Veröffentlichungen

In den vergangenen Jahren habe ich eine Reihe von Büchern veröffentlicht, auf die ich hier gerne hinweise.

Zum Politikverständnis von

Dr. Hildegard Hamm-Brücher


„Und noch eine dritte allgemeine Vorbemerkung, mit der ich die Veränderungen im Status- und Rollenverständnis des Politikers seit den Anfängen unserer parlamentarischen Demokratie verdeutlichen möchte. Heute ist Politiker zu sein ein absolut etablierter Beruf mit der Ausstattung und Rundum-Versorgung eines gehobenen Managers, auch in finanzieller Hinsicht. Im Vergleich dazu hatten die bis in die 1960er Jahre gewählten „Volksvertreter“ in der Kommune, im Landtag oder Bundestag ihre Tätigkeit meist neben einer beruflichen Tätigkeit und unter heute als unzumutbar empfundenen Bedingungen ausgeübt. Zumeist hatten sie keine eigenen Büros und Mitarbeiter, schon gar nicht im Wahlkreis. Sie erhielten nur minimale Diäten, hatten keine sachbezogenen Zuarbeiter zur Vorbereitung von Debatten, Gesetzesinitiativen und Stellungnahmen. Abgesehen von wenigen Tageszeitungen und Rundfunksendungen, gab es so gut wie keine weiteren Informationsquellen. Keine Rede auch von Nachrichten rund um die Welt und rund um die Uhr. Auch die heute inflationären und zeitraubenden Medienauftritte in Talkshows als Ersatz für Parlamentsdebatten gab es so noch nicht. Von Mobiltelefonen, Computern, E-Mails, eigenen Internetseiten und sonstigen technischen Erleichterungen, wie Kopierapparaten, Druckern oder Scannern ganz zu schweigen. 


Angesichts all dieser grandios verbesserten Berufsausstattung frage ich mich dennoch oft, ob Abgeordnete im Hauptberuf nun ihren Aufgaben und Kontrollfunktionen entscheidend besser gerecht werden können als wir damals. Führen sie lebendigere Debatten? Schauen sie der Regierung genauer auf die Finger? Machen Sie ob der Fülle der verfügbaren Informationen auch wirksamer Gebrauch von ihnen? Treten sie mit ihren Wählern über das Internet nicht nur in bloßen formalen Kontakt?


Wenn man die wachsende Entfremdung zwischen Wählern und Gewählten und das schwindende Ansehen und Vertrauen in Parlamente und Abgeordnete und in die Politik allgemein besorgt zur Kenntnis nimmt, muss man das zumeist bezweifeln. Ich bin kein „Früher-war-alles-besser“ – Nostalgiker. Aber ich erinnere mich noch gut und gerne daran, als der Plenarsaal voller und Wahlkreissprechstunden und Veranstaltungen besser besucht waren. Wir haben Briefe von eigener Hand beantwortet und Reden aus dem eigenen Denken entworfen und vor allem auch in freier Rede gehalten. Wir kannten noch keinen Tag- und Nacht-Dauerstress, keine Beliebtheitsskalen und Demoskopie-Wut, keine zeitraubende Rund-um-die-Uhr-Medienpräsenz. 


Wir standen alle noch unter dem Trauma der Nazi-Diktatur und ihrer Folgen und empfanden uns weder als Polit-Manager noch als weisungsgebundene Partei- oder Fraktionsfunktionäre. Aber wir haben uns bewusster als heute bemüht, die einschlägigen Grundgesetzartikel, insbesondere den Artikel 38 einzuhalten und uns „im Reden und Handeln, bei Wahlen und Abstimmungen“ als „Vertreter des ganzen Volkes“ zu verstehen und „gewissenhaft“ zu verhalten. Leider hat die Einhaltung dieser Gebote heute nur noch Seltenheits- beziehungsweise gar keinen Wert mehr.“

 

Aus: Hildegard Hamm-Brücher/Norbert Schreiber Demokratie sind wir alle. Zeitzeugen berichten Zabert und Sandmann 2009

 


Eine große Demokratin ging von uns:       Hildegard Hamm-Brücher

Politischer Querkopf und „grande Dame“ der Demokratie

Oder: „Mädle, Sie müsset in die Politik“

von Norbert Schreiber

 

Beharrlich hatte ich ein Jahr lang die „Lady der Liberalen“ mit meinem Interviewwunsch genervt: Gerade verließ Hildegard Hamm-Brücher Bonn, um in München 1970 den Fraktionsvorsitz der FDP im Bayerischen Landtag als erste Frau in einer solchen Position anzunehmen. Sie war eben aus China von einer Bildungsreise zurückgekehrt. Genug Gründe also für eine Sendung im damaligen Popsender SWF 3. Eine „Mittwochsparty“ sollte ich mit ihr moderieren. Eine Jugendsendung. Das interessierte sie. Hildegard Hamm-Brücher war schon damals ein prominenter kurzweiliger gern gesehener Studiogast. Als die dreistündige Sendung zu Ende war, hatte ich einen neuen Job. Ich wurde ihr persönlicher Assistent und Wahlkampfleiter. Vom Fleck weg engagiert. Meine Termin-Beharrlichkeit hatte sie vielleicht überzeugt. So war sie eben: spontan, auf Menschen zugehend, ohne irgendwelche Vorurteile, immer charmant und sehr experimentierfreudig.

 

Politische Freunde und enge Mitarbeiter wählten den Kürzel-Namen „HB“, wenn sie von Dr. Hildegard Hamm-Brücher reden. Die Schlüsselgeschichte ihres Lebens erzählte sie gerne selbst: Als achtjähriges Mädchen steht „HB“ im Berliner Familienschwimmbad „Krumme Lanke“ auf dem Zehnmeter-Brett vor den kritischen Augen ihres Vaters und zögert. Soll sie sich wirklich beherzt in die Tiefe des Schwimmbeckens stürzen? Nach einigen Zweifeln und der Angst sich zu blamieren, wagt sie den mutigen Sprung: “Ich hielt mir nicht einmal die Nase zu.“

 

Ehrgeiz, Zivilcourage und Mut, gepaart mit Bescheidenheit, Liebe zum politischen und gesellschaftlichen Engagement und einer gehörigen Portion an preußischen Tugenden, das ist der Eigenschaftskatalog, um die populäre Charakterfigur der deutschen Politik näher zu beschreiben. Und vor allem anderen hat sie eben immer diese Unerschrockenheit zum Sprung ins Ungewisse bewiesen.

Spartanisch in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg aufgewachsen (zur Abhärtung gab's feuchtkalte Tücher und Zitronensaft im Eierbecher) erlebt sie die Nazizeit („Der Führerkult gefiel mir nicht“) und die Wirren nach dem 2. Weltkrieg und den politischen Neubeginn nach den Traumata der Nazi-Diktatur. Im weiteren Kreis um die Geschwister Scholl hatte Dr. Hildegard Hamm-Brücher erleben müssen, wie der Kampf für die Freiheit im Widerstand gegen Hitler eben auf dem Schafott endete. Ihre feste Überzeugung: „Wir haben aus unseren Irrtümern gelernt. Aber noch nicht ausgelernt.“ Der Opfertod der Widerständler prägte sie sehr stark für ihr künftiges politisches Leben. Er wurde geradezu zu einer Selbstverpflichtung für sie, zum Auftrag an eine junge Demokratin.“

 

Zu ihrer Konfirmation wünschte sich das hübsche, etwas scheue Mädchen ein Faltboot statt Schmuck, sie taufte es auf den Namen „Carpe diem“. Und sie bekam als Geschenk eine neue Gefährtin mit dem Namen „Erika“. Auf ihr tippt sie künftig alles eigenhändig, was von „HB“ als Rede oder Buch erscheinen wird. Das Wasser und die Worte, das sind ihre Lebens-Elexiere und als passendes Motto dazu: Nutze den Tag.

 

Die Brücher-Kinder verlieren beide Elternteile. Vater Paul starb an einer unentdeckten Bilddarmentzündung. Mutter Lilly elf Monate später an einem inoperablen Gehirntumor. Und so wachsen sie zunächst bei der Großmutter in Dresden auf. Ihren Lebensmut und Ratschläge bezieht sie von „Ömchen“, der Großmutter: „Du musst ein Ziel haben. Es nicht verstecken. Wenn nötig auch alleine dafür einstehen.“. Angesichts der drohenden KZ-Deportation nach Theresienstadt wählt sie den Freitod. Die Brücher-Geschwister kommen ins Internat nach Salem. Mit elf Jahren war Hildegard Hamm-Brücher also Vollwaise.

Erich Kästner, der erfolgreiche Kinderbuchautor und Feuilletonchef der Neuen Zeitung in München lehrt sie in der Nachkriegszeit zeitungsgerecht zu schreiben und erfindet als Freund liebevolle Spitznamen für die Kollegin Dr. Hildegard Hamm-Brücher: Hilde-„Gardinchen“ oder Hilde-„Vorgärtchen“. Er lockt sie zur freien Mitarbeit in die „Neue Zeitung“. Sie wird Wissenschaftsreportagen schreiben und schließt dennoch ihr Chemiestudium als Heisenberg-Schülerin bei Prof. Heinrich Wieland ab. Nach einem Interview mit Theodor Heuss folgt sie seiner Aufforderung: “Mädle, Sie müsset in die Politik.“

 

Die „Grande Dame“ der deutschen Demokratie tummelt sich zuerst im Münchner Stadtparlament als junge aufrechte Demokratin und engagierte Frauenrechtlerin. Sie kämpft sich im bayerischen Landtag und Bundestag mit Reden, Interviews, Initiativen und ihre zahllosen Publikationen in die erste Reihe deutscher Parlamentarier.

„HB“ bringt Streitschriften und Reformen auf den Weg. Als Politikerin, Protestantin, Preußin ist das höchste Gut für sie: Moral in der Politik. Und sie liest den gegnerischen Parteien und den eigenen Liberalen heftig und gerne die Leviten, wenn Heuchlerei, Parteigeklüngel oder Männer-Schau-Machtkämpfe die guten Polit-Sitten verderben.

Sie ist eine fleißige Kirchgängerin mit großem Gottvertrauen, eine protestantische Rebellin im schicken Kostüm, immer perfekt frisiert, nie aus der Rolle fallend, das derbe „Aufeinanderherumhacken“ im politischen Alltagsgeschäft liegt ihr ganz und gar nicht. Sie kämpfte mit Florett, nicht mit Säbel.

 

Sie streitet in einem von ihr mitgetragenen Volksbegehren „Rundfunkfreiheit in Bayern“ für das „partei- und staatsfreie“ Radio, setzt durch, dass Buben und Mädchen in gemeinsamen Schulklassen erzogen werden, stürzt sich in Wahlkämpfe gegen Franz Josef Strauß. Er schimpft sie "Krampfhenne“. Sie führt Wahl- und Polit-Kampagnen schon in den sechziger Jahren „bürgernah“ auf dem Fahrrad, im Stadtviertel, mit Hausparties und Infoständen. In den Vereinigten Staaten hatte sie bei einem Studienaufenthalt gelernt, wie man Straßen-Wahlkampfe organisiert.

 

Sie bereiste die pädagogischen Provinzen im In- und Ausland und wurde zur Prophetin der „Bildungskatastrophe“ in Deutschland. Sie förderte die Entrümpelung der veralteten Schulbücher, kämpfte gegen konservative Lehrmeinungen an den Hochschulen und bringt die Gesamtschulversuche mit auf den Weg. Ihr bildungspolitisches lebenslanges Credo: „Die Schule der Demokratie ist die Schule“

Dr. Hildegard Hamm-Brücher startete als eine der ersten Bildungspolitiker Informationsreisen durch die damals noch existierende Sowjetunion und durchs kommunistische China.

Die drohende Bildungskatastrophe hatte sie früh erkannt, aber die politischen Mittel und Partner fehlten ihr, um tiefgreifende Veränderungen schon damals in den 1970er Jahren auf den Weg zu bringen, merkt sie selbstkritisch an.

 

Auf unzähligen Reisen als stellvertretende Außenministerin prägte sie die auswärtige Kulturpolitik, erhöht Kulturetats, förderte lebenslang das Goethe- Institut und konferierte mit den Großen dieser Welt: Jimmy Carter, Ronald Reagan, Indira Ghandi, Golda Meir, Michail Gorbatschow, Václav Havel und Papst Johannes Paul II.

Nur mit ihr konnte es mir gelingen, zum ersten und einzigen Male die Verfassungsorgane der Bundesrepublik, damals Bundespräsident Walter Scheel, Bundestagspräsident Karl Carstens, Bundeskanzler Helmut Schmidt, und Bundesverfassungsgerichtspräsident Ernst Benda in der Evangelischen Akademie an einen Tisch zu bekommen, um sie mit dem Souverän , dem Volk, drei Tage über die Zukunft der Demokratie diskutieren zu lassen. Erstmalig und einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Von ARD und ZDF in Sondersendungen übertragen. Das Neue, das Überraschende, das Unvorhergesehene das reizte sie bis ins hohe Alter.

 

In der Zeit als ich ihr persönlicher Assistent war, sollten wir als ihre Mitarbeiter sie zur Außenministerkonferenz auf den Bonner Petersberg begleiten. Es stand kein anderes Fahrzeug zur Verfügung als eine kleine rote Citröen-„Ente“. Sie stieg ohne eine Sekunde zu zögern in den Blechkasten ein und sie fuhr mit uns zwischen schwarzen, chromblitzenden Luxus-Staatskarossen im „Studenten-Mercedes“ ohne Stander vor.

 

Als ein Arzt sie vor einiger Zeit rücksichtslos mit dem Mountainbike an der Ampel über den Haufen fährt, verzichtet sie auf eine Anzeige und beweist für den Raser Verständnis. Als werdender Vater unterwegs in die Geburtsklinik hatte der den Sinn für Tempolimits völlig verloren. Verständnis für andere, Bescheidenheit und ihre sprichwörtliche Sparsamkeit zeichnen sie aus: Luxus oder Effekthascherei oder gar Imponiergehabe waren nicht ihre Welt.

 

Die farbige Politikerin mochte am liebsten die schlichten weißen Töne in ihrer Eigentumswohnung, in der sie gastfreundlich im ruhigen Prominentenviertel Harlaching in München bis zuletzt lebte. Dort servierte sie Gästen gerne höchstpersönlich Weißwurstfrühstück oder lud sie in den benachbarten Münchner Biergarten zum „Haxn-Essen“ ein. Dabei ist ihr der urig-bayerische Lebensstil immer fremd geblieben, der Preußin mit Haltung. „das Hinterfotzige fehlt mir“, das Lederhosen-Bayern war nie ihr Ding, eher schon das Laptop. Zuletzt ausgestattet mit Handy und Laptop wirkte sie als „freiberufliche Liberale“ ohne Parteizugehörigkeit.  Im hohen Alter buchte sie Computerkurse und ließ sich das Surfen im Internet und das Mailen beibringen. War nicht sie es, die schon immer das lebenslange Lernen forderte. Sie war identisch, mit dem was sie forderte und löste es auch selbst ein.

 

Ihre Beziehung zur FDP war „keine Liebesgeschichte“ sondern eine „starke Beziehung“: Als der FDP unter Möllemann ein Rechtsruck droht und die „Spaßgesellschaft“ um sich greift, tritt sie aus Protest aus der liberalen Partei aus: „Ich lebe angstfrei und in politischer und geistiger Freiheit. Das erlebe ich immer wieder als ein kostbares Geschenk.“

Als politischer „Querkopf“ stieß sie auch andere vor den Kopf, aber nie aus persönlichen Gründen, es geht ihr immer um den Inhalt und die Sache an sich, für die sie kämpft: Zum Beispiel für die Demokratie, die Gewissensfreiheit des Abgeordneten und gegen den Rechtsradikalismus. Mancher Politkollege nennt sie eine „Nervensäge“; weil sie eben sehr beharrlich sein konnte. Gegenüber Freund wie Gegner.

 

Als Helmut Kohl das Misstrauensvotum gegen die Regierung Helmut Schmidt wagte, konnte sie dies aus grundsätzlich demokratischen Gründen nicht unterstützen. Sie hielt im Bundestag ihre bis heute aufsehenerregende Rede über die Gewissensfreiheit der Abgeordneten. Der Kernsatz lautete: “Ich finde, dass beide dies nicht verdient haben: Helmut Schmidt ohne Wählervotum gestürzt zu werden, und Sie Helmut Kohl, ohne Wählervotum zur Kanzlerschaft zu gelangen. Zweifellos sind die beiden sich bedingenden Vorgänge verfassungskonform. Aber sie haben nach meinem Empfinden doch das Odium des verletzten demokratischen Anstands.“

Über ihren politischen Freund und Kanzler-Kollegen Helmut Schmidt sagt sie bewundernd: „Er konnte sehr gut zuhören, und ausgesessen hat er Probleme nie“.

 

Mit ihrem Parteirivalen Hans- Dietrich Genscher, mit dem sie wegen der Wende eine Zeit lang überkreuz lag, kam sie wieder nach einer Aussprache ins Reine: „Der ist so geistesgegenwärtig, dass er an zehn Schachbrettern gleichzeitig spielen kann.“

Ihre Kraft für Politik bezog sie aus der ihr eigenen Robustheit, wirklicher Lebensfreude- und praktizierter Menschenliebe. Eine ehrliche und glaubwürdige Politikerin, die sich nicht durch den politischen Betrieb verbiegen ließ. Bis zuletzt suchte sie nach den kleinen Utopien: „Willst Du ein glückliches Leben, verbinde es mit einem Ziel.“

 

Zwei Ziele hat sie in ihrem politischen Abenteuer-Leben nicht erreichen können, als Kind wäre sie gerne Karussellbesitzerin oder als Erwachsener Schwimmweltmeisterin geworden. Man erreicht eben nicht alle Ziele im Leben und in der Politik ebenso.

1948 wird die 1921 in Essen geborene Hildegard Hamm-Brücher jüngste Abgeordnete im Münchner Stadtrat. 22 Jahre ist die FDP-Politikerin Mitglied des Bayerischen Landtages – davon sechs Jahre als erste weibliche Fraktionsvorsitzende. 14 Jahre ist sie Mitglied im Deutschen Bundestag. Sie arbeitet unter anderem als Staatssekretärin im hessischen Kultusministerium und als Staatsministerin im Auswärtigen Amt. 1994 kandidiert sie als erste Frau für das Amt des Bundespräsidenten. 2002 tritt sie als Stellvertretende Bundesvorsitzende der Liberalen wegen Möllemanns und Westerwelles „Spaßgesellschaftspolitik“ aus der FDP aus. Die streitbare Liberale kämpfte beharrlich für die Parlamentsreform und die Rechte der Abgeordneten.

 

Wir haben viel gemeinsam mit meiner Frau, die ihre engste Mitarbeiterin über lange Jahre war, gestaltet: Wahlkämpfe und Bücher, Tagungen und Thesen, Aktionen geplant, Ideen gewälzt, die Stiftung Theodor-Heuss-Preis gemanaged und über Demokratieentwicklung gestritten. Dieses Land kann stolz auf sie sein, denn ihr Engagement gegen Rechtsextremismus ist vorbildlich bis in die heutigen Tage hinein. Unerschütterlich ihr christliches moralisches Fundament, aus dem sie alles ableitete. Damit müsste ihr ein Platz im politischen Teil des Himmels sicher sein. Adieu! 

Merian porträts PRAG

https://leseprobe.buch.de/images-adb/94/00/9400c48f-100c-4472-a5a8-6c3cc6f4e405.pdf

MERIAN-Autor Norbert Schreiber beschreibt in seinem Buch „Prag – Eine Stadt in Biographien" die Lebensgeschichten berühmter Prager Persönlichkeiten. Denn was wäre die Stadt ohne Bedřich Smetana und seine „Moldau“, ohne den geheimnisumwitterten Franz Kafka oder Meister-Regisseur Miloš Forman?

 

Ausgewählte Biographien zeichnen ein lebendiges, historisches wie auch aktuelles Bild der Stadt.

 

 

Dieser Band umfasst Porträts von: Wenzel von Böhmen, Karl IV., Jan Hus, Rudolf II., General Albrecht von Wallenstein, Rabbi Löw, Wolfgang Amadeus Mozart, Božena Němzová, Bedřich Smetana, Antonín Dvořák, Jaroslav Hašek ("Schweijk"), Franz Kafka, Max Brod, Edvard Beneš, Egon Erwin Kisch, Lenka Reinerová, Alexander Dubček, Emil Zátopek, Václav Havel, Miloš Forman

 

 

Der Leser wandelt auf spannenden Wegen und entdeckt bleibende Spuren: Denkmäler, Gebäude, Straßen, Cafés, Schlösser, Museen oder Gedenktafeln. In jedem Kapitel werden zudem Adressen genannt, die eine individuelle Stadterkundung auf den Spuren der Bewohner möglich machen. Mit dem bunten Leineneinband, zahlreichen farbigen Abbildungen im Innenteil und einem Lesebändchen ist der Band ein stilvoller Lesegenuss. Das Buch richtet sich an alle, die nicht nur Prag, sondern auch schöne Bücher lieben

 

 

Über den Autor: Norbert Schreiber arbeitet seit mehr als 40 Jahren als Journalist und Autor. Für die ARD war er seit 1970 als Korrespondent, Redakteur, Moderator und Reporter in den Programmbereichen Politik, Zeitgeschehen und Kultur tätig. Er veröffentlichte über zehn Bücher zu den Themen Demokratie, Europa, Russland und Tschechien. Norbert Schreiber wohnt in Spiegelhütte im Bayerischen Wald, nahe der tschechischen Grenze. In seinen beiden Büchern über die Literatin Lenka Reinerová und den Böhmerwald beschäftigte er sich auch mit Prag und dem deutsch-tschechischen Verhältnis. Mehr Informationen unter www.norbertschreiber.de

 

Leserreaktionen

 

 

Wer nach Prag fährt, sollte dieses Buch vorher gelesen haben und es auch beim Stadtrundgang bei sich führen. Die Geschichte der Stadt wird in den vielen Porträts lebendig - durch die Jahrhunderte. Und das Format macht es möglich, den kleinen Band einfach in die Jackentasche zu stecken. Ein Gewinn in jeder Hinsicht.

 

In Vorbereitung auf meine Prag-Reise im Juli diesen Jahres bin ich auf Ihr wunderschönes Buch:
"Prag  Eine Stadt in Biographien " gestoßen. (Und habe es gleich an meine Mitreisenden verschenkt.) Sowohl die  ästhetische Aufmachung, als auch die inhaltliche Gestaltung: Auf einen Blick, Orientierung! Zusätzlich zu den einzelnen Kapiteln! Erfrischend, aber auch einfühlsam geschriebene Biographien, hat mir sehr gut (!) gefallen. Vielen Dank!

 

Verknüpfung von Sehenswürdigkeiten, Geschichte und Persönlichkeiten der Stadt sehr gut gelungen. Interessante Empfehlungen, auch wenn man Prag schon (einigermaßen) kennt

 

Die Biographien führen in die Geschichte Prags ein und geben Bezugspunkte für wesentliche Besichtigungsziele in der Stadt. War für mich große Klasse!

 

Wer den "Spirit" von Prag vor einer Reise erfahren will, sollte dies Büchlein lesen. Mich hat es wunderbar eingestimmt. Sehr empfehlenswert!

 

Sehr gut zu lesen, habe es als Geschenk gekauft, für jemanden, der viele Erinnerungen in dem Buch wiederfinden wird. Prägnant! Zu empfehlen!

 

 

Das erste Buchexemplar ist da. Besuch auf der Frankfurter Buchmesse am Stand von Merian
Buchpräsentation in der Buchhandlung ZAUBERBERG in Berlin

MERIAN porträts Prag

Eine Stadt in Biographien

Autor: Norbert Schreiber

176 Seiten. Format 11,8 x 18,8 cm

Leineneinband und Lesebändchen

16,99 € (D) / 17,50 € (A) / 29,50 SFr

ISBN 978-3-8342-1240-5

 

bereits erschienen - jetzt auch als eBook

 

Prag ist eine außergewöhnliche Stadt. Doch nicht nur wegen der Kirchen mit den goldenen Dächern und anderen wunderschönen Gebäuden, sondern vor allem wegen seiner außergewöhnlichen Bewohner. Faszinierende Persönlichkeiten prägen bis heute das Leben der tschechischen Metropole.

 

Das neue MERIAN-Buch „Prag – Eine Stadt in Biographien“ beschreibt Lebensgeschichten berühmter Prager Persönlichkeiten. Denn was wäre die Stadt ohne Bedřich Smetana und seine „Moldau“, ohne den geheimnisumwitterten Franz Kafka oder Meister-Regisseur Miloš Forman?

 

Prag, die Goldene – die Stadt der Brücken und Türme, der fantasievollen Menschen und der bezaubernden Magie. Prag, der starke Magnet, der Reisende seit Jahrhunderten anzieht. MERIAN porträts beschreibt 20 Persönlichkeiten und lässt sie die Besucher wie individuelle Reiseführer durch Vergangenheit und Gegenwart der Stadt begleiten. In Prag haben Komponisten ihre Geniestreiche vollführt, haben Autoren Weltliteratur definiert und Staatsleute das Land in eine neue Zeit geführt.

 

Der Autor

 

Mehr Informationen unter www.norbertschreiber.de und www.facesofbooks.de oder Interviewanfragen unter Tel. 09922 8049994 oder NLSchreiber@t-online.de                                                                   

Die Autoren von Merian porträts auf der ITB in Berlin

Das Paradies auf Erden: Die PFALZ

Neu: PFALZ  Reihe EUROPA ERLESEN (Wieser Verlag 2011)
ISBN: 9783851299359

 

Die Pfalz erlesen und erleben
Der Teufelstisch bei Dahn

Berge, Burgen und Bacchus - Weck, Worscht und Woi

Die Pfalz – die Toskana Deutschlands. Mit Bergen, Burgen und Bacchus. Mit Weck, Worscht und Woi. Diese Pfalz-Anthologie, die im Herbst in der Reihe EUROPA ERLESEN erscheint, ist wie eine Weinprobe, sie bietet kleine Literatur-Schlückchen, um die Pfalz zu erproben. Die Pfalz, eine Landschaft zum Verlieben, ein grünes Rebenmeer und sanfte Berghügel des Pfälzerwaldes. Die Römer brachten den Wein, die Evangelischen die Reformation, die Franzosen die revolutionären Gedanken, das Hambacher Fest den Sinn für Freiheit und Demokratie. „Die Pfalz ist das Land des Lachens und der Literatur. Essen, Trinken, Feiern, Lesen und Genießen – der Pfälzer Imperativ“, schreibt der Herausgeber in seinem Pfalzbeitrag. Der Erzählband bietet Landschaftsbeschreibung und Liedtexte, alte und neue Autoren, wieder entdeckte Literaten, Gedichte, Rezepte, Personenporträts, Geschichte und Geschichten. Der Leser findet bekannte Autoren wie Ludwig Harig und Joachim Ringelnatz, Pfälzer Mundartdichter wie Paul Tremmel oder Helmut Metzger, Literatinnen wie Lina Staab oder Martha Saalfeld. Die pfälzische Literaturlandschaft ist also ebenso beschrieben wie  berühmte Persönlichkeiten. Porträtiert sind etwa Erika Köth, der Polarforscher Georg Neumayer oder die Reporterlegende Rudi Michels. FCK- und Fritz-Walter-Fans kommen ebenso auf ihre Kosten wie Saumagen-Freunde und Läwwerknepp-Genießer. Im Buch ebenso zu finden: Liselotte von der Pfalz, Sagen und Legenden, Wein, Weib und Gesang. Mit weiteren Texten von: Adolph Freiherr von Knigge, Georg Büchner, Jakob Grimm, Wilhelm Grimm, Heinrich Heine, Leopold Jacoby, Helmut Seebach  u. v. m.

Europa erlesen: PFALZ
ca. 250 Seiten, gebunden, Vor- und Nachsatz, Lesebändchen, Prägedruck
EUR 12,95 / sfr 18,90

Rezension RHEINPFALZ
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Fachwerk auch beim Pfalz-Nachbar Elsaß

Die Zukunft Europas

Europa weiter erzählen erschienen im Wieser Verlag - herausgegeben gemeinsam mit Lojze Wieser (Wieser Verlag Klagenfurt 2011)  ISBN: 9783851299410

Muss Europa scheitern?

Europa steht vor großen Herausforderungen. Die Finanzkrise ist zu bewältigen. Sie erschüttert die Fundamente des gemeinsamen Wirtschaftsraumes. Aus Afrika kommen Flüchtlinge nach Europa, die bei uns ihre Zukunft suchen. Die Zustimmung der Bürger zu Europa schwindet.

 

Auch die bevorstehende Energiewende stellt Europa vor gewichtige Aufgaben. Bisher wurde Europa als Erfolgsgeschichte erzählt, geprägt von der Aufklärung, den demokratischen Prinzipien und universellen Menschenrechten. Was aber sind die politischen, religiösen, sozialen und ökonomischen Zukunftsperspektiven des erweiterten Europas? Der Band „Europa weiter erzählen“ in der Reihe Geist & Gegenwart versammelt renommierte europäische Autoren, die ein differenziertes Zukunftsbild Europas entwerfen.

Russland - wohin gehst Du?

Russland. der kaukasische Teufelskreis oder die lupenreine Demokratie. Wieser Verlag Klagenfurt

ISBN 13978-3-85129-689-1 

Putins Reich

RUSSLAND

DER KAUKASISCHE TEUFELSKREIS ODER

DIE LUPENREINE DEMOKRATIE Wieser Verlag 2008

 

2008

NORBERT SCHREIBER

 

DER SPIEGEL: „Herr Putin,

sind Sie ein lupenreiner Demokrat?“

Putin: „Ja, natürlich bin ich ein echter Demokrat.“

 

Auf dem Titelbild des amerikanischen Nachrichtenmagazins TIME glänzt Wladimir Wladimirowitsch Putin als „Mann des Jahres 2007“- pr-prächtig und global gekürt. Aber was wird aus dem Hoffnungsträger des Westens 2008? Wird es ihm gelingen, in seiner neu einzunehmenden Rolle noch einmal auf das Titelbild der politischen Magazine zu kommen? Nun ist die altbekannte Kreml-Astrologie wieder gefragt, die jene Frage hin- und herwälzt, wie sie einst der Philosoph Karl Jaspers für Deutschland formuliert hat und die in unserem Fall lautet: Wohin treibt Russland? Eine russische Redewendung behauptet: „Die Vergangenheit ist nicht vorherzusagen!“ Die Ideologen an der Macht bestimmten jeweils die Interpretationsmuster dafür. Doch wie steht es um die Vorhersage der Zukunft Russlands? Entwickelt sich die liberale Marktwirtschaft mit pluralistischen Elementen zu einer wirklichen und damit nicht gelenkten Demokratie? Oder wächst vielmehr die vertikale starke Staatskomponente krakenhaft in einem auch weiterhin autokratischen, autoritären, ja vielleicht sogar wieder diktatorischen politischen System - erneut gefangen in den alten Denkmustern früherer Regime? Mit der Einschränkung der Meinungsfreiheit, der Disziplinierung der regionalen Politikinstanzen und der Rekrutierung von Karriere-Beamten aus Militär und Geheimdiensten wurden von Putin die Weichen in Richtung Zentralisierung und Militarisierung des Systems bereits gestellt (Margareta Mommsen).

 

Die Frage aber bleibt: Wer wird Russland bei einem Erstarken des neuen Patriotismus und Nationalismus in eine demokratische Zukunft führen?

 

Putin tarnt sich noch in der Puppe - in welcher politischen Rolle wird er aus ihr heraussteigen? Der Journalist Witali Tretjakow hat die „Matrjoschka“-Figur  bereits in Händen, als er weitsichtig formulierte: „Schaut man auf ihn von einer Seite her, so ist er ein Konservativer, schaut man auf ihn von der anderen Seite her, so ist er ein Liberaler, dreht man ihn, ist er ein Bolschewik, und dreht man ihn erneut, ist er ein Anti-Kommunist.“ (Margareta Mommsen/Angelika Nußberger „Das System Putin“)

 

Der Historiker Afanasjew weist zudem darauf hin, dass in Russland „mehrere Wirklichkeiten“ existieren, und der Schriftsteller Danil Granin nennt sein Russland das „Land der permanenten Lüge.“

 

MARGARETA MOMMSEN

DIE KREML-AG

 

Grundrisse der „gelenkten Demokratie

 

In dem während der Präsidentschaft Putins entstandenen politischen System koexistieren autokratische mit oligarchischen Strukturen. Das autokratische Element kommt in der strikten „Vertikale der Macht“, die als Kommandokette vom Präsidenten bis zu den lokalen Behörden und von der Präsidialadministration bis in die Legislative und Judikative reicht, zum Ausdruck. Außerdem sorgen umfassende Kontrollen über politische Parteien, Wahlen, Medien und Nichtregierungsorganisationen dafür, daß die Gesellschaft ebenfalls zur staatlichen Veranstaltung degeneriert.

 

In dem an der Spitze der „Vertikale“ stehenden Präsidenten konzentriert sich die Macht der staatlichen Bürokratie. Russische Soziologen sprechen deshalb von einem „monozentrischen System“. Die staatlichen Medien und eine Schar von „Polittechnologen“ sorgen dafür, daß die im Präsidenten personalisierte Staatsmacht ständig im besten Licht erstrahlt. Die propagandistisch gelenkte Popularität des Präsidenten generiert dessen hohe allgemeine Zustimmung, zumal sich aufgrund der steigenden Einkünfte aus dem Verkauf von weltweit immer teurer gehandeltem Erdöl und Erdgas der Wohlstand des Landes in den letzten zehn Jahren deutlich verbessert hat. Der allgemeine Lebensstandard ist aufgrund der wirtschaftlichen Erholung gestiegen, und die von Putin erfolgreich neu aufgelegte russische Großmachtidee trägt üppige Früchte.

 

Putin hat es verstanden, Russland wieder zum respektierten Spieler in der Weltpolitik zu erklären. Die derart vermittelten nationalen Hochgefühle werden von den Menschen ihrem Hoffnungsträger Wladimir Putin gutgeschrieben. Folglich unterschreitet die Zustimmung zum Präsidenten kaum 70 bis 75 Prozent. Insofern erscheint Präsident Putin als unumstrittener plebiszitärer Führer. Dabei kommt ihm die traditionelle obrigkeitsstaatliche Kultur der Bürger zugute, die – wie Putin einmal selbst meinte – „im genetischen Code, in den Traditionen und in der Mentalität“ des russischen Volkes gründet. Tatsächlich ist das Vertrauen der Bevölkerung in alle anderen staatlichen Institutionen und Träger hoher politischer Ämter gering

 

Der plebiszitäre Staatschef

 

Neben seinem Status als plebiszitärer Staatschef hat Putin die weitaus schwierigere und weniger hoheitsvolle Rolle, als umsichtiger Manager das häufig als Kreml AG bezeichnete Machtkartell zusammenzuhalten. In dieser Funktion muß er Geschick und schiedsrichterliche Gewalt einsetzen, um die divergierenden Interessen der verschiedenen informellen Einflußgruppen in der Exekutive unter einen Hut zu bringen. Schon deswegen muß Putin zwischen ihnen für einen permanenten Ausgleich sorgen, um nicht durch einseitige Bevorteilung einer der Gruppen zu deren Geisel zu werden. Tatsächlich fungiert nur er allein als unverzichtbares Scharnier zwischen dem autokratisch und dem oligarchisch verfaßten Sektor der Herrschaftsarchitektur, und nur ihm wird zugetraut, die verschiedenen Regierungsklans ausbalancieren zu können.

 

GERD KOENEN

 

....Während rund 70 Prozent des gesamten Sozialprodukts durch das leuchtende, unerschwinglich teure Moskau fließen, das nach New York und London die meisten Milliardäre in der Welt zu seinen Bewohnern zählt, versinken Teile des flachen Landes wieder im Dunkeln. Und während die Devisenkasse des Kremls auf sagenhafte 272 Milliarden. Dollar angeschwollen ist, verfallen elementare Infrastrukturen, soziale Einrichtungen und Bildungsinstitutionen. Russland hat noch immer die mit Abstand niedrigste Lebenserwartung aller entwickelten Länder, und die Bevölkerung schrumpft weiter in dramatischem Tempo. Große Landstriche entvölkern sich – nicht zuletzt, weil das immer dichtere Netz staatlicher Korruption und der damit mafios verflochtenen kriminellen Gewalt hier erst recht jede Eigeninitiative erstickt, wie Kerstin Holm es in ihrer luziden Analyse „Das korrupte Imperium“ beschrieben hat.

 

Praktisch jede staatliche Leistung kann und muss bei den Amtsträgern gekauft werden, vom Einberufungsbescheid bis zum Universitätszugang, von der Unternehmenslizenz bis zum Gerichtsurteil oder zur Gesetzesvorlage. „Korruption“ ist ein bei weitem zu schwacher Begriff für das, was Holm einen parasitären „Rentenkapitalismus“ nennt, durch den rund zehn Prozent des Sozialprodukts als Sondertribut in die Taschen der Staatsdiener fließen. Kein Wunder, dass die Zahl der Bürokraten und Ämter sich gegenüber der Sowjetzeit noch immer weiter vermehrt hat. So legt sich die Putinsche Machtvertikale, die kaum noch auf Wahlen, nur noch auf Ernennungen beruht, wie eine schwere Extralast auf jede produktive Tätigkeit. Und der angeblich „starke Staat“ laviert in Wirklichkeit in vielen Bereichen am Rande eines permanenten Staatsversagens.

 

Dabei stellen unter der Ägide des ehemaligen FSB-Chefs Putin die Abkömmlinge des Geheimdienstes inzwischen zusammen mit den Militärs mehr als zwei Drittel der „silowiki“, der höheren Machtträger, einer korporativ verschweißten neuen Supra-Elite, die sich in den letzten Jahren teils durch Enteignung der alten Oligarchen, teils durch erzwungene Arrangements mit ihnen die Kontrolle über die zentralen Energie-, Rohstoff- und Rüstungsmonopole gesichert hat. Ob man dafür den alt-etablierten Begriff des „militärisch-industriellen Komplexes“ verwendet, von einer „Militokratie“ oder „Staatsoligarchie“ spricht oder von einer neuen „Nomenklatura“, es kommt alles auf dasselbe heraus...

 

LUTZ GÜLLNER

 

...Es ist vielmehr Zeit für eine Bestandsaufnahme und Reflexionsphase. Was ist schief gelaufen? Bei den meisten offiziellen Kontakten auf höchster Ebene spielt sich immer das gleiche Muster ab: Die EU-Seite fordert ein klares Bekenntnis Russlands zu Demokratie und Menschenrechten ein, während Russland die Belehrungen der EU zurückweist und das Messen mit zweierlei Maß kritisiert. Dies vermittelt das Bild von einem zerrütteten Verhältnis - ein Bild, das gerne von den Medien transportiert wird. Die Wahrheit aber ist, dass die Beziehungen viel besser sind, als sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

 

Natürlich ist vieles schwierig im gegenwärtigen Verhältnis und die Liste der Probleme aus EU-Perspektive ist einfach zu lang, um sie unter den Teppich zu kehren: die Debatte um die amerikanische Raketenabwehr, Kosovo, die Litvinenko- Affäre, das russische Embargo gegen polnische Agrarexporte, die Stilllegung der Versorgung Litauens durch die Ölpipeline "Druzhba", die Ereignisse rund um die Verlegung des russischen Kriegerdenkmals in Estland, die Verzögerung Russlands in der Unterzeichnung des wichtigen Abkommens zu sibirischen Überflugrechten, die Hindernisse und Hürden für ausländische Investoren etc. - diese Liste ist lang, zu lang. Was ist also schief gelaufen in den Beziehungen? Die Antwort kann sicherlich nicht monokausal sein, aber vieles hat damit zu tun, dass sich Russland nicht an die neue, erweiterte EU "gewöhnt" hat, und die EU das neue, wirtschaftlich erstarkte und vor Selbstbewusstsein strotzende Russland noch nicht richtig wahrgenommen hat. Die EU muss noch immer die Erweiterung verdauen.

 

In der EU mit 27 Mitgliedsstaaten wird die Definition der Politik gegenüber Russland ein schwieriges, manchmal gar unmögliches Unterfangen. Russland weiß um dieses Problem und nutzt es oftmals mit eiskaltem Kalkül, um die EU zu spalten. Aber an dieser gespaltenen Haltung der EU zu einigen Themen ist natürlich viel Wahres. Russland scheut sich hingegen auch nicht, der EU vorzuwerfen, nicht mehr handlungsfähig zu sein und sich im Dschungel der Partikularinteressen der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten zu verheddern.

 

Das Problem der EU ist, dass die Interessen und Meinungen der 27 zu weit auseinander gehen. Zwei Schulen prallen da aufeinander: die einen, die Russland der Provokation bezichtigen und keinen Sinn in dem Dialog mit dem "unberechenbaren" Partner sehen; die anderen, die gerade wegen der vielen anstehenden Probleme den Dialog mit Russland als die einzige Möglichkeit sehen, diese irgendwann einmal lösen zu können. Man kann es als zunehmendes Problem sehen, dass einige spezifische und punktuelle Probleme einzelner Mitgliedsstaaten das Gesamtinteresse an einer strategischen Partnerschaft mit Russland in den Hintergrund drängen. Dazu kommt, dass die schwerfälligen Entscheidungsfindungsprozesse in der EU-Außenpolitik es schwierig machen, einen gemeinsamen Ansatz zu finden...

 

THOMAS ROTH

 

...Manchmal frage ich mich und andere am späteren Abend - zusammen in irgendeiner Kneipe oder in einem Restaurant im Herzen Moskaus sitzend -, wo und wann genau die Fehlschaltung passiert ist. Ich meine damit weniger die explizit politischen Gespräche der Beurteilung von Putins Politik oder der seiner Vertrauten. Es ist mehr der Themenwechsel, auch der Wechsel in der Grundhaltung bei den sogenannten privaten Gesprächen, der bei diesem meinem dritten Anfang neu ist.

 

Eine Art antiwestlicher Grundton hat sich eingeschlichen. Mal offener, mal versteckter. Mal ernster, mal weniger ernst. Aber er ist auf eine Weise da, wie ich ihn früher nicht kannte. Dass er vom Kreml so befeuert wird, ist jeden Tag in allen Fernsehsendern zu sehen, und von Putin, nun ja auch im Ausland, zu vernehmen. Aber dass er im weiten Russland zu verfangen begonnen hat, ist eine neue Qualität. Das kündigt keine Freundschaften. Aber es belastet sie. Zumal das eine paradoxe Entwicklung ist.

 

Noch nie sind so viele russische Bürger im Urlaub hinaus in die weite Welt geflogen. Von Hurghada bis Antalya, Thailand und Italien, aber auch nach Deutschland. Es ist zwar immer noch eine mühsame und in Teilen beschämende Prozedur für russische Bürger, vor den jeweiligen Botschaften, an ihre Auslandsvisen zu kommen, aber es gibt sie. Und es müssen noch viel mehr Westreisen möglich werden auch für die Russen, die mit weniger Geld auskommen müssen. Verbunden mit möglichst wenig Bürokratie und null Vorurteilen auch in den westlichen Botschaften....

 

Brandherd Kaukasus

Das  aktuelle Buch zur Georgien-Frage

 

„Das Buch bietet eine facettenreiche und ausführliche Analyse derzeitiger russischer Politik. Neben außenpolitischen Fragen wird in mehreren Aufsätzen auf die Lage der Menschenrechte in Russland eingegangen, wobei auch einige russische Autoren aus erster Hand von den zunehmenden Restriktionen berichten,“ schreibt Dietmar Adam in einem lnformationsdienst.

Auszug aus dem Beitrag:

Hans Georg Heinrich, Politikwissenschaftler Universität Wien,

 

Der Teufelskreis Kaukasus:

 

Über den Irak-Krieg gibt es eine linkage zu dieser Region, weil aus Sicht der gegenwärtigen US-Regierung ein Schlüssel für die Befriedung des Irak in den Händen des von Russland unterstützten Iran liegt. Die USA sehen sich auch veranlasst, als Gegenleistung für das auffallend starke Irak-Engagement Georgiens einen NATO-Beitritt zumindest in Aussicht zu stellen. Georgien rechnet damit, unter NATO-Schutz die abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien notfalls militärisch wieder einzugliedern, was mit Sicherheit einen größeren Konflikt in der Region auslösen würde. Der Südkaukasus ist für die USA vor allem als Transitkorridor für Energie aus Zentralasien und Aserbeidschan interessant. All das illustriert, dass die Situation in der Region und darüber hinaus aus vielen kleineren, mit einander verbundenen „Teufelskreisen“ besteht.

 

STABILISIERUNG DER KONFLIKTE
DURCH LOKALE FAKTOREN


Es gibt auch auf lokaler und regionaler Ebene wichtige Faktoren, welche eine nachhaltige Konfliktlösung verhindern. Inzwischen profitieren von den Krisen und Konflikten eine große Anzahl von verschiedenen Gruppen. Krisengebiete sind immer Territorien mit korruptionsanfälligen, schwachen Kontrollstrukturen, wo eine ganze Reihe von illegalen und einträglichen Geschäften gedeiht. Bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen in diesen Gebieten geht es mittlerweile um Anteile an diesem Markt und nicht um ethnische oder politische Auseinandersetzungen. Die Konfliktlösung wird auch - vielleicht paradoxerweise - durch den demokratischen Fortschritt in den betreffenden Ländern verhindert, weil es sich keine wahlwerbende Gruppe erlauben kann, mit einem Kompromissprogramm zur Lösung des Konflikts anzutreten. Somit wird ein hemmungsloser Nationalpopulismus begünstigt.

AUSBLICK

Die Aussichten zu einer friedlichen Konfliktbeilegung in der Kaukasusregion sind also nicht sehr gut. Man muss jedoch nicht mit dem Status quo zufrieden sein, damit, dass die Konflikte wenigstens eingefroren bleiben und nicht mehr heiß werden - auch wenn das bereits eine Unterbrechung des "Teufelskreises" wäre. Aus der lokalen Konfliktfalle hilft nur die schrittweise Transformation der Gewaltunternehmer in verantwortliche Politiker und Wirtschaftstreibende. Das setzt wiederum eine Lösung der geopolitischen Blockaden voraus.Ohne gegenseitige Zugeständnisse und Kompromisse wird es dabei nicht abgehen. Da die Berechenbarkeit und auch der Pragmatismus der russischen Außenpolitik seit dem Amtsantritt Putins zugenommen haben, führt eine Lösung nur über eine Verständigung mit Russland. Das muss dann tatsächlich ein komplexer Paketkompromiss sein, der vitale russische Interessen - wie zum Beispiel das Absehen von weiteren NATO-Erweiterungen

 

 

 

Interview mit Eduard Schewardnadse

 

Aussenpolitik hängt von Innenpolitik ab und umgekehrt, außenpolitisch hat es für die Sowjetunion bedeutet, daß Georgien unabhängig geworden ist, aber auch um den Preis der Unsicherheit von Grenzen. In Abchasien, Südossietien zum Beispiel, das heisst was außenpolitisch gelöst worden ist hat innenpolitisch Probleme geschaffen. Wie beurteilen Sie das heutzutage?

Wenn Sie sich dafür interessieren, warum die Sowjetunion auseinandergefallen ist, und was einer der Hauptgründe dafür war dann möchte ich Ihnen sagen, daß das an den zwei Personen lag: Boris Jelzin und Michail Gorbatschow und die Beziehungen zwischen den beiden. Sie hatten ein schlechtes Verhältnis zueinander, und das war schicksalhaft für die Sowjetunion. Ich war ja zwar Aussenminister aber kein Russe, sondern Georgier, aus meiner Sicht und Beobachtung dachte ich auch vorher, daß die Sowjetunion einmal auseinanderfällt. Ich habe es allerdings auf einen Zeitraum von fünfzehn Jahren eingeschätzt. Die unerträglichen Beziehungen zwischen zwei Personen haben diesen Prozess, könnte man sagen, deutlich beschleunigt und das war nach meiner Meinung schicksalhaft für den Zerfall der Sowjetunion.

Noch einmal zurück zum Kaukasus: Sind da nicht die Probleme der Angrenzung noch existent zwischen Georgien und den anderen Teilrepubliken, und auch Tschetschenien ist ein noch immer gärender Konfliktbereich für Putin und Russland selbst. Wie sieht Eduard Schewardnadse die geografische Aufteilung dieses Sowjetunion-Erbes?

Was die Kaukasus-Region angeht, sie ist ja in drei große Republiken aufgeteilt - in Aserbeidschan, Armenien, Georgien. Diese Völker haben unter sich keine großen Probleme. Aber Russlands Rolle muss man da anders beurteilen. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass Russland eine ganz große Rolle dabei gespielt hat, als es die Region Abchasien annektiert hat. Und auch Südossetien. Und in Georgien haben wir das Problem Berg-Karabach zwischen Armenien und Aserbeidschan, das noch ungelöst ist. Ich denke, dass Russland eine wichtige Rolle bei der Lösung der Probleme spielt. Die Annexion Abchasiens braucht Russland, um einen besseren Zugang zum Schwarzen Meer zu erreichen.

Wladimir Putin:„Das  Recht der Bürger auf eine objektive Information ist die Hauptpriorität in der Entwicklung einer Bürgergesellschaft“

 

Igor Jakowenko
Vorsitzender des Journalistenverbandes

„Die Medien in Russland haben aufgehört, ein Platz für den Meinungsaustausch und öffentliche Debatten zu sein, für Auseinandersetzungen und Kritik...“
Wladimir PosnerTalkmaster und Präsident der russischen Fernsehakademie„Sie verdummen die Bevölkerung, denn die erfährt nicht, was in Wirklichkeit passiert im Land“

 

Boris Reitschuster Focus-Korrespondent und Autor des Buches „Putins Demokratur“

 

„Anders als die Sowjetherrscher haben ihre Nachfolger im Kreml begriffen, dass es nicht notwendig ist, alle kritischen Stimmen zu unterdrücken. Im Gegenteil: Es ist weitaus sinnvoller, wenn man sie zu Wort kommen lässt, aber dafür sorgt, daß nur ein kleiner Teil der Bevölkerung ihre Äußerungen zu hören bekommt und der Großteil ausschließlich der staatlichen Propaganda ausgesetzt ist.“


Lew Gudkow Soziologe 
„Eine Bürgergesellschaft ist das nicht“

 

Wladymir Ryschkow
„Wenn jemand sagt, es gibt Pressefreiheit in Russland, sage ich, Ja für ein Prozent der Bevölkerung, wenn die Frage lautet; für alle? sage ich nein.“ 

Wer waren die Auftraggeber des Mordes?

Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes
(Wieser Verlag, 2007) ISBN: 978-3-85129-652-5

 

Wer sind die wahren Täter?

Rezension  ePolitik

 

Ein Sammelband anlässlich des Todes von Anna Politkowskaja bietet Aufsätze, die sich um ihr Leben und Wirken drehen sowie einige unveröffentlichte kurze Artikel von ihr selbst, die nun posthum erscheinen. 

 

Von Christian Noß

 

Zur Erinnerung: Anna Politkowskaja wurde 2006 in ihrer Moskauer Wohnung ermordet. Sie hatte als eine der wenigen russischen Journalisten bis zuletzt über die Kriege in Tschetschenien berichtet. Deutsche und russische Journalisten und Wissenschaftler berichten in dem Buch Chronik eines angekündigten Mordes aus der russischen Gegenwart, in der ein solcher Mord geschah, und versuchen, dem raschen Vergessen der Tat in den westeuropäischen Medien entgegenzuwirken.

 

Einer der Aufsätze stammt von der Historikerin Irina Scherbakowa, die für die russische NGO Memorial den Geschichtswettbewerb Der Mensch in der Geschichte. Russland im XX. Jahrhundert organisiert. Ihr Beitrag hat nicht direkt etwas mit der Person Anna Politkowskaja zu tun, der Wettbewerb steht jedoch den Arbeiten der Journalistin geistig nahe. Jugendliche sollen zum genannten Thema einen Aufsatz verfassen, in dem sie die Geschichte eines Familienmitglieds vorstellen und sich so mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen. Ein Ziel des Wettbewerbs besteht darin, regionale Erinnerungen zu erforschen und so eine Art nationales Gedächtnis zu konstruieren.

Fast jede Familie auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ist von Verfolgung, Umsiedlung oder Verbannung betroffen. Durch die Auseinandersetzung mit solchen „Geschichten“ als Teil der eigenen Familiengeschichte sollen die Jugendlichen für das vergleichbare Leid der Tschetschenen sensibilisiert werden. Außerdem hofft man, dass sie ein historisches Bewusstsein erlangen, das der momentan stattfindenden Mythologisierung der sowjetischen Geschichte, insbesondere der Stalin-Zeit, entgegenwirkt.

 

Im Jahr 2004 haben auch Beiträge tschetschenischer Jugendlicher den Weg in den Wettbewerb gefunden. Bei ihnen fällt auf, dass sie sich erwartungsgemäß vornehmlich mit dem Krieg und seinem plötzlichen Hereinbrechen befassen. Aber auch die stalinistischen Deportationen von 1944 spielen eine Rolle. Die Beiträge machen deutlich, wie dringlich eine Aussöhnung von Russen und Tschetschenen und die Rückkehr zum normalen Umgang miteinander wäre – und wie schwierig angesichts des erfahrenen Leids auf tschetschenischer Seite.

Fritz Pleitgen und die Dissidenten

In einem anderen Text erinnert sich der Journalist Fritz Pleitgen an seine Zeit als Moskau-Korrespondent der ARD in den 1970-er Jahren. Er berichtet darin von ersten Kontakten zu Dissidenten und verknüpft diese Erinnerungen mit einem Abriss zur Entstehung der Bürgerrechtsbewegung in der Sowjetunion während derTauwetterperiode der 1950-er Jahre.

 

Er beschreibt, wie die Dissidenten auch in den schwierigen 1970-er und 1980-er Jahren für den „Geist der Freiheit“ kämpften und sich für die Menschenrechte stark machten. Man spürt, wie sehr sich Pleitgen solche Bürgerrechtler auch heute wünscht, wenn er feststellt, dass die NGOs es unter der Putin-Regierung immer schwerer haben, da sie mit dubiosen bürokratischen und gesetzlichen Hindernissen zu tun haben.

Pleitgen verknüpft diese Feststellung mit einem längeren Sacharow-Zitat von 1980, das, so Pleitgen, nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: „Die Menschen im Land sind zu einem gewissen Grad desorientiert und eingeschüchtert. Ebenso wesentlich vorhanden ist ein gewisser Selbstbetrug und Selbstschutz vor schwierigen Problemen.

 

Das Plakat mit der Aufschrift ‚Partei und Volk sind eins’, das fast jedes fünfte Haus schmückt, enthält durchaus keine leeren Worte. Aber aus demselben Volk sind auch Menschenrechtler hervorgegangen. (…) Ich bin überzeugt, das ihr Werk auf die eine oder andere Weise eine Fortsetzung findet. Denn (…) es geht hier um den qualitativen Durchbruchsfaktor der psychologischen Schallmauer (…).“

Pleitgen vergleicht schließlich den Geist und die Charakterstärke Andrej Sacharows mit denen Politkowskajas und wünscht sich für sie eine internationale Auszeichnung von hohem Rang. So erstaunlich schnell, wie ihr Tod mittlerweile aus den Medien verschwunden ist, wird es wohl beim Wunsch bleiben.

 

Antidemokratisches Russland

 

Sehr aufschlussreich ist der Beitrag des Filmemachers und Schriftstellers Andrei Nekrasov. Er liefert eine Zustandsbeschreibung der russischen Gesellschaft mit kleinen Seitenhieben auf den Westen, der die Entwicklungen in Russland unter Putins Regierung begünstigt hat. Im Wesentlichen konzentriert er sich jedoch auf Russland und geht der Frage nach, weshalb so ein scheinbar moderner und aufgeklärter, offenbar beliebter Kerl wie Putin immense Anstrengungen auf sich nimmt, um jede freie Stimme im Land zum Schweigen zu bringen. Nekrasovs Antwort: Es gibt Leichen im Keller. Einige von ihnen nennt er anschließend beim Namen, so zum Beispiel die Beteiligung des Geheimdienstes an geplanten Anschlägen in Moskau, die anschließend Tschetschenen zugeschrieben werden sollten.

 

Nekrasovs zweites großes Thema ist der zunehmende aggressive Nationalismus in Russland, der sich vor allem gegen Minderheiten aus den südlichen Nachbarländern richtet. Nekrasov vermutet, dass er sich aus der Wut über die soziale Ungerechtigkeiten als Folgen der Jelzin-Ära sowie aus nostalgischem Denken an sowjetische Großmachtzeiten heraus entwickelt hat. Andererseits stellt er fest, dass es gerade bei der neuen Oberschicht, also den Gewinnern des Systems, „in“ ist, nationalistisch zu denken.

 

Nekrasov macht Putin für diese Entwicklung Russlands zu einem antidemokratischen Land verantwortlich. Hier ist er Politkowskaja sehr nahe, die ebenfalls Putin als Person angriff und ihm Schuld zuschrieb. Nekrasov geht sogar so weit, dass er die Mörder Politkowskajas in den Kreisen der extremen Rechten vermutet, die von Putin nicht bekämpft wird. An dieser Stelle ist sein Aufsatz jedoch rein spekulativ.

Ein großes Plus dieses Sammelbandes sind sicherlich die unveröffentlichten Texte Politkowskajas, kurze Artikel in ihrem typischen Stil zu politisch brisanten Themen, die beispielhaft für ihre Arbeit stehen. Dennoch ist das Buch wohl vor allem für Leser interessant, die sich noch nicht mit Anna Politkowskaja beschäftigt haben.

 

So gibt Harald Loch einen Überblick über die wichtigsten auf Deutsch erschienenen Texte der Journalistin mit ausführlichen Zitaten. Und auch der Anhang mit weiterführender Literatur zum Thema ist hilfreich. Hat man sich jedoch schon mit Leben und Werk der Journalistin beschäftigt, so bieten einige Aufsätze lediglich Wiederholungen von bereits Bekanntem. Auch merkt man es manchen Beiträgen an, dass sie nicht aufeinander abgestimmt wurden, da sich über das Buch verteilt einige Wiederholungen zu Lebensstationen Politkowskajas.

PUTIN HAT GEBURTSTAG

EIN ABEND FÜR ANNA POLITKOWSKAJA

Reaktionen auf das Buch

 

Am 7. Oktober 2007 jährt sich der Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja und das Hans Otto Theater POTSDAM möchten mit einem ihr gewidmeten Abend nicht nur ihre journalistische Arbeit und ihren Mut ehren, sondern auch mahnen, denn: „Wenn erst der letzte mutige russische Journalist tot ist, wird der Mörder mit der dunklen Baseballkappe auch zu den west-europäischen Publizisten kommen.“ Mainat Abdullajewa

 

Die Regisseurin Petra Luisa Meyer hat auf den Schriften von Anna Politkowskaja und anderen Quellen basierend (u. a. das Buch von Norbert Schreiber „Anna Politkowskaja.Chronik eines angekündigten Mordes. Wieser Verlagein Stück geschrieben, das nicht nur die Verbrechen in Beslan und den Tschetschenienkrieg zum Thema hat, sondern auch auf die Gefahren des Wegschauens der Demokratien, insbesondere auch Deutschlands, hinweist.Die Inszenierung ist ein Plädoyer für die Presse- und Meinungsfreiheit, ohne die ein Land keine Demokratie ist.

 

„Ich bekomme oft zu hören: Du bist eine Pessimistin, du glaubst nicht an die Kraft des Volkes, du bist eine Putin-Gegnerin und siehst nichts mehr. Ich sehe alles. Das ist gerade das Problem. Das Gute wie das Schlechte. Dass die Leute das Leben zum Guten verändern wollen – und dass sie dazu nicht imstande sind, und um sich in ihren eigenen Augen aufzuwerten, verharren sie in der Lüge: indem sie sich hinter der Betrachtung des Positiven verstecken und dem Beiseitewischen des Negativen – als gäbe es das nicht.“ Anna Politkowskaja.

Ein Krieg der Atome

Verstrahlt. Vergiftet. Vergessen. Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren
(Insel Verlag 1996) ISBN 3458167765

Die Katastrophe vor Fukushima
Hirntumore nehmen zu
Spätfolge:Leukämie

Wladimir Starowoitow bricht zusammen. Ohne Bewusstsein wird er ins Krankenhaus eingeliefert: "Es war als wäre ein Krieg ausgebrochen", schildern Augenzeugen die Ereignisse am Katastrophen-Ort.

Samstag, 26.April, 1 Uhr, 23 Minuten, 4o Sekunden, der 31 Jahre alte Betonarbeiter Wladimir Starowoitow aus dem Ort Pripjat hört plötzlich ein lautes Krachen, ein heller blauer Blitz taucht über dem Kraftwerksgelände auf. Dann folgt eine gewaltige Detonation. Eine Wasserstoff-Explosion reißt das Dach auf.

 

180 000 Kilogramm hochradioaktives Material befinden sich im Inneren des Reaktors. Das explosive Potential entspricht der Menge von 1000 Hiroshima-Bomben. Mindestens 2oo verschiedene radioaktive Stoffe werden wie Lavafontänen, aber für das menschliche Auge unsichtbar, in die Atmosphäre katapultiert. Aus dem gelben Himmel regnet radioaktiver Ruß herab.

Kindersterben in Belarus
Der explodierte Reaktor
Kinder leiden an Spätfolgen
Total zerstört-das Reaktorgebäude

Ist der Europa-Appetit vergangen?

Wie schmeckt Europa? mit Lojze Wieser

(Wieser Verlag, 2008) ISBN: 978-3-85129-836-9

Menu à la Brüssel?

Wie schmeckt Europa?

Norbert Schreiber / Lojze Wieser (Hg.) Edition Geist & Gegenwart 373 Seiten, englische Broschur EUR 15,00 / sfr 26,90

 

Über das Buch: Dem Geschmack Europas nähern sich namhafte Autorinnen und Autoren im Begleitband des 3. Pfingstdialoges 2009. Jean Ziegler, Eva Rossmann, Manfred Buchinger, Superintendent Hermann Miklas, Manfred Lutz, Rolf Schwendter, Kerstin Tomenendal, Alfred Schubeck, Matthias Opis und Susan Milford sind nur einige, die sich dieses Themas aus verschiedenen Blickwinkeln annehmen. ≫Die vorurteilsfreie und qualitatvolle Diskussion kontroverser Standpunkte brauchen wir für die positive Weiterentwicklung der Zukunftsregion im europäischen Kontext≪, meint Hermann Schützenhofer. ≫Der Sozialstaat wird in seiner etablierten Form vor grosse Herausforderungen gestellt, denen nur in einer gemeinsamen Strategie entsprochen werden kann≪, ist Diözesanbischof Egon Kapellari überzeugt. Man darf auf die Antworten gespannt sein.

 

Mit Beiträgen von: Max Annas, Manfred Buchinger, Birgit Damer, Valeria Heuberger, Gunther Hirschfelder, Herwig Hösele, Cornelia Krause, Mark Kurlanski, Norbert Lewandowski, Manfred Lutz, Barbara Maier, Martina Meuth, Susan Milford, Sophie Monnert, Bernd Neuner-Duttenhofer, Josef Ober, Matthias Opis, Bernhard Pelzl, Udo Pollmer, Manfred Prisching, Joel Robouchon, Eva Rossmann, Alla Sacharowa, Friedrich Karl Sandmann, Martha Schad, Gregor M. Schmid, Barbara Schmied-Langer, Susanne Scholl, Norbert Schreiber, Alfons Schuhbeck, Susan Seligson, Hans Sunkel, Yoko Tawada, Kerstin Tomenendal, Rudolf Trefzer, Pierre Troisgros, Erwin Wagenhofer, Christoph Wagner, Susanne Warmuth, Lojze Wieser, Wilhelm IV., Larry Zuckermann.

 

Das Textmenü wird angereichert durch Statements von: Soleiman Ali, Wolfgang Benedek, Christian Felber, Benita Ferrero-Waldner Manfred Flieser, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Alfred Gutschelhofer, Martin Hablesreiter, Franz Harnoncourt-Unverzagt, Mats Hellström, Dieter Hundt, Egon Kapellari, Richard Kühnel Jadran Lenarčič, Joseph Marko, Meinhard Miegel, Hermann Miklas, Hans Schnitzer, Susanne Scholl, Kurt Scholz, Margit Schratzenstaller, Hermann Schützenhofer, Georg Schulz, Josef Smolle, Dieter Spöri, Hans Staud, Sonja Stummerer, Herwig Sturm, Hans Sunkel, Wolfhard Wegscheider. Die Zitate aus den Briefen und Texten Erzherzog Johanns hat Herwig Hösele ausgewählt.

Schlecht geträumt

Europa was nun? Träume und Traumata
(Wieser Verlag, 2007) mit Lojze Wieser 13-978-3-85129-607-5

Vorwarnungen vor der Europakrise

Europa was nun? Träume und Traumata
Norbert Scheiber/Lojze Wieser (Hg.)
Essays Edition Geist & Gegenwart
200 Seiten, englische Broschur
EUR 15,00 / sfr 26,00


Zum Buch

 

Europa ist am Scheideweg angelangt. In welche Richtung wird es sich entwickeln. Wird sich die Auseinandersetzung konzentrieren auf den Versuch, ökonomisch und politisch in Konkurrenz mit den USA zu treten, oder wird ein Weg gefunden werden, diese Auseinandersetzung im Einklang mitden kulturellen und menschlichen Werten der gegenseitigen Achtung zu finden?

 

Mit Beiträgen von:
Erhard Busek, Monika Kircher-Kohl, Veit Heinichen, Wolfgang Petritsch, György Dalós, Kurt Scholz, Manfred Prisching, Egon Kapellari, JeremyRifkin, Norbert Schreiber, Susanne Scholl, Hans DietrichGeenscher u. a., und dem "Memorandum Laboratorium Europa" der Tagung 2005 und mit Statements von Martin Bartenstein, Andreas Brandstetter, Christian Buchmann, Karl Dedecius, Gerhard Draxler, Kristina Edlinger-Ploder, Benita Ferrero-Waldner, Michael Fleischhacker, Jirí Grusa, Christoph Kotanko, Klaus Liebscher, Markus Mair, Hermann Miklas, Rudolf Mitlöhner, Peter Mühlbacher, Hubert Patterer, Peter Pelinka, Jochen Pildner-Steinburg, Horst Pirker, Hans-Gert Pöttering, Stojan de Prato, Hans Rauscher, Manfred Reichl, Walter Rotschädl, Hermann Schützenhöfer, Veit Sorger, Wolfgang Unterhuber, Franz Voves, Lojze Wieser.


Europa ist am Scheideweg angelangt. In welche Richtung wird es sich entwickeln? Der Versuch einer Annäherung.
quergelesen, Buchkultur Österreich


Die Autoren berichten von ihren eigenen Erfahrungen und stellen ihre Sicht der Dinge dar, sodass der Leser einen Einblick in die persönlichen Erlebnisse und Gedanken bekommt.
Zeitschrift für Politikwissenschaft

Ein Buch über das Waldmeer

Böhmerwald Reihe Europa erlesen
(Wieser Verlag, 2007)  ISBN 978-3-85129-683-9

Das grüne Dach Europas

Buchpräsentation im Schloss Buchenau

Alle Fotos Günther Hannes

Nachwort des Herausgebers

Norbert Schreiber

 

Das „Grüne Dach Europas“ wölbt sich schützend über der Dreiländer-Region Bayerischer Wald, Böhmerwald und Mühlviertel und eint auf natürliche, wilde Art und Weise ein Waldviertel zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien, in dem die Menschen Jahrhunderte lang gegen die Natur ankämpfen mussten, um zu überleben. Sie suchten Schutz vor der Natur. Heute ist es umgekehrt, es schützt der Mensch die letzten Wald- und Urwaldreservate und eine der schönsten Naturlandschaften Europas: dichte Wälder, soweit das Auge reicht, massive Granitberge, Gipfel in Schnee und Eis, gewitterwolkenumhangen oder sonnenbestrahlt mit garantierter Fernsicht, tiefgrüne Seen und ewig grüne Wiesentäler, reißende Flüsse, kalte Bergbäche, Forellenteiche, geheimnisvolle Hochmoore. Natur pur, wild und ursprünglich, erholsam, und die Kraft des Menschen zugleich fordernd.


Holz, Glas, natürliche Wälder und die Musik aus Böhmen sind die „Rohstoffe“ dieser von Adalbert Stifter geliebten und so malerisch beschriebenen Landschaft. 


Hier trennte einst der „Eiserne Vorhang“ willkürlich nach politischen Systemen, was heute nach der Wende als Ökosystem und neue Nachbarschaft wieder zusammenwächst. Ob widerständige Kämpfer in den Glaubenskriegen oder machtbewusste Eroberer, wandernde fromme Mönche oder Handel treibende Salzhändler, die künischen Bauern oder die fleißigen Glasmacherfamilien, die reichen Holzhändler und armen Reisemusikanten, sie alle schufen in der Geschichte dieser Region natürlich gewachsene menschliche Verbindungen, an die trotz der schlechten Erfahrungen in gemeinsamer Geschichte in den Kriegen und danach im Frieden jetzt wieder angeknüpft werden kann. 
Der Böhmerwald und der Bayerische Wald verschmelzen zu „grenzenloser“ Natur, in der sich Tschechen und Deutsche unbefangener begegnen können als je zuvor in den vergangenen Zeiten an den politischen Verhandlungstischen möglich war, als Zaun und Stacheldraht, Wachtürme und Grenzkontrollen den politischen Blick versperrten. 

Fotos Vaclav Chabr

Javor, Javor.....Arber

„Europa erlesen. Böhmerwald".

Herausgegeben von Norbert Schreiber. Wieser Verlag Klagen-furt. ISBN 13978-3-85129-683-9.

 

„Javor, Javor", rufen mir zwei junge Leute am 3. Februar 1990 entgegen. Das neue gegründete Bürgerforum in Tschechien hat eine Menschenkette organisiert: Uber drei Kilometer ist sie lang, und über 50 000 Menschen haben sich daran beteiligt: Erprobung der Grenzöffnung. Aus vermeintlichen Feinden sollen jetzt auf Anhieb Freunde werden. Was heißt bloß „Javor"? Mit Händen und Füßen machen die beiden Tschechen mir klar, sie wollen auf den Arber, auf den Gipfel stürmen, den sie oft vom Osten aus nur mit den Augen aus der Ferne bestaunen, ihn aber nie besteigen konnten ... Norbert Schreiber, Jahrgang 1949, ist Hesse und wohnt im Bayerischen Wald, laut Buchtext in Spiegelhütte. Ja, was heißt bloß Javor? Laut Wörterbuch Ahorn. Doch was hat das mit dem Arber zu tun? Sollte es vielleicht Bavor heißen? Möglich, denn das ist der Bayer. Der Journalist Schreiber hat der Versuchung widerstanden, ein politisches Buch zu schreiben und das ist gut so. Statt dessen hat er der Reihe „Europa erlesen", die schon 100 Bände umfasst, das 250 Seiten starke Taschenbuch hinzugefügt, in dem Autoren ihre Stimme erheben, die auf irgend eine Weise mit dem Böhmerwald zu tun haben. Darunter auch viele Sudetendeutsche, obwohl Schreiber das Wort vermeidet, auch echte Bayern, wie der Kollege Paul Friedl, der „Baumsteftenlenz" aus Zwiesel. Und natürlich darf Karel Klostermann nicht fehlen, ein echter „Böhme", dessen Elterngrab von den tschechischen Besatzern geschändet wurde.        - hph

PASSAUER NEUE PRESSE

Lust auf Demokratie?

Demokratie das sind wir alle mit Dr. Hildegard Hamm-Brücher
(Zabert und Sandmann 2009) ISBN 9783898832311

60 Jahre Demokratie in Deutschland
Hildegard Hamm-Brücher
Die Essays wurden beim Demokratietag in hr 2, dem Kulturprogramm des Hessischen Rundfunks ausgestrahlt.
Hildegard Hamm-Brücher.mp3
MP3-Audiodatei [1.6 MB]
Buchpräsentation mit Joachim Gauck in Berlin

Leser-Rezension
Waltraud Weiß

 

Geschichte zum anfassen und 60 Jahre Demokratie in einem Band. Eine gelungene Mischung aus Rückschau, der Identifizierung mit unserem Land und das wir alle dafür verantwortlich sind, was in der Zukunft mit unserem Land und unserer Demokratie geschieht.

Schön sind die vielen Beiträge der Zeitzeugen, sie führt mit Lockerheit durch unsere Geschichte und bringt verschiedene Meinungen zu Tage. Wir erleben den Mauerfall nochmals und bringen diese demokratische Meisterleistung unseren Kindern näher. Für die ab 1989 geborenen gibt es nur ein Deutschland.  Mit diesem hochwertigen Buch schauen wir gern zurück oder blättern gemeinsam mit unseren Enkeln und Kindern im Buch.

 

Dieses Buch sollte jeder junge Mensch lesen. Ich - als alter Mensch, der vieles von dem Erzählten miterlebt hat - sage: wie gut, dass wir diese 60 Jahre - und dazu noch friedlich - geschafft haben. Wunderbar wäre, würden wir weitere 60, 100 Jahre schaffen. Alle die beschriebenen Persönlichkeiten sind es wert, ihnen den Preis der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit zu verdanken.

Präsentation des Buches am Brandenburger Tor

Demokratie-Bilanz

Die aufgeklärte Republik mit Dr. Hildegard Hamm-Brücher
(C. Bertelsmann 1989) ISBN 9783570026700

Diskussion über Demokratie

Die Zukunft unserer Demokratie von Paul Noack, Hildegard Hamm-Brücher, Norbert Schreiber, München, (dtv 1979) 

 

Demokratietagung mit Verfassungsorganen

 

Die Pflicht zum Widerspruch ist im Gehalt inbegriffen...

Theodor Heuss

1. Bundespräsident der BRD

1884 – 1963

 

Ich bin, wie ich bin...

Die einen kennen mich, die anderen können mich...

Dr. Konrad Adenauer

eig. Konrad Hermann Joseph Adenauer

1. Bundeskanzler der BRD

1876 – 1967

 

Nicht der Krieg, sondern der Frieden ist Vater aller Dinge...

Willy Brandt

eig. Herbert Ernst Karl Frahm

4. Bundeskanzler der BRD, 1971 Friedensnobelpreis

1913 – 1992


Nichts geschieht ohne Risiko,

aber ohne Risiko geschieht auch nichts...

Walter Scheel

4. Bundespräsident der BRD, davor Außenminister, gelernter Bankkaufmann, geb. 1919

 

Das Leben hat mir nichts geschenkt, aber viel gegeben...

Hans-Dietrich Genscher

dt. Politiker, geb. 1927


Mehrheiten können sich, wie die Geschichte lehrt, sehr wohl irren...

Dr. Helmut Kohl

eig. Helmut Josef Michael Kohl


Das Volk ist viel besser als seine Regierung

und deshalb verdient es eine andere...

Gerhard Schröder

7. Bundeskanzler der BRD, geb. 1944


Wer Visionen hat,

sollte zum Arzt gehen...

Helmut Schmidt
5. Bundeskanzler der BRD, geb. 1918 

Leben als Literatur

Närrisch an das Leben glauben
Gespräch mit Lenka Reinerová
(Wieser Verlag 2008) Reihe GEHÖRT GELESEN ISBN: 13-978-3-85129-807-9
Lenka Reinerová war die letzte deutschsprachige Autorin aus dem Kreis Prager Literaten um Egon Erwin Kisch und Max Brod

Lenká Reinerova vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestages

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, Herr Präsident, sehr verehrte Angela Merkel, meine Damen und Herren und – schließlich - liebe Freunde. 

Dass ich heute und hier zu Ihnen sprechen kann, ist für mich, wie Sie mir gewiss glauben werden, ein ganz besonderes Erlebnis. Eine Jüdin aus Prag, der Hauptstadt der kleinen demokratischen Republik der zwanziger und dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Dieser kleine demokratische Staat, mit der langen Grenze an Deutschland, war in den dreißiger Jahren für alle Nazigegner ein ersehntes und sogar erreichbares Asylland. Das wurde auch im großen Maße ausgenützt. In Prag lebte damals zum Beispiel der Philosoph Ernst Bloch, dessen einziger Sohn hier auf die Welt gekommen ist. Die Brüder Thomas und Heinrich Mann haben sogar die Staatsbürgerschaft zugesprochen bekommen. Aus Berlin verlegte der Prager deutsch-sprachige Schriftsteller Franz Carl Weiskopf die Redaktion der AIZ – der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung - nach Prag. Wieland Herzfelde eröffnete hier von neuem seinen Malik-Verlag, sein Bruder John Heartfield schuf in der tschechischen Hauptstadt eine Reihe großartiger Fotomontagen. Der Schauspieler Wolfgang Langhoff emigrierte nach seiner Freilassung aus dem KZ Börgermoor zu uns und brachte eines der ersten Bücher über den Naziterror, „Die Moorsoldaten“ aus dem KZ mit. 

Bertolt Brecht und Helene Weigel lebten eine kurze Zeit in Prag ebenso wie noch viele andere auch. In jener Zeit wurde in der böhmischen Hauptstadt eine große Manifestation gegen den Nationalsozialismus organisiert, sie fand in dem vielleicht größten Saal von Prag, in der 
Lucerna statt. Auf dem Programm stand unter anderem auch das Auftreten eines kurz zuvor aus dem KZ Fuhlsbüttel entlassenen Häftlings. Es war ein Hamburger Arbeiter, der später der Schriftsteller Willy Bredel wurde und ein Buch über das KZ schrieb unter dem Titel „Dein unbekannter Bruder“. Er wurde von den Menschen stürmisch begrüßt, sprach sehr sachlich über seine Erlebnisse und stockte mit einem Mal. Er sagte „Jetzt weiß ich nicht, war das vor meiner ersten oder meiner zweiten Auspeitschung.“ Ich war damals ungefähr siebzehn Jahre alt und in mir stockte das Blut. Da steht ein Mann vor mir, keine Heldenfigur, ein untersetzter bescheidener Mensch. Und er wurde ausgepeitscht? Ich konnte es nicht fassen. 


Bald darauf erhielt ich meine erste journalistische Anstellung. Eben in der Weiskopfschen AIZ. Ich war dort, um es kurz zu sagen, das Mädchen für alles. Unter anderem oblag mir auch die Verwaltung des Fotoarchivs. Da gab es unter vielen die Aufnahme einer hübschen jungen Frau mit einem kleinen Kindchen. Das Foto war hell und der große und der kleine Mensch sahen fröhlich aus. Nur - sie hatte dieses Kind im Gefängnis auf die Welt gebracht, das Kind wurde ihr genommen und sie selbst wurde hingerichtet. Die Frau hieß Lilo Hermann. Wann immer ich dieses Foto aus dem Archiv hervorholte, zitterten meine Hände. Da war etwas, das ich auf keinen Fall verstehen konnte. Aber es wurde noch schlimmer. 
1939 besetzte die Wehrmacht meine Heimat und machte sie zum Protektorat Böhmen und Mähren. Von diesem Tag an, durften die jüdischen Bürger nicht mehr auf Gehsteigen gehen, sie durften sich in Parkanlagen auf keine Bank setzen. Sie durften keine Transportmittel benützen, keine öffentlichen Telefonautomaten, sie durften weder auf die Hauptpost, geschweige denn in ein Kino gehen. Sie durften am besten nicht sein. Meine gesamte Familie, elf Personen, wurde von den Nazis umgebracht, beginnend mit meiner Großmama, bis hin zu meiner älteren Schwerster, die mit ihrem damals ungefähr 7-9 Jahre alten kleinen Sohn ins Gas gestoßen wurde. 


Ich überlebte, weil ich am Tage der Besetzung nicht im Lande weilte. Und so begann für mich das Exil. Unter anderem saß ich in Paris ein halbes Jahr in Einzelhaft, im berüchtigten 
Frauengefängnis La Petite Roqette, das es zum Glück nicht mehr gibt, danach ungefähr zwei Jahre im Internierungslager für lästige Ausländerinnen RIEUCROS. Dank der Bemühungen guter Freunde, vor allem der Schriftsteller Egon Erwin Kisch und des schon erwähnten Franz Carl Weiskopf, bekam ich ein Visum und eine Schiffskarte nach Mexiko. Unterwegs blieb ich für ein halbes Jahr in Marokko stecken. Erst war ich im Lager OUED ZEM am Rande der Sahara und, nach sechs Monaten in Casablanca, kam ich dann glücklich in Mexiko an. Dort hatte ich die große Chance, dass eigentlich gleich nach meiner Ankunft die diplomatischen Beziehungen zwischen Mexiko und der tschechoslowakischen Exilregierung in London angeknüpft wurden. Und ich habe vom ersten Tag an in dieser diplomatischen Mission gearbeitet. Glücklich, dass ich wenigstens von Weitem ein kleines bisschen zum großen Kampf gegen den Faschismus beitragen konnte. 


Wir erhielten aus London die verschiedensten Nachrichten und eines Tages eine ganz merkwürdige. Im Schlösschen Wannsee im Westen Berlins fand eine Arbeitskonferenz statt, an der hohe Beamte, durchwegs gebildete und studierte Leute, teilnahmen unter der Leitung eines Reinhard Heydrich, des späteren Vizeprotektors von Böhmen und Mähren. Dieser wurde als solcher vom tschechischen Widerstand umgebracht. Unter den Teilnehmern waren aber auch Adolf Eichmann, Heinrich Himmler und lauter hochgestellte Beamte. Verhandelt wurde, wie man schnell und tunlichst billig die sechs Millionen Juden Europas ein für alle Mal loswerden könnte.

 

Dort entstand die Idee des Holocausts. Die Juden sollten also restlos liquidiert werden, was aber sollte mit den so genannten minderwertigen Völkern geschehen, als da waren die Tschechen, Slowaken, Polen usw. Ein Vorschlag war, man sollte sie alle in irgendwelche völlig entlegenen Regionen aussiedeln, oder wenn das zu teuer käme, sie vor allem in die Kriegsmaschinerie Deutschlands einbauen und sie dabei bis zur absoluten Erschöpfung für das Dritte Reich schuften lassen. 


Wenn man heute über diese Dinge spricht und vor allem nachdenkt, will man sie eigentlich gar nicht glauben. Aber es sind leider Tatsachen. Damit etwas Ähnliches nie wieder 
auf uns zukommen kann, glaube ich, müssen wir viel mehr Verständnis für die Andersartigkeit riesiger Massen der Bevölkerung unseres Planeten aufbringen, um einem solchen Unglück, wie es in letzter Zeit der Terrorismus darstellt, rechzeitig und gründlich beikommen zu können. Denn dass wir friedlich miteinander leben wollen und können, ist vielleicht eine Selbstverständlichkeit, die allerdings unterstützt und behütet werden muss. Es scheint mir, dass wir immer noch zu wenig Verständnis für die Lebensart, die Tradition und den Glauben eines sehr großen Teils unserer Mitmenschen auf diesem Planeten aufbringen. Das geschriebene Wort sollte dabei so wirksam wie nur möglich mithelfen.


Ich bin, und das ist keine Neuigkeit, der letzte deutschsprachige Autor in der Tschechischen Republik. Im Hinblick darauf, dass meine ganze Familie dem deutschen Nazionalsozialismus zum Opfer gefallen ist, wurde mir diese Tatsache eine gewisse Zeitlang beinahe vorgeworfen, zumindest ungern gebilligt. Das hat sich mit der Zeit schließlich geändert und heute finde ich viel Verständnis dafür, dass ich eine gewisse Kontinuität aufrechterhalte und zu dem, glaube ich, dass wirklich jeder von uns nach seinen Möglichkeiten zum gegenseitigen Verständnis beitragen sollte. Deshalb bin ich auch sehr froh, dass meine Bücher im Laufe der letzten Jahre einen tschechischen Verleger gefunden haben und von den Lesern sehr gut und warmherzig aufgenommen werden. Ich hoffe sehr, dass ich eine bescheidene kleine „Klammer“ für das gegenseitige Einandernäherkommen geworden bin. Falls dem so ist, bin ich zufrieden.


Ich bin allerdings überzeugt davon, dass wir noch mehr tun müssen, um einander möglichst gut zu verstehen. Das hat mich u.a. dazu veranlasst, in Prag ein Literaturhaus unserer deutschsprachigen Autoren zu gründen, denn wir haben nicht nur Franz Kafka, Werfel, Rilke und Egon Erwin Kisch, sondern den ganzen Prager Kreis mit einer Reihe sehr interessanter, nur leider in Vergessenheit geratener Autoren. Zu dem wollen wir tschechischen Schriftstellern Stipendien nach Deutschland und deutschen zu uns gewähren, um ein besseres Näherkommen zu ermöglichen. Denn ich glaube, die Schrecken des Faschismus mit dem unvorstellbaren 
Massenmord des Holocaust haben wir zum größten Teil hinter uns gebracht. Jetzt geht es darum, dass neue Unheil, den Terrorismus zu bekämpfen. Das müssen und können wir nur gemeinsam tun, jeder mit seinen Mitteln und Möglichkeiten. Es muss und wird uns gelingen, auch diesem Verbrechen den Boden zu entziehen und das Leben für uns alle besser, nutzvoll und freudig zu gestalten. 
Das ist es, was ich Ihnen hier und heute sagen wollte, und ich danke Ihnen, dass Sie mich angehört haben. 
Lenka Reinerová, Prag