Bücher über Geschichte

Jill Lepore: Diese Wahrheiten                       Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika

Wer große Geschichtserzählungen schreibt, wer wie Livius seine Geschichte Roms ab urbe condita alles von Anfang an erzählen will, braucht Mut. Wer nicht nur erzählen will, wie alles war, wie alles wahr ist, braucht umfassende Kenntnis und Urteilskraft. Wer sein Urteil historisch begründen will, braucht Quellen.

 

Solche großen Erzählungen wie die mehrbändige „Römische Geschichte“ Theodor Mommsens sind auch schon mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Klio, die erste der neun Musen, der Schutzgöttinnen der Künste, ist die Patronin der Historiker. Dies vorausgeschickt, gilt es einen wunderbaren Musenkuss anzuzeigen. Die 1966 geborene Harvard-Historikerin Jill Lepore hat im vergangenen Jahr unter dem Titel „These Truths. A History oft the United States“ ein Buch vorgelegt, das alle Voraussetzungen erfüllt, das Unerklärlich-Widersprüchliche der USA aufzuklären. Jetzt ist es in der glücklichen Übersetzung von Werner Roller auf Deutsch erschienen. Der Gerda Henkel Stiftung gebührt das Verdienst, das ermöglicht zu haben.

 

Ein Schlüssel für das überzeugende Gelingen dieses Buches ist die Methode. Jill Lepore schreibt keine aufzählende Chronologie, kein „historisches Tagebuch“, sondern sie folgt der Geschichte ihres Landes anhand der Großen Themen, der großen Debatten. Diese aber spiegelt sie an Fakten, die sie aus Quellen entnimmt. Hierbei entsteht ein feines Geflecht aus Makro- und Mikrogeschichte, aus den großen Linien und den kleinen und großen Rissen.

 

Das fängt schon mit einer verstörenden Demontage des verklärten Gründungsmythos der Vereinigten Staaten an. Die britischen Siedler wollten sich – unter Berufung der Magna Charta Libertatum, des großen englischen Freiheitsbriefs von 1215 – nicht einer Steuergesetzgebung der britischen Kolonialmacht unterwerfen, an der sie selbst nicht beteiligt waren. Aber sie selber wollten, nachdem sie ihre Unabhängigkeit erkämpft hatten, nicht alle Menschen an den Freiheitsrechten der Magna Charta beteiligen - weder die schon stark dezimierten Indianer, noch die zu Millionen importierten afrikanischen Sklaven, noch auch die Frauen oder die Männer ohne „ausreichendes“ Vermögen oder Einkommen. Jill Lepore erzählt diesen Widerspruch anhand der scharfen Debatten über diese Fragen, aber eben auch anhand von Details, die bis in den Mund von George Washington führen, aus dem so kluge Reden erklungen waren. Er hatte verfaulte Zähne und ließ sie nicht nur aus Elfenbein ersetzen, sondern auch von Zähnen, die seinen Sklaven gezogen worden waren, um sie ihm einzusetzen. Zahnärzte in aller Welt wissen, dass sie durch Goldfäden miteinander verbunden waren. Washington ließ – obwohl er eigentlich dafür war – seine 123 Sklaven auf seinen Gütern in Virginia (seiner Frau gehörten weitere etwa 170) nicht frei, weil das ein Präzedenzfall gewesen wäre, den er als erster Präsident der Vereinigten Staaten, als der er sich nicht ein drittes Mal wieder zu Wahl gestellt hatte,  nicht schaffen wollte.

 

Oder, noch so ein bezeichnendes Detail: Bei der Frage, wie viele Abgeordnete die einzelnen der Gründungsstaaten in das Repräsentantenhaus entsenden sollten, sollte deren Einwohnerzahl entscheiden. Hier bestimmten die Gründungsväter die Regel, dass jeder Weiße als ein Einwohner, jeder Schwarze als drei Fünftel Einwohner gewertet wurde. Das galt natürlich nicht für das Stimmrecht, das die Schwarzen erst sehr viel später erringen sollten, sondern nur für die Zahl der zu wählenden Repräsentanten. Das führte dazu, dass in 32 der ersten 36 Jahre die Präsidenten der USA aus den sklavenreichen Südstatten kamen.

 

In der Unabhängigkeitserklärung hieß es – eigentlich unmissverständlich – „dass alle Menschen gleich & unabhängig geschaffen sind, dass sie weil sie gleich geschaffen sind, natürliche & unveräußerliche Rechte besitzen…“. Aus der gleichen Zeitung, in der diese Verfassungssätze veröffentlicht wurden, zitiert Lepore eine Anzeige: „ZU Verkaufen. EIN ANSEHNLICHES junges NEGERMÄDCHEN, 20 Jahre alt, sie ist gesund und hatte die Pocken, sie hat ein kleines männliche Kind.“  Die Autorin ermittelt weiter: „Von der Mutter hieß es, sie sei ‚bei der Hausarbeit bemerkenswert geschickt‘, ihr Baby war ‚etwa sechs Monate alt‘ und wurde noch gestillt. Beider Namen wurden nicht genannt.“ Es folgt in einer Fußnote die Quellenangabe. Lepore urteilt: „Sie unterstanden nicht ihrer eigenen Vernunft und freien Entscheidung. Sie wurden durch Gewalt und Zwang beherrscht.“

 

Mit dieser Methode der Beurteilung der Makrogeschichte anhand der Mikrogeschichte geht die Autorin in beeindruckender Souveränität durch die Jahrhunderte: Die Monroedoktrin, der Sezessionskrieg, die Industrialisierung und die Weltkriege mit den Schlusspunkten in Hiroshima und Nagasaki. Der Vietnamkrieg, Watergate, und der Kalte Krieg werden auf diese überzeugende Weise erzählt: Nixon trifft in Moskau Chrustschow: Er eröffnet eine amerikanische Ausstellung in Moskau, auf der – zum Zeichen der Überlegenheit des Kapitalismus – alle modernen elektrischen Haus- und Küchengeräte ausgestellt waren. Lepore zitiert einen amerikanischen Politiker, der die tatsächliche Wahrheit über das Familienleben von Amerikanern gern ausgestellt gesehen hätte. Da hätten die Sowjetrussen sich in ihrer Ablehnung des Kapitalismus eher bestärkt gesehen. Als ob zum Muster eines vorzeigbaren sowjetischen Haushalts außer einem Samowar nicht auch Puschkin oder vielleicht ein Klavier gehört hätten.

 

Die Widersprüche der US-amerikanischen Politik legt die Autorin bis in die Trump-Zeit weiter offen: „Die jährliche Durchschnittstemperatur in Philadelphia lag zur Zeit des Verfassungskonvents bei knapp über 11 Grad Celsius. Bis zum Ende von Barack Obamas Präsidentschaft war sie auf 15 Grad gestiegen. Nur kurze Zeit, nachdem Donald Trump den Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem von allen 196 Vertragspartnern der UN-Klimarahmenkonferenz unterschriebenen Pariser Klimaabkommen verkündet hatte – eine Erklärung, die er als ‚Stärkung der Souveränität Amerikas‘ bezeichnete – löste sich ein Eisberg mit einem Gewicht von einer Billion Tonnen, so groß wie der Bundesstaat Delaware, von der Antarktis.“ Die Methode, Ideen, Sprüche, politische Manifeste mit den Fakten abzugleichen, und seien sie noch so winzig wie die Zähne von George Washington, diese Methode überzeugt und bringt dem Leser die widersprüchliche historische Wahrheit auf glänzend geschrieben Weise nahe.

 

Harald Loch

 

Jill Lepore:

Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika

Aus dem Englischen übersetzt von Werner Roller

C.H.Beck, München 2019   1120 Seiten   39.95 Euro

In der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung

 

Marian Füssel: Der Preis des Ruhms

 

Was für eine Herausforderung: Die Mikrogeschichte eines globalen Konflikts kann der Königsweg zu einer „authentischen“ und lebendigen Historiographie sein. Marian Füssel, Professor für Frühe Neuzeit an der Georg-August-Universität Göttingen, hat diese Herausforderung angenommen und mit Bravour bewältigt. Seine Weltgeschichte des Siebenjährigen Krieges (so der Untertitel seines soeben erschienenen Buches „Der Preis des Ruhms“) hat es mit einem Geschehen zu tun, das hierzulande meist als der Dritte Schlesische Krieg mit prominenter europäischer Beteiligung wahrgenommen wird. In Wirklichkeit haben zeitgleich - eng mit dem Krieg in Mitteleuropa verknüpft - Großbritannien und Frankreich ihren Kampf um Nordamerika, um die Beherrschung Indiens und der Karibik ausgetragen, dessen Ausgang die Weltgeschichte nachhaltiger geprägt hat als die Rivalität zwischen Friedrich II., den manche „Den Großen“ nennen, und Maria Theresia. Es war eine Zeit der Bündnisse. Preußen hatte einen mächtigen und zahlenden Verbündeten: Großbritannien, das über die Personalunion mit Hannover auch eine kontinentale Macht war. Die Gegner waren übermächtig: Österreich, Frankreich mit dem ihm dynastisch verbundenen Spanien, Russland (bis kurz vor dem Schluss) und Schweden. Dazu kommt noch das Alte Reich, also das Dach über dem vielteiligen Deutschland, das Preußen wegen seines völkerrechtswidrigen Angriffs auf Sachsen im Jahre im August 1756 verurteilt hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren Frankreich und Großbritannien in Nordamerika und in Indien Frankreich und Großbritannien bereits aneinandergeraten.

 

Bis zu den Friedensschlüssen von Paris (1762) und in Jahr später in Hubertusburg vergingen die dem Kriege den Namen gebenden Sieben Jahre. Hunderte von Schlachten und kleineren Gefechten forderten Millionen Opfer, auch unter der Zivilbevölkerung. Die am Krieg beteiligten Länder verschuldeten sich auf lange Zeit. Die Ergebnisse schufen den Boden, auf dem die Revolutionen in Amerika und in Frankreich gegen Ende des Jahrhunderts wachsen würden. Das in allen seinen politischen, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Facetten darzustellen, würde den Rahmen eines lesbaren Buches sprengen und die Menschen, die das alles miterlebten, nicht berücksichtigen. Deshalb hat Füssel eine kluge Auswahl von Schlachten und Ereignissen getroffen, um Raum für Originaltöne von Zeitgenossen zu schaffen. Er lässt einfache Soldaten und Offiziere, Indianer, Priester, Seeleute, Bäckermeister, Männer und Frauen aus allen Schichten der Völker zu Wort kommen. Sie haben Briefe und Tagebücher geschrieben, Zeitungen gelesen, Berichte und Chroniken verfasst. Sie haben ihre Beobachtungen notiert und ihre Gefühle beschrieben, ihren jeweiligen Gott angerufen oder auch verdammt. Der Chor dieser Chronisten singt kein einheitliches Lied, aber die Vielfalt der mit Bedacht ausgewählten Stimmen aller Höhenlagen vermittelt mit der sie verbindenden „klassischen“ Geschichtsschreibung ein genaueres Bild dieser Sieben Jahre. Auch damals waren Menschen beteiligt, beurteilten das Geschehen, litten unter der Rücksichtslosigkeit der Herrschenden, der Befehlenden und der Gehorchenden. Vieles erscheint in neuem Licht. Die wachsende Bedeutung der – damals ausschließlich gedruckten – Medien wird z.B. durch Zitate aus Zeitungen und die Reaktion der Zeitzeugen auf die Meldungen in den „Gazetten“ verdeutlicht.

 

Als Beispiel für die durch die O-Töne gewonnene Lebendigkeit sei der Brief des in preußischen Diensten an der Schlacht von Leuthen beteiligten Schweizers Johann Georg  Sulzer zitiert, den er wenig später aus Berlin an einen  Schweizer Freund richtete: „Nachdem die letzten Linien der Feinde geflohen, fing der König (Friedrich II. – H.L.) mit lauter Stimme zuerst an zu rufen: ‚Viktoria!‘, und das siegreiche Heer rief ihm nach. Und als Halte gemacht war, stimmten die Soldaten aus eigenem Triebe das Lied an: ‚Nun danket alle Gott‘.“ Füssel resümiert in seiner Darstellung: „Das alte Kirchenlied ging damit als Choral von Leuthen in die Geschichte ein“. Der Dank galt dem Sieg, der mit einem hohen Blutzoll errungen war: 6000 Mann auf Seiten Preußen, 20000 Mann auf Seiten der Österreicher und der Reichsarmee. „Besonders Verbände aus Bayern und Württemberg hatten in der Schlacht gelitten“. Diesen „Zynismus über die religiöse Sinngebung“ des Kriegs geißelte als einer der Wenigen damals Voltaire: „Das Erstaunliche an diesem Unternehmen ist, daß jeder einzelne Führer der Mörder seine Fahnen segnen lässt und sich feierlich auf Gott beruft, bevor er auszieht, um seine Menschen umzubringen. … Wenn zehntausend Menschen mit Feuer und Schwert umgebracht worden sind und obendrein noch irgendeine Stadt völlig zerstört worden ist, dann singt man vielstimmig ein recht langes Lied (Te deum – H.L.). Das gleiche Lied wird bei Hochzeiten und Geburten wie beim Morden gesungen…“

 

Solche Stimmen der Zeit ergänzen in diesem Neuland beschreitenden historiografischen Meisterwerk die quellengestützte Geschichtsschreibung und machen das durch zahlreiche Abbildungen und Karten ergänzte Werk zu einem Beispiel, wie man künftig Geschichte erzählen sollte.

 

Harald Loch

 

Marian Füssel:

Der Preis des Ruhms. Eine Weltgeschichte des Siebenjährigen Krieges

C.H.Beck, München 2019    636 Seiten   zahlr. Karten und Abb.   32 Euro

Brian A. Catlos: „al-Andalus” Geschichte des islamischen Spanien

 

 

Die Geschichte Andalusiens wird üblicherweise teils verklärend, teils verfälschend als eine Zeit der „conviviencia“, des friedlichen Austauschs zwischen Christen, Juden und Muslimen auf der iberischen Halbinsel erzählt. Eine die neuere Forschung berücksichtigende, zusammenfassende Darstellung dieser Schlüsselepoche des europäischen und mediterranen Mittelalters gibt es für deutschsprachige Leser bisher nicht. Jetzt hat das faktenreiche Buch des an der University of Colorado, Boulder, als Professor für Religionswissenschaften lehrenden Brian A. Catlos diese schmerzliche Lücke geschlossen. Er räumt mit dem Narrativ von mittelalterlicher Toleranz auf und beschreibt die Zeit vom ersten arabisch-islamischen Eindringen im 7. Jahrhundert bis zum Fall Granadas 1492 eher als politische Geschichte mit wechselnden Akteuren, die sich im Wesentlichen nicht an den Grenzen der Religionen und Konfessionen orientierten: „Es wurde viel darüber geschrieben, ob al-Andalus eine Idylle aufgeklärter Toleranz und conviviencia oder Schauplatz eines brutalen Kampfes der Kulturen war. Es war weder das Eine noch das Andere. Toleranz gilt heute oft nicht mehr als eine Tugend, und im Mittelalter war sie das noch viel weniger. Aber der Kampf fand zumeist innerhalb, nicht zwischen den „Kulturen“ statt.“

 

Der 1966 in Montreal geborene Catlos folgt in seiner Darstellung dem Lauf der Geschichte, unterteilt sie nach Dynastien und wechselnden Dominanzen. Er erzählt in 30 Kapiteln von den Kämpfen innerhalb des islamischen Teils der Gesellschaft, zwischen Arabern und Berbern, zwischen den sich abwechselnden Clans. Genauso verhielt es sich auf der christlichen Seite. Die konkurrierenden kleineren Königreiche bekämpften sich ebenfalls kriegerisch. Immer wieder kam es zu Koalitionen über die Religionsgrenzen hinweg zwischen muslimisch bzw. christlich orientierten regionalen Herrschern. Vor allem kam es zu einem kulturellen Transfer von der hochentwickelten arabisch-muslimischen Seite hin zu den damals unterentwickelten Gesellschaften christlicher Prägung. Dazu kam, wie ein intellektuelles Ferment, das jüdische Element, das sowohl in den wirtschaftlichen Austauschbeziehungen als auch als Vermittler von Wissen und Literatur unübersehbar in Erscheinung trat. Das Arabische, das Lateinische und das Hebräische waren Sprachen, die als Verkehrssprachen wie als Literatur- und Wissenschaftssprachen allgemein benutzt, übersetzt und gepflegt wurden. Die religiösen Unterschiede spielten in der ganzen Epoche eine wichtige, Orientierung und Rechtsregime bietende, jedoch keine entscheidende Rolle: „Die Christen, Muslime und Juden des Mittelmeerraums teilten eine im abrahamitischen Monotheismus wurzelnde Kultur, sie teilten die persische und griechische Gelehrsamkeit, römische Institutionen, die ägyptische Esoterik, ein bestimmtes Geschichtsbewusstsein sowie volkstümliche Sitten und Gebräuche und kulturelle Traditionen, die sich im Zuge von jahrtausendelangen Handelsbeziehungen, von Migration, Eroberung und Besiedlung entwickelt hatten.“

 

Der Autor verändert unsere Sicht auf al-Andalus, wenn er das Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte dort nicht aus „Toleranz, sondern aus Zweckmäßigkeit und praktischem Nutzten“ ableitet, also aus primär politischen Gründen. In vielen Details weist er nach, dass sich die Akteure und die einfachen Menschen „einander verstehen und sich miteinander verständigen und auf diese Weise trotz aller Differenzen einen gemeinsamen Boden finden, sich einander anpassen und sich die jeweils andere Kultur zu eigen machen“ konnten. Wenn in al-Andalus so etwas wie Toleranz herrschte, dann beruhte sie nicht auf moralischen Erwägungen oder einer aufgeklärten Ideologie. Sie entwickelte sich vielmehr entgegen dem religiösen Eifer auf allen Seiten aus einem pragmatischen, oft auch machtpolitischen Bedürfnis -  keine geringe Leistung!

 

Dem Leser dieses wichtigen Buches wird die Lektüre durch ein hilfreiches Glossar und durch eine chronologische Übersicht über die einzelnen Dynastien erleichtert. Eine vor allem die spanisch- und die englischsprachige Literatur berücksichtigende Bibliografie lädt zu weiterführenden Studien ein. Die mustergültige Übersetzung von Rita Seuß macht dieses historische Meisterwerk zu einem Lesegenuss. Insgesamt wird jede künftige Andalusien-Forschung auf diesem Standardwerk aufbauen und sich an der in ihm manifestierten Urteilskraft messen lassen müssen.

 

Harald Loch

 

Brian A. Catlos: „al-Andalus” Geschichte des islamischen Spanien

Aus dem Englischen von Rita Seuß

C.H.Beck, München 2019   491 Seiten   29,95 Euro

 

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme

 

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, wusste niemand, wie es weiter gehen würde. Knapp ein später war die hoffnungsvolle Verheißung der damals geltenden Präambel des Grundgesetzes durch Beitritt der damit untergehenden DDR erfüllt. Ilko-Sascha Kowalczuk – ein bekennender Nicht-Teilnehmer an der „friedlichen Revolution“ in der DDR – hat sich in der Beurteilung der Durchführung der deutschen Einheit zu einem der vehementesten Kritiker dieses Prozesses und des gegenwärtigen Ergebnisses entwickelt. In seinem Buch „Die Übernahme“ legt er den Finger auf die wunden Punkte: Es wurde keine neue, gesamtdeutsche Verfassung ausgearbeitet, in die auch Elemente des in der DDR entstandenen Bewusstseins einzuarbeiten gewesen wären. Die DDR sein eine Gesellschaft gewesen, in der Arbeit ein entscheidendes Element gewesen sei und Leben wie Bewusstsein der Menschen tief beeinflusst hätte.

 

Die „Übernahme“ der DDR-Wirtschaft und -Betriebe im einseitigen Profitinteresse westdeutscher Unternehmen habe diese Arbeitsgesellschaft nachhaltig zerstört und bis heute erschüttert.

Entscheidend für die geschwundene Akzeptanz der Vereinigung in Ostdeutschland aber sei die bis heute ausgebliebene Anerkennung für diese auf Arbeit gegründete Gesellschaft jenseits aller real-sozialistischen Ideologie gewesen. Bis heute seien Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen bei wenigen Ausnahmen von Westdeutschen besetzt. Von den insgesamt vererbten Vermögen stamme und fließe nur ein weit unter dem Bevölkerungsanteil liegender Prozentsatz aus und nach Ostdeutschland. Die kulturelle Hegemonie des Westens habe wie die Skandalisierung der SED-Diktatur als Stasi-Staat zu viel Frust in den ostdeutschen Ländern und zu Hochmut in Westdeutschland geführt. Die Kampagne z.B. gegen Christa Wolf sei bezeichnend für die Überbewertung marginaler Stasi-Verstrickung in die Gesamtbewertung einer bedeutenden Schriftstellerin und Regime-Kritikerin gewesen. Der promovierte Historiker ist seit 18 Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter in der Abteilung Bildung und Forschung beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in der ehemaligen DDR („Gauck-Behörde“) und schreibt z. Zt. an einer Biografie über Walter Ulbricht.

 

Kowalczuk macht zwei Faktoren für das überproportionale Erstarken rechtsextremer und -radikaler Haltungen in Ostdeutschland verantwortlich: Erstens wird oft übersehen, dass die ostdeutsche Bevölkerung seit 1933 ununterbrochen von Diktaturen beherrscht wurde. Dabei seien der verordnete Antifaschismus der DDR und die ebenso verordnete Internationale Solidarität zwar von vielen geteilt, von anderen aber zusammen mit der Kritik an der DDR auch abgelehnt worden. Ein latenter Rassismus sei in der DDR vorhanden gewesen und nach der Vereinigung z.B. durch die erniedrigende Behandlung der vietnamesischen Kontraktarbeiter fortgesetzt worden.

 

Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Demokratie-Skepsis hätten in Ostdeutschland längere historische Wurzeln als im Westen. Dazu käme als zweites, eine im Osten allgemein empfundene Nichtanerkennung der Lebensleistung, der ja doch individuell zu bewertenden Biografien, des gesellschaftlichen Selbstverständnisses auch in der Abwehrhaltung gegenüber dem SED-Regime. Anerkennung als Staat hatte auch die DDR immer gefordert und von einer wachsenden Zahl von Ländern auch erhalten – nie expressis verbis von der Bundesrepublik. Diese Anerkennung, in den frühen Jahren der Bundesrepublik gegen über dem Staat DDR durch die Hallstein-Doktrin stigmatisiert, fordert Kowalczuk jetzt für die Menschen und ihre in der DDR ganz vielfältig entwickelte Gesellschaft und Kultur. Vielleicht sollte – meint Kowalczuk - auch der Westen endlich in der Vereinigung ankommen und nicht nur über die enormen Transferleistungen stöhnen. Es scheint so, als ob die Hallstein-Doktrin noch in vielen Köpfen im Westen Deutschlands nachwirkte!

 

Harald Loch

 

Ilko-Sascha Kowalczuk:

Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

C.H.Beck, München 2019   319 Seiten   16,95 Euro