Dieses Buch ist eine ausgezeichnete Materialsammlung dafür und gehört auf jede Schulbank. Liebe Kultusministerinnen und -minister: Bitte ankaufen und vor allem auch selber lesen. 


Zitat: “So droht Deutschland derzeit von Rechts zusammenzuwachsen: in einer neuen nationalistischen Formation, die den entschlossenen Widerstand all derer verlangt, denen eine liberale Demokratie und eine menschenfreundliche Gesellschaft am Herzen liegen.“ 

 

Leser Alle Rechts- und Links-Demonstranten, Populisten, Holocaust-Leugner, Parteien-Vertreter, Staatsanwälte, Journalisten, Wutbürger, Ossis und Wessis
 

PRESSE


 „So geht zeitgemäße Geschichtsschreibung: Norbert Frei und seine Kollegen zeichnen die Genese rechten Denkens nach 1945 - in Ost und West. Und legen klar dar: eine einfache Unterscheidung in Gut und Böse gibt es nicht. Eher viel Grau auf beiden Seiten.” twitter, Jana Hensel, 06. 05. 2019


„Die Autoren schreiben gegen ein Phänomen der Gegenwart an: die erstarkende nationalistische, rechtspopulistische Bewegung." FAZ, Hannah Bethke, 03. 05. 2019


"Dieses Buch zur Rechten in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte kommt spät, dennoch 'zur rechten Zeit'." Deutschlandfunk Kultur, 08. 04. 2019


"Die Autorenschaft auf vier Personen zu verteilen ist riskant, aber geglückt: die Kapitel sind gut aufeinander abgestimmt und der angenehm lesbare Stil sehr kohärent. Der Rechtsruck der vergangenen Jahre verliert durch die hier geleistete Kontextualisierung nicht seinen Schrecken. Er wird aber besser begreifbar." Süddeutsche Zeitung, Tanjev Schultz, 18. 03. 2019


"Zum ersten Mal hat sich mit ihm (Professor Norbert Frei), Franka Maubach, Christina Morina und Maik Tändler ein ganzes Team von Geschichtswissenschaftlern auf Ursachenforschung für den neuen Boom des Nationalismus in Deutschland begeben.“ Sächsische Zeitung, Oliver Reinhard, 05. 03. 2019


"Ein wichtiger Sammelband gibt historische Tiefenschärfe in unsere im aktuellen Rechtsruck verschärften Nation- und Heimat-Debatten." taz , Detlev Claussen, 02. 03. 2019

 

In der Kampfzone - Deutschland auf der Couch

Das politische und gesellschaftliche System Deutschlands wird 70 Jahre alt. Darf man da feiern, dem Jubilar zujubeln, in der Festrede kritische Töne ansprechen oder ärztlich gesehen diagnostizieren, dass der Patient in Deutschland an Atemnot leidet, Altersschwäche zeigt, unter Herzrhythmusstörungen aus dem Takt kommt, kurzum er muss in Kur gehen oder auf der Couch therapiert werden.

Der Autor entscheidet sich für die tiefenpsychologische Sitzung auf der Couch und macht eine intensive Seelenbefragung, bei der Freud aber keine Freude aufkommt. Es ist eine analytische Herangehensweise, sie ist schonungslos!

 

Begeben wir uns in die Kampfzone der „Verkommenheit" und „Verrohung". Die Bürger werden betrogen, belogen, hintergangen. Uns erschrecken Finanzmanipulationen, Korruption, Rechtsverstöße, Vorteilsbeschaffung, Steuerhinterziehung, Bestechung, Abzocke, ein „sittenwidriges Inferno", so der Autor.

"...vom Edelmut des altdeutschen Kaufmannsethos ist man Galaxien entfernt.“

 

 Und es geht weiter mit dem pathologischen Befund.

 

Banken operieren kriminell, Meinungsforschungsinstitute manipulieren Umfragen, Kindesmissbrauch, Polizistentötung, Mord am S-Bahnhof, Gewalt, Vergewaltigung, Sprachverrohung. Mobbing, und und und ...

Brechen wir hier ab, lesen Sie das Buch selbst. Aber es ist anstrengend, kostet Energie, doch es lohnt sich wirklich, schafft Klarheit, bietet Erkenntnisgewinn.

 

Manchmal galoppiert die Sprache des Soziologie-Analysten davon, und der Leser muss versuchen, den schnelldenkenden Philosophen wieder einzuholen, den Autor, der die Fähigkeit besitzt, eine ganze Philosophie in ein einziges Wort packen zu können.

 

A là Sloterdijk.

 

Schüle gibt die Koordinaten des Schlachtfeldes horizontal an, heißt LINKS CONTRA RECHTS, dann aber vertikal UNTEN GEGEN OBEN und schließlich metaphysisch LIBERAL GEGEN IDEOLOGISCH.

Er ordnet seine Kampfschrift über die Kampfzone in folgenden Kapiteln an: „In der Kampfzone" - „In der Egokapsel" - „In der Gefahrenzone" - „In der Echokammer" - „In der Unterwelt" - „In die Freiheit".

Schüle geißelt zum Beispiel das „Hitlertainement" eine Art Themengenerator für

Schriftsteller, Kolumnisten, Filmemacher, Redakteure, Intendanten. Dieser „Nazifaktor“ sichert in der Öffentlichkeit hohe Aufmerksamkeit, entwertet aber den Begriff „Nazi". auf Dauer. Seine ''Monstrosität“ verblasst.

 

Nur ein wichtiger Befund von vielen.

 

Schüle kritisiert, dass vor lauter politischer Korrektheit und Vorurteilsvermeidung gar keine Urteile mehr gefällt werden.

Wir drehen jedoch immer weiter an der Erregungsspirale.

Ein Kernsatz heißt: „Die Verweigerung einer Auseinandersetzung mit Stil und Verstand, die hohe Kunst des Streitens also, entweder Isolationsfurcht-Schweigen oder Wut-Blöken bewirkt Sprachverlust und Sprechverrohung. So verfängt sich eine Gesellschaft in Negativitätschleifen und hat große Problem, sich positiv zu begreifen. Aus Angst vor Größenwahn verzwergt man sich prophylaktisch selbst. Das ist niedlich und unreif zugleich."

 

Der Autor weist am Schluss des Buches auch auf Wege aus der Kampfzone hin. Dieses Kapitel fällt jedoch etwas knapp aus und ist eher normativ zukunftsbezogen formuliert und wirkt für unsere Tage aktuell weniger überzeugend als schnelle Therapiemöglichkeiten für eine Gesundung des Patienten.

 

Der Politphilosoph Schüle greife bitte erneut zur Feder und schreibe nach dem Negativ- Katalog ein POSITIV-BUCH, wie kommen wir aus der Kampfzone und Erregungsspirale heraus? Denn eine bloße Talkshowrunde bei Anne Will reicht dafür wirklich nicht aus, denn durch Themen-Zuspitzung und Argumente-Polarisierung, die auch in Medien gerne praktiziert werden, würde das Kampfzonen-Problem ja noch befeuert und die Erregungsspirale weiter nach oben gedreht statt nach unten gedämpft.

 

Christian Schüle, 48, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert, war Redakteur der „Zeit" und lebt als freier Essayist, Schriftsteller und Publizist in Hamburg. Seit 2015 ist er Lehrbeauftragter im Bereich Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin

 

Augstein/Blome - die politischen Streithähne

Wer A sagt, muss auch B sagen oder so formuliert: Sag AUGSTEIN, ja dann musst du auch den BLOME nennen, denn das journalistische Zwillingspaar tritt meist gemeinsam als politisches Zwiegespräch-Duo auf, das wechselseitig Unterschiede in der politischen Argumentation klarmachen will, ohne Dennoch-Gemeinsamkeiten zu verschweigen.

Es ist ja ganz und gar aus der Mode gekommen, sich die Argumente des Anderen anzuhören, die        Worte zu wägen, sich ein Urteil zu bilden, sich vom gegnerischen Argument abzugrenzen oder ihm zuzustimmen.

Es wird vielmehr palavert, baldowert. PolitBLABLABLABLA. Beide Begriffe sind im Allgemeinen negativ besetzt, doch geht man auf die genauere Bedeutung hinter den Worten ein, ist es präzise das, was Augstein-Blome gemeinsam machen.  Das Palaver in Afrika dient bei den Stämmen dazu, das Gegenüber näher kennenzulernen. Und Baldowern hat auch die Bedeutung auskundschaften, nachforschen, mit Geschick ausfindig machen, sich ausdenken, ausklügeln. Ja,  diese Begriffe kennzeichnen die Streitgespräche, die die Beiden bei PHOENIX seit acht Jahren regelmäßig führen. Sehr kurzweilig, immer kontrovers und für die eigene Argumentation lehrreich.

Augstein/Blome, der eine eher links, der andere eher rechts eingestellt, der eine Journalist, Buchautor und Verleger, der andere stellvertretender Chefredakteur bei BILD, hauen sich zwar die Köpfe nicht ein, doch die Argumente ganz heftig um die Ohren, ohne sich zu schonen.

Der Lyriker Ernst Jandl schrieb einst das Gedicht:

 

manche meinen/lechts und rinks/kann man nicht velwechsern/werch ein llltum

 

Und wie ist das mit Unten und Oben oder andersherum, wie der Buchtitel heißt: OBEN UND UNTEN. Schon die Psychowissenschaftler wissen, dass wir Orientierungsschwierigkeiten haben mit LINKS und RECHTS, weil wir immer vom egozentrischen eigenen Standpunkt ausgehen und die Welt so beschreiben und einteilen.

 

WIKIPEDIA sagt: „Links und Rechts ist eine Zuordnungsbeschreibung der zwei durch die Vertikale getrennten Seiten aus der Perspektive des Betrachters. Damit verbunden sind zwei gleichnamige einander entgegengesetzte Richtungsangaben. Sie bilden neben oben und unten und vorne und hinten eine der drei Dimensionen des euklidischen Raumes und dienen damit Menschen in egozentrisch (im Gegensatz zu allozentrisch) geprägten Gesellschaften der räumlichen Orientierung.“

Augstein/Blome geben uns also Orientierung. Das stimmt.

 

Sie betrachten in der Vertikalen die Themen Abstieg, Armut, Ausländer, gehen den sozialen Fragen nach, klären, wer abgehängt ist und wer nicht, ob das soziale Versprechen des möglichen Aufstieges noch gilt.

Warum fühlen sich Menschen heute unsicher, wo stehen die Eliten und wo die Rentner, wie hat sich das Parteienspektrum entwickelt, ist der Sozialstaat noch etwas wert, ist der Osten Deutschlands, unten, oben, links, rechts, vorne oder hinten? Steht Deutschland zwischen Armut und Rechtsruck, was hat die Migration aus Deutschland gemacht?

 

Das Buch ist dialogisch aufgebaut und enthält zusätzlich Interviews mit Gewerkschaftern, Unternehmern, Pflegehelferinnen, Sozialarbeitern und dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble. Die beiden stehen nicht nur dialogisch GEGENÜBER, sie nehmen sich auch auf den Arm, wenn der eine ironisch auf den prominenten Verlegervater Rudolf Augstein hinweist und Augstein als „Steinzeitkommunist“ einordnet und dieser wiederum erwähnt, der BILD-Chefredakteur wolle in der Ketten-Hotel-Absteige Kosten sparen, während der Linke schmucke Romantikhotels bevorzugt.

 

Ihre Lesereisen führen sie auch in die Provinzen Deutschlands, woselbst sie erkennen: „In den properen Mittelstädten, in denen die Menschen so aufgeräumt wirken wie ihre Vorgärten, und in den randständigen Gebieten, in denen die Bürgersteige so beschädigt wirken wie die Lebenswege der Passanten.“

 

Das Buch lebt vom CLASH der Argumente, man hört beim Lesen fast Zusammenstoß-Geräusche, eine Art nacktes Klackern, wenn argumentativ zwei Billardkugeln aufeinanderstoßen, von denen der Nichtspieler meist nicht weiß, welche Richtung sie nehmen.

Ja, das wissen wir auch nicht, welche Richtung Deutschland nimmt, wenn es mit dem Oben/Unten so weitergeht und wir immer weiter nach rechts driften und aus dem Vorne ein Hinten wird. Das Buch gibt, wie ein Navigationsgerät verschiedene Richtungen an. Lesen wir es, und vor allem müssen wir der Politik wieder eine Richtung geben. Wir sollten den Queue in die Hand nehmen.

 

Jakob Augstein, geboren 1967, ist Journalist, Buchautor und Verleger. Nach dem Studium der Politikwissenschaft sowie Germanistik und Theaterwissenschaft war er u. a. für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG und die ZEIT tätig. Augstein ist Verleger der Wochenzeitung DER FREITAG.

 

Nikolaus Blome, geboren 1963, studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Politik in Bonn und Paris. Er war Büroleiter Brüssel und stellvertretender Chefredakteur der Zeitung DIE WELT und arbeitete von 2006 bis 2013 bei BILD als Leiter des Hauptstadtbüros und stellvertretender Chefredakteur. Nach zwei Jahren beim SPIEGEL in gleicher Funktion kehrte Blome Ende 2015 als stellvertretender Chefredakteur zu BILD zurück.

Das braune Netz

Titel  Willi Winkler Das braune Netz Wie die Bundesrepublik von früheren Nazis zum Erfolg geführt wurde Rowohlt Berlin

 

Inhalt Die Demokratie der Bundesrepublik wurde mit aufgebaut von ihren Feinden. Das ist die Hauptthese des Buches von Willi Winkler. Er legt eine schonungslose Betrachtung ihrer Frühgeschichte zum 70. Geburtstag vor. Die BRD ist nach den Kriegswirren eine Erfolgsgeschichte geworden, aber dass ausgerechnet ihre Gegner vom rechten Rand des politischen Spektrums daran beteiligt waren, ist zwar bekannt, aber es wurde als historisches Faktum bisher nicht in einer solchen Bandbreite und Tiefe der Argumentation dargestellt. Wo haben die Alt-Nazis gewirkt, was haben sie bewirkt, wer hat sie geschont, bis wann waren sie tätig, all dies ist in dem historisch gut faktenbegründeten Buch nachzulesen, das - wie immer bei Willi Winklers Texten (auch in seinen Zeitungsbeiträgen) - süffig zu lesen ist. Und vor allem eine kulturhistorische Dimension hat.

Gestaltung Einleitung, sieben Kapitel „Die Mörder sind unter“, „Überall Verrat, der Kommunismus bedroht die Bundesrepublik“, „Mit Hitlers Soldaten wird die Bundesrepublik remilitarisiert“, „Wenn ein KZ-Mann auf einen SS-Mann trifft“, „Aus Hans Schneider wird Hans Schwerte“, „Konrad Adenauer versucht, die Medien zu kontrollieren“, „Deutschland hat die Wahl - Ein Stück Machtwechsel, der 20 Jahre auf sich warten lässt“, Schluss, Anhang, Anmerkungen, Personenregister, Zeittafel, Dank.

 

Cover Nazi-Hakenkreuz, vernetzt dargestellt

 

Zitat „Je näher man die Vergangenheit anschaut, desto ferner blickt sie zurück.“

 

Meinung Nachdem die NAZI-Vergangenheit der Deutschen in vielen, vielen Facetten fast auserzählt ist, die Augen- und Ohrenzeugen aussterben, widmen sich die Autoren den Fünfziger und Sechziger Jahren. Rückblende also in eine Zeit, als Conny Adenauer regierte, die „Soffjetz“ uns bedrohten, die SPD noch stark und lautstark war, sich die Volksparteien entwickelten, die Öffentlichkeit sich langsam wieder daran gewöhnte, Soldaten zu haben, Herbert Wehner mitunter tobte, SPIEGEL-Redakteure im „Knast“ saßen, das ZWEITE DEUTSCHE FERNSEHEN erfunden wurde.

 

All dies beschreibt Willi Winkler in einer solchen Farbigkeit und sprachlichen Brillanz, dass dieses Geschichtsbuch manchem verstaubten Historiker in dessen Bibliothek gestellt werden sollte: Als Vorbild, wie man Geschichte wirklich spannend beschreiben kann. Die alten Nazi-Netzwerke bestanden weiter und funktionierten hinter den politischen Kulissen, weitgehend im Verborgenen, außerordentlich gut.

Spannend, dass es dem Autor immer wieder gelingt, die kulturpolitischen Hintergründe mit darzustellen. Das trägt beim Leser zu einem Verständnis bei für eine Zeit, die er vermutlich aus Altersgründen nicht mitbekommen hat. 

 

Ob der Kulturkampf gegen den Film „Die Sünderin“ von Hildegard Knef, die prüde Republik, das deutsche Wirtschaftswunder, der Adenauer-Berater Hans Globke, all das ist das historische „Brot der frühen Jahre“ (Böll). Das Schicksal des SS-Mannes Josef Mengele wird nicht vergessen, über die braune Vergangenheit von „Derrick“ Horst Tappert wird berichtet, die rechten Rechten in der SPIEGEL-Redaktion werden vorgestellt, Spione enttarnt, die SPIEGEL-Affäre nochmals erzählt, die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik nachvollzogen. Das Schluss-Kapitel, nur zwei knappe Buchseiten, fällt sehr, sehr knapp aus, ein breiteres Resümee hätte man sich als Leser mit Ausblick auf die Siebziger und auch heute gewünscht.  

Autor Willi Winkler war Redakteur der ZEIT, Kulturchef beim SPIEGEL, er schreibt heute für die "Süddeutsche Zeitung". Winkler ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt schrieb er "Die Geschichte der RAF". Willi Winkler erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderen den „Otto-Brenner-Preis“ für kritischen Journalismus.

 

Pressestimmen

 

Das Buch ist prall voller Geschichten, es liest sich wunderbar. WDR 3 "Mosaik"

 

Das große Verdienst des Buches von Willi Winkler besteht darin, den Einfluss aufzuzeigen, den nationalsozialistische Ideologen bis weit in die Sechziger Jahre hinein hatten. Deutschlandfunk Kultur

 

Ein lesenswertes Buch ... Winkler gelingen auch dank seiner Stilbrillanz eindrucksvolle individualpsychologische und mentalitätshistorische Tiefenbohrungen. Kölner Stadt-Anzeiger

 

Ein aufwühlender, schonungsloser, fulminanter Bericht. WDR 5

Wo waren sie alle hin, die Nazis, nachdem das 'Dritte Reich' gefallen war? Kaum je zuvor hat jemand den Finger so tief in diese Wunde gebohrt. Dresdner Morgenpost

 

Ein phantastischer Erzähler. Claudius Seidl SZ

 

Eine historische Milieustudie, spannend wie ein Krimi und verblüffender als jeder zeitgenössische Roman. FAZ am Sonntag  

 

Versailles 1919 (Doppelbesprechung)

Vor hundert Jahren endete der Erste Weltkrieg mit einem Waffenstillstand. Damit endete auch „die Welt von gestern“. Die Friedensverträge von Versailles und anderen Pariser Vororten beurkundeten die Ergebnisse. Die Hoffnungen auf eine „Welt von morgen“ erfüllten sich nicht. Aus der Perspektive von heute müssen sie als gescheitert angesehen werden. Deshalb lohnt sich ein Blick zurück, den zwei deutsche Historiker zum Jahrestag vorlegen: Der 1963 geborene Eckart Conze ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg. Der vier Jahre jüngere Jörn Leonhard bekleidet einen vergleichbaren Lehrstuhl in Freiburg. Die Vorgeschichte, die Konferenz selbst und ihre Ergebnisse gehören zu den besonders gründlich erforschten und gut erzählten Ereignissen der Historiographie. Aber jede Generation schreibt die Geschichte neu für ihr Publikum. Das ist angesichts der Fehler, die bis heute nachwirken, auch richtig und notwendig.


Über die Ursachen und die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist seit Christopher Clarks Schlafwandler-Paukenschlag neu diskutiert worden. Wäre es nicht an der Zeit, auch die Verträge von Versailles und den anderen Pariser Vororten neu zu beurteilen? Bislang gelten die Fehler von Versailles je nach Perspektive wie in historiographischen Zement gemeißelt: Aus damaliger deutscher Sicht waren das die Gebietsverluste an Frankreich und Polen, der Verlust der Kolonien, die Höhe der Reparationen und die Bürde der alleinigen Kriegsschuld, also die Verknüpfung von Schuld und Schulden, die als Fehler und Ursachen für die bekannte Fortsetzung des 19. Jahrhunderts beurteilt wurden. Immer noch aber gilt die Nichtbeteiligung Deutschlands am „Aushandeln“ der Friedensbedingungen als eine Demütigung des deutschen Volkes.

 

Aus britischer und französischer Sicht muss bis heute die Tatsache bedauert werden, dass es nicht gelungen war, den deutschen Militarismus auf Dauer einzuhegen. Hätten die Friedensbedingungen nicht noch viel härter sein müssen, um die Nazikatastrophe zu vermeiden? Italien fühlte sich als Siegermacht ebenso um den Lohn für die verlustreiche Beteiligung am Krieg auf Seiten der Alliierten betrogen, was angeblich direkt in den Faschismus führte. Japan beklagte die nicht gelungene Festschreibung der Gleichheit aller Völker und „Rassen“. Das beflügelte den japanischen Imperialismus. In den USA ratifizierte die republikanische Mehrheit im Kongress weder die Friedensverträge noch trat das Land dem von ihrem Präsidenten Wilson propagierten Völkerbund bei. Das in dessen 14 Punkten zum Programm erhobene neue Recht der Selbstbestimmung der Völker wurde – auch unter Mitwirkung der USA auf der Konferenz selbst – allenthalben mit Füßen getreten. Der Imperialismus der Kolonialmächte verstärkte sich durch den Neuerwerb von ehemals deutschen Kolonien noch, wurde alsbald überdehnt und zerfiel nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Auflösung der Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn und des Osmanischen Reiches schufen in Südosteuropa bis heute nachwirkende nicht akzeptierte Verhältnisse und die Katastrophe im Nahen Osten dauert bis heute verstärkt an. Und die junge Sowjetunion hatte mit alledem im kapitalistischen Westen nichts zu tun.


All das beschreiben beide Historiker zutreffend. Die Quellenlage ist überbordend, die Urteile sind aus den unterschiedlichen Perspektiven gefällt. In dieser Hinsicht sind beide Neuerscheinungen für den historisch Interessierten eine gute Zusammenfassung dessen was gewesen ist und was daraus geworden ist - der „Conze“ vielleicht eher für ein breiteres Publikum, der „Leonhard“ für eine universeller und wissenschaftlich orientierte Leserschaft. Aber auch er sorgt für hervorragende Lesbarkeit durch eingestreute, für das große Ganze nicht wichtige Einzelheiten, wenn er z.B. den in der polnischer Armee Haller dienenden, aus Posen stammenden Soldaten Ludwik Marian Kaźmierczak erwähnt, „der sich 1919 in der charakteristischen blauen Uniform fotografieren ließ. Seine Enkelin Angela Dorothea Kasner wurde 1954 geboren und nahm später den Namen Merkel an.“ Oder wenn er den seit 1917 in einem Hotel in Paris arbeitenden Nguyen Ai Quoc erwähnt, „der nach 1945 unter dem Namen Ho Chi Minh zu einer Ikone des Widerstandes gegen die Kolonialherrschaft der Franzosen und des Kampfes gegen die militärische Intervention der USA bekannt werden sollte“. Das alles verknüpft die Pariser Ereignisse mit einer damals noch nicht vorstellbaren Zukunft und ist dem heutigen Leser vertraut.


Es gibt aber auch Dinge, die man in beiden Büchern vermisst: Wo bleibt z.B. die konkrete Benennung von Profitinteressen der verschiedenen Akteure auf Seiten der Siegermächte bei dem Austarieren der Friedenbestimmungen? Oder: Wie realistisch waren die viele Entscheidungen in Versailles bestimmende Furcht vor einer „Bolschewisierung“ der Welt gewesen, die etwa von der jungen Sowjetunion oder gar den kurzzeitigen Räterepubliken in München oder Ungarn ausgegangen wäre? Weiter: Wie nachhaltig hat sich der Glaubwürdigkeitsverlust der Großmächte angesichts des Verrats am Selbstbestimmungsrecht der Völker ausgewirkt? Welche Profite errechnete sich die Finanzindustrie an dem Kreislauf von kreditfinanzierten Reparationszahlungen Deutschlands an England, Frankreich und Italien und den daraus erfolgenden Rückzahlungen der Kriegsschulden an die USA? Warum haben die Verantwortlichen in allen beteiligten Ländern nicht auf ihre Wählerschaft eingewirkt, überzogene Erwartungen an den Friedensschluss auf realistische Ausmaße zu dämpfen, sondern haben sie im Gegenteil noch angeheizt? Oder: Hat eigentlich niemand die ökologischen Katastrophen aus der Kriegführung berechnet, sondern nur die ökonomischen? Außerdem viel trivialer: Welche Rolle spielten die Geheimdienste in Versailles? Was hat die ganze Veranstaltung gekostet? Was wurde aus 1646 Sitzungen der 58 Fachausschüsse, sind die Protokolle veröffentlicht und kommentiert?
Es bleiben also noch zu bearbeitende Forschungsthemen und vor allem neue Beweise von Urteilskraft, die uns fitter für die Zukunft machen!


Harald Loch


Eckart Conze: Die große Illusion. 
Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt
Siedler, München 2018   zahlr. Karten und Abb.  559 Seiten   30 Euro

 

Gauland - Die Rache des alten Mannes

 

Der Autor hat die Kraft zu beschreiben, die Dinge zu deuten, Zusammenhänge darzustellen. Das sind die Talente des Autors Olaf Sundermeyer. Er beschreibt Gauland als ein an Depression, Magenschmerzen und an der Politgesellschaft heutiger Tage leidenden Mann.


Gauland nutzt die Verwerfungen einer Gesellschaft, in deren Mitte er einst stand, als politischer Helfer zumeist hinter den Polit-Kulissen. Früher schrieb er für andere Reden, jetzt hält er sie selber und  nutzt dabei die Hassgefühle anderer. Die AfD ist eine Bewegungspartei, die einen Sog entstehen lässt, in dem Zweifler, Unzufriedene und Zukurzgekommene am rechten Rand eine neue politische Heimat rechts von der CDU/CSU und links von der NPD gefunden haben. 
Der Schlüsselsatz lautet: „Gauland selbst ist kein Rechtsextremist. Er sorgt aber dafür, dass sie hoffähig werden, und liefert ihnen Argumente in bürgerlicher Diktion.“


Zum Volkstribun fehlt ihm jedoch das Kumpelhafte. Sundermeyer liefert ein Psychogramm, eine genaue politsoziologische Studie, ohne wissenschaftsschlau daherzukommen. 


Gaulands Zielgruppen: die Unzufriedenen, die Ängstlichen, die Neidischen. Gauland ist ihr Zuhörer. Dennoch hält er Menschen auf Distanz. Gauland war in Hessen der Schattenmann in der Landespolitik und Helfer Walter Wallmanns. Er schrieb ein kohlkritisches Buch und verbaute sich damit die CDU-Parteikarriere. „Gauland ist sozusagen der Lafontaine der CDU.“


Er, der nie in der CDU richtig verankert war, galt als Abtrünniger. 
Er liebt den englischen Lebensstil, die Tweed-Mode ist für ihn erfunden und sein Markenzeiche ist die Hundekrawatte. Er ist der Ost-West-Versteher in Potsdam, reitet die Themen der Flüchtlingswelle, obwohl selbst ein Flüchtling, geißelt die selbstgerechte Politikelite, er schwamm mit im linken Gewässer der Frankfurter Kultur- und Politschaffenden und wird sogar zur Romanfigur Martin Walsers.


Das Bundespresseamt, in dem er arbeitete signalisierte ihm jedoch, dort unter Klaus Bölling keine Karrierechancen zu haben. Er bewirbt sich daher um Stellen im Unionslager, Franz Josef Strauß will ihn aber nicht, und so landet er bei Walter Wallmann in Hessen. 


Gauland hört gerne Deutschlandfunk und kritisiert dennoch als erfahrener Publizist die „Systemmedien“. Er adaptiert grüne Parteistrategien für Rechtspotentiale, er strebt durch die Institutionen einen Marsch an die Macht an. Die Partei und ihr Anführer Gauland beackern  das ungepflügte Feld Deutschland, Heimat und Identität und Gauland pflügt damit die Gesellschaft um. 


Olaf Sundermeyer beschreibt Gaulands Aufstieg als einen Egotrip. Gauland ist für ihn ein Opportunist und Zyniker, der die Axt an das politische System legt, das für ihn keine Verwendung mehr hatte.  
Der böse alte, kranke Mann nimmt Rache. Das ist jetzt sein MEHR, das ihm im bisherigen politischen Leben versagt geblieben war. 
Gauland möchte beachtet werden. So wurde er vom Underdog zum politischen Bullterrier. 


Ein kluges, analytisches, spannendes Buch, das so gut geschrieben ist, dass es zum Pageturner wird, das man nicht mehr aus der Hand legen will. 


Olaf Sundermeyer GAULAND. Die Rache des alten Mannes. CHBeck

 

Das sieche Sterben der Demokratien

Sie sind Experten für AUTORITARISMUS, sie befassen sich mit der Frage, warum Demokratien sterben, und ihre Methode ist es, weltweit Vergleiche zu ziehen. Das ist gefährlich und spannend zugleich, riskant, weil Vergleiche hinken können, (Kann man politische Systeme wie die USA mit Venezuela in eine Reihe stellen?) aber zugleich ist sie sehr reizvoll, denn die Autoren entwickeln Kriterienkataloge, wie Demokratien dahinsiechen und dann das Zeitliche segnen. 
Bisher ist eine so breit angelegte und ziemlich tiefgehende Analyse nicht vorgelegt worden, und sie ist in den einzelnen Ergebnissen erschütternd.

 
Die Verfasser sind selbst darüber schockiert, dass sie sich mit ihrem eigenen Land beschäftigen müssen, das gilt jedoch meines Erachtens genauso für Deutschland. 


Demokratien sind zerbrechlich, sie müssen immer wieder neu erkämpft werden, und es muss auch immer wieder dafür geworben werden, wie Dr. Hildegard Hamm-Brücher zeitlebens behauptet und gefordert hat. Heute sind solche Appelle zwar vergessen, müssen jedoch erneuert und aktualisiert werden, und sie sind weltweit dringlicher denn je. 
Auf die Vereinigten Staaten bezogen sprechen Levitsky und Ziblatt, zwei Professoren für Regierungslehre aus Harvard, vom „Niedergang und Fall einer der ältesten und erfolgreichen Demokratien der Welt“.
Im Kern des Buches geht es also um die Vereinigten Staaten und den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Zitat: “Viele Republikaner klammern sich an den Spruch, dass Trumps Kritiker ihn beim Wort, aber nicht ernst nähmen, während seine Anhänger ihn ernst, aber nicht beim Wort nähmen.“ 


Im Kriterienkatalog der Analysten geht es um folgende Merkmale im

„Autokraten-Lackmustest“:

 

• Ablehnung demokratischer Spielregeln
• Leugnung der Legitimität politischer Gegner 
• Tolerierung von oder Ermutigung zu Gewalt und 
• die Bereitschaft, die bürgerlichen Freiheiten von Opponenten, einschließlich der Medien, zu beschneiden.


Schwache Zustimmung zu demokratischen Spielregeln sehen die Autoren bei Trump, weil er schon im Vorfeld der Wahlen deren Legitimität in Frage gestellt und angedroht hatte, die Ergebnisse nicht anzuerkennen. 
Autoritäre Politiker verunglimpfen ihre Rivalen als kriminell, subversiv und antipatriotisch, schätzen sie als Gefahr für die nationale Sicherheit ein oder kritisieren deren persönliche Lebensweise. Da gibt es genügend Trump-Beispiele. 


Das dritte Kriterium beschäftigt sich mit dem Thema Gewalt und deren Tolerierung bzw. Ermutigung dazu. 


Dafür liefert das Autoren-Paar eine Reihe von Beispielen aus Wahlkampfszenarien und bei Demonstrationen pro und contra Trump. Der vierte Punkt spricht das Thema „bürgerliche Freiheiten“, das Verhältnis zu Opponenten inklusive das Verhältnis zu den Medien bzw. zur politischen Öffentlichkeit an sich. 


FAKE NEWS wurde zum Standardbegriff weltweit!


Die Autoren sehen in den Verfassungen und politischen Institutionen „Bollwerke“, „Leitplanken“ der Demokratie, die Sicherheitsvorkehrungen sein sollen, jedoch heutzutage nicht mehr ausreichen. 

Die Politologen benennen ausreichend Gefahrenpotentiale, zum Beispiel liegen diese auch darin, dass die so genannte „institutionelle Zurückhaltung“ aufgegeben wird. Die Selbstbeschränkung der Parteien und Politiker wird aufgegeben, und es wird ausgereizt, was auszureizen ist, mit allen den damit verbundenen Gefahren. 


Es ist also politisch unklug, die Machtfülle jeweils auszureizen, oder die eigene Opposition zu pulverisieren. 


Die Politikwissenschaftler sehen eine „besorgniserregende Lücke“ zwischen der althergebrachten Erwartung, wie unser politisches System funktionieren sollte und wie es tatsächlich funktioniert.
Politik nähert sich den Methoden der „Kriegsführung“ an und wird damit gefährlich. 


Die Verfasser der Studie bescheinigen dem amerikanischen Präsidenten „autoritäre Neigungen“ mit dem Ansinnen, eigene Macht zu stärken, Schiedsrichter gleichzuschalten, Schlüsselspieler zu neutralisieren und die Spielregeln neu zu schreiben, um das politische Spiel zu Ungunsten des Gegners zu verändern.

 
Alle diese eben genannten Methoden autoritärer Politik hat Trump angewendet, indem er unabhängig handelnde Behörden bestraft und säubert, Entlassungen vornimmt, die Medien kritisiert oder ausschaltet. Doch im Ergebnis kommen die Analysten von Regierungshandeln zum Ergebnis: Trump schrammt an den demokratischen Leitplanken entlang, doch durchbrochen hat er sie noch nicht. 

 

In Tabellen vergleichen die Autoren dann neun autoritäre Länder - Argentinien, Ecuador, Italien, Peru, Polen, Russland, Türkei, Ungarn und Venezuela - , die als jeweils „mild“ autoritär, „autoritär“ oder „demokratisch“ eingestuft werden, wobei Peru als einziges Land als demokratisch eingestuft übrig bleibt. 


Das Buch zählt Trumps Lügen auf, befasst sich mit seinen Tweets und Beleidigungen der Presse bzw. seiner Gegner und kommt am Schluss des Buches zu drei möglichen Zukunftsszenarien: 


Beginnen wir zunächst mit dem optimistischsten, dass sich die amerikanische Demokratie erholt. 
Im zweiten Szenario, dass die Republikaner mit einem weißen nationalistischen Profil die weiteren Wahlen gewinnen werden.
In der dritten, für die Auguren wahrscheinlichsten Prognose, kommt es zur weiteren Polarisierung, zur Abkehr von politischen Konventionen und zur verschärften „Kriegsführung“ zwischen den Institutionen in einer Demokratie ohne Leitplanken. 


Im Fazit formulieren Levitsky/Ziblatt einen Auftrag an die heutige Generation. Europäer und Amerikaner hätten in der Vergangenheit enorme Opfer gebracht, um die Demokratie gegen äußere Bedrohungen zu verteidigen. Heutige Generationen, die die Demokratie für selbstverständlich halten, müssen verhindern, dass sie von innen zerstört wird.


Das Buch ist eine sehr lesenswerte, kritische und beweiskräftige Analyse, die immer wieder Vergleiche zu den anderen autoritären Demokratien zieht, jedoch wegen der Gefahren in der USA-Demokratie beim Ländervergleich zuweilen oberflächlicher bleiben muss. Denn dort wären eben neun umfangreiche Einzelstudien notwendig, und das Buch hätte dann vielleicht den neunfachen Umfang , also neun mal 320 Seiten und damit 2880 Seiten! Unlesbar!!!


Die 320 Seiten gehören jedenfalls auf den Nachttisch eines jeden deutschen Politikers, zuallererst aber auf den von Trump und dann auf den von Seehofer – mit „freundlich demokratischen Grüßen“.


Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben und was wir dagegen tun können Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2018

Christopher Clark: Von Zeit und Macht.  

Historiker betrachten die Zeit stets als vergangene Zeit. Manchmal entwickelt sie sich auch aus dem Kontinuum dessen, was einmal gewesen ist, zu einer Hauptrolle des Interesses der Historiographie.

 

Besonders dann, wenn das Zeitbewusstsein der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand der Untersuchung wird. Reinhart Kosellek erfand die Geschichte vergangener Zukünfte vor einem halben Jahrhundert als eigenes Forschungsfeld des Historikers. Ein jüngstes Beispiel für die Ergiebigkeit eines solchen Rückblicks auf das Geschichts- und Zeitbild vergangener Epochen liefert der in Cambridge vor allem für Neuere Deutsche Geschichte zuständige Christopher Clark.

 

Er ist hierzulande bestens bekannt durch seine Geschichte Preußens, seine Biographie Wilhelms II. und vor allem durch den Paukenschlag „Die Schlafwandler“, mit dem er einen Schlussstrich unter die Schuldzuweisungen über den Beginn des Ersten Weltkriegs zu ziehen versuchte – und die Debatte damit neu entfachte. Jetzt legt er eine Studie „Von Zeit und Macht“ vor, Etüden zum Zeitbewusstsein von vier Machtausübenden in der brandenburgisch-preußisch-deutschen Neuzeit vor.


In den essayartigen, vom Thema zusammengehaltenen und jede für sich lesenswerten Einzelstudien untersucht er die Wechselwirkungen von Herrschaft und dem jeweiligen Geschichtsbild. Wie sehr sich die Zeiten – und damit auch die Einordnung der machtausübenden Personen in den Lauf der Geschichte – geändert haben! Clark beginnt mit dem Großen Kurfürsten (1620 – 1688), geht in Dynastie der Hohenzollern dann weiter zu Friedrich II. (1712 – 1786), dem manche ebenfalls den Beinamen „Der Große“ beigeben, gelangt zu Bismarck (1815 – 1898), dem wohl treuesten Verfechter des monarchischen Prinzips und der Hohenzollern, um schließlich den absoluten Bruch mit allen Vergangenheiten im Geschichtsbild der Nazis zu beschreiben. In jedem dieser Momentaufnahmen vermittelt Clark einen treffenden Einblick in die Arbeit des Historikers: Ausgehend von einem geschichtlichen Detail leitet er daraus das Typische für diesen Zeitabschnitt ab, um aus alledem in einem geschichtsphilosophischen Epilog das Verhältnis von Zeit und Macht zu reflektieren.


Der Große Kurfürst hatte mit den verheerenden Folgen des Dreißigjähren Krieges in seinen Landen zu tun, er musste die Macht des landbesitzenden Adels brechen, um die für den Wiederaufbau und die militärische Sicherheit Brandenburgs notwendigen Ressourcen einzuziehen und richtete seinen Blick naturgemäß auf die Zukunft. Die Bedingungen seiner Zeit ließen eine konservative Haltung nicht zu. „Indem der Fürst die Vorstellung von der Notwenigkeit gegen die etablierten Ansprüche der traditionellen Machthaber auf Provinzebene ins Feld führte, spielte er nämlich im Grunde die Zukunft gegen die Vergangenheit aus.“ Ganz anders sein Urenkel Friedrich ii., nicht mehr Kurfürst, sondern preußischer König, der in seiner Innenpolitik auf den Adel setzte. Aber er war auch ein außergewöhnlicher Historiker und hat mit seinen Geschichtswerken das Bild Brandenburg-Preußens noch bis lange nach seiner Zeit bestimmt. Ihn beherrschte Clark zufolge eine „allgemeine Vision des Staates und seiner eigenen Macht, einer ahistorischen Macht, verortet in der Schwerelosigkeit ewiger Gesetze und zyklischer Bewegungen.“

 

Nichts mehr von der linearen Geschichtsauffassung Pufendorfs, des Biografen des Großen Kurfürsten. Bismarck dagegen wird als Pragmatiker dargestellt, dessen Bewusstsein sich den jeweils geänderten Bedingungen seiner Gegenwart anpasste. Er wurde nicht nur als „Steuermann im Strom der Zeit“ empfunden, sondern er war es nach eigenem – pflichtgemäßem – Empfinden auch.


Die Zeiteinordnung der Nationalsozialisten brach mit allen anderen Auffassungen von historischer Zeit. Der „rassisch“ begründete Rekurs auf das uralte, nie genau betrachtete Germanentum, dessen Transponierung in eine ebenfalls nie genau formulierte tausendjährige Zukunft wird von Clark von dem ganz anderen Geschichtsbewusstsein des italienischen Faschismus abgesetzt. Clark geht auch hier von einem Detail aus – von sogenannten Revolutionsmuseen der Nazis. In ihnen gab es eigentlich nur zwei Zeitebenen: Die sogenannte Kampfzeit bis 1933 mit Devotionalien der „Märtyrer“ und Eroberungen aus den Archiven der kommunistischen, sozialistischen oder jüdischen Gegner und die germanische Vorzeit mit kitschigen Verklärungen einer noch nicht zivilisierten Gesellschaft. Weder Linearität, noch zyklische Wiederholung oder gar pragmatische Anpassung an die Bedingungen im eigenen Land oder ringsum spielten im Zeitbewusstsein der Nazis eine Rolle – ein unerhörter und singulärer Kulturbruch auch mit allen deutschen Traditionen. Er steht neben dem Bruch mit aller Zivilisation, der die Geschichte des Nationalsozialismus kennzeichnet.


Harald Loch


Christopher Clark: 
Von Zeit und Macht.  Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten 
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
DVA München 2018   313 Seiten   mit Abbildungen   26 Euro

 

 

JAMES COMEY GRÖSSER ALS DAS AMT

James Comey ist ein Mensch der Werte. Gier, Anerkennung, Reichtum, Imponiergehabe, das zählt nicht für ihn. Wahrer Reichtum bedeutet fürt den ehemaligen FBI-Chef: "Für etwas zu stehen. Etwas zu bewirken." Und das passt eben nicht zu Donald Trump.
Er arbeitete als Gerichtsanwalt unter Rudy Giuliani. Sein Credo war damals schon: Gegen Unrecht vorgehen und unerbittlich die Wahrheit ans Licht bringen. 


Führungskräfte, so Comey, brauchen Leute, die ihnen die Wahrheit sagen, Autokraten verzichten genau darauf.


"Das Böse hat ein Allerweltsgesicht."


Schon in der Jugend ist ihm klar, ich werde einmal ein bedeutender Mann werden.

 
Nach der eigenen Meinung zu leben, macht den wahren Menschen aus, in einer Art Unabhängigkeit, die in der Einsamkeit liegt, sagt Comey.
In dem Buch zitiert Comey oft Literaten oder Philosophen, er ist breit gebildet und er hält es mit Hermann Hesse, dem es darauf ankommt, dem Etwas einen Sinn zu geben und damit das dann auch in einen Wert zu verwandeln. 


Oder Comey beruft sich auf Thomas Jefferson: Die Falschheit der Zunge führt zur Falschheit des Herzens.

 
Passen solche Gedanken zur bloßen Machtpolitik? Eher nicht, wo das Lügen zur Wahrheit gehört, eben zur eigenen parteipolitischen Wahrheit.
Hierarchie, meint Comey, verhindert Widerspruch und ehrliches Feedback. 


Er zitiert Philosophen, kennt die Lyrics von Bob Dylan.

 
Terrorismus müsse mit Recht und Gesetz bekämpft werden. Mit nichts Anderem. Es werde, so sein Credo, in der Justiz eben ausschließlich nur getan, was rechtens ist.

 

Zitat: "Die Verfassung und der Rechtsstaat sind keine parteipolitischen Machtinstrumente. Justitia trägt eine Augenbinde. Sie sollte nicht darunter hevorblinzeln, um zu sehen, welches Urteil die Obrigkeit von ihr erwartet."

 

Er wehrt sich, zum Folterknecht gemacht zu werden, der Krieg gegen Terror rechtfertige nicht die Missachtung des geschriebenen Rechts. 
Comey benennt die Foltermethoden, die bei CIA-Verhörmethoden angewandt werden durften, gegen die Comey sich wendet: Nackt im ungeheizten Raum, mit Händen an die Decke gekettet, pausenlos in grellem Licht hängend, Schläge ins Gesicht und in den Bauch aushaltend, eingesperrt in Kisten und Waterboarding ausgesetzt. 
Comey bestärkt die demokratische Auffassung, Pressefreiheit und Geheiminformationen lassen sich gleichgewichtig schützen. 


Comeys Führungscredo ist, die Balance zwischen Selbstvertrauen und Bescheidenheit zu halten, als Voraussetzung für effektives Führen.
Von seinen Mitarbeitern verlangt Comey, Freude an der Arbeit zu beweisen, Respekt gegenüber dem Recht, der eigenen Organisation einen Vertrauensvorschuss zu gewähren, gegenüber dem Steuerzahler harte Arbeit nachzuweisen und im Übrigen neben der Arbeit auch ein Privatleben zu genießen.


Im Job, am Arbeitsplatz, in der Kantine hört Comey aktiv zu, spricht mit seinen Abteilungen und Mitarbeitern.


Er verändert sogar den Dresscode der Mitarbeiter, weil förmliche Kleidung nicht frei macht.


Comey schildert die Hintergründe zum Fall Peträus bei der Weitergabe geheimer Informationen, schreibt über die Zusammenarbeit mit Bush und Obama und in mehreren Schlusskapiteln zuspitzend über sein schwieriges Verhältnis zum wankelmütigen Stimmungspräsidenten Donald Trump.

 

Präsidenten informiert Comey nicht über einzelne Ermittlungsergebnisse, nur weil sie die Macht haben und oberster Chef sind. Denn die Justiz hat unabhängig zu sein. 


Bei den Clinton-Ermittlungen spricht Comey von “äußerst leichtfertigem Umgang“ mit Daten in der Mail-Affäre. Hillary hatte dienstliche Mails auf privaten Computern gespeichert, sprach bei den Ermittlungen davon, die PVC seien sicher, weil sie auf vom Secret Service  bewachtem Gelände stehen (!!!) So viel zum Internetverständnis von Machtpolitikern. 
Comey steht während des Wahlkampfes vor dem Dilemma, Ermittlungen einzustellen, und er wäscht Clinton damit rein. Später tauchen neue Daten auf, und er ist nun gezwungen, in der Hochphase der Wahlcampaign erneut zu ermitteln, und Comey muss diese wiederum einstellen, weil sich keine neuerlichen Verdachtsmomente ergeben. 
Es entsteht der Eindruck der bewussten Wahlbeeinflussung und der gewollten Unterstützung für Trumps Präsidentschaft. 


Aber es konnten eben am Ende Hillary Clinton keine Lügen nachgewiesen werden. 


Und dann kam die Russlandaffäre, die nach wie vor nicht ausermittelt ist. 


Drei Ziele formuliert Comey für das Ansinnen Russlands: Die demokratischen Wahlen an sich zu diskreditieren, Hillary Clinton zu schaden und Donald Trump zum Wahlsieg zu verhelfen. 
Der öffentliche Vorwurf, Comey sei in seine eigene Tugendhaftigkeit verliebt, in seine Integrität, trifft Comey hart, er will einfach der Wahrheit zum Sieg verhelfen. 


Dass Trump sich in Moskau mit Prostituierten getroffen haben soll, darüber informiert Comey Obama und anschließend auch Trump selbst. 
Comey führt ein vom FBI so genanntes „warnendes Gespräch“ mit Trump, denn der könnte ja erpressbar sein. Eine Beeinflussung der Wahlergebnisse durch Russland konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. 


In und nach den Gesprächen mit dem Präsidenten taucht bei Comey das Gefühl auf, Trump wolle nach Mafiamanier ihn und sein Ermittlungsteam zu einem „Teil seines Clans“ machen. Aber Comey ist der unerschütterlichen Auffassung, Geheimdienste hätten sich aus der Politik wirklich heraus zu halten.

 
Trump stritt alle Anschuldigungen ab, Comey legt Wert auf die Feststellung, dass das FBI diese Anschuldigungen nicht für wahr hielt, sondern Comey und sein Team ihn nur vor Nötigung schützen wollten. 
Diese öffentlich verbreiteten Informationen über Trump waren von privaten Ermittlern zusammengestellt worden und Comey weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich hierbei nicht um Regierungsdokumente gehandelt hat und diese damit auch nicht an die Presse vom FBI durchgestochen werden konnten. 


Trump aber erwartet absolute Loyalität, Nibelungentreue und fordert sie auch ein, Comey dagegen sucht die reine Wahrheit und will unbeeinflusst bleiben. 


Donald Trump spricht er Führungsfähigkeit ab und wirft ihm mangelnde emotionale Intelligenz vor. Er habe eine tiefe Unsicherheit in sich und die Unfähigkeit, sich auch verletzlich zu zeigen, den Humor anderer anzuerkennen, das sei für eine Führungspersönlichkeit traurig und im Fall des Präsidenten Trump geradezu furchterregend. 
Dann schreibt Comey Memos über die Trump-Treffen. Comey legte Wert auf Abstand zwischen FBI und Politik, und genau das wurde ihm zum Verhängnis. 
Bei einem let

zten Treffen mit dem Präsidenten kommt es zu einem Wortwechsel, Comey unterbricht Trump und weist den Präsidenten darauf hin: „Wir sind keine Mörder von derselben Sorte wie Putin.“ 
Das Gespräch endete daraufhin abrupt. 


Comey wehrt sich eben gegen den „Schweigekreis des Einverständnisses“, als Trump insinuierend versucht, Comey von Ermittlungen gegen Flynn abzubringen, ist das beiderseitige Verhältnis zerrüttet. 


Die Situation in Trumps Präsidentschaft beschreibt Comey so: “Was heute vor sich geht, ist nicht normal. Das sind keine Fake News. Das ist nicht in Ordnung.“ 


Comey bekennt sich zum Wertekanon, zum Glauben an Mäßigung, Integrität, Ausgewogenheit, Transparenz und Wahrheit, und er appelliert im Epilog an seine Landsleute, sich für eine LOYALITÄT zu entscheiden, die größer ist als Parteizugehörigkeit und Amt, aus den Lügen die Wahrheit heraus zu filtern und sich für eine integre, ethisch geerdete Führung einzusetzen.

 

Ein ehrliches, detailreiches, ethisch begründetes und fundiertes Protokoll einer gescheiterten politischen und persönlichen Beziehung zwischen FBI und Donald Trump. Fazit: "Der gegenwärtige Präsident ist ein Mann ohne Moral und agiert ohne jede Bindung an die Wahrheit und die Werte unserer Demokratie."


JAMES COMEY GRÖSSER ALS DAS AMT. AUF DER SUCHE NACH DER WAHRHEIT - DER EX- FBI-DIREKTOR KLAGT AN DROEMER

 

James B. Comey, geboren 1960, arbeitete nach seinem Jurastudium bei der New Yorker Staatsanwaltschaft. 2003 stieg er zum stellvertretenden Justizminister auf. 2013 wurde er von Präsident Obama zum FBI-Direktor ernannt. 2017 wurde Comey von Präsident Trump gefeuert, weil er nicht bereit war, die Russland-Ermittlungen gegen Trumps Mitarbeiter einzustellen. James Comey ist verheiratet und hat fünf Kinder.

LINK


http://www.spiegel.de/politik/ausland/james-comey-ex-fbi-chef-rechnet-mit-donald-trump-ab-a-1202740.html

 

PRESSESTIMMEN


"Comey, das zeigt sein Buch, ist gekränkt und verletzt. Deshalb schlägt er nun zurück. Und das nicht immer stilvoll." 
DER TAGESSPIEGEL


"…der erste lange Augenzeugenbericht aus dem Inneren des Orkans, die präzise, gestochen scharfe Erzählung eines Traumatisierten"
SPIEGEL.DE


"(...) ein Buch über Führungsethik. Der Autor erinnert darin auch an dunkle Seiten der Bush-Präsidentschaft und lobt Obama."
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG


" (...) Trump, so Comey, agiere wie ein Mafiaboss. Dass der Präsident in dem Buch nicht gut wegkommen würde, war zu erwarten. Schließlich war Comey vor ungefähr einem Jahr als FBI-Chef gefeuert worden."
ZEIT.DE

 

"Ein Sachbuch wie ein Kriminalroman der Extraklasse"
MEDIEN-INFO.COM

 

"Die Autobiografie des gefeuerten FBI-Chefs Comey urteilt vernichtend über Donald Trump."
PNN.DE

 

"Comey schreibt mit der Präzision eines Staatsanwalts, dem Talent eines Romanciers und dem Ehrgeiz eines begabten Narzissten."
SPIEGEL

 

"Die Kernsätze Comeys haben es in sich - und lassen sich unterm Strich so resümieren: Trump lügt, ist skrupellos und unmoralisch. Er hat ein massives Ego und agiert wie ein notorischer Mafia-Boss."
WILHELMSHAVENER ZEITUNG

 

"Der Grund für die Brisanz des Buches ergibt sich aus drei Punkten: der Abrechnung mit dem Präsidenten, dem Novum, dass ein FBI-Chef aus dem Zentrum der Politik berichtet, und der Tatsache, dass anders als beim 'Feuer-und-Zorn'-Buch des Journalisten Michael Wolff nun ein Insider spricht." 

NEUES DEUTSCHLAND

 

"ein Buch (...), das nicht nur wegen der Passagen über Clinton und Trump, sondern auch wegen der eingestreuten Anekdoten und der kursorischen Beschreibung seines Lebensweges lesenswert ist."
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

 

"Es ist nicht das erste Mal, dass Comey aus der Küche der Macht plaudert. (...) In seinem Buch aber schildert er es noch plastischer, zitatengenau, gewürzt durch Episoden."
WALDECKISCHE LANDESZEITUNG

 

"lesenswerte wie staunenswerte 114 Seiten"
WESTFALENPOST

 

"Die Erinnerungen von Ex-FBI-Chef James B. Comey sind aktuell, brisant, spannend wie ein Krimi und machen jetzt weltweit Schlagzeilen."
KLATSCH-TRATSCH.DE

 

"lesenswertes Buch"
DAS PARLAMENT

 

"Die Biografie schildert die Vorkommnisse ausführlicher, als sie je zuvor bekannt waren, und erwähnt viele Details, um Lücken in den bisherigen Erzählungen der Vorkommnisse zu schließen."
KLEINE ZEITUNG

 

"…ein eindrückliches Lehrstück über den aufrechten Gang in einer verantwortungslosen Regierung"
BUCH-MAGAZIN 

 

"Das Buch ist definitiv auch für Leser, die sonst nicht zu politischen Büchern oder Biografien greifen."
ESCHBORNER STADTMAGAZIN, 

 

"Der frühere FBI-Direktor (...) entwirft in seinem Buch Kriterien für eine starke Führungsperspnlichkeit - Integrität, Demut, Ehrlichkeit, Überparteilichkeit, Humor und kommt stets aufs Neue zu dem Schluss, dass er diesen Idealen entspricht."
TAZ

Ist Lachen über Hitler erlaubt?


“Führer befiel, die Folgen tragen wir.” 

“Zwei Juden sollen erschossen werden. Da heisst es auf einmal, sie sollen doch erhängt werden. Da sagt der eine zum anderen: ‘Siehst du, jetzt haben die noch nicht einmal mehr Patronen.’”

Zwei Beispiele für Witze im Dritten Reich.

Darf man also über Hitler lachen? JA! Denn selbst in der Nazizeit gab es Witze wie Sand am Meer, manche, meint der Autor sind gut, andere banal, einfach schlecht oder völlig harmlos. Jedoch waren die Witze keine subtile Form des aktiven Widerstands, sondern “Ventile für aufgestauten Volkszorn.” 

Zielrichtung der Witze waren mehr die Führerfiguren der Nazizeit und weniger ihre Verbrechen, vielmehr ihre menschlichen Schwächen. 

Der Autor sprach mit 20 Zeitzeugen im Rahmen eines Buchprojektes, unter anderem auch mit dem inzwischen verstorbenen Dieter Hildebrandt.

Die meisten politischen Witze sind Angriffe auf die Machthaber oder auf die vorherrschenden politischen Verhältnisse. 

Die Mittel dafür: Humor! Das Ergebnis, die Oberen werden der Lächerlichkeit preisgegeben.

Totalitäre Systeme, insbesondere Diktaturen, eignen sich besonders als Zielscheibe. 

Der Autor ist Dokumentarfilmer und breitet vor uns szeneartig ein weites Panoramabild aus. 
Es reicht vom Flüsterwitz, über Formen des Humors, über die Phasen der Machtergreifung bis hin zur Verfolgung der Juden. 

Er zapft auch das Filmgenre an, beschäftigt sich mit Rühmann Lubitsch, Chaplin. Der Judenvernichtung ist ein Extrakapitel gewidmet. 

Auch die Nachkriegszeit kommt nicht zu kurz, sie bildet das Schlusskapitel, die Studie ist schwarzweiß bebildert und sie bietet auch ein Literaturverzeichnis sowie Abbildungsnachweise und Personenregister.

Die Stärke des Buches ist der Quellenreichtum, die Tiefe, die Vielseitigkeit, die Schwäche, man hätte ein ausführlicheres resümierendes Schlusskapitel erwartet, dennoch ist es lesenswert und ausgesprochen unterrichtstauglich!

 

Und hier noch drei Kostproben.

 

“Wofür steht die Abkürzung N.S.D.A.P.? “NA, SUCHST DU AUCH EIN PÖSTCHEN?

 

“Bei dem Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller gab es 10 Tote, 5o Verletzte und 60 Millionen Verkohlte.”

 

Auf die Melodie “Es geht alles vorüber…” wurde folgender Text gesungen:
“Es geht alles vorüber,
Es geht alles vorbei;
erst geht Adolf Hitler,
dann geht die Partei.

Auf jeden Dezember
Folgt wieder ein Mai.
Dann ist es mit Hitler
Und den Bonzen vorbei.”


Rudolph Herzog Heil Hitler, das Schwein ist TOT! Lachen unter Hitler - Komik und Humor im Dritten Reich Kiepenheuer & Witsch

Prag 1968 - Der Panzer zielte auf Kafka

Es ist ein Buch historischer Dokumente. In Bild und Text. Ein Geschichts-Rückblick. Und ein Einblick zugleich. Eine persönlich gefärbte Erinnerung des Böll-Sohns René. Es wirft wie mit einer Lupe einen tiefschürfenden Blick in die Geschichte Tschechiens. 


Es beginnt mit einem Gedicht: „Es standen die Panzer am Ufer der Moldau“ und es endet mit Danksagungen der am Buch Beteiligten. Martin Schule Wessel schreibt einen Essay über Heinrich Böll und den Prager Frühling. Jochen Schubert erinnert an das Verhältnis von Heinrich Böll zur CSSR. Wir sehen die Tagebuch-Aufzeichnungen als Original abgedruckt und die gut lesbare Transkription dazu. Es bietet die Böll-Texte „Ein Brief aus Prag“ und den sehr bekannten und populären Aufsatz „Der Panzer zielte auf Kafka“, und es folgen schließlich die Böll-Interviews mit der ZEIT, dem SPIEGEL, der ARD und der Zeitschrift KONKRET. Illustriert ist das Buch mit eindrucksvollen bewegenden Fotos aus der Besatzungszeit Prags, Faksimiles von Zeitungen und Literaturzeitschriften. Sogar Bölls Ticket Köln-Prag-Köln fehlt nicht oder seine Hotelkarte. 


René Böll gesteht, dass seine Eltern Angst hatten, als er auf die Strasse ging und die Besatzungsmacht ansehen wollte, während der Vater Interviews gab, Artikel schrieb oder an Zeitschriften mitarbeitete. 
„Wir wollen mehr Licht!“ In diesem doppeldeutigen Satz der Prager Studenten steckte das Aufstands-Potential. Einerseits wurde in den Studentenheimen immer wieder der Strom abgestellt, und andererseits war es ein Freiheitsanspruch für mehr Reform im Sozialismus. Doch der Protest war keine genuine Studentenbewegung wie die 1968er Revolte im Westen, die auf Kapitalismuskritik abzielte und weniger auf Demokratie-Reform. Im Osten, so Böll, war es umgekehrt. Und die Reformbestrebungen hatten zudem literarische Wurzeln in der Kafka-Konferenz 1963. 


Böll entwickelte auch ein Sensorium für den religiösen und kirchlichen Wandel im Prager Frühling. Er sprach vom „Evangelium der Demokratie“ vom Prager Frühling als „großem Dauerkonzil“.

 
Am 22. 8. notiert Böll „Panzer vor der Nationalbank und rund um den Rundfunk“, über Hrabal „keine Ironie mehr möglich“, „ Nachricht von der Räumung des Wenzelsplatzes“, der „Russenhass immer stärker“, und er stellt fest, wann wie viel Schüsse fallen und dass man sich so schnell daran gewöhnt und aus dem Krieg noch die Schutzreflexe gewohnt ist, zum Beispiel auf den Boden legen, wenn geschossen wird.   
Alkoholverbot in der Stadt, das sieht Böll als friedensstiftende Maßnahme, und amerikanische Journalisten fragen sich, ob hier ein europäisches Vietnam aus der Taufe gehoben wird. 


Böll schaut der Besatzungskatastrophe und den Menschen tief ins Auge: „Diese Gesichter werden mich noch lange beschäftigen, sie haben mich aufs Tiefste bewegt.“ Und er stellt resümierend fest, “Ich glaube, dass die Schriftsteller, Journalisten und Publizisten die ganze Entwicklung in der CSSR von Januar bis August stark beeinflusst haben“. 
Mit einer ausführlichen Bibliografie der Texte und Interviews endet das Buch, in dem Geschichte, das DAMALS, das Denken und Handeln, die Reformmotive, die Enttäuschungen, das Gewaltszenario deutlich nachgezeichnet wird, dass der Leser einen eindrucksvolle Chance bekommt, die Ereignisse von damals sehr konkret nachzuvollziehen. Es ist gerade mal 50 Jahre her, und dieses „1968“ barg Gefahrenpotentiale mitten in Europa, die wir durch das geeinte Europa fast vergessen haben. Europa ist wieder in Gefahr. Vergessen wir also nicht, was früher war. 


Man wünscht dem Buch eine große Verbreitung gerade aus diesem europäischen Krisen-Grund.

 

 

Heinrich Böll Der Panzer zielte auf Kafka Heinrich Böll und der Prager Frühling Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2018

Fischer: der Abstieg des Westens

Schon seit Helmut Schmidt wissen wir aus den 1970er Jahren, dass China sich anschickt, eine Weltmacht zu werden. Lange Jahre haben wir diesen Befund ignoriert und in den letzten Jahren sowieso Außenpolitik als eine Art „Nebenbei-Geschäft“ betrieben. Der Asien-Pazifik-Raum wird immer wichtiger, die Vereinigten Staaten haben sich schon vor Trump zu Zeiten Barack Obamas im Geschäft der internationalen Politik reservierter gezeigt. Und nach der Brexit-Abstimmung Großbritanniens und den wachsenden Erfolgen der Populisten betreibt Europa eine beständige ratlose Nabelschau. 


Joschka Fischer legt jetzt eine Streitschrift vor, die den ABSTIEG DES WESTENS bereits final diagnostiziert und Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts beschreibt, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch. 


Geopolitische Erschütterungen, Auflösung der UdSSR, Krisen in Europa, Regionalkonflikte und Kriege, die Bankenkrise, Europas Zerfallsprozess, die Wahlerfolge der Populisten in ganz Europa, das alles sind Komponenten eines Erosionsprozesses, den Joschka Fischer detailgenau und schonungslos aufschreibt. 


Wir befinden uns in einer Krisensituation der liberalen westlichen Demokratien, autoritäre Regime schieben sich nach vorne, autokratische Präsidenten machen von sich reden, Populisten versprechen, mit Simpel-Rezepten, die schwierigen Probleme zu lösen, das alles behindert rationale auf Vernunft-Konzepten beruhende und auf Konsens angelegte Politik, die zudem von den Aufgeregtheiten des Mediengeschäfts irritiert werden. 


Die Machtgewichte verschieben sich, die Ordnung der Staaten wankt, die bipolare Ordnung in Zeiten des Kalten Krieges hat sich aufgelöst. Der Zeitgeist reagiert mit Nervosität und Ambivalenz. „Wer werden die Gewinner und Verlierer sein?“, fragt der ehemalige Bundesaußenminister im Vorwort.

 
Gegenüber dem europäischen Einigungsgedanken haben sich Feindschaften entwickelt, die Rückkehr zur Nation, ja zum Nationalismus bricht sich Bahn. Für die EU war die Brexit-Entscheidung Großbritanniens ein heftiger, noch unverdauter Schlag. Durch Trump werden sich die amerikanische Außenpolitik und die Führungsrolle der USA drastisch verändern. 


Der Westen ist nicht mehr der Westen.

 
Fischer fürchtet auch, dass 2022 in Frankreich ein nationalistischer Wahlsieg drohen könnte. Dann wäre Europa am Ende. Fischer beschreibt folgend den Übergang von der Welt von gestern zur Welt von morgen. Wann wird China die globale Führungsrolle in einer neuen Ordnung übernehmen? Kommt es zu einem DUOPOL USA und China? Und welche Rolle wird Russland spielen? Fischer sieht Ostasien als das Zentrum des 21. Jahrhunderts, also eine Art Achsenverschiebung. Doch Asien sei noch im Großmachtdenken und in den Machtrivalitäten des 19. Und 20. Jahrhunderts gefangen, verbunden mit atomaren Gefahrenpotentialen. Europa steht vor der Aufgabe der Erneuerung oder gibt sich selbst auf.
Das transatlantische Mündelverhältnis – durch Donald Trump aufgekündigt – werde nicht wiederkehren.

 

Fischer analysiert sehr faktenfundiert die Erosionsprozesse, die neuen Machtverhältnisse, die Unsicherheiten durch islamistische Bewegungen und nationalistische Politiken. Er erklärt die wirtschaftlichen Fundamente, gibt detaillierte Zahlen an, vergisst nicht die historischen Voraussetzungen für all diese Entwicklungen zu benennen, in einer klaren, deutlichen, gut les- und verstehbaren Sprache, kompakt zusammenfassend und zugleich mit einem mahnenden und auf moralischen Prinzipien (ohne Zeigefinger-Attitüde) beruhenden Fundament. 


Nach innen betrachtet diagnostiziert Joschka Fischer in der liberalen Demokratie und „Akzeptanz- und Systemkrise“, der Neonationalismus sei ein Misstrauensvotum gegen die politischen und wirtschaftlichen Eliten, durch die digitalen Medien entstünden zusätzliche Manipulationsgefahren und es drohte eine soziale Destabilisierung, wenn der moderne Kapitalismus sich weiter gefährlich krisenhaft entwickele. 
Es bedarf - nach Fischer - einer Erneuerung der europäischen Vision, einr Bewegung von unten.

 

Im letzten Kapitel beschreibt Fischer die Rolle Deutschlands zunächst mit kurzen historischen Rückblicken. Deutschland gewinnt politische Potentiale als Mittelmacht in schwieriger geographischer Lage zurück, wenn die USA und die Angelsachsen sich zurückziehen, gewinnen diese neuen Herausforderungen eine überragende Bedeutung. 
Die transatlantische Sicherheitsklammer bleibt als europäische Rückversicherung angesichts seiner geopolitischen Lage unverzichtbar. Es beginnt ein neuer Abschnitt für die deutsche Geschichte.

 
Joschka Fischers Buch ist eine Aufgabenbeschreibung nationaler, europäischer und internationaler Politik, eine historisch fundierte Analyse der aktuellen Situation, die Gefahrenpotentiale benennt, Lösungsmöglichkeiten aufzeigt und eine Art To-Do-Liste für die politische Klasse erstellt. 


Joschka Fischer, geboren 1948 in Gerabronn. Von 1994 bis 2006 Mitglied des Bundestages, von 1998 bis 2005 Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. 2006/07 Gastprofessor an der Universität Princeton, USA. Joschka Fischer lebt in Berlin. 

 

 

Postfaktisch oder gefühlte Wahrheiten


Ist die Wirklichkeit das, was uns umgibt, oder wird sie angeklickt und damit erst Wirklichkeit? Eine philosophische Streitfrage, die Kernthema dieses Buches ist. 


Die Autoren gehen von einem Marktmodell aus. Auf dem Markt des Digitalen werden Daten und Informationen gehandelt. Sie müssen eine Aufmerksamkeitsschwelle überwinden, um zur Kenntnis genommen zu werden. Die Autoren meinen nun, dass unsinnige, aufgeblähte falsch- und überbewertete Fakten die Hauptrolle spielen, Wahrheit und sachgerechte Fakten jedoch untergeordnet werden. Es entstehen Blasen der Aufmerksamkeit, die - je größer sie sind - umso mehr sich selbst Bedeutung verleihen. Hintergrund ist das Herdenverhalten der Menschen, das nach der Logik funktioniert: "Nutzer, die dies mochten, interessiert auch das." 


Das heißt Werbung und Traffic bedeuten Geld, Macht und politischen Einfluss. Wahrheiten, Fakten und politische Herausforderungen und auch traditionelle Medien, wie ich hinzufügen würde, spielen nicht mehr die Hauptrolle. 


Die wahrheitsgetreue Information wird verdrängt durch die Jagd nach Aufmerksamkeit. 


Desinformation, politische Blasen, plumper Populismus führen zur postfaktischen Demokratie, die für die Demokratie selbst bedrohlich ist. 
In sechs Kapiteln analysieren die Autoren nach Vorwort und Einleitung die Ökonomie der Aufmerksamkeit, den Markt der Nachrichten, die Spekulationen um Aufmerksamkeit, FAKENEWS und alles, was damit zusammenhängt, Populismus und Verschwörungstheorien, die auf Faktenresistenz beruhen. Mit Dank, Literaturhinweisen und Anmerkungen schließt die Studie.

 
Wichtigster Satz: „Eine Demokratie befindet sich in einem postfaktischen Zustand, wenn politisch opportune, aber faktisch irreführende Narrative statt Fakten als Grundlage für die politische Debatte, Meinungsbildung und Gesetzgebung dienen.“ 


Dem Reichtum an Informationen heutzutage steht die Knappheit von Aufmerksamkeitsreservoirs gegenüber. Die Medienlogik entspricht kommerziellen Interessen. „Wer mit Erfolg auf der Medienklaviatur spielt, kann in der medialisierten Gesellschaft enorme politische Gewinne einfahren.“

 

In der HYPERREALITÄT verschwindet die Unterscheidung zwischen Medium und Realität. Realität wird zu einem Medienprodukt, zur Simulation von Wirklichkeit. Die Politik setzt dabei Signale und betreibt Symbolpolitik; beides verursacht Blasenbildung, löst aber keine politischen Probleme, ist reines, mediales Inszenieren. 
Wie setzt man Aufmerksamkeit? Durch FRAMEN, wie entstehen Gerüchte, wie entstehen FAKE NEWS, fingierte Nachrichten, war Propaganda nicht irgendwie immer schon? Fragen über Fragen, die von den Autoren aufgeworfen werden.

  
Die Wahrheit kommt neuerdings aus dem Bauch, man glaubt an das, was man als wahr fühlt. Wie sind die Strukturen von Verschwörungstheorien? All diese postfaktischen Aspekte der politischen und medialen Kommunikation werden von den beiden Autoren behandelt. Dieses Buch muss in die Hand von Politikern und Journalisten, in die Hand von Mediengestaltern und politischen "Dummbeuteln".

 

SKALA ZUR INFORMATIONSQUALITÄT

ZONE 1

Wahre Aussage

Verifizierte Fakten

ZONE 2

Verzerrte Aussagen

Rahmensetzung, spitze Winkel, Auslassung, »ausgewählte Fakten«

Unbelegte Aussagen

Gerüchte (vielleicht wahr, vielleicht falsch)

ZONE 3

Falsche Aussagen

Falschwiedergabe von Fakten, im Widerspruch zu diesen

Lügen

Intendierte Falschaussagen

Bullshit

Falschwiedergabe eigener Motive und Ziele, Verstellung, Fingieren, Aufhebung der Trennung zwischen wahr und falsch

Fake News

Fingierte Nachrichten, Falschwieder­gabe von Motiven und Zielen mit Simulation von Journalismus und damit Wahrhaftigkeit.

 

 

Vincent F. Hendricks, Jahrgang 1970, ist Professor für Formale Philosophie und Direktor des Center for Information and Bubble Studies (CIBS) an der Universität Kopenhagen. Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Elite Research Prize des dänischen Forschungsministeriums. Er ist Mitglied des Institut Internationale de Philosophie, Gewinner des Kopenhagener Science Slams 2015 und Koautor des Buches Infowars (2016).

Mads Vestergaard ist Doktorand am Center for Information and Bubble Studies (CIBS) der Universität Kopenhagen, wo er seinen Master in Philosophie machte. Darüber hinaus ist er u. a. Gründer und ehemaliger Vorsitzender der "Nihilistischen Volkspartei", einem dänischen Kunst- und Satireprojekt.

 

Feuer und Zorn

Trumps White-House-Organisation schreibt Michael Wolff hat nichts Militärisches an sich: Keine vertikalen Strukturen, einer sitzt ganz da oben, ein Haufen Mitarbeiter darunter, die sich um die Aufmerksamkeit des Chefs balgen. Es geht nicht um die Verteilung von Aufgaben, sondern um die Verteilung von Aufmerksamkeit. Wem hört der Chef zu und vor allem wie lange.

 
Wolff beschreibt das Weiße Haus als Organisation wie im Trump-Tower. Jeder versucht jeden auszustechen, jeder versucht, an jeder Sitzung teilzunehmen. Man bahnt sich seinen Weg durchs Labyrinth der Machtzentrale. Organisatorische Stringenz liegt dem Präsidenten fern. Und die gegenseitige Geringschätzung verhindert, dass die Schranzen übereinander herfallen. Anpassung total ist karrierefördernd. Was der Präsident vielleicht wollen könnte, wird von den Beratern vorgeschlagen. Trial-and-Error. Klappt oder klappt nicht!

 
Erschreckend Wolffs Analyse: Trump verarbeitet gewissermaßen Informationen gar nicht. Wenn etwas Trump wichtig ist, hat er eine vorgefasste Meinung, hat er keine Meinung zu etwas Bestimmtem, leistet er sich auf Dauer weder eine Meinung noch irgendwelche Informationen dazu.


Und dazu kommen die Leaks seiner Mitarbeiter: Jeder beschuldigt jeden, heimlich Informationen weiterzugeben. „Ob paranoid oder sadistisch, dekliniert er die Fehler und Schwächen sämtlicher Mitarbeiter durch.“ 
Wolff vermisst politisches Handwerk: „Es fehlte eine kohärente Botschaft, weil niemand da war, der eine hätte schreiben können“. Er legt sich fest, dass er sich auf nichts festlegt und irgendwann bekommt er jeden in seiner Umgebung satt. „Es ist schlimmer, als Sie sich vorstellen können. Ein von Clowns umgebener Idiot. Trump liest nichts, weder Memos von gerade mal einer Seite noch die kurzen Strategiepapiere, gar nichts. Er steht mitten in Besprechungen mit Staatsoberhäuptern auf, weil er sich langweilt. Und seine Mitarbeiter sind nicht besser.“


Er will nur geliebt werden, und es geht das Gerücht, im tiefsten Inneren sei Trump ein Weichei. 


Zitat: „Mutete das Weiße Haus unter Trump schon so verstörend an wie keine andere Regierung in der Geschichte, so waren die Ansichten des Präsidenten zur Außenpolitik und zur Welt im Allgemeinen in ihrer Beliebigkeit, Ahnungslosigkeit und Sprunghaftigkeit besonders beunruhigend.“ Kissinger meinte, im Weißen Haus tobe ein Machtkampf zwischen Juden und Nichtjuden. 


Zwar hat Trump drei Bildschirme im Schlafzimmer. Doch für ihn sind nur FAKE NEWS unterwegs: „Alle Nachrichten waren manipuliert und zurechtgebogen, gesteuert und platziert. Alle Nachrichten waren bis zu einem gewissen Grade gefälscht - das wusste er sehr gut, denn er hatte es in seiner Karriere oft genug selbst getan“. Und Trump gesteht selbst: „Ich habe mir schon immer alles Mögliche ausgedacht, und es wird stets gedruckt.“ Er sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht: „Ungefiltert, völlig verrückt.“

 

Trump versteht die Präsidentschaft weder von der Institution noch von den politischen Prinzipien her, Rituale, Korrektheit im Staatsamt, das Verständnis für Symbolik in politischen Botschaften lässt er völlig vermissen, erst recht staatsmännisches Auftreten, das alles übersteigt sein Begriffsvermögen. Für Trump ist der kürzeste Weg der Beste, Komplexität und Bürokratie halten alles nur auf, Schwierigkeiten muss man umgehen oder ignorieren.

 
FBI-Direktor a.D. James Comey (von Trump gefeuert) hält den amerikanischen Präsidenten wahrscheinlich für einen Dummkopf und mit Sicherheit für einen Lügner, schreibt Michael Wolff. „Typisch Trump“, sagt der ehemalige Berater Bannon, „er glaubt, er kann das FBI feuern“.
Trumps generelle These, wenn ein einzelner Mann die tiefsitzende Wut und den Unmut der Amerikaner schürt, kann er mächtiger sein als das politische System selbst. Eine Zeit der HYPERMEDIA. Und Hybris! 
Wolffs Befund: Amerika ist unaufmerksam, zersplittert und zerstreut, Politik hat sich zum Zielgruppengeschäft entwickelt. Politik wurde zu einem Geschäft für Experten B2B – Business to Business. 
Fazit 1: Ein „Zufallspräsident“! Fazit 2: „Seine Präsidentschaft, wie lange sie auch dauern mochte, hatte die Tore für die wahren Außenseiter aufgestoßen, Trump war nur der Anfang.“

 
MICHAEL WOLFF FEUER UND ZORN. IM WEISSEN HAUS VON DONALD TRUMP ROWOHLT


Michael Wolff, 1953 geboren, ist ein amerikanischer Journalist und Autor. Er schreibt für «Vanity Fair», «The Hollywood Reporter», «The Guardian», «USA Today» und die britische Ausgabe von «GQ». Er hat sechs Bücher veröffentlicht, darunter «The Man Who Owns the News» (2008), eine Biographie von Rupert Murdoch. Wolff hat zahlreiche Preise für seine Arbeit erhalten, darunter zweimal den «National Magazine Award». Er lebt in New York und hat vier Kinder.
Pressestimmen


«‘Feuer und Zorn‘ erinnert in seiner höchst unterhaltsamen, geradezu beängstigenden Aufzählung endloser Palastintrigen im Weißen Haus an ähnlich historische Klatschgeschichten von höchster Stelle, die früher einmal Welt-Bestseller wurden ... Wolff schildert ein vulgäres, machtverliebtes Milieu rings um einen Präsidenten, der einem schließlich leidtut. Der Autor pflegt einen anspruchsvollen Stil. Gleichwohl beschleicht den Leser ein unbehagliches Gefühl - der höchst intime Einblick in die menschlichen Unzulänglichkeiten Trumps schmerzt.»
Michael Nauman, Die Zeit


Voller Lügen, Entstellungen und Quellen, die nicht existieren.
Donald Trump


«‘Fire and Fury‘ lässt sich ganz auf die Welt von Donald Trump ein, auf den Wahnsinn und Wahnwitz seiner Präsidentschaft.»
Johanna Bruckner, Süddeutsche Zeitung


«Wolff zeichnet das Bild eines ahnungs- und ideenlosen, desinteressierten, lernunfähigen, auf Äußerlichkeiten fixierten, unreifen, paranoiden, verlogenen, jähzornigen und hoffnungslos selbstverliebten Präsidenten. »


Andreas Ross, Frankfurter Allgemeine Zeitung
«‘Fire and Fury‘ ist fesselnd geschrieben und gleicht mit vielen Dialogen mitunter einem Drehbuch.

Matthias Kolb, Süddeutsche Zeitung


«‘Fire and Fury‘ ist extrem süffig geschrieben, dicht, spannend, oft elegant, im lässigen Stil angelsächsischer Historiker. Man sitzt mit Trump am Tisch, streift durch dunkle Gänge des Hauses, das er angeblich so wenig leiden kann, duckt sich mit anderen vor dem Gebrüll des Präsidenten.»
dpa


«Wolff besitzt offenbar die Fähigkeit, auf wichtige Menschen zuzugehen, diese dabei zuerst mental aufzubauen, nur um sie anschließend genüsslich zu zerlegen.»
Tobias Sedlmaier, Neue Zürcher Zeitung


«Eine faszinierende Lektüre … Wie unglaublich die Dinge auch sein mögen, die man über Trump erzählt – sie stimmen alle.» 
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 

 

«Widerwärtig und fesselnd.» 
Die Zeit 

 

«Seine Kraft entwickelt das Buch, weil Wolff als Erster all diese seit Monaten kursierenden Gerüchte in eine große Geschichte packt … Empfehlenswert.» 
Süddeutsche Zeitung

Eliten im Dritten Reich

Ratlos waren die Staatsräte nicht, wenn es um ihren eigenen Vorteil ging. Aber als Preußen nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegern abgewickelt wurde, verloren sie ihren Staat. Vorher hatten Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Carl Schmitt zum Schmuck Preußens und seines Ministerpräsidenten Hermann Göring als „Preußische Staatsräte“ gedient, dem Reichsmarschall und dem Dritten Reich „Ruhm und Ehre“ eingetragen. Sie gehörten zur Elite des Staates, verfügten über internationales Renommee und verstrickten sich vertrackt in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Der Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen hat sie zusammen als Quartett in einem Puppenspiel in realhistorischem Rahmen porträtiert. Obwohl sie sich in Wirklichkeit nie zu viert getroffen haben, lässt sie der Autor an sieben fiktional arrangierten Abenden miteinander parlieren. Dazwischen ordnet er die tatsächliche Geschichte in Orientierungspunkten an und gruppiert eine Reihe von weiteren Figuren um sein Quartett: Den preußischen Finanzminister Johannes Popitz, Gottfried Benn und Ernst Jünger, natürlich Göring aber auch den Romanisten Werner Krauss aus der Roten Kapelle.


Die vier Hauptspieler in dem Quartett waren beileibe keine lupenreine Nazis. Sie genossen aber ihre Privilegien und kultivierten ihren Status als Staatsräte von Görings Gnaden. Ihre Biographien enthielten eingebaute Persilscheine, die ihnen das je unterschiedliche Weitermachen nach dem Ende des Krieges ermöglichten: Gustav Gründgens hat als Generalintendant der Preußischen Staatstheater seine schützende Hand über manch jüdischen Kollegen gehalten. Ferdinand Sauerbruch, ein Antisemit alter Schule ließ es sich nicht nehmen, dem mutigen kleinen Trauerzug für den Juden Max Liebermann zu folgen, der ihn porträtiert hatte. Wilhelm Furtwängler spielte mit den Berliner Philharmonikern zwar zu offiziellen Nazi-Feiern, konnte und wollte aber ohne jüdische Musiker nicht auskommen. Carl Schmitt, der „Kronjurist des Dritten Reiches“ war schon 1936 aufgrund von Intrigen aus einflussreichen Stellen hinausgedrängt worden, verfasste aber nach wie vor geistreiche staats- und völkerrechtliche Texte seiner antidemokratischen, totalitären Führerideologie. Alle verdienten glänzend im Dritten Reich und genossen die Bevorzugung in ihrer künstlerischen, intellektuellen oder medizinischen Nische.


Helmut Lethen verschränkt das von ihm entworfene verbrecherische Zeitpanorama gekonnt mit den Gesprächsrunden der Vier. Sie trafen sich an unterschiedlichen Orten auf Einladung je eines von ihnen: Auf dem Gut Zeesen bei Gründgens zum Thema „Schein“, in Görings Jagdresidenz Carinhall zu Carl Schmitts Ausführungen über „den Feind“ oder in Sauerbruchs Villa am Wannsee über „Prothesen“. Nach Stalingrad lud Sauerbruch dann in die Charité, um über den „Schmerz“ zu referieren und man traf sich – schon unter dem Bombenhagel – auf Einladung Furtwänglers im Dirigentenzimmer der Staatsoper über „Gemeinschaft“. Nach dem Krieg arrangiert der Autor noch ein Treffen bei Gründgens in Düsseldorf über die „Scham“ und schließlich ein gespenstisches letztes – das Quartett ist inzwischen durch das Ableben von zwei ehemaligen Staatsräten auf die Hälfte geschrumpft – in Plettenberg auf Einladung von Schmitt über die „Entscheidung“. Alle Gespräche sind fiktiv, die Vorträge der Einladenden und die Beiträge der Mitspieler sind teils aus deren Werken zitiert oder glänzend nachempfunden. Die sieben Szenen zwischen dem Grauen des Nazireiches atmen eine Authentizität, die von der umfassenden Bildung des Autors und sicher auch seiner Fleißarbeit zeugen. 


Das ganzeBuch durchzieht eine großartige literarische Spannung zwischen dem historischen Rahmen „Drittes Reich“ bzw. „Junge Bundesrepublik“ und den unterhaltsamen, mit  Humor und Ironie beschriebenen Treffen der vier Staatsräte. Die haben durchaus Vorbehalte gegen ihre Mitspieler, verkneifen sich keine Spitzen gegen sie und halten in kurzen inneren Monologen nicht hinter dem Berg mit Kritik an mageren Büffets oder der Physiognomie der Partner. Das alles verdichtet sich zu einem Bild dieser Elite im Dritten Reich und denunziert das privilegierte Mitmachen als unerlaubte Kollaboration.

 

Harald Loch


Helmut Lethen: Die Staatsräte. Eliten im Dritten Reich Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt
Rowohlt Berlin 2018   351 Seiten   24 Euro

 

Gibt es eine Logik gegen RECHTS?

Im Fadenkreuz des Leitfadens stehen die „Rechten“. Drei gestandene Autoren wollen uns erklären, wie wir mit ihnen reden sollen. Brauchen wir das wirklich und hilft uns ihr Buch „mit Rechten reden“, wenn wir nicht wissen wie wir das anstellen sollen? Vorweg ein a priori der Demokratie: Dass wir mit jedem reden dürfen und auch hin und wieder reden müssen, sollte unstreitig sein.

 

Ebenso dürfte klar sein, dass wir es nicht mit der Intention des Missionars tun sollten nach dem Motto „und willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag‘ ich dir den Schädel ein.“


Per Leo, Autor des zu Recht hoch gelobtem Romans „Flut und Boden“, Maximilian Steinbeis, Betreiber des auch international angesehenen „verfassungsblog.de“ und Daniel-Pascal Zorn, promovierter Philosoph mit dem Spezialgebiet „Argumentationslogik“ verknüpfen mit ihrem „Leitfaden“ fast Unvereinbares miteinander. Das Wichtigste: Sie entschleiern die Taktik der politisch organisierten Rechten als einfachen rhetorischen Trick. Auf die gut dosierte Provokation erwarten sie den Keulenschlag der Nicht-Rechten, den sie mit der unwahren Unterstellung kontern, man könne in diesem Staat nicht mehr die Wahrheit sagen, ohne diffamiert zu werden. Die Autoren nennen Beispiele dafür: Höckes Dresdner Rede mit dem Etikett „Denkmal der Schande“ für das Berliner Mahnmal zur Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden. Die bekannte rechtsnationalistische Einstellung Höckes ließ nur eine der in der Tat mehrdeutigen Lesarten zu.

 

Die deutsche und internationale Öffentlichkeit war empört, schwang die Keule. Das verlogene, „klarstellende“ Nachwort Höckes triefte dann vor Opfertränen, die erneut Empörung auslöste usw. Die Autoren des Leitfadens fassen diese rhetorische Taktik der „Rechten“ kurz zusammen: Mal spielen sie das Arschloch, dann wieder das Opfer. Immer ist ihnen Öffentlichkeit sicher. In Amerika ist einer mit dieser Taktik Präsident geworden.


Diese Entlarvung des argumentativen Tricks könnte oberlehrerhaft wirken. Darum fügen die drei Autoren eine vierte Person ein, einen anonym bleibenden Unbekannten. Dieser fiktionale Teil des Buches verstört den an logischer Beweisführung interessierten Leser, noch dazu, wenn er auf seinem Sterbebett den herbeigeeilten Autoren noch seinen letzten Traum erzählt, dessen Deutung offener bleibt als die reine Lehre von S.F. es zulässt. Der irritierte Leser muss bei der Stange gehalten werden. Deshalb würzen die Autoren ihre zeitgeschichtliche Analyse mit einer für solche Arbeiten nicht üblichen Portion Humor, gutem Humor, teils in englischer Sprache – welche Provokation! – teils auch auf Kosten der „Linken“, denen sich die Autoren in vielem verbunden aber keineswegs zugehörig fühlen. So entsteht ein unterhaltsames Buch, das den „Rechten“ wie den „Linken“ nichts durchgehen lässt, aber wie bei einer fernöstlichen Verteidigungsmethode zunächst nachgibt, um dann argumentativ den Gegner, pardon: die Gesprächspartner! kampfunfähig zu machen. Das gelingt mal besser und mal weniger, ist aber als „Sprachspiel“ neuer Art ein interessantes, manchen sicher überzeugendes Experiment. Ob es auch funktioniert, wenn die „Rechten“ nicht mitspielen, muss offenbleiben. 


Der Leitfaden ist für die Argumentation mit der „offiziellen“, zwar oft widersprüchlichen aber doch organisiert auftretenden „Rechten“ konzipiert. Im Gespräch mit dem Einzelnen kommt es darauf an, die persönlichen und die gesellschaftlichen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen der Gesprächspartner zu einem der „Rechten“ geworden ist, als der ja niemand geboren wird. Dass darunter viele Arbeiter sind, sagen die Wähleranalysen. Was hat die „geborenen Linken“ zu „Rechten gemacht? Es lohnt sich, hierzu Didier Eribons „Gesellschaft als Urteil“ zu lesen.


Harald Loch


Leo/Steinbeis/Zorn: mit Rechten reden. Ein Leitfaden
Klett-Cotta, Stuttgart 2017   183 Seiten   14 Euro

 

Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil

Kann man zweimal nach Reims zurückkehren? Der französische Soziologieprofessor aus Amiens ohne Abschluss einer grande école, setzt seinem großen Erfolg nach. In seinem Großessay „Gesellschaft als Urteil“ verknüpft er die schonungslose Analyse seiner eigenen Existenz noch konsequenter mit einer aufklärenden Betrachtung der Gesellschaft. Deren Wucht sich als verdict, wie es im französischen Titel seines im Original bereits 2013 erschienenen Buches heißt, sich als Urteil über den Lebensweg des Einzelnen auswirkt. Diese Verurteilung durch die Gesellschaft, durch Herkunft, Milieu, Sprache, Geschlecht und Religion wird von der Gesellschaft vor allem durch ihr Schulsystem und die überkommenen Regeln der Elitenbildung in aller Regel „ohne Bewährung“ ausgesprochen. Sie wirkt lebenslänglich, ist durch keine Möglichkeit der „Wiederaufnahme des Verfahrens“ abzuändern. Soweit die Kernaussage der zweiten Rückkehr nach Reims.


Das Individuum, im Falle des Autors besonders das mit einer von der geduldeten Norm abweichenden sexuellen Orientierung, ist der Schwerkraft der Gesellschaft vielfältig ausgeliefert. Seine Eltern gehörten der Arbeiterklasse an. Sie ermöglichen ihm eine ausreichende Schulbildung, die in ihm den Wunsch und die Kraft freisetzt, sich aus diesem Milieu zu entfernen. Scham über die Herkunft, Scham über den „Verrat“ an ihr.

 

Aus dem eigenen Erleben seziert er die unterschiedlichen Verletzungen und Verhinderungen von Menschen, die aufgrund der gesellschaftlichen Bedingungen, denen sie ausgesetzt sind, unterschiedliche Lebensentscheidungen treffen. Die sind nie frei von den Bestimmungen, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit ihnen vorgenommen haben. Inzwischen ganz Intellektueller, belegt der Soziologe Eribon seine These von der „Gesellschaft als Urteil“ mit Beispielen aus der Literatur. Seine Lektüre und Auseinandersetzung mit der Rezeption des „Saint Genet“ von Sartre, von „Das andere Geschlecht“ der Simone des Beauvoir und vor allem seine lange Zusammenarbeit mit seinem Lehrer und Freund Bourdieu liefern ihm die Beispiele.

 

Das hat den Vorteil vor eigener, nicht nachvollziehbarer Feldforschung, dass manche seiner Leser die Texte kennen, jeder sie nachlesen könnte. Er stellt fest, dass die Haushälterin Françoise in Prousts Recherche „natürlich“ keine eigene Geschichte hat, keine Vorfahren. Er selbst weiß über seine Eltern nur ganz wenig, es gibt kein Familienarchiv wie in den meisten bürgerlichen Familien. So ist es auch im Werk von Annie Ernaux, Assia Djebar und all der anderen Autoren, die er passend zitiert und sehr schön in den eigenen Textfluss einfügt. Aber darf der Soziologe aus den Figuren, die ihm die Literatur anbietet, Schlüsse auf die nichtfiktionale Wirklichkeit ziehen? Oder anders gefragt: Ist nicht die Literatur selbst Teil der nichtfiktionalen Wirklichkeit?

 

Was tun gegen das Fallbeil der Gesellschaft, das so viele individuelle Möglichkeiten abhackt, so viele Irrwege erklärt? Natürlich geht es ihm auch um die Frage, warum so viele Arbeiter den Front National wählen. Der Soziologe  weiß vielleicht keinen Ausweg, stellt aber Linderung in Aussicht: „Sicher bin ich mir nur, dass einzig eine immer wieder erneuerte theoretische Analyse der Herrschaftsmechanismen mit ihren unzähligen Funktionen, Registern und Dimensionen in Verbindung mit dem unverwüstlichen Willen, die Welt im Sinne einer größeren sozialen Gerechtigkeit zu verändern, uns in die Lage versetzt, den vielgestaltigen Kräften der Unterdrückung zu widerstehen. Nur so werden wir eine Politik schaffen können, die das Prädikat demokratisch tatsächlich verdient.“


Harald Loch
 
Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil
Klassen, Identitäten, Wege
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
edition suhrkamp, Berlin 2017   265 Seiten   18  Euro
 

 

Die französische Revolution bei RECLAM

Die Deutungshoheit über die Französische Revolution ist umstritten. „All unsere Versuche, sie durch machtvolle Aktivitäten bestimmter sozialer Gruppen oder Klassen oder anderer Teile der Gesellschaft zu erklären, sind fehlgeschlagen.“ Mit diesen markanten Worten fegt Jonathan Israel die marxistischen wie alle anderen gesellschafts- und wirtschaftsgeschichtlichen Deutungen vom Tisch. Er verfolgt einen anderen Ansatz, den er mit Vehemenz, unüberbietbarer Detailkenntnis und plausiblen Erklärungen verfolgt. Der 1946 geborene Israel ist ein britischer Historiker, der als Spezialist für europäische Ideengeschichte des 17. Und 18. Jahrhunderts zuletzt am Institute for Advanced Study der Princeton University tätig war. Sein ideengeschichtliches Hauptwerk Radical Enlightenment gibt die philosophische Grundlage für seinen stringenten neuen Deutungsversuch der Französischen Revolution. Hierfür baut er auf dem seit Jüngstem versuchten sozio-kulturellen Ansatz auf und integriert Sozialgeschichte und Ideengeschichte zu einer eigenen, zu allen bisherigen Lesarten alternativen Erzählung der die Welt verändernden Ereignisse von 1789 bis 1799. Aber er beginnt Jahrzehnte vor dem Sturm auf die Bastille, bei den Aufklärern der encyclopédie, bei den französischen Philosophen der lumières, die alle eine freiheitliche politische Philosophie vertraten, vor allem bei Diderot, Voltaire, Montesquieu und Rousseau.


Die im Vorfeld längst formulierten Ideen von der Gleichheit der Menschen, von dem unveräußerlichen Wert der Freiheit hatten schon die der französischen vorausgegangene amerikanische Revolution mit der Erklärung der Menschenrechte beflügelt. Sie beherrschten die intellektuelle Szene nicht nur in Frankreich, aber hier besonders. Zahllose Flugschriften und Bücher hatten diese Ideenwelt bis 1788 zu einem unter dem marode gewordenen royalistischen Regime zunächst verdeckt, bald immer offener zutage getretenen Mainstream beigetragen, einem gärenden Teig, der – so Israels neuer Ansatz – den Ausbruch und die Entwicklung der Französischen Revolution fast zwangsläufig nach sich zog. Als Hauptakteure benennt Israel denn auch Publizisten und Journalisten, deren immer flammendere Beschwörungen der Ideen von Gleichheit und Freiheit letztlich die Fackel der Revolution entzündeten. Hierbei traten von Anfang an unterschiedliche Ausprägungen der Aufklärung zu Tage, unter denen sich die der „Radikalaufklärung“ zuzuschreibenden gegenüber den „milderen“ am stärksten durchsetzten. Es ist ungeheuer spannend, die Auseinandersetzungen zwischen den revolutionären Denkern und der vor allem klerikalen und adligen Reaktion, aber auch unter den verschiedenen Strömungen der Revolutionäre selbst zu verfolgen. Ein großes Verdienst dieses monumentalen Buches ist eine Liste von über 150 Biogrammen der Hauptbeteiligten. Sie ermöglicht, die Vielzahl der hierzulande häufig unbekannten Namen auseinanderzuhalten und ihren Beiträgen zu dem Geschehen zuzuordnen.


Um den roten Faden der soziokulturellen, ideengeschichtlich bedeutsamen Entwicklung bis zur und während der Revolution bis zu ihrem „napoleonischen“ Scheitern rankt sich, wie zwangsläufig aus den Ideen erwachsend, die Darstellung der tatsächlichen innen- und außenpolitischen Ereignisse und der sich dramatisch verändernden sozialen Lage in Paris und in den Provinzen. Das rasche Erwachsenwerden bis zur Erklärung der in ihrer endgültigen Formulierung umstrittenen Menschenrechte und bis zur ersten demokratischen Verfassung der Welt ist in allen Einzelheiten nachzuvollziehen. In den ersten Jahren fand die Revolution ja noch unter dem monarchischen Regime von Louis XVI statt, bis er umgebracht wurde. Auch diese erste cohabitation zwischen dem Monarchen und den revolutionären Institutionen ist spannend erzählt. Die Entmachtung der katholischen Kirche, die Gleichberechtigung der Juden, die Abschaffung von Privilegien, auch der männlichen gegenüber den Frauen, die Emanzipation der Sklaven auf Haiti und auch der Putsch von Robespierre sind vor dem Ideenrelief, das Israel nach wie vor für bestimmend hält, gut nachvollziehbar. Die Dämmerung der aufgeklärten Revolution kam viel zu rasch. La terreur dauerte von September 1793 bis etwa Juli 1794 und ist wie ein blutiger Verrat an den seit Sommer 1793 kippenden Kernwerten der Revolution zu verstehen.


Jonathan Israel hat einen einleuchtenden neuen Deutungsansatz für die Französische Revolution entwickelt und diesen in einer glänzen Synthese von geistesgeschichtlicher Darstellung und historiographischer Genauigkeit nach dem Motto des Untertitels seines Buches erzählt: Edeen machen Politik. Er hat damit auch das Erbe dieser Revolution benannt: die Kraft und die Gefahren, die von der Radikalaufklärung ausgehen können.


Harald Loch


Jonathan Israel:                                                                                  Die Französische Revolution. Ideen machen Politik
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Bossier
Reclam, Stuttgart 2017   990 Seiten   49 Euro

 

100 Tage TRUMPelei im Amt

Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt
 

Rechtzeitig zur 100-Tage-Bilanz von Donald Trump erscheint ein 30-Jahre-Resümee seiner politischen Rhetorik: der in Cambridge lehrende irische Historiker Brendan Simms und sein Kollege vom Londoner King’s College und der University of Texas, Austin, Charlie Laderman verfassten die zeithistorische Studie „Wir hätten gewarnt sein können“. Ihr schmales Buch besteht aus zwei Teilen: in einem ersten zählen sie zentrale politische Äußerungen Trumps seit den frühen 1980er Jahren auf und fügen die wörtlichen Zitate gleich an. In einem zweiten versammeln sie ihr zeitgeschichtliches Urteilsvermögen und konkretisieren die Warnung, die sie im Titel andeuten. Die Klammer bildet ein Zitat aus Henry Kissingers Memoiren: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass politische Führer durch Erfahrungen an Tiefgründigkeit gewinnen. … Die Überzeugungen, die führende Politiker vor Übernahme eines hohen Amtes gewonnen haben, sind ihr intellektuelles Kapital, das sie während ihrer Amtszeit verbrauchen.“ Wir können also, das ist der Ansatz der Autoren, die Politik Trumps aus seinen Stellungnahmen der letzten 30 Jahre verstehen und auch prognostizieren. Es sind im Wesentlichen zwei Kernsätze der politischen Überzeugung, die in den letzten Jahrzehnten wie in der ersten 100 Tagen seiner Präsidentschaft hervorstechen: Es seien weniger die Feinde als die Verbündeten der USA, die es zu Kasse zu bitten gelte. Sie sollten nach dem Willen von Trump die Kosten dafür übernehmen, dass die USA sie militärische „beschützen“. Und sie sollten keine Handelsgewinne auf Kosten der USA machen!

 

Die zweite Seite seiner Botschaft, die er seit drei Jahrzehnten an die amerikanische Bevölkerung richtet, lautet: „Mit dem Geld, das wir von den Partnern einfordern müssen, könnten wir den Arbeitern und Farmern der USA ein auskömmliches Leben bieten, die Gesundheitskosten tragen, Straßen reparieren und Schulen bauen“. Der populistische Dualismus aus Nationalismus und sozialen Wohltaten kennzeichnet das politische Credo Trumps, der vor allem „Führung“ vermisst hat und selbst verspricht. Wenn das alles nach einem vor allem Deutschland bekannten verheerenden Muster geschieht, sollte man nicht falsche Parallelen ziehen. Im Gespräch sagt Brendan Simms: „Der Populismus Trumps setzt auf Nationalismus und auf soziale Versprechungen, aber das ist kein Nationalsozialismus. Trump ist in einer Demokratie großgeworden, er strebt keine faschistische Diktatur an. Daran würden ihn auch die intakten verfassungsmäßigen Institutionen hindern.“ Gewarnt wird trotzdem und vor Anderem.


Im zweiten Teil folgern die Autoren aus den vergangenen Verlautbarungen Trumps: „Wir wissen bereits, was für eine Figur Trump ist. Vom Verhalten her ist er ein Silberrückengorilla, ein narzisstischer Pfau, ein Alphatier, ein Elefant im Porzellanladen. Politisch ist er ein Bourbone, der in den letzten drei Jahrzehnten nichts gelernt und nichts vergessen hat. Einem alten Hund wie ihm kann man keine neuen Tricks beibringen. Der Leopard wechselt nicht seine Flecken.“ Solche drastischen Formulierungen erschließen sich dem Leser als konsequente Folgerung aus dem ersten Teil mit den vielen O-Tönen, die sich wie ein permanenter, über 30 Jahre laufender Wahlkampf lesen. Voller Urteilskraft schreiben die Autoren, was die Welt erwarten kann. Je mehr Trump innenpolitisch von den Institutionen Erfolge verwehrt werden, desto mehr wird er sich diese auf dem Gebiet der Außenpolitik zu holen suchen. Die Welt sollte sich warm anziehen! Ganz konsequent haben die Autoren nicht aus Trumps – von Ghostwritern geschriebenen – Büchern zitiert sondern aus seinen Interviews – eben ihn selbst. Dabei verwendet er eine erstaunlich einfache Sprache, die nach Auffassung von Simms nicht auf Wirkung gegenüber einfachen Menschen inszeniert sondern seine natürlich Diktion ist. Einfach, deutlich, brutal.


Harald Loch


Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt
DVA, München 2017   157 Seiten   12 Euro

 

 

Interview mit Brendan Simms zu seinem Trump-Buch

 

Frage: Sie und Ihr Kollege Charlie Laderman haben Ihrem Buch über Donald Trumps Sicht auf die Welt den Titel gegeben „Wir hätten gewarnt sein können“. Wovor eigentlich?

 

Simms: Wir haben uns viele politische Stellungnahmen Trumps aus den letzten 35 Jahren angesehen und haben eine verblüffende Kontinuität seines Populismus feststellen können. Sie besteht aus zwei Komponenten: Nationalismus und sozialen Versprechen. Beides hängt miteinander zusammen. Trumps Nationalismus geht davon aus, dass die Verbündeten für den militärischen Schutz, den ihnen die USA bietet, nichts bezahlen, dass sie den Schutzpatron im Gegenteil im Handel übervorteilen. Diese Kosten, forderten die USA sie ein, könnten den Arbeitern und Farmern der USA ein besseres Leben ermöglichen. Es könnten mit dem Geld Straßen und Schulen gebaut werden. Die USA könnten dann – wie Trump sagt – den Status eines Entwicklungslandes verlassen. Er greift also soziale Missstände und Defizite der Infrastruktur geschickt auf und fordert die Kosten dafür von den Verbündeten und den Handelspartnern ein. Die bisherigen Präsidenten der USA seine zu dumm gewesen und hätten keine Führung gezeigt.

 

Frage: Die Zutaten zum Populismus sind offenbar überall gleich. Marine Le Pen erobert damit ebenso Stimmen wie die AfD in Deutschland. Erinnert das nicht auch an Hitler, vor dessen Politik man ja auch hätte gewarnt sein können?

 

Simms: Nein! Die Kombination von Nationalismus und sozialen Versprechen bei Trump ist nicht mit „Nationalsozialismus“ gleichzusetzen. Trump ist in einer Demokratie großgeworden und ist Bestandteil dieser Demokratie. Er hat sicher nicht vor, eine faschistische Diktatur zu errichten. Er verfolgt seine Ziele innerhalb der amerikanischen Demokratie, deren Institutionen ja funktionieren, deren Gerichte funktionieren und deren Kongress Trump ja nicht in jedem seiner Schritte folgt. Aber: Je mehr er innenpolitisch ausgebremst wird, desto stärker verlegt sich sein populistischer Aktivismus auf die Außenpolitik. Die haben wir unserem Buch besonders untersucht.

 

Frage: Ist es nicht erstaunlich, sie lange sich der Wirtschaftsmogul in die Außenpolitik der USA mit eigenen Statements eingemischt hat?

 

Simms: Ja, wir waren überrascht, dass Trump seit über 30 Jahren immer wieder und sehr medienwirksam die amerikanische Öffentlichkeit angesprochen hat. Es ist, also ob er seit Jahrzehnten in einem permanenten Wahlkampf stand, obwohl er ja erst zuletzt als Kandidat angetreten und dann auch gewählt worden ist. Und sein politisches Credo ist immer gleich geblieben: Die Welt lacht über Amerika, seine Präsidenten sind unfähig und können nicht verhandeln, sie lassen sich auf der Nase herumtanzen und verschleudern den Reichtum Amerikas, der im Innern fehlt, um sozialen und gesellschaftlichen Reichtum zu erzielen.

 

Frage: Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Bleiben Trumps Ansichten immer gleich?

 

Simms: In seinen Grundüberzeugungen bleibt er konstant. Im Detail passt er seine Aussagen den veränderten Bedingungen an. War es am Anfang vor allem Japan, dem er vorwarf, mit seinen billigen Waren den amerikanischen Markt überschwemmt zu haben und sich praktisch kostenlos von den USA militärisch beschützen lassen – was übrigens nicht stimmt, denn Japan hat viel dafür bezahlt – so richtet sich der Vorwurf, unzulässige Handelsvorteile gegenüber den USA zu ziehen, jetzt gegen China. Gegenüber dem Öl-Kartell der OPEC ist seine Haltung gleichgeblieben, wegen des stark gesunkenen Öl-Preises aber weniger aggressiv. Gegenüber Iran bestehet seine aggressive Ablehnung ungeachtet aller Veränderungen dort nach wie vor. Die NATO hält er für ein Subventionsgrab, wenn die europäischen Partner nicht mehr für ihre Verteidigung ausgeben. Putin bewundert er und die Annexion der Krim einen Tag nach Beendigung der Olympischen Spiele in Sotschi hält er für einen genialen Schachzug des Staatsmannes Putin.

 

Frage: Stimmt es, dass die großen Konzerne den Wahlkampf von Trump finanziert haben?

 

Simms: Vielleicht, jedenfalls aber weniger als sie Hillary Clinton unterstützt haben. Trumps Wahlkampf hat weniger gekostet als der seiner Gegnerin. Er brauchte auch weniger für seine Medienpräsenz auszugeben, die Zeitungen und Fernsehstationen kamen zu ihm und wollten seine Statements haben. Sie waren zwar überwiegend gegen ihn eingestellt, verschafften ihm aber – kostenlose – Auftritte.

 

Frage: Beobachten wir nicht ähnliches bei Le Pen oder bei der Berichterstattung über Pegida oder die AfD?

 

Simms: Ja, es ist überall dasselbe. Die Medien verschaffen der Sensation, die sie eigentlich ablehnen, überproportionale Aufmerksamkeit und erreichen mit dem so transportierten Populismus breite Schichten der Bevölkerung.

 

Frage: Zum Abschluss noch ein Wort von Ihnen zum Brexit und zu Europa.

 

Simms: Ich denke Europa muss vertieft werden, es muss also mehr und nicht weniger Europa sein. Da hätte das UK dann vielleicht nicht mehr mitmachen können. Aber das wäre der richtigere Zeitpunkt für eine Trennung gewesen, die ich von Herzen bedauere. Wenn auch Europa den Austritt Großbritanniens bedauert und fast die Hälfte der Briten ihn nicht wollten, dann sollte das Verhältnis nach dem Brexit so eng und so gut wie möglich sein. Beide Seiten sollten keinen „harten Brexit“ anstreben und auch ihre Rhetorik mäßigen, wie es sich unter Freunden gehört.

 

Das Gespräch fand am 29. April in Berlin statt. Die Fragen stellte Harald Loch

 

Bibliographie: Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

DVA, München 2017   157 Seiten   12 Euro

Flucht und Segen

Titel Ann-Kathrin Eckardt Flucht und Segen. Die ehrliche Bilanz meiner Flüchtlingshilfe PANTHEON

 

Autor Ann-Kathrin Eckardt, Jahrgang 1979, ist Redakteurin in den Ressorts Seite 3 und Buch Zwei der Süddeutschen Zeitung. Sie wurde mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet. Seit fast drei Jahren ist sie Patin zweier irakischer Familien. Für ihren Essay "Gute Menschen", eine erste Bilanz der Flüchtlingshilfe, erschienen im Dezember 2015, erhielt sie den von der Inneren Mission verliehenen Karl-Buchrucker-Preis.

 

Gestaltung 238 Seiten, Paperback, Einleitung, sieben Kapitel, Schlusskapitel, Dank, Anhang mit Glossar, nützlichen Links

Cover stilisierte blaue Schmetterlinge

 

Zitat „Integration ist kein Sprint“

 

Meinung Zeit und Geld spenden, den Kleiderschrank ausräumen, Behörden nerven, Job suchen, Sprache lernen, so geht der Ultra-Marathon los, wenn man in die Flüchtlingshilfe einsteigt. Heute ist das Wir schaffen-das-Thema schon in der Film-Spielhandlung angekommen. Die ARD brachte eine Geißendörfer-Produktion, in der rechtsradikale Polizisten bosnische Flüchtlinge töten, die Verhoeven-Familie hatte Erfolge mit den Hartmanns, und die Seite 3-Redakteurin der Süddeutschen Zeitung hat aus einer Reportage nun ein Erfahrungsbuch entstehen lassen, in dem sie Lust und Frust ihres sozialen Engagements einfühlsam, eindringlich beschreibt.

Sie schreibt über „Frust und Freude, (Selbst)Zweifel und Hoffnung“. Sie kümmert sich um Jesiden-Familien, die aus dem Irak geflüchtet sind. Als Flüchtlinge freuen sie sich über unsere Freiheitsräume und die Gleichbehandlung von Mann und Frau und sie sind traurig über den Verlust von Freunden und Nachbarn.

 

Die Autorin berichtet, wie sie die „Partnerwahl“ unter Flüchtlingsfamilien getroffen hat und nach welchen Kriterien, sie zeichnet die Flüchtlingsströme nach und was sie in Europa und Deutschland ausgelöst haben. Sie lässt uns an Dialogen und Mailaustausch mit den Betreuten teilhaben. Wir erleben wieder, dass deutsche „Gutmenschen“ eine Wilkkommenskulktur entwickeln und warum, während „Dunkeldeutschland“ auch Ablehnung zelebriert.

Dass kaputte Weihnachtskugeln, Miniröcke oder Aquarien aus den Kellern ausgemistet werden, „um zu helfen“ ist nur der skurrile Aspekt des deutschen Tatendrangs. Deutschland in der Helferrolle. Wir lernen die Wurzeln der Ehrenamtsbewegung kennen und deren Motive, aber müssen auch die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass es Länder ohne soziales Engagement der Bürger gibt.

 

Die Deutschen erwarten Wertschätzung ihrer Hilfe, die nicht immer gegeben wird. Das schafft Frustration.

 

Ann-Kathrin Eckardt hat Wünsche, Erwartungen, Freude und Frustration der Helfergruppen zusammengetragen. Da werden „Mitwirkungspflichten“ formuliert und erwartet, die eben typisch deutsch sind und von Flüchtlingen aus autoritären oder autokratischen Systemen kommend nicht sofort erwartet werden können. Da sind Träumereien unterwegs, die nicht erfüllt werden können.

 

Ist das Leben im Bombenhagel besser auszuhalten als ein Dasein in der Turnhalle zu fristen? taucht als Frage auf und die Festellung, wir dürfen die sozial Schwachen unseres Landes nicht vergessen.

Das Thema Wohnen wird zur brennenden Frage, Sprachförderung, Arbeitsplätze schaffen, Lehrerstellen ermöglichen, wenn mehr als eine Million Flüchtlinge ein Bleiberecht haben werden. Erst nach zehn Jahren haben 70 Prozent der Flüchtlinge einen Arbeitsplatz. Geringe Qualifikation der Flüchtlinge, unkoordinierte planlose Förderungssysteme, Rechtsunsicherheit und die kulturellen Differenzen erschweren die Integrationsfähigkeit.

 

Dass Wanderung ein Normalzustand war und ist, stellt auch Ann-Kathrin Eckardt fest, die ebenfalls die Übertreibungskultur von Talkshows, Facebook-Kommentaren und Zeitungsartikeln kritisiert.

Deutschland ist zwar kein Einwanderungsland, hat aber Flüchtlingsströme schon früher erlebt, ob Portugiesen oder Vietnamesen, Deutschrussen oder Türken, wir haben längst intensive Erfahrungen  mit Einwanderung, positive wie negative.

Der Autorin ist ein ehrliches, klares, abwägendes, realitätsnahes Buch gelungen, aus dem Flüchtlinge, Helfer und Politikerinnen und Politiker ihre Schlüsse ziehen sollten. Erst Recht in bevorstehenden Wahlkämpfen und Auseinandersetzungen mit der AFD. Gut geschrieben ist es sowieso. Keine Lügenpresse, sondern WAHRHEITSPRESSE.

 

Leser Die Deutschen und die Europäer

 

Medien

 

Bayerischer Rundfunk Zündfunk
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/netz-kultur/buch/ann-kathrin-eckardt-ueber-ihr-buch-flucht-und-segen-100.html

 

Süddeutsche Zeitung
http://Www.Sueddeutsche.De/Politik/Fluechtlinge-Wie-Es-Wirklich-Ist-Fluechtlingen-Zu-Helfen-1.2774459

 

Pulverfass NAHOST


Muriel Asseburg und Jan Busse: Der Nahostkonflikt


Unter dem Osmanischen Reich konnten sie noch weitgehend friedlich zusammen leben – Araber und Juden im „Heiligen Land“. Nach dem Ersten Weltkrieg begann die britische Mandatsherrschaft, eine vom Völkerbund legitimierte Art „beschützenden“ Kolonialismus. Der brach mit der verstärkten Einwanderung von Juden nach Palästina auf Grund der zionistischen Bewegung und wegen der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Der entstandene Staat Israel, die von seinem zunächst beanspruchten Gebiet vertriebenen Palästinenser und die seitdem andauernden blutigen Auseinandersetzungen mit diesen und den umgebenden arabischen Staaten fasst man seit 70 Jahren unter dem Begriff „Nahostkonflikt“ zusammen. Dessen Geschichte, die unterschiedlichen Positionen und die scheinbare Ausweglosigkeit versteht kaum mehr jemand. Die Nahostexpertin der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik Muriel Asseburg und der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr München Jan Busse haben jetzt unter dem Titel „Der Nahostkonflikt“  ein schmales Buch veröffentlicht, das wesentlich zum Verständnis dieses Problemknäuels beiträgt.


In einem historischen Teil beschreiben sie die Entwicklung dieses Schlüsselkonflikts im Nahen und Mittleren Osten. Die Etappen wechseln zwischen Kriegen und Verhandlungen, führen zu Besetzungen ehemals palästinensischen Territoriums durch Israel, zu unendlichen Versuchen, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln, zu Friedensverträgen mit einigen Staaten, zu „Intifadas“ und in immer neue Sackgassen. In den beiden Palästinensergebieten Westjordanland und Gaza stehen sich rivalisierende Palästinensergruppen wie Hamas und die PLO gegenseitig im Wege und verhindern seit Jahren aus Angst vor ihrer eigenen Bevölkerung demokratische Wahlen. Es gibt auf ihrer Seite keinen legitimen Verhandlungspartner mehr.


In einem systematischen Teil untersuchen die Autoren die Positionen und Lösungsansätze, die in Jahrzehnten immer wieder neu entwickelt und formuliert wurden, UN-Resolutionen, den sogenannten Oslo-Prozess, die wechselnden Haltungen der unmittelbar Beteiligten und auch der EU, der Sowjetunion bzw. Russlands, bilaterale und multilaterale Verhandlungen. Die Folgen des „Arabischen Frühlings“ stehen zur Diskussion, die Entwicklung Ägyptens oder die neuere Situation im Irak und in Syrien. Regionale Hegemoniebestrebungen Saudi Arabiens und Irans, der Türkei und Ägyptens führen zu unterschiedlichen Annäherungen und Entfremdungen. Hauptthemen des Konflikts bleiben die Millionen palästinensischer Flüchtlinge, das Schicksal der von beiden Seiten beanspruchten „heiligen“ Stadt Jerusalem, der israelische Siedlungsbau im Westjordangebiet und die lebenswichtige Verteilung von Wasser.


Die Optionen zur Lösung des Konflikts bewegen sich zwischen einer Zweistaatenregelung und einer Weiterentwicklung der de facto bestehenden Ein-Staaten-Realität, die durch die politische, militärische und wirtschaftliche Dominanz Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten die Wirklichkeit beherrscht. Modelle eines binationalen Staates und einer Konföderation zweier Staaten haben nach Auffassung der Autoren nur geringe Chancen auf Verwirklichung. Sie schätzen die Situation gegenwärtig als ausweglos ein, nicht nur weil die unmittelbar Beteiligten Regierungen kein Interesse an einer Lösung haben sondern vor allem, weil sie die Bevölkerungen in Israel und den Palästinensergebieten illusionslos von einem Verhandlungspfad abgewendet haben.


Das Buch zeichnet sich durch seine knappe und klare Darstellung aus. Die Autoren vermeiden jede Parteinahme aber auch wohltuend die üblichen Anleihen an eine „correctness“, die den völkerrechtlichen Grundlagen und der humanitären Situation nicht gerecht würden. Das Buch ist zum Verständnis der komplizierten Zusammenhänge unerlässlich und trotz des knappen Formats hinreichend detailliert. Eine Zeittafel, eine Tabelle über die demografische Entwicklung, Karten und eine Auswahlbibliografie ergänzen das ausgezeichnete Buch zu einem Nachschlagewerk im Westentaschenformat.


Harald Loch


Muriel Asseburg und Jan Busse: Der Nahostkonflikt  Geschichte, Positionen, Perspektiven
Beck Wissen, München 2016   128 Seiten, Karten   8,95 Euro

 

Putins verdeckter Krieg

Titel Boris Reitschuster Putins verdeckter Krieg. Wie Moskau den Westen destabilisiert ECON

 

Autor Boris Reitschuster ist geborener Augsburger und gelernter Russe. Nach dem Abitur zog er mit zwei Koffern nach Moskau und schlug sich als Deutschlehrer und Dolmetscher durch. Von 1999 bis 2015 leitete er das Moskauer Büro des Focus; heute lebt er als Publizist in Berlin. 2008 wurde er mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet. 
Seine hochgelobten politischen Sachbücher Putins Demokratur (2006/2014) und die Medwedew-Biographie Der neue Herr im Kreml? (2008) erschienen bei Econ. (Verlagsfinfo) 
 
Inhalt Putins Strategien den Westen zu schwächen und Russland zu stärken
 
Gestaltung Sachbuch, Vorwort, 19 Kapitel, Dank, Literaturempfehlungen, Anmerkungen
 
Cover Senkrecht gestellte Überschriften in den russischen Farben weiß, blau und rot
 
Zitat „Putin greift tief in die Giftkiste des Stalinismus und des KGB“.

 

Meinung Es ist ein Krieg, der nicht einmal Waffen braucht, die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischen, nicht militärische Mittel gewinnen an Einfluss, das ist die neue Militärdoktrin Russlands. „Lieber hätte ich ein anderes Buch geschrieben“, schreibt der Putinkritiker Boris Reitschuster, der den Fernsehjournalisten Hanns-Joachim Friedrichs zitiert, ein Journalist dürfe sich nicht mit einer Sache gemein machen. Gilt das im Unrechtsstaat auch? Macht der Journalist sich nicht dann zum nützlichen Idioten, wenn er schweigt. Reitschuster will nicht schweigen, will offen legen, Fakten bieten, aus denen Analysen erwachsen. Sein Ziel, der Westen möge seine eigene gefährliche Schwäche erkennen. 

 

Putin ist kein Ideologe wie Stalin. Der Kritiker Kasparow bringt es auf den Punkt, Putin will regieren wie Stalin – eben hart – aber leben wie Abrabamowitsch, will heißen wie im kapitalistischen Paradies. „Putins einzige Ideologie ist der Machterhalt.“

 

Der geheime, hybride Krieg heißt konkret: Informationskampf und Spezialoperationen,  verdeckte Aktionen der Geheimdienste und Sondereinsatzkommandos. Die Strategie: den Gegner spalten, unterwandern, korrumpieren, zersetzen. Den Gegner in die Irre führen, verwirren, im falschen Glauben lassen, Lügen, Desinformation und Einschüchterung nützen

 

Der Haupterfolg Putins sei - so Reitschuster - der Westen merke es gar nicht, dass er angegriffen und an der Nase herumgeführt werde. 
Putins Angst vor Revolution im eigenen Land treibt seltsame Blüten: Wegen der orangenen Revolution dürfen Politiker diese Farbe in der Öffentlichkeit nicht tragen, die Vorbeugung gegen solche Volksaufstände sind Hauptziel putinscher Politik. 
Dabei treibt russische Propaganda im eigenen Land die Horror-Visionen über Russland ohne Putin auf die Spitze: Weltuntergang, Hungerwinter, Flucht, Bürgerkrieg, Anarchie, Gottesstaat im Kaukasus, Einmarsch der NATO in Kaliningrad und Invasion der Chinesen im Osten. Verschwörungstheorien und Antiamerikanismus verbreiten sich so in den russischen Medien. Reitschuster entlarvt: Der Staat ist die organisierte Kriminalität.

 

Er weist auch nach, dass der Einsatz von russischem Militär auf den Krim eine Invasion war.

 

Schröder sei der Lobbyist des Kreml, ja sein Einflussagent, behaupten russische Kritiker. Reitschuster wirft viele Fragen auf über Hintergründe im Petersburger Dialog, welche deutschen Medien gebremst werden die Wahrheit über Putin zu berichten. Reitschuster nennt das „Lückenpresse“. Und er bietet weitere, viele einzelne Informationen, zum Beispiel: War der Hackerangriff auf den Bundestag im russischen Auftrag geschehen?

 

Im Internet sind Trolle unterwegs, die den Meinungsbildungsprozess beeinflussen wollen. Der Auftrag lautet: das Verbreiten positiver Meldungen über Russland und negativer Informationen über Russlands Feinde sowie die Beeinflussung der öffentlichen Meinung.
Der Kreml beauftragt PR-Agenturen, russische Kampftruppen werden in Deutschland ausgebildet. Putin will zurück zu alter sowjetischer Macht, er tut alles, um Europa zu schwächen, testet die Widerstandsfähigkeit seiner Nachbarn mahnt Bernard Henri Levy. 
Reitschuster benennt auch Kontakte Putins zu rechtspopulistischen Parteien. Was tun? Der Westen muss sich seiner Grundwerte wieder klarwerden. Deutschland muss seine Freiheit verteidigen, meint der Autor. 

 

Reitschuster hat wieder ein faktenreiches, sauber recherchiertes Buch vorgelegt, das den Putinverstehern so gar nicht in den Kram passen wird. Es liest sich wie ein John le Carré-Roman spannend von der ersten bis zur letzten Zeile, ein aufklärerisches mutiges und ehrliches Buch, das viel Beachtung verdient. 
 
Leser Putinkritiker, Putinversteher, Gerhard Schröder und Angela Merkel, Politiker und Parlamentarier

Flüchtlingstreck auf der Balkanroute

 

Titel Navid Kermani Einbruch in die Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa. Mit dem Magnum Fotografen Moises Saman CHBeck

 

Autor Navid Kermani lebt als freier Schriftsteller in Köln. Für seine Romane, Essays und Reportagen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach- Preis sowie den

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2015).

 

Moises Saman ist Mitglied der Fotoagentur Magnum. Der wurde unter anderem für seine Fotios aus Krisen- und Kriegsgebieten mit dem World Press Photo award ausgezeichnet

 

Inhalt Reisereportage entlang der Fluchtrouten

 

Gestaltung Taschenbuch, 96 Seiten, 12 Fotografien, eine Karte

 

Cover Flüchtling  mit Kind rettet sich an den Strand

 

Zitat „Man muss sein Herz schon gewaltig zugeschnürt haben, um sich eines Kindes nicht zu erbarmen.“

 

Meinung Dieses Buch gehört auf den Nachtisch eines jeden Deutschen. Es könnte zwar sein, dass er dann Einschlafprobleme hat, aber später kann er dann wenigstens nicht mehr behaupten: Das habe ich nicht gewusst. Es gehört auch auf die Schreibtische aller Europapolitiker und deren Bürokratie in Brüssel zur Vorbereitung jedweder künftiger Gipfel und Freiexemplare möge der Verlag bitte an Horst Seehofer, Andreas Scheuer, Viktor Orbán und das gesamte österreichische Kabinett schicken.

 

Navid Kermani ist ein hautnahes, eindringliches, packendes, einfühlsames Reportagebuch gelungen, und die dazu passenden Fotos sind nicht minder ergreifend und lassen nicht mehr los. Kermani ist an den „hot spots“ präsent, er schildert szenengenau, was sich abspielt, welche Schicksale auf „Volkerwanderschaft“ sind, wer als Profiteur unterwegs ist, wo Geschäfte gemacht werden, wo Hoffnung und Hoffnungslosigkeit sich treffen.

 

Kermani geißelt die „systematische Herabwürdigung der Flüchtlinge und überhaupt alles Fremden im politischen und medialen Diskurs.“ Er begleitet die Flüchtlingstrecks, versteht, wenn Arbeitslose stöhnen, wenn noch mehr Mittellose zu versorgen sind. Kermani zeigt auf, dass Angela Merkel gar keine andere Wahl hatte, was wäre mit den Tausenden Verzweifelten auf den Autobahnen geschehen...“mit welchen Gewaltmitteln hätte man sie an der Grenze aufgehalten.“

 

Die Flüchtlinge sind der Einbruch der Wirklichkeit in unser sattes, warmes Bewusstsein, das nicht wahrhaben will, dass Fassbomben auf Menschen niedergehen, Flüchtlinge Gekreuzigten begegnen, Folter an der Tagesordnung ist, Assad und der IS-Krieg an den östlichen Grenzen unseres Wohlstandsghettos führen.

 

Die Asylpolitik fördert geradezu die illegale Einreise. „Wir müssen lernen, wie Jesus übers Wasser zu gehen“, sagt ein Familienvater sarkastisch, der am Strand darüber nachdenkt wieder zurückzukehren. Schwimmwesten und Schlauchboote haben Konjunktur in beiden Richtungen und die rechten „Rattenfänger“ in alle Richtungen sowieso.

 

Leser Alle Deutschen

 

Pressestimmen "Stärkt die Immunabwehr des Lesers gegen oberflächliche Ansichten und vorschnelles Urteilen." Oliver von Hove, Wiener Zeitung,1. März 2016

 

"Erweist sich einmal öfter als brillanter Reporter." Mia Eidlhuber, Der Standard, 27. Februar 2016

 

"Berührend, spannend und wichtig." Morgenpost, 14. Februar 2016

"Meisterhaft." Joachim Frank, Frankfurter Rundschau, 12. Februar 2016

 

 "Ein Ereignis.“ Holger Heimann, Stuttgarter Zeitung, 3. Februar 2016

 

"Ein Vademecum gegen die AfD, Pegida, NPD und tutti quanti.“ Sonnenseite, 30. Januar 2016

 

"Wertvolle Lektüre.“ Detlef Rüsch, Amazon, 26. Januar 2016

 

"Ein hoffnungsvolles Glaubensbekenntnis für die Zukunft Europas." Anne-Sophie Scholl, Berner Zeitung, 21. Januar 2016

 

"Ein Antidot zu den gegenwärtigen Aufgeregtheiten." Marko Martin, Deutschlandradio Kultur, 25. Januar 2016

 

"Konkret, unaufgeregt, ganz nah an den Menschen." Deutschlandradio Kultur, 22. Januar 2016

 

"Exzellenter Reporter." Holger Heimann, SWR2, 21. Januar 2016

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Ukrainische Lektionen von Karl Schlögel

Titel Karl Schlögel Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen Hanser

 

Autor Karl Schlögel, Jahrgang 1948, hat an der Freien Universität Berlin, in Moskau und Sankt Petersburg Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Bis 2013 lehrte er als Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Bei Hanser erschien zuletzt: Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent (2013).

 

Gestaltung Hardcover, nach der Einleitung reflektorisches Kapitel über seine eigene Position zum Thema, zwei Kapitel über Russland und Ukraine, acht weitere Kapitel über Städte in der Ukraine, die teilweise schon vorher erschienen sind, Fazit, Danksagung und Literaturhinweise, vor den jeweiligen Kapiteln unterhalb der Überschriften einleitende Hinweise auf den Kapitelinhalt.

 

Cover Foto von Demonstranten auf dem Majdan in Kiew

 

Zitat „Die Annexion der Krim war für mich wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel.“

 

Meinung  Schlögel bezieht sich als Historiker und erwiesener Russlandkenner auf sein langjähriges wissenschaftliches, schriftstellerisches und erfahrungsmäßiges FRAMEWORK und stellt dabei fest: von der Krim als Topos des russischen Leidens, habe er vorher nie etwas gehört und er zweifelt dabei zugleich  seinen eigenen Erkenntnisstand an, der die Ukraine bisher ebenso weitgehend ausblendete wie die westliche Öffentlichkeit es ebenso tat.

Die Aggression Putins stellt für Schlögel die deutsch-russischen Beziehungen radikal in Frage.  Schlögel stellt persönliche  Enttäuschungen und Kränkungen in den Raum, da spricht eine verletzte Seele über ihr Inneres, während er das Äußere  als Putins „Sackgasse“ darstellt, die er mit einem vom Zaun gebrochenen Krieg eingeschlagen hätte, die jedoch einen anderen Weg freimache, aufs Neue über Russland nachzudenken.

 

Schlögel fühlt sich quasi zwischen Gewissheiten in der bisherigen Erkenntnis einerseits  und Fassungslosigkeiten über die eingetretene Realität andererseits.

 

Statt nur westwärts denkend, begreift Schlögel auch den russischen Raum als große weite Welt und er weist mit Recht darauf hin, dass jenseits der aktiven Ostpolitiker als Handelnde in früheren Zeiten auch die Zivilgesellschaft bereits die Moskauer Küche als Ort des Palavers über Politik entdeckt hatte und  es Beziehungen durch den eisernen Vorhang immer schon gab, auch außerhalb der politisch-diplomatischen offiziellen Beziehungen.

 

Der Historiker schildert zunächst Putins Krisendeutung, der Westen trage die Schuld an der Ukraine-Krise, Russland sei das Opfer einer aggressiven Politik der NATO und des Westens überhaupt. Schlögels soziologisch-historisch und städtepolitisch bzw. geostrategisch bestimmte Analyse kommt zu dem Ergebnis: Die Eliten haben sich in Russland das Volkseigentum unter den Nagel gerissen, die Modernisierung Russlands im gesamten Land  blieb aus: "In einer kleinen, chirurgisch präzisen Aktion die Krim zu besetzen, erwies sich als einfacher, als die Autobahn zwischen Moskau und Sankt Petersburg fertigzustellen." Der Autor spricht von Stabilisierung des Landes ohne Modernisierung, und das hieß konkret: Gleichschaltung, Machtvertikale, zügellose Kleptokratie mit der Umverteilung des Eigentums nach oben, ohne Partizipation, ohne Rechtssicherheit. Die Ukraine-Krise hat eine Regierung herbeigeführt, die der säkularen Modernisierungsaufgabe nicht gewachsen war. 

 

Angesichts des „information war“ sieht Schlögel Europa in der Hinterhand.  Die politische Klasse entdeckt die Formel „Kalter Krieg“ neu und muss feststellen, dass geostrategische Überlegungen neue Nahrung finden mit einer gewissen Explosivkraft für die Friedenskonzepte in Europa. Das Nachkriegsdeutschland hatte die Ukraine allenfalls als Kornkammer der ehemaligen Sowjetunion wahrgenommen. Die Tatsache, dass im II. Weltkrieg jeder sechste Bürger auf ukrainischem Territorium sein Leben verlor, ebenso 2,5 Millionen seiner jüdischen Mitbürger, war im öffentlichen und im Geschichtsbewusstsein verdrängt. Karl Schlögel spricht von der „Abwesenheit der Ukraine auf der mental map der Europäer oder des Westens überhaupt.“.                             

Schlögel zeigt auf, welche Sprengkraft die ethno-nationale Argumentation Putins in sich trägt.

                                                                                
Er stellt sich die Frage, ist die Ukraine-Krise und die Rückkehr zum Gewaltkonzept ein Nachhall auf den Kalten Krieg, eine Rückkehr zu demselben oder eine Art Vorkriegszeit?

 

Bisher waren Grenz-Verschiebungen im Europa der heutigen Zeit bis gestern tabu, der neuerliche „Regelverstoß“ jedoch könnte die ganze internationale Ordnung wieder umstoßen. „Das Umstoßen von Regeln zerbrach eine ganze Welt, die auf Verhandlung, Diplomatie, eine Kultur des Diskurses begründet war.“ Die Destabilisierungstendenzen könnten Europa als Ganzes erfassen, oder haben es bereits schon getan.

Schlögel fürchtet zudem die fundamentalistische Orthodoxie und das autoritäre Regime könnten einen Sog auf orientierungslose Jugendliche ausüben. Schlögel erkennt in Putin den „failing man“, denn es ist die Zerstörung russischer Institutionen festzustellen und alle Macht ist auf eine Person zusammengeschrumpft.

 

Nach dem Russland-Ukraine-Teil des Buches geht der Autor reise-soziologisch und kulturell orientiert in die Landesteile der Ukraine und stellt deren Städte vor. Er zeigt das Laboratorium KIEW (Sie pulsiert, sie vibriert, sie fiebert), ODESSA, (Wer Handel treibt schießt nicht, oder es ist besser an den Strand zu gehen als in den Krieg zu ziehen) JALTA, (Für das russische Militärpersonal ist die Schwarzmeerküste der ideale Alterssitz) CHARKIW (Charkiw scheint im Sommer 2014 weit entfernt von Raketenbeschuss, Häuserkampf und zerstörter Infrastruktur), DNIPROPETROWSK (Mehr als jede andere Stadt ist sie ... zum Zentrum der Selbstverteidigung der Ukraine geworden)  DONEZK (Donezk sieht aus wie ein Mensch, der tödlich getroffen ist, aber noch nicht weiß, dass er bald sterben wird) CZERNOWITZ (Wie hilflos sind die Bemühungen, nun der Stadt etwas von ihrem Glanz und ihrem Gesicht zurückzugeben), LEMBERG (Wer nach Lwow  fährt, fährt in eine sowjetische Großstadt und nicht in eine habsburgische Fata Morgana).

Wir erleben während des Lesens immer wieder die selbstreflektorische und selbstkritische Position des Historikers, der eine „Abstandsfrist“ erkennt, eine Art Hemmung, die Lage zu erkennen, eine merkwürdige Analyse-Lähmung, der „gewalttätigen Wirklichkeit der Welt entwöhnt.“

Schlögels Sprache fesselt, fasziniert, zieht hinein in die Situationen, Städte, Analysen und ersten allgemeinen Verunsicherungen. Ein Beispiel, er nennt den Scharfschützen einen „Feinmechaniker des Todes“.

 

Wir begegnen in dem Buch den Regionen und Städten der Ukraine weniger den aktuell handelnden Politkern. Die heutigen schnellen Ereignisse und Berichterstattungen darüber zwingen auch dem Historiker einen anderen Zeit-Analyse-und Erzähl-Rhythmus auf.

Schlögels Buch ist eine  bekennende Analyse, von West-Werten untermauert, Schlögel  verlässt das objektivierende Terrain des Nur-Historikers, er erweist sich als Stadtsoziologe, als Geo- und Kulturpolitiker und zugleich als Westorientierter bzw. Ostenttäuschter. Das ist eine Art Katharsis als Russlandexperte, ein existentieller Schock, der das eigene Lebenswerk in Frage stellt. Aber er sieht sich in der Reihe auch anderer Historiker, sie „haben keine Rezepte für die Lösung der aktuellen Probleme, aber ihnen ist der Lauf der Dinge in der Gegenwart nicht gleichgültig.“

 

Schlögel diagnostiziert als Historiker - von den aktuellen Entwicklungen verunsichert - den ERNSTFALL, er fühlt eine tiefe metaphysische Kränkung, dass sich die Geschichte nicht so entwickelt hat, wie erwartet worden ist, eigene Vorhersagen wurden zu Irrtümern, Lebensplanungen sind durcheinandergebracht, für ihn meldet sich das UNHEIMLICHE zurück. Eine faszinierende Analyse mit Selbstzweifeln und Lektion für uns alle.

 

Leser Russland-Versteher und Russland-Kritiker sowie Ukraine-Ahnungslose

Russland-Reflex reflektieren

Titel Irina Scherbakowa/Karl Schlögel RUSSLAND REFLEX. Einsichten in eine Beziehungskrise edition Körber Stiftung

 

Autor Karl Schlögel, geboren 1948, hat an der FU Berlin, in Moskau und St. Petersburg Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Er war Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Schlögel ist Autor und Herausgeber u.a. der Bücher: "Moskau lesen. Die Stadt als Buch"; "Das Wunder von Nishnij oder die Rückkehr der Städte"; "Der Große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917-1941"; "GO EAST oder die zweite Entdeckung des Ostens".

 

Die promovierte Germanistin, Historikerin, Publizistin und Übersetzerin Irina Scherbakowa (Jg. 1949) lehrt am Zentrum für Erzählte Geschichte und visuelle Anthropologie der Moskauer Afanassjew-Universität. Für ihren Film »Alexander Men. Treibjagd auf das Sonnenlicht« (WDR 1993) wurde sie 1994 mit dem Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Seit 1999 gehört sie dem Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar an.

Irina Scherbakowa ist Koordinatorin des russischen Geschichtswettbewerbs für Jugendliche, der von der Menschenrechtsgesellschaft MEMORIAL seit 1999 jährlich ausgerichtet wird. Als Nichtregierungsorganisation setzt sich MEMORIAL für die Aufklärung der sowjetischen Repression und den Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland ein. MEMORIAL ist Mitglied des europäischen Geschichtsnetzwerks EUSTORY der Körber-Stiftung.  2005 wurde Irina Scherbakowa mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet; 2014 erhielt sie den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik.

 

Gestaltung Hardcover, Vorwort, drei Kapitel, ausgewählte Literatur, 142 Seiten

 

Cover Moskau-Silhouette

 

Zitat: „Es hat immer einen großen Zauber der russischen Kultur gegeben.“

 

Meinung  Dieses Buch ist eine Momentaufnahme, die Beziehungskrise Russland-Deutschland wird auf den Prüfstand gestellt und die beiden Autoren analysieren wie zwei erfahrene „Eheberater“, woran es in dem Verhältnis hapert. Gewalt „in der Ehe“, falsche Treueschwüre, Seitensprünge, Klischees, irritierende Verhaltensmuster, Irrtümer, Vergangenheitsbewältigung, nicht erfüllte Sehnsüchte haben die Beziehung eingetrübt. Steht man nun vor der Scheidung oder soll man es nochmals miteinander versuchen. Das Buch ist ein dichtes Gesprächs-Protokoll eindringlicher Art, das dem Laien aber auch dem Russland-Fachmann die Augen öffnet.

Schlögel, der vom Mao- nicht dem Marx-Virus der 68er Jahre infiziert war, bekennt im Blick zurück auf die eigene Vergangenheit: Autoritätsgläubigkeit, der Glaube an Ideen und Ideologien, Wirklichkeitsverweigerung und Selbstermächtigungsphantasien verblendeten den Blick auf Realitäten. Sich in Dissidentenkreisen zu bewegen hieß, zu wissen, wie Flugblätter produziert werden, wie verbotene Literatur geschmuggelt wird und Bücher zu vervielfältigen waren.

 

Und die Lage heute: Schlögel misstraut dem Analysebegriff Transformation: “Das Stichwort wirkt wie eine Art Selbstberuhigung.“ Selbstkritisch fügt er jedoch hinzu, als die russischen Sturmtrupps auf der Krim und im Donbass einfielen, analytisch nicht auf der Höhe der Zeit gewesen zu sein. Völlig richtig kritisiert Schlögel das deutsche Fernseh-Expertenwesen zu Griechenland, zu Flüchtlingswellen, das so lange herumschwadroniert, bis alles wieder seinen geordneten Platz in einer geordneten Welt gefunden und seinen Schrecken verloren hat.

Die Russlandkenner und -versteher kritisiert Schlögel als „Veteranen“-Analytiker, die in Talkshows ihre Erfahrungen von gestern austauschen.

 

Irina Scherbakowa beharrt auf ihrem eigenen geschichtsanalytischen Ansatz, man kann das aktuelle Geschehen in Russland nicht bewerten, wenn man die Veränderung des Geschichtsbildes und der Propaganda nicht einordnen kann, gerade würde die Geschichte Russlands wieder einmal missbraucht.

 

Mit der Annexion der Krim hat für Scherbakowa  die sehr lange Epoche der Aufklärung ein vorläufiges Ende gefunden. Sie weist auf die vielen Schichten der Gesellschaft hin, die zu den Verlierern der Geschichte gehören, in einer Zeit, in der Bildung und Wissenschaft ihren Sinn verloren haben, eine Zeit in der alle käuflich zu sein schien.

Schlögel mahnt, nicht immer aus russischer Perspektive auf die Ukraine zu schauen. Skeptisch sieht Schlögel die Rolle der Diplomatie, die eine Lösung der aktuellen Krise nicht allein herbeiführen könne, es komme auf die Selbstverteidigungsbereitschaft der Nation an und sie müsse auch der Demagogie nationalistischer Führer widerstehen.

Schlögel spricht von der totalen Erschöpfung des Landes, Scherbakowa von der “Kehrtwende in der Demokratisierung“ und von der „Käuflichkeit“ Europas.

 

Beide analysieren und interpretieren Klischees und Stereotype: Schlögels Fazit: “In meinen Augen ist Putin ein gefährlicher Mann, er hat alles aufs Spiel gesetzt und kaputt gemacht, was in den letzten Jahren passiert ist, um aus den alten Klischees und Vorurteilen herauszukommen.“

 

Der friedensverwöhnten westlichen Gesellschaft wurde ein Schlag versetzt, man müsse sich auf alle Fälle auf die Fortsetzung der Aggression einstellen.

 

Schlögel fordert ein „waches Gegenwartsbewusstsein, das die Pfade der eingespielten Rhetorik hinter sich lässt“, man müsse sich eingestehen, dass es in Europa wieder Krieg gibt:“ Man muss sich eingestehen, dass sich Konflikte nicht immer im Gespräch beenden lassen.“

 

Das blaue Sofa

 

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2493884/Die-blaue-Stunde:-Thema-Russland