Das politische Buch

Menschen - Themen - Hintergründe

Versailles 1919 (Doppelbesprechung)

Vor hundert Jahren endete der Erste Weltkrieg mit einem Waffenstillstand. Damit endete auch „die Welt von gestern“. Die Friedensverträge von Versailles und anderen Pariser Vororten beurkundeten die Ergebnisse. Die Hoffnungen auf eine „Welt von morgen“ erfüllten sich nicht. Aus der Perspektive von heute müssen sie als gescheitert angesehen werden. Deshalb lohnt sich ein Blick zurück, den zwei deutsche Historiker zum Jahrestag vorlegen: Der 1963 geborene Eckart Conze ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Marburg. Der vier Jahre jüngere Jörn Leonhard bekleidet einen vergleichbaren Lehrstuhl in Freiburg. Die Vorgeschichte, die Konferenz selbst und ihre Ergebnisse gehören zu den besonders gründlich erforschten und gut erzählten Ereignissen der Historiographie. Aber jede Generation schreibt die Geschichte neu für ihr Publikum. Das ist angesichts der Fehler, die bis heute nachwirken, auch richtig und notwendig.


Über die Ursachen und die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist seit Christopher Clarks Schlafwandler-Paukenschlag neu diskutiert worden. Wäre es nicht an der Zeit, auch die Verträge von Versailles und den anderen Pariser Vororten neu zu beurteilen? Bislang gelten die Fehler von Versailles je nach Perspektive wie in historiographischen Zement gemeißelt: Aus damaliger deutscher Sicht waren das die Gebietsverluste an Frankreich und Polen, der Verlust der Kolonien, die Höhe der Reparationen und die Bürde der alleinigen Kriegsschuld, also die Verknüpfung von Schuld und Schulden, die als Fehler und Ursachen für die bekannte Fortsetzung des 19. Jahrhunderts beurteilt wurden. Immer noch aber gilt die Nichtbeteiligung Deutschlands am „Aushandeln“ der Friedensbedingungen als eine Demütigung des deutschen Volkes.

 

Aus britischer und französischer Sicht muss bis heute die Tatsache bedauert werden, dass es nicht gelungen war, den deutschen Militarismus auf Dauer einzuhegen. Hätten die Friedensbedingungen nicht noch viel härter sein müssen, um die Nazikatastrophe zu vermeiden? Italien fühlte sich als Siegermacht ebenso um den Lohn für die verlustreiche Beteiligung am Krieg auf Seiten der Alliierten betrogen, was angeblich direkt in den Faschismus führte. Japan beklagte die nicht gelungene Festschreibung der Gleichheit aller Völker und „Rassen“. Das beflügelte den japanischen Imperialismus. In den USA ratifizierte die republikanische Mehrheit im Kongress weder die Friedensverträge noch trat das Land dem von ihrem Präsidenten Wilson propagierten Völkerbund bei. Das in dessen 14 Punkten zum Programm erhobene neue Recht der Selbstbestimmung der Völker wurde – auch unter Mitwirkung der USA auf der Konferenz selbst – allenthalben mit Füßen getreten. Der Imperialismus der Kolonialmächte verstärkte sich durch den Neuerwerb von ehemals deutschen Kolonien noch, wurde alsbald überdehnt und zerfiel nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Auflösung der Vielvölkerstaaten Österreich-Ungarn und des Osmanischen Reiches schufen in Südosteuropa bis heute nachwirkende nicht akzeptierte Verhältnisse und die Katastrophe im Nahen Osten dauert bis heute verstärkt an. Und die junge Sowjetunion hatte mit alledem im kapitalistischen Westen nichts zu tun.


All das beschreiben beide Historiker zutreffend. Die Quellenlage ist überbordend, die Urteile sind aus den unterschiedlichen Perspektiven gefällt. In dieser Hinsicht sind beide Neuerscheinungen für den historisch Interessierten eine gute Zusammenfassung dessen was gewesen ist und was daraus geworden ist - der „Conze“ vielleicht eher für ein breiteres Publikum, der „Leonhard“ für eine universeller und wissenschaftlich orientierte Leserschaft. Aber auch er sorgt für hervorragende Lesbarkeit durch eingestreute, für das große Ganze nicht wichtige Einzelheiten, wenn er z.B. den in der polnischer Armee Haller dienenden, aus Posen stammenden Soldaten Ludwik Marian Kaźmierczak erwähnt, „der sich 1919 in der charakteristischen blauen Uniform fotografieren ließ. Seine Enkelin Angela Dorothea Kasner wurde 1954 geboren und nahm später den Namen Merkel an.“ Oder wenn er den seit 1917 in einem Hotel in Paris arbeitenden Nguyen Ai Quoc erwähnt, „der nach 1945 unter dem Namen Ho Chi Minh zu einer Ikone des Widerstandes gegen die Kolonialherrschaft der Franzosen und des Kampfes gegen die militärische Intervention der USA bekannt werden sollte“. Das alles verknüpft die Pariser Ereignisse mit einer damals noch nicht vorstellbaren Zukunft und ist dem heutigen Leser vertraut.


Es gibt aber auch Dinge, die man in beiden Büchern vermisst: Wo bleibt z.B. die konkrete Benennung von Profitinteressen der verschiedenen Akteure auf Seiten der Siegermächte bei dem Austarieren der Friedenbestimmungen? Oder: Wie realistisch waren die viele Entscheidungen in Versailles bestimmende Furcht vor einer „Bolschewisierung“ der Welt gewesen, die etwa von der jungen Sowjetunion oder gar den kurzzeitigen Räterepubliken in München oder Ungarn ausgegangen wäre? Weiter: Wie nachhaltig hat sich der Glaubwürdigkeitsverlust der Großmächte angesichts des Verrats am Selbstbestimmungsrecht der Völker ausgewirkt? Welche Profite errechnete sich die Finanzindustrie an dem Kreislauf von kreditfinanzierten Reparationszahlungen Deutschlands an England, Frankreich und Italien und den daraus erfolgenden Rückzahlungen der Kriegsschulden an die USA? Warum haben die Verantwortlichen in allen beteiligten Ländern nicht auf ihre Wählerschaft eingewirkt, überzogene Erwartungen an den Friedensschluss auf realistische Ausmaße zu dämpfen, sondern haben sie im Gegenteil noch angeheizt? Oder: Hat eigentlich niemand die ökologischen Katastrophen aus der Kriegführung berechnet, sondern nur die ökonomischen? Außerdem viel trivialer: Welche Rolle spielten die Geheimdienste in Versailles? Was hat die ganze Veranstaltung gekostet? Was wurde aus 1646 Sitzungen der 58 Fachausschüsse, sind die Protokolle veröffentlicht und kommentiert?
Es bleiben also noch zu bearbeitende Forschungsthemen und vor allem neue Beweise von Urteilskraft, die uns fitter für die Zukunft machen!


Harald Loch


Eckart Conze: Die große Illusion. 
Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt
Siedler, München 2018   zahlr. Karten und Abb.  559 Seiten   30 Euro

 

Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden Versailles und die Welt 1918 – 1923

Gauland - Die Rache des alten Mannes

 

Der Autor hat die Kraft zu beschreiben, die Dinge zu deuten, Zusammenhänge darzustellen. Das sind die Talente des Autors Olaf Sundermeyer. Er beschreibt Gauland als ein an Depression, Magenschmerzen und an der Politgesellschaft heutiger Tage leidenden Mann.


Gauland nutzt die Verwerfungen einer Gesellschaft, in deren Mitte er einst stand, als politischer Helfer zumeist hinter den Polit-Kulissen. Früher schrieb er für andere Reden, jetzt hält er sie selber und  nutzt dabei die Hassgefühle anderer. Die AfD ist eine Bewegungspartei, die einen Sog entstehen lässt, in dem Zweifler, Unzufriedene und Zukurzgekommene am rechten Rand eine neue politische Heimat rechts von der CDU/CSU und links von der NPD gefunden haben. 
Der Schlüsselsatz lautet: „Gauland selbst ist kein Rechtsextremist. Er sorgt aber dafür, dass sie hoffähig werden, und liefert ihnen Argumente in bürgerlicher Diktion.“


Zum Volkstribun fehlt ihm jedoch das Kumpelhafte. Sundermeyer liefert ein Psychogramm, eine genaue politsoziologische Studie, ohne wissenschaftsschlau daherzukommen. 


Gaulands Zielgruppen: die Unzufriedenen, die Ängstlichen, die Neidischen. Gauland ist ihr Zuhörer. Dennoch hält er Menschen auf Distanz. Gauland war in Hessen der Schattenmann in der Landespolitik und Helfer Walter Wallmanns. Er schrieb ein kohlkritisches Buch und verbaute sich damit die CDU-Parteikarriere. „Gauland ist sozusagen der Lafontaine der CDU.“


Er, der nie in der CDU richtig verankert war, galt als Abtrünniger. 
Er liebt den englischen Lebensstil, die Tweed-Mode ist für ihn erfunden und sein Markenzeiche ist die Hundekrawatte. Er ist der Ost-West-Versteher in Potsdam, reitet die Themen der Flüchtlingswelle, obwohl selbst ein Flüchtling, geißelt die selbstgerechte Politikelite, er schwamm mit im linken Gewässer der Frankfurter Kultur- und Politschaffenden und wird sogar zur Romanfigur Martin Walsers.


Das Bundespresseamt, in dem er arbeitete signalisierte ihm jedoch, dort unter Klaus Bölling keine Karrierechancen zu haben. Er bewirbt sich daher um Stellen im Unionslager, Franz Josef Strauß will ihn aber nicht, und so landet er bei Walter Wallmann in Hessen. 


Gauland hört gerne Deutschlandfunk und kritisiert dennoch als erfahrener Publizist die „Systemmedien“. Er adaptiert grüne Parteistrategien für Rechtspotentiale, er strebt durch die Institutionen einen Marsch an die Macht an. Die Partei und ihr Anführer Gauland beackern  das ungepflügte Feld Deutschland, Heimat und Identität und Gauland pflügt damit die Gesellschaft um. 


Olaf Sundermeyer beschreibt Gaulands Aufstieg als einen Egotrip. Gauland ist für ihn ein Opportunist und Zyniker, der die Axt an das politische System legt, das für ihn keine Verwendung mehr hatte.  
Der böse alte, kranke Mann nimmt Rache. Das ist jetzt sein MEHR, das ihm im bisherigen politischen Leben versagt geblieben war. 
Gauland möchte beachtet werden. So wurde er vom Underdog zum politischen Bullterrier. 


Ein kluges, analytisches, spannendes Buch, das so gut geschrieben ist, dass es zum Pageturner wird, das man nicht mehr aus der Hand legen will. 


Olaf Sundermeyer GAULAND. Die Rache des alten Mannes. CHBeck

 

Das sieche Sterben der Demokratien

Sie sind Experten für AUTORITARISMUS, sie befassen sich mit der Frage, warum Demokratien sterben, und ihre Methode ist es, weltweit Vergleiche zu ziehen. Das ist gefährlich und spannend zugleich, riskant, weil Vergleiche hinken können, (Kann man politische Systeme wie die USA mit Venezuela in eine Reihe stellen?) aber zugleich ist sie sehr reizvoll, denn die Autoren entwickeln Kriterienkataloge, wie Demokratien dahinsiechen und dann das Zeitliche segnen. 
Bisher ist eine so breit angelegte und ziemlich tiefgehende Analyse nicht vorgelegt worden, und sie ist in den einzelnen Ergebnissen erschütternd.

 
Die Verfasser sind selbst darüber schockiert, dass sie sich mit ihrem eigenen Land beschäftigen müssen, das gilt jedoch meines Erachtens genauso für Deutschland. 


Demokratien sind zerbrechlich, sie müssen immer wieder neu erkämpft werden, und es muss auch immer wieder dafür geworben werden, wie Dr. Hildegard Hamm-Brücher zeitlebens behauptet und gefordert hat. Heute sind solche Appelle zwar vergessen, müssen jedoch erneuert und aktualisiert werden, und sie sind weltweit dringlicher denn je. 
Auf die Vereinigten Staaten bezogen sprechen Levitsky und Ziblatt, zwei Professoren für Regierungslehre aus Harvard, vom „Niedergang und Fall einer der ältesten und erfolgreichen Demokratien der Welt“.
Im Kern des Buches geht es also um die Vereinigten Staaten und den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Zitat: “Viele Republikaner klammern sich an den Spruch, dass Trumps Kritiker ihn beim Wort, aber nicht ernst nähmen, während seine Anhänger ihn ernst, aber nicht beim Wort nähmen.“ 


Im Kriterienkatalog der Analysten geht es um folgende Merkmale im

„Autokraten-Lackmustest“:

 

• Ablehnung demokratischer Spielregeln
• Leugnung der Legitimität politischer Gegner 
• Tolerierung von oder Ermutigung zu Gewalt und 
• die Bereitschaft, die bürgerlichen Freiheiten von Opponenten, einschließlich der Medien, zu beschneiden.


Schwache Zustimmung zu demokratischen Spielregeln sehen die Autoren bei Trump, weil er schon im Vorfeld der Wahlen deren Legitimität in Frage gestellt und angedroht hatte, die Ergebnisse nicht anzuerkennen. 
Autoritäre Politiker verunglimpfen ihre Rivalen als kriminell, subversiv und antipatriotisch, schätzen sie als Gefahr für die nationale Sicherheit ein oder kritisieren deren persönliche Lebensweise. Da gibt es genügend Trump-Beispiele. 


Das dritte Kriterium beschäftigt sich mit dem Thema Gewalt und deren Tolerierung bzw. Ermutigung dazu. 


Dafür liefert das Autoren-Paar eine Reihe von Beispielen aus Wahlkampfszenarien und bei Demonstrationen pro und contra Trump. Der vierte Punkt spricht das Thema „bürgerliche Freiheiten“, das Verhältnis zu Opponenten inklusive das Verhältnis zu den Medien bzw. zur politischen Öffentlichkeit an sich. 


FAKE NEWS wurde zum Standardbegriff weltweit!


Die Autoren sehen in den Verfassungen und politischen Institutionen „Bollwerke“, „Leitplanken“ der Demokratie, die Sicherheitsvorkehrungen sein sollen, jedoch heutzutage nicht mehr ausreichen. 

Die Politologen benennen ausreichend Gefahrenpotentiale, zum Beispiel liegen diese auch darin, dass die so genannte „institutionelle Zurückhaltung“ aufgegeben wird. Die Selbstbeschränkung der Parteien und Politiker wird aufgegeben, und es wird ausgereizt, was auszureizen ist, mit allen den damit verbundenen Gefahren. 


Es ist also politisch unklug, die Machtfülle jeweils auszureizen, oder die eigene Opposition zu pulverisieren. 


Die Politikwissenschaftler sehen eine „besorgniserregende Lücke“ zwischen der althergebrachten Erwartung, wie unser politisches System funktionieren sollte und wie es tatsächlich funktioniert.
Politik nähert sich den Methoden der „Kriegsführung“ an und wird damit gefährlich. 


Die Verfasser der Studie bescheinigen dem amerikanischen Präsidenten „autoritäre Neigungen“ mit dem Ansinnen, eigene Macht zu stärken, Schiedsrichter gleichzuschalten, Schlüsselspieler zu neutralisieren und die Spielregeln neu zu schreiben, um das politische Spiel zu Ungunsten des Gegners zu verändern.

 
Alle diese eben genannten Methoden autoritärer Politik hat Trump angewendet, indem er unabhängig handelnde Behörden bestraft und säubert, Entlassungen vornimmt, die Medien kritisiert oder ausschaltet. Doch im Ergebnis kommen die Analysten von Regierungshandeln zum Ergebnis: Trump schrammt an den demokratischen Leitplanken entlang, doch durchbrochen hat er sie noch nicht. 

 

In Tabellen vergleichen die Autoren dann neun autoritäre Länder - Argentinien, Ecuador, Italien, Peru, Polen, Russland, Türkei, Ungarn und Venezuela - , die als jeweils „mild“ autoritär, „autoritär“ oder „demokratisch“ eingestuft werden, wobei Peru als einziges Land als demokratisch eingestuft übrig bleibt. 


Das Buch zählt Trumps Lügen auf, befasst sich mit seinen Tweets und Beleidigungen der Presse bzw. seiner Gegner und kommt am Schluss des Buches zu drei möglichen Zukunftsszenarien: 


Beginnen wir zunächst mit dem optimistischsten, dass sich die amerikanische Demokratie erholt. 
Im zweiten Szenario, dass die Republikaner mit einem weißen nationalistischen Profil die weiteren Wahlen gewinnen werden.
In der dritten, für die Auguren wahrscheinlichsten Prognose, kommt es zur weiteren Polarisierung, zur Abkehr von politischen Konventionen und zur verschärften „Kriegsführung“ zwischen den Institutionen in einer Demokratie ohne Leitplanken. 


Im Fazit formulieren Levitsky/Ziblatt einen Auftrag an die heutige Generation. Europäer und Amerikaner hätten in der Vergangenheit enorme Opfer gebracht, um die Demokratie gegen äußere Bedrohungen zu verteidigen. Heutige Generationen, die die Demokratie für selbstverständlich halten, müssen verhindern, dass sie von innen zerstört wird.


Das Buch ist eine sehr lesenswerte, kritische und beweiskräftige Analyse, die immer wieder Vergleiche zu den anderen autoritären Demokratien zieht, jedoch wegen der Gefahren in der USA-Demokratie beim Ländervergleich zuweilen oberflächlicher bleiben muss. Denn dort wären eben neun umfangreiche Einzelstudien notwendig, und das Buch hätte dann vielleicht den neunfachen Umfang , also neun mal 320 Seiten und damit 2880 Seiten! Unlesbar!!!


Die 320 Seiten gehören jedenfalls auf den Nachttisch eines jeden deutschen Politikers, zuallererst aber auf den von Trump und dann auf den von Seehofer – mit „freundlich demokratischen Grüßen“.


Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben und was wir dagegen tun können Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2018

Christopher Clark: Von Zeit und Macht.  

Historiker betrachten die Zeit stets als vergangene Zeit. Manchmal entwickelt sie sich auch aus dem Kontinuum dessen, was einmal gewesen ist, zu einer Hauptrolle des Interesses der Historiographie.

 

Besonders dann, wenn das Zeitbewusstsein der Vergangenheit zum eigentlichen Gegenstand der Untersuchung wird. Reinhart Kosellek erfand die Geschichte vergangener Zukünfte vor einem halben Jahrhundert als eigenes Forschungsfeld des Historikers. Ein jüngstes Beispiel für die Ergiebigkeit eines solchen Rückblicks auf das Geschichts- und Zeitbild vergangener Epochen liefert der in Cambridge vor allem für Neuere Deutsche Geschichte zuständige Christopher Clark.

 

Er ist hierzulande bestens bekannt durch seine Geschichte Preußens, seine Biographie Wilhelms II. und vor allem durch den Paukenschlag „Die Schlafwandler“, mit dem er einen Schlussstrich unter die Schuldzuweisungen über den Beginn des Ersten Weltkriegs zu ziehen versuchte – und die Debatte damit neu entfachte. Jetzt legt er eine Studie „Von Zeit und Macht“ vor, Etüden zum Zeitbewusstsein von vier Machtausübenden in der brandenburgisch-preußisch-deutschen Neuzeit vor.


In den essayartigen, vom Thema zusammengehaltenen und jede für sich lesenswerten Einzelstudien untersucht er die Wechselwirkungen von Herrschaft und dem jeweiligen Geschichtsbild. Wie sehr sich die Zeiten – und damit auch die Einordnung der machtausübenden Personen in den Lauf der Geschichte – geändert haben! Clark beginnt mit dem Großen Kurfürsten (1620 – 1688), geht in Dynastie der Hohenzollern dann weiter zu Friedrich II. (1712 – 1786), dem manche ebenfalls den Beinamen „Der Große“ beigeben, gelangt zu Bismarck (1815 – 1898), dem wohl treuesten Verfechter des monarchischen Prinzips und der Hohenzollern, um schließlich den absoluten Bruch mit allen Vergangenheiten im Geschichtsbild der Nazis zu beschreiben. In jedem dieser Momentaufnahmen vermittelt Clark einen treffenden Einblick in die Arbeit des Historikers: Ausgehend von einem geschichtlichen Detail leitet er daraus das Typische für diesen Zeitabschnitt ab, um aus alledem in einem geschichtsphilosophischen Epilog das Verhältnis von Zeit und Macht zu reflektieren.


Der Große Kurfürst hatte mit den verheerenden Folgen des Dreißigjähren Krieges in seinen Landen zu tun, er musste die Macht des landbesitzenden Adels brechen, um die für den Wiederaufbau und die militärische Sicherheit Brandenburgs notwendigen Ressourcen einzuziehen und richtete seinen Blick naturgemäß auf die Zukunft. Die Bedingungen seiner Zeit ließen eine konservative Haltung nicht zu. „Indem der Fürst die Vorstellung von der Notwenigkeit gegen die etablierten Ansprüche der traditionellen Machthaber auf Provinzebene ins Feld führte, spielte er nämlich im Grunde die Zukunft gegen die Vergangenheit aus.“ Ganz anders sein Urenkel Friedrich ii., nicht mehr Kurfürst, sondern preußischer König, der in seiner Innenpolitik auf den Adel setzte. Aber er war auch ein außergewöhnlicher Historiker und hat mit seinen Geschichtswerken das Bild Brandenburg-Preußens noch bis lange nach seiner Zeit bestimmt. Ihn beherrschte Clark zufolge eine „allgemeine Vision des Staates und seiner eigenen Macht, einer ahistorischen Macht, verortet in der Schwerelosigkeit ewiger Gesetze und zyklischer Bewegungen.“

 

Nichts mehr von der linearen Geschichtsauffassung Pufendorfs, des Biografen des Großen Kurfürsten. Bismarck dagegen wird als Pragmatiker dargestellt, dessen Bewusstsein sich den jeweils geänderten Bedingungen seiner Gegenwart anpasste. Er wurde nicht nur als „Steuermann im Strom der Zeit“ empfunden, sondern er war es nach eigenem – pflichtgemäßem – Empfinden auch.


Die Zeiteinordnung der Nationalsozialisten brach mit allen anderen Auffassungen von historischer Zeit. Der „rassisch“ begründete Rekurs auf das uralte, nie genau betrachtete Germanentum, dessen Transponierung in eine ebenfalls nie genau formulierte tausendjährige Zukunft wird von Clark von dem ganz anderen Geschichtsbewusstsein des italienischen Faschismus abgesetzt. Clark geht auch hier von einem Detail aus – von sogenannten Revolutionsmuseen der Nazis. In ihnen gab es eigentlich nur zwei Zeitebenen: Die sogenannte Kampfzeit bis 1933 mit Devotionalien der „Märtyrer“ und Eroberungen aus den Archiven der kommunistischen, sozialistischen oder jüdischen Gegner und die germanische Vorzeit mit kitschigen Verklärungen einer noch nicht zivilisierten Gesellschaft. Weder Linearität, noch zyklische Wiederholung oder gar pragmatische Anpassung an die Bedingungen im eigenen Land oder ringsum spielten im Zeitbewusstsein der Nazis eine Rolle – ein unerhörter und singulärer Kulturbruch auch mit allen deutschen Traditionen. Er steht neben dem Bruch mit aller Zivilisation, der die Geschichte des Nationalsozialismus kennzeichnet.


Harald Loch


Christopher Clark: 
Von Zeit und Macht.  Herrschaft und Geschichtsbild vom Großen Kurfürsten bis zu den Nationalsozialisten 
Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz
DVA München 2018   313 Seiten   mit Abbildungen   26 Euro

 

 

JAMES COMEY GRÖSSER ALS DAS AMT

James Comey ist ein Mensch der Werte. Gier, Anerkennung, Reichtum, Imponiergehabe, das zählt nicht für ihn. Wahrer Reichtum bedeutet fürt den ehemaligen FBI-Chef: "Für etwas zu stehen. Etwas zu bewirken." Und das passt eben nicht zu Donald Trump.
Er arbeitete als Gerichtsanwalt unter Rudy Giuliani. Sein Credo war damals schon: Gegen Unrecht vorgehen und unerbittlich die Wahrheit ans Licht bringen. 


Führungskräfte, so Comey, brauchen Leute, die ihnen die Wahrheit sagen, Autokraten verzichten genau darauf.


"Das Böse hat ein Allerweltsgesicht."


Schon in der Jugend ist ihm klar, ich werde einmal ein bedeutender Mann werden.

 
Nach der eigenen Meinung zu leben, macht den wahren Menschen aus, in einer Art Unabhängigkeit, die in der Einsamkeit liegt, sagt Comey.
In dem Buch zitiert Comey oft Literaten oder Philosophen, er ist breit gebildet und er hält es mit Hermann Hesse, dem es darauf ankommt, dem Etwas einen Sinn zu geben und damit das dann auch in einen Wert zu verwandeln. 


Oder Comey beruft sich auf Thomas Jefferson: Die Falschheit der Zunge führt zur Falschheit des Herzens.

 
Passen solche Gedanken zur bloßen Machtpolitik? Eher nicht, wo das Lügen zur Wahrheit gehört, eben zur eigenen parteipolitischen Wahrheit.
Hierarchie, meint Comey, verhindert Widerspruch und ehrliches Feedback. 


Er zitiert Philosophen, kennt die Lyrics von Bob Dylan.

 
Terrorismus müsse mit Recht und Gesetz bekämpft werden. Mit nichts Anderem. Es werde, so sein Credo, in der Justiz eben ausschließlich nur getan, was rechtens ist.

 

Zitat: "Die Verfassung und der Rechtsstaat sind keine parteipolitischen Machtinstrumente. Justitia trägt eine Augenbinde. Sie sollte nicht darunter hevorblinzeln, um zu sehen, welches Urteil die Obrigkeit von ihr erwartet."

 

Er wehrt sich, zum Folterknecht gemacht zu werden, der Krieg gegen Terror rechtfertige nicht die Missachtung des geschriebenen Rechts. 
Comey benennt die Foltermethoden, die bei CIA-Verhörmethoden angewandt werden durften, gegen die Comey sich wendet: Nackt im ungeheizten Raum, mit Händen an die Decke gekettet, pausenlos in grellem Licht hängend, Schläge ins Gesicht und in den Bauch aushaltend, eingesperrt in Kisten und Waterboarding ausgesetzt. 
Comey bestärkt die demokratische Auffassung, Pressefreiheit und Geheiminformationen lassen sich gleichgewichtig schützen. 


Comeys Führungscredo ist, die Balance zwischen Selbstvertrauen und Bescheidenheit zu halten, als Voraussetzung für effektives Führen.
Von seinen Mitarbeitern verlangt Comey, Freude an der Arbeit zu beweisen, Respekt gegenüber dem Recht, der eigenen Organisation einen Vertrauensvorschuss zu gewähren, gegenüber dem Steuerzahler harte Arbeit nachzuweisen und im Übrigen neben der Arbeit auch ein Privatleben zu genießen.


Im Job, am Arbeitsplatz, in der Kantine hört Comey aktiv zu, spricht mit seinen Abteilungen und Mitarbeitern.


Er verändert sogar den Dresscode der Mitarbeiter, weil förmliche Kleidung nicht frei macht.


Comey schildert die Hintergründe zum Fall Peträus bei der Weitergabe geheimer Informationen, schreibt über die Zusammenarbeit mit Bush und Obama und in mehreren Schlusskapiteln zuspitzend über sein schwieriges Verhältnis zum wankelmütigen Stimmungspräsidenten Donald Trump.

 

Präsidenten informiert Comey nicht über einzelne Ermittlungsergebnisse, nur weil sie die Macht haben und oberster Chef sind. Denn die Justiz hat unabhängig zu sein. 


Bei den Clinton-Ermittlungen spricht Comey von “äußerst leichtfertigem Umgang“ mit Daten in der Mail-Affäre. Hillary hatte dienstliche Mails auf privaten Computern gespeichert, sprach bei den Ermittlungen davon, die PVC seien sicher, weil sie auf vom Secret Service  bewachtem Gelände stehen (!!!) So viel zum Internetverständnis von Machtpolitikern. 
Comey steht während des Wahlkampfes vor dem Dilemma, Ermittlungen einzustellen, und er wäscht Clinton damit rein. Später tauchen neue Daten auf, und er ist nun gezwungen, in der Hochphase der Wahlcampaign erneut zu ermitteln, und Comey muss diese wiederum einstellen, weil sich keine neuerlichen Verdachtsmomente ergeben. 
Es entsteht der Eindruck der bewussten Wahlbeeinflussung und der gewollten Unterstützung für Trumps Präsidentschaft. 


Aber es konnten eben am Ende Hillary Clinton keine Lügen nachgewiesen werden. 


Und dann kam die Russlandaffäre, die nach wie vor nicht ausermittelt ist. 


Drei Ziele formuliert Comey für das Ansinnen Russlands: Die demokratischen Wahlen an sich zu diskreditieren, Hillary Clinton zu schaden und Donald Trump zum Wahlsieg zu verhelfen. 
Der öffentliche Vorwurf, Comey sei in seine eigene Tugendhaftigkeit verliebt, in seine Integrität, trifft Comey hart, er will einfach der Wahrheit zum Sieg verhelfen. 


Dass Trump sich in Moskau mit Prostituierten getroffen haben soll, darüber informiert Comey Obama und anschließend auch Trump selbst. 
Comey führt ein vom FBI so genanntes „warnendes Gespräch“ mit Trump, denn der könnte ja erpressbar sein. Eine Beeinflussung der Wahlergebnisse durch Russland konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. 


In und nach den Gesprächen mit dem Präsidenten taucht bei Comey das Gefühl auf, Trump wolle nach Mafiamanier ihn und sein Ermittlungsteam zu einem „Teil seines Clans“ machen. Aber Comey ist der unerschütterlichen Auffassung, Geheimdienste hätten sich aus der Politik wirklich heraus zu halten.

 
Trump stritt alle Anschuldigungen ab, Comey legt Wert auf die Feststellung, dass das FBI diese Anschuldigungen nicht für wahr hielt, sondern Comey und sein Team ihn nur vor Nötigung schützen wollten. 
Diese öffentlich verbreiteten Informationen über Trump waren von privaten Ermittlern zusammengestellt worden und Comey weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich hierbei nicht um Regierungsdokumente gehandelt hat und diese damit auch nicht an die Presse vom FBI durchgestochen werden konnten. 


Trump aber erwartet absolute Loyalität, Nibelungentreue und fordert sie auch ein, Comey dagegen sucht die reine Wahrheit und will unbeeinflusst bleiben. 


Donald Trump spricht er Führungsfähigkeit ab und wirft ihm mangelnde emotionale Intelligenz vor. Er habe eine tiefe Unsicherheit in sich und die Unfähigkeit, sich auch verletzlich zu zeigen, den Humor anderer anzuerkennen, das sei für eine Führungspersönlichkeit traurig und im Fall des Präsidenten Trump geradezu furchterregend. 
Dann schreibt Comey Memos über die Trump-Treffen. Comey legte Wert auf Abstand zwischen FBI und Politik, und genau das wurde ihm zum Verhängnis. 
Bei einem let

zten Treffen mit dem Präsidenten kommt es zu einem Wortwechsel, Comey unterbricht Trump und weist den Präsidenten darauf hin: „Wir sind keine Mörder von derselben Sorte wie Putin.“ 
Das Gespräch endete daraufhin abrupt. 


Comey wehrt sich eben gegen den „Schweigekreis des Einverständnisses“, als Trump insinuierend versucht, Comey von Ermittlungen gegen Flynn abzubringen, ist das beiderseitige Verhältnis zerrüttet. 


Die Situation in Trumps Präsidentschaft beschreibt Comey so: “Was heute vor sich geht, ist nicht normal. Das sind keine Fake News. Das ist nicht in Ordnung.“ 


Comey bekennt sich zum Wertekanon, zum Glauben an Mäßigung, Integrität, Ausgewogenheit, Transparenz und Wahrheit, und er appelliert im Epilog an seine Landsleute, sich für eine LOYALITÄT zu entscheiden, die größer ist als Parteizugehörigkeit und Amt, aus den Lügen die Wahrheit heraus zu filtern und sich für eine integre, ethisch geerdete Führung einzusetzen.

 

Ein ehrliches, detailreiches, ethisch begründetes und fundiertes Protokoll einer gescheiterten politischen und persönlichen Beziehung zwischen FBI und Donald Trump. Fazit: "Der gegenwärtige Präsident ist ein Mann ohne Moral und agiert ohne jede Bindung an die Wahrheit und die Werte unserer Demokratie."


JAMES COMEY GRÖSSER ALS DAS AMT. AUF DER SUCHE NACH DER WAHRHEIT - DER EX- FBI-DIREKTOR KLAGT AN DROEMER

 

James B. Comey, geboren 1960, arbeitete nach seinem Jurastudium bei der New Yorker Staatsanwaltschaft. 2003 stieg er zum stellvertretenden Justizminister auf. 2013 wurde er von Präsident Obama zum FBI-Direktor ernannt. 2017 wurde Comey von Präsident Trump gefeuert, weil er nicht bereit war, die Russland-Ermittlungen gegen Trumps Mitarbeiter einzustellen. James Comey ist verheiratet und hat fünf Kinder.

LINK


http://www.spiegel.de/politik/ausland/james-comey-ex-fbi-chef-rechnet-mit-donald-trump-ab-a-1202740.html

 

PRESSESTIMMEN


"Comey, das zeigt sein Buch, ist gekränkt und verletzt. Deshalb schlägt er nun zurück. Und das nicht immer stilvoll." 
DER TAGESSPIEGEL


"…der erste lange Augenzeugenbericht aus dem Inneren des Orkans, die präzise, gestochen scharfe Erzählung eines Traumatisierten"
SPIEGEL.DE


"(...) ein Buch über Führungsethik. Der Autor erinnert darin auch an dunkle Seiten der Bush-Präsidentschaft und lobt Obama."
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG


" (...) Trump, so Comey, agiere wie ein Mafiaboss. Dass der Präsident in dem Buch nicht gut wegkommen würde, war zu erwarten. Schließlich war Comey vor ungefähr einem Jahr als FBI-Chef gefeuert worden."
ZEIT.DE

 

"Ein Sachbuch wie ein Kriminalroman der Extraklasse"
MEDIEN-INFO.COM

 

"Die Autobiografie des gefeuerten FBI-Chefs Comey urteilt vernichtend über Donald Trump."
PNN.DE

 

"Comey schreibt mit der Präzision eines Staatsanwalts, dem Talent eines Romanciers und dem Ehrgeiz eines begabten Narzissten."
SPIEGEL

 

"Die Kernsätze Comeys haben es in sich - und lassen sich unterm Strich so resümieren: Trump lügt, ist skrupellos und unmoralisch. Er hat ein massives Ego und agiert wie ein notorischer Mafia-Boss."
WILHELMSHAVENER ZEITUNG

 

"Der Grund für die Brisanz des Buches ergibt sich aus drei Punkten: der Abrechnung mit dem Präsidenten, dem Novum, dass ein FBI-Chef aus dem Zentrum der Politik berichtet, und der Tatsache, dass anders als beim 'Feuer-und-Zorn'-Buch des Journalisten Michael Wolff nun ein Insider spricht." 

NEUES DEUTSCHLAND

 

"ein Buch (...), das nicht nur wegen der Passagen über Clinton und Trump, sondern auch wegen der eingestreuten Anekdoten und der kursorischen Beschreibung seines Lebensweges lesenswert ist."
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG

 

"Es ist nicht das erste Mal, dass Comey aus der Küche der Macht plaudert. (...) In seinem Buch aber schildert er es noch plastischer, zitatengenau, gewürzt durch Episoden."
WALDECKISCHE LANDESZEITUNG

 

"lesenswerte wie staunenswerte 114 Seiten"
WESTFALENPOST

 

"Die Erinnerungen von Ex-FBI-Chef James B. Comey sind aktuell, brisant, spannend wie ein Krimi und machen jetzt weltweit Schlagzeilen."
KLATSCH-TRATSCH.DE

 

"lesenswertes Buch"
DAS PARLAMENT

 

"Die Biografie schildert die Vorkommnisse ausführlicher, als sie je zuvor bekannt waren, und erwähnt viele Details, um Lücken in den bisherigen Erzählungen der Vorkommnisse zu schließen."
KLEINE ZEITUNG

 

"…ein eindrückliches Lehrstück über den aufrechten Gang in einer verantwortungslosen Regierung"
BUCH-MAGAZIN 

 

"Das Buch ist definitiv auch für Leser, die sonst nicht zu politischen Büchern oder Biografien greifen."
ESCHBORNER STADTMAGAZIN, 

 

"Der frühere FBI-Direktor (...) entwirft in seinem Buch Kriterien für eine starke Führungsperspnlichkeit - Integrität, Demut, Ehrlichkeit, Überparteilichkeit, Humor und kommt stets aufs Neue zu dem Schluss, dass er diesen Idealen entspricht."
TAZ

Ist Lachen über Hitler erlaubt?


“Führer befiel, die Folgen tragen wir.” 

“Zwei Juden sollen erschossen werden. Da heisst es auf einmal, sie sollen doch erhängt werden. Da sagt der eine zum anderen: ‘Siehst du, jetzt haben die noch nicht einmal mehr Patronen.’”

Zwei Beispiele für Witze im Dritten Reich.

Darf man also über Hitler lachen? JA! Denn selbst in der Nazizeit gab es Witze wie Sand am Meer, manche, meint der Autor sind gut, andere banal, einfach schlecht oder völlig harmlos. Jedoch waren die Witze keine subtile Form des aktiven Widerstands, sondern “Ventile für aufgestauten Volkszorn.” 

Zielrichtung der Witze waren mehr die Führerfiguren der Nazizeit und weniger ihre Verbrechen, vielmehr ihre menschlichen Schwächen. 

Der Autor sprach mit 20 Zeitzeugen im Rahmen eines Buchprojektes, unter anderem auch mit dem inzwischen verstorbenen Dieter Hildebrandt.

Die meisten politischen Witze sind Angriffe auf die Machthaber oder auf die vorherrschenden politischen Verhältnisse. 

Die Mittel dafür: Humor! Das Ergebnis, die Oberen werden der Lächerlichkeit preisgegeben.

Totalitäre Systeme, insbesondere Diktaturen, eignen sich besonders als Zielscheibe. 

Der Autor ist Dokumentarfilmer und breitet vor uns szeneartig ein weites Panoramabild aus. 
Es reicht vom Flüsterwitz, über Formen des Humors, über die Phasen der Machtergreifung bis hin zur Verfolgung der Juden. 

Er zapft auch das Filmgenre an, beschäftigt sich mit Rühmann Lubitsch, Chaplin. Der Judenvernichtung ist ein Extrakapitel gewidmet. 

Auch die Nachkriegszeit kommt nicht zu kurz, sie bildet das Schlusskapitel, die Studie ist schwarzweiß bebildert und sie bietet auch ein Literaturverzeichnis sowie Abbildungsnachweise und Personenregister.

Die Stärke des Buches ist der Quellenreichtum, die Tiefe, die Vielseitigkeit, die Schwäche, man hätte ein ausführlicheres resümierendes Schlusskapitel erwartet, dennoch ist es lesenswert und ausgesprochen unterrichtstauglich!

 

Und hier noch drei Kostproben.

 

“Wofür steht die Abkürzung N.S.D.A.P.? “NA, SUCHST DU AUCH EIN PÖSTCHEN?

 

“Bei dem Attentat auf Hitler im Bürgerbräukeller gab es 10 Tote, 5o Verletzte und 60 Millionen Verkohlte.”

 

Auf die Melodie “Es geht alles vorüber…” wurde folgender Text gesungen:
“Es geht alles vorüber,
Es geht alles vorbei;
erst geht Adolf Hitler,
dann geht die Partei.

Auf jeden Dezember
Folgt wieder ein Mai.
Dann ist es mit Hitler
Und den Bonzen vorbei.”


Rudolph Herzog Heil Hitler, das Schwein ist TOT! Lachen unter Hitler - Komik und Humor im Dritten Reich Kiepenheuer & Witsch

Prag 1968 - Der Panzer zielte auf Kafka

Es ist ein Buch historischer Dokumente. In Bild und Text. Ein Geschichts-Rückblick. Und ein Einblick zugleich. Eine persönlich gefärbte Erinnerung des Böll-Sohns René. Es wirft wie mit einer Lupe einen tiefschürfenden Blick in die Geschichte Tschechiens. 


Es beginnt mit einem Gedicht: „Es standen die Panzer am Ufer der Moldau“ und es endet mit Danksagungen der am Buch Beteiligten. Martin Schule Wessel schreibt einen Essay über Heinrich Böll und den Prager Frühling. Jochen Schubert erinnert an das Verhältnis von Heinrich Böll zur CSSR. Wir sehen die Tagebuch-Aufzeichnungen als Original abgedruckt und die gut lesbare Transkription dazu. Es bietet die Böll-Texte „Ein Brief aus Prag“ und den sehr bekannten und populären Aufsatz „Der Panzer zielte auf Kafka“, und es folgen schließlich die Böll-Interviews mit der ZEIT, dem SPIEGEL, der ARD und der Zeitschrift KONKRET. Illustriert ist das Buch mit eindrucksvollen bewegenden Fotos aus der Besatzungszeit Prags, Faksimiles von Zeitungen und Literaturzeitschriften. Sogar Bölls Ticket Köln-Prag-Köln fehlt nicht oder seine Hotelkarte. 


René Böll gesteht, dass seine Eltern Angst hatten, als er auf die Strasse ging und die Besatzungsmacht ansehen wollte, während der Vater Interviews gab, Artikel schrieb oder an Zeitschriften mitarbeitete. 
„Wir wollen mehr Licht!“ In diesem doppeldeutigen Satz der Prager Studenten steckte das Aufstands-Potential. Einerseits wurde in den Studentenheimen immer wieder der Strom abgestellt, und andererseits war es ein Freiheitsanspruch für mehr Reform im Sozialismus. Doch der Protest war keine genuine Studentenbewegung wie die 1968er Revolte im Westen, die auf Kapitalismuskritik abzielte und weniger auf Demokratie-Reform. Im Osten, so Böll, war es umgekehrt. Und die Reformbestrebungen hatten zudem literarische Wurzeln in der Kafka-Konferenz 1963. 


Böll entwickelte auch ein Sensorium für den religiösen und kirchlichen Wandel im Prager Frühling. Er sprach vom „Evangelium der Demokratie“ vom Prager Frühling als „großem Dauerkonzil“.

 
Am 22. 8. notiert Böll „Panzer vor der Nationalbank und rund um den Rundfunk“, über Hrabal „keine Ironie mehr möglich“, „ Nachricht von der Räumung des Wenzelsplatzes“, der „Russenhass immer stärker“, und er stellt fest, wann wie viel Schüsse fallen und dass man sich so schnell daran gewöhnt und aus dem Krieg noch die Schutzreflexe gewohnt ist, zum Beispiel auf den Boden legen, wenn geschossen wird.   
Alkoholverbot in der Stadt, das sieht Böll als friedensstiftende Maßnahme, und amerikanische Journalisten fragen sich, ob hier ein europäisches Vietnam aus der Taufe gehoben wird. 


Böll schaut der Besatzungskatastrophe und den Menschen tief ins Auge: „Diese Gesichter werden mich noch lange beschäftigen, sie haben mich aufs Tiefste bewegt.“ Und er stellt resümierend fest, “Ich glaube, dass die Schriftsteller, Journalisten und Publizisten die ganze Entwicklung in der CSSR von Januar bis August stark beeinflusst haben“. 
Mit einer ausführlichen Bibliografie der Texte und Interviews endet das Buch, in dem Geschichte, das DAMALS, das Denken und Handeln, die Reformmotive, die Enttäuschungen, das Gewaltszenario deutlich nachgezeichnet wird, dass der Leser einen eindrucksvolle Chance bekommt, die Ereignisse von damals sehr konkret nachzuvollziehen. Es ist gerade mal 50 Jahre her, und dieses „1968“ barg Gefahrenpotentiale mitten in Europa, die wir durch das geeinte Europa fast vergessen haben. Europa ist wieder in Gefahr. Vergessen wir also nicht, was früher war. 


Man wünscht dem Buch eine große Verbreitung gerade aus diesem europäischen Krisen-Grund.

 

 

Heinrich Böll Der Panzer zielte auf Kafka Heinrich Böll und der Prager Frühling Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2018

Fischer: der Abstieg des Westens

Schon seit Helmut Schmidt wissen wir aus den 1970er Jahren, dass China sich anschickt, eine Weltmacht zu werden. Lange Jahre haben wir diesen Befund ignoriert und in den letzten Jahren sowieso Außenpolitik als eine Art „Nebenbei-Geschäft“ betrieben. Der Asien-Pazifik-Raum wird immer wichtiger, die Vereinigten Staaten haben sich schon vor Trump zu Zeiten Barack Obamas im Geschäft der internationalen Politik reservierter gezeigt. Und nach der Brexit-Abstimmung Großbritanniens und den wachsenden Erfolgen der Populisten betreibt Europa eine beständige ratlose Nabelschau. 


Joschka Fischer legt jetzt eine Streitschrift vor, die den ABSTIEG DES WESTENS bereits final diagnostiziert und Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts beschreibt, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch. 


Geopolitische Erschütterungen, Auflösung der UdSSR, Krisen in Europa, Regionalkonflikte und Kriege, die Bankenkrise, Europas Zerfallsprozess, die Wahlerfolge der Populisten in ganz Europa, das alles sind Komponenten eines Erosionsprozesses, den Joschka Fischer detailgenau und schonungslos aufschreibt. 


Wir befinden uns in einer Krisensituation der liberalen westlichen Demokratien, autoritäre Regime schieben sich nach vorne, autokratische Präsidenten machen von sich reden, Populisten versprechen, mit Simpel-Rezepten, die schwierigen Probleme zu lösen, das alles behindert rationale auf Vernunft-Konzepten beruhende und auf Konsens angelegte Politik, die zudem von den Aufgeregtheiten des Mediengeschäfts irritiert werden. 


Die Machtgewichte verschieben sich, die Ordnung der Staaten wankt, die bipolare Ordnung in Zeiten des Kalten Krieges hat sich aufgelöst. Der Zeitgeist reagiert mit Nervosität und Ambivalenz. „Wer werden die Gewinner und Verlierer sein?“, fragt der ehemalige Bundesaußenminister im Vorwort.

 
Gegenüber dem europäischen Einigungsgedanken haben sich Feindschaften entwickelt, die Rückkehr zur Nation, ja zum Nationalismus bricht sich Bahn. Für die EU war die Brexit-Entscheidung Großbritanniens ein heftiger, noch unverdauter Schlag. Durch Trump werden sich die amerikanische Außenpolitik und die Führungsrolle der USA drastisch verändern. 


Der Westen ist nicht mehr der Westen.

 
Fischer fürchtet auch, dass 2022 in Frankreich ein nationalistischer Wahlsieg drohen könnte. Dann wäre Europa am Ende. Fischer beschreibt folgend den Übergang von der Welt von gestern zur Welt von morgen. Wann wird China die globale Führungsrolle in einer neuen Ordnung übernehmen? Kommt es zu einem DUOPOL USA und China? Und welche Rolle wird Russland spielen? Fischer sieht Ostasien als das Zentrum des 21. Jahrhunderts, also eine Art Achsenverschiebung. Doch Asien sei noch im Großmachtdenken und in den Machtrivalitäten des 19. Und 20. Jahrhunderts gefangen, verbunden mit atomaren Gefahrenpotentialen. Europa steht vor der Aufgabe der Erneuerung oder gibt sich selbst auf.
Das transatlantische Mündelverhältnis – durch Donald Trump aufgekündigt – werde nicht wiederkehren.

 

Fischer analysiert sehr faktenfundiert die Erosionsprozesse, die neuen Machtverhältnisse, die Unsicherheiten durch islamistische Bewegungen und nationalistische Politiken. Er erklärt die wirtschaftlichen Fundamente, gibt detaillierte Zahlen an, vergisst nicht die historischen Voraussetzungen für all diese Entwicklungen zu benennen, in einer klaren, deutlichen, gut les- und verstehbaren Sprache, kompakt zusammenfassend und zugleich mit einem mahnenden und auf moralischen Prinzipien (ohne Zeigefinger-Attitüde) beruhenden Fundament. 


Nach innen betrachtet diagnostiziert Joschka Fischer in der liberalen Demokratie und „Akzeptanz- und Systemkrise“, der Neonationalismus sei ein Misstrauensvotum gegen die politischen und wirtschaftlichen Eliten, durch die digitalen Medien entstünden zusätzliche Manipulationsgefahren und es drohte eine soziale Destabilisierung, wenn der moderne Kapitalismus sich weiter gefährlich krisenhaft entwickele. 
Es bedarf - nach Fischer - einer Erneuerung der europäischen Vision, einr Bewegung von unten.

 

Im letzten Kapitel beschreibt Fischer die Rolle Deutschlands zunächst mit kurzen historischen Rückblicken. Deutschland gewinnt politische Potentiale als Mittelmacht in schwieriger geographischer Lage zurück, wenn die USA und die Angelsachsen sich zurückziehen, gewinnen diese neuen Herausforderungen eine überragende Bedeutung. 
Die transatlantische Sicherheitsklammer bleibt als europäische Rückversicherung angesichts seiner geopolitischen Lage unverzichtbar. Es beginnt ein neuer Abschnitt für die deutsche Geschichte.

 
Joschka Fischers Buch ist eine Aufgabenbeschreibung nationaler, europäischer und internationaler Politik, eine historisch fundierte Analyse der aktuellen Situation, die Gefahrenpotentiale benennt, Lösungsmöglichkeiten aufzeigt und eine Art To-Do-Liste für die politische Klasse erstellt. 


Joschka Fischer, geboren 1948 in Gerabronn. Von 1994 bis 2006 Mitglied des Bundestages, von 1998 bis 2005 Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. 2006/07 Gastprofessor an der Universität Princeton, USA. Joschka Fischer lebt in Berlin. 

 

 

Postfaktisch oder gefühlte Wahrheiten


Ist die Wirklichkeit das, was uns umgibt, oder wird sie angeklickt und damit erst Wirklichkeit? Eine philosophische Streitfrage, die Kernthema dieses Buches ist. 


Die Autoren gehen von einem Marktmodell aus. Auf dem Markt des Digitalen werden Daten und Informationen gehandelt. Sie müssen eine Aufmerksamkeitsschwelle überwinden, um zur Kenntnis genommen zu werden. Die Autoren meinen nun, dass unsinnige, aufgeblähte falsch- und überbewertete Fakten die Hauptrolle spielen, Wahrheit und sachgerechte Fakten jedoch untergeordnet werden. Es entstehen Blasen der Aufmerksamkeit, die - je größer sie sind - umso mehr sich selbst Bedeutung verleihen. Hintergrund ist das Herdenverhalten der Menschen, das nach der Logik funktioniert: "Nutzer, die dies mochten, interessiert auch das." 


Das heißt Werbung und Traffic bedeuten Geld, Macht und politischen Einfluss. Wahrheiten, Fakten und politische Herausforderungen und auch traditionelle Medien, wie ich hinzufügen würde, spielen nicht mehr die Hauptrolle. 


Die wahrheitsgetreue Information wird verdrängt durch die Jagd nach Aufmerksamkeit. 


Desinformation, politische Blasen, plumper Populismus führen zur postfaktischen Demokratie, die für die Demokratie selbst bedrohlich ist. 
In sechs Kapiteln analysieren die Autoren nach Vorwort und Einleitung die Ökonomie der Aufmerksamkeit, den Markt der Nachrichten, die Spekulationen um Aufmerksamkeit, FAKENEWS und alles, was damit zusammenhängt, Populismus und Verschwörungstheorien, die auf Faktenresistenz beruhen. Mit Dank, Literaturhinweisen und Anmerkungen schließt die Studie.

 
Wichtigster Satz: „Eine Demokratie befindet sich in einem postfaktischen Zustand, wenn politisch opportune, aber faktisch irreführende Narrative statt Fakten als Grundlage für die politische Debatte, Meinungsbildung und Gesetzgebung dienen.“ 


Dem Reichtum an Informationen heutzutage steht die Knappheit von Aufmerksamkeitsreservoirs gegenüber. Die Medienlogik entspricht kommerziellen Interessen. „Wer mit Erfolg auf der Medienklaviatur spielt, kann in der medialisierten Gesellschaft enorme politische Gewinne einfahren.“

 

In der HYPERREALITÄT verschwindet die Unterscheidung zwischen Medium und Realität. Realität wird zu einem Medienprodukt, zur Simulation von Wirklichkeit. Die Politik setzt dabei Signale und betreibt Symbolpolitik; beides verursacht Blasenbildung, löst aber keine politischen Probleme, ist reines, mediales Inszenieren. 
Wie setzt man Aufmerksamkeit? Durch FRAMEN, wie entstehen Gerüchte, wie entstehen FAKE NEWS, fingierte Nachrichten, war Propaganda nicht irgendwie immer schon? Fragen über Fragen, die von den Autoren aufgeworfen werden.

  
Die Wahrheit kommt neuerdings aus dem Bauch, man glaubt an das, was man als wahr fühlt. Wie sind die Strukturen von Verschwörungstheorien? All diese postfaktischen Aspekte der politischen und medialen Kommunikation werden von den beiden Autoren behandelt. Dieses Buch muss in die Hand von Politikern und Journalisten, in die Hand von Mediengestaltern und politischen "Dummbeuteln".

 

SKALA ZUR INFORMATIONSQUALITÄT

ZONE 1

Wahre Aussage

Verifizierte Fakten

ZONE 2

Verzerrte Aussagen

Rahmensetzung, spitze Winkel, Auslassung, »ausgewählte Fakten«

Unbelegte Aussagen

Gerüchte (vielleicht wahr, vielleicht falsch)

ZONE 3

Falsche Aussagen

Falschwiedergabe von Fakten, im Widerspruch zu diesen

Lügen

Intendierte Falschaussagen

Bullshit

Falschwiedergabe eigener Motive und Ziele, Verstellung, Fingieren, Aufhebung der Trennung zwischen wahr und falsch

Fake News

Fingierte Nachrichten, Falschwieder­gabe von Motiven und Zielen mit Simulation von Journalismus und damit Wahrhaftigkeit.

 

 

Vincent F. Hendricks, Jahrgang 1970, ist Professor für Formale Philosophie und Direktor des Center for Information and Bubble Studies (CIBS) an der Universität Kopenhagen. Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Elite Research Prize des dänischen Forschungsministeriums. Er ist Mitglied des Institut Internationale de Philosophie, Gewinner des Kopenhagener Science Slams 2015 und Koautor des Buches Infowars (2016).

Mads Vestergaard ist Doktorand am Center for Information and Bubble Studies (CIBS) der Universität Kopenhagen, wo er seinen Master in Philosophie machte. Darüber hinaus ist er u. a. Gründer und ehemaliger Vorsitzender der "Nihilistischen Volkspartei", einem dänischen Kunst- und Satireprojekt.

 

Feuer und Zorn

Trumps White-House-Organisation schreibt Michael Wolff hat nichts Militärisches an sich: Keine vertikalen Strukturen, einer sitzt ganz da oben, ein Haufen Mitarbeiter darunter, die sich um die Aufmerksamkeit des Chefs balgen. Es geht nicht um die Verteilung von Aufgaben, sondern um die Verteilung von Aufmerksamkeit. Wem hört der Chef zu und vor allem wie lange.

 
Wolff beschreibt das Weiße Haus als Organisation wie im Trump-Tower. Jeder versucht jeden auszustechen, jeder versucht, an jeder Sitzung teilzunehmen. Man bahnt sich seinen Weg durchs Labyrinth der Machtzentrale. Organisatorische Stringenz liegt dem Präsidenten fern. Und die gegenseitige Geringschätzung verhindert, dass die Schranzen übereinander herfallen. Anpassung total ist karrierefördernd. Was der Präsident vielleicht wollen könnte, wird von den Beratern vorgeschlagen. Trial-and-Error. Klappt oder klappt nicht!

 
Erschreckend Wolffs Analyse: Trump verarbeitet gewissermaßen Informationen gar nicht. Wenn etwas Trump wichtig ist, hat er eine vorgefasste Meinung, hat er keine Meinung zu etwas Bestimmtem, leistet er sich auf Dauer weder eine Meinung noch irgendwelche Informationen dazu.


Und dazu kommen die Leaks seiner Mitarbeiter: Jeder beschuldigt jeden, heimlich Informationen weiterzugeben. „Ob paranoid oder sadistisch, dekliniert er die Fehler und Schwächen sämtlicher Mitarbeiter durch.“ 
Wolff vermisst politisches Handwerk: „Es fehlte eine kohärente Botschaft, weil niemand da war, der eine hätte schreiben können“. Er legt sich fest, dass er sich auf nichts festlegt und irgendwann bekommt er jeden in seiner Umgebung satt. „Es ist schlimmer, als Sie sich vorstellen können. Ein von Clowns umgebener Idiot. Trump liest nichts, weder Memos von gerade mal einer Seite noch die kurzen Strategiepapiere, gar nichts. Er steht mitten in Besprechungen mit Staatsoberhäuptern auf, weil er sich langweilt. Und seine Mitarbeiter sind nicht besser.“


Er will nur geliebt werden, und es geht das Gerücht, im tiefsten Inneren sei Trump ein Weichei. 


Zitat: „Mutete das Weiße Haus unter Trump schon so verstörend an wie keine andere Regierung in der Geschichte, so waren die Ansichten des Präsidenten zur Außenpolitik und zur Welt im Allgemeinen in ihrer Beliebigkeit, Ahnungslosigkeit und Sprunghaftigkeit besonders beunruhigend.“ Kissinger meinte, im Weißen Haus tobe ein Machtkampf zwischen Juden und Nichtjuden. 


Zwar hat Trump drei Bildschirme im Schlafzimmer. Doch für ihn sind nur FAKE NEWS unterwegs: „Alle Nachrichten waren manipuliert und zurechtgebogen, gesteuert und platziert. Alle Nachrichten waren bis zu einem gewissen Grade gefälscht - das wusste er sehr gut, denn er hatte es in seiner Karriere oft genug selbst getan“. Und Trump gesteht selbst: „Ich habe mir schon immer alles Mögliche ausgedacht, und es wird stets gedruckt.“ Er sagt, was ihm gerade durch den Kopf geht: „Ungefiltert, völlig verrückt.“

 

Trump versteht die Präsidentschaft weder von der Institution noch von den politischen Prinzipien her, Rituale, Korrektheit im Staatsamt, das Verständnis für Symbolik in politischen Botschaften lässt er völlig vermissen, erst recht staatsmännisches Auftreten, das alles übersteigt sein Begriffsvermögen. Für Trump ist der kürzeste Weg der Beste, Komplexität und Bürokratie halten alles nur auf, Schwierigkeiten muss man umgehen oder ignorieren.

 
FBI-Direktor a.D. James Comey (von Trump gefeuert) hält den amerikanischen Präsidenten wahrscheinlich für einen Dummkopf und mit Sicherheit für einen Lügner, schreibt Michael Wolff. „Typisch Trump“, sagt der ehemalige Berater Bannon, „er glaubt, er kann das FBI feuern“.
Trumps generelle These, wenn ein einzelner Mann die tiefsitzende Wut und den Unmut der Amerikaner schürt, kann er mächtiger sein als das politische System selbst. Eine Zeit der HYPERMEDIA. Und Hybris! 
Wolffs Befund: Amerika ist unaufmerksam, zersplittert und zerstreut, Politik hat sich zum Zielgruppengeschäft entwickelt. Politik wurde zu einem Geschäft für Experten B2B – Business to Business. 
Fazit 1: Ein „Zufallspräsident“! Fazit 2: „Seine Präsidentschaft, wie lange sie auch dauern mochte, hatte die Tore für die wahren Außenseiter aufgestoßen, Trump war nur der Anfang.“

 
MICHAEL WOLFF FEUER UND ZORN. IM WEISSEN HAUS VON DONALD TRUMP ROWOHLT


Michael Wolff, 1953 geboren, ist ein amerikanischer Journalist und Autor. Er schreibt für «Vanity Fair», «The Hollywood Reporter», «The Guardian», «USA Today» und die britische Ausgabe von «GQ». Er hat sechs Bücher veröffentlicht, darunter «The Man Who Owns the News» (2008), eine Biographie von Rupert Murdoch. Wolff hat zahlreiche Preise für seine Arbeit erhalten, darunter zweimal den «National Magazine Award». Er lebt in New York und hat vier Kinder.
Pressestimmen


«‘Feuer und Zorn‘ erinnert in seiner höchst unterhaltsamen, geradezu beängstigenden Aufzählung endloser Palastintrigen im Weißen Haus an ähnlich historische Klatschgeschichten von höchster Stelle, die früher einmal Welt-Bestseller wurden ... Wolff schildert ein vulgäres, machtverliebtes Milieu rings um einen Präsidenten, der einem schließlich leidtut. Der Autor pflegt einen anspruchsvollen Stil. Gleichwohl beschleicht den Leser ein unbehagliches Gefühl - der höchst intime Einblick in die menschlichen Unzulänglichkeiten Trumps schmerzt.»
Michael Nauman, Die Zeit


Voller Lügen, Entstellungen und Quellen, die nicht existieren.
Donald Trump


«‘Fire and Fury‘ lässt sich ganz auf die Welt von Donald Trump ein, auf den Wahnsinn und Wahnwitz seiner Präsidentschaft.»
Johanna Bruckner, Süddeutsche Zeitung


«Wolff zeichnet das Bild eines ahnungs- und ideenlosen, desinteressierten, lernunfähigen, auf Äußerlichkeiten fixierten, unreifen, paranoiden, verlogenen, jähzornigen und hoffnungslos selbstverliebten Präsidenten. »


Andreas Ross, Frankfurter Allgemeine Zeitung
«‘Fire and Fury‘ ist fesselnd geschrieben und gleicht mit vielen Dialogen mitunter einem Drehbuch.

Matthias Kolb, Süddeutsche Zeitung


«‘Fire and Fury‘ ist extrem süffig geschrieben, dicht, spannend, oft elegant, im lässigen Stil angelsächsischer Historiker. Man sitzt mit Trump am Tisch, streift durch dunkle Gänge des Hauses, das er angeblich so wenig leiden kann, duckt sich mit anderen vor dem Gebrüll des Präsidenten.»
dpa


«Wolff besitzt offenbar die Fähigkeit, auf wichtige Menschen zuzugehen, diese dabei zuerst mental aufzubauen, nur um sie anschließend genüsslich zu zerlegen.»
Tobias Sedlmaier, Neue Zürcher Zeitung


«Eine faszinierende Lektüre … Wie unglaublich die Dinge auch sein mögen, die man über Trump erzählt – sie stimmen alle.» 
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 

 

«Widerwärtig und fesselnd.» 
Die Zeit 

 

«Seine Kraft entwickelt das Buch, weil Wolff als Erster all diese seit Monaten kursierenden Gerüchte in eine große Geschichte packt … Empfehlenswert.» 
Süddeutsche Zeitung

Eliten im Dritten Reich

Ratlos waren die Staatsräte nicht, wenn es um ihren eigenen Vorteil ging. Aber als Preußen nach dem Zweiten Weltkrieg von den Siegern abgewickelt wurde, verloren sie ihren Staat. Vorher hatten Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Carl Schmitt zum Schmuck Preußens und seines Ministerpräsidenten Hermann Göring als „Preußische Staatsräte“ gedient, dem Reichsmarschall und dem Dritten Reich „Ruhm und Ehre“ eingetragen. Sie gehörten zur Elite des Staates, verfügten über internationales Renommee und verstrickten sich vertrackt in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Der Germanist und Kulturwissenschaftler Helmut Lethen hat sie zusammen als Quartett in einem Puppenspiel in realhistorischem Rahmen porträtiert. Obwohl sie sich in Wirklichkeit nie zu viert getroffen haben, lässt sie der Autor an sieben fiktional arrangierten Abenden miteinander parlieren. Dazwischen ordnet er die tatsächliche Geschichte in Orientierungspunkten an und gruppiert eine Reihe von weiteren Figuren um sein Quartett: Den preußischen Finanzminister Johannes Popitz, Gottfried Benn und Ernst Jünger, natürlich Göring aber auch den Romanisten Werner Krauss aus der Roten Kapelle.


Die vier Hauptspieler in dem Quartett waren beileibe keine lupenreine Nazis. Sie genossen aber ihre Privilegien und kultivierten ihren Status als Staatsräte von Görings Gnaden. Ihre Biographien enthielten eingebaute Persilscheine, die ihnen das je unterschiedliche Weitermachen nach dem Ende des Krieges ermöglichten: Gustav Gründgens hat als Generalintendant der Preußischen Staatstheater seine schützende Hand über manch jüdischen Kollegen gehalten. Ferdinand Sauerbruch, ein Antisemit alter Schule ließ es sich nicht nehmen, dem mutigen kleinen Trauerzug für den Juden Max Liebermann zu folgen, der ihn porträtiert hatte. Wilhelm Furtwängler spielte mit den Berliner Philharmonikern zwar zu offiziellen Nazi-Feiern, konnte und wollte aber ohne jüdische Musiker nicht auskommen. Carl Schmitt, der „Kronjurist des Dritten Reiches“ war schon 1936 aufgrund von Intrigen aus einflussreichen Stellen hinausgedrängt worden, verfasste aber nach wie vor geistreiche staats- und völkerrechtliche Texte seiner antidemokratischen, totalitären Führerideologie. Alle verdienten glänzend im Dritten Reich und genossen die Bevorzugung in ihrer künstlerischen, intellektuellen oder medizinischen Nische.


Helmut Lethen verschränkt das von ihm entworfene verbrecherische Zeitpanorama gekonnt mit den Gesprächsrunden der Vier. Sie trafen sich an unterschiedlichen Orten auf Einladung je eines von ihnen: Auf dem Gut Zeesen bei Gründgens zum Thema „Schein“, in Görings Jagdresidenz Carinhall zu Carl Schmitts Ausführungen über „den Feind“ oder in Sauerbruchs Villa am Wannsee über „Prothesen“. Nach Stalingrad lud Sauerbruch dann in die Charité, um über den „Schmerz“ zu referieren und man traf sich – schon unter dem Bombenhagel – auf Einladung Furtwänglers im Dirigentenzimmer der Staatsoper über „Gemeinschaft“. Nach dem Krieg arrangiert der Autor noch ein Treffen bei Gründgens in Düsseldorf über die „Scham“ und schließlich ein gespenstisches letztes – das Quartett ist inzwischen durch das Ableben von zwei ehemaligen Staatsräten auf die Hälfte geschrumpft – in Plettenberg auf Einladung von Schmitt über die „Entscheidung“. Alle Gespräche sind fiktiv, die Vorträge der Einladenden und die Beiträge der Mitspieler sind teils aus deren Werken zitiert oder glänzend nachempfunden. Die sieben Szenen zwischen dem Grauen des Nazireiches atmen eine Authentizität, die von der umfassenden Bildung des Autors und sicher auch seiner Fleißarbeit zeugen. 


Das ganzeBuch durchzieht eine großartige literarische Spannung zwischen dem historischen Rahmen „Drittes Reich“ bzw. „Junge Bundesrepublik“ und den unterhaltsamen, mit  Humor und Ironie beschriebenen Treffen der vier Staatsräte. Die haben durchaus Vorbehalte gegen ihre Mitspieler, verkneifen sich keine Spitzen gegen sie und halten in kurzen inneren Monologen nicht hinter dem Berg mit Kritik an mageren Büffets oder der Physiognomie der Partner. Das alles verdichtet sich zu einem Bild dieser Elite im Dritten Reich und denunziert das privilegierte Mitmachen als unerlaubte Kollaboration.

 

Harald Loch


Helmut Lethen: Die Staatsräte. Eliten im Dritten Reich Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt
Rowohlt Berlin 2018   351 Seiten   24 Euro

 

Gibt es eine Logik gegen RECHTS?

Im Fadenkreuz des Leitfadens stehen die „Rechten“. Drei gestandene Autoren wollen uns erklären, wie wir mit ihnen reden sollen. Brauchen wir das wirklich und hilft uns ihr Buch „mit Rechten reden“, wenn wir nicht wissen wie wir das anstellen sollen? Vorweg ein a priori der Demokratie: Dass wir mit jedem reden dürfen und auch hin und wieder reden müssen, sollte unstreitig sein.

 

Ebenso dürfte klar sein, dass wir es nicht mit der Intention des Missionars tun sollten nach dem Motto „und willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag‘ ich dir den Schädel ein.“


Per Leo, Autor des zu Recht hoch gelobtem Romans „Flut und Boden“, Maximilian Steinbeis, Betreiber des auch international angesehenen „verfassungsblog.de“ und Daniel-Pascal Zorn, promovierter Philosoph mit dem Spezialgebiet „Argumentationslogik“ verknüpfen mit ihrem „Leitfaden“ fast Unvereinbares miteinander. Das Wichtigste: Sie entschleiern die Taktik der politisch organisierten Rechten als einfachen rhetorischen Trick. Auf die gut dosierte Provokation erwarten sie den Keulenschlag der Nicht-Rechten, den sie mit der unwahren Unterstellung kontern, man könne in diesem Staat nicht mehr die Wahrheit sagen, ohne diffamiert zu werden. Die Autoren nennen Beispiele dafür: Höckes Dresdner Rede mit dem Etikett „Denkmal der Schande“ für das Berliner Mahnmal zur Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden. Die bekannte rechtsnationalistische Einstellung Höckes ließ nur eine der in der Tat mehrdeutigen Lesarten zu.

 

Die deutsche und internationale Öffentlichkeit war empört, schwang die Keule. Das verlogene, „klarstellende“ Nachwort Höckes triefte dann vor Opfertränen, die erneut Empörung auslöste usw. Die Autoren des Leitfadens fassen diese rhetorische Taktik der „Rechten“ kurz zusammen: Mal spielen sie das Arschloch, dann wieder das Opfer. Immer ist ihnen Öffentlichkeit sicher. In Amerika ist einer mit dieser Taktik Präsident geworden.


Diese Entlarvung des argumentativen Tricks könnte oberlehrerhaft wirken. Darum fügen die drei Autoren eine vierte Person ein, einen anonym bleibenden Unbekannten. Dieser fiktionale Teil des Buches verstört den an logischer Beweisführung interessierten Leser, noch dazu, wenn er auf seinem Sterbebett den herbeigeeilten Autoren noch seinen letzten Traum erzählt, dessen Deutung offener bleibt als die reine Lehre von S.F. es zulässt. Der irritierte Leser muss bei der Stange gehalten werden. Deshalb würzen die Autoren ihre zeitgeschichtliche Analyse mit einer für solche Arbeiten nicht üblichen Portion Humor, gutem Humor, teils in englischer Sprache – welche Provokation! – teils auch auf Kosten der „Linken“, denen sich die Autoren in vielem verbunden aber keineswegs zugehörig fühlen. So entsteht ein unterhaltsames Buch, das den „Rechten“ wie den „Linken“ nichts durchgehen lässt, aber wie bei einer fernöstlichen Verteidigungsmethode zunächst nachgibt, um dann argumentativ den Gegner, pardon: die Gesprächspartner! kampfunfähig zu machen. Das gelingt mal besser und mal weniger, ist aber als „Sprachspiel“ neuer Art ein interessantes, manchen sicher überzeugendes Experiment. Ob es auch funktioniert, wenn die „Rechten“ nicht mitspielen, muss offenbleiben. 


Der Leitfaden ist für die Argumentation mit der „offiziellen“, zwar oft widersprüchlichen aber doch organisiert auftretenden „Rechten“ konzipiert. Im Gespräch mit dem Einzelnen kommt es darauf an, die persönlichen und die gesellschaftlichen Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen der Gesprächspartner zu einem der „Rechten“ geworden ist, als der ja niemand geboren wird. Dass darunter viele Arbeiter sind, sagen die Wähleranalysen. Was hat die „geborenen Linken“ zu „Rechten gemacht? Es lohnt sich, hierzu Didier Eribons „Gesellschaft als Urteil“ zu lesen.


Harald Loch


Leo/Steinbeis/Zorn: mit Rechten reden. Ein Leitfaden
Klett-Cotta, Stuttgart 2017   183 Seiten   14 Euro

 

Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil

Kann man zweimal nach Reims zurückkehren? Der französische Soziologieprofessor aus Amiens ohne Abschluss einer grande école, setzt seinem großen Erfolg nach. In seinem Großessay „Gesellschaft als Urteil“ verknüpft er die schonungslose Analyse seiner eigenen Existenz noch konsequenter mit einer aufklärenden Betrachtung der Gesellschaft. Deren Wucht sich als verdict, wie es im französischen Titel seines im Original bereits 2013 erschienenen Buches heißt, sich als Urteil über den Lebensweg des Einzelnen auswirkt. Diese Verurteilung durch die Gesellschaft, durch Herkunft, Milieu, Sprache, Geschlecht und Religion wird von der Gesellschaft vor allem durch ihr Schulsystem und die überkommenen Regeln der Elitenbildung in aller Regel „ohne Bewährung“ ausgesprochen. Sie wirkt lebenslänglich, ist durch keine Möglichkeit der „Wiederaufnahme des Verfahrens“ abzuändern. Soweit die Kernaussage der zweiten Rückkehr nach Reims.


Das Individuum, im Falle des Autors besonders das mit einer von der geduldeten Norm abweichenden sexuellen Orientierung, ist der Schwerkraft der Gesellschaft vielfältig ausgeliefert. Seine Eltern gehörten der Arbeiterklasse an. Sie ermöglichen ihm eine ausreichende Schulbildung, die in ihm den Wunsch und die Kraft freisetzt, sich aus diesem Milieu zu entfernen. Scham über die Herkunft, Scham über den „Verrat“ an ihr.

 

Aus dem eigenen Erleben seziert er die unterschiedlichen Verletzungen und Verhinderungen von Menschen, die aufgrund der gesellschaftlichen Bedingungen, denen sie ausgesetzt sind, unterschiedliche Lebensentscheidungen treffen. Die sind nie frei von den Bestimmungen, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit ihnen vorgenommen haben. Inzwischen ganz Intellektueller, belegt der Soziologe Eribon seine These von der „Gesellschaft als Urteil“ mit Beispielen aus der Literatur. Seine Lektüre und Auseinandersetzung mit der Rezeption des „Saint Genet“ von Sartre, von „Das andere Geschlecht“ der Simone des Beauvoir und vor allem seine lange Zusammenarbeit mit seinem Lehrer und Freund Bourdieu liefern ihm die Beispiele.

 

Das hat den Vorteil vor eigener, nicht nachvollziehbarer Feldforschung, dass manche seiner Leser die Texte kennen, jeder sie nachlesen könnte. Er stellt fest, dass die Haushälterin Françoise in Prousts Recherche „natürlich“ keine eigene Geschichte hat, keine Vorfahren. Er selbst weiß über seine Eltern nur ganz wenig, es gibt kein Familienarchiv wie in den meisten bürgerlichen Familien. So ist es auch im Werk von Annie Ernaux, Assia Djebar und all der anderen Autoren, die er passend zitiert und sehr schön in den eigenen Textfluss einfügt. Aber darf der Soziologe aus den Figuren, die ihm die Literatur anbietet, Schlüsse auf die nichtfiktionale Wirklichkeit ziehen? Oder anders gefragt: Ist nicht die Literatur selbst Teil der nichtfiktionalen Wirklichkeit?

 

Was tun gegen das Fallbeil der Gesellschaft, das so viele individuelle Möglichkeiten abhackt, so viele Irrwege erklärt? Natürlich geht es ihm auch um die Frage, warum so viele Arbeiter den Front National wählen. Der Soziologe  weiß vielleicht keinen Ausweg, stellt aber Linderung in Aussicht: „Sicher bin ich mir nur, dass einzig eine immer wieder erneuerte theoretische Analyse der Herrschaftsmechanismen mit ihren unzähligen Funktionen, Registern und Dimensionen in Verbindung mit dem unverwüstlichen Willen, die Welt im Sinne einer größeren sozialen Gerechtigkeit zu verändern, uns in die Lage versetzt, den vielgestaltigen Kräften der Unterdrückung zu widerstehen. Nur so werden wir eine Politik schaffen können, die das Prädikat demokratisch tatsächlich verdient.“


Harald Loch
 
Didier Eribon: Gesellschaft als Urteil
Klassen, Identitäten, Wege
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
edition suhrkamp, Berlin 2017   265 Seiten   18  Euro
 

 

Die französische Revolution bei RECLAM

Die Deutungshoheit über die Französische Revolution ist umstritten. „All unsere Versuche, sie durch machtvolle Aktivitäten bestimmter sozialer Gruppen oder Klassen oder anderer Teile der Gesellschaft zu erklären, sind fehlgeschlagen.“ Mit diesen markanten Worten fegt Jonathan Israel die marxistischen wie alle anderen gesellschafts- und wirtschaftsgeschichtlichen Deutungen vom Tisch. Er verfolgt einen anderen Ansatz, den er mit Vehemenz, unüberbietbarer Detailkenntnis und plausiblen Erklärungen verfolgt. Der 1946 geborene Israel ist ein britischer Historiker, der als Spezialist für europäische Ideengeschichte des 17. Und 18. Jahrhunderts zuletzt am Institute for Advanced Study der Princeton University tätig war. Sein ideengeschichtliches Hauptwerk Radical Enlightenment gibt die philosophische Grundlage für seinen stringenten neuen Deutungsversuch der Französischen Revolution. Hierfür baut er auf dem seit Jüngstem versuchten sozio-kulturellen Ansatz auf und integriert Sozialgeschichte und Ideengeschichte zu einer eigenen, zu allen bisherigen Lesarten alternativen Erzählung der die Welt verändernden Ereignisse von 1789 bis 1799. Aber er beginnt Jahrzehnte vor dem Sturm auf die Bastille, bei den Aufklärern der encyclopédie, bei den französischen Philosophen der lumières, die alle eine freiheitliche politische Philosophie vertraten, vor allem bei Diderot, Voltaire, Montesquieu und Rousseau.


Die im Vorfeld längst formulierten Ideen von der Gleichheit der Menschen, von dem unveräußerlichen Wert der Freiheit hatten schon die der französischen vorausgegangene amerikanische Revolution mit der Erklärung der Menschenrechte beflügelt. Sie beherrschten die intellektuelle Szene nicht nur in Frankreich, aber hier besonders. Zahllose Flugschriften und Bücher hatten diese Ideenwelt bis 1788 zu einem unter dem marode gewordenen royalistischen Regime zunächst verdeckt, bald immer offener zutage getretenen Mainstream beigetragen, einem gärenden Teig, der – so Israels neuer Ansatz – den Ausbruch und die Entwicklung der Französischen Revolution fast zwangsläufig nach sich zog. Als Hauptakteure benennt Israel denn auch Publizisten und Journalisten, deren immer flammendere Beschwörungen der Ideen von Gleichheit und Freiheit letztlich die Fackel der Revolution entzündeten. Hierbei traten von Anfang an unterschiedliche Ausprägungen der Aufklärung zu Tage, unter denen sich die der „Radikalaufklärung“ zuzuschreibenden gegenüber den „milderen“ am stärksten durchsetzten. Es ist ungeheuer spannend, die Auseinandersetzungen zwischen den revolutionären Denkern und der vor allem klerikalen und adligen Reaktion, aber auch unter den verschiedenen Strömungen der Revolutionäre selbst zu verfolgen. Ein großes Verdienst dieses monumentalen Buches ist eine Liste von über 150 Biogrammen der Hauptbeteiligten. Sie ermöglicht, die Vielzahl der hierzulande häufig unbekannten Namen auseinanderzuhalten und ihren Beiträgen zu dem Geschehen zuzuordnen.


Um den roten Faden der soziokulturellen, ideengeschichtlich bedeutsamen Entwicklung bis zur und während der Revolution bis zu ihrem „napoleonischen“ Scheitern rankt sich, wie zwangsläufig aus den Ideen erwachsend, die Darstellung der tatsächlichen innen- und außenpolitischen Ereignisse und der sich dramatisch verändernden sozialen Lage in Paris und in den Provinzen. Das rasche Erwachsenwerden bis zur Erklärung der in ihrer endgültigen Formulierung umstrittenen Menschenrechte und bis zur ersten demokratischen Verfassung der Welt ist in allen Einzelheiten nachzuvollziehen. In den ersten Jahren fand die Revolution ja noch unter dem monarchischen Regime von Louis XVI statt, bis er umgebracht wurde. Auch diese erste cohabitation zwischen dem Monarchen und den revolutionären Institutionen ist spannend erzählt. Die Entmachtung der katholischen Kirche, die Gleichberechtigung der Juden, die Abschaffung von Privilegien, auch der männlichen gegenüber den Frauen, die Emanzipation der Sklaven auf Haiti und auch der Putsch von Robespierre sind vor dem Ideenrelief, das Israel nach wie vor für bestimmend hält, gut nachvollziehbar. Die Dämmerung der aufgeklärten Revolution kam viel zu rasch. La terreur dauerte von September 1793 bis etwa Juli 1794 und ist wie ein blutiger Verrat an den seit Sommer 1793 kippenden Kernwerten der Revolution zu verstehen.


Jonathan Israel hat einen einleuchtenden neuen Deutungsansatz für die Französische Revolution entwickelt und diesen in einer glänzen Synthese von geistesgeschichtlicher Darstellung und historiographischer Genauigkeit nach dem Motto des Untertitels seines Buches erzählt: Edeen machen Politik. Er hat damit auch das Erbe dieser Revolution benannt: die Kraft und die Gefahren, die von der Radikalaufklärung ausgehen können.


Harald Loch


Jonathan Israel:                                                                                  Die Französische Revolution. Ideen machen Politik
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Bossier
Reclam, Stuttgart 2017   990 Seiten   49 Euro

 

100 Tage TRUMPelei im Amt

Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt
 

Rechtzeitig zur 100-Tage-Bilanz von Donald Trump erscheint ein 30-Jahre-Resümee seiner politischen Rhetorik: der in Cambridge lehrende irische Historiker Brendan Simms und sein Kollege vom Londoner King’s College und der University of Texas, Austin, Charlie Laderman verfassten die zeithistorische Studie „Wir hätten gewarnt sein können“. Ihr schmales Buch besteht aus zwei Teilen: in einem ersten zählen sie zentrale politische Äußerungen Trumps seit den frühen 1980er Jahren auf und fügen die wörtlichen Zitate gleich an. In einem zweiten versammeln sie ihr zeitgeschichtliches Urteilsvermögen und konkretisieren die Warnung, die sie im Titel andeuten. Die Klammer bildet ein Zitat aus Henry Kissingers Memoiren: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass politische Führer durch Erfahrungen an Tiefgründigkeit gewinnen. … Die Überzeugungen, die führende Politiker vor Übernahme eines hohen Amtes gewonnen haben, sind ihr intellektuelles Kapital, das sie während ihrer Amtszeit verbrauchen.“ Wir können also, das ist der Ansatz der Autoren, die Politik Trumps aus seinen Stellungnahmen der letzten 30 Jahre verstehen und auch prognostizieren. Es sind im Wesentlichen zwei Kernsätze der politischen Überzeugung, die in den letzten Jahrzehnten wie in der ersten 100 Tagen seiner Präsidentschaft hervorstechen: Es seien weniger die Feinde als die Verbündeten der USA, die es zu Kasse zu bitten gelte. Sie sollten nach dem Willen von Trump die Kosten dafür übernehmen, dass die USA sie militärische „beschützen“. Und sie sollten keine Handelsgewinne auf Kosten der USA machen!

 

Die zweite Seite seiner Botschaft, die er seit drei Jahrzehnten an die amerikanische Bevölkerung richtet, lautet: „Mit dem Geld, das wir von den Partnern einfordern müssen, könnten wir den Arbeitern und Farmern der USA ein auskömmliches Leben bieten, die Gesundheitskosten tragen, Straßen reparieren und Schulen bauen“. Der populistische Dualismus aus Nationalismus und sozialen Wohltaten kennzeichnet das politische Credo Trumps, der vor allem „Führung“ vermisst hat und selbst verspricht. Wenn das alles nach einem vor allem Deutschland bekannten verheerenden Muster geschieht, sollte man nicht falsche Parallelen ziehen. Im Gespräch sagt Brendan Simms: „Der Populismus Trumps setzt auf Nationalismus und auf soziale Versprechungen, aber das ist kein Nationalsozialismus. Trump ist in einer Demokratie großgeworden, er strebt keine faschistische Diktatur an. Daran würden ihn auch die intakten verfassungsmäßigen Institutionen hindern.“ Gewarnt wird trotzdem und vor Anderem.


Im zweiten Teil folgern die Autoren aus den vergangenen Verlautbarungen Trumps: „Wir wissen bereits, was für eine Figur Trump ist. Vom Verhalten her ist er ein Silberrückengorilla, ein narzisstischer Pfau, ein Alphatier, ein Elefant im Porzellanladen. Politisch ist er ein Bourbone, der in den letzten drei Jahrzehnten nichts gelernt und nichts vergessen hat. Einem alten Hund wie ihm kann man keine neuen Tricks beibringen. Der Leopard wechselt nicht seine Flecken.“ Solche drastischen Formulierungen erschließen sich dem Leser als konsequente Folgerung aus dem ersten Teil mit den vielen O-Tönen, die sich wie ein permanenter, über 30 Jahre laufender Wahlkampf lesen. Voller Urteilskraft schreiben die Autoren, was die Welt erwarten kann. Je mehr Trump innenpolitisch von den Institutionen Erfolge verwehrt werden, desto mehr wird er sich diese auf dem Gebiet der Außenpolitik zu holen suchen. Die Welt sollte sich warm anziehen! Ganz konsequent haben die Autoren nicht aus Trumps – von Ghostwritern geschriebenen – Büchern zitiert sondern aus seinen Interviews – eben ihn selbst. Dabei verwendet er eine erstaunlich einfache Sprache, die nach Auffassung von Simms nicht auf Wirkung gegenüber einfachen Menschen inszeniert sondern seine natürlich Diktion ist. Einfach, deutlich, brutal.


Harald Loch


Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt
DVA, München 2017   157 Seiten   12 Euro

 

 

Interview mit Brendan Simms zu seinem Trump-Buch

 

Frage: Sie und Ihr Kollege Charlie Laderman haben Ihrem Buch über Donald Trumps Sicht auf die Welt den Titel gegeben „Wir hätten gewarnt sein können“. Wovor eigentlich?

 

Simms: Wir haben uns viele politische Stellungnahmen Trumps aus den letzten 35 Jahren angesehen und haben eine verblüffende Kontinuität seines Populismus feststellen können. Sie besteht aus zwei Komponenten: Nationalismus und sozialen Versprechen. Beides hängt miteinander zusammen. Trumps Nationalismus geht davon aus, dass die Verbündeten für den militärischen Schutz, den ihnen die USA bietet, nichts bezahlen, dass sie den Schutzpatron im Gegenteil im Handel übervorteilen. Diese Kosten, forderten die USA sie ein, könnten den Arbeitern und Farmern der USA ein besseres Leben ermöglichen. Es könnten mit dem Geld Straßen und Schulen gebaut werden. Die USA könnten dann – wie Trump sagt – den Status eines Entwicklungslandes verlassen. Er greift also soziale Missstände und Defizite der Infrastruktur geschickt auf und fordert die Kosten dafür von den Verbündeten und den Handelspartnern ein. Die bisherigen Präsidenten der USA seine zu dumm gewesen und hätten keine Führung gezeigt.

 

Frage: Die Zutaten zum Populismus sind offenbar überall gleich. Marine Le Pen erobert damit ebenso Stimmen wie die AfD in Deutschland. Erinnert das nicht auch an Hitler, vor dessen Politik man ja auch hätte gewarnt sein können?

 

Simms: Nein! Die Kombination von Nationalismus und sozialen Versprechen bei Trump ist nicht mit „Nationalsozialismus“ gleichzusetzen. Trump ist in einer Demokratie großgeworden und ist Bestandteil dieser Demokratie. Er hat sicher nicht vor, eine faschistische Diktatur zu errichten. Er verfolgt seine Ziele innerhalb der amerikanischen Demokratie, deren Institutionen ja funktionieren, deren Gerichte funktionieren und deren Kongress Trump ja nicht in jedem seiner Schritte folgt. Aber: Je mehr er innenpolitisch ausgebremst wird, desto stärker verlegt sich sein populistischer Aktivismus auf die Außenpolitik. Die haben wir unserem Buch besonders untersucht.

 

Frage: Ist es nicht erstaunlich, sie lange sich der Wirtschaftsmogul in die Außenpolitik der USA mit eigenen Statements eingemischt hat?

 

Simms: Ja, wir waren überrascht, dass Trump seit über 30 Jahren immer wieder und sehr medienwirksam die amerikanische Öffentlichkeit angesprochen hat. Es ist, also ob er seit Jahrzehnten in einem permanenten Wahlkampf stand, obwohl er ja erst zuletzt als Kandidat angetreten und dann auch gewählt worden ist. Und sein politisches Credo ist immer gleich geblieben: Die Welt lacht über Amerika, seine Präsidenten sind unfähig und können nicht verhandeln, sie lassen sich auf der Nase herumtanzen und verschleudern den Reichtum Amerikas, der im Innern fehlt, um sozialen und gesellschaftlichen Reichtum zu erzielen.

 

Frage: Die Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Bleiben Trumps Ansichten immer gleich?

 

Simms: In seinen Grundüberzeugungen bleibt er konstant. Im Detail passt er seine Aussagen den veränderten Bedingungen an. War es am Anfang vor allem Japan, dem er vorwarf, mit seinen billigen Waren den amerikanischen Markt überschwemmt zu haben und sich praktisch kostenlos von den USA militärisch beschützen lassen – was übrigens nicht stimmt, denn Japan hat viel dafür bezahlt – so richtet sich der Vorwurf, unzulässige Handelsvorteile gegenüber den USA zu ziehen, jetzt gegen China. Gegenüber dem Öl-Kartell der OPEC ist seine Haltung gleichgeblieben, wegen des stark gesunkenen Öl-Preises aber weniger aggressiv. Gegenüber Iran bestehet seine aggressive Ablehnung ungeachtet aller Veränderungen dort nach wie vor. Die NATO hält er für ein Subventionsgrab, wenn die europäischen Partner nicht mehr für ihre Verteidigung ausgeben. Putin bewundert er und die Annexion der Krim einen Tag nach Beendigung der Olympischen Spiele in Sotschi hält er für einen genialen Schachzug des Staatsmannes Putin.

 

Frage: Stimmt es, dass die großen Konzerne den Wahlkampf von Trump finanziert haben?

 

Simms: Vielleicht, jedenfalls aber weniger als sie Hillary Clinton unterstützt haben. Trumps Wahlkampf hat weniger gekostet als der seiner Gegnerin. Er brauchte auch weniger für seine Medienpräsenz auszugeben, die Zeitungen und Fernsehstationen kamen zu ihm und wollten seine Statements haben. Sie waren zwar überwiegend gegen ihn eingestellt, verschafften ihm aber – kostenlose – Auftritte.

 

Frage: Beobachten wir nicht ähnliches bei Le Pen oder bei der Berichterstattung über Pegida oder die AfD?

 

Simms: Ja, es ist überall dasselbe. Die Medien verschaffen der Sensation, die sie eigentlich ablehnen, überproportionale Aufmerksamkeit und erreichen mit dem so transportierten Populismus breite Schichten der Bevölkerung.

 

Frage: Zum Abschluss noch ein Wort von Ihnen zum Brexit und zu Europa.

 

Simms: Ich denke Europa muss vertieft werden, es muss also mehr und nicht weniger Europa sein. Da hätte das UK dann vielleicht nicht mehr mitmachen können. Aber das wäre der richtigere Zeitpunkt für eine Trennung gewesen, die ich von Herzen bedauere. Wenn auch Europa den Austritt Großbritanniens bedauert und fast die Hälfte der Briten ihn nicht wollten, dann sollte das Verhältnis nach dem Brexit so eng und so gut wie möglich sein. Beide Seiten sollten keinen „harten Brexit“ anstreben und auch ihre Rhetorik mäßigen, wie es sich unter Freunden gehört.

 

Das Gespräch fand am 29. April in Berlin statt. Die Fragen stellte Harald Loch

 

Bibliographie: Brendan Simms und Charlie Laderman: „Wir hätten gewarnt sein können“. Donald Trumps Sicht auf die Welt

Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

DVA, München 2017   157 Seiten   12 Euro

Flüchtlingselend                                           Hans-Peter Schwarz sieht schwarz

Titel Hans Peter Schwarz Die neue Völkerwanderung nach Europa – Über den Verlust politischer Kontrolle und moralischer Gewissheiten DVA

 

Autor Hans-Peter Schwarz ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Er war Ordinarius an den Universitäten Hamburg, Köln und Bonn. Vor allem ist er für seine Beiträge über Konrad Adenauer bekannt.

 

Gestaltung 256 Seiten, sechs Kapitel: Ouvertüre „Der schwarze Schwan“, Völkerwanderung, Kontrollverlust, improvisierte Strategien, Zukunftsprognose und Umsteuerungsleitlinien.  Eine essayistische Studie mit statistischem Material und Anmerkungen, jedoch fehlende Literaturliste.

 

Cover nur Überschriften, grafische Elemente, keine Fotos

 

Zitat „Erfahrungsgemäß ist die Reform politischer Institutionen kein Allheilmittel, mit dem sich schwierige Probleme widerspruchsfrei und auf Dauer lösen lassen.“

 

Meinung Hans Peter Schwarz sieht schwarz. Eine Völkerwanderung ist in Europa und vor den Toren Europas unterwegs. Die Politik wirkt konzeptionslos, die Entscheider haben die Kontrolle verloren, und wie im Buch-Titel angedeutet, sind uns moralische Gewissheiten und europäische Überzeugungen buchstäblich durch Flüchtlingsboote über Bord gegangen.

 

Dieses Buch analysiert die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ohne wissenschaftliche Gewissheiten und Analysemethoden, sondern mit dem deutenden essayistischen Instrumentarium eines renommierten Politikwissenschaftlers, der Deutschlands Kanzlerdemokratie und ihre Staatsoberhäupter porträtiert und  wichtige wissenschaftliche Werke zur Außenpolitik verfasst hat.

 

Nun greift er das wichtigste Thema der Gegenwart auf, und diese Studie liest sich „süffig“, in klarer, wertender Art und Weise, zuweilen mit zugespitzten für einen Politologen durchaus frechen Formulierungen. Im Zentrum die gescheiterte Asylpolitik, die Schwarz gerne re-nationalisiert hätte. Während er die Massenflucht aus den Kriegsgebieten des Balkan noch als „ganz natürlichen Vorgang“ interpretiert, bedroht die Völkerwanderung nach seiner Auffassung die Europäische Union und ihre Länder in ihren Grundfesten.

 

Flüchtlingswanderungen waren für Schwarz immer schon große Themen der Universalgeschichte. Das ist verdienstvoll in dem Buch, den historischen Rückblick zuzulassen, die Gegenwart knallhart und mit konservativer Sichtweise zu betrachten und Leitlinien an die Hand zu geben, mit denen umgesteuert werden könnte. Dass die westlichen Demokratien mit ihrer Politik zum Scherbenhaufen im Mittelmeerraum und im Nahen Osten selbst beigetragen haben, vergisst Schwarz nicht zu erwähnen. Er liefert dichtes Zahlenmaterial zum „Massenzustrom“ der zur „Völkerwanderung“ wurde. Schwarz sieht die unregulierte, massenhafte Einwanderung von „Elendsemigranten“ (!) als völlig „neue historische einmalige Erscheinung“.

 

Drei Kriterien des Kontrollverlustes macht der emeritierte Politikprofessor aus: Schengen-Europa ist eine Fehlkonstruktion, das Asylrecht zu großzügig ausgestattet und drittens haben sowohl die nationalen wie europäischen Politiker und Institutionen fehlreagiert.

Das Europa der offenen Grenzen sei ein Sonderfall unter der Staatengesellschaft,  ein „Großexperiment mit ungewissem Ausgang“. Dabei scheut sich der Politikwissenschaftler und geschätzte konservative Publizist auch nicht, einen Schottenwitz zu erzählen, um den falschen europapolitischen Kurs zu kritisieren.

 

Das Flüchtlingsrecht ist für ihn gut gemeint, aber aus der Zeit gefallen, wie die Zwischenüberschrift auf Seite 74 lautet. Wenn Schwarz von „moralischem Getöse“ spricht oder “ethische Fragen“ beiseitelässt, von „moralischer Überhöhung der Willkommenskultur“ spricht, macht er es sich essayistisch allerdings etwas einfach.

 

Da geraten die Formulierungen dann sehr, sehr plakativ. Pragmatismus versus Moral: Erdogan wird zum „Deichgrafen“, Rechtsextremismus zur „Landplage“, Merkel  zur „Überzeugungstäterin aus linksprotestantischem Pfarrhaus“.

 

Die Bundesregierung habe alle Sicherungen ausgeschaltet, Bundestag und Bundesrat formell nicht befasst und die Dublin-Verordnungen außer Kraft gesetzt. Und die „europäische Lösung“ bedeute dabei, nichts Anderes als ein „ziemlich unverfrorener Versuch, die Gesamtheit der Mitgliedsländer der EU für einen schwer begreiflichen eigenen Fehler in Mithaftung zu nehmen.“ Nur eine den Kontinent umfassende Macht – also wohl doch Europa – (oder???) hätte Aussicht auf Erfolg bei der Sicherung der Außengrenzen.

 

Die Strategien gegen die Völkerwanderung sind für Schwarz nur improvisierte, ein Sammelsurium von Maßnahmen und Regelwidrigkeiten. Ein Aktivismus von „Abschieben, Abschrecken, Abweisen“. Dabei sind die Sozialleistungen der wichtigste PULL-Faktor, der die Menschen magnetisch anzieht. Europäisch gesehen spricht Schwarz von „Fliehkräften“, wachsenden starken Spannungen, großen Unsicherheiten, mit einer Verstärkung der europäischen Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste soll dem entgegen getreten werden.

 

Schwarz fordert eine differenzierte Betrachtungsweise Europas und der einzelnen Länder nach geostrategischen Lagen, zweitens hinsichtlich der Mentalitäten, drittens der vorhandenen Machtpotentiale und schließlich nach dem Vertrauenspotential in die Institutionen der Europäischen Union. Dabei kritisiert Schwarz die sich herausbildende „Fernstenliebe“ (im Gegensatz zur Nächstenliebe) und das Asylrecht als impraktikabel und absurd.

 

Fünf Leitlinien sind es, die helfen sollen umzusteuern.

  • die Reform des europäischen Asylrechts
  • eine intelligentere Organisation der humanitären Flüchtlingshilfe
  • die Rückgabe des Ausländerrechts an die Mitgliedsstaaten der EU
  • den Schutz der Außengrenzen und die Ursachenbekämpfung der Migration sowie
  • das Endergebnis „Schengen light“. 
  •  

In der ZEIT-Rezension von Theo Sommer nennt der ehemalige ZEIT-Chefredakteur und Herausgeber die eigentlichen Flüchtlingsursachen: in Afrika 90 Militärputsche, über zwei Dutzend Regierungs- und Staatschefs wurden umgebracht. Seit 1970 sind in Afrika mehr als 40 Kriege gezählt worden – Kriege zwischen Staaten, aber vor allen Dingen Konflikte innerhalb der Staaten: Bürgerkriege, Stammesfehden, ethnische Auseinandersetzungen, religiöse Konfrontationen. Schwarz blendet den „schwarzen Kontinent“ zu stark aus, so wie wir alle es tun…

 

Leser Angela Merkel, Politiker Europas und Wahlbürger Europas

Flucht und Segen

Titel Ann-Kathrin Eckardt Flucht und Segen. Die ehrliche Bilanz meiner Flüchtlingshilfe PANTHEON

 

Autor Ann-Kathrin Eckardt, Jahrgang 1979, ist Redakteurin in den Ressorts Seite 3 und Buch Zwei der Süddeutschen Zeitung. Sie wurde mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet. Seit fast drei Jahren ist sie Patin zweier irakischer Familien. Für ihren Essay "Gute Menschen", eine erste Bilanz der Flüchtlingshilfe, erschienen im Dezember 2015, erhielt sie den von der Inneren Mission verliehenen Karl-Buchrucker-Preis.

 

Gestaltung 238 Seiten, Paperback, Einleitung, sieben Kapitel, Schlusskapitel, Dank, Anhang mit Glossar, nützlichen Links

Cover stilisierte blaue Schmetterlinge

 

Zitat „Integration ist kein Sprint“

 

Meinung Zeit und Geld spenden, den Kleiderschrank ausräumen, Behörden nerven, Job suchen, Sprache lernen, so geht der Ultra-Marathon los, wenn man in die Flüchtlingshilfe einsteigt. Heute ist das Wir schaffen-das-Thema schon in der Film-Spielhandlung angekommen. Die ARD brachte eine Geißendörfer-Produktion, in der rechtsradikale Polizisten bosnische Flüchtlinge töten, die Verhoeven-Familie hatte Erfolge mit den Hartmanns, und die Seite 3-Redakteurin der Süddeutschen Zeitung hat aus einer Reportage nun ein Erfahrungsbuch entstehen lassen, in dem sie Lust und Frust ihres sozialen Engagements einfühlsam, eindringlich beschreibt.

Sie schreibt über „Frust und Freude, (Selbst)Zweifel und Hoffnung“. Sie kümmert sich um Jesiden-Familien, die aus dem Irak geflüchtet sind. Als Flüchtlinge freuen sie sich über unsere Freiheitsräume und die Gleichbehandlung von Mann und Frau und sie sind traurig über den Verlust von Freunden und Nachbarn.

 

Die Autorin berichtet, wie sie die „Partnerwahl“ unter Flüchtlingsfamilien getroffen hat und nach welchen Kriterien, sie zeichnet die Flüchtlingsströme nach und was sie in Europa und Deutschland ausgelöst haben. Sie lässt uns an Dialogen und Mailaustausch mit den Betreuten teilhaben. Wir erleben wieder, dass deutsche „Gutmenschen“ eine Wilkkommenskulktur entwickeln und warum, während „Dunkeldeutschland“ auch Ablehnung zelebriert.

Dass kaputte Weihnachtskugeln, Miniröcke oder Aquarien aus den Kellern ausgemistet werden, „um zu helfen“ ist nur der skurrile Aspekt des deutschen Tatendrangs. Deutschland in der Helferrolle. Wir lernen die Wurzeln der Ehrenamtsbewegung kennen und deren Motive, aber müssen auch die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass es Länder ohne soziales Engagement der Bürger gibt.

 

Die Deutschen erwarten Wertschätzung ihrer Hilfe, die nicht immer gegeben wird. Das schafft Frustration.

 

Ann-Kathrin Eckardt hat Wünsche, Erwartungen, Freude und Frustration der Helfergruppen zusammengetragen. Da werden „Mitwirkungspflichten“ formuliert und erwartet, die eben typisch deutsch sind und von Flüchtlingen aus autoritären oder autokratischen Systemen kommend nicht sofort erwartet werden können. Da sind Träumereien unterwegs, die nicht erfüllt werden können.

 

Ist das Leben im Bombenhagel besser auszuhalten als ein Dasein in der Turnhalle zu fristen? taucht als Frage auf und die Festellung, wir dürfen die sozial Schwachen unseres Landes nicht vergessen.

Das Thema Wohnen wird zur brennenden Frage, Sprachförderung, Arbeitsplätze schaffen, Lehrerstellen ermöglichen, wenn mehr als eine Million Flüchtlinge ein Bleiberecht haben werden. Erst nach zehn Jahren haben 70 Prozent der Flüchtlinge einen Arbeitsplatz. Geringe Qualifikation der Flüchtlinge, unkoordinierte planlose Förderungssysteme, Rechtsunsicherheit und die kulturellen Differenzen erschweren die Integrationsfähigkeit.

 

Dass Wanderung ein Normalzustand war und ist, stellt auch Ann-Kathrin Eckardt fest, die ebenfalls die Übertreibungskultur von Talkshows, Facebook-Kommentaren und Zeitungsartikeln kritisiert.

Deutschland ist zwar kein Einwanderungsland, hat aber Flüchtlingsströme schon früher erlebt, ob Portugiesen oder Vietnamesen, Deutschrussen oder Türken, wir haben längst intensive Erfahrungen  mit Einwanderung, positive wie negative.

Der Autorin ist ein ehrliches, klares, abwägendes, realitätsnahes Buch gelungen, aus dem Flüchtlinge, Helfer und Politikerinnen und Politiker ihre Schlüsse ziehen sollten. Erst Recht in bevorstehenden Wahlkämpfen und Auseinandersetzungen mit der AFD. Gut geschrieben ist es sowieso. Keine Lügenpresse, sondern WAHRHEITSPRESSE.

 

Leser Die Deutschen und die Europäer

 

Medien

 

Bayerischer Rundfunk Zündfunk
http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/netz-kultur/buch/ann-kathrin-eckardt-ueber-ihr-buch-flucht-und-segen-100.html

 

Süddeutsche Zeitung
http://Www.Sueddeutsche.De/Politik/Fluechtlinge-Wie-Es-Wirklich-Ist-Fluechtlingen-Zu-Helfen-1.2774459

 

Pulverfass NAHOST


Muriel Asseburg und Jan Busse: Der Nahostkonflikt


Unter dem Osmanischen Reich konnten sie noch weitgehend friedlich zusammen leben – Araber und Juden im „Heiligen Land“. Nach dem Ersten Weltkrieg begann die britische Mandatsherrschaft, eine vom Völkerbund legitimierte Art „beschützenden“ Kolonialismus. Der brach mit der verstärkten Einwanderung von Juden nach Palästina auf Grund der zionistischen Bewegung und wegen der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Der entstandene Staat Israel, die von seinem zunächst beanspruchten Gebiet vertriebenen Palästinenser und die seitdem andauernden blutigen Auseinandersetzungen mit diesen und den umgebenden arabischen Staaten fasst man seit 70 Jahren unter dem Begriff „Nahostkonflikt“ zusammen. Dessen Geschichte, die unterschiedlichen Positionen und die scheinbare Ausweglosigkeit versteht kaum mehr jemand. Die Nahostexpertin der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik Muriel Asseburg und der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr München Jan Busse haben jetzt unter dem Titel „Der Nahostkonflikt“  ein schmales Buch veröffentlicht, das wesentlich zum Verständnis dieses Problemknäuels beiträgt.


In einem historischen Teil beschreiben sie die Entwicklung dieses Schlüsselkonflikts im Nahen und Mittleren Osten. Die Etappen wechseln zwischen Kriegen und Verhandlungen, führen zu Besetzungen ehemals palästinensischen Territoriums durch Israel, zu unendlichen Versuchen, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln, zu Friedensverträgen mit einigen Staaten, zu „Intifadas“ und in immer neue Sackgassen. In den beiden Palästinensergebieten Westjordanland und Gaza stehen sich rivalisierende Palästinensergruppen wie Hamas und die PLO gegenseitig im Wege und verhindern seit Jahren aus Angst vor ihrer eigenen Bevölkerung demokratische Wahlen. Es gibt auf ihrer Seite keinen legitimen Verhandlungspartner mehr.


In einem systematischen Teil untersuchen die Autoren die Positionen und Lösungsansätze, die in Jahrzehnten immer wieder neu entwickelt und formuliert wurden, UN-Resolutionen, den sogenannten Oslo-Prozess, die wechselnden Haltungen der unmittelbar Beteiligten und auch der EU, der Sowjetunion bzw. Russlands, bilaterale und multilaterale Verhandlungen. Die Folgen des „Arabischen Frühlings“ stehen zur Diskussion, die Entwicklung Ägyptens oder die neuere Situation im Irak und in Syrien. Regionale Hegemoniebestrebungen Saudi Arabiens und Irans, der Türkei und Ägyptens führen zu unterschiedlichen Annäherungen und Entfremdungen. Hauptthemen des Konflikts bleiben die Millionen palästinensischer Flüchtlinge, das Schicksal der von beiden Seiten beanspruchten „heiligen“ Stadt Jerusalem, der israelische Siedlungsbau im Westjordangebiet und die lebenswichtige Verteilung von Wasser.


Die Optionen zur Lösung des Konflikts bewegen sich zwischen einer Zweistaatenregelung und einer Weiterentwicklung der de facto bestehenden Ein-Staaten-Realität, die durch die politische, militärische und wirtschaftliche Dominanz Israels in den besetzten palästinensischen Gebieten die Wirklichkeit beherrscht. Modelle eines binationalen Staates und einer Konföderation zweier Staaten haben nach Auffassung der Autoren nur geringe Chancen auf Verwirklichung. Sie schätzen die Situation gegenwärtig als ausweglos ein, nicht nur weil die unmittelbar Beteiligten Regierungen kein Interesse an einer Lösung haben sondern vor allem, weil sie die Bevölkerungen in Israel und den Palästinensergebieten illusionslos von einem Verhandlungspfad abgewendet haben.


Das Buch zeichnet sich durch seine knappe und klare Darstellung aus. Die Autoren vermeiden jede Parteinahme aber auch wohltuend die üblichen Anleihen an eine „correctness“, die den völkerrechtlichen Grundlagen und der humanitären Situation nicht gerecht würden. Das Buch ist zum Verständnis der komplizierten Zusammenhänge unerlässlich und trotz des knappen Formats hinreichend detailliert. Eine Zeittafel, eine Tabelle über die demografische Entwicklung, Karten und eine Auswahlbibliografie ergänzen das ausgezeichnete Buch zu einem Nachschlagewerk im Westentaschenformat.


Harald Loch


Muriel Asseburg und Jan Busse: Der Nahostkonflikt  Geschichte, Positionen, Perspektiven
Beck Wissen, München 2016   128 Seiten, Karten   8,95 Euro

 

Putins verdeckter Krieg

Titel Boris Reitschuster Putins verdeckter Krieg. Wie Moskau den Westen destabilisiert ECON

 

Autor Boris Reitschuster ist geborener Augsburger und gelernter Russe. Nach dem Abitur zog er mit zwei Koffern nach Moskau und schlug sich als Deutschlehrer und Dolmetscher durch. Von 1999 bis 2015 leitete er das Moskauer Büro des Focus; heute lebt er als Publizist in Berlin. 2008 wurde er mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet. 
Seine hochgelobten politischen Sachbücher Putins Demokratur (2006/2014) und die Medwedew-Biographie Der neue Herr im Kreml? (2008) erschienen bei Econ. (Verlagsfinfo) 
 
Inhalt Putins Strategien den Westen zu schwächen und Russland zu stärken
 
Gestaltung Sachbuch, Vorwort, 19 Kapitel, Dank, Literaturempfehlungen, Anmerkungen
 
Cover Senkrecht gestellte Überschriften in den russischen Farben weiß, blau und rot
 
Zitat „Putin greift tief in die Giftkiste des Stalinismus und des KGB“.

 

Meinung Es ist ein Krieg, der nicht einmal Waffen braucht, die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischen, nicht militärische Mittel gewinnen an Einfluss, das ist die neue Militärdoktrin Russlands. „Lieber hätte ich ein anderes Buch geschrieben“, schreibt der Putinkritiker Boris Reitschuster, der den Fernsehjournalisten Hanns-Joachim Friedrichs zitiert, ein Journalist dürfe sich nicht mit einer Sache gemein machen. Gilt das im Unrechtsstaat auch? Macht der Journalist sich nicht dann zum nützlichen Idioten, wenn er schweigt. Reitschuster will nicht schweigen, will offen legen, Fakten bieten, aus denen Analysen erwachsen. Sein Ziel, der Westen möge seine eigene gefährliche Schwäche erkennen. 

 

Putin ist kein Ideologe wie Stalin. Der Kritiker Kasparow bringt es auf den Punkt, Putin will regieren wie Stalin – eben hart – aber leben wie Abrabamowitsch, will heißen wie im kapitalistischen Paradies. „Putins einzige Ideologie ist der Machterhalt.“

 

Der geheime, hybride Krieg heißt konkret: Informationskampf und Spezialoperationen,  verdeckte Aktionen der Geheimdienste und Sondereinsatzkommandos. Die Strategie: den Gegner spalten, unterwandern, korrumpieren, zersetzen. Den Gegner in die Irre führen, verwirren, im falschen Glauben lassen, Lügen, Desinformation und Einschüchterung nützen

 

Der Haupterfolg Putins sei - so Reitschuster - der Westen merke es gar nicht, dass er angegriffen und an der Nase herumgeführt werde. 
Putins Angst vor Revolution im eigenen Land treibt seltsame Blüten: Wegen der orangenen Revolution dürfen Politiker diese Farbe in der Öffentlichkeit nicht tragen, die Vorbeugung gegen solche Volksaufstände sind Hauptziel putinscher Politik. 
Dabei treibt russische Propaganda im eigenen Land die Horror-Visionen über Russland ohne Putin auf die Spitze: Weltuntergang, Hungerwinter, Flucht, Bürgerkrieg, Anarchie, Gottesstaat im Kaukasus, Einmarsch der NATO in Kaliningrad und Invasion der Chinesen im Osten. Verschwörungstheorien und Antiamerikanismus verbreiten sich so in den russischen Medien. Reitschuster entlarvt: Der Staat ist die organisierte Kriminalität.

 

Er weist auch nach, dass der Einsatz von russischem Militär auf den Krim eine Invasion war.

 

Schröder sei der Lobbyist des Kreml, ja sein Einflussagent, behaupten russische Kritiker. Reitschuster wirft viele Fragen auf über Hintergründe im Petersburger Dialog, welche deutschen Medien gebremst werden die Wahrheit über Putin zu berichten. Reitschuster nennt das „Lückenpresse“. Und er bietet weitere, viele einzelne Informationen, zum Beispiel: War der Hackerangriff auf den Bundestag im russischen Auftrag geschehen?

 

Im Internet sind Trolle unterwegs, die den Meinungsbildungsprozess beeinflussen wollen. Der Auftrag lautet: das Verbreiten positiver Meldungen über Russland und negativer Informationen über Russlands Feinde sowie die Beeinflussung der öffentlichen Meinung.
Der Kreml beauftragt PR-Agenturen, russische Kampftruppen werden in Deutschland ausgebildet. Putin will zurück zu alter sowjetischer Macht, er tut alles, um Europa zu schwächen, testet die Widerstandsfähigkeit seiner Nachbarn mahnt Bernard Henri Levy. 
Reitschuster benennt auch Kontakte Putins zu rechtspopulistischen Parteien. Was tun? Der Westen muss sich seiner Grundwerte wieder klarwerden. Deutschland muss seine Freiheit verteidigen, meint der Autor. 

 

Reitschuster hat wieder ein faktenreiches, sauber recherchiertes Buch vorgelegt, das den Putinverstehern so gar nicht in den Kram passen wird. Es liest sich wie ein John le Carré-Roman spannend von der ersten bis zur letzten Zeile, ein aufklärerisches mutiges und ehrliches Buch, das viel Beachtung verdient. 
 
Leser Putinkritiker, Putinversteher, Gerhard Schröder und Angela Merkel, Politiker und Parlamentarier

Flüchtlingstreck auf der Balkanroute

 

Titel Navid Kermani Einbruch in die Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa. Mit dem Magnum Fotografen Moises Saman CHBeck

 

Autor Navid Kermani lebt als freier Schriftsteller in Köln. Für seine Romane, Essays und Reportagen erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach- Preis sowie den

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2015).

 

Moises Saman ist Mitglied der Fotoagentur Magnum. Der wurde unter anderem für seine Fotios aus Krisen- und Kriegsgebieten mit dem World Press Photo award ausgezeichnet

 

Inhalt Reisereportage entlang der Fluchtrouten

 

Gestaltung Taschenbuch, 96 Seiten, 12 Fotografien, eine Karte

 

Cover Flüchtling  mit Kind rettet sich an den Strand

 

Zitat „Man muss sein Herz schon gewaltig zugeschnürt haben, um sich eines Kindes nicht zu erbarmen.“

 

Meinung Dieses Buch gehört auf den Nachtisch eines jeden Deutschen. Es könnte zwar sein, dass er dann Einschlafprobleme hat, aber später kann er dann wenigstens nicht mehr behaupten: Das habe ich nicht gewusst. Es gehört auch auf die Schreibtische aller Europapolitiker und deren Bürokratie in Brüssel zur Vorbereitung jedweder künftiger Gipfel und Freiexemplare möge der Verlag bitte an Horst Seehofer, Andreas Scheuer, Viktor Orbán und das gesamte österreichische Kabinett schicken.

 

Navid Kermani ist ein hautnahes, eindringliches, packendes, einfühlsames Reportagebuch gelungen, und die dazu passenden Fotos sind nicht minder ergreifend und lassen nicht mehr los. Kermani ist an den „hot spots“ präsent, er schildert szenengenau, was sich abspielt, welche Schicksale auf „Volkerwanderschaft“ sind, wer als Profiteur unterwegs ist, wo Geschäfte gemacht werden, wo Hoffnung und Hoffnungslosigkeit sich treffen.

 

Kermani geißelt die „systematische Herabwürdigung der Flüchtlinge und überhaupt alles Fremden im politischen und medialen Diskurs.“ Er begleitet die Flüchtlingstrecks, versteht, wenn Arbeitslose stöhnen, wenn noch mehr Mittellose zu versorgen sind. Kermani zeigt auf, dass Angela Merkel gar keine andere Wahl hatte, was wäre mit den Tausenden Verzweifelten auf den Autobahnen geschehen...“mit welchen Gewaltmitteln hätte man sie an der Grenze aufgehalten.“

 

Die Flüchtlinge sind der Einbruch der Wirklichkeit in unser sattes, warmes Bewusstsein, das nicht wahrhaben will, dass Fassbomben auf Menschen niedergehen, Flüchtlinge Gekreuzigten begegnen, Folter an der Tagesordnung ist, Assad und der IS-Krieg an den östlichen Grenzen unseres Wohlstandsghettos führen.

 

Die Asylpolitik fördert geradezu die illegale Einreise. „Wir müssen lernen, wie Jesus übers Wasser zu gehen“, sagt ein Familienvater sarkastisch, der am Strand darüber nachdenkt wieder zurückzukehren. Schwimmwesten und Schlauchboote haben Konjunktur in beiden Richtungen und die rechten „Rattenfänger“ in alle Richtungen sowieso.

 

Leser Alle Deutschen

 

Pressestimmen "Stärkt die Immunabwehr des Lesers gegen oberflächliche Ansichten und vorschnelles Urteilen." Oliver von Hove, Wiener Zeitung,1. März 2016

 

"Erweist sich einmal öfter als brillanter Reporter." Mia Eidlhuber, Der Standard, 27. Februar 2016

 

"Berührend, spannend und wichtig." Morgenpost, 14. Februar 2016

"Meisterhaft." Joachim Frank, Frankfurter Rundschau, 12. Februar 2016

 

 "Ein Ereignis.“ Holger Heimann, Stuttgarter Zeitung, 3. Februar 2016

 

"Ein Vademecum gegen die AfD, Pegida, NPD und tutti quanti.“ Sonnenseite, 30. Januar 2016

 

"Wertvolle Lektüre.“ Detlef Rüsch, Amazon, 26. Januar 2016

 

"Ein hoffnungsvolles Glaubensbekenntnis für die Zukunft Europas." Anne-Sophie Scholl, Berner Zeitung, 21. Januar 2016

 

"Ein Antidot zu den gegenwärtigen Aufgeregtheiten." Marko Martin, Deutschlandradio Kultur, 25. Januar 2016

 

"Konkret, unaufgeregt, ganz nah an den Menschen." Deutschlandradio Kultur, 22. Januar 2016

 

"Exzellenter Reporter." Holger Heimann, SWR2, 21. Januar 2016

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Russland wachrütteln

Titel Schanna Nemzowa Russland wachrütteln. Mein Vater Boris Nemzow und sein politisches Erbe. Ullstein

 

Autor Schanna Nemzowa ist die Tochter des russischen Oppositionspolitikers Boris Nemzow, der in Moskau auf offener Straße im Angesicht der Kremlmauern ermordet wurde. Sie ist Journalistin, Börsenexpertin und war Moderatorin beim russischen Wirtschaftssender RBK. 2015 reiste sie aus Russland aus und arbeitet inzwischen beim russischen Dienst der Deutschen Welle.

 

Gestaltung Hardcover, Vorwort, elf Kapitel, Dank, Anmerkungen und Veröffentlichungen von Boris Nemzow.

 

Cover Halbporträt Schanna Nemzowa

 

Zitat  „Solange Putin an der Macht ist, wird es keinen Wandel geben.“  Und „Sein Körper ist tot. Sein Geist nicht.“

 

Meinung Das Buch ist eine persönliche und politische Abrechnung mit Putins undemokratischem Russland und eine Liebeserklärung an ihren getöteten Vater, dessen politisches Vermächtnis die Tochter aufrechterhalten möchte. Zugleich ist es wohl eine Art Bewältigungsbuch ihres traumatischen Schicksals.

 

„Wedemosti“, eine der renommiertesten Zeitungen in Russland schrieb nach dem Mordanschlag: „Wie beliebt Nemzow war, wurde erst nach seinem Tod klar.“ Nemzowa kommt zu dem Urteil: Wenn sich Menschen zusammenschließen gegen den Staat und die Behörden, wird das als existenzielle Bedrohung empfunden. Ihre Analyse über ihr Land lautet: Keine freien Wahlen, keine politische Vertretung für große Teile der Bevölkerung, die Medien sind gegenüber der Gesellschaft abgeschottet und isoliert, die Gerichte funktionieren nicht.

 

Seit Bürgerinitiativen als „Agenten“ eingestuft werden, ist die Zahl der Nichtregierungsinstitutionen auf ein Drittel gesunken.

Der Krim-Anschluss darf nicht mehr als Annexion bezeichnet werden bei Androhung einer Strafe von 3 Jahren Gefängnis. Es sei folgerichtig, wenn sich damit die Politik und die Opposition auf die Straße verlagert.

2014 verließen 300 000 Menschen Russland. Das deutsche Exil wählte die Tochter des ermordeten Oppositionspolitikers aus, weil in Deutschland, europäisch verglichen, das größte Interesse an Russland bestehe.

 

Putins Machtbasis bestehe aus hohen Ölpreisen und politischer Propaganda. Nemzowas Befund: Putins Russland bedeutet Korruption, Zensur, Rohstoffabhängigkeit, soziale Ungleichheit, Entvölkerung, die De-Putinisierung sei die einzige Chance Russland aus der Sackgasse zu bringen.

 

Schanna Nemzowa verlangt, Kadyrows Aussage zu dem Mordfall Nemzow einzuholen, ein der Regierung nahestehender Mann habe gerade dies als Bitte an Sie übermittelt, darauf nicht zu bestehen. Die tschetschenischen Hintergründe sollen im Dunkeln bleiben.

 

Nemzowa schildert den Lebensweg ihres Vaters, seine politischen Analysen und Urteile, seine Handlungsweisen, aber auch sein umstrittenes Privatleben blendet sie nicht  aus. Nemzow hatte sich so weit emporgearbeitet, dass er für präsidiabel gehalten wurde. Nemzow prangert Putins Luxusleben an, während 20 Millionen kaum das Nötigste haben. Das Krim-Referendum habe im Angesicht von Maschinenpistolen stattgefunden. Sie rechnet auch nicht mit einer vollständigen Aufklärung des Mordes an ihrem Vater. Ein erschütterndes Dokument der russischen Zeitgeschichte und eines persönlichen Schicksals.

 

Leser Putinkritiker, Putinversteher, Europaabgeordnete, Menschenrechtskämpfer, Historiker, Russlandexperten, Talkshowmoderatoren

PARIS nach dem Terror

Gila Lustiger: Erschütterung – Über den Terror
Eine deutsche Jüdin aus Paris macht sich Gedanken über den Terror. Sie ist erschüttert über die Attentate, die die französische Hauptstadt in einen Ausnahmezustand versetzten. Sie ist ebenso erschüttert über die Kölner Silvesternacht. Sie recherchiert, sucht nach Erklärungen, erinnert an das Schicksal ihres nach Auschwitz geretteten Vaters, eines Kommunisten. Sie rechnet mit der „politischen Klasse“ Frankreichs, der sie – ob rechts oder links – Untätigkeit und/oder Unfähigkeit bescheinigt. Sie kehrt zurück zu den republikanischen Werten, deren mangelnde Umsetzung sie beklagt. Sie fordert die energische Verteidigung der emanzipatorischen Errungenschaften seit der Französischen Revolution und klagt die guten Ratschläge, die Politiker den Opfern erteilen – „Armlänge Abstand“ oder „keine Kippa in Problemgebieten“ -  als zynische Verkehrung von Ursachenzusammenhängen an. Gila Lustiger denkt in ihrem Buch „Erschütterung“ nach, erzählt von ihren Empfindungen nach den mörderischen Attentaten, berichtet von ihren Nachforschungen.

 

Ihr Buch ist ein mitreißendes Plädoyer für Vernunft, für Ursachenbekämpfung und gegen Rassismus. Von dieser Sorte gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Veröffentlichungen. Ihr Großessay „Über den Terror“ hebt sich durch seine literarische Qualität von manchem Sachbuch ab. Ihr Kapitel über die diversen französischen Programme, mit einer „politique de la ville“ die Wurzeln des Terrorismus administrativ auszureißen, ist ein einziges Stakkato von Drei-Buchstaben-Abkürzungen. Die vielen staatlichen Programme für die Verbesserung des urbanen Umfelds in den Vorstädten, der Schulsituation für die Kinder von maghrebinischen Einwanderern, allesamt französischen Staatsbürgern, verbergen sich hinter verwechselbaren Gesetzeskürzeln. Alle Drei-Buchstaben-Programme haben nichts daran geändert, dass die Jugendlichen ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt sind, sich ausgegrenzt vorkommen müssen, die „Hilfsmittel“, die ihnen aufwändig angeboten werden, nicht erkennen und ablehnen, inzwischen Hunderte von für sie errichteten Bibliotheken abgefackelt haben. Sie beklagt, dass die seit Jahrzehnten in den Vorstädten grassierende Jugendgewalt sich zunehmend gegen Juden richtet.

 

Ihre intellektuelle Redlichkeit hindert sie daran, Patentrezepte anzubieten. Aber einige Forderungen sind für sie unabdingbar für eine „radikale“, also an den Wurzeln ansetzende Bekämpfung des Terrorismus. Erstens: Keine der politischen oder gesellschaftlichen Gruppierungen hat Forderungen aufgestellt, mit denen sich die hoffnungslosen Jugendlichen identifizieren können. Die haben immer „nur“ in ihren Vorstädten protestiert, nie etwa an der Bastille, dem Symbol der Französischen Revolution, nie vor dem Parlament oder dem Präsidentenpalais. Sie erwarten einfach nichts von der Politik. Zweitens: diese Jugendlichen brauchen Zugang zum Arbeitsmarkt. Wer den falschen Namen hat, bekommt nicht einmal eine Hilfsarbeiterstelle. Drittens: Die republikanische Gesellschaft muss ihre Werte, besonders die der Gleichberechtigung der Geschlechter und die Unantastbarkeit der menschlichen Würde offensiv vertreten. Gila Lustiger ist eine Linke und sie fordert den Schutz der westlichen Fortschritts-Errungenschaften ein. Da steht sie neben dem linken Philosophen Slavoj Žižek, der hier auch keine Kompromisse duldet. Für Gila Lustiger sind die Menschenrechte weder teilbar noch verhandelbar – sie gelten für die Ausgegrenzten ebenso wie für die Opfer des Terrors. Sie schreibt darüber mit so guten Argumenten und literarisch so überzeigend, dass man ihrem Buch ganz viele Leser wünscht.

 

Harald Loch
 
Gila Lustiger: Erschütterung – Über den Terror
Berlin Verlag, 2016   159 Seiten   18 Euro

Dschihadisten, Salafisten, IS und Co

Titel Peter R. Neumann Die neuen Dschihadisten. IS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus ECON

 

Autor Peter Neumann ist Professor für Sicherheitsstudien am King’s College London und leitet das International Centre for the Study of Radicalisation (ICSR), das weltweit bekannteste Forschungsinstitut zum Thema Radikalisierung und Terrorismus. Nach dem Studium der Politikwissenschaft in Berlin und Belfast promovierte Peter Neumann am King’s College London über den Nordirlandkonflikt. Vor seiner wissenschaftlichen Karriere arbeitete er als Radiojournalist in Berlin. 

 

Gestaltung Paperback, Text gesetzt aus der Minion Pro, vordere und hintere Innenklappe jeweils Karten von Syrien, Irak und den angrenzenden Ländern mit den jeweiligen Einflusszonen, die hintere Karte zeigt eine Übersicht über die Länder aus denen die IS-Unterstützer kommen. Zwei Teile, ein historischer und ein nächstfolgender,  der mit „Die nächste Welle“ überschrieben ist. Fünf Einzelkapitel. Zu Beginn die vier Wellen des Terrorismus aus historischer Sicht, dann die Kapitel zum Islamischen Staat, zu den Auslandskämpfern, den Unterstützern, zur Al Quaida und zu Strategien der Terrorismusbekämpfung.

 

Zitat „Es gibt heute mehr dschihadistische Gruppen als je zuvor.“
 

Meinung  Der islamische Staat ist für die Dschihadisten Utopie, Inspiration und zugleich logistischer Dreh- und Angelpunkt. Die Geschichte des Islamismus ist nicht identisch mit der Geschichte des Islams. Zwischen den dschihadistischen Bewegungen hat sich ein Konkurrenzkampf entwickelt.  Khomenis Sieg im Iran gegen ein säkulares System beflügelte Schiiten und Sunniten in der ganzen Welt. (Guido Steinberg):

 

Für die Dschihadisten ist das Kalifat Vision und politisches Projekt zugleich. Neumann legt die Wurzeln der islamistischen Bewegungen frei, zeigt uns den Nährboden, weiß die Wachstumsbedingungen zu beschreiben und schildert die vielen schier unüberschaubaren Verästelungen am Baum der salafistischen „Erkenntnis“.  

Ob Zarqawi oder AL Dschaulani, al-Baghdadi oder Assad, wir lernen die Handelnden kennen und ihre terroristischen Glaubenssätze. Neumann entlarvt die Gewaltstrategien, Enthauptungen, Exekutionen, Entführungen, Selbstmordattentate sind nicht das Werk von Verrückten sondern Teil einer weltweiten Verunsicherungsstrategie.

 

Die Kerngruppe macht etwa 30 – 40 000 islamistische Kämpfer aus. Die Schariagerichte schaffen Ordnung, schlichten Streitereien. Für Alkoholbenutzung setzt es Peitschenhiebe, bei Diebstahl werden die Hände abgehackt und auf Ehebruch steht Steinigung.

 

2014 gab es 7681 Operationen, etwa 1000 Morde, 250 Selbstmordanschläge. neben den Stärken des islamischen Staates diagnostiziert Neumann auch Schwächen: in der mangelnden Überlebensfähigkeit des Regierungs- und Wirtschaftsmodells.

Mehr als 20 000 Ausländer zählen inzwischen zur Unterstützer-Szene. Das größte Kontingent stammt aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Etwa 500-600 deutsche werden gezählt. Etwa 200 Westeuropäer werden bereits zu den Todesopfern gerechnet.

 

Salafismus steht für Rebellion gegen den dekadenten Westen, schafft Ordnung und bietet Gemeinschaft. Die Gruppen nutzen online-Strategien für ihre Propaganda und Rekrutierung.

 

Neumann bietet einen Blick hinter die Kulissen, zitiert aus Interviews, beleuchtet die Unterstützerszene.

 

Für viele Syrer ist der islamische Staat das geringere von zwei Übeln.

Neumann zieht das Fazit, es gibt keine einfachen, keine schnellen und gar keine rein militärischen Lösungen des Problems. Neumann hofft, dass die militärischen Erfolge weniger werden, der islamische Staat an sich selbst scheitert, da er die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht mehr befriedigen kann und dann seine inneren Widersprüche und Spannungen zutage gefördert werden.

 

Deutschland verweigert bisher Terrorismus-Präventionspläne.  Zusätzliches Geld wird dringend benötigt, muss jedoch konzeptionell eingesetzt werden.

 

Eine kluge, historisch fundierte, aktuelle Analyse, die zugleich die Terrorismuszene komplett beleuchtet, die Gruppen voneinander differenziert, die haupthandelnden Personen vorstellt, ihre Strategien erläutert, die Unterstützerszene bekannt macht und die westlichen Gegenstrategien untersucht. Die Darstellung ist nie weitschweifig, liest sich spannend und aufklärerisch zugleich, ohne Besserwisser-Zeigefinger legt Neumann den Finger in die Wunde. Trotz der schwierigen Thematik ein gut lesbares Buch.

 

Leser wir alle!

 

Pressestimmen

"Neumann hat ein Sachbuch geschrieben, das eine breite Leserschaft ansprechen dürfte - trotz des so schweren, komplexen Themas." Deutschlandfunk "Andruck", Susanne El-Khafif, 11.01.2016

 

"schlüssig argumentiert und sehr gut lesbar"
Südwest-Presse, Axel Habermehl, 30.11.2015

 

"gut lesbar und klar strukturiert"
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Wolfgang Günter Lerch, 28.11.2

IS und seine Terrorstrategien

Titel Christoph Reuter Die schwarze Macht. Der „Islamische Staat“ und die Strategen des Terrors. dva. SPIEGEL-Buchverlag

 

Autor Christoph Reuter, geboren 1968, gehört zu den letzten westlichen Journalisten, die noch direkt aus Syrien und dem Nordirak berichten. Der studierte Islamwissenschaftler und „Journalist des Jahres 2012“ spricht fließend Arabisch und berichtet seit Jahrzehnten aus den Krisenregionen der islamischen Welt, zunächst für Die Zeit und den Stern, seit 2011 als Korrespondent für den SPIEGEL. Neben zahlreichen preisgekrönten Reportagen veröffentlichte er u. a. die Bücher „Mein Leben ist eine Waffe“ (2002) über Selbstmordattentäter und, gemeinsam mit Susanne Fischer, „Café Bagdad“ (2004) über den Alltag im umkämpften Irak.

 

Cover Das IS-Schwarz dominiert das Cover, Fahnen und Kalaschnikow-schwingende Dschihadisten im Militär-Truck demonstrieren mit Siegeszeichen Eroberungstriumphe

 

Gestaltung  Kartenmaterial auf der Buch-Innenseite, Einleitung, 12 Kapitel, Ausblick und Anmerkungen

 

Zitat „Kluge Diktaturen lassen ihren Untertanen ein Privatleben.“

 

Meinung  Gehen wir zunächst zurück zum Anfang der Entstehungsgeschichte des IS: die Strategie war zuerst, zwei Schritte vor, einer zurück, wenn sich Widerstand gegen die frühen Eroberungspraktiken rührte.

 

Die Wurzeln des „Islamischen Staates“ liegen zuerst in der direkten oder mittelbaren Förderung durch Syrien. Geheimdienste schufen die Terroristen. Doch die Regime werden die Geister nicht mehr los, die sie riefen.

 

Im Gegensatz zu anderen Gewaltstrategien von Terrorgruppen, die Bombenanschläge des IS setzen immer das Leben eines Selbstmordattentäters mit aufs Spiel. Der Auftrag und das Selbstbekenntnis: Sich selbst zum Märtyrer machen...

Reuter benennt die personellen Wurzeln des IS. Er beschreibt den Dschihad auch als heiligen Kampf des Kostümspektakels und der Propagandamaschinerie. Heute Staat, morgen Terrorgruppe und dann wieder Staat.

 

Drehkreuz und Transitstation für den IS-Nachwuchs war zum Beispiel die Stadt Atmeh im Norden Syriens, in Türkeinähe liegend. Hier war der Tummelplatz und der Rekrutierungsort und das Einreiseziel für Dschihadisten-Nachwuchs. Dann begann der Terror. Ab November 2012 verschwanden etwa 30 Journalisten aus Nordsyrien.

Reuter spricht von einer virtuosen Art des Machterwerbs, das militärische Vorgehen war den Umständen entsprechend klug angepasst, lag in der Brutalität als Strategiekriterium, die Zahl der Kräfte kaschierend, hochmobil mit Terror-Maskerade, zentraler Führung, Bestechung und Enteignung zur Beschaffung von Finanzmitteln.  

Reuter kritisiert das falsche Bild des Westens über den IS und die „Deutungsschubladen“ der Nachrichtenagenturen, sowie die Übernahme von Propaganda-Bildmaterial durch Westmedien.

 

Die Zerstörungswut des IS ist immens und schockierend: Sprengkommandos schleifen heilige Gräber schiitische Moscheen, christliche Klöster und Kirchen, Bilderstürmer zerstören Kulturgüter. Es hält sich das  hartnäckige Gerücht, Repliken würden zerstört und die Originale auf dem Schwarzmarkt verhökert.

 

Die IS erhebt Kopfsteuer für Christen, es macht sich ein „Nordkorea“ auf Arabisch breit.

 

al-Baghdadi, der sich als „Kalif Ibrahim“ ausrief, ließ erklären, die Legalität aller Emirate, Staaten, Gruppen und Organisationen sei null und nichtig durch die Autorität des Emirats.

Westliche Experten sagen voraus: IS wird alle Terrorgruppen auffressen, die auf seinem Weg liegen. Reuter weist darauf hin, dass im Namen des Islam auch früher schon bei Eroberungsfeldzügen das Töten als ruhmvoll galt. Doch die wichtige Sure 29 im Koran kann als gottgefällig oder aber auch als Todsünde, je nach Interpretation, gewertet werden. Denn das Personalpronomen a n f u s a k u m  kann in zwei Richtungen interpretiert werden „Tötet nicht euch selbst“ oder „Tötet nicht Euresgleichen“.

 

Der Selbstmord-Einsatz bedeutet am Ende in der Folge „Wer nicht überleben will, ist auch nicht zu bedrohen.“  

Reuters Fazit: IS ist nicht GLAUBEgesteuert sondern KALKÜLgelenkt.

al-Quaida ist für den Autor daran gescheitert, zu sehr zu glauben. Die Massen haben sich nicht erhoben.

 

Er beschreibt das Erobern Mosuls und der christlichen Jesidengegend mit menschenverachtenden Gewaltakten und Terrorakten, die die internationale Gemeinschaft und vor allem die USA gegen die IS aufbringen. Sie forderten damit eine alliierte Gegenwehr heraus.

Reuter beschreibt detailgenau den virtuosen Einsatz der Medien, vor allem der sozialen Netzwerke und der modernen Videotechnik, die siegreiche Kämpfer zeigt, aber niemals verwundete IS-Kämpfer. IS sei – so die New York Times -  „Online-Dschihad.3.0“

 

Es ist nicht allein die Brutalität gegenüber Andersgläubigen, die den IS-Staat ausmacht,  der Terror gegen die Sunniten wird dagegen in westlichen Interpretationen weitgehend ausgeblendet.

Reuter beschreibt eindringlich das Leben im IS-Staat. Seine Informationen beruhen  auf Stringer-Quellen. Westlichen Journalisten ist der Zugang zum IS-Territorium nur möglich, wenn sie sich den propagandistischen Presseregeln unterwerfen.

Der Terror ist allgegenwärtig: Dörfer werden ausgelöscht, Männer erschossen, geköpft, gekreuzigt, Frauen versklavt und Kinder verjagt, Vieh vertrieben, Möbel und Autos requiriert. Häuser gesprengt.

„Wer sich auflehnt wird ausgelöscht“

 

In den Anfangstagen stellten IS-Kämpfer für Kinder Hüpfburgen auf, jetzt trainieren sie die Zehnjährigen an Kalaschnikows.

Es existieren Ausbildungslager für Kinder. Rauchen ist verboten, Musikspielen ebenso, strenge Bekleidungsvorschriften für Frauen, Läden müssen zu Gebets-Zeiten schließen, Socken, Handschuhe, Schuhe der Frauen müssen schwarz sein, das Haar darf nicht zu sehen sein, die Verbote sind strengstens, es hat sich jedoch auch schon eine Art Ablasshandel entwickelt. („Vergebungskarten“) Der Tabakkonsum wird kontrolliert und zugleich wird mit Rauchwaren gehandelt. Ja sogar die Winterzeit ist verboten.

 

Alles wird beschlagnahmt Häuser, Felder, Fahrzeuge, Schmuck. Auch Frauen werden schon zu Kämpferinnen ausgebildet.

Reuter prognostiziert Finanzprobleme des IS, da der Ölpreis fällt und die Quellen bombardiert werden. Die Mittel werden knapper.

 

In der Zusammenfassung sieht Reuter folgende Schritte des Entstehungsprozesses von IS: taktische Allianzen verschleiern zunächst  ein Mafia-Konglomerat aus Mosul, ab 2010 entsteht eine weit gesponnene Geheimdienstoperation zur Unterwanderung Syriens im Norden, es entwickelt sich eine schlagkräftige Armee ab 2014, die die strategischen Versorgungseinrichtungen wie Stromwerke, Wasserkraftwerke, Ölquellen unter ihre Kontrolle bringt. Selbst wenn die IS-Kämpfer flüchten mussten, schrieben sie den Begriff  baqiya hastig auf die Mauern und das heißt: BLEIBEND.

 

Der islamische Staat selbst ist janusköpfig, es besteht ein Widerspruch zwischen starrer Botschaft und undogmatischem Handeln. Die Führungsstruktur besteht aus einem kleinen Zirkel vormaliger Geheimdienst-Offiziere des Saddam Hussein, für die der Dschihad nur Vehikel zum Machterwerb ist. Noch gefährlicher würde es nach Reuter, wenn sich der IS als Schutzmacht der Sunniten etabliert, da diese Entwicklung  noch identitätsstiftender wirken würde.

 

Die uralte Konkurrenz zwischen Schiiten und Sunniten war verdeckt durch den Israel- Konflikt, den arabischen Nationalismus, den Irak-Irankrieg, Reuter fürchtet ein tektonisches Beben zwischen diesen Volks- und Religionsgruppen, das auch Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrein, den Libanon und den Jemen bedrohen könnte.

 

Der Westen hat IS als „reinen Fanatiker-Haufen“ unterschätzt, die Schlagkraft des IS nährt sich aus der Kombination von nüchterner Planung der Geheimdienste  und der zum Selbstopfer fanatisierten Gläubigen.

 

Reuters Analyse ist vollgepackt mit Details und Fakten, genauen Analysen und Recherchen. IS versteckt sich hinter einem Image aus „Glauben und Grausamkeit“.

 

Reuter mutmaßt, der „Islamische Staat“ könnte selbst sein größter Gegner werden, wenn die inneren Widersprüche nicht mehr ausbalanciert werden können.

 

Welche Zukunft sieht der Autor für den IS: (...) ein Koranrezitator kann keine Stromleitung reparieren, keine Exceltabelle erstellen und keinen Kranken behandeln.“ „Denn der Ruf zum Dschihad ist grundsätzlich ein grandioses Mittel zum Machterwerb, aber ein schlechtes Mittel zum Machterhalt.“

 

Ein Meisterwerk der gründlichen Recherche, klugen Darstellung, abwägenden Analyse. Das Buch hat Tiefenschärfe, mikroskopische Genauigkeit, bietet unbekannte Dokumente, fußt auf vielfältigen Kontakten und jahrelanger Recherche. Es ist eine  Machtmatrix des islamischen Staates.

 

Leser Wir alle, Schiiten, Sunniten, Christen, Militärplaner

 

Pressestimmen

 

»Reuter ist es gelungen, einen immensen Fundus an Material anschaulich und scharfsinnig zu einem packenden Sachbuch zu verdichten.« Frankfurter Allgemeine Zeitung (29.05.2015)

 

»Reuter recherchiert nicht nur hervorragend, er analysiert klar und profund, und schreibt flott und lebendig.« Süddeutsche Zeitung, 06.10.2015

 

»Reuters Buch ist eine Recherche-Meisterleistung. [...] Wie keinem anderen Autor gelingt es ihm, den IS, seine Strategie und Methoden zu beschreiben.« Deutschlandfunk (29.06.2015)

 

»In seinem aufschlussreichen wie spannenden Buch macht der Reporter des Spiegel dem Leser bewusst, […] die "schwarze Macht" zu unterschätzen, wäre ein fataler Fehler.« Der Tagesspiegel (01.07.2015)

 

»Sein Buch ist eine faktenreiche und brillante Analyse der Entstehung, des Aufstiegs und der Strategien des IS.« NDR Kulturjournal, 16.11.2015

 

Islamismus? Salafismus? Dschihadismus?

Titel  Mohammad Abu Rumman Ich bin Salafist Selbstbild und Identität radikaler Muslime im Nahen  Osten. Aus dem Arabischen übersetzt und mit einem Glossar versehen von Günther Orth Dietz Verlag

 

Autor Mohammad Abu Rumman, PhD, Politikwissenschaftler, forscht am Center for Strategic Studies an der University of Jordan zu Politischem Denken und Islamischen Bewegungen; schreibt regelmäßig für die jordanische Tageszeitung Al-Ghad.

 

Cover Muslim, vor der Moschee stehend

 

Gestaltung  Broschur, 240 Seiten, Vorwort Anja Wehler-Schöck, Friedrich Ebert Stiftung Jordanien und Irak, Glossar mit den Grundbegriffen des Islam und Literaturverzeichnis sowie Autorenporträt

Inhalt Die Sicht des radikalen Salafisten auf sich selbst auf sein ICH und den ANDEREN, Recherchen, Interviews, Gespräche, Fallbeispiele auf Jordanien bezogen

 

Zitat „Die gesamte Außenwelt ist der Feind, das soziale Umfeld, das die  dschihadistische Sicht nicht teilt, alle arabischen Regime, die Vereinigten Staaten und der Westen, und nicht zuletzt Iran und die Schiiten“

 

Meinung  Die religiöse Strömung des Salafismus hat Konjunktur, heißt es im Vorwort des Buches. Salafismus ist eine Strömung des sunnitischen Islamismus, der sich auf die ursprünglichen Glaubensgrundsätze des Islam aus dem 7. und 8. Jahrhundert bezieht, Salafisten legen die Quellen des Islam - den Koran und die SUNNA (Traditionen Mohammads und der Urgemeinde) wörtlich aus.

Salafisten sehen in der Gesellschaft Feinde, Gegner oder zumindest Abweichler vom islamischen Weg, andere fürchten darin ein beängstigendes Phänomen zu erkennen, das der Entwicklung und Modernität im Wege steht.

 

Es stellt sich die Grundfrage: Ist der Säkularismus oder Liberalismus vereinbar mit dem Islam – Ja oder Nein?

 

Der Islamismus ist zunehmend salafistisch geprägt. Denken, Kultur, Verhalten, Lebenspraxis, Leitwerte, Meinungen, Ideen und die Religion werden mit den Details des täglichen Lebens in Verbindung gebracht.

Mohammad Abu Rumman teilt die Salafisten in Traditionalisten, Aktionisten und Dschihadisten ein, diese Kategorien überschneiden sich jedoch, trennscharf sind sie nicht. Es geht ihm um Untersuchungen zum Thema Identität auf der Basis der Methoden der Identitätssoziologie.

Er sieht zunächst in der Grenzziehung ein grundlegendes Merkmal der Salafisten.

 

Die SALAF, damit sind der Prophet  und seine muslimischen Zeitgenossen im goldenen Zeitalter des Islam gemeint, sie haben den richtig verstandenen Islam im 7. und 8. Jahrhundert vorgelebt.

Nun besteht die Aufgabe darin, den falschen Glauben zu korrigieren, den Glauben von allen Verfälschungen zu befreien. Salafisten sind Wiedergänger der Ahl al-Hadith, deren historische Aufgabe darin bestand, den wahren Glauben vom falschen zu unterscheiden und vor von außen kommenden Ideen zu schützen.

Ein weiteres grundlegendes Element der salafistischen Identität ist das Doktrinäre. Allianz untereinander, definiert als unbedingte Loyalität zum Glauben und Distanz definiert als Aufstehen gegen die Feinde des Islam.

 

Sprachlich betrachtet bedeutet salaf „vorausgehend“, „Vorläufer“, „Vorhut“,  gemeint ist eine Zeitepoche als die reine, unverfälschte Seite religiöser Herrschaft galt.

 

Für Salafisten ist der zentrale Begriff befolgen nicht erfinden, dem Beispiel des Propheten folgen, sich an das religiöse Verständnis seiner ersten Anhänger( Sahaba) zu halten, keine neuen Glaubenspraktiken zu erfinden.

 

Das Hauptaugenmerk richtet sich dabei auf die sunna (Lebenswandel und Tradition).

 

Für Salafisten gilt das Prinzip „Text geht vor dem Verstand“.  

Die Männer tragen arabische Langhemden und Vollbart, die Frauen sind komplett schwarz verhüllt.

 

Der dschihadistische Salafismus gründet auf Hakimiya – der Herrschaftsgewalt Gottes. Daraus wird eine Pflicht zum Widerstand abgeleitet gegen jede Herrschaft, die sich als nicht islamisch bezeichnet und die nicht vollständig nach den Vorgaben der Scharia ausgerichtet ist. Demokratie und politische Parteien werden abgelehnt, auch jedes Engagement in der vorgegebenen politischen Ordnung. Das Merkmal des dschihadistischen Charakters ist die „Eindimensionalität“, man sendet, aber man empfängt nicht, man will beeinflussen und nicht beeinflusst werden.

 

Der Autor erklärt den Aufstieg des Dschihadismus durch die spezifischen objektiven Lebens- und Wohnverhältnisse, durch subjektives Abenteurertum, das auf der Grundlage radikaler Ideen verwirklicht wird, verbunden mit psychischen Problemen und emotionaler Instabilität.

Eine nicht leicht lesbare, gründliche, wichtige soziologische Studie, die uns das Denken, Fühlen und Handeln islamisch und islamistisch geprägter Menschen an Fallbeispielen näherbringt.

Wir lernen die Grundbegriffe der islamischen Welt kennen, die Motive der Handlungen, die Abgrenzungsmomente unseren Gesellschaften gegenüber.

 

Das Selbstbild und die Identität radikaler und nicht radikaler Muslime im Nahen Osten bekommt klarere Konturen mit dem Ergebnis, dass wir mit der Vielfalt diverser Glaubens- und Denkrichtungen und daraus abgeleiteter Handlungsrichtlinien rechnen müssen, die schier unüberschaubar sind. Salafismus ist vielfältig inhomogen.

 

Erst recht für uns im Westen schwer einzuordnen, weil wir gerade erst mit einer islam-Alphabetisierung von uns selbst begonnen haben. Wir wissen nicht nur zu wenig – eigentlich wissen wir nichts!

Ukrainische Lektionen von Karl Schlögel

Titel Karl Schlögel Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen Hanser

 

Autor Karl Schlögel, Jahrgang 1948, hat an der Freien Universität Berlin, in Moskau und Sankt Petersburg Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Bis 2013 lehrte er als Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Bei Hanser erschien zuletzt: Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent (2013).

 

Gestaltung Hardcover, nach der Einleitung reflektorisches Kapitel über seine eigene Position zum Thema, zwei Kapitel über Russland und Ukraine, acht weitere Kapitel über Städte in der Ukraine, die teilweise schon vorher erschienen sind, Fazit, Danksagung und Literaturhinweise, vor den jeweiligen Kapiteln unterhalb der Überschriften einleitende Hinweise auf den Kapitelinhalt.

 

Cover Foto von Demonstranten auf dem Majdan in Kiew

 

Zitat „Die Annexion der Krim war für mich wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel.“

 

Meinung  Schlögel bezieht sich als Historiker und erwiesener Russlandkenner auf sein langjähriges wissenschaftliches, schriftstellerisches und erfahrungsmäßiges FRAMEWORK und stellt dabei fest: von der Krim als Topos des russischen Leidens, habe er vorher nie etwas gehört und er zweifelt dabei zugleich  seinen eigenen Erkenntnisstand an, der die Ukraine bisher ebenso weitgehend ausblendete wie die westliche Öffentlichkeit es ebenso tat.

Die Aggression Putins stellt für Schlögel die deutsch-russischen Beziehungen radikal in Frage.  Schlögel stellt persönliche  Enttäuschungen und Kränkungen in den Raum, da spricht eine verletzte Seele über ihr Inneres, während er das Äußere  als Putins „Sackgasse“ darstellt, die er mit einem vom Zaun gebrochenen Krieg eingeschlagen hätte, die jedoch einen anderen Weg freimache, aufs Neue über Russland nachzudenken.

 

Schlögel fühlt sich quasi zwischen Gewissheiten in der bisherigen Erkenntnis einerseits  und Fassungslosigkeiten über die eingetretene Realität andererseits.

 

Statt nur westwärts denkend, begreift Schlögel auch den russischen Raum als große weite Welt und er weist mit Recht darauf hin, dass jenseits der aktiven Ostpolitiker als Handelnde in früheren Zeiten auch die Zivilgesellschaft bereits die Moskauer Küche als Ort des Palavers über Politik entdeckt hatte und  es Beziehungen durch den eisernen Vorhang immer schon gab, auch außerhalb der politisch-diplomatischen offiziellen Beziehungen.

 

Der Historiker schildert zunächst Putins Krisendeutung, der Westen trage die Schuld an der Ukraine-Krise, Russland sei das Opfer einer aggressiven Politik der NATO und des Westens überhaupt. Schlögels soziologisch-historisch und städtepolitisch bzw. geostrategisch bestimmte Analyse kommt zu dem Ergebnis: Die Eliten haben sich in Russland das Volkseigentum unter den Nagel gerissen, die Modernisierung Russlands im gesamten Land  blieb aus: "In einer kleinen, chirurgisch präzisen Aktion die Krim zu besetzen, erwies sich als einfacher, als die Autobahn zwischen Moskau und Sankt Petersburg fertigzustellen." Der Autor spricht von Stabilisierung des Landes ohne Modernisierung, und das hieß konkret: Gleichschaltung, Machtvertikale, zügellose Kleptokratie mit der Umverteilung des Eigentums nach oben, ohne Partizipation, ohne Rechtssicherheit. Die Ukraine-Krise hat eine Regierung herbeigeführt, die der säkularen Modernisierungsaufgabe nicht gewachsen war. 

 

Angesichts des „information war“ sieht Schlögel Europa in der Hinterhand.  Die politische Klasse entdeckt die Formel „Kalter Krieg“ neu und muss feststellen, dass geostrategische Überlegungen neue Nahrung finden mit einer gewissen Explosivkraft für die Friedenskonzepte in Europa. Das Nachkriegsdeutschland hatte die Ukraine allenfalls als Kornkammer der ehemaligen Sowjetunion wahrgenommen. Die Tatsache, dass im II. Weltkrieg jeder sechste Bürger auf ukrainischem Territorium sein Leben verlor, ebenso 2,5 Millionen seiner jüdischen Mitbürger, war im öffentlichen und im Geschichtsbewusstsein verdrängt. Karl Schlögel spricht von der „Abwesenheit der Ukraine auf der mental map der Europäer oder des Westens überhaupt.“.                             

Schlögel zeigt auf, welche Sprengkraft die ethno-nationale Argumentation Putins in sich trägt.

                                                                                
Er stellt sich die Frage, ist die Ukraine-Krise und die Rückkehr zum Gewaltkonzept ein Nachhall auf den Kalten Krieg, eine Rückkehr zu demselben oder eine Art Vorkriegszeit?

 

Bisher waren Grenz-Verschiebungen im Europa der heutigen Zeit bis gestern tabu, der neuerliche „Regelverstoß“ jedoch könnte die ganze internationale Ordnung wieder umstoßen. „Das Umstoßen von Regeln zerbrach eine ganze Welt, die auf Verhandlung, Diplomatie, eine Kultur des Diskurses begründet war.“ Die Destabilisierungstendenzen könnten Europa als Ganzes erfassen, oder haben es bereits schon getan.

Schlögel fürchtet zudem die fundamentalistische Orthodoxie und das autoritäre Regime könnten einen Sog auf orientierungslose Jugendliche ausüben. Schlögel erkennt in Putin den „failing man“, denn es ist die Zerstörung russischer Institutionen festzustellen und alle Macht ist auf eine Person zusammengeschrumpft.

 

Nach dem Russland-Ukraine-Teil des Buches geht der Autor reise-soziologisch und kulturell orientiert in die Landesteile der Ukraine und stellt deren Städte vor. Er zeigt das Laboratorium KIEW (Sie pulsiert, sie vibriert, sie fiebert), ODESSA, (Wer Handel treibt schießt nicht, oder es ist besser an den Strand zu gehen als in den Krieg zu ziehen) JALTA, (Für das russische Militärpersonal ist die Schwarzmeerküste der ideale Alterssitz) CHARKIW (Charkiw scheint im Sommer 2014 weit entfernt von Raketenbeschuss, Häuserkampf und zerstörter Infrastruktur), DNIPROPETROWSK (Mehr als jede andere Stadt ist sie ... zum Zentrum der Selbstverteidigung der Ukraine geworden)  DONEZK (Donezk sieht aus wie ein Mensch, der tödlich getroffen ist, aber noch nicht weiß, dass er bald sterben wird) CZERNOWITZ (Wie hilflos sind die Bemühungen, nun der Stadt etwas von ihrem Glanz und ihrem Gesicht zurückzugeben), LEMBERG (Wer nach Lwow  fährt, fährt in eine sowjetische Großstadt und nicht in eine habsburgische Fata Morgana).

Wir erleben während des Lesens immer wieder die selbstreflektorische und selbstkritische Position des Historikers, der eine „Abstandsfrist“ erkennt, eine Art Hemmung, die Lage zu erkennen, eine merkwürdige Analyse-Lähmung, der „gewalttätigen Wirklichkeit der Welt entwöhnt.“

Schlögels Sprache fesselt, fasziniert, zieht hinein in die Situationen, Städte, Analysen und ersten allgemeinen Verunsicherungen. Ein Beispiel, er nennt den Scharfschützen einen „Feinmechaniker des Todes“.

 

Wir begegnen in dem Buch den Regionen und Städten der Ukraine weniger den aktuell handelnden Politkern. Die heutigen schnellen Ereignisse und Berichterstattungen darüber zwingen auch dem Historiker einen anderen Zeit-Analyse-und Erzähl-Rhythmus auf.

Schlögels Buch ist eine  bekennende Analyse, von West-Werten untermauert, Schlögel  verlässt das objektivierende Terrain des Nur-Historikers, er erweist sich als Stadtsoziologe, als Geo- und Kulturpolitiker und zugleich als Westorientierter bzw. Ostenttäuschter. Das ist eine Art Katharsis als Russlandexperte, ein existentieller Schock, der das eigene Lebenswerk in Frage stellt. Aber er sieht sich in der Reihe auch anderer Historiker, sie „haben keine Rezepte für die Lösung der aktuellen Probleme, aber ihnen ist der Lauf der Dinge in der Gegenwart nicht gleichgültig.“

 

Schlögel diagnostiziert als Historiker - von den aktuellen Entwicklungen verunsichert - den ERNSTFALL, er fühlt eine tiefe metaphysische Kränkung, dass sich die Geschichte nicht so entwickelt hat, wie erwartet worden ist, eigene Vorhersagen wurden zu Irrtümern, Lebensplanungen sind durcheinandergebracht, für ihn meldet sich das UNHEIMLICHE zurück. Eine faszinierende Analyse mit Selbstzweifeln und Lektion für uns alle.

 

Leser Russland-Versteher und Russland-Kritiker sowie Ukraine-Ahnungslose

Russland-Reflex reflektieren

Titel Irina Scherbakowa/Karl Schlögel RUSSLAND REFLEX. Einsichten in eine Beziehungskrise edition Körber Stiftung

 

Autor Karl Schlögel, geboren 1948, hat an der FU Berlin, in Moskau und St. Petersburg Philosophie, Soziologie, Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert. Er war Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Schlögel ist Autor und Herausgeber u.a. der Bücher: "Moskau lesen. Die Stadt als Buch"; "Das Wunder von Nishnij oder die Rückkehr der Städte"; "Der Große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917-1941"; "GO EAST oder die zweite Entdeckung des Ostens".

 

Die promovierte Germanistin, Historikerin, Publizistin und Übersetzerin Irina Scherbakowa (Jg. 1949) lehrt am Zentrum für Erzählte Geschichte und visuelle Anthropologie der Moskauer Afanassjew-Universität. Für ihren Film »Alexander Men. Treibjagd auf das Sonnenlicht« (WDR 1993) wurde sie 1994 mit dem Katholischen Journalistenpreis ausgezeichnet. Seit 1999 gehört sie dem Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar an.

Irina Scherbakowa ist Koordinatorin des russischen Geschichtswettbewerbs für Jugendliche, der von der Menschenrechtsgesellschaft MEMORIAL seit 1999 jährlich ausgerichtet wird. Als Nichtregierungsorganisation setzt sich MEMORIAL für die Aufklärung der sowjetischen Repression und den Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland ein. MEMORIAL ist Mitglied des europäischen Geschichtsnetzwerks EUSTORY der Körber-Stiftung.  2005 wurde Irina Scherbakowa mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet; 2014 erhielt sie den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik.

 

Gestaltung Hardcover, Vorwort, drei Kapitel, ausgewählte Literatur, 142 Seiten

 

Cover Moskau-Silhouette

 

Zitat: „Es hat immer einen großen Zauber der russischen Kultur gegeben.“

 

Meinung  Dieses Buch ist eine Momentaufnahme, die Beziehungskrise Russland-Deutschland wird auf den Prüfstand gestellt und die beiden Autoren analysieren wie zwei erfahrene „Eheberater“, woran es in dem Verhältnis hapert. Gewalt „in der Ehe“, falsche Treueschwüre, Seitensprünge, Klischees, irritierende Verhaltensmuster, Irrtümer, Vergangenheitsbewältigung, nicht erfüllte Sehnsüchte haben die Beziehung eingetrübt. Steht man nun vor der Scheidung oder soll man es nochmals miteinander versuchen. Das Buch ist ein dichtes Gesprächs-Protokoll eindringlicher Art, das dem Laien aber auch dem Russland-Fachmann die Augen öffnet.

Schlögel, der vom Mao- nicht dem Marx-Virus der 68er Jahre infiziert war, bekennt im Blick zurück auf die eigene Vergangenheit: Autoritätsgläubigkeit, der Glaube an Ideen und Ideologien, Wirklichkeitsverweigerung und Selbstermächtigungsphantasien verblendeten den Blick auf Realitäten. Sich in Dissidentenkreisen zu bewegen hieß, zu wissen, wie Flugblätter produziert werden, wie verbotene Literatur geschmuggelt wird und Bücher zu vervielfältigen waren.

 

Und die Lage heute: Schlögel misstraut dem Analysebegriff Transformation: “Das Stichwort wirkt wie eine Art Selbstberuhigung.“ Selbstkritisch fügt er jedoch hinzu, als die russischen Sturmtrupps auf der Krim und im Donbass einfielen, analytisch nicht auf der Höhe der Zeit gewesen zu sein. Völlig richtig kritisiert Schlögel das deutsche Fernseh-Expertenwesen zu Griechenland, zu Flüchtlingswellen, das so lange herumschwadroniert, bis alles wieder seinen geordneten Platz in einer geordneten Welt gefunden und seinen Schrecken verloren hat.

Die Russlandkenner und -versteher kritisiert Schlögel als „Veteranen“-Analytiker, die in Talkshows ihre Erfahrungen von gestern austauschen.

 

Irina Scherbakowa beharrt auf ihrem eigenen geschichtsanalytischen Ansatz, man kann das aktuelle Geschehen in Russland nicht bewerten, wenn man die Veränderung des Geschichtsbildes und der Propaganda nicht einordnen kann, gerade würde die Geschichte Russlands wieder einmal missbraucht.

 

Mit der Annexion der Krim hat für Scherbakowa  die sehr lange Epoche der Aufklärung ein vorläufiges Ende gefunden. Sie weist auf die vielen Schichten der Gesellschaft hin, die zu den Verlierern der Geschichte gehören, in einer Zeit, in der Bildung und Wissenschaft ihren Sinn verloren haben, eine Zeit in der alle käuflich zu sein schien.

Schlögel mahnt, nicht immer aus russischer Perspektive auf die Ukraine zu schauen. Skeptisch sieht Schlögel die Rolle der Diplomatie, die eine Lösung der aktuellen Krise nicht allein herbeiführen könne, es komme auf die Selbstverteidigungsbereitschaft der Nation an und sie müsse auch der Demagogie nationalistischer Führer widerstehen.

Schlögel spricht von der totalen Erschöpfung des Landes, Scherbakowa von der “Kehrtwende in der Demokratisierung“ und von der „Käuflichkeit“ Europas.

 

Beide analysieren und interpretieren Klischees und Stereotype: Schlögels Fazit: “In meinen Augen ist Putin ein gefährlicher Mann, er hat alles aufs Spiel gesetzt und kaputt gemacht, was in den letzten Jahren passiert ist, um aus den alten Klischees und Vorurteilen herauszukommen.“

 

Der friedensverwöhnten westlichen Gesellschaft wurde ein Schlag versetzt, man müsse sich auf alle Fälle auf die Fortsetzung der Aggression einstellen.

 

Schlögel fordert ein „waches Gegenwartsbewusstsein, das die Pfade der eingespielten Rhetorik hinter sich lässt“, man müsse sich eingestehen, dass es in Europa wieder Krieg gibt:“ Man muss sich eingestehen, dass sich Konflikte nicht immer im Gespräch beenden lassen.“

 

Das blaue Sofa

 

http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2493884/Die-blaue-Stunde:-Thema-Russland

 

Das neue Zarentum des Wladimir Putin

Endspiel
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Titel Michail Sygar ENDSPIEL. Die Metamorphosen des Wladimir Putin. Kiepenheuer & Witsch
 
Autor Michail Sygar, geboren 1981, ist Chefredakteur von Doschd, dem einzigen unabhängigen Fernsehsender in Russland, der angesichts staatlicher Repression derzeit nur über das Internet zu empfangen ist. Sygar, einer der bekanntesten Journalisten Russlands, hat als Kriegsreporter für die Tageszeitung Kommersant berichtet und war stellvertretender Chefredakteur der russischen Ausgabe von Newsweek. 
Inhalt Personenporträts aus dem Umfeld Putins ergeben ein Gesamtbild Wladimir Putins
 
Gestaltung Broschur, Vorwort, Nachwort, 18 Kapitel, 
 
Cover Putin stolziert auf rotem Teppich – aber wohin (?), dabei wird er immer kleiner – eine politische Prognose?
 
Zitat “Ein schrecklicher Zar“.
 
Meinung Ist Putin er selbst? Oder haben ihn die Verhältnisse oder sein personales Umfeld und auch wir im Westen zu dem gemacht, was er heute ist? Das ist die Hauptthese des Buches: “Sein engster Kreis hat ihn mitgerissen, seine Ängste und Wünsche manipuliert und ihn so vorwärts getrieben. Zu Dingen, die er von sich nie erwartet hätte.“ Also das Ergebnis: ein „kollektiver“ Putin. 

 

Es ist also ein indirektes Buch, indem Sygar die Personen und politischen Verhältnisse beschreibt, leitet er aus den Fakten die Personenbeschreibung Putins ab. Die Stärke des Buches ist also, das Umfeld Putin wirklich genauestens beschrieben zu haben, aber dadurch bleibt die Person Putins irgendwie undeutlich skizziert, indirekt abgeleitet und damit wirklich original? Originell ist der Ansatz für das Buch. Aber: Ist Putin wirklich nur das Produkt seines Umfeldes?  

 

Am Ende der Jelzin-Ära stand die alles entscheidende Frage: Würde Russland unter der Schuldenlast zusammenbrechen? Sygar schildert Russlands Entwicklung seit Jelzin, die Aufnahme Russlands in die G7-Runde1997, die U-Boot-Kursk-Tragödie, sie wurde für Putin zum Versager-Szenario, aber der zweite Tschetschenienkrieg brachte ihm ein Image-Plus. Die amerikanische Irak-Invasion war eine mit Blair abgesprochene Sache, ohne die Russen mit einzubeziehen. Aber das galt auch für Chirac und Schröder. 2003 war von Putin noch zu hören:“ Russland ist ohne jeden Zweifel ein Teil Europas.“ Russland und Europa könnten sich in ihren Wirtschaftsstrukturen gut ergänzen. Aber als Chodorkowski verhandelt, um  British Patrol oder einen anderen West-Öl-Konzern bei YUKOS einsteigen zu lassen, war Chodorkowski für Putin zu mächtig! 

 

Sygar deutet an: Wollte Chodorkowski, würde er je an die Spitze Russlands kommen, auf Atomwaffen verzichten? Gab es eine solche informelle Zusage an die US-Regierung und Condoleeza Rice? Dieses gesteuerte Gerücht entschied über das Gefängnisschicksal des Putin-Kontrahenten. 

 

Oligarchen waren damals in der Gesellschaft zu Lieblingen der Nation aufgestiegen. Das Oligarchen-Kartell schwelgte im Luxusleben, als iPads und Multiplexkinos ihre Eroberungsfeldzüge antraten. 
Aber Putin ging auf Distanz. Um sich herum schart Russlands Führer eine Gruppe ehemaliger KGB-Kollegen Igor Setschin (Präsidialverwaltung)  Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow,  FSB-Chef Nikolai Patruschew. Für Putin war die Grundsatzentscheidung: pro liberal oder pro KGB. Also entschied er pro Silowiki, pro Geheimdienst

 

Putins größte Befürchtung, ja Angst, in Russland könnte eine orange Revolution ausbrechen. In den vorangestellten kurzen Personenbeschreibungen gelingen Sygar auch psychologische Beschreibungstreffer, zum Beispiel über Medwedew: “Manchmal wirkt Medwedew gar wie ein eifriger Student. Wenn er zum Beispiel Dinge sagt, an die er selbst nicht glaubt, die er aber sagen muss.“ Und Putins generelle Einschätzung über die russische Nation: „Wir haben Schwäche gezeigt und Schwache werden geschlagen.“
Georgien und Ukraine und die Krim  werden zur Achillesferse der russischen Politik. 

 

George Bushs Politik der Stärke imponiert Putin doch dessen Wille, die in dem Satz steckt -  “... in jeder Kultur die Keime demokratischer Bewegungen und Institutionen zu finden.“ – motiviert Putin zum Antiamerikanismus. 

 

2005 fällt sein legendäre Satz „Der Zusammenbruch der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe des 20.Jahrhunderts.“  Putins Handeln scheint motiviert durch einen treffenden Satz aus Tony Blairs Memoiren:“ Wladimir ist zu dem Schluss gekommen, dass die Amerikaner ihm nicht die Stellung einräumen, die er verdient.“ 
Nikolai Patruschew als ehemaliger FSB-Chef und jetzt als Sekretär des Sicherheitsrats der Russischen Föderation wird zum neuen, wichtigen Mann Putins. Sein Antiamerikanismus meint, die USA wollten Russland aufspalten.

 

S. 171 schreibt Sygar einen sehr klugen Satz in einer  Warnung vor einer unipolaren Welt als undemokratischem Instrumentarium, die die Welt in eine Reihe von Konflikten stürzt: “Am Ende reichen die Kräfte für eine umfassende Regelung keines einzigen dieser Konflikte aus. Auch ihre politische Lösung wird unmöglich gemacht.“  

 

Putin kritisiert die NATO-Osterweiterung, die Behinderung russischer Investitionen im Westen, den gescheiterten Beitritt Russlands in die Welthandelsorganisation WTO. 
Die Nichtauslieferung Snowdens führt zum Bruch mit der Politik Obamas. 
Sygar teilt die Aktivitäten Putins in drei Phasen:

 

1. Erste Amtszeit: was ist im Kaukasus los?
2. Zweite Amtszeit: Der Westen hält Versprechen nicht ein
3. Dritte Amtszeit: Der Russe ist anders, er hat „ganz andere Werte“ 

 

Zum Beispiel sind die Russen recht-und gottgläubige Menschen, für die Familie und Eigentum wichtig sind, eine konservative Agenda von Werten, die es zu verteidigen gilt. 

 

Ist es wichtiger Geld zu haben, heißt es in einer russischen Filmproduktion in einem Dialog, nein es ist wichtiger, die Wahrheit zu haben. 

 

Das kennzeichnet die jetzige russische Haltung dem Westen gegenüber 
Die Situation in der Ostukraine kommt Sygar vor wie ein eingefrorener Konflikt etwa wie in Abchasien, Südossetien oder Transnistrien. 

 

Und wie sieht das Umfeld den Zaren Putin:  „Putin – das ist Russland. Mit Putin steht und fällt Russland.“ (Kremlideologe Wolodin)

 

Das Fazit Sygars: „Wir alle haben uns unseren Putin geschaffen. Und wahrscheinlich noch lange nicht die letzte Version.“ 
Ein sehr eigener, hoch interessanter Ansatz, Putins Wirken zu beschreiben, wir lernen viel über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Russland und die handelnden Akteure und auch über Putin selbst. Glänzend, präzise und spannend geschrieben. Dennoch bleiben rätselhafte Züge am Zar. 
 

 

Reaktionen

 

»Die erste überzeugende Beschreibung dessen, was in den letzten 20 Jahren in Russland geschehen ist. Ein wichtiges Buch und eine Gelegenheit, Informationen aus erster Hand zu bekommen.«
 
Swetlana Alexijewitsch (Literaturnobelpreis 2015)

Inside IS - 10 Tage im "Islamischen Staat"

Titel Jürgen Todenhöfer INSIDE IS – 10 Tage im ‚Islamischen Staat‘“

 

Autor Jürgen Todenhöfer, geboren 1940, saß 18 Jahre im deutschen Bundestag. Er war Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Entwicklungshilfe und Rüstungskontrolle. Anschließend arbeitete er 22 Jahre an der Spitze eines großen europäischen Medienunternehmens. Immer wieder hat er die Kriegsschauplätze des Mittleren Ostens bereist, vor allem Afghanistan, Irak, Syrien und Palästina. Das Honorar für sein letztes Buch spendete er schwer verletzten syrischen Kindern. Das Honorar dieses Buches geht an syrische und irakische Flüchtlinge sowie an Kinder in Gaza.

 

Inhalt Die Innenansicht des Islamischen Staates

 

Gestaltung Nach den einführenden Kapiteln wechselt Todenhöfers Buch in die Interviewform – Skypeinterviews und direkte Interviews am Ort, am Ende des Buches richtet Todenhöfer einen Offenen Brief an den "Kalifen des Islamischen Staates sowie ein Nachwort

 

Cover Jürgen Todenhöfers Charakterkopf vor bewaffneten Kämpfern

 

Zitat „Wenn sie nach Deutschland kämen, wären wir die Ersten, die sie töten würden. (...) Nein, nein, wir werden eines Tages Europa erobern! Nicht nur wir wollen, wir werden, da sind wir uns sicher.“

 

Meinung Nichts kann erschreckender sein als die reale Realität. Wir haben bisher die Augen nicht weit genug geöffnet, um die Bedrohungen zu erkennen, die der islamische Staat mit seinen Kriegs- und Terroraktionen ausgelöst hat. Die demonstrative Brutalität, die modernen Kommunikationstechniken, die militärischen Erfolge, die Hinrichtungen mit Schwert, die Eroberungen, das Abschlachten des Gegners, das alles führt Todenhöfer uns drastisch vor Augen, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er bietet uns die Motive der IS-Kämpfer an, wir können das unglaubliche Risiko nachvollziehen, das Todenhöfer mit dieser Reise eingegangen ist. Der Westen unterschätzt die Gefahren, die vom IS im Mittleren Osten ausgeht. Und wir stehen erst am, Anfang eines Riesen-Problems. Die Politiker haben keine überzeugenden politischen Strategien, was wird aus Afghanistan, wenn die Streitkräfte des Westens abgezogen sind, was wird aus den Ländern Irak und Syrien, in denen IS das Machtvakuum versucht auszufüllen. Welche Folgen haben die Gewalt-Auseinandersetzungen der Türken mit den Kurden. Gehen die Flüchtlingsströme weiter? Fragen über Fragen, Todenhöfer hat sie notiert und an uns alle weitergegeben. Wir sollten endlich aufwachen. Das ist die Leistung Todenhöfers, einen Weckruf gestartet zu haben. Das Buch steht zurecht  auf der Bestsellerliste. Das kann man nicht von allen Büchern sagen.

 

Leser Christen und Muslime                                                                                                        

 

Pressestimmen

„Man muss mit ihm nicht immer einer Meinung sein, aber der Mut und die Entschlossenheit, mit denen Jürgen Todenhöfer aus den Krisengebieten dieser Welt berichtet, nötigen uns Respekt ab. Jetzt schildert Todenhöfer seine wohl riskanteste Reise, die ihn in die Hochburg des Islamischen Staates, nach Mossul, führte.“
Stern (16.04.2015)

 

„Todenhöfer ist als erster nichtmuslimischer, westlicher Journalist in den ‚Islamischen Staat‘ gereist. Letztlich darf er viel weniger sehen, als vor der Reise abgesprochen. Trotzdem ist ein eindrucksvolles, bedrückendes und kluges Buch entstanden.“
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (17.05.2015)

 

„ ‚Inside IS‘ ist der erste differenzierte Blick auf das Reich des Bösen. Und damit ein wichtiges Dokument.“
Norbert Kron in rbb „Stilbruch“ (30.04.2015)

 

"Ein wichtiges Dokument."
NDR "Bücherjournal" (08.07.2015)

 

"Das daraus entstandene Buch - ein Bestseller - liest sich spannend, wie ein Polit-Krimi."
Wolfgang Freund in Süddeutsche Zeitung (02.06.2015)

 

„Todenhöfer spricht viele Wahrheiten über die Situation im Mittleren Osten aus, die andere öffentlich lieber klein halten. Vor allem aber erhält der Leser durch die entlarvenden Interviews einen äußerst authentischen Einblick in das unfassbar brutale Denken der IS-Kämpfer. Dem früheren Unionspolitiker gebührt großer Respekt für diese todesmutige Reise in einen selbst ernannten Staat, dessen Grauen wir jeden Tag neu erfahren müssen.“
Nürnberger Zeitung (18.05.2015)

 

"Ein spannender Report."
Westdeutsche Allgemeine Zeitung (27.04.2015)

 

"Diese Ausführungen sind sehr lesenswert."
Schweizerzeit (05.06.2015)

 

Leseprobe 
 

LINKS   Interview mit Jürgen Todenhöfer

 

www.nachdenkseiten.de/?p=25848

ISIS - Der globale Dschihad

 

Titel Bruno Schirra ISIS. Der globale Dschihad. Wie der „Islamische Staat“ den Terror nach Europa trägt. ECON

 

Autor Bruno Schirra hat sich als Journalist auf den Nahen und Mittleren Osten spezialisiert und löste mit einem Artikel die sogenannte "Cicero-Affäre" aus. Nach Stationen beim Hörfunk, ZEIT und Cicero schreibt er heute für die Weltwoche in der Schweiz.

 

Cover Rotweiße Überschriften vor schwarzem Hintergrund

 

Gestaltung Zehn Kapitel strukturieren das Sachbuch, im Innendeckel links und rechts eine Karte vom Nahen Osten und den Gebieten, die von ISIS bereits kontrolliert werden. Einleitung, Danksagung und Anmerkung sind der Kapitelrahmen, die einzelnen Kapitelthemen Reisen in ein terrorisiertes Land, die Entwicklung von Al-Quaida zu ISIS, Diktatur folgt auf Diktatur, Land ohne Hoffnung, gefährliche Nachbarn, türkische Machtspiele, Sklaverei im Kalifat, salafistische Verschwörer, die deutschen Kämpfer und der Dschihad in Europa.

 

Zitat aus dem Buch: „Bei unserer Ankunft waren aus der Ferne die Kämpfe, der Gefechtslärm, das Rattern schwerer Maschi­nengewehre, das ständig auf- und abschwellende Explodie­ren der Granaten, das schrille Pfeifen der Mörser noch zu hören und all das verschmolz zu einer einzigen Todessym­phonie.“

 

Inhalt 335 Seiten. Die Terror-Miliz ISIS hält nicht nur den Nahen Osten in Atem. Ihre Blutspur zieht sich durch den IRAK und Syrien bis nach Europa. Mit einer erschreckenden Brutalität machen die ISIS-Kämpfer in den Medien auf sich aufmerksam. Sie setzen die modernen Techniken wie Mobiltelefone und Internet, Livevideos, Facebook und vieles mehr ein. 8000 Europäer haben sich inzwischen schon den Terrorkämpfern angeschlossen. Der Nahost-Experte Bruno Schirra sprach mit ISIS-Kämpfern, deren Opfern, mit deutschen Salafisten, Islamgelehrten, Dschihad-Aussteigern und Experten der Geheimdienste.  

 

Meinung Armeen lösen sich über Nacht im Nichts auf, Nachrichtenoffiziere sprechen von einem Alptraum an Gewalt, , ritualisierte Beschwörungsformeln aus dem Western, ein Glaubenssturm bricht los, in dem gemordet und geschlachtet wird. Eine Terrorgruppe hat sich eines Staates bemächtigt, ein Krieg ist im Gang. Experten sprechen bei ISIS von einem Herrschaftsverband, der bereits ein Drittel Syriens und des Iraks kontrolliert. ISIS gibt sich staatsähnlich: Mit Armee, Justiz, Währung, nationaler Flagge, Infrastruktur und Ideologie. Die Opferzahlen steigen, der Westen hat keine Strategie. Hilflosigkeit macht sich breit. Auf der Gegenseite verbreitern sich die islamistischen Netzwerke. Kommt irgendwann der Bigbang in Europa, vielleicht ein Giftgasangriff oder mehrere einzelne Attentate zur gleichen Zeit oder ein nukleares Attentat? Mehr als 40 dschihadistische Terror-Organisationen sind unterwegs, auf 1,5 Milliarden Muslime wird deren Personalpotential hochgerechnet. Die Strategie: glühende Glaubensfanatiker rekrutieren, multi-ethnische Propaganda machen, Ausrufung des Kalifats, Durchsetzung des Führerkultes, religiös verbrämte Ideologien verbreiten, die Menschen gleichschalten, Sicherung des Waffennachschubs, Terror und Angst verbreiten, Wiedereinführung der Sklaverei, Frauen-und Kindesentführungen, ethnische Säuberungsaktionen, den  Feind total vernichten, abschlachten, kreuzigen, köpfen, wie immer töten, wo nur möglich. Bedingungslose Unterwerfung unter den Islam. Ein global geführter Kampf. Ein bemerkenswertes Buch, ausgezeichnet recherchiert, sachlich begründet, aufwendig komponiert und in die Tiefe gehend, alarmierend für den Leser. Der Autor mischt investigative Recherche mit Reportage und politisch-gesellschaftlicher Analyse und das Buch öffnet uns die Augen – jetzt kann niemand mehr sagen, wir hätten  von dieser Entwicklung nichts gewusst.

 

Leser Der Auswärtige Ausschuss des Bundestages, alle Regierungsmitglieder der Bundesregierung, das Auswärtige Amt und deren Beschäftigte, Anhänger der christlichen Kirchen, Christen, Juden, Moslems

 

Verlag: ECON 

Emmanuel Todd: Wer ist Charlie? 

Cover des Buches 'Wer ist Charlie?'

 

Warum Frankreich? Warum Paris? Der Pariser Generalstaatsanwalt mahnt, die Zahl der Franzosen, die in dschihadistischen Netzwerken aktiv seien, sei in den vergangenen Monaten explodiert. Warum gerade in Frankreich? Darauf geben die Ideologen des IS, darauf geben die Drahtzieher der Mordanschläge und darauf geben auch westliche Interpreten schnelle Antworten. Der prominente französische Soziologe Emmanuel Todd, der sich zu seiner jüdischen Herkunft und zu seiner früheren Mitgliedschaft in der KPF bekennt, hat die Reaktion Frankreichs auf die Anschläge auf Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt Anfang dieses Jahres untersucht. Dabei gelangt er zu vieldiskutierten Ergebnissen, die auch auf die jüngsten Anschläge am 13. November Anwendung finden können. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die massenhafte Teilnahme an den landesweiten Demonstrationen nach „Charlie“. Mit einer soziologischen Methode, die man als „sociologie-geographique“ bezeichnen kann, gleicht er die Beteiligung an den Protestdemonstrationen vom 11. Januar an früheren soziologischen Daten in den einzelnen Städten und Départements Frankreichs ab und zieht daraus Schlüsse auf die Gegenwart. Dabei kritisiert er die Mobilisierung für Großdemonstrationen, in denen Millionen für das Recht auf Blasphemie gegenüber der Religion einer Minderheit der Bevölkerung eingetreten sind.

 

Er will nicht missverstanden werden: In einer Grundsatzliste von Forderungen, die er für die „Rückkehr der Republik“ aufstellt, steht an erster Stelle „Das Recht auf Blasphemie“. Dieses Recht sei unantastbar und die Ordnungskräfte müssten die Sicherheit der Religionslästerer garantieren. Dann folgt die Forderung, „französische Bürger – muslimisch oder nicht - , die der Auffassung sind, dass Blasphemie gegen die Religion einer dominierten Gruppe sinnlos und feige ist, müssen ihre Meinung äußern dürfen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, sie rechtfertigten Terrorismus oder seien keine richtigen Franzosen. Der Staat muss die freie Meinungsäußerung schützen.“

 

In Tabellen und Karten zeichnet Todd ein Bild von Frankreich seit der französischen Revolution, zeigt, wie sich Katholizismus,  konservatives Wahlverhalten und Demonstrationsverhalten am 11. Januar im Pariser Becken und an der Mittelmeerküste von den ländlicheren Regionen unterschieden, aber über die Jahrzehnte hinweg regional gleich geblieben seien. Er interpretiert diesen Umstand auch anhand von Daten über die praktizierte Religiosität in diesen Großlandschaften und gelangt zu dem Ergebnis, dass die massenhafte Demonstrationsfreude vom Mittelstand getragen wurde. Gegenden, mit ausgeprägter Bevölkerung unterer Schichten hätten weniger demonstriert. Der in dieser Bevölkerungsgruppe besonders stark vertretene Front National war von den Organisatoren der Demonstrationen von vornherein ausgeschlossen worden.

 

Kern seines Buches ist die Analyse, dass der Masse der muslimischen Bevölkerung der Pariser Vorstädte Aufstiegschancen und wirkliche Integration in die französische Gesellschaft vorenthalten blieben. Er beklagt, dass die Mittelklasse der Franzosen nie für die Verbesserung der Chancen der aus dem Maghreb stammenden muslimischen Jugendlichen auf die Straße gegangen sei, aber massenhaft dafür eingetreten seien, dass deren Prophet und deren Religion blasphemisch beleidigen werden dürften. Er fordert deshalb am Schluss seines dramatisch-prophetischen Buches „Assimilation als notwendige Perspektive“. Die Chancen, die den muslimischen Jugendlichen in den Vorstädten vorenthalten würden, hätte auch die untersten Schichten der nichtmuslimischen Bevölkerung nicht. Aus ihnen rekrutiere sich im Wesentlichen der starke Zulauf zum rechtsextremen und rassistischen Front National von Marine Le Pen. In beiden ausgegrenzten Gruppen formiere sich aus jeweils anderer Perspektive aber aus denselben gesellschaftlichen Ursachen ein massiver und gefährlicher Antisemitismus. Ein Rassismus nähre den anderen...

 

Harald Loch

 

Emmanuel Todd:   Wer ist Charlie? Die Anschläge von Paris und die Verlogenheit des Westens

Aus dem Französischen von Enrico Heinemann

C.H.Beck, München 2015    240 Seiten   14,95 Euro