Bücher über Geschichte

Brian A. Catlos: „al-Andalus” Geschichte des islamischen Spanien

 

 

Die Geschichte Andalusiens wird üblicherweise teils verklärend, teils verfälschend als eine Zeit der „conviviencia“, des friedlichen Austauschs zwischen Christen, Juden und Muslimen auf der iberischen Halbinsel erzählt. Eine die neuere Forschung berücksichtigende, zusammenfassende Darstellung dieser Schlüsselepoche des europäischen und mediterranen Mittelalters gibt es für deutschsprachige Leser bisher nicht. Jetzt hat das faktenreiche Buch des an der University of Colorado, Boulder, als Professor für Religionswissenschaften lehrenden Brian A. Catlos diese schmerzliche Lücke geschlossen. Er räumt mit dem Narrativ von mittelalterlicher Toleranz auf und beschreibt die Zeit vom ersten arabisch-islamischen Eindringen im 7. Jahrhundert bis zum Fall Granadas 1492 eher als politische Geschichte mit wechselnden Akteuren, die sich im Wesentlichen nicht an den Grenzen der Religionen und Konfessionen orientierten: „Es wurde viel darüber geschrieben, ob al-Andalus eine Idylle aufgeklärter Toleranz und conviviencia oder Schauplatz eines brutalen Kampfes der Kulturen war. Es war weder das Eine noch das Andere. Toleranz gilt heute oft nicht mehr als eine Tugend, und im Mittelalter war sie das noch viel weniger. Aber der Kampf fand zumeist innerhalb, nicht zwischen den „Kulturen“ statt.“

 

Der 1966 in Montreal geborene Catlos folgt in seiner Darstellung dem Lauf der Geschichte, unterteilt sie nach Dynastien und wechselnden Dominanzen. Er erzählt in 30 Kapiteln von den Kämpfen innerhalb des islamischen Teils der Gesellschaft, zwischen Arabern und Berbern, zwischen den sich abwechselnden Clans. Genauso verhielt es sich auf der christlichen Seite. Die konkurrierenden kleineren Königreiche bekämpften sich ebenfalls kriegerisch. Immer wieder kam es zu Koalitionen über die Religionsgrenzen hinweg zwischen muslimisch bzw. christlich orientierten regionalen Herrschern. Vor allem kam es zu einem kulturellen Transfer von der hochentwickelten arabisch-muslimischen Seite hin zu den damals unterentwickelten Gesellschaften christlicher Prägung. Dazu kam, wie ein intellektuelles Ferment, das jüdische Element, das sowohl in den wirtschaftlichen Austauschbeziehungen als auch als Vermittler von Wissen und Literatur unübersehbar in Erscheinung trat. Das Arabische, das Lateinische und das Hebräische waren Sprachen, die als Verkehrssprachen wie als Literatur- und Wissenschaftssprachen allgemein benutzt, übersetzt und gepflegt wurden. Die religiösen Unterschiede spielten in der ganzen Epoche eine wichtige, Orientierung und Rechtsregime bietende, jedoch keine entscheidende Rolle: „Die Christen, Muslime und Juden des Mittelmeerraums teilten eine im abrahamitischen Monotheismus wurzelnde Kultur, sie teilten die persische und griechische Gelehrsamkeit, römische Institutionen, die ägyptische Esoterik, ein bestimmtes Geschichtsbewusstsein sowie volkstümliche Sitten und Gebräuche und kulturelle Traditionen, die sich im Zuge von jahrtausendelangen Handelsbeziehungen, von Migration, Eroberung und Besiedlung entwickelt hatten.“

 

Der Autor verändert unsere Sicht auf al-Andalus, wenn er das Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte dort nicht aus „Toleranz, sondern aus Zweckmäßigkeit und praktischem Nutzten“ ableitet, also aus primär politischen Gründen. In vielen Details weist er nach, dass sich die Akteure und die einfachen Menschen „einander verstehen und sich miteinander verständigen und auf diese Weise trotz aller Differenzen einen gemeinsamen Boden finden, sich einander anpassen und sich die jeweils andere Kultur zu eigen machen“ konnten. Wenn in al-Andalus so etwas wie Toleranz herrschte, dann beruhte sie nicht auf moralischen Erwägungen oder einer aufgeklärten Ideologie. Sie entwickelte sich vielmehr entgegen dem religiösen Eifer auf allen Seiten aus einem pragmatischen, oft auch machtpolitischen Bedürfnis -  keine geringe Leistung!

 

Dem Leser dieses wichtigen Buches wird die Lektüre durch ein hilfreiches Glossar und durch eine chronologische Übersicht über die einzelnen Dynastien erleichtert. Eine vor allem die spanisch- und die englischsprachige Literatur berücksichtigende Bibliografie lädt zu weiterführenden Studien ein. Die mustergültige Übersetzung von Rita Seuß macht dieses historische Meisterwerk zu einem Lesegenuss. Insgesamt wird jede künftige Andalusien-Forschung auf diesem Standardwerk aufbauen und sich an der in ihm manifestierten Urteilskraft messen lassen müssen.

 

Harald Loch

 

Brian A. Catlos: „al-Andalus” Geschichte des islamischen Spanien

Aus dem Englischen von Rita Seuß

C.H.Beck, München 2019   491 Seiten   29,95 Euro

 

Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme

 

Als vor 30 Jahren die Mauer fiel, wusste niemand, wie es weiter gehen würde. Knapp ein später war die hoffnungsvolle Verheißung der damals geltenden Präambel des Grundgesetzes durch Beitritt der damit untergehenden DDR erfüllt. Ilko-Sascha Kowalczuk – ein bekennender Nicht-Teilnehmer an der „friedlichen Revolution“ in der DDR – hat sich in der Beurteilung der Durchführung der deutschen Einheit zu einem der vehementesten Kritiker dieses Prozesses und des gegenwärtigen Ergebnisses entwickelt. In seinem Buch „Die Übernahme“ legt er den Finger auf die wunden Punkte: Es wurde keine neue, gesamtdeutsche Verfassung ausgearbeitet, in die auch Elemente des in der DDR entstandenen Bewusstseins einzuarbeiten gewesen wären. Die DDR sein eine Gesellschaft gewesen, in der Arbeit ein entscheidendes Element gewesen sei und Leben wie Bewusstsein der Menschen tief beeinflusst hätte.

 

Die „Übernahme“ der DDR-Wirtschaft und -Betriebe im einseitigen Profitinteresse westdeutscher Unternehmen habe diese Arbeitsgesellschaft nachhaltig zerstört und bis heute erschüttert.

Entscheidend für die geschwundene Akzeptanz der Vereinigung in Ostdeutschland aber sei die bis heute ausgebliebene Anerkennung für diese auf Arbeit gegründete Gesellschaft jenseits aller real-sozialistischen Ideologie gewesen. Bis heute seien Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen bei wenigen Ausnahmen von Westdeutschen besetzt. Von den insgesamt vererbten Vermögen stamme und fließe nur ein weit unter dem Bevölkerungsanteil liegender Prozentsatz aus und nach Ostdeutschland. Die kulturelle Hegemonie des Westens habe wie die Skandalisierung der SED-Diktatur als Stasi-Staat zu viel Frust in den ostdeutschen Ländern und zu Hochmut in Westdeutschland geführt. Die Kampagne z.B. gegen Christa Wolf sei bezeichnend für die Überbewertung marginaler Stasi-Verstrickung in die Gesamtbewertung einer bedeutenden Schriftstellerin und Regime-Kritikerin gewesen. Der promovierte Historiker ist seit 18 Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter in der Abteilung Bildung und Forschung beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes in der ehemaligen DDR („Gauck-Behörde“) und schreibt z. Zt. an einer Biografie über Walter Ulbricht.

 

Kowalczuk macht zwei Faktoren für das überproportionale Erstarken rechtsextremer und -radikaler Haltungen in Ostdeutschland verantwortlich: Erstens wird oft übersehen, dass die ostdeutsche Bevölkerung seit 1933 ununterbrochen von Diktaturen beherrscht wurde. Dabei seien der verordnete Antifaschismus der DDR und die ebenso verordnete Internationale Solidarität zwar von vielen geteilt, von anderen aber zusammen mit der Kritik an der DDR auch abgelehnt worden. Ein latenter Rassismus sei in der DDR vorhanden gewesen und nach der Vereinigung z.B. durch die erniedrigende Behandlung der vietnamesischen Kontraktarbeiter fortgesetzt worden.

 

Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Demokratie-Skepsis hätten in Ostdeutschland längere historische Wurzeln als im Westen. Dazu käme als zweites, eine im Osten allgemein empfundene Nichtanerkennung der Lebensleistung, der ja doch individuell zu bewertenden Biografien, des gesellschaftlichen Selbstverständnisses auch in der Abwehrhaltung gegenüber dem SED-Regime. Anerkennung als Staat hatte auch die DDR immer gefordert und von einer wachsenden Zahl von Ländern auch erhalten – nie expressis verbis von der Bundesrepublik. Diese Anerkennung, in den frühen Jahren der Bundesrepublik gegen über dem Staat DDR durch die Hallstein-Doktrin stigmatisiert, fordert Kowalczuk jetzt für die Menschen und ihre in der DDR ganz vielfältig entwickelte Gesellschaft und Kultur. Vielleicht sollte – meint Kowalczuk - auch der Westen endlich in der Vereinigung ankommen und nicht nur über die enormen Transferleistungen stöhnen. Es scheint so, als ob die Hallstein-Doktrin noch in vielen Köpfen im Westen Deutschlands nachwirkte!

 

Harald Loch

 

Ilko-Sascha Kowalczuk:

Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde

C.H.Beck, München 2019   319 Seiten   16,95 Euro