Bücher über Geschichte

Wie wir wurden, was wir sind

Heinrich August Winkler, der Geschichtsphilosoph, Politikwissenschaftler und Professor für Neuere Geschichte, kann beides: kurz und lang. Dicke Wälzer sind die Normalmaße für historische Werke, erst recht, wenn sie beim Deutschen Reich und Bismarck beginnen und bei Corona enden.

Man glaubt es erst nicht, dem Historiker Winkler gelingt es jedoch, die gesamte neuere Geschichte auf 250 Seiten derart dicht und kompakt klar und verständlich darzustellen, dass man zu dem Ergebnis kommt, dieses Buch gehört als Lektüre in jede Unterrichtseinheit.

 

Das Buch hat Tiefenwirkung und zugleich breite Weltenansicht, und doch ist es knapp gefasst, deutlich formuliert und voller einzelner Weisheiten, zum Beispiel der folgenden:

„Herrschen heißt Macht üben, und Macht üben kann nur der, welcher Macht  besitzt. Dieser unmittelbare Zusammenhang von Macht und Herrschaft bildet die Grundwahrheit aller Politik und den Schlüssel der ganzen Geschichte.“


Winkler wagt einen Parforceritt durch die deutsche Geschichte in Kapiteln, die sich mit folgenden Themen beschäftigen: Das Reich der Deutschen und der Westen, Einheit vor Freiheit, Eine vorbelastete Republik, Die deutsche Katastrophe, Freiheit vor Einheit, Ein postnationaler Sonderweg, Von der deutschen zur europäischen Frage, Eine neue deutsche Sendung, Die Gegenwart der deutschen Geschichte, Im Zeichen von Corona. So lauten die Kapitelüberschriften.

 

Winkler analysiert den Untergang der Weimarer Republik, und es gelingt ihm, wie so oft, alles in einem Satz zu erfassen: „Wenn es eine Ursache ‚letzter Instanz‘ für den Zusammenbruch der ersten deutschen Republik gibt, war es die historische Verschleppung der Freiheitsfrage im Deutschland des 19. Jahrhunderts und die Geburt der Weimarer Demokratie aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg: Eine Geschichtslast, die sich im Zeichen der Weltwirtschaftskrise nach 1930 als zu schwer für die junge Republik erwies.“


Winkler, Analyst der Westorientierung, blickt auch in den Osten: „Der Antifaschismus wurde zur Gründungslegende der DDR. Er diente der Rechtfertigung der Errichtung einer neuen Diktatur, die sich als die einzige wahrhaft demokratische Staatsform auf deutschem Boden und als die Garantie gegen einen Rückfall in die Barbarei ausgab.“ Oder: „In gewisser Weise trug die neue Ostpolitik sogar dazu bei, die Bundesrepublik „westlicher“ zu machen.“


Winkler gelingt es immer wieder, länger wirkende Zusammenhänge, die dem Historischen ja eigen sind, in kurzen klaren Sätzen zu summieren, etwa so der Freiheit wurde der Vorrang vor der Einheit eingeräumt oder „Die Bundesrepublik hatte ihr politisches Gewicht im Zuge der Ostverträge der sozialliberalen Koalition erheblich vergrößert. Seit dem September 1973 gehörten beide deutschen Staaten den Vereinten Nationen an.“ Oder: „Die deutsche Schuld war nicht getilgt, wenn die deutsche Teilung überwunden wurde.“


Auch im aktuelleren Teil des Buches versteht es Winkler, Klarheit in die historischen Entwicklungen zu bringen, indem er zum Beispiel erläutert, wie in der Flüchtlingsfrage der deutsche Alleingang die europäischen Staaten trennt und innenpolitisch die AfD auf den Plan ruft. Winkler kritisch: „Die Gefahr einer Spaltung der Europäischen Union aber wurde in Berlin beharrlich unterschätzt: ein Sachverhalt, der sich nur aus einem Mangel an strategischem Denken in der Entscheidungszentrale erklären lässt.“


Auch der moralische Ton in der deutschen Politik missfällt dem Historiker: „Die Neigung, das eigene Tun moralisch zu überhöhen, wirkt sich auf das Verhältnis Deutschlands zu seinen europäischen und atlantischen Partnern aus. Die Bundesrepublik agiert häufig viel nationaler, als es ihrem europäischen Solidaritätspathos und der Beschwörung ihrer Bündnistreue entspricht.“


Winkler stellt in Frage, ob der Westen noch eine Zukunft habe und kommentiert im Schlusskapitel sogar die Folgen der Coronakrise: „Zu einer neuen ‚Stunde Null‘ ist die Coronakrise nicht geworden. Wie sie sich längerfristig auf das politische Bewusstsein der Deutschen auswirken wird, ist eine offene Frage. Zu hoffen ist, dass die Erschütterungen des Jahres 2020 einer der größten Errungenschaften des letzten Dreivierteljahrhunderts, der Herausbildung einer selbstkritischen Geschichtskultur, keinen Abbruch tun werden. Sie gilt es weiterzuentwickeln. Denn zum Lernen aus der Geschichte gehört auch die Bereitschaft, aus den bisherigen Lernprozessen zu lernen. Es ist eine Aufgabe, die sich jeder Generation neu stellt. Abgeschlossen ist sie nie.“
Ein Geschichtsbuch, das den Blick weitet, eine Geschichtslektion für uns alle.


Heinrich August Winkler, geb. 1938 in Königsberg, studierte Geschichte, Philosophie, Politische Wissenschaft und öffentliches Recht in Tübingen, Münster und Heidelberg. 1968 und 1970/71 war er German Kennedy Memorial Fellow an der Harvard Universität, Cambridge, MA (USA). Er habilitierte sich 1970 in Berlin an der Freien Universität und war zunächst dort, danach von 1972 bis 1991 Professor in Freiburg. Seit 1991 war er bis zu seiner Emeritierung Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2014 erhielt er den Europapreis für politische Kultur der Hans Ringier Stiftung, 2016 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und 2018 das Große Bundesverdienstkreuz.

 

Heinrich August Winkler Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte der Deutschen C.H.Beck

 

https://www.swr.de/swr2/literatur/heinrich-august-winklers-neues-buch-wie-wir-wurden-was-wir-sind-mahnungen-eines-staatshistorikers-100.html

Aus der Geschichte lernen?

Clio mahnt mit erhobenem Zeigefinger: Vergesst die Geschichte nicht! Die Muse der Historiographie ist hierzu in die Gestalt des stellvertretenden Direktors des Münchner Instituts für Zeitgeschichte geschlüpft: Magnus Brechtken erteilt in seinem schon jetzt als Pflichtlektüre allen Zweiflern empfohlenen Buch „Der Wert der Geschichte“ zehn Lektionen für die Gegenwart.

 

Es ist gar nicht einfach, einen Kardinalfehler in der Beachtung der Vergangenheit zu vermeiden. Sie wiederholt sich nämlich nicht. Allenfalls – wie es Karl Marx formulierte – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal Farce. Brechtken stellt aber den Wert seiner Disziplin nicht unter den Scheffel, wenn er – durchaus auch er mit erhobenem Zeigefinger – mahnt, die Anstrengungen, Opfer und Irrtümer zu erinnern, die zu der heute für uns in der westlichen Welt ganz komfortablen Gegenwart geführt haben. Er stellt nämlich fest, dass viele Errungenschaften weithin nicht als solche wahrgenommen werden. Insofern ruft er mit der für einen deutschen Professor (Uni München) und institutionell verankerten Historiker erstaunlichen Leidenschaft dazu auf, den Wert der Geschichte und der Kämpfe der Vergangenheit zu erkennen.


In sechs Kapiteln rechnet er mit der Vergangenheit ab und zieht für die Gegenwart und auch für die Zukunft entsprechende Konsequenzen. Er beginnt mit „Göttergeschichten“ und führt vor Augen, welch verheerende Auswirkungen die Verquickung von Religion und Politik, von Gottesglauben und Staat gehabt haben und in vielen Teilen der Welt noch haben. Dabei geht es um die Atmosphäre der Unfreiheit in Mittelalter und Neuzeit, aber auch um islamische, hinduistische oder auch evangelikale Usurpationen politischer Macht. Die leidvollen und keineswegs beendeten Anstrengungen, die Menschenrechte auch für Frauen zu erkämpfen und durchzusetzen, geben ein beschämendes Beispiel für die Diskrepanz zwischen den Menschenrechtserklärungen am Ende des 18. Jahrhundert in den USA und in Frankreich und der fortdauernden Entmündigung der Frau auch in den der Aufklärung verpflichteten westlichen Gesellschaften. Die in kleinen Schritten erfolgte teilweise Verwirklichung der Gleichberechtigungsversprechen der Weimarer Reichsverfassung und des Grundgesetzes führt Brechtken als Beispiel für die Mühen bei der Durchsetzung des für richtig Erkannten an.


Ähnlich geht es mit der Partizipation aller an den politischen Entscheidungen. Hier setzt sich Brechtken sehr vehement gegen populistische Volksabstimmungen am Beispiel des Brexits oder auch der Wahlrechts-Ungerechtigkeiten in den USA und für die in der Bundesrepublik entwickelte Form der repräsentativen Demokratie ein. Sie und die Besinnung auf die naturrechtlich begründeten Allgemeinen Menschenrecht seien eine Garantie gegen das Wiederaufkommen von Nationalismus. Er verkennt dabei nicht die Rückschritte, die inzwischen in Europa drohen und mahnt einen Blick in Geschichte an, in der abzulesen ist, wohin das führt. Das gilt auch für die Frage nach Krieg und Frieden: Brechtken geht davon aus, dass in Demokratien die Verantwortlichkeiten bei den Repräsentanten des Volkes liegen und deshalb keine Chance für Abenteurer bestehe. Er hält eine auch militärisch wehrhafte Demokratie angesichts der Geschichte des Kalten Krieges für erwiesenermaßen besser als den Pazifismus der deutschen Friedensbewegung. Hier wird sich mancher Leser fragen, ob nicht auch die vielen Mitglieder dieser gegen den Rüstungswettlauf in Mitteleuropa angetretenen Friedensbewegung einen Blick in die jüngere Geschichte mit entsprechenden Konsequenzen geworfen hatten.


Schließlich holt der Autor beim „Ringen um den fairen Markt“ zu einer vergleichenden Systemanalyse zwischen der Marktwirtschaft in demokratischen Staaten und der im kommunistischen China aus. Er erteilt dem Neoliberalismus am Beispiel des Scheiterns von Margaret Thatcher in Großbritannien eine klare Absage, findet die Einkommens- und Vermögensunterschiede in marktwirtschaftlichen Gesellschaften obszön. Er hält gleichwohl Marktwirtschaft und Wettbewerb die aus der Geschichte als alternativlos hervorgegangene Wirtschaftsform für unabdingbar. In ihr entwickelt er einen kühnen Vorschlag für die Partizipation der Bevölkerung am Produktivvermögen, der entfernt an ähnliche Modelle von Piketti erinnert. Alles das kling bei Brechtken plausibel und durchdacht und aus der Geschichte abgeleitet, damit sie nicht in eine Farce mündet.


Harald Loch
 
Magnus Brechtken: 
Der Wert der Geschichte. Zehn Lektionen für die Gegenwart
Siedler, München 2020   303 Seiten   20 Euro

 

Magnus Brechtken, geboren 1964, wurde an der Universität Bonn im Fach Geschichte promoviert und lehrte an den Universitäten Bayreuth, München und Nottingham. Seit 2012 ist er stellvertretender Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und Professor an der Universität München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die Geschichte der internationalen Beziehungen und die historische Wirkung politischer Memoiren. 2017 erschien sein Buch »Albert Speer. Eine deutsche Karriere«, das mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet und zum Bestseller wurde.

 

Vertrauen - Wendezeit - Weltordnung


Unsere Zeit steht in den Sternen – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Ihr Ablauf ist gleichmäßig. Vier Jahre sind vier Jahre. Alle Ereignisse unserer Geschichte spielen sich zu einem bestimmbaren Zeitpunkt oder in einem bestimmbaren Zeitraum ab. Es gibt aber Zeiten, in denen sich viel ereignet, die spannender sind als andere. Die 1973 in Düsseldorf geborene Historikerin Kristina Spohr hat einen dieser besonders verdichteten Zeiträume für ihr monumentales Vier-Jahre-Buch und hierfür den Titel „Wendezeit“ gewählt. Es geht um die „Neuordnung der Welt“ in den Jahren 1989 – 1992. Der Untertitel weist auf eine Beschreibung der globalen Ereignisse in dieser kurzen Epoche, nach der nichts mehr so war wie vorher.

 

Einige der Länder wie die Sowjetunion, Jugoslawien oder die Tschechoslowakei sind in diesem Zeitraum zerfallen, andere – Deutschland - haben sich vereinigt oder haben sich aus den Zerfallsprodukten neu definiert: die baltischen Länder, viele haben sich ihren Blöcken gelöst. Einige der Hauptakteure haben die Bühne verlassen müssen: Gorbatschow wurde nach einem Putsch von seinem Rivalen Jelzin verdrängt, George H.W. Bush wurde von den amerikanischen Wählern, Margaret Thatcher von ihrer eigenen Partei nach Hause geschickt. Am Anfang stand die Verheißung von Frieden und Freiheit. Doch es gab gegen den Irak und beim Zerfall Jugoslawiens blutige Kriege.

 

Bei der Loslösung von Litauen verriet Gorbatschow, in dem Somalischen Abenteuer verrieten die USA ihre hohen moralischen Ansprüche an die eigene Politik durch militärische Gewalt. In China begannen die vier Jahre mit dem Massaker auf dem Tiananmen und mündeten bei aller Unfreiheit in eine erfolgreiche Fortsetzung des Kapitalismus unter der Herrschaft seiner Kommunistischen Partei.


Wer das alles in den Blick nimmt, diese Zeit nicht nur als Nacherzählung des längst Bekannten rekapituliert und – wie es Kristina Spohr in ihrer Einleitung ankündigt – den Akteuren über die Schulter blickt, kann sich leicht übernehmen. Die in Cambridge promovierte Autorin hat aber nicht nur über die Schultern von Staatsmännern geblickt, sondern genau in Archiven geforscht und andere Quellen aufgeschlüsselt. Sie hat das alles zu einer großartigen Erzählung zusammengefügt, die das ganze Ausmaß der „Neuordnung der Welt“ erfasst. Sie beweist mit ihrem längst als Standardwerk anerkannten Buch, dass Persönlichkeiten, früher sagte man „Männer“ Geschichte machen.

 

Genauer: Die weitreichende Neuordnung war nur durch die persönliche Beziehung dieser Staatsmänner zueinander möglich. Die Autorin beschreibt das persönliche Vertrauen als die Basis für eine solche turbulente, nur selten chaotische Neuordnung. Immer dort, wo das Vertrauen fehlte oder schwand, ging es nicht weiter. Kristina Spohr ist aber nicht blauäugig. Sie weist auf die „tiefen Taschen“ von Helmut Kohl und sein „Scheckbuch“ als Schmiermittel, sie beziffert die Dollar- oder D-Mark-Wünsche der zerfallenden Sowjetunion, der aus ihrem Imperium neu entstandenen Staaten oder auch der USA zur Verteilung der Kosten des Krieges gegen Saddam Hussein auf die Schultern vieler Freunde. Sie benennt das hohe Haushaltsdefizit der USA und die Rezession als Hauptgrund für die Abwahl Bushs und den Sieg Clintons: „It‘s the economy, stupid!“


Zwei Karten auf dem Vor- bzw. dem Nachsatz des Buches zeigen die Dimension der Neuordnung: Die eine zeigt die „feindlichen Blöcke“ im Kalten Krieg, die andere den „Beginn des Pazifischen Jahrhunderts“, die Welt im Jahr 2017. Auf ihr sind die Staaten rot markiert, deren größter bzw. zweitgrößter Handelspartner China ist – es sind fast alle auf allen Kontinenten, auch Deutschland. Natürlich ging die Geschichte nach 1992 weiter. Aber die heutige Welt ist ohne die von der Autorin so meisterhaft beschriebene Neuordnung nicht zu verstehen. Vertrauen und Scheckbuch sind auch heute vonnöten, wenn Politik gestaltet werden soll. Das Original dieses hervorragenden Buches ist auf Englisch erschienen, es geht die ganze Welt an. Die treffende deutsche Übersetzung von Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz beschert einen hohen Lesegenuss. Gutgewählte Anekdoten sorgen immer wieder für kurze Entspannung von dem faktengesättigten Stakkato der Ereignisse. Alles ist nach den Quellen belegt und selbst manche Fußnote enthält interessante Details. Für diejenigen, die diese vier Jahre miterlebt haben, hilft dieses Buch der nachlassenden Erinnerung nach und wartet darüber hinaus mit seinerzeit nicht wahrgenommenen Einzelheiten auf. Für die Nachgeborenen ist die „Wendezeit“ ein Schlüssel zum Verständnis unserer Zeit.


Harald Loch


Kristina Spohr: Wendezeit. Die Neuordnung der Welt nach 1989
Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Norbert Juraschitz
DVA, München 2019   976 Seiten   42 Euro

 

Matthias Weichelt: Der verschwundene Zeuge. Das kurze Leben des Felix Hartlaub

 

„Ausgerechnet Felix“, notiert sein Vater im November 1941. „Seine Aufgabe ist objektiv äußerst interessant und aufregend; man muss freilich lachen, wenn man dabei an ihn denkt, seine antimilitaristische, antinationalsozialistische Gesinnung, seine unheroische Haltung...“ Der Sohn ist Felix Hartlaub, promovierter junger Historiker, Gefreiter wie der „Führer“. Er soll einer vorbereitenden Materialsammlung für das Kriegstagebuch eben dieses „Führers“ zuarbeiten. Bald wurde er in die Abteilung Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ versetzt. Um das kurze Leben dieses Felix Hartlaub geht es in dem vorzüglichen Buch von Matthias Weichelt. Der 1971 geborene Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form und er geht Sinn und Form im Leben und in dem fragmentarischen Werk des in den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkriegs in Berlin verschollenen und zehn Jahre später für tot erklärten Felix Hartlaub nach. Der ist 1913 geboren, sein Vater war Direktor der Städtischen Kunsthalle in Mannheim. Felix entwickelt früh eine künstlerische Doppelbegabung als Zeichner und als sprachmächtiger Verfasser von tastenden, vorläufig bleibenden Texten.

 

Während sein Vater 1933 wegen „Kulturbolschewismus“ entlassen wird, tritt der Sohn im selben Jahr der „studentischen SA“ bei, aus der er später wieder austreten würde. Auf der Odenwaldschule hatte er das Abitur gemacht und Klaus Gysi kennengelernt, den späteren Minister für Kultur der DDR und Verleger des Aufbau Verlages. Dessen Mutter Erna, die als Jüdin 1938 noch nach Frankreich fliehen konnte, wurde in den Berliner Studienzeiten Hartlaubs Geliebte. In der „Villa Lessing“ am Berliner Schlachtensee lebten der Kommunist Klaus Gysi und Gabriele Lessing gleichsam öffentlich untergetaucht. Felix besuchte seine Freunde dort noch im April 1945. Der Biograph beschreibt die kaum überbrückbare Kluft zwischen SA sowie dem späteren Funktionieren im OKW-Kriegstagebuch und der nicht ungefährlichen Verbindung zum kommunistischen Widerstand nicht als mangelnde Entscheidungsfähigkeit, sondern eher als Ausdruck einer Weigerung, sich vereinnahmen zu lassen, unbestechlichen Blicks auf die verwirrende Realität. Weichelt belegt das mit teils wirklich kompromittierenden Stellen aus Hartlaubs Prosafragmenten oder seinen Briefen und andererseits mit hellsichtigen, systemkritischen Passagen. Aus all diesen sorgfältig und treffend ausgewählten Auszügen spricht eine geradezu überwältigende Formulierungskraft Hartlaubs. Matthias Weichelt behandelt Felix Hartlaub als frühverstorbenes literarisches Genie und weniger als politischen Irrläufer zwischen links und rechts.

Hartlaub promoviert in Berlin im Fach Geschichte mit einer Dissertation über die Seeschlacht bei Lepanto von 1571, in der die christlichen Mittelmeermächte die Flotte des Osmanischen Reiches zerstört hatte. Diese Qualifikation verschafft ihm eine Stellung im Auswärtigen Amt, bei der es um die Auswertung der Akten des französischen Außenministeriums geht, die nach der Niederlage Frankreichs von den deutschen Besatzern gleichsam geplündert werden. Auch aus dieser Zeit gibt es O-Töne Hartlaubs, die belegen, wie unwohl er sich bei dieser Tätigkeit fühlt. Später kommen die Versetzung - dann als Soldat – zum OKW, die ihn auf einen Arbeitsplatz im „Sperrkreis II“ der Wolfsschanze führt. Hier hört er am 20. Juli die Detonation von Stauffenbergs Bombe aus nächster Nähe. Weichelt erzählt das, was vom Leben des Felix Hartlaub bekannt und erwähnenswert ist, aber er lässt ihn oft genug selbst zu Worte kommen, um die große literarische Begabung und das Ringen des verhinderten Autors um Sinn und Form, um Ausdruck und Stil zu verdeutlichen. Das Buch hätte das Zeug zu einem dokumentarischen Entwicklungs- oder Künstlerroman, wenn nicht das Ende des „Dritten Reiches“ auch das vorzeitige Ende der vielversprechenden Entwicklung der Künstlers Felix Hartlaub bedeutet hätte.

 

Harald Loch

Matthias Weichelt:

Der verschwundene Zeuge. Das kurze Leben des Felix Hartlaub

Suhrkamp, Berlin 2020   232 Seiten   20 Euro

Das Geld der Dichter

„Reden wir über Geld“ ist eine beliebte Serie im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung. In Interviewform wird prominenten Zeitgenossen die Antwort abgetrotzt, wie viel sie womit verdienen, was sie sparen, investieren oder raushauen. Über Geld und Einkommen zu reden, ist in Deutschland verpönt, Geld hat man oder eben nicht. Bei Partys oder am Arbeitsplatz oder sonst wo darüber zu reden ist verpönt. 
Alle amerikanischen Präsidenten legen nach Amtsantritt ihre Steuererklärung und damit die eigenen finanziellen Verhältnisse der Öffentlichkeit vor. Donald Trump tut das nicht. Ob Gerichte ihn nach seiner Amtszeit dazu zwingen werden, bleibt vorerst offen. 
Geheimnisumwittert ist also ebenso die Frage: Was können Schriftsteller mit dem Schreiben verdienen? Bringen Bücher Geld ein? Nagen Autoren am Hungertuch? 


Schriftsteller oder Dichter zu sein ist kein Brotberuf. Irgendwie muss man auch noch andere Einnahmen daneben haben, um überleben zu können, heißt es immer schon und immer noch. 
Die einen lassen sich als Minister zahlen, die anderen gehen sonstwie in den Staatsdienst, vielleicht als Lehrer, manche schreiben ein Leben lang am Existenzminimum entlang, und die Lebenskünstler hinterlassen Schulden. 


Erst recht im Dunkel der Vergangenheit liegend: DAS GELD DER DICHTER – in Goethezeit und Romantik. 71 biografische Skizzen über Einkommen und Auskommen - als Buch im Verlagshaus Römerweg erschienen - lüftet jetzt manches Einkommensgeheimnis von Dichtern, Philosophen, Malern, Komponisten. Denn schon Goethe wusste: „Wer sich aufs Geld versteht, versteht sich auf die Zeit.“


Der Frankfurter Historiker Frank Berger hat in jahrelanger akribischer Forschungsarbeit aus Briefen, Tagebüchern und sonstigen Quellen destilliert, was Dichter verdient haben, wofür sie Geld ausgaben, was sie erbten und vererbten. Eine finanzsoziologisch-literarische Studie, so detailreich unterfüttert, dass wir auch über die soziale Herkunft der Dichter etwas erfahren, wie die Lebens- und Studienbedingungen waren, welche Berufsperpektiven sich ergaben, was das Leben insgesamt so kostete, wie der Umgang mit Geld war, welche Münzen es gab und welche Einkommensmöglichkeiten, was den Geldwert ausmachte und die Durchschnittseinkommen, inklusive einem Kapitel über die Bewertungen der Münzen in Euro. 


Historiker fremdeln mit der Thematik Numismatik. (Münzwissenschaft)  Geldgeschichtliche Zusammenhänge sind im zersplitterten Noch-nicht-Deutschland unübersichtlich. 


Es gab ja auch Sachleistungen wie freies Wohnen, Lieferung von Brennmaterialien, Zuteilung von Brotgetreide oder die Nutzung eines eigenen Gartens. Viele lebten am Rande des Existenzminimums. 
Einige Beispiele: Eichendorff, in der Jugendzeit und im Alter entbehrungsreich lebend, erreichte in seinen mittleren Jahren den Staatsdienst und damit bescheidenen Wohlstand. 


Die „Wahlverwandtschaften“ Goethes erbrachten zum Beispiel 2500 Taler ein. Ein Sohn Herders hatte 3.000 Taler Spielschulden angehäuft. Herder selbst hinterließ 4.400 Taler Schulden, das entsprach damals knapp drei Jahresgehältern. Kleist beging Selbstmord und hinterließ Bitt- und Bettelbriefe. Schiller reklamierte beim Verleger Cotta das Regelhonorar von 650 Talern und erhielt erhöhte 900 Taler, für den „Tell“ sogar 975. 
Philosoph Hegel leistete sich alle paar Tage für 18 Groschen einige Flaschen Wein, teuren Cahors, Sauterne und Madeira. Trotz Bucherfolgen mit KOSMOS hinterließ Alexander von Humboldt 6.000 Taler Schulden. Heine hatte 1.000 Franc monatliche Ausgaben. Maler Caspar David Friedrich musste den russischen Zaren um Finanzhilfe bitten. Beethoven war nicht groß vermögend, aber arm war er auch nicht. Mozarts Spielleidenschaft häufte Verbindlichkeiten von 4050 Gulden an. Schuberts Freunde, die seine Lieder verbreiteten, finanzierten ihm damit Unterkunft, Schuster, Schneider, Besuche im Kaffeehaus und in der Gaststube, während Paganini, der Zaubergeiger und „Konzertkosar“, 5 Gulden Eintritt für seine Konzerte verlangen durfte.

 
Am Schluss hier noch der Hinweis, die Nationalhymne, das Lied der Deutschen, brachte dem Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ein Honorar von umgerechnet 5.044 Euro ein.
Wenn Sie jetzt jeweils die Einnahmen und Ausgaben in Euro genannt haben wollen, vielleicht, weil sie auch der Mark nachtrauern. Dazu sind Extrakapitel vorhanden, kaufen Sie also das Buch für 20 Euro und Sie werden Bescheid wissen. 

 

Frank Berger studierte Geschichte und Germanistik. Er war im Kestner-Museum Hannover tätig und wurde 1992 an der Universität promoviert. Sein Forschungsgebiet umfasst römische, mittelalterliche und neuzeitliche Numismatik. Als Kurator im Historischen Museum Frankfurt ist er zuständig für das Münzkabinett, Waffen, Modelle, Dioramen und Technik.

 

https://www.mdr.de/video/mdr-videos/d/video-421454.html

 

 

Eine verspätete Reise nach Auschwitz

„Als ich 2015 Auschwitz besuchte, habe ich Menschen gesehen, die im Tor zur Hölle Selfies machten. Sie lächelten ungläubig: dass sie dort wirklich standen, unter dem morbiden Schriftzug ‚Arbeit macht frei’.“ Daan Heerma van Voss’ Reise nach Auschwitz ist eine Ode an seinen Freund und Namenspaten Daan de Jong, dessen Eltern deportiert wurden. Das NRC Handelblad pries die Erzählung als einen „intelligenten Essay von einem begnadeten jungen Autor, der Worte findet, um seine Gefühle am einsamsten Ort der Welt auszudrücken“. Heerma van Voss hat einen Text voller emotionaler Wucht geschrieben, mit dem er uns allen die Frage stellt: Was heißt Gedenken heute? (Büchergilde Gutenberg)
mehr


Die doppelte Erinnerung könnte man als Stichwort dieser Rezension voranstellen, um das Buch EINE VERSPÄTETE REISE, erschienen in der Büchergilde Gutenberg, vorab einzuordnen. Der Freund des Autors, Daan de Jong, ein Holocaustforscher, ist 2014 früh verstorben. Mit ihm gemeinsam wollte er einst Auschwitz besuchen, doch zu der Reise kam es nie. Erst zum 70 Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers macht sich Daan Heerma van Voss auf, die „verspätete Reise“ nachzuholen. 


Zum 75. Jahrestag erscheint das Buch für uns als Deutsche als Erinnerungshinweis gegen „das Vergessen“, denn die Zeitzeugen sterben aus und die politische Unkultur der Bewegungen von rechts will alles vergessen machen. Etwa bei Gauland von der AfD:  "Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte." 


In seinem Buch „Eine verspätete Reise“ besucht der niederländische Autor Daan Heerma van Voss das KZ Auschwitz. Es ist eine Reise, die er eigentlich mit dem zu früh verstorbenen Holocaust-Forscher, seinem Freund Daan de Jong unternehmen wollte. Er ist sein Namenspate. Die Eltern dieses Freundes waren einst Opfer des Naziterrors und der deutschen Vernichtungsmaschine in Auschwitz geworden. 


Frieda Mulisch, die Tochter des renommierten Autors Harry Mulisch (Strafsache 40/61, Reportage über den Eichmann-Prozess), die sich für eine Literaturzeitschrift mit dem Autor van Voss treffen möchte, spricht eine Interview-Einladung aus. Daan Heerma van Voss nimmt an. Benennt den Interview-Ort Auschwitz, verbunden mit der meteorologischen Erwartung, zu fahren „…nur wenn es nieselt“. 
Wie setzt man sich mit Auschwitz auseinander? Geht gar nicht, meint der slowenische Kulturkritiker Slavoj Zizek, nur in einer Komödie wäre die richtige Form gefunden. De Jong meint „… jedes Genre wird der Sache nicht gerecht, und jedes aus einem anderen Grund“. 


Eine Fernsehkollegin begleitet die beiden. Wegen der Erinnerungsfeierlichkeiten sind Touristik-Touren durch das Konzentrationslager eigentlich abgesagt. Die Besuchergruppe aus Deutschland wagt es dennoch. 


Zum Buch: Der Autor reflektiert über die Unmöglichkeit von Beschreibung und Literatur im Anblick des Lagers. Er genehmigt sich dennoch auch eine gute Portion schwarzen Humors, postet seine Reisepläne ironisch in Facebook, pinkelt als bewusste Geste gegen den Stacheldrahtzaun, reflektiert Selbsthass, Angst, Tod und Verderben, erwähnt Mulischs Buch über den Eichmann-Prozess, (Auschwitz ist der „einsamste Ort auf Erden“.) wird sich beim Einwerfen von Paracetamol von BAYER bewusst, dass diese Firma aus der IG Farben hervorging, dem Teil-Patentinhaber von Zyklon B. 


Als er ins Mercedes-Taxi steigt, wird ihm bewusst, dass Mercedes die Fahrzeuge und Panzer für das NS-Regime gebaut hat. 
Der Autor Daan Heerma van Voss befindet sich also an dem Ort, an dem „…mit dem menschlichen Gewissen abgerechnet werden muss“. (Papst Johannes Paul II.) 


Die Baracken, die Wachtürme, die Rampe, der Galgen, der Block 10 und die Todesmauer zum Block 11, wo die Gefangenen erschossen wurden, all das macht Eindruck auf den Autor. „Die Atmosphäre ist intim, sublim, beklemmend.“ Und zugleich schwingt mit, dass „alles Teil einer Inszenierung erscheint“. 


Dennoch empfindet der ungläubige Autor Auschwitz als einen Ort mit theologischer Reichweite, er denkt an Gott, mehr als je zuvor. 
Unfassbar für den Leser, dass ein Tourist seine Jacke auszieht und in einen Verbrennungsofen klettert, um ihn von innen zu beäugen. Seine Wanderschuhe ragen aus dem Ofen. Ein Blitz – der Mann hat einen Schnappschuss gemacht. Er kommt wieder heraus, klopft seine Ärmel ab. 


Zwischen dem Lager Auschwitz und dem Außenlager Birkenau (Auschwitz II) kann der Besucher seinen Hunger stillen und wählen zwischen Mc Donald und Kentucky Fried Chicken, und vor dem Tor zur Hölle der Vernichtung machen Jugendliche Selfies vor dem Schild „Arbeit macht frei“. 


Das Buch ist eine dichte, beeindruckende, impressionistische und essayistische Reiseerzählung, eine Momentaufnahme mit Innen- und Außenansichten auf eine unfassbare Tatsache deutscher Geschichte, verbunden mit Rückerinnerungen an die eigene Familie, an den Freundeskreis, an Bezugspersonen des Autors. 
Man könnte es das Ergebnis einer Erinnerungsarbeit nennen, das die Gräuel des Naziregimes in Erinnerung ruft. 


In einem Interview für das germanistische Internetportal „kritische-ausgabe“ antwortet der Autor auf die Frage: „Was sollte und muss uns das Erinnern heute bedeuten?“: „Die Gegenwart ist ein Erzeugnis der Vergangenheit. Man kann das eine ohne das andere nicht verstehen. Zeiten verändern sich immer und keine Situation gleicht der anderen. Aber die Leute bleiben gleich. Ihre Schwächen bleiben dieselben. Ihre Art auf Gefahren zu antworten, bleibt dieselbe. Seine Geschichte nicht zu kennen, bedeutet gewissermaßen, auf alle Fragen schon Antworten zu haben. Das ist anmaßend.“  Quelle kritische-ausgabe.de


In einem ergänzenden Text ist van Voss‘ Amsterdamer Rede zur Gedenkfeier für die Toten des Zweiten Weltkrieges angefügt. Dort heißt es: „Gedenken ist keine Pflicht. Es ist viel wichtiger als eine Pflicht. Es ist eine Ehrensache.“ Ein Wort, das ganz und gar aus der Mode gekommen ist. 


Daan Heerma van Voss, geboren 1986, ist Buchautor und Journalist. Er verfasst Beiträge für internationale Zeitungen, darunter ›The New York Times‹, die amerikanische ›Vogue‹ und ›Svenska Dagbladet‹.

Daan Heerma van Voss Eine verspätete Reise Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens und Ulrich Faure (Nachwort), mit einer Rede des Autors und einem Nachwort von Erik Schumacher Büchergilde Gutenberg

Der Trompeter von St. Petersburg


Geschichte kann man über das Erzählen von Geschichten definieren, über die Darstellung von Epochen, von Völkern und deren Wanderungen, über archäologische Grabungen, über Jahreszahlen und Chroniken, über Kunst, Musik, Literatur, über Städte und Gebäude, Regionen und eben aber auch über Personen. 


Diese Methode wählt Christian Neef, langjähriger SPIEGEL-Korrespondent in Moskau und Russlandkenner. Er untersucht in seinem Buch DER TROMPETER VON SANKT PETERSBURG den GLANZ UND UNTERGANG DER DEUTSCHEN AN DER NEWA, verlegt bei SIEDLER.
Inspirator dafür war Anatolij Jakowlewitsch Rasumow. Er arbeitet in der Russischen Nationalbibliothek und beschäftigt sich als Archivar des Großen Terrors mit der Dokumentation der Schicksale der deutschen Bevölkerung in der Sowjetunion, die unter den Bolschewiki als Vertreter der Elite ausgelöscht wurde. Der Autor kommt in den einleitenden Bemerkungen zu dem Schluss: „Das einstige Petersburg war von dieser Tragödie besonders betroffen. Davon hat sich die Stadt bis heute nicht erholt. Petersburg hat nie mehr an seine große Vergangenheit anknüpfen können.“  


Dereinst lebten 50.000 Deutsche in der Stadt der „weißen Nächte“ an der Newa, die meisten von ihnen wurden jedoch Opfer des „Großen Terrors“ im Stalinismus, wurden zum Tode verurteilt, ja geradezu systematisch ausgerottet.


Neef greift sich beispielhaft einzelne Schicksale heraus und macht daraus sein Buch. Hauptfigur ist der Trompeter Oskar Böhme, der bis zur russischen Revolution eine Karriere als Orchestertrompeter und Komponist macht, die jedoch in der nachrevolutionären Terrorzeit mit seinem Tod ihr jähes Ende findet.


Zurück auf Anfang: „Es ist die Blütezeit der Salonmusik (…) Deutsche Trompeter haben besonders gute Chancen, denn sie gelten als führend in der Welt.“ Deshalb wandert die Hauptperson Böhme aus, erwirbt die russische Staatsbürgerschaft.  
Die zweite Schicksalsebene ist die der Apothekerdynastie Poehl, und die dritte Ebene ist das Leben der Familie des Schauspielers Armin Mueller-Stahl. 


Die Deutschen arbeiteten als Politiker, Wissenschaftler, Kaufleute und Handwerker oder wurden auf anderer Hierarchieebene in der Elite Minister, Gouverneure und Diplomaten. „Sie haben Zaren, Regierungschefs und Minister gestellt, waren Mediziner und Architekten, Klavierbauer und Buchbinder, Brauer oder Bäcker. Vieles von ihrem Glanz verdankte die russische Residenz den Deutschen.“
Zurück zu Böhme. Er versucht in Sankt Petersburg sein Glück. Dort pulsiert die Herzkammer des russischen Reiches. „Die Petersburger Straßen erwecken in mir einen Durst nach großen Schauspielen“, schreibt der Dichter Ossip Mandelstam.


Auch einige Fabriken sind in deutscher Hand. Böhme steigt auf, übernimmt 1902 eine Stelle als Kornettist im Orchester des weltberühmten Mariinski-Theaters. Er bekommt die russische Staatsbürgerschaft, wird gar Ehrenbürger von St. Petersburg. Schon 1921 leitet er die Trompetenklasse der Rimski-Korsakow-Musikschule.
Als Kornettist im Orchester, Solist und Komponist wird er also „geadelt“ mit den Rechten eines Künstlers der ersten Klasse. 
Böhme erlebt die Kriegswirren, danach die revolutionären Aufstände, und er wird schließlich Opfer des stalinistischen Terrors nach den großen Schauprozessen - in letzter Minute erst, denn die Phase des Terrors gegen „trotzkistische Spione, Diversanten und Verräter der Heimat“ endet 1938. Die Anklageschrift gegen Böhme war ohne Beweise zusammen geschrieben worden.


Böhme sitzt im Verhörkeller: „Ein NKWD-Mann tritt an ihn heran. Er hält eine Pistole in der rechten Hand, setzt sie blitzschnell im Nacken von Oskar Böhme an und drückt ab. Es reicht dieser eine Schuss, die NKWD-Leute haben das immer und immer wieder geübt. Böhme bricht zusammen, fällt auf den Kellerboden. Der Trompeter Oskar Wilhelmowitsch Böhme, vor 40 Jahren aus Dresden in dieses Land gekommen, ist tot.“


Bis in die kleinsten Details lesen wir Verhörprotokolle, Troika-Beschlüsse, Bescheinigungen, Dokumente und das Todesurteil. Von mehr als 1,5 Millionen verhafteter Personen wurden 681 692 erschossen, also jeder zweite, mehr als 40. 000 davon allein in Leningrad. 
Neef zeigt uns auch, was aus den Gebäuden geworden ist, in denen seine Protagonisten lebten oder arbeiteten. Die Geheimdiensträume und Gefängnisse existieren noch heute. Neben dem Kinosaal, in dem Böhme dirigierte, existiert heute ein Pub mit deutschem Flair und dem Namen „Bierquelle“, in der es Würste aus der bayerischen Oberpfalz gibt. 
Auch eine Spur der deutsch-russischen Geschichte. 


Ein reich bebildertes, großes, detailreiches, tiefgründiges, beschreibendes und analysierendes Geschichtspanorama.

 

Christian Neef, geboren 1952, beschäftigt sich als SPIEGEL-Korrespondent seit über drei Jahrzehnten mit der Berichterstattung aus Russland bzw. der Sowjetunion, dem Kaukasus, Zentralasien und Osteuropa. Er arbeitete unter anderem 16 Jahre lang in Moskau, war zehn Jahre stellvertretender Auslandschef des SPIEGEL und gilt als ausgewiesener Experte für den Ukraine-Konflikt. Neef veröffentlichte mehrere Bücher zur russischen Geschichte.

 

 

Christian Neef: DER TROMPETER VON SANKT PETERSBURG. GLANZ UND UNTERGANG DER DEUTSCHEN AN DER NEWA Siedler 

Jill Lepore: Diese Wahrheiten                       Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika

Wer große Geschichtserzählungen schreibt, wer wie Livius seine Geschichte Roms ab urbe condita alles von Anfang an erzählen will, braucht Mut. Wer nicht nur erzählen will, wie alles war, wie alles wahr ist, braucht umfassende Kenntnis und Urteilskraft. Wer sein Urteil historisch begründen will, braucht Quellen.

 

Solche großen Erzählungen wie die mehrbändige „Römische Geschichte“ Theodor Mommsens sind auch schon mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Klio, die erste der neun Musen, der Schutzgöttinnen der Künste, ist die Patronin der Historiker. Dies vorausgeschickt, gilt es einen wunderbaren Musenkuss anzuzeigen. Die 1966 geborene Harvard-Historikerin Jill Lepore hat im vergangenen Jahr unter dem Titel „These Truths. A History oft the United States“ ein Buch vorgelegt, das alle Voraussetzungen erfüllt, das Unerklärlich-Widersprüchliche der USA aufzuklären. Jetzt ist es in der glücklichen Übersetzung von Werner Roller auf Deutsch erschienen. Der Gerda Henkel Stiftung gebührt das Verdienst, das ermöglicht zu haben.

 

Ein Schlüssel für das überzeugende Gelingen dieses Buches ist die Methode. Jill Lepore schreibt keine aufzählende Chronologie, kein „historisches Tagebuch“, sondern sie folgt der Geschichte ihres Landes anhand der Großen Themen, der großen Debatten. Diese aber spiegelt sie an Fakten, die sie aus Quellen entnimmt. Hierbei entsteht ein feines Geflecht aus Makro- und Mikrogeschichte, aus den großen Linien und den kleinen und großen Rissen.

 

Das fängt schon mit einer verstörenden Demontage des verklärten Gründungsmythos der Vereinigten Staaten an. Die britischen Siedler wollten sich – unter Berufung der Magna Charta Libertatum, des großen englischen Freiheitsbriefs von 1215 – nicht einer Steuergesetzgebung der britischen Kolonialmacht unterwerfen, an der sie selbst nicht beteiligt waren. Aber sie selber wollten, nachdem sie ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, nicht alle Menschen an den Freiheitsrechten der Magna Charta beteiligen - weder die schon stark dezimierten Indianer, noch die zu Millionen importierten afrikanischen Sklaven, noch auch die Frauen oder die Männer ohne „ausreichendes“ Vermögen oder Einkommen. Jill Lepore erzählt diesen Widerspruch anhand der scharfen Debatten über diese Fragen, aber eben auch anhand von Details, die bis in den Mund von George Washington führen, aus dem so kluge Reden erklungen waren. Er hatte verfaulte Zähne und ließ sie nicht nur aus Elfenbein ersetzen, sondern auch von Zähnen, die seinen Sklaven gezogen worden waren, um sie ihm einzusetzen. Zahnärzte in aller Welt wissen, dass sie durch Goldfäden miteinander verbunden waren. Washington ließ – obwohl er eigentlich dafür war – seine 123 Sklaven auf seinen Gütern in Virginia (seiner Frau gehörten weitere etwa 170) nicht frei, weil das ein Präzedenzfall gewesen wäre, den er als erster Präsident der Vereinigten Staaten, als der er sich nicht ein drittes Mal wieder zu Wahl gestellt hatte,  nicht schaffen wollte.

 

Oder, noch so ein bezeichnendes Detail: Bei der Frage, wie viele Abgeordnete die einzelnen der Gründungsstaaten in das Repräsentantenhaus entsenden sollten, sollte deren Einwohnerzahl entscheiden. Hier bestimmten die Gründungsväter die Regel, dass jeder Weiße als ein Einwohner, jeder Schwarze als drei Fünftel Einwohner gewertet wurde. Das galt natürlich nicht für das Stimmrecht, das die Schwarzen erst sehr viel später erringen sollten, sondern nur für die Zahl der zu wählenden Repräsentanten. Das führte dazu, dass in 32 der ersten 36 Jahre die Präsidenten der USA aus den sklavenreichen Südstatten kamen.

 

In der Unabhängigkeitserklärung hieß es – eigentlich unmissverständlich – „dass alle Menschen gleich & unabhängig geschaffen sind, dass sie weil sie gleich geschaffen sind, natürliche & unveräußerliche Rechte besitzen…“. Aus der gleichen Zeitung, in der diese Verfassungssätze veröffentlicht wurden, zitiert Lepore eine Anzeige: „ZU Verkaufen. EIN ANSEHNLICHES junges NEGERMÄDCHEN, 20 Jahre alt, sie ist gesund und hatte die Pocken, sie hat ein kleines männliche Kind.“  Die Autorin ermittelt weiter: „Von der Mutter hieß es, sie sei ‚bei der Hausarbeit bemerkenswert geschickt‘, ihr Baby war ‚etwa sechs Monate alt‘ und wurde noch gestillt. Beider Namen wurden nicht genannt.“ Es folgt in einer Fußnote die Quellenangabe. Lepore urteilt: „Sie unterstanden nicht ihrer eigenen Vernunft und freien Entscheidung. Sie wurden durch Gewalt und Zwang beherrscht.“

 

Mit dieser Methode der Beurteilung der Makrogeschichte anhand der Mikrogeschichte geht die Autorin in beeindruckender Souveränität durch die Jahrhunderte: Die Monroedoktrin, der Sezessionskrieg, die Industrialisierung und die Weltkriege mit den Schlusspunkten in Hiroshima und Nagasaki. Der Vietnamkrieg, Watergate, und der Kalte Krieg werden auf diese überzeugende Weise erzählt: Nixon trifft in Moskau Chrustschow: Er eröffnet eine amerikanische Ausstellung in Moskau, auf der – zum Zeichen der Überlegenheit des Kapitalismus – alle modernen elektrischen Haus- und Küchengeräte ausgestellt waren. Lepore zitiert einen amerikanischen Politiker, der die tatsächliche Wahrheit über das Familienleben von Amerikanern gern ausgestellt gesehen hätte. Da hätten die Sowjetrussen sich in ihrer Ablehnung des Kapitalismus eher bestärkt gesehen. Als ob zum Muster eines vorzeigbaren sowjetischen Haushalts außer einem Samowar nicht auch Puschkin oder vielleicht ein Klavier gehört hätten.

 

Die Widersprüche der US-amerikanischen Politik legt die Autorin bis in die Trump-Zeit weiter offen: „Die jährliche Durchschnittstemperatur in Philadelphia lag zur Zeit des Verfassungskonvents bei knapp über 11 Grad Celsius. Bis zum Ende von Barack Obamas Präsidentschaft war sie auf 15 Grad gestiegen. Nur kurze Zeit, nachdem Donald Trump den Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem von allen 196 Vertragspartnern der UN-Klimarahmenkonferenz unterschriebenen Pariser Klimaabkommen verkündet hatte – eine Erklärung, die er als ‚Stärkung der Souveränität Amerikas‘ bezeichnete – löste sich ein Eisberg mit einem Gewicht von einer Billion Tonnen, so groß wie der Bundesstaat Delaware, von der Antarktis.“ Die Methode, Ideen, Sprüche, politische Manifeste mit den Fakten abzugleichen, und seien sie noch so winzig wie die Zähne von George Washington, diese Methode überzeugt und bringt dem Leser die widersprüchliche historische Wahrheit auf glänzend geschrieben Weise nahe.

 

Harald Loch

 

Jill Lepore:

Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika

Aus dem Englischen übersetzt von Werner Roller

C.H.Beck, München 2019   1120 Seiten   39.95 Euro

In der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

 

Marian Füssel: Der Preis des Ruhms

 

Was für eine Herausforderung: Die Mikrogeschichte eines globalen Konflikts kann der Königsweg zu einer „authentischen“ und lebendigen Historiographie sein. Marian Füssel, Professor für Frühe Neuzeit an der Georg-August-Universität Göttingen, hat diese Herausforderung angenommen und mit Bravour bewältigt. Seine Weltgeschichte des Siebenjährigen Krieges (so der Untertitel seines soeben erschienenen Buches „Der Preis des Ruhms“) hat es mit einem Geschehen zu tun, das hierzulande meist als der Dritte Schlesische Krieg mit prominenter europäischer Beteiligung wahrgenommen wird. In Wirklichkeit haben zeitgleich - eng mit dem Krieg in Mitteleuropa verknüpft - Großbritannien und Frankreich ihren Kampf um Nordamerika, um die Beherrschung Indiens und der Karibik ausgetragen, dessen Ausgang die Weltgeschichte nachhaltiger geprägt hat als die Rivalität zwischen Friedrich II., den manche „Den Großen“ nennen, und Maria Theresia. Es war eine Zeit der Bündnisse. Preußen hatte einen mächtigen und zahlenden Verbündeten: Großbritannien, das über die Personalunion mit Hannover auch eine kontinentale Macht war. Die Gegner waren übermächtig: Österreich, Frankreich mit dem ihm dynastisch verbundenen Spanien, Russland (bis kurz vor dem Schluss) und Schweden. Dazu kommt noch das Alte Reich, also das Dach über dem vielteiligen Deutschland, das Preußen wegen seines völkerrechtswidrigen Angriffs auf Sachsen im Jahre im August 1756 verurteilt hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren Frankreich und Großbritannien in Nordamerika und in Indien Frankreich und Großbritannien bereits aneinandergeraten.

 

Bis zu den Friedensschlüssen von Paris (1762) und in Jahr später in Hubertusburg vergingen die dem Kriege den Namen gebenden Sieben Jahre. Hunderte von Schlachten und kleineren Gefechten forderten Millionen Opfer, auch unter der Zivilbevölkerung. Die am Krieg beteiligten Länder verschuldeten sich auf lange Zeit. Die Ergebnisse schufen den Boden, auf dem die Revolutionen in Amerika und in Frankreich gegen Ende des Jahrhunderts wachsen würden. Das in allen seinen politischen, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Facetten darzustellen, würde den Rahmen eines lesbaren Buches sprengen und die Menschen, die das alles miterlebten, nicht berücksichtigen. Deshalb hat Füssel eine kluge Auswahl von Schlachten und Ereignissen getroffen, um Raum für Originaltöne von Zeitgenossen zu schaffen. Er lässt einfache Soldaten und Offiziere, Indianer, Priester, Seeleute, Bäckermeister, Männer und Frauen aus allen Schichten der Völker zu Wort kommen. Sie haben Briefe und Tagebücher geschrieben, Zeitungen gelesen, Berichte und Chroniken verfasst. Sie haben ihre Beobachtungen notiert und ihre Gefühle beschrieben, ihren jeweiligen Gott angerufen oder auch verdammt. Der Chor dieser Chronisten singt kein einheitliches Lied, aber die Vielfalt der mit Bedacht ausgewählten Stimmen aller Höhenlagen vermittelt mit der sie verbindenden „klassischen“ Geschichtsschreibung ein genaueres Bild dieser Sieben Jahre. Auch damals waren Menschen beteiligt, beurteilten das Geschehen, litten unter der Rücksichtslosigkeit der Herrschenden, der Befehlenden und der Gehorchenden. Vieles erscheint in neuem Licht. Die wachsende Bedeutung der – damals ausschließlich gedruckten – Medien wird z.B. durch Zitate aus Zeitungen und die Reaktion der Zeitzeugen auf die Meldungen in den „Gazetten“ verdeutlicht.

 

Als Beispiel für die durch die O-Töne gewonnene Lebendigkeit sei der Brief des in preußischen Diensten an der Schlacht von Leuthen beteiligten Schweizers Johann Georg  Sulzer zitiert, den er wenig später aus Berlin an einen  Schweizer Freund richtete: „Nachdem die letzten Linien der Feinde geflohen, fing der König (Friedrich II. – H.L.) mit lauter Stimme zuerst an zu rufen: ‚Viktoria!‘, und das siegreiche Heer rief ihm nach. Und als Halte gemacht war, stimmten die Soldaten aus eigenem Triebe das Lied an: ‚Nun danket alle Gott‘.“ Füssel resümiert in seiner Darstellung: „Das alte Kirchenlied ging damit als Choral von Leuthen in die Geschichte ein“. Der Dank galt dem Sieg, der mit einem hohen Blutzoll errungen war: 6000 Mann auf Seiten Preußen, 20000 Mann auf Seiten der Österreicher und der Reichsarmee. „Besonders Verbände aus Bayern und Württemberg hatten in der Schlacht gelitten“. Diesen „Zynismus über die religiöse Sinngebung“ des Kriegs geißelte als einer der Wenigen damals Voltaire: „Das Erstaunliche an diesem Unternehmen ist, daß jeder einzelne Führer der Mörder seine Fahnen segnen lässt und sich feierlich auf Gott beruft, bevor er auszieht, um seine Menschen umzubringen. … Wenn zehntausend Menschen mit Feuer und Schwert umgebracht worden sind und obendrein noch irgendeine Stadt völlig zerstört worden ist, dann singt man vielstimmig ein recht langes Lied (Te deum – H.L.). Das gleiche Lied wird bei Hochzeiten und Geburten wie beim Morden gesungen…“

 

Solche Stimmen der Zeit ergänzen in diesem Neuland beschreitenden historiografischen Meisterwerk die quellengestützte Geschichtsschreibung und machen das durch zahlreiche Abbildungen und Karten ergänzte Werk zu einem Beispiel, wie man künftig Geschichte erzählen sollte.

 

Harald Loch

 

Marian Füssel:

Der Preis des Ruhms. Eine Weltgeschichte des Siebenjährigen Krieges

C.H.Beck, München 2019    636 Seiten   zahlr. Karten und Abb.   32 Euro

Brian A. Catlos: „al-Andalus” Geschichte des islamischen Spanien

 

 

Die Geschichte Andalusiens wird üblicherweise teils verklärend, teils verfälschend als eine Zeit der „conviviencia“, des friedlichen Austauschs zwischen Christen, Juden und Muslimen auf der iberischen Halbinsel erzählt. Eine die neuere Forschung berücksichtigende, zusammenfassende Darstellung dieser Schlüsselepoche des europäischen und mediterranen Mittelalters gibt es für deutschsprachige Leser bisher nicht. Jetzt hat das faktenreiche Buch des an der University of Colorado, Boulder, als Professor für Religionswissenschaften lehrenden Brian A. Catlos diese schmerzliche Lücke geschlossen. Er räumt mit dem Narrativ von mittelalterlicher Toleranz auf und beschreibt die Zeit vom ersten arabisch-islamischen Eindringen im 7. Jahrhundert bis zum Fall Granadas 1492 eher als politische Geschichte mit wechselnden Akteuren, die sich im Wesentlichen nicht an den Grenzen der Religionen und Konfessionen orientierten: „Es wurde viel darüber geschrieben, ob al-Andalus eine Idylle aufgeklärter Toleranz und conviviencia oder Schauplatz eines brutalen Kampfes der Kulturen war. Es war weder das Eine noch das Andere. Toleranz gilt heute oft nicht mehr als eine Tugend, und im Mittelalter war sie das noch viel weniger. Aber der Kampf fand zumeist innerhalb, nicht zwischen den „Kulturen“ statt.“

 

Der 1966 in Montreal geborene Catlos folgt in seiner Darstellung dem Lauf der Geschichte, unterteilt sie nach Dynastien und wechselnden Dominanzen. Er erzählt in 30 Kapiteln von den Kämpfen innerhalb des islamischen Teils der Gesellschaft, zwischen Arabern und Berbern, zwischen den sich abwechselnden Clans. Genauso verhielt es sich auf der christlichen Seite. Die konkurrierenden kleineren Königreiche bekämpften sich ebenfalls kriegerisch. Immer wieder kam es zu Koalitionen über die Religionsgrenzen hinweg zwischen muslimisch bzw. christlich orientierten regionalen Herrschern. Vor allem kam es zu einem kulturellen Transfer von der hochentwickelten arabisch-muslimischen Seite hin zu den damals unterentwickelten Gesellschaften christlicher Prägung. Dazu kam, wie ein intellektuelles Ferment, das jüdische Element, das sowohl in den wirtschaftlichen Austauschbeziehungen als auch als Vermittler von Wissen und Literatur unübersehbar in Erscheinung trat. Das Arabische, das Lateinische und das Hebräische waren Sprachen, die als Verkehrssprachen wie als Literatur- und Wissenschaftssprachen allgemein benutzt, übersetzt und gepflegt wurden. Die religiösen Unterschiede spielten in der ganzen Epoche eine wichtige, Orientierung und Rechtsregime bietende, jedoch keine entscheidende Rolle: „Die Christen, Muslime und Juden des Mittelmeerraums teilten eine im abrahamitischen Monotheismus wurzelnde Kultur, sie teilten die persische und griechische Gelehrsamkeit, römische Institutionen, die ägyptische Esoterik, ein bestimmtes Geschichtsbewusstsein sowie volkstümliche Sitten und Gebräuche und kulturelle Traditionen, die sich im Zuge von jahrtausendelangen Handelsbeziehungen, von Migration, Eroberung und Besiedlung entwickelt hatten.“

 

Der Autor verändert unsere Sicht auf al-Andalus, wenn er das Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte dort nicht aus „Toleranz, sondern aus Zweckmäßigkeit und praktischem Nutzten“ ableitet, also aus primär politischen Gründen. In vielen Details weist er nach, dass sich die Akteure und die einfachen Menschen „einander verstehen und sich miteinander verständigen und auf diese Weise trotz aller Differenzen einen gemeinsamen Boden finden, sich einander anpassen und sich die jeweils andere Kultur zu eigen machen“ konnten. Wenn in al-Andalus so etwas wie Toleranz herrschte, dann beruhte sie nicht auf moralischen Erwägungen oder einer aufgeklärten Ideologie. Sie entwickelte sich vielmehr entgegen dem religiösen Eifer auf allen Seiten aus einem pragmatischen, oft auch machtpolitischen Bedürfnis -  keine geringe Leistung!

 

Dem Leser dieses wichtigen Buches wird die Lektüre durch ein hilfreiches Glossar und durch eine chronologische Übersicht über die einzelnen Dynastien erleichtert. Eine vor allem die spanisch- und die englischsprachige Literatur berücksichtigende Bibliografie lädt zu weiterführenden Studien ein. Die mustergültige Übersetzung von Rita Seuß macht dieses historische Meisterwerk zu einem Lesegenuss. Insgesamt wird jede künftige Andalusien-Forschung auf diesem Standardwerk aufbauen und sich an der in ihm manifestierten Urteilskraft messen lassen müssen.

 

Harald Loch

 

Brian A. Catlos: „al-Andalus” Geschichte des islamischen Spanien

Aus dem Englischen von Rita Seuß

C.H.Beck, München 2019   491 Seiten   29,95 Euro

 

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme

 

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, wusste niemand, wie es weiter gehen würde. Knapp ein später war die hoffnungsvolle Verheißung der damals geltenden Präambel des Grundgesetzes durch Beitritt der damit untergehenden DDR erfüllt. Ilko-Sascha Kowalczuk – ein bekennender Nicht-Teilnehmer an der „friedlichen Revolution“ in der DDR – hat sich in der Beurteilung der Durchführung der deutschen Einheit zu einem der vehementesten Kritiker dieses Prozesses und des gegenwärtigen Ergebnisses entwickelt. In seinem Buch „Die Übernahme“ legt er den Finger auf die wunden Punkte: Es wurde keine neue, gesamtdeutsche Verfassung ausgearbeitet, in die auch Elemente des in der DDR entstandenen Bewusstseins einzuarbeiten gewesen wären. Die DDR sein eine Gesellschaft gewesen, in der Arbeit ein entscheidendes Element gewesen sei und Leben wie Bewusstsein der Menschen tief beeinflusst hätte.

 

Die „Übernahme“ der DDR-Wirtschaft und -Betriebe im einseitigen Profitinteresse westdeutscher Unternehmen habe diese Arbeitsgesellschaft nachhaltig zerstört und bis heute erschüttert.

Entscheidend für die geschwundene Akzeptanz der Vereinigung in Ostdeutschland aber sei die bis heute ausgebliebene Anerkennung für diese auf Arbeit gegründete Gesellschaft jenseits aller real-sozialistischen Ideologie gewesen. Bis heute seien Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen bei wenigen Ausnahmen von Westdeutschen besetzt. Von den insgesamt vererbten Vermögen stamme und fließe nur ein weit unter dem Bevölkerungsanteil liegender Prozentsatz aus und nach Ostdeutschland. Die kulturelle Hegemonie des Westens habe wie die Skandalisierung der SED-Diktatur als Stasi-Staat zu viel Frust in den ostdeutschen Ländern und zu Hochmut in Westdeutschland geführt. Die Kampagne z.B. gegen Christa Wolf sei bezeichnend für die Überbewertung marginaler Stasi-Verstrickung in die Gesamtbewertung einer bedeutenden Schriftstellerin und Regime-Kritikerin gewesen. Der promovierte Historiker ist seit 18 Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter in der Abteilung Bildung und Forschung beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in der ehemaligen DDR („Gauck-Behörde“) und schreibt z. Zt. an einer Biografie über Walter Ulbricht.

 

Kowalczuk macht zwei Faktoren für das überproportionale Erstarken rechtsextremer und -radikaler Haltungen in Ostdeutschland verantwortlich: Erstens wird oft übersehen, dass die ostdeutsche Bevölkerung seit 1933 ununterbrochen von Diktaturen beherrscht wurde. Dabei seien der verordnete Antifaschismus der DDR und die ebenso verordnete Internationale Solidarität zwar von vielen geteilt, von anderen aber zusammen mit der Kritik an der DDR auch abgelehnt worden. Ein latenter Rassismus sei in der DDR vorhanden gewesen und nach der Vereinigung z.B. durch die erniedrigende Behandlung der vietnamesischen Kontraktarbeiter fortgesetzt worden.

 

Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Demokratie-Skepsis hätten in Ostdeutschland längere historische Wurzeln als im Westen. Dazu käme als zweites, eine im Osten allgemein empfundene Nichtanerkennung der Lebensleistung, der ja doch individuell zu bewertenden Biografien, des gesellschaftlichen Selbstverständnisses auch in der Abwehrhaltung gegenüber dem SED-Regime. Anerkennung als Staat hatte auch die DDR immer gefordert und von einer wachsenden Zahl von Ländern auch erhalten – nie expressis verbis von der Bundesrepublik. Diese Anerkennung, in den frühen Jahren der Bundesrepublik gegen über dem Staat DDR durch die Hallstein-Doktrin stigmatisiert, fordert Kowalczuk jetzt für die Menschen und ihre in der DDR ganz vielfältig entwickelte Gesellschaft und Kultur. Vielleicht sollte – meint Kowalczuk - auch der Westen endlich in der Vereinigung ankommen und nicht nur über die enormen Transferleistungen stöhnen. Es scheint so, als ob die Hallstein-Doktrin noch in vielen Köpfen im Westen Deutschlands nachwirkte!

 

Harald Loch

 

Ilko-Sascha Kowalczuk:

Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

C.H.Beck, München 2019   319 Seiten   16,95 Euro