Neu auf dem Buchmarkt

Hier weise ich auf Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt hin.

Mannesse in neuem Bücher-Gewand

Seit über 70 Jahren verlegt MANESSE Klassiker – Meisterwerke aller Epochen und Kulturkreise in Erst- oder Neuübersetzungen aus zwei Dutzend Weltsprachen. Bekannte Autoren stehen neben solchen, die in Vergessenheit geraten sind und die es verdienen, wiederentdeckt zu werden. Als klassisch im besten Sinn gelten auch die Qualität der Ausgaben, die editorische Sorgfalt in Verbindung mit exquisiter Buchästhetik, und nicht zuletzt das handliche Format der Bibliothek.
Tradition verpflichtet dazu, sie weiterzudenken und zeitgemäß zu interpretieren. Mit diesem Programm gibt es die MANESSE BIBLIOTHEK in neuer Optik! Weltliteratur, neu übersetzt, sorgfältig redigiert und ediert, samt profunder Kommentierung und exklusiven Nachworten, und das alles in typographisch und ästhetisch ansprechenden bibliophilen Ausgaben.

 
Lang erwartet, die Versübertragung der Homer’schen ILIAS durch Kurt Steinmann, die als Prachtausgabe Mitte Oktober erscheinen wird – eine übersetzerische Großtat. Hingewiesen sei überdies auf den Jahrestag von Charles Baudelaire (150. Todestag).

 

Am Anfang steht der ANFANG

„… und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dichtete Hermann Hesse. Der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und gebildete Wissenschaftsautor Jürgen Kaube geht den „Anfängen von allem“ nicht mit dem Zauberstab nach sondern verfolgt sie anhand der Forschungsgeschichte. Ihm geht es nicht um Erfindungen wie dem Rad oder der durchlöcherten Nähnadel sondern um anthropologische Entwicklungen auf einem sich logarithmisch verjüngenden Zeitstrahl. Der setzt vor mehr als drei Millionen Jahren mit dem aufrechten Gang ein, markiert vor etwa 300 000 Jahren die ersten anatomisch modernen Menschen, registriert vor mehr als 30 000 Jahren die frühesten Musikinstrumente und läuft vor etwa 3 000 Jahren mit dem ersten Epos in unsere „historische“ Zeit aus. 


In sechzehn wissenschaftsgeschichtlichen Kurzessays geht der Autor der Erforschung von anthropologisch und soziologisch bedeutsamen Anfängen nach. Alles beginnt mit dem Anfang des aufrechten Gangs und seine Beschreibungen enden mit dem Anfang der Monogamie. Dazwischen liegen so spannende Etappen wie die Anfänge des Sprechens, der Religion, der Stadt oder des geschriebenen Rechts, des Geldes oder des Erzählens. Die Essays von all diesen Anfängen haben eine sich ähnelnde Struktur: Neben eine kurze Bedeutungsanalyse tritt bald eine kritische Würdigung der Entzifferung dieser Anfänge durch die Forschung der letzten Jahrhunderte. Da wimmelt es von Irrtümern, wissenschaftlichen Sackgassen, erbittert ausgetragenen Kontroversen – alles mit Quellenangaben und vieles mit anschaulichem Bildmaterial belegt. Hält sich der Autor hierbei mit eigener Urteilskraft zunächst zurück, kommt er jedoch fast bei jedem „Anfang“ auf einen doppelten Befund: Alle Anfänge lassen sich nicht etwa genau datieren sondern haben sich über längere Zeiträume, anfangs über Hunderttausende von Jahren, aus dem vorherigen Zustand entwickelt. Und nie gab es eine einzige Ursache für diese „Quantensprünge“ der Anthropologie. Viele Uraschen lassen sich nachweisen, noch mehr sind plausibel. Das wissenschaftlich untermauerte Spiel mit den möglichen Kausalketten gewährt einen geradezu wunderbaren Einblick in die Möglichkeiten für das, was sich Menschen anhand von Funden und Befunden ausdenken können. Oft schließt Kaube einen Essay mit einem die Gegenwart einbeziehenden, augenzwinkernden Schluss, etwa wenn er den „Anfang der Musik und des Tanzes“ mit folgendem, gleich mehrere Anfänge mitbehandelndem Satz beendet: „So oder so ist es nicht unwahrscheinlich, dass ein früher Zusammenhang von Feuer, Geselligkeit, Erzählung und kleiner Nachtmusik die kommunikative Menschwerdung bestimmte.“


Unterwegs wird der nie ermüdende Leser um überraschende Details gebildeter: Wir alle kennen die biblische Geschichte von den Mauern von Jericho und den Posaunen, die sie zum Einsturz gebracht haben, alles etwa um 1200 v.Chr. Die Forschung ergab dagegen: „Damals hatte die am Jordan liegende Stadt gar keine Mauern … ja, Jericho scheint zur Zeit seiner angeblichen Eroberung nicht einmal bewohnt gewesen zu sein. Siebeneinhalbtausend Jahre zuvor, im Neolithikum, war es bewohnt. Und Jericho hatte eine Stadtmauer.“ Die nächste Volte schlägt Kaube dann, wenn er nachweist, dass Jericho auch in dieser frühen Zeit keine „Stadt“ in einem an anderer Stelle näher definierten Sinne war und die Siedlung die Mauer gegen Überschwemmungen, nicht zum Schutz vor Feinden errichtet hatte. Der Leser ist jedenfalls gut beraten, sich in Gedanken gut festzuhalten, um die Schwünge von Kaubes Wissenschaftserzählung nachzuvollziehen. Jedenfalls wohnt ihr ein intellektueller Zauber inne und beglaubigt eindrucksvoll Hermann Hesses Vers.


Harald Loch
 
Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem
Rowohlt-Berlin, 2017   448 Seiten zahlr. Abb. in 3 Tafelteilen    24,95 Euro

 

Revolution...Freiheit...Angst

 

Adam Zamoyski: Phantome des Terrors

 

Bestens eingeführt durch seine beiden großen Napoleon-Werke („1812 -Napoleons Feldzug in Russland“) und („1815 -Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“) legt der englische Historiker mit polnischen Wurzeln, Adam Zamoyski jetzt den Folgeband vor: „Phantome des Terrors“. Der Untertitel lässt schon seinen liberalen Ansatz erkennen: „Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit 1789 – 1848“. Das wiederum sehr angenehm zu lesende Buch setzt sich aus britischer Perspektive mit der Reaktion in ganz Europa auf die ansteckenden Botschaften der Französischen Revolution auseinander: auf die Verheißungen „Freiheit“, „Verfassung“, „Demokratie“. In seinem Vorwort schreibt Zamoyski, dass er bei tieferem Eindringen in seinen Forschungsgegenstand die Panik der damaligen Regierungen von diesen in gewissem Maße selbst geschürt worden sei: „Mir wurde bewusst, in welchem Umfang der angeblich notwendige Schutz der Ordnung die Einführung neuer Kontroll- und Repressionsmethoden begünstigte.“

 

Die hierzulande vertraute Reaktion, die mit dem Namen Metternich und den „Karlsbader Beschlüssen“ verbunden wird, fand aber in ganz Europa statt. Erstaunlich, wie stark die Furcht vor dem „Gift“ der Revolution in England noch während der napoleonischen Kriege aber auch danach die seit Jahrhunderten geltenden englischen Freiheiten bedrohte. Die Habeas-Corpus-Akte, die jedermann vor ungesetzlicher Verfolgung durch die Obrigkeit schützte, wurde mehrmals für längere Zeit ausgesetzt. Die inneren Unruhen, die nach Auffassung Zamoyskis nie eine Gefahr für den Bestand des Königreichs darstellten, hatten meist soziale Hintergründe. Die beginnende Industrialisierung vor allem der Textilbranche, Missernten oder auch billige Einfuhren drängten viele Menschen der unteren Schichten in die Rebellion. Aber das waren Arbeitskämpfe und keine Umsturzversuche.

 

Alle Regierungen Europas bauten Repressionssysteme mit Spitzeln, gesetzlosen Verhaftungen, Zensur aller Druckerzeugnisse, Verletzung des Postgeheimnisses selbst bei diplomatischem Briefverkehr. militärischer Unterdrückung von Freiheitsbestrebungen vor allem in Spanien und den italienischen Teilstaaten, aber auch in Polen und dem unter osmanischem Druck ächzenden Griechenland. Die Interessen der europäischen Großmächte wurden dabei unterschiedlich berührt, so dass es Metternich immer schwerer fiel, auf einer Reihe von Konferenzen z.B. in Liubljana (Laibach) und Verona die „Heilige Allianz“ und das auf dem Wiener Kongress hergestellte Einvernehmen zu bewahren. Recht bald schied England aus diesem zu respektlosem Verhalten gegenüber souveränen Staaten neigenden reaktionären Kartell aus, dem vor allem Österreich und Russland ihr großmächtiges Gepräge gaben. Erst in Reaktion auf diese Repression, setzten sich in den Köpfen einer liberal denkenden Minderheit Gedanken wie Freiheit oder Verfassung fest.

 

Die Repression nährte die zunächst nur kümmerlichen revolutionären Neigungen in den Bevölkerungen.

Zamoyskis Historiografie zeichnet sich durch ihren beeindruckenden Überblick über die ganze Epoche aus, durch glänzend ausgewählte Anekdoten, die ein zuweilen zum Schmunzeln anregendes Licht auf die Besonderheiten der einzelnen Schauplätze werfen sowie durch schneidende Charakterisierungen der handelnden Persönlichkeiten. Seine sehr britische Perspektive ist ein attraktiver Gegenentwurf zur „kontinentalen“ Beschreibung der Epoche. Neuere deutschsprachige Literatur berücksichtigt Zamoyski kaum.

 

Der Geist seines Geschichtswerks atmet aber eine gewisse Aktualität: „Ich fühlte mich an jüngere Beispiele erinnert, in denen es den jeweiligen Machthabern opportun erschien, Angst in der Bevölkerung zu schüren – vor Kapitalisten, Bolschewisten, Juden, Faschisten oder Islamisten – und durch Maßnahmen, die die Bürger vor einer unterstellten Bedrohung schützen sollten, die individuelle Freiheit zu beschneiden.“ Auch damals schon war solchen Maßnahmen bis zu einem gewissen Punkt der Beifall der Menge sicher. Zamoyski verzichtet darauf, auf Parallelen von damaligen zu aktuellen Erscheinungen mit dem belehrenden Zeigefinger zu zeigen. Es schien ihm „für den Leser reizvoller, ihre eigenen Parallelen zu ziehen“.

 

Harald Loch

 

Adam Zamoyski: Phantome des Terrors

Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit  1789 – 1848

Aus dem Englischen von Andreas Nohl

C.H.Beck, München 2016   618 Seiten   29,95 Euro

Literatur über Literatur

Friedhelm Kemp: Gesellige Einsamkeit. Ausgewählte Essays zur Literatur

 

Wer einen „homme de lettre“, also einen Menschen der Schrift in den Elfenbeinturm der Literatur verbannt, verkennt seine Wirksamkeit weit in die gebildete Gesellschaft hinein. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat ihrem früheren Mitglied Friedhelm Kemp (1914 – 2011) mit einer zweibändigen Auswahl seiner Essays zur Literatur jetzt ein Denkmal gesetzt, das den Gelehrten als Kritiker, Übersetzer, Literaturwissenschaftler der Nachwelt erhält. Über hundert Artikel, Analysen, Zusammenfassungen -jede einzelne ein Essay – stehen in zwei kostbaren Leinenbänden einem Publikum zur Verfügung, das nur staunen kann. Über Abgelegenes wie die frühe deutsche Barockdichtung wie über Dichter wie Goethe, über die alles gesagt scheint, über ganze Gattungen wie Fabeln und vor allem über Lyrik, über französische Literatur unterschiedlicher Epochen, über Else Lasker Schüler, deren Werke er herausgab oder über Baudelaire, den er übersetzte – diese Vielfalt der versammelten Texte ist überwältigend. In jedem setzt Kemp stilistische Ausrufezeichen, in jedem steckt der Entdecker im Leser, die meisten Beiträge sind in guten Tageszeitungen veröffentlicht, wenden sich also an ein breiteres Feuilletonpublikum.

 

Der erste Band ist „Von Poesie bewegt“ überschrieben, enthält Auseinandersetzungen mit halb oder ganz vergessenen Dichtern wie Ewald von Kleist und leitet zu Entdeckungen, wie dem von ihm verehrten Peter Gan. In der kritischen Anmerkung zu einer Interpretation von Celans „Aschenglorie“ führt er sein Publikum weg von der Lektüre aller Celan-Gedichte im Lichte der „Todesfuge“ und lädt zu einer Lesart mit Hervorhebung des sinnlichen Gehalts der „Aschenfuge“ ein: „Ambiguität ist allenthalben zu befürchten. Aber ermächtigt uns das, alles sinnlich Konkrete bei ihm (Celan, HL) sogleich sich selbst zu entwenden. Höherem zuliebe?“ Bei Nietzsche macht Kemp halt, bei Stefan George, bei Gertrud Kolmar und Ludwig Greve. Wer das Glück hatte, ihn bei Vorträgen oder in seinen Münchner Komparatistik-Vorlesungen zu erleben, wird sich an das literarische Engagement Kemps voller Bewunderung erinnern.

 

Im Zweiten Band, „Vom Vergnügen des Übersetzens“, geht es zunächst vor allem um französische Literatur, auch hier vorwiegend um Poesie. Die umfassende Kenntnis auch der frühen Epochen wie der Dichter aus der zweiten Reihe erlaubt ihm qualifizierte Beurteilungen verschiedener, in Frankreich erschienener Anthologien. Er ist im Lob so überzeugend wie in der vernichtenden Kritik. Stets begeistert die sprachliche Finesse, mit der er seine Zeitungsartikel zu Kostbarkeiten schreibt, deren Erhalt für die Nachwelt in dieser schönen Ausgabe gar nicht genug gelobt werden kann.

 

Ein längerer Text enthält seine „Lebenserinnerungen 1914 bis 1945“. Ein schöner Essay beschäftigt sich mit „Wandlungen der Widmung“. Das beste „Plädoyer für das Lesen“ ist die Lektüre seines gleichnamigen Aufrufs und „Vom Vergnügen des Übersetzens“ zu schreiben, fällt Friedhelm Kemp umso leichter, als er sich schon früh, als Fünfzehnjähriger, an einer Übersetzung der „Fleurs du mal“ versuchte, um dreißig Jahre später noch einmal Gelegenheit zu haben, Baudelaire zu übertragen.

Der Schriftsteller und Übersetzer Joachim Kalka hat die zweibändige Auswahl herausgegeben. Sein kluges, reichhaltiges Nachwort ist ein schönes Portal, das Einlass zu dem überwältigenden Kosmos des Friedhelm Kemp gewährt.

 

Harald Loch

 

Friedhelm Kemp: Gesellige Einsamkeit. Ausgewählte Essays zur Literatur

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Joachim Kalka

Wallstein, Göttingen 2017  2 Bände, Leinen   39,90 Euro

Bd. 1: Von Poesie bewegt   350 Seiten

Bd. 2: Vom Vergnügen des Übersetzens   516 Seiten

 

 

  Zbigniew Herbert. Gesammelte Gedichte

Endlich liegt das lyrische Lebenswerk des polnischen, des europäischen Dichters Zbigniew Herbert (1924 bis 1998) in einem Band vor. Er enthält sämtliche Gedichte, die Herbert in seine neun Lyrikbände aufgenommen hatte, mehr als hundert von ihnen erstmals in deutscher Übersetzung. Manche konnten aus Gründen der Zensur in den polnischen Originalausgaben nicht erscheinen, wurden in ihren deutschen Übersetzungen vor den erst nach seinem Tode möglichen Originalausgaben veröffentlicht. Ryszard Krynicki geht dieser europäischen Ungleichzeitigkeit in seiner Nachbemerkung des Herausgebers minutiös nach. Michael Krüger setzt dem Freund in seinem Nachwort ein sehr persönliches Denkmal. Die Gedichte dieses Bandes sind von verschiedenen Übersetzern ins Deutsche übertragen worden. Schön ist die dabei „Vereinigung“ der beiden großen Wegbereiter polnischer Literatur in Deutschland, Karl Dedecius im Westen und Henryk Bereska aus der DDR. Nachzulesen und neu zu entdecken ist ein überwältigender lyrischer Kosmos, den der in europäischer Kultur gebildete, kritische und intellektuelle Dichter geschaffen hat.

 

In einem Prosagedicht befürchtet Herbert: „In der schwarzen Erde werden verstreute Laute von uns bleiben. Akzente über dem Nichts und dem Staub.“ Ganz so gering wird der Nachlass auch auf Grund dieses Bandes nicht beachtet bleiben. Vor allem nicht dank des erst in der Mitte seines Schaffens in den Gedichten auftauchenden „Herrn Cogito“, dessen Mission Menschenmögliches fast übersteigt. Dennoch gilt ihm der mahnende Vers: „hüte dich dennoch vor Hochmut/ betrachte dein Narrengesicht im Spiegel/ und wiederhole: ich wurde berufen – gab’s denn nicht bessere/ hüte dich vor der Dürre des Herzens ...“. Herbert schließt „Herrn Cogitos Vermächtnis“ mit dem poetischen Appell „bleib treu Geh“. Wie sehr Herbert, der von einem Stipendium-Aufenthalt in Kalifornien desillusioniert zurückkehrte, in Europa zu Hause war, das er bereisen konnte, wie sehr er aus der europäischen Kultur seit der Antike als seinem selbstverständlichen lyrischen Fundus schöpfte, zeigen viele Gedichte. Das mythische Griechenland und die Renaissance Italiens vertiefen manch aktuellen Gedanken. „Die Alten Meister/ kamen ohne Namen aus“. In einem der späten Gedichte erinnerte sich Herbert an sein Jura-Studium: „Mein Professor der Gerichtsmedizin der alte Manczewicz/ verneigte sich wenn er die Leiche eines Selbstmörders aus dem Formalinteich holte/ und wollte um Vergebung bitten/ und öffnete dann mit geübter Hand den herrlichen Thorax“ um am Ende des „Scham“ überschriebenen Gedichts zu Sophokles‘ Antigone zu finden: „Darum – den Toten treu ihre Asche ehrend – verstehe ich/ den Zorn der Griechenprinzessin ihren verbissenen Widerstand/ sie hatte recht – ihr Bruder verdiente ein würdiges Begräbnis/ das Grabtuch der Erde sorgsam/ über die Augen geschoben“. Der Ausruf der Antigone „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da“ steht als Ausdruck abendländischer Humanität über dem Werk dieses großen polnischen Europäers.

 

Harald Loch

 

Zbigniew Herbert. Gesammelte Gedichte

Herausgegeben von Ryszard Krynicki, mit einem Nachwort von Michael Krüger

Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Karl Dedecius, Renate Schmidgall, Klaus Staemmler und Oskar Jan Tauschinski

Suhrkamp, Berlin 2016   680 Seiten   49,95 Euro

 

Klaus-Rüdiger Mai Gutenberg                           Der Mann, der die Welt veränderte 

Der Erfinder des Buchdrucks gilt als Jahrtausendfigur. Mit seinen bahnbrechenden Neuerungen läutete Johannes Gutenberg das Zeitalter der Moderne ein. Ohne ihn keine Reformation, keine Renaissance, keine Kirchenkritik, keine Bildung im modernen Sinn. Zu Recht vergleicht man die von ihm eingeleitete mediale Revolution mit der digitalen Zäsur unserer Tage. 
 
Aber der Pionier aus Mainz war nicht nur ein genialer Erfinder, sondern auch ein geschäftstüchtiger Medienunternehmer, der um die Bedeutung seiner Erfindung wusste und sie gewinnbringend zu vermarkten verstand. Diese Modernität Gutenbergs inmitten der revolutionären Umbruchzeit des 15. Jahrhunderts stellt der erfahrene Biograph Klaus-Rüdiger Mai in den Mittelpunkt seiner Schilderung. Er versteht es, Gutenberg und seine Zeit lebendig werden zu lassen und die überraschende Aktualität dieser Lebensgeschichte spürbar zu machen. 
 
484 Seiten 
€ 28,00 (D) / € 28,80 (A)  
ISBN: 978-3-549-07467-1 
Erscheint am 2. Dezember 2016 
 

 
Klaus-Rüdiger Mai, geboren 1963 in Staßfurt, promovierter Germanist, ist Autor von historischen Sachbüchern und Biographien. Bei Propyläen erschienen von ihm die Familienbiographie 
»Die Bachs« (2013) und eine Dürer-Biographie 
(2015). www.klaus-ruediger-mai.de 

 

Geschwister berühmter Menschen

Titel Ingmar Vriesema Geschwister berühmter Menschen KEIN & ABER

 

Autor Ingmar Vriesema, geboren 1980, studierte Sozialwissenschaften und Journalismus und arbeitet als Redakteur bei der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad. Er lebt in Amsterdam und hat einen Bruder und eine Schwester.

Inhalt Ikonenporträts berühmter Geschwister

 

Gestaltung Hardcover, Format: 9,5 x 14,8 cm , 272 Seiten, 5 Hauptkapitel, Die Rivalen, die Gegenpole, die Nutznießer, die Vorbilder, die Vertrauten, Quellenanhang, Bildnachweis und Vita des Autors

Cover weiß-blau gestreift, Titel in Schreibschrift

 

Zitat „Auf der Erde wimmelt es nur so von Brüdern und Schwestern“

 

Meinung Chris Jagger macht alternativen Folk-Rock in einer akustischen Musiknische, Hugo Maradonna versucht sich als Fußballtrainer, Maria Anna Mozart gab Kindern wohlhabender Eltern Klavierunterricht, Albert Göring rettete Juden statt sie zu vernichten, Juanita Castro spionierte für die CIA, Yeslam bin Laden brachte eine Parfumlinie auf den Markt, Billy Carter betrieb eine Tankstelle, Rudy Clay boxte im Vorprogramm seines Bruders Cassius Clay, Paula Hitler musste ihre Namen ablegen und wurde vom Diktator zunächst mit Schillingen und dann mit Reichsmark unterstützt. Jack Churchill blieb einfacher Büroangestellter. Ottilie Kafka starb in Theresienstadt, Cornelia Goethe begnügte sich mit der Rolle als Ehefrau, Maja Einstein wurde von einer Bowlingkugel ihres Bruders getroffen, überlebte dennoch relativ gut. Ein witziges Buch, flott zu lesen und gut als Mitbringsel zu verschenken. Ein Büchlein das abwechslungsreiche U- oder S-Bahn oder Flugzeug-Lektüre bietet – für Langstreckenflüge zu kurzweilig.

 

Leser Promisüchtige, Brüder, Schwestern, Väter und Mütter

Tomi Ungerers Lebensweisheiten

Titel Tomi Ungerer Besser nie als spät. Neue Gedanken und Notizen. Diogenes

 

Inhalt Wortspiele, Kalauer, Paradoxien, Normales, Verrücktes zum Lachen und Weinen

 

Gestaltung 24 Kapitel Zitate zu allen Lebenslagen

 

Cover Diogenes-Layout Zeichnung von Tomi Ungerer – einer Krake

 

Zitat “Wie Socken sollte man seine Meinungen regelmäßig wechseln.“
 

Meinung  Ungerer beschäftigt sich mit Geistvollem:“ Das Problem der Intellektuellen ist ihr Bedürfnis recht zu haben.“  Er sammelt Lebensweisheiten: „Mit einer Antwort wird man eine Frage nicht unbedingt los.“ Ungerer greift zum Philosophischen: „Zwischen dem Nichts und der Leere wähle ich die Leere. Warum? Ich kann sie füllen.“  Oder:“ Das schlimmste was passieren kann ist gar nichts.“ Dieses Buch ist eine Tour d’horizon durch das Leben: ob Glück, ob Sex, ob Männer, Frauen, Generationen, Ungerer hat zu allem etwas beizutragen. Er erfindet Worte wie „Scherzinfarkt“, spricht über Handys von elektronischer Diktatur, er gibt Ratschläge, spricht über sich selbst: “Ich habe meine Wurzeln im Elsass und mein Geäst in Irland.“ Er lobt Selbstbefriedigung als große Freiheit und schaut dennoch schon ins Jenseits:“ Vielleicht bin ich ja für das Schicksal noch eine unterhaltsame Ablenkung.“ Dieses Buch ist eine wunderbare unterhaltsame Lektüre eines nimmermüden elsässischen Multitalents, wie immer frech, wie immer verrückt, ulkig, lustig, nachdenklich. Für den Gabentisch oder den Coffeetable wärmstens empfohlen.

 

Leser Alle Miesepeter, Schlauberger und Lebensfrohe

 

Unsterblich: Die Lindgren

Jens Andersen: Astrid Lindgren  -  ihr Leben

 

Im Jahre 1978 wurde Astrid Lindgren zur Frankfurter Buchmesse der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. „Als die Veranstalter einige Wochen zuvor ihre Dankesrede gelesen hatten, schickten sie sie ihr mit Hinweis zurück, sie solle den Preis entgegennehmen und sich kurz und gut bedanken. Astrid Lindgren antwortete umgehend, wenn sie ihre Rede nicht in voller Länge halten dürfe, werde sie krank sein.“ Sie beugte sich der Vorzensur nicht und hielt ihre Rede wie vorgesehen – ihre Botschaft  lautete: Niemals Gewalt! Wer diese Seite der Erfinderin von Pippi Langstrumpf nicht kennt, wird sie und vieles andere in der herrlichen Biographie von Jens Andersen entdecken können. Er hat vor allem das Astrid-Lindgren-Archiv in der Königlichen Bibliothek, Stockholm, aber auch andere Quellen gesichtet und Gespräche mit Menschen geführt, die der Autorin begegnet waren. Entstanden ist ein schönes Porträt, das durch die vielen manchmal auch längeren Zitate mit O-Tönen zugleich ein Selbstporträt geworden ist, das ein hohes Maß an Authentizität erreicht.

 

Als Jugendliche war die in einer frommen protestantischen Bauernfamilie aufgewachsene Astrid Ericsson, wie sie vor ihrer Eheschließung hieß, aufmüpfig, kleidete sich im Stil einer garçonne und strebte nach ihrem Realschulabschluss schnell eine persönliche Autonomie an, die sie in eine ungewollte Abhängigkeit warf: Ihr erster Arbeitgeber, ein Zeitungsverleger, verliebte sich in sie und sie wurde schwanger. Die Verhältnisse in der Kleinstadt, in der sie lebten, waren damals weder für den Erzeuger noch für die junge Mutter so, dass die Verbindung hätte öffentlich werden dürfen. Astrid zog  nach Stockholm und begab sich zur Entbindung nach Kopenhagen in eine Klinik, in der nicht nach dem Namen des Vaters gefragt wurde. Der notwendige Umweg führte dann auch für drei Jahre zu einer Betreuung des kleinen Lasse in der dänischen Hauptstadt durch eine sehr mütterliche Frau, zu der Astrid zeitlebens Kontakt hielt.

 

Der Hauptteil der Biographie erzählt von der Entstehung der Bücher, die mit Pippi Langstrumpf im Jahre 1945 anfängt. Der kleine schwedische Verlag Rabén & Sjögren, der vor dem Ruin stand, wurde durch den Riesenerfolg der ersten Pippi Langstrumpf gerettet. Zu dem Erfolg trug vor allem die Bibliothekarin Elsa Olenius bei, die zur eigentlichen Literaturagentin für Astrid wurde. Die hatte inzwischen geheiratet, hatte ihren Sohn aus Kopenhagen nach Stockholm geholt und mit ihrem Mann eine Tochter bekommen. Nicht ohne kritischen Unterton schreibt der Biograph über die vielfältige Verstrickung zwischen Astrid Lindgren, die eine Stelle in dem Verlag annahm, ihrer Agentin Olenius, die für günstige Rezensionen und Radiosendungen sorgte und in ihrem Kindertheater Dramatisierungen der Bücher von Astrid aufführte. So eng war der Literaturbetrieb damals in Schweden – jedenfalls, was Kinderbücher betrifft.

 

Es folgt die lange Reihe der literarischen Erfolgsgeschichte mit den in aller Welt bekannten Figuren wie Karlsson vom Dach, Ronja Räubertochter oder aus den Ferien auf Saltkrokan. Stets verbindet Jens Andersen Entstehungsgeschichte, Inhalt und Rezeption mit Zitaten aus den Werken von Astrid Lindgren oder aus Rezensionen über sie. Das liest sich wie ein Potpourri von Kinderbüchern, als ob sie am laufenden Band dem Stenogrammblock geflossen wären, auf dem die effektiv arbeitende Autorin die Erstfassung ihrer Werke, oft im Liegen, niederschrieb. Aber das Leben der Schriftstellerin enthielt auch viele andere Facetten: Während des Zweiten Weltkrieges war sie in der Postzensurstelle des schwedischen Geheimdienstes tätig, später mischte sie sich politisch in die Friedensbewegung ein, war Umweltaktivistin, brachte einmal – selbst Sozialdemokratin – eine sozialdemokratische Regierung wegen deren Steuerpolitik um den Wahlsieg. Sie lebte so lange, dass sie den Tod ihres eigenen Sohnes, ihres Ehemannes und vieler Freunde miterleben musste. Ihr eigener Tod am 28. Januar 2001 löste weltweit Trauerbekundungen aus. „Die Trauerfeier fand am 8. März statt, dem Weltfrauentag, und war einer Königin oder eines Staatsmanns würdig. Der Ministerpräsident an der Spitze der schwedischen Regierung war anwesend, ebenso die königliche Familie, und einhunderttausend ganz normale Schweden säumten die Straßen, als der Sarg in die Storkyrkan gebracht wurde, den Stockholmer Dom in der Altstadt.“

 

Harald Loch
 
Jens Andersen: Astrid Lindgren  -  ihr Leben
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
DVA, München 2015   448 Seiten  zahlreiche Abb. 26,99 Euro

Vonne Endlichkait

Eine Ära geht zu Ende! Viereinhalb Monate nach seinem Tod erscheint das letzte Buch von Günter Grass. Der Titel ist einem Gedicht in seiner ostpreußisch-kaschubischen Mundart entnommen: „Vonne Endlichkait“. Es enthält 100 kurze, rhythmisierte Texte – wie man sie liest: als Prosagedichte, oder auch als Kurzessays über das alternde Leben, Erinnerungsfetzen, Nachrufe, letzte Abrechnungen. Alles in einem vertrauten Ton geschrieben, beileibe keine Avantgarde, Fingerübungen einer doch schon etwas zittrig gewordenen,  aber immer noch gebenden Hand. Böswillige werden es „epigonal“ nennen, die geringer gewordene Zahl von Verehrern wird von einer eigenen Klassik sprechen. Wie oft in solch „letztem Gesammelten“ stehen großartige Texte neben belangloseren, nie ist es aber „letztes Gestammeltes“. Trotzdem: „mir fehlts an Kraft/mit grobem Keil den groben Klotz zu spalten“, mit diesen Worten besingt er  „Doktor Rabelais“ und seinen Gargantua. Der bei seinen Gästen beliebte Koch gerät in eine kulinarische Endzeitstimmung, wenn er das Verschwinden von Kaldaunen oder „gar Lungenhaschee“ von den Speisezetteln einer Gegenwart beklagt, die – er fühlt es deutlich – er bald verlassen wird.

 

Sujetwechsel ins Tagesaktuelle: „In Frankfurt am Main/wo das Geld wohnt,/hat sich Angst einquartiert./Dank gesetzlich verbürgtem Mieterschutz/ist sie nicht zu vertreiben,/zeugt Kinder, die vor der Börse lärmen/und Schwarzer Freitag spielen.“ Schnitt zu Verstorbenen: In „Vielgeliebte Lubuše“ gedenkt er der letzten deutsch schreibenden Prager Jüdin oder in „Franz Witte nachgerufen“ bewegend eines frühen Freundes, „sprangst leichtfüßig durchs Fenster/der Heil- und Pflegeanstalt“, um sich ein paar Zeilen später selbst vorzuwerfen: „Ich hätte Dich, Freund, mitnehmen sollen,/als mir die Flucht gelang.“ Dazwischen Kleinkunst, wenn er über das Wetter stöhnen und die Touristen das Klima auf Schadensersatz verklagen lässt. Zwischen allen Texten zeichnet Grass, seiner Doppelbegabung selbst huldigend, und illustriert das schöne, auf bestem Papier gedruckte Buch.

 

Ein längerer Text, auf vier großzügig gesetzten Seiten sein „Abschied vom Fleisch“, widmet sich menschlichen Gelüsten: „Euch singe ich, zweieinig Brüste“. Dann wieder ergreift der sich kritisch einmischende Grass in  „Fremdenfeindlich“ das Wort. Er erinnert an die Millionen Vertriebenen nach dem Krieg, die „im restlichen Vaterland/zwangseinquartiert wurden“, unwillkommen, was denn sonst, und die er wohl erst als die Vorhut von Gegenwärtigem sah. Der Mahner erhebt sich, wie zeitlebens, von Böswilligen als zu hoch über andere gescholten, in „Bevor es zu spät ist“: „Niemand sage, wie schon so oft,/das haben wir nicht gewußt“ um zu schließen: “Schon im Davor ist die Schande danach/in Blumentöpfen verwurzelt.“

 

Dann erzählt Grass eine Geschichte von Wolfdietrich Schnurre von einem Ehepaar nahe der italienischen Grenze nach, denen ihr Auto gestohlen wurde. Ein paar Tage war stand es wieder in der Garage mit zwei Opernkarten für die Mailänder Scala als Dank für das „Ausleihen“. Nach dem Opernbesuch war das Haus des Ehepaares ausgeraubt. Ähnliches ist dem Ehepaar Grass widerfahren, das sich zwei Holzkisten – eine aus Kiefer, die andere aus Birke - hatte zimmern lassen, in die sie in Zukunft passen würden. Auch sie wurden bei einem Einbruch gestohlen und später wieder zurückgestellt: „Wir rätseln seitdem.“
Es hat sich ausgerätselt - diese 100 Prosagedichte sind der Abschied von Grass. Er selbst hat es gesagt: „Irgendwer. Der es gut meint, rät mir, den Schlußstrich zu/ziehen, solange die Hand nicht zittert.“

 

Harald Loch
 
Günter Grass: „Vonne Endlichkait“
Steidl, Göttingen 2015   176 Seiten  28 Euro

Arzt oder Schriftsteller?

Hans Keilson: Tagebuch 1944

 

Mit falscher Identität lebte der 1909 im märkischen Bad Freienwalde geborene Hans Keilson in den von Deutschen besetzten Niederlanden. Er war Jude und hatte 1936 Drängen seiner Partnerin Gertrud Manz Deutschland verlassen. Sein Medizinstudium hatte er noch beenden, seine zweite Berufung als Schriftsteller in seiner Heimat nicht weiter verfolgen können. In den Niederlanden lebte er zunächst unter seinem deutsch-jüdischen Namen und trug wie alle Leidensgenossen den Judenstern. 1943 wechselte er seine Identität, nahm einen falschen, niederländischen Namen an und lebte fortan illegal bei einer mutigen, in alles eingeweihten Gastfamilie in Delft. Dort schrieb er von März bis Dezember 1944 ein Tagebuch, das jetzt, nachdem er es noch zu seinen Lebzeiten wiedergefunden hatte, von seiner zweiten Ehefrau Marita Keilson-Lauritz herausgegeben wurde.

 

Hans Keilson ringt in seinem Tagebuch um seine berufliche Lebensperspektive: Arzt oder Schriftsteller. Er blieb auch nach Kriegsende in den Niederlanden und ließ sich das „Entweder – Oder“ der Berufswahl nicht aufdrängen. Er verwirklichte in seinem langen, erst 2011 mit 102 Jahren endenden Leben ein erfolgreiches „Sowohl als auch“. Als Kinderpsychiater und Psychoanalytiker kümmerte er sich nach dem Krieg zunächst um jüdischen Waisenkinder, der Eltern von den Nazis ermordet worden waren. Bis ins hohe Alter praktizierte er als Analytiker. Als Schriftsteller hatte er schon Anfang 1933 mit dem Titel „Das Leben geht weiter“ bei S. Fischer begonnen. Mit seiner parallel zu dem Tagebuch 1944 geschriebenen Novelle „Komödie in Moll“ wurde er spät nach einem Riesenerfolg in Amerika kurz vor seinem Tod noch zum viel übersetzten Bestseller-Autor

Sein jetzt vorliegendes Tagebuch unterscheidet sich von ähnlichen, in Bedrängnis und Not geschriebenen grundlegend. Nicht Verfolgung und Angst, Krieg und Widerstand stehen im Mittelpunkt. Es enthält vielmehr die existenziellen Auseinandersetzungen, die er mit sich führen musste.

 

Seine nichtjüdische Partnerin, mit der er eine Tochter hatte, lebte in seiner Nähe in den Niederlanden. Aber Hans Keilson hatte sich in die junge, ebenfalls untergetauchte Jüdin Hanna Sanders verliebt. Er schwankte zwischen der Mutter seiner Kinder und seiner 22 Jahre alten Geliebten, machte sich Gewissensbisse, weil er beiden nicht gerecht werden konnte, weil er beide verletzte. Und er fühlte seine Berufung als Schriftsteller gleichberechtigt mit seiner Aufgabe als Arzt in sich reifen. Mit beiden Dilemmas versteckt im Untergrund zu leben und zu Rande zu kommen – das ist das, was in seinem Tagebuch Ausdruck findet. Er gerät dadurch in moralische Not, muss sich selbst Lebensmut zusprechen, entwickelt aus dem Zwiespalt Charakter, wird zum Philosophen im Versteck und zum Liebesdichter. 46 Sonette entstehen in dieser Zeit, alle sind seiner Geliebten Hanna gewidmet. Sie zeugen von poetischer Ausdruckskraft und geben seinem damaligen Lebensthema rhythmischen Ausdruck: „Zuweilen bin ich meinem Herzen fremd…“. Alle Sonette sind zusammen mit dem Tagebuch abgedruckt. Die Moralphilosophien des Tagebuchs und die Poesie des Liebhabers gehören zusammen. Die Gestapo droht immer im Hintergrund und den Kriegslärm hört man immer mit. Aber es geht ihm auch in dieser Bedrängnis immer um den Menschen und den Künstler, den er in sich über diese mörderische Zeit rettet. Es ist die Perspektive des Zukünftigen, die aus ihm schreibt – eine existenzielle Vitalität, die ihn  102 Jahre alt werden ließ.

 

Nach dem Krieg fand Keilson zu seiner Partnerin Gertraud zurück, war mit ihr bis zu ihrem Tode und danach in zweiter Ehe mit der Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz verheiratet. Diese Witwe hat das „Tagebuch 1944“ jetzt mit sehr hilfreichen, meist selbst recherchierten Anmerkungen und einem knappen Glossar niederländischer Ausdrücke versehen. Sie hatte ihren Mann noch vor gut zehn Jahren in dessen Bad Freienwalde begleitet, wo Keilson noch sein Geburtshaus und das Gebäude zeigen konnte, in dem seine später von den Nazis ermordeten Eltern ein Textilgeschäft betrieben hatten. Heinrich Detering steuert dem auch mit Familienbildern illustrierten Band einen Essay als Nachwort bei, in dem er das Tagebuch als Ausdruck einer tiefen Lebenskrise interpretiert. Man kann es auch als vitalen Ausdruck von Lebenswillen lesen.

 

Harald Loch

 

Hans Keilson: Tagebuch 1944 und 46 Sonette

Herausgegeben von Marita Keilson-Lauritz

Mit einem Nachwort von Heinrich Detering

S. Fischer, Frankfurt am Main 2014   254 Seiten   18,99 Euro

 

 

Ebbe, Flut und Wellengang...

„Geschichte“ ist die vom Menschen erforschte Vergangenheit – wahlweise auch eine Art Erzählung oder beides. Der Kulturwissenschaftler Dieter Richter schreibt in seinem Coffee-table-Essay „Das Meer“, genauer: vorzugsweise das Mittelmeer und erzählt einen Teil der „Geschichte der ältesten Landschaft“. Es ist das Meer das Odysseus befuhr, über das Poseidon herrschte,  das Rom mit seinen Kolonien verband, das den Reichtum der Handelsstadt Venedig begründete und an dessen Rändern sich Millionen Nord- und Mitteleuropäer  seit hundert Jahren der Sonne und weniger dem salzhaltigen Wasser aussetzen.

 

Richter hat Altphilologie und Theologie studiert, war 32 Jahre lang Professor für kritische Literaturgeschichte in Bremen und lebt u.a. in Süditalien. Sein Buch passt in das Programm des Verlages Wagenbach, der in den letzten 50 Jahren so viel für die Vermittlung der italienischen Literatur in Deutschland getan hat. Es lebt von der Preisgabe des umfassenden Wissens über die Beziehungen zwischen Mensch und Meer, über das sein Autor gebietet. Diese Beziehungen reflektiert Richter in seinem Buch eher anhand künstlerischer Ausdrucksformen als nach den Bedingungen der Arbeits- oder Handelswelt, die eine andere Geschichte erforderten. Malerei, Literatur und Musik drücken diese älteste Landschaft vielfältig aus. Der Philosoph  kommt bei Richter eher zu Wort als der Geologe, der U-Boot-Kommandant oder der Astronom.

 

Das ist alles schön erzählt, gebildet geplaudert, macht Appetit auf "mehr Meer", weniger auf eine Kreuzfahrt. Vielleicht auch noch auf das Wieder-Lesen der unendlich reichhaltigen Literatur, die das Meer zum Protagonisten macht, zum Besuch von Museen, in denen das Meer oder seine schönste „Muse“ Galathea wie bei Raffael abgebildet ist und lässt einen vielleicht romantische Seestücke aus Schottland wieder hören.  Das Buch erschließt Zusammenhänge, nach denen der See-Urlauber nie gefragt hat. Alte Mythen werden wiederbelebt und irgendwie auch aktualisiert. Vielleicht kommt die raue Seite etwas zu kurz, wird ein bisschen zu wenig problematisiert, was andernorts geschieht, wenn der Meeresspiegel klimabedingt weiter steigt. Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ oder Mendelssohns „Meeresstille und glückliche Fahrt“ sind in dieser schönen „Geschichte der ältesten Landschaft“ wichtiger als ein Tsunami oder die Skagerrak-Schlacht.

 

Wer den „Heringsberichterstatter“ des isländischen Rundfunks in diesem Buch vermisst, wird aber schnell merken, dass ein gebildetes, auf hohem Niveau unterhaltendes und schön bebildertes Buch über das Meer erst dann wirklich gut ist, wenn es dessen Unendlichkeit jenseits des beschränkten Horizonts jeder Enzyklopädie ahnen lässt.

 

Harald Loch

 

Dieter Richter: Das Meer – Geschichte der ältesten Landschaft

Wagenbach, Berlin 2014   240 Seiten mit vielen Abbildungen  24,90 Euro