Klassiker der Weltliteratur

Auf dieser Seite Hinweise über Klassiker der Weltliteratur, insbesondere Neuausgaben

Mandelstam - Gedichte und Briefe

Cover Mandelstam, Heidelberg

 

„Ein herrlicher Dichter, der größte von allen, die in Russland unter der Sowjetherrschaft zu überleben versuchten“ schrieb Vladimir Nabokov über Ossip Mandelstam, dessen Geburtstag sich am 15. Januar zum 125. Mal jährt. Der Versuch zu überleben scheiterte an Stalin. Aber Mandelstams Werk hat überlebt – nicht zuletzt dank der legendären zehnbändigen Werkausgabe, die Ralph Dutli vor Jahren für den Amman Verlag übersetzte und besorgte. Sie ist jetzt beim Rechte-Nachfolger S. Fischer lieferbar. Eine Reihe von Gedichten ist seinerzeit nicht in die Ausgabe aufgenommen worden. Der Herausgeber hatte darauf verzichtet, weil sie in den noch von Mandelstam selbst zusammengestellten Gedichtbänden nicht auftauchten. Ralph Dutli hat sie alle übersetzt und jetzt erstmals in einer bemerkenswerten, auch literaturgeschichtlich wertvollen Ausgabe veröffentlicht. Die Poeme sind großenteils während des Aufenthalts von Mandelstam im Wintersemester 1909-10 in Heidelberg oder in unmittelbarem zeitlichem und poetologischem Zusammenhang entstanden. Einige Briefe aus Heidelberg an zwei russische Dichter ergänzen das durch zwei lesenswerte Essays des Herausgebers und Übersetzers bereicherten Band. Es entsteht durch sie ein schöner Einblick in das „silberne Zeitalter“ der russischen Poesie.

 

Der achtzehnjährige Mandelstam war nach einem kurzen Studienaufenthalt in Paris erneut von Sankt Petersburg nach Westeuropa aufgebrochen, um seine Bildung zu vertiefen. In Heidelberg verfestigte sich sein Entschluss, Dichter zu werden. Die jetzt erstmals auf Deutsch zu lesenden frühen Gedichte sind die beachtlichen frühen Gehversuche, über die Marina Zwetajewa urteilte: „ Es gibt solche, die mit dem Maximum beginnen und sich auf diesem Maximum halten bis zur letzten Zeile ... Sie sind von Geburt an da. Ihr Kinderlallen ist schon Summe, nicht Quelle.“ Nun sind die für das hiesige Publikum neu zu entdeckenden Gedichte keineswegs „Kinderlallen“ im wörtlichen Sinne. Sie ergeben – alle zweisprachig nachzulesen – einen frühen Ausblick auf ein Werk, das später durch „zornigen Mut“ dem heimischen Diktator in der Sowjetunion die Stirn bot und damit das eigene Todesurteil herbeidichtete. Diese frühen Arbeiten aus Heidelberg und in zeitlichem Zusammenhang mit diesem Studienausflug in die romantische Stadt, in der sein Übersetzer seine Wahlheimat gefunden hat, werden ausführlich kommentiert in dieser mustergültigen Ausgabe wiedergegeben. Sie markieren den Übergang des Dichters von seiner anfänglichen Verbundenheit zum späten Symbolismus zu dem „Akmeismus“, der sein ganzes Lebenswerk prägen sollte. Dutli markiert diesen Übergang von der einen zur nächsthöheren Stilrichtung in dem Heidelberger Gedicht „Nichts, worüber sich zu sprechen lohnt.“ Dort heißt es „Wenn es keinen Sinn im Leben gibt,/Bleibt das Sprechen zwecklos und getrübt“ und wenig später: „Öde die Sprache, die nur als verständlich gilt“. Da steht in wenigen Zeilen ein ganzes poetolgisches Programm, das den großen russischen Dichter ein Leben lang leitete.

 

Harald Loch

 

Ralph Dutli: Mandelstam, Heidelberg   

Gedichte und Briefe 1909-1910. Russisch-Deutsch

Mit einem Essay über deutsche Echos in Ossip Mandelstams Werk: „Ich war das Buch, das euch im Traum erscheint.“

Wallstein, Göttingen 2016   192 Seiten   19,90 Euro

Nicht nur Lolita...

Vladimir Nabokov: Vorlesungen über westeuropäische Literatur 

 

Die Literaturstudenten von Vladimir Nabokov kann man sich nur als glückliche Menschen vorstellen. Sie haben vor 60 Jahren an einem grandiosen intellektuellen und ästhetischen Vergnügen teilgenommen. Heute darf sich glücklich schätzen, wer die damaligen Vorlesungen über russische und über westeuropäische Literatur, demnächst auch Nabokovs legendäre Demontage des Don Quijote in den sorgfältig edierten und in kostbares, mit Schmetterlingsprägung geschmücktes Leinen gebundenen Bücher nachliest. Soeben sind im 18. Band der Gesammelten Werke Vladimir Nabokovs Darstellungen und Analysen einiger zentraler Werke der europäischen Literatur erschienen. Von John Updike stammt das Vorwort zur 1980 erschienenen amerikanischen Ausgabe. Umrahmt werden die Vorlesungen von zwei ins Herz aller Literatur zielenden Vorträgen Nabokovs: „Gute Leser und gute Autoren“ und „Die Kunst der Literatur und der Normalverstand“. Dazwischen liegen nicht mehr als sieben Werke auf dem liebevoll gedeckten Tisch des Dozenten, der damals noch kein weltberühmter Schriftsteller war und diese Vorlesungen allein zum Broterwerb an den Universitäten Cornell und Harvard hielt.

 

Das einzige deutschsprachige Werk in seinem Heptagon der Leuchttürme ist Kafkas Erzählung Die Verwandlung. Man kann es nur als ein Gelingen der Vorsehung bezeichnen, dass es der bedeutende Schmetterlingsforscher ist, der Nabokov ja zeitlebens war, der Kafkas Käferstück um Gregor Samsa seinen Studenten und jetzt auch seinen Lesern nahebringt. In einem glänzend inszenierten Wechselspiel zwischen interpretierender Inhaltsangabe und längeren Originalpassagen aus Kafkas Text entsteht ein neues Kunstwerk. Es handelt von Kafkas Verwandlung und von den Elementen großer literarischer Kunst. Es ist mit dem Herzblut des Lesers, der sich verzaubern lässt und ganz im Stile Nabokovs geschrieben. „Stil ist nicht Werkzeug, er ist nicht eine Methode, er ist nicht Wortwahl allein. Viel mehr als das, ist Stil  ein spezifisches Element oder Merkmal der Persönlichkeit eines Autors.

 

Das Genie kann sich im literarischen Stil eines Schriftstellers nicht ausdrücken, wenn es nicht in seiner Seele gegenwärtig ist.“ Das sagt Nabokov am Ende seiner Vorlesungen über Jane Austens Mansfield Park, mit der der Band eingeleitet wird. Dieses Meisterwerk aus dem frühen 19. Jahrhundert „ist ein Märchen. Gestalt und Gehalt mögen bei Miss Austen auf den ersten Blick altmodisch, gestelzt, wirklichkeitsfern erscheinen. Doch das ist eine Täuschung, der nur der schlechte Leser unterliegt. In einem Buch hängt die Wirklichkeit einer Person, eines Gegenstandes oder eines Sachverhalts ausschließlich von der Wirklichkeit des betreffenden Buches ab.  Für einen genialen Autor gibt es so etwas wie das wirkliche Leben nicht: Er muss es selbst schaffen, mit allen seinen logischen Elementen.“

 

Nabokov nähert sich den Romanen immer wieder durch Zeichnungen, eine Vorgehensweise, die er auch seinen Studenten ans Herz legt. Der 1852/53 erschienene Roman Bleakhaus von Charles Dickens erschließt sich räumlich durch eine selbstgezeichnete Englandkarte und inhaltlich über ein Diagramm der Hauptthemen. Es geht um englisches Justizleben, um unglückliche Kinder und um eine Detektiv-Handlung. „Bei dem Zaubertrick, den sich Dickens vorzuführen anschickt, muss er diese drei Weltkugeln balancieren, sie in einem Zustand beständiger Stimmigkeit bewahren, muss er diese drei Ballons in der Luft halten, ohne dass sich ihre Schnüre verheddern.“ Der geniale Dozent zeigt seinen Studenten, wie Dickens dieser Zaubertrick gelingt. Dann schwärmt dieser fabelhafte Literaturliebhaber von Madame Bovary. An dem Roman hatte Gustave Flaubert jahrelang gefeilt, ehe er 1856 erscheinen und einen Riesenskandal auslösen konnte. Nabokov spürt der Struktur dieses seiner Ansicht nach vielleicht besten Stücks des 19. Jahrhunderts nach und entfaltet den Studenten – wiederum in einer Skizze – das „Schichten-Motiv“ anhand der Mütze von Charles Bovary. 30 Jahre später erscheint Der sonderbare Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson. Wie in allen seinen Vorlesungen lässt er wieder den Autor selbst sprechen und verbindet dessen O-Töne mit klugen, durchaus auch kritischen Bemerkungen, mit denen er dem „wunderbarsten Buch“ Stevensons auf beglückende Weise gerecht wird. Dann verführt er seine Hörer zu Proust. In Swanns Welt ist der erste, 1913 erschienene Teil des großen Romans Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. „Proust ist ein Prisma. Dessen einziger Zweck besteht darin, das Geschehene optisch zu brechen und durch diese Brechung in der Rückschau eine Welt neu zu erschaffen.“ Mit Kafkas Verwandlung war das Studienjahr schon fast zu Ende, ehe sich Nabokov anschickte, mit seinen Hörern einen weiteren Gipfel zu bezwingen: 1922 erschien in einer Art Privatdruck Ulysses von James Joyce. Schon zu Beginn der Ulysses-Vorlesungen zählt Nabokov die „wohlbekannten Schönheiten“ und die „offenkundigen Schwächen“ des Romans auf, um sich erst „dann ein Kapitel nach dem anderen vorzunehmen, um die Frage zu klären, worum es sich eigentlich handelt“. Die vielen Literaturfreunde, die immer wieder den Ohrwurm murmeln, man könne den ganzen Ulysses unmöglich schaffen, werden sich nach der Lektüre von Nabokovs Vorlesungen schämen oder grämen, dass sie es nicht doch versucht haben. Sie haben sich – das wird ihnen dann klar - um eine große Belohnung betrogen.

 

Harald Loch

 

Vladimir Nabokov: Vorlesungen über westeuropäische Literatur

Herausgegeben von Fredson Bowers und Dieter E. Zimmer

Aus dem Englischen von Ludger Tolksdorf und Dieter E. Zimmer

Band XVIII der Gesammelten Werke

Rowohlt, Reinbek 2014   780 Seiten  Leinen 38 Euro.  

Novellen aus der Normandie

Guy de Maupassant: Von der Liebe und anderen Kriegen    Novellen   (Neuübersetzung)

 

Mit einer Novelle zu der von Emile Zola herausgegebenen Gemeinschaftspublikation „Abende in Medan“ betrat Guy de Maupassant im Jahre 1880 mit Aplomb die literarische Bühne Frankreichs. „Schmalzkügelchen“ heißt sie in der neuen Übersetzung von Hermann Lindner. Sie ist mit über 60 Seiten die längste in der schönen Auswahl „Von der Liebe und anderen Kriegen“. Sie begründete den literarischen Ruhm und Erfolg des aus lothringischem Adel stammenden, in der Normandie aufgewachsenen Autors, der lange Zeit nur als „anstößiger“ Unterhaltungsschriftsteller galt. In einer nur etwa zehn Jahre währenden Schaffensperiode schrieb er neben sechs Romanen („Bel Ami“) annähernd 300 Novellen und entfaltete eine reiche journalistische Tätigkeit. Die jetzt vorliegende Auswahl bestätigt ihn als großartigen Stilisten und als sozialkritischen Beobachter der französischen Bourgeoisie.

 

„Schmalzkügelchen“  handelt während der letzten Phase des Deutsch-Französischen Krieges im Winter 1870/71. Eine Gruppe von 10 Bürgern aus Rouen will sich den Preußen entziehen, die die Stadt eingenommen haben und fährt mit einer großen Kutsche in Richtung Meer. Vom Schneetreiben und einem preußischen Offizier aufgehalten, bleiben sie in einem Landgasthof stecken. Der Deutsche hat es auf die mitreisende, attraktiv-proportionierte Dirne abgesehen, die es aus patriotischen Überzeugungen ablehnt, dem feindlichen Offizier zu Diensten zu sein. Da der die ganze Gruppe festhält, bis er seinen Willen durchgesetzt hat, drängen die selbstgerechten Mitreisenden  das „Schmalzkügelchen“, wie die Prostituierte anzüglich-beziehungsreich heißt, im Interesse aller den Deutschen endlich zu erhören. Als sie das aus Solidarität tut und damit die Weiterreise aller ermöglicht, schlägt ihr die moralische Entrüstung der wohlhabenden Kaufleute und Adligen sowie ihrer Gattinnen entgegen: Ein Dokument der Verlogenheit einer ganzen Klasse. Es bestätigt die von Flaubert und Schopenhauer beeinflusste pessimistische Weltsicht Maupassants aber auch seinen Stilwillen und seine Kunst, Personen mit wenigen treffenden Sätzen zu charakterisieren und – in diesem Fall – zu entlarven. Das ist mehr als der Naturalismus, dem er oft verkürzend zugeordnet wird.

Die literarische Meisterschaft, die durchaus auch auf hohem Niveau unterhalten kann, beweist der 1893 an den Folgen einer Syphilis-Infektion gestorbene Autor auch in den kürzeren Storys dieser Auswahl, die die ganze Palette seiner literarischen Möglichkeiten aufzeigt: „Zwei Freunde“ werden, als sie sich trotz der deutschen Besatzung zum Angeln außerhalb von Paris verabreden, von dem Preußen als Spione füsiliert. „Im Frühling“ warnt ein Passagier auf einem Seine-Dampfer einen jüngeren Mitreisenden vor der Liebesblindheit, die die schöne Jahreszeit mit sich bringt. „Das Glück“ eines alten Ehepaares auf Korsika steht gegen die Annehmlichkeiten der zivilisierten Welt. „Der Horla“ ist eine großartige, unheimliche Schauernovelle.

 

Harald Loch

 

Guy de Maupassant: Von der Liebe und anderen Kriegen    Novellen

Neu übersetzt, mit einem Nachwort und Anmerkungen von Hermann Lindner

dtv, München 2014   320 Seiten   9,90 Euro 

Lukrez: Über die Natur der Dinge

 

„Der Tod geht uns nichts an“ – mit diesem Wort provozierte vor mehr als zweitausend Jahren Lukrez seine römischen Zeitgenossen. Er hatte in seinem philosophischen Lehrgedicht „De rerum natura“ die Gedanken seines griechischen Vorbildes Epikur zu einer materialistischen Weltsicht weiterentwickelt, in der weder Gott noch Götter Platz haben, in der es keine unsterbliche Seele gibt und in der die Materie aus kleinsten Partikeln, „Urelementen“ zusammengesetzt ist. Diese Einsichten hatte er auf der Grundlage von Sinneseindrücken gewonnen. Waren seine Erkenntnisse „Über die Natur der Dinge“ seiner römischen Zeit weit voraus, blieben sie es während des christlichen Mittelalters erst recht. Friedrich Nietzsche brachte es auf den Punkt: „Epikurs Triumph, der am schönsten im Mund des Lukretius ausklingt, kam zu früh“ – das Christentum kam dazwischen. Nur wenige Abschriften des in 7409 Hexametern verfassten epischen Gedichts hatten die Antike überlebt. Eine davon entdeckt ein italienischer Intellektueller am Rande des Konstanzer Konzils (1414 – 1418) in einer deutschen Klosterbibliothek und kopiert sie. 1473 erscheint in Brescia die erste gedruckte Ausgabe. Stephen Greenblatt lässt in seinem kulturgeschichtlichen Bestseller „Die Wende“ die Renaissance mit dieser Wiederentdeckung von Lukrez beginnen. Er hat auch eine Einführung in die als Prachtband soeben erschienene neue Übersetzung von Klaus Binder verfasst, der versucht, die Schönheit der Verse des lateinischen Originals in rhythmische Prosa für deutsche Leser zu übertragen. Binder löst das seit Homer „ewige“ Übersetzungsproblem mehr als respektabel und hilft mit einem umfangreichen Stellenkommentar, manchen beim Übertragen nicht zu rettenden Doppelsinn aufzulösen. Wenn Lukrez die Zusammensetzung der Materie aus „elementa“ plausibel mit einer Analogie zur Sprache erklärt, deren Worte und Sätze aus einzelnen Buchstaben bestehen, dann erläutert der Kommentar, dass „elementa“ im Lateinischen eben beides bedeutet: Elemente wie Buchstaben.

 

 

Die Schrift „De rerum natura“ wurde in römischer Zeit nur von einigen unabhängigen Geistern der Zeit wie Cicero oder Vergil geschätzt. Lukrez war ein lateinischer Ketzer und blieb es das ganze christliche Mittelalter hindurch. Mit der Wiederentdeckung traten die Verse dann ihren steinigen Siegeszug an. Zunächst aber blieb Lukrez der Ketzer: Niccolò Machiavelli kopiert „De rerum natura“, verwendet einige Gedanken der Schrift, zitiert Lukrez aber aus Vorsicht nie. Michel de Montaigne kennt und verwendet die Ideen des Lukrez in seinen „Essais“, Giordano Bruno und Galileo Galilei werden verbrannt, weil sie von Lukrez formulierte materialistischen Thesen vertreten. Molière fertigt eine -  verlorengegangene – Übersetzung an, Goethe regt eine in Deutsche an, Wilhelm von Humboldt verfasst eine. Thomas Jefferson bezeichnet die Lehre des Lukrez, vor allem sein „Ich fühle, also bin ich“ als sein Lebenselexier und viele Philosophen und Dichter der Gegenwart beziehen sich auf ihn.

 

Was hat der im Jahre 55 vor unserer Zeitrechnung gestorbene Lukrez weltbewegendes geschrieben, dass selbst sein 15 Jahrhunderte währendes Verschweigen Teil seiner erstaunlichen Rezeptionsgeschichte geworden ist? Das in sechs Bücher gegliederte Werk ist symmetrisch angelegt. In der Mitte stehen die Abhandlungen zur menschlichen Natur, den Anfang und das Ende bilden die erstaunlich „modern“ klingenden Teile über den Mikro- bzw. über den Makrokosmos. Die Materie bestehe aus „Atomen und Leere und sonst nichts“. Sie sei aus keinem Schöpfungsakt entstanden, gehe nicht verloren, ihre Partikel seien ständig in Bewegung und setzten sich fortlaufend neu zusammen. Lukrez leitet seine Lehre aus sinnlichen Beobachtungen ab. Er misst den „Urelementen“ gleichbleibende wie veränderliche Eigenschaften zu und erkennt, dass aus empfindungslosen Atomen lebendige Wesen werden. Götter hätten mit alledem nichts zu tun, es sei die „Natur der Dinge“, die alles Werden und Vergehen bestimme. In den beiden Büchern über den Menschen, seinen Geist und die Seele räumt er mit allen Vorstellungen von einem Leben nach dem Tode auf. Geist und Seele seien nicht unsterblich und die Furcht, nach dem Tode für sein Leben zur Rechenschaft gezogen zu werden, sei unbegründet: es gebe keine „Danach“. Die Kapitel über die Menschengeschichte lesen sich wie eine Kurzfassung von Parzingers gerade veröffentlichten „Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“.

 

Lukrez war sich beim Verfassen seiner Schrift bewusst, dass er gegen die damalige sprituelle „correctness“ verstieß. Deshalb griff er zu einem Trick:  Er schrieb seine materialistische Quintessenz, „um die Seele aus den bindenden Fesseln des Aberglaubens (religio) zu lösen“, in schönen Versen: „Darum mein Wunsch, dir meine Gedanken in wohlklingendem Gesang nahezubringen, gleichsam versüßt mit dem Honig der Musen.“

 

Harald Loch

 

Lukrez: Über die Natur der Dinge

In deutsche Prosa übertragen und kommentiert von Klaus Binder

Mit einer Einführung von Stephen Greenblatt

Galiani Berlin, 2014   Leinen, 406 Seiten   39,99 Euro

Liebe statt Musketiere

Alexandre Dumas: Ein Liebesabenteuer (Deutsche Erstübersetzung)

 

Ein einziges Mal verhält sich der notorische Herzensbrecher und Frauenheld wie ein Gentleman – und schon wird ein bezauberndes Buch aus der Geschichte. Der über sich selbst verblüffte Held hat sie aus der Ich-Perspektive erzählt: Alexandre Dumas, der Autor des Grafen von Monte Christo und der Schöpfer der Drei Musketiere. Er ist 54 Jahre alt, als die ungarische Schauspielerin Lilla Bulyowski, von seinem internationalen Ruhm angezogen, ihn in Paris aufsucht und um Begleitung und Einführung in das Pariser Kulturleben bittet. Sie ist schön, jung, geistreich, glücklich verheiratet und hat einen Sohn, den sie abgöttisch liebt: normalerweise ein gefundenes Fressen für den Frauenjäger Dumas. In einem der wunderbaren galanten Dialoge, deren die französische Literatur so reich ist, stecken die beiden gleich zu Beginn ihre Grenzen ab: aus dieser durchaus erotischen Beziehung wird eine beglückende Freundschaft zwischen einem Mann, der kaum glauben kann, dass ihm dergleichen gelingt und einer Frau, die sicher in ihren Gefühlen und voller mutiger Unschuld in die Höhle des Löwen dringt, um ihren schauspielerischen und literarischen Horizont zu erweitern. Ein paar Wochen sind beide in Paris zusammen, dann begleitet Dumas seine Freundin zunächst nach Brüssel und dann über Köln und auf einer Rheinreise per Schiff bis nach Mainz, um weiter nach Mannheim zu reisen, wo Lilla Sprach- und Sprechunterricht bei der berühmtesten deutschen Schauspielerin ihrer Zeit, bei Sophie Antonie Schröder nehmen will, um auch auf deutschen Bühnen auftreten zu können.

 

Alexandre Dumas erzählt sein für ihn so untypisches Liebesabenteuer mit der ihm eigenen Selbstgefälligkeit. Überall unterwegs wird er erkannt, überall wird ihm gehuldigt, stehen ihm alle Türen offen. Wie nebenbei erwähnt er seinen Besuch der dem preußischen Kronprinzen gehörenden, von Schinkel entworfenen Burg Stolzenfels auf einer zwanzig Jahre zurückliegenden Rheinreise. Der Kastellan, der ihn dort ganz außer der Reihe empfängt und bewirtet entpuppt sich beim Abschied als der Kronprinz persönlich, der Dumas, von dessen glänzendem Namen überwältigt, geradezu königlich bewirtet. In Mannheim angekommen, erzählt Dumas seiner Reise-Freundin von Kotzebue und seinem Mörder Sand, dem er nach eingehenden Recherchen am Ort des Geschehens eine Novelle gewidmet hatte. Dumas ist auf dieser Reise in Höchstform, beflügelt von der neu zu erfahrenden Erotik der Freundschaft mit einer wunderschönen, knapp halb so alten Frau. Unterwegs machen beide noch die Bekanntschaft einer reizenden Wienerin, mit der sie eine Strecke des Weges teilen. Den beiden jungen Frauen erzählt Dumas dann von einem über zwanzig Jahre zurückliegenden – ebenfalls wahren - Liebesabenteuer auf Sizilien, als er einem Freund die versprochene Frau ausspannte und – anders als mit Lilla – die vollen Freuden körperlicher Liebe auskostete. Diese autobiographische Novelle sexueller Erfüllung bildet, mitten in der Freundschaftsgeschichte, das Kontrastprogramm zu dem erotischen Knistern zwischen ihm und Lilla.

 

Das Selbstporträt, das Dumas von sich zeichnet, gerät ihm treffend. Den Narzissmus lässt man der Berühmtheit durchgehen. „Dumas ist heute eine Ikone Frankreichs. Zu seinem 200. Geburtstag im Jahre 2002 wurden seine Gebeine in das Allerheiligste der Nation, das Pariser Panthéon, überführt. Dort liegen neben ihm und seinem Freund Victor Hugo nur vier weitere Schriftsteller: Voltaire, Rousseau, Zola und Malraux.“ Das schreibt Romain Leick in seinem klugen Nachwort zu dieser deutschen Erstübersetzung des Liebesabenteuers. 150 Jahre nach dem Erscheinen des französischen Originals können auch deutsche Leserinnen und Leser diese geistreiche und charmante Kostprobe aus dem Werk des großen Franzosen genießen. Roberto J. Giusti überträgt den Esprit des Originals in wundervollen Worten und der Verlag hat dem Werk eine würdige, elegante Ausstattung spendiert.

 

Harald Loch

 

Alexandre Dumas: Ein Liebesabenteuer

Aus dem Französischen von Roberto J. Giusti, Nachwort von Romain Leick

Manesse, Zürich 2014   Leinen 202 Seiten   19,95 Euro

 

Wer hat Angst vor diesen Büchern?

Virginia Woolf. Essays

 

Seit 25 Jahren erscheinen die gesammelten Werke von Virginia Woolf im S. Fischer Verlag. Die künstlerisch entworfenen Buchumschläge von Sarah Schumann haben sich in dieser Zeit zu Kultobjekten entwickelt. Zum Abschluss der großen Werkausgabe sind jetzt zwei Bände mit Essays erschienen. Es lohnt sich, diese Meisterwerke intellektueller Auseinandersetzung mit Literatur, Kunst und Leben zu entdecken. Diese Betrachtungen und Rezensionen sind seinerzeit in renommierten Zeitschriften wie dem Times Literary Supplement erschienen.

„Granit und Regenbogen“ ist der Titel des einen Bandes. In ihm sind Arbeiten gesammelt, die sich zwei literarischen Themen widmen: dem Roman und der Biographie. Besonders bemerkenswert ist der Essay „Frauen und erzählende Literatur“, der aus Vorträgen entstanden ist, die Virginia Woolf im Jahre 1928 in Cambridge gehalten hat. Er ist als gedankliche Vorstufe zu dem bahnbrechenden Großessay „Ein eigenes Zimmer“ zu verstehen und beschreibt die Bedingungen, unter denen Frauen in England seit Beginn des 19. Jahrhunderts Romane geschrieben haben. Es geht um die Anfänge mit Jane Austen, den Schwestern Emily und Charlotte Brontë sowie um George Eliot und reicht bis in ihre zeitgenössische Gegenwart.

 

In einem Ausblick schreibt sie: „So werden, wenn wir prophezeien dürfen, in künftigen Zeiten Frauen weniger Romane schreiben, aber bessere Romane; und nicht nur Romane, sondern Lyrik und Kritik und Geschichte. Doch hierin schaut man gewiß in die Ferne zu jenem goldenen, vielleicht fabelhaften Zeitalter, in dem Frauen haben werden, was ihnen so lange versagt blieb - Muße und Geld und ein eigenes Zimmer.“ In ihrem „Versuch über literarische Kritik“ zerpflückt sie die Bedeutung des Literaturkritikers und schiebt sie der „menschlichen Leichtgläubigkeit“ zu. Am Beispiel der ersten beiden Bücher von Hemingway macht sie klar, was sie meint und entwickelt – das ist heimliche Kern ihrer Absicht – ein geradezu überwältigendes Beispiel glänzender Literaturkritik, erschienen im New York Herald Tribune vom 9. Oktober 1927. Sie endet kokett und selbstkritisch: „Damit offenbaren wir einige der Vorurteile, der Instinkte und der Irrtümer, aus denen sich zusammensetzt, was wir literarische Kritik zu nennen belieben.“

 

Auch in dem anderen, jetzt erschienene Band, „Das Totenbett des Kapitäns“,  geht es um Rezensionen aber auch ums Rezensieren. In einem langen Essay unter diesem Titel differenziert sie die Literaturkritik von der Rezension, über die sie sich so abschätzig äußert, dass sich ihr eigener Mann, der Literaturredakteur und -kritiker Leonard Woolf in einer „Bemerkung“ zu diesem Essay veranlasst sah, die Notwendigkeit von Rezensionen zu betonen und die Ehre der Rezensenten wiederherzustellen. Beide Beiträge haben ihre hohe Aktualität behalten. In ihrem längeren Essay über das Lesen kommt Virginia Woolf auf die „fragwürdige Sphäre“ der Schönheit zu sprechen: „Warum aber Schönheit die Wirkung auf uns ausübt, die sie hat, das merkwürdige heitere Vertrauen, das sie uns einflößt, kann niemand sagen“, um dann – ambivalent und rätselhaft zu ermahnen: „Irgendeine Gabe müssen wir darbringen, irgendeinem Tun müssen wir uns widmen, und sei es nur, durchs Zimmer zu gehen und die Rose im Glas zu verrücken, die übrigens ihre Blätter verliert.“

Woolfs kritische Essays haben oft eine scharfe Klinge. Die benutzt sie wie ein schönes Werkzeug und schafft mit manchmal überraschenden Wendungen kleine Kunstwerke aus journalistischen Auftragsanlässen. Das können nur ganz Große. Die Autorin von „Orlando“ oder „Mrs. Dalloway“ schreibt auch in der kleineren Form des Essays bestechend modern und mit langem Nachhall. Die Blätter ihrer Rose scheinen nicht zu welken.

 

Harald Loch

 

Virginia Woolf:

Granit und Regenbogen. Essays

Deutsch von Brigitte Walitzek und Heidi Zerning

S. Fischer, Frankfurt am Main 2014   320 Seiten   19,99 Euro

 

Das Totenbett des Kapitäns. Essays

Deutsch von Hannelore Faden und Helmut Viebrock

S. Fischer, Frankfurt am Main 2014  288 Seiten   19,99 Euro

Faulkner

William Faulkner: Schall und Wahn              

 

Neuübersetzungen bieten älteren fremdsprachigen Werken eine neue Chance, manchmal sind sie so etwas wie eine zweite Geburt. Das gilt in besonderem Maße für Werke, die in der Originalsprache bereits „sperrig“ sind, sich der leichten Lektüre widersetzen. Handelt es sich wie bei William Faulkners wohl bedeutendstem, zuerst im Jahre 1929 unter dem Titel „The Sound and the Fury“ erschienenen Roman „Schall und Wahn“ um eine Wegmarke nicht nur der amerikanischen Moderne sondern der Weltliteratur schlechthin, kann eine neue Übersetzung zum Ereignis werden. Frank Heibert vermittelt eine wichtige literarische Aktualität dieses Schlüsseltextes für deutsche Leser.

 

Der vierteilige Roman handelt am Beispiel der Familie Compson vom Zerfall der alten Südstaatenwelt in den USA und spielt in Faulkners näherer Heimat, in Mississippi. Gerade hat dieser Staat in unseren Tagen auf sich aufmerksam gemacht. Dort haben Farbige, die der Demokratischen Partei nahestehen, in den Vorwahlen zu den nächsten Präsidentschaftswahlen massenhaft und erfolgreich den konservativen Kandidaten der Republikaner unterstützt, um dessen ultrakonservativen innerparteilichen Gegner von der Tea-Party-Bewegung zu verhindern. „Schall und Wahn“ spielt also in einem seit dem Erscheinen des Romans wenig veränderten  amerikanischen Milieu der Rassendiskriminierung.  Faulkner schreibt dagegen an, indem er die Besonnenheit der schwarzen Wirtschafterin Disley gegen die konservative Dekadenz der weißen Familienmitglieder stellt.

 

Aus vier Erzählperspektiven werden Fragmente eines Geschehens beleuchtet, das die Wirklichkeit eher durch einen Grundton des Verfalls als durch eine lineare Handlung darstellt. Im ersten Teil wird das kaum zusammenhängend zu verstehende Geschehen aus der Sicht des geisteskranken Bruders Benjamin vermittelt. Bereits in diesem Kapitel wird die Erzähltechnik des „Bewusstseinsstroms“, des „stream of conciosness“ zur Vollendung gebracht. Hierbei handelt es sich um die Verlagerung der äußeren Handlung auf die Innenperspektive des wahrnehmenden Subjekts. Die Sinneseindrücke, Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen einer Figur bilden so etwas wie einen frei assoziierenden inneren Monolog. Im Falle des Idioten Benjy entsteht ein psychologisch komplexes Bild einer sich fragmentarisch zusammensetzenden Wirklichkeit. In den späteren Teilen des Romans wechselt die Perspektive. Im zweiten Kapitel stellt Faulkner das Bewusstsein von Benjys Bruder, des Harvard-Studenten Quentin am Tage seines Selbstmords dar. Das nächste Kapitel ist ein einziger innerer Monolog des dritten Bruders, Jason Compson, und wechselt von dem literarisch anspruchsvollen Ton des zweiten Teils in eine harte realistische Sprache. In den ersten drei Teilen kreisen die Bewusstseinsströme und damit die über sie ablesbare äußere Handlung um die Schwester Caddy. Im Mittelpunkt des vierten Teils stehen deren nichteheliche Tochter Quentin <sic! sie heißt genauso wie ihr Onkel>, die unkonventionell lebt und damit eine Hoffnung nach dem Niedergang der aristokratischen Tradition andeutet sowie der österliche Kirchgang der kraftvollen und geduldigen schwarzen Wirtschafterin Disley.

 

Der Roman stellt hohe Anforderungen an den Leser, seine Aufmerksamkeit und seine Bereitschaft, die unkonventionelle Zeitauffassung des Autors  ebenso als literarisches Ausdrucksmittel zu akzeptieren wie die gelegentliche Auflösung der syntaktischen Konsequenz der Sätze. Der Roman erfordert die Fähigkeit, den Bewusstseinsströmen ganz unterschiedlicher Figuren zu folgen und deren differenzierten Sprachduktus in eigenem Verständnis zu entschlüsseln. Wer hierin dem erkenntnistheoretischen Grundansatz des Autors folgt, wird den allmählichen Verfall dieser Gesellschaft nicht durch dessen objektive Darstellung sondern durch die subjektive Teilnahme der Figuren besonders intensiv nachvollziehen können. Welche enorme sprachliche Leistung dem Übersetzer abverlangt wird mag der ermessen, der sich einmal am englischen Original versucht hat. Frank Heibert  erläutert in einem intensiven und ergiebigen Nachwort seine Übersetzungs-Poetologie. Ihm gebührt die uneingeschränkte Bewunderung für seine Arbeit.

 

Harald Loch

 

William Faulkner: Schall und Wahn              Roman

Neu übersetzt von Frank Heibert

Rowohlt, Reinbek 2014   380 Seiten   24,95 Euro

Geistreich und giftig

Henry James: Washington Square

 

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts war die Welt noch heil, doch die Herzen waren verletzlich wie heute. Auch damals gab es schon Amerikaner, die es in Europa besser aushielten als in ihrem Land, das die Wunden des Bürgerkrieges noch nicht wirklich überwunden hatte. Henry James, 1843 in New York geboren, schrieb den etwa 40 Jahre vor seinem Erscheinen spielenden Liebesroman „Washington Square“ Im Jahre 1881 in London. Seitdem gehört der Titel zum Kanon der Weltliteratur. Hierzulande erlebt dieser moderne Klassiker seine wohlverdiente Renaissance in der vortrefflichen Neuübersetzung von Bettina Blumenberg.

 

Catherine Sloper ist die traurige, tapfere Heldin des Romans, der zu wesentlichen Teilen im Hause ihres Vaters Dr. Austin Sloper, eines der angesehensten Ärzte New Yorks, am Washington Square spielt. Der hatte einen Sohn im Alter von drei Jahren und seine Frau eine Woche nach der Geburt von Catherine verloren. „Seine kleine Tochter blieb ihm, und obwohl sie nicht das war, was er sich gewünscht hatte, nahm er sich vor, das Beste aus ihr zu machen.“ Als sie zehn Jahre alt war, nahm er seine ältere Schwester, Mrs. Penniman, eine Pfarrerswitwe zu sich. In einem Satz charakterisiert Henry James diese den ganzen Roman als Begleiterin von Catherine mitbestimmende Person: „Obwohl Mrs. Penniman über ein erstaunliches Maß einer etwas künstlich wirkenden Selbstsicherheit verfügte, schreckte sie doch aus nicht näher zu bestimmenden Gründen davor zurück, sich ihrem Bruder als Quelle der Gelehrsamkeit darzustellen.“

 

Das ist der ironische Ton, der das Werk von Henry James und insbesondere „Washingon Square“ bestimmt und das ist auch der Ton, in dem Dr. Austin Sloper mit seiner Umwelt, vor allem aber mit seiner Tochter umgeht. Die bleibt eine blasse junge Dame, erweckt aber das Interesse des jungen Abenteurers Morris Townsend. Ihre Vermögensverhältnisse sind jedenfalls kein Hinderungsgrund für ihn und eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zwischen beiden, die in eine Verlobung mündet. Catherines Vater missbilligt diese Liaison von Grund auf. Er sieht in Morris einen Mitgiftjäger und droht seiner Tochter mit Enterbung, wenn sie – inzwischen volljährig – gegen seinen Willen diesen elegant und wortgewand auftretenden Habenichts heiratet. Hinter dem Rücken ihres Bruders und nicht ohne eigene romantische Phantasie antichambriert Mrs. Penniman vermeintlich zu Gunsten von Catherine.

 

Aber der Vater bleibt unbeugsam und will aus einer Haltung, die wirtschaftliche Tüchtigkeit als männliche Haupttugend ansieht, keinen Schritt nachgeben. Catherine  ist die Erbschaft nach ihrem sich ja noch bester Gesundheit erfreuenden Vaters nicht so wichtig wie ihrem Bräutigam, der sich zurückzieht, als er sieht, dass eine heimliche Hochzeit zwar von Catherine gewollt wird aber zu einem endgültigen Bruch zwischen ihr in ihrem Vater führen würde. Er lässt Catherine einfach sitzen – vielleicht ist die Leidenschaft seiner Liebesschwüre doch von dem Blick auf die Mitgift geprägt.

 

Morris verschwindet aus dem Blickfeld von Catherine und ihrem Vater. Die Wunde, die er hinterlassen hat, wandelt sich zu der Würde einer Frau, die ihr auch Jahrzehnte nach den frühen Verletzungen späte Sympathien einträgt. Sie respektiert die Autorität ihre Vaters immer, die verbittet sich aber gelegentlich bei allem Gehorsam dessen ironischen Umgang mit ihr und lässt den Vorrang des familiären Kapitalismus ihres Vaters ihr Herz nicht vergiften. In den vom Vater auch unter Prestigegesichtspunkten geführten Auseinandersetzungen – Henry James verschnürt sie herrlichen Dialogen – macht Catherine manchen Stich. Im Wettstreit zwischen puritanischem Patriarchat und den Gefühlen einer Frau triumphiert – leise zwar und verhalten – die Herzensbildung. Das Ganze gelingt ohne einen Anflug von Kitsch, ist stets geistreich erzählt, sprüht vor Eleganz und offenbart deren giftige Oberfläche. Der Verlag hat diesem Meisterroman eine würdige Ausstattung spendiert.

 

Harald Loch

 

Henry James: Washington Square     Roman

Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Bettina Blumenberg

Manesse, Zürich 2014   278 Seiten  Leinen  24,95

Shakespeare - der Fixstern am Autorenhimmel

Kritik

 

Titel      Tobias Döring (Hg.): Wie ER uns gefällt. Gedichte an und auf William Shakespeare, Manesse

 

Inhalt    Der Manesse-Verlag hat zum 450. Geburtstag von William Shakespeare eine Gedicht-Anthologie herausgegeben. Unter dem Motto: Welchen Reim machen sich Lyriker auf William Shakespeare dem wortmächtigen Autor, dessen Reimstärke in vielen Wort-Zueignungen gewürdigt wird. Die Jubiläumsanthologie ist von Tobias Döring herausgebracht worden und eint auch einige Originalbeiträge zu dem Band im Auftrag der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Beiträge von Autorinnen und Autoren aus vier Jahrhunderte sind dort versammelt Von Hölderlin bis Pasolini, von Byron bis Nabokov, von Baudelaire bis Lorca und von Lemuel Johnson bis Thomas Brasch reichen die lyrischen Referenzen und Würdigungen in diesem exquisiten Band.

 

Autor     Tobias Döring (Herausgeber) Tobias Döring (geb. 1965) wurde nach einem Studium an der University of Kent und an der FU Berlin 2004 an die LMU München berufen, wo er einen Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft innehat. 2011 zum Präsidenten der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft gewählt, hat er sich als Herausgeber, Autor und Rezensent weit über den akademischen Zirkel hinaus einen Namen gemacht.

 

Cover     Shakespeare-Porträt im Girlanden-Rahmen

 

Gestaltung  Ein in grünes Leinen gebundenes Buch, mit Lesebändchen. Originaltexte, grün gedruckt, zeigen das ursprüngliche Sprachmuster.

 

 

 

Zitat aus dem Buch         „Wenn man dich auch citieren kann

                                      Komm doch ein Weil zu mir…“
(Ulrich Bräker)

 

Shakespeare! – was würdiger auf solchen Namens Klang

Als Schweigen. Stammle nach dem Zauberwort…“ (Robert Browning)

 

„Shakespeare! Seele und Fackel, Licht, Genius und Feuer!“ (Theodor des Banville)

„Ich habe schon immer gedacht,

dass Shakepeare ein Konsortium war. „ (Eugenio Montale)

„Ich seh dich an der Schreibmaschine schwitzend

Mißbrauchbare Verse herstellen.“
(Heiner Müller)

 

„Was Sprache kann und wozu Worte taugen, wenn sie ein wirklich Vermögender gebraucht, das demonstriert Shakespeares Theaterwerk durchweg (…) Nur in beständiger Lektüre, im Wiedergeben, Weitergeben, Nach- und Vorsprechen, im Um- und Anverwandeln seines Werkes mag er Ewigkeitswert gewinnen.“                        

 

Meinung   Shakespeare, wie er uns gefällt zeigt den Dichter als Fixstern am Dichterhimmel –Weltenschöpfer und Provokateur, als ewigen Zeitgenossen, wie der Verlag das Buch ankündigt. 144 Gedichte in zehn Sprachen von Autoren aus 20 Ländern sind hier versammelt. Sieben Themen-Aspekte bilden eine Art Raumteiler für die Kapitel. Inspiration durch Shakespeare, Lebensbühnen und Welttheater, Vorstellungs- und Handlungswelten, Figur- und Maskenspiele, Hamlet-Reden und Ophelia-Bilder, als Abschluss rundet eine komische Coda den Wortreigen ab.

Die Autoren orientieren ihre Wortspiele und Reim-Reihen an der Figur Shakespeare selbst oder an Figuren aus seinen Stücken. Ein Nachwort von Tobias Döring, dem Präsidenten der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, leistet interpretatorische Hilfe für den Leser und die Leserin.

 

Leser   Shakespeare-Fans, Wortakrobaten, Literaturwissenschaftler und Studenten, Anglistiker und Lyrikfreunde.

 

Verlag Manesse

 

Keine neue Vorabendserie: Friedrich und Kant

Ursula Pia Jauch: Friedrichs Tafelrunde & Kants Tischgesellschaft

 

Eine freche Schweizer Philosophin stößt den großen Friedrich vom hohen Ross. Das muss man gelesen haben, wenn man geistreiche und sprachmächtige Polemik über historische Vorgänge mag, die 250 Jahre alt sind. Das hat hohen Unterhaltungswert, hält allem, was die Welt mit Deutschland verbindet einen Spiegel vor, turnt an, klärt auf und liegt zuweilen kräftig neben der Sache. Ursula Pia Jauch ist in Zürich Professorin für Philosophie, vorzugsweise des 18. Jahrhunderts. Promoviert hat sie über Immanuel Kant und habilitiert hat sie sich mit einer Arbeit über Julien Offray de La Mettrie.

 

Beide Themen sind ihr also bestens vertraut und sie schöpft in ihrem Buch „Friedrichs Tafelrunde & Kants Tischgesellschaft“ aus einem bereits früh erarbeiteten Fundus. Dass sie mit dem Potsdamer Friedrich so gnadenlos umgeht und auch bei Kant ein Einknicken seiner zum Selbstdenken auffordernden Aufklärungsphilosophie vor dem frederizianischen Obrigkeitsdenken diagnostiziert, entspringt einer nicht immer historisch gerechtfertigten Sicht der Dinge und einer Demonstration von Urteilskraft, der manche etwas mehr Bescheidenheit wünschten.

Worum geht es in diesem sich an einen Leserkreis jenseits des historischen oder philosophischen Fachpublikums wendenden Buch? In einem ersten Teil beschreibt Jauch die Potsdamer Tafelrunde um die Mitte des 18. Jahrhunderts als eine an homoerotischen Beziehungen nicht uninteressierte Männerrunde, die Friedrich nach seinem geistig anspruchsvollen Geschmack zusammensetzte.

 

Die crème der europäischen Geisteswelt versammelte sich am Hofe. In Deutschland ist Voltaire der Berühmteste. Wenn es nach der Autorin ginge, sollte eben jener in St. Malo in der Bretagne geborene Julien Offray de La Mettrie diesen Rang einnehmen, über den sie sich habilitiert hat. Dessen Hauptwerk „Der Mensch als Maschine“ gibt der Autorin das Stichwort, über das geistlose Gehorchen, das während dieser Zeit der „deutschen Aufklärung“ am Hofe Friedrichs des Großen für die nächsten 250 Jahre deutscher Gesellschaftsgeschichte eingeübt worden sei. Er selbst fand sein „discours sur la bonheur“ oder auch seine Abhandlung über die Wollust für wichtiger.

 

Hier knüpft die Autorin an, wenn sie über die homoerotische Libertinage im Rahmen von Friedrichs Tafelrunde nicht ohne Genuss erzählt. Es stimmt, dass Friedrich launisch war, seine Gunst ebenso gewährte wie auch wieder entziehen konnte, dass sich seine „Gäste“ am Hofe vielfach als Gefangene wiederfanden. Jauch dekliniert mit einer gewissen Freude am Zerstören des tönernen Nimbus des „roi philosophe“ die Fälle durch, in denen es den Teilnehmern der Tafelrunde nicht gut erging. Sie führt diesen Nimbus auf eine propagandistische Meisterleistung des taktisch versierten und auch als Intrigant Großes vollbringenden Königs zurück und übersteigert dann diese Erkenntnis mit der Behauptung, Friedrich habe die erste deutsche Propagandaabteilung vor Goebbels geführt.

 

Vielleicht geht sie dabei eher Goebbels auf den Leim, der Friedrich ja für die Nazis instrumentalisierte.

 

Im zweiten Teil gleicht sie Friedrichs Politik an seinen philosophischen Äußerungen, vor allem am „Anti-Machiavel“ ab. Friedrich hat drei völkerrechtswidrige Angriffskriege geführt, die in Deutschland die „Drei Schlesischen Kriege“ heißen. Dabei sind Hunderttausende Menschen umgekommen, ein Land verwüstet und an den Bankrott geführt worden. Als Historikerin bewegt sich Jauch auf für sie etwas unsichererem Terrain. Der Siebenjährige Krieg war ein auf zwei Kontinenten geführter Weltkrieg“. Der Hauptkriegsschauplatz lag nicht ein Europa sondern in Amerika, wo England und Frankreich um die Vorherrschaft kämpften. Die so aufgeklärten Briten zahlten Friedrich hohe Summen, um in Europa Frankreichs Truppen zu binden, und das ebenso aufgeklärt Frankreich führte einen – schließlich verlorenen – Kolonialkrieg in Übersee.

 

Wer diesen Kontext nicht einmal erwähnt, schreibt eben nur die halbe Wahrheit. Aber es stimmt: der „roi philosophe“ war ein kriegerischer Soldat, während sein verhasster Vater, der „Soldatenkönig“ keinen einzigen Krieg geführt hat. Und dann sprudelt es aus Jauch heraus: „Über Jahrhunderte hat die preußische Legendenschneiderei aus einem rücksichtslosen Kriegsgewinnler eine milde Vaterfigur geschnitzt…Hier und nirgendwo anders liegt die Genese des heutigen deutschen Paternalismus, der hohen Staatsquote, der freiwilligen Selbst-Entmündigung der Bürger in diesem oder jenem vorgeschnürten Sozial-, Bildungs-, Wirtschafts- oder Spar-‚Paket‘“

 

Der dritte Teil spielt in Königsberg am Tisch von Immanuel Kant. Hier ist die Autorin wieder in ihrem Element und honoriert die frühen Schriften des ja in der Krönungsstadt der preußischen Könige lehrenden Philosophen. Wenn er dagegen im Spätwerk den „kategorischen Imperativ“ erfindet, sieht Jauch darin ein Einknicken gegenüber der in Potsdam eingeübten Gehorsamshaltung. Das „Kategorische“ hält sie für die deutsche Geschichte der nächsten 250 Jahre für bestimmend und den Gehorsam für mörderisch, das hirnlose Mitläufertum bei den Nazis und bis in die DDR fortwirkend. Immerhin gelangt sie zu einem Schlusswort, dem man nur beipflichten kann: „Welche Dramen wären der Menschheit erspart geblieben, hätte Preußen auf den großen Königsberger und nicht auf den großen Fritz gesetzt.“

 

Harald Loch

 

Ursula Pia Jauch: Friedrichs Tafelrunde & Kants Tischgesellschaft

Ein Versuch über Preussen zwischen Eros, Philosophie und Propaganda

Matthes & Seitz, Berlin 2014   376 Seiten   24,90 Euro