Sachbücher

 

Neuerscheinungen auf dem Sachbuchmarkt

Phantome des Terrors

Bestens eingeführt durch seine beiden großen Napoleon-Werke („1812 -Napoleons Feldzug in Russland“) und („1815 -Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“) legt der englische Historiker mit polnischen Wurzeln, Adam Zamoyski jetzt den Folgeband vor: „Phantome des Terrors“. Der Untertitel lässt schon seinen liberalen Ansatz erkennen: „Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit 1789 – 1848“. Das wiederum sehr angenehm zu lesende Buch setzt sich aus britischer Perspektive mit der Reaktion in ganz Europa auf die ansteckenden Botschaften der Französischen Revolution auseinander: auf die Verheißungen „Freiheit“, „Verfassung“, „Demokratie“. In seinem Vorwort schreibt Zamoyski, dass er bei tieferem Eindringen in seinen Forschungsgegenstand die Panik der damaligen Regierungen von diesen in gewissem Maße selbst geschürt worden sei: „Mir wurde bewusst, in welchem Umfang der angeblich notwendige Schutz der Ordnung die Einführung neuer Kontroll- und Repressionsmethoden begünstigte.“  

 

Die hierzulande vertraute Reaktion, die mit dem Namen Metternich und den „Karlsbader Beschlüssen“ verbunden wird, fand aber in ganz Europa statt. Erstaunlich, wie stark die Furcht vor dem „Gift“ der Revolution in England noch während der napoleonischen Kriege aber auch danach die seit Jahrhunderten geltenden englischen Freiheiten bedrohte. Die Habeas-Corpus-Akte, die jedermann vor ungesetzlicher Verfolgung durch die Obrigkeit schützte, wurde mehrmals für längere Zeit ausgesetzt. Die inneren Unruhen, die nach Auffassung Zamoyskis nie eine Gefahr für den Bestand des Königreichs darstellten, hatten meist soziale Hintergründe. Die beginnende Industrialisierung vor allem der Textilbranche, Missernten oder auch billige Einfuhren drängten viele Menschen der unteren Schichten in die Rebellion. Aber das waren Arbeitskämpfe und keine Umsturzversuche.

 

Alle Regierungen Europas bauten Repressionssysteme mit Spitzeln, gesetzlosen Verhaftungen, Zensur aller Druckerzeugnisse, Verletzung des Postgeheimnisses selbst bei diplomatischem Briefverkehr. militärischer Unterdrückung von Freiheitsbestrebungen vor allem in Spanien und den italienischen Teilstaaten, aber auch in Polen und dem unter osmanischem Druck ächzenden Griechenland. Die Interessen der europäischen Großmächte wurden dabei unterschiedlich berührt, so dass es Metternich immer schwerer fiel, auf einer Reihe von Konferenzen z.B. in Liubljana (Laibach) und Verona die „Heilige Allianz“ und das auf dem Wiener Kongress hergestellte Einvernehmen zu bewahren. Recht bald schied England aus diesem zu respektlosem Verhalten gegenüber souveränen Staaten neigenden reaktionären Kartell aus, dem vor allem Österreich und Russland ihr großmächtiges Gepräge gaben. Erst in Reaktion auf diese Repression, setzten sich in den Köpfen einer liberal denkenden Minderheit Gedanken wie Freiheit oder Verfassung fest. Die Repression nährte die zunächst nur kümmerlichen revolutionären Neigungen in den Bevölkerungen.

 

Zamoyskis Historiografie zeichnet sich durch ihren beeindruckenden Überblick über die ganze Epoche aus, durch glänzend ausgewählte Anekdoten, die ein zuweilen zum Schmunzeln anregendes Licht auf die Besonderheiten der einzelnen Schauplätze werfen sowie durch schneidende Charakterisierungen der handelnden Persönlichkeiten. Seine sehr britische Perspektive ist ein attraktiver Gegenentwurf zur „kontinentalen“ Beschreibung der Epoche. Neuere deutschsprachige Literatur berücksichtigt Zamoyski kaum. Der Geist seines Geschichtswerks atmet aber eine gewisse Aktualität: „Ich fühlte mich an jüngere Beispiele erinnert, in denen es den jeweiligen Machthabern opportun erschien, Angst in der Bevölkerung zu schüren – vor Kapitalisten, Bolschewisten, Juden, Faschisten oder Islamisten – und durch Maßnahmen, die die Bürger vor einer unterstellten Bedrohung schützen sollten, die individuelle Freiheit zu beschneiden.“ Auch damals schon war solchen Maßnahmen bis zu einem gewissen Punkt der Beifall der Menge sicher. Zamoyski verzichtet darauf, auf Parallelen von damaligen zu aktuellen Erscheinungen mit dem belehrenden Zeigefinger zu zeigen. Es schien ihm „für den Leser reizvoller, ihre eigenen Parallelen zu ziehen“.

 

Harald Loch

 

Adam Zamoyski: Phantome des Terrors

Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit  1789 – 1848

Aus dem Englischen von Andreas Nohl

C.H.Beck, München 2016   618 Seiten   29,95 Euro

Der "weibliche"  Iran 

 

Iran ist eine spielentscheidende Mittelmacht im Mittleren Osten. Das Land hat über 80 Millionen Einwohner, ist mehr als dreimal so groß wie die Bundesrepublik, verfügt über reiche Öl- und Gasvorkommen und die mit Abstand „modernste“ Bevölkerung in middle east. Deshalb lohnt es sich, mehr über das Land und die Menschen dort zu erfahren, seine Geschichte nachzuvollziehen und seine Stigmatisierung aufzulösen. Es gibt keinen besseren Weg zu einem guten Verständnis des Landes als das Buch der weitgereisten Charlotte Wiedemann: „Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten“. Dieser Schatten ist zu einem Teil von den westlichen Beobachtern selbst verursacht. Seit dem Sturz des Schahs und der iranischen Revolution, seit der Installation der Theokratie unter Ayatolla Khomeini hatte sich die Aufmerksamkeit Amerikas und der Europäer ausschließlich auf die schlimmen Nachrichten aus Iran gerichtet. Während des Iran-Irak-Kriegs von 1980 bis 1988 unterstützten die USA ihren späteren Feind Saddam Hussein und den Irak nicht nur logistisch. Sie und europäische Partner lieferten auch die Komponenten für das vom Irak gegen Iran verwendet Senfgas. Fast 100.000 Opfer dieses völkerrechtswidrigen Einsatzes von Kampfgas waren zu beklagen. Die Spätfolgen bei vielen Verletzten werden immer noch behandelt. Iran blieb in diesem Kampf ohne Verbündete, seine Anrufung des UN-Sicherheitsrats blieb immer ohne Erfolg.

 

Der Vorhang, den die Revolution und der Krieg vor die innere Entwicklung Irans zog, verdeckt eine rasante innere Entwicklung des Landes, in der 60% eines Jahrgangs eine Hochschule besuchen und davon mehr als die Hälfte Frauen sind. Charlotte Wiedemann hat Iran im Laufe der Jahre mehrmals besucht, hat Reportagen für Zeitschriften gefertigt und jetzt ein sehr informatives Buch vorgelegt. Es besteht aus der Wiedergabe persönlicher Gespräche über Religion und moderne Technik, über das Bildungswesen und den unübersichtlichen Staatsaufbau, über die Verschleierung von Frauen und die erstaunliche staatliche Hilfe beim Erhalt der Synagogen für die jüdische Minderheit.

 

Die Autorin erzählt die Geschichte mit den kolonialistischen und strategischen Besetzungen durch Großbritannien und Russland bzw. die Sowjetunion, den von der CIA herbeigeführte Sturz des ersten frei gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh im Dienste der britischen Öl-Interessen im Jahre 1953, die Diktaturen des Schahs und der Theokraten unter Khomeini in einem leicht lesbaren, immer wieder von persönlichem Erleben getragenen, lebendigen Stil. Das Buch strahlt einen von der Empathie seiner Autorin für das Land getragenen Optimismus aus – vielleicht den einzigen, den die diese so unsichere Region überhaupt erlaubt.

 

Harald Loch

 

Charlotte Wiedemann; Der neue Iran  -  Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten

dtv, München 2017  288 Seiten, farbiger Bildteil  22 Euro

Die USA treten in den I.Weltkrieg ein

Manfred Berg: Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt. Eine Biographie

 

Im Jahr 1917 veränderte sich die Welt nachhaltig. Das spektakulärste Ereignis war die Oktoberrevolution in Russland, deren Ergebnisse – die Sowjetunion – das 20. Jahrhundert nicht überlebten. Als dauerhafter erwies sich der Eintritt der USA in die Weltpolitik, als das wirtschaftlich erstarkte Land seinen Isolationismus aufgab und auf Seiten der Alliierten in den Ersten Weltkrieg eintrat. Zwar fiel es zwischen den Weltkriegen noch einmal in seinen außenpolitischen Autismus zurück, aber der Grundstein zu der Vision von einer von den USA dominierten internationalen Ordnung, verbunden mit einem Messianismus für Demokratie, Kapitalismus, freiem Handel und kollektiver Sicherheit wurde vor 100 Jahren gelegt.

 

Die Schlüsselfigur für diese Entwicklung war Woodrow Wilson, der 28. Präsident der USA. Manfred Berg hat die erste deutschsprachige Biographie über diesen bis heute umstrittenen Präsidenten geschrieben. Berg ist an der Universität Heidelberg Professor für Amerikanische Geschichte.

 

Im Zentrum dieser politischen Lebenserzählung stehen der Schwenk von der anfangs eingenommenen Neutralitätspolitik und den Friedensbemühungen Wilsons zu dem Kriegseintritt „Mit aller Macht“, seine 14 Punkte zur Beendigung des Krieges und seine Rolle auf der Pariser Friedenskonferenz. Im Mittelpunkt der visionären Vorstellungen Wilsons stand die Einrichtung eines Völkerbundes zur Verhinderung weiterer Kriege. Im eigenen Land scheiterte der Präsident mit diesem Kernstück seiner Politik an dem ablehnenden Votum im amerikanischen Senat. Der Sohn eines presbyterianischen Pfarrers und einer ebenfalls auf einer Pfarrersfamilie stammenden Mutter empfand seine politische Mission gleichsam als moralischen Auftrag: „Wilson gebärde sich wie Jesus Christus, beschwerte sich Georges Clemenceau, sein französischer Verhandlungspartner auf der Pariser Friedenskonferenz einmal bei einem Vertrauten Wilsons. Aber der Allmächtige habe der Menschheit lediglich zehn Gebote auferlegt, während es Wilson nicht unter vierzehn tue.“ Mit solchen Anekdoten würzt der Biograph seine Lebens- und Epochenbeschreibung, die strengen historischen Ansprüchen genügt. Das Leben dieses Präsidenten und die dramatischen Ereignisse um den von den Deutschen als Diktatfrieden empfundenen Versailler Vertrag und den Kampf um den Völkerbund auf gut 200 Seiten darzustellen, ist ein Kunststück komprimierter Geschichtsschreibung. Dabei lässt Berg kontroverse Stimmen von Zeitgenossen und anderen Historikern im O-Ton zu Wort kommen und erzielt auf diese Weise einen lebendigen Eindruck von der zwiespältig beurteilten Rolle Wilsons.

 

Dessen innenpolitisches Wirken hinterlässt ebenfalls einen ambivalenten Eindruck: er sorgte einerseits für eine erste Kartellgesetzgebung, für die Gründung der Federal Reserve Bank, er setzte sich für das Wahlrecht von Frauen ein und bereitete manchen progressiven Veränderungen den Weg. Andererseits war er als Südstaaten-Repräsentant ein uneinsichtiger Rassist, der Afroamerikanern keinerlei Gleichberechtigung zuerkannte. In seiner Persönlichkeitsstruktur verbanden sich eine gewisse Sturheit und Beratungsresistenz mit dem unerschütterlichen Glauben ein die Richtigkeit seiner moralischen und religiösen Mission. Diese Eigenschaften verstärkten sich gegen Ende seiner Präsidentschaft unter dem Einfluss mehrerer Schlaganfälle ins Irrationale. Der Autor vermittelt am Schluss seiner Biographie einen interessanten Überblick über die Urteile der Nachwelt und die Wirkungsgeschichte Wilsons bis in die unmittelbare Gegenwart der USA: „Mit der Wahl des Republikaners Donald J. Trump ist ein Präsident in das Weiße Haus eingezogen, der einen neoisolationistischen und protektionistischen Nationalismus vertritt und damit historisch eher an Wilsons unversöhnliche Gegner im Kampf um den Völkerbund anschließt.“

 

Harald Loch

 

Manfred Berg: Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt. Eine Biographie

C.H.Beck Paperback. Originalausgabe 227 Seiten 16,95 Euro

 

Kriegserben

Robert Gerwarth:  Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges

 

Als ob der Erste Weltkrieg nicht schon zu viele Opfer gekostet hätte! In den Jahren von 1918 bis 1923 forderten die zahlreichen gewaltsamen Konflikte, Bürgerkriege, Umstürze, Vertreibungen und Pogrome weitere Millionen Opfer. Der 1976 in Berlin geborene, heute am University College in Dublin lehrende Robert Gerwarth hat „Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges“ in seinem soeben in deutscher Übersetzung erschienen Werk „Die Besiegten“ untersucht.

 

Er erblickt darin wesentliche Ursachen für die Fortsetzung der Gewalt im Zweiten Weltkrieg. Der allgemeine Tenor führt die späteren Gewaltexplosionen auf die ungeheure Brutalisierung während der Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs zurück. Gerwarth fügt die in weiten Teilen Europas und Asiens nach dem Ende des Krieges fortgesetzten gewaltsamen Auseinandersetzungen als weitere Ursache hinzu. Die mörderische Idee von ethnisch „reinrassigen“ Nationalstaaten entstand entgegen den Vorgaben des amerikanischen Präsidenten Wilson in dessen 14 Punkten zur Beendigung des „Großen Krieges“. Diese Auseinandersetzungen zerstörten demokratische Ansätze in Mitteleuropa und in den neuen Staaten, die auf den Territorien der zerfallenen kontinentalen Großreiche entstanden. In diesen Kämpfen übten spätere Gewaltverbrecher in Mord und  Totschlag ein. Hier gediehen Nationalismus, Rassismus, religiöser Hass, Antisemitismus und Klassenhass zu militanten Ideologien.

 

Gerwarth untersucht die Entwicklungen bei den Besiegten des Ersten Weltkrieges. Die weitgehend bekannten Ereignisse in den ersten Jahren der Weimarer Republik fasst er gekonnt zusammen. Ebenso die ersten Jahre der nach der Oktoberrevolution entstandenen Sowjetunion, die sich innerer wie äußerer Feinde erwehren musste und dabei selbst Opfer und Täter brutalster Auseinandersetzungen wurde. Diese fanden im Innern wie an der Peripherie des auseinandergefallenen Zarenreiches mit brutaler Intensität statt: in Polen, in der Ukraine, im Baltikum und im Kaukasus.

 

Die Lage in den Zerfallsprodukten der Habsburger Doppelmonarchie war genauso verheerend. Die frühe Faschisierung in Ungarn, die Versagung der Gleichberechtigung der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei, die beginnenden Auseinandersetzungen im gerade entstehenden Jugoslawien, die Entwicklung im völlig demoralisierten Österreich – überall Gewalt. Im Innern dieser Staaten und auch mit Nachbarländern gab es regelrechte Grenzkriege. Fast immer ging es um ethnische Fragen, die gewaltsam gelöst werden sollten. Das besiegte Bulgarien verlor große Gebiete und Bevölkerungsteile und erlebte im Innern wie mit seinen Nachbarn verheerende Kämpfe.

 

Völlig zu Recht rechnet Gerwarth nicht r die eigentlichen Besiegten sondern auch die in den Friedensverträgen zu kurz gekommenen Sieger zu den Ländern, die gewaltsam zu korrigieren versuchten, was ihnen vielleicht versprochen, dann aber vorenthalten wurde: Italien konnte sich an der Adria nicht wunschgemäß ausdehnen, weil die Ostküste dort inzwischen Jugoslawien beanspruchte. Demokratische Regierungen in Italien mussten sich für das „magere“ Ergebnis in den Pariser Friedensabkommen rechtfertigen. Der Kriegseintritt auf Seiten der Entente hatte Italien mehr Kriegstote abverlangt als Großbritannien. Die Frage „wofür“ diese Opfer gebracht wurden, beantworteten die aufgewiegelten Massen nicht mit Pazifismus sondern mit dem Sieg Mussolinis. Griechenland war der Zugriff auf die türkische Ägäis-Küste zugesagt worden, und nach Kriegsende ermunterte der britische Premier Lloyd George Griechenland zum Angriff.

 

Der Invasion folgten unglaublich brutale Verbrechen an den muslimischen Osmanen, die sich, als sie die Oberhand gewannen, dafür revanchierten. Das blamable Ende mit dem Sieg der Türken unter Atatürks Führung wurde mit dem verheerenden Abkommen von Lausanne 1923 besiegelt, das den zwangsweisen Bevölkerungsaustausch von über einer Million Griechen von der türkischen Westküste und 400 000 Türken aus der Gegend um Saloniki zu Folge hatte. Das Völkerrecht sanktionierte die Vertreibung statt den Schutz der Minderheiten! In Asien fühlte sich Japan um seinen Anteil am Sieg betrogen. Auf eigene Faust expandierte es in der Mandschurei und griff bald China an. Vor allem aber verschmerzte es nicht die mangelnde völkerrechtliche Anerkennung als gleichberechtigtes „nicht-weißes“ Volk. Am nachhaltigsten, bis heute wirkten die Fehlentscheidungen gegenüber den arabischen Trümmern des Osmanischen Reiches: es entstanden Irak, Syrien, Libanon, Palästina mit ungeklärten Rechten jüdischer Einwanderer – alles Länder, denen die volle Souveränität vorenthalten wurde und die unter Mandatsverwaltung Frankreichs oder Englands gestellt wurden.

Die zusammenfassende, spannend geschriebene Darstellung dieser gewaltträchtigen Nachkriegsepoche untermauert in vielen Details und im Epochenblick die These des Autors, dass hier wesentliche Ursachen der späteren, noch größeren Katastrophen liegen.

 

Harald Loch

 

Robert Gerwarth:  Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges

Aus dem Englischen von Alexander Weber

Siedler, München 2017   479 Seiten   29,99 Euro

 

INTERVIEW

Frieden schließen wird immer schwieriger

 

 

Frage: Herr Gerwarth, Sie sind Gründungsdirektor der Zentrums  für Kriegsstudien am University College in Dublin. In Ihrem Buch „Die Besiegten“ behandeln Sie die missglückten Friedensschlüsse nach dem Ersten Weltkrieg. Warum konnten Versailles & Co. nicht an den Wiener Kongress anschließen, der hundert Jahre zuvor doch für längere Zeit Frieden in Europa schuf?

 

Gerwarth: In den napoleonischen Kriegen nahm zwar zum ersten Mal ein Volksheer an den Kämpfen teil. Aber auf Seiten der Sieger waren es die bis dahin klassischen  stehenden Heere, die von den Kabinetten in den Krieg geschickt wurden. Herrscher und ihre Regierungen erklärten Kriege und schlossen Frieden über die Köpfe der Menschen hinweg. Im Ersten Weltkrieg dagegen kämpften nationalistisch aufgewühlte Völker gegeneinander. Angesichts der enormen Opfer waren die Friedensbedingungen von 1919 in erster Linie an die Bevölkerungen der Siegermächte gerichtet. Die wollten „Wiedergutmachung“ der enormen Schäden und Genugtuung für den Blutzoll.

 

Frage: Die Regierungen der Sieger wollten vor ihre Bevölkerungen treten können, wollten wiedergewählt werden. Hinderte deren demokratische Verfassung einen klügeren Frieden?

 

Gerwarth: Das kann man so sehen und das gilt natürlich für alle späteren Kriege und ihre Friedensschlüsse auch. Es ist viel schwerer geworden, einen guten Frieden zu schließen, wenn man vorher die Völker für die Opfer aufpeitschend und nationalistisch motiviert hatte.

Aber nehmen wir Versailles! Nur in der deutschen Binnensicht war das „Diktat“ besonders streng. Vergleicht man es mit den Russland von Deutschland 1917 im Frieden von Brest-Litowski auferlegten territorialen Abtrennungen, vergleicht man es mit der völligen Zerschlagung Österreich-Ungarns im Frieden von Trianon oder mit der Atomisierung des Osmanischen Reiches im Frieden von Sèvres, war Versailles noch die mildere Variante. Vor allem Lloyd George als britischer Premier verhinderte die von Frankreich angestrebte Zerstückelung Deutschlands.

 

Frage: Warum wurde Versailles in Deutschland so negativ aufgenommen?

 

Gerwarth: Das lag einerseits an der noch kurz vor Kriegsende von der Obersten Heeresleitung geschürten Siegeshoffnung. Und die territorialen Verluste vor allem im Osten, die Höhe der Reparationen, die Zuweisung der alleinigen Schuld am Krieg, die teilweise überzogene Behauptung von Kriegsverbrechen und vor allem die Tatsache, dass Deutschland an den Friedensverhandlungen gar nicht beteiligt war – anders als Frankreich am Wiener Kongress, auf dem Taillerand eine herausragende Rolle spielte – das alles war ein brisantes Gemisch. Hinzu kam, dass von den 14 Punkten Wilsons, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker betont hatten, keine Rede mehr war. Das waren aber die Erwartungen in Deutschland, als der Krieg endlich vorüber war.

 

Frage: Nicht nur bei den Besiegten folgten Bürgerkriege, Revolutionen, Aufstände aus den missglückten Friedensverträgen. Auch einige der Sieger fühlten sich zu kurz gekommen. Italien und Japan z.B. Wie kam es dazu?

 

Gerwarth: Italien waren größere Gebietsgewinne an der Adria in Aussicht gestellt worden, die dann wegen des neuen Staates Jugoslawien nicht realisiert wurden. Japan fühlte sich als „farbige“ Rasse vom neu gegründeten Völkerbund diskriminiert. Fast folgerichtig bildeten sie später mit dem Hitlerreich ein Kriegsbündnis gegen die westlichen Demokratien und gegen „den Bolschewismus“.

 

Frage: Am Schlimmsten bewerten Sie den Vertrag von Lausanne, mit dem 1923 der Krieg zwischen der neuen Türkei und Griechenland beendet wurde. Was war daran so verheerend?

 

Gerwarth: Nicht der Frieden an sich, der den von Griechenland entfesselten opferreichen Krieg beendete war schlimm. Aber die Vereinbarung des millionenfachen Bevölkerungsaustauschs in der Ägäis, der Wechsel von der über Jahrhunderte bewährten Bevölkerungsmischung in den großen Staaten zu einer „ethnisch gesäuberten“ Nation machte Schule und führte von diesem Zeitpunkt an zu rassistischen und nationalistischen, auch religiös einheitlichen Nationalstaaten, zu Vertreibungen, neuen Kriegen, Pogromen. Der Zerfallsprozess in Jugoslawien, viele postkoloniale Auseinandersetzungen in Asien und Afrika, ganz aktuell die Situation in der Ukraine – alles sind Folgen des Paradigmenwechsels von 1923.

 

Frage: Die Zerschlagung des Osmanischen Reiches beurteilen Sie besonders kritisch.

 

Gerwarth: Auf den Trümmern des Osmanischen Reiches liegen heute Länder wie Syrien, Irak, Jordanien, Israel. Den arabischen Bevölkerungen hatten die westlichen Alliierten Souveränität gegen Hilfe im Kampf gegen die mit Deutschland verbündete Türkei versprochen. Aus Egoismus lösten sie die Versprechen nicht ein. Den Juden war ein eigenes Land an historischer Stätte versprochen worden – nichts davon wurde eingehalten. Der Frieden mit dem Osmanischen Reich hinterließ eine chaotische Landschaft, die bis heute nicht zu Ruhe gekommen ist – im Gegenteil, sie ist explosiv wie nie zuvor.

Frieden schließen muss man aus den verheerenden Folgen der Friedensschlüsse im 20. Jahrhundert lernen. Dazu muss man die Bevölkerungen vorbereiten. Besser noch – wenn es schon so schwer geworden ist, einen guten Frieden zu schließen – man fängt keinen Krieg erst an ...

 

... sagt der Direktor des Dubliner Zentrums für Kriegsforschung Robert Gerwarth, dem wir für dieses Gespräch herzlich danken.

 

 

Das Gespräch wurde am 15. Februar 2017 in Berlin geführt. Die Fragen stelle Harald Loch

Reportagen


 Lafcadio Hearn: Vom Lasterleben am Kai   Sperrfrist 16. Februar!
Mutter Griechin, Vater Ire – beide verließen ihren Sohn Lafcadio Hearn (1850 – 1904) in dessen Kindesalter in Dublin. Er wuchs, von einer Tante halbherzig unterstützt, in England heran und wurde als Neunzehnjähriger mit einem Ticket nach Cincinnati (Ohio) über den Atlantik abgeschoben. Dort lernte er als Drucker und Schriftsetzer und entwickelte sich zum Zeitungsreporter und Schriftsteller. Aus seinem reichhaltigen Werk sind jetzt einige Große Reportagen unter dem Titel „Vom Lasterleben am Kai“ in der bibliophilen Reihe textura bei C.H.Beck erschienen. Johann Christoph Maass hat sie aus dem Englischen so unangestrengt übersetzt, dass ihre literarische Qualität bezaubert.
Im Cincinnati Commercial erschien 1876 die Titelgeschichte dieser Auswahl. In ihr durchmisst Hearn das Hafengelände am mächtigen Ohio, einem Nebenfluss des noch mächtigeren Mississippi. Die Schauerleute, ihre Herbergen und Kneipen, die Dirnen und sonstigen „Streuner“, wie sie die Herausgeberin dieses hübschen Buches nennt, alle diese Personen und Orte eines wirklichen Lasterlebens neben der anstrengenden Arbeit finden die Aufmerksamkeit und genaue Beobachtung des Reporters. Wer so genau hinsieht und sich nicht über das „Laster“ erhebt, entdeckt begeistert am Kai eine eigene Poesie, die das Elend der Menschen in ihren Schlupfwinkeln und ohne Zu Hause nicht verschweigt. Im selben Jahr erscheint „Aufgeknüpft“ – der empörende Bericht über eine stümperhaft ausgeführte Hinrichtung durch einen gerissenen Strang. Der Reporter benennt die ruchlose Tat des zum Tode Verurteilten, geißelt aber die würdelosen Umstände seiner öffentlichen Hinrichtung.
Ein Jahr später übersiedelt Hearn nach New Orleans. Hier betrieb er für kurze Zeit ein 5-Cent-Restaurant und schrieb später ein Kochbuch über die „Cuisine Créole“. Ein frecher Text „Rezept für Sauce Tartare“ belegt seinen Sinn für sarkastischen Humor. Inzwischen schrieb er nicht nur für lokale Blätter, sondern auch für die in New York ansässige politische Zeitschrift Harper‘s Weekly. Für dieses Magazin berichtet er über das an der karibischen Küste abgelegene Dorf „Saint Malo“, in dem philippinische Fischer wie in einem eigenen Biotop leben. Die zimtfarbenen Männer stellt er einzeln vor, beobachtet sie beim Kartenspielen, erzählt von ihren Mythen und dem exotischen Leben in einem aus der Welt gefallenen Dorf. Im Jahr 1885 schreibt Hearn für Harper‘s Weekly eine Reportage vom Tag vor der Eröffnung der Weltausstellung von New Orleans, an dem er den im Aufbau befindlichen japanischen Pavillon besucht – ein erster Anhaltspunkt für seine spätere letzte Heimat Japan.
Vorher aber zieht er für zwei Jahre nach Saint Pierre auf Martinique, der französischen Karibikinsel. Hier entstehen die beiden wunderschönen Texte „Meine Bonne“ und „Die Wäscherinnen“, deren Arbeit und deren Haltung er ein liebevolles Denkmal setzt. Die Schönheiten und die Gezeichneten stehen bis zu 13 Stunden im eisigen Wasser des Flusses, lassen sich von der gnadenlosen Sonne versengen und müssen ständig auf der Hut vor tropischen Sturzbächen sein. Sie sind alle Konkurrentinnen und sind alle miteinander solidarisch. Im Auftrag von Harper’s Weekly fährt er 1890 nach Japan und bleibt, fasziniert von der gerade noch wahrzunehmenden alten Kultur, dort bis an sein Lebensende. Er heiratet eine Japanerin und hat mit ihr vier Kinder. Hier entsteht die überwältigende Landschaftsreportage „Von Hōki nach Oki“, die in einer Essaysammlung des Autors erschien.


Das einfühlsame und biografisch erhellende Nachwort der in Vietnam geborenen Herausgeberin Monique Truong ergänzt das schöne Buch. Es gibt immer wieder Entdeckungen! Die Großen Reportagen in diesem Band sind z.T. erstmals ins Deutsche übertragen worden. Sie sind eine literarische Kostbarkeit. Der über drei Kontinente gewanderte Autor war beileibe kein Globetrotter sondern ein genauer Beobachter von Natur und Mensch, denen er sich liebevoll verbunden fühlte.


Harald Loch


Lafcadio Hearn: Vom Lasterleben am Kai. Große Reportagen
Aus dem Englischen von Johann Christoph Maass
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Monique Truong
C.H.Beck textura, München 2017   236 Seiten   16,95 Euro

 

 

Wellengang und Gedankenorkane

Titel Gunter Scholtz Philosophie des Meeres 

 

Inhalt 281 Seiten „Kreuzfahrt“ durch das Meer menschlichen Denkens über die Meere und das Meer an sich

 

Autor Gunter Scholtz, geboren 1941, war bis zur Pensionierung Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Publikationen gelten der Theorie der Geisteswissenschaften sowie der Geschichts-, Religions- und Kunstphilosophie. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Begriffsgeschichte. Er lebt in Bochum. 

 

Lesart anspruchsvoll, aber verständlich, philosophische Grundkenntnisse nicht erforderlich aber hilfreich

 

Cover dunkles meeresgrün als Einband, 288 Seiten, gebunden, Leineneinband mit Lesebändchen, Meereswellen, Wellenkamm als Zeichnung, Einleitungskapitel, 7 Einzelkapitel, , abschließend kurzer Reiserückblick Anhang mit Anmerkungen und Register

 

Gestaltung Schrift Minion pro, keine Fotos oder Zeichnungen

 

Zitat „Die Wiege der Philosophie stand am Meer und ihr Grundprinzip war das Wasser“.

 

Meinung Das Buch versteht sich als „allgemein“ philosophisches Buch, nicht als naturphilosophisches und orientiert sich an der einzigen Leitfrage nach dem Verhältnis des philosophischen Denkens zum Meer. Wobei das Denkens der Menschen von der Perspektive des Landbewohners geprägt ist.

 

Die „Gedankenreise“ des Autors ermöglicht es „kühner zu kreuzen“  zwischen entfernten Positionen.

 

Thales war der erste Meeres-Philosoph, für den die Landmasse auf dem Wasser schwamm , der tragende Grund,  und das Meer war zugleich der Ursprungsort des Lebens, Quellgrund, aus dem die Dinge hervorgehen. Heraklit dachte, alles ist im Fluss. Panta rhei, alles fließt.

Philosophen wie Grotius entwickeln die Idee, dass das Meer nur Gemeineigentum sein kann, niemand darf Besitzrechte geltend machen. Man solle Ehrfurcht vor der Größe und Schönheit des Meeres haben. Das Meer fördert kosmopolitisches Denken, es verbindet die Völker.

 

Kant fordert ein verbindliches Völkerrecht für die Nutzung des freien Meeres. Herder hofft auf die sich ausbreitende Moral und Hegel vertraut auf die sich ausbreitende Vernünftigkeit der Verhältnisse.

Für Jaspers ist das Meer Gleichnis von Freiheit und Transzendenz. Und Camus philosophiert: “Ich wuchs im Meer auf“. Ein Buch, das einen weiten Wellenbogen schlägt– wie Ebbe und Flut – von immer wiederkehrenden Gedankenflügen der Menschen über das Meer. Tiefgründig erkennend, die Fundamente der Philosophie suchend und die dazu passenden Gedankenstürme.

 

Leser Landratten und Ozeanfans, Schwimmer und Nichtschwimmer

 

Multimedia http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/gunter-scholtz100.html

 

Verlag: mare

 

Pressestimmen: … „mehr als lehrreiche Reise zu den Denkern einer „Philosophie des Meeres“. Frankfurter Rundschau online

 

Hitlers erster Feind

Konrad Heiden hatte seit den Münchener Anfängen der Nazis für die liberale Frankfurter Zeitung geschrieben. Er hat Ende 1932 ein Buch über die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland verfasst und 1936, schon im Exil in den USA, die erste Biografie über Adolf Hitler. Sie ist damals im Zürcher Europa-Verlag erschienen und vor einigen Jahren  neu aufgelegt worden. Die Zeitgenossen Heidens lernten leider nicht aus dem, was Heiden begriffen hatte: Das Faszinierende an Hitler war nicht er selbst sondern sein Publikum. Oft ist inzwischen das angebliche „Charisma“ Hitlers als Ursache für seine Wirkung genannt worden, seine mörderische Demagogie, seine rhetorische Durchtriebenheit. Man kann sich das heute kaum vorstellen, wenn man ex post, also vom katastrophalen Ergebnis her zurückdenkt. Heiden hat diese Wirkung auf die Zuhörer damals erlebbar gemacht, die Leser seiner Artikel hätten in die Zukunft blicken können. Heiden war in einem sozialdemokratischen Milieu aufgewachsen. Seine Mutter Lina Deutschmann war Jüdin und hatte in der Kindheit Heidens engen Kontakt zu Frankfurter feministischen Kreisen, war dort mit der Frauenrechtlerin und Sozialdemokratin Henriette Fürth befreundet. Hitler erkannte in Heiden seinen größten publizistischen Feind, der ihn und sein Publikum durchschaut hatte.

Stefan Aust war von der Lektüre der Hitler-Biografie Heidens so beeindruckt, dass er in mehr als fünfjähriger Arbeit dessen Leben so gut es ging rekonstruieren und nachzeichnen wollte. Entstanden ist ein Meisterwerk empathischer Biografie. Aust lässt Heiden so oft zu Wort kommen, dass ein lebendiges Bild seines journalistischen Wirkens entstanden ist. Er verbindet die O-Töne aus den 1920er und 1930er Jahren mit eigenen Worten, die die sarkastische, warnende Intonation des Originals nachempfinden. So ist ein Werk aus einem Guss entstanden, das mehr zum Verständnis des Aufstiegs und der verführerischen Faszination Hitlers auf das deutsche Volk beiträgt als manche geschichtswissenschaftliche Veröffentlichung. Im Gespräch betont Stefan Aust, wie sehr er sich in die journalistische Arbeitsweise und den sarkastischen Stil Heidens vertieft hat. Aust war jahrelang Chefredakteur des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL, produzierte mit Spiegel TV zahlreiche Filme zum Nationalsozialismus, leitete den Nachrichtensender N24 und ist heute Herausgeber der Zeitung DIE WELT. Er ist ein mit allen Wassern gewaschener Journalist und Publizist. In dieser Biografie über Konrad Heiden nimmt er sich selbst zurück und stellt sich voll in den Dienst dessen, der wie ein Orakel über alles schrieb, was Hitler noch anstellen sollte. Dabei bezog sich Heiden auf Quellen, die jedermann zugänglich waren. Selbst die industrielle Methoden der Judenvernichtung nahm Heiden lange vor der „Endlösung“ visionär vorweg: “Die Nazis werden durch ein Druck auf den Knopf die Juden mit Gas ermorden“, hatte er um die Zeit geschrieben, als die Welt in Berlin zu Gast bei den Olympischen Spielen war. Er selbst schrieb später:“ „Ich habe Hitler in den Jahren seines Aufstiegs viele Dutzend Male aus nächster Nähe zugehört, ihn auch gelegentlich im privaten Zirkel aus geringer Entfernung beobachten können. Aber wenn dabei für mein damaliges Gefühl etwas Faszinierendes war, so war es das Publikum. Die Reden selbst: Alles Unsinn, alles gelogen, und zwar dumm gelogen, alles so lächerlich, dass jeder, so meinte ich, das doch sofort einsehen müsse. Stattdessen saßen die Zuhörer wie gebannt, und manchem stand eine Seligkeit auf dem Gesicht geschrieben, die mit dem Inhalt der Rede nichts mehr zu tun hatte, sondern das tiefe Wohlbehagen einer durch und durch umgewühlten und geschüttelten Seele widerspiegelte. Mein jugendliches Urteil über Hitler hat das nicht erschüttert; wohl aber begann ich, bestürzt, etwas über Menschen zu lernen.“

Wir verdanken der Biografie des Journalisten Aust über seinen 1901 geborenen und 1966 verstorbenen Kollegen einen authentischen Eindruck der Zeit des Aufstiegs von Hitler, seiner Demagogie und der immer aggressiver werdenden Opferhaltung seines Publikums, das diesen Aufstieg ermöglichte. Das Buch ersetzt viele Hitler-Biografien und ist angesichts des grassierenden Rechts-Populismus von herausragender aktueller Bedeutung.

 

Harald Loch

 

Stefan Aust: Hitlers erster Feind. Der Kampf des Konrad Heiden

Rowohlt, 2016    384 Seiten   22,95 Euro

 

 

Der Erzählinstinkt

Jeder Mensch erzählt, jeder hat einen Erzählinstinkt, Mann und Frau und Völker auch. Unser Gedächtnis, unsere Ziele, Wünsche, ja das ganze Leben organisieren wir auf erzählende Art und Weise. Wir folgen unserem narrativen Instinkt, entwickeln eine Lebensstory. Gerade im Internet hat Erzählung ja gerade eine Hochkonjunktur. 
Erzählen – so der Autor – ist die wichtigste Form unseres Denkens. Wir leben einer Story hinterher. Schon als Kleinkind lernt der Mensch, wie man eine Geschichte erzählt. Trotz neuer Medien, Menschen lesen Romane aus purem Vergnügen. Und Erzählen hält die Gruppe zusammen, hat Bindewirkung. Lesen schult Verständnis, ermöglicht die Perspektive sich in den anderen hineinzuversetzen: „Romanlesen ist wie fliegen im Simulator“. Lesen ermöglicht soziale Beziehungen und weckt Verständnis für dieselben. Mitmenschen können sicherer beurteilt werden.

 
Dabei empfinden wir ein „Grundbedürfnis“ „poetischer Gerechtigkeit“. Das Gute muss siegen. Im Film wie im Roman: „Ende gut – alles gut“. 
Über die Welt ist aber nur zu berichten, indem man weglässt, ausblendet. Erzählungen steuern dabei die Aufmerksamkeit des Empfängers. Erzählungen müssen jedoch in sich schlüssig sein. Die Sätze beziehen sich als einzelne Elemente aufeinander und schaffen so ein Gesamtverständnis. Ändert man aber die Reihenfolge, wird das Gesamtbild die Schlüssigkeit zerstört. 
Geschichten bestehen aus Erzähl-Schemata, vor dem Hintergrund gemeinsamer kultureller Muster, die gemeinsames Verstehen ermöglichen. 

 

Drei Wahrheiten liegen zugrunde; das empirisch Vorfindbare, also die uns umgebende Realität. Die zweite Wahrheit ist die, auf die sich alle geeinigt haben, und die dritte ist die persönliche bzw. gesellschaftliche Relevanz, zum Beispiel verbrennen wir fossile Brennstoffe weiter, obwohl wir wissen, dass sie zum Klimawandel beitragen. 
Am Beispiel Europas verdeutlicht der Autor seine Erzählanalyse. Es fehlt eine identitätsstiftende europäische Erzählung – oder sind wir nur blind für sie, wie Werner Siefer abschließend fragt, doch Krisen seien eben Brutstätten für neue Narrative. 

Ein kluges, außergewöhnliches, anspruchsvolles Buch, das an vielen Beispielen den „Erzählinstinkt“ nachvollziehbar „erzählt“.

 

Werner Siefer Der Erzählinstinkt. Warum das Gehirn in Geschichten denkt.“ CARL HANSER VERLAG

 

Werner Siefer, Jahrgang 1964, ein Autor und Wissenschaftsjournalist, studierte in Regensburg und München Philosophie und Biologie. Sein Spezialgebiet ist die Hirnforschung. 


Link www.wernersiefer.de

Joseph Stiglitz: Europa spart sich kaputt

 

Die Ohrfeige für den Euro sitzt! Joseph Stiglitz, Träger des Nobelpreises für Wirtschaft von 2001 und Wirtschaftswissenschaftler an der Columbia University rechnet mit der von ihm behaupteten Fehlkonstruktion des Euro, mit der gefesselten Europäischen Zentralbank und mit der Politik der Bundesregierung ab. In Deutschland würde man Stiglitz wohl einen Sozialdemokraten nennen. In der Volkswirtschaftslehre ist er ein Keynesianer. Er misstraut der Weisheit der Märkte und fordert stärkere, angemessene Regulierungen. Auf marktfundamentalistischen Annahmen sei die europäische Gemeinschaftswährung gegründet worden, obwohl die große Unterschiedlichkeit der beteiligten Länder zusätzlich wirksame institutionelle politische Instrumente erfordert hätte. Diese seien aus ideologischen, „neoliberalen“ Gründen bewusst nicht geschaffen worden. Mit ihnen hätten die Unterschiede der nationalen Volkswirtschaften der beteiligen Länder in der Euro-Zone berücksichtigt werden können. Die Kräfte des Marktes, auf die die Gründer des Euro vertraut hätten, konnten diese Aufgabe nie erfüllen.

 

Wenn sich Staaten zu einer Währungsunion zusammenschließen, also ihre Währung an eine andere, gemeinschaftliche binden, begeben sie sich der souveränen Entscheidung über den Außenwert ihres Geldes. Sie können ihre Währung nicht mehr abwerten, um ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht wieder herzustellen, wenn es in Schieflage gerät und sie können über Anpassungen des Wechselkurses auch keine Arbeitslosigkeit bekämpfen, Vollbeschäftigung anstreben. Hierzu hätte es bei Einführung des Euro der Schaffung institutioneller Strukturen der Regulierung in der Gemeinschaft bedurft. Bei diesem Geburtsfehler, die Stiglitz in seinem Buch im Einzelnen seziert, gäbe es eigentlich nur zwei Richtungen: Entweder mehr oder weniger Europa. Für beide Richtungen schlägt der Autor, der jahrelang Chefvolkswirt der Weltbank war, Auswege vor, die von einer Vollendung der Währungsunion bis zu ihrer geordneten oder auch nur teilweisen Auflösung reichen. Als einen der Hauptkritikpunkte nimmt Stiglitz die EZB ins Visier. Sie sei, vor allem auf deutsches Betreiben, ausschließlich der Geldwertstabilität, der Inflationsbekämpfung verpflichtet und sei politisch keiner demokratischen Institution verantwortlich. Ihre Aufgaben müssten auf das Ziel der Vollbeschäftigung, auf ein angemessenes Wirtschaftswachstums und auf die Sicherung des Finanzsystems erweitert werden.

 

Die neoliberale Grundstruktur der europäischen Währungsunion hätte sowohl das Wirtschaftswachstum in den Jahren seit Einführung des Euro gebremst, die Ungleichheit sowohl zwischen den ärmeren und den reicheren Mitgliedsstaaten als auch innerhalb der jeweiligen Gesellschaften zwischen armen und reichen Bevölkerungsschichten erhöht und die Lebenschancen vieler Jugendlicher durch hohe Arbeitslosigkeit beeinträchtigt. Das auf ideologischer Verblendung resultierende Vertrauen in die selbstregulierenden Kräfte des Marktes sei von vornherein falsch gewesen. Der Markt sei irrational, er entwickle sich unvorhersehbar und sorge nicht für Konvergenz unterschiedlicher Volkswirtschaften sondern für die in Europa zu beobachtende Divergenz.

 

Stiglitz belegt seine Auffassungen mit empirischen Hinweisen auf frühere Krisen in Lateinamerika oder Asien und die Fehler, die bei deren Bekämpfung begangen wurden. Er bleibt seiner eigenen, auf Keynes aufbauenden Theorie treu, die er in zahlreichen Werken zuvor ausgebreitet hat. Er ficht mit kraftvollen und deutlichen Worten für Solidarität mit den Armen und den jugendlichen Arbeitslosen und auch mit den armen Staaten, besonders mit Griechenland. In diesem neuen Buch setzt er sich qualifiziert mit der Fehlentwicklung im Euro-Raum auseinander. Auch wenn man nicht allen seinen Analysen und Vorschlägen folgt – wo findet im politischen Raum eine Auseinandersetzung mit seinen, von der modernen Volkswirtschaftslehre weitgehend geteilten Ansichten statt, wo stehen sie zur Wahl?

 

Harald Loch

 

Joseph Stiglitz:                                                                   Europa spart sich kaputt. Warum die Krisenpolitik gescheitert ist und der Euro einen Neustart braucht           Aus dem amerikanischen Englisch von Thorsten Schmidt

Siedler, München 2016   526 Seiten   24,99 Euro

 

 

Wie die Bilder "laufen" lernen...

Annette Vowinckel:
Agenten der Bilder
Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert
 
Die „Macht der Bilder“ ist ein geflügeltes Wort. Es meint die im letzten Jahrhundert gestiegene Bedeutung von Bildern in den Auseinandersetzungen zwischen Staaten und gesellschaftlichen Gruppen. Besondere Bedeutung kommt dabei der Fotografie zu, weil sie – wenn sie nicht verfälschend bearbeitet ist – abbildet, was irgendwo genau so zu sehen war. Wenn die Bilder Macht ausüben, wer sind die „Mächtigen“? Was passiert zwischen dem Druck auf den Auslöser und der Entstehung von Macht? Annette Vowinckel ist in einer detail- und kenntnisreichen Analyse diesem Prozess nachgegangen. Sie ist 1966 geboren, Privatdozentin am Institut für Geschichtswissenschaft der HU Berlin und leitet die Abteilung für Mediengeschichte am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Ihr mit zahlreichern beispielhaften Abbildungen anschaulich zu lesendes Buch unter dem Titel „Agenten der Bilder“ beschäftigt sich mit denjenigen Personen und Institutionen, die im 20. Jahrhundert den Fotografien zu ihrer Wirksamkeit verholfen haben: Fotografen, Bildredakteure, Agenturen, Museen, militärischen und staatlichen Propagandaeinrichtungen. Wie funktioniert die Verwirklichung des Anspruchs auf Öffentlichkeit, der aller Bildproduktion Grundlage bildet?

 

Einleitend beschreibt die Autorin, wie die inzwischen etablierte globale visuelle Öffentlichkeit entstanden ist. In einer längeren Abteilung geht sie auf die Fotojournalisten und auf die Kommunikatoren in den Medien ein. In einem besonderen Kapitel untersucht sie die Wirksamkeit von Fotografie im  Staatsdienst, die Steuerung durch Bildzensur und ethische Maßstäbe. Sie führt ein Reihe von Fallbeispielen auf und geht auf  die besonderen Bedingungen in  Afrika, der DDR, in der Auseinandersetzung zwischen Faschismus und Antifaschismus, auf die Fotografie im Kalten Krieg und in und um Vietnam ein.
Den Ertrag ihrer Untersuchung fasst sie selbst zusammen:
Die hohe soziale Durchlässigkeit im Hinblick auf Herkunft, Bildung und Ausbildung sei eine Voraussetzung dafür gewesen, „dass die Berufsgruppe sich neu erfinden und sich selbst ein Image geben konnte, das von dem traditioneller Berufsgruppen einschließlich der Textjournalisten deutlich abwich“. Der signifikant hohe Anteil von Juden und Migranten ließe sich als Folge dieser Offenheit erklären und habe „zu einer vollständigen Integration der Jüdinnen und Juden in ein berufliches Umfeld geführt, das sie selbst maßgeblich prägten.“

 

Die bisher in der Forschung vernachlässigte Frage nach der staatlichen Fotografie habe ein „völlig unerwartetes Ergebnis“ der Untersuchungen gebracht. „Hinsichtlich der Qualität und Quantität der staatlichen Bildproduktion der USA und der DDR gab es deutliche Parallelen. Man könnte die Fotoabteilung der USIA in mancher Hinsicht durchaus mit ADN-Zentralbild vergleichen; dass die nicht geschieht, ist eher der Voreingenommenheit der Wissenschaft zuzuschreiben als dass es einen sachlichen Grund dafür gäbe.“

 

Weitere zentrale Befunde der mediensoziologisch wichtigen Untersuchung sind, dass es keinen Bedeutungsrückgang des Fotojournalismus gibt, dass sich aber dieses Berufsfeld durch die Prekarisierung seiner „Agenten“ dramatisch verändert habe. Der bis zum Jahr 2000 abgeschlossenen Umstellung des gesamten Fotobetriebs auf digitale Formate widmet die Autorin einen Ausblick. Die Beschleunigung der Übertragungswege und die Bereitstellung von Fotos im Internet habe eine neue Qualität für das gesamt Berufsfeld gebracht. Für das 20. Jahrhundert bietet Vowinckels Buch durch den großen Überblick und die Urteilsfreude und –kraft der Autorin eine interessant geschriebene und wichtige Ergänzung zur Zeithistoriografie sowie zur Mediengeschichte.

 

Harald Loch
 
 
Annette Vowinckel: Agenten der Bilder 
Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert
Wallstein , Göttingen 2016   480 Seiten   34,90 Euro
 
 
Annette Vowinckel, geb. 1966, leitet die Abteilung für Mediengeschichte am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und ist Privatdozentin am Institut für Geschichtswissenschaft der HU Berlin.
 

1066 – Ein Schlüsseljahr der Geschichte

 

Die Schlacht bei Hastings vom 14. Oktober 1066 ist eines der wichtigen Ereignisse der Geschichte, das in den Schulen als Schlüsseldatum behandelt wird. In diesen Tagen jährt sich die Eroberung Englands durch die Normannen unter William the Conquerer zum 950. Mal. Aus diesem Anlass erscheinen bei C.H.Beck gleich zwei Bücher: Jörg Peltzer lehrt vergleichende Landesgeschichte in europäischer Perspektive in Heidelberg. Sein ausführliches Werk behandelt die Vorgeschichte und die Folgen dieses dramatischen Macht- und Kulturwechsels und schildert im Detail den Verlauf der militärischen Auseinandersetzungen. Dominik Waßenhoven lehrt am Historischen Institut der Universität Köln Mittelalterliche Geschichte. Er fasst die Ereignisse um den Übergang vom angelsächsischen zum anglo-normannischen Königtum übersichtlich und spannend zusammen. Beide Autoren verweisen auf die von Parteinahmen gekennzeichnete, auch in der englischen Historiografie nie aufgelöste Quellenlage, die hinsichtlich vieler Einzelheiten vor allem in der Vorgeschichte keine völlig gesicherten Erkenntnisse zulässt. Immerhin stellt der monumentale, zeitgenössisch hergestellte Teppich von Bayeux auf über 70 Metern Länge die Ereignisse der Eroberung Englands durch die Normannen in Bild und Text dar – eine einzigartige historische Quelle.

England lag im 11. Jahrhundert eher im Schatten der kontinentaleuropäischen Brennpunkte, war jedoch im Nordseedreieck zwischen Skandinavien und der südlichen Kanalküste, also Flandern und der Normandie eine Insel, die Begehrlichkeiten weckte und dessen Verhältnisse aufmerksam beobachtet wurden. In der Vorgeschichte spielten dynastische Auseinandersetzungen und innerenglische Rivalitäten zwischen den großen Adelshäusern eine ebenso entscheidende Rolle wie die Machtgelüste von dänisch-norwegischer Seite. Die normannischen Aspirationen traten erst durch den von beiden Autoren beschriebenen Macht- und Ansehenszuwachs Wilhelm in den Vordergrund. Dessen Aufstieg von einem „Bastard“ unehelicher Geburt zu dem entscheidenden Mann in der Auseinandersetzung um den durch den Tod König Eduards vakant gewordenen Thron Englands steht im Mittelpunkt der Darstellungen. Schließlich kam es zu einem fast gleichzeitigen Einfall dänisch-norwegischer Invasoren und den Normannen unter ihrem Herzog Wilhelm. Konnten die Skandinavier noch in der Schlacht von Stamford Bridge abgewehrt werden, verloren die Engländer drei Wochen später am 14. Oktober 1066 gegen die Normannen unter Wilhelm in der Schlacht bei Hastings.

In beiden hier besprochenen Werken werden die langfristigen Folgen dieses Epochenereignisses betont: England verschwand weitgehend aus dem skandinavischen Blickfeld und wandte sich über die Verbindung zur Normandie stärker dem westlichen Europa zu. Da der normannische Herzog Teil des französischen Lehnssystems war und seine Herrschaft dem französischen König schuldete, er aber nunmehr gleichzeitig König von England und damit ein eigener Souverän war, blieben die Konflikte nicht aus. Hier sind die nach Auffassung beider Autoren die frühen Wurzeln des späteren hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich zu sehen. Innerhalb Englands führte die Eroberung durch die Normannen zu einem fast vollständigen Austausch der Eliten. Vor allem aber, und das wirkt bis heute fort, erlebte das Altenglische eine sprachliche Romanisierung durch die Französisch sprechende nunmehr normannische Oberschicht. Die doppelten, angelsächsischen und die lateinisch-romanischen Quellen des modernen Englisch sind ohne die Ereignisse von 1066 nicht vorstellbar.

 

Harald Loch

 

Jörg Peltzer: 1066. Der Kampf und Englands Krone

C.H.Beck, München 2016   432 Seiten zahlr. Abb. und Karten  24,95 Euro

 

Dominik Waßenhoven: 1066. Englands Eroberung durch die Normannen

C.H.Beck Wissen, München 2016   128 Seiten  8,95 Euro

 

Joachim Käppner: „1941“ Der Angriff auf die ganze Welt

Den im Jahre 1941 Geborenen haben ihre Eltern und Großeltern von Hitler und vom Zweiten Weltkrieg erzählt – oder auch nicht. Vieles wurde verschwiegen oder zurechtgelogen. Zu grausam waren die Erlebnisse  und auch die eigenen Taten. Diese im Krieg Geborenen und die internationale Öffentlichkeit mussten sich die historische Wahrheit erst erkämpfen. Heute sie offen.  Für die Enkel dieser Generation ist das alles lange her. Sie brauchen eine neue Erzählung dieser Vergangenheit, die für sie keine Zeitgeschichte mehr ist.

 

Joachim Käppner, Jahrgang 1961, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, hat mit seinem Buch „1941“ die Ereignisse dieses Jahres für die Generation der Enkel neu erzählt. „Der Angriff auf die ganze Welt“ lautet der Untertitel dieser kompakten Geschichte des Jahres, in dem der von Hitler vom Zaun gebrochene europäische Krieg zum Weltkrieg wurde. Der Autor lässt seine Leser Krieg und Vernichtung anteilnehmend miterleben. Innerhalb eines Jahres eskalierten sie zum Mordinferno. Nach den schnellen Niederlagen von 1939/40 waren große Teile West-und Nordeuropas von deutschen Truppen besetzt. Nur Großbritannien und sein Imperium stemmten sich der nationalsozialistischen Eroberungsmaschine entgegen. England war von einer deutschen Invasion bedroht, aber in einer mörderischen Luftschlacht hatten die Briten erfolgreich Widerstand geleistet. Ihr Premierminister Winston Churchill war zum unerbittlichen Gegner Hitlers geworden. Käppner bewundert seine politische Kompromisslosigkeit gegenüber dem Nationalsozialismus, dessen verbrecherische Ideologie er früher und genauer erkannt hatte. Er wird im Jahre 1941 und in Käppners Buch zum Helden, der die Welt der Demokratie und die Werte des Westens verteidigt.

 

Die Erzählung folgt der Beschleunigung, die Hitler dem

Krieg gab: Im heutigen Libyen konnten die Briten ein deutsches Afrikakorps unter Rommel am Marsch auf den Suezkanal hindern. In Griechenland mussten sich britische Unterstützungstruppen vor der das Land besetzenden Wehrmacht zurückziehen und auch Kreta ging an die Deutschen verloren. Kurz danach überfiel Hitler Jugoslawien,  um die südosteuropäische Flanke frei für den von Anfang an geplanten Überfall auf die Sowjetunion zu haben. Am 22. Juni erfolgte dann der überraschende Angriff auf das Reich Stalins. In einem beispiellosen Vormarsch drang die Wehrmacht bis an die Vororte von Moskau, kesselte Leningrad ein und eroberte die Ukraine. Hitler wollte die Sowjetunion schnell niederwerfen, bevor die USA in den Krieg eintreten würden. Der imperialistische Verbündete Japan beschleunigte dann seinerseits die Ausweitung zum Weltkrieg. Am 7. Dezember 1941 überfiel er die amerikanische Schlachtflotte in Pearl Harbour. Zwei Tage später erklärte Hitler den USA den Krieg, der schon von Anfang an nicht zu gewinnen war.

Käppner beschreibt in großen Zügen die militärischen Operationen, die er als „Wahnsinn mit Methode“ kennzeichnet. Im Laufe des Jahres 1941 gingen diesem Krieg nicht nur jede Rationalität verloren sondern alle Maßstäbe, die das Völkerrecht und jegliche Zivilisation auch für Kriege aufgestellt haben. Der Autor klagt die unsäglichen Verbrechen in dem „rassistischen Vernichtungskrieg“ gegen die Sowjetunion an, indem er immer wieder Originaltöne von Tätern und Opfern aufruft. Er erklärt seinen Lesern den mörderischen Kommissarbefehl und beschreibt die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung Osteuropas, die   lange von Auschwitz bereits kurz hinter der vorrückenden Front begonnen hatte. Fassungslos liest man vom „Generalplan Ost“, der vorsah, die in den eroberten Gebieten lebende slawische Bevölkerung verhungern zu lassen und die Ressourcen dieser riesigen Landstriche der deutschen Bevölkerung und der nationalsozialistischen Kriegsmaschine zuzuführen. Das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn die Generalität, die Offiziere und Zivilbeamten, die Soldaten und die Menschen an der „Heimatfront“  Hitler an der Verwirklichung seiner Verbrechen gehindert hätten. Sie haben es nicht getan und sich nach dem Krieg – auch darüber schreibt Käppner – hinter ihrem soldatischen Eid, der sie an den „Führer“ gebunden hätte, verschanzt. Das alles erzählt der Autor den Enkeln des Jahrgangs 1941 in einem nicht mit wissenschaftlichem Tiefgang sondern in eindrücklicher Darstellung der furchtbaren Wirklichkeit geschriebenen Buch – ein großes Verdienst!

 

Harald Loch

 

Joachim Käppner: „1941“ Der Angriff auf die ganze Welt

Rowohlt Berlin, April 2016   315 Seiten   3 Karten   19,95 Euro

Paul Veyne: Palmyra

 

Als „Königin der Wüste“ hat die syrische Oasenstadt Palmyra Zeugnis für eine Jahrtausende alte Kultur abgelegt. Der sogenannte Islamische Staat hat eines der wichtigsten Baudenkmäler Palmyras, den Baal-Tempel, im vergangenen Jahr zerstört. Gerade haben syrische Truppen die Stadt und die archäologischen Stätten zurückerobert. Unwiederbringliches bleibt verloren. Ein „Requiem“ für diese geschundene Stadt hat der französische Althistoriker Paul Veyne geschrieben. Dieses Porträt der antiken Kultur- und Handelsmetropole hat er dem vom „IS“ ermordeten Hüter der Ruinenstadt Khaled al-Asaad gewidmet. Der 82-jähirge, langjährige Generaldirektor der Altertümer von Palmyra „hatte sich selbst unter der Folter geweigert, seinen Peinigern zu verraten, wo er die antiken Kunstwerke vor ihnen in Sicherheit gebracht hatte, in deren Besitz sie sich bringen wollten“, erinnert Paul Veyne an den wahren Helden von Palmyra.

 

In seinem mit 13 farbigen Fotos von den antiken Bauwerken illustrierten, sich an ein breites Publikum wendenden Buch übernimmt der Autor die Rolle eines Stadtführers, der aus zwei Vergangenheiten erzählt: aus der jüngeren, als ein zahlreiches Publikum die imposante Ruinenstadt noch besichtigen konnte und aus einer älteren, damals belebten, quirligen antiken Metropole. Vor allem diese Erzählung von dem Leben und Arbeiten vor Tausenden von Jahren bis in die spätrömische, später muslimische Zeit versetzt den Leser in eine erstaunliche Welt. Palmyra war nicht nur religiöses Zentrum sondern auch eine blühende Handelsstadt zwischen der westlichen, römischen Welt und dem vor allem über Persien vermittelten asiatischen Teil der Welt. Das Buch beschreibt lebendig das Leben in dieser Stadt, deren urbane Anlage vor der Zerstörung noch gut zu erkennen war. Der Autor, der seit 40 Jahren als Professor am Collège de France römische Geschichte unterrichtet, nimmt seine Leser mit in die Ursprünge der Metropole lange vor unserer Zeitrechnung. Er eröffnet ein lebendiges Museum für eine ermordete Stadt. In erstaunlichen Details, soweit sie aus den zahlreichen Quellen rekonstruierbar waren, schildert Veyne, wie Palmyra funktionierte, woher ihr Reichtum stammte. Er erwähnt z.B. eine chinesische Quelle, nach der die Kaufleute von Palmyra asiatische Luxusgüter mit einem zehnfachen Aufschlag an die Reichen in Rom weiterverkauften.

 

Er zeichnet nach, wie die Menschen dort wohnten, wie sie „mit den Göttern speisten“, in welchen Sprachen sie sich verständigten und wie sie sich kleideten.

Das Buch ist ein Reiseführer in die Vergangenheit, eine mit profundem Wissen geschriebene Elegie für die geschändete „Königin der Wüste“. Es lässt für den Leser auferstehen, was er nicht mehr an Ort und Stelle besichtigen kann. Jenseits aller archäologischen Gelehrsamkeit ist ein Dokument für alle entstanden: ein trauriges und würdiges Erinnerungsbuch.

 

Harald Loch

 

Paul Veyne: Palmyra. Requiem für eine Stadt

Aus dem Französischen von Anna und Wolf Heinrich Leube     C.H.Beck, München 2016   127 Seiten und 13 Farbabbildungen Leinen  17,95 Euro

 

Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt

Clio platzt aus allen Nähten. Jedenfalls wenn es um die großen Erzählungen der Geschichte geht. Heinrich August Winklers „Geschichte des Westens“ ist so eine und ebenfalls bei C.H.Beck folgt jetzt „Die Unterwerfung der Welt“. Diese Globalgeschichte der europäischen Expansion im Zeitraum von 1415 bis 2015 ist von dem Freiburger Professor für Neuere Geschichte Wolfgang Reinhard aus seiner vor 30 Jahren bei Kohlhammer erschienenen vierbändigen Geschichte der europäischen Kolonisation komprimiert, aktualisiert und den neue Diskursschwerpunkten angepasst worden. Entstanden ist ein ebenso unhandliches wie überwältigend stoffreiches einbändiges Meisterstück, das als Standardwerk für die konfliktreiche Geschichte der europäischen Versuche angesehen werden muss, alle Kontinente zu unterwerfen. Kaum ein europäisches Land hat sich nicht an diesen Versuchen beteiligt. Die meisten Vorstöße erfolgten über die Ozeane. Reinhard rechnet aber auch die kontinentale Expansion Russlands in Europa und vor allem nach Asien zu diesem raumgreifenden Erweiterungsprozess.

 

Am Beginn dieser Meistererzählung stehen die vom Mittelmeer und der iberischen Halbinsel ausgehenden Übersee-Expeditionen der Portugiesen, Spanier und Italiener. Notwendig hierzu waren neuartige Schiffskonstruktionen und Navigationssysteme, die Reinhard als technische Voraussetzungen interessant erklärt. Zunächst waren die Küsten Westafrikas, bald auch die Ostseite des Kontinents, der Mittlere Osten und Indien Ziel der Vorstöße. Dem Leser erschließt sich ein abenteuerliches Zeitalter von Entdeckungen. Reinhard macht ihn mi seiner lebendigen Geschichtserzählung zum Zeugen der Einrichtung von Handelsstützpunkten und von christlichen Missionierungsversuchen, die meist gegen die muslimische Welt als Hauptgegner gerichtet waren. Das änderte sich mit der vom Autor kritisch erzählten Entdeckung und völkermordenden Eroberung Amerikas. Immer wieder rückt Reinhard die ökonomischen Zwänge und Wünsche, Erfolge und Misserfolge in den Vordergrund seiner auch in diesen Passagen spannenden Darstellung. Die europäischen Mächte gerieten im Handel mit den anderen Kontinenten in konfliktreiche Konkurrenz, die Reinhard nachvollziehbar in den Zusammenhang zu den innereuropäischen Machtkämpfen stellt.

 

Zu den iberischen „Unterwerfern“ gesellten sich im Laufe der Zeit niederländische, englische und französische Eroberer, Händler und Missionare. Die Konkurrenz verschärfte sich um den lukrativen transatlantischen Sklavenhandel, der allerdings die ganze dargestellte Epoche und in allen behandelten Gegenden eine furchtbarer Bedeutung hatte. Der Osten Asiens blieb ein besonders schwieriges Terrain. China erschlossen die Europäer nur an Küsten, Japan schottete sich bald ganz von den dort besonders undiplomatisch auftretenden europäischen Eindringlingen ab.

Das 19. Jahrhundert führt einerseits zur Beendigung der iberischen Kolonialherrschaft in Latein- und Mittelamerika und andererseits zur endgültigen Aufteilung Afrikas unter die europäischen Kolonialmächte. Dieser Imperialismus nahm unterschiedliche Gestalt im britischen oder im französischen Kolonialreich an. Reinhard beschreibt für alle Epochen die administrativen Besonderheiten der Ausübung von Kolonialherrschaft durch die einzelnen Mächte, die unterschiedliche Beteiligung von staatlichen und privaten Ressourcen an der ökonomischen Erschließung und Ausbeutung der Kolonien. In einem umfangreichen Kapitel wendet er sich der Dekolonisation Asiens und Afrikas und dem in den gleichen Zusammenhang gestellten Zerfall der Sowjetunion zu. Am Ende bleiben die anachronistisch anmutenden Konstruktionen im französischen und britischen Kolonialreich, die einzelne, meist wenig bedeutende Territorien vor allem in der Karibik und in Ozeanien zu Bestandteilen des jeweiligen Mutterlandes erklären. Ein eigenes Kapitel widmet der Autor der Situation in Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten. Er stellt sie in den großen Zusammenhang der europäischen Unterwerfung der Welt und bewertet sie entsprechend.

 

In früheren Darstellungen der Unterwerfungsgeschichte ist allein das Handeln der Kolonialherren als historisch relevant angesehen worden. Reinhards große Erzählung stellt einen Übergang dar zu einer Historiografie, in der die Kolonisierten nicht mehr nur passive Objekte der Geschichte und Opfer der Kolonialherren sind. Aber er sagt auch „Vielleicht hat jetzt erst, weil die europäische Expansion endgültig vergangen ist, die Stunde der Historiker geschlagen.“ Ihre Aufgabe wird nicht leicht sein, denn das Handeln der Kolonisierten, „die jetzt erst als Subjekte der Geschichte wahrgenommen werden, läuft häufig subtiler ab und ist quellenmäßig schwerer zu fassen als dasjenige ihrer Herren.“ Das jedenfalls stellt Wolfgang Reinhard in einem wahren Meisterwerk dar.

Harald Loch

 

Wolfgang Reinhard: Die Unterwerfung der Welt        Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415 – 2015

C.H.Beck, München 2016  Leinen 1648 Seiten mit 122 Abbildungen und Karten   58 Euro

Islamistische Parallelwelten

Inhalt Vom Leben in der islamistischen Parallelwelt

 

Autor Dominic Musa Schmitz, *1987 in Mönchengladbach, konvertierte als Jugendlicher zum Islam und galt lange Zeit als Nachwuchsstar der deutschen Salafisten-Szene. Nach sechs Jahren im harten Kern stieg er aus. Heute ist Schmitz immer noch gläubiger Muslim und wirbt auf seinem YouTube-Kanal „Musa Almani“ für einen friedlichen Islam. 

 

Gestaltung Paperback, Softcover mit Einschlag, Prolog, 14 Kapitel, Danksagung, gesetzt aus der caslon pro

 

Cover Doppelporträt, Schmitz in Salafisten-Outfit und Schmitz als geläuterter Muslim

 

Zitat „Ablehnen heißt ausgrenzen“.

 

Meinung Wer verstehen will muß lesen: wie ein junger Mann vom Kiffer zum streng gläubigen Konvertiten-Muslim wird, wie er als rebellischer Eiferer im Internet und auf der Straße die Ungläubigen bekehren will, mit welchen Salafisten er aus der Szene zusammentrifft, welche Beweggründe im privaten Leben liegen auszusteigen und selbst zum Salafisten zu werden. Der Leser begleitet den Autor zu Pilgerreisen nach Mekka, bekommt die Gründe für eine gescheiterte Ehe mit und kann schließlich am Ende des Buches die Beweggründe für den Ausstieg aus der Salafistenszene finden. Es ist die perspektivlose Generation, die auf Identitäts- und Sinnsuche ist, die aus kaputten Elternhäusern oder gescheiterten Ehen stammen.

 

Chillen, kiffen, Musikhören, zuweilen mit Mädels rummachen, so beschreibt der Jugendliche seinen Alltag. Der Glaube verhieß den Weg aus dem Lotterleben. Salafistische Prediger legen die Honigspur, um den Unsicheren zu locken. In der Moschee entdeckt „MUSA“,wie er sich nennt, dass Muslime gut riechen – weil sie verlockende Parfums benutzen. Er verabschiedet sich vom „schmutzigen“ Leben, Rauchen, Musik, Party ist haram,  was nach der scharia verboten ist, als unverletzlich, heilig, geheiligt, verflucht, oder fluchbeladen“ gilt.

Terroristische Anschläge werden in der Szene mit Verschwörungstheorien interpretiert. NRW zählt zu den Hochburgen der ultraorthodoxen Salafistenbewegung. Die salafistischen Prediger entlarvt MUSA als Geistliche, die mit ihrer Meinung über den Koran, den Sinn oft in ihr Gegenteil verkehren, mit falschen Analogieschlüssen Gehirnwäsche betreiben. Religion wird nach eigenem Willen geformt, es entsteht ein neuer “theologischer Zungenschlag“.

 

Die Salafistenszene nutzt die neuen sozialen Medien, um Videobotschaften loszuwerden und neue Gläubige heranzuziehen. Jugendliche Laster wie Pornofilme schauen oder Selbstbefriedigung machen den Gläubigen ein schlechtes Gewissen.

 

In den Moscheen wird die Welt aber wahrgenommen als der reinste Sündenpfuhl von dreckigen Ungläubigen, Kinderschändern, Homosexuellen, Drogensüchtigen, dekadent, regiert von unfähigen Politikern  - und die USA sind der westliche Aggressor. Die Juden haben den Nahen Osten korrumpiert haben und die Araber unterdrückt.

MUSA wird zum gläubigen Freak, der jeden tadelte und zu überzeugen versuchte, der sich nicht an das strenge Regelwerk der Gläubigen hielt. Als MUSAs Weg vom Glauben eher wegführt hin zum Kampf für den islamischen Gottesstaat werden bei ihm ernsthafte Zweifel geweckt.

Wie der Salafist wieder zurückfindet, dem Salafismus abschwört, sei hier nicht verraten, das wäre so als würde man das Ende eines Krimis verraten. Der Leser soll es selbst finden, weil wir die Lektüre wirklich jedem empfehlen. Man muß das Buch gelesen haben, um zu verstehen. Wir haben die Chance zum Insider zu werden, können die psychologischen Mechanismen nachvollziehen, die Sprache ist weitgehend authentisch, wenngleich an manchen Stellen durchscheint, dass ein gewisser Axel Spilcker das Salafistenbekenntnis aufgeschrieben hat, also eher seine Sprache durchschimmert als die des Buchautors, wie mir scheint. Dennoch ist das Buch packend geschrieben, wir sind einfach nah dran. Und es wird Zeit, dass wie diese Entwicklung endlich gesellschaftlich zur Kenntnis nehmen.

 

Leser wir alle und insbesondere Jugendliche

 

Pressestimmen

 

Plastisch, oft kurzweilig, unterhaltsam erzählt Schmitz von der schleichenden Gehirnwäsche. Ein empfehlenswertes Buch für jeden, der verstehen will, warum gerade junge Menschen der salafistischen Ideologie anheimfallen. Und es ist ein spannender Insiderbericht über die salafistische Szene.“ Deutschlandfunk, Manfred Götzke, 

 

Bei der Lektüre dieses Buches hat es bei mir Klick gemacht. Ein sehr lesenswertes Buch – unglaublich faszinierend zu lesen. Markus Lanz 

 

„Schmitz berichtet in erschreckender Offenheit über sein Leben unter Salafisten und gewährt seltene Einblicke in die islamistische Parallelwelt.(...) Die Stärke des Buches ist seine Authentizität – ein mutiges, wichtiges Buch.“ Die Welt, Dietrich Alexander

Neue Nachbarn: Flüchtlinge

Titel Marina Naprushkina NEUE HEIMAT. Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen. EUROPAVERLAGBERLIN

 

Autor Marina Naprushkina stammt aus Minsk, ist Künstlerin, Aktivistin, lebt seit 12 Jahren in Deutschland und war bisher vor allem als bildende Künstlerin tätig. Sie setzt sich für die Demokratisierung ihres Heimatlandes Weißrussland ein und unterstützt eine Flüchtlingshilfe in Berlin Moabit. Davon handelt ihr Buch.

 

Inhalt Das Buch ist eine hautnahe Bestandsaufnahme aus dem Alltag in einem Berliner Flüchtlingslager. Es zeigt, wie deutsche Willkommenskultur heute wirklich aussieht.

 

Gestaltung Hardcover, 239 Seiten, tagebuchartig aufgebaut, Illustrationen durch die Autorin selbst

 

Cover weißes Cover, kein Bild, schwarze Schrift, zwei rote Buttonaufkleber mit einem FAZ-Zitat „Das Buch der Stunde“ und der Hinweis, dass ein Vorwort von Heribert Prantl enthalten ist, dem Innenpolitikchef der Süddeutschen Zeitung, der als Jurist und Journalist als  „Rechtsgewissen“ der Bundesrepublik gilt

 

Zitat „...ich habe mich weiterentwickelt und bin dadurch zu einer besseren Künstlerin geworden.“

 

Meinung Heribert Prantl begutachtet das Buch im Vorwort und kommt zu dem Urteil:“ Das Buch ist ein Lehrbuch für Menschlichkeit.“ Er trifft die Sache wie in seinen vielen Kommentaren in der Süddeutschen Zeitung im Kern. Marina Naprushkina hat selbst ihr Land verlassen und engagiert sich im Flüchtlingsdeutschland für Asylsuchende in Berlin. Sie kämpft für die Rechte ihrer Schützlinge, begleitet Schwangere und leistet so sprichwörtlich Geburtshilfe. Sie betreut Kinder von Flüchtlingen, während die ihre Odyssee durch den Behörden-Dschungel erleben. sie muss Übersetzerdienste leisten, kritisiert Beamte, die mit den Flüchtlingen nicht auf Augenhöhe kommunizieren, Marina Naprushkina organisiert Kinderfeste, sammelt Spenden ein, kocht für ihre Schützlinge, besorgt Kinderheimplätze.

 

Das Buch zeigt auf, dass es bei den „kleinen“ Hilfe nicht bleiben kann, dass träge Behörden auf Trab gebracht werden müssen, dass es um Rechte geht, die den Flüchtlingen zustehen, dass Beamten-Missbrauch, Kungelei, Nicht-Kontrolle von Heimleitungen an die Öffentlichkeit gebracht werden müssen. Die Autorin nimmt uns zu Behörden Gängen mit, stellt uns die Flüchtlinge und ihr Alltagsleben vor, lässt uns an ihren Stimmungen teilhaben.

 

Es sind die genauen Beobachtungen und die Dialoge, die uns fesseln und den Wahnsinn des Flüchtlingsalltags uns näher bringen zwischen nervenden Arztbesuchen, stressenden Anwaltsterminen, Leben in maroden Heimen.

 

Flüchtlingsschicksal ist jetzt nervenaufreibendes Warten und ungewisses Schicksal, was die Zukunft bringen wird.  Das Buch blitzt in den einzelnen Szenen auf wie Kamerablitze, erhellt für kurze Zeit die Situation und lässt dann wieder alles ins Dunkle der Unbestimmtheit und Unsicherheit abrutschen. So ist die Flüchjtlingsrealität. Die Flüchtlingsinitiative von Marina Naprushkina hat innerhalb von zwei Jahren 600 Veranstaltungen organisiert. Eine reife Leistung, die zeigt, was privates Engagement ausrichten kann.

 

Leser Alle Deutschen

Die Geschichte des Islam

Reinhard Schulze: Geschichte der islamischen Welt     Von 1900 bis zur Gegenwart

 

Geschichtsschreibung gibt zunächst einmal keine Antwort auf die Frage, warum eine Entwicklung eingetreten ist, geschweige denn, warum sie so und nicht anders eintreten musste. Historiografie ist die Erforschung und Beschreibung dessen, was gewesen ist. Die Väter dieser Kunst, die Griechen Herodot und Thukydides, haben nichts anderes gemacht als beschrieben, was in der Vergangenheit gewesen ist, allenfalls, was sie als Zeitzeugen erlebt haben. Leopold von Ranke fordert vom Historiker, zu beschreiben „wie es eigentlich gewesen ist“. In diesem Sinne sollte der Leser von der „Geschichte der islamischen Welt. Von 1900 bis zur Gegenwart“ keine falschen Antworten auf die alle bewegende Frage erwarten, wie es denn zu dem verheerenden Zustand in dieser Welt kommen konnte. Der Schweizer Islamwissenschaftler Reinhard Schulze beschreibt in seinem umfangreichen Werk möglichst genau, „wie es eigentlich gewesen ist“.

 

Zum mehr als sieben jährigen Krieg zwischen Iran und dem Irak (1980 bis 1988) schreibt er: „Manche Staaten, wie die USA, Russland, China, Spanien und Brasilien lieferten Waffen gegen Öl an beide Kriegsparteien. Libyen, Syrien, Pakistan, Schweden und Nordkorea belieferten ausschließlich Iran; die Golfstaaten, Saudi-Arabien, Ägypten, Südkorea, Frankreich und Großbritannien ausschließlich den Irak. Die amerikanische Regierung verkaufte Waffen an Iran, um aus den Erlösen Waffen für die Contra-Rebellen in Nicaragua zu bezahlen. Zugleich erhielt der Irak aus den USA Wirtschafts- und Militärhilfen in Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar.“ Beschrieben, „wie es eigentlich gewesen ist“, lädt diese Liste natürlich zu Überlegungen ein. Aber einen Ursachenzusammenhang zwischen diesem Skandal und dem heutigen Zustand der islamischen Welt zieht der Autor nicht. Ist er vielleicht evident?

 

Die „Geschichte der islamischen Welt“ definiert zunächst, was unter dieser Welt zu verstehen ist: „Nimmt man die Mitgliedschaft in der Organisation der islamischen Zusammenarbeit (OIC) zur Grundlage, denn gehören heute etwa 1,5 Milliarden Menschen der ‚islamischen Welt‘ an, also ca. 22 % der Weltbevölkerung“, schreibt der in Bern unterrichtende Reinhard Schulze. Er relativiert diese Zahlen, indem auf die Angehörigen anderer Konfessionen in den Mitgliedstaaten der OIC hinweist und andererseits die vielen Muslime alteingesessener islamischer Gemeinschaften außerhalb dieser Organisation hinweist, z.B. auf die mehr als vier Millionen Muslime in Deutschland. Dann fängt er chronologisch und nach Regionen, später auch Ländern gegliedert an zu erzählen, was sich in den Gesellschaften, in den Kolonien, in den Staaten dieser islamischen Welt abgespielt hat. Das ist so verwirrend, dass es vom Autor höchste Meisterschaft in der Zusammenfassung komplizierter Sachverhalte, vom Leser höchste Konzentration verlangt, besonders auch, weil der Autor die arabischen Namen nach den Regeln der Deutschen morgenländischen Gesellschaft transkribiert und vom Leser  fortwährend eine gedankliche Transkription in die gebräuchliche und vertraute Form verlangt. Beileibe keine Lektüre für den Stammtisch also, an dem dann jeder den Finger heben könnte: „Ich weiß was!“ Das Religiöse, das Gesellschaftliche, die politischen und wirtschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Zusammenhänge haben in jedem Jahrzehnt, in jeder Gegend anders aufeinander gewirkt. Die Weltkriege, der Kolonialismus, der Kalte Krieg, das Öl und die immer differenzierteren Ausprägungen eines nicht ökumenischen Islam haben Spuren hinterlassen, Ursachen und Folgen gehabt, die Schulz minutiös nachzeichnet. Es entsteht nicht etwa eine Religionsgeschichte des Islam sondern eine das Religiöse reflektierende Politik- und Gesellschaftsgeschichte dieses Großraumes. Die Entwicklung Algeriens vom „Teil des französischen Mutterlandes“ zur heutigen Republik, das Ende des Osmanischen Reiches, die Unterstützung des saudischen Millionärs Bin Laden und von Al Qaida durch Saudi Arabien und die USA, der Zerfall der laizistischen Strukturen im Irak und Syrien, der Konflikt mit den Kurden oder die islamischen Strukturen in Südostasien – alles muss Platz in einem überschaubar bleibenden Buch haben. Eine Zeittafel und z.T. sehr aufschlussreiche Anmerkungen, ein Glossar und eine umfangreiche Bibliografie erschließen das Werk und den Weg zu weiterem Nachlesen. In der deutschsprachigen Fachliteratur ist das Werk unverzichtbar. Es betrifft das dynamischste Viertel der Erde.

 

Harald Loch

 

Reinhard Schulze: Geschichte der islamischen Welt     Von 1900 bis zur Gegenwart

C.H.Beck, München 2016   767 Seiten, 7 Karten, Leinen. 34,95 Euro

Journalismus - Die Entdeckung der Langsamkeit

Titel Laszlo Trankovits Die Nachrichtenprofis. warum WQualitätsjournalismus für unsere Demokratie unverzichtbar ist (dpa) Frankfurter Allgemeine Buch

 

Autor Laszlo Trankovits war über 35 Jahre Büroleiter und Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa), unter anderem in den USA, im Nahen Osten, in Italien und Afrika. 1994 bis 2003 war er Landesbüroleiter in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Derzeit lebt er in New York und ist als Repräsentant der dpa-Geschäftsführung für die Umsetzung von dpa-Projekten in den USA verantwortlich.

FAB-Interview: „Entschleunigung und mehr Ruhe in der Politik sind dringend notwendig“

 

Gestaltung Hardcover, Sechs Kapitel, Nachwort, Danksagung, Anmerkungen, Autorenhinweis, gut strukturiert, farbig bebildert, Info-Einschübe unterlegt, abgesetzt vom Text

 

Cover Newsraum verschwommen

 

Zitat Noch gibt es ein Primat der seriösen Medien, ob es erhalten bleibt, ist fraglich. Am Ende des Buches bekennt sich der Autor zur Langsamkeit: „...nie war für den Qualitätsjournalismus die Regel ‚Richtigkeit vor Schnelligkeit‘ wichtiger als in dieser extrem beschleunigten Digital-Welt.“

 

Meinung 

Trankovits beschäftigt sich in dem Buch DIE NACHRICHTENPROFIS - WARUM QUALITÄTSJOURNALISMUS FÜR UNSERE DEMOKRATIE UNVERZICHTBAR IST (DPA) mit der Rolle der Newsagenturen, aber auch viel gründlicher mit Wirken und Funktion der Medien allgemein. Das ist wohltuend, es ist nicht nur ein Buch in „eigener Sache“.

Klare Analysesätze zu Beginn: Die Welt ist multipolar, zunehmend fragil, komplexer, chaotischer geworden, die globalisierte Wirtschaft in einem dramatischen Strukturwandel begriffen. Das Medienpublikum besteht aus einer destabilisierten fragmentierten Gesellschaft. Die Qualität demokratischer Medien – so der Autor – ist direkt abhängig von der demokratischen Qualität des politischen Systems.

Digitalisierung, Vernetzung, Beschleunigung haben die Welt der Medien erschüttert. Wer auf zuverlässige Quellen beharrt, das nimmt Trankovits als Anspruch für die dpa als wichtig für die Zukunftssicherung der Agentur an, wird die Berichterstattung verlangsamen, angesichts des Schnelligkeitswahns.

 

Es ist eben zu unterscheiden zwischen Gerüchten, Lügen und Wahrheiten, zwischen akkuraten Informationen und dreisten Fälschungen, authentischen Zitaten und wilden Phantasiegespinsten in dieser unübersichtlichen Welt. Medien sollten sich deshalb zur Langsamkeit bekennen.

 

Trankovits beleuchtet das Geschäft, das hinter den Medien steckt, berücksichtigt aktuelle Ereignisse wie den bewusst eingeleiteten Flugzeugabsturz der German Wings, oder terroristische Attentate, beklagt die Verflachung der Informations- und Wissenskultur, weist  uns auf den schon existierenden Roboterjournalismus der automatisierten Information hin.

 

Es ist eine schleichende publizistische De-Professionalisierung im Gange, wie ein FAZ-Mitherausgeber feststellt.

Ob Terrorismus, Politik-PR, Fragen der Medienethik, die umfassende Darstellung der Rolle der Medien in einer Gesellschaft ist Trankovits umfassend, aktuell und klug strukturiert, ausgezeichnet gelungen.

Jeder der „Lügenpresse“ ruft, müsste dieses Buch in die Hand bekommen. An dieser Stelle ist zu hoffen, dass die Bundeszentrale für politische Bildung dieses Buch in hoher Auflage aufkauft und an den Schulen verteilt.

 

Medienkritik ist in den Zeitungen und Medien heutiger Tage überhaupt ins Hintertreffen geraten, reicht allenfalls als Clip-Zuspielung oder Plot für Comedians und beschäftigt sich mehr mit Netzangeboten und neuen amerikanischen Serien als mit dem deutschen Medienmarkt. Leider!

Insofern freut man sich, dass ein Journalist wieder selbst einmal zur Feder greift, um sich die Bedingungen seines Metiers kritisch vor Augen zu halten. Das Buch ist also auch selbstreflexiv. Trankovits stellt die Boulevardisierung und Banalisierung von Blättern und Programmen fest und resümiert, dass letztendlich Massenmedien nur so gut sein können, „...wie es die Gesellschaft zulässt und einfordert.“ 

 

Wir schauen hinter die Kulissen des Agenturbetriebs, lernen durch Zitataussagen die Haltung und Denke von Agenturkollegen kennen, Trankovits diskutiert die Finanzierungseffekte, die Qualitätsmerkmale, stellt Forderungen für fundierte Berichterstattung auf, reklamiert „alte Medientugenden“, ohne die Konkurrenzprobleme der dpa-Agentur dabei zu vergessen, die unsere Medien-Nachkriegsstruktur auch hätte bedrohen können angesichts des BILLIG-BILLIG-Schnäppchen-Journalismus heutiger Tage und der Verlegerabsichten in dieser Richtung.

 

Trankovits kritisiert den Informations-BUBBLE des Netzes in der Facebook-und Net-Community, analysiert Emotionalisierung und Skandalisierung in den Medien. Auch die Probleme der Kriegs- und Krisenberichterstattung heutiger Tage lässt der erfahrene dpa-Journalist nicht aus.

 

Die zehn Thesen zur Zukunft der Nachrichtenagenturen und der Medien überhaupt stehen am Ende des Buches, sie sollen hier nicht verraten werden, sie sind schlüssig und der Leser, Hörer Zuschauer möge dieses Buch bitte kaufen, denn das Publikum ist mitverantwortlich für den Qualitätszustand seiner Medien. Es gibt nicht nur Umweltverschmutzung, es gibt auch Medien“smog“ der die Öffentlichkeit verschmutzt und der Demokratie den Atem nimmt.

 

Leser Journalisten, Korrespondenten, Redakteure, Moderatoren, Leser, Hörer, Zuschauer und Schüler 

Geißler: Was müsste Luther heute sagen

 
Titel Heiner Geißler Was müsste Luther heute sagen Ullstein
Inhalt  lutherkritische Auseinandersetzungen mit dem Reformator und Epilog, was die Kirchen verändern müssen, um ihre Gläubige  nicht zu verlieren.

 

Autor Dr. Heiner Geißler, geboren 1930, war 25 Jahre lang Mitglied des deutschen Bundestages, Landesminister in Rheinland Pfalz, Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit in Bonn und gilt als einer der besten politischen Redner der Bundesrepublik. Er ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. der Bestseller Was würde Jesus heute sagen und Sapere aude!. Dr. Heiner Geissler, geboren 1930, studierte als Mitglied des Jesuitenordens vier Jahre Philosophie und anschließend Rechtswissenschaften. 

 

Cover Porträt Luthers als Zeichnung
 
Gestaltung Neun Kapitel Epilog und Anmerkungen, keine Fotos

 

Zitat: "Jeder intelligente Katholik ist im Innern auch immer ein Protestant." Heiner Geißler

 

Meinung  Heiner Geißler, der streitbare Demokrat  hat inzwischen im Alter von 85 Jahren ein „junges“ und zugleich packendes Buch geschrieben, hoch aktuell vor dem Thesen-Jubiläum 2017, ein kluges Buch, in dem sich Meinung und Information, Analyse und Interpretation sinnvoll ergänzen. 
Er erklärt Luthers Lehre, ihre Wurzeln und dessen Persönlichkeit. Geißler hat zumindest in einer Hinsicht in dem Reformator ein Vorbild gefunden. Geißler schätzt an Luther, dass er auch in aussichtsloser Lage bei seiner Meinung geblieben sei: "Er hat für das, was seine Meinung war, nicht nur gekämpft, sondern sie auch durchgesetzt." Geißlers Motivation, dieses Buch zu schreiben, er will Luther kennenlernen, dessen Ideen und Wirkungen, dessen Werke, die 120 Bände umfassen. Geißler  lässt Biographisches Revue passieren, führt den Leser zum historischen Hintergrund, hinein ins finstere Mittelalter des unheiligen Papsttums, in die kriegerischen Auseinandersetzungen, in die Zeiten des Ablasshandels. 

 

Luther verfügte nach Geißler über ein erhöhtes Renitenzpotential , das scheint ihm zu imponieren, aber er spricht auch  von der „krankhaften Sündenangst Luthers“. Geißler kritisiert die „lächerliche Erbsündenlehre“. Geissler stellt die These Luthers der Mensch sei von „Bosheit durchsäuert“ komplett in Frage. Waren Wolfgang Amadeus Mozart oder Albert Schweitzer DRECK? Darin sieht Geissler eine schwere Verletzung oder gar Beleidigung der menschlichen Würde, dies könnte das Reformationsfest 2017 in Eisleben scheitern lassen, denn so könne bei den Menschen  keine Freude an Gott und Jesus Christus entstehen.  

 

Kirchenkritisches lässt Geissler nicht aus: Die Kirchen widmeten sich dem liturgischen Brimborium mehr als der Botschaft der Nächstenliebe. Geißler zieht auch protestantische Parallelen zu Papst Franziskus, er ist darüber hinaus weiter vom charismatischen Luther beeindruckt, lobt dessen Sprach- und Wortgewalt.

 

Der Hauptkritikpunkt Geißlers an der katholischen Kirche gipfelt in dem Satz: „Die katholische Kirche befindet sich mit der Aufrechterhaltung des Zölibats und dem Verbot des Frauenpriestertums auf einer Ebene mit den iranischen Ajatollahs und den Taliban im Hindukusch und außerhalb der geistigen Welt des Evangeliums…“ (…)  „Der heutige Mensch fragt: Gibt es überhaupt einen Gott?“ 

 

Dieses Buch von Heiner Geißler ist also „widerständig“, aber auch Kirchenpraktisches kommt vor, wie Nachwuchsprobleme oder Strukturreformen der Bistümer, Laien kontra Priesterkirche, Frauendiskriminierung und vieles andere mehr. 

 

Die  Kapitel sind knapp eingeteilt,  nicht überbordend, in einer verständlichen Sprache geschrieben. 
Ein klug komponiertes Buch. 

 

Im Epilog zieht Geissler ein mehrseitiges Fazit, das in dem Satz gipfelt Luther “war ein Großer – im Guten, aber eben auch im Schlechten.“ 

 

Leser Katholiken, Protestanten, der Papst und Franz-Peter Tebartz-van Elst

 

Verlag: Ullstein

Ein Judoka der Politik

Titel Walter Laqueur PUTINISMUS: Wohin treibt Russland? Propyläen

 

Inhalt  Dieses Buch erklärt, warum Russland keine Demokratie werden wird, warum Russland sich umzingelt sieht von feindlichen westlichen Welten, warum der Nationalismus wieder aufblüht, der Westen für dekadent gehalten wird und dieser hat die Entwicklungen in Russland sträflich unterschätz.

 

Autor Walter Laqueur, geboren 1921 in Breslau, 1938 nach Palästina emigriert, lebt heute in London und Washington. Von 1964 bis 1991 war er Direktor des Londoner Institute of Contemporary History and Wiener Library, seit 1969 zugleich in führender Stellung im Center of Strategic and International Studies in Washington tätig. Zahlreiche zeitgeschichtliche Bücher über den Holocaust, den Terrorismus, Russland und Europa. Zuletzt erschienen bei Propyläen Die letzten Tage von Europa (2006) und Gesichter des Antisemitismus (2008).

 

Cover In Gold-Lettern verdeckt der Begriff Putinismus das Gesicht Putins, in weißer schlanker Schrift Autor, Titel und Verlag.

 

Gestaltung 12 Kapitel, Einleitung, Danksagung, Bibliographie, Personenregister, kluge Strukturierung vom Zusammenbruch der UdSSR, über die Machtstrukturen, die Geschichtsbilder, die Außenpolitik und die Zukunft des Vielvölkerstaates.

 

Zitat aus dem Buch: "Der Westen hat nur einen begrenzten Handlungsspielraum, um freundlichere Beziehungen zu fördern.“

 

Meinung  Schon in jungen Jahren war Laqueur ein passionierter Zeitungsleser. Da er es sich nicht leisten konnte, täglich viele Zeitungen zu kaufen, ging er in die Redaktionsgebäude und bat dort jeweils um Probeexemplare. So steht es bei Wikipedia und genau das merkt man dem Buch von Laqueur an. Er beleuchtet recherchierend und passioniert aus vielen Blickwinkeln Russland und den Putinismus, er schreibt genau, präzise, verständich, interpretatorisch, historisch und spannend zugleich. Aber er fordert auch den Leser.

Für ihn ist der Putinismus ein Staatskapitalismus mit liberaler Wirtschaftspolitik. Dennoch greift der Staat ein. Er erhebt wieder einen totalen Anspruch. Die Opposition kaum wirksam. Die Presse gegängelt. Die Zukunft pessimistisch. Die Regionen Russlands Pulverfässer. Putins Autoritarismus feiert politische Urstände.  Ein Buch mit einer ungeheurer Sachkenntnis und Deutungsmacht geschrieben.

 

Leser Putinversteher, Putinkritiker, Platzek und Krone-Schmalz 

 

 

Verlag: Propyläen

Gewalt im Orient

Islamischer Staat und der Religionskrieg in der arabischen Welt  -  Sammelannotation

 

Fassungslos steht die Welt vor der Gewalt im Orient. Der selbsternannte Islamische Staat terrorisiert eine ganze Region. Der Religionskrieg zwischen den unterschiedlichen Ausprägungen des Islam erinnert an den Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa, mit seinen lange wirkenden Folgen. Alle fragen sich: Was ist dort los? Antworten fallen nicht leicht, andererseits gibt es sie – schnell und verkäuflich geschrieben – wie Sand am Meer. Jetzt ist eine Reihe von ernster zu nehmenden Büchern erschienen, die es zu annotieren gilt. Zwei stammen von den Journalisten Rainer Hermann und Michael Lüders, ausgewiesenen „Middle-East-Kennern“. Weitere haben zwei Islamwissenschaftler geschrieben: Wilfried Buchte, der für die UNO-Mission im Irak als politischer Beobachter eingesetzt war und Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Schließlich meldet sich Tahar Ben Jelloun zu Wort, der in Deutschland bestens bekannte marokkanischen Prix-Goncourt-Preisträger.

 

Allen Autoren geht es zunächst um die Frage, wie es zu dieser „Rückkehr zur Barbarei“ kommen konnte. Die Antworten fallen recht unterschiedlich aus. Am deutlichsten macht Michael Lüders die westliche Politik für die Radikalisierung im Orient verantwortlich. Er zeichnet die verfehlte, aggressive und ihrerseits gewalttätige Politik des Westens seit dem von der CIA und dem britischen MI 6 eingefädelten Sturz des ersten freigewählten iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh im Jahre 1953 bis in die jüngste Vergangenheit nach: „Wer den Wind sät...“. Auch Wilfried Buchte spricht den Westen nicht frei von Verantwortung für die gegenwärtigen Zustände vor allem im Irak. Er kann aus eigener Anschauung von den verheerenden Folgen der völlig verfehlten amerikanischen Besatzungspolitik nach dem zweiten Irakkrieg berichten. Die ohne individuelle Schuldprüfung erfolgte Entlassung aller Staatsdiener einschließlich der Lehrer und die Auflösung der Streitkräfte sei ein schwerer Fehler gewesen. Heute sind viele der damals übereilt entlassenen Offiziere in entscheidenden Kommandostellen der Truppen des Islamischen Staates.

 

Guido Steinberg legt den Schwerpunkt mehr auf die Darstellung der Funktionsweise und das Ausmaß der Bedrohung durch den IS. Er sagt eine lange Dauer des Kampfes bevor und zeigt einige strategische Komponenten hierfür auf. Rainer Hermann sieht die Ursachen für die Entstehung des IS vorwiegend im jahrzehntelangen Scheitern der Staaten in der arabischen Welt. Er macht als Versager die dortigen Eliten und als Verlierer die dortige Jugend aus. Gleichsam als Insider und als kulturelle Stimme legt Tahar Ben Jelloun („Papa, was ist der Islam?“) den Finger auf eine doppelte Wunde: Auch er beklagt die westliche, vor allem die US-amerikanische Politik gegenüber der ganzen Region. Und er sieht die Modernisierungsdefizite im Islam, seinen großen Abstand zu Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Es geht wohl gar nicht anders, als die Selbstheilungskräfte der arabischen Völker und der islamischen Gläubigen zu unterstützen. Die militärische Parteinahme in dem „Dreißigjährigen Krieg“ im Vorderen Orient scheint eine vergiftete Option zu sein. Der Westen hat schon zu viel Kredit in dieser Welt durch vielleicht kurzfristig wirksame Interventionen verloren. Die Hoffnung kann nur auf Millionen vernünftiger und auf ein friedliches Leben hoffender Menschen ruhen, die es zu unterstützen gilt.

 

Harald Loch

 

Wilfried Buchta: Terror vor Europas Toren                                        

Der Islamische Staat, Iraks Zerfall und Amerikas Ohnmacht

Campus, Frankfurt am Main/New York 2015   413 Seiten   22,90 Euro

 

Rainer Hermann: Endstation Islamischer Staat?                               

Staatsversagen und Religionskrieg in der arabischen Welt

dtv, München 2015   144 Seiten, 2 Karten   12,90 Euro

 

Tahar Ben Jelloun: Der Islam, der uns Angst macht

Aus dem Französischen von Christiane Kayser

Berlin-Verlag, 2015   128 Seiten   10 Euro

 

 

Michael Lüders: Wer den Wind sät                                                    

Was westliche Politik im Orient anrichtet

C.H. Beck, München 2015  175 Seiten, 1 Karte   14,95 Euro

 

Guido Steinberg: Kalifat des Schreckens                                          

IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror

Knaur, München 2015   208 Seiten   12,99

Zornige und herzenswarme Literaturkritik

Titel Marcel Reich-Ranicki Meine Geschichte der deutschen Literatur. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. DVA

 

Inhalt Der Rezensions-Nachlass von Marcel Reich-Ranicki, herausgegeben von Thomas Anz. Die porträtierten Autoren reichen von Walther von der Vogelweide bis Patrick Süskind.  

 

 

Autor Marcel Reich-Ranicki (Autor)

 

Marcel Reich-Ranicki, geboren 1920 in Polen, lebte von 1929 bis 1938 in Berlin. Nach der Deportation durch die Nazis überlebte er nur knapp das Warschauer Ghetto und kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück, wo er seine Karriere als Literaturkritiker startete: 1960 bis 1973 Literaturkritiker der „Zeit, bis 1988 Chef im Literaturteil der „FAZ“. Popularität gewann er durch „Das Literarische Quartett“ im ZDF. Leidenschaft und Deutlichkeit im Urteil waren sein Markenzeichen.  Seine Autobiographie "Mein Leben" wurde zum Millionenbestseller. Marcel Reich-Ranicki starb 2013 in Frankfurt am Main.

 

 

Thomas Anz (Herausgeber)

 

Thomas Anz, Jahrgang 1948, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur in Marburg und verfasste neben wissenschaftlichen Arbeiten zahlreiche Literaturkritiken und Essays für Zeitung und Rundfunk. Seit 1999 ist er Herausgeber der ersten Zeitschrift für Literaturkritik im Internet. Er veröffentlichte u.a. „Franz Kafka“ (1989), „Literatur und Lust“ (1998), „Literatur des Expressionismus“ (2002).

2010 gründete er die „Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland“ an der Universität Marburg.

 

Lesart Nach einer Zehnseiten-Einleitung und Einführung in die deutsche Literatur lesen wir die deutliche Kritikersprache des Kritikerpapstes Marcel Reich-Ranicki selbst. Meinungsstark, pointiert, faktenreich, aber nicht episch breit. Wer sich für Literatur interessiert, muss mindestens darin blättern und dennoch nicht immer der gleichen Meinung sein  wie Ranicki, dem umstrittenen Bestsellerautor und Fernsehkritiker.

 

 

Cover Grimmig schaut uns das Konterfei von Ranicki tief in die Augen, im dunklen Anzug gekleidet, warnt er uns eindringlich: Man muss mich lesen, dass man Bescheid weiß - auch nach meinem Tode.

 

Gestaltung 576 Seiten, keine Bilder, keine Illustrationen, reiner Text.

 

Zitat: „Der Literaturkritiker Reich-Ranicki war immer auch Literaturhistoriker.“

 

Meinung Nach der klugen Einleitung von Thomas Anz, die uns nochmals das Können und die Leistungen des Literaturkritikers anschaulich vor Augen führt, wählte der Herausgeber drei thematische Texte Ranickis, die sich mit dem HERZEN als Joker der deutschen Dichtung, mit dem Thema Juden in der Literatur und dem Motiv Frauen in der Literatur befassen. Damit sind die drei Herzensangelegenheiten des Kritikers als Einführung thematisch gesetzt. Ranicki argumentierte vom Herzen, von seinem Innersten her, das macht angreifbar, wenn Intellektuelle sich einmischen. Judentum macht ebenso leicht verletzlich und das Thema Liebe und Sex hat Ranicki niemals umgegangen, nein die Auseinandersetzung darum geradezu gesucht. Hölderlin, Schlegel, Kleist, Börne, Büchner, Heine, Kafka, Zweig, Tucholsky, um nur einige zu nennen, sind die großen Namen der deutschen Literatur, die von Rainicki porträtiert werden. Die Nachkriegsliteratur-Kapitel sind besonders umfangreich und reichen von Elias Canetti über Heinrich Böll und Erich Fried bis zu Jurek Becker, Handke, Hahn, Jellinek und Patrick Süskind. Eine klug zusammengestellte, interessante, lesenswerte Aufsatzsammlung, die sich nicht scheut auch die wahren oder vermeintlichen Irrtümer eines Kritikers zu benennen. Das Buch gehört in jede Bibliothekl!

 

Presse

 

»Eine kluge Auswahl [...] In jedem dieser Texte wird er erkennbar, in seiner intellektuellen Schärfe, der Unerbittlichkeit seines Urteils, aber auch in seinen Ängsten und Sehnsüchten.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.09.2014

 

»Sein ganzes Temperament ist darin, die Lautstärke, die Empörung, die Freude an der Arbeit, seine Begeisterung, die Liebe zur Klarheit, Verachtung alles Dunklen und Raunenden.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.09.2014

 

»Eine Literaturgeschichte aus der Feder Reich-Ranickis? Nein, die dringend nötige Rehabilitierung des Kritikers. […] Ein sehr lesenswertes Buch.«

Süddeutsche Zeitung, 11.10.2014

 

»Vorgestellt mit dem Temperament, Witz und Scharfblick eines Ausnahmekritikers.«

Focus, 06.10.2014

 

»Marcel Reich-Ranickis Literaturgeschichte ist eine Liebesgeschichte, die Geschichte eines enthusiastischen und zornigen Liebhabers der deutschen Literatur.«

literaturkritik.de, 09.09.2014

 

»Eine Sammlung wichtigster und bester Essays aus der Feder des berühmten Kritikers.«

Hellweger Anzeiger, 13.09.2014

 

»Stets sucht Reich-Ranicki anhand des Werkes das Wesen des Verfassers zu ergründen. Der Band [bietet] einen tiefen Einblick ins Denken und Fühlen des Kritikers.«

Märkische Allgemeine, Nina May 13.09.2014

 

»Reich-Ranicki schrieb als Literaturhistoriker und Literaturkritiker zugleich, entwickelte in meinungsstarken Texten stets eine originelle These, die er den Lesern wie eine kostbare Fundsache vorstellte.«

General-Anzeiger, 06.09.2014

 

»Das Entzücken des Lesers ist auch das Entzücken, das aus seinen Texten zu uns kommt. Dieses Buch zeigt es auf besondere Weise.«

Freie Presse, 24.09.2014

 

Leser Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, Literaturstudenten und deren Professoren, Martin Walser und Günter Grass, Literaturbegeisterte und ganz einfach Leser.

 

Leseprobe http://www.randomhouse.de/Buch/Meine-Geschichte-der-deutschen-Literatur-Vom-Mittelalter-bis-zur-Gegenwart/Marcel-Reich-Ranicki/e465812.rhd?mid=4&serviceAvailable=true&showpdf=false#tabbox