Biographien und Tagebücher

Hier finden Sie das Leben der Anderen in Biographien und Tagebüchern

Biermann - Warte nicht auf bessere Zeiten

Titel Wolf Biermann Warte nicht auf bessere Zeiten. Die Autobiographie. Propyläen

 

Autor Wolf Biermann, Dichter und Liedermacher, hat zum 80. Geburtstag seine Lebensbilanz vorgelegt. Als Stimme des DDR-Widerstandes wurde der Opponent gegen das DDR-Regime 1976 ausgebürgert. Er gab danach Konzerte in vielen Ländern Europas. Biermann bekam für seine Dichtung unter anderem den Georg-Büchner-Preis, den Heinrich-Heine-Preis und den Hölderlin-Preis.


Inhalt Biermann erzählt von den alltäglichen Dramen und dem genialen Widerstand in der deutschen Diktatur, von geschmuggelten Liedern und Gedichten, von sturen Parteibonzen, von Stasi-Methoden in der „rotgetünchten“ Diktatur. Er berichtet von den frühen Protesten und seiner Ausbürgerung, vom Beginn eines „failed“ Kommunismus auf deutschem Boden.

 
Gestaltung 543 Seiten, von der „Wahrheit mit der Muttermilch“ bis zum Schlusskapitel „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. Ergänzend am Schluss: Notat, Personenregister, Bildnachweis. Schwarzweiße Bild-Innenteile. Auf den Innenseiten des Covereinbandes Noten und Texte: „Ermutigung“ und eine Lebensweisheit von Wolf Biermann über das Leben an sich. Frecher, provokanter, sarkastischer, humorvoller Schreibstil Biermanns mit vielen Ironie-Anteilen, eine Art Schelmenroman trotz aller tragischer Ereignisse in deutsch-deutscher Geschichte.


Cover Halbporträt des ergrauten Dichters mit der Hamburger „Schnauze“, Schnauzbart tragend.


Zitat „Ach Freund geht es Dir nicht auch so? Ich kann nur lieben, was ich die Freiheit habe auch zu verlassen.“

 
Meinung Das Leben schreibt die besten Geschichten, und Geschichte ist verdammt lebendig, erst recht die oft tragische und zugleich auch komische deutsch-deutsche Geschichte. Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wende legt der Dichter und Liedermacher ein fulminantes Lebensepos vor. 


Biermann überlebt das Flammeninferno im Hamburger Bombenteppich, im „welthistorischen Kuddelmuddel“. Er entdeckt ein Naturgesetz der Geschichte, dass am Ende einer Tyrannei die gestürzte Elite das meiste Personal für die neue bessere Zeit stellt. 


Biermanns Vater stirbt in Auschwitz. Das prägt den später Aufständigen. Eisler ermutigt ihn, Lieder zu schreiben, bei der Weigel assistiert er am Berliner Ensemble. Er deckt auf, wie der SED-Propaganda-Apparat sich die Lügen zurechtlegt. Biermann berichtet von seinen Freunden und Zeitgenossen, wie etwa Manfred Krug, der später in den Westen ging und als Tatort-Kommissar populär wurde oder vom Berufsverbot und mit Hausarrest bestraften und festgesetzten Opponenten Robert Havemann – der eigentlich Robert Hans Günther Havemann hieß, dem Chemiker,  Widerstandskämpfer und Regimekritiker der DDR, der einmal an den Kommunismus geglaubt hat. 


Biermann ist sich sicher: Ich wollte „mir gut sein und zugleich der DDR“. – „Mein Liederladen lief.“ Und Biermann schildert eben auch DDR-Absurdistan. Eine Streitfrage zum Beispiel hieß: Ob Tanzpärchen auch auseinander tanzen dürfen in der BEAT-Zeit, die der Westen global exportierte. 


Biermann entlarvt, wo im Sozialismus der „Hammer hängt“ und wie die „Sichel rauscht“.  


Biermann lässt uns auch in seine Politseele blicken: „Ich wollte nicht die Kühe in der LPG melken, sondern ein Drachentöter werden“. 
Er suchte das Feuer, aber: „Der Schritt vom Weltenretter zum Zyniker und Apokalyptiker ist kurz“. 


In der Chausseestraße in Ostberlin wird sein Domizil zur Pilgerstätte der „DDR-Versteher“ und „Nicht-Versteher“.

 
Der legendäre Westberliner Klaus Wagenbach macht Biermanns Gedichte bekannt. Wir lernen auch die Feigen und die Zaghaften kennen, die Karrieristen und die Mitläufer.

 
Biermanns Mutter bekennt in einer Parteiversammlung: „Mein Sohn ist ein junger Dichter, und ihr seid alte Schweine“. 
Konnte man in der DDR glauben, was die Parteielite sich zusammenlügt. Die DDR-Bonzen taten es selber. Das Parteivolk auch, aber das Volk selbst eben nur in Teilen. 


Wir lernen die Usancen des Spitzelstaates kennen, seine kleinen Bosheiten und seinen großen blanken Terror. 


Wir erfahren, wie Westware geschmuggelt wurde und wie Biermann an ein Tonbandgerät kam. Der Staatsfeind Nummer Eins musste seine Protestlieder ordentlich anmelden, so kassierte die DDR auch noch Tantiemen vom eigenen Gegner. 


Mit dem „Weiberfleischfresser“ Brecht gibt es durchaus private Parallelen in Biermanns Leben. Biermann schreibt über „Seitensprünge“, von Wunden im „Spiel der Geschlechter“ und „Eifersuchtsdramoletten“, ohne jedoch Intimitäten großsprecherisch auszuplaudern. Die Stasi hörte mit beim Bettgeflüster, und fährt mit einem Mercedes sehr, sehr „hautnah“ an ihm vorbei - nur eine Warnung oder „Mordversuch“ mit konkreter Tötungsabsicht? 


Zwei Stimmen entscheiden über Biermanns Ausbürgerung, die von Erich Mielke und Erich Honecker. Und so durfte ich - nicht in Köln - nein in München, Wolf Biermann auf der Bühne live erleben, auf seiner legendären und unvergesslichen Konzertreise.

 
So war sie, die offizielle Linie, nach dem alten Ulbricht-Motto, es muss alles demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben, eben auch nach dem abgewandelten Motto „Niemand hat die Absicht, eine Demokratie zu errichten“. 


Schrecklich, die Attacken auf Jürgen Fuchs, skandalös das Alltagsgefängnis von Robert Havemann, dem die Parteibonzen in seiner eigenen Wohnung Lebenshaft lebenslang verordnet hatten. 
Biermann weint, als die Mauer fällt, die Menschen taumeln mit ihm ins letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts. 


Biermann lüftet seine Stasi-Akte. 


Biermann schimpft über Markus Wolf, dem Geheimdienstler mit James-Bond-Allüren, Gregor Gysi ist für ihn, der „windig, wendige Advokat“. 
Die Stasi schickt ihm Liebesoffizierinnen mit Verführungsauftrag ins Bett. 


Offen bleibt für ihn aber, wohin die Parteivermögen verschwanden. 
Ein fulminantes, breites Lebens-Epos, lebendig erzählt, spannend und erschütternd zugleich zu lesen, über das Schweigen in Diktaturen und das Schreien der Mutigen. Biermann, der kleine freche Sänger mit dem großen Maul, dem die DDR versucht hat, lebenslang einen Maulkorb umzuhängt, war eben ein Maul-HELD und kein MAUL-Held.

 

„Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit
Die allzu hart sind brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich…“

 

Leser Deutsche in Ost und West

 

Video https://www.youtube.com/watch?v=NPLrl_Z4Bf8

 

Pressestimmen "Wolf Biermann hat sich ein lebenskluges, ein pralles Buch zum 80. Geburtstag geschrieben." Deutschlandfunk - Andruck, Henry Bernhard, 17. 10. 2016


„Eine Meisterleistung der literarischen Vergegenwärtigung, das Buch verbindet sachliche Präzision mit persönlicher Leidenschaft, Witz mit Sarkasmus.“ Die Zeit Literatur, Ulrich Greiner, 13. 10. 2016


"Biermann erzählt das mit unendlicher Liebe zum Detail in seiner bildreichen Sprache." Nordwest Zeitung, Oliver Bloch, 08. 10. 2016


"Persönlich erlebte Zeitgeschichte in Ost und West. Meinungsstark, kiebig, aufrecht, immer wieder sehr eindringlich." Hamburger Abendblatt, Maike Schiller, 08. 10. 2016


„Wolf Biermann hat nicht nur sein Leben aufgeschrieben. Mit ‚Warte nicht auf bessre Zeiten‘ ist ihm eine auch sprachlich herausragende Autobiographie geglückt.“ NDR Kultur, Tobias Wenzel, 07. 10. 2016


„Ein Chronist der Liebe, des Hasses und des Irrsinns des vergangenen Jahrhunderts, ein Dichter, Denker und Spötter.“ Welt am Sonntag, Stefan Aust, 02. 10. 2016


„…ein großer, ein überwältigender Deutschlandroman.“ Der Spiegel, Volker Weidermann, 01. 10. 2016

Benjamin - der Unvollendete

Das Neue und das Immergleiche!  Der 1892 in Berlin geborene Walter Benjamin interessierte sich zeitlebens für das Verhältnis zwischen beiden geschichtlichen Wundern. Es ist nicht die gleiche Differenz wie die zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen sondern die Grundspannung der geschichtlichen Zeit. In ihr lebte der deutsch-jüdische Philosoph, Schriftsteller und Kritiker nur bis zum 26.9.1940, als er sein Leben auf der Flucht in den Pyrenäen selbst beendete. Lorenz Jäger hat diesem „Leben eines Unvollendeten“, wie der Untertitel lautet, jetzt eine Biografie gewidmet, die auch andere Spannungen thematisiert: Benjamin wurde in eine assimilierte jüdische bürgerliche Familie geboren zu einer Zeit, da Assimilation und auch Bürgerlichkeit für ihn nicht mehr zur Debatte standen.

 

Mit Gershom Scholem früh befreundet, dem er – betrachtet man Benjamins Ende – leider nicht nach Israel folgte, diskutierte er Judentum ganz anders. Mit metaphysischen Ansätzen begann seine eher „bürgerliche“ Philosophie, aus der er bald einen „Materialismus der Dinge“ entwickelte. Seinen Marxismus schulte er – dann schon im Pariser Exil – in Gesprächen mit Brecht. Die ihm eigentlich gemäße politische Haltung eines Antistalinisten, ohne, wie Manès Sperber oder Arthur Koestler zum Häretiker zu werden, konnte er für sein Leben nicht mehr ausformulieren, weil er dazu keine Zeit mehr hatte.
Wer die sehr konservativ-kritische Adorno-Biografie Jägers kennt, ist gespannt, wie er es mit Benjamin hält. Die Erwartungen werden nicht enttäuscht.

 

Benjamins marxistische Grundfärbung kann seinem Biografen nicht gefallen – er nennt ihn wiederholt einen Bolschewisten. Den politischen Irritationen eines von den Nazis verfolgten deutschen Juden, der im Sozialismus und in der damals in Moskau vorherrschenden Macht dieser Todfeinde des Faschismus Rettung sah, dann aber nach dem Hitler-Stalin-Pakt und an der Schwäche des Westens verzweifeln musste, kann Jäger nur in der Attitude des – ex post - allwissenden Antikommunisten begegnen. Andererseits schätzt er die literarische Dimension in Benjamins Arbeiten: „Wenn Adornos Idiom unverkennbar manieriert anmutet, wofür die leichte Parodierbarkeit ein Beweis ist, so schrieb Benjamin in seinen besten Momenten ein klassisches Deutsch eigener Prägung, das oft geradezu klingt, als habe er diese vollendete Diktion allererst erfunden“. Jäger bewundert das „absolute Gehör für Prosa“, das Benjamin herausbildete.


„Das Leben eines Unvollendeten“, ist keine klassische Biografie. Sie ist zwar im Großen und Ganzen chronologisch. Trifft Jäger aber beim Nachzeichnen des Lebenslaufs auf Personen, die für Benjamin wichtig werden, flicht er kleine biografische Essays über sie ein. Das zeugt von Bildung und erzeugt Übersicht. Auf diese Weise begegnet der Leser Hannah Arendt, die in erster Ehe mit Benjamins Cousin Günther Stern, später Günther Anders verheiratet war, Adorno und Kracauer, Brecht und Scholem, Franz Hessel, mit dem er Proust übersetzte und Hofmannsthal, seiner Cousine Gertrud Colmar und der Frau seines Bruders, Hilde Benjamin. Hauptsächlich aber folgt die Struktur des Buches den Werken Benjamins. Jäger liest sie aus seiner entgegengesetzten Perspektive manchmal ohne rechtes Bemühen um Verständnis. Oft aber ist gerade dieser kritische Blick notwendig und gewinnbringend. Sehr hübsch und spektakulär verschränkt Jäger Benjamins Auseinandersetzung mit Goethes „Wahlverwandtschaften“ mit dessen persönlichen Erlebnis der – wie man es in der Welt der Konzerne nennen würde - „Überkreuzverflechtung“ zweier Paare. An Widersprüchen ist das Leben Walter Benjamins reich genug, um seinem routinierten Biografen Stoff für überraschende Momentaufnahmen zu bieten: Der letzte erhaltene Briefwechsel Benjamins, der nicht besonders ansehnlich war, aber auf Frauen anziehend wirken konnte, dieser letzte Briefwechsel erfolgte mit einer Prostituierten. Und als er aus dem Leben geschieden war, fanden die spanischen Behörden bei ihm einen Brief an einen Dominikanermönch. Folglich wurde dieser deutsche Jude mit einem katholischen Requiem ins Paradies verabschiedet. Insgesamt entsteht so ein wenn auch nicht liebevoll-empathisches aber doch voller Respekt und manchmal auch Bewunderung gezeichnetes, sehr lebendiges und  inhaltsreiches Porträt dieses immer wieder neu zu entdeckenden deutsch-jüdischen Denkers.


Harald Loch
 
Lorenz Jäger: 
Walter Benjamin. Das Leben eines Unvollendeten
Rowohlt Berlin, 2017   398 Seiten, zahlr. Abb.  23,99 Euro

 

Der ROSEN-Kanzler aus dem Rheintal

Was gibt es Neues zu Konrad Adenauer? Es kommt darauf an, für wen. Die Älteren werden in der aktuellen Biografie des im vergangenen Jahr verstorbenen Publizisten und Filmemachers Werner Biermann den Aufstieg der jungen Bundesrepublik und ihre frühen Sünden nachlesen. Die Jüngeren werden staunen und versucht sein, Parallelen zu heute zu ziehen. In keiner der früheren Biografien stand etwas über das den Weltfrieden wahrende informelle agreement zwischen Kennedy und Chruschtschow über die amerikanische Duldung des Baus der Berliner Mauer. Der in filmischer Schnitttechnik geübte Biograf geht bis zu den Großeltern zurück, um die einfache Herkunft, Armut und Sparsamkeit und die nicht selbstverständliche Mischung aus katholischem Christentum und preußischem Pflichtbewusstsein gegenüber dem Staat schon aus den rheinischen Wurzeln zu erklären.

 

Manch strenge Seite in Adenauers Persönlichkeit wird dadurch verständlicher. Der Biograf versucht – manchmal fast zu auffällig – Licht und Schatten dieser Persönlichkeit und ihrer Politik ausgewogen darzustellen, als müsste sein Text das Nadelöhr des öffentlich-rechtlichen Rundfunks passieren. Trotzdem liest sich seine Biografie dank des eindrucksvollen Laufs des langen Lebens Adenauers und wegen des Verzichts auf publizistische Extravaganzen als ein Beispiel zeitgeschichtlicher Spannungsliteratur. Ein großer Bilderteil illustriert Leben und Politik und lässt den Leser an der wachsenden Familie Adenauers teilhaben. Er hatte mit seinen beiden früh verstorbenen Ehefrauen insgesamt sieben Kinder und eine wachsende Schar von Enkeln.

 

Die rheinische Kindheit und Jugend, Studium der Rechte, die Zeit des Referendariats und als Assessor sind durch Strenge und Sparsamkeit geprägt. Erst seine erste Ehe führt Adenauer in den Kreis der Wohlhabenden und Mächtigen Kölns ein. Damit beginnt sein bis dahin eher unwahrscheinlicher Aufstieg zum Oberbürgermeister von Köln. Seine persönlichen Beziehungen ermöglichten diese Karriere erst, der er sich dann aber vor allem in der schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erstaunlich gewachsen zeigte. Schon als Beigeordneter erwarb er sich einen guten Ruf, erhielt Angebote auf das Bürgermeisteramt in Aachen, setzte aber auf Köln, der Stadt, der er mit personalpolitischer Strenge aber auch stadtplanerischer Weitsicht bleibende Impulse verlieh. Bemerkenswert war sein Erfolg auch beim damals noch möglichen Aushandeln der Beamtenbezüge, der ihn an die Spitze der Skala brachte.

 

In der Weimarer Zeit leitete er den Preußischen Staatsrat in Berlin, in dem die Regionen des riesigen Bundesstaates Preußen vertreten waren. Eine Reihe von Skandalen, auch wirtschaftliche Fehlspekulationen während der Weltwirtschaftskrise brachte er mit Hilfe wohlhabender Freunde nahezu unbemerkt hinter sich. 1932 eröffnete er die auf seine Initiative gebaute erste deutsche Autobahn zwischen Köln und Bonn, die kurz darauf von den Nazis „zurückgestuft“ wurde, um den Mythos von „Hitlers Autobahnen“ zu begründen. Eine der ersten Amtshandlungen der neuen Machthaber war die Absetzung Adenauers als Oberbürgermeister von Köln.

 

Während der Nazizeit versteckte sich Hitler zeitweilig in einem Kloster in der Eifel, weil ihm Gefahr drohte. Gegen Ende des Krieges wurde verhaftet, auf abenteuerliche Weise „befreit“ und in seinem neuerlichen Versteck dann verraten und fast bis zum Eintreffen der Alliierten erneut eingesperrt. Ein Kommunist rettete ihm damals das Leben. Am Widerstand gegen Hitler hat er sich nicht beteiligt, aber immer mit Verachtung auf das Regime geblickt. Als tatsächlich „Unbelasteter“ vertrauten ihm die Alliierten und bald war er wieder Oberbürgermeister. Die englische Besatzungsmacht setzte ihn dann zum zweiten Mal ab. Seine Nähe zu französischen Besatzungsstellen war den Briten wohl nicht genehm. Adenauer hatte aber ohnehin einen weiteren Horizont im Blick als den vom Kölner Dom aus.

 

Er wurde schnell wichtiger Funktionsträger in der neugegründeten CDU, zunächst im Rheinland, dann in der britischen Zone und alles lief nach der Gründung der Bundesrepublik auf ihn zu, der dann auch ihr erster Bundeskanzler wurde. Auf dem Wege dahin musste Adenauer innerparteiliche Konkurrenten ausstechen, wie den Ministerpräsidenten von NRW Arnold, dem er vorwarf, ein zu „sozialistisches“ Programm zu vertreten. Im Ahlener Programm der CDU von 1947 standen noch entsprechende Passagen. Kurt Schumacher, der ebenso antikommunistische Rivale von der SPD, unterlag.

 

Dann erzählt Biermann die Geschichte der jungen Bundesrepublik am roten Faden der Biografie Adenauers. Am Anfang das Wirtschaftswunder, das mit dem Namen Ludwig Erhards verbunden wird, den der spätere Adenauer nicht als Nachfolger verhindern konnte („Die CDU ist doch keine Wirtschaftspartei“), die Westbindung, das Zurückstellen der Frage der Wiedervereinigung, die Wiederbewaffnung und die Dynamisierung der Altersrenten, der Kalte Krieg mit Adenauers unverwüstlichem Antikommunismus, die Wiedererlangung der Souveränität, die diversen Berlin-Krisen, die Spiegel-Affäre, Mauer - das sind nur einige der Stichworte, die in dieser Biografie plastisch zu Leben erweckt werden. Auch der „Muff“: kurz nach dem Krieg war sich Adenauer sicher, dass kein ehemaliges NSDAP-Mitglied wieder in den Staatsdienst aufgenommen werden dürfte.

 

Ein paar Jahre später ging es offenbar nicht ohne, nicht einmal mehr ohne ehemalige SS-Angehörige. Aber auch der Versuch, durch „Wiedergutmachung“ die Verantwortung für die Verbrechen am jüdischen Volk wenigstens auf diese zu übernehmen.

Die Aussöhnung mit Frankreich war eine Herzensangelegenheit und die wiederholten Begegnungen mit De Gaulle nehmen einen vornehmen Platz in der Darstellung ein. Die deutsch-französische Freundschaft ist eines der bleibenden Elemente von Adenauers Politik und scheint sogar als „nationalistische Achse“ zwischen Marine le Pen und Frauke Petry auf der antieuropäischen Ebene eine unbeabsichtigte Fortsetzung gefunden zu haben. De Gaulles und Adenauers Zweifel an der Zuverlässigkeit der USA und Großbritanniens erleben gerade eine Neuauflage. Als seriöser Biograf überlässt Biermann solche Gedanken aber dem auch nach über 600 Seiten „Adenauer“ keineswegs ermüdeten Leser.

Harald Loch

 

Werner Biermann:

Konrad Adenauer – Ein Jahrhundertleben

Rowohlt Berlin, 2017   656 Seiten  zahlr. Fotos  29,95 Euro

Ein Spion beichtet sein Schriftsteller-Leben

John le Carre‘ Der Taubentunnel Geschichten aus meinem Leben Ullstein


Wer James Bond Action erwartet, wird enttäuscht sein. Spionage-Realitäten sind meist recht trockene Realitäten, und die Welt des Autors ist zudem vergangene Vergangenheit. EISERNER VORHANG, Ost-West-Konflikt, atomare Bedrohung, kommunistische Parteien und kapitalistische Aggressoren, Romeo-Attacken, Liebesspiele und tausend Todesarten, das ist der geschichtliche Stoff, aus dem die Plots komponiert werden. 


KALTER KRIEG ist die Erfolgsformel für Carre‘-Romane, die über Jahrzehnte Zeitgeschichte eingefangen haben. Mit dem „Taubentunnel“ liefert der Autor den Lebens-Hintergrund zu seinen Büchern. Das Generalmotto: Wie wird aus einem Spion ein erfolgreicher Schriftsteller. Wir erfahren viel Privates über die schwierige Beziehung zu seinem Vater, über die Buchbranche, über Literaturagenten und Verleger, verwickelte diplomatische Beziehungen, grundsätzliche politische Entwicklungen der Nachkriegsjahre, wir begegnen Machthabern, Geheimdienstchefs,  der Schauspieler-Prominenz des letzten Jahrhunderts, er führt uns bei Filmaufnahmen an den Set, wir lernen Geheimdiensttricks kennen, werden mit KGB-Spionen bekanntgemacht, kurzum wir erfahren unzählige biographische Details, vor allem aber die politischen Zusammenhänge der Welt von gestern.

 

Interna von Spionage-Güte plaudert der EX-Spion jedoch nicht aus. 
John le Carre‘ hat eine ganze Bibliothek von spannenden Geheimdienstromanen in die Welt gesetzt, wer sich für die Welt der Schlapphüte und Schriftsteller interessiert, für den ist dieses Buch eine Fundgrube , wer Gänsehaut und Spannungsliteratur erwartet,  sollte lieber zu Carre´- Romanen greifen. 

 

Fallada - was nun?

André Uzulis: Fallada  -  Biografie 

 

Zwischen allen Stühlen, zwischen Unterhaltung und Kunst, zwischen Vergessen und Neuentdeckung – Hans Fallada (1893 – 1947) ist die umfassende Biografie des Historikers und Journalisten André Uzulis gewidmet. Der Erfolgsautor des 1932 erschienenen Romans „Kleiner Mann – was nun?“ blieb auch mit seinen späteren Erfolgen „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ (1934) und „Wolf unter Wölfen“ (1937) auf der Überholspur in Zeiten, in denen andere Zeitgenossen das Land verlassen mussten.

 

Früher als andere hat er dann mit seinem erst vor wenigen Jahren in New York wieder aus der Vergessenheit gerissenen „Jeder stirbt für sich allein“ (1947) einen ersten antifaschistischen Roman in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geschrieben. Dazwischen gab es viel literarischen Leerlauf, Belangloses, Durchschnittliches. Das Leben dieses als Rudolf Ditzen in Greifswald geborenen Sohnes eines Reichsgerichtsrates verlief alles andere als geradlinig. Schon in seiner Jugend machte er mit einem inszenierten, halb gescheiterten, halb „erfolgreichen“ Doppelselbstmord eine traumatische Erfahrung. Sein „Nicht-zurechnungsfähig“ rette ihn vor dem Gefängnis und später auch vor dem Wehrdienst, bekam aber bald eine eigene Bedeutung: Alkohol und dann auch Morphium zerstörte ganze Lebensphasen des Rudolf Ditzen, der sich seit seinen ersten Veröffentlichungen Hans Fallada nannte.

 

Seine Familie hatte ihn beschworen, den Namen Ditzen nicht mit enthüllenden Geschichten zu beschädigen.

Die Biografie von Uzulis bildet das von Höhen und Abgründen gekennzeichnete Leben Falladas in einer gut recherchierten Offenheit ab. Sie ist weniger eine literaturgeschichtliche Werk- als eine leidensgeschichtliche Lebensbeschreibung des Autors, der seine besten Werke in rauschhafter Schreibekstase in kürzester Zeit niederschrieb und nach Fertigstellung eines Werks regelmäßig zusammenbrach. Er unterzog sich dann in Krankenhäusern und Sanatorien immer wieder Entzugsbehandlungen, die er unkritisch sich selbst gegenüber meist eigenverantwortlich abbrach. Oft war es Geldnot, die ihn wieder an den Schreibtisch zwang. Immer aber waren es die eigenen Erlebnisse und Erfahrungen, aus denen er seine Sujets und die Einzelheiten seiner Erzählung gewann. Der „kleine Mann“ war sein typischer Protagonist und den hatte er immer wieder kennengelernt.

 

In seinen Werken entstand ein Realismus dieses Milieus, das seine Leser wiedererkannten. Sie fühlten sich verstanden von ihm. „Kleiner Mann – was nun?“ liest sich wie eine Quelle über die Befindlichkeit weiter Bevölkerungskreise in den letzten Jahren der Weimarer Republik und „Jeder stirbt für sich allein“ als einmaliges Dokument des Alltagslebens von einfachen Leuten, die Gegner der Nazis waren.

 

Uzulis verschweigt das Lavieren Falladas während der Nazizeit nicht. Er war ein unpolitischer Autor, kein Intellektueller sondern ein mit allen menschlichen Schwächen gezeichneter, halbangepasster Zeitgenosse, kein Sympathisant der Nazis aber auch keiner, „der ihnen die Stirn“ bot, ängstlich, innerlich zerrüttet und seinen Sternstunden in der Lage große Werke zu schaffen. Die private Seite seines Lebens, seine beiden Ehen, von „Seitensprüngen“ überschattet, das Verhältnis zu der Familie, der er entstammte wie zu der, die er gründete, seine Gefängnisaufenthalte wie seine Freundschaften zu Ernst Rowohlt oder zu Johannes R. Becher, sein im Mecklenburgischen Carwitz entwickelter Gefallen an der Bienenzucht und seine hilflose, ihn völlig überfordernde Rolle als von der Sowjetischen Militäradministration eingesetzter Bürgermeister – alles erzählt sein Biograf spannend und mit kritischer Empathie.

 

Harald Loch

 

André Uzulis: Fallada  -  Biografie

Steffen Verlag, Berlin 2017   437 Seiten   26,95 Euro

 

Kerstin Decker: Die Schwester                           Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche

Sie war „die stadtbekannte Frau eines weltbekannten Philosophen“ (Walter Benjamin), sie ist drei Mal für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen worden, obwohl sie keine Literatur geschrieben hat. An der Trauerfeier zu ihren Ehren nahmen am 8. November 1935  in der Weimarer Villa Silberblick u.a. Adolf Hitler und der Thüringer Gauleiter der NSDAP Fritz Sauckel teil. Jetzt hat die Berliner Philosophin und Journalistin Kerstin Decker eine Biografie dieser Frau unter dem Titel „Die Schwester“ veröffentlicht. Das Leben der 1846 geborenen Elisabeth Förster-Nietzsche eignet sich nicht dafür, das Hohelied aufgeklärter Correctness zu singen.

 

Ihre Biografin beschönigt die Unaufrichtigkeiten im Leben dieser Schwester Friedrich Nietzsches nicht, ebenso wenig die Fälschungen im Werk des von ihr betreuten und herausgegebenen Nachlasses ihres Bruders. Aber es entsteht das Bild einer Frau, die sich in einer Männerwelt aufopferte, um den Platz ihres Bruders im kulturellen Kanon der Weltkultur zu sichern. Auf weiten Strecken dieses Lebensbildes ist es zugleich das des Bruders. Dessen Werk und dessen Begriffe etwa des „Übermenschen“ wurden nicht zuletzt dank des Nichtverstehens seiner Schwester von den Nationalsozialisten missbraucht. Von großer Ironie ist die Tatsache, dass Nietzsches Schwester Elisabeth im Jahre 1885 den bekennenden Antisemiten Bernhard Förster heiratete, was zur jahrlangen Eiszeit zwischen den Geschwistern führte, weil Nietzsche ein scharfer Gegner des Antisemitismus war. Und dann Hitler bei der Trauerfeier seiner Schwester, die eigentlich eine zweite Grablegung seiner selbst war!

 

Kerstin Decker zeichnet das Leben dieser energischen und willensstarken Frau aus den widersprüchlichsten Quellen nach. Die beiden Geschwister entstammten einem Pfarrhaus mit früh verstorbenem Vater und einer frommen Mutter, deren Sohn sie ernsthaft warnte, seine Bücher zu lesen. Vor allem nicht seinen „Antichrist“. Als ihr Sohn unheilbar erkrankte und sich nicht mehr um seine Angelegenheiten kümmern konnte, sorgte sie sich liebevoll um ihn, nach ihrem eigenen Tod übernahm Schwester Elisabeth diese Rolle bis zum 25. August 1900, dem Todestag Friedrich Nietzsches. Noch zu seinen Lebzeiten setzte ein Kampf voller Intrigen und Eitelkeiten um die Herausgabe seiner Werke ein. Die dafür angeheuerten Persönlichkeiten wechselten manchmal im Jahresrhythmus. Berühmte Leute wurden verschlissen, ein Rudolf Steiner verprellt, Harry Graf Kessler vom Nationalsozialismus außer Landes geekelt. Die Biografin erzählt das im Einzelnen; sie behält ein kritisches Verhältnis zu ihrem Modell und bemüht sich um Fairness in dem von Lügen und Betrug durchwirkten Geflecht von Egoismen und kleinen Karos. Etliches konnte auch die intensive Nietzsche-Forschung nicht mehr aufklären. Wie nebenbei entsteht ein Hintergrundbild von den Verhältnissen der geistigen Welt der Epoche.

 

Mit gut gewählten und fließend an ihre eigene Darstellung angeschlossenen Zitaten erschließt Kerstin Decker so weit wie nötig die philosophische Welt Nietzsches und die philiströse Welt der Bewahrer seines gedanklichen und sprachlichen Vermächtnisses. Vielleicht hätte sie sich an manchen Stellen das eine oder andere eigene Aperçu sparen können, das dem Leser wie ein gutgemeinter aber überflüssiger Fingerzeig für das eigene Verständnisvorkommen muss. Andere ihrer aphoristischen Anmerkungen sind geistreich und wohlformuliert. Insgesamt ist „Die Schwester“ ein gut geschriebenes,  erstaunlich leicht lesbares Frauenportrait. Es gehört nicht in die Ahnengalerie des Feminismus auch nicht in die weiblicher Intellektuellen. Aber es ist ein ironischer Kontrast zu dem Wort von der Peitsche, die  mitnehmen sollte, wer zum Weibe geht – eine Empfehlung, die ihr Bruder im „Zarathustra“ einer Greisin in den Mund legt.

 

Harald Loch

 

 

Kerstin Decker: Die Schwester. Das Leben der Elisabeth Förster-Nietzsche

Berlin Verlag, 2016   655 Seiten   24 Euro

 

 

Die "ausverkaufte" TRUMP-Show

Titel Michael D’Antonio Die Wahrheit über Donald Trump ECON

Autor Michael D'Antonio hat als Journalist u.a. für Newsday und das New York Times Magazine gearbeitet und wurde dafür mit dem Pulitzer-Peis ausgezeichnet.

 

Inhalt Ein Psycho-Porträt des Präsidentschaftskandidaten Donald Trump

Gestaltung Sachbuch, Vorwort und Einleitung, 15 Kapitel, Nachwort, Danksagung, Anmerkungen, Bibliographie, 544 Seiten

 

Cover Einband Trump-Porträt, Hardcover in der Farbe GOLD

 

Zitat „Wenn jemand etwas gegen mich unternimmt, ist er für mich gestorben.“

 

Meinung Am 8. November wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Trumps Kampagne, von der einige meinen, sie sei schon zu Ende, beschreibt der Autor als ein Spektakel der Verfälschungen, bruchstückhaften Wortfetzen, emotional aufgeheizt, sie trotze der üblichen politischen Analyse.

Wie sagten Geheimdienstler dieser Tage: der kann es nicht und der darf es nicht werden. Sogar der lammfrohe deutsche Außenminister Frank Walter Steinmeier packt inzwischen die transatlantische Streitaxt aus.

Wie zeigt ihn der Autor? Trump ist ein  Ängsteschürer, weckt Ängste vor den Terroristen, vor Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Globalisierung. Journalisten sind für ihn Abschaum, dem Autor verspricht er zwar sieben Interviews, nach fünf Meetings verweigert er aber die folgenden. („der totale Abschaum“ – Trump über Reporter) Der Autor lässt konsequenterweise kein Gegenlesen des Pressesprechers zu. Sehr ehrenhaft!

 

Trump kenne keine Ideale und nur den eigenen Machtwillen. Trump – ein Name für Erfolg, definiert durch Wohlstand und Luxus.

Schon Tocqueville, französischer Publizist, der als Gründer der vergleichenden Politikwissenschaft gilt und der 1835/ 1840 die Systemanalyse De la démocratie en Amérique  schrieb, wusste,  der Hintergedanke beim Amerikaner ist das Geld. In der 100 Millionen teuren Dienst-Boeing Trumps klicken vergoldete Sitzgurte zusammen.

Michael D’Antonio sieht in Trump eine Mischung aus Vulgarität, Reichtum und herzerfrischendem Hedonismus. Trump reklamiert Anerkennung, die ihm zustehe, aber, die man ihm nicht zolle.

 

Mit Immobilien-Geschäften und Glücksspiel-Casinos scheffelte er seine Millionen. Popstars und Hollywood-Größen kauften ihm die Luxus-Lounges ab.

 

Seine politische Rhetorik polarisiert. Der Begriff er wählt „deutliche Worte“ beschreibt diese Handlungsweise nur extrem verharmlosend.

Die Show – so Trump über Trump - heiße Trump und sei überall ausverkauft. Aber Konkurse von Firmen lastet er sich nicht selbst an und seine finanziellen Hintergründe will er nicht erhellen.

Trump schreibt erfolgreiche Erfolgsbücher über Erfolg. Seine Business-Universität entpuppt sich jedoch als besseres Coaching-Seminar. Kursgebühr 34 995 Dollar. Er setzt mit einem Rolling Stones-Konzert dennoch in seinem Casino 800 000 US-Dollar in den Wüstensand.

Trumps Haarpracht legendär. Eine „Leuchtreklame“! „Zuckerbäckerwerk auf seinem Haupt“. Er spielt die Rolle: jugendlich. Ein frauenfeindlicher Moneten-Macho, der gerne twittert, Verbalschläge austeilt, Menschen gegen sich aufbringt, aufmerksamkeitsversessen.

 Das Buch-Fazit: Narzissmus als „Erfolgsstrategie“ in einer Gesellschaft, die Eigenwerbung wirklich nicht mehr schamhaft betrachtet.

 

Leser Alle Wähler in den USA und in Europa

Kissinger - Idealist oder Realist?

Der umstrittene Friedensnobelpreisträger war und ist Fan der  Spielvereinigung Fürth. Henry zuvor also Heinz spielte selbst Halbrechts und Mittelfeld in dem Verein, der zweifacher deutscher Meister und viermal süddeutscher Pokalsieger wurde. Als Jugendlicher liebte Kissinger Ballspiele, Fahrradfahren und die Freizeit mit Freundinnen verbringen. Und später bekennt er in den USA zwar englische Sprachdefizite, doch er verfüge über ein großartiges Fußball-Vokabular. Die Ausgrenzung der Juden führte jedoch  dazu,  dass Heinz nicht mehr Fan und Spieler der Spielvereinigung sein durfte, Stadionbesuche waren für den Juden verboten. Kissinger versteht sich jedoch eher als Jude in ethnischer denn in religiöser Hinsicht. Die politische Verfolgung der jüdischen Familien während seiner Kindheit beherrschte – wie er sagt - nicht sein Leben.

 

 

 

1975 wird Kissinger in Fürth mit der Bürgermedaille geehrt. Als Reporter des Bayerischen Rundfunks bin ich dabei, das Mikrofon in meiner Hand streckt sich dem amerikanischen Außenminister entgegen, während er in großer Gruppe an mir vorbeirennt, vier bis fünf CIA-Bewacher laufen an der Seite Kissingers mit, ich rufe ihm zu, um ein Statement über Vietnam zu bekommen, als Ablenkungsfrage zuerst: „Mr.Kissinger, wo steht denn die Spielvereinigung Fürth in der Tabelle, er wusste es, als ich die Vietnamfrage stelle, rempeln mir die athletisch wirkenden Bodycops ihre Ellbogen in meinen Körper, ich gebe mich buchstäblich geschlagen und Kissinger wendet sich ab.

Henry Kissinger wurde im mittelfränkischen Fürth in der Mathildenstraße 23 geboren. Henry liest mit Vergnügen Dostojewski, doch seine mangelnden Fremdsprachenkenntnisse machen ihn schüchtern, der mitteleuropäische Akzent in den USA sogar verlegen, seine mathematischen Kenntnisse könnten ihn auf den Weg des Buchhalters bringen. Doch es kommt anders. Kollegen und Lehrer schreiben ihm analytische Präzision und psychologischen Scharfsinn zu. Im Zeugnis steht eine ZWEI in Geschichte. Kissinger verschlingt Bücher, er will begreifen, sich seiner selbst bewusst werden.

 

Schon Ende 1944 steht er wieder als Soldat auf deutschem Boden. Als CIC-Sergeant hat er die Aufgabe, ehemalige Wehrmachtsangehörige zu registrieren und führende Nazis zu verhaften Er kehrt zurück ins „Land der Ruinen und der Leichen“. 5,2 Millionen deutsche Soldaten und 2,4 Millionen deutsche Zivilisten wurden im II. Weltkrieg getötet.

Seine Handlungsdevise als Soldat im Nachkriegsdeutschland: „Sei gerecht in deiner Entscheidung, aber rücksichtslos bei ihrer Ausführung. Lass keine Gelegenheit aus, um in Wort und Tat die Kraft unserer Ideale zu beweisen.“ In einem Brief an seinen Vater, der ihn aufgefordert hatte, hart zu sein schreibt er diese Zeilen.  Während sein Großvater an ihn appellierte “empfinde keine Hass auf alle Deutschen“.

Kissinger muss zwischen Tätern und passiven Zuschauern im Nazideutschland unterscheiden. Er übernimmt eine erste Lehrtätigkeit an der Geheimdienstschule in Oberammergau. Kissinger will seinen Teil zur politischen Umerziehung der Deutschen leisten. „Als ich zur Armee ging, war ich ein Flüchtling, und als ich sie verließ war ich ein Einwanderer.“

 

An der Harvard-University, an der er als ehemaliger Soldat das Freiticket fürs Studium bekommt, fällt Kissinger durch seine Abschlussarbeit auf -  die zu allen Zeiten je textlängste in Harvard – so dass künftig Studenten angehalten werden, kürzer zu texten. Ferguson fällt gar auf, dass Kissinger  Sartre falsch mit dem Namen Satre versieht. Sehr, sehr genau genommen…erwähnenswert in einer solchen Biographie? Müssen wir es so genau wissen? Beobachter sagen über den Harvardianer: er isst gerne und diskutiert, sie loben seinen unterhaltsamen Vortragsstil.

 

Drehen wir aber das Rad der Geschichte in die Nachkriegszeit. Im Frühjahr 1946 warnt der Karrierediplomat George F. Kennan vor dem internationalen Kommunismus als bösartigem Parasiten, der das erkrankte Gewebe befällt, Churchill warnt vor dem „eisernen Vorhang“ und Orwell schreibt im Observer vom KALTEN KRIEG gegen das britische Empire. Der KALTE KRIEG war ein KRIEG, schreibt Ferguson. Als Nicht-Militärfachmann sondern als Experte für Diplomatie-Geschichte hält Kissinger lokale, begrenzte Kriege für möglich und nötig, auch atomar geführt. Ostinitiativen, wie die Politik Brandts, waren für ihn ein Schreckgespenst.

 

Wer kein Risiko eingehen will, stellt den Sowjets einen Blankoscheck aus. Kissinger kritisiert die amerikanische außenpolitische Strategie, weil er Krieg wieder als verwendbares Instrument der Politik konzeptionell einführt: “Wenn uns die sowjetische Aggression einen Krieg aufzwingt, und wir dann nicht bereit sind, uns zu wehren, wird dies das Ende unserer Freiheit bedeuten.“

Ferguson stellt Kissinger als Wertkonservativen dar, der sich jedoch an Kant und nicht an Machiavelli orientiert. Er will westliche Werte durch das TUN herausstellen.

 

Verhandeln heißt für ihn die begrenzte Macht anzuerkennen und zu wissen, dass „Gewalt das letzte Mittel ist“. Man muss bei Verhandlungen das Drohende im Ungewissen lassen. Staatsmänner müssen das für richtig gehaltene am Möglichen messen. Seine Schlüsselerkenntnis:  psychologische Faktoren sind wichtiger als militärische Kapazitäten. Konservativ sein, heißt nicht Revolutionen zu besiegen, sondern ihnen vorzubeugen.

 

Aber die politische Öffentlichkeit, kritische Journalisten, Alt68er und amerikanische Buchautoren werfen dem "Idealisten" Kissinger vor, sich in Militärputsche und menschenrechtsverletzende Diktaturen eingemischt, Invasionen gestartet und die Bombardierung des neutralen Kambodschas im Vietnamkrieg in Kauf genommen zu haben.

Die umfassende reich bebilderte Monumental-Biographie setzt dort einen Schlusspunkt, wo  Kissinger 1968 als Nationaler Sicherheitsberater in die Regierung Nixon berufen wird.

Zehn Jahre hat Ferguson gebraucht, um den ersten Teil der Biographie zu schreiben. Kissinger selbst hat den Auftrag für sie an Ferguson gegeben, der zunächst zögerte, aber als Kissinger das private Archiv großzügig öffnete, war  Ferguson „eingefangen“, er hat fleißig und mühsam, jedoch lohnend, das Material aus 111 Archiven gesichtet und sich unterschreiben lassen, dass Kissinger nachträglich keine Korrekturen anbringen darf.  

 

Der voluminöse Umfang schreckt ab, fordert hartnäckiges Lesen, nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Buch. Ausführliche Zitate erhellen die Zusammenhänge zwar, bremsen jedoch an manchen Stellen den Lesefluss, wenngleich das Buch gut geschrieben und gut lesbar ist.  Wir erleben die Lebens- und Frauen-Geschichten Kissingers mit, sein Da-und-dort-Zögern, seinen wissenschaftlichen und beraterpolitischen Aufstieg, sein konzeptionelles Denken, sein diplomatisches Geschick und auch Scheitern, kurzum den ganzen Kissinger, mit dem Ferguson lange Gespräche führte, der Kissinger zugeneigt ist, dennoch kritisch bleibt.

 

Wir lernen die Handelnden der amerikanischen Politik und ihre Berater aufs Intimste kennen - Kennedy kritisiert er, weil er zu viele Meinungen hat – wir lesen ein breites Geschichtspanorama, Koreakrieg, Berlin-Krise, Kuba-Krise, Vietnam, mit der einzigen Frage verbunden, wie man einen nicht zu gewinnenden Krieg beenden kann.

Für Ferguson ist die Geschichte Kissingers die Geschichte eines Bildungsprozesses durch Erfahrung: Die Erfahrungshorizonte sind die deutsche Tyrannei, der philosophische Idealismus, die Geschichte der Diplomatie, die politische Realität, das Machbare eben zu erkennen und die eigene Fehlbarkeit einzuschätzen. In jedem seiner Lehrjahre erkennt Kissinger etwas Neues über das Wesen der Außenpolitik.

 

Im Grunde geht es in der Politik wie Politikwissenschaft um die Kernfragen: Was ist Macht? Wie geht man mit ihr um? Wo liegen ihre Grenzen, und wann weiß man, dass sie überschritten sind?

Fergusons Fazit: „Am Ende kam die Macht zu Kissinger“.

 

Niall Ferguson Kissinger 1923-1068 Propyläen

Kracauer - eine Biographie

„Die Idee der klassenlosen Gesellschaft war in seinen Augen nur eine radikale Variante des Liberalismus“ – so interpretiert Jörg Später in seiner Biographie Siegfried Kracauers dessen Position. Was für ein linker Gegenentwurf zum Historischen Materialismus! Was für eine Herausforderung für einen Liberalismus, der die Klassengegensätze ins Unerträgliche verschärft! Entstanden ist diese Haltung Kracauers im Verlauf seines zunächst in Frankfurt, dann in Berlin blühenden intellektuellen Lebens, das 1933 durch Flucht, Exil und Auswanderung in die USA prekär unterbrochen und für eineinhalb Jahrzehnte von Hunger, Wohnungsnot und Beschäftigungslosigkeit unterbrochen und erst ab Mitte der 1950er Jahre zu neuer fruchtbarer Teilhabe als intellektuelle Instanz beiderseits des Atlantiks wahrgenommen wurde. Sein Biograf arbeitet als Historiker am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg.

 

Er organisiert sein materialreiches Buch entlang der Lebensbereiche Ökonomie, Psyche und Kommunikation. Er vollzieht die nicht immer schmerzfreien Erfahrungen Kracauers auf dem Markt von Wissenschaft, Publizistik und Kunst nach. Später widmet den lebensbedrohenden existenziellen Grenzerfahrungen auf der Flucht vor den Nazis, im französischen Exil und in den ihn aufnehmenden, aber ihn nicht nachhaltig beschäftigenden Vereinigten Staaten nach. Vor allem aber lässt Später seine Leser an der geradezu überbordenden intellektuellen Produktivität Kracauers teilnehmen, seine Entwicklung vom philosophierenden Soziologen, zum Theoretiker der Filmästhetik bis zu einem Historiker, der die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Vergangenheit an den Erfahrungen der jeweiligen Gegenwart spiegelt. Das ist ein brillant geschriebenes intelligentes Vergnügen, so sehr die Empathie mit dem Lebenslauf Krakauers, seinem Leiden und der ihm durch die Verfolgung geraubten Schaffenszeit schmerzt.

 

Ein Glanzstück der Darstellung ist die Behandlung des „Philosophischen Quartetts“ in den späten 1920er Jahren. An dem Spieltisch hatten außer Kracauer noch der junge Theodor Wiesengrund, der sich später Adorno nennen sollte, Ernst Bloch und Walter Benjamin Platz genommen. Sie alle entwickelten auf je individuelle Weise doch eine sich ähnelnde Philosophie, in der es um die Wirklichkeit, also um eher soziologische Feststellungen ging. Kracauers Beitrag war sein aktuell gebliebenes Buch über „Die Angestellten“, in dem er die Anfälligkeit der Mittelklasse für gefährliche Ideologien erkannte und visionär beschrieb. Die vier bildeten so etwas wie eine „jüdische Peergroup“, in der das Jüdische so gute wie keine Rolle spielte, bis es sie zum Verlassen Deutschlands zwang. Im Jahr 1930 schickte die Frankfurter Zeitung den Feuilletonredakteur Kracauer nach Berlin. In der Reichshauptstadt tobten damals die politischen Kämpfe wie nirgendwo sonst, und er berichtete für die Zeitung von dem spannenden kulturellen Leben. Mit der Machtübernahme durch die Nazis war das alles vorbei und es schloss sich das prekäre Leben im Pariser Exil, später nervenaufreibenden Marseiller Wartestand, dann das Leben in New York an, wo die inzwischen verheirateten Kracauers von mildtätig vergebenen Projektaufträgen von der Hand in den Mund, praktisch ohne eigene Wohnung leben mussten.

Unter solchen Bedingungen, die sich erst allmählich besserten, entstand zunächst die psychologische Geschichte des deutschen Films „Von Caligari zu Hitler“. Später eine unpolitischere „Theorie des Films“. Das Spätwerk, in dem sich Kracauer zu dem Historiker entwickelte, der aus einer Zusammenschau der Mikro- und Makrogeschichte wie in der Filmästhetik zwischen Großaufnahme und der Totalen eine heute modern erscheinende Historiografie ableitete. Ihn interessierten als Historiker wie als Philosophen die Räume zwischen der Wirklichkeit und der Theorie, „die Dinge vor den letzten Dingen.“ Diese ganze Entwicklung eines der bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts lässt sein Biograph in einer oft im Dialog mit den anderen „Leuchttüren“ der Zeit zu erlebenden Geistesgeschichte der Epoche lebendig entstehen. Als Kracauer am 26. November 1966 in New York starb, rief ihm Adorno seine Sicht dieser großen Persönlichkeit nach: „Ein wunderlicher Realist“.

 

Harald Loch

 

Jörg Später: Siegfried Kracauer. Eine Biographie

Suhrkamp, Berlin 2016   744 Seiten   39,95 Euro

DER SCHAKAL war sein wichtigstes Buch:Forsyth

 

Titel Frederick Forsyth OUTSIDER. Die Biografie. C.Bertelsmann

 

Autor Frederick Forsyth, geboren 1938 in Ashford/Kent, wurde mit 19 Jahren jüngster Pilot der Royal Air Force: Er arbeitete als Reporter für die Eastern Daily Presse in Norfolk und wurde Korrespondent der Agentur Reuters, berichtete zunächst aus Paris und später aus der DDR und der Tschechoslowakei. 1965 ging Forsyth als Reporter zur BBC. Seine journalistischen Erfahrungen verarbeitete er in Romanen. Mit "Der Schakal" gelang ihm der internationale Durchbruch. Bis heute wurden seine Bücher weltweit mehr als 70 Millionen Mal verkauft. Zuletzt erschien bei C. Bertelsmann der Thriller „Die Todesliste“.

 

Inhalt Das Leben von Forsyth als Journalist, Buchautor und Aushilfsspion

Gestaltung Hardcover384 Seiten mit Vorwort, Register und farbige sowie schwarzweiße Fotostrecken, Fotonachweis

 

Cover  Porträtaufnahme Forsyth

 

Zitat „Der Autor sollte immer auf Distanz bleiben, wie ein Vogel auf dem Geländer, beobachten, aufschreiben, nachforschen, kommentieren. Kurz gesagt, ein Außenseiter bleiben.“ 

 

Meinung  Gleich vorneweg gesagt: Sein Leben war prall, seine Memoiren sind süffig geschrieben. (FAZ) Lebensnah, ungekünstelt, flotter Stil. Als wären seine Memoiren selbst ein Thriller-Stoff. Dabei war der Weg zum Erfolgsautor, der weltweit Geltung hat, keineswegs vorbestimmt. Das Kürschner-Handwerk des Vaters verschmähte er, denn als Junge hatte er den dringenden Wunsch RAF-Pilot zu werden. Die Royal Air Force faszinierte ihn, in den SPIDER zu steigen und die Horizonte des Himmels auszumessen. Dann wollte er aber Auslandskorrespondent werden und wurde es auch. Aber es ging ihm – wie er schreibt ums Reisen nicht ums Schreiben. Doch das Fliegen blieb lebenslang seine Leidenschaft, denn er schaffte es ja schon als 17jähriger in ein Kampflugzeug zu steigen. Flieger waren für Forsyth Helden.

 

In der Schule „genoss“ Frederick Forsyth die übliche englische Rohrstockerziehung, die ihn nicht auf einen sadomasochistischen Weg bringt, er lernt Schmerzen zu ertragen, sowie die Verachtung für brutale und willkürliche Autorität im Hirn zu behalten.  Sprach- und Auslandskenntnisse verhelfen ihm zu Jobs in der Fleetstreet in London, wo die englischen Zeitungen beheimatet sind. Noch heute reklamiert er für sich selbst als Bestsellerautor noch journalistische Qualitäten behalten zu haben als da sind: unstillbare Neugier und ein gesundes Maß an Skepsis und sich in der Haltung nie mit dem Establishment gemein zu machen.

 

Früh übt sich Forsyth bei Auslandsaufenthalten als Schüler in Fremdsprachen: Grammatik, Vokabular Akzent und Slang lernt er fließend schnell. Ein Beinahe-Attentat auf General de Gaulle bringt ihn auf die Bestseller-Idee den SCHAKAL zu schreiben. Forsyth war auch auf der Spur eines US-Spionageflugzeuges, das in der damaligen Sowjetzone bei Magdeburg niederging.

 

Forsyth gibt zu,  Informationszuträger für Geheimdienste gewesen zu sein, es galt, das Nützliche mit seinem Journalistenjob zu verbinden, ein bisschen aufklären, ein bisschen zu spionieren als Helfershelfer aus patriotischer Auffassung heraus, weniger als Profi- Spion.

Seine BBC-Zeit hat er in weniger guter Erinnerung, denn die „alte Tante BBC“ ist „ein wesentlicher Teil des establishments.“: Ein gewaltiger bürokratischer Apparat mit an Faulheit grenzender Schwerfälligkeit, eine Besessenheit Rang über Verdienst zu stellen und Besessenheit zum Konformismus. Am Ende lernen wir gar, endlich zu unterscheiden was den MI6 vom MI5 unterscheidet. Aber lesen Sie selbst.

Presse
 
"Außergewöhnlich ist dieses Leben zweifellos, und die Erinnerungen daran sind spannend und süffig geschrieben." Frankfurter Allgemeine Zeitung (23.09.2015)
 
"Ein Haudegen erzählt: Frederick Forsyth, Abenteurer und Bestsellerautor, legt den Bericht seines erstaunlichen Lebens vor." Stern (10.09.2015)
 
"Nur wenige Schriftsteller können auf ein so spannendes Leben zurückblicken wie Forsyth. In dem Buch erzählt er es - so packend wie seine Thriller. Outsider ist nicht nur was für Forsyth-Fans - sondern für alle, die spannende Geschichten mögen." Bild (09.09.2015)
 
"Die Erinnerungen des 77-Jährigen lesen sich streckenweise so spannend wie seine Romane, mit dem Unterschied: das hier ist Wirklichkeit und nicht Fiktion." Deutschlandradio Kultur (07.09.2015)

 

"Frederick Forsyth erinnert einen an 007: britisch und weltgewandt, charmant und cool, technikbegeistert und nicht totzukriegen."3sat"Kulturzeit" (08.09.2015)
 
"'Outsider', der persönliche Rückblick des Bestsellerautors auf seine Zeit, liest sich ähnlich spannend wie seine Erfolgsromane. Und ist geprägt von britischem Understatement."ARD "ttt" (04.09.2015)
 
"Was für ein bewegtes Leben! (...) Da kann man Schmunzeln, das ist spannend und da gibt es jede Menge gute Geschichten zu lesen." rbb"radio eins" (09.09.2015)
 
"Forsyth ist ein leichthändiger Schreiber mit einem messerscharfen Blick für die politische Wirklichkeit." Leipziger Volkszeitung (02.10.2015)

Miguel de Cervantes  -  Ein wildes Leben 

Der nächste Welttag des Buches, der 23.4.2016, wird ein Jahrhundertereignis: Die Todestage von William Shakespeare und von Miguel de Cervantes jähren sich zum vierhundertsten Mal an diesem Tag. Genauer – wir begehen sie an diesem Tag. In England galt vor 400 Jahren noch der Julianische Kalender, in Spanien wie in den meisten katholischen Ländern jedoch schon 1582 der durch die päpstliche Bulle „inter gravissimas“ eingeführte Gregorianische Kalender. Nach diesem wäre Shakespeare am 3.5.1616 gestorben. Gefeiert wird trotzdem am von der UNESCO ausgerufenen Welttag des Buches. Bereiten wir uns also auf ein Cervantes-Jahr vor und lassen die Don Quijoterie der christlichen Kalenderführung beiseite und wenden uns dem spanischen Nationaldichter zu! Der Romanist Uwe Neumahr hat zur Vorbereitung der vierhundertjahrfeier eine Biografie geschrieben – die erste, die nach Jahrzehnten auf Deutsch erscheint und die die neueste Forschung berücksichtigt. Sie trägt den Untertitel „Ein wildes Leben“ und verspricht damit nicht zu viel.

Die Quellen zu Cervante‘ Leben enthalten zahlreiche, manche über Jahre reichende Lücken. Neumahr benennt sie, füllt sie mit behutsamen Vermutungen und schafft so einen gut lesbaren Lebenszusammenhang, der sich um einige wesentliche, gesicherte Tatsachen rankt. Cervantes ist 1547 in Alcala de Henares, dem alten keltisch-römischen Complutum geboren. Seine Vorfahren kann der Biograf benennen. Ungewiss bleibt, ob Cervantes nicht über seine Großeltern mütterlicherseits jüdische Wurzeln hat, also ein „converso“ ist, kein „Altchrist“ sondern einer von den Juden oder Muslimen, die von der Inquisition zur Flucht aus Spanien oder in den christlichen Glauben gezwungen wurden. Über Kindheit und Jugend ist nicht viel bekannt. Das „wilde Leben beginnt“, als Cervantes nach einem – verbotenen – Duell außer Landes gehen muss und in Neapel, das damals zur spanischen Krone gehörte, sein erstes Paradies und die lebenslange Sehnsuchtsstadt findet. Im Rahmen seines freiwilligen Militärdienstes nimmt er 1571 an der blutigen Seeschlacht von Lepanto teil, in der die christlichen Mächte die osmanische Flotte besiegen. Cervantes zeichnet sich durch Tapferkeit aus, seine linke Hand wird zerschmettert, er ist an der Brust verletzt. Auf der Heimfahrt wird sein Schiff von algerischen Piraten gekapert und er fünf Jahre in Algier als Geisel gefangen gehalten, bis er – nach vier erfolglosen Ausbruchsversuchen – freigekauft wird. Zurück in Spanien fängt er an zu schreiben – mehr für Gelegenheiten, auch fürs Theater. Wenig davon ist erhalten. Aber Schriftsteller ist er noch lange nicht. Vielmehr konfisziert er Nahrungsmittel für die Armada, treibt Steuern ein, macht Geschäfte. Nicht alles läuft gerade.

 

Sein Leben ist unstet. Immer ist er unterwegs, von seiner Frau getrennt, in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen, auf der Jagd nach Jobs. Erst in der Mitte seines Lebens fängt er ernsthaft an zu schreiben: Theaterstücke, Gedichte, Novellen – und erst jenseits der Mitte des Lebens den Roman der Romane, den Don Quijote, dessen zweiter Teil erst kurz vor seinem Tode fertig wird. Neumahr verfolgt die literarische Entwicklung von Cervantes auch in dessen Nebenwerken, die dem deutschen Publikum kaum bekannt sind. Immerhin gibt es von Don Quijote seit einigen Jahren die moderne und überzeugende Übersetzung von Susanne Lange, in der sich der ganze Reichtum des Romans auch für deutsche Leser erschließt. Der Biograf erliegt nicht der Versuchung, den seit Jahrhunderten angewachsenen Würdigungen von Don Quijote noch seine eigene anzuschließen. Er verweist vielmehr auf die Rezeption und lässt einige der wichtigsten Interpreten zu Wort kommen, legt mit ihren Worten den überbordenden Reichtum des Werkes offen, so dass sich der Weg des traurig-komischen Ritters und seines Gehilfen Sancho Panza in der Weltliteratur und in Deutschland nachvollziehen lässt. Dazu bietet Neumahr ein ganzes Panorama von Spanien in der frühen Neuzeit, seinen kolonialen Reichtum, seine Verschwendungssucht, die Korruption, seinen Abstieg. Das ist schwungvoll erzählt, mit gesicherten Anekdoten gewürzt, kurzweilig, „wild“, wie das Leben des Protagonisten selbst, empathisch und nicht mit vorlautem Urteil selbstgefällig geschrieben: Das Tor zum Original öffnet sich weit. Nur dass das Original hierzulande fast nur aus dem Hauptwerk besteht und es seit über 50 Jahren keine Gesamtausgabe mehr auf Deutsch gibt. So beschwört der Biograf die Verlagswelt: „Der 400. Todestag könnte endlich zum Anlass einer Rückbesinnung auf Cervantes‘ Werk in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden, wo noch viel für eine neue Lektüre und Verbreitung zu tun ist. Es würde sich außerordentlich lohnen.“

 

Harald Loch

 

Uwe Neumahr: Miguel de Cervantes  -  Ein wildes Leben  -  Biografie

C.H.Beck, München 2015   394 Seiten   26,95 Euro

 

Miguel de Cervantes Saavedra:

Don Quijote de la Mancha Teil I und II

Neu übersetzt von Susanne Lange

dtv, München 2011   1488 Seiten   29,90 Euro

oder gebunden:

Hanser, München 2008   1488 Seiten   68 Euro

 

Der "ICH-WILL-DA-REIN"-Kanzler

Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder
 
Alles oder nichts – basta! Das war die Absprache zwischen Gerhard Schröder und seinem Biographen Gregor Schöllgen. Der wollte Zugang zu allem, den privaten wie den amtlichen Papieren des ehemaligen Bundeskanzlers haben und hat ihn uneingeschränkt erhalten, wie er im Vorwort zu seiner heute erscheinenden monumentalen Biographie versichert. Dazu war manchmal auch das Einverständnis seiner Nachfolgerin Angela Merkel nötig, die ihrem Vorgänger die Reverenz erweist und das Buch vorstellt: Staatsfrau ehrt Staatsmann! Ehre, wem Ehre gebührt – hier gilt es, sie dem Biographen zuteilwerden zu lassen: Gregor Schöllgen, Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Erlangen ist ein großer Wurf gelungen. Mit viel Empathie für den Aufsteiger aus ärmsten und familiär verworrenen Verhältnissen, mit kritischem Respekt vor der politischen Lebensleistung und ohne Lobhudelei schreibt er über Gerhard Schröder.  Es entsteht ein farbiges Porträt des Menschen, vor allem aber die Chronik des Politikers. Ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte ist nicht nur ein Nebenprodukt sondern ein bleibendes Verdienst dieser Biographie. Die SPD passt dabei mit ihren Auf- und Abschwüngen wie eine zweite Person neben Schröder in den großen Rahmen dieses bis ins letzte Detail „stimmenden“ Lebensbildes Schröders.

 

Der Zeitzeuge des bisherigen Lebenslaufs des Altkanzlers wird sich vielleicht weniger für Kindheit, Familienstammbaum und Jugend Schröders interessieren. Sobald er aber anfängt, in der Lebenschronologie zu lesen, wird er von der historiographischen Kunst des Autors gefangen genommen: Alles wird interessant, weil es wichtig ist und weil es so gut erzählt wird. Vom akademischen Rang des Biographen spürt man dessen Willen zu Exaktheit, seine Urteilskraft und auch seinen Drang, dem Lauf der Geschichte sein eigenes Urteil zuzumessen. Dazu gesellt sich in diesem Buch Clio, die Muse der Geschichtsschreibung, die daran erinnert, dass es eine literarische Disziplin ist zu erzählen, was geschehen ist. Kein Leser wird das dicke Buch schnell aus der Hand legen – ob er nun Sympathie für den Im Mittelpunkt stehenden aufstrebenden Politiker hat oder nicht, ob er mit der SPD etwas „am Hut“ hat oder nicht. Jüngere Leser werden besser verstehen, wie alles gekommen ist, ältere werden ihre Erinnerungen auffrischen. Alle werden Persönlichkeiten begegnen, die das Geschehen mitbestimmt haben. Die wichtigsten bekommen vom Autor eine Kurzbiographie spendiert mit einer knappen Charakterisierung ihres Anteils am Panorama der Zeit. Dadurch wird das Porträt auch zu einem Gruppenbild der Zeitgeschichte.

 

Die wichtigsten Stationen des politischen Lebenslaufs Schröders stehen im Mittelpunkt: Der Vorsitz bei den Jusos, die nicht immer glückliche Rolle in der Auseinandersetzung um den Nachrüstungsbeschluss, die Konzentration auf seine niedersächsische Heimat, die ihn in mehreren Anläufen über parteiinterne Erfolge schließlich auch zu solchen an den Wahlurnen führte. Schöllgen stellt Schröders kaum zu bremsenden „Willen zur Macht“ heraus, seine Arbeitsenergie, die er in den Anfangsjahren seines Aufstiegs auf seine Anwaltstätigkeit und seine politische Karriere aufteilen musste. Sein Biograph beschreibt seine wachsenden taktischen Fähigkeiten und scheut sich nicht, seinen Protagonisten gelegentlich zu kritisieren. Dessen Verhältnis zu den Grünen war stets ambivalent. Persönlichkeiten des politischen Hauptgegners CDU hat er früher als andere ernst genommen. Den Großen in der eigenen Partei, den beiden sozialdemokratischen Kanzlern vor ihm, Willy Brandt und Helmut Schmidt, erwies er Respekt und auch Bewunderung. Immer wieder kommt Schöllgen auf die Kunst Schröders im Umgang mit den Medien zu sprechen – ob in seiner niedersächsischen Heimat mit der Hannoverschen Allgemeinen oder bundesweit mit dem SPIEGEL. 

 

Wie dicht das politische Leben des Gerhard Schröder war, wie sich ein wichtiges Ereignis an das andere reihte, wie die Persönlichkeiten von Helmut Kohl, Joschka Fischer, Hans-Dietrich Genscher oder Oskar Lafontaine und Richard von Weizsäcker in dieses Leben hineinspielten, belegt diese Biographie minutiös. Die politischen Themen reichen außenpolitisch von Krieg und Frieden im zerfallenden Jugoslawien oder im Irak über Vertiefung oder Erweiterung der europäischen Einigung bis zu innenpolitischen Entscheidungen vor allem im sozialen Bereich mit der „Agenda 2010“ und „Hartz IV“. Schöllgen ist ein zuverlässiger Chronist und passt die jeweilige Rolle Schröders in die große Erzählung von dieser Zeit ein. Zu den negativen Highlights diese Erzählung gehört die „Elefantenrunde“ nach der von Schröder selbst herbeigeführten vorgezogenen Bundestagswahl von 2005, als er vom Schwung des Wahlkampfs gepackt, sich selbst vor laufenden Kameras zum Sieger ausrief, obwohl die vom Wahlergebnis ebenfalls stark gerupfte Angela Merkel neben ihm saß und die nächste Regierung bilden würde. 

 

Den Menschen, der das alles schaffen und aushalten muss, vergisst Schöllgen dabei keineswegs. Schröders vier Frauen kommen in der Biographie mit sympathischer Diskretion ebenso vor, wie die Mutter, die Familie, Freundschaften, die über Jahrzehnte hielten. Oder eben auch neue, wie die zu Putin, die nach der Kanzlerdämmerung: Als Chef des vom Gazprom-Betreiber geführten Ostsee-Pipeline-Konsortiums steht Schröder bald in hochdotierten russischen Diensten und in massiver Kritik über dieses Engagement.

 

Das Fazit von Schöllgen über die politische Kernleistung Schröders fällt aber glänzend aus: „Schröder hat außen- und sicherheitspolitisch die überfälligen Konsequenzen aus der Einheit gezogen und damit Deutschland auf den Platz geführt, auf den es gehört; und er hat das Land innenpolitisch so auf Vordermann gebracht, dass es diesen Platz selbstbewusst und überzeugend einnehmen kann.“

 

Harald Loch

 

Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder. Die Biographie 
DVA, München 2015   1039 Seiten

Strauß - Der Überflieger

Titel Werner Biermann STRAUSS. Aufstieg und Fall einer Familie. Rowohlt Berlin

 

Autor Werner Biermann, geboren 1945 in Moers, war Reporter beim «Stern» und arbeitet seit 1974 als freiberuflicher Autor und Filmemacher. Er realisierte rund fünfzig Dokumentarfilme, vor allem zu historischen Themen, darunter zwei ARD-Dokumentationen über Franz Josef Strauß, die Rekordeinschaltquoten erzielten und von der Kritik einhellig wegen der präzisen Recherche gelobt wurden. Für seine Arbeiten wurde er mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

 

Inhalt Porträt des Franz Josef Strauß mit familiärem Touch

 

Gestaltung Zum 100.Geburtstag vom Franz Josef Strauß erschien die bereits 2006 erschienene Biographie aktualisiert in einer broschierten Gesamtausgabe. Schwarzweiß Fotos im Innenteil

 

Cover Die junge Familie Strauß vor der ABENDZEITUNG

 

Zitat „...ist Franz Josef Strauß so lebendig wie eh und je.“

 

Meinung Eine solch lebendig geschriebene Biographie liest man gerne. Wir haben es hier als Leser zwar nicht mit einer  wissenschaftlich fundierten Biographie eines Historikers oder Politologen zu tun, vielmehr mit einer journalistischen Betrachtungsweise, die historische Fakten, Lebensdaten, Entwicklungsgeschichte der politischen Figur der Nachkriegszeit, Anekdoten und Familiäres gekonnt mischt. Strauß steigt auf vom Metzgerssohn zum ungekrönten König der Bayern. Werner Biermann zeigt Strauß als Machtpolitiker, der eine beispiellose politische Karriere macht, der nach der SPIEGEL-Affäre ins politische Nichts abstürzt und wieder aufsteht und es schafft – allerdings zum scheiternden - Kanzlerkandidaten zu werden.

 

Strauß lässt keinen Skandal aus, spaltet die Nation in glühende Anhänger und kritische Verfolger, spielt mit seinen rhetorischen Talenten, beweist seine faszinierende Intelligenz in Interviews, fädelt den Milliardenkredit ein, macht aus Bayern einen modernen Staat, hat Liebschaften, betreibt Schatten-Außenpolitik. Biermann gelingt ein farbiges, aufschlussreiches Porträt des Vollblutpolitikers, der als Kraftzentrum so sehr im Mittelpunkt dieser Biographie steht, dass die Familiengeschichte manchmal etwas zu kurz kommt, denn die ist so facettenreich, dass sie ein zweites Buch hätte abgeben können. Fazit: eine gründliche historische Biographie, wie sie vielleicht Hans Peter schwarz geschrieben hätte oder Peter Merseburger über den Skandalpolitiker fehlt bislang, ebenso eine ausführliche Familienbiographie der Strauß-Familie. Was nicht ist, kann ja noch kommen. Dennoch ist Biermann ein sehr lesenswertes Buch gelungen.

 

Leser Alle die Strauß erlebt haben als Politiker und jene, die nachgewachsen sind und diesen Mythos-Mann nicht kannten

Zweigs Reise ins Nichts

Titel Reinhard Wilczek Stefan Zweigs Reise ins Nichts. Historische Miniatur. Limbus Preziosen 

 

Inhalt Stefan Zweig war der meistgelesene, deutschsprachige Autor seiner Zeit. Dennoch wählt er nach acht Jahren im brasilianischen Exil in Petrópolis im Exil den Freitod.

 

Autor Reinhard Wilczek arbeitete als Musiklehrer, Kulturrezensent, Hochschullehrer und Lehrer. Der promovierte und habilitierte Germanist studierte in Wuppertal und Bochum Musik, Musikwissenschaft, Deutsch und Philosophie

 

Cover Die Einband-Gestaltung zeigt gezeichnete Medizinfläschchen, Tintenfässer und Schreibfedern

 

Gestaltung Gestalterische Annäherung an Insel-Taschenbücher, Literaturhistorische Nach-Zeichnung der letzten Lebensjahre des Stefan Zweig, der mit seiner Ehefrau seinem Leben freiwillig ein Ende setzte

Zitate aus dem Buch "Ich grüße alle meine Freunde. Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus." Stefan Zweig

"Lieber will noch der Mensch das Nichts wollen, als nicht wollen.“ Nietzsche.

 

Meinung  Der Autor weist an einigen Stellen in seiner historischen, lesenswerten Miniatur darauf hin, das Zweig an Depressionen litt und mehrfach die Absicht hatte, sich selbst zu töten. Es sind die Lebenskrisen des Stefan Zweig, die am Ende doch dazu führen, dass Zweig Hand an sich legt, sich vergiftet: Der Zusammenbruch der Donaumonarchie und das Ende des I. Weltkrieges, der Verlust der österreichischen Heimat durch die Okkupation Hitlers und die Hausdurchsuchung in seinem Salzburger Domizil, nach der Flucht in die tropischen Regenwälder der dritte Schock, dass mit einem eventuellen Kriegseintritt Brasiliens, der von Hitler entfesselte Weltkrieg ihn  auch an diesem entfernten Ort, im Dschungel Brasiliens, einholen kann. In der Schachnovelle - sein letzter Text - liegt Zweigs Testament, das in den Worten Auflehnung, Selbstbehauptung, Zurück-Geworfenheit auf die eigene Innerlichkeit, am Abgrund stehend, inhaltlich beschrieben werden kann.

Verfolgt, vereinsamt sieht Stefan Zweig nur noch diesen einen selbst gewählten, von Entscheidungsfreiheit bestimmten Weg. Dem Autor gelingt es überzeugend, die letzten Lebensjahre des Stefan Zweig zu beschreiben. Wir lernen das Untergehende mit zu verfolgen, das abgründige Schicksal des Autors will enträtselt sein.

 

Wilczek zeigt Entdecker-Leidenschaft, wir lernen dank dessen Zweig als einen Menschen kennen, der zum Streit unfähig ist, den Meinungskampf scheut, unfähig zu hassen oder den Hass , der im Nazisystem steckt, zu erwidern. Stefan Zweig wird Opfer seiner offenbarten Wahrheiten. Dem Autor gelingt es, Zweig und seinen Lebens-und Leidensweg in seiner Welt von gestern darzustellen. Ein anspruchsvoller Text, eine mitgeteilte Geschichtserfahrung und fundierte literaturhistorische Einordnung eines außergewöhnlichen Schriftstellerlebens

 

Leser Germanistikprofessoren und –studenten, Zweig-Enthusiasten, Menschen, die sich für Literaturgeschichte interessieren, historisch Interessierte, die begreifen wollen, wie die Zwanziger und Dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts im Nazi-Chaos endeten

 

Verlag: Limbus

"Streithammel" der Literatur

Titel Uwe Wittstock Marcel Reich-Ranicki. Die Biografie. BLESSING

 

Autor Uwe Wittstock, 1955 in Leipzig geboren, war von 1980 bis 1989 unter der Ägide von Marcel Reich-Ranicki Literaturredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". 1989 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für Journalismus ausgezeichnet. Anschließend war er Lektor im S. Fischer Verlag und Kulturkorrespondent der "Welt". Seit 2010 ist Wittstock Literaturredakteur des Nachrichtenmagazins "Focus". Zuletzt veröffentlichte er den Essayband "Nach der Moderne" über die deutsche Gegenwartsliteratur.

 

Cover Ranicki in seiner Wohnung vor Bücherwand und Bildern

 

Zitat aus dem Buch: „Pointen, Klatsch, Anekdoten liebte Reich-Ranicki, jede Form von Langeweile im Redaktionsalltag hasste er.“  

Inhalt Die Lebensgeschichte des Kritikers Marcel Reich-Ranicki

Gestaltung: 430 Seiten, 13 Kapitel, Dank, Abbildungsverzeichnis, Anmerkungen, Namensregister, sehr gute Bildauswahl

 

Meinung Die einen liebten ihn, die anderen hassten ihn. Wer scharfzüngig Meinungen sät, ohne Rücksicht auf Verluste, der muss damit rechnen, dass er auch Hass ernten wird. „Streithammel“ nennt ihn die Süddeutsche Zeitung, die in einer Kritik über das Buch von Wittstock meint, der Autor habe die Darstellung zunehmend zu einer persönlichen Angelegenheit gemacht. Das ist natürlich Quatsch, denn ein Autor macht sein Thema immer zur persönlichen Angelegenheit. Was der Wittstock-Kritiker sicher meint, die Nähe von Wittstock (Reich war sein Chef) hat dem Buch geschadet, nicht genützt.

Ich finde, im Gegenteil, die Nähe des Autors zu seinem „Thema“ schafft Genauigkeit, Details, einfühlsame Interpretationen, die einem weiter entfernten Autor vermutlich nicht gelungen wären. Die Bebilderung ist sehr eindrucksvoll und nahe am Menschen Marcel Reich-Ranicki. Wir wollen ja da keine literaturwissenschaftliche Grundlagenforschungsstudie lesen, das Buch will uns erreichen, so wie Ranicki es auch immer gefordert  hat:“ „Jawohl, es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kritik: dafür zu sorgen, dass Literatur ins Gespräch kommt und im Gespräch bleibt. Darauf kommt es an: die Literatur zu einer öffentlichen Sache zu machen.“

Wir haben also zwei Funktionen von Literatur bei Ranicki: Die Rolle nach Außen in der Gesellschaft, größtmögliche Öffentlichkeit zu schaffen, allgemeiner gesagt, ein Interesse für Kultur -  und nach dem Innen gerichtet,  Literatur muss dem Leser, das eigene Seelenleben transparenter und verständlicher machen.

 

Die Außen-und die Innenwelt der Literatur von Marcel Reich-Ranicki ist das Thema für Uwe Wittstock, und eine dritte Funktion von Literatur als Fluchtpunkt für ihn, angesichts einer frostigen, feindlichen Welt. Ranicki „emigrierte“ in die Literatur. Als „Heimatloser“ benennt Ranicki Literatur als seine eigentliche Heimat. Sein Verhältnis zu Theater und Literatur ist libidinöser Natur, beschreibt Wittstock, Theater, Oper, Konzertsaal sind für ihn Orte gesellschaftlicher Kommunikation. Ranicki liebt italienische Opern, er hätte auch Musiker werden können.

Typisch für ihn, weil er gerade ein Mädchen gleichen Namens kannte, fand er für sich den Namen Ranicki und weil Doppelnamen eben auffälliger sind als einzelne, nennt er sich auf Empfehlung eines Kollegen Reich-Ranicki, das klingt weder zu deutsch noch zu stark polnisch. 

 

Das Leben Ranickis ist ein einziger Romanstoff und eine Suche nach Heimat und Anerkennung. Ranicki beginnt als Lektor für deutschsprachige Literatur, brachte in Polen einige Bücher heraus und suchte am Anfang die Begegnung mit deutschen Schriftstellern in Warschau, unter anderen zu Böll und Grass, Brecht und Seghers. 1953 verhängt die kommunistische Partei über Ranicki ein Publikationsverbot, nachdem er vorher dem diplomatischen Dienst angehörte.  Nach einer Zeit beim Sicherheitsdienst, bei dem er auch Zensuraufgaben wahrnimmt – Tilman Jens bringt dies später an die Öffentlichkeit - flieht er mit der Familie 1958 aus Polen. Und es geht dann ganz schnell: Sofort erscheint sein erster Artikel als freier Autor in der FAZ. Seine Grundlage ist doppelt von Vorteil, einerseits ist er gegen nationalistische oder nationalsozialistische Anwandlungen gefeit und andererseits kennt er Theorie und Praxis des Marxismus-Leninismus.

 

Ranicki tritt auch in der Literatur-Gruppe 47 auf, doch sein mangelndes Gefühl für Freundschaften, seine Eitelkeiten, seine Art anzuecken, dem Hang, schonungslose Urteile abzugeben, machten ihm damals schon mehr Feinde als Freunde. Hans Werner Richter nennt ihn wegen seiner provozierenden Art einen Außenseiter, seine Kritik beinhaltete immer Polemik,  mit außergewöhnlichem rhetorischem Talent und Formulierungsgabe versehen. Es ist immer wieder sein „Ausgegrenztsein“ und sein ungeheurer produktiver Output beim Schreiben, der zum Anecken führt. Ranicki selbst beklagt seinen Lebensrhythmus: ein monologisches Dasein, auf Lesen folgt Schreiben, auf Schreiben folgt Lesen.

 

Warum bleibt Ranicki angefeindet? Horst Krüger, der Reiseschriftsteller, liest ihm die Leviten: Ranickis radikale Art, seine Apodiktik, seine moralische Entschlossenheit, seine Umstrittenheit sind die Gründe dafür, er dürfte eben genau deswegen kein Beliebt- und Geehrt-Sein erwarten.

 

Wittstock zeigt Marcel Reich-Ranicki als einen meinungsfreudigen Kollegen, dessen  Machtentfaltung dazu führt, dass er zunehmend Freunde, aber eben auch Gegner und Feinde ansammelt.

Ranicki legte sich mit der deutschen Akademie für Sprache und Dichtung an, erfindet den Bachmann-Wettbewerb, pflegt freundschaftliche Beziehungen zu Lenz, schwierige dagegen zu Grass, Walser, Jens, wird nachdem er Literaturchef der ZEIT war, in diese Funktion zur FAZ berufen, die ihm auch einen redaktionellen Stab zugesteht. Die ZEIT hatte ihm redaktionellen Zugang verweigert. MMR avanciert zum Popstar der Kritik im Literarischen Quartett und beeinflusst die Charts der Bestseller, wird zugleich geliebt und gehasst von Schriftstellern wie Verlegern.

Grass krittelt, der literarische Stammtisch gäbe den Ton an. Intimfeind Walser droht: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde.“  Tilman Jens enthüllte in einem Fernsehbeitrag am Lebensabend Ranickis, dass er Mitarbeiter des Sicherheitsministeriums in Polen war, (was bis dato niemand wusste) Jens war dann öffentlich vorgeworfen worden, unter anderem von Rolf Hochhuth, Tilman Jens habe ahnungslos von den Zwängen und Zerreißproben der Weltkriege nichts gewusst. Marcel Reich-Ranicki überlebte den Nazi-Terror und machte im Nachkriegsdeutschland eine beispiellose Karriere und verhalf der Literatur zu öffentlichem Ansehen.

 

Im Alter von 93 Jahren verstarb MRR.

 

Wittstock hat eine sehr nahe, intensive, spannende Biographie geschrieben, die uns mitfühlen lässt, wie bei Ranicki eine Mischung aus Gnadenlosigkeit und Empfindsamkeit zugleich zu solchen Fähigkeiten führte, die Ranicki in sich trug.

 

Auch ich habe Ranicki als Journalist kennengelernt, als irgendein Unbekannter den Nobelpreis bekam, sagt er mir sofort auf den Kopf zu: “Vergessen Sie das Interview, den kenn ich nicht.“ Und jedes Mal wenn man ihn in Frankfurt oder sonst wo traf, war seine erste Frage: „Was gibt’s Neues?“ Da haben wie sie die Ehrlichkeit und die Neugier, die ihn antrieb und zu d e m Kritiker machte, aber er war eben auch als Neugier-Fetischist: JOURNALIST!

 

Leser Fans und Feinde von Marcel-Reich-Ranicki und Sigrid Löffler

 

Rezensionen

"Der Biograf hat es geschafft, Marcel Reich-Ranicki in seiner ganzen Charaktervielfalt zu erfassen." Jochen Kürten, Deutsche Welle (27.04.2015)

Der Preußen-Versteher?

Christoph Nonn: Bismarck  -  Ein Preuße und sein Jahrhundert

 

Kann die – gefühlte – hundertste Bismarck-Biographie  im Jahr seines 200. Geburtstages zu einer neuen Beurteilung führen? Oder muss jede Generation einfach „ihre“ Biographien bedeutender Persönlichkeiten schreiben, wie es für Luther, Napoleon, Churchill oder Caesar geschieht? Beide Fragen beantwortet der Professor für Neueste Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Christoph Nonn, auf überzeugende Weise. Beginnen wir mit der zweiten Frage: Seit der „zweiten Reichsgründung“ im Jahre 1989 stellen sich für Deutschland in der Mitte Europas ähnliche Fragen wie nach der ersten. Sie erlauben Vergleiche, neue kritische Würdigungen, Perspektiven, die sich früheren Generationen nicht aufdrängten. Wie geht man mit dem 1871 wie 1989 angewachsenen politischen und ökonomischen Gewicht Deutschlands um? Gibt es Parallelen oder ist alles ganz anders? Nonn selbst schreibt: „wie alle Geschichte hat die Geschichte Bismarcks und seiner Zeit eine ganze Menge mit der Gegenwart und der Zukunft zu tun.“

 

Die erste eingangs gestellte Frage, wie wir heute die Person Bismarck beurteilen können, hängt mit der zweiten eng zusammen. Nonn entwickelt, auch ohne den Blick ständig auf die Gegenwart zu richten, aus dem Preußentums Bismarcks, seiner agrarischen Ritterguts-Perspektive und seinen charakterlichen Besonderheiten eine aktuelle Zeichnung seiner Persönlichkeit, die deren einzelne Komponenten neu zusammensetzt und gewichtet. Er schreibt die Geschichte damit nicht neu, wie es etwa Christopher Clark mit seiner Geschichte Preußens oder seiner Biographie über Kaiser Wilhelm II. getan hat. Aber er berücksichtigt auch die neuesten Forschungen und stellt Bismarck gleichsam neben den Sockel, auf den ihn viele zuvor gehoben hatten. Da begegnet dem mit bester Historiographie unterhaltenem Publikum ein mit Fehlern und Fähigkeiten gesegneter Mensch. Das Porträt Bismarcks entsteht in erster Linie aus Zeugnissen, die seiner eigenen Feder entspringen: Briefe, Schriften, Gedanken und Erinnerungen. Auch wenn Nonn dabei vorzugsweise die pointiertesten Dokumente zitiert, entsteht doch ein authentisches Bild. Es wird gegengezeichnet von einer Darstellung der historischen Fakten, die – mit der Urteilskraft des Historikers verbunden – ein nicht nur in Nuancen neues Persönlichkeitsprofil zusammensetzen. Nicht immer leicht ist die Differenzierung zwischen taktischem Kalkül des „Vollblutpolitikers“ und seinen grundsätzlichen Überzeugungen. Nonn bietet dafür plausible Beurteilungen an, die auch einen Rest an Unbestimmtheit belassen, wenn es sich um Schnittmengen zwischen Kalkül und Überzeugung handelt. Das scheinbar Widersprüchliche wandelt sich dann zu einer allgemeinmenschlichen Dimension.

 

Als Beispiel für die „moderne“ Sicht des Autors auf das von ihm um die Person Bismarcks in Augenschein genommene Zeitalter mag seine Neuinterpretation der europäischen Revolutionen von 1848 dienen. Nonn sieht deren tiefere Ursachen weniger in sozialen Verwerfungen einer noch nicht recht begonnenen Industrialisierung als in der Modernisierung der großagrarischen Landwirtschaft. Damit ist er wieder bei den Interessen Bismarcks, der sein pommersches Landgut Kniephof erfolgreich bewirtschaftete. Zu einem anderen bedenkenswerten Urteil gelangt der Biograph bei der Darstellung der „konservativen Wende“ in den späten 1870er Jahren, denen er die gleichzeitige „antikonservative Wende“ in Frankreich und Italien gegenüberstellt. Den Satz „überhaupt ist es paradoxerweise in mancher Hinsicht gerade die relative Modernität des Deutschen Reiches gewesen, die dessen vergleichsweise konservative Entwicklung unter Bismarck begünstigte“ begründet er ebenso plausibel wie neu. Auch an vielen anderen Stellen seines glänzend geschriebenen Buches erfüllt Nonn eben die Erwartungen seiner Leser, dass „die Beschäftigung mit Bismarck nicht nur von antiquarischem Interesse“ ist.

 

Harald Loch

 

Christoph Nonn: Bismarck  -  Ein Preuße und sein Jahrhundert

C.H.Beck, München 2015   400 Seiten mit 50 Abb.  24,95 Euro

Bismarck II

 

Titel Norbert F. Pötzl Bismarck. Der Wille zur Macht Propyläen

 

Autor Norbert Pötzl volontierte bei der Südwestpresse in Ulm. Anschließend war er landespolitischer Korrespondent der Schwäbischen Zeitung in Stuttgart. Von 1972 bis 2013 arbeitete er für den SPIEGEL als Büroleiter in Berlin, Chef vom Dienst, Landeskorrespondent für Baden-Württemberg und später für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, zuletzt als stellvertretender Leiter des Ressorts Sonderthemen.

 

Cover Bismarck mit Prinz Heinrich Mütze und historischen Bildern

 

Gestaltung Paperback, kompakte 300 Seiten, bebildert, gesetzt aus der Sabon vom kriegsgeschehen, der Reichsgründung und dem obligatorischen „Von Bord gehen“

 

Zitat aus dem Buch: „An Bismarcks Lebensgeschichte können auch wir heutigen noch ablesen, wie man Macht gewinnt und verliert.“

 

Inhalt Ein Lebensporträt des Staatsmannes in sechs Kapiteln mit Vorwort und Anhang

 

Meinung Norbert F. Pötzl hat als SPIEGEL-Journalist gelernt, wie man kompakt informiert, ohne dabei den Inhalt zu verlieren. Diese Biographie ist anschaulich, gut lesbar, übersichtlich gegliedert, nicht historisch langweilig, sondern konkret, handfest und auch meinungsbetont. Leben, Charakter, Erfolge, Widersprüche, Fehler, Mythos sind die Überschriften der einzelnen Kapitel. Ob Reichsgründer, Kriegstreiber, Sozialistenverfolger, Sozialstaatler, Scheiternder, die Pötzl-Biographie ergibt ein lebendiges Gesamtporträt  des deutschen Reichskanzlers. der im europäischen Mächtekonzert mit seiner Bündnispolitik das Reich einigte. Die Einheit der Nation steht auf der positiven Haben-Bilanz, sein antidemokratisches, konservatives, restauratives Denken und sein Anti-Parlamentarismus stehen auf der Negativ-Liste. Theodor Fontane meinte nach seinem Sturz: „Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind.“ Pötzl resümiert, Bismarck wurde zum Mythos und Identifikationssymbol, die Reichsgründung war „Happy End der langen unglücklichen deutschen Nationalgeschichte“, Bismarcks umstrittene Innenpolitik sei dagegen aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt worden. Das Buch über Bismarck mit dem „Willen zur Macht“ ist vom Autor mit dem Willen zur Klarheit geschrieben.

 

Leser Geschichtslehrer und deren Schüler, Machtstrategen, Sozialpolitiker und Außenpolitiker, Historiker und Politiker in „failing states“.

 

Verlag: Propyläen

Was kann Merkel von Bismarck lernen?

Interview mit Norbert F. Pötzl

 

1.     Woran liegt es, dass Bismarck bei Biographie-Autoren einen so hohen Stellenwert hat?

 

Bismarck war zweifellos der bedeutendste europäische Staatsmann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er hat, auch aufgrund seiner langen Regierungszeit als preußischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler, insgesamt fast 28 Jahre, epochale Veränderungen bewirkt und damit die Weichen für die umwälzenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts gestellt. Seine Politik zeichnete den Weg in den Ersten Weltkrieg ebenso vor wie die Zerstörung der Weimarer Republik durch antidemokratische Kräfte, die sich auf ihn als Vorbild beriefen. Dies fordert natürlich Biographen heraus, das Wirken dieses Mannes immer wieder neu zu durchleuchten.

 

 2.     Wie grenzen Sie Ihre Biographie von anderen ab?

Ich habe durch die Einteilung in sechs Querschnittskapitel eine Form gefunden, die von der herkömmlichen chronologischen Erzählung abweicht. Dadurch konnte ich Schwerpunkte setzen, die Hauptlinien in Bismarcks Handeln stärker herausstellen sowie die Zusammenhänge und Konsequenzen besser verdeutlichen. Bei diesem Stilmittel habe ich mich, wie ich gern einräume, von Sebastian Haffners „Anmerkungen zu Hitler“ inspirieren lassen.

 

 3.     Was war schwierig, was war leicht beim Schreiben der Biographie?

 

Schwierig war es zunächst, aus der Fülle des Stoffes die für das Verständnis Bismarcks wichtigsten Vorgänge aus dem Wust von Ereignissen herauszufiltern und sie unter die von mir gewählten Kapitelüberschriften einzuordnen. Es stellte sich aber heraus, dass sich jeweils zusammenhängende Komplexe unschwer unter „Erfolg“ (Reichseinigung), „Fehler“ (Kulturkampf und Sozialistengesetze) und „Widersprüche“ (Bündnispolitik) subsumieren ließen. Damit waren zugleich klare Bewertungen verbunden. Leichter fiel von vornherein, die Person Bismarcks in den Kapiteln „Leben“ und „Charakter“ zu porträtieren: Das eine schildert den äußeren Werdegang, das andere den inneren Menschen – und da muss man ja sagen, dass Bismarck ein Ekel war: hemmungslos herrsch-, rach- und fresssüchtig, und alles verbunden mit einer unglaublichen Larmoyanz. Sehr mit mir gerungen habe ich in dem abschließenden Kapitel „Mythos“, um die Balance zu wahren zwischen dem Respekt vor Bismarcks politischen Leistungen und der Kritik an seiner antidemokratischen Einstellung, die den Grund legte für die Obrigkeitsgläubigkeit der Deutschen bis tief ins 20. Jahrhundert.

 

4.     Warum wird Bismarck eher von der Außenpolitik her als von der Innenpolitik erinnert?

 

Den Bewunderern Bismarcks unter den Historikern ist es gelungen, die Paktomanie, mit der er teilweise miteinander unvereinbare Bündnisse einging, als genial auszugeben. Das hat sich in den Köpfen festgesetzt. Dagegen wurde Bismarcks von vornherein zum Scheitern verurteilter Kampf gegen die von ihm so genannten „Reichsfeinde“, die Katholiken und die Sozialisten, schon von seinen Zeitgenossen als Fehlschlag eingeschätzt und daher von der hagiografischen Geschichtsschreibung alsbald unterschlagen. Selbst die durchaus modellhafte Einführung einer Sozialversicherung schlug sich nicht auf der Habenseite nieder: Die Arbeiter, die Bismarck dadurch der Sozialdemokratie abspenstig machen wollte, waren über die kargen Leistungen erbost, und der Kanzler rückte von seinem eigenen Projekt ab, weil es nicht zu dem von ihm gewünschten Ziel führte.

 

 5.     Was kann Kanzlerin Merkel vom “eisernen Kanzler“ lernen?

Nachahmenswert ist allenfalls Bismarcks Pragmatismus, der unter dem Begriff „Realpolitik“ bekannt wurde. Unideologisch hielt sich Bismarck stets mehrere Optionen offen. Da der autoritär regierende Reichskanzler allein von der Gunst des Kaisers abhing und keine Partei repräsentierte, konnte er sich je nach Lage parlamentarische Mehrheiten suchen. Eine derartige Prinzipienlosigkeit würde indes in der heutigen parlamentarischen Demokratie die Glaubwürdigkeit der Parteien beschädigen.

 

Tucholsky - die scharfe Feder

Kritik

 

Titel Rolf Hosfeld: Tucholsky. Ein deutsches Leben. Biografie Siedler

 

Autor Rolf Hosfeld, geboren 1948, promovierte über Heinrich Heine, arbeitete als Dozent, Verlagslektor, Redakteur, Feuilletonchef der Wochenzeitung »Die Woche«, Film- und Fernsehproduzent und Regisseur sowie Chefredakteur der Buchreihe »Kulturverführer«. Er verfasste zahlreiche Bücher zu kultur- und zeitgeschichtlichen Themen. Rolf Hosfeld lebt in der Nähe von Potsdam.

 

Cover Ein jugendliches Porträtbild von Kurt Tucholsky mit dessen Unterschrift als Hintergrund

 

Gestaltung übersichtliche 320 Seiten, vier Hauptkapitel mit Anhang: Die Welt von gestern, Die halbe Republik, Deutschland von außen, Kein Ort nirgends, Anhang. Das Buch ist schwarz-weiß bebildert.

 

Zitat aus dem Buch: " "Die Diagnose lautet: Überdosis Veronal, vermischt mit Alkohol. Ohne Barbiturate konnte der von innerer Unruhe Zerrissene schon lange nicht mehr schlafen. Er hinterlässt nichts, keinen Abschiedsbrief. (...) War es Selbstmord? (...) Die Frage konnte nie endgültig geklärt werden."

 

Inhalt Hosfeld lässt in dieser Tucho-Biographie das kurze Leben von Kurt Tucholsky Revue passieren, der als Korrespondent und Schriftsteller in der Reihe mit Erich Kästner und Joachim Ringelnatz Anfang des 20. Jahrhunderts stand und Romane, Rezensionen, Feuilletons, Gerichtsreportagen, Anekdoten, Aphorismen, Aufsätze, Fabeln, Gedichte, Glossen, Märchen, Monologe, Liebesgeschichten, Reisebilder, Verse und Briefe schrieb. Er starb vermutlich durch Selbstmord.

 

Meinung

 

Ringelnatz über Tucholsky: "Er teilte an der kleinen Schreibmaschine Florettstiche aus, Säbelhiebe, Faustschläge. (...) ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten." Genauso ist es, als Tucholsky stirbt, beginnt der II. Weltkrieg und so endet auch diese Biographie. Mutig, neben den mindestens fünf bereits existierenden Biographien eine weitere zu schreiben. Hosfeld gelingt es einen eigenen zwar nicht literaturanalytischen Blick auf Tucholsky zu werfen, er erzählt, schildert, beschreibt, und so gewinnt dieses Buch ein eigenes Tucholsky-Flair. Natürlich beginnt Hosfeld mit der Rheinsberg-Liebesgeschichte, in die man sich als Leser selbst verliebt hat. Hosfeld bringt uns die Liebesbeziehungen von „Tucho“, der polygam gelebt hat, mittels der zahlreichen Briefe nahe. Die Hin-und Her-Gerissenheit des Autors, der an vielen Orten auf der Flucht vor den Nazis leben musste, wird ausführlich aufgezeichnet. Insbesondere widmet er dem Tucholsky-Aufenthalt in Paris als WELTBÜHNE-Korrespondent breiten Raum. Lebendig und nahe beschreibt Hosfeld den an NAZI-Deutschland verzweifelten Autor, der auch als Redner und Rezitator von Texten vor sein Publikum trat. Hosfeld ist es gelungen, einen großen deutschen Schriftsteller wieder auf die BÜHNE zu stellen, und irgendwie auch auf die WELTBÜHNE. Seine Werke sind aktueller denn je...

Leser Biographie-Leser, Verliebte und noch nicht-Verliebte, Tucho-Kästner-Ringelnatz-Fans, Leser, die die Weimarer und Hitler-Zeit verstehen wollen.

 

Verlag: Siedler

 

Leseprobe http://www.randomhouse.de/Buch/Tucholsky-Ein-deutsches-Leben-Biographie/Rolf-Hosfeld/e351642.rhd?mid=4&serviceAvailable=true&showpdf=false#tabbox

 

 

Pressestimmen

 

»Hosfeld bietet eine gute Einführung in das recht kurze Leben und das dagegen sehr umfangreiche Werk des großartigen Vielschreibers Kurt Tucholsky. Eine gut komponierte Biografie.« Deutschlandfunk – Andruck, 07.05.

»Hosfeld kann – angesichts der bisher erstaunlich wenigen Biografien über einen der profiliertesten Autoren der Weimarer Republik - mit seinem lesenswerten Werk eine Lücke schließen. «
dpa-StarLine, 02.05.2012

 

»Rolf Hosfelds Biografie handelt in erster Linie vom Zeitzeugen Tucholsky und ist damit eine höchst lesenswerte Geschichte Deutschlands im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. «
Neue Zürcher Zeitung, 15.08.2012

 

»Im schönsten Sinn des Wortes ein politisches, ein historisches und ein biografisches Lesebuch. Außerordentlich gut gelungen.«
vorwaerts.de, 17.04.2012

 

»Rolf Hosfeld Rückblick auf Tucholskys Leben setzt die Geschichte des Privatmanns [...] mit der öffentlichen Person und seiner ungeheuren Sprachkraft in Beziehung. «
DAMALS. Das Magazin für Geschichte, 7/2012

 

Rezensionen

 

Deutschlandradio und Deutschlandfunk

http://www.deutschlandradiokultur.de/eine-biografie-mit-ueberraschenden-volten.950.de.html?dram:article_id=208710

 

http://www.deutschlandradiokultur.de/es-begann-mit-dem-bilderbuch-fuer-verliebte.1270.de.html?dram:article_id=206064

 

http://www.deutschlandfunk.de/urahn-der-facebooker-und-twitterer.700.de.html?dram:article_id=207846

 

Die "schwarze" Patricia

- eine Rezension in Leseschritten

Joan Schenkar

Die talentierte Miss Highsmith

Diogenes 

 

1             Das Werk hat 1070 Seiten. Wen soll man jetzt ermorden: die Autorin, den Verleger, den Lektor? Was würde die talentierte Miss Highsmith dazu sagen? Und welche Mordmethode würde sie wählen? Wir entscheiden uns zu einer neuen Form, der Fortsetzungs-Rezension, die während des Lesevorgangs entsteht.

 

2             Schon auf Seite 14/25 die erste Überraschung: Patricia Highsmith wird von der Autorin ständig mit dem Vornamen PAT angesprochen, der Plot ihres Lebens soll aus ständigen Wiederholungen bestanden haben. Und die Biographie, die Joan Schenkar schreibt,  geht nicht chronologisch vor, Pats Leben war keine geradlinige Strecke vielmehr ein exzentrisches „Auf und Ab“ und „Hin und Her“ und Patricia Highsmith trank nicht gerade wenig Alkohol – eine Überraschung nach der anderen.

 

3             Was ist der Antrieb dieser „dunklen Frau“? „Obsessionen sind das Einzige, was zählt“ ... „Am meisten interessiert mich die Perversion, sie ist die Dunkelheit, die mich leitet“. Das ist natürlich der Stoff, aus dem die Krimis sind. Aber wie passt dazu, dass die Highsmith jahrelang für Comicverlage schrieb? Ihr tägliches Schreibpensum waren acht Seiten Text, ihr „Verbrauchspensum“ an menschlichen Beziehungen schier unübersehbar. Pat liebte Frauen zuallererst und auch Männer, aber nur probehalber. Ihre lesbischen Beziehungen, sexuelle Kurzabenteuer oder auch  einige längere Beziehungen verbarg sie so gut oder schlecht es eben ging vor der Öffentlichkeit, jedoch nicht in ihren Romanen.

 

4             Was ist die Intention der Autorin? Sie startet den Versuch, den „ständigen Wechsel der Identitäten zu fassen“. Diese Biographie folgt einem eigenen Muster: den Obsessionen und den Schaffensperioden der Highsmith, nicht der Lebens-Chronologie. Ihre Quellen, nahestehende Personen, werden zuweilen anonymisiert. Der Spannungsbogen, den die Highsmith in ihren Romanen wählt, die Story entweder langsam oder mit einem Bigbang zu beginnen, ist auch das Leitmotiv für die Biographin.

Die Vorgehensweise ist chirurgisch-präzise, also sehr genau, weil Tagebücher, Aufzeichnungen und „Cahiers“ (Hefte) der Patricia Highsmith zur Verfügung standen, und somit ihr Leben minutiös bis in die letzten Details und Verwinkelungen beschrieben werden kann. Das ist manchmal mühsam und sehr ausführlich, aber zugleich ebenso faszinierend, weil sozusagen ein genauer Röntgenblick entsteht, eine Situation für den Leser, als liege die Highsmith vor einem in der CT-Röhre. Wie sagt die Krimimeisterin über sich selbst: “Details über sein Privatleben preiszugeben ist für einen Schriftsteller, als würde er sich nackt in der Öffentlichkeit zeigen.“

 

5             Grimmige Individualität, sperrige-bizarre Originalität, eine Frau, die mit einer obsessiven Leidenschaft Listen erstellt, sie sammelt gehamstertes Briefpapier, hortet stapelweise Zettel, tippt ihre Romane, zweidreimal ab. Ständige Umzüge, vagabundieren zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, Alabasterhaut, Mandelaugen, Liebesaffären, Alkoholmissbrauch, Verführung verheirateter Frauen, und ein hohes literarisches Ziel, so kommt uns Patricia Highsmith auf den ersten Seiten der Biographie entgegen. ...“Stümper gibt es auf allen literarischen Gebieten euer Ziel muss sein, ein Genie zu sein.“

 

6             Wie sieht die Biographin das Werk – die Werke der Highsmith?
Sechs bis sieben Romane ein Dutzend Shortstories hält sie für mit nichts in Raum und Zeit vergleichbar, sie seien eigenartig, zwanghaft, originell, phantastisch, die Bücher seien gattungsübergreifend, die Geschlechterrollen in Frage stellend, beschäftigten sich mit der Anatomie der Schuld, die Autorin habe zwar nicht selbst Kunst im Schreiben Kunst angestrebt, aber ihre Werke seien durch Kunst inspiriert. Originalton Highsmith: „Ich finde, dass meine Bücher in Gefängnisbüchereien nichts zu suchen haben.“ 

 

7             Wer ist diese Frau, die auf Müllhalden ausgefallene Gegenstände für ihr Haus sucht, die an ihrem Busen ihre Lieblingshaustiere, nämlich Schnecken, verbotenerweise nach Frankreich importiert, die Juden, Schwarze, Latinos und Indianer nicht gerade liebt, die psychologisch zwischen Angezogen- und Abgestoßen sein, Selbsthass und Selbstüberhebung schwankt und die von sich selbst sagt: „Ich vergöttere Frauen ... “Auch wenn ich mir keine Dominanz ohne Liebe und keine Liebe ohne Dominanz vorstellen kann.“  Die Highsmith, eben Mrs. Mystery...

 

8             Was ist das charakteristische in Ihrem Werk? Erste Annäherungsschritte: Eine große Kälte steht im Zentrum ihrer Werke, in dem die „Anwesenheit der Abwesenheit von Schuld herrscht“. Verkleidung, Imitation, Verwandlung, Fälschung, Identitätsdiebstahl bestimmen die Verbrechensmotive, sie selbst versucht durch Rituale ihre Ängste zu bezwingen, leidet an einem Waschzwang, ersetzt im späten Leben ihre Gefühle durch Gegenstände, und betreibt einen Listen-Fetischismus, nummeriert ihre Wünsche und Begierden. Bei Sexszenen schaut sie weg, bei Gewaltszenen hin. Angst bestimmt ihr zweites Ich. Die Requisiten ihres unsteten Lebens, die sie ständig bei sich hat: ein Notizbuch, ein Füller, eine brennende Zigarette, eine Flasche (Martini, Whiskey, Bier) und jede Menge düstere Phantasien: „Ich kann mir für die Phantasie Nichts Stimulierenderes und Beflügelnderes vorstellen, als die Annahme, dass jeder, der einem auf dem Gehweg entgegenkommt, ein Sadist, ein Seriendieb oder sogar ein Mörder sein könnte.“

 

9            

Die Grundlage für einen Roman ist die Verlorenheit eines Individuums in diesem Jahrhundert, das nicht in dieses Jahrhundert passt, schreibt die Biographin Joan Schenkar über die talentierte Mrs. Highsmith. Für sie hat das Leben keinen Sinn ohne ein Verbrechen. Ihr Schreibmotiv ist nicht die Verliebtheit in Worte, sondern das Tagträumen um Tagträumens willen.  Sie schreibt nachts, denn dann erlahmen ihre nagenden Selbstzweifel. Alle wussten, dass sie Alkoholikerin war. Aber man sah sich verdammt vor, sie darauf anzusprechen, schreibt die Biographin. Pats selbsterklärende Argumente:“ Ein Künstler wird immer trinken.“

 

Sie liebt junge Mädchen und Lesbenbars, schläft ab und zu auch mit Männern,  hat den Drang, ihre Gefühle in einer männlichen Figur zu verkörpern. Sie fühlt sich als lebendiges Beispiel für einen Jungen im Körper eines Mädchens. Sie ist, meint die Autorin, Expertin für sadomasochistische Beziehungen. („Shades of Pat“) Sie schwankt zwischen Alleinsein und Beziehungen, überlegt sich radikale Änderungen zum Männlichen oder Weiblichen hin. Sie lebt den Widerspruch und ist der Widerspruch: „Es gibt nichts, was ich nicht tun würde. Mord, Zerstörung, anstößige Sexpraktiken. Aber ich würde trotzdem meine Bibel lesen.“

 

10           Selbstreflexionen: Ihr Selbstbewusstsein hat eine Lebensdauer von nicht mehr als vierundzwanzig Stunden. In der Beat- und Pop-Ära scheint sie wie aus der Zeit gefallen.  Die Highsmith, eine Frau der Absonderlichkeiten, sie sammelt 300 Schnecken  in Glasterrarien, entwickelt erfinderische Ideen, zum Beispiel eine  Galerie für schlechte Kunst, ein Schwitzthermometer, seltsame Lampenschirme und ein eigenartiges Mordwerkzeug, einen mit Strychnin versetzten Lippenstift. Sie schreib Liebesszenen zwischen sich paarenden Schnecken, lässt Journalisten und Gäste bei sich zuhause hungern statt sie gastlich zu bewirten. Bei den einen weckt sie Hass, bei den anderen tiefe Zuneigung.  

Das Fazit der fleißigen Biographin Joan Schenkar, die Highsmith hatte  Stalker-Neigungen, mit einem Drang zur Geheimniskrämerei. Dabei spielte sie mit falschen Identitäten.  In den Verbrechen, die sie als Schriftstellerin begeht, geht es ihr um das „unbestrafte Davonkommen“.

Am Ende ihres Lebens stellen die Ärzte Karzinome in Lunge und Nebenniere fest. Dioe Highsmith denkt über ihre Grabinschrift nach und meint: “Hier ruht jemand, der seine Chance stets vergab.“

Fazit der Biographin, die ein unglaublich detailliertes, in viele Einzelheiten verzweigtes und manchmal auch sich wiederholendes Lebens-Panorama geschrieben hat: Patricia Highsmith  schrieb fünf oder sechs der verstörendsten Romane des 20. Jahrhunderts. Die Frau mit der Schreibmaschine („Olympia“) philosophiert an einem Sylvestertag über das kommende Jahr, es klingt zugleich wie ihr Testament: Sie spricht einen Toast aus auf die Teufel, Lüste und Leidenschaften, auf die Gier, den Neid, die Liebe und den Hass, sie spricht über seltsame Begierden, reale und geisterhafte Feinde und sie toasted auf die „Armee der Erinnerungen“, mit denen sie kämpft und ihr Fazit lautet dann: Mögen all die genannten Domänen und Kräfte sie niemals ruhen lassen. Ja genauso geschah es...

 

Gesamturteil – Schluss der Fortsetzungsrezension

 

Die aus den Vereinigten Staaten stammende  Schriftstellerin und Dramatikerin Joan Schenkar hat ein voluminöses, detailreiches, präzises und gemein fleißig wirkendes Gesamtwerk vorgelegt, für das sie acht Jahre gearbeitet hat. Auf den fast 900 Seiten beschreibt sie minutiös die verwirrenden Lebensentwicklungen der Patricia Highsmith und verbindet ihre Lebensentscheidungen und Lebensformen mit den Protagonisten ihrer Romane. Dier Biographie  wirkt wie der sezierte Gen-Code der Bestseller-Autorin, die ihr Gesamtwerk dem DIOGNES-Verlag verschrieben hat. Ein umfangreicher dokumentarischer Anhang ergänzt die Biographie-Kapitel, die jedoch nicht chronologisch geordnet sind und insofern den Lesefluss erschweren, zumal die Kapitelüberschriften etwas willkürlich wenig aussagen. („Girls“ in Reihenfolge für die Liebesbeziehungen der Highsmith)

Es ist ein fulminantes, rechercheintensives Werk über Patricia Highsmith entstanden, die ständig auf Reisen ihren Lebensmittelpunkt und ihre  Identität suchte, als Leser ihrer Werke gewinnt man außerordentlich viel Hintergrundverständnis für Patricia Highsmith, die das Morden als Lebensmotto lebte, auf Papier und in ihren Phantasien ausgetobt.

 

ENDE