Bücher über Europa

Auch wenn bei vielen Europa als Krisenphänomen gesehen wird, ich bleibe dabei, ohne Europa haben wir keine Zukunft

Europa am Abgrund

Brendan Simms / Benjamin Zeeb: Europa am Abgrund

 

Die Spannung um ein Brexit steigt! Wenige Wochen vor der Volksabstimmung in Großbritannien über den Austritt aus der Europäischen Union wendet sich eine flammende Streitschrift für eine europäische Föderation aus England an das europamüde Publikum in Deutschland. Der 1967 geborene irische Historiker Brendan Simms, der übrigens genauso perfekt Deutsch spricht wie sein ebenfalls in Cambridge unterrichtender australischer Kollege Christopher Clark, hat zusammen mit Benjamin Zeeb ein apokalyptische Szenario für die EU entworfen und gleich eine realistische Vision zu ihrer Vermeidung dazu geliefert. Auf knappem Raum beschreiben die Autoren die gegenwärtige Krise. Sie führen sie in erster Linie darauf zurück, dass es keine europäische Föderation mit einer starken, am besten präsidialen, Regierungsexekutive gibt, die für Außenpolitik und Verteidigung zuständig ist und über eine europäische, demokratische Legitimation verfügt. Außerdem könne eine gemeinsame Währung nur mit einer gemeinsamen Fiskalpolitik funktionieren und müsste zu einer Transfergemeinschaft umgestaltet werden, in der nicht mehr nationale Schuldtitel von den jeweiligen nationalen Zentralbanken, sondern vom europäischen Parlament haushaltsrechtlich legitimierte Titel die föderative Verschuldung absichern würden.

 

Im Mittelpunkt des wichtigen historischen Abrisses stehen zwei föderale Erfolgsgeschichten: Großbritanniens hat sich vor über 300 Jahren aus der Rivalität zwischen England und Schottland als stabile Föderation entwickelt und die Vereinigten Staaten von Amerika, die sich aus ganz unterschiedlichen einzelstaatlichen Interessen zu einer starken Föderation zusammengeschlossen haben. Ein grandioses Kapitel in dieser kleinen „Kampfschrift“ ist der „Deutschen Frage“ gewidmet. Der neutrale, wissenschaftlich grundierte Blick von außen auf dieses Problem wird anhand der beiden geflügelten Worte „Zu groß für Europa und zu klein für die Welt“ (Henry Kissinger) bzw. es bedürfte „keines deutschen Europas sondern eines europäischen Deutschlands“ (Thomas Mann) von vielen Klischees befreit und auf die heutige europäische Kernfrage gelenkt. Simms hat sich durch sein fulminantes Buch „Kampf um Vorherrschaft. Eine deutsche Geschichte Europas  1453 bis heute“ einen internationalen Ruf als Kenner der deutschen in der europäischen Geschichte erworben und wird diesem Ruf in dem der „Deutschen Frage“ gewidmeten kleinen Kapitel voll gerecht.

Die politische und wirtschaftliche Analyse ist schlüssig. Das bevölkerungsreiche Europa mit hoher wirtschaftlicher Kompetenz bleibt nach der in diesem kleinen Buch gut begründeten Auffassung weit unter seinen Möglichkeiten. Das vorgegebene Ziel ist sicher einem großen Teil des Publikums sympathisch: eine europäische Föderation. Einzelheiten sind zu verhandeln. Der Koautor und Münchener Historiker Bejamin Zeeb (Jahrgang 1983) leitet das europaweit tätige Thinktank „Project for Democratic Union“ und beschäftigt sich mehr mit der Umsetzung dieser Gedanken. Denn der Weg zu einer europäischen Föderation scheint das Problematische zu sein. Immerhin skizzieren die beiden jungen Europa-Fans einen schrittweisen Weg. Sie sagen auch voraus, dass Großbritannien diesen Weg nicht mitgehen werde. Aber das sei eher von Vorteil und zwischen der erstarkten europäischen Föderation ließe sich eine qualifizierte Partnerschaft mit Großbritannien besser außerhalb als innerhalb dieses starken Staates auf freundschaftlicher Augenhöhe aushandeln.

Ein interessanter Ansatz, der jedenfalls Appetit auf mehr, nicht auf weniger Europa macht.

 

Harald Loch

 

Brendan Simms / Benjamin Zeeb: Europa am Abgrund     Plädoyer für die Vereinigten Staaten von Europa

Aus dem Englischen von Hans Freundl

C.H. Beck, München 2016   140 Seiten 12,95 Euro

Die Macht am Mittelmeer

Das Buch ist besser als die Idee, von der es handelt. Diese Idee, aus dem gemeinsamen blauen Himmel über dem ebenso blauen Mittelmeer, aus Sonne und Olivenhainen, aus charmant servierter mediterraner Kost sowie südlicher Muße statt nördlichem „negotium“ eine mediterrane Union zu schmieden, ist immer gescheitert.

 

Das Buch des international und vor allem in Frankreich hochgeschätzten Kultursoziologen Wolf Lepenies unter dem Titel „Die Macht am Mittelmeer“ geht den immer wiederholten französischen Träumen von einem südlichen Europa nach – natürlich mit Frankreich als Zentrum. Dieser wiederkehrende Traum, aus dem zuletzt Sarkozy unsanft von Angela Merkel gerissen wurde, beruht ja auf konkreten Tatsachen. Die sind einmal historisch, entsprangen in Griechenland (magna Graecia lag auf Sizilien). Der Traum wurde im Imperium Romanum strahlende Wirklichkeit. Später wurde das „mare nostrum“ ein arabischer Kultur- und Machtraum. Die katholische Kirche mit Rom als Mittelpunkt überzog die halbe Welt. Aus dem jüdischen Ursprungsland bereicherte die erste der monotheistischen Religionen mehr als die halbe Welt. Im Mittelpunkt aller dieser fortwirkenden historischen Wurzeln lag das Mittelmeer.

 

Im 19. Jahrhundert begannen mit der postnapoleonischen Ernüchterung die französischen Träume von einer Wiederbelebung dieser zentralen Rolle des Mittelmeeres. Ein um Frankreich gruppiertes „Système de la Méditerranée“ sollte im Süden das in Mitteleuropa geschwundene Gewicht des Landes gegen die Übermacht sowohl Deutschlands als auch der anglo-amerikanischen Welt wiederherstellen. Lepenies entfaltet sein Buch zu einer unterhaltsamen Traumdeutung. Über die Jahrzehnte nahmen diese Träume immer andere Inhalte und Namen an. Die „Latinität“ baute auf der lateinischen Wurzel vieler Sprachen der Mittelmeeranrainer auf und träumte sich bis nach Südamerika, nach Quebec und ging in der literarisch vielbeschworenen „Francophonie“ auf. Andere Träume setzten auf die römische Kirche als verbindendes Element. Albert Camus, in Algerien von französischen Eltern geboren, hing der Illusion von einer gleichberechtigten französisch-algerischen Bevölkerung an. Während der Vichy-Regierung hatten sich in den Mittelmeerländern Italien (Mussolini), Spanien (Franco) und auch im manchmal dazugerechneten Portugal (Salazar) mediterrane Varianten des Faschismus gebildet – keine Chance für eine politische Union. Immer wieder herrschten Militärdiktaturen in Ländern rund um das Mittelmeer: In Griechenland, in der Türkei, in Ägypten in Libyen. Sie waren  keine adäquaten Partner für das republikanische Frankreich. Alle Schlagworte und alle Ideologien nutzten sich vor ihrer Realisierung zur Unkenntlichkeit ab, alle Ideologien bestanden nicht vor der Realität der unterschiedlichen Interessen.

 

Lepenies zitiert genüsslich und mit mediterraner Heiterkeit aus den Traumerzählungen französischer Politiker und Publizisten. Meist stammten die Illusionen aus den Boudoirs der Rechten des Landes. Über manches wohlgesetzte Zitat kann der Leser nur schmunzeln. Er wird erkennen, dass Träume, ideologische Schlagworte und unhistorische Anleihen in der Geschichte keine Basis für Politik sind. Und er wird den ganzen Ernst der Mehrheit der französischen Politik schätzen lernen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht für das Mittelmeer sondern für Mitteleuropa entschieden und die Versöhnung mit Deutschland in den Mittelpunkt ihrer Politik gestellt hat.

Aber vielleicht wären doch konkrete Perspektiven auch für das Mittelmeer und sein Hinterland zu erörtern, von denen Lepenies nur die Landwirtschaft und die skandalöse Subventionspolitik der EU erwähnt, die vieles in Afrika zerstört hat. Sollte man nicht z.B., statt im wolkenreichen Sachsen-Anhalt Photovoltaikparks zu fördern auf den Gedanken kommen, die vielbeschworene mediterrane und submediterrane Sonne zur Ernte von Solarstrom zu nutzen? Das gäbe den Menschen auf Kreta, in Antalya, im Libanon und Kairo eine andere Lebensperspektive. Menschen in Tripolis, Tunis, von Algier bis Tamanrasset, in Marokko oder auch in Sevilla, Marseille oder Messina bekämen eine realistische Aussicht auf moderne Arbeitsplätze. Die meisten von ihnen würden bei solcher Perspektive in ihrer Heimat bleiben wollen. Diese Aussicht würde in einigen muslimischen Gesellschaften die Gedanken der Bewohner auf technisch-wissenschaftliche Errungenschaften richten und den Einfluss der Religion auf den spirituellen Bereich begrenzen helfen. Von den Auswirkungen auf die Klimaentwicklung der Erde ganz zu schweigen. Eine solche Perspektive für eine moderne „méditerranée“ könnte die ganze Europäische Union tragen und davon profitieren – traumhaft!

 

Harald Loch

 

Wolf Lepenies: Die Macht am Mittelmeer                   
Französische Träume von einem anderen Europa

Hanser, München 2016   349 Seiten   24,90 Euro

 

Europa ein verglühender Stern?

Titel Nicol Ljubic´/Tilman Spengler Europa Traum und Wirklichkeit. Dokumentation der europäischen Schriftstellerkonferenz 2014. Christoph Links Verlag
 
Inhalt 30 Autoren aus 24 Ländern trafen sich in Berlin zu diesem Kongress. Sie diskutierten einen Tag lang über europäische Grundsatzfragen.
Gestaltung Sachliches Taschenbuch-Format, 191 Seiten
 
Cover rot-weißer Einband, europäische Sterne, die Titelzeilen, die Namen der Beiträger in kleiner Schrift, kein Foto
 
Meinung: Als ich Anfang der 90er Jahre in Aachen als Mitgründungsmitglied von European journalists ev. einen europäischen Schriftsteller-Kongress (Horizont Europa – Verfassung, Kultur und europäische Identität) organisiert hatte, der an drei Tagen die europäischen Erweiterung der Union diskutierte, war ich überrascht wie wenig Schriftsteller, Intellektuelle, Journalisten an dem Thema interessiert waren. Zwar waren an den drei Tagen Autoren wie Josef Haslinger und Leoluca Orlando, István Oersi zum Beispiel zu Gast, die Diskussionspanels und Workshops waren ausgebucht, aber die Ausstrahlung in die allgemeine Öffentlichkeit blieb gering.  Europa nur ein Thema der Eliten und Minderheiten? Kurze Zeit später gab es eine Bürger-Abstimmung, ob in Aachen eine europäische Akademie gegründet werden sollte: die Mehrheit war dagegen. Geradezu ein Warnzeichen, wenn in der europäischsten Stadt aller Städte, in Aachen das Volk gegen eine solche Idee war, wie war es dann bestellt um die Idee der europäischen Einigung im Volk und in der Politik allgemein. War das der klägliche Rest: Brüssel betreibt Wirtschaftspolitik, Aachen verleiht den Karlspreis, der Rest war Schweigen.

 

Mehr als zehn Jahre dauerte es bis 2014 wieder ein Schriftstellerkongress stattfand. Allein diese Terminierung zeigt, dass der europäische Einigungsprozess ein wirtschaftlicher und kein politischer war und die kulturelle Dimension völlig vergessen wurde, weil sie den Nationalstaaten überlassen blieb. 

 

Aber zu dem Buch, dankenswerter Weise haben sich die beiden Autoren dazu aufgerafft, die europäische Tagung zu dokumentieren. Vorworte, Reden und Panel-Statements wurden gesammelt, dazu Europatexte, Lesestücke, ein Manifest, die Biografien, Dank, Quellennachweis und Partner sowie Förderer der Tagung. Frank Walter Steinmeier, damals Fraktionsvorsitzender, hielt als Mitinitiator die Eröffnungsrede, offenbar einer der wenigen literaturinteressierten Minister.

 

Starke Wortmeldungen und Zitate sind in der Dokumentation zu finden etwa von Oksana Sabuschko: „Wenn Menschen gequält, wenn sie mit verklebtem Mund ertränkt werden, dann haben wir das Ende aller Sprachen erreicht.“

 

Oder Goran Vojnovic´: “Wir sind alle Schriftsteller, das Wort Kommunikation ist uns nicht fremd.“

 

Michael Schickschkin „Ich wurde in einem Land der Sklaven von Sklaven als Sklave geboren.“ 

 

Richard Swartz: “Es reicht nicht gemeinsame Kriterien festzulegen, man muss nach diesen Kriterien auch leben.“ 

 

Tilman Spenger: „Der Gedanke an Europa wird das Böse nicht aus der Welt schaffen.“ 

 

György Dalos beschwört, dass der Nationalismus nichts anderes sei als die Rückkehr in die Unfreiheit. 

 

Und Peter Schneider stellt die Frage: “Sind die Europäer dabei, das Projekt Europa und die Hoffnungen, die es weckt aus Desinteresse, Egoismus und Weltvergessenheit zu verspielen?“ 
 
Andrej Nikolaidis zieht das Fazit: “Europa leuchtet noch immer...“, er verweist dabei weiter auf den Glauben an die Humanität, Strategien der Emanzipation, er denkt an seine Schriftsteller, Maler, Philosophen und Regisseure. “Da sei die gute Nachricht und die schlechte laute: “Das Licht eines sterbenden Sterns sieht man auch nach dessen Tod“. 
Aber ist es nicht auch so, dass mancher Urknall neue Sterne entstehen lässt, man möchte Europa einen neuen Urknall wünschen. Ein lesenswertes, zu diskutierendes und wichtiges Buch – erst recht in der Griechenland-Krise.

 

Leser Wir alle, die Griechen, die Engländer insbesondere und die gesamte Brüsseler Bürokratie

Greek-Exit      ??!?!?

Ulf-Dieter Klemm und Wolfgang Schultheiß (Hg.):                              
Die Krise in Griechenland  

         

Man wird nicht erwarten können, dass der neunmalkluge Stammtisch über 500 Seiten zur Krise in Griechenland liest. Für Politiker und alle, die ernsthaft mitreden wollen, ist das von Ulf-Dieter Klemm und Wolfgang Schultheiß herausgegebene Buch „Die Krise in Griechenland“ allerdings Pflichtlektüre. Die beiden Herausgeber waren zu unterschiedlichen Zeiten Botschafter der Bundesrepublik in Athen bzw. dort Kulturreferent. Sie haben hochkarätige, international ausgewiesene Autoren für die 28 Beiträge des Bandes gewonnen – überwiegend griechische Wissenschaftler. Sie repräsentieren die Fachrichtungen Geschichte, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Journalismus und Diplomatie. Sie kennen Griechenlands Gegenwart und seine jüngere Geschichte und diskutieren die Gründe, Auswirkungen und Lösungsmöglichkeiten der Krise.

 

Der in Kiel promovierte Wirtschaftswissenschaftler Panos Kazakos zeichnet z.B. die griechische Politik der letzten fünf Jahre nach. Der emeritierte Professor für politische Ökonomie an der Universität Athen fügt seinem in deutscher Sprache verfassten skeptischen Beitrag Tabellen ausgewählter ökonomischer Daten an und hält die Frage, ob die Krise tatsächlich bewältigt werden kann für offen. Der in Zürich promovierte Soziologe und spätere Professor in Athen Alexandros-Andreas  Kyrtsis beschreibt in seinem ebenfalls auf Deutsch verfassten Beitrag die griechische Gesellschaft unter dem Druck der Krise. Er sieht nur eine europäische Lösung, um einen Erfolg der enormen sozialen Anstrengungen zu ermöglichen. Der Londoner Professor für Wirtschaftswissenschaften Manolis Galenianos untersucht die ökonomischen Ursachen der griechischen Wirtschaftskrise anhand umfangreichen Zahlenmaterials und stützt sich dazu auf die Quellen Eurostat, IWF und Weltbank.

 

Andere Beiträger befassen sich mit der griechischen Geschichte seit 1830 sowie mit den außenpolitischen Differenzen zwischen Griechenland und seinen Nachbarn Türkei bzw. Mazedonien. Ein ganzes Kapitel mit mehreren Artikeln ist der besonderen deutsch-griechischen Problematik gewidmet. Sie befassen sich mit der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg, den Verbrechen während dieser Zeit und den rechtlichen und moralischen Fragen von Reparationsforderungen in diesem Zusammenhang. Hier ist es insbesondere der Beitrag des Oxforder Historikers und Balkanspezialisten Richard Clogg, der dem deutschen Publikum ans Herz gelegt sei, bevor wieder vollmundige Kritik an den „griechischen Verhältnissen“ geübt wird. Das Buch diskutiert die Alternativen „Grexit“ bzw. Staatsbankrott im Euroraum und schließt mit praktischen Ansätzen für eine Überwindung der Krise, die sie als Chance sehen.

 

Da das Buch vor den jüngsten Wahlen abgeschlossen wurde, konnte die von „Sypiza“ ausgehende Zuspitzung der Auseinandersetzung zwischen Griechenland und der „Troika“ noch nicht als neue Realität erörtert werden. Die Basisdaten der Krise, die Qualität der Missverständnisse insbesondere zwischen Griechenland und Deutschland und die notwenigen Schritte für einen Ausweg sind aber durch diese Wahlen nicht verändert worden. Die einzelnen Beiträge wenden sich an ein zwar politisch interessiertes, nicht aber an wissenschaftlicher Terminologie interessiertes Publikum. Man kann diesem „Volltreffer“ in die politische Tagesdiskussion nur eine möglichst große Verbreitung wünschen.

 

Harald Loch

 

Ulf-Dieter Klemm und Wolfgang Schultheiß (Hg.):                               Die Krise in Griechenland   -   Ursprünge, Verlauf, Folgen

Campus, Frankfurt am Main 2015   546 Seiten   29,90 Euro

 

Liberté, égalité, fraternité

Johannes Willms: Tugend und Terror – Geschichte der Französischen Revolution

 

Seine Exzellenz, der Botschafter der République Française hatte Johannes Willms gerade zu dessen Buchvorstellung begrüßt und dann seine Ambassade am Pariser Platz unweit des Brandenburger Tores zu einem anderen Termin verlassen, da hängte sich der Autor schon gewaltig aus dem Fenster: Die französische Geschichtsschreibung hätte den Aspekt „Terror“ der Französischen Revolution stets gegenüber der menschheitsbeglückenden Trias „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in den Hintergrund gestellt. Das habe er mit seiner Darstellung der die Welt verändernden Revolution richtigstellen gewollt und deshalb den Titel „Tugend und Terror“ gewählt. Dieses Wortpaar aus der Verteidigungsrede des Robespierre gebe die Ambivalenz der historischen Bewertung der Jahre nach 1789 richtig und schlagkräftig wieder. Das Buch selbst enthält dann gar nichts von dem missionarischen Eifer, den sein Autor – mutig, auf dem exterritorialen Gelände der Botschaft – im Gespräch mit der temperamentvollen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy zur besten Unterhaltung des Publikums an den Tag legte. Das Werk erzählt von den Ereignissen der Revolution und von den Hauptakteuren, die er im Anhang unter „Dramatis personae“ zur besseren Übersicht noch einmal kurz porträtiert. Willms schreibt immer ein wenig skeptisch von den Errungenschaften und – eher angewidert – von dem „terreur“, in den die Tugendhaftigkeit später umschlug.

 

Die Einzelheiten des Vierteljahrhunderts zwischen dem Sturm auf die Bastille und dem Wiener Kongress lesen sich, von dem Frankreichkenner und -freund Willms in großem historiographischem Bogen glänzend dargestellt, wie ein sich ständig selbst beschleunigendes, dann wieder stockendes Drama. Wie in jeder Spannungsliteratur kommt selbst in diesem ernst zu nehmenden Sachbuch die Unterhaltung nicht zu kurz. Selten kann man eine Abfolge von Sternstunden und schwarzen Momenten der Geschichte so komprimiert Revue passieren lassen, wie in dieser, nicht aus französischer Befangenheit geschriebenen, Geschichte der Französischen Revolution.

 

Die vorzügliche Lesbarkeit dieses Buches wird durch die umfangreiche Verwendung von zeitgenössischen Originalzitaten um den Genuss der Authentizität ergänzt. Sitzungsprotokolle, Mitschriften, Zeitungsartikel aus der damals besonders temperamentvoll in das Geschehen eingreifenden Presse, Auszüge aus diplomatischen Akten – das sind die Quellen, aus denen sich das lebendige Panorama zusammensetzt. Der Leser fühlt sich  wie ein unmittelbar Beteiligter an der in den Details wie im großen Zusammenhang so interessanten Epoche. Die Französische Revolution gehört natürlich in den Geschichtsunterricht, ist aber  – jedenfalls in der Darstellung von Johannes Willms – so in der Gegenwart und in der Welt präsent wie der Gesang der Freiheit.

Der Historiker wird eine Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Zeit vermissen. Woher kamen eigentlich die Mittel, die hin und wieder verteilt wurden, mit denen die Revolutionsheere finanziert wurden? Wie verteilten sich Wohlstand und Armut zwischen dem schon nach der ersten Etappe der Revolution saturierten Bürgertum und den – wie Willms scheibt – „unterbürgerlichen“ Schichten, den Sansculotten? Wie funktionierte die Verwaltung im revolutionären Paris und in der Provinz? Der an politischer Philosophie Interessierte fragt nach der Dialektik zwischen staatsbürgerlicher, am Gemeinwohl orientierter „Tugend“ und dem daraus – notweniger Weise? – entspringenden Terror. Ist es die politische Moral selbst oder die sich aus ihr entwickelnde Selbstgerechtigkeit, die in Gewalt gegen den auch am eigenen Wohlergehen interessierten Anderen umschlägt? Alles, was in dem Buch von Willms fehlt, lädt zu vertiefenden Forschungen und zu weiterem Nachdenken ein. Wer so etwas mit einem Buch auslöst, der liefert eine nachträgliche Rechtfertigung für den Ritterschlag zum „chevalier des arts et des lettres“, den er aus dem Mutterland der Revolution erhalten hat.

 

Harald Loch

 

 

Johannes Willms:                                                                             Tugend und Terror – Geschichte der Französischen Revolution

C.H.Beck, München 2014  831 Seiten mit 50 Abb.  Leinen  29,95 Euro

Das Europa von gestern

1815 war ein Schicksalsjahr für Europa. Napoleons Armeen waren geschlagen, ein ganzer Kontinent musste neu geordnet werden. Thierry Lentz wirft in „1815. Der Wiener Kongress und die Neugründung Europas“ einen einzigartigen Blick auf jenes Schlüsselereignis, das eine epochale Wende einläutete: Der Wiener Kongress war nicht nur ein schillerndes Tanzvergnügen – er war die Geburtsstunde des modernen Europa. Seine Protagonisten hatten sich Herausforderungen zu stellen, die auch in der heutigen EU wieder hoch aktuell sind: Wer und was gehört dazu? Wie soll die Rolle der Türkei aussehen? Und wie garantieren wir ein Gleichgewicht der Kräfte?

 

Thierry Lentz, einer der führenden französischen Historiker und ein profunder Kenner der Zeit, schaut hinter die Kulissen der offiziellen Diplomatie, dorthin, wo die wichtigsten Entscheidungen von Metternich, Hardenberg und Talleyrand ihren Ausgang nahmen. Scheinbar mühelos wechselt er dabei die Perspektiven und beleuchtet mit großer Eleganz und Finesse die verschiedenen Interessen der Mächte, dieses diplomatische Ringen, bei dem nichts weniger auf dem Spiel stand als die Zukunft Europas.

Lentz erzählt die Geschichte des Wiener Kongresses vollkommen neu und lässt wie nebenbei das große Panorama einer bewegten Epoche entstehen, die weitaus dynamischer und innovativer war, als wir bisher dachten.

 

Thierry Lentz gelingt es, Talleyrand, Hardenberg und Metternich zu neuem Leben zu erwecken.

 

Thierry Lentz, geboren 1959, ist ein französischer Historiker mit Schwerpunkt auf der Geschichte des 19. Jahrhunderts und Napoleon Bonaparte. Er ist Direktor der Fondation Napoléon in Paris und Autor zahlreicher historischer Essays und Bücher. Aus dem lothringischen Metz stammend interessiert er sich seit jeher für europäische Fragestellungen.

 

Europa - gestern - heute - morgen

Die Zukunft der EU und der gegenwärtige Zustand Europas beherrschen die politischen Diskussionen unserer Tage. Michael Gehler liefert einen umfassenden Überblick über die lange Geschichte Europas – von den Anfängen bis zur Gegenwart der Europäischen Union in stürmischen Krisenzeiten. Entstehung, Aufbau und Funktionen der Institutionen sowie die Entwicklung von der Montanunion bis zur EU werden allgemein verständlich dargestellt. Chronologie, Glossar, Literatur sowie zahlreiche Bilder und Karten veranschaulichen die Entwicklung der europäischen Integration.

 

Michael Gehler, geboren 1962. Seit 2006 Professor und Leiter des Instituts für Geschichte und Jean Monnet Chair für Vergleichende Europäische Zeitgeschichte an der Stiftung Universität Hildesheim. Seit 2013 Direktor des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

 

Michael Gehler: Europa.

Von der Utopie zur Realität

ISBN 978-3-85218-938-3

424 Seiten, Paperback,

Haymon Verlag 2014

 

 

Die geistesgeschichtlichen Grundlagen Europas

 

Peter Marshall: Die Reformation in Europa

 

Drei Ereignisse markieren den  Übergang vom europäischen Mittelalter zur Neuzeit: Die Entdeckung der Neuen Welt, die Erfindung des Buchdrucks und die Reformation. Jedes für sich hätte schon eine Zeitenwende einleiten können, alle drei zusammen machen die Jahrzehnte um 1500 wirklich zu einer Zäsur, die bis in die Gegenwart wirkt.

Der schottische Historiker Peter Marshall beschreibt in seinem jetzt von Ulrich Bossier ins Deutsche übersetzten Buch „Die Reformation in Europa“ ein ganzes Bündel von dramatischen und teilweise blutigen Ereignissen: Die Reformationen, die von Luther, Zwingli und Calvin ausgingen und die zu christlichen Abspaltungen von der das Abendland bislang allein seligmachenden katholischen Kirche führten und die Reaktion dieser auf Rom und den Papst fixierten Glaubensgemeinschaft, bislang üblicherweise als „Gegenreformation“ bezeichnet. In diesem Geist wurden Kriege geführt, Minderheiten ausgerottet oder vertrieben, einzelne Widersacher umgebracht. Der Untertitel des englischen Originals benennt genau, um was für eine Art Buch es sich handelt: „A very short introduction“.

 

Diese „sehr kurze Einführung“ enthält alles, was zum Verständnis der Vorgänge und ihrer Wirkungen notwendig ist. Marshall geht in seiner Darstellung ein paar Schritte vor den hierzulande als Beginn der Reformation „gefeierten“ Thesenanschlag Luthers an der Wittenberger Schlosskirche zurück. Er verweist auf  den englischen Frühreformator John Wyclif und den böhmischen Kirchenmodernisierer Hus, der im Jahre 1415 während des Konstanzer Konzils verbrannt wurde. Er betrachtet die Reformationen gegen und innerhalb der katholischen Kirche bis etwa zum Jahre 1700, wirft aber auch einen wertenden Blick auf ihre Auswirkungen bis in die heutige Zeit. Er setzt dabei nicht nur den Schwerpunkt auf die Ereignisse in Mitteleuropa sondern auch auf das äußerst wechselvolle Reformationsgeschehen auf den britischen Inseln und in anderen Erdteilen.

 

In der historischen Bewertung der Vorgänge verwendet er seine nicht zurückhaltende Urteilskraft weniger für die Bestätigung oder Widerlegung von bislang angesammelten Thesen, die positive und negative Aspekte der jeweiligen Reformation aufstellen, sondern auf eine differenzierte Betrachtung. Marshall setzt sich zwar überzeugend mit der These Max Webers auseinander, die „protestantische Ethik“ habe den „Geist des Kapitalismus“ gefördert.

 

Seine differenzierte Behandlung historischer Zusammenhänge gelangt aber auf den verschiedensten Teilbereichen wie der Bildung von Staat und Gesellschaft, der Entwicklung des  religiösen Lebens wie der Künste oder der Haltung zur Sexualität zu Ergebnissen, die in allen Reformationen, der lutherischen oder calvinistischen wie auch der katholischen Gegenbewegung sowohl zukunftsweisende als auch retardierende Elemente ausmacht. Das liest sich manchmal so, als könnte sich der Autor nicht zwischen protestantisch oder katholisch entscheiden - darauf käme es ja auch gar nicht an.

 

Seine interessant zu lesende Darstellung entspricht  eher einer Bewertung von Zusammenhängen, die dem Wirkungsmechanismus der vielfältigen Faktoren auf den Lauf der Geschichte Rechnung trägt. Sein Fazit: „Die Reformation hat die Spaltung gebracht – und dann die Strategien, mit dieser umzugehen. Darin liegt ihr eigentliches Erbe.“ Das heißt: Er sieht in ihr die Geburt von Toleranz und Differenzierung aus dem Geist einer sich abgrenzenden Rechtgläubigkeit.

 

Harald Loch

 

Peter Marshall: Die Reformation in Europa

Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Bossier

Reclam, Stuttgart 2014   209 Seiten  19 Abb.  19,95 Euro

 

Wilfried Loth: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte       

 

Eine unvollendete Geschichte vollendet erzählen – dafür gibt es in der Historiographie nicht allzu viele Beispiele. Wilfried Loth, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Duisburg-Essen, ist mit seinem Werk „Europas Einigung“ dieses Kunststück gelungen.

 

Das außerordentlich faktenreiche, hochkomprimierte Buch liest sich leicht und gewinnbringend. Seine  Darstellung strahlt eine positive Grundstimmung aus und bildet die Bewegung, die wie Ebbe und Flut an Europas Ufern der Hoffnung schlägt, Fortschritt und Krisen ab. Der Autor geht dabei unterschiedlich vor: In der ersten Phase der Einigung Europas, die gleich nach dem Zweiten Weltkrieg begann, kann er sich auf inzwischen zahlreiche quellengestützte Einzeluntersuchungen berufen und auf der Basis eines gesicherten historischen Wissensstandes erzählen, wie sich Europa aus den Aschen des Weltkrieges gebildet hat. In der zweiten Phase, die der Autor selbst miterlebt hat, schreibt er Zeitgeschichte mit allen aus dieser Nahaufnahme entstehenden Risiken aber auch mit dem Reiz der eigenen Zeugenschaft, die bis in dieGegenwart reicht.

 

Er bewährt sich sowohl als Historiker wie als ein der Zeitgeschichte verpflichteter Wissenschaftler. Er sieht es selbst auch so und schreibt am Schluss seines Buches: „ Ob das fertige Produkt seinerseits Einfluss auf den weiteren Gang der Geschichte nehmen kann, ist natürlich höchst ungewiss und vermutlich eher unwahrscheinlich. Die Leser mögen es mir aber bitte nachsehen, wenn ich einen solchen Fortgang als eine besonders reizvolle Perspektive betrachte.“

 

Loths Buch wird sicher „Einfluss auf den Gang der Geschichte nehmen“; denn seine „unvollendete Geschichte“ der Einigung Europas stellt diese letzten Endes als unumkehrbar und auch als zukunftsträchtig dar. Wer sich durch die vielen Krisen, Eitelkeiten von Politikern, nationalen Sonderinteressen und Vorbehalten hindurch gelesen hat, wird den Eindruck nicht los, dass es zu jedem Zeitpunkt der letzten 65 Jahre genügend verantwortungsvolle Männer und inzwischen auch Frauen gegeben hat, die das ganze Projekt Europa nicht scheitern lassen wollen. Wer weiß heute eigentlich noch, dass die ersten und wichtigsten Impulse für die Einigung Europas im Jahre 1948 von Winston Churchill ausgegangen sind? Damals war nicht nur Friedenssehnsucht das treibende Argument. Genauso wichtig erschien die wirtschaftliche Zusammenarbeit, um das zerstörte Europa wieder aufzubauen. Sicher ging Churchill auch von der britischen Lieblingsidee aus, ein gewisses Gleichgewicht in Europa herzustellen. Und der beginnende Kalte Krieg ließ eine gemeinsame Haltung gegenüber der Sowjetunion wünschenswert erscheinen.

 

Später kam vor allem der französische Wunsch hinzu, eine von den Vereinigten Staaten unabhängigere Außen- und Verteidigungspolitik betreiben zu können.

Bald entwickelten sich verschiedenen Projekte in unterschiedlichem Tempo: Die wirtschaftliche Verflechtung Europas wurde die eigentliche Erfolgsgeschichte. Die politische Einigung wurde immer von dem Widerspruch zwischen supranationalen Visionen und nationalstaatlicher Souveränität behindert. Eine gemeinsame Außen- und Verteidigungspolitik wurde durch die unterschiedlichen nationalen Außeninteressen erschwert. Immer spielten die Souveränitätsfragen eine entscheidende Rolle. So konnte es in wichtigen Ländern zu der gemeinsamen Währung EURO kommen, ohne die Haushalts-und Finanzpolitik zu harmonisieren – eine Fehlleistung mit höchst aktuellen Auswirkungen.

 

Eine Leidensgeschichte ist die des Europaparlaments. Jahrzehnte lang wurden die Abgeordneten nicht direkt gewählt und ebenso lange blieben seine Entscheidungsbefugnisse beschränkt. Jede Erweiterung der Gemeinschaft war eine Zerreißprobe zwischen den einzelnen Ländern, die schon dazu gehörten und denen, die neu aufgenommen werden sollten. Eine eigene Geschichte sind die verschiedenen Anläufe eines Beitritts Großbritanniens und ebenso die polnische Weigerung, die „doppelte Mehrheit“ im Abstimmungsverfahren anzuerkennen. Die Ablehnung des Verfassungsentwurfs in den Referenden von Frankreich und den Niederlanden war der Erfolg von Populisten und ist dann elegant und etwas weniger spektakulär überwunden worden.

 

Loth streicht das Verdienst einzelner Persönlichkeiten auch aus der „zweiten Reihe“ der Beteiligten heraus. Er legt den Finger auf politische Fehleinschätzungen, kritisiert manches Junktim, das mit der Lösung von gar nicht zusammenhängenden Fragen gebildet wurde. Die Fehlentwicklung der teuren Förderung der Landwirtschaft oder auch das Schicksal der europäischen Kohlesubventionierung, das Scheitern einer europäischen Atomindustrie und auch die unterschiedlichen Vorstellungen über Nachhaltigkeit – alles wird historisch bzw. zeitgeschichtlich nachgezeichnet. Für jeden, der diese Zeit miterlebt hat, ist das Buch so etwas wie ein lebensbegleitendes Panorama, für jeden, der erst durch Geburt, Beitritt seines Landes oder Einwanderung später hinzugekommen ist, wird dieses Buch ein unentbehrlicher Schlüssel zum Verständnis sein. Es macht in seinem Realismus Hoffnung, es ist ein „europäisches“ Buch, weil es zwar von einem Deutschen geschrieben wurde, der aber als Mitglied der „Verbindungsgruppe der Historiker bei der EU-Kommission“ einen supranationalen Blick hat. Eine „europäische Öffentlichkeit“, deren Fehlen oft beklagt wird, besteht nämlich doch. Sie ist mit Begriffen wie „Erasmus“, „Arte“ oder auch, etwas weiter gefasst, „Champions League“ verbunden.

 

Harald Loch

 

Wilfried Loth: Europas Einigung. Eine unvollendete Geschichte

Campus, Frankfurt/New York 2014   512 Seiten   39,90 Euro