Sachbücher

 

Neuerscheinungen auf dem Sachbuchmarkt

Der alltägliche Rassismus in Deutschland

Meinung


Es ist eine sehr persönliche, eindringliche, alltägliche Geschichte über den Rassismus in unserem Land, der mitten aus der Gesellschaft kommt und es selbst nicht wahrhaben will, dass sein Gebaren rassistisch ist. Ist doch normal, dass man einem schwarzen Kind über die Kräuselhaare streicht und fragt, ja wo kommst denn Du her? Als erwachsene Frau hat Alice Hasters ähnliche Erlebnisse, denn sie hat einen weißen und einen schwarzen Elternteil. Schon im Kindesalter machte sie solche Erfahrungen, wenn Menschen ihr ins wuschelige Haar gegriffen haben und neugierig nach ihrer Herkunft fragten.


Auf die Frage: Wer bist Du? Woher kommst Du? Was machst Du? antwortete die Autorin auf der Internetplattform POSITIV/NEGATIV die Frage so: „Ich bin Alice Haruko Hasters. Ich wurde 1989 in Köln geboren, und wenn die Leute fragen, wo ich herkomme, dann sage ich, woher meine Eltern kommen. Mein Vater ist zusammengefasst Deutscher und meine Mutter ist zusammengefasst, was man unter den Begriff Afro-Amerikanisch fassen würde. Meine Mama hat indianisch/karibische und mein Vater holländische Einflüsse. Zurzeit studiere ich Sport und werde ab Oktober Journalismus studieren.“ Immer wieder muss sie die Herkunftsfrage vorbeten. 


Die Hauptthese ihres Buches lautet: „Wir sprechen falsch über Rassismus.“ Es gehe in der heutigen Diskussion alleine darum, was man in der öffentlichen Diskussion politisch korrekt noch sagen dürfe und was nicht. 


Sie macht transparent, was es im Alltag für schlimme Erlebnisse, irritierende Gefühle, maßlose Enttäuschungen, heftige Boshaftigkeiten gibt, und wie ein schwarzer Mensch darauf reagiert. 
Ihre Behauptung: Rassismus steckt überall in der Gesellschaft. 
In fünf Kapiteln deklariert die junge Journalistin an Beispielen durch, was Rassismus im Alltag, in der Schule, in der Körperlichkeit in den Liebesbeziehungen und in der Familie bedeutet. Sie zählt nicht nur auf, sie analysiert, sie kommentiert, nie aufdringlich belehrend, nein behutsam, auch fragend, nie allwissend. Ihr Buch ist gut geschrieben, flott zu lesen, ohne jugendlich anbiedernd zu wirken. Es ist aber eher eine beschreibende Studie mit Selbsterfahrungen als eine Politanalyse, wie Rassismus bekämpft werden könnte. 


Das Thema RECHTS wird bewusst ausgeblendet. Rassismus war schon vor der AfD da, sagt sie in einem Interview. Im Buch behandelt sie die Partei also nicht, um den Leser nicht auf falsche Fährten zu locken, ihr geht es rein um Alltagsrassismus. 


Ein Glossar und ein Literaturverzeichnis ergänzen das Buch am Ende.

 
Alice Hasters
wurde 1989 in Köln geboren. Sie studierte Journalismus in München und arbeitet u. a. für die Tagesschau und den rbb. Mit Maxi Häcke spricht sie im monatlichen Podcast Feuer&Brot über Feminismus und Popkultur. Alice Hasters lebt in Berlin.

 

Alice Hasters Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten hanserblau

Was wir alle lesen sollten - ein neuer Kanon

 

 

Die Deutschen tun sich schwer mit dem Leichten. Was unterhaltsam daher kommt, in den Medien, in den Büchern, in der Wissenschaft, wird nicht ernst genommen. Denis Scheck, der schon im Fernsehen den Buchclown gibt, geht auch in Schecks KANON DIE 100 WICHTIGSTEN WERKE DER WELTLITERATUR. VON KRIEG UND FRIEDEN BIS TIM UND STRUPPI mit der Humormethode vor. Das heißt mit einem Augenzwinkern und Infragestellen klassischer Kanon-Methoden. Er wirft einen anderen, alternativen und nicht immer ernsten Blick auf die Literatur. Das ist unterhaltsam und darf nicht mit ernster Elle gemessen werden. Darauf muss man sich einlassen.

 

Scheck bezieht zum Beispiel Comics mit ein, na gut, soll er. Ich kann mit solchen Büchern wenig bis gar nichts anfangen.

 

Es ist aber völlig in Ordnung, geradezu wichtig, heutzutage einen neueren, moderneren, alternativen Blick auf die Literatur zu werfen und sich von manchen verstaubten Sichtweisen zu trennen.

Außerdem hat der Altmeister der Kritik, Marcel Reich-Ranicki, ja selbst einen umfänglichen Klassiker-Kanon vorgelegt, der allerdings nur die deutsche und die deutschsprachige Literatur einordnet.

 

So nennt Dennis Scheck es ein „frivoles Unternehmen“, dieses Empfehlungsbuch vorzulegen, weil natürlich schon durch die Auswahl der 100 das Weglassen von Büchern und Autoren als Unterfangen angreifbar wird.

 

Schecks Begründung, warum wir lesen, ist mir etwas hochgestochen gegriffen: „Lesen heißt genau wie Singen und Tanzen, unsere Todesangst zu bannen.“

 

Viel profaner sind nur einige Begründungen an dieser Stelle von mir: Ich selbst muss zum Beispiel die Fernseh-Langeweile ausgleichen oder Fernweh bekämpfen, oder Träume träumen oder Spannungen auf- oder abbauen, neue Themenfelder entdecken, strittige Thesen aufgreifen, neue Autoren erspüren und so weiter.

 

Auch ein zweiter Satz Schecks ist sehr zugespitzt: „Literatur hat mir das Leben gerettet“, behauptet Dennis Scheck, der zuweilen eben etwas forsch formuliert.

 

„Jeder Kanon ist zudem politisch“, behauptet Scheck, nun, er kann es sein, muss es aber nicht.

 

Jubelnd zustimmen würde ich seiner These: „Ich kann dieses Gejammer rund ums Buch nicht mehr hören, dieses kleinmütige Miserere auf dem Grundton Seufz, die bekannte große deutsche Fuge in Ach.“ Es sind solche Formulierungskünste, die in den Texten immer wieder aufblinken und das Buch zum reinen Lesevergnügen machen, auch wenn man einzelnen Behauptungen Schecks nicht immer zustimmen kann.

Das soll es ja auch sein, beim Leser auch Zweifel wecken, Zustimmungen oder Widersprüche hervor zu rufen.

 

Seine Buchauswahl ist legitim, manchmal vom Seitenblick geführt, da kommen dann Empfehlungen überraschend daher, aber warum nicht?

Sie reichen von Astrid Lindgrens „Herr Karlsson vom Dach“ bis zu Beckett „Warten auf Godot“, von Houellebecq „Karte und Gebiet“ bis Herta Müller „Atemschaukel“ von Tolstoi „Krieg und Frieden bis J. K. Rowling „Harry Potter“.

 

Also: Lesen Sie „Schecks Kanon“, verschenken Sie den Kanon und lesen Sie die Bücher, die im Kanon empfohlen werden! Auch wenn Scheck manchmal mit Kanon (en) auf Spatzen schießt: Ja, und was ist ein Kanon? Wikipedia sagt: „Ein Kanon der Literatur (gr.: Kanon Regel, Maßstab, Richtschnur) ist eine Zusammenstellung derjenigen Werke, denen in der Literatur ein heraus gehobener Wert bzw. eine wesentliche, normsetzende und zeitüberdauernde Stellung zugeschrieben wird.“

Weitere Informationen und Definitionen unter anderem in:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Kanon_der_Literatur

 

http://literaturen.net/was-ist-ein-literarischer-kanon-kanonisierung-kanonbildung-383

 

https://www.dieterwunderlich.de/Reich_Ranicki_kanon.htm

 

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/10/Literarische_Wertung.pdf

 

http://literaturen.net/was-ist-ein-literarischer-kanon-kanonisierung-kanonbildung-383

 

Der Autor Denis Scheck, geboren 1964 in Stuttgart, lebt heute in Köln. Bereits im Alter von 13 Jahren gründete er eine eigene literarische Agentur. Als literarischer Übersetzer und Herausgeber engagierte er sich für Autoren wie Michael Chabon, William Gaddis und David Foster Wallace, Antje Strubel und Judith Schalansky. Lange arbeitete er als Literaturkritiker im Radio, heute ist er Moderator der Fernsehsendungen „Lesenswert“ im SWR und „Druckfrisch“ in der ARD.

 

Pressestimmen

 

 

„Überhaupt kommentiert er seine Auswahl so pointiert, selbstironisch und kundig, dass man ihm fast überallhin gern folgt. Drei, vier Seiten räumt er jedem Buch ein. Da finden sich persönliche Anekdoten, biografische Details, auch der Mut zur Lücke. Das ist locker im Stil, aber präzise in der Sache. Als Kanon ist dieses Buch zwar eine Mogelpackung, aber als Anregung zu eigenen Leseabenteuern eine gelungene Handreichung.“ RBB

 

Denis Scheck Schecks Kanon PIPER

Tausend Zeilen Lügen - Das System Relotius

Eine SPIEGEL-Story hatte schon immer den besonderen Touch, dass Überschriften, Einleitungssätze, Situationen, Örtlichkeiten, Abläufe, Begebenheiten, Aussagen so farbig geschildert wurden, dass beim Leser der intensive Eindruck entstand: Der Reporter war nicht nur dabei, er war mittendrin – und damit ist der Leser es auch. SPIEGEL-Legende und Gründer Rudolf Augstein legte das Credo dafür fest: SAGEN, WAS IST.
Nun kam mit dem Aufdecken des FAKE-Skandals Relotius auf, dass ein phantasiebegabter Autor Claas Relotius in seinen Geschichten für den SPIEGEL es nicht nur mit der Phantasie, sondern auch bei seinem Umgang es mit den Fakten übertrieben hat: Ein Fälschungsskandal, der das Politorgan SPIEGEL in seinen Grundfesten erschütterte. 


Inzwischen hat sich auch Relotius über seinen Anwalt mit Gegenreaktionen gerührt und dem Aufdecker und Kollegen Juan Moreno Ungenauigkeiten in seinem Buch TAUSEND ZEILEN LÜGE. DAS SYTEM RELOTIUS UND DER DEUTSCHE JOURNALISMUS ROWOHLT BERLIN vorgeworfen. 


Medienexperten haben sich in der Öffentlichkeit jedoch weitgehend darauf verständigt, dass es hier nur um ein Ablenkungsmanöver geht, wenngleich Relotius wiederum in der ZEIT versprach, für alle Aufklärung in seinem Fall zur Verfügung zu stehen. Gerichte werden das wohl entscheiden oder es wird ein Deal vereinbart, der Gras über die Sache wachsen lässt. 


Relotius hatte für den SPIEGEL Reportagen und Interviews von außen zugeliefert und damit zugleich wohl die begründete Hoffnung verbunden, im Medienhaus SPIEGEL in Hamburg die Karriereleiter hochzusteigen und auch seine Chefs im Gesellschaftsressort SPIEGEL wollten künftig in der Chefredakteursklasse spielen. 


Relotius‘ Stories hatten etwas Besonderes, sie passten in die NEUE JOURNALISMUS ZEIT der Interpretationen, der gefühlten Wahrheiten, der zugespitzten Phantasien, eine Zeit, in der Fakten und die Suche danach etwas aus der Mode gekommen waren, auch aus finanziellen Gründen, denn Recherche kostet nun mal viel. 


Juan Moreno, der mit Relotius gemeinsam an einer „Geschichte“ arbeiten sollte, deckte am Anfang Unregelmäßigkeiten und später Fälschungen in großem Stil und bei vielen Stories auf - in diesen so schön geschriebenen und perfekt aufgemachten Geschichten, die häufig Journalisten- Preise der ersten Garnitur einheimsten. 


Die Fälschungen blieben jahrelang unentdeckt, was nicht gerade ein sauberes Licht auf die Branche wirft und sicher noch Nachwirkungen zeitigen wird. Nicht nur dass die Chefetage des SPIEGEL umsortiert wurde und Relotius seinen Job verlor. Zu lange hatten die Ressortkollegen das Relotius-Spiel in einem abgeschotteten Ressort GESELLSCHAFT befördert. 


Schöner Stoff, schöne Geschichte, gut gestylt, prima abgehangen und dennoch immer Top zur richtigen Zeit angeboten, die Exclusiv-Story schreiberisch aufgeblasen, wobei ja schon der journalistische Terminus „Geschichte“ oder „Story“ etwas klar verdeutlicht, dass es eben bei Reportagen um das gefährliche „Geschichten“- Erzählen geht. Kommt nur darauf an, ob die Stories eben wahr und real sind oder nur der blumigen Vorstellungskraft des Autors entsprungen sind. 


Das Buch Morenos ist eine faktenorientierte Aufarbeitung des Skandals, das in allen kleinklein-Einzelheiten darstellt, wie es zu den umfänglichen Fälschungen gekommen ist. Es ist ein interner Hinter-die-Kulissen-Blick in die Arbeitsweisen von Journalisten, Redakteuren, Medienchefs und Vermarktungsgenies, die sich gerne selber auf die Schulter klopfen und laut tönen, dass sie eben doch die Spitze im deutschen Journalismus sind. 


Nun gibt es im Ergebnis von ihnen verursachte Deformationen am Berufsbild und Kollateralschäden, wie etwa dass rechte Kreise nun erst recht umher laufen können und von Fake-News plärren.
Am Ende hat die Dokumentationsabteilung des SPIEGEL versagt, weil sie bei Auslandsgeschichten zu leichtsinnig war, Journalistenkollegen haben versagt, weil sie ein Edelfeder-Ambiente aufgebaut haben und somit den Humus für Fälschungsgeschichten bereiteten, die zwar schön zu lesen, aber auch ganz schön gefälscht waren. 


Die Wahrheit wurde ermordet, nun stellt sich die Frage der „Bestrafung“. Reporter und Dokumentare verloren ihren Arbeitsplatz, der gute Recherche-Journalismus seinen Ruf, der SPIEGEL hat nun auch seinen Skandal, nachdem der STERN mit seinen Hitler-Tagebüchern schon einen vorgelegt hatte. Renommierte Journalistenpreise haben ihren Ruf verloren, Laudator-Experten ihr Fach-Renommee.


Und bei der Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit und unter Juristen wird jetzt wieder einmal klar, dass die zentralen Fragen schnell zur Seite gerückt werden und der Streit um kleine Kleinigkeiten entbrennt. Warum soll es im Journalismus anders sein als in der Politik, in der die Nebensachen eben auch zur Hauptsache deklariert werden.
Jedenfalls hat Juan Moreno mit seinem Buch eine fleißige Aufarbeitung geleistet, klar natürlich aus seiner Sicht, und was in den Details nicht stimmt, wird wohl erst eine juristische Aufarbeitung klären können. Genug Stoff für den RÜCK-Spiegel. Die Relotius-Story, von ihm selbst geschrieben, wird wohl nie erscheinen, schon aus Zweifel am Wahrheitsgehalt, oder hat er inzwischen eine Schreib-Blockade oder kommt sie irgendwann doch auf den Markt? 


Die Journalismus-Fiktion ist als Fiction-Idee längst auch auf den Arbeitstischen von Filmemachern gelandet. Bully Herbig will die Relotius-Story verfilmen, das ist nur konsequent die nächste Etappe. Der neue Fiction-„Schuh des Manitu“ Moreno. Mal sehen, wie und ob die Wahrheits-Rolle besetzt wird? 

 

Juan Moreno, geboren 1972 in Huércal-Overa (Spanien), arbeitete zunächst für den WDR, dann von 2000 bis 2007 für die «Süddeutsche Zeitung». Seitdem ist er als Reporter für den «Spiegel» in aller Welt unterwegs. Er hat mehrere Bücher verfasst, zuletzt die Biographie «Uli Hoeneß. Alles auf Rot» (2014).

TAGESSCHAU de

 

DOKUMENTATION


Der Journalist Moreno deckte die Täuschungen seines früheren "Spiegel"-Kollegen Relotius auf. Darüber hat er ein Buch geschrieben - und sich nun gegen Vorwürfe von Relotius verteidigt, Unwahrheiten zu verbreiten.

 

Vor rund fünf Wochen erschien das Buch "Tausend Zeilen Lüge" über den Fall des ehemaligen "Spiegel"-Journalisten Claas Relotius. Nun hat sich Autor Juan Moreno gegen Vorwürfe seines Ex-Kollegen, darin Unwahrheiten zu verbreiten, verteidigt. "Ich glaube, ich habe keinen Fehler gemacht", sagte Moreno bei den Medientagen München. Er habe sehr gründlich recherchiert und "nach bestem Wissen und Gewissen" geschrieben. "Ich gehe bis heute davon aus, dass das stimmt."

Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass Relotius gegen das Buch vorgeht. Darin seien "erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen" zu finden, hieß es in einem Schreiben von Relotius' Anwalt Christian Schertz. Er forderte von Moreno und dem Verlag, die "aufgeführten falschen streitgegenständlichen Aussagen" nicht weiter zu behaupten. Konkret geht es in Relotius' Vorwürfen um mehr als 20 Textstellen.

 

Relotius hatte für seine Reportagen zahlreiche Journalisten-Preise erhalten.

 

Ein Déjà-vu

 

In seinem Buch beschreibt Moreno, wie er das Vorgehen seines früheren Kollegen enttarnte. Jahrelang hatte der heute 33-jährige Relotius für seine gefeierten Reportagen Szenen, Ereignisse, ganze Existenzen erfunden - vor allem für den "Spiegel", aber auch für andere Medien. Gegen anfängliche Widerstände innerhalb des "Spiegel" hatte Moreno die Täuschungen im vergangenen Jahr aufgedeckt.

 

Er erlebe derzeit ein Déjà-vu, sagte er nun. "Warum glaubt mir denn niemand? Ich bin doch nicht ein Fälscher wie er." Sein Verlag Rowohlt Berlin und er hätten allerdings schon mit Schritten von Relotius gerechnet. Moreno geht davon aus, dass die Auseinandersetzung mit Relotius juristisch geklärt werden müsse.

 

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Nur Randfragen und Nebenschauplätze?

 

Morenos Verlag hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass ihm eine Unterlassungsforderung des Anwalts zugestellt worden sei. "Darin wird an keiner Stelle bestritten, dass Claas Relotius zahlreiche Reportagen frei erfunden oder gefälscht hat", erklärte eine Sprecherin. "Ebenso wenig werden Morenos Beweise, die zur Überführung von Claas Relotius geführt haben, angezweifelt." Auch die Darstellung und die Ereignisse des im Buch geschilderten Fälschungsskandals würden nicht infrage gestellt.

 

Zu den behaupteten "erheblichen Unwahrheiten und Falschdarstellungen" zähle etwa die Frage, ob die Bürotür von Relotius stets geschlossen war oder nicht. "Unserer Meinung nach handelt es sich um den Versuch, mit Randfragen und Nebenschauplätzen den Reporter Moreno zu diskreditieren", erklärte die Sprecherin. Der Verlag habe den Vorgang seiner Anwältin übergeben.

 

Relotius' Anwalt Schertz wies darauf hin, dass sein Klient 19 Preise und zwei weitere Auszeichnungen erhalten habe und nicht - wie von Moreno geschildert - mehr als 40 Preise. Zudem seien mehrere Sätze, Aussagen oder Schilderungen in dem Buch nicht so gefallen beziehungsweise falsch wiedergegeben.

 

In der "Zeit" meldete sich Relotius selbst zu Wort: "Ich bin mir meiner eigenen großen Schuld heute sehr bewusst und will durch die Auseinandersetzung mit diesem Buch nicht davon ablenken. Ich stelle mich allem, wofür ich verantwortlich bin, aber ich muss keine unwahren Interpretationen und Falschbehauptungen von Juan Moreno hinnehmen."

Ohne ihn persönlich zu kennen oder mit Menschen aus seinem näheren Umfeld gesprochen zu haben, konstruiere Moreno eine "Figur".

 

"Spiegel"-Abschlussbericht

 

"Wir haben Fehler gemacht"

 

Der "Spiegel" hat den Abschlussbericht über die Fälschungen von Claas Relotius veröffentlicht. | mehr

 

Personelle Konsequenzen beim "Spiegel"

 

Im Dezember 2018 war der Betrugsfall aufgedeckt worden. Relotius gab nach internen Nachforschungen Fälschungen zu und verließ das Haus. Der Journalist bestätigte anschließend über seinen Anwalt auch öffentlich, dass er "über mehrere Jahre hinweg vielfach Fakten falsch dargestellt, verfälscht und hinzuerfunden hat".

 

Die Affäre ist einer der größten Skandale im deutschen Nachkriegsjournalismus. Der "Spiegel" hat die Vorgänge unter anderem in einer umfassenden Dokumentation und neuen Arbeitsabläufen aufgearbeitet. Es gab auch personelle Konsequenzen.

 

Echte Liebe BVB

„Aki“ Watzke ist Alpha-Tier, würde man ihn mit Ulli Hoeneß, na sagen wir nicht in eine Zelle, nein, in einen Käfig sperren, man könnte nicht prognostizieren, wer überlebt, sie sind Konkurrenten, sie bleiben Konkurrenten, sie lieben sich nicht. „Für eine Freundschaft zwischen uns wird es nie reichen.“ Watzke liebt den BVB, und das ist echte Liebe. Im Spiel mit Hoeneß ist und bleibt Watzke kampfeslustig, nicht bayern-devot.

 

Der Sportjournalist Michael Horeni, seit 1989 in der Sportredaktion der FAZ, kommt seinem Interviewpartner, den Spielen und der Fußball-Philosophie sehr, sehr nahe. Aber kommen wir zuerst zum Wesentlichen, zum Tore schießen. Fängt man eines, dann ist das Tor, „… ein Stich, ein tiefer Stich“. Gehen wir gemeinsam ins BVB-Stadion, in die Höhle des Löwen, dann wird es lauter als laut: Die Wand „…ein einziger Schrei: kehlig, animalisch“.

 

Horeni hat Politologie, Philosophie und Geschichte studiert, und das merkt man seinem Buch auch an, das nicht an der Oberfläche dahin plappert, sondern ans Eingemachte geht.

 

Watzke ist der BVB, der BVB ist Watzke.

 

Seit dem 3:2-Sieg gegen Bayern, die sechs Jahre lang die Bundesliga als Spitzenmeistermannschaft anführten, ist der BVB wiederbelebt und im Konkurrenzgeschäft mit dem FC Bayern meist auf Augenhöhe, aber eben nicht immer.

 

Watzke ist die Seele des BVB. Während für Horeni die Bayern-Granden „… aus der Zeit gefallen“ sind, braucht Watzke zum Beispiel auch Hinweise, wie „… jüngere Leute die Dinge sehen.“

Horeni montiert Interviewpassagen mit seinem eigenen Text, und er bleibt nicht nur sportlich „im Netz hängen“, er schürft tiefer, wird politisch, diskutiert Wirtschafts-Perspektiven, lotet die Zukunft des Fußballs und der Ligen aus.

 

Watzke ist kein Merkel-Freund, kein Anhänger der Flüchtlingspolitik, hält das für einen „schweren Fehler“. Sein Bekenntnis: „Ich bin immer ein politischer Mensch geblieben. Die CDU ist seine Partei, Watzke ist schon seit 40 Jahren Mitglied. Er wollte Merz als CDU-Vorsitzenden und Merkel-Nachfolger durchsetzen, scheiterte jedoch.

Watzke liebt Rituale, liebe Gewohnheiten, klare Strukturen.

Er ist heimat- und erdverbunden, Ruhrpottler und Sauerländer zugleich. Sein Heimatort Erlinghausen: „Das ist der einzige Ort, an dem ich komplett ich sein kann.“

 

Im Interviewbuch kommt Watzke als Betriebswirtschaftler und Unternehmer zu Wort, wird als Konservativer und seit den 1990ern als Mitglied des BVB zunächst Schatzmeister und später als Boss des Ganzen porträtiert.

 

Kohle, Stahl, Fußball und Bier gehören zusammen, das ist die DNA des Ruhrgebiets. Das Selbstbewusstsein des Reviers wird immer aus der Arbeit mit den Händen bezogen. Das hat Generationen geprägt. Das Ruhrgebiet, die Kumpel hatten das Wirtschaftswunder aufgebaut, später zogen die Wirtschaftskarrieristen an den Arbeitnehmern vorbei, in die schicken Büros der oberen Etagen, der „Pott“ und seine Bewohner abgehängt.

 

Die anderen Städte haben Attraktionen: „Aber Dortmund hat noch nicht mal einen großen Fluss.“  Eben nur den BVB und seine Spieler. Und die “… müssen sich für den BVB zerreißen“. Watzke legt das wirtschaftliche Fundament für den BVB.

„AKI“ & Kloppo, natürlich darf die Beziehungskiste zwischen den beiden nicht fehlen.

 

Den Wechsel nach Liverpool schildert Horeni, als sei ein Ehepartner verlassen worden: “Jetzt lieben ihn die Menschen in Liverpool.“ Watzke lobt Kloppos hohe Suggestivkraft, seine physische Präsenz. Sie konnten sich blind aufeinander verlassen, sagt Watzke.

 

Horeni lässt Spiele Revue passieren, Niederlagen, grandiose Siege, leuchtet die wirtschaftlichen Hintergründe aus, lässt lange Interviewpassagen zu, bei denen Atmosphärisches und Persönliches sehr gut rüberkommen, in Höhen und Tiefen der Erfolgsgeschichte BVB.

Horeni dreht den Spiegel um, lässt Watzke ausführlich über Jürgen Klopp berichten, und dann folgt das Kapitel: Jürgen Klopp über Watzke.

Das Kapitel hat Newswert, denn Kloppo schließt aus, zum BVB Dortmund zurück zu kommen, er will nichts aufwärmen: „Es muss immer etwas Neues kommen.“

 

Das Kapitel Attentat ist sehr spannend, auch wenn Watzke den klassischen Satz sagt: „Was in der Kabine besprochen wird, soll in der Kabine bleiben.“ Es kommt zum Bruch mit Trainer Tuchel über die Frage, ob die Mannschaft unmittelbar nach dem Attentat weiter spielen soll oder nicht.

 

Am Endes des Buches, das übrigens 12 und nicht elf Kapitel hat, beschäftigt Horeni sich mit der Rettung des Fußballs und den Fans.

In der Krise des modernen Fußballs spürt er eine Entfremdung vieler Fans von ihrem „Herzenssport“. Finanzinvestoren haben die Mannschaften gekapert.

 

Horeni lässt jedoch zuerst Watzke mit einem eigenen Kapitel zu Wort kommen: „Fußball in Zeiten des Turbokapitalismus - Eine Zukunftsvision“ von Hans-Joachim Watzke, die in dem allgemeinen Satz gipfelt: „Wir müssen versuchen, den Hunger der jungen Spieler auf den absoluten Erfolg wieder zu fördern und zu stärken. Aber wir müssen ehrlich sein: Das ist leichter gesagt als getan.“ Vorher stehen einige klassische wichtige Kernsätze, die der Leser selbst interpretieren sollte.

Im Fazit-Kapitel fragt Horeni nach den Fehlern Watzkes. Da beißt der Autor eher auf Granit und gerät etwas ins Abseits.  „… Man macht ja immer Fehler“, verteidigt sich Watzke. Ja, wer schießt schon gern ein Eigentor im Fußball?

 

Ein farbiger Bildinnenteil leuchtet die Person Watzkes zusätzlich aus.  

Ein leidenschaftliches, tiefer schürfendes Sportbuch über die schönste Nebensache der Welt. Das zeigt, dass man als Autor und Interviewpartner klüger, leidenschaftlicher und verbal präziser über den Rasensport reden kann, als es die Wort-Plattitüden mancher Spieler vor Fernsehkameras am Platz, von Medienexperten geschult, befürchten lassen.

 

Hans Joachim Watzke/Michael Horeni Echte Liebe. Ein Leben mit dem BVB (C.Bertelsmann)

Vittorio Magnano Lampugnani:           Bedeutsame Belanglosigkeiten

Städte teilen sich nicht nur über ihre Bedeutung und ihre Einwohner, ihre Größe und Geschichte, ihre Ökonomie und je verschiedenes Chaos mit, sondern auch durch die angeblich „kleinen Dinge“. Diese, im Stadtraum mehr oder weniger sinnvoll verteilt, nimmt der vielleicht bedeutendste Stadtwissenschaftler der Gegenwart, Vittorio Magnano Lampugnani in den Blick: „Bedeutsame Belanglosigkeiten“ nennt er sein reich illustriertes Buch. Er beginnt mit Mikroarchitekturen wie dem Kiosk, der öffentlichen Toilette, dem Metroeingang.

 

Es folgen weitere „Belanglosigkeiten“ wie das Denkmal, der Abfallkorb, das Straßenschild oder die Reklame. Er rundet seinen naturgemäß auswählenden tour d’horizont mit Elementen wie dem Schaufenster, dem Bürgersteig oder dem Schachtdeckel ab. Bei jedem dieser über 20 Kurzessays geht der in Italien wie Deutschland, der Schweiz oder Frankreich ebenso flanierende Beobachtungskünstler in die Geschichte der jeweiligen „Kleinigkeit“ zurück, oft auf Römisches, Mittelalterliches oder auch Vorübergehendes. Das kurze Leben der öffentlichen Telefonelle ruft er ebenso lebendig auf wie er die öffentlichen, weil einzigen Abtritte der Römer als Orte des gemeinsamen, unterhaltsamen Absitzens.

 

Bei den Wanderungen durch London, Paris, Wien und Zürich sowie immer wieder Berlin, wo er viel ge- und bewirkt hat, geraten wunderschöne Objekte in seinen Blick und dann in treffend gewählten Fotos ins Buch. Lampugnani behauptet, man könne die Städte auch ohne ihre Wahrzeichen wie Eiffelturm oder Brandenburger Tor auch an ihren „Belanglosigkeiten“ unterscheiden, denen er so liebevolle Aufmerksamkeit widmet und Bedeutsamkeit beimisst. Vielleicht muss man so bereist sein und mit so offenen Augen durch die Stadträume gehen wie er, um diese Wiedererkennung der Städte zu erleben. Auf alle Fälle wird man es nach dem Betrachten seines Buches können. Geistreiche und gebildete Texte erhellen nicht nur die Wichtigkeit dieser „kleinen Dinge im Stadtraum“, sondern geben auch Kostproben einer über diese Dinge hinausgehenden universellen Kultur. Den Essay über den Brunnen beginnt Lampugnani mit einem schönen Zitat: „Jean Giraudoux, Diplomat, Schriftsteller mit Architekturaffinität und Autor des Dramas Undine hat einmal leichthin bemerkt, Zivilisation bedeute hauptsächlich, mit Wasser zu spielen“.

 

Daraus spannt der Autor einen weiten Bogen von einem Trinkwasserbrunnen in Pompeji zu dem 1975 aufgestellten Fasnachtsbrunnen von Jean Tinguely auf dem Basler Theaterplatz. Die Ampelmänner West und das Ampelmännchen Ost stehen nach dem historischen Foto des berühmten Verkehrsturms von Jean Krämer am Potsdamer Platz von 1925 für das Stadtschicksal Berlins. Das frühere Reiterstandbild von Louis XIV auf der heutigen Place Vendôme in Paris kontrastiert mit den inzwischen fast 100 000 Stolpersteinen des Gunter Demnig, die an die ermordeten Juden erinnern – „bedeutsame Belanglosigkeiten“ von ermahnendem Belang.

 

Manche dieser Belanglosigkeiten haben weltweiten Ruhm erlangt. Eine ganze Seite füllen Tür und Hausnummernschild der Downing Street 10 in London. Die kleinen Wurfgeschosse, die keine Argumente waren, sind auf einem Foto von der „Schlacht am Landgericht“ im Jahre 1968 zu sehen, wie sie von Demonstranten in Berlin geworfen wurden. Viel friedlicher sieht der Eingang des Herrenschneidersalons Kniže in Wien aus, den Adolf Loos entwarf. Meist stehen die Namen der Erfinder in den erhellenden Beiträgen. In Paris erließ im Jahre 1883 der Präfekt Eugène Poubelle einen Erlass, der den Mülleimer zur Pflicht jedes städtischen Wohnhauses machte. Seitdem heißt der Mülleimer in Frankreich „Poubelle“. Internationale Nachahmer fand der Berliner Reklameunternehmer Ernst Litfaß mit den nach ihm benannten Säulen, die in Berlin gerade wieder verschwinden, weil ihr zylindrischer Umfang nicht mehr den gängigen große Papierformaten entspricht. An den „Bedeutsamen Belanglosigkeiten“ lassen sich Stadtentwicklung und Zivilisation über die Zeiten verfolgen, manche sind schnelllebiger und andere von Dauer. Lampugnanis Buch wird jedenfalls noch lange erfreuen – so schön zu lesen und anzuschauen es ist.

 

Harald Loch

 

Vittorio Magnano Lampugnani: Bedeutsame Belanglosigkeiten

Kleine Dinge im Stadtraum

Wagenbach, Berlin 2019   188 Seiten   zahlr. s./w. Abb.    30 Euro

In Geistesverfassungen hineindenken

Oliver Sacks: „Alles an seinem Platz. Erste Lieben und letzte Fälle“


Vier Jahre nach seinem Ableben reicht der wohl einflussreichste Neurologe der letzten Jahrzehnte einen Band nach, der an seine legendären Fallgeschichten anknüpft. Diese „letzten Fälle“ erzählen – wie immer auf literarisch höchstem Niveau – von Patienten und auch von sich selbst. Der 1933 (nicht, wie es im Klappentext der deutschen Ausgabe heißt 1943) in London als jüngstes von vier Kindern seiner aus Litauen stammenden orthodox-jüdischen Eltern geboren.

 

Die überwiegende Zeit seines beruflichen Lebens verbrachte er in den USA an verschiedenen renommierten Krankenhäusern. Aus dieser Tätigkeit schreibt er über „Fälle“, also über Patienten mit Erkrankungen seiner Fachgebiete. Er umrahmt diese nicht nur für Mediziner hochinteressanten Fallgeschichten mit autobiografischen Miniaturen. In ihnen schildert er seine von dem Vater übernommene Leidenschaft zum Schwimmen, die ihn – so kurios verlaufen manchmal die Lebensgeschichten – beim schwimmenden Umrunden einer Insel in New York City zum Erwerb eines Hauses verhalf. Er erzählt, auch das kurios, wie seine farbige, streng katholische Haushälterin ein Rezept seiner Mutter nachkochte und Gefillte Fisch wie bei Mama zauberte. Sacks stellt sich vor, wie diese offenbar geniale Köchin für ihre katholischen Gemeindemitglieder Gefillte Fisch serviert.


Der Kern des Buches enthält aber medizinische Fälle, die wie ein Appell an seine Leser wirken, „sich in die Geistesverfassungen hineinzudenken, die anders sind als ihre eigenen und so zu einer radikalen Form der Empathie zu finden“ (Los Angeles Times). Genau darum geht es: Hinter und in dem Anders-Sein eine menschliche Existenz mit eigener Würde zu erkennen und respektieren. Die Empathie des Arztes Oliver Sacks überträgt sich auf die Leser von Oliver Sacks. Dabei lernen sie Krankheiten mit ihren verschiedenen Ausprägungen kennen, wie z.B.  „Tourette“ (physische und verbale Tics) und die genetische Komponente dieser Erkrankung oder den in einem Fall festgestellten Zusammenhang zwischen Alzheimer und Vitamin-B12-Mangel.

 

Bei der Beschreibung eines Falles bipolarer Störung (vulgo: Manisch-depressive Störung) kämpft er regelrecht gegen die gesellschaftliche Ächtung der für ihre Umgebung „anstrengenden“ Betroffenen. Er erklärt in jedem Fall die medizinischen Zusammenhänge, spricht von Behandlungs- und Heilungsmöglichkeiten, wirbt mit großer Energie für ein würdevolles Leben der Kranken – sei es in psychiatrischen Heilanstalten, sei es in „Freiheit“, die oft eher feindselig empfunden wird.
Die universalen Interessen des genialen Menschenfreundes kommen in Miniaturen aus der Botanik (z.B. über die reichhaltige Flora der Farne mitten in New York City) oder über die komplizierte Erforschung des Ganges der Elefanten oder über astronomische Fragen zu Worte. Er saß im Stiftungsrat des New York Botanical Garden und zu seinem 75. Geburtstag wurde ein Asteroid nach ihm benannt. Seine frühe Veröffentlichung „Awakening“ (1973) wurde mit Robert De Niro und Robin Williams verfilmt. Der Nachklang zu diesem großen Leben und des „Poeta laureatus der Medizin“ wird noch lange nicht verhallen, weil Oliver Sacks noch postum dafür gesorgt hat, dass sich „alles an seinem Platz“ findet.


Harald Loch


Oliver Sacks: „Alles an seinem Platz. Erste Lieben und letzte Fälle“
Aus dem Englischen von Hainer Kober
Rowohlt, Hamburg 2019    287 Seiten   24 Euro

 

 

Michael Jeismann: Die Freiheit der Liebe   Paare zwischen zwei Kulturen

Liebe ist eines der kostbarsten Güter der Menschheit. Überschreitet sie Grenzen, wird sie seit Jahrtausenden mit Zöllen belegt, oft mit Verboten. Gesellschaften, Religionen, Ethnien, Länder wollen unter sich bleiben, vertreten eine Autarkie-Haltung in Sachen Liebe, machen die oder den Fremden schlecht und halten Vermischung für verderbt. Wenn Mann und Frau unterschiedlichen Kulturen, Gesellschaftsschichten, unterschiedlicher Hautfarbe sind oder anders glauben, werden Hürden errichtet, wenn sie sich lieben und eine Familie bilden wollen. Beide leiden darunter, vor allem aber ihre Kinder. Hiervon handelt das weit ausholende Buch „Die Freiheit der Liebe“ des an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrenden Historikers Michael Jeismann.
Seine „Weltgeschichte“ der gemischten Paare schöpft aus ältesten literarischen Quellen, nennt aktuelle Beispiele, erzählt Geschichten aus der Geschichte neu. Immer geht es um Abwehr und Neugier, um Frau und Mann, um das Höchstpersönliche der Liebe versus übergeordneter „Raison“. Es geht um das individuelle, manchmal inzwischen auch das kollektive Durchsetzen dessen, was der Autor als von Hannah Arendt formuliertes Motto seinem Buch voranstellt: „Das Recht zu heiraten, wen man will, ist ein elementares Menschenrecht.“ Das wechselseitige Begehren „gemischter“ Paare ist viel älter als die Formulierung der Menschenrechte, es ist offenbar als anthropologische Variante gewissermassen natürlich. Inzwischen ist das „gemischte Paar“ - befindet Jeismann wohl zu recht - „eine Sonde mitten ins Herz unserer emotionalen und politischen Verfasstheit“.


Jeismann geht im ersten Teil seines Buches den Heiratsverboten von frühester Zeit bis zur Gegenwart anhand ausgewählter Beispiele nach. Manchen werden hier die strikten Heiratsregeln im klassischen Athen irritieren. Wer nicht zum innersten Kreis gehörte, durfte nicht in ihn hineinheiraten, wer dazugehörte nicht aus diesem Kreis heraus. Die Sanktionen waren drakonisch, wurden aber in privilegierten Einzelfällen virtuos vermieden. Die „Mutter der Demokratie“ war jedenfalls kein Vorbild für das Menschenrecht auf grenzüberschreitende Liebe. Und die Athener Grenzen waren sehr eng gezogen. Die Rassengesetze der Nazis setzten eine lange Tradition in mörderischer Weise fort. Ganz anders müssen die Schwierigkeiten jüdisch-palästinensischer Paare heute in Israel beurteilt werden - auch hier sind die Hürden verständlicher Weise hoch. 


Im zweiten Teil geht es Jeismann um „politisch forcierrte und ideologisch erwünschte Paarbildungen, ihre Wahrheiten und Lügen. Sein Paradebeispiel war der Wunsch Alexanders des Großen, der in den eroberten Gebieten selbst „fremd“ heiratete. Er legte seinen Soldaten und Offizieren nahe, einheimische, zumeist persische Frauen zu heiraten. Er fördete diese „Mischehen“ mit großzügigen Prämien. Nach ihm zerfiel nicht nur sein Reich, sondern auch der Gedanke an die segensreiche Vermischung. Später handelten auch die spanischen Eroberer Südamerikas nach diesem Motto und schufen eine bis heute weitgehend „gemischte“ Gesellschaft. Die dynastischen grenzüberschreitenden Eheschließungen im Mittelalter bis in die Neuzeit wirkten nicht immer, wie sich die Anstifter das vorstellten. Immerhin gab es, von Jeismann sehr schön beschrieben, Beispiele erfolgreicher gemischter Ehen zwischen den Herrscherhäusern.


In einem dritten Teil wendet sich Jeismann dem Schicksal der Kinder solcher „gemischten Paare“ zu, die vor allem in Kriegs- und Besatzungszeiten gezeugt wurden, aber selten in einer intakten Familie aufwachsen konnten. Besonders krass ging Norwegen mit den etwa 12000 Kindern deutscher Wehrmachtsangehöriger und ihren norwegischen Müttern um, so dass sich der frühere norwegische Staatsminister Bondevik bei den Betroffenen im Jahre 1998 im Namen Norwegens für die erlittene Diskriminierung entschuldigt. Inzwischen sind auch Entschädigungen gezahlt worden. Die über 70 000 "Besatzungskinder", die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zur Welt kamen, wissen auch ein Lieb davon zu singen.


Migration, neuer Nationalismus und erwachter religiöser Regorismus, ja selbst der bevorstehende Brexit schaffen neue Hürden, neues Leid, ändern aber nichts an der alle solche Grenzen überwindenden Liebe einzelner Paare. Das Menschenrecht, zu heiraten, wen man will, ist längst keine Selbstverständlichkeit. Michael Jeismann hat in seinem faktenreichen und glänzend geschriebenen Buch den Finger auf diese Wunde gelegt, die seit dem Gilgamesch-Epos schwärt. Er zitiert als weiteres Motto für sein Buch Rainer Werner Fassbiner aus Angst essen Seele auf: „Das Glück ist nicht immer lustig“.


Harald Loch


Michael Jeismann: a
Die Freiheit der Liebe. Paare zwischen zwei Kulturen 
Eine Weltgeschichte bis heute
Carl Hanser Verlag, München 2019 350 Seiten 26 Euro

 

50 Jahre Apollo 11 - die Mondlandung

Der Mond ist mir immer mal wieder begegnet, in Volksliedern, in Schlagern, mal war er der von Maratonga, gesungen von Lolita, mal der von Gus Backus, der die Deutschen fragte: „Haben Sie schon mal den Mann im Mond gesehen?“ Mal kam der Mond deutsch-poetisch daher mit Matthias Claudius, mal satirisch in der Präsentationsform mit Dieter Hildebrandt als Kohl-Parodist: „Der weiße Nebel wunderbar.“

Mal waren wir fasziniert vom Blutmond, mal vom Vollmond, mal von der Mondfinsternis, doch am konkretesten für mich persönlich fand ich jene zwei Szenen, die ich 1968 und danach erlebte.

 

Mit französischer Freundin, auf italienischem Campingplatz, an jenem Julitag, die Mondlandung im Fernsehen beobachtend, mit tausend anderen Touristen an der Adria, die sich in den Armen lagen und jubelten über die erfolgreiche Mondlandung. Ich habe heute noch Aphrodites Child im Ohr, die uns in der italienischen Fernsehshow auf das bevorstehende Jahrtausendereignis einstimmten.

 

Die zweite Szene spielte in Weißrussland, als mir in einem chemischen Labor ein weißrussischer Geologe stolz ein Stück Mondgestein zeigte, aus Sicherheitsgründen hinter einem Glasfenster, ich durfte es also nicht berühren.

 

Nie bin ich selbst also näher an den Mond heran gekommen, und das war in einem alten Teil der Sowjetunion, in Minsk, in BELARUS.

Ja, da war etwas Wehmut im Spiel, denn der Wissenschaftler hätte liebend gerne von einer russischen Erfolgsmission zum Mond berichtet, so waren es nur seine Erkenntnisse über ein Gestein.

 

James Donovan und sein Buch APOLLO 11 kann uns dagegen viel mehr spannende Detailkenntnisse über den Wettlauf zum Mond und den Erfolg einer fast unmöglichen Mission schildern, sehr in die Tiefe und die Details technischer Art gehend, ohne sich jedoch im Wissenschafts-Wirrwarr zu verlieren. Und so lesen wir da in dem DVA-Band: Der Mondstaub sah aus wie Holzkohle und roch nach feuchter Asche oder abgebranntem Schießpulver.

 

Schwerelosigkeit, Strahlung, Meteoriten, Flieh- und Anziehungskräfte, explodierende Flugkörper, das alles konnte die Menschen nicht davon abhalten zum Mond zu fliegen, ihn zu betreten, Gesteinsproben zu nehmen und wieder zurück zu kehren, aber die vitale Funktionen dabei zu behalten, soll heißen lebend auf die Mutter Erde heim zu kommen.

Ob Raketen-Konzepte aus dem Dritten Reich, Wernher von Brauns Nazi-Vergangenheit, russische Sputnik-Experimente und erste erfolgreiche Menschen-Missionen ins All, der Sachbuchautor entfaltet ein breites, gut verständlich geschriebenes Geschichtspanorama, das die 1950er und 1960er Jahre wieder lebendig auferstehen lässt.

 

Auch das Menschelnde kommt nicht zu kurz. Wir erfahren, dass der Erfolgsastronaut, der gerade bei einer gefährlichen Mission mit dem Leben davon kommt, eine Fliegerzulage erhält, die gerade mal 245 Dollar vor Steuern ausmacht.

 

Raumfahrt war ein Ost-West-Wettrennen, bei dem in der Regel die Russen vorne lagen, die Amerikaner jedoch mit der Landung auf dem Mond gleich zogen.

 

Der umfangreich bebilderte Innenteil illustriert die waghalsigen Manöver. „Die Anzahl der Unbekannten war enorm.“ (Neil Armstrong). Man hatte die Erfolgswahrscheinlichkeit auf 56 Prozent taxiert.

 

Die EAGLE rast mit 6400 Stundenkilometern durchs All, verschwindet immer wieder auf der hinteren Seite des Mondes, und damit reißt der Funkkontakt ab. Erst nach dreißig Minuten kann wieder Kontakt aufgenommen werden. Navigationsprobleme, Treibstoffknappheit, Computer-Fehlermeldungen machen die Landung zu einem Horrortrip, dessen Erfolg immer wieder auf der Kippe steht. Das Datenmaterial überlastet die Computer.

 

„Aldrin warf einen Blick auf die Treibstoffanzeige, wo soeben ein Lämpchen rot aufleuchtete. ‚Fünf Prozent‘, sagte er. ‚Nicht mehr viel übrig.‘“ Die Kommandanten durften mit ihrem Flugobjekt nur noch 90 Sekunden fliegen, sonst hätte die Mission abgebrochen werden müssen.

14.17 Uhr und 39 Sekunden Houstoner Zeit melden die Astronauten: „… hier ist Tranquility Base. Die EAGLE ist gelandet.“

 

Aldrin schaut sich auf dem Mond um und spricht von „prächtiger Trostlosigkeit“. Dann übermannt ihn ein menschliches Bedürfnis, er pinkelt in seine Hose. Was bei ersten Missionen vergessen worden war, eine Auffangposition möglich zu machen, war diesmal geregelt, es war ihm ein Urinal angelegt worden.

 

Das Aufstiegsaggregat musste funktionieren, denn bei Ausfall gab es keinen Ersatz, nach 24 Stunden wäre der Sauerstoffvorrat verbraucht gewesen. Das war hart am Limit.

 

Doch auch die weiteren Raumfahrt-Missionen bis 1972 waren erfolgreich.

Flugleiter Glynn Lunney: „Wir hatten Glück.“

 

Ein Sachbuch mit geschichtlicher Dimension, das zündet und Mondspuren hinterlässt.

 

James Donovan APOLLO 11 Der Wettlauf zum Mond und der Erfolg einer fast unmöglichen Mission DVA

 

 

Deutsche Grenzerfahrungen

Es begann alles nach einer Lesung des Schauspielers Joachim Król. Der Journalist und Buchautor Lucas Vogelsang, für seine Reportagen vielfach mit Preisen ausgezeichnet, kommt auf den Mimen zu, schwärmt von dessen früheren Filmen, beide kommen beim Thema Fußball zusammen, und schon steht der Plan, als Schnapslaune geboren: Wir wollen in die ehemalige DDR zurück, gemeinsame Grenzerfahrungen machen: Erfahrungen ohne Grenzzaun, Erinnerungserfahrungen, Erfahrungen aus heutiger Sicht. So wie es in dem Film von Joachim Król und Horst Krause WIR KÖNNEN AUCH ANDERS von Detlev Buck zu sehen war, ist das kein Western-„Film“, vielmehr ein EASTERN-Streifen: „ (…) da lauern die Geschichten“.

 

Tief im Westen geht es los, dort, wo der Ruhrpott sein Kohlerevier verlieren wird, dort, wo man den Herzschlag aus Stahl noch hört, wie Grönemeyer singt. „Eine Landschaft, die Kette raucht.“ „Die DDR ein Haufen Lumpen, längst aus der Mode. Altkader wie Altkleider“. „Dies ist nicht der Ort, um in Ruhe rückwärts zu denken“.

 

Es ist diese Formulierungsgabe von Vogelsang, die das Buch und seine Texte so farbig macht, obwohl es keine Bilder enthält, die, sowohl in Farbe und auch nur in einfach Schwarzweiß, das Buch sicher noch attraktiver gemacht hätten.

 

Beide besuchen DDR-Devotionalien-Sammlungen und DDR-Museen in Ost und West, DDR-Flüchtlinge, die in letzter geschichtlicher Sekunde das „gelobte“ Sozialismusland fluchtartig, nein in Wahrheit flüchtend, hinter sich gelassen haben.

 

Król gibt seine Kommentare zu Vogelsangs Beobachtungen, berichtet aus frühen Tagen der Grenzerfahrungen, beide treffen Menschen, die am Grenzzaun wohnten, am Zonenrand, wo die Mauerblümchen mit Zinszuschüssen oder Investitionszulagen kräftig „gegossen“ wurden.

Die beiden „Streifzügler“ baggern die Menschen im Braunkohlerevier an, legen östliche Befindlichkeiten bloß, konservieren Alltagserfahrungen, hängen aus westdeutscher Sicht Ossi-Träumen nach.

 

Der Grenzschützer in Marienborn, dort, wo heute das DDR-Museum zwischen 10 und 17 Uhr geöffnet hat, trug in der Schule das verordnete FDJ-Hemd, zuhause kopierte er illegal die Schallplatten von Iron Maiden und Black Sabbath „Ich war, sagt er, sogar linienbestätigt. Er lacht. Er trägt dieses Wort wie einen Orden. Linienbestätigt, sagt er, waren nur wenige.“ Das waren die ausgesuchten Soldaten, die an der Grenze alleine stehen und laufen durften, weil man ihnen zutraute, dass sie nicht gleich abhauen würden.

 

Wir lesen einen Film, es ist eine Kamerafahrt in den Osten,  ein Road-Movie in Buch-Form, es geht immer weiter, weiter, weiter ostwärts. Joachim Król findet beleuchtete Radwege, die er in seinem Ruhrgebiet nicht gefunden hat, aber beide entdecken auch Dunkeldeutschland, fahren die Transitautobahnen ab, sind in Brandenburg und Sachsen unterwegs, fragen den Aufsichtsratschef des Berliner Flughafens Rainer Bretschneider aus, der sich als West-Verwalter, im Osten kaserniert wie ein „tatsächlicher Besatzer“ empfand. Es waren Menschen in grauen Anzügen, die kapitalistischen West-Werte im Kopf, die man heute noch unterscheiden könne, weil sie kein Lächeln im Gesicht tragen. Der Kampf der Systeme war gewonnen, da kann man sich wie Hund benehmen, da wird man zum Typ mit der Abrissbirne. Eben Besser-Wessi.

 

Potsdam wird mondän, weil die Fernsehgrößen und die Medien-Promis sich dort eingenistet haben und in Gelsenkirchen, dort wo alles kaputt, grau und verlebt ist, werden heute Ost-Filme gedreht.

Eben verdrehte, verkehrte Welt nach der Wiedervereinigung.

 

Auch eine Fußball-Geschichte steht in dem Buch, von Andreas Thom, dem Stürmertrainer bei Hertha BSC, der in der Wendezeit sein Fußballtalent im Westen entwickeln konnte.

 

Die Balltreter aus dem Osten, die Filmschauspieler aus Babelsberg standen plötzlich auf dem Spielfeld oder vor der Kamera und machten als Neu-Wessis den Alt-Wessis Konkurrenz.

 

Horst Krause, der Polizeiruf-Kommissar, bringt die deutsch-deutsche Geschichte auf den Punkt. Die einen hatten Glück, die anderen hatten Pech, die einen schwammen im Süßwasser, die anderen im Salzwasser, und beide mussten strampeln. Das ist die große „Lotterie des Lebens“.

Und ein Touristenführer mit dem Ost-Auge stellt fest: „(da) …haben wir gelernt, dass nicht alle Wessis gute Menschen sind. Und dieses Gefühl, der Dumme zu sein, das ist geblieben.“

 

Das Buch eine keine tiefschürfende, kapitalistisch-sozialistisch kritische Politanalyse, kein detailgenauer Systemvergleich, kein nostalgieverliebtes Museumsbuch, keine Inventur-Bestandsaufnahme über blühende Landschaften, es ist vielmehr eine lebendige, durch Personen und intensive Gespräche, durch wechselnde Landschaften erzeugte WORT-Welt und BILDER- Welt, ehrlich bis auf die Haut, nichts beschönigend, eine aufrichtige Bestandsaufnahme, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, so dass man guten Gewissens sagen kann: Der frühere Satz: GEHEN SIE DOCH RÜBER ist bei Joachim Król und Lucas Vogelsang auf fruchtbaren Boden gefallen.   

 

Lucas Vogelsang/Jochaim Król Was wollen die denn hier. Deutsche Grenzerfahrungen ROWOHLT

 

Die Wiese

Der Bucheinband fühlt sich so an, als würde man mit den Handunterflächen über Wiesenhalme streichen, das Hardcover-Buch liegt so soft in einem Buchumschlag, dass der Leser sich schon auf diesem Wege beim In-die-Hand-Nehmen des Buches mitten in die Wiese hinein gesetzt fühlt.

 

Ich bin als Kritiker dieses Naturbuches von Haus aus befangen, denn schaue ich aus dem Fenster in meinen Garten, sehe ich meine private Wiese, auf der sich vor allem bei Sonnenschein mitten im Wald viele Insekten tummeln. Wir tun auch einiges für die Vielfalt. Mein Blick auf das Buch ist zudem beeinflusst durch den Film von Jan Haft, den ich im Kino bereits sehen konnte und der durch seine natürliche Vielfarbigkeit, Schönheit und Dramaturgie schwer beeindruckt.

Gerade fliegt auch eine Wespe durch mein Dachfenster, die ich in früheren Zeiten als Allergiker getötet hätte, heute locke ich sie irgendwie wieder ins Freie. Insekten-Überlebensstrategien meinerseits, denn auch ich habe das Volksbegehren RETTET DIE BIENEN unterschrieben.

 

Bei all diesen Vorbedingungen wird es den Leser dieser Rezension kaum wundern, dass ich auch das Buch loben muss. Ich begründe auch begründet warum: Erstens gelingt es dem Autor, der Biologe und mehrfach ausgezeichneter Tier- und Naturfilmer ist, in einer – ich sage es buchstäblich – natürlichen Sprache der Wiese ein Denkmal zu setzen. Da ist nichts Gekünsteltes, Übergescheites, Moralinsaures, Jan Haft findet die richtigen Worte, ordnet die passenden Kapitel, dokumentiert die farbigen Seiten der Wiese, zeigt die Artenvielfalt und deren Bedrohungen, er analysiert die Zusammenhänge, kann sogar Neuigkeiten aufbieten und macht auch die Landwirte mit ihren Überdüngungsstrategien als „Schuldige“ aus, bleibt jedoch nicht nur beim  Kritisieren, sondern weist Wege auf, wie Biodiversität erreicht werden kann.

 

Tierfilmer zeigen gerne Elefanten, Tiger, Löwen, Bären, Nashörner, Antilopen und Giraffen oder Eisbären und neuerdings auch wieder den Wolf. Aber, wer hat den Mut, sich filmisch der Heuschrecke zu nähern? Jan Haft tut es, er zeigt das Spannende in der Wiesen-Natur-Normalität. Wildbienen, Fliegen, Heuschrecken, kämpfende Hirschkäfer und Schmetterlingsraupen können genauso spannend sein wie Rachen aufreißende Alligatoren. Man muss sich als Leser oder Filmzuschauer nur darauf einlassen. Haft hofft, dass das momentane Interesse, das Insektensterben zu bremsen, nicht nur einen kurzen Artensterben-Aufschrei darstellt, sondern nachhaltig bleibt.

      

Der Autor zeigt auch das Paradoxe in der Natur, dass Harvester-Holz-Ernter zwar tiefe Gräben in den Waldboden ziehen und den Boden verdichten, dass aber in den Fahrspuren Minitümpel einstehen, in denen Gelbbauchunken, Wasserkäfer und Wasserwanzen, Krebse, Moose und Pilze ihren Lebensraum finden. Da ist es, das Widersprüchliche in der Natur.

 

Wussten Sie auch, dass es in Deutschland 80 unterschiedliche Heuschreckenarten gibt und in manchem Krimi auf der Film-Tonspur sich amerikanische Exemplare davon tummeln, die im deutschen Tatort gar nicht vorkommen dürften. Irrtümer der Tonmeister beim Abmischen des Films.  

 

600 Zikadenarten allein zählt der Naturschützer.

Biodiversität muss zum Agrarprodukt werden, fordert der Autor. Es sollte sich lohnen, auf Gift und Gülle zu verzichten, die Grenzen zwischen Schutzgebieten und landwirtschaftlich genutzten Flächen müssten unscharf werden.

 

Wie sagte schon der Philosoph Arthur Schopenhauer: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Und deshalb gehört dieses Buch in den Biologie-Unterricht. 

Der Klang von Paris

Titel Volker Hagedorn: „Der Klang von Paris – Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts“  Rowohlt-Verlag

 

„Aber Paris ist wirklich ein Ozean“, schreibt Honoré de Balzac, dessen Worte als Einleitungszitat auf der ersten Seite des Buches von Volker Hagedorn über den Klang von Paris stehen. Bleiben wir erst einmal bei diesem Bild, hier wird das Meer mit einer Hauptstadt verglichen.

Eine solche Kombination zweier Sphären - Ozean und Paris - ist so weitreichend, wie eine Stadt mit KLANG in Verbindung zu bringen. Es ist ein breiter, vieles möglich machender, reizvoller Ansatz, zugleich birgt er jedoch die Gefahr, beliebig oder ausufernd zu werden.

 

In einer ausgesprochen visuell dominierten Videoclipzeit verspricht dieses Buch von Volker Hagedorn, spannend zu werden, weil es das Akustische hervorhebt. Und doch gelingt es ihm auch, mit diesem Buch Bilder einer Stadt zu erzeugen. Der Klang einer musikalischen Epoche, der Klang einer Stadt, Melodie und Rhythmus von Paris schwingen mit. Das 19. Jahrhundert in Paris, das ist rapides Wachstum einer Millionenmetropole, Reichtum und Elend zugleich, Revolution und Reformation, Vergangenheit und Utopie, Nationalismus und Antisemitismus.  

 

Wir lernen die Musiker Berlioz, Meyerbeer, Rossini, Offenbach, Paganini und Wagner kennen, auch Chopin und Liszt. Ob Chopins Geliebte George Sand, Heinrich Heine oder Victor Hugo, der Maler Delacroix und die Schriftsteller Baudelaire, Balzac, Flaubert, sie alle treten auf dieser Buch-Bühne des 19. Jahrhunderts in wechselnden Rollen, Geschehnissen und musikalischen Szenarien auf.

 

Musikalische Vorbildung hilft, das Buch besser zu verstehen. Es ist anspruchsvoll und zugleich lesbar. Hagedorn ist seinen gewählten Figuren sehr nah, sein Beobachten ist sehr, sehr genau. Berlioz sollte eigentlich Arzt werden, wir erfahren warum! Rossini, der Komponistenstar jener Zeit, liebt Frauen und gute Küche gleich stark. („Man löffelt nun Austern in Kräutersud“), Paganini verspielt seine Honorare in Casinos. Die Cholera wütet in Paris, wir erfahren Einzelheiten: Baron Rothschild kündigt deshalb seine Opernloge. Heine streift durch die Straßen und schreibt darüber. Heine bleibt, um “auf dem Schlachtfelde selbst“ zu schreiben. Über den rastlosen Offenbach sagen die Menschen jener Zeit, er wäre der Richtige, den Fahrplan zu vertonen. Richard Wagner zahlt 4000 Francs für drei Jahresmieten im Voraus.

 

Hagedorn fängt Klang und Missklang der Epoche ein, instrumentiert Paris als großartiges Orchesterwerk, in dem Dur und Moll zu hören sind, in dem Pauken und Trompeten die neue Zeit ankündigen und Streicher auch die leisen Töne des Lebens anstimmen. Ein Buch, wie eine Symphonie, nicht nur in vier, in vielen Sätzen…

Der Autor  Autor Volker Hagedorn, Jahrgang 1961, lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung und arbeitet seit 1996 frei für DIE ZEIT, verschiedene Rundfunksender, Tageszeitungen und Magazine. Als Barockbratscher hat er besonders mit Cantus Cölln Aufnahmen gemacht und weltweit konzertiert.

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Ideengeschichte und Aufklärung

Wer denkt, eine investigative Wissensgeschichte der Frühen Neuzeit könne nicht spannend sein, der nehme die beiden Bände „Radikale Frühaufklärung in Deutschland 1680 – 1720“ von Martin Mulsow als Beweis zur Hand. Es geht im ersten Band um „Moderne aus dem Untergrund“, im zweiten um „Clandestine Vernunft“. Der Verfasser ist Professor für Wissenskulturen der europäischen Neuzeit an der Universität Erfurt. Er gilt als der umfassend gebildete Detektiv unter den Philosophiehistorikern, er ist in der europäischen gelehrten Welt um 1700 wie kein anderer zu Hause.

 

Der erste Teil ist aus der Münchner Habilitationsschrift Mulsows hervorgegangen, die erst vor gut 15 Jahren etwa zeitgleich mit Jonathan Israels „Radical Enlightenment“ ein inzwischen in ganz Europa etabliertes Forschungsgebiet begründet hat. 


Die Zeit um 1700 muss sehr fruchtbar gewesen sein! Die unübersehbar vielfältige intellektuelle Landschaft der Frühaufklärung war Ausdruck der crise de la conscience européenne. Diese Vielfalt verlangt, dass der Autor Hunderte von kaum bekannten damaligen Freidenkern und verfolgten Autoren benennt und aus dem Vergessen emporholt. Er hat dazu nahezu hundert handschriftliche Quellen herangezogen, die er oftmals erst entziffern musste. Sie stammen aus den einschlägigen Archiven in ganz Europa. Die Bibliographie der gedruckten Quellen umfasst über 30 Seiten, die der internationalen Forschungsliteratur enthält annähernd 1500 Titel. Was daraus entstanden ist, hat vielleicht Kurt Flasch am treffendsten gewürdigt: „Die Bedeutung des monumentalen Werkes von Mulsow liegt darin, dass er bisher getrennte Strömungen vereinigt: die ideengeschichtliche Erforschung der Aufklärungsphilosophie, die bibliothekarische Erfassung der Clandestina und die Analyse der Kommunikationsweisen in der europäischen Gelehrtenrepublik um 1700.“


Die Geschichte der radikalen intellektuellen Prozesse der frühen Aufklärung, die Mulsow durch unnachgiebige Befragung der Quellen aufdeckt, die Entdeckungen, an denen er seine Leser teilhaben lässt, die Korrekturen, die er an oberflächlicheren Beschreibungen vornimmt – alles das ist atemberaubend und zudem fesselnd erzählt. Was in einer Zeit von Zensur und Verfolgung im weltlichen und christlichen Absolutismus oft anonym geschrieben, manchmal sogar veröffentlicht wurde, ist nicht immer der Klartext der dahinterstehenden Gedanken. Verschlüsselung, Ironie, Perspektivenverlagerung in erfundene Erzählfiguren, Möglichkeitsformen aller Schattierungen fand der Verfasser in den meist klandestin verfassten Quellen, deren eigentlicher Gehalt erst im Kontext mit Briefkorrespondenzen oder externen Kritiken erschlossen werden konnten.

 

Studentenulk mutierte mitunter zur Idee, auf die bisher niemand gekommen war, zu weiterführenden Gedanken. Vieles hatte einen religionskritischen, zuweilen auch antichristlichen Gehalt. Der Anteil der jüdischen Frühaufklärer, die sich besonders mit der Widerlegung von christlichen Weissagungsideologien beschäftigten, lösten bei manchen radikalen Frühaufklärern, die zumeist christlich sozialisiert waren, ein Aha-Erlebnis aus. Naturwissenschaftliche und medizinische Forschung bestärkten die Zweifel an vermeintlich unumstößlichen Glaubensgrundsätzen.

 

Die radikalen Frühaufklärer stellten vieles in Frage, errichteten aber keine homogene Gedankenwelt, sondern sie vermitteln ein farbiges, oft widersprüchliches und abenteuerliches Bild intellektueller Vielfalt. Ohne die erforderliche Freiheit wagten sich Freidenker aus der Deckung. Das Panorama, das Mulsow ausbreitet, wirkt wie ein früher Samisdat. Der freie Geist von Denkern hinterließ auch in unfreier Zeit ein fortwirkendes Fundament, auf dem die Aufklärung im Sinne von Immanuel Kant entstehen konnte. Dieses durchaus noch schwankende Fundament sichtbar erscheinen zu lassen, verleiht Mulsows Werk seine überragende Bedeutung.


Harald Loch


Martin Mulsow:
Radikale Frühaufklärung in Deutschland
Band 1: Moderne aus dem Untergrund   502 Seiten
Band 2: Clandestine Vernunft    624 Seiten
Wallstein, Göttingen 2018   zusammen 59,90 Euro

 

 

Bei Mord: Dreimal schießen - MAFIA LEBEN

Wenn ein Wissenschaftler, Journalist, Romanschriftsteller die Idee hat, ein Mafiabuch zu schreiben, geraten Lektoren in Panik und Verleger suchen das Weite, soviel ist über die Mafia schon geschrieben, philosophiert, untersucht und phantasiert worden, dass es auf keine Kuhhaut, pardon Buchseite mehr geht. 


Weit gefehlt, wie so oft in der Buchbranche, Frederico Varese hat mit seinem MAFIA LEBEN ein Buch vorgelegt, in dem es um Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens geht. Und tatsächlich gewinnt er dem Dauerthema Mafia eine neue Seite, vielmehr genauer gesagt 335 neue Seiten ab, indem er die vergleichende Methode anwendet, ins Innere der Mafia vordringt, wissenschaftliche Methoden mit Reportagehaftem kombiniert. Eine neue Sachlichkeit bringt er ins Thema ein, liefert unzählige Fakten, die sich in der vergleichenden Methode manchmal wiederholen, aber dies zwangsläufig müssen, weil an bestimmten Stellen der Vergleich es an sich erfordert.

 
Und er beantwortet viele Fragen, historischer Art, gegenwärtiger Themen, kultureller Differenzen und lokaler Eigenheiten, er hat den breiten und den fokussierten Blick, er schaut nach Italien, in die  USA, nach Russland, Japan und China, nie leidenschaftlich, immer reserviert und distanziert, auch wenn es um die brutalsten Methoden der Mörder geht. Varese ist eben Kriminologe, er blättert in polizeilichen und Justizakten, zitiert aus Interviews mit Mafiagrößen, kennt die bisherigen Veröffentlichungen und zieht interessante Vergleiche: Wie entstehen Mafiastrukturen? Wie gehen die Mafiosi mit Geld um? Wie werden die Geschäfte der Mafia geführt? Im Kapitel Arbeit spielt die Finanzkrise und deren Folgen für die Mafia die Hauptrolle. Im Kapitel Liebe geht es um die Sozialbeziehungen und auch um Partnerschaftsprobleme oder die Liebe unter den männlichen und weiblichen Mafiosi.

 
Selbstbilder thematisiert Varese - sehr stark dargestellt – am Beispiel, wie Imitationsverhalten dazu führt, sich an Filmdarstellern in Mafiafamilien auch in der Realität zu orientieren. 
Im Kapitel Politik wagt Varese, „… auf einer allgemeineren Ebene (zu erörtern), wie eine Mafiaorganisation zum Staat werden kann und wie Staaten oft einer Mafia ähneln“. 


Im Kapitel Tod geht es um die Tötungstechniken der Mafia. Dreimal schießen und nicht zu nah rangehen, lautete ein konkreter Hinweis zu einem Mordauftrag, und die Latexhandschuhe vorher ausprobieren. 
Zitat: „Mafiosi müssen bereit sein zu töten, und sie müssen es relativ gut können.“ 


Sie scheuen sich auch nicht, Flammenwerfer und Sprengstoff einzusetzen. Männer in den eigenen Reihen und auch Verwandte können vor allem aus Rache getötet werden. 
Die Entsorgungsmethoden sind so menschenverachtend, dass ich sie hier nicht zitieren will. 


Aus all den vorherigen Überlegungen leitet der Kriminologe Methoden im Kampf gegen die Mafia. Lesen Sie selbst!

 
Das Buch ist bebildert und hat einen umfangreichen Anhang. Es findet sich am Ende des Buches auch eine interessante synoptische Tafel der Mafiaregeln und der Mafiastrukturen im Überblick, um sie zwischen fünf Mafiaorganisationen zu vergleichen. 
Die ausführliche Danksagung des Au

tors bezieht sich auf die einzelnen Kapitel, hinzu kommt ein umfangreicher Anmerkungsapparat, sowie Bildnachweis und Personenregister. 


Wir lernen Mafiapersonen und Mafiastrukturen kennen aus soziologischer, politischer und kriminologischer Sicht, einzelne Fälle wie Gesamt-Strukturen betrachtend. Ein sehr erhellendes Buch!


Federico Varese ist Professor für Kriminologie an der Universität Oxford und ein Experte für das organisierte Verbrechen. Seine Arbeiten über die russische Mafia und über die Erschließung neuer krimineller „Märkte“ im Zeitalter der Globalisierung sind Standardwerke. Er hat John Le Carré mehrfach mit seinen Kenntnissen beraten.


Frederico Varese Mafia Leben CHBeck

 

Länderauskunft: GEORGIEN

Das Christentum ist hier in seiner orthodoxen Variante viel länger herrschende Religion als in den meisten Ländern der Europäischen Union, mit der das Land ein Assoziierungsabkommen geschlossen hat. Wie verträgt sich das mit der Diskussion, ob Georgien als „sicheres Herkunftsland“ anzusehen ist? Fliehen die Menschen aus dem Land oder wandern sie einfach aus? Seit der Unabhängigkeit im Zuge der Auflösung der Sowjetunion haben annähernd eine Million das Land verlassen.

 

Ein Land also voller Widersprüche zwischen Asien und Europa, zwischen jahrhundertelangen Besetzungen von Türken, Persern, Russen und neuer, stolzer Unabhängigkeit. Ein solches Land zu porträtieren bedarf genauer Kenntnis der Zustände vor Ort und genauer Recherchen.
Kann man sich einen kompetenteren Porträtisten vorstellen als den 1940 geborenen Slawisten und Politologen Dieter Boden? Er absolvierte im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik mehrere Einsätze in diplomatischen Vertretungen in Osteuropa und im Kaukasus. 1995/96 und 1999 – 2002 leitete er OSZE- und UN-Missionen in Georgien. Er beteiligt sich bis heute an zivilgesellschaftlicher Projektarbeit im Kaukasus. In seinem Buch beschreibt er auf knappem Raum mit allen wichtigen Details Geschichte und Landschaft, Menschen und Kultur, Religion und die Konflikte mit dem übermächtigen Nachbarn um die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien. Dabei verfällt er nicht in einen Jargon des Kalten Krieges sondern pflegt einen diplomatischen Ton. Die beiden hierzulande berühmtesten Persönlichkeiten Georgiens könnten unterschiedlicher kaum sein: Stalin und Schewardnadse, dessen zehn Jahre währende, heute in Georgien kritisch betrachtete Präsidentschaft Boden mit objetivem Blick von außen angemessen würdigt.

 

Die multiethnische Bevölkerung lebt seit Jahrhunderten friedlich miteinander. Trotz der Land und Gesellschaft dominierenden orthodoxen Kirche herrscht religiöse Toleranz. Die wohl einzige Moschee in der ganzen Welt, die Sunniten und Schiiten gemeinsam als Gotteshaus benutzen, steht in Tbilissi, unweit des jüdischen Viertels mit zwei Synagogen. Allerdings ist ein großer Teil der bis vor wenigen Jahrzehnten über 100.000 Mitglieder zählenden Jüdischen Gemeinde nach Israel ausgewandert.


Die ausgezeichnete georgische Küche lobt der Autor aus eigener jahrelanger Kenntnis und die hervorragenden Weine hat er selbst verkostet. Der georgische Weißwein wird übrigens nicht wie bei uns gekeltert sondern mit „Haut und Haaren“ vergoren, was ihm seine besondere Farbe und seinen eigenen Geschmack verleiht. Man erfährt etwas über die früheren Beiträge von Deutschen zur Kultur und Entwicklung des Landes, über deutsche Siedlungen und die deutschen Kriegsgefangenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige Aufbauarbeiten durchführten. Detailreich beschreibt Boden die leider häufig dem Verfall preisgegebene Jugendstilarchitektur des historischen Tbilissi das um 1900 ein Traumziel von Intellektuellen und der Boheme aus ganz Europa war. Das schöne restaurierte Stadtpalais, das ein deutscher Architekt für einen georgischen Brandy-Fabrikanten errichten ließ, beherbergt heute den georgischen Schriftstellerverband. Der jahrundertealten Literatur, dem Stolz des ganzen Landes, widmet er mehr als nur Fußnoten und auch den anderen Künsten mehr als nur Pflichtbeiträge. Wer weiß schon, daß der große Choreograph des New Yorks City Balletts, George Balanchine, Georgier war? Oder auf einem anderen Gebiet: Wer erinnert sich daran, daß der georgische Fußballmeister Dynamo Tiflis 1981 im Europapokal der Landesmeister Carl-Zeiss Jena aus der DDR mit 2:1 besiegte?


Ein solches Land auf 200 Seiten zu porträtieren ist eine Kunst. Dieter Boden informiert über wirklich viel in sehr gut lesbarer Form. Für alle, die das „Fest Georgien“ in diesem Sommer und Herbst miterleben wollen, ist es eine Festschrift im besten Sinne des Wortes.
 
Harald Loch
 
Dieter Boden: Georgien. Ein Länderporträt
Ch. Links Verlag, Berlin 2018   200 Seiten   18 Euro

 

 

Auch morgen wird eine Zukunft sein

Das Fenster zum Blick nach vorn, ob auf das Paradies auf Erden oder apokalyptische Zustände, jedenfalls auf mehr Wissen und Erkenntnis ist seit mehr als 25 Jahren durch die sogenannte „Edge“-Frage, die der 77 jährige  Visionär John Brockman aus Bosten gelegentlich stellt, sperrangelweit geöffnet. Er richtet an führende Wissenschaftler vor allem aus den USA  folgende Frage: „Was halten Sie für die interessanteste wissenschaftliche Neuigkeit unserer Zeit? Was macht die Bedeutung dieser Neuigkeit aus?“ Knapp 200 Antworten sind 2017 bei Brockman eingegangen. Jetzt liegt die hervorragende deutsche Übersetzung in einer erfreulich erschwinglichen Taschenbuch-Erstausgabe vor. Science Fiction ist langweilig gegenüber diesem tour d’horizon durch die pipelines der Wissenschaft.

 

Er zeichnet kein ganz genaues Bild von den Ideen, Entdeckungen und Erfindungen der Zukunft, aber er lässt nicht nur ahnen, wo die Reise hingeht oder wo sie hingehen sollte - wie in einem Zug, in dem die folgenden Stationen schon angekündigt sind, aber niemand weiß, ob die Bahn sie auch tatsächlich erreichen wird.


Die aufregende Lektüre der bis zu drei oder vier Seiten umfassenden Antworten muss nicht der Anordnung des Buches folgen. Wer zufällig eine Seite aufschlägt, landet immer intellektuelle Volltreffer. Die Details versteht manchmal nur der Spezialist. Aber der an Wissenschaft Interessierte wird in jedem der Beiträge nicht nur auf den Kern zukünftiger Erkenntnis oder Erfindung stossen sondern deren Bedeutung andeutungsweise ermessen können. Ein paar Beispiele: Der theoretische Physiker Sean  Carroll vom Caltech schreibt: „Wir kennen alle Teilchen seit der Entdeckung des Higgs-Bosons.

 

Sie ist eine der größten Errungenschaften des menschlichen Geistes. Herauszufinden, wie diese einfachen Bausteine zusammenwirken und unsere komplexe Welt hervorbringen, ist eine Aufgabe, an der noch viele Generationen arbeiten werden.“ Oder: Der Begründer der evolutionären Psychologie John Tooby aus Santa Barbara beschreibt den andauerneden „Wettlauf zwischen genetischer Kernschmelze und gentechnischen Eingriffen in die Keimbahn.“ Der Kognitionswissenschaftler Joshua Bach vom MIT behauptet: „Alles ist Rechnen. Rechnen ist etwas anderes als Mathematik. Immer mehr Physiker erkennen, dass unser Universum nicht mathematischen, sondern rechnerischen Charakters ist und die Physik die Aufgabe hat, einen Algorithmus zu finden, der unsere Beobachtungen zu reproduzieren vermag.“ 

 

In eine ähnliche Kerbe haut der Physiker Alexander Wissner-Gross, ebenfalls vom MIT, der schreibt: „Datensätze sind wichtiger als Algorithmen!“ Die Anthropologin Nina Jablonski von der Penn State University fast ihren Beitrag wie folgt zusammen: „Lassen Sie uns unseren Körper nicht länger als Tempel aus Sehnen und einem Gehirn begreifen, sondern als sich weiterentwickelndes Ökosystem voller Bakterien, die unsere Gesundheit auf sehr viel mehr Arten und Weisen steuern, als wir uns je vorstellen können.“ Der Sozialpsychologe Richard Nisbett aus Michigan beschreibt die Desillusionierung und Unzufriedenheit armer weißer US-Amerikaner (eine Ursache des nicht verstandenen Trump-Erfolgs). Er fordert, „die Wissenschaft muss noch mit überzeugenden Theorien aufwarten, die aufzeigen, wie das Schicksal armer Weißer am unteren Ende der sozialen Leiter verbessert weden kann“. Die Pholosphin Rebecca Newberger Goldstein aus New York schreibt über „Genderisierung der Genialität“.

 

Sie hält die Unterschätzung des kreativen Potentials mehr als der Hälfte (der weiblichen) unserer Bevölkerung für so wichtig, dass ihre Überwindung einen großen Segen für die Menschheit bringen würde. Manche Beiträge desillusionieren die Propheten der KI, indem sie die Geschwindigkeit der Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz auf mehrere menschliche Lebensspannen reduzieren. Ein anderes wichtiges Thema behandelt der Evolutionsforscher Michael McCullough, der unter dem Titel “Die religiöse Moral schlägt meist unter der Gürtellinie zu“ das Phänomen beschreibt, dass religiöser Eifer und Fanatismus sich meist an Fragen der Sexualität entzünden „mit dem netten kleinen Extra, Gott auf seiner Seit zu wähnen“. 
Mathematik und Informatik, Umweltschutz und Wirtschaftswissenschaften, Astronomie und Mikrobiologie – Bereiche der Wissenschaft, in denen in absehbarer Zukunft grundlegen Neues zu erwarten oder zu erhoffen ist. Fast 200 Beiträge  renommierter Wissenschaftler geben einen durchaus auch unterhaltsamenVorgeschmack auf morgen, der nicht immer bitter aber auch nicht nur angenehm ist. Ein sehr interessantes Buch, das aufzeigt, wie entscheidend  Wissenschaft die Welt von gestern und heute in eine von morgen verwandeln wird.


Harald Loch


John Brockman (Hrsg.): Neuigkeiten von morgen
Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit über die wichtigsten Ideen, Entdeckungen und Erfindungen der Zukunft
Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Jürgen Schröder
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2018  635 Seiten   15 Euro

 

 

Geschichten aus der Geschichte

Todd stellt die verschiedenen Familienstrukturen in den Vordergrund seiner Erklärung der „Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus“, die der Untertitel verheißt. Im Studium in Cambridge befasste er sich mit „historischer Anthropologie“. Deren Methoden wendet er auch an, um eine „anthropologische Historiographie“ mit dem Werkzeug des Historikers und seinen spezifischen Methoden zu entwickeln. Kann das gutgehen? 


Schon die ungewöhnliche Zeitspanne verspricht neuartige Erkenntnisse. Der homo sapiens habe in einer Kernfamile gelebt, bestehend aus den Eltern und den Kindern, die sie im Erwachsenalter verlassen. Im Laufe der Zeit entwickelten sich weitere Sturkturen: Die Stammfamilie, in der meist die ältesten Söhne bei den Eltern leben und es zu Haushalten mit drei Generationen kommt sowie die kommunitäre Familie, zu der auch die Geschwister gehören. Weitere Unterteilungen ergeben sich aus dem Erbrecht mit den Varianten Erstgeburtsrecht, Testierfreiheit und egalitäre Gleichbehandlung. Die Eheschließungen erfolgen endogam mit der bevorzugten Heirat zwischen Cousins und Cousinen (im muslimischen Raum) oder exogam. So entsteht eine Vielzahl von Varianten.
Für seine Gesamtbetrachtung der Geschichte bildet er drei Schichten: Die bewusste Ebene, auf der es um die Ökonomie oder um Kriege, Verträge usw. geht. Auf einer unterbewussten Ebene steht nach Todd die Entwicklung von Kultur und Bildung (Alphabetisierung) und schließlich erfolgen auf der unbewussten Ebene die Veränderungen der Familienstrukturen. Er fasst das alles zu einem interessanten Schema zusammen, das ihm zur Erklärung von historischen Paradoxien dient: Die einzelnen Ebenen entwickeln sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und haben verschieden lange Wirkungsdauern. Für die Familienstrukturen rechnet er seit Sumer mit dem Beginn schriftlicher Aufzeichnungen mit einer „longue durée“ von 5000 Jahren, für die Bildung rechnet er in Zeiträumen von 500 Jahren (seit der Erfindung des Buchdrucks und der Reformation) und für die bewusste Ebene in Sprüngen von 50 Jahren etwa seit dem Beginn der Globalisierung, des Freihandels und des weltweiten Finanzkapitalismus. Religionen überlappen dieses Schichtung. Für deren Entwicklung und Erschlaffung setzt Todd etwa zweieinhalb Jahrtausende an. Zu verschiedenen Zeitpunkten befinden sich die einzelnen Ebenen in unterschiedlichen Stadien und die verschiedenen Ausprägungen der fortwirkenden Familienstrukturen führen zu einer historischen Unübersichtlichkeit, die er aber – etwas vollmundig - zu erklären verspricht: „Sich die Geschichte als Überlagerung bewusster, unterbewusster und unbewusster Schichten vorzustellen, führt zu einer neuen Darstellung von Geschichte, die ... in eine geistige Revolution von kopernikanischer Tragweite mündet.“


Aus alledem entwickelt der Autor einen atemberaubenden Ritt durch die Vergangenheit und die Zeitgeschichte. Bei ihm verschmelzen Historiographie und Geographie. Er stellt eine lange Wirkungsdauer von Familienstrukturen in Rämen fest, in denen heute die Strukturen nicht mehr so deutlich anzutreffen sind, aber dennoch fortwirken. Er sortiert einzelne Gesellschaften nach ihren überkommenen Familienstrukturen und ordnet ihnen historische Ereignisse zu. Für Deutschland und den Norden Europas macht er z.B. die autoritäre Stammfamilie aus und erklärt aus ihr die Reformation, deren Bedeutung für die weltweite Alphabetisierung er wiederholt unterstreicht. Im Pariser Becken überwiegt die egalitäre Kernfamilie, eine der historischen Voraussetzungen für die Französische Revolution. In England und im angelsächsischen Raum hatte sich frühzeitig die absolute Kernfamilie durchgesetzt, die er als Hinwendung zur anthropologischen Urform menschlichen Zusammenlebens beurteilt und der er die günstigste Prognose stellt.


Für die Gegenwart rückt er die unterschiedlichen Bildungsfortschritte und die Geburtenentwicklung in den Mittelpunkt seiner Betrachtung. In beiden Kategorien schneiden Deutschland und die anderen Gebiete mit einer von dem Typ Stammfamilie geprägten Gesellschaft eher schlecht ab. Seine Auseinandersetzungen mit der bundesdeutschen Gesellschaft sind sehr lesenswert und stimmen nachdenklich, wenn er etwa den im Verhältnis zu anderen entwickelten Gesellschaften zu beklagenden Rückstand in der Emanzipation von Frauen im Berufsleben herausstellt. In zahlreichen Tabellen und Grafiken verzeichnet er Zusammenhänge zwischen Familienstrukturen und gesellschaftlichen bzw. politischen Entwicklungen. Er trennt dabei Korrelationen nicht immer scharf von Ursachen. Das fûhrt manchmal zu willkürlich erscheinenden Schlüssen. So fügt der Autor die im Einzelnen interessanten und manchmal überraschenden Befunde mit eigenwilliger Urteilskraft zu nicht immer überzeugenden Ergebnissen in seinem verdienstvollen Kampf gegen die einseitig ökonomische Interpretation der Gegenwart.


Harald Loch


Emmanuel Todd : Traurige Moderne. 
Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo americanus
Aus dem Französischen von Werner Damson und Enrico Heinemann
C.H.Beck 2018. 537 Seiten zahlr. Karten, Tabellen und Grafiken 29,95 Euro

Nelson Mandela Briefe aus dem Gefängnis

Taugt ein Gefängnisinsasse, der fast drei Jahrzehnte hinter Gittern überlebte, zum Vorbild. Ja, denn über seinen Briefwechsel versuchte Mandela, seine Familienbeziehungen unter schwierigsten Bedingungen aufrecht zu erhalten. Er zeigte Verantwortung als politisch Handelnder, Gefangener, Anwalt, Ehemann, Onkel, Freund, Opa. Und so ist es die Enkelin, die in einem bewegenden Vorwort die politischen und die persönlichen Verhältnisse einordnet, die eine Art familiäre Antwort auf Mandelas Briefe in diesem dokumentarischen Buch formuliert. 

Mit seinem Verzicht auf ein geordnetes Familienleben legte er das Fundament für seine politischen Ideale im Kampf gegen die Apartheid. Das Erkämpfen der Demokratie war nur mit dem Verlust von Menschleben und dem Ertragen von viel Leid möglich.

 

Die Briefe demonstrieren die persönliche Widerstandsfähigkeit, um diese unerträgliche Situation als politischer Gefangener zu überwinden. Die persönliche, psychische Einstellung zählt, die einen überleben lässt, die Hoffnung gibt, um mit dieser optimistischen Einstellung gegen die Rassentrennung, die Apartheid anzukämpfen.

 

27 Jahre hinter Gitter, hinter Mauern. Unvorstellbar, und doch wahr. Die erste Verurteilung erfolgte am 12. Juni 1962. Unerlaubte Ausreise und Anstiftung zum Streik wurden mit fünf Jahren Haft bestraft.

Schon zwei Jahre später erfolgte die Bestrafung mit lebenslanger Haft wegen Sabotage. Als politischer Gefangener hatte Mandela die wenigsten Rechte, nur alle sechs Monate waren ein Besuch und nur ein Brief monatlich erlaubt, der wiederum nicht mehr als 500 Wörter umfassen durfte.

 

Für Mandela war klar, der Staat will ihn isolieren, entmutigen, demoralisieren, die Hoffnung nehmen, ihn in die Verzweiflung treiben und am Ende seine Moral brechen.

 

Mandela wurde nach der Verurteilung auf die Gefangeneninsel Robben Island verbracht. Von den allermeisten Briefen machte Mandela Abschriften, um sie zu dokumentieren, wenn sie durch die Zensur oder auf einem anderen Wege verloren gingen. Manche Briefe wurden gar nicht erst abgesandt durch die Gefängnisverwaltung.

Mandela war Vater von fünf Kindern, er sah sie erst, als sie schon 16 Jahre alt waren.

 

Wie es in der Einführung heißt, zeugen die Briefe von Zorn, Selbstbeherrschung, der Liebe zur Familie und zu seinem Heimatland, dem er die Freiheit schenkte.

Zehn Jahre hat es gedauert, bis die Briefe für dieses Buch zusammengestellt waren. Sie waren in 59 Pappkartons in verschiedenen Sammlungen aufbewahrt. Auf den Fotokopien fehlen einzelne Worte, oder Sätze waren ausgeschnitten. Sie waren durch die Gefängniszensur gegangen.

 

Das Buch gliedert sich nach den Briefen aus den vier verschiedenen Gefängnissen, in denen Mandela einsaß, und aus den beiden Krankenhäusern, in die Mandela verlegt worden war.

466/64 war eine der sechs Häftlingsnummern, die Mandela tragen musste und zugleich die bekannteste.

 

Das Essen bestand allein aus Maisbrei, Brot und Kaffee. Das Wetter auf Robben Island war im Sommer extrem heiß und im Winter unerträglich kalt. In den ersten zehn Jahren schliefen die Häftlinge auf Sisalmatten und dem Betonboden. Die Häftlinge wurden zu schwerster Haftarbeit im Steinbruch in die glühende Sonne Südafrikas geschickt, worunter ihr Augenlicht litt.

 

Am 11. Februar 1990 wird Mandela um 16.22 Uhr aus dem Victor-Verster-Gefängnis entlassen.

 

Das Buch ist ein einzigartiges Dokument menschlichen Freiheitswillens und Durchhaltevermögens. Es dokumentiert nicht nur die Briefe, im Anhang die Daten dazu, es benennt Personen, Orte, Ereignisse, listet eine Gefängnichronik auf, gibt eine Karte von Südafrika mit den zugehörigen Provinzen wieder, dokumentiert die Sammlungen mit der Herkunft und den Zeitangaben zu den Briefen, dank der Herausgeberin von Sahm Venter, die Senior Researcher der Nelson-Mandela-Foundation ist.

 

Ein umfangreiches Personenregister rundet das 752 Seiten umfassende Werk ab, zu dem die Enkelin Zamasdwazi Dlamini-Mandela ein Vorwort verfasst hat.

 

Eine Bauchbinde um das Buch zitiert Barack Obama: „Mandelas Worte geben uns einen Kompass in einem Meer des Wandels.“

Ohne Mandelas Kampf für Menschenrechte wäre ein afroamerikanischer Präsident Obama vermutlich niemals in die US-Geschichte eingegangen.

 

Nelson Mandela Briefe aus dem Gefängnis C.H.Beck

 

Pressestimmen

 

"Es sind fesselnde Dokumente, die davon Zeugnis ablegen, was ein Mensch vermag. Wie viel Kraft, wie viel Geradlinigkeit, wie viel helle Freundlichkeit noch in den dunkelsten Momenten des Lebens möglich sind."

Volker Weidermann, Der Spiegel

 

"Es sind eindrucksvolle persönliche Dokumente - und es sind lehrreiche Zeugnisse eines ebenso geschickten wie unbeugsamen politischen Kämpfers. (...) es sind die Briefe eines erstaunlich gefassten, klugen politischen Führers, der im Bewusstsein lebt, die Geschichte auf seiner Seite zu haben. Kein Zweifel: Dieser Häftling Nummer auf Robben Island war eine epochale Gestalt."
Alexander Cammann, Die Zeit

 

Link https://www.deutschlandfunkkultur.de/nelson-mandela-briefe-aus-dem-gefaengnis-eine.950.de.html?dram:article_id=423171

https://www.mdr.de/kultur/sachbuch-nelson-mandela-briefe-aus-dem-gefaengnis-100.html

 

https://www.hr2.de/literatur/buch-tipps/nelson-mandela-briefe-aus-dem-gefaengnis,buchtipp-nelson-mandela-briefe-aus-dem-gefaengnis-100.html

 

Dokumentation https://www.nelsonmandela.org/content/page/biography

 

 

Bayern leuchtet literarisch

Ist es möglich, 1300 Jahre Literaturgeschichte in einem Buch zusammenzufassen? Ja, es ist möglich! Ist es zulässig, regionale Literaturgeschichte, eine bayerische Literaturgeschichte für sich alleine zusammenzutragen. Ja, sagt Klaus Wolf, Professor für Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Augsburg! 


Zumal Bayern als Staat älter ist als Deutschland. Mangelnde territoriale Kontinuität in der Geschichte gilt ja für ganz Europa im allgemeinen, und Literaturgeschichte kann sich ja nicht allein nur an Städten orientieren, das wäre ein zu schmaler Focus. 
Sich an Stämmen und Landschaften zu orientieren, wäre genauso fragwürdig. Die regionale Geschichtsschreibung hat immens zugenommen, doch in der Literaturgeschichte stellt man blinde Flecken fest. 


Der literarische Regionalismus animiert also den Autor. Ebenso wäre es fahrlässig sich allein auf die urbanen Zentren zu stürzen. Auch wollte der Autor kein Nachschlagewerk erstellen. 
Die Methode, die Wolf anwendet, ist, übergreifend historisch-gesellschaftliche Interessen zu benennen, die spezifische Literaturtypen und Traditionen hervorgebracht hat. 
Dabei spielten Kunst und Kirchengeschichte, Geschichte überhaupt mit, übergreifende Themen also, die nicht allein an Epochen orientiert sind und eine reine Chronologie verbieten. 
Der Autor bietet eine Gesamtschau wichtiger Gattungen, Werke und Autoren, also eine fundierte Gesamtdarstellung, die von der Literatur des 8. Jahrhunderts bis hinein in die heutigen Tage zu Django Asül und Gerhard Polt reicht. 


Von den Agilofingern und Karolingern führt uns Wolf zu den Wittelsbachern, vom literarischen Leben um Ludwig den Bayern zu Universitätsstädten in Bayern und Meistersingern um Hans Sachs, von der Türkenmode bis zur Prinzregentenzeit, von den Literaten im I.Weltkrieg über die Nazizeit und bis zur Gruppe 47 und den Münchner Turmschreibern. Ja sogar Film- und Fernsehen, das Kabarett und München als Filmschauplatz werden mit berücksichtigt. 
Die Literaturgeschichte beansprucht keine Vollständigkeit, sie ist ausführlich, fundiert, setzt besondere Akzente und geht exemplarisch vor. In Abwandlung von Thomas Mann möchte man formulieren - in diesem Buch: Bayern leuchtet literarisch!


 

 

Mehr vom Meer


Geschichte spielt sich an Land ab, vieles entscheidet sich aber auf dem Meer. Eine Historiographie, die von beidem erzählt, wird keine bloße Geschichte der Seefahrt sein, aber die Perspektive wird sich auf die Entwicklungen auf den Meeren und deren Einfluss auf den festen Teil der Erde richten, auf dem die Menschen leben. Der Historiker Jürgen Elvert nimmt in seinem Buch „Europa, das Meer und die Welt“ die Neuzeit des Kontinents in seinen Blick, der mit seiner riesigen Küstenlänge wie kein anderer von einer „maritimen“ Geschichte bestimmt wird. Dazu muss der Autor nicht die ganze Entwicklung Europas nacherzählen, ohne sie bei allen Lesern als bekannt vorauszusetzen. Er beschränkt sich auf die Wechselbeziehungen zwischen Land und Meer, vertieft an wichtigen Stellen bis ins Detail und streift großzügig über andere Ereignisse, die für sein Narrativ eine geringere Bedeutung haben. Der Autor ist 1955 in Eckernförde geboren, ist also mit Ostseewasser getauft, in einer kleinen Hafenstadt aufgewachsen. Sein Buch ist aus einem Forschungsprojekt an der Universität zu Köln hervorgegangen, das von der Europäischen Union im Rahmen der Jean-Monnet-Förderlinie unterstützt wird. Parallel zum Buch wurde die Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museum in Berlin zum Thema „Europa und das Meer“ (13.6.2018 – 9.1.2019) entwickelt. Ein dritter Teil des Jean-Monnet-Projekts wird derzeit vorbereitet, in dem es um die Rolle von Häfen geht.


Seine Grundgedanken beschreibt Elvert in einem leidenschaftlichen Prolog: „Das Meer ist der rote Faden in diesem Buch, denn über das Meer veränderten die Europäer die Welt. Diese wiederum veränderte daraufhin – ebenso über das Meer – die Europäer. Die Hafenstädte, in denen die Wechselwirkungen zwischen Europa und der Welt zuerst, unmittelbar und ungefiltert ihre ganze Dynamik entfalten konnten, waren gewissermaßen Laboratorien der europäischen Moderne, weil in ihnen – bildlich gesprochen – großangelegte Experimente stattfanden, welche die Entwicklung auch der Gesellschaften im Hinterland des Kontinents stark und nachhaltig beeinflussten.“ Diesem Entwurf seiner Geschichtserzählung folgt der Autor auf erstaunlich vielen Teilgebieten. Die Entwicklung der maritimen Hard- und Software, also von Schiffen und Hafenanlagen wie Karten und Navigationsmitteln beschreibt Elvert ebenso sachkundig und detailreich wie die Fahrten der Entdecker, die Lebensschicksale einzelner Pioniere, die volks- und betriebswirtschaftlichen Aspekte der Welterschließung über die Meere, den Einfluss von religiöser Missionsarbeit, den europäischen Sklavenhandel oder die Entwicklung des Seevölkerrechts wie die überseeische Migration. Er betrachtet die sich geradezu revolutionäre Entwicklung der Konsumgewohnheiten durch bislang unbekannte Pflanzen wie Kartoffel oder Tomate und von Genussmitteln wie Tee, Kaffee oder Tabak, die alle erst von Übersee nach Europa kamen und ihren Einfluss auf die Gesellschaft.


Zahlreiche Abbildungen vermitteln eine schöne Ergänzung des ohnehin sehr plastisch erzählten Textes. Zwei große Karten im Vor- bzw. Nachsatz zeigen die Entdeckungsfahren über die drei Weltmeere und werden durch ausführliche Erläuterungen intelligent erschlossen. Dadurch wird das Buch zum Nachlagewerk mit Bestand. Es wendet sich an ein historisch interessiertes Publikum, das sich von dieser neuen, maritimen Perspektive der europäischen Geschichte überraschen lassen will und bei der Lektüre viel erfahren wird, was bisher nur Spezialisten unter den Historikern bekannt war. In der Einschätzung und Gewichtung mancher Ereignisse beweist der Autor keine ungestüme aber behutsame Urteilskraft. Entstanden ist eine in Stil und Inhalt überzeugende neue Geschichtserzählung von Europa in der sich über das Meer erweiternden Welt. 


Harald Loch


Jürgen Elvert: Europa, das Meer und die Welt
Eine maritime Geschichte der Neuzeit
Deutsche Verlagsanstalt, München 2018   591 Seiten   45 Euro

 

Neue Fischer Weltgeschichte  Band 12 Henk Schulte Nordholt: Südostasien

Unter Südostasien verstehen Geographen und Historiker das Gebiet zwischen Indien im Westen, China im Norden, Ozeanien im Osten und Australien im Süden.

 

Den Begriff „Südostasien“ verwenden sie erst seit 70 Jahren. Das Gebiet umfasst etwa 4,5 Millionen Quadratkilometer und in den 11 Staaten leben fast 600 Millionen Menschen. Es ist damit so groß wie die Europäische Union und wird von deutlich mehr Einwohnern bewohnt.

 

Die Nationalstaaten der Region haben sich in der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN) zusammengeschlossen. Im Einzelnen handelt es sich um Brunei, Kambodscha, die Philippinen, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, Singapur, Thailand und Vietnam sowie als jüngstes Mitglied Timor-Leste.

 

Der niederländische Historiker Henk Schulte Nordholt von Universität Leiden hat jetzt im Rahmen der Neuen Fischer Weltgeschichte eine erste Überblicksdarstellung dieser ja nicht unbedeutenden Region verfasst. Er rückt damit einen durch große Verschiedenheit und auch überraschende Parallelen, durch den Indischen und den Pazifischen Ozean, durch die Monsunwinde und durch eine höchst wechselvolle Geschichte bestimmten Subkontinent in den Blick.
Dass ein Niederländer die Geschichte dieser Region untersucht, ist kein Zufall. Die in der frühen Neuzeit erfolgte Zuordnung einzelner Territorien zu Gebieten, aus denen sich später Nationalstaaten entwickelten, folgte der kolonialen Eroberung durch fünf europäische Mächte: Portugal und Spanien in den Anfängen, später durch die Niederlande, Großbritannien und Frankreich. Die pazifischen Großmächte USA und Japan beeinflussten erst in den letzten 120 Jahren die Entwicklung.


Die Kolonialgeschichte und die Befreiung von der Kolonialherrschaft sind ein Kernstück der detailreichen Darstellung. Aber die hier kaum bekannte Zeit vor den kolonialen Besitzergreifungen nimmt einen wichtigen Teil seiner Darstellung ein, der für das Verständnis der späteren Entwicklung unerlässlich ist. Das Buch führt über die Dekolonisation hinaus in die Zeit des Kalten oder auch, wie in Vietnam, mörderischen Krieges, in die Zeit der autoritären Regime bis in die Gegenwart, die durch Globalisierung und unterschiedliche Entwicklungen der Demokratisierung gekennzeichnet ist.

 

Das alles auf gut 500 Seiten unterzubringen, ohne wichtige Ereignisse oder strukturelle Entwicklungen zu vernachlässigen, verdient hohen Respekt. Die gute Lesbarkeit des Textes hat unter der Fülle des Inhalts nicht gelitten.


„In unserem Wissen über wichtige politische Prozesse in Asien ist eine Leerstelle entstanden – Südostasien. Es ist höchste Zeit, diese Lücke zu schließen“, schreibt der Autor, das gelingt ihm hervorragend. Sein Ausblick zeigt aber auch die ganze Problematik. Auf einer Kartenfolge zeigt er z.B. die dramatische Entwaldung Borneos seit 60 Jahren. Für die ganze Region sieht er zwei Herausforderungen: „Die erste betrifft die soziale Ungleichheit und die Gestaltung einer Zivilgesellschaft. Bezogen darauf stellt sich die Frage, inwieweit Demokratisierung zu einem stärkeren zivilgesellschaftlichen Bewusstsein beitragen kann, in dem der Fokus nicht allein auf den Pflichten der Bürger liegt, sondern auch deren Rechte respektiert.“ Die zweite Frage ist, welche Antworten auf die Klimaveränderung gefunden werden, auf die Gefahren steigender Meeresspiegel und die aus dem Rhythmus geratenen Monsune. Die Zeitbombe tickt.


Harald Loch


Neue Fischer Weltgeschichte Band 12
Henk Schulte Nordholt: Südostasien
Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke
S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, zahlreich Abbildungen und Tabellen   558 Seiten   32 Euro 

Oper zwischen Diktatur und Demokratie

Titel Misha Aster STAATSOPER Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert Mit einem Vorwort von Daniel Barenboim SIEDLER 

 

Autor Misha Aster, geboren 1978 in Kanada, ist Historiker, Musikwissenschaftler und Dramaturg. 

 

Inhalt Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper in einem breiten Geschichtspanorama im 20. Jahrhundert

 

Gestaltung 540 Seiten, Hardcover mit Fotos im Text integriert inklusive Vorwort von Daniel Barenboim. Aus dem Englischen von Martin Richter
Vorwort, Einleitung, 9 Kapitel, Epilog, Dank und umfangreicher Anhang mit Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis, Personenregister und Bildnachweis 

 

Cover Blick in die Stuhlreihen und auf den Balkon

 

Zitat „Die Geschichte der Berliner Staatsoper verzeichnet Tradition und Schmerz, Tragödie und Mut, große Erfolge und tiefes Scheitern - Begleitung und Taktschlag für die unermüdliche Suche nach seiner Identität“. 

 

Meinung Meine Güte, was für ein detailreiches, tiefgründiges, ausführliches Geschichtspanorama, das der kanadische Historiker, Musikwissenschaftler und Dramaturg da zeichnet. Es ist nicht weniger, als ein deutsches Opernhaus in einem deutschen Jahrhundert darzustellen, das linke und rechtsradikale Revolutionen, also Diktaturen und Demokratien, miterlebt hat, das – wie Barenboim im Vorwort schreibt – „ … hinsichtlich ihrer Historie“ einzigartig dasteht. 


Die Chronik der Oper ist parallellaufend zur Geschichte des 20. Jahrhunderts bis 1989, von Hofoper der Hohenzollern, über die Deutsche Staatsoper bis zur Staatsoper Unter den Linden, der Daniel Barenboim nun schon seit 25 Jahren vorsteht. Es eine Geschichtsdarstellung durch die handelnden Personen der Staatsoperngemeinschaft betrachtet, wie der Autor eingangs schreibt. 


In der Hyperinflation kostete ein Opernplatz hunderte Millionen, in der Nazizeit trat die Oper im Gleichschritt und unter Görings Schutz auch nicht, die Oper erlebt Klemperer und Richard Strauss, Staatsakte mit Führerloge, Goebbels war stets für ein aktives Eingreifen der Regierung in die Kultur. 


Karajan startet seine Karriere und wird zum Herausforderer für Furtwängler. Wir erleben die Oper im Nachkriegsberlin einer Trümmerstadt, die geteilt war in Ost und West. Und plötzlich lag die Oper hinter der Mauer im Osten, und es stellte sich die Frage: Wer kann in der DDR dirigieren, und das war erst mal nicht politisch, sondern musikalisch gemeint, und dürfen Westkünstler in Ost-Opern auftreten? 
Die DDR entschied sich für den dogmatischen Kurs. Auf der Bühne und im Orchestergraben treten auch IMs auf, die das Verhalten der Staatsopernbediensteten zu Westbesuchern auskundschaften. 
Ausführlich beschäftigt sich der Autor mit der Staatsoper in der Wendezeit und dem Antritt Daniel Barenboims in turbulenten Zeiten der Wiedervereinigungsproblematiken. Und am Ende steht die Erkenntnis, dass Geschichte keine Ansammlung positivistischer Art von stetigem Lernen und Wachstum ist, sondern ein gefährlicher Hindernislauf voller Versuche und Irrtümer. Die aktuellen Zeiten kommen etwas zu kurz, aber mit der Gegenwart fremdeln Historiker naturgemäß, weil sie sich in die Geschichte vertiefen. Und in diesem Fall sehr tief. 

Leser Eher nur für Opernfans und Geschichtsinteressierte – ein Buch mit großem Personaltableau und historischer Breite

 

Pressestimmen 
„Misha Aster hat die verschlungenen Wege der Berliner ‚Staatsoper‘ mit dem emotionalen Elan des findigen, die historischen Quellen virtuos ausschöpfenden Geschichtsschreibers erzählt.“ Süddeutsche Zeitung (07.12.2017

Christopher de Bellaigue:                                 Die islamische Aufklärung

Das Pendel schwingt überall zwischen Glaube und Vernunft. Der Versuch, beides haben zu wollen, scheiterte oft. Manchmal gelingt er – individuell und auch in Gesellschaften. Die aktuellste Frage lautet: Wie steht es damit in der 1,4 Milliarden Menschen umfassenden islamischen Welt? Während des europäischen Mittelalters blühten die „vernünftigen“ Wissenschaften von Andalusien bis Bagdad, also im arabisch-islamischen Orient. Dessen kulturellen Vorsprung holten die Europäer erst mit der Renaissance, später mit der Aufklärung und dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt auf. Diese Entwicklung kam in der islamischen Welt erst mit Verspätung und Missverständnissen an. Den Zusammenprall beschreibt der 1971 in London geborene Historiker und Orientkorrespondent Christopher de Bellaigue in seinem Buch „Die islamische Aufklärung“.

 
Er beginnt mit Napoleons Ägyptenfeldzug von1 898, der die dortige islamische Gesellschaft wie ein Keulenschlag traf. Sie wurde mit zeitgenössischer Technik und der Rationalität der Französischen Revolution konfrontiert, die Anpassung und Ablehnung zugleich herausforderten. Der in Cambridge ausgebildete Autor beschreibt den französischen Einfluss auf eine kleine intellektuelle Schicht in Ägypten. Er untersucht in seinem Buch die anderen Brennpunkte islamischer Modernisierung: Istanbul und Teheran, wo er lange gelebt hat, in denen die Konfrontation mit dem Westen je eigenen Regeln folgte aber nach ähnlichem Muster ablief.


Die Grundlagen für das, was Bellaigue „islamische Aufklärung“ nennt, wurden im 19. Jahrhundert gelegt. Entscheidend dafür waren nicht nur importierte Maschinen sondern auch die Überwindung religiöser Tabus, die es z.B. lange Zeit unmöglich machten, Menschen zu sezieren, um anatomische Erkenntnisse zu sammeln. Erst mehrere hundert Jahre nach Gutenberg kam dessen Erfindung in den islamischen Ländern an. Der erste Buchdruck des Korans war eine von traditionellen Geistlichen scharf kritisierte Provokation. Erstmals wurden Zweifel an der Rangordnung zwischen Glauben und Vernunft laut und auch bekämpft. In Sternwarten betrieb man astronomische Forschung und das „normative Projekt“ des Islam, die Scharia, wurde von fortschrittlichen Kräften relativiert, der Primat des Religiösen über das Weltliche mit Zweifeln belegt. Frauen begannen, sich in die Entwicklung einzumischen.
Diese Ansätze, die der Autor an einzelnen Personen, ihren Werken und Handlungen belegt, wurden durch die Ergebnisse des Ersten Weltkrieges in Frage gestellt. Die koloniale Ausbreitung setzte sich nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches im Orient fort. Ägypten war von Großbritannien abhängig, das den Suezkanal kontrollieren wollte. Syrien und Libanon wurden französische Mandatsgebiete, der Irak britisches und Saudi-Arabien und die Golf-Anlieger gehorchten westliche Großmächten. Die Türkei musste sich griechischer und westlicher Angriffe erwehren, ehe es in dem anatolischen Kerngebiet eine Nation und einen Staat bilden konnte. Atatürk war der autokratische Modernisierer des Landes, der einen rigorosen Laizismus, die lateinische statt der arabischen Schrift und die „Befreiung“ der Frau vom Schleier erzwang. Der Iran verfiel wegen seines Ölreichtums völlig in britische Abhängigkeit und wurde vom Fortschritt abgehängt. Die erste Eisenbahn fuhr dort hundert Jahre nach ihrer Erfindung. Nachdenkliche entwickelten eine grundsätzliche Abneigung gegen den Westen und entdeckten den Islam als ihr Eigenes, das sie dem kolonialistischen Westen entgegensetzen konnten. Damals begannen der Aufstieg der Moslembrüder und eine aus Religion und Nationalismus gespeiste Gegenaufklärung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt fortsetzte. Persönlichkeiten wie Nasser in Ägypten oder auch Erdogan in der Türkei stehen für dieses brisante Gemisch. Der Westen hat oft zur Wahrung seiner ökonomischen oder strategischen Interessen eingegriffen, am verheerendsten im Iran, als der frei gewählte Ministerpräsident Mossadegh, der die britischen Ölquellen verstaatliche hatte, 1951 vom britischen Geheimdienst und der CIA gestürzt wurde.
Bellaigue beschreibt den über 200 Jahre währenden Kampf zwischen Vernunft und Glauben als Hintergrundinformation zu den aktuellen Auswüchsen eines politischen Islamismus, der die Welt beunruhigt. Er bleibt zwar den Beleg für einen originär islamischen Beitrag zu dem, was man „Aufklärung“ nennen könnte, schuldig. Oft sind es ja nur Übernahmen aus dem Westen, die mit dessen „imperialistischer“ Diskreditierung auf islamische Skepsis und Ablehnung stoßen. Der Versuch, die Errungenschaften der Aufklärung mit dem religiösen Bekenntnis zum Islam zu versöhnen ist allerdings so kühn, wie er auch im „Abendland“ war – Irrwege, Schmerzen und Opfer inbegriffen.


Harald Loch


Christopher de Bellaigue: Die islamische Aufklärung. Der Konflikt zwischen Glaube und Vernunft 1798 bis heute
Aus dem Englischen von Michael Bischoff
S. Fischer, Frankfurt am Main 2018   542 Seiten   25 Euro

 

 

Zwangsgeräumt - Armut in den USA

Vor zehn Jahren erschütterte die Finanzkrise die Welt. Sie hatte in den USA als Immobilienkrise begonnen und riesige Verluste bei Banken, Versicherungen und Privatpersonen verursacht. In den meisten Fällen mussten die Steuerzahler die Sünden der Zocker im Finanzkapitalismus bezahlen. Dabei gerieten die Verluste derjenigen aus dem Blick, die keine Steuern zahlen – nicht, weil sie sie raffiniert vermeiden, sondern weil sie zu arm sind, über kein steuerpflichtiges Einkommen verfügen. Auf dem Höhepunkt der Krise hat der amerikanische Soziologe Matthew Desmond von Mai 2008 bis Dezember 2009 eine bemerkenswerte Feldforschung unternommen, über die er jetzt nach einem Prozess des Nachdenkens in einem bemerkenswerten Buch Zeugnis ablegt: „Zwangsgeräumt“. Die New York Times urteilte beim Erscheinen des amerikanischen Originals im vergangenen Jahr: „Ein kometenhaftes Buch – etwas, das nur sehr selten erscheint.“

 

Der Autor ist inzwischen Professor für Soziologie an der Harvard University. Er wollte seinerzeit wissen, wie es am untersten Ende der Betroffenheit der subprime-crisis aussieht. Er mietete sich in den ärmsten Vierteln der amerikanischen Großstadt Milwaukee ein. Zunächst in einen Trailer-Park, in dem 130 Wohnwagen an exmittierte Einzelpersonen und Familien für jeweils etwa 500 $ vermietet wurden. Danach zog er in ein nahezu ausschließlich von Schwarzen bewohntes Viertel der Stadt. Er lebte und sprach mit seinen Nachbarn, erkundete deren Wohnungssituation, hielt dabei den für seine Forschungen notwendigen Abstand, entwickelte aber aus diesem Abstand die Empathie, aus der er die Motivation für sein Buch und sein Engagement entnimmt. Er erzählt die Geschichte von acht Familien am ärmsten Rand der amerikanischen Gesellschaft. Er sieht auch auf die Lage von Vermietern, die mangels anderer Alternativen von ihrem kleinen Vermögen ein oder mehrere Miethäuser erworben haben und diese kaum instand halten können. Deshalb schmeißen sie säumige Mieter raus -oft mit ungesetzlichen Mitteln. „Zwangsgeräumt“ erzählt von Schicksalen, in denen der Lebensmittelpunkt, die eigene Wohnung, zur Quelle von Verzweiflung, Kriminalität, Drogensucht und Suizid wird.

 

Die aus Hunderten von Begegnungen ausgewählten acht Beispiele stehen für Millionen Amerikaner. Das spannend erzählte Buch wird zum soziologischen Meisterwerk durch die vielen, oft sehr ausführlichen Fußnoten. In ihnen werden Zahlenwerke und Forschungsergebnisse aus der eher typischen Großstadt Milwaukee aber auch aus den ganzen USA als Hintergrund zusammengetragen. Aus den Beispielen wächst ein Allgemeines zusammen. Wohnungs- und Sozialpolitik, Rassismus und familiäre Gewalt auf dem Boden unakzeptabler Wohnbedingungen, Stadtplanung und Einkommensverteilung – alles gehört auf seinen Prüfstand. Das Prekariat in einem der wohlhabendsten Länder der Welt schreit zum Himmel, der nicht helfen wird – das weiß auch der Autor, der Sohn eines Predigers ist.


Die Wohnungsnot nimmt auch hierzulande immer dramatischere Formen an. Zwar sind die sozialen Netze hier deutlich haltbarer als in den USA, wo angeblich jeder seines eigenen Glückes Schmied ist und wo der „amerikanische Traum“ für Millionen zum Alptraum geworden ist. Aber wenn hier die Zinsen deutlich steigen, die Immobilienkredite nicht mehr bezahlbar sind, wenn die Arbeitslosigkeit einmal wieder steigen wird, stellen sich die Probleme ähnlich dar: unbezahlbarer Wohnraum wird zu dem führen, was der Autor mit seinem Buch beklagt: „Zwangsgeräumt“!


Harald Loch
 
Matthew Desmond: Zwangsgeräumt – Armut und Profit in der Stadt
Aus dem Amerikanischen von Volker Zimmermann und Isabelle Brandstetter
Ullstein, Berlin 2018    536 Seiten   26 Euro

 

Die Kunst des Interviews

Warum ist das Buch so spannend zu lesen?

 

Weil Sven Michaelsen in seinen besten Interviews mit den Promis dieser Welt einen Tiefgang erreicht und dabei viele Überraschungsmomente liefert. Vor allem ist es die psychologische Ebene, die beim Interviewpartner Lockerungsmomente verursacht, Offenheit herstellt. Geleitet von Geduld, Witz und sanfter Neugier, wie Benedikt Erenz im Vorwort schreibt. Ob Modemenschen oder Popliteraten, Literaturkritiker oder Literaturproduzenten, Verlegerpäpste oder Schauspielerinnen, Philosophieprofessoren oder DDR- Dissidenten, es ist eine Art langsamer Sezierprozess, eine Art Frage-Computertomographie, die diese Interviewpersonen durchleuchtet.


Handke erweist sich wieder einmal als Widerspenstiger: „Sie blättern da wie ein Untersuchungsrichter in ihren Aufzeichnungen.“  Raddatz erzählt wieder einmal sein Kindheitstrauma, von seiner Stiefmutter verführt worden zu sein, auf Anleitung seines Vaters, warum er so gerne den Eitelkeits-Hypochonder-Dandy gibt und woran die Freundschaft mit Grass zerbrach. Die Promisekretärin von Augstein, Kanzler Schmidt und Raddatz Heide Sommer öffnet ihr Nähkästchen und plaudert munter drauf los, wer es mit wem hatte. Ruth Klüger berichtet aus der KZ-Hölle und hält Walsers Roman Tod eines Kritikers für antisemitisch. Sloterdijk outet sich als bekennender Bagwhan-Jünger. Er hält 90 Prozent der sexuellen Aktivitäten für „blöde Rammelei“. Er beschimpft die Wochenzeitung ZEIT: „Anbiederung an die Massenkultur“. Und er wird sterben, weil er vom Fahrrad fällt.


Die Verlegerin Inge Feltrinelli lebte mit Hemingway auf dessen Finca auf Kuba, traf Ulrike Meinhof auf Sylt, wurde Grossverlegerin („Dr. Schiwago“, „Der Leopard“) und überlebte 57 Buchmessen. Suhrkamp-Lektor Fellinger bearbeitete Handke-Manuskripte und Bernhard-Bücher „als großer Dulder“ und bekennt: „Welcher Schriftsteller ist kein Kotzbrocken?“ Hanna Schygulla findet sich nicht schön, liebte den Drehbuchautor Jean Claude Carriere, bekam nie einen Heiratsantrag und hielt den chaotischen Despoten Fassbinder aus.


Und Hubert Burda, der als „Rheumadeckenverleger“ von Kollegen gehänselt wurde, nennt Peter Handke seinen Freund, spielt den Internetpropheten, kann aber nicht mal eine Mail schreiben, doch, was ihn im Innersten beschäftigt ist: „Sterben lernen“. 


Sven Michaelsen DAS DRUCKEN SIE ABER NICHT Die besten Interviews PIPER

 

Saviano/Lorenzo Erklär mir Italien

Titel Roberto Saviano/Giovanni di Lorenzo: Erklär mir Italien! Übersetzung Sabina Kienlechner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 266 Seiten.

 

Autor Giovanni di Lorenzo ist deutsch-italienischer Herkunft, Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Fernsehmoderator und Autor zahlreicher Bestseller: »Vom Aufstieg und anderen Niederlagen« (2014), zusammen mit Helmut Schmidt »Verstehen Sie das, Herr Schmidt?« (2012) und »Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt« (2009) sowie mit Axel Hacke »Wofür stehst Du?« (2010).

 

Roberto Saviano ist der heute wohl bekannteste Autor Italiens. Sein Buch »Gomorrha«, das von den Machenschaften der neapolitanischen Camorra in seinem unmittelbaren Umfeld berichtet, wurde zu einem Weltbestseller und später als preisgekrönter Film und als TV-Serie adaptiert.

 

Gestaltung Handliches Hardcover, Inhaltsverzeichnis, Zitate als Überschriften mit Inhaltserklärungen in der Unterzeile, ein gemeinsames selbstreflektorisches Skype-Gespräch zum Schluss über das Buch und Danksagung

 

Cover Beide Autoren als Porträt-Köpfe, dazwischen als Trenner die Schlagzeile und ein zweites farbiges Coverbild: Vespa und Madonna

 

Zitat „Es gibt keinen frommeren Menschen als einen Mafioso“.

 

Meinung Saviano kann analysieren, hat historischen Background. Lorenzo, Halbitaliener kann fragen und bekommt Antworten. Doch der Buchtitel: „Erklär mir Italien“ führt etwas in die Irre: „Erklär mir die Mafia und Italien“ wäre der genauere gewesen, denn mehr als ein Drittel der Kapitel beziehen sich auf das Mafia-Italien und auch auf den anderen Seiten spielt das Thema immer wieder hinein. „Wo bleibt das Positive“ über Italien, á la Kästner, möchte man fragen, ja verdammt wo bleibt es denn…

 

Das Buch ist düster, kein Wunder, wenn man das Thema durch die Brille eines bedrohten Journalisten sehen muss, der zeitweise in New York lebt, seine Heimat nur ab und an besuchen kann und darf und ständig seit 2006 unter Polizeischutz lebt. Wer das „Gomorrha“-Besuch des renommierten Buchautors gelesen hat, weiß schon ziemlich vier über die mafiösen Strukturen vor allem des südlichen Italiens.

 

Eine Kritikerin vom SPIEGEL meckert über das „platte Bild“ vom alpinen Norden bis zur südlichsten Spitze Siziliens. Platt ist es nicht, aber zuweilen „plätschernd“, eben gesprächig. Ein „Talk“  besteht eben aus Zuspitzungen, Pointen, Anekdoten, da fallen Fakten schon mal unter den Tisch, das fordert Kritiker heraus, sie haben Di Lorenzo vorgeworfen, zu sehr den eigenen Klischees und Stereotypen als Halbitaliener nachzuhängen und Saviano wird hinterfragt, weil er die vielfältige Anti-Mafia Bewegung nicht genau genug zu würdigen vermag.

Dennoch erfahren wir viel über Land und Leute, Liebe und Laster, die Mafiahochburgen und die PATEN, über Berlusconi und Babykiller, den Süden und Norden und vieles, vieles mehr. Doch das liebenswürdige, opernverrückte, kulinarische, historische Italien mit seinen Geistesgrößen und seinen Fußball-Verrückten steht etwas im Abseits.

Vielleicht stehen der Italiener und der Halbitaliener ihrer Heimat zu nahe und vielleicht sind sie auch ein bisschen zu gut befreundet. Dennoch liest sich das Buch unterhaltsam und spannend zugleich, wir hören beim Lesen des Buches mehr zu als wir es lesen. Und es gilt auch ein zweites Zitat Kästners: „Ein Friedhof ist kein Lunapark“.

 

Leser Italien-Fans und Kritiker

 

 

PRESSE

 

»Für Leser ist dieses Buch wie ein Abend bei Freunden, die einem das rätselhafte Italien begreiflich machen.« Giuseppe Di Grazia, Stern

 

»Ein tolles Interviewbuch, habe ich mit großer Freude gelesen.« Markus Lanz

 

»Wer Italien liebt, liebt es nach der Lektüre noch intensiver.« Anna Vollmer, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 

»Spannend und im freundschaftlichen Dialog dann ansatzweise auch spannungsvoll [...].« Peter von Becker, Der Tagesspiegel

Das kulturelle Geflecht: WURZELN

„Seit einigen Jahrzehnten erleben wir überall in Europa eine Wiederbelebung der Tradition.“

 

Mit diesen Worten leitet der italienische Altphilologe und Anthropologe Maurizio Bettini seinen zweiteiligen Essay „Wurzeln“ ein. Der Untertitel lässt keinen Zweifel daran, wie er darüber denkt: „Die trügerischen Mythen der Identität“. Es ist schon erstaunlich, dass gerade der Gründer und Direktor des Centro Antropologia e Mondo antico der Universität Siena die Axt an die vermeintlichen „Wurzeln“ seines italienischen, unseres europäischen Selbstverständnisses legt. Aber er benutzt nicht das Beil sondern behandelt die Wurzeln vielmehr elegant mit einem durch seine umfassende Bildung geschärften Seziermesser. In einem ersten Kapitel demontiert er die Gewalt der Metapher „Wurzel“ und deren Autorität, die gleichsam aus dem jeweiligen Boden Traditionen und Identität nach oben fördert. Er stellt ihr die von den Gipfeln der Berge Sinai, Golgatha und Akropolis herabwirkende Kraft zur Seite, aus der Neue Traditionalisten – zusammen mit den Wurzeln – eine jüdisch-christlich-antike abendländische Kultur- und Wertegemeinschaft herleiten.

 

Bettini untersucht die Qualität von gemeinsamer „Erinnerung“ und wie sie sich – je nach Bedarf – rekonstruieren und manipulieren lässt. Am Beispiel von Jerusalem behandelt er die „tragischen Paradoxien der Tradition“: Der jüdische Tempel von König Salomon, das sogenannte Gartengrab als „authentischer“ Ort der Kreuzigung Christi und die al-Aqsa-Moschee, als Ort, von dem für die Muslime der Prophet auf einem geflügelten Pferd in den Himmel aufgestiegen ist konkurrieren als ganz unterschiedliche Wurzeln für Ansprüche, die nicht erst seit den Kreuzzügen bis heute so blutig verfolgt werden.


In einem zweiten Teil wird Bettini noch konkreter und stellt den anthropologischen Ansatz gegen eine wurzelbasierte Nostalgie. Er plädiert für eine offene Betrachtungsweise von Kulturen und gegen eine lediglich nach innen gewandte, die der Abschottung dient. Er ruft die Märchen der Brüder Grimm ebenso auf, wie die Erzählungen aus 1001 Nacht, die Odyssee oder die Volksmärchen anderer Völker als Quelle von Vielfalt, über die glückliches Staunen angesagt sei. Die athenische Demokratie als Wurzel westlicher Staatsorganisation hinzustellen, ignoriert einerseits den Ausschluss der Mehrheit der Bevölkerung Athens vom Abstimmungsprozess (Frauen, Sklaven, Fremde nahmen daran nicht teil) sondern auch, dass in ganz anderen Kulturen – persischen, abessinischen, kosakischen – ebenso „demokratisch“ über Politik abgestimmt wurde. In der Finanzkrise des modernen Griechenland wurde das Mutterland der Demokratie von den verschiedenen Akteuren der europäischen Politik ganz unterschiedlich und opportunistisch für ihre jeweiligen Zwecke beschworen oder – wie in dem von der Weimarer Klassik Hellas-nostalgisch geprägten Deutschland – einfach ignoriert. Die Wurzeln sind eben „lebendig“ und werden je nach Bedarf benutzt oder nicht.


In Norditalien identifiziert sich die Lega Nord mit der Nationalspeise Polenta, ohne zu bedenken, dass deren „Wurzeln“, der Mais ebenso aus Mittelamerika stammen wie die Tomate, die auf keiner Pizza fehlen darf. Dafür gilt das Verspeisen von Singvögeln als unverzichtbarer Bestandteil der kulinarischen Wurzeln Italiens. So dekliniert Bettini den Unsinn der Berufung auf welche Wurzeln auch immer durch viele Bereiche unserer Kultur. Eindrucksvoll ist auch sein Beispiel einer Ordensgemeinschaft im Rom der frühen Neuzeit, in der Männer untereinander nach römisch-katholischem Ritus geheiratet haben. Gehört diese Fußnote nicht auch zu den Wurzeln oder nicht doch eher die Tatsache, dass acht von diesen Männern auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden? Geistreich ficht der Autor „Gegen die Wurzeln“ – so hieß sein früheres großes Buch - und vor allem gegen die anthropologisch und historisch falsche Berufung auf angebliche Wurzeln und ihren Einsatz zum Zweck der politischen Manipulation. Warten wir ab, was Seehofer aus seinem Heimatministerium macht!


Harald Loch


Maurizio Bettini: 
Wurzeln. Die trügerischen Mythen der Identität
Aus dem Italienischen von Rita Seuß
Verlag Antje Kunstmann, München 2016   160 Seiten   16 Euro

 

 

DSCHIHAD intern - Nur wenn die allein kommst...

Es gibt selbst ernannte Experten in Deutschland, daneben von Journalisten einfach so geadelte und dann titulierte, obwohl sie gar keine Experten sind, es gibt virtuelle Experten, dann Expertenexperten, und es gibt last but not least wirkliche Experten/INNEN. 
Souad Mekhennet ist eine solche. 


Expertin für Dschihad, Terrorismus, Islam weltweit, für investigativen Journalismus, der nur einem verpflichtet ist: der Wahrheit. 
Dem allgemeinen ICH-Trend mal folgend, erwähne ich hier ausnahmsweise, dass Ich Souad Mekhennet in Frankfurt beim Hessischen Rundfunk im Zeitfunk als außerordentliche begabte und talentierte, hartnäckig recherchierende Journalistin  kennengelernt habe, die wie ich selbst an hasenherzigen verantwortlichen Redakteurskollegen verzweifelt ist. 


Ein Beispiel: Als ich mit dem Interview und der Recherche in die Redaktion zurück kam, dass Saddam Hussein niemals Massenvernichtungswaffen haben kann, (Quelle war der Leiter des UNO-Food-Programms im Irak) glaubte mir in Deutschland kein Mensch. 
Die Bush-Kriegsmaschine war ja im Gang und im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Dass Peter Ustinov während eines Interviews mir im Hotelzimmer eine halbe Stunde Präsident Bush im Rollstuhl vorspielte, das war schon ein Beitrag wert!


Souad Mekhennet ist Reporterin bei der "Washington Post", sie arbeitete für die NEW YORK TIMES, den SPIEGEL und für DIE ZEIT. 
Sie bearbeitet mit solider Gründlichkeit, Schläue, Lebens- und Welt-Erfahrung und vor allem leidenschaftlicher Neugierde das Thema islamistischer Terror. 


Sie trifft allein radikale und terroristische Moslems und ihre mörderischen Anführer  („nur allein“)  aber nicht allein (sondern auch mit der Assistenz von Kollegen) im Irak, in  Pakistan, im Libanon in Jordanien und Algerien, in Ägypten und Tunesien, auf den Spuren des arabischen Frühlings, der radikalisierten Nachwuchsterroristen in Deutschland, Frankreich und Belgien. Sie trifft die Schurken in „Schurkenstaaten“, setzt sich dabei den präzise kalkulierten Gefahren aus, selbst entführt, vergewaltigt oder gar ermordet zu werden. 
Aber sie arbeitet immer gründlich, neugierig, kollegial, in Absprache „mit oben“ mit großer Sachkenntnis, auch Empathie, mit wichtigen Selbstzweifeln und moralischen Wertvorstellungen im Background. 
Ihre Scoops: den IS-Henker Mohammed Emwazi, der als Jihadi John, den Reporter-Kollegen James Foley vor Videokameras enthauptete,  zu enttarnen. Sie sitzt dem Chef von al-Qaida im Maghreb gegenüber. Eine weitere Recherche war, dass der  Deutsch-Libanese Khaled al-Masri von der CIA entführt und gefoltert worden ist.


Ihre Recherchetricks sind nicht abenteuerlich, sie bauen auf Vertrauen. Sicher, da ist manchmal auch die Enttäuschung über die Frage der Anerkennung von journalistischer Leistung im redaktionellen Tagesgeschäft, die Frustration über die Selbstgefährdung und deren Bewältigung, die Sorge um die Eltern und Verwandtschaft, die Seelen-Pein über das was in der Welt gewalttätig geschieht,  die eigene ständige Bedrohung  und dabei andere Kollegen auch in Gefahr zu bringen. 
Doch sie geht immer – soweit es eben geht – auf Sicherheit, auf klare  Recherche, auf verantwortliches journalistisches Handeln. Ihr Migrationshintergrund ist buchstäblich ihr HINTERGRUND für solides verständiges und verständliches investigatives Arbeiten. Seltsam, das INVESTIGATIV zu einer Sonderkategorie im Journalismus wurde, dachte immer, so bei mir selbst, Journalismus muss an sich recherchierend-investigativ sein. Veraltetes Denken, wohl. 


Im SPIEGEL-INTERVIEW sagt sie: "Was mir Sorgen macht, ist, dass wir als Gesellschaft immer weiter auseinanderdriften", „Die Leute, die Brücken bauten, hätten es immer schwerer. Auf allen Seiten würde polarisiert... Der IS-Rekrutierer tut genau dasselbe wie ein Geert Wilders oder Marine Le Pen, sie alle spielen mit der Angst. Jeder benutzt die andere Seite."


Mal wird sie von Geheimdiensten mit Autos verfolgt und dreht so oft im Kreisverkehr mit Spontanabbiegung, dass die Schlapphut-Herren schlapp aussehen und die Verfolgung verlieren, sie nutzt Wegwerfhandys, tarnt ihre Mailsysteme, schreibt sich handschriftlich Interview- und Recherchestrategien auf, verwischt Spuren im Wüstensand, kurzum breitet auch vor uns das journalistische Arbeiten in gefährlichem Milieu aus.

 
Ihre persönlichen Gefühle und Lebenssituationen im Reporter-Dasein – etwa auch bei gefährlichen Verhaftungen,  auch als Interviewpartnerin in mit-profitierenden deutschen Medien lässt Souad Mekhennet ebenso nicht aus. 


In dem großartigen Buch stehen ihre Motive und ihr Fazit: auf Seite 360 „Warum hassen sie uns so sehr. Die Frage, die mich all die Jahre bewogen hatte, Landesgrenzen zu überqueren, wollte mich nicht loslassen. Seit dem 11.September hatte ich die halbe Welt bereist, in der Hoffnung, dass meine Erkenntnisse und Einsichten dazu beitragen würden, noch mehr Hass, Mord und Totschlag zu verhindern.“ …und „Nicht die Religion radikalisiert den Menschen; der Mensch radikalisiert die Religion“. 


Das Buch, von vielen Journalistenkollegen mit inspiriert und unterstützt – auch da arbeitet Mekhennet sauber – schließlich erscheint es im soliden CHBeck Verlag liest sich wie ein Thriller und es ist ein Pageturner, Seite um Seite frisst man sich hinein und ist geschockt von anderen radikalisierten Kulturen „hinter den Fronten des Dschihad“, die wir erst verstehen lernen müssen. Aber davon sind wir noch weit entfernt. 
Die Frage aber bleibt, warum für ein solches journalistisches Talent in deutschen Medien kein Platz war, weil der deutsche Journalismus zu agenturgläubig, spekulativ, meinungsversessen, rechercheabstinent, schwarm-mäßig funktioniert? Oder weil Mekhennet unter „erdachte Obergrenzen-Denken“ fällt, in Deutschland sozialisiert aber nicht akzeptiert wurde.

 
An ihrem Beispiel sehen wir, welches Talent wir verschwenden, wenn wir solche Menschen ins Ausland gehen lassen, damit sie Karriere machen können. 


Gottlob (gleich ob Christentum oder Islam) ist Mekhennet globalisiert genug, dass von ihren Recherchen auch Deutschland profitiert.  

 

Interview im Kanal PHOENIX

Was die Welt zusammenhält und auseinandertreibt...Leschs Kosmos

Einer wusste es schon vor 100 Jahren und jetzt nimmt die Geschichte langsam Fahrt auf. Zuletzt hat sie besonders beschleunigt: Im September 2015 war die Suche nach den von Einstein bereits errechneten Gravitationswellen erfolgreich. Erstmals konnten die Forscher am LIGO (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory) am Californian Institute of Technology Gravitationswellen messen. Beteiligt war neben Kip Thorne und Ronald Drever noch Rainer Weiss vom MIT. Und Hunderte weitere Wissenschaftler in über 40 Institutionen weltweit.

 

Nach sorgfältigster Überprüfung der gemessenen Ergebnisse wurden sie ein Jahr später veröffentlicht. In diesem Oktober erhielten die drei genannten den Nobelpreis für Physik. In diesem selben Oktober erscheint das hier anzuzeigende Buch und es meldet auch den jüngsten Coup der Weltraumphysiker, die am 17. August ein neues Signal von Gravitationswellen mit der Bezeichnung „GW170817“ aufgenommen haben.

 

Die Besonderheit dieses neuesten Beweises für Gravitationswellen besteht darin, dass das sie auslösende Ereignis, die „Verschmelzung“ zweier Neutronensterne, auch bei elektromagnetischen Wellenlängen verfolgt werden konnten. Einstein hatte Recht: auch Gravitationswellen breiten sich mit Lichtgeschwindigkeit aus.


Soweit die Tatsachen, deren physikalischen Hintergrund das auch fast mit Lichtgeschwindigkeit nach den Messungen erschienene Büchlein erklärt, das Harald Lesch mit einem jungen Autorenteam zusammengestellt hat. Er ist Professor für Astrophysik und moderiert u.a. das TV-Wissenschaftsmagazin „Leschs Kosmos“.

 

Er bringt als beide Voraussetzungen für ein solches Buch mit: er versteht die wissenschaftlichen Zusammenhänge und er kann sie einem Lesepublikum nahebringen, dem die physikalischen und mathematischen Voraussetzungen für das Verständnis fehlen. Trotzdem wollen viele wissen, was da in Stockholm in diesem Jahr prämiert worden ist. Da gibt es viel zu erklären. Angefangen von der Relativitätstheorie in ihren speziellen und der allgemeinen Ausprägung.

 

So etwas Unvorstellbares wie die „Raumzeit“, die – so der charmante Untertitel des Buches – ja kein Gummituch ist, wird als vierdimensionale Erweiterung der Orientierung in der Welt schon die Vorstellungskraft der meisten übersteigen, ihre mathematische Nachvollziehbarkeit erst recht. Dann geht es über zur Astrophysik, zu Supernovae und Schwarzen Löchern. Wer jetzt noch Science-Fiction-Bücher liest hat, selbst Schuld. Wer Lust am absichtlichen Kauderwelsch von Fiktion hat, kommt hier voll auf seine Kosten – aber anhand gemessener Wirklichkeit. Das Abenteuer des Nicht-Verstehens wird zu einer köstlich beschriebenen Reality-Show mit Hauptdarstellern, die weit entfernt sind und deren Signale einige Milliarden Jahre zu uns unterwegs waren. Wir blicken also auf die Urgeschichte des Kosmos.


Glanzstück des Buches ist allerdings die mit deutlichem Augenzwinkern angebotene Bauanleitung für die Mess-Installation im LIGO oder im entstehenden Detektoren-Projekt GEO600 in Sarstedt bei Hannover. Hier wird minutiös nachvollzogen, welche Präzisionsinstrumente notwendig sind, um die ja nur ganz schwach ankommenden Gravitationswellen überhaupt zu messen, die „gekrümmte Raumzeit“ auf Instrumenten zu erfassen. Zu Zeiten unserer Großeltern war es noch der Pedell am Physikalischen Institut der Berliner Universität, der mit einigen Handwerkern die Versuchsanordnung für das Fach „Mechanik“ zusammenbastelte.

 

Die heute in Californien, in Massachusetts oder in Hannover aufgestellten Messlaboratorien sind Höhepunkte physikalisch-technischer Erfindungskunst. Sie ist Voraussetzung, um das zu beweisen und zu messen, was Einstein vorausgesagt hat. Um es mit Harald Lesch zu sagen: „Eine Gravitationswelle, die ja nur eine Veränderung eines Gravitationsfeldes darstellt, ist dementsprechend schwach, was dazu führt, dass ihre Effekte auf unsere Umwelt kaum messbar sind. Die Abstandsänderung, die durch die 2015 gemessenen Gravitationswellen hervorgerufen wurde, betrug gerade einmal ein Tausendstel eines Protonendurchmessers.“ Alles klar?


Harald Loch
 
Harald Lesch (Hrsg.): 
Die Entdeckung der Gravitationswellen
Oder warum die Raumzeit kein Gummituch ist
C. Bertelsmann, München 2017 127 Seiten 15 Euro

 

Der fremde Freund Frankreich

Jean-Christophe Bailly: Fremd gewordenes Land


Die Methode ist überzeugend und sollte ansteckend wirken. Das Ergebnis ist zweifach interessant. Der 1949 in Paris geborene Jean-Christophe Bailly „wollte verstehen, was Frankreich heute bezeichnet und ob es zutrifft, dass es etwas bezeichnet, was per se anderswo nicht existieren könnte, jedenfalls nicht so und nicht in dieser Weise.“ Er kam zu diesem Zweck auf die Idee, sich „einfach an Ort und Stelle umzusehen, das Land zu bereisen“. Ein Erstaunen hatte diese Neugier auf das Land ausgelöst, von dem er „abstammte“. In jungen Jahren, nicht lange nach den ihn nicht unberührt lassenden Ereignissen vom Mai 1968 hatte er in New York einen Film von Jean Renoir gesehen und festgestellt, dass er in ihm eine „Gemütsregung der Herkunft“ aufruft, die er in sich nicht mehr vermutet hatte. Drei Jahrzehnte später macht er Ernst mit der Erkundung des Landes, um seine Beziehung zu ihm genauer kennenzulernen. Er ist inzwischen Doktor der Philosophie und Professor an der École nationale supérieure de la nature et du paysage in Blois. Das Buch, dessen von Andreas Riehle angemessene Übersetzung ins Deutsche hier angezeigt wird, trägt im Original den Titel „Le Dépaysement“, was so viel wie Fremdheit, Umstellung, Abwechselung bedeuten kann. Die Methode der Erkundung des eigenen Landes kann man verallgemeinern, sie wäre auch in Deutschland, Polen oder Spanien anwendbar.


Das Ergebnis dieser Erkundung birgt doppelten Gewinn: Das in der Übersetzung „Fremd gewordenes Land“ heißende Buch schafft in seinen über 30, das Land geografisch kleinteilig vermessenden Essays so etwas wie eine eher intime als allwissende Vertrautheit mit Frankreich. Die Reise geht von einem seit 400 Jahren in Familienbesitz befindlichen Hersteller von Fischernetzen in Bordeaux über die Schlachtfelder und Kriegsgräber des Ersten Weltkrieges und die Obszönität der Heldendenkmäler bis zu Kuhställen von Kleinbauern im Jura oder den bunten, quirligen Randbezirken von Paris und der angrenzenden Banlieue. Bailly erzählt von den Kleingärten der Arbeiterkolonien in Saint Etienne und ihrer sozialen Bedeutung ebenso wie von den christlichen Traditionen um Tarascon in der Provence. Der Kenner dieses Landes wird seine „Kenntnis“ schnell vertiefen, der Neuling wird seine Neugier, es kennenzulernen nicht zähmen wollen. Das ist ein schöner, den Intentionen des Buches aber nicht genügender Gewinn. Der zweite, wichtigere ist: Der Autor entdeckt sein Land nicht als einheitliche „Nation“, deren „gloire“ er neu besingen lernt. Er sieht und empfindet keine „Identität“ mit seinem Land sondern eine Vielfalt von regionalen, sozialen, religiösen oder von der Herkunft zu bestimmenden Identitäten. Den in Mode gekommenen Begriff „Heimat“ belebt Bailly in seinen oft liebevollen, zuweilen kritischen Detailvermessungen keineswegs. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen geschichtlicher Substanz und aktueller Erscheinung, zwischen Wohnsituation, Arbeit, Tradition, Sprache und Dialekt sind groß und für den, der sie schätzen kann auch großartig. Aber „die schlimmste Bedrohung, die auf sämtlichen Zeichen von Kultur lasten kann, ist, was sie auf das Niveau eines Diskurses über die Werte absenkt. Er kündigt im ersten Moment immer den Rückzug an (unsere Werte) und im zweiten, gleich darauf folgend, die Ausgrenzung (unsere Werte sind die einzig wirklichen). … Es geht darum, das Land daran zu hindern, dass es in der Pose der Identität erstarrt“, resümiert der Essayist, dessen intellektueller Stil hierzulande „französisch“ anmutet, in Frankreich aber in die Nähe des die Wissenschaften und die Künste umspannenden Gedankens der „Enzyklopädie“ des deutschen Frühromantikers Novalis gerückt wird. Baillys Prosa atmet jedoch eine Poesie, die auch in der Übersetzung grenzenlos wirkt.


Harald Loch
 
Jean-Christophe Bailly: Fremd gewordenes Land. Streifzüge durch Frankreich
Aus dem Französischen von Andreas Riehle, mit einem Nachwort von Hanns Zischler
Matthes & Seitz, Berlin 2017   464 Seiten   28 Euro

Der Dreissigjährige Krieg

Wie entstehen Kriege? Waren sie abzusehen und eventuell zu vermeiden? Diese Fragen beschäftigen nicht nur Historiker. Angesichts des Elends, das Kriege heraufbeschwören, sind die Antworten hierauf von elementarer Bedeutung für die Menschheit. Einer der grausamsten und für die Entwicklung Mitteleuropas folgenreichsten Kriege war der von 1618 bis 1648, der im Gedächtnis der Menschen als der Dreißigjährige Krieg einen bleibenden Platz eingenommen hat. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Mehrzahl von sich teilweise überlappenden, sich teilweise ablösenden Kriegen. Im Einzelnen ist das Geschehen gut erforscht und beschrieben. Aber wie es dazu kommen konnte, ist im Zusammenhang erst jetzt in dem überzeugenden Buch des führenden Frühneuzeit Historikers Heinz Duchhardt nachzulesen. Er zeichnet den Weg in die Katastrophe aus drei verschiedenen Perspektiven nach und schafft damit zugleich ein Muster für ähnliche Untersuchungen anderer „Krieg-in-Sicht“-Epochen. 


Zunächst untersucht der Autor „Strukturen und Mentalitäten“ in Europa zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht die von der damals gerade ein Jahrhundert alte Reformation ausgelöste Konfessionsproblematik. Die entwickelte sich nicht nur zwischen den Altgläubigen und den Protestanten, sondern auch innerhalb der vom Katholizismus Abgefallenen zwischen Calvinisten, Lutheranern und Reformierten und am östlichen Rand auch in Abgrenzung zur Orthodoxie. Ein weiteres Strukturproblem entstand sich durch die um 1600 forcierte Staatsverdichtung auf Kosten der Stände, die Konkurrenz zwischen zentralen Machtansprüchen und partikularen und vom örtlichen Adel wahrgenommenen Interessen. Wichtig ist der Hinweis auf die „kleine Eiszeit“ mit aufeinander folgenden Missernten und die daraus entstehenden sozialen Probleme.


In einem weiteren großen Kapitel untersucht Duchhardt die Akteure der Zeit und auch die „Komparsen“. Er charakterisiert die Monarchen und Staatslenker der wichtigsten europäischen Länder, prononciert ihre Stärken und Schwächen und die dynastischen Verflechtungen und vielfältigen Streitigkeiten, die sich aus ungeklärten Nachfolgeregelungen ergaben. Ein erstes Augenmerk fällt in hier auf den jungen schwedischen König Gustav Adolf, der später während des Krieges eine zentrale Rolle spielen sollte.


Nach den Dramatis personae nimmt sich der Autor die Schauplätze vor. Im Mittelpunkt steht hier das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“, dessen unübersichtliche Verfassung und ihre Erosion er angesichts der konfessionellen Spaltung im Einzelnen verdeutlicht. Der auf dem Reichstag zu Augsburg beschlossene Religionsfrieden von 1555 war letzten Endes nicht zu halten. Reformation und Gegenreformation erfolgten ja nicht erster Linie gegenüber den Gläubigen sondern es ging immer um Territorien und Macht. Der Ton der gegenüber den konfessionell Anderen stieg, gewaltsame Übergriffe und Rechtsbrüche waren an der Tagesordnung und die Verfassung des Reiches erwies sich als ungeeignet, diese Auseinandersetzungen in friedliche Bahnen zu lenken. Aber auch die anderen Länder Europas hatten ihre Probleme – Frankreich mit den Hugenotten und der Ermordung des Königs Heinrich IV, Dänemark und Schweden mit ihrer Konkurrenz um das Mare Balticum, Polen, England, die Niederlande, die zerklüftete Territorialität Italiens – überall entstanden Keime für lokale oder regionale Konflikte. Besonders ausgeprägt waren sie im Reich der Habsburger, das ja nur zum Teil zu „Deutschland“ gehörte. Interessant und wenig bekannt dürfte die sehr differenzierte Rolle Siebenbürgens sein, eines kleinen multikonfessionellen Landes, das zwischen Habsburg und dem Osmanischen Reich geschickt operierte.


Überall entstanden Krisen, an vielen Stellen hätten Funken das Pulverfass schon explodieren lassen können. Dass es letztlich der sogenannte Prager Fenstersturz war, der von der Historiografie als Auslöser des Dreißigjährigen Krieges bezeichnet wird, lag an den ungelösten Problemen zwischen den böhmischen Ständen und einem schwachen Habsburger auf dem Kaiserthron. Duchhardts Fazit wird man zustimmen können: „Der Krieg der Kriege war vielleicht – hätten andere Männer in den Schlüsselpositionen gesessen – nicht unausweichlich; er hätte vermieden werden können, wenn sich schon ein anderes Verhältnis zum Frieden an sich und seiner moralischen Superiorität herausgebildet gehabt hätte. Aber er war für die Menschen wenigstens in der Mitte Europas dann auch keine Überraschung mehr: Er hatte sich lange genug angekündigt.“


Harald Loch


Heinz Duchhardt: Der Weg in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges – Die Krisendekade 1608 – 1618
Piper, München 2017   254 Seiten   zahlr. Abb.   24 Euro

 

Phantome des Terrors

Bestens eingeführt durch seine beiden großen Napoleon-Werke („1812 -Napoleons Feldzug in Russland“) und („1815 -Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“) legt der englische Historiker mit polnischen Wurzeln, Adam Zamoyski jetzt den Folgeband vor: „Phantome des Terrors“. Der Untertitel lässt schon seinen liberalen Ansatz erkennen: „Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit 1789 – 1848“. Das wiederum sehr angenehm zu lesende Buch setzt sich aus britischer Perspektive mit der Reaktion in ganz Europa auf die ansteckenden Botschaften der Französischen Revolution auseinander: auf die Verheißungen „Freiheit“, „Verfassung“, „Demokratie“. In seinem Vorwort schreibt Zamoyski, dass er bei tieferem Eindringen in seinen Forschungsgegenstand die Panik der damaligen Regierungen von diesen in gewissem Maße selbst geschürt worden sei: „Mir wurde bewusst, in welchem Umfang der angeblich notwendige Schutz der Ordnung die Einführung neuer Kontroll- und Repressionsmethoden begünstigte.“  

 

Die hierzulande vertraute Reaktion, die mit dem Namen Metternich und den „Karlsbader Beschlüssen“ verbunden wird, fand aber in ganz Europa statt. Erstaunlich, wie stark die Furcht vor dem „Gift“ der Revolution in England noch während der napoleonischen Kriege aber auch danach die seit Jahrhunderten geltenden englischen Freiheiten bedrohte. Die Habeas-Corpus-Akte, die jedermann vor ungesetzlicher Verfolgung durch die Obrigkeit schützte, wurde mehrmals für längere Zeit ausgesetzt. Die inneren Unruhen, die nach Auffassung Zamoyskis nie eine Gefahr für den Bestand des Königreichs darstellten, hatten meist soziale Hintergründe. Die beginnende Industrialisierung vor allem der Textilbranche, Missernten oder auch billige Einfuhren drängten viele Menschen der unteren Schichten in die Rebellion. Aber das waren Arbeitskämpfe und keine Umsturzversuche.

 

Alle Regierungen Europas bauten Repressionssysteme mit Spitzeln, gesetzlosen Verhaftungen, Zensur aller Druckerzeugnisse, Verletzung des Postgeheimnisses selbst bei diplomatischem Briefverkehr. militärischer Unterdrückung von Freiheitsbestrebungen vor allem in Spanien und den italienischen Teilstaaten, aber auch in Polen und dem unter osmanischem Druck ächzenden Griechenland. Die Interessen der europäischen Großmächte wurden dabei unterschiedlich berührt, so dass es Metternich immer schwerer fiel, auf einer Reihe von Konferenzen z.B. in Liubljana (Laibach) und Verona die „Heilige Allianz“ und das auf dem Wiener Kongress hergestellte Einvernehmen zu bewahren. Recht bald schied England aus diesem zu respektlosem Verhalten gegenüber souveränen Staaten neigenden reaktionären Kartell aus, dem vor allem Österreich und Russland ihr großmächtiges Gepräge gaben. Erst in Reaktion auf diese Repression, setzten sich in den Köpfen einer liberal denkenden Minderheit Gedanken wie Freiheit oder Verfassung fest. Die Repression nährte die zunächst nur kümmerlichen revolutionären Neigungen in den Bevölkerungen.

 

Zamoyskis Historiografie zeichnet sich durch ihren beeindruckenden Überblick über die ganze Epoche aus, durch glänzend ausgewählte Anekdoten, die ein zuweilen zum Schmunzeln anregendes Licht auf die Besonderheiten der einzelnen Schauplätze werfen sowie durch schneidende Charakterisierungen der handelnden Persönlichkeiten. Seine sehr britische Perspektive ist ein attraktiver Gegenentwurf zur „kontinentalen“ Beschreibung der Epoche. Neuere deutschsprachige Literatur berücksichtigt Zamoyski kaum. Der Geist seines Geschichtswerks atmet aber eine gewisse Aktualität: „Ich fühlte mich an jüngere Beispiele erinnert, in denen es den jeweiligen Machthabern opportun erschien, Angst in der Bevölkerung zu schüren – vor Kapitalisten, Bolschewisten, Juden, Faschisten oder Islamisten – und durch Maßnahmen, die die Bürger vor einer unterstellten Bedrohung schützen sollten, die individuelle Freiheit zu beschneiden.“ Auch damals schon war solchen Maßnahmen bis zu einem gewissen Punkt der Beifall der Menge sicher. Zamoyski verzichtet darauf, auf Parallelen von damaligen zu aktuellen Erscheinungen mit dem belehrenden Zeigefinger zu zeigen. Es schien ihm „für den Leser reizvoller, ihre eigenen Parallelen zu ziehen“.

 

Harald Loch

 

Adam Zamoyski: Phantome des Terrors

Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit  1789 – 1848

Aus dem Englischen von Andreas Nohl

C.H.Beck, München 2016   618 Seiten   29,95 Euro

Der "weibliche"  Iran 

 

Iran ist eine spielentscheidende Mittelmacht im Mittleren Osten. Das Land hat über 80 Millionen Einwohner, ist mehr als dreimal so groß wie die Bundesrepublik, verfügt über reiche Öl- und Gasvorkommen und die mit Abstand „modernste“ Bevölkerung in middle east. Deshalb lohnt es sich, mehr über das Land und die Menschen dort zu erfahren, seine Geschichte nachzuvollziehen und seine Stigmatisierung aufzulösen. Es gibt keinen besseren Weg zu einem guten Verständnis des Landes als das Buch der weitgereisten Charlotte Wiedemann: „Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten“. Dieser Schatten ist zu einem Teil von den westlichen Beobachtern selbst verursacht. Seit dem Sturz des Schahs und der iranischen Revolution, seit der Installation der Theokratie unter Ayatolla Khomeini hatte sich die Aufmerksamkeit Amerikas und der Europäer ausschließlich auf die schlimmen Nachrichten aus Iran gerichtet. Während des Iran-Irak-Kriegs von 1980 bis 1988 unterstützten die USA ihren späteren Feind Saddam Hussein und den Irak nicht nur logistisch. Sie und europäische Partner lieferten auch die Komponenten für das vom Irak gegen Iran verwendet Senfgas. Fast 100.000 Opfer dieses völkerrechtswidrigen Einsatzes von Kampfgas waren zu beklagen. Die Spätfolgen bei vielen Verletzten werden immer noch behandelt. Iran blieb in diesem Kampf ohne Verbündete, seine Anrufung des UN-Sicherheitsrats blieb immer ohne Erfolg.

 

Der Vorhang, den die Revolution und der Krieg vor die innere Entwicklung Irans zog, verdeckt eine rasante innere Entwicklung des Landes, in der 60% eines Jahrgangs eine Hochschule besuchen und davon mehr als die Hälfte Frauen sind. Charlotte Wiedemann hat Iran im Laufe der Jahre mehrmals besucht, hat Reportagen für Zeitschriften gefertigt und jetzt ein sehr informatives Buch vorgelegt. Es besteht aus der Wiedergabe persönlicher Gespräche über Religion und moderne Technik, über das Bildungswesen und den unübersichtlichen Staatsaufbau, über die Verschleierung von Frauen und die erstaunliche staatliche Hilfe beim Erhalt der Synagogen für die jüdische Minderheit.

 

Die Autorin erzählt die Geschichte mit den kolonialistischen und strategischen Besetzungen durch Großbritannien und Russland bzw. die Sowjetunion, den von der CIA herbeigeführte Sturz des ersten frei gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh im Dienste der britischen Öl-Interessen im Jahre 1953, die Diktaturen des Schahs und der Theokraten unter Khomeini in einem leicht lesbaren, immer wieder von persönlichem Erleben getragenen, lebendigen Stil. Das Buch strahlt einen von der Empathie seiner Autorin für das Land getragenen Optimismus aus – vielleicht den einzigen, den die diese so unsichere Region überhaupt erlaubt.

 

Harald Loch

 

Charlotte Wiedemann; Der neue Iran  -  Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten

dtv, München 2017  288 Seiten, farbiger Bildteil  22 Euro

Die USA treten in den I.Weltkrieg ein

Manfred Berg: Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt. Eine Biographie

 

Im Jahr 1917 veränderte sich die Welt nachhaltig. Das spektakulärste Ereignis war die Oktoberrevolution in Russland, deren Ergebnisse – die Sowjetunion – das 20. Jahrhundert nicht überlebten. Als dauerhafter erwies sich der Eintritt der USA in die Weltpolitik, als das wirtschaftlich erstarkte Land seinen Isolationismus aufgab und auf Seiten der Alliierten in den Ersten Weltkrieg eintrat. Zwar fiel es zwischen den Weltkriegen noch einmal in seinen außenpolitischen Autismus zurück, aber der Grundstein zu der Vision von einer von den USA dominierten internationalen Ordnung, verbunden mit einem Messianismus für Demokratie, Kapitalismus, freiem Handel und kollektiver Sicherheit wurde vor 100 Jahren gelegt.

 

Die Schlüsselfigur für diese Entwicklung war Woodrow Wilson, der 28. Präsident der USA. Manfred Berg hat die erste deutschsprachige Biographie über diesen bis heute umstrittenen Präsidenten geschrieben. Berg ist an der Universität Heidelberg Professor für Amerikanische Geschichte.

 

Im Zentrum dieser politischen Lebenserzählung stehen der Schwenk von der anfangs eingenommenen Neutralitätspolitik und den Friedensbemühungen Wilsons zu dem Kriegseintritt „Mit aller Macht“, seine 14 Punkte zur Beendigung des Krieges und seine Rolle auf der Pariser Friedenskonferenz. Im Mittelpunkt der visionären Vorstellungen Wilsons stand die Einrichtung eines Völkerbundes zur Verhinderung weiterer Kriege. Im eigenen Land scheiterte der Präsident mit diesem Kernstück seiner Politik an dem ablehnenden Votum im amerikanischen Senat. Der Sohn eines presbyterianischen Pfarrers und einer ebenfalls auf einer Pfarrersfamilie stammenden Mutter empfand seine politische Mission gleichsam als moralischen Auftrag: „Wilson gebärde sich wie Jesus Christus, beschwerte sich Georges Clemenceau, sein französischer Verhandlungspartner auf der Pariser Friedenskonferenz einmal bei einem Vertrauten Wilsons. Aber der Allmächtige habe der Menschheit lediglich zehn Gebote auferlegt, während es Wilson nicht unter vierzehn tue.“ Mit solchen Anekdoten würzt der Biograph seine Lebens- und Epochenbeschreibung, die strengen historischen Ansprüchen genügt. Das Leben dieses Präsidenten und die dramatischen Ereignisse um den von den Deutschen als Diktatfrieden empfundenen Versailler Vertrag und den Kampf um den Völkerbund auf gut 200 Seiten darzustellen, ist ein Kunststück komprimierter Geschichtsschreibung. Dabei lässt Berg kontroverse Stimmen von Zeitgenossen und anderen Historikern im O-Ton zu Wort kommen und erzielt auf diese Weise einen lebendigen Eindruck von der zwiespältig beurteilten Rolle Wilsons.

 

Dessen innenpolitisches Wirken hinterlässt ebenfalls einen ambivalenten Eindruck: er sorgte einerseits für eine erste Kartellgesetzgebung, für die Gründung der Federal Reserve Bank, er setzte sich für das Wahlrecht von Frauen ein und bereitete manchen progressiven Veränderungen den Weg. Andererseits war er als Südstaaten-Repräsentant ein uneinsichtiger Rassist, der Afroamerikanern keinerlei Gleichberechtigung zuerkannte. In seiner Persönlichkeitsstruktur verbanden sich eine gewisse Sturheit und Beratungsresistenz mit dem unerschütterlichen Glauben ein die Richtigkeit seiner moralischen und religiösen Mission. Diese Eigenschaften verstärkten sich gegen Ende seiner Präsidentschaft unter dem Einfluss mehrerer Schlaganfälle ins Irrationale. Der Autor vermittelt am Schluss seiner Biographie einen interessanten Überblick über die Urteile der Nachwelt und die Wirkungsgeschichte Wilsons bis in die unmittelbare Gegenwart der USA: „Mit der Wahl des Republikaners Donald J. Trump ist ein Präsident in das Weiße Haus eingezogen, der einen neoisolationistischen und protektionistischen Nationalismus vertritt und damit historisch eher an Wilsons unversöhnliche Gegner im Kampf um den Völkerbund anschließt.“

 

Harald Loch

 

Manfred Berg: Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt. Eine Biographie

C.H.Beck Paperback. Originalausgabe 227 Seiten 16,95 Euro

 

Kriegserben

Robert Gerwarth:  Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges

 

Als ob der Erste Weltkrieg nicht schon zu viele Opfer gekostet hätte! In den Jahren von 1918 bis 1923 forderten die zahlreichen gewaltsamen Konflikte, Bürgerkriege, Umstürze, Vertreibungen und Pogrome weitere Millionen Opfer. Der 1976 in Berlin geborene, heute am University College in Dublin lehrende Robert Gerwarth hat „Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges“ in seinem soeben in deutscher Übersetzung erschienen Werk „Die Besiegten“ untersucht.

 

Er erblickt darin wesentliche Ursachen für die Fortsetzung der Gewalt im Zweiten Weltkrieg. Der allgemeine Tenor führt die späteren Gewaltexplosionen auf die ungeheure Brutalisierung während der Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs zurück. Gerwarth fügt die in weiten Teilen Europas und Asiens nach dem Ende des Krieges fortgesetzten gewaltsamen Auseinandersetzungen als weitere Ursache hinzu. Die mörderische Idee von ethnisch „reinrassigen“ Nationalstaaten entstand entgegen den Vorgaben des amerikanischen Präsidenten Wilson in dessen 14 Punkten zur Beendigung des „Großen Krieges“. Diese Auseinandersetzungen zerstörten demokratische Ansätze in Mitteleuropa und in den neuen Staaten, die auf den Territorien der zerfallenen kontinentalen Großreiche entstanden. In diesen Kämpfen übten spätere Gewaltverbrecher in Mord und  Totschlag ein. Hier gediehen Nationalismus, Rassismus, religiöser Hass, Antisemitismus und Klassenhass zu militanten Ideologien.

 

Gerwarth untersucht die Entwicklungen bei den Besiegten des Ersten Weltkrieges. Die weitgehend bekannten Ereignisse in den ersten Jahren der Weimarer Republik fasst er gekonnt zusammen. Ebenso die ersten Jahre der nach der Oktoberrevolution entstandenen Sowjetunion, die sich innerer wie äußerer Feinde erwehren musste und dabei selbst Opfer und Täter brutalster Auseinandersetzungen wurde. Diese fanden im Innern wie an der Peripherie des auseinandergefallenen Zarenreiches mit brutaler Intensität statt: in Polen, in der Ukraine, im Baltikum und im Kaukasus.

 

Die Lage in den Zerfallsprodukten der Habsburger Doppelmonarchie war genauso verheerend. Die frühe Faschisierung in Ungarn, die Versagung der Gleichberechtigung der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei, die beginnenden Auseinandersetzungen im gerade entstehenden Jugoslawien, die Entwicklung im völlig demoralisierten Österreich – überall Gewalt. Im Innern dieser Staaten und auch mit Nachbarländern gab es regelrechte Grenzkriege. Fast immer ging es um ethnische Fragen, die gewaltsam gelöst werden sollten. Das besiegte Bulgarien verlor große Gebiete und Bevölkerungsteile und erlebte im Innern wie mit seinen Nachbarn verheerende Kämpfe.

 

Völlig zu Recht rechnet Gerwarth nicht r die eigentlichen Besiegten sondern auch die in den Friedensverträgen zu kurz gekommenen Sieger zu den Ländern, die gewaltsam zu korrigieren versuchten, was ihnen vielleicht versprochen, dann aber vorenthalten wurde: Italien konnte sich an der Adria nicht wunschgemäß ausdehnen, weil die Ostküste dort inzwischen Jugoslawien beanspruchte. Demokratische Regierungen in Italien mussten sich für das „magere“ Ergebnis in den Pariser Friedensabkommen rechtfertigen. Der Kriegseintritt auf Seiten der Entente hatte Italien mehr Kriegstote abverlangt als Großbritannien. Die Frage „wofür“ diese Opfer gebracht wurden, beantworteten die aufgewiegelten Massen nicht mit Pazifismus sondern mit dem Sieg Mussolinis. Griechenland war der Zugriff auf die türkische Ägäis-Küste zugesagt worden, und nach Kriegsende ermunterte der britische Premier Lloyd George Griechenland zum Angriff.

 

Der Invasion folgten unglaublich brutale Verbrechen an den muslimischen Osmanen, die sich, als sie die Oberhand gewannen, dafür revanchierten. Das blamable Ende mit dem Sieg der Türken unter Atatürks Führung wurde mit dem verheerenden Abkommen von Lausanne 1923 besiegelt, das den zwangsweisen Bevölkerungsaustausch von über einer Million Griechen von der türkischen Westküste und 400 000 Türken aus der Gegend um Saloniki zu Folge hatte. Das Völkerrecht sanktionierte die Vertreibung statt den Schutz der Minderheiten! In Asien fühlte sich Japan um seinen Anteil am Sieg betrogen. Auf eigene Faust expandierte es in der Mandschurei und griff bald China an. Vor allem aber verschmerzte es nicht die mangelnde völkerrechtliche Anerkennung als gleichberechtigtes „nicht-weißes“ Volk. Am nachhaltigsten, bis heute wirkten die Fehlentscheidungen gegenüber den arabischen Trümmern des Osmanischen Reiches: es entstanden Irak, Syrien, Libanon, Palästina mit ungeklärten Rechten jüdischer Einwanderer – alles Länder, denen die volle Souveränität vorenthalten wurde und die unter Mandatsverwaltung Frankreichs oder Englands gestellt wurden.

Die zusammenfassende, spannend geschriebene Darstellung dieser gewaltträchtigen Nachkriegsepoche untermauert in vielen Details und im Epochenblick die These des Autors, dass hier wesentliche Ursachen der späteren, noch größeren Katastrophen liegen.

 

Harald Loch

 

Robert Gerwarth:  Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges

Aus dem Englischen von Alexander Weber

Siedler, München 2017   479 Seiten   29,99 Euro

 

INTERVIEW

Frieden schließen wird immer schwieriger

 

 

Frage: Herr Gerwarth, Sie sind Gründungsdirektor der Zentrums  für Kriegsstudien am University College in Dublin. In Ihrem Buch „Die Besiegten“ behandeln Sie die missglückten Friedensschlüsse nach dem Ersten Weltkrieg. Warum konnten Versailles & Co. nicht an den Wiener Kongress anschließen, der hundert Jahre zuvor doch für längere Zeit Frieden in Europa schuf?

 

Gerwarth: In den napoleonischen Kriegen nahm zwar zum ersten Mal ein Volksheer an den Kämpfen teil. Aber auf Seiten der Sieger waren es die bis dahin klassischen  stehenden Heere, die von den Kabinetten in den Krieg geschickt wurden. Herrscher und ihre Regierungen erklärten Kriege und schlossen Frieden über die Köpfe der Menschen hinweg. Im Ersten Weltkrieg dagegen kämpften nationalistisch aufgewühlte Völker gegeneinander. Angesichts der enormen Opfer waren die Friedensbedingungen von 1919 in erster Linie an die Bevölkerungen der Siegermächte gerichtet. Die wollten „Wiedergutmachung“ der enormen Schäden und Genugtuung für den Blutzoll.

 

Frage: Die Regierungen der Sieger wollten vor ihre Bevölkerungen treten können, wollten wiedergewählt werden. Hinderte deren demokratische Verfassung einen klügeren Frieden?

 

Gerwarth: Das kann man so sehen und das gilt natürlich für alle späteren Kriege und ihre Friedensschlüsse auch. Es ist viel schwerer geworden, einen guten Frieden zu schließen, wenn man vorher die Völker für die Opfer aufpeitschend und nationalistisch motiviert hatte.

Aber nehmen wir Versailles! Nur in der deutschen Binnensicht war das „Diktat“ besonders streng. Vergleicht man es mit den Russland von Deutschland 1917 im Frieden von Brest-Litowski auferlegten territorialen Abtrennungen, vergleicht man es mit der völligen Zerschlagung Österreich-Ungarns im Frieden von Trianon oder mit der Atomisierung des Osmanischen Reiches im Frieden von Sèvres, war Versailles noch die mildere Variante. Vor allem Lloyd George als britischer Premier verhinderte die von Frankreich angestrebte Zerstückelung Deutschlands.

 

Frage: Warum wurde Versailles in Deutschland so negativ aufgenommen?

 

Gerwarth: Das lag einerseits an der noch kurz vor Kriegsende von der Obersten Heeresleitung geschürten Siegeshoffnung. Und die territorialen Verluste vor allem im Osten, die Höhe der Reparationen, die Zuweisung der alleinigen Schuld am Krieg, die teilweise überzogene Behauptung von Kriegsverbrechen und vor allem die Tatsache, dass Deutschland an den Friedensverhandlungen gar nicht beteiligt war – anders als Frankreich am Wiener Kongress, auf dem Taillerand eine herausragende Rolle spielte – das alles war ein brisantes Gemisch. Hinzu kam, dass von den 14 Punkten Wilsons, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker betont hatten, keine Rede mehr war. Das waren aber die Erwartungen in Deutschland, als der Krieg endlich vorüber war.

 

Frage: Nicht nur bei den Besiegten folgten Bürgerkriege, Revolutionen, Aufstände aus den missglückten Friedensverträgen. Auch einige der Sieger fühlten sich zu kurz gekommen. Italien und Japan z.B. Wie kam es dazu?

 

Gerwarth: Italien waren größere Gebietsgewinne an der Adria in Aussicht gestellt worden, die dann wegen des neuen Staates Jugoslawien nicht realisiert wurden. Japan fühlte sich als „farbige“ Rasse vom neu gegründeten Völkerbund diskriminiert. Fast folgerichtig bildeten sie später mit dem Hitlerreich ein Kriegsbündnis gegen die westlichen Demokratien und gegen „den Bolschewismus“.

 

Frage: Am Schlimmsten bewerten Sie den Vertrag von Lausanne, mit dem 1923 der Krieg zwischen der neuen Türkei und Griechenland beendet wurde. Was war daran so verheerend?

 

Gerwarth: Nicht der Frieden an sich, der den von Griechenland entfesselten opferreichen Krieg beendete war schlimm. Aber die Vereinbarung des millionenfachen Bevölkerungsaustauschs in der Ägäis, der Wechsel von der über Jahrhunderte bewährten Bevölkerungsmischung in den großen Staaten zu einer „ethnisch gesäuberten“ Nation machte Schule und führte von diesem Zeitpunkt an zu rassistischen und nationalistischen, auch religiös einheitlichen Nationalstaaten, zu Vertreibungen, neuen Kriegen, Pogromen. Der Zerfallsprozess in Jugoslawien, viele postkoloniale Auseinandersetzungen in Asien und Afrika, ganz aktuell die Situation in der Ukraine – alles sind Folgen des Paradigmenwechsels von 1923.

 

Frage: Die Zerschlagung des Osmanischen Reiches beurteilen Sie besonders kritisch.

 

Gerwarth: Auf den Trümmern des Osmanischen Reiches liegen heute Länder wie Syrien, Irak, Jordanien, Israel. Den arabischen Bevölkerungen hatten die westlichen Alliierten Souveränität gegen Hilfe im Kampf gegen die mit Deutschland verbündete Türkei versprochen. Aus Egoismus lösten sie die Versprechen nicht ein. Den Juden war ein eigenes Land an historischer Stätte versprochen worden – nichts davon wurde eingehalten. Der Frieden mit dem Osmanischen Reich hinterließ eine chaotische Landschaft, die bis heute nicht zu Ruhe gekommen ist – im Gegenteil, sie ist explosiv wie nie zuvor.

Frieden schließen muss man aus den verheerenden Folgen der Friedensschlüsse im 20. Jahrhundert lernen. Dazu muss man die Bevölkerungen vorbereiten. Besser noch – wenn es schon so schwer geworden ist, einen guten Frieden zu schließen – man fängt keinen Krieg erst an ...

 

... sagt der Direktor des Dubliner Zentrums für Kriegsforschung Robert Gerwarth, dem wir für dieses Gespräch herzlich danken.

 

 

Das Gespräch wurde am 15. Februar 2017 in Berlin geführt. Die Fragen stelle Harald Loch

Reportagen


 Lafcadio Hearn: Vom Lasterleben am Kai   Sperrfrist 16. Februar!
Mutter Griechin, Vater Ire – beide verließen ihren Sohn Lafcadio Hearn (1850 – 1904) in dessen Kindesalter in Dublin. Er wuchs, von einer Tante halbherzig unterstützt, in England heran und wurde als Neunzehnjähriger mit einem Ticket nach Cincinnati (Ohio) über den Atlantik abgeschoben. Dort lernte er als Drucker und Schriftsetzer und entwickelte sich zum Zeitungsreporter und Schriftsteller. Aus seinem reichhaltigen Werk sind jetzt einige Große Reportagen unter dem Titel „Vom Lasterleben am Kai“ in der bibliophilen Reihe textura bei C.H.Beck erschienen. Johann Christoph Maass hat sie aus dem Englischen so unangestrengt übersetzt, dass ihre literarische Qualität bezaubert.
Im Cincinnati Commercial erschien 1876 die Titelgeschichte dieser Auswahl. In ihr durchmisst Hearn das Hafengelände am mächtigen Ohio, einem Nebenfluss des noch mächtigeren Mississippi. Die Schauerleute, ihre Herbergen und Kneipen, die Dirnen und sonstigen „Streuner“, wie sie die Herausgeberin dieses hübschen Buches nennt, alle diese Personen und Orte eines wirklichen Lasterlebens neben der anstrengenden Arbeit finden die Aufmerksamkeit und genaue Beobachtung des Reporters. Wer so genau hinsieht und sich nicht über das „Laster“ erhebt, entdeckt begeistert am Kai eine eigene Poesie, die das Elend der Menschen in ihren Schlupfwinkeln und ohne Zu Hause nicht verschweigt. Im selben Jahr erscheint „Aufgeknüpft“ – der empörende Bericht über eine stümperhaft ausgeführte Hinrichtung durch einen gerissenen Strang. Der Reporter benennt die ruchlose Tat des zum Tode Verurteilten, geißelt aber die würdelosen Umstände seiner öffentlichen Hinrichtung.
Ein Jahr später übersiedelt Hearn nach New Orleans. Hier betrieb er für kurze Zeit ein 5-Cent-Restaurant und schrieb später ein Kochbuch über die „Cuisine Créole“. Ein frecher Text „Rezept für Sauce Tartare“ belegt seinen Sinn für sarkastischen Humor. Inzwischen schrieb er nicht nur für lokale Blätter, sondern auch für die in New York ansässige politische Zeitschrift Harper‘s Weekly. Für dieses Magazin berichtet er über das an der karibischen Küste abgelegene Dorf „Saint Malo“, in dem philippinische Fischer wie in einem eigenen Biotop leben. Die zimtfarbenen Männer stellt er einzeln vor, beobachtet sie beim Kartenspielen, erzählt von ihren Mythen und dem exotischen Leben in einem aus der Welt gefallenen Dorf. Im Jahr 1885 schreibt Hearn für Harper‘s Weekly eine Reportage vom Tag vor der Eröffnung der Weltausstellung von New Orleans, an dem er den im Aufbau befindlichen japanischen Pavillon besucht – ein erster Anhaltspunkt für seine spätere letzte Heimat Japan.
Vorher aber zieht er für zwei Jahre nach Saint Pierre auf Martinique, der französischen Karibikinsel. Hier entstehen die beiden wunderschönen Texte „Meine Bonne“ und „Die Wäscherinnen“, deren Arbeit und deren Haltung er ein liebevolles Denkmal setzt. Die Schönheiten und die Gezeichneten stehen bis zu 13 Stunden im eisigen Wasser des Flusses, lassen sich von der gnadenlosen Sonne versengen und müssen ständig auf der Hut vor tropischen Sturzbächen sein. Sie sind alle Konkurrentinnen und sind alle miteinander solidarisch. Im Auftrag von Harper’s Weekly fährt er 1890 nach Japan und bleibt, fasziniert von der gerade noch wahrzunehmenden alten Kultur, dort bis an sein Lebensende. Er heiratet eine Japanerin und hat mit ihr vier Kinder. Hier entsteht die überwältigende Landschaftsreportage „Von Hōki nach Oki“, die in einer Essaysammlung des Autors erschien.


Das einfühlsame und biografisch erhellende Nachwort der in Vietnam geborenen Herausgeberin Monique Truong ergänzt das schöne Buch. Es gibt immer wieder Entdeckungen! Die Großen Reportagen in diesem Band sind z.T. erstmals ins Deutsche übertragen worden. Sie sind eine literarische Kostbarkeit. Der über drei Kontinente gewanderte Autor war beileibe kein Globetrotter sondern ein genauer Beobachter von Natur und Mensch, denen er sich liebevoll verbunden fühlte.


Harald Loch


Lafcadio Hearn: Vom Lasterleben am Kai. Große Reportagen
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Monique Truong
C.H.Beck textura, München 2017   236 Seiten   16,95 Euro

 

 

Wellengang und Gedankenorkane

Titel Gunter Scholtz Philosophie des Meeres 

 

Inhalt 281 Seiten „Kreuzfahrt“ durch das Meer menschlichen Denkens über die Meere und das Meer an sich

 

Autor Gunter Scholtz, geboren 1941, war bis zur Pensionierung Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Publikationen gelten der Theorie der Geisteswissenschaften sowie der Geschichts-, Religions- und Kunstphilosophie. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Begriffsgeschichte. Er lebt in Bochum. 

 

Lesart anspruchsvoll, aber verständlich, philosophische Grundkenntnisse nicht erforderlich aber hilfreich

 

Cover dunkles meeresgrün als Einband, 288 Seiten, gebunden, Leineneinband mit Lesebändchen, Meereswellen, Wellenkamm als Zeichnung, Einleitungskapitel, 7 Einzelkapitel, , abschließend kurzer Reiserückblick Anhang mit Anmerkungen und Register

 

Gestaltung Schrift Minion pro, keine Fotos oder Zeichnungen

 

Zitat „Die Wiege der Philosophie stand am Meer und ihr Grundprinzip war das Wasser“.

 

Meinung Das Buch versteht sich als „allgemein“ philosophisches Buch, nicht als naturphilosophisches und orientiert sich an der einzigen Leitfrage nach dem Verhältnis des philosophischen Denkens zum Meer. Wobei das Denkens der Menschen von der Perspektive des Landbewohners geprägt ist.

 

Die „Gedankenreise“ des Autors ermöglicht es „kühner zu kreuzen“  zwischen entfernten Positionen.

 

Thales war der erste Meeres-Philosoph, für den die Landmasse auf dem Wasser schwamm , der tragende Grund,  und das Meer war zugleich der Ursprungsort des Lebens, Quellgrund, aus dem die Dinge hervorgehen. Heraklit dachte, alles ist im Fluss. Panta rhei, alles fließt.

Philosophen wie Grotius entwickeln die Idee, dass das Meer nur Gemeineigentum sein kann, niemand darf Besitzrechte geltend machen. Man solle Ehrfurcht vor der Größe und Schönheit des Meeres haben. Das Meer fördert kosmopolitisches Denken, es verbindet die Völker.

 

Kant fordert ein verbindliches Völkerrecht für die Nutzung des freien Meeres. Herder hofft auf die sich ausbreitende Moral und Hegel vertraut auf die sich ausbreitende Vernünftigkeit der Verhältnisse.

Für Jaspers ist das Meer Gleichnis von Freiheit und Transzendenz. Und Camus philosophiert: “Ich wuchs im Meer auf“. Ein Buch, das einen weiten Wellenbogen schlägt– wie Ebbe und Flut – von immer wiederkehrenden Gedankenflügen der Menschen über das Meer. Tiefgründig erkennend, die Fundamente der Philosophie suchend und die dazu passenden Gedankenstürme.

 

Leser Landratten und Ozeanfans, Schwimmer und Nichtschwimmer

 

Multimedia http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/gunter-scholtz100.html

 

Verlag: mare

 

Pressestimmen: … „mehr als lehrreiche Reise zu den Denkern einer „Philosophie des Meeres“. Frankfurter Rundschau online

 

Hitlers erster Feind

Konrad Heiden hatte seit den Münchener Anfängen der Nazis für die liberale Frankfurter Zeitung geschrieben. Er hat Ende 1932 ein Buch über die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland verfasst und 1936, schon im Exil in den USA, die erste Biografie über Adolf Hitler. Sie ist damals im Zürcher Europa-Verlag erschienen und vor einigen Jahren  neu aufgelegt worden. Die Zeitgenossen Heidens lernten leider nicht aus dem, was Heiden begriffen hatte: Das Faszinierende an Hitler war nicht er selbst sondern sein Publikum. Oft ist inzwischen das angebliche „Charisma“ Hitlers als Ursache für seine Wirkung genannt worden, seine mörderische Demagogie, seine rhetorische Durchtriebenheit. Man kann sich das heute kaum vorstellen, wenn man ex post, also vom katastrophalen Ergebnis her zurückdenkt. Heiden hat diese Wirkung auf die Zuhörer damals erlebbar gemacht, die Leser seiner Artikel hätten in die Zukunft blicken können. Heiden war in einem sozialdemokratischen Milieu aufgewachsen. Seine Mutter Lina Deutschmann war Jüdin und hatte in der Kindheit Heidens engen Kontakt zu Frankfurter feministischen Kreisen, war dort mit der Frauenrechtlerin und Sozialdemokratin Henriette Fürth befreundet. Hitler erkannte in Heiden seinen größten publizistischen Feind, der ihn und sein Publikum durchschaut hatte.

Stefan Aust war von der Lektüre der Hitler-Biografie Heidens so beeindruckt, dass er in mehr als fünfjähriger Arbeit dessen Leben so gut es ging rekonstruieren und nachzeichnen wollte. Entstanden ist ein Meisterwerk empathischer Biografie. Aust lässt Heiden so oft zu Wort kommen, dass ein lebendiges Bild seines journalistischen Wirkens entstanden ist. Er verbindet die O-Töne aus den 1920er und 1930er Jahren mit eigenen Worten, die die sarkastische, warnende Intonation des Originals nachempfinden. So ist ein Werk aus einem Guss entstanden, das mehr zum Verständnis des Aufstiegs und der verführerischen Faszination Hitlers auf das deutsche Volk beiträgt als manche geschichtswissenschaftliche Veröffentlichung. Im Gespräch betont Stefan Aust, wie sehr er sich in die journalistische Arbeitsweise und den sarkastischen Stil Heidens vertieft hat. Aust war jahrelang Chefredakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, produzierte mit Spiegel TV zahlreiche Filme zum Nationalsozialismus, leitete den Nachrichtensender N24 und ist heute Herausgeber der Zeitung DIE WELT. Er ist ein mit allen Wassern gewaschener Journalist und Publizist. In dieser Biografie über Konrad Heiden nimmt er sich selbst zurück und stellt sich voll in den Dienst dessen, der wie ein Orakel über alles schrieb, was Hitler noch anstellen sollte. Dabei bezog sich Heiden auf Quellen, die jedermann zugänglich waren. Selbst die industrielle Methoden der Judenvernichtung nahm Heiden lange vor der „Endlösung“ visionär vorweg: “Die Nazis werden durch ein Druck auf den Knopf die Juden mit Gas ermorden“, hatte er um die Zeit geschrieben, als die Welt in Berlin zu Gast bei den Olympischen Spielen war. Er selbst schrieb später:“ „Ich habe Hitler in den Jahren seines Aufstiegs viele Dutzend Male aus nächster Nähe zugehört, ihn auch gelegentlich im privaten Zirkel aus geringer Entfernung beobachten können. Aber wenn dabei für mein damaliges Gefühl etwas Faszinierendes war, so war es das Publikum. Die Reden selbst: Alles Unsinn, alles gelogen, und zwar dumm gelogen, alles so lächerlich, dass jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse. Stattdessen saßen die Zuhörer wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesicht geschrieben, die mit dem Inhalt der Rede nichts mehr zu tun hatte, sondern das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widerspiegelte. Mein jugendliches Urteil über Hitler hat das nicht erschüttert; wohl aber begann ich, bestürzt, etwas über Menschen zu lernen.“

Wir verdanken der Biografie des Journalisten Aust über seinen 1901 geborenen und 1966 verstorbenen Kollegen einen authentischen Eindruck der Zeit des Aufstiegs von Hitler, seiner Demagogie und der immer aggressiver werdenden Opferhaltung seines Publikums, das diesen Aufstieg ermöglichte. Das Buch ersetzt viele Hitler-Biografien und ist angesichts des grassierenden Rechts-Populismus von herausragender aktueller Bedeutung.

 

Harald Loch

 

Stefan Aust: Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden

Rowohlt, 2016    384 Seiten   22,95 Euro

 

 

Der Erzählinstinkt

Jeder Mensch erzählt, jeder hat einen Erzählinstinkt, Mann und Frau und Völker auch. Unser Gedächtnis, unsere Ziele, Wünsche, ja das ganze Leben organisieren wir auf erzählende Art und Weise. Wir folgen unserem narrativen Instinkt, entwickeln eine Lebensstory. Gerade im Internet hat Erzählung ja gerade eine Hochkonjunktur. 
Erzählen – so der Autor – ist die wichtigste Form unseres Denkens. Wir leben einer Story hinterher. Schon als Kleinkind lernt der Mensch, wie man eine Geschichte erzählt. Trotz neuer Medien, Menschen lesen Romane aus purem Vergnügen. Und Erzählen hält die Gruppe zusammen, hat Bindewirkung. Lesen schult Verständnis, ermöglicht die Perspektive sich in den anderen hineinzuversetzen: „Romanlesen ist wie fliegen im Simulator“. Lesen ermöglicht soziale Beziehungen und weckt Verständnis für dieselben. Mitmenschen können sicherer beurteilt werden.

 
Dabei empfinden wir ein „Grundbedürfnis“ „poetischer Gerechtigkeit“. Das Gute muss siegen. Im Film wie im Roman: „Ende gut – alles gut“. 
Über die Welt ist aber nur zu berichten, indem man weglässt, ausblendet. Erzählungen steuern dabei die Aufmerksamkeit des Empfängers. Erzählungen müssen jedoch in sich schlüssig sein. Die Sätze beziehen sich als einzelne Elemente aufeinander und schaffen so ein Gesamtverständnis. Ändert man aber die Reihenfolge, wird das Gesamtbild die Schlüssigkeit zerstört. 
Geschichten bestehen aus Erzähl-Schemata, vor dem Hintergrund gemeinsamer kultureller Muster, die gemeinsames Verstehen ermöglichen. 

 

Drei Wahrheiten liegen zugrunde; das empirisch Vorfindbare, also die uns umgebende Realität. Die zweite Wahrheit ist die, auf die sich alle geeinigt haben, und die dritte ist die persönliche bzw. gesellschaftliche Relevanz, zum Beispiel verbrennen wir fossile Brennstoffe weiter, obwohl wir wissen, dass sie zum Klimawandel beitragen. 
Am Beispiel Europas verdeutlicht der Autor seine Erzählanalyse. Es fehlt eine identitätsstiftende europäische Erzählung – oder sind wir nur blind für sie, wie Werner Siefer abschließend fragt, doch Krisen seien eben Brutstätten für neue Narrative. 

Ein kluges, außergewöhnliches, anspruchsvolles Buch, das an vielen Beispielen den „Erzählinstinkt“ nachvollziehbar „erzählt“.

 

Werner Siefer Der Erzählinstinkt. Warum das Gehirn in Geschichten denkt.“ CARL HANSER VERLAG

 

Werner Siefer, Jahrgang 1964, ein Autor und Wissenschaftsjournalist, studierte in Regensburg und München Philosophie und Biologie. Sein Spezialgebiet ist die Hirnforschung. 


Link www.wernersiefer.de

Joseph Stiglitz: Europa spart sich kaputt

 

Die Ohrfeige für den Euro sitzt! Joseph Stiglitz, Träger des Nobelpreises für Wirtschaft von 2001 und Wirtschaftswissenschaftler an der Columbia University rechnet mit der von ihm behaupteten Fehlkonstruktion des Euro, mit der gefesselten Europäischen Zentralbank und mit der Politik der Bundesregierung ab. In Deutschland würde man Stiglitz wohl einen Sozialdemokraten nennen. In der Volkswirtschaftslehre ist er ein Keynesianer. Er misstraut der Weisheit der Märkte und fordert stärkere, angemessene Regulierungen. Auf marktfundamentalistischen Annahmen sei die europäische Gemeinschaftswährung gegründet worden, obwohl die große Unterschiedlichkeit der beteiligten Länder zusätzlich wirksame institutionelle politische Instrumente erfordert hätte. Diese seien aus ideologischen, „neoliberalen“ Gründen bewusst nicht geschaffen worden. Mit ihnen hätten die Unterschiede der nationalen Volkswirtschaften der beteiligen Länder in der Euro-Zone berücksichtigt werden können. Die Kräfte des Marktes, auf die die Gründer des Euro vertraut hätten, konnten diese Aufgabe nie erfüllen.

 

Wenn sich Staaten zu einer Währungsunion zusammenschließen, also ihre Währung an eine andere, gemeinschaftliche binden, begeben sie sich der souveränen Entscheidung über den Außenwert ihres Geldes. Sie können ihre Währung nicht mehr abwerten, um ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht wieder herzustellen, wenn es in Schieflage gerät und sie können über Anpassungen des Wechselkurses auch keine Arbeitslosigkeit bekämpfen, Vollbeschäftigung anstreben. Hierzu hätte es bei Einführung des Euro der Schaffung institutioneller Strukturen der Regulierung in der Gemeinschaft bedurft. Bei diesem Geburtsfehler, die Stiglitz in seinem Buch im Einzelnen seziert, gäbe es eigentlich nur zwei Richtungen: Entweder mehr oder weniger Europa. Für beide Richtungen schlägt der Autor, der jahrelang Chefvolkswirt der Weltbank war, Auswege vor, die von einer Vollendung der Währungsunion bis zu ihrer geordneten oder auch nur teilweisen Auflösung reichen. Als einen der Hauptkritikpunkte nimmt Stiglitz die EZB ins Visier. Sie sei, vor allem auf deutsches Betreiben, ausschließlich der Geldwertstabilität, der Inflationsbekämpfung verpflichtet und sei politisch keiner demokratischen Institution verantwortlich. Ihre Aufgaben müssten auf das Ziel der Vollbeschäftigung, auf ein angemessenes Wirtschaftswachstums und auf die Sicherung des Finanzsystems erweitert werden.

 

Die neoliberale Grundstruktur der europäischen Währungsunion hätte sowohl das Wirtschaftswachstum in den Jahren seit Einführung des Euro gebremst, die Ungleichheit sowohl zwischen den ärmeren und den reicheren Mitgliedsstaaten als auch innerhalb der jeweiligen Gesellschaften zwischen armen und reichen Bevölkerungsschichten erhöht und die Lebenschancen vieler Jugendlicher durch hohe Arbeitslosigkeit beeinträchtigt. Das auf ideologischer Verblendung resultierende Vertrauen in die selbstregulierenden Kräfte des Marktes sei von vornherein falsch gewesen. Der Markt sei irrational, er entwickle sich unvorhersehbar und sorge nicht für Konvergenz unterschiedlicher Volkswirtschaften sondern für die in Europa zu beobachtende Divergenz.

 

Stiglitz belegt seine Auffassungen mit empirischen Hinweisen auf frühere Krisen in Lateinamerika oder Asien und die Fehler, die bei deren Bekämpfung begangen wurden. Er bleibt seiner eigenen, auf Keynes aufbauenden Theorie treu, die er in zahlreichen Werken zuvor ausgebreitet hat. Er ficht mit kraftvollen und deutlichen Worten für Solidarität mit den Armen und den jugendlichen Arbeitslosen und auch mit den armen Staaten, besonders mit Griechenland. In diesem neuen Buch setzt er sich qualifiziert mit der Fehlentwicklung im Euro-Raum auseinander. Auch wenn man nicht allen seinen Analysen und Vorschlägen folgt – wo findet im politischen Raum eine Auseinandersetzung mit seinen, von der modernen Volkswirtschaftslehre weitgehend geteilten Ansichten statt, wo stehen sie zur Wahl?

 

Harald Loch

 

Joseph Stiglitz:                                                                   Europa spart sich kaputt. Warum die Krisenpolitik gescheitert ist und der Euro einen Neustart braucht           Aus dem amerikanischen Englisch von Thorsten Schmidt

Siedler, München 2016   526 Seiten   24,99 Euro

 

 

Wie die Bilder "laufen" lernen...

Annette Vowinckel:
Agenten der Bilder
Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert
 
Die „Macht der Bilder“ ist ein geflügeltes Wort. Es meint die im letzten Jahrhundert gestiegene Bedeutung von Bildern in den Auseinandersetzungen zwischen Staaten und gesellschaftlichen Gruppen. Besondere Bedeutung kommt dabei der Fotografie zu, weil sie – wenn sie nicht verfälschend bearbeitet ist – abbildet, was irgendwo genau so zu sehen war. Wenn die Bilder Macht ausüben, wer sind die „Mächtigen“? Was passiert zwischen dem Druck auf den Auslöser und der Entstehung von Macht? Annette Vowinckel ist in einer detail- und kenntnisreichen Analyse diesem Prozess nachgegangen. Sie ist 1966 geboren, Privatdozentin am Institut für Geschichtswissenschaft der HU Berlin und leitet die Abteilung für Mediengeschichte am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Ihr mit zahlreichern beispielhaften Abbildungen anschaulich zu lesendes Buch unter dem Titel „Agenten der Bilder“ beschäftigt sich mit denjenigen Personen und Institutionen, die im 20. Jahrhundert den Fotografien zu ihrer Wirksamkeit verholfen haben: Fotografen, Bildredakteure, Agenturen, Museen, militärischen und staatlichen Propagandaeinrichtungen. Wie funktioniert die Verwirklichung des Anspruchs auf Öffentlichkeit, der aller Bildproduktion Grundlage bildet?

 

Einleitend beschreibt die Autorin, wie die inzwischen etablierte globale visuelle Öffentlichkeit entstanden ist. In einer längeren Abteilung geht sie auf die Fotojournalisten und auf die Kommunikatoren in den Medien ein. In einem besonderen Kapitel untersucht sie die Wirksamkeit von Fotografie im  Staatsdienst, die Steuerung durch Bildzensur und ethische Maßstäbe. Sie führt ein Reihe von Fallbeispielen auf und geht auf  die besonderen Bedingungen in  Afrika, der DDR, in der Auseinandersetzung zwischen Faschismus und Antifaschismus, auf die Fotografie im Kalten Krieg und in und um Vietnam ein.
Den Ertrag ihrer Untersuchung fasst sie selbst zusammen:
Die hohe soziale Durchlässigkeit im Hinblick auf Herkunft, Bildung und Ausbildung sei eine Voraussetzung dafür gewesen, „dass die Berufsgruppe sich neu erfinden und sich selbst ein Image geben konnte, das von dem traditioneller Berufsgruppen einschließlich der Textjournalisten deutlich abwich“. Der signifikant hohe Anteil von Juden und Migranten ließe sich als Folge dieser Offenheit erklären und habe „zu einer vollständigen Integration der Jüdinnen und Juden in ein berufliches Umfeld geführt, das sie selbst maßgeblich prägten.“

 

Die bisher in der Forschung vernachlässigte Frage nach der staatlichen Fotografie habe ein „völlig unerwartetes Ergebnis“ der Untersuchungen gebracht. „Hinsichtlich der Qualität und Quantität der staatlichen Bildproduktion der USA und der DDR gab es deutliche Parallelen. Man könnte die Fotoabteilung der USIA in mancher Hinsicht durchaus mit ADN-Zentralbild vergleichen; dass die nicht geschieht, ist eher der Voreingenommenheit der Wissenschaft zuzuschreiben als dass es einen sachlichen Grund dafür gäbe.“

 

Weitere zentrale Befunde der mediensoziologisch wichtigen Untersuchung sind, dass es keinen Bedeutungsrückgang des Fotojournalismus gibt, dass sich aber dieses Berufsfeld durch die Prekarisierung seiner „Agenten“ dramatisch verändert habe. Der bis zum Jahr 2000 abgeschlossenen Umstellung des gesamten Fotobetriebs auf digitale Formate widmet die Autorin einen Ausblick. Die Beschleunigung der Übertragungswege und die Bereitstellung von Fotos im Internet habe eine neue Qualität für das gesamt Berufsfeld gebracht. Für das 20. Jahrhundert bietet Vowinckels Buch durch den großen Überblick und die Urteilsfreude und –kraft der Autorin eine interessant geschriebene und wichtige Ergänzung zur Zeithistoriografie sowie zur Mediengeschichte.

 

Harald Loch
 
 
Annette Vowinckel: Agenten der Bilder 
Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert
Wallstein , Göttingen 2016   480 Seiten   34,90 Euro
 
 
Annette Vowinckel, geb. 1966, leitet die Abteilung für Mediengeschichte am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und ist Privatdozentin am Institut für Geschichtswissenschaft der HU Berlin.
 

Neue Nachbarn: Flüchtlinge

Titel Marina Naprushkina NEUE HEIMAT. Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen. EUROPAVERLAGBERLIN

 

Autor Marina Naprushkina stammt aus Minsk, ist Künstlerin, Aktivistin, lebt seit 12 Jahren in Deutschland und war bisher vor allem als bildende Künstlerin tätig. Sie setzt sich für die Demokratisierung ihres Heimatlandes Weißrussland ein und unterstützt eine Flüchtlingshilfe in Berlin Moabit. Davon handelt ihr Buch.

 

Inhalt Das Buch ist eine hautnahe Bestandsaufnahme aus dem Alltag in einem Berliner Flüchtlingslager. Es zeigt, wie deutsche Willkommenskultur heute wirklich aussieht.

 

Gestaltung Hardcover, 239 Seiten, tagebuchartig aufgebaut, Illustrationen durch die Autorin selbst

 

Cover weißes Cover, kein Bild, schwarze Schrift, zwei rote Buttonaufkleber mit einem FAZ-Zitat „Das Buch der Stunde“ und der Hinweis, dass ein Vorwort von Heribert Prantl enthalten ist, dem Innenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung, der als Jurist und Journalist als  „Rechtsgewissen“ der Bundesrepublik gilt

 

Zitat „...ich habe mich weiterentwickelt und bin dadurch zu einer besseren Künstlerin geworden.“

 

Meinung Heribert Prantl begutachtet das Buch im Vorwort und kommt zu dem Urteil:“ Das Buch ist ein Lehrbuch für Menschlichkeit.“ Er trifft die Sache wie in seinen vielen Kommentaren in der Süddeutschen Zeitung im Kern. Marina Naprushkina hat selbst ihr Land verlassen und engagiert sich im Flüchtlingsdeutschland für Asylsuchende in Berlin. Sie kämpft für die Rechte ihrer Schützlinge, begleitet Schwangere und leistet so sprichwörtlich Geburtshilfe. Sie betreut Kinder von Flüchtlingen, während die ihre Odyssee durch den Behörden-Dschungel erleben. sie muss Übersetzerdienste leisten, kritisiert Beamte, die mit den Flüchtlingen nicht auf Augenhöhe kommunizieren, Marina Naprushkina organisiert Kinderfeste, sammelt Spenden ein, kocht für ihre Schützlinge, besorgt Kinderheimplätze.

 

Das Buch zeigt auf, dass es bei den „kleinen“ Hilfe nicht bleiben kann, dass träge Behörden auf Trab gebracht werden müssen, dass es um Rechte geht, die den Flüchtlingen zustehen, dass Beamten-Missbrauch, Kungelei, Nicht-Kontrolle von Heimleitungen an die Öffentlichkeit gebracht werden müssen. Die Autorin nimmt uns zu Behörden Gängen mit, stellt uns die Flüchtlinge und ihr Alltagsleben vor, lässt uns an ihren Stimmungen teilhaben.

 

Es sind die genauen Beobachtungen und die Dialoge, die uns fesseln und den Wahnsinn des Flüchtlingsalltags uns näher bringen zwischen nervenden Arztbesuchen, stressenden Anwaltsterminen, Leben in maroden Heimen.

 

Flüchtlingsschicksal ist jetzt nervenaufreibendes Warten und ungewisses Schicksal, was die Zukunft bringen wird.  Das Buch blitzt in den einzelnen Szenen auf wie Kamerablitze, erhellt für kurze Zeit die Situation und lässt dann wieder alles ins Dunkle der Unbestimmtheit und Unsicherheit abrutschen. So ist die Flüchjtlingsrealität. Die Flüchtlingsinitiative von Marina Naprushkina hat innerhalb von zwei Jahren 600 Veranstaltungen organisiert. Eine reife Leistung, die zeigt, was privates Engagement ausrichten kann.

 

Leser Alle Deutschen

Die Geschichte des Islam

Reinhard Schulze: Geschichte der islamischen Welt     Von 1900 bis zur Gegenwart

 

Geschichtsschreibung gibt zunächst einmal keine Antwort auf die Frage, warum eine Entwicklung eingetreten ist, geschweige denn, warum sie so und nicht anders eintreten musste. Historiografie ist die Erforschung und Beschreibung dessen, was gewesen ist. Die Väter dieser Kunst, die Griechen Herodot und Thukydides, haben nichts anderes gemacht als beschrieben, was in der Vergangenheit gewesen ist, allenfalls, was sie als Zeitzeugen erlebt haben. Leopold von Ranke fordert vom Historiker, zu beschreiben „wie es eigentlich gewesen ist“. In diesem Sinne sollte der Leser von der „Geschichte der islamischen Welt. Von 1900 bis zur Gegenwart“ keine falschen Antworten auf die alle bewegende Frage erwarten, wie es denn zu dem verheerenden Zustand in dieser Welt kommen konnte. Der Schweizer Islamwissenschaftler Reinhard Schulze beschreibt in seinem umfangreichen Werk möglichst genau, „wie es eigentlich gewesen ist“.

 

Zum mehr als sieben jährigen Krieg zwischen Iran und dem Irak (1980 bis 1988) schreibt er: „Manche Staaten, wie die USA, Russland, China, Spanien und Brasilien lieferten Waffen gegen Öl an beide Kriegsparteien. Libyen, Syrien, Pakistan, Schweden und Nordkorea belieferten ausschließlich Iran; die Golfstaaten, Saudi-Arabien, Ägypten, Südkorea, Frankreich und Großbritannien ausschließlich den Irak. Die amerikanische Regierung verkaufte Waffen an Iran, um aus den Erlösen Waffen für die Contra-Rebellen in Nicaragua zu bezahlen. Zugleich erhielt der Irak aus den USA Wirtschafts- und Militärhilfen in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar.“ Beschrieben, „wie es eigentlich gewesen ist“, lädt diese Liste natürlich zu Überlegungen ein. Aber einen Ursachenzusammenhang zwischen diesem Skandal und dem heutigen Zustand der islamischen Welt zieht der Autor nicht. Ist er vielleicht evident?

 

Die „Geschichte der islamischen Welt“ definiert zunächst, was unter dieser Welt zu verstehen ist: „Nimmt man die Mitgliedschaft in der Organisation der islamischen Zusammenarbeit (OIC) zur Grundlage, denn gehören heute etwa 1,5 Milliarden Menschen der ‚islamischen Welt‘ an, also ca. 22 % der Weltbevölkerung“, schreibt der in Bern unterrichtende Reinhard Schulze. Er relativiert diese Zahlen, indem auf die Angehörigen anderer Konfessionen in den Mitgliedstaaten der OIC hinweist und andererseits die vielen Muslime alteingesessener islamischer Gemeinschaften außerhalb dieser Organisation hinweist, z.B. auf die mehr als vier Millionen Muslime in Deutschland. Dann fängt er chronologisch und nach Regionen, später auch Ländern gegliedert an zu erzählen, was sich in den Gesellschaften, in den Kolonien, in den Staaten dieser islamischen Welt abgespielt hat. Das ist so verwirrend, dass es vom Autor höchste Meisterschaft in der Zusammenfassung komplizierter Sachverhalte, vom Leser höchste Konzentration verlangt, besonders auch, weil der Autor die arabischen Namen nach den Regeln der Deutschen morgenländischen Gesellschaft transkribiert und vom Leser  fortwährend eine gedankliche Transkription in die gebräuchliche und vertraute Form verlangt. Beileibe keine Lektüre für den Stammtisch also, an dem dann jeder den Finger heben könnte: „Ich weiß was!“ Das Religiöse, das Gesellschaftliche, die politischen und wirtschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Zusammenhänge haben in jedem Jahrzehnt, in jeder Gegend anders aufeinander gewirkt. Die Weltkriege, der Kolonialismus, der Kalte Krieg, das Öl und die immer differenzierteren Ausprägungen eines nicht ökumenischen Islam haben Spuren hinterlassen, Ursachen und Folgen gehabt, die Schulz minutiös nachzeichnet. Es entsteht nicht etwa eine Religionsgeschichte des Islam sondern eine das Religiöse reflektierende Politik- und Gesellschaftsgeschichte dieses Großraumes. Die Entwicklung Algeriens vom „Teil des französischen Mutterlandes“ zur heutigen Republik, das Ende des Osmanischen Reiches, die Unterstützung des saudischen Millionärs Bin Laden und von Al Qaida durch Saudi Arabien und die USA, der Zerfall der laizistischen Strukturen im Irak und Syrien, der Konflikt mit den Kurden oder die islamischen Strukturen in Südostasien – alles muss Platz in einem überschaubar bleibenden Buch haben. Eine Zeittafel und z.T. sehr aufschlussreiche Anmerkungen, ein Glossar und eine umfangreiche Bibliografie erschließen das Werk und den Weg zu weiterem Nachlesen. In der deutschsprachigen Fachliteratur ist das Werk unverzichtbar. Es betrifft das dynamischste Viertel der Erde.

 

Harald Loch

 

Reinhard Schulze: Geschichte der islamischen Welt     Von 1900 bis zur Gegenwart

C.H.Beck, München 2016   767 Seiten, 7 Karten, Leinen. 34,95 Euro