Sachbücher

 

Neuerscheinungen auf dem Sachbuchmarkt

Lesen und Lesen lassen

Martin Latham ist seit fünfunddreißig Jahren Buchhändler. Er ist promovierter Indologe und lehrte an der Universität von Hertfordshire, bevor er sich entschied, Buchhändler zu werden, beschreibt DUMONT das Leben und Wirken des Autors kurz und knapp. 


Dabei hat der Autor unglaublich viel an Sachkenntnis zu bieten, mehr als diese kurze Lebensbeschreibung des Verlags verspricht. Er blättert in seinem rasanten Rundumblick in die fabelhafte Welt der Bücher eine Vielfalt von Themen auf, die ihresgleichen sucht. 


Er entdeckt Trostbücher zum Beispiel aus der Kindheit oder der Zeit des unglücklich Verliebt-seins. Oder Trostbücher, die Kriegskameraden in den Schützengräben unter sich austauschten. Latham berichtet über lesende Arbeiter und Frauen, über Zensurmaßnahmen und die Macht der Männer durch die Jahrhunderte. Er spürt Autoren nach und bietet Zitate aus den umfangreich aufgelisteten Beispielbüchern. Rousseau weiß etwa, dass Bücher Selbstbewusstsein fördern können. 


Selbst Groschenromanen mit ihrem eigentümlichen Reiz weist der Autor eine Sinnhaftigkeit zu. Die kleinen Büchlein („chapbooks“) mit Gespenster- und Kriminalgeschichten, Texten zu Ritterzügen, von Prinzessinnen und der Liebe und vielem anderem mehr sind Lesekost durch alle Zeiten. Der Geist der Groschenromane findet heute sogar seine Kunstform in der Graphic Novel, schreibt der Autor.


Ob Straßenmarkt oder Kleinbuchhandlung, ob Amazon oder Bouquinisten am Seineufer in Paris, Lantham bezieht sie alle ein und lässt uns auch teilhaben an manchem Kundengespräch in seiner oder in Buchhandlungen von Kollegen. Bibliotheken sind für ihn ein Traum. Ein Traum zwischen Welten, die es immer wieder neu zu entdecken gilt. Dabei geht seine Traumdeutung vom 7. Jahrhundert vor Christi im Reich des assyrischen Königs, über die Badehäuser im Mittelalter bis zur British Library, die den Lesern abverlangt: „Führen Sie keine Stichwaffen mit sich und blättern Sie leise um.“ 


Lantham, der Prototyp des Bücherwurms gräbt vieles aus und bringt Ordnung ins Chaos. Er analysiert die stille Leidenschaft der Sammler und beschreibt leidenschaftlich die lohnenswerte Stille beim Lesen und „Das-sich-selbst- Finden“ dabei in irgendeiner selbst gewählten Leseecke.
Wir bekommen sogar mitgeteilt, wann und wo Mick Jagger, Van Morrison oder Madonna den Buchladen betraten und was sie dort suchten und fanden. 


Bücher sind Türen zu anderen Welten schreibt der Büchernarr, der weiß, was mittelalterliche Marginalien wert sind, der als Autor einen unglaublich breiten kulturgeschichtlichen und literaturhistorischen Hintergrund aufweist und dabei nicht vergisst, auch darauf hinzuweisen, dass Bücher auch Gebrauchsspuren aufweisen können und dürfen, ob Eselsohren, Fett auf Covern oder Reingekritzeltes, alles das findet Lantham auch erwähnenswert. Kernsatz: „Wir sollten unsere Bücher mit unserer DNA versehen. Sie könnte eines Tages das Einzige sein, was wir hinterlassen.“ 

 

Nun werden Sie sich vielleicht wundern, warum ich in dieser Rezension nicht einen einzigen erwähnten Buchtitel benenne oder Autor empfehle. Der einzige Grund ist, kaufen Sie dieses Buch und lassen Sie sich selbst inspirieren und zum Lesen verführen. 

 

 

Jedem ist ein Kraut gewachsen

 

Also, das Bild aus meiner Schülerzeit – verdammt lang her - habe ich immer noch im Kopf, unser schlanker, schon etwas älterer Biolehrer turnte mit von der freien Natur gegerbter Haut flink durch Felder und Wiesen, schwang mit einem Kächer-Netz durch die Lüfte, fing Schmetterlinge und bewies uns damit die Naturvielfalt. Meist ließ er sie wieder frei. Oder aber auch zum Nutzen der Naturwissenschaft mit einer Nadel aufgespießt. 


Am Wegesrande zeigte er uns dann beiläufig die Wildkräuter-Vielfalt, erzählte etwas von Gottes schöner Natur, aber vom Essen war nicht die Rede. 


Das tut Manuel Larbig in seinem Wildkräuter Guide um so lieber, denn Rauke, Rapunzel, Klee oder Klette, Knöterich oder Franzosenkraut wachsen im Wald, auf der Wiese und am Wegesrand, und dürfen als gesunde Wildlinge verzehrt werden.


Das auffallend schön und attraktiv und farbig aufgemachte Buch, bei Penguin erschienen, bietet Begründungen, warum wir Wildkräuter sammeln sollen, unterscheidet gesunde und giftige Kräuter, weist auf Umweltgefahren wie Autogase oder den Fuchsbandwurm hin, widmet ein ganzes Extrakapitel dem Thema Schwangerschaft und Stillzeit und serviert am Ende einen Schnellkurs im Bestimmen von Pflanzen.
Pflanzen-Steckbriefe zeigen uns zusätzlich in Text und Bild, um welche Wildlinge es sich in der Natur handelt und wozu sie nütze sind, versehen mit kulinarischen Hinweisen, in welchen Menüs sie wie verwendet werden können.

  

Meinem alten Bio-Lehrer hätte das Buch sicher gefallen (mir gefällt es übrigens auch sehr), aber von ihm käme dann der konstruktive Vorschlag, lieber Herr Larbig, machen Sie jetzt ein Buch über Schmetterlinge. Das sehe ich auch so. 

 

Manuel Larbig, Jahrgang 1987, ist Biologe, Wildkräuternarr und Outdoorexperte. Im Raum Berlin führt er Wildkräuterworkshops und Survivalkurse durch. Sein Hang zu Naturerlebnissen mit Minimalausrüstung brachten ihn dazu, ohne Zelt und Schlafsack einmal quer durch Deutschland zu wandern, worüber er in seinem Buch berichtet, um noch mehr Menschen für die Natur zu begeistern.


Manuel Larbig Mein Wildkräuter-Guide Von Rauke, Rapunzel und anderen schmackhaften Entdeckungen am Wegesrand. Mit vielen Sammel-Tipps für Wald, Wiese und Großstadt Penguin

Das große EINMALEINS


Wurzelbehandlung in der Renaissance? Thomas de Padova schreibt nicht über Zahnärzte oder Barbiere, die in der Renaissance noch Zahnbehandlungen mehr oder weniger schmerzhaft vornahmen. Er schreibt in seinem Buch „Alles wird Zahl“ über die Neuerfindung der Mathematik in der Renaissance. Aus bereits weit fortgeschrittenen griechischen Ursprüngen und deren Weiterentwicklung in der arabischen Hochkultur des Mittelalters entwickelt sich die Mathematik in einem europäischen Kulturaustausch zwischen Italien und Deutschland zu der alle Zukunft entscheidenden Wissenschaft. Der 1965 in Neuwied geborene Autor ist Wissenschaftshistoriker. Seine italienischen Wurzeln – noch einmal andere! - hat er in dem seiner aus Süditalien stammenden Großmutter gewidmeten Buch „Nonna“ gewürdigt. Jetzt geht es ihm um drei Neuerungen der Renaissance, die aus deren Vielzahl hervorragen: Die Erfindung des Buchdrucks, die Entdeckung der Zentralperspektive und die Herausbildung der mathematischen Formelsprache. 


In seinem spannend geschriebenen, sich nicht nur an mathematisch Fortgeschrittene wendenden Buch verknüpft er diese drei Errungenschaften zu einer anderen Sicht auf die Renaissance, die nicht in Museen oder Bauwerken zu bewundern ist. Wenn er Leonardo da Vinci oder Dürer ein ganzes Kapitel widmet, dann geht es ihm um die Zentralperspektive, um die zweidimensionale Darstellung des dreidimensionalen Raums. „Für Leonardo gehört der geometrische Beweis zu den schönsten Geschenken, die uns unser Denkvermögen gemacht hat.“ De Padova wertet dieses Geschenk und die Zentralperspektive als eine nicht nur die bildende Kunst revolutionierende Weiterentwicklung antiker Erkenntnisse der Geometrie.

 

Die stand im Mittelpunkt der griechischen Mathematik. In der Renaissance bildete sich die Welt der Zahlen – nicht mehr der römischen, mit denen man nicht rechnen konnte, sondern der indisch-arabischen – vollkommen neu. De Padova verfolgt den Weg von dieser einschneidenden Neuerung, von der Einführung der Null, der Entdeckung von negativen Zahlen, Brüchen, der unendlichen Vielzahl bis zu den irrational anmutenden Fragen, ob man aus negativen Zahlen eine Quadratwurzel ziehen kann, oder wie man Gleichungen wie x³ + x = 6 lösen kann. 


Das alles ist von Menschen entwickelt worden, deren Namen heute selbst Mathematikern nicht mehr bekannt sind: Regiomontanus aus dem fränkischen Königsberg (daher sein latinisierter Name), Michael Stifel (ein Freund Martin Luthers) oder Girolamo Cardano, der nicht nur Mathematiker und Arzt, sondern auch Erfinder war. Die „kardanische Aufhängung“ oder die Kardanwelle erinnern noch an seine Innovationskraft.


Das war eine aufregende Zeit. „Vor allem beschleunigte der Buchdruck die Wissenszirkulation in Europa in nie da gewesener Weise. Und da bereits im Jahr 1556 auf dem neu entdeckten amerikanischen Doppelkontinent jenseits des Atlantiks ein Rechenbuch gedruckt wird, das quadratische Gleichungen enthält, erobert die neue Algebra bald die ganze Welt.“ De Padova erzählt von dieser aufregenden Zeit voller Wissen und Begeisterung, die auf jeden Leser überspringt, der einen Sinn für kulturgeschichtliche Revolutionen hat. Diese Entwicklung wurde durch den intensiven Austausch über die Alpen hinweg gefördert. Aus Deutschland gelangte sehr bald nach seiner Erfindung der Buchdruck mit bewegten (nicht „beweglichen“, wie de Padova zutreffend anmerkt) Lettern nach Italien. Von dort kam die Papierherstellung in den Norden – zwei Voraussetzungen für exponentielle Entwicklung der Buchkultur. Zu den ersten gedruckten Büchern gehörten die bis dahin nur in Handschriften existierenden Klassiker der Mathematik wie Euklid oder Archimedes.

 

Deren Verbreitung wie die Werke der Renaissance-Mathematiker schufen die Basis für eine neue Formelsprache der Mathematik. De Padova würdigt diese Wissenschaft als wohl die Einzige, die in ihrer geschichtlichen Entwicklung keine Fehler oder falsche Aussagen hat korrigieren müssen. Was nicht erklärt oder nicht „gerechnet“ werden konnte, blieb als Problem für die folgenden Generationen. Wie sehr die heutige von der „Neuerfindung der Mathematik in der Renaissance“ profitiert, deutet der Autor noch an. Wie wenig das damals angehäufte Wissen heute noch in der Zeit der „Rechner“ Allgemeingut ist, bedauert er und leistet einen schönen Beitrag zur Abhilfe dieses von ihm beklagten Missstandes.


Harald Loch
 
Thomas de Padova: Alles wird Zahl
Wie sich die Mathematik in der Renaissance neu erfand
Hanser, München 2021   382 Seiten   25 Euro

Ursula Schulz-Dornburg/Martin Zimmermann:  Die Teilung der Welt   Zeugnisse der Kolonialgeschichte


 
Was hat der weiße Elefant mit der NASA zu tun? Und was um des Himmels Willen mit dem hinreißend schönen Renaissancegebäude, dessen Abbild den Deckel eines neugierig machenden Buches ziert? Ursula Schulz-Dornburg hat das Foto hierzu beigesteuert und viele andere künstlerisch wertvolle Lichtbilder von dem Archivo General de Indias in Sevilla. Seit 1785 sind hier 300 Jahre spanische Kolonialgeschichte in Amerika archiviert. Es enthält neben etwa 90 Millionen Dokumente auch 8000 Karten. Die Fotos zeigen ein prächtiges zweigeschossiges Gebäude, dessen Proportionen traumhaft in die plaza davor passen. Das Archiv in Sevilla ist ein Monument der längst vergangenen Macht.


Vom Inneren des Archivgebäudes, das zuvor als glanzvolle Börse der Kolonialhändler genutzt wurde, zeigen die Fotos langgestreckte Räume mit reich verzierten Tonnengewölben, mit Regalen für die Dokumentenmappen und Sichttruhen von handwerklicher Meisterhand. In kleine Erker fällt von außen helles Leselicht. Dann wirft die begnadete Fotografin einen Blick in die Regale, auf die beschrifteten Rücken der Mappen: „Audiencia Mexico“, „Contratacio“ oder „Buenos Aires“, „Cuba“ oder „Santa Fe“. Hier ist alles gesammelt, was von der ebenso glanzvollen wie grausamen Kolonialgeschichte Spaniens zeugt. Die begann mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, dessen Bordbuch hier aufbewahrt ist. Auch der berühmte Vertrag von Tordesillas aus dem Jahre 1494 liegt hier. In ihm einigten sich die Könige Portugals und Spaniens unter Vermittlung des Papstes auf die titelgebende „Teilung der Welt“ durch eine Linie durch den Atlantik. 


Hier kommt Martin Zimmermann, der Mitautor des Buches, ins Spiel, der nicht nur die wechselvolle Geschichte dieses Vertrages nachzeichnet, sondern in kleineren Essays Wissenswertes über solche „Teilungen“ in der Antike und der Neuzeit mitteilt. Sie handeln von der Vermessung der Welt – und der Vermessenheit der Herrschenden, sie unter sich aufzuteilen. Die Berliner Kongokonferenz von 1884/85 teilte Afrika unter den Kolonialmächten auf, die die Afrikaner natürlich nicht an den Verhandlungen beteiligten und das Sykes -Picot Abkommen von 1916, das die Interessensphären Englands und Frankreichs im Orient absteckte, sind Beispiele, wie lange und verheerend solche Hybris nachwirken kann.


Zimmermann ruft im Kontrast zu diesen Aufteilungen der Erde den Freudenausruf des NASA Astronauten William Anders vom 24. Dezember 1968 auf, als hinter dem Mond plötzlich die Erde zu sehen war: „Oh, my God! Look at that picture over there. Here’s the earth coming up! Wow, is that pretty!” Es entstand das berühmte NASA Foto AS8-14-2383HR. Ungeteilt – wie schön! Zimmermann wendet sich wieder dem Archiv, der Aufteilung der Welt und der spanischen Kolonialgeschichte zu. Er berichtet über die Grausamkeiten der Kolonisierung aus der Perspektive des zeitgenössischen Kolonialkritikers, des Dominikaners Bartolomé de las Casas, des ersten Bischofs von Mexico, der für die Rechte der Indios eintrat. Zimmermann ist Althistoriker an der LMU München und 2021 Sprecher des Deutschen Historikertags.

 

Er hat auch die Rolle des Papstes in der Weiterentwicklung des zu ungenauen Vertrages von Tordesillas untersucht. König Manuel I. der kolonialen Konkurrenzmacht Portugal ließ Papst Leo X. im Jahre 1514 kostbare Geschenke überbringen, um ihn für die Vermittlung im Streit mit Spanien geneigt zu stimmen. Zimmermann beschreibt dann sehr unterhaltsam das Aufsehen, das das Paradestück unter den Geschenken erregte: Es war ein vierjähriger weißer Elefant aus den indischen Kolonien Portugals, der durch die Entdeckung des Seeweges um das Kap der Guten Hoffnung durch Vasco da Gama per Schiff nach Portugal gekommen war. Etwa gleichzeitig entdeckte Ferdinand Magellan im Auftrag der spanischen Krone den Seeweg um Südamerika. Beide Kolonial- und Seemächte trafen also nicht nur im Atlantik sondern auch im Pazifik und im Indischen Ozean aufeinander und bedurften der päpstlichen Schlichtung.
Das gut gestaltete Buch mit den schönen Fotos Ursula Schulz-Dornburgs und den das Thema „Aufteilung der Welt“ großzügig in den Blick nehmenden Essays Martin Zimmermanns lädt zum Nachdenken über eine Zeit nach, die bis heute nachwirkt. 


Harald Loch


Ursula Schulz-Dornburg/Martin Zimmermann: 
Die Teilung der Welt   Zeugnisse der Kolonialgeschichte
Wagenbach, Berlin 2020    153 Seiten    zahlr. s/w Fotos   28 Eur

 

Erdgas-Ansprüche im Mittelmeer

 


 
Am Mittelmeer liegen die Wiegen von Kulturen und Religionen. Sein östlicher Teil ist das Scharnier zwischen drei Kontinenten: Europa, Asien und Afrika. Der in Istanbul ansässige Nahostexperte Thomas Seibert beobachtet von seinem Logenplatz den aktuellen Machkampf, in den nicht nur die Anrainer sondern auch Großmächte verwickelt sind. Was in den Küstenländern passiert, findet im Meer seine Fortsetzung. Zwei „gescheiterte Länder“ (der Libanon und Libyen) wecken Begehrlichkeiten, zwei NATO-Mitglieder (Griechenland und die Türkei) pflegen ihren seit den 1920er Jahren gewachsenen Erbkonflikt. Eine Hälfte Zyperns gehört zur EU, die andere eher zur Türkei. Drei regionale Schwergewichte (Ägypten. Der Iran und die Türkei) versuchen eigene Akzente der Hegemonie zu setzen. In Syrien und Libyen toben von Außenstehenden geschürte Bürgerkriege. Zwischen Israel und Palästina wie dem Großteil der arabischen Welt herrscht der kriegsähnliche Dauerkonflikt. Hier sieht Seibert nach dem noch von Trump eingefädelten Abkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten allerdings eine grundlegende Wende zum Besseren für Israel und einen Rückschlag für die Palästinenser.

 

Über das Mittelmeer führen seit der Eröffnung des Suezkanals wichtige Schiffsrouten und kreuzen die prekären Flüchtlingswege. Dieses Pulverfass beschreibt der Autor kenntnisreich im zeitgeschichtlichen Kontext. Er nimmt den schon vor Trump einsetzenden Rückzug der USA wie die unter Putin erfolgte Rückmeldung Russlands wahr. Seibert beklagt die Zerstrittenheit und Perspektivlosigkeit der Europäischen Union. Er fordert angesichts der hilflos anmutenden Nahost-Politik der EU bzw. ihrer Mitgliedsländer den dringenden Bedarf einer einheitlichen Außen- und Militärpolitik Europas. Als Beispiel nennt er Frankreichs und Italiens von widerstreitenden nationalen (Öl-)Interessen im Libyen-Konflikt bestimmte Politik. 


Wie sich das alles auf die seerechtlichen Verhältnisse in dem wegen der zahlreichen Inseln sehr engen östlichen Mittelmeer auswirkt, machen zwei Karten anschaulich. Die eine zeigt beiden Mittelmeerrouten der nach Europa strömenden Flüchtlinge. Die andere zeigt die seerechtlichen Gebietsansprüche Griechenlands, der beiden Staaten auf Zypern und der Türkei sowie die Grenzen eines libysch-türkischen und eines griechisch-ägyptischen Seerechtsabkommens.

 

Alle beanspruchten Meeresflächen überschneiden sich mehrfach, sind nicht kompatibel. Flottenmanöver der Kontrahenten weisen auf den Ernst der Lage. Auslöser dieser unvereinbaren Begehrlichkeiten sind vermutete bzw. bereits entdeckte Erdgaslagerstätten unter dem Meeresboden. Betroffen sind Griechenland, die Türkei, zweimal Zypern, Libyen, Israel, der Libanon und Ägypten. Solange diese Energieträger die Weltwirtschaft treiben, sind friedliche Lösungen in den aufgeladenen nationalistischen Rivalitäten   unwahrscheinlich. Erschwert wird eine Lösung, weil die Türkei dem internationalen Seerechtsübereinkommen im Gegensatz zu Griechenland nicht beigetreten ist. Es bleibt beim Machtkampf am und im Mittelmeer. In ihm bilden sich z.T. widersprüchliche Koalitionen. In Libyen unterstützen die Türkei, Russland und Italien die Regierung in Tripoli, während Frankreich und die Vereinigten Arabischen Emirate die Aufständischen unterstützen. In Syrien helfen Russland und der Iran dem Machthaber Assad, die Türkei steht hier – auch weil es gegen die Kurden geht – auf der Gegenseite.

 

Im Libanon ist alles noch verwirrender. Neben die staatlichen Rivalitäten treten die religiösen, vor allem die zwischen Schiiten (Iran) und Sunniten (Saudi Arabien). Deren terroristische Ableger wie Hisbollah oder Hamas, aber auch der weitgehend zurückgedrängte sogenannte Islamische Staat führen z.T. auf eigene Faust Kriege, meist gegen Israel. Mit einer gewissen Bewunderung blickt Seibert auf Russland: „Putin kann hier mit jedem reden“. Die USA haben sich viel verscherzt und wollen mit „Middle East“ nichts mehr zu tun haben. Europa hüllt sich meist in perspektivloses Schweigen. Ein alarmierendes Buch!

 

Harald Loch


Thomas Seibert: 
Machtkampf am Mittelmeer. Neue Kriege um Gas, Einfluss und Migration
Ch. Links Verlag, Berlin 2021   239 Seiten   2 Karten   18 Euro

 

Chronik eines angekündigten Todes

Nach SPIEGEL-Methode sind wir als Leser an der Seite der Journalisten, erleben Recherche und Interviews, Demonstrationen und Beschlusshandeln mit, hören Bürger und Politiker, nehmen an Demos teil, vernehmen die Argumente der Leugner und Grundrechtsbeschützer.

Kurzum es ist ein farbiges, detailreiches, interpretatorisches Panorama einer Pandemie und ihrer Wirkungen entstanden, deren letztes Kapitel noch nicht geschrieben ist.

 

So ist die Unterschlagzeile auf dem Buchcover derzeit falsch: Wie Deutschland knapp der Katastrophe entkam. Die aktuelle Lage sieht nicht danach aus.

 

Was bilanzieren die Autoren: Die Grundrechte wurden auf die Schnelle außer Kraft gesetzt. In der Vorbereitung auf die Pandemie haben die Politiker geschlampt, verzögert, verschleppt. Lange haben sie am Parlament vorbei regiert. Bei der föderalen Ordnung überwiegen die Vor- statt die Nachteile, aber sie erzeugt auch Länder-Durcheinander. Die Digitalisierung hat Deutschland verschlafen Die Politik entwickelte nach und nach ein Glaubwürdigkeitsdefizit. Am Ende stehen fehlende Gewissheiten, ja es taucht gar die Frage auf, ob wir uns auf das Ende eines aufgeklärten Zeitalters zubewegen. Die Menschen suchen sich ihre eigenen Erklärungen und Erzählungen. Die Wahrheit, das Objektive bleibt auf der Strecke. Der Staat agiert als zentraler Wirtschaftslenker. Und was die Europadimension angeht, stehen dem gemeinschaftlichen Krisenmanagement die nationalen Eigeninteressen im Wege. Corona decouvriert auch die Schieflagen im deutschen Bildungssystem.

 

Das Buch ist also eine vorläufige Corona-Pandemie-Bilanz, in SPIEGEL-Manier flott geschrieben, faktengesättigt, meinungserprobt, solides journalistisches Handwerk, mit dem einzigen Nachteil: Das Ende fehlt, das Schlusskapitel, es kann halt noch nicht geschrieben werden, erst recht nicht, wenn sich die Lage erneut wie derzeit sehr zuspitzt.

Fazit der SPIEGEL-Reporter: In der ersten Welle haben wir die Bewährungsprobe bestanden, das System war flexibel genug, um die Bürger zu schützen - bei allen Schwächen, Versäumnissen und Irrtümern.

 

Fazit des Virologen Christian Drosten über diese erste Phase: „There is no glory in prevention.“ Was werden wir dereinst über die zweite Welle urteilen, in der wir gerade stecken. „Shame and blame and no prevention!“ ???

 

Schlusssatz: „Das Virus hinterlässt Verheerungen, tötet Menschen, vernichtet Existenzen, es spaltet die Gesellschaft. Eigentlich aber könnte es das Zeug zu einer Art neuem Gründungsmythos haben.“ 

 

Christoph Hickmann/Martin Knobbe/ Veit Medicke (Hg)LOCK DOWN Wie Deutschland in der Coronakrise knapp der Katastrophe entkam SPIEGEL Buchverlag dva

Flüchtlinge, das sind wir alle 

Das ist die große Stärke des Autors Andreas Kossert, die Nähe zu seinem Thema, er lässt viele Flüchtlinge aus allen Regionen dieser Welt zu Wort kommen, er versteht es außerordentlich, lebensnah und spannend zu formulieren. Doch was aus all den Flüchtlingsströmen weltweit politisch zu folgern ist, da verhält Kossert sich als Historiker zurückhaltend, widmet dem kein einzelnes Kapitel, sondern nur ein paar Sätze, und weil sie dennoch wichtig sind, sollen sie hier in einem ausführlichen Zitat erwähnt werden: „In jedem Menschen, sagt Rupert Neudeck, steckt ein Flüchtling, viele tragen eine Fluchtgeschichte in sich.

 

Das Flüchtlingsschicksal ist in vielen Gesellschaften Teil der kollektiven Erfahrung. Das könnte Anlass für mehr Mitgefühl und andere Verhaltensweisen sein. Flucht und Vertreibung als Geißel der Menschheit zu ächten, könnte bewirken, sie bereits im Entstehen zu unterbinden und ihre Ursachen zu bekämpfen, statt immer nur noch höhere Zäune und Mauern zu errichten. Am Umgang mit Flüchtlingen lässt sich ablesen, welche Welt wir anstreben. Tag für Tag offenbaren sie, wie es wirklich um unseren Planeten bestellt ist. Wieviel Ablehnung Flüchtlinge erfahren, lässt Rückschlüsse zu auf die tiefsitzende Angst der Aufnehmenden, selbst einmal entwurzelt zu werden. Flüchtlinge und ihre Geschichten stehen deshalb für eine alternative Erzählung, die die bislang dominierenden Deutungsmonopole sesshafter Gesellschaften zumindest ergänzen kann. Flüchtlinge und das, was sie erleben und erleiden, führen uns vor Augen, wie zerbrechlich unsere scheinbar so sichere Existenz ist. Sie verschieben die Sicht auf die Welt, weil sich mit jeder Fluchtgeschichte und jedem einzelnen Flüchtling die Frage stellt, wie fest wir wurzeln.“


Kossert schlägt inhaltlich den großen Bogen, vom Flüchtenden in der Menschheitsgeschichte bis zum Flüchtling der Moderne. Er bietet Begriffsklärungen, schildert das Weggehen, Ankommen und Weiterleben an vielen Beispielen, in vielen Regionen und historischen Zusammenhängen. Und dabei bleibt eine Tatsache immer gleich: „Flüchtlinge, ganz gleich, ob es sich um Fremde oder Landsleute handelt, sind gewöhnlich nicht willkommen. Daran hat sich im Laufe der Jahrhunderte nichts geändert.“ 


Die Ansässigen, die Sesshaften, fühlen sich in ihrer geordneten Welt gestört, entwickeln Abwehrgefühle, beschimpfen die Eindringlinge als Illegale und Asoziale. Die Flüchtlinge werden nicht als einzelne Person, als Individuum wahrgenommen, sondern als Repräsentant eines anonymen Kollektivs.


Rupert Neudeck, selbst Flüchtling und Retter der Boat-People aus Vietnam und Journalistenkollege beim Deutschlandfunk bringt es auf den Punkt: „… in uns allen steckt ein Flüchtling.“ Auch Auslandsdeutsche, die deutsche Familienwurzeln haben, etwa die aus Russland, Ostpreußen oder Pommern werden als Fremde wahrgenommen. Vierzehn Millionen deutsche Vertriebene sind nach dem Kriegsende zu integrieren. Erfolgreich! 


Kossert sammelt Zeitzeugnisse, wertet Gespräche aus, zitiert auch aus der Literatur Flüchtlingserfahrungen vielfältigster Art. 
Wir erkennen beim Lesen dieses Buches eine Art Flüchtlingstypologie: Was das Typische, das Immergleiche an Flüchtlingsströmen? 


Einige seien hier als Beispiele genannt: „Der Flüchtling ist ein Entwurzelter, den der Schatten der Erinnerung niemals verlässt …“
„Es kann jeden treffen, deshalb gehen die Geschichten von Flucht und Vertreibung alle an.“


„Flüchtlinge verlieren ihre Heimat meistens für immer. Sofern sie die Strapazen der Flucht überleben, retten sie sehr oft kaum mehr als das nackte Leben. Dass Überleben möglich ist, ist der entscheidende Unterschied zwischen Vertreibung und Genozid.“ 


Es beginnt mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies, pardon von Eva und Adam, führt über Eroberungszüge, Pogrome, Religionskriege, Hugenottenflucht, Versklavung afrikanischer Völker, ethnische Säuberungen, Massenvertreibungen, Kriegsszenarien, Rassegesetze, Armutsflucht bis hin zu Massenbombardements und zum Genozid heutiger Tage. 


Kossert diskutiert den Heimatbegriff, die Herkunftssituation. Trotz ultramobiler Gesellschaft per Flugzeug, Auto und Bahnverkehr wandern 2015 Flüchtlinge zu Fuß durch ganz Europa, wie einst das Volk Israel nach der Flucht aus Ägypten. (Navid Kermani) mit Angst, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung im Gepäck. 


Kossert fällt auch auf, dass Frauen oft die Hauptlast der Flucht tragen - physisch und emotional. Immer gehört auch sexuelle Gewalt zum Flüchtlingsgeschehen, ob nach den Vertreibungen Deutscher aus dem Osten, ob im Jugoslawienkrieg, in Ruanda oder in Libyen, aber auch an den jesidischen Frauen. Sogar in Lagern wird die sexuelle Erniedrigung des Gegners als Gewalt- und Machtmittel eingesetzt. 
Während Urlauber an die Strände des Mittelmeers jetten, sieht es auf dem Meer so aus: „Hier retten wir Leben. Auf See ist jedes Leben heilig. Wenn jemand Hilfe braucht, retten wir ihn. Hautfarbe, Rasse, Religion – völlig egal. Das ist das Gesetz des Meeres“, schreibt der Autor Davide Enia in „Schiffbruch vor Lampedusa“.


In der Biographie des armenisch-französischen Chansonnier Charles Aznavour heißt es: „Wenn man ein Kind von Emigranten oder Staatenlosen ist, hat man nur einen Wunsch: die Wurzeln, die aus der Heimat gerissen wurden, in die Erde zu pflanzen, auf die es uns verschlagen hat, und hier zu neuer Blüte zu bringen. Auf neuem Boden gedeihen, ohne die eigene Kultur und Vergangenheit zu verleugnen – das nenne ich Integration.“


Ein umfangreiches, bewegendes, aufrüttelndes, aufklärerisches Zeitzeugen-Buch, das beweist, Flüchtlingsströme waren auf dem Globus immer schon unterwegs. Nicht alle kommen an.  


Andreas Kossert, geboren 1970, studierte Geschichte, Slawistik und Politik. Der promovierte Historiker arbeitete am Deutschen Historischen Institut in Warschau und lebt seit 2010 als Historiker und Autor in Berlin. Auf seine historischen Darstellungen Masurens (2001) und Ostpreußens (2005) erhielt er begeisterte Reaktionen. Zuletzt erschienen von ihm der Bestseller »Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945« (2008) sowie »Ostpreußen. Geschichte einer historischen Landschaft« (2014). Für seine Arbeit wurde ihm der Georg Dehio-Buchpreis verliehen.

 

Andreas Kossert Flucht – Eine Menschheitsgeschichte SIEDLER

 

Deutschlandfunk

https://www.deutschlandfunkkultur.de/historiker-ueber-fluechtlinge-nach-dem-zweiten-weltkrieg.1008.de.html?dram:article_id=476096

 

 

Lesetermine

 

15. Okt. 2020
ONLINE: Andreas Kossert zu Gast auf dem Blauen Sofa
17:00 Uhr | Berlin | Lesungen
Andreas Kossert
Flucht – Eine Menschheitsgeschichte


26. Okt. 2020
Andreas Kossert zu Gast in der Villa Quandt
20:00 Uhr | Potsdam | Lesungen
Andreas Kossert
Flucht – Eine Menschheitsgeschichte

Russlands Rechtsstaatlichkeit

Machen wir zunächst eine Begriffsklärung: „Matrosenruhe“ heißt das „Untersuchungsgefängnis Nr. 1 des Föderalen Strafvollzugsdienstes Russlands in der Stadt Moskau“ in der Knastsprache. „Telefonrecht“ bedeutet, dass die Gewaltenteilung und Unabhängigkeit der Justiz in Russland nur auf dem Verfassungspapier steht. In Wirklichkeit ist es so: Hohe staatliche Instanzen wollen wissen, wie Gerichtsverfahren ausgehen, und teilen dies am Telefon mit. Die Zimmer der Geschworenen werden abgehört. Es werden absichtlich formale Fehler in den Prozeßverlauf eingebaut, damit es später Anfechtungsgründe gibt, um ein nicht erwünschtes Urteil aufzuheben.


„Seine Beschreibung des Gerichtsalltags und der brutalen Haftbedingungen gerieten zu einem erschütternden Dokument über den russischen Unrechtsstaat“, schreibt Manfred Quiring im Vorwort. Er war langjähriger Korrespondent deutscher Tageszeitungen in Moskau. 
Es wurden 700.000 Fälle in Russland registriert, bei denen Unternehmen illegal übernommen oder ausgeplündert wurden. Wladimir Perewersin wird im Jukos-Verfahren gegen Chodorkowski zum „Bauernopfer“, weil er nicht gegen Chodorkowski aussagen will, sich nicht zum gekauften Zeugen machen lässt. Er bezahlt das mit einer zugesprochenen Strafe von mehr als elf Jahren Freiheitsentzug in einer „Besserungskolonie mit strengem Vollzug“, Straferlasse durch Änderung der Gesetze bewirken jedoch, dass er „nur“ sieben Jahre und zwei Monate in russischen Gefängnissen absitzen muss. 


Während seiner Gefangenschaft stirbt sein Vater, sein Sohn wächst ohne ihn auf. „Mein Leben wurde zerstört, meine Gesundheit ist ramponiert, die Karriere ruiniert.“ „Es klingt absurd, aber es hätte jeden beliebigen Mitarbeiter der Gesellschaft statt meiner treffen können. Doch die Wahl fiel auf mich.“ Seine innerliche Stärke lässt ihn überleben. 
Wladimir Perewersin baute eine Filiale des Ölunternehmens in Zypern auf. Er war zuständig für die Auslandsschulden. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautete, über Tochterfirmen Rohöl für einen zu niedrigen Preis aufgekauft und dann wieder teuer weiter verkauft zu haben. Die Staatsanwaltschaft interpretierte den Jukos-Fall so: Das Öl wurde bei den erdölfördernden Gesellschaften gestohlen, und zwar genau in dem Moment als es an die Handelsgesellschaft verkauft wurde. Wladimir Perewersin bestritt vor Gericht, Finanztransaktionen getätigt zu haben.


Für das Gericht war das klar Betrug. In den „wilden“ 1990er Jahren gingen jedoch russische Ölfirmen genauso vor, um Steuern zu sparen. Perewersin behauptete in dem Verfahren, er hätte gar keinen Kontozugriff gehabt. 


Wladimir Perewersin erleidet disziplinarische Strafen, wird in Einzelzellen geschafft, muss Isolationszellen erdulden, in denen man nicht einmal sitzen kann. Er erlebt den alltäglichen Terror unter Dieben und Mördern. Die Menschen in den Zellen wechseln ständig, schikaneartige Durchsuchungen sind an der Tagesordnung, Psychoterror und Schläge mit dem Gummiknüppel drohen jederzeit. Einmal pro Woche duschen und in Schichten schlafen, weil Betten fehlen. Wer Rechte einfordert gilt als aufsässig, es folgt die „Erziehung“ durch Exerzieren.
Perewersin zeigt auch seine soziale Seite in Haft, hilft den Häftlingen, Klagen oder Gesuche zu formulieren oder spielt nach Aufforderung der Gefängnisleitung „Kabarett“ im Knast. 


Man lernt hinter Gittern vorzüglich zu lügen, zu betrügen und zu heucheln, schreibt Perewersin. 


In Russland findet sein Sohn keinen Job, die Frau wird vom Arbeitgeber gekündigt:  Sippenhaft! 


Ein eindringliches, mit schreiberischem Talent geschriebenes Buch, das minutiös seinen tristen, grauen, Kraft fordernden Gefängnisalltag hinter dicken, allerdings von außen betrachtet, buchstäblich bröckelnden Mauern schildert. 


Die Yukos-Zusammenhänge kommen jedoch kaum vor; seine „Biznes-Zeit“ bei dem Ölunternehmen streift Perewersin nur. Da hätte man gerne mehr gelesen. Seit 2014 lebt Perewersin in Berlin.

 

PRESSESTIMMEN


„Eindrucksvoll wie erschütternd“
Richard Herzinger, Die Welt

 

„Wladimir Perewersin verdanken wir einen schonungslosen Einblick in die Welt der postsowjetischen Lager.“
Jan Claas Behrends, Der Tagesspiegel

 

„Ein wichtiges und gut geschriebenes Buch.“
Mario Pschera, Neues Deutschland

 

„Ein Buch, über das Olga Romanowa, die Leiterin einer Selbsthilfegruppe von Ehefrauen von Häftlingen, im Vorwort schreibt, es sei das Beste, was sie jemals über Gefängnisse gelesen habe. Gut möglich, dass sie Recht hat.“
Deutschlandfunk, Andruck

 

Wladimir Perewersin Matrosenruhe. Meine Jahre in Putins Gefängnissen Ch. Links Verlag

Inside Vatikan: Das Franziskus Komplott

 

Der entscheidende, alles erklärende Satz steht auf Seite 164 und sei wörtlich zitiert: „Sein Traum ist es, die kirchliche Bürokratie wieder in eine warmherzige Beteiligungskirche zu verwandeln, deren Bischöfe keine Fürsten sind und deren Priester nicht länger nach dem Parfum des sakralen Narzissmus duften. Eine Kirche, die als Volk Gottes gemeinsam auf den Straßen der Geschichte ‚unterwegs‘ ist.“

 

Insider behaupten dagegen, Franziskus verfolge einen Zickzackkurs, aber er wisse genau wohin er wolle, seine Arbeit sei durchaus zielgerichtet.

 

Werden wir konkret: Den absolutistischen Zentralismus hat er schon gelockert. Und er hat an manchen Postulaten gerüttelt, zum Beispiel den Beichtvätern die Kommunion wiederverheirateter Geschiedener ermöglicht. Auch die Strukturen der Kurie hat er vereinfacht. In der aktuellen Fassung des Katechismus wird auch die Todesstrafe geächtet und für unzulässig erklärt.

 

Politi beschreibt die Kurie als „komplexe Landschaft“. Manche seien in der Sexualethik rigoros, aber durchaus sozial eingestellt, andere könnten sich verheiratete Priester vorstellen, aber die Frauenordination sei Teufelszeug. Andere wiederum würden ökologisch drängende Fragen erkennen, aber am Messritus, der vor dem Konzil galt, würden sie gerne festhalten.

 

Politi diagnostiziert, was die homo- bzw. heterosexuellen Beziehungen angeht, herrscht wie bei der Mafia die Omertà: Das SCHWEIGEN!

Franziskus ist der „Nah“-Papst, öffnet seine Tür für Obdachlose, trifft sich mit Migranten in Lampedusa oder mit einem Flüchtlingskind aus Syrien, begegnet ehemaligen Prostituierten, die dem Zuhältersyndikat entkommen sind. Der direkte Kontakt ist ihm wichtig. Und bei solchen Treffen spricht er dann nicht klerikal-salbungsvoll, sondern taktvoll und offen.

 

Politi klärt in dem Buch sehr detailreich mit intimer Insider-Kenntnis und kluger Recherche das Verhältnis von Franziskus zu Gott, zeichnet das Porträt eines Gegenpapstes, vergleicht die europäischen und amerikanischen Glaubensströmungen, diskutiert das Rücktrittszenario, recherchiert im „Käfig der Kurie“, lotet Parallelwelten aus, bespricht Globalisierungsprobleme und die Frauenfrage, die Nöte der Kirche. Ein außergewöhnlich spannendes Glaubensbuch, für Katholiken wie Protestanten gleichermaßen außerordentlich lehrreich.

Im Schlusskapitel heißt das Motto: „Ich gehe voran.“ Bleibt die Frage, wer ihm wirklich nachfolgt.

 

Marco Politi Das Franziskus Komplott der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche HERDER

 

Marco Politi, geb. 1947, wurde in Rom geboren und gilt als einer der bekanntesten Vatikanexperten überhaupt. Der deutsch-italienische Journalist ist Autor zahlreicher Bücher. Sein letztes Buch bei Herder „Franziskus unter Wölfen“ war SPIEGEL-Bestseller.

 

SPILLOVER - der tierische Ursprung weltweiter Seuchen


Begriffsbestimmung


Zunächst müssen zwei Fachbegriffe geklärt werden: SPILLOVER kann als ein Übertragungseffekt bezeichnet werden. „Spill over“ kommt aus dem Englischen und bezeichnet einen Zustand oder ein Ereignis, wenn etwas überläuft, also quasi verschüttet wird. 


Der Begriff ZOONOSE bezeichnet eine Krankheit, die ursprünglich in Wildtieren zuhause ist und auf den Menschen überspringt. Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die auf natürliche Weise von Wirbeltieren auf Menschen übertragen werden können und umgekehrt. 
Zoonosen können von Bakterien, Viren, Pilzen, Parasiten und Prionen verursacht werden. 60 Prozent aller Infektionskrankheiten sind Zoonosen, und 72 Prozent sind durch Wildtiere verursacht.


Methode


David Quammen interviewte Ärzte und Forscher, besuchte Labore, wissenschaftliche Institutionen und Gesellschaften. Er begleitete Wildführer und Wissenschaftler im Dschungel, er besuchte Wildtiermärkte in China und heilige Orte in Bangladesch. Er trug die vorhandene Literatur zum Thema zusammen, und er ist dabei, wenn Flughunde gefangen werden und wenn Affen in Fallen laufen. Quammen ist nah dran am Thema und zugleich früh – schon vor 2012 hat er das Thema bearbeitet. 


Buchaufbau


Die Buchidee entstand im Regenwald von Gabun. Dort hörte der Autor von einheimischen Männern von der Ebola-Epidemie in einem Dorf. In der Nähe lagen 13 tote Gorillas. Seine Buchrecherche fand da ihren Anfang. Das englische Original „Spillover: Animal Infections and the Next Human Pandemic“ erschien übrigens schon 2013. In neun Kapiteln entfaltet Quammen sein Thema, ausgebreitet auf detaillierten, umfänglichen aber zu jedem Zeitpunkt spannenden 557 Seiten – ein Mammut-Buch über ein Mammut-Thema, die Virologie. 


Virenkunde


Schon in der Bibel steht als Offenbarung, dass uns der Tod bevorstehe, weil Hunger und Pest über uns kommen „durch die wilden Tiere auf Erden“.  


Zoonotische Erreger können sich verstecken, sind deshalb so interessant, so kompliziert und so problematisch schreibt Quammen. Zoonose - ein Wort der Zukunft für das 21. Jahrhundert, es beschreibt ein dringliches Zukunftsthema. 


Viren und Bakterien


Zunächst sind Viren von Bakterien zu unterscheiden: Ein Virus ist keine Zelle, dringt aber in eine Zelle ein, funktioniert den biochemischen Apparat der Zelle um und vermehrt sich dadurch. Ein Bakterium ist größer als ein Virus, ist selbst eine Zelle, dringt jedoch nicht in andere menschliche Zellen ein, um sich zu vermehren, sondern vermehrt sich durch Teilung. In der Regel kann es durch Antibiotika abgetötet werden. 
Viren sind unendlich klein, mit optischen Mikroskopen sind sie nicht zu entdecken. „Sie sind Parasiten.“ Das Virus hat keinen eigenen Vermehrungsapparat: „Es schnorrt. Es stiehlt.“ Der britische Biologe Sir Peter Medawar bezeichnete ein Virus einmal als „schlechte Nachrichten, in Protein verpackt“. RNA-Viren mutieren wie wild, aber zufällig. Dabei entstehen Kombinationen, die sich an einen neuen Wirt anpassen können. Dieser Anpassungsprozess wird als Evolution verstanden. 


Zoonosen


Die zoonotischen Erreger sind unter anderem Viren, Bakterien, Pilze. Sie kommen aus Wäldern, Sümpfen, Äckern, alten Gemäuern, Kläranlagen, Höhlen oder Pferdekoppeln. 
Das sind Zoonosen konkret: Ebola, die Pest, die Spanische Grippe, die von Wasservögeln kam, alle Formen der Grippe, Affenpocken, Rindertuberkulose, Borreliose, West-Nil-Fieber, Marburgvirus, Tollwut, Hantavirus-Pneumonie, Milzbrand, Lassafieber, Rift-Valley-Fieber, larva miograns der Augen, Tsutsugamushi-Fieber, bolivianisches hämorrhagisches Fieber, Kyasanur-Wald-Fieber, Nipa-Enzyphalitis und Aids HIV-1 (das von Schimpansen kommt) und HIV-2. 


6O Prozent aller Infektionskrankheiten, die wir heute kennen, wechseln zwischen anderen Tierarten hin und her oder haben kürzlich Artgrenzen überschritten. Mal verschwinden sie für Jahre, mal kehren sie irgendwann wieder zurück. Ökologische Störungen macht der Autor für ihr Auftreten verantwortlich. Mal sind mehr, mal weniger Opfer zu beklagen,


Ursachen von Epidemien


Ob Marburgvirus oder Ebola, Hendra oder Vogelgrippe, Sars oder Schweinegrippe, der Virenüberfall ist keine „höhere Gewalt“, kein Unglücksfall, wie etwa Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge, es sind die menschlichen Aktivitäten, die die natürlichen Ökosysteme mit katastrophaler Geschwindigkeit zerfallen lassen: Der Autor macht Abholzung, Straßenbau, Brandrodung, Jagd und Verzehr wilder Tiere als Ursachen aus. Die neuen Infektionskrankheiten dringen in neue Populationen von Wirten ein, und sie kehren wieder. Sie tauchen neu auf (emerging) oder springen über (spillover): Hendra zum Beispiel von einem Flughund aufs dasPferd und dann auf den Menschen. Das Nipah-Virus vom Flughund auf das Schwein und von dort auf den Menschen. 


Der Autor zieht mit den Virenforschern durch den Dschungel, beobachtet sumpfige Gewässer. Auf Einbäumen schippern sie durch dichte Urwälder, sie nehmen Blutproben von Affen und Gorillas, immer auf der Suche nach Erregern und mit der Frage im Gepäck: „In welchen Lebewesen versteckt es sich? Welches Tier ist der Reservoirwirt? (ökologische Frage), und wie verteilt sich der Erreger in einer Landschaft? (geographische Frage).


Viren können Gewinner und Verlierer der Evolution sein. Finden sie den richtigen Wirt, verbreiten sie sich stark. Treffen sie den falschen überleben sie nicht. Sie sind dann auch einfacher medizinisch zu bekämpfen etwa durch Isolation der Infizierten und Vorsorgemassnahmen in der Medizin, etwa ausgetauschte Ärztekittel und Gesichtsmasken, Einmalkanülen und Einmalspritzen. 


Das EBOLA-Virus


Ebola trat im Südsudan, in Gabun, Uganda, Elfenbeinküste im Kongo und auf den Philippinen auf. 


Das Ebolavirus schädigt zunächst das Immunsystem, unterdrückt die Produktion der Interferone und setzt dann Blutgerinnungsstörungen in Gang. Leberversagen, Nierenversagen, Atembeschwerden und Durchfall treten auf. 


Der erste Ebolafall: Eine Schweizerin hatte tote Schimpansen untersucht und sich infiziert. (Sie überlebte.) In England kam es in einem mikrobiologischen Institut zu einem Laborunfall, bei dem sich Mitarbeiter Verletzungen zuzogen. (Auch der Engländer überlebte.)
Eine russische Wissenschaftlerin, die an einer Ebola-Therapie arbeitete und mit dem Blutserum eines Ebola-infizierten Pferdes hantierte, infizierte sich, als eine Nadel zwei Handschuhschichten durchstieß und in die linke Handfläche eindrang. Nach zwei Wochen war sie tot. Der Fall wird bis heute verheimlicht. 


Minutiös schildert Quammen den Fall der amerikanischen Forscherin Kelly L. Warfield, die Ebola-Experimente mit Mäusen durchführte und sich mit einer Injektionsspritze in den linken Handballen stach. Das bösartige Ebola-Virus, so klein, so einfach strukturiert, so brandgefährlich, dass die Forscherin fasziniert, tötete die Wissenschaftlerin nicht, sie überlebte und forscht weiter im gefährlichen Hochsicherheitslabor. 


Flughunde wurden als Reservoirwirte identifiziert. Ob sie übertragen können, ist noch unklar, sicher ist nur, der Erreger kann von toten Menschenaffen auf den Menschen übergehen. Bisher sind etwa 1.500 Menschen am Ebola-Virus gestorben. Auch Gorillas sterben an dem Erreger Ebola. Das Ebolavirus bleibt ein in vielerlei Hinsicht „undurchschaubarer Erreger“, sagen die Wissenschaftler unisono.

 

EPIDEMIEN


Warum aber werden Virenkrankheiten unter bestimmten Voraussetzungen zu Epidemien? 


Der englische Arzt W. H. Hamer fand heraus, dass die Masernepedemie immer dann im Sand verlief, wenn nicht mehr genügend anfällige, das heißt nicht immune Menschen vorhanden waren.

 
Das Massenwirkungsprinzip spielt eine Rolle. Ob eine Epidemie sich fortsetzt, hängt davon ab, wie häufig sich Menschen, die ansteckend sind, Menschen treffen, die sich anstecken können. Englische Forscher fanden dagegen heraus, dass nicht die Eigenschaften der menschlichen Bevölkerung ausschlaggebend sind, sondern der Zustand der Keime für den Verlauf und das Ende der Epidemie. Es handelt sich um den Verlust der Infektivität


Ob jemand überlebt oder stirbt, hängt nicht mit der Virusmenge zusammen, sondern davon, ob die Blutzellen des Patienten nach der Infektion schnell Antikörper bilden.  

 

Der Malariaforscher Ronald Ross, der sich mit mathematischen Ansätzen zur epidemiologischen Forschung befasst, kam zu dem Ergebnis, Epidemien klingen dann aus, wenn und weil die Dichte anfälliger Personen in der Bevölkerung unter einen bestimmten Schwellenwert fallen. 


Zwei englische Forscher, Kermack und McKendrick, stellten die drei Faktoren Infektionsrate, Genesungsrate und Sterblichkeit in den Mittelpunkt ihrer Forschungen. Hinzu kommt die so genannte „Schwellendichte“. Dieser Wert beschreibt, wie viele Menschen auf relativ engem Raum beieinander sein müssen, um bei einer bestimmten Infektiosität, Genesungsquote und Sterblichkeit eine Epidemie zu ermöglichen. 


Wichtig auch der Hinweis des Autors David Quammen, dass Wissenschaft in den Labors, im Freiland, aber auch im Austausch in den wissenschaftlichen Fachzeitschriften stattfindet.


Das SARS-Corona-Virus


Ebola, Hendra und Nipah sind Viren, SARS ist als schweres akutes Atemwegssyndrom ein Krankheitsbild. Der Erreger von SARS ist ein Coronavirus, den man inzwischen als „SARS-Coronavirus“ (SARS-CoV-1) bezeichnet. 


Die Symptome sind Kopfschmerzen, hohes Fieber, Schüttelfrost, Gliederschmerzen, schwerer hartnäckiger Husten, blutiger Auswurf und fortschreitende Zerstörung der Lunge, die sich mit Blut füllt und mit folgendem Sauerstoffmangel zum Organversagen und schließlich zum Tod führt. 


Die Lungenentzündung war anormal, aggressiv Furcht einflößend, schreibt Quammen.


Ein infizierter Koch hatte Schlangen, Füchse, Zibetkatzen und Ratten verzehrt. 


Hier tauchten auch zum ersten Mal so genannte „Superspreader“ auf, Patienten, die aus irgendeinem Grund viel mehr Menschen anstecken als ein typischer Kranker. Das SARS-Virus verbreitete sich mit hoher Mobilität in Flugzeugen und machte deutlich, dass insbesondere auch das Krankenhauspersonal viren-bedroht ist. Im Fall der Sarsinfektion wurde entdeckt, dass Viren auch über die Beatmungsschläuche verbreitet werden, die Intubation war die Gelegenheit zur Übertragung. 
Wildtiermärkte als Problem


Betreiben wir mit David Quammen weiter Ursachenforschung. Allein in der chinesischen Stadt Guangzhou gibt es 200 Restaurants mit „Wildspezialitäten“. Das „Zeitalter der wilden Aromen“ ist in Mode, der Verzehr von Tierarten, die auf den Wildtiermärkten gehandelt werden - Säugetiere, Vögel, Frösche, Schildkröten, Schlangen, der Larvenroller, der chinesische Sonnendachs und der Schweinsdachs. 


Die Fledermaus mit dem Namen „Hufeisennase“ trägt das Coronavirus in sich. In Südchina finden sich solche Fledermäuse auf den Speisekarten. 
Auf den so genannten „nassen Märkten“ kann man Störche, Möwen, Reiher, Kraniche, Hirsche, Alligatoren, Krokodile, Wildschweine, Marderhunde, Flughörnchen, Schlangen, Schildkröten, Frösche, Haushunde und Katzen im Angebot finden.


Auf Seite 210 des Buches SPILLOVER steht der prophetische Satz im Kapitel über SARS-CoV: “Wir können davon ausgehen, dass die nächste große Epidemie der gleichen perversen Gesetzmäßigkeit unterliegen wird wie die Spanische Grippe: hohe Ansteckungsgefahr und erst später erkennbare Symptome. Das wird ihr helfen, wie ein Todesengel durch die Großstädte und über Flughäfen zu wandern.“ Durch epidemiologische Schutzmaßnahmen starben „nur“ 774 Menschen, eine „kleine Epidemie“, keine Pandemie wie derzeit.


NPV-Viren 


NPV-Viren (Kernpolyederviren) lassen Insekten nicht explodieren, sondern „schmelzen“, die Zellstruktur löst sich auf. Schwammspinner larven, die Blätter von Bäumen fressen, verschwinden völlig und zurück bleiben nur die Viren, die eben überleben. Eine apokalyptische Vision, ein Virus, vom Tier auf den Menschen übertragen, fähig, von Mensch zu Mensch übertragen zu werden mit der Folge der Zellauflösung und damit der Auflösung der Menschheit. 


Meinung zum Buch


Das Buch ist eine kluge, aufschlussreiche Mischung aus Reportage, Medizingeschichte, Forschungsgeschichte und Virologie, vermeidet jedoch Fachbegriffe und Fachsprache. Es ist aber auch nicht populärwissenschaftlich flach gehalten, informiert ausführlich genau, aber eben nicht staubtrocken, sondern sehr realitätsnah. Es ist Wissenschaftsberichterstattung, wie sie im englischsprachigen Raum gang und gäbe ist, in Deutschland jedoch kaum vorkommt. 


SPILLOVER ist anschaulich und spannend geschrieben. Quammen trägt die relevante Literatur zusammen. Allein das Literaturverzeichnis macht 26 Druckseiten aus. Er berichtet über eigene Erfahrungen, besucht Labore und Wissenschaftler, forscht im Freifeld selbst nach, ist in Fledermaushöhlen im Dschungel und in Sümpfen unterwegs. 
Das heutige Coronavirus spielt nur andeutungsweise am Rande eine Rolle. Es konnte den derzeit wütenden Coronavirus SARS-CoV-2 (Covid 19) genannt, noch nicht berücksichtigen. Doch die Gefahr einer weltweiten Pandemie wird unterschwellig an jeder Stelle des Buches klar ebenso wie die ökologischen Gründe dafür:  "Wo Bäume gefällt und Wildtiere getötet werden, fliegen die lokalen Keime wie Staub umher, der aus den Trümmern aufsteigt." 


Und wir halten uns dort auf, wo wir eigentlich nicht hingehören: In fernen Regionen dieser Welt, um auf Kamelen zu reiten, Höhlen und Tempel zu besuchen, im Dschungel nach Wildtieren schauen. 
In der New York Times schreibt der Buchautor zur derzeitigen Lage: „Wir haben die Coronavirus-Epidemie verursacht. Es mag mit einer Fledermaus in einer Höhle begonnen haben, aber menschliche Aktivitäten haben sie ausgelöst“. 


David Quammen SPILLOVER Der tierische Ursprung weltweiter Seuchen PANTHEON


David Quammen, geboren 1948, ist ein amerikanischer Schriftsteller und Wissenschaftsjournalist. Er studierte Literatur an der Yale University und in Oxford. Für seine populärwissenschaftlichen Werke zu Naturgeschichte und Evolution wie »Der Gesang des Dodo« wurde er vielfach ausgezeichnet.

Ist die chinesische Gefahr noch "gelb"?

Das bevölkerungsreichste Land der Erde wird von einer kommunistischen Partei geführt und betreibt einen erfolgreichen Kapitalismus. Das Land ist auf dem Wege, den USA den Rang der Führungsnation streitig zu machen. Entsprechend sind die Konflikte – angeheizt von dem undiplomatischen Präsidenten in Washington.

 

Aber strebt das Land, strebt die KPCh die Weltherrschaft an? Das suggeriert eine Kampfschrift des australischen Ethik-Professors Clive Hamilton und der deutschen Chinaexpertin Mareike Ohlberg. Unter dem Titel „Die lautlose Eroberung. Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet“ zeichnen sie ein Bild, das Furcht vor der geballten Organisation und den großen finanziellen Mitteln erregen kann, die China auf dem Pfad dahin einsetzt.

 

Noch größere Furcht müsste nach Ansicht der Autoren die angebliche Naivität des Westens einflößen. In ihrem Buch, das auf Vor- und Nachsatz ein Organigramm der KPCh und der nachgeordneten Institutionen enthält, gehen sie der Reihe nach die Einflussnahme auf die USA und Europa, die Ideologie der „Neuen Seidenstraße“ und ihr wirtschaftliches Erpressungspotential durch, behandeln die politische, militärische und industrielle Spionage und gehen vor allem von einer einheitlichen ideologischen Willensbildung in der KPCh und einer immer stärkeren Abschirmung vor westlichen Einflüssen aus.

 

Hunderttausende chinesische Studenten an die besten amerikanischen und europäischen Universitäten werden als zukünftige Eliten des Landes mit großem finanziellen Aufwand herangebildet und – fernab ihrer chinesischen Heimat – durch ein raffiniertes System bei der ideologischen Stange gehalten.


Soweit die Kampfschrift, bei der weniger beeinflussbare Leser die Feder der CIA mitlesen könnten. Für Deutschland, das in einem Europa gewidmeten Kapitel behandelt wird, ergibt sich aus dieser Perspektive, dass der Sündenfall schon vor Jahrzehnten vom damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt begangen wurde, als er die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu China veranlasste.

 

In Frankreich ist nach dieser Lesart die ganze politische Elite der letzten Jahrzehnte den chinesischen Annäherungen auf den Leim gegangen, in Großbritannien selbst der gegenwärtige Ministerpräsident, in den anderen Ländern sieht es ähnlich aus.

 

Das Hohelied der Meinungs- und Pressefreiheit singt sich natürlich gut von Autoren, die nicht auf eine Übersetzung ihres Werkes ins Chinesische hoffen. Dafür werden andere Werke z.B. der westlichen Geistesgeschichte ins Chinesische übersetzt, die für die ideologische Festigung der Leser – meist Studenten an den chinesischen Universitäten – nichts beitragen können.

 

In dem zeitgleich mit der Kampfschrift erschienenen aktuellen, Hegel gewidmeten Heft der Zeitschrift für Ideengeschichte wird von zwei monumentalen Hegelübersetzungen die gegenwärtig laufen, berichtet, von einer fünfbändigen Ausgabe der Werke Fichtes und von einer 22-bändigen Schelling-Gesamtausgabe. Alles Philosophen des Deutschen Idealismus, aus dem für die KPCh kein ideologischer Honig zu saugen ist. Den deutschen Anlagen-, Auto- und Maschinenbauern, die in China gute Geschäfte machen, wird man kaum vorwerfen können, dass sie den Expansionskurs Chinas finanzieren – eher doch die bundesrepublikanische Sonderstellung innerhalb der EU.

 

Und ob Hunderttausende im Westen studierende Studenten die hierzulande herrschenden Freiheiten nach ihrer Rückkehr in ihrer Heimat nicht vermissen werden, diskutieren die Autoren nicht einmal. Jeden Kulturaustaus, jede Konferenz, an der das offizielle China teilnimmt, behandeln die Autoren als Baustein zur Errichtung einer neuen, von China dominierten Weltordnung.

 

Wer nicht miteinander spricht, wird irgendwann einmal aufeinander schießen. Die Neue Seidenstraße ist sicher kein uneigennütziges Entwicklungsprojekt, das den beteiligten Staaten nur Vorteile bringt. Der Westen hat kein vergleichbares Projekt aufgelegt und die klassische westliche Entwicklungshilfe gilt seit langem als verfehlt.


Kampfschriften, wie das Buch von Hamilton und Ohlberg, die keinen Zwischenton, keine Spur von Zweifel erkennen lassen, die jede andere Meinung als chinesisch beeinflusst diffamieren, ein solches Buch wirkt wie ein Rohrkrepierer und ist der hilflose Versuch, einer durchdachten chinesischen Strategie mit bornierter Einseitigkeit zu begegnen. Den in dieser Strategie sicher innewohnenden Gefahren wird diese Kampfschrift nicht im Geringsten gerecht.


Harald Loch
 
 
Clive Hamilton und Mareike Ohlberg: Die lautlose Eroberung
Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet
Aus dem Englischen von Stephan Gebauer-Lippert
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2020   

 

Josef Haslinger - Mein Fall.                             Ein Mißbrauch im Knabenstift

 

Es ist keine Anklageschrift, denn Josef Haslinger ist Opfer und zugleich auch ein bisschen Tatbeteiligter. Sein Buch ist eine dokumentierte Zeugenaussage in einem Fall von mehrfachem Kindesmissbrauch in einem katholischen Kloster. Josef Haslinger schildert seinen Fall in „Mein Fall“.

 

Die Eltern schicken ihr Kind als zehnjährigen Buben in das Sängerknabenkonvikt Stift Zwettl. Haslinger liebt die Musik und das Fromme, er ist religiös und will Priester werden, er liebt also die Kirche.

Zwei Patres erwidern diese Gefühlsregungen, aber auf eine ganz andere, nicht spirituelle, sondern ganz und gar körperliche Art. Haslinger wird hinter den Klostermauern Missbrauchsopfer, der sein Schicksal in Jugendjahren für lange, lange Zeit für sich und in sich verborgen hält. Erst Ende Februar 2019 entschließt er sich, vor der Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche auszusagen.

 

Vor drei verschiedenen Gremien muss Haslinger immer wieder seine erschütternde Geschichte wiederholen und damit nochmals „durchleben“. Das Verfahren wird auf die Spitze getrieben, als ein Protokollant der Aussagen nach vielen Stunden Einvernahme das Opfer auffordert: Schreiben Sie Ihre Geschichte doch bitte selbst auf.

Haslinger ist Schriftsteller und lehrt am Literaturinstitut in Leipzig, wie man Bücher macht. Haslinger folgt der Aufforderung und legt seinen “Fall“ vor, verlegt bei S. Fischer.

 

Die Voraussetzung dafür war, dass alle Beteiligten das Zeitliche gesegnet hatten. Das erleichterte dem Autor die Zeugenaussage. Haslinger hatte Fotos und Briefe aus jener Zettl-Zeit aufbewahrt und kramte nun darin, um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen.

Mit Pater Gottfried hat alles begonnen, „…er hat mich in ein Dilemma gebracht, das, wie ich mir eingestehen muss, bis heute anhält“.

Pater Gottfried Eder interessiert sich für das Sexualorgan des Zehnjährigen, bringt es in Erregung und widerholt das sexuelle Spielchen vielfach.

 

„Ich ging mehrere Etappen mit. Es kam mir nicht in den Sinn, ernsthaft dagegen etwas zu unternehmen. Ich hätte Angst gehabt, die Aufmerksamkeit und die Zuwendung von Pater Gottfried zu verlieren. Ich sprach auch mit niemandem darüber.“

 

„Von meiner Seite gab es jedenfalls lange keinen Widerstand.“

Das war auch jene Zeit, in der Kinder auf den Bauernhöfen mit dem Ochsenziemer gezüchtigt wurden, eine Schlagwaffe, die aus einem gedörrten Ochsenpenis hergestellt wurde.

 

Doch die Missbrauchsgeschichte, vom Autor durchaus verstanden als Chance, darüber ein Buch zu verfassen, blieb tief in Haslingers Seele verankert, er fand keinen literarischen Zugang dazu, noch nicht einmal einen Anfang.

 

Haslinger hatte sich sehr lange die sexuellen Übergriffe schöngeredet als „… Form von Zuwendung“. Doch er zieht die Identifizierung mit den Tätern zunehmend in Zweifel. Haslingers Bruder mahnt: „Du fährst eine Strategie der Verharmlosung. Das nützt nur den Tätern.“

Haslinger versteht jedoch seine Haltung als „Empathie“, für ihn ein wenig zum humanistischen Standard gehörend.

 

Haslinger zitiert die Definition der Ombudsstelle für sexuellen Missbrauch, wenn Täter zu deren sexueller Erregung Opfer beobachten, berühren oder im Intimbereich angreifen, sie zu sexuellen Praktiken zwingen oder überreden oder wenn die Täter sich nackt betrachten lassen oder andere zwingen, bei sexuellen Praktiken zuzusehen.

So zeigt Pater Maurus zum Beispiel seinen Schützlingen auch FKK-Heftchen.

 

Die Gewaltdefinitionen der Ombudsstelle lauten: Ohrfeigen, Schläge, absichtliches Stoßen, Würgen, Festhalten, Einsperren, Essen, Getränke oder Schlaf entziehen, Verängstigungen, Drohungen, Erpressungen, Verleumdungen, Beschimpfung, Demütigung, Verspottung.

 

Bis in die letzten Zeilen des Buches bleiben bei Haslinger Zweifel, ob er das Rechte tue, weil er da mit dem Buch seine Haut zum Markte trägt. Mit Kritik an der Kirche hält Haslinger sich zurück. Er schildert seine eigene Seelenpein, seine Lockerungsbemühungen, sich zu öffnen. Die sexuellen Handlungen beschreibt er ohne voyeuristische Detailgenauigkeit. Die Aufarbeitungsinstanzen, die mehrfach Protokolle anfordern und deren Vorsitzende ihre Kinder selbst „gewatscht“ hat, werden ob ihrer Arbeitsweise in Zweifel gezogen. Die Entschädigungszahlungen versteht Haslinger sowieso als „Geste der Entschädigung fürs kollektive Wegschauen“. Haslinger möchte nicht nochmals vor einer solch höheren Instanz aussagen.

 

Ein ehrliches, schockierendes aber durch und durch sachliches Buch, das keine falschen Emotionen weckt, ganz und gar nichts Boshaftes hat und daher eine wirklich glaubhafte Zeugenaussage darstellt. Urteilsfindungen werden aber in der katholischen Kirche immer wieder in die Zukunft verschoben, eben Heilsversprechung für die Zukunft.

 

Josef Haslinger Mein Fall S. Fischer  

 

 

Pressestimmen  

 

»… kein schönes, kein aufbauendes, nicht einmal ein tröstliches Buch. Man will es kein zweites Mal lesen. Aber einmal sollte man es unbedingt gelesen haben.« Martin Lhotzky, Frankfurter Allgemeine Zeitung,

»Das Buch wird nicht zuletzt dadurch zu einem literarischen Glanzstück, dass Haslinger diese Odyssee in dramaturgischer Meisterschaft verwebt mit den Vorgängen aus seiner Kindheit.« Rudolf Neumaier, Süddeutsche Zeitung

 

»Das Buch ist schmal und in sachlichem Ton gehalten. Daraus bezieht es seine schmerzliche Wucht.« Arno Frank, Spiegel Online

 

»›Mein Fall‹ ist die aufrichtige und selbstreflexive Auseinandersetzung Josef Haslingers [...] eine ebenso aufwühlende wie erhellende Lektüre.« Ralph Gerstenberg, Deutschlandfunk/Büchermarkt

 

»Haslinger ist vorsichtig und reflektiert, versucht zu verstehen, wie er sich als Kind verhalten hat, dann als Erwachsener.« Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel

 

»›Mein Fall‹ ist ein Lehrstück in Sachen Täter-und-Opfer-Beziehung, das nicht nur unter Betroffenen viele Diskussionen anregen dürfte.« Petra Pluwatsch, Frankfurter Rundschau

 

»ein bemerkenswertes Buch [...]. Gegen seine inneren Widerstände hat Haslinger eine eigene, schlüssige Form [...] gefunden.« Christoph Schröder, Die Zeit

 

»Kritisch sich selbst gegenüber, im Urteil über andere ausgewogen – in diesem Ton schreibt Haslinger.« Mechthild Baus, MDR Kultur

Er klärt und erklärt sein Verhalten, die Umstände, den Zusammenhang. Die Unfähigkeit, sich zur Wehr zu setzen.« Katja Gasser, ORF Kulturmontag

 

»Ein verstörendes, ein im Zorn geschriebenes, aber im Urteil trotzdem klares, ein unbedingt empfehlenswertes Buch.« Alexander Wasner, SWR2

 

»Dieses Buch ist kein Roman, sondern ein Dokument. Und das reicht auch völlig. Denn was Josef Haslinger dokumentiert, ist ungeheuerlich.« Martina Läubli, NZZ am Sonntag

 

»Es ist ein Buch, das Zwischentöne kennt, das in der Suchbewegung nach der Wahrheit bleibt.« Jens Uthoff

 

Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman ›Opernball‹, 2000 ›Das Vaterspiel‹, 2006 ›Zugvögel‹, 2007 ›Phi Phi Island‹. Sein letztes Buch ›Jáchymov‹ erschien im Herbst 2011. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels und den Rheingau Literaturpreis und Haslinger war auch Mainzer Stadtschreiber.

 

 

Der alltägliche Rassismus in Deutschland

Meinung


Es ist eine sehr persönliche, eindringliche, alltägliche Geschichte über den Rassismus in unserem Land, der mitten aus der Gesellschaft kommt und es selbst nicht wahrhaben will, dass sein Gebaren rassistisch ist. Ist doch normal, dass man einem schwarzen Kind über die Kräuselhaare streicht und fragt, ja wo kommst denn Du her? Als erwachsene Frau hat Alice Hasters ähnliche Erlebnisse, denn sie hat einen weißen und einen schwarzen Elternteil. Schon im Kindesalter machte sie solche Erfahrungen, wenn Menschen ihr ins wuschelige Haar gegriffen haben und neugierig nach ihrer Herkunft fragten.


Auf die Frage: Wer bist Du? Woher kommst Du? Was machst Du? antwortete die Autorin auf der Internetplattform POSITIV/NEGATIV die Frage so: „Ich bin Alice Haruko Hasters. Ich wurde 1989 in Köln geboren, und wenn die Leute fragen, wo ich herkomme, dann sage ich, woher meine Eltern kommen. Mein Vater ist zusammengefasst Deutscher und meine Mutter ist zusammengefasst, was man unter den Begriff Afro-Amerikanisch fassen würde. Meine Mama hat indianisch/karibische und mein Vater holländische Einflüsse. Zurzeit studiere ich Sport und werde ab Oktober Journalismus studieren.“ Immer wieder muss sie die Herkunftsfrage vorbeten. 


Die Hauptthese ihres Buches lautet: „Wir sprechen falsch über Rassismus.“ Es gehe in der heutigen Diskussion alleine darum, was man in der öffentlichen Diskussion politisch korrekt noch sagen dürfe und was nicht. 


Sie macht transparent, was es im Alltag für schlimme Erlebnisse, irritierende Gefühle, maßlose Enttäuschungen, heftige Boshaftigkeiten gibt, und wie ein schwarzer Mensch darauf reagiert. 
Ihre Behauptung: Rassismus steckt überall in der Gesellschaft. 
In fünf Kapiteln deklariert die junge Journalistin an Beispielen durch, was Rassismus im Alltag, in der Schule, in der Körperlichkeit in den Liebesbeziehungen und in der Familie bedeutet. Sie zählt nicht nur auf, sie analysiert, sie kommentiert, nie aufdringlich belehrend, nein behutsam, auch fragend, nie allwissend. Ihr Buch ist gut geschrieben, flott zu lesen, ohne jugendlich anbiedernd zu wirken. Es ist aber eher eine beschreibende Studie mit Selbsterfahrungen als eine Politanalyse, wie Rassismus bekämpft werden könnte. 


Das Thema RECHTS wird bewusst ausgeblendet. Rassismus war schon vor der AfD da, sagt sie in einem Interview. Im Buch behandelt sie die Partei also nicht, um den Leser nicht auf falsche Fährten zu locken, ihr geht es rein um Alltagsrassismus. 


Ein Glossar und ein Literaturverzeichnis ergänzen das Buch am Ende.

 
Alice Hasters
wurde 1989 in Köln geboren. Sie studierte Journalismus in München und arbeitet u. a. für die Tagesschau und den rbb. Mit Maxi Häcke spricht sie im monatlichen Podcast Feuer&Brot über Feminismus und Popkultur. Alice Hasters lebt in Berlin.

 

Alice Hasters Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten hanserblau

Was wir alle lesen sollten - ein neuer Kanon

 

 

Die Deutschen tun sich schwer mit dem Leichten. Was unterhaltsam daher kommt, in den Medien, in den Büchern, in der Wissenschaft, wird nicht ernst genommen. Denis Scheck, der schon im Fernsehen den Buchclown gibt, geht auch in Schecks KANON DIE 100 WICHTIGSTEN WERKE DER WELTLITERATUR. VON KRIEG UND FRIEDEN BIS TIM UND STRUPPI mit der Humormethode vor. Das heißt mit einem Augenzwinkern und Infragestellen klassischer Kanon-Methoden. Er wirft einen anderen, alternativen und nicht immer ernsten Blick auf die Literatur. Das ist unterhaltsam und darf nicht mit ernster Elle gemessen werden. Darauf muss man sich einlassen.

 

Scheck bezieht zum Beispiel Comics mit ein, na gut, soll er. Ich kann mit solchen Büchern wenig bis gar nichts anfangen.

 

Es ist aber völlig in Ordnung, geradezu wichtig, heutzutage einen neueren, moderneren, alternativen Blick auf die Literatur zu werfen und sich von manchen verstaubten Sichtweisen zu trennen.

Außerdem hat der Altmeister der Kritik, Marcel Reich-Ranicki, ja selbst einen umfänglichen Klassiker-Kanon vorgelegt, der allerdings nur die deutsche und die deutschsprachige Literatur einordnet.

 

So nennt Dennis Scheck es ein „frivoles Unternehmen“, dieses Empfehlungsbuch vorzulegen, weil natürlich schon durch die Auswahl der 100 das Weglassen von Büchern und Autoren als Unterfangen angreifbar wird.

 

Schecks Begründung, warum wir lesen, ist mir etwas hochgestochen gegriffen: „Lesen heißt genau wie Singen und Tanzen, unsere Todesangst zu bannen.“

 

Viel profaner sind nur einige Begründungen an dieser Stelle von mir: Ich selbst muss zum Beispiel die Fernseh-Langeweile ausgleichen oder Fernweh bekämpfen, oder Träume träumen oder Spannungen auf- oder abbauen, neue Themenfelder entdecken, strittige Thesen aufgreifen, neue Autoren erspüren und so weiter.

 

Auch ein zweiter Satz Schecks ist sehr zugespitzt: „Literatur hat mir das Leben gerettet“, behauptet Dennis Scheck, der zuweilen eben etwas forsch formuliert.

 

„Jeder Kanon ist zudem politisch“, behauptet Scheck, nun, er kann es sein, muss es aber nicht.

 

Jubelnd zustimmen würde ich seiner These: „Ich kann dieses Gejammer rund ums Buch nicht mehr hören, dieses kleinmütige Miserere auf dem Grundton Seufz, die bekannte große deutsche Fuge in Ach.“ Es sind solche Formulierungskünste, die in den Texten immer wieder aufblinken und das Buch zum reinen Lesevergnügen machen, auch wenn man einzelnen Behauptungen Schecks nicht immer zustimmen kann.

Das soll es ja auch sein, beim Leser auch Zweifel wecken, Zustimmungen oder Widersprüche hervor zu rufen.

 

Seine Buchauswahl ist legitim, manchmal vom Seitenblick geführt, da kommen dann Empfehlungen überraschend daher, aber warum nicht?

Sie reichen von Astrid Lindgrens „Herr Karlsson vom Dach“ bis zu Beckett „Warten auf Godot“, von Houellebecq „Karte und Gebiet“ bis Herta Müller „Atemschaukel“ von Tolstoi „Krieg und Frieden bis J. K. Rowling „Harry Potter“.

 

Also: Lesen Sie „Schecks Kanon“, verschenken Sie den Kanon und lesen Sie die Bücher, die im Kanon empfohlen werden! Auch wenn Scheck manchmal mit Kanon (en) auf Spatzen schießt: Ja, und was ist ein Kanon? Wikipedia sagt: „Ein Kanon der Literatur (gr.: Kanon Regel, Maßstab, Richtschnur) ist eine Zusammenstellung derjenigen Werke, denen in der Literatur ein heraus gehobener Wert bzw. eine wesentliche, normsetzende und zeitüberdauernde Stellung zugeschrieben wird.“

Weitere Informationen und Definitionen unter anderem in:

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Kanon_der_Literatur

 

http://literaturen.net/was-ist-ein-literarischer-kanon-kanonisierung-kanonbildung-383

 

https://www.dieterwunderlich.de/Reich_Ranicki_kanon.htm

 

http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de/wp-content/uploads/2015/10/Literarische_Wertung.pdf

 

http://literaturen.net/was-ist-ein-literarischer-kanon-kanonisierung-kanonbildung-383

 

Der Autor Denis Scheck, geboren 1964 in Stuttgart, lebt heute in Köln. Bereits im Alter von 13 Jahren gründete er eine eigene literarische Agentur. Als literarischer Übersetzer und Herausgeber engagierte er sich für Autoren wie Michael Chabon, William Gaddis und David Foster Wallace, Antje Strubel und Judith Schalansky. Lange arbeitete er als Literaturkritiker im Radio, heute ist er Moderator der Fernsehsendungen „Lesenswert“ im SWR und „Druckfrisch“ in der ARD.

 

Pressestimmen

 

 

„Überhaupt kommentiert er seine Auswahl so pointiert, selbstironisch und kundig, dass man ihm fast überallhin gern folgt. Drei, vier Seiten räumt er jedem Buch ein. Da finden sich persönliche Anekdoten, biografische Details, auch der Mut zur Lücke. Das ist locker im Stil, aber präzise in der Sache. Als Kanon ist dieses Buch zwar eine Mogelpackung, aber als Anregung zu eigenen Leseabenteuern eine gelungene Handreichung.“ RBB

 

Denis Scheck Schecks Kanon PIPER

Tausend Zeilen Lügen - Das System Relotius

Eine SPIEGEL-Story hatte schon immer den besonderen Touch, dass Überschriften, Einleitungssätze, Situationen, Örtlichkeiten, Abläufe, Begebenheiten, Aussagen so farbig geschildert wurden, dass beim Leser der intensive Eindruck entstand: Der Reporter war nicht nur dabei, er war mittendrin – und damit ist der Leser es auch. SPIEGEL-Legende und Gründer Rudolf Augstein legte das Credo dafür fest: SAGEN, WAS IST.
Nun kam mit dem Aufdecken des FAKE-Skandals Relotius auf, dass ein phantasiebegabter Autor Claas Relotius in seinen Geschichten für den SPIEGEL es nicht nur mit der Phantasie, sondern auch bei seinem Umgang es mit den Fakten übertrieben hat: Ein Fälschungsskandal, der das Politorgan SPIEGEL in seinen Grundfesten erschütterte. 


Inzwischen hat sich auch Relotius über seinen Anwalt mit Gegenreaktionen gerührt und dem Aufdecker und Kollegen Juan Moreno Ungenauigkeiten in seinem Buch TAUSEND ZEILEN LÜGE. DAS SYTEM RELOTIUS UND DER DEUTSCHE JOURNALISMUS ROWOHLT BERLIN vorgeworfen. 


Medienexperten haben sich in der Öffentlichkeit jedoch weitgehend darauf verständigt, dass es hier nur um ein Ablenkungsmanöver geht, wenngleich Relotius wiederum in der ZEIT versprach, für alle Aufklärung in seinem Fall zur Verfügung zu stehen. Gerichte werden das wohl entscheiden oder es wird ein Deal vereinbart, der Gras über die Sache wachsen lässt. 


Relotius hatte für den SPIEGEL Reportagen und Interviews von außen zugeliefert und damit zugleich wohl die begründete Hoffnung verbunden, im Medienhaus SPIEGEL in Hamburg die Karriereleiter hochzusteigen und auch seine Chefs im Gesellschaftsressort SPIEGEL wollten künftig in der Chefredakteursklasse spielen. 


Relotius‘ Stories hatten etwas Besonderes, sie passten in die NEUE JOURNALISMUS ZEIT der Interpretationen, der gefühlten Wahrheiten, der zugespitzten Phantasien, eine Zeit, in der Fakten und die Suche danach etwas aus der Mode gekommen waren, auch aus finanziellen Gründen, denn Recherche kostet nun mal viel. 


Juan Moreno, der mit Relotius gemeinsam an einer „Geschichte“ arbeiten sollte, deckte am Anfang Unregelmäßigkeiten und später Fälschungen in großem Stil und bei vielen Stories auf - in diesen so schön geschriebenen und perfekt aufgemachten Geschichten, die häufig Journalisten- Preise der ersten Garnitur einheimsten. 


Die Fälschungen blieben jahrelang unentdeckt, was nicht gerade ein sauberes Licht auf die Branche wirft und sicher noch Nachwirkungen zeitigen wird. Nicht nur dass die Chefetage des SPIEGEL umsortiert wurde und Relotius seinen Job verlor. Zu lange hatten die Ressortkollegen das Relotius-Spiel in einem abgeschotteten Ressort GESELLSCHAFT befördert. 


Schöner Stoff, schöne Geschichte, gut gestylt, prima abgehangen und dennoch immer Top zur richtigen Zeit angeboten, die Exclusiv-Story schreiberisch aufgeblasen, wobei ja schon der journalistische Terminus „Geschichte“ oder „Story“ etwas klar verdeutlicht, dass es eben bei Reportagen um das gefährliche „Geschichten“- Erzählen geht. Kommt nur darauf an, ob die Stories eben wahr und real sind oder nur der blumigen Vorstellungskraft des Autors entsprungen sind. 


Das Buch Morenos ist eine faktenorientierte Aufarbeitung des Skandals, das in allen kleinklein-Einzelheiten darstellt, wie es zu den umfänglichen Fälschungen gekommen ist. Es ist ein interner Hinter-die-Kulissen-Blick in die Arbeitsweisen von Journalisten, Redakteuren, Medienchefs und Vermarktungsgenies, die sich gerne selber auf die Schulter klopfen und laut tönen, dass sie eben doch die Spitze im deutschen Journalismus sind. 


Nun gibt es im Ergebnis von ihnen verursachte Deformationen am Berufsbild und Kollateralschäden, wie etwa dass rechte Kreise nun erst recht umher laufen können und von Fake-News plärren.
Am Ende hat die Dokumentationsabteilung des SPIEGEL versagt, weil sie bei Auslandsgeschichten zu leichtsinnig war, Journalistenkollegen haben versagt, weil sie ein Edelfeder-Ambiente aufgebaut haben und somit den Humus für Fälschungsgeschichten bereiteten, die zwar schön zu lesen, aber auch ganz schön gefälscht waren. 


Die Wahrheit wurde ermordet, nun stellt sich die Frage der „Bestrafung“. Reporter und Dokumentare verloren ihren Arbeitsplatz, der gute Recherche-Journalismus seinen Ruf, der SPIEGEL hat nun auch seinen Skandal, nachdem der STERN mit seinen Hitler-Tagebüchern schon einen vorgelegt hatte. Renommierte Journalistenpreise haben ihren Ruf verloren, Laudator-Experten ihr Fach-Renommee.


Und bei der Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit und unter Juristen wird jetzt wieder einmal klar, dass die zentralen Fragen schnell zur Seite gerückt werden und der Streit um kleine Kleinigkeiten entbrennt. Warum soll es im Journalismus anders sein als in der Politik, in der die Nebensachen eben auch zur Hauptsache deklariert werden.
Jedenfalls hat Juan Moreno mit seinem Buch eine fleißige Aufarbeitung geleistet, klar natürlich aus seiner Sicht, und was in den Details nicht stimmt, wird wohl erst eine juristische Aufarbeitung klären können. Genug Stoff für den RÜCK-Spiegel. Die Relotius-Story, von ihm selbst geschrieben, wird wohl nie erscheinen, schon aus Zweifel am Wahrheitsgehalt, oder hat er inzwischen eine Schreib-Blockade oder kommt sie irgendwann doch auf den Markt? 


Die Journalismus-Fiktion ist als Fiction-Idee längst auch auf den Arbeitstischen von Filmemachern gelandet. Bully Herbig will die Relotius-Story verfilmen, das ist nur konsequent die nächste Etappe. Der neue Fiction-„Schuh des Manitu“ Moreno. Mal sehen, wie und ob die Wahrheits-Rolle besetzt wird? 

 

Juan Moreno, geboren 1972 in Huércal-Overa (Spanien), arbeitete zunächst für den WDR, dann von 2000 bis 2007 für die «Süddeutsche Zeitung». Seitdem ist er als Reporter für den «Spiegel» in aller Welt unterwegs. Er hat mehrere Bücher verfasst, zuletzt die Biographie «Uli Hoeneß. Alles auf Rot» (2014).

TAGESSCHAU de

 

DOKUMENTATION


Der Journalist Moreno deckte die Täuschungen seines früheren "Spiegel"-Kollegen Relotius auf. Darüber hat er ein Buch geschrieben - und sich nun gegen Vorwürfe von Relotius verteidigt, Unwahrheiten zu verbreiten.

 

Vor rund fünf Wochen erschien das Buch "Tausend Zeilen Lüge" über den Fall des ehemaligen "Spiegel"-Journalisten Claas Relotius. Nun hat sich Autor Juan Moreno gegen Vorwürfe seines Ex-Kollegen, darin Unwahrheiten zu verbreiten, verteidigt. "Ich glaube, ich habe keinen Fehler gemacht", sagte Moreno bei den Medientagen München. Er habe sehr gründlich recherchiert und "nach bestem Wissen und Gewissen" geschrieben. "Ich gehe bis heute davon aus, dass das stimmt."

Am Mittwoch war bekanntgeworden, dass Relotius gegen das Buch vorgeht. Darin seien "erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen" zu finden, hieß es in einem Schreiben von Relotius' Anwalt Christian Schertz. Er forderte von Moreno und dem Verlag, die "aufgeführten falschen streitgegenständlichen Aussagen" nicht weiter zu behaupten. Konkret geht es in Relotius' Vorwürfen um mehr als 20 Textstellen.

 

Relotius hatte für seine Reportagen zahlreiche Journalisten-Preise erhalten.

 

Ein Déjà-vu

 

In seinem Buch beschreibt Moreno, wie er das Vorgehen seines früheren Kollegen enttarnte. Jahrelang hatte der heute 33-jährige Relotius für seine gefeierten Reportagen Szenen, Ereignisse, ganze Existenzen erfunden - vor allem für den "Spiegel", aber auch für andere Medien. Gegen anfängliche Widerstände innerhalb des "Spiegel" hatte Moreno die Täuschungen im vergangenen Jahr aufgedeckt.

 

Er erlebe derzeit ein Déjà-vu, sagte er nun. "Warum glaubt mir denn niemand? Ich bin doch nicht ein Fälscher wie er." Sein Verlag Rowohlt Berlin und er hätten allerdings schon mit Schritten von Relotius gerechnet. Moreno geht davon aus, dass die Auseinandersetzung mit Relotius juristisch geklärt werden müsse.

 

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Nur Randfragen und Nebenschauplätze?

 

Morenos Verlag hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass ihm eine Unterlassungsforderung des Anwalts zugestellt worden sei. "Darin wird an keiner Stelle bestritten, dass Claas Relotius zahlreiche Reportagen frei erfunden oder gefälscht hat", erklärte eine Sprecherin. "Ebenso wenig werden Morenos Beweise, die zur Überführung von Claas Relotius geführt haben, angezweifelt." Auch die Darstellung und die Ereignisse des im Buch geschilderten Fälschungsskandals würden nicht infrage gestellt.

 

Zu den behaupteten "erheblichen Unwahrheiten und Falschdarstellungen" zähle etwa die Frage, ob die Bürotür von Relotius stets geschlossen war oder nicht. "Unserer Meinung nach handelt es sich um den Versuch, mit Randfragen und Nebenschauplätzen den Reporter Moreno zu diskreditieren", erklärte die Sprecherin. Der Verlag habe den Vorgang seiner Anwältin übergeben.

 

Relotius' Anwalt Schertz wies darauf hin, dass sein Klient 19 Preise und zwei weitere Auszeichnungen erhalten habe und nicht - wie von Moreno geschildert - mehr als 40 Preise. Zudem seien mehrere Sätze, Aussagen oder Schilderungen in dem Buch nicht so gefallen beziehungsweise falsch wiedergegeben.

 

In der "Zeit" meldete sich Relotius selbst zu Wort: "Ich bin mir meiner eigenen großen Schuld heute sehr bewusst und will durch die Auseinandersetzung mit diesem Buch nicht davon ablenken. Ich stelle mich allem, wofür ich verantwortlich bin, aber ich muss keine unwahren Interpretationen und Falschbehauptungen von Juan Moreno hinnehmen."

Ohne ihn persönlich zu kennen oder mit Menschen aus seinem näheren Umfeld gesprochen zu haben, konstruiere Moreno eine "Figur".

 

"Spiegel"-Abschlussbericht

 

"Wir haben Fehler gemacht"

 

Der "Spiegel" hat den Abschlussbericht über die Fälschungen von Claas Relotius veröffentlicht. | mehr

 

Personelle Konsequenzen beim "Spiegel"

 

Im Dezember 2018 war der Betrugsfall aufgedeckt worden. Relotius gab nach internen Nachforschungen Fälschungen zu und verließ das Haus. Der Journalist bestätigte anschließend über seinen Anwalt auch öffentlich, dass er "über mehrere Jahre hinweg vielfach Fakten falsch dargestellt, verfälscht und hinzuerfunden hat".

 

Die Affäre ist einer der größten Skandale im deutschen Nachkriegsjournalismus. Der "Spiegel" hat die Vorgänge unter anderem in einer umfassenden Dokumentation und neuen Arbeitsabläufen aufgearbeitet. Es gab auch personelle Konsequenzen.

 

Echte Liebe BVB

„Aki“ Watzke ist Alpha-Tier, würde man ihn mit Ulli Hoeneß, na sagen wir nicht in eine Zelle, nein, in einen Käfig sperren, man könnte nicht prognostizieren, wer überlebt, sie sind Konkurrenten, sie bleiben Konkurrenten, sie lieben sich nicht. „Für eine Freundschaft zwischen uns wird es nie reichen.“ Watzke liebt den BVB, und das ist echte Liebe. Im Spiel mit Hoeneß ist und bleibt Watzke kampfeslustig, nicht bayern-devot.

 

Der Sportjournalist Michael Horeni, seit 1989 in der Sportredaktion der FAZ, kommt seinem Interviewpartner, den Spielen und der Fußball-Philosophie sehr, sehr nahe. Aber kommen wir zuerst zum Wesentlichen, zum Tore schießen. Fängt man eines, dann ist das Tor, „… ein Stich, ein tiefer Stich“. Gehen wir gemeinsam ins BVB-Stadion, in die Höhle des Löwen, dann wird es lauter als laut: Die Wand „…ein einziger Schrei: kehlig, animalisch“.

 

Horeni hat Politologie, Philosophie und Geschichte studiert, und das merkt man seinem Buch auch an, das nicht an der Oberfläche dahin plappert, sondern ans Eingemachte geht.

 

Watzke ist der BVB, der BVB ist Watzke.

 

Seit dem 3:2-Sieg gegen Bayern, die sechs Jahre lang die Bundesliga als Spitzenmeistermannschaft anführten, ist der BVB wiederbelebt und im Konkurrenzgeschäft mit dem FC Bayern meist auf Augenhöhe, aber eben nicht immer.

 

Watzke ist die Seele des BVB. Während für Horeni die Bayern-Granden „… aus der Zeit gefallen“ sind, braucht Watzke zum Beispiel auch Hinweise, wie „… jüngere Leute die Dinge sehen.“

Horeni montiert Interviewpassagen mit seinem eigenen Text, und er bleibt nicht nur sportlich „im Netz hängen“, er schürft tiefer, wird politisch, diskutiert Wirtschafts-Perspektiven, lotet die Zukunft des Fußballs und der Ligen aus.

 

Watzke ist kein Merkel-Freund, kein Anhänger der Flüchtlingspolitik, hält das für einen „schweren Fehler“. Sein Bekenntnis: „Ich bin immer ein politischer Mensch geblieben. Die CDU ist seine Partei, Watzke ist schon seit 40 Jahren Mitglied. Er wollte Merz als CDU-Vorsitzenden und Merkel-Nachfolger durchsetzen, scheiterte jedoch.

Watzke liebt Rituale, liebe Gewohnheiten, klare Strukturen.

Er ist heimat- und erdverbunden, Ruhrpottler und Sauerländer zugleich. Sein Heimatort Erlinghausen: „Das ist der einzige Ort, an dem ich komplett ich sein kann.“

 

Im Interviewbuch kommt Watzke als Betriebswirtschaftler und Unternehmer zu Wort, wird als Konservativer und seit den 1990ern als Mitglied des BVB zunächst Schatzmeister und später als Boss des Ganzen porträtiert.

 

Kohle, Stahl, Fußball und Bier gehören zusammen, das ist die DNA des Ruhrgebiets. Das Selbstbewusstsein des Reviers wird immer aus der Arbeit mit den Händen bezogen. Das hat Generationen geprägt. Das Ruhrgebiet, die Kumpel hatten das Wirtschaftswunder aufgebaut, später zogen die Wirtschaftskarrieristen an den Arbeitnehmern vorbei, in die schicken Büros der oberen Etagen, der „Pott“ und seine Bewohner abgehängt.

 

Die anderen Städte haben Attraktionen: „Aber Dortmund hat noch nicht mal einen großen Fluss.“  Eben nur den BVB und seine Spieler. Und die “… müssen sich für den BVB zerreißen“. Watzke legt das wirtschaftliche Fundament für den BVB.

„AKI“ & Kloppo, natürlich darf die Beziehungskiste zwischen den beiden nicht fehlen.

 

Den Wechsel nach Liverpool schildert Horeni, als sei ein Ehepartner verlassen worden: “Jetzt lieben ihn die Menschen in Liverpool.“ Watzke lobt Kloppos hohe Suggestivkraft, seine physische Präsenz. Sie konnten sich blind aufeinander verlassen, sagt Watzke.

 

Horeni lässt Spiele Revue passieren, Niederlagen, grandiose Siege, leuchtet die wirtschaftlichen Hintergründe aus, lässt lange Interviewpassagen zu, bei denen Atmosphärisches und Persönliches sehr gut rüberkommen, in Höhen und Tiefen der Erfolgsgeschichte BVB.

Horeni dreht den Spiegel um, lässt Watzke ausführlich über Jürgen Klopp berichten, und dann folgt das Kapitel: Jürgen Klopp über Watzke.

Das Kapitel hat Newswert, denn Kloppo schließt aus, zum BVB Dortmund zurück zu kommen, er will nichts aufwärmen: „Es muss immer etwas Neues kommen.“

 

Das Kapitel Attentat ist sehr spannend, auch wenn Watzke den klassischen Satz sagt: „Was in der Kabine besprochen wird, soll in der Kabine bleiben.“ Es kommt zum Bruch mit Trainer Tuchel über die Frage, ob die Mannschaft unmittelbar nach dem Attentat weiter spielen soll oder nicht.

 

Am Endes des Buches, das übrigens 12 und nicht elf Kapitel hat, beschäftigt Horeni sich mit der Rettung des Fußballs und den Fans.

In der Krise des modernen Fußballs spürt er eine Entfremdung vieler Fans von ihrem „Herzenssport“. Finanzinvestoren haben die Mannschaften gekapert.

 

Horeni lässt jedoch zuerst Watzke mit einem eigenen Kapitel zu Wort kommen: „Fußball in Zeiten des Turbokapitalismus - Eine Zukunftsvision“ von Hans-Joachim Watzke, die in dem allgemeinen Satz gipfelt: „Wir müssen versuchen, den Hunger der jungen Spieler auf den absoluten Erfolg wieder zu fördern und zu stärken. Aber wir müssen ehrlich sein: Das ist leichter gesagt als getan.“ Vorher stehen einige klassische wichtige Kernsätze, die der Leser selbst interpretieren sollte.

Im Fazit-Kapitel fragt Horeni nach den Fehlern Watzkes. Da beißt der Autor eher auf Granit und gerät etwas ins Abseits.  „… Man macht ja immer Fehler“, verteidigt sich Watzke. Ja, wer schießt schon gern ein Eigentor im Fußball?

 

Ein farbiger Bildinnenteil leuchtet die Person Watzkes zusätzlich aus.  

Ein leidenschaftliches, tiefer schürfendes Sportbuch über die schönste Nebensache der Welt. Das zeigt, dass man als Autor und Interviewpartner klüger, leidenschaftlicher und verbal präziser über den Rasensport reden kann, als es die Wort-Plattitüden mancher Spieler vor Fernsehkameras am Platz, von Medienexperten geschult, befürchten lassen.

 

Hans Joachim Watzke/Michael Horeni Echte Liebe. Ein Leben mit dem BVB (C.Bertelsmann)

In Geistesverfassungen hineindenken

Oliver Sacks: „Alles an seinem Platz. Erste Lieben und letzte Fälle“


Vier Jahre nach seinem Ableben reicht der wohl einflussreichste Neurologe der letzten Jahrzehnte einen Band nach, der an seine legendären Fallgeschichten anknüpft. Diese „letzten Fälle“ erzählen – wie immer auf literarisch höchstem Niveau – von Patienten und auch von sich selbst. Der 1933 (nicht, wie es im Klappentext der deutschen Ausgabe heißt 1943) in London als jüngstes von vier Kindern seiner aus Litauen stammenden orthodox-jüdischen Eltern geboren.

 

Die überwiegende Zeit seines beruflichen Lebens verbrachte er in den USA an verschiedenen renommierten Krankenhäusern. Aus dieser Tätigkeit schreibt er über „Fälle“, also über Patienten mit Erkrankungen seiner Fachgebiete. Er umrahmt diese nicht nur für Mediziner hochinteressanten Fallgeschichten mit autobiografischen Miniaturen. In ihnen schildert er seine von dem Vater übernommene Leidenschaft zum Schwimmen, die ihn – so kurios verlaufen manchmal die Lebensgeschichten – beim schwimmenden Umrunden einer Insel in New York City zum Erwerb eines Hauses verhalf. Er erzählt, auch das kurios, wie seine farbige, streng katholische Haushälterin ein Rezept seiner Mutter nachkochte und Gefillte Fisch wie bei Mama zauberte. Sacks stellt sich vor, wie diese offenbar geniale Köchin für ihre katholischen Gemeindemitglieder Gefillte Fisch serviert.


Der Kern des Buches enthält aber medizinische Fälle, die wie ein Appell an seine Leser wirken, „sich in die Geistesverfassungen hineinzudenken, die anders sind als ihre eigenen und so zu einer radikalen Form der Empathie zu finden“ (Los Angeles Times). Genau darum geht es: Hinter und in dem Anders-Sein eine menschliche Existenz mit eigener Würde zu erkennen und respektieren. Die Empathie des Arztes Oliver Sacks überträgt sich auf die Leser von Oliver Sacks. Dabei lernen sie Krankheiten mit ihren verschiedenen Ausprägungen kennen, wie z.B.  „Tourette“ (physische und verbale Tics) und die genetische Komponente dieser Erkrankung oder den in einem Fall festgestellten Zusammenhang zwischen Alzheimer und Vitamin-B12-Mangel.

 

Bei der Beschreibung eines Falles bipolarer Störung (vulgo: Manisch-depressive Störung) kämpft er regelrecht gegen die gesellschaftliche Ächtung der für ihre Umgebung „anstrengenden“ Betroffenen. Er erklärt in jedem Fall die medizinischen Zusammenhänge, spricht von Behandlungs- und Heilungsmöglichkeiten, wirbt mit großer Energie für ein würdevolles Leben der Kranken – sei es in psychiatrischen Heilanstalten, sei es in „Freiheit“, die oft eher feindselig empfunden wird.
Die universalen Interessen des genialen Menschenfreundes kommen in Miniaturen aus der Botanik (z.B. über die reichhaltige Flora der Farne mitten in New York City) oder über die komplizierte Erforschung des Ganges der Elefanten oder über astronomische Fragen zu Worte. Er saß im Stiftungsrat des New York Botanical Garden und zu seinem 75. Geburtstag wurde ein Asteroid nach ihm benannt. Seine frühe Veröffentlichung „Awakening“ (1973) wurde mit Robert De Niro und Robin Williams verfilmt. Der Nachklang zu diesem großen Leben und des „Poeta laureatus der Medizin“ wird noch lange nicht verhallen, weil Oliver Sacks noch postum dafür gesorgt hat, dass sich „alles an seinem Platz“ findet.


Harald Loch


Oliver Sacks: „Alles an seinem Platz. Erste Lieben und letzte Fälle“
Aus dem Englischen von Hainer Kober
Rowohlt, Hamburg 2019    287 Seiten   24 Euro

 

 

Michael Jeismann: Die Freiheit der Liebe   Paare zwischen zwei Kulturen

Liebe ist eines der kostbarsten Güter der Menschheit. Überschreitet sie Grenzen, wird sie seit Jahrtausenden mit Zöllen belegt, oft mit Verboten. Gesellschaften, Religionen, Ethnien, Länder wollen unter sich bleiben, vertreten eine Autarkie-Haltung in Sachen Liebe, machen die oder den Fremden schlecht und halten Vermischung für verderbt. Wenn Mann und Frau unterschiedlichen Kulturen, Gesellschaftsschichten, unterschiedlicher Hautfarbe sind oder anders glauben, werden Hürden errichtet, wenn sie sich lieben und eine Familie bilden wollen. Beide leiden darunter, vor allem aber ihre Kinder. Hiervon handelt das weit ausholende Buch „Die Freiheit der Liebe“ des an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrenden Historikers Michael Jeismann.
Seine „Weltgeschichte“ der gemischten Paare schöpft aus ältesten literarischen Quellen, nennt aktuelle Beispiele, erzählt Geschichten aus der Geschichte neu. Immer geht es um Abwehr und Neugier, um Frau und Mann, um das Höchstpersönliche der Liebe versus übergeordneter „Raison“. Es geht um das individuelle, manchmal inzwischen auch das kollektive Durchsetzen dessen, was der Autor als von Hannah Arendt formuliertes Motto seinem Buch voranstellt: „Das Recht zu heiraten, wen man will, ist ein elementares Menschenrecht.“ Das wechselseitige Begehren „gemischter“ Paare ist viel älter als die Formulierung der Menschenrechte, es ist offenbar als anthropologische Variante gewissermassen natürlich. Inzwischen ist das „gemischte Paar“ - befindet Jeismann wohl zu recht - „eine Sonde mitten ins Herz unserer emotionalen und politischen Verfasstheit“.


Jeismann geht im ersten Teil seines Buches den Heiratsverboten von frühester Zeit bis zur Gegenwart anhand ausgewählter Beispiele nach. Manchen werden hier die strikten Heiratsregeln im klassischen Athen irritieren. Wer nicht zum innersten Kreis gehörte, durfte nicht in ihn hineinheiraten, wer dazugehörte nicht aus diesem Kreis heraus. Die Sanktionen waren drakonisch, wurden aber in privilegierten Einzelfällen virtuos vermieden. Die „Mutter der Demokratie“ war jedenfalls kein Vorbild für das Menschenrecht auf grenzüberschreitende Liebe. Und die Athener Grenzen waren sehr eng gezogen. Die Rassengesetze der Nazis setzten eine lange Tradition in mörderischer Weise fort. Ganz anders müssen die Schwierigkeiten jüdisch-palästinensischer Paare heute in Israel beurteilt werden - auch hier sind die Hürden verständlicher Weise hoch. 


Im zweiten Teil geht es Jeismann um „politisch forcierrte und ideologisch erwünschte Paarbildungen, ihre Wahrheiten und Lügen. Sein Paradebeispiel war der Wunsch Alexanders des Großen, der in den eroberten Gebieten selbst „fremd“ heiratete. Er legte seinen Soldaten und Offizieren nahe, einheimische, zumeist persische Frauen zu heiraten. Er fördete diese „Mischehen“ mit großzügigen Prämien. Nach ihm zerfiel nicht nur sein Reich, sondern auch der Gedanke an die segensreiche Vermischung. Später handelten auch die spanischen Eroberer Südamerikas nach diesem Motto und schufen eine bis heute weitgehend „gemischte“ Gesellschaft. Die dynastischen grenzüberschreitenden Eheschließungen im Mittelalter bis in die Neuzeit wirkten nicht immer, wie sich die Anstifter das vorstellten. Immerhin gab es, von Jeismann sehr schön beschrieben, Beispiele erfolgreicher gemischter Ehen zwischen den Herrscherhäusern.


In einem dritten Teil wendet sich Jeismann dem Schicksal der Kinder solcher „gemischten Paare“ zu, die vor allem in Kriegs- und Besatzungszeiten gezeugt wurden, aber selten in einer intakten Familie aufwachsen konnten. Besonders krass ging Norwegen mit den etwa 12000 Kindern deutscher Wehrmachtsangehöriger und ihren norwegischen Müttern um, so dass sich der frühere norwegische Staatsminister Bondevik bei den Betroffenen im Jahre 1998 im Namen Norwegens für die erlittene Diskriminierung entschuldigt. Inzwischen sind auch Entschädigungen gezahlt worden. Die über 70 000 "Besatzungskinder", die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zur Welt kamen, wissen auch ein Lieb davon zu singen.


Migration, neuer Nationalismus und erwachter religiöser Regorismus, ja selbst der bevorstehende Brexit schaffen neue Hürden, neues Leid, ändern aber nichts an der alle solche Grenzen überwindenden Liebe einzelner Paare. Das Menschenrecht, zu heiraten, wen man will, ist längst keine Selbstverständlichkeit. Michael Jeismann hat in seinem faktenreichen und glänzend geschriebenen Buch den Finger auf diese Wunde gelegt, die seit dem Gilgamesch-Epos schwärt. Er zitiert als weiteres Motto für sein Buch Rainer Werner Fassbiner aus Angst essen Seele auf: „Das Glück ist nicht immer lustig“.


Harald Loch


Michael Jeismann: a
Die Freiheit der Liebe. Paare zwischen zwei Kulturen 
Eine Weltgeschichte bis heute
Carl Hanser Verlag, München 2019 350 Seiten 26 Euro

 

Deutsche Grenzerfahrungen

Es begann alles nach einer Lesung des Schauspielers Joachim Król. Der Journalist und Buchautor Lucas Vogelsang, für seine Reportagen vielfach mit Preisen ausgezeichnet, kommt auf den Mimen zu, schwärmt von dessen früheren Filmen, beide kommen beim Thema Fußball zusammen, und schon steht der Plan, als Schnapslaune geboren: Wir wollen in die ehemalige DDR zurück, gemeinsame Grenzerfahrungen machen: Erfahrungen ohne Grenzzaun, Erinnerungserfahrungen, Erfahrungen aus heutiger Sicht. So wie es in dem Film von Joachim Król und Horst Krause WIR KÖNNEN AUCH ANDERS von Detlev Buck zu sehen war, ist das kein Western-„Film“, vielmehr ein EASTERN-Streifen: „ (…) da lauern die Geschichten“.

 

Tief im Westen geht es los, dort, wo der Ruhrpott sein Kohlerevier verlieren wird, dort, wo man den Herzschlag aus Stahl noch hört, wie Grönemeyer singt. „Eine Landschaft, die Kette raucht.“ „Die DDR ein Haufen Lumpen, längst aus der Mode. Altkader wie Altkleider“. „Dies ist nicht der Ort, um in Ruhe rückwärts zu denken“.

 

Es ist diese Formulierungsgabe von Vogelsang, die das Buch und seine Texte so farbig macht, obwohl es keine Bilder enthält, die, sowohl in Farbe und auch nur in einfach Schwarzweiß, das Buch sicher noch attraktiver gemacht hätten.

 

Beide besuchen DDR-Devotionalien-Sammlungen und DDR-Museen in Ost und West, DDR-Flüchtlinge, die in letzter geschichtlicher Sekunde das „gelobte“ Sozialismusland fluchtartig, nein in Wahrheit flüchtend, hinter sich gelassen haben.

 

Król gibt seine Kommentare zu Vogelsangs Beobachtungen, berichtet aus frühen Tagen der Grenzerfahrungen, beide treffen Menschen, die am Grenzzaun wohnten, am Zonenrand, wo die Mauerblümchen mit Zinszuschüssen oder Investitionszulagen kräftig „gegossen“ wurden.

Die beiden „Streifzügler“ baggern die Menschen im Braunkohlerevier an, legen östliche Befindlichkeiten bloß, konservieren Alltagserfahrungen, hängen aus westdeutscher Sicht Ossi-Träumen nach.

 

Der Grenzschützer in Marienborn, dort, wo heute das DDR-Museum zwischen 10 und 17 Uhr geöffnet hat, trug in der Schule das verordnete FDJ-Hemd, zuhause kopierte er illegal die Schallplatten von Iron Maiden und Black Sabbath „Ich war, sagt er, sogar linienbestätigt. Er lacht. Er trägt dieses Wort wie einen Orden. Linienbestätigt, sagt er, waren nur wenige.“ Das waren die ausgesuchten Soldaten, die an der Grenze alleine stehen und laufen durften, weil man ihnen zutraute, dass sie nicht gleich abhauen würden.

 

Wir lesen einen Film, es ist eine Kamerafahrt in den Osten,  ein Road-Movie in Buch-Form, es geht immer weiter, weiter, weiter ostwärts. Joachim Król findet beleuchtete Radwege, die er in seinem Ruhrgebiet nicht gefunden hat, aber beide entdecken auch Dunkeldeutschland, fahren die Transitautobahnen ab, sind in Brandenburg und Sachsen unterwegs, fragen den Aufsichtsratschef des Berliner Flughafens Rainer Bretschneider aus, der sich als West-Verwalter, im Osten kaserniert wie ein „tatsächlicher Besatzer“ empfand. Es waren Menschen in grauen Anzügen, die kapitalistischen West-Werte im Kopf, die man heute noch unterscheiden könne, weil sie kein Lächeln im Gesicht tragen. Der Kampf der Systeme war gewonnen, da kann man sich wie Hund benehmen, da wird man zum Typ mit der Abrissbirne. Eben Besser-Wessi.

 

Potsdam wird mondän, weil die Fernsehgrößen und die Medien-Promis sich dort eingenistet haben und in Gelsenkirchen, dort wo alles kaputt, grau und verlebt ist, werden heute Ost-Filme gedreht.

Eben verdrehte, verkehrte Welt nach der Wiedervereinigung.

 

Auch eine Fußball-Geschichte steht in dem Buch, von Andreas Thom, dem Stürmertrainer bei Hertha BSC, der in der Wendezeit sein Fußballtalent im Westen entwickeln konnte.

 

Die Balltreter aus dem Osten, die Filmschauspieler aus Babelsberg standen plötzlich auf dem Spielfeld oder vor der Kamera und machten als Neu-Wessis den Alt-Wessis Konkurrenz.

 

Horst Krause, der Polizeiruf-Kommissar, bringt die deutsch-deutsche Geschichte auf den Punkt. Die einen hatten Glück, die anderen hatten Pech, die einen schwammen im Süßwasser, die anderen im Salzwasser, und beide mussten strampeln. Das ist die große „Lotterie des Lebens“.

Und ein Touristenführer mit dem Ost-Auge stellt fest: „(da) …haben wir gelernt, dass nicht alle Wessis gute Menschen sind. Und dieses Gefühl, der Dumme zu sein, das ist geblieben.“

 

Das Buch eine keine tiefschürfende, kapitalistisch-sozialistisch kritische Politanalyse, kein detailgenauer Systemvergleich, kein nostalgieverliebtes Museumsbuch, keine Inventur-Bestandsaufnahme über blühende Landschaften, es ist vielmehr eine lebendige, durch Personen und intensive Gespräche, durch wechselnde Landschaften erzeugte WORT-Welt und BILDER- Welt, ehrlich bis auf die Haut, nichts beschönigend, eine aufrichtige Bestandsaufnahme, dreißig Jahre nach dem Mauerfall, so dass man guten Gewissens sagen kann: Der frühere Satz: GEHEN SIE DOCH RÜBER ist bei Joachim Król und Lucas Vogelsang auf fruchtbaren Boden gefallen.   

 

Lucas Vogelsang/Jochaim Król Was wollen die denn hier. Deutsche Grenzerfahrungen ROWOHLT

 

Die Wiese

Der Bucheinband fühlt sich so an, als würde man mit den Handunterflächen über Wiesenhalme streichen, das Hardcover-Buch liegt so soft in einem Buchumschlag, dass der Leser sich schon auf diesem Wege beim In-die-Hand-Nehmen des Buches mitten in die Wiese hinein gesetzt fühlt.

 

Ich bin als Kritiker dieses Naturbuches von Haus aus befangen, denn schaue ich aus dem Fenster in meinen Garten, sehe ich meine private Wiese, auf der sich vor allem bei Sonnenschein mitten im Wald viele Insekten tummeln. Wir tun auch einiges für die Vielfalt. Mein Blick auf das Buch ist zudem beeinflusst durch den Film von Jan Haft, den ich im Kino bereits sehen konnte und der durch seine natürliche Vielfarbigkeit, Schönheit und Dramaturgie schwer beeindruckt.

Gerade fliegt auch eine Wespe durch mein Dachfenster, die ich in früheren Zeiten als Allergiker getötet hätte, heute locke ich sie irgendwie wieder ins Freie. Insekten-Überlebensstrategien meinerseits, denn auch ich habe das Volksbegehren RETTET DIE BIENEN unterschrieben.

 

Bei all diesen Vorbedingungen wird es den Leser dieser Rezension kaum wundern, dass ich auch das Buch loben muss. Ich begründe auch begründet warum: Erstens gelingt es dem Autor, der Biologe und mehrfach ausgezeichneter Tier- und Naturfilmer ist, in einer – ich sage es buchstäblich – natürlichen Sprache der Wiese ein Denkmal zu setzen. Da ist nichts Gekünsteltes, Übergescheites, Moralinsaures, Jan Haft findet die richtigen Worte, ordnet die passenden Kapitel, dokumentiert die farbigen Seiten der Wiese, zeigt die Artenvielfalt und deren Bedrohungen, er analysiert die Zusammenhänge, kann sogar Neuigkeiten aufbieten und macht auch die Landwirte mit ihren Überdüngungsstrategien als „Schuldige“ aus, bleibt jedoch nicht nur beim  Kritisieren, sondern weist Wege auf, wie Biodiversität erreicht werden kann.

 

Tierfilmer zeigen gerne Elefanten, Tiger, Löwen, Bären, Nashörner, Antilopen und Giraffen oder Eisbären und neuerdings auch wieder den Wolf. Aber, wer hat den Mut, sich filmisch der Heuschrecke zu nähern? Jan Haft tut es, er zeigt das Spannende in der Wiesen-Natur-Normalität. Wildbienen, Fliegen, Heuschrecken, kämpfende Hirschkäfer und Schmetterlingsraupen können genauso spannend sein wie Rachen aufreißende Alligatoren. Man muss sich als Leser oder Filmzuschauer nur darauf einlassen. Haft hofft, dass das momentane Interesse, das Insektensterben zu bremsen, nicht nur einen kurzen Artensterben-Aufschrei darstellt, sondern nachhaltig bleibt.

      

Der Autor zeigt auch das Paradoxe in der Natur, dass Harvester-Holz-Ernter zwar tiefe Gräben in den Waldboden ziehen und den Boden verdichten, dass aber in den Fahrspuren Minitümpel einstehen, in denen Gelbbauchunken, Wasserkäfer und Wasserwanzen, Krebse, Moose und Pilze ihren Lebensraum finden. Da ist es, das Widersprüchliche in der Natur.

 

Wussten Sie auch, dass es in Deutschland 80 unterschiedliche Heuschreckenarten gibt und in manchem Krimi auf der Film-Tonspur sich amerikanische Exemplare davon tummeln, die im deutschen Tatort gar nicht vorkommen dürften. Irrtümer der Tonmeister beim Abmischen des Films.  

 

600 Zikadenarten allein zählt der Naturschützer.

Biodiversität muss zum Agrarprodukt werden, fordert der Autor. Es sollte sich lohnen, auf Gift und Gülle zu verzichten, die Grenzen zwischen Schutzgebieten und landwirtschaftlich genutzten Flächen müssten unscharf werden.

 

Wie sagte schon der Philosoph Arthur Schopenhauer: „Jeder dumme Junge kann einen Käfer zertreten. Aber alle Professoren der Welt können keinen herstellen.“ Und deshalb gehört dieses Buch in den Biologie-Unterricht. 

Der Klang von Paris

Titel Volker Hagedorn: „Der Klang von Paris – Reise in die musikalische Metropole des 19. Jahrhunderts“  Rowohlt-Verlag

 

„Aber Paris ist wirklich ein Ozean“, schreibt Honoré de Balzac, dessen Worte als Einleitungszitat auf der ersten Seite des Buches von Volker Hagedorn über den Klang von Paris stehen. Bleiben wir erst einmal bei diesem Bild, hier wird das Meer mit einer Hauptstadt verglichen.

Eine solche Kombination zweier Sphären - Ozean und Paris - ist so weitreichend, wie eine Stadt mit KLANG in Verbindung zu bringen. Es ist ein breiter, vieles möglich machender, reizvoller Ansatz, zugleich birgt er jedoch die Gefahr, beliebig oder ausufernd zu werden.

 

In einer ausgesprochen visuell dominierten Videoclipzeit verspricht dieses Buch von Volker Hagedorn, spannend zu werden, weil es das Akustische hervorhebt. Und doch gelingt es ihm auch, mit diesem Buch Bilder einer Stadt zu erzeugen. Der Klang einer musikalischen Epoche, der Klang einer Stadt, Melodie und Rhythmus von Paris schwingen mit. Das 19. Jahrhundert in Paris, das ist rapides Wachstum einer Millionenmetropole, Reichtum und Elend zugleich, Revolution und Reformation, Vergangenheit und Utopie, Nationalismus und Antisemitismus.  

 

Wir lernen die Musiker Berlioz, Meyerbeer, Rossini, Offenbach, Paganini und Wagner kennen, auch Chopin und Liszt. Ob Chopins Geliebte George Sand, Heinrich Heine oder Victor Hugo, der Maler Delacroix und die Schriftsteller Baudelaire, Balzac, Flaubert, sie alle treten auf dieser Buch-Bühne des 19. Jahrhunderts in wechselnden Rollen, Geschehnissen und musikalischen Szenarien auf.

 

Musikalische Vorbildung hilft, das Buch besser zu verstehen. Es ist anspruchsvoll und zugleich lesbar. Hagedorn ist seinen gewählten Figuren sehr nah, sein Beobachten ist sehr, sehr genau. Berlioz sollte eigentlich Arzt werden, wir erfahren warum! Rossini, der Komponistenstar jener Zeit, liebt Frauen und gute Küche gleich stark. („Man löffelt nun Austern in Kräutersud“), Paganini verspielt seine Honorare in Casinos. Die Cholera wütet in Paris, wir erfahren Einzelheiten: Baron Rothschild kündigt deshalb seine Opernloge. Heine streift durch die Straßen und schreibt darüber. Heine bleibt, um “auf dem Schlachtfelde selbst“ zu schreiben. Über den rastlosen Offenbach sagen die Menschen jener Zeit, er wäre der Richtige, den Fahrplan zu vertonen. Richard Wagner zahlt 4000 Francs für drei Jahresmieten im Voraus.

 

Hagedorn fängt Klang und Missklang der Epoche ein, instrumentiert Paris als großartiges Orchesterwerk, in dem Dur und Moll zu hören sind, in dem Pauken und Trompeten die neue Zeit ankündigen und Streicher auch die leisen Töne des Lebens anstimmen. Ein Buch, wie eine Symphonie, nicht nur in vier, in vielen Sätzen…

Der Autor  Autor Volker Hagedorn, Jahrgang 1961, lebt als Buchautor, Journalist und Musiker in Norddeutschland. Er studierte Viola in Hannover, war Feuilletonredakteur der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung und arbeitet seit 1996 frei für DIE ZEIT, verschiedene Rundfunksender, Tageszeitungen und Magazine. Als Barockbratscher hat er besonders mit Cantus Cölln Aufnahmen gemacht und weltweit konzertiert.

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Bei Mord: Dreimal schießen - MAFIA LEBEN

Wenn ein Wissenschaftler, Journalist, Romanschriftsteller die Idee hat, ein Mafiabuch zu schreiben, geraten Lektoren in Panik und Verleger suchen das Weite, soviel ist über die Mafia schon geschrieben, philosophiert, untersucht und phantasiert worden, dass es auf keine Kuhhaut, pardon Buchseite mehr geht. 


Weit gefehlt, wie so oft in der Buchbranche, Frederico Varese hat mit seinem MAFIA LEBEN ein Buch vorgelegt, in dem es um Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens geht. Und tatsächlich gewinnt er dem Dauerthema Mafia eine neue Seite, vielmehr genauer gesagt 335 neue Seiten ab, indem er die vergleichende Methode anwendet, ins Innere der Mafia vordringt, wissenschaftliche Methoden mit Reportagehaftem kombiniert. Eine neue Sachlichkeit bringt er ins Thema ein, liefert unzählige Fakten, die sich in der vergleichenden Methode manchmal wiederholen, aber dies zwangsläufig müssen, weil an bestimmten Stellen der Vergleich es an sich erfordert.

 
Und er beantwortet viele Fragen, historischer Art, gegenwärtiger Themen, kultureller Differenzen und lokaler Eigenheiten, er hat den breiten und den fokussierten Blick, er schaut nach Italien, in die  USA, nach Russland, Japan und China, nie leidenschaftlich, immer reserviert und distanziert, auch wenn es um die brutalsten Methoden der Mörder geht. Varese ist eben Kriminologe, er blättert in polizeilichen und Justizakten, zitiert aus Interviews mit Mafiagrößen, kennt die bisherigen Veröffentlichungen und zieht interessante Vergleiche: Wie entstehen Mafiastrukturen? Wie gehen die Mafiosi mit Geld um? Wie werden die Geschäfte der Mafia geführt? Im Kapitel Arbeit spielt die Finanzkrise und deren Folgen für die Mafia die Hauptrolle. Im Kapitel Liebe geht es um die Sozialbeziehungen und auch um Partnerschaftsprobleme oder die Liebe unter den männlichen und weiblichen Mafiosi.

 
Selbstbilder thematisiert Varese - sehr stark dargestellt – am Beispiel, wie Imitationsverhalten dazu führt, sich an Filmdarstellern in Mafiafamilien auch in der Realität zu orientieren. 
Im Kapitel Politik wagt Varese, „… auf einer allgemeineren Ebene (zu erörtern), wie eine Mafiaorganisation zum Staat werden kann und wie Staaten oft einer Mafia ähneln“. 


Im Kapitel Tod geht es um die Tötungstechniken der Mafia. Dreimal schießen und nicht zu nah rangehen, lautete ein konkreter Hinweis zu einem Mordauftrag, und die Latexhandschuhe vorher ausprobieren. 
Zitat: „Mafiosi müssen bereit sein zu töten, und sie müssen es relativ gut können.“ 


Sie scheuen sich auch nicht, Flammenwerfer und Sprengstoff einzusetzen. Männer in den eigenen Reihen und auch Verwandte können vor allem aus Rache getötet werden. 
Die Entsorgungsmethoden sind so menschenverachtend, dass ich sie hier nicht zitieren will. 


Aus all den vorherigen Überlegungen leitet der Kriminologe Methoden im Kampf gegen die Mafia. Lesen Sie selbst!

 
Das Buch ist bebildert und hat einen umfangreichen Anhang. Es findet sich am Ende des Buches auch eine interessante synoptische Tafel der Mafiaregeln und der Mafiastrukturen im Überblick, um sie zwischen fünf Mafiaorganisationen zu vergleichen. 
Die ausführliche Danksagung des Au

tors bezieht sich auf die einzelnen Kapitel, hinzu kommt ein umfangreicher Anmerkungsapparat, sowie Bildnachweis und Personenregister. 


Wir lernen Mafiapersonen und Mafiastrukturen kennen aus soziologischer, politischer und kriminologischer Sicht, einzelne Fälle wie Gesamt-Strukturen betrachtend. Ein sehr erhellendes Buch!


Federico Varese ist Professor für Kriminologie an der Universität Oxford und ein Experte für das organisierte Verbrechen. Seine Arbeiten über die russische Mafia und über die Erschließung neuer krimineller „Märkte“ im Zeitalter der Globalisierung sind Standardwerke. Er hat John Le Carré mehrfach mit seinen Kenntnissen beraten.


Frederico Varese Mafia Leben CHBeck

 

Länderauskunft: GEORGIEN

Das Christentum ist hier in seiner orthodoxen Variante viel länger herrschende Religion als in den meisten Ländern der Europäischen Union, mit der das Land ein Assoziierungsabkommen geschlossen hat. Wie verträgt sich das mit der Diskussion, ob Georgien als „sicheres Herkunftsland“ anzusehen ist? Fliehen die Menschen aus dem Land oder wandern sie einfach aus? Seit der Unabhängigkeit im Zuge der Auflösung der Sowjetunion haben annähernd eine Million das Land verlassen.

 

Ein Land also voller Widersprüche zwischen Asien und Europa, zwischen jahrhundertelangen Besetzungen von Türken, Persern, Russen und neuer, stolzer Unabhängigkeit. Ein solches Land zu porträtieren bedarf genauer Kenntnis der Zustände vor Ort und genauer Recherchen.
Kann man sich einen kompetenteren Porträtisten vorstellen als den 1940 geborenen Slawisten und Politologen Dieter Boden? Er absolvierte im Auswärtigen Amt der Bundesrepublik mehrere Einsätze in diplomatischen Vertretungen in Osteuropa und im Kaukasus. 1995/96 und 1999 – 2002 leitete er OSZE- und UN-Missionen in Georgien. Er beteiligt sich bis heute an zivilgesellschaftlicher Projektarbeit im Kaukasus. In seinem Buch beschreibt er auf knappem Raum mit allen wichtigen Details Geschichte und Landschaft, Menschen und Kultur, Religion und die Konflikte mit dem übermächtigen Nachbarn um die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien. Dabei verfällt er nicht in einen Jargon des Kalten Krieges sondern pflegt einen diplomatischen Ton. Die beiden hierzulande berühmtesten Persönlichkeiten Georgiens könnten unterschiedlicher kaum sein: Stalin und Schewardnadse, dessen zehn Jahre währende, heute in Georgien kritisch betrachtete Präsidentschaft Boden mit objetivem Blick von außen angemessen würdigt.

 

Die multiethnische Bevölkerung lebt seit Jahrhunderten friedlich miteinander. Trotz der Land und Gesellschaft dominierenden orthodoxen Kirche herrscht religiöse Toleranz. Die wohl einzige Moschee in der ganzen Welt, die Sunniten und Schiiten gemeinsam als Gotteshaus benutzen, steht in Tbilissi, unweit des jüdischen Viertels mit zwei Synagogen. Allerdings ist ein großer Teil der bis vor wenigen Jahrzehnten über 100.000 Mitglieder zählenden Jüdischen Gemeinde nach Israel ausgewandert.


Die ausgezeichnete georgische Küche lobt der Autor aus eigener jahrelanger Kenntnis und die hervorragenden Weine hat er selbst verkostet. Der georgische Weißwein wird übrigens nicht wie bei uns gekeltert sondern mit „Haut und Haaren“ vergoren, was ihm seine besondere Farbe und seinen eigenen Geschmack verleiht. Man erfährt etwas über die früheren Beiträge von Deutschen zur Kultur und Entwicklung des Landes, über deutsche Siedlungen und die deutschen Kriegsgefangenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wichtige Aufbauarbeiten durchführten. Detailreich beschreibt Boden die leider häufig dem Verfall preisgegebene Jugendstilarchitektur des historischen Tbilissi das um 1900 ein Traumziel von Intellektuellen und der Boheme aus ganz Europa war. Das schöne restaurierte Stadtpalais, das ein deutscher Architekt für einen georgischen Brandy-Fabrikanten errichten ließ, beherbergt heute den georgischen Schriftstellerverband. Der jahrundertealten Literatur, dem Stolz des ganzen Landes, widmet er mehr als nur Fußnoten und auch den anderen Künsten mehr als nur Pflichtbeiträge. Wer weiß schon, daß der große Choreograph des New Yorks City Balletts, George Balanchine, Georgier war? Oder auf einem anderen Gebiet: Wer erinnert sich daran, daß der georgische Fußballmeister Dynamo Tiflis 1981 im Europapokal der Landesmeister Carl-Zeiss Jena aus der DDR mit 2:1 besiegte?


Ein solches Land auf 200 Seiten zu porträtieren ist eine Kunst. Dieter Boden informiert über wirklich viel in sehr gut lesbarer Form. Für alle, die das „Fest Georgien“ in diesem Sommer und Herbst miterleben wollen, ist es eine Festschrift im besten Sinne des Wortes.
 
Harald Loch
 
Dieter Boden: Georgien. Ein Länderporträt
Ch. Links Verlag, Berlin 2018   200 Seiten   18 Euro

 

 

Auch morgen wird eine Zukunft sein

Das Fenster zum Blick nach vorn, ob auf das Paradies auf Erden oder apokalyptische Zustände, jedenfalls auf mehr Wissen und Erkenntnis ist seit mehr als 25 Jahren durch die sogenannte „Edge“-Frage, die der 77 jährige  Visionär John Brockman aus Bosten gelegentlich stellt, sperrangelweit geöffnet. Er richtet an führende Wissenschaftler vor allem aus den USA  folgende Frage: „Was halten Sie für die interessanteste wissenschaftliche Neuigkeit unserer Zeit? Was macht die Bedeutung dieser Neuigkeit aus?“ Knapp 200 Antworten sind 2017 bei Brockman eingegangen. Jetzt liegt die hervorragende deutsche Übersetzung in einer erfreulich erschwinglichen Taschenbuch-Erstausgabe vor. Science Fiction ist langweilig gegenüber diesem tour d’horizon durch die pipelines der Wissenschaft.

 

Er zeichnet kein ganz genaues Bild von den Ideen, Entdeckungen und Erfindungen der Zukunft, aber er lässt nicht nur ahnen, wo die Reise hingeht oder wo sie hingehen sollte - wie in einem Zug, in dem die folgenden Stationen schon angekündigt sind, aber niemand weiß, ob die Bahn sie auch tatsächlich erreichen wird.


Die aufregende Lektüre der bis zu drei oder vier Seiten umfassenden Antworten muss nicht der Anordnung des Buches folgen. Wer zufällig eine Seite aufschlägt, landet immer intellektuelle Volltreffer. Die Details versteht manchmal nur der Spezialist. Aber der an Wissenschaft Interessierte wird in jedem der Beiträge nicht nur auf den Kern zukünftiger Erkenntnis oder Erfindung stossen sondern deren Bedeutung andeutungsweise ermessen können. Ein paar Beispiele: Der theoretische Physiker Sean  Carroll vom Caltech schreibt: „Wir kennen alle Teilchen seit der Entdeckung des Higgs-Bosons.

 

Sie ist eine der größten Errungenschaften des menschlichen Geistes. Herauszufinden, wie diese einfachen Bausteine zusammenwirken und unsere komplexe Welt hervorbringen, ist eine Aufgabe, an der noch viele Generationen arbeiten werden.“ Oder: Der Begründer der evolutionären Psychologie John Tooby aus Santa Barbara beschreibt den andauerneden „Wettlauf zwischen genetischer Kernschmelze und gentechnischen Eingriffen in die Keimbahn.“ Der Kognitionswissenschaftler Joshua Bach vom MIT behauptet: „Alles ist Rechnen. Rechnen ist etwas anderes als Mathematik. Immer mehr Physiker erkennen, dass unser Universum nicht mathematischen, sondern rechnerischen Charakters ist und die Physik die Aufgabe hat, einen Algorithmus zu finden, der unsere Beobachtungen zu reproduzieren vermag.“ 

 

In eine ähnliche Kerbe haut der Physiker Alexander Wissner-Gross, ebenfalls vom MIT, der schreibt: „Datensätze sind wichtiger als Algorithmen!“ Die Anthropologin Nina Jablonski von der Penn State University fast ihren Beitrag wie folgt zusammen: „Lassen Sie uns unseren Körper nicht länger als Tempel aus Sehnen und einem Gehirn begreifen, sondern als sich weiterentwickelndes Ökosystem voller Bakterien, die unsere Gesundheit auf sehr viel mehr Arten und Weisen steuern, als wir uns je vorstellen können.“ Der Sozialpsychologe Richard Nisbett aus Michigan beschreibt die Desillusionierung und Unzufriedenheit armer weißer US-Amerikaner (eine Ursache des nicht verstandenen Trump-Erfolgs). Er fordert, „die Wissenschaft muss noch mit überzeugenden Theorien aufwarten, die aufzeigen, wie das Schicksal armer Weißer am unteren Ende der sozialen Leiter verbessert weden kann“. Die Pholosphin Rebecca Newberger Goldstein aus New York schreibt über „Genderisierung der Genialität“.

 

Sie hält die Unterschätzung des kreativen Potentials mehr als der Hälfte (der weiblichen) unserer Bevölkerung für so wichtig, dass ihre Überwindung einen großen Segen für die Menschheit bringen würde. Manche Beiträge desillusionieren die Propheten der KI, indem sie die Geschwindigkeit der Fortschritte im Bereich der Künstlichen Intelligenz auf mehrere menschliche Lebensspannen reduzieren. Ein anderes wichtiges Thema behandelt der Evolutionsforscher Michael McCullough, der unter dem Titel “Die religiöse Moral schlägt meist unter der Gürtellinie zu“ das Phänomen beschreibt, dass religiöser Eifer und Fanatismus sich meist an Fragen der Sexualität entzünden „mit dem netten kleinen Extra, Gott auf seiner Seit zu wähnen“. 
Mathematik und Informatik, Umweltschutz und Wirtschaftswissenschaften, Astronomie und Mikrobiologie – Bereiche der Wissenschaft, in denen in absehbarer Zukunft grundlegen Neues zu erwarten oder zu erhoffen ist. Fast 200 Beiträge  renommierter Wissenschaftler geben einen durchaus auch unterhaltsamenVorgeschmack auf morgen, der nicht immer bitter aber auch nicht nur angenehm ist. Ein sehr interessantes Buch, das aufzeigt, wie entscheidend  Wissenschaft die Welt von gestern und heute in eine von morgen verwandeln wird.


Harald Loch


John Brockman (Hrsg.): Neuigkeiten von morgen
Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit über die wichtigsten Ideen, Entdeckungen und Erfindungen der Zukunft
Aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Jürgen Schröder
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2018  635 Seiten   15 Euro

 

 

Bayern leuchtet literarisch

Ist es möglich, 1300 Jahre Literaturgeschichte in einem Buch zusammenzufassen? Ja, es ist möglich! Ist es zulässig, regionale Literaturgeschichte, eine bayerische Literaturgeschichte für sich alleine zusammenzutragen. Ja, sagt Klaus Wolf, Professor für Literatur und Sprache des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Universität Augsburg! 


Zumal Bayern als Staat älter ist als Deutschland. Mangelnde territoriale Kontinuität in der Geschichte gilt ja für ganz Europa im allgemeinen, und Literaturgeschichte kann sich ja nicht allein nur an Städten orientieren, das wäre ein zu schmaler Focus. 
Sich an Stämmen und Landschaften zu orientieren, wäre genauso fragwürdig. Die regionale Geschichtsschreibung hat immens zugenommen, doch in der Literaturgeschichte stellt man blinde Flecken fest. 


Der literarische Regionalismus animiert also den Autor. Ebenso wäre es fahrlässig sich allein auf die urbanen Zentren zu stürzen. Auch wollte der Autor kein Nachschlagewerk erstellen. 
Die Methode, die Wolf anwendet, ist, übergreifend historisch-gesellschaftliche Interessen zu benennen, die spezifische Literaturtypen und Traditionen hervorgebracht hat. 
Dabei spielten Kunst und Kirchengeschichte, Geschichte überhaupt mit, übergreifende Themen also, die nicht allein an Epochen orientiert sind und eine reine Chronologie verbieten. 
Der Autor bietet eine Gesamtschau wichtiger Gattungen, Werke und Autoren, also eine fundierte Gesamtdarstellung, die von der Literatur des 8. Jahrhunderts bis hinein in die heutigen Tage zu Django Asül und Gerhard Polt reicht. 


Von den Agilofingern und Karolingern führt uns Wolf zu den Wittelsbachern, vom literarischen Leben um Ludwig den Bayern zu Universitätsstädten in Bayern und Meistersingern um Hans Sachs, von der Türkenmode bis zur Prinzregentenzeit, von den Literaten im I.Weltkrieg über die Nazizeit und bis zur Gruppe 47 und den Münchner Turmschreibern. Ja sogar Film- und Fernsehen, das Kabarett und München als Filmschauplatz werden mit berücksichtigt. 
Die Literaturgeschichte beansprucht keine Vollständigkeit, sie ist ausführlich, fundiert, setzt besondere Akzente und geht exemplarisch vor. In Abwandlung von Thomas Mann möchte man formulieren - in diesem Buch: Bayern leuchtet literarisch!


 

 

Mehr vom Meer


Geschichte spielt sich an Land ab, vieles entscheidet sich aber auf dem Meer. Eine Historiographie, die von beidem erzählt, wird keine bloße Geschichte der Seefahrt sein, aber die Perspektive wird sich auf die Entwicklungen auf den Meeren und deren Einfluss auf den festen Teil der Erde richten, auf dem die Menschen leben. Der Historiker Jürgen Elvert nimmt in seinem Buch „Europa, das Meer und die Welt“ die Neuzeit des Kontinents in seinen Blick, der mit seiner riesigen Küstenlänge wie kein anderer von einer „maritimen“ Geschichte bestimmt wird. Dazu muss der Autor nicht die ganze Entwicklung Europas nacherzählen, ohne sie bei allen Lesern als bekannt vorauszusetzen. Er beschränkt sich auf die Wechselbeziehungen zwischen Land und Meer, vertieft an wichtigen Stellen bis ins Detail und streift großzügig über andere Ereignisse, die für sein Narrativ eine geringere Bedeutung haben. Der Autor ist 1955 in Eckernförde geboren, ist also mit Ostseewasser getauft, in einer kleinen Hafenstadt aufgewachsen. Sein Buch ist aus einem Forschungsprojekt an der Universität zu Köln hervorgegangen, das von der Europäischen Union im Rahmen der Jean-Monnet-Förderlinie unterstützt wird. Parallel zum Buch wurde die Sonderausstellung des Deutschen Historischen Museum in Berlin zum Thema „Europa und das Meer“ (13.6.2018 – 9.1.2019) entwickelt. Ein dritter Teil des Jean-Monnet-Projekts wird derzeit vorbereitet, in dem es um die Rolle von Häfen geht.


Seine Grundgedanken beschreibt Elvert in einem leidenschaftlichen Prolog: „Das Meer ist der rote Faden in diesem Buch, denn über das Meer veränderten die Europäer die Welt. Diese wiederum veränderte daraufhin – ebenso über das Meer – die Europäer. Die Hafenstädte, in denen die Wechselwirkungen zwischen Europa und der Welt zuerst, unmittelbar und ungefiltert ihre ganze Dynamik entfalten konnten, waren gewissermaßen Laboratorien der europäischen Moderne, weil in ihnen – bildlich gesprochen – großangelegte Experimente stattfanden, welche die Entwicklung auch der Gesellschaften im Hinterland des Kontinents stark und nachhaltig beeinflussten.“ Diesem Entwurf seiner Geschichtserzählung folgt der Autor auf erstaunlich vielen Teilgebieten. Die Entwicklung der maritimen Hard- und Software, also von Schiffen und Hafenanlagen wie Karten und Navigationsmitteln beschreibt Elvert ebenso sachkundig und detailreich wie die Fahrten der Entdecker, die Lebensschicksale einzelner Pioniere, die volks- und betriebswirtschaftlichen Aspekte der Welterschließung über die Meere, den Einfluss von religiöser Missionsarbeit, den europäischen Sklavenhandel oder die Entwicklung des Seevölkerrechts wie die überseeische Migration. Er betrachtet die sich geradezu revolutionäre Entwicklung der Konsumgewohnheiten durch bislang unbekannte Pflanzen wie Kartoffel oder Tomate und von Genussmitteln wie Tee, Kaffee oder Tabak, die alle erst von Übersee nach Europa kamen und ihren Einfluss auf die Gesellschaft.


Zahlreiche Abbildungen vermitteln eine schöne Ergänzung des ohnehin sehr plastisch erzählten Textes. Zwei große Karten im Vor- bzw. Nachsatz zeigen die Entdeckungsfahren über die drei Weltmeere und werden durch ausführliche Erläuterungen intelligent erschlossen. Dadurch wird das Buch zum Nachlagewerk mit Bestand. Es wendet sich an ein historisch interessiertes Publikum, das sich von dieser neuen, maritimen Perspektive der europäischen Geschichte überraschen lassen will und bei der Lektüre viel erfahren wird, was bisher nur Spezialisten unter den Historikern bekannt war. In der Einschätzung und Gewichtung mancher Ereignisse beweist der Autor keine ungestüme aber behutsame Urteilskraft. Entstanden ist eine in Stil und Inhalt überzeugende neue Geschichtserzählung von Europa in der sich über das Meer erweiternden Welt. 


Harald Loch


Jürgen Elvert: Europa, das Meer und die Welt
Eine maritime Geschichte der Neuzeit
Deutsche Verlagsanstalt, München 2018   591 Seiten   45 Euro

 

Oper zwischen Diktatur und Demokratie

Titel Misha Aster STAATSOPER Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper im 20. Jahrhundert Mit einem Vorwort von Daniel Barenboim SIEDLER 

 

Autor Misha Aster, geboren 1978 in Kanada, ist Historiker, Musikwissenschaftler und Dramaturg. 

 

Inhalt Die bewegte Geschichte der Berliner Lindenoper in einem breiten Geschichtspanorama im 20. Jahrhundert

 

Gestaltung 540 Seiten, Hardcover mit Fotos im Text integriert inklusive Vorwort von Daniel Barenboim. Aus dem Englischen von Martin Richter
Vorwort, Einleitung, 9 Kapitel, Epilog, Dank und umfangreicher Anhang mit Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnis, Personenregister und Bildnachweis 

 

Cover Blick in die Stuhlreihen und auf den Balkon

 

Zitat „Die Geschichte der Berliner Staatsoper verzeichnet Tradition und Schmerz, Tragödie und Mut, große Erfolge und tiefes Scheitern - Begleitung und Taktschlag für die unermüdliche Suche nach seiner Identität“. 

 

Meinung Meine Güte, was für ein detailreiches, tiefgründiges, ausführliches Geschichtspanorama, das der kanadische Historiker, Musikwissenschaftler und Dramaturg da zeichnet. Es ist nicht weniger, als ein deutsches Opernhaus in einem deutschen Jahrhundert darzustellen, das linke und rechtsradikale Revolutionen, also Diktaturen und Demokratien, miterlebt hat, das – wie Barenboim im Vorwort schreibt – „ … hinsichtlich ihrer Historie“ einzigartig dasteht. 


Die Chronik der Oper ist parallellaufend zur Geschichte des 20. Jahrhunderts bis 1989, von Hofoper der Hohenzollern, über die Deutsche Staatsoper bis zur Staatsoper Unter den Linden, der Daniel Barenboim nun schon seit 25 Jahren vorsteht. Es eine Geschichtsdarstellung durch die handelnden Personen der Staatsoperngemeinschaft betrachtet, wie der Autor eingangs schreibt. 


In der Hyperinflation kostete ein Opernplatz hunderte Millionen, in der Nazizeit trat die Oper im Gleichschritt und unter Görings Schutz auch nicht, die Oper erlebt Klemperer und Richard Strauss, Staatsakte mit Führerloge, Goebbels war stets für ein aktives Eingreifen der Regierung in die Kultur. 


Karajan startet seine Karriere und wird zum Herausforderer für Furtwängler. Wir erleben die Oper im Nachkriegsberlin einer Trümmerstadt, die geteilt war in Ost und West. Und plötzlich lag die Oper hinter der Mauer im Osten, und es stellte sich die Frage: Wer kann in der DDR dirigieren, und das war erst mal nicht politisch, sondern musikalisch gemeint, und dürfen Westkünstler in Ost-Opern auftreten? 
Die DDR entschied sich für den dogmatischen Kurs. Auf der Bühne und im Orchestergraben treten auch IMs auf, die das Verhalten der Staatsopernbediensteten zu Westbesuchern auskundschaften. 
Ausführlich beschäftigt sich der Autor mit der Staatsoper in der Wendezeit und dem Antritt Daniel Barenboims in turbulenten Zeiten der Wiedervereinigungsproblematiken. Und am Ende steht die Erkenntnis, dass Geschichte keine Ansammlung positivistischer Art von stetigem Lernen und Wachstum ist, sondern ein gefährlicher Hindernislauf voller Versuche und Irrtümer. Die aktuellen Zeiten kommen etwas zu kurz, aber mit der Gegenwart fremdeln Historiker naturgemäß, weil sie sich in die Geschichte vertiefen. Und in diesem Fall sehr tief. 

Leser Eher nur für Opernfans und Geschichtsinteressierte – ein Buch mit großem Personaltableau und historischer Breite

 

Pressestimmen 
„Misha Aster hat die verschlungenen Wege der Berliner ‚Staatsoper‘ mit dem emotionalen Elan des findigen, die historischen Quellen virtuos ausschöpfenden Geschichtsschreibers erzählt.“ Süddeutsche Zeitung (07.12.2017

Zwangsgeräumt - Armut in den USA

Vor zehn Jahren erschütterte die Finanzkrise die Welt. Sie hatte in den USA als Immobilienkrise begonnen und riesige Verluste bei Banken, Versicherungen und Privatpersonen verursacht. In den meisten Fällen mussten die Steuerzahler die Sünden der Zocker im Finanzkapitalismus bezahlen. Dabei gerieten die Verluste derjenigen aus dem Blick, die keine Steuern zahlen – nicht, weil sie sie raffiniert vermeiden, sondern weil sie zu arm sind, über kein steuerpflichtiges Einkommen verfügen. Auf dem Höhepunkt der Krise hat der amerikanische Soziologe Matthew Desmond von Mai 2008 bis Dezember 2009 eine bemerkenswerte Feldforschung unternommen, über die er jetzt nach einem Prozess des Nachdenkens in einem bemerkenswerten Buch Zeugnis ablegt: „Zwangsgeräumt“. Die New York Times urteilte beim Erscheinen des amerikanischen Originals im vergangenen Jahr: „Ein kometenhaftes Buch – etwas, das nur sehr selten erscheint.“

 

Der Autor ist inzwischen Professor für Soziologie an der Harvard University. Er wollte seinerzeit wissen, wie es am untersten Ende der Betroffenheit der subprime-crisis aussieht. Er mietete sich in den ärmsten Vierteln der amerikanischen Großstadt Milwaukee ein. Zunächst in einen Trailer-Park, in dem 130 Wohnwagen an exmittierte Einzelpersonen und Familien für jeweils etwa 500 $ vermietet wurden. Danach zog er in ein nahezu ausschließlich von Schwarzen bewohntes Viertel der Stadt. Er lebte und sprach mit seinen Nachbarn, erkundete deren Wohnungssituation, hielt dabei den für seine Forschungen notwendigen Abstand, entwickelte aber aus diesem Abstand die Empathie, aus der er die Motivation für sein Buch und sein Engagement entnimmt. Er erzählt die Geschichte von acht Familien am ärmsten Rand der amerikanischen Gesellschaft. Er sieht auch auf die Lage von Vermietern, die mangels anderer Alternativen von ihrem kleinen Vermögen ein oder mehrere Miethäuser erworben haben und diese kaum instand halten können. Deshalb schmeißen sie säumige Mieter raus -oft mit ungesetzlichen Mitteln. „Zwangsgeräumt“ erzählt von Schicksalen, in denen der Lebensmittelpunkt, die eigene Wohnung, zur Quelle von Verzweiflung, Kriminalität, Drogensucht und Suizid wird.

 

Die aus Hunderten von Begegnungen ausgewählten acht Beispiele stehen für Millionen Amerikaner. Das spannend erzählte Buch wird zum soziologischen Meisterwerk durch die vielen, oft sehr ausführlichen Fußnoten. In ihnen werden Zahlenwerke und Forschungsergebnisse aus der eher typischen Großstadt Milwaukee aber auch aus den ganzen USA als Hintergrund zusammengetragen. Aus den Beispielen wächst ein Allgemeines zusammen. Wohnungs- und Sozialpolitik, Rassismus und familiäre Gewalt auf dem Boden unakzeptabler Wohnbedingungen, Stadtplanung und Einkommensverteilung – alles gehört auf seinen Prüfstand. Das Prekariat in einem der wohlhabendsten Länder der Welt schreit zum Himmel, der nicht helfen wird – das weiß auch der Autor, der Sohn eines Predigers ist.


Die Wohnungsnot nimmt auch hierzulande immer dramatischere Formen an. Zwar sind die sozialen Netze hier deutlich haltbarer als in den USA, wo angeblich jeder seines eigenen Glückes Schmied ist und wo der „amerikanische Traum“ für Millionen zum Alptraum geworden ist. Aber wenn hier die Zinsen deutlich steigen, die Immobilienkredite nicht mehr bezahlbar sind, wenn die Arbeitslosigkeit einmal wieder steigen wird, stellen sich die Probleme ähnlich dar: unbezahlbarer Wohnraum wird zu dem führen, was der Autor mit seinem Buch beklagt: „Zwangsgeräumt“!


Harald Loch
 
Matthew Desmond: Zwangsgeräumt – Armut und Profit in der Stadt
Aus dem Amerikanischen von Volker Zimmermann und Isabelle Brandstetter
Ullstein, Berlin 2018    536 Seiten   26 Euro

 

Die Kunst des Interviews

Warum ist das Buch so spannend zu lesen?

 

Weil Sven Michaelsen in seinen besten Interviews mit den Promis dieser Welt einen Tiefgang erreicht und dabei viele Überraschungsmomente liefert. Vor allem ist es die psychologische Ebene, die beim Interviewpartner Lockerungsmomente verursacht, Offenheit herstellt. Geleitet von Geduld, Witz und sanfter Neugier, wie Benedikt Erenz im Vorwort schreibt. Ob Modemenschen oder Popliteraten, Literaturkritiker oder Literaturproduzenten, Verlegerpäpste oder Schauspielerinnen, Philosophieprofessoren oder DDR- Dissidenten, es ist eine Art langsamer Sezierprozess, eine Art Frage-Computertomographie, die diese Interviewpersonen durchleuchtet.


Handke erweist sich wieder einmal als Widerspenstiger: „Sie blättern da wie ein Untersuchungsrichter in ihren Aufzeichnungen.“  Raddatz erzählt wieder einmal sein Kindheitstrauma, von seiner Stiefmutter verführt worden zu sein, auf Anleitung seines Vaters, warum er so gerne den Eitelkeits-Hypochonder-Dandy gibt und woran die Freundschaft mit Grass zerbrach. Die Promisekretärin von Augstein, Kanzler Schmidt und Raddatz Heide Sommer öffnet ihr Nähkästchen und plaudert munter drauf los, wer es mit wem hatte. Ruth Klüger berichtet aus der KZ-Hölle und hält Walsers Roman Tod eines Kritikers für antisemitisch. Sloterdijk outet sich als bekennender Bagwhan-Jünger. Er hält 90 Prozent der sexuellen Aktivitäten für „blöde Rammelei“. Er beschimpft die Wochenzeitung ZEIT: „Anbiederung an die Massenkultur“. Und er wird sterben, weil er vom Fahrrad fällt.


Die Verlegerin Inge Feltrinelli lebte mit Hemingway auf dessen Finca auf Kuba, traf Ulrike Meinhof auf Sylt, wurde Grossverlegerin („Dr. Schiwago“, „Der Leopard“) und überlebte 57 Buchmessen. Suhrkamp-Lektor Fellinger bearbeitete Handke-Manuskripte und Bernhard-Bücher „als großer Dulder“ und bekennt: „Welcher Schriftsteller ist kein Kotzbrocken?“ Hanna Schygulla findet sich nicht schön, liebte den Drehbuchautor Jean Claude Carriere, bekam nie einen Heiratsantrag und hielt den chaotischen Despoten Fassbinder aus.


Und Hubert Burda, der als „Rheumadeckenverleger“ von Kollegen gehänselt wurde, nennt Peter Handke seinen Freund, spielt den Internetpropheten, kann aber nicht mal eine Mail schreiben, doch, was ihn im Innersten beschäftigt ist: „Sterben lernen“. 


Sven Michaelsen DAS DRUCKEN SIE ABER NICHT Die besten Interviews PIPER

 

Saviano/Lorenzo Erklär mir Italien

Titel Roberto Saviano/Giovanni di Lorenzo: Erklär mir Italien! Übersetzung Sabina Kienlechner. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 266 Seiten.

 

Autor Giovanni di Lorenzo ist deutsch-italienischer Herkunft, Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Fernsehmoderator und Autor zahlreicher Bestseller: »Vom Aufstieg und anderen Niederlagen« (2014), zusammen mit Helmut Schmidt »Verstehen Sie das, Herr Schmidt?« (2012) und »Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt« (2009) sowie mit Axel Hacke »Wofür stehst Du?« (2010).

 

Roberto Saviano ist der heute wohl bekannteste Autor Italiens. Sein Buch »Gomorrha«, das von den Machenschaften der neapolitanischen Camorra in seinem unmittelbaren Umfeld berichtet, wurde zu einem Weltbestseller und später als preisgekrönter Film und als TV-Serie adaptiert.

 

Gestaltung Handliches Hardcover, Inhaltsverzeichnis, Zitate als Überschriften mit Inhaltserklärungen in der Unterzeile, ein gemeinsames selbstreflektorisches Skype-Gespräch zum Schluss über das Buch und Danksagung

 

Cover Beide Autoren als Porträt-Köpfe, dazwischen als Trenner die Schlagzeile und ein zweites farbiges Coverbild: Vespa und Madonna

 

Zitat „Es gibt keinen frommeren Menschen als einen Mafioso“.

 

Meinung Saviano kann analysieren, hat historischen Background. Lorenzo, Halbitaliener kann fragen und bekommt Antworten. Doch der Buchtitel: „Erklär mir Italien“ führt etwas in die Irre: „Erklär mir die Mafia und Italien“ wäre der genauere gewesen, denn mehr als ein Drittel der Kapitel beziehen sich auf das Mafia-Italien und auch auf den anderen Seiten spielt das Thema immer wieder hinein. „Wo bleibt das Positive“ über Italien, á la Kästner, möchte man fragen, ja verdammt wo bleibt es denn…

 

Das Buch ist düster, kein Wunder, wenn man das Thema durch die Brille eines bedrohten Journalisten sehen muss, der zeitweise in New York lebt, seine Heimat nur ab und an besuchen kann und darf und ständig seit 2006 unter Polizeischutz lebt. Wer das „Gomorrha“-Besuch des renommierten Buchautors gelesen hat, weiß schon ziemlich vier über die mafiösen Strukturen vor allem des südlichen Italiens.

 

Eine Kritikerin vom SPIEGEL meckert über das „platte Bild“ vom alpinen Norden bis zur südlichsten Spitze Siziliens. Platt ist es nicht, aber zuweilen „plätschernd“, eben gesprächig. Ein „Talk“  besteht eben aus Zuspitzungen, Pointen, Anekdoten, da fallen Fakten schon mal unter den Tisch, das fordert Kritiker heraus, sie haben Di Lorenzo vorgeworfen, zu sehr den eigenen Klischees und Stereotypen als Halbitaliener nachzuhängen und Saviano wird hinterfragt, weil er die vielfältige Anti-Mafia Bewegung nicht genau genug zu würdigen vermag.

Dennoch erfahren wir viel über Land und Leute, Liebe und Laster, die Mafiahochburgen und die PATEN, über Berlusconi und Babykiller, den Süden und Norden und vieles, vieles mehr. Doch das liebenswürdige, opernverrückte, kulinarische, historische Italien mit seinen Geistesgrößen und seinen Fußball-Verrückten steht etwas im Abseits.

Vielleicht stehen der Italiener und der Halbitaliener ihrer Heimat zu nahe und vielleicht sind sie auch ein bisschen zu gut befreundet. Dennoch liest sich das Buch unterhaltsam und spannend zugleich, wir hören beim Lesen des Buches mehr zu als wir es lesen. Und es gilt auch ein zweites Zitat Kästners: „Ein Friedhof ist kein Lunapark“.

 

Leser Italien-Fans und Kritiker

 

 

PRESSE

 

»Für Leser ist dieses Buch wie ein Abend bei Freunden, die einem das rätselhafte Italien begreiflich machen.« Giuseppe Di Grazia, Stern

 

»Ein tolles Interviewbuch, habe ich mit großer Freude gelesen.« Markus Lanz

 

»Wer Italien liebt, liebt es nach der Lektüre noch intensiver.« Anna Vollmer, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 

»Spannend und im freundschaftlichen Dialog dann ansatzweise auch spannungsvoll [...].« Peter von Becker, Der Tagesspiegel

Der fremde Freund Frankreich

Jean-Christophe Bailly: Fremd gewordenes Land


Die Methode ist überzeugend und sollte ansteckend wirken. Das Ergebnis ist zweifach interessant. Der 1949 in Paris geborene Jean-Christophe Bailly „wollte verstehen, was Frankreich heute bezeichnet und ob es zutrifft, dass es etwas bezeichnet, was per se anderswo nicht existieren könnte, jedenfalls nicht so und nicht in dieser Weise.“ Er kam zu diesem Zweck auf die Idee, sich „einfach an Ort und Stelle umzusehen, das Land zu bereisen“. Ein Erstaunen hatte diese Neugier auf das Land ausgelöst, von dem er „abstammte“. In jungen Jahren, nicht lange nach den ihn nicht unberührt lassenden Ereignissen vom Mai 1968 hatte er in New York einen Film von Jean Renoir gesehen und festgestellt, dass er in ihm eine „Gemütsregung der Herkunft“ aufruft, die er in sich nicht mehr vermutet hatte. Drei Jahrzehnte später macht er Ernst mit der Erkundung des Landes, um seine Beziehung zu ihm genauer kennenzulernen. Er ist inzwischen Doktor der Philosophie und Professor an der École nationale supérieure de la nature et du paysage in Blois. Das Buch, dessen von Andreas Riehle angemessene Übersetzung ins Deutsche hier angezeigt wird, trägt im Original den Titel „Le Dépaysement“, was so viel wie Fremdheit, Umstellung, Abwechselung bedeuten kann. Die Methode der Erkundung des eigenen Landes kann man verallgemeinern, sie wäre auch in Deutschland, Polen oder Spanien anwendbar.


Das Ergebnis dieser Erkundung birgt doppelten Gewinn: Das in der Übersetzung „Fremd gewordenes Land“ heißende Buch schafft in seinen über 30, das Land geografisch kleinteilig vermessenden Essays so etwas wie eine eher intime als allwissende Vertrautheit mit Frankreich. Die Reise geht von einem seit 400 Jahren in Familienbesitz befindlichen Hersteller von Fischernetzen in Bordeaux über die Schlachtfelder und Kriegsgräber des Ersten Weltkrieges und die Obszönität der Heldendenkmäler bis zu Kuhställen von Kleinbauern im Jura oder den bunten, quirligen Randbezirken von Paris und der angrenzenden Banlieue. Bailly erzählt von den Kleingärten der Arbeiterkolonien in Saint Etienne und ihrer sozialen Bedeutung ebenso wie von den christlichen Traditionen um Tarascon in der Provence. Der Kenner dieses Landes wird seine „Kenntnis“ schnell vertiefen, der Neuling wird seine Neugier, es kennenzulernen nicht zähmen wollen. Das ist ein schöner, den Intentionen des Buches aber nicht genügender Gewinn. Der zweite, wichtigere ist: Der Autor entdeckt sein Land nicht als einheitliche „Nation“, deren „gloire“ er neu besingen lernt. Er sieht und empfindet keine „Identität“ mit seinem Land sondern eine Vielfalt von regionalen, sozialen, religiösen oder von der Herkunft zu bestimmenden Identitäten. Den in Mode gekommenen Begriff „Heimat“ belebt Bailly in seinen oft liebevollen, zuweilen kritischen Detailvermessungen keineswegs. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen geschichtlicher Substanz und aktueller Erscheinung, zwischen Wohnsituation, Arbeit, Tradition, Sprache und Dialekt sind groß und für den, der sie schätzen kann auch großartig. Aber „die schlimmste Bedrohung, die auf sämtlichen Zeichen von Kultur lasten kann, ist, was sie auf das Niveau eines Diskurses über die Werte absenkt. Er kündigt im ersten Moment immer den Rückzug an (unsere Werte) und im zweiten, gleich darauf folgend, die Ausgrenzung (unsere Werte sind die einzig wirklichen). … Es geht darum, das Land daran zu hindern, dass es in der Pose der Identität erstarrt“, resümiert der Essayist, dessen intellektueller Stil hierzulande „französisch“ anmutet, in Frankreich aber in die Nähe des die Wissenschaften und die Künste umspannenden Gedankens der „Enzyklopädie“ des deutschen Frühromantikers Novalis gerückt wird. Baillys Prosa atmet jedoch eine Poesie, die auch in der Übersetzung grenzenlos wirkt.


Harald Loch
 
Jean-Christophe Bailly: Fremd gewordenes Land. Streifzüge durch Frankreich
Aus dem Französischen von Andreas Riehle, mit einem Nachwort von Hanns Zischler
Matthes & Seitz, Berlin 2017   464 Seiten   28 Euro

Der "weibliche"  Iran 

 

Iran ist eine spielentscheidende Mittelmacht im Mittleren Osten. Das Land hat über 80 Millionen Einwohner, ist mehr als dreimal so groß wie die Bundesrepublik, verfügt über reiche Öl- und Gasvorkommen und die mit Abstand „modernste“ Bevölkerung in middle east. Deshalb lohnt es sich, mehr über das Land und die Menschen dort zu erfahren, seine Geschichte nachzuvollziehen und seine Stigmatisierung aufzulösen. Es gibt keinen besseren Weg zu einem guten Verständnis des Landes als das Buch der weitgereisten Charlotte Wiedemann: „Der neue Iran. Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten“. Dieser Schatten ist zu einem Teil von den westlichen Beobachtern selbst verursacht. Seit dem Sturz des Schahs und der iranischen Revolution, seit der Installation der Theokratie unter Ayatolla Khomeini hatte sich die Aufmerksamkeit Amerikas und der Europäer ausschließlich auf die schlimmen Nachrichten aus Iran gerichtet. Während des Iran-Irak-Kriegs von 1980 bis 1988 unterstützten die USA ihren späteren Feind Saddam Hussein und den Irak nicht nur logistisch. Sie und europäische Partner lieferten auch die Komponenten für das vom Irak gegen Iran verwendet Senfgas. Fast 100.000 Opfer dieses völkerrechtswidrigen Einsatzes von Kampfgas waren zu beklagen. Die Spätfolgen bei vielen Verletzten werden immer noch behandelt. Iran blieb in diesem Kampf ohne Verbündete, seine Anrufung des UN-Sicherheitsrats blieb immer ohne Erfolg.

 

Der Vorhang, den die Revolution und der Krieg vor die innere Entwicklung Irans zog, verdeckt eine rasante innere Entwicklung des Landes, in der 60% eines Jahrgangs eine Hochschule besuchen und davon mehr als die Hälfte Frauen sind. Charlotte Wiedemann hat Iran im Laufe der Jahre mehrmals besucht, hat Reportagen für Zeitschriften gefertigt und jetzt ein sehr informatives Buch vorgelegt. Es besteht aus der Wiedergabe persönlicher Gespräche über Religion und moderne Technik, über das Bildungswesen und den unübersichtlichen Staatsaufbau, über die Verschleierung von Frauen und die erstaunliche staatliche Hilfe beim Erhalt der Synagogen für die jüdische Minderheit.

 

Die Autorin erzählt die Geschichte mit den kolonialistischen und strategischen Besetzungen durch Großbritannien und Russland bzw. die Sowjetunion, den von der CIA herbeigeführte Sturz des ersten frei gewählten iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh im Dienste der britischen Öl-Interessen im Jahre 1953, die Diktaturen des Schahs und der Theokraten unter Khomeini in einem leicht lesbaren, immer wieder von persönlichem Erleben getragenen, lebendigen Stil. Das Buch strahlt einen von der Empathie seiner Autorin für das Land getragenen Optimismus aus – vielleicht den einzigen, den die diese so unsichere Region überhaupt erlaubt.

 

Harald Loch

 

Charlotte Wiedemann; Der neue Iran  -  Eine Gesellschaft tritt aus dem Schatten

dtv, München 2017  288 Seiten, farbiger Bildteil  22 Euro

Die USA treten in den I.Weltkrieg ein

Manfred Berg: Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt. Eine Biographie

 

Im Jahr 1917 veränderte sich die Welt nachhaltig. Das spektakulärste Ereignis war die Oktoberrevolution in Russland, deren Ergebnisse – die Sowjetunion – das 20. Jahrhundert nicht überlebten. Als dauerhafter erwies sich der Eintritt der USA in die Weltpolitik, als das wirtschaftlich erstarkte Land seinen Isolationismus aufgab und auf Seiten der Alliierten in den Ersten Weltkrieg eintrat. Zwar fiel es zwischen den Weltkriegen noch einmal in seinen außenpolitischen Autismus zurück, aber der Grundstein zu der Vision von einer von den USA dominierten internationalen Ordnung, verbunden mit einem Messianismus für Demokratie, Kapitalismus, freiem Handel und kollektiver Sicherheit wurde vor 100 Jahren gelegt.

 

Die Schlüsselfigur für diese Entwicklung war Woodrow Wilson, der 28. Präsident der USA. Manfred Berg hat die erste deutschsprachige Biographie über diesen bis heute umstrittenen Präsidenten geschrieben. Berg ist an der Universität Heidelberg Professor für Amerikanische Geschichte.

 

Im Zentrum dieser politischen Lebenserzählung stehen der Schwenk von der anfangs eingenommenen Neutralitätspolitik und den Friedensbemühungen Wilsons zu dem Kriegseintritt „Mit aller Macht“, seine 14 Punkte zur Beendigung des Krieges und seine Rolle auf der Pariser Friedenskonferenz. Im Mittelpunkt der visionären Vorstellungen Wilsons stand die Einrichtung eines Völkerbundes zur Verhinderung weiterer Kriege. Im eigenen Land scheiterte der Präsident mit diesem Kernstück seiner Politik an dem ablehnenden Votum im amerikanischen Senat. Der Sohn eines presbyterianischen Pfarrers und einer ebenfalls auf einer Pfarrersfamilie stammenden Mutter empfand seine politische Mission gleichsam als moralischen Auftrag: „Wilson gebärde sich wie Jesus Christus, beschwerte sich Georges Clemenceau, sein französischer Verhandlungspartner auf der Pariser Friedenskonferenz einmal bei einem Vertrauten Wilsons. Aber der Allmächtige habe der Menschheit lediglich zehn Gebote auferlegt, während es Wilson nicht unter vierzehn tue.“ Mit solchen Anekdoten würzt der Biograph seine Lebens- und Epochenbeschreibung, die strengen historischen Ansprüchen genügt. Das Leben dieses Präsidenten und die dramatischen Ereignisse um den von den Deutschen als Diktatfrieden empfundenen Versailler Vertrag und den Kampf um den Völkerbund auf gut 200 Seiten darzustellen, ist ein Kunststück komprimierter Geschichtsschreibung. Dabei lässt Berg kontroverse Stimmen von Zeitgenossen und anderen Historikern im O-Ton zu Wort kommen und erzielt auf diese Weise einen lebendigen Eindruck von der zwiespältig beurteilten Rolle Wilsons.

 

Dessen innenpolitisches Wirken hinterlässt ebenfalls einen ambivalenten Eindruck: er sorgte einerseits für eine erste Kartellgesetzgebung, für die Gründung der Federal Reserve Bank, er setzte sich für das Wahlrecht von Frauen ein und bereitete manchen progressiven Veränderungen den Weg. Andererseits war er als Südstaaten-Repräsentant ein uneinsichtiger Rassist, der Afroamerikanern keinerlei Gleichberechtigung zuerkannte. In seiner Persönlichkeitsstruktur verbanden sich eine gewisse Sturheit und Beratungsresistenz mit dem unerschütterlichen Glauben ein die Richtigkeit seiner moralischen und religiösen Mission. Diese Eigenschaften verstärkten sich gegen Ende seiner Präsidentschaft unter dem Einfluss mehrerer Schlaganfälle ins Irrationale. Der Autor vermittelt am Schluss seiner Biographie einen interessanten Überblick über die Urteile der Nachwelt und die Wirkungsgeschichte Wilsons bis in die unmittelbare Gegenwart der USA: „Mit der Wahl des Republikaners Donald J. Trump ist ein Präsident in das Weiße Haus eingezogen, der einen neoisolationistischen und protektionistischen Nationalismus vertritt und damit historisch eher an Wilsons unversöhnliche Gegner im Kampf um den Völkerbund anschließt.“

 

Harald Loch

 

Manfred Berg: Woodrow Wilson. Amerika und die Neuordnung der Welt. Eine Biographie

C.H.Beck Paperback. Originalausgabe 227 Seiten 16,95 Euro

 

Kriegserben

Robert Gerwarth:  Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges

 

Als ob der Erste Weltkrieg nicht schon zu viele Opfer gekostet hätte! In den Jahren von 1918 bis 1923 forderten die zahlreichen gewaltsamen Konflikte, Bürgerkriege, Umstürze, Vertreibungen und Pogrome weitere Millionen Opfer. Der 1976 in Berlin geborene, heute am University College in Dublin lehrende Robert Gerwarth hat „Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges“ in seinem soeben in deutscher Übersetzung erschienen Werk „Die Besiegten“ untersucht.

 

Er erblickt darin wesentliche Ursachen für die Fortsetzung der Gewalt im Zweiten Weltkrieg. Der allgemeine Tenor führt die späteren Gewaltexplosionen auf die ungeheure Brutalisierung während der Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs zurück. Gerwarth fügt die in weiten Teilen Europas und Asiens nach dem Ende des Krieges fortgesetzten gewaltsamen Auseinandersetzungen als weitere Ursache hinzu. Die mörderische Idee von ethnisch „reinrassigen“ Nationalstaaten entstand entgegen den Vorgaben des amerikanischen Präsidenten Wilson in dessen 14 Punkten zur Beendigung des „Großen Krieges“. Diese Auseinandersetzungen zerstörten demokratische Ansätze in Mitteleuropa und in den neuen Staaten, die auf den Territorien der zerfallenen kontinentalen Großreiche entstanden. In diesen Kämpfen übten spätere Gewaltverbrecher in Mord und  Totschlag ein. Hier gediehen Nationalismus, Rassismus, religiöser Hass, Antisemitismus und Klassenhass zu militanten Ideologien.

 

Gerwarth untersucht die Entwicklungen bei den Besiegten des Ersten Weltkrieges. Die weitgehend bekannten Ereignisse in den ersten Jahren der Weimarer Republik fasst er gekonnt zusammen. Ebenso die ersten Jahre der nach der Oktoberrevolution entstandenen Sowjetunion, die sich innerer wie äußerer Feinde erwehren musste und dabei selbst Opfer und Täter brutalster Auseinandersetzungen wurde. Diese fanden im Innern wie an der Peripherie des auseinandergefallenen Zarenreiches mit brutaler Intensität statt: in Polen, in der Ukraine, im Baltikum und im Kaukasus.

 

Die Lage in den Zerfallsprodukten der Habsburger Doppelmonarchie war genauso verheerend. Die frühe Faschisierung in Ungarn, die Versagung der Gleichberechtigung der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei, die beginnenden Auseinandersetzungen im gerade entstehenden Jugoslawien, die Entwicklung im völlig demoralisierten Österreich – überall Gewalt. Im Innern dieser Staaten und auch mit Nachbarländern gab es regelrechte Grenzkriege. Fast immer ging es um ethnische Fragen, die gewaltsam gelöst werden sollten. Das besiegte Bulgarien verlor große Gebiete und Bevölkerungsteile und erlebte im Innern wie mit seinen Nachbarn verheerende Kämpfe.

 

Völlig zu Recht rechnet Gerwarth nicht r die eigentlichen Besiegten sondern auch die in den Friedensverträgen zu kurz gekommenen Sieger zu den Ländern, die gewaltsam zu korrigieren versuchten, was ihnen vielleicht versprochen, dann aber vorenthalten wurde: Italien konnte sich an der Adria nicht wunschgemäß ausdehnen, weil die Ostküste dort inzwischen Jugoslawien beanspruchte. Demokratische Regierungen in Italien mussten sich für das „magere“ Ergebnis in den Pariser Friedensabkommen rechtfertigen. Der Kriegseintritt auf Seiten der Entente hatte Italien mehr Kriegstote abverlangt als Großbritannien. Die Frage „wofür“ diese Opfer gebracht wurden, beantworteten die aufgewiegelten Massen nicht mit Pazifismus sondern mit dem Sieg Mussolinis. Griechenland war der Zugriff auf die türkische Ägäis-Küste zugesagt worden, und nach Kriegsende ermunterte der britische Premier Lloyd George Griechenland zum Angriff.

 

Der Invasion folgten unglaublich brutale Verbrechen an den muslimischen Osmanen, die sich, als sie die Oberhand gewannen, dafür revanchierten. Das blamable Ende mit dem Sieg der Türken unter Atatürks Führung wurde mit dem verheerenden Abkommen von Lausanne 1923 besiegelt, das den zwangsweisen Bevölkerungsaustausch von über einer Million Griechen von der türkischen Westküste und 400 000 Türken aus der Gegend um Saloniki zu Folge hatte. Das Völkerrecht sanktionierte die Vertreibung statt den Schutz der Minderheiten! In Asien fühlte sich Japan um seinen Anteil am Sieg betrogen. Auf eigene Faust expandierte es in der Mandschurei und griff bald China an. Vor allem aber verschmerzte es nicht die mangelnde völkerrechtliche Anerkennung als gleichberechtigtes „nicht-weißes“ Volk. Am nachhaltigsten, bis heute wirkten die Fehlentscheidungen gegenüber den arabischen Trümmern des Osmanischen Reiches: es entstanden Irak, Syrien, Libanon, Palästina mit ungeklärten Rechten jüdischer Einwanderer – alles Länder, denen die volle Souveränität vorenthalten wurde und die unter Mandatsverwaltung Frankreichs oder Englands gestellt wurden.

Die zusammenfassende, spannend geschriebene Darstellung dieser gewaltträchtigen Nachkriegsepoche untermauert in vielen Details und im Epochenblick die These des Autors, dass hier wesentliche Ursachen der späteren, noch größeren Katastrophen liegen.

 

Harald Loch

 

Robert Gerwarth:  Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges

Aus dem Englischen von Alexander Weber

Siedler, München 2017   479 Seiten   29,99 Euro

 

INTERVIEW

Frieden schließen wird immer schwieriger

 

 

Frage: Herr Gerwarth, Sie sind Gründungsdirektor der Zentrums  für Kriegsstudien am University College in Dublin. In Ihrem Buch „Die Besiegten“ behandeln Sie die missglückten Friedensschlüsse nach dem Ersten Weltkrieg. Warum konnten Versailles & Co. nicht an den Wiener Kongress anschließen, der hundert Jahre zuvor doch für längere Zeit Frieden in Europa schuf?

 

Gerwarth: In den napoleonischen Kriegen nahm zwar zum ersten Mal ein Volksheer an den Kämpfen teil. Aber auf Seiten der Sieger waren es die bis dahin klassischen  stehenden Heere, die von den Kabinetten in den Krieg geschickt wurden. Herrscher und ihre Regierungen erklärten Kriege und schlossen Frieden über die Köpfe der Menschen hinweg. Im Ersten Weltkrieg dagegen kämpften nationalistisch aufgewühlte Völker gegeneinander. Angesichts der enormen Opfer waren die Friedensbedingungen von 1919 in erster Linie an die Bevölkerungen der Siegermächte gerichtet. Die wollten „Wiedergutmachung“ der enormen Schäden und Genugtuung für den Blutzoll.

 

Frage: Die Regierungen der Sieger wollten vor ihre Bevölkerungen treten können, wollten wiedergewählt werden. Hinderte deren demokratische Verfassung einen klügeren Frieden?

 

Gerwarth: Das kann man so sehen und das gilt natürlich für alle späteren Kriege und ihre Friedensschlüsse auch. Es ist viel schwerer geworden, einen guten Frieden zu schließen, wenn man vorher die Völker für die Opfer aufpeitschend und nationalistisch motiviert hatte.

Aber nehmen wir Versailles! Nur in der deutschen Binnensicht war das „Diktat“ besonders streng. Vergleicht man es mit den Russland von Deutschland 1917 im Frieden von Brest-Litowski auferlegten territorialen Abtrennungen, vergleicht man es mit der völligen Zerschlagung Österreich-Ungarns im Frieden von Trianon oder mit der Atomisierung des Osmanischen Reiches im Frieden von Sèvres, war Versailles noch die mildere Variante. Vor allem Lloyd George als britischer Premier verhinderte die von Frankreich angestrebte Zerstückelung Deutschlands.

 

Frage: Warum wurde Versailles in Deutschland so negativ aufgenommen?

 

Gerwarth: Das lag einerseits an der noch kurz vor Kriegsende von der Obersten Heeresleitung geschürten Siegeshoffnung. Und die territorialen Verluste vor allem im Osten, die Höhe der Reparationen, die Zuweisung der alleinigen Schuld am Krieg, die teilweise überzogene Behauptung von Kriegsverbrechen und vor allem die Tatsache, dass Deutschland an den Friedensverhandlungen gar nicht beteiligt war – anders als Frankreich am Wiener Kongress, auf dem Taillerand eine herausragende Rolle spielte – das alles war ein brisantes Gemisch. Hinzu kam, dass von den 14 Punkten Wilsons, die das Selbstbestimmungsrecht der Völker betont hatten, keine Rede mehr war. Das waren aber die Erwartungen in Deutschland, als der Krieg endlich vorüber war.

 

Frage: Nicht nur bei den Besiegten folgten Bürgerkriege, Revolutionen, Aufstände aus den missglückten Friedensverträgen. Auch einige der Sieger fühlten sich zu kurz gekommen. Italien und Japan z.B. Wie kam es dazu?

 

Gerwarth: Italien waren größere Gebietsgewinne an der Adria in Aussicht gestellt worden, die dann wegen des neuen Staates Jugoslawien nicht realisiert wurden. Japan fühlte sich als „farbige“ Rasse vom neu gegründeten Völkerbund diskriminiert. Fast folgerichtig bildeten sie später mit dem Hitlerreich ein Kriegsbündnis gegen die westlichen Demokratien und gegen „den Bolschewismus“.

 

Frage: Am Schlimmsten bewerten Sie den Vertrag von Lausanne, mit dem 1923 der Krieg zwischen der neuen Türkei und Griechenland beendet wurde. Was war daran so verheerend?

 

Gerwarth: Nicht der Frieden an sich, der den von Griechenland entfesselten opferreichen Krieg beendete war schlimm. Aber die Vereinbarung des millionenfachen Bevölkerungsaustauschs in der Ägäis, der Wechsel von der über Jahrhunderte bewährten Bevölkerungsmischung in den großen Staaten zu einer „ethnisch gesäuberten“ Nation machte Schule und führte von diesem Zeitpunkt an zu rassistischen und nationalistischen, auch religiös einheitlichen Nationalstaaten, zu Vertreibungen, neuen Kriegen, Pogromen. Der Zerfallsprozess in Jugoslawien, viele postkoloniale Auseinandersetzungen in Asien und Afrika, ganz aktuell die Situation in der Ukraine – alles sind Folgen des Paradigmenwechsels von 1923.

 

Frage: Die Zerschlagung des Osmanischen Reiches beurteilen Sie besonders kritisch.

 

Gerwarth: Auf den Trümmern des Osmanischen Reiches liegen heute Länder wie Syrien, Irak, Jordanien, Israel. Den arabischen Bevölkerungen hatten die westlichen Alliierten Souveränität gegen Hilfe im Kampf gegen die mit Deutschland verbündete Türkei versprochen. Aus Egoismus lösten sie die Versprechen nicht ein. Den Juden war ein eigenes Land an historischer Stätte versprochen worden – nichts davon wurde eingehalten. Der Frieden mit dem Osmanischen Reich hinterließ eine chaotische Landschaft, die bis heute nicht zu Ruhe gekommen ist – im Gegenteil, sie ist explosiv wie nie zuvor.

Frieden schließen muss man aus den verheerenden Folgen der Friedensschlüsse im 20. Jahrhundert lernen. Dazu muss man die Bevölkerungen vorbereiten. Besser noch – wenn es schon so schwer geworden ist, einen guten Frieden zu schließen – man fängt keinen Krieg erst an ...

 

... sagt der Direktor des Dubliner Zentrums für Kriegsforschung Robert Gerwarth, dem wir für dieses Gespräch herzlich danken.

 

 

Das Gespräch wurde am 15. Februar 2017 in Berlin geführt. Die Fragen stelle Harald Loch

Wellengang und Gedankenorkane

Titel Gunter Scholtz Philosophie des Meeres 

 

Inhalt 281 Seiten „Kreuzfahrt“ durch das Meer menschlichen Denkens über die Meere und das Meer an sich

 

Autor Gunter Scholtz, geboren 1941, war bis zur Pensionierung Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Seine Publikationen gelten der Theorie der Geisteswissenschaften sowie der Geschichts-, Religions- und Kunstphilosophie. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Begriffsgeschichte. Er lebt in Bochum. 

 

Lesart anspruchsvoll, aber verständlich, philosophische Grundkenntnisse nicht erforderlich aber hilfreich

 

Cover dunkles meeresgrün als Einband, 288 Seiten, gebunden, Leineneinband mit Lesebändchen, Meereswellen, Wellenkamm als Zeichnung, Einleitungskapitel, 7 Einzelkapitel, , abschließend kurzer Reiserückblick Anhang mit Anmerkungen und Register

 

Gestaltung Schrift Minion pro, keine Fotos oder Zeichnungen

 

Zitat „Die Wiege der Philosophie stand am Meer und ihr Grundprinzip war das Wasser“.

 

Meinung Das Buch versteht sich als „allgemein“ philosophisches Buch, nicht als naturphilosophisches und orientiert sich an der einzigen Leitfrage nach dem Verhältnis des philosophischen Denkens zum Meer. Wobei das Denkens der Menschen von der Perspektive des Landbewohners geprägt ist.

 

Die „Gedankenreise“ des Autors ermöglicht es „kühner zu kreuzen“  zwischen entfernten Positionen.

 

Thales war der erste Meeres-Philosoph, für den die Landmasse auf dem Wasser schwamm , der tragende Grund,  und das Meer war zugleich der Ursprungsort des Lebens, Quellgrund, aus dem die Dinge hervorgehen. Heraklit dachte, alles ist im Fluss. Panta rhei, alles fließt.

Philosophen wie Grotius entwickeln die Idee, dass das Meer nur Gemeineigentum sein kann, niemand darf Besitzrechte geltend machen. Man solle Ehrfurcht vor der Größe und Schönheit des Meeres haben. Das Meer fördert kosmopolitisches Denken, es verbindet die Völker.

 

Kant fordert ein verbindliches Völkerrecht für die Nutzung des freien Meeres. Herder hofft auf die sich ausbreitende Moral und Hegel vertraut auf die sich ausbreitende Vernünftigkeit der Verhältnisse.

Für Jaspers ist das Meer Gleichnis von Freiheit und Transzendenz. Und Camus philosophiert: “Ich wuchs im Meer auf“. Ein Buch, das einen weiten Wellenbogen schlägt– wie Ebbe und Flut – von immer wiederkehrenden Gedankenflügen der Menschen über das Meer. Tiefgründig erkennend, die Fundamente der Philosophie suchend und die dazu passenden Gedankenstürme.

 

Leser Landratten und Ozeanfans, Schwimmer und Nichtschwimmer

 

Multimedia http://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/gunter-scholtz100.html

 

Verlag: mare

 

Pressestimmen: … „mehr als lehrreiche Reise zu den Denkern einer „Philosophie des Meeres“. Frankfurter Rundschau online

 

Der Erzählinstinkt

Jeder Mensch erzählt, jeder hat einen Erzählinstinkt, Mann und Frau und Völker auch. Unser Gedächtnis, unsere Ziele, Wünsche, ja das ganze Leben organisieren wir auf erzählende Art und Weise. Wir folgen unserem narrativen Instinkt, entwickeln eine Lebensstory. Gerade im Internet hat Erzählung ja gerade eine Hochkonjunktur. 
Erzählen – so der Autor – ist die wichtigste Form unseres Denkens. Wir leben einer Story hinterher. Schon als Kleinkind lernt der Mensch, wie man eine Geschichte erzählt. Trotz neuer Medien, Menschen lesen Romane aus purem Vergnügen. Und Erzählen hält die Gruppe zusammen, hat Bindewirkung. Lesen schult Verständnis, ermöglicht die Perspektive sich in den anderen hineinzuversetzen: „Romanlesen ist wie fliegen im Simulator“. Lesen ermöglicht soziale Beziehungen und weckt Verständnis für dieselben. Mitmenschen können sicherer beurteilt werden.

 
Dabei empfinden wir ein „Grundbedürfnis“ „poetischer Gerechtigkeit“. Das Gute muss siegen. Im Film wie im Roman: „Ende gut – alles gut“. 
Über die Welt ist aber nur zu berichten, indem man weglässt, ausblendet. Erzählungen steuern dabei die Aufmerksamkeit des Empfängers. Erzählungen müssen jedoch in sich schlüssig sein. Die Sätze beziehen sich als einzelne Elemente aufeinander und schaffen so ein Gesamtverständnis. Ändert man aber die Reihenfolge, wird das Gesamtbild die Schlüssigkeit zerstört. 
Geschichten bestehen aus Erzähl-Schemata, vor dem Hintergrund gemeinsamer kultureller Muster, die gemeinsames Verstehen ermöglichen. 

 

Drei Wahrheiten liegen zugrunde; das empirisch Vorfindbare, also die uns umgebende Realität. Die zweite Wahrheit ist die, auf die sich alle geeinigt haben, und die dritte ist die persönliche bzw. gesellschaftliche Relevanz, zum Beispiel verbrennen wir fossile Brennstoffe weiter, obwohl wir wissen, dass sie zum Klimawandel beitragen. 
Am Beispiel Europas verdeutlicht der Autor seine Erzählanalyse. Es fehlt eine identitätsstiftende europäische Erzählung – oder sind wir nur blind für sie, wie Werner Siefer abschließend fragt, doch Krisen seien eben Brutstätten für neue Narrative. 

Ein kluges, außergewöhnliches, anspruchsvolles Buch, das an vielen Beispielen den „Erzählinstinkt“ nachvollziehbar „erzählt“.

 

Werner Siefer Der Erzählinstinkt. Warum das Gehirn in Geschichten denkt.“ CARL HANSER VERLAG

 

Werner Siefer, Jahrgang 1964, ein Autor und Wissenschaftsjournalist, studierte in Regensburg und München Philosophie und Biologie. Sein Spezialgebiet ist die Hirnforschung. 


Link www.wernersiefer.de

Joseph Stiglitz: Europa spart sich kaputt

 

Die Ohrfeige für den Euro sitzt! Joseph Stiglitz, Träger des Nobelpreises für Wirtschaft von 2001 und Wirtschaftswissenschaftler an der Columbia University rechnet mit der von ihm behaupteten Fehlkonstruktion des Euro, mit der gefesselten Europäischen Zentralbank und mit der Politik der Bundesregierung ab. In Deutschland würde man Stiglitz wohl einen Sozialdemokraten nennen. In der Volkswirtschaftslehre ist er ein Keynesianer. Er misstraut der Weisheit der Märkte und fordert stärkere, angemessene Regulierungen. Auf marktfundamentalistischen Annahmen sei die europäische Gemeinschaftswährung gegründet worden, obwohl die große Unterschiedlichkeit der beteiligten Länder zusätzlich wirksame institutionelle politische Instrumente erfordert hätte. Diese seien aus ideologischen, „neoliberalen“ Gründen bewusst nicht geschaffen worden. Mit ihnen hätten die Unterschiede der nationalen Volkswirtschaften der beteiligen Länder in der Euro-Zone berücksichtigt werden können. Die Kräfte des Marktes, auf die die Gründer des Euro vertraut hätten, konnten diese Aufgabe nie erfüllen.

 

Wenn sich Staaten zu einer Währungsunion zusammenschließen, also ihre Währung an eine andere, gemeinschaftliche binden, begeben sie sich der souveränen Entscheidung über den Außenwert ihres Geldes. Sie können ihre Währung nicht mehr abwerten, um ein außenwirtschaftliches Gleichgewicht wieder herzustellen, wenn es in Schieflage gerät und sie können über Anpassungen des Wechselkurses auch keine Arbeitslosigkeit bekämpfen, Vollbeschäftigung anstreben. Hierzu hätte es bei Einführung des Euro der Schaffung institutioneller Strukturen der Regulierung in der Gemeinschaft bedurft. Bei diesem Geburtsfehler, die Stiglitz in seinem Buch im Einzelnen seziert, gäbe es eigentlich nur zwei Richtungen: Entweder mehr oder weniger Europa. Für beide Richtungen schlägt der Autor, der jahrelang Chefvolkswirt der Weltbank war, Auswege vor, die von einer Vollendung der Währungsunion bis zu ihrer geordneten oder auch nur teilweisen Auflösung reichen. Als einen der Hauptkritikpunkte nimmt Stiglitz die EZB ins Visier. Sie sei, vor allem auf deutsches Betreiben, ausschließlich der Geldwertstabilität, der Inflationsbekämpfung verpflichtet und sei politisch keiner demokratischen Institution verantwortlich. Ihre Aufgaben müssten auf das Ziel der Vollbeschäftigung, auf ein angemessenes Wirtschaftswachstums und auf die Sicherung des Finanzsystems erweitert werden.

 

Die neoliberale Grundstruktur der europäischen Währungsunion hätte sowohl das Wirtschaftswachstum in den Jahren seit Einführung des Euro gebremst, die Ungleichheit sowohl zwischen den ärmeren und den reicheren Mitgliedsstaaten als auch innerhalb der jeweiligen Gesellschaften zwischen armen und reichen Bevölkerungsschichten erhöht und die Lebenschancen vieler Jugendlicher durch hohe Arbeitslosigkeit beeinträchtigt. Das auf ideologischer Verblendung resultierende Vertrauen in die selbstregulierenden Kräfte des Marktes sei von vornherein falsch gewesen. Der Markt sei irrational, er entwickle sich unvorhersehbar und sorge nicht für Konvergenz unterschiedlicher Volkswirtschaften sondern für die in Europa zu beobachtende Divergenz.

 

Stiglitz belegt seine Auffassungen mit empirischen Hinweisen auf frühere Krisen in Lateinamerika oder Asien und die Fehler, die bei deren Bekämpfung begangen wurden. Er bleibt seiner eigenen, auf Keynes aufbauenden Theorie treu, die er in zahlreichen Werken zuvor ausgebreitet hat. Er ficht mit kraftvollen und deutlichen Worten für Solidarität mit den Armen und den jugendlichen Arbeitslosen und auch mit den armen Staaten, besonders mit Griechenland. In diesem neuen Buch setzt er sich qualifiziert mit der Fehlentwicklung im Euro-Raum auseinander. Auch wenn man nicht allen seinen Analysen und Vorschlägen folgt – wo findet im politischen Raum eine Auseinandersetzung mit seinen, von der modernen Volkswirtschaftslehre weitgehend geteilten Ansichten statt, wo stehen sie zur Wahl?

 

Harald Loch

 

Joseph Stiglitz:                                                                   Europa spart sich kaputt. Warum die Krisenpolitik gescheitert ist und der Euro einen Neustart braucht           Aus dem amerikanischen Englisch von Thorsten Schmidt

Siedler, München 2016   526 Seiten   24,99 Euro