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Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Buch-Tipps  Angriffskrieg gegen Ukraine

Anne Applebaum, ROTER HUNGER Stalins Krieg gegen die Ukraine Siedler

 

Der erzwungene Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainern zwischen 1932 und 1933 - Holodomor genannt

»Russische Mafiabosse, ihre Mitglieder und ihre Verbündeten ziehen in Westeuropa ein, sie kaufen Immobilien, eröffnen Bankkonten, gründen Unternehmen, dringen Stück für Stück ins Gesellschaftsgefüge vor, und bis Europa sich dessen bewusst ist, wird es bereits zu spät sein.«

 

»Viele der Entscheidungen, die er trifft, basieren auf seiner Vorstellung, wie die Welt funktioniert. Patriotismus ist etwas, woran er wirklich glaubt.“

 

„Teile des KGB, unter ihnen Putin, benutzen den Kapitalismus als Werkzeug, um es dem Westen heimzuzahlen.“

 

Nur drei Zitate aus diesem Buch:

Catherine Belton. Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste HarperCollins

Rezension demnächst auf

 

www.facesofbooks.de

 

PUTINS NETZ

Catherine Belton Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste HarperCollins

Als Ende der 1980er-Jahre die Sowjetunion zusammenbrach, ahnte niemand, dass ein ehemaliger KGB-Agent sich über Jahrzehnte als russischer Präsident behaupten würde. Doch ein Alleinherrscher ist Wladimir Putin nicht. Seine Macht stützt sich auf ein Netzwerk ehemaliger sowjetischer KGB-Agenten, dessen Einfluss weit über Russland hinausreicht. Catherine Belton, ehemalige Moskau-Korrespondentin der Financial Times, hat mit zahlreichen ehemaligen Kreml-Insidern gesprochen. Es sind Männer, deren Macht Putin zu groß wurde und die nun selbst vom Kreml „gejagt“ werden. Belton beleuchtet ein mafiöses Geflecht aus Kontrolle, Korruption und Machtbesessenheit, und das gefällt nicht allen Protagonisten. Vier Oligarchen haben sie deswegen wegen Verleumdung verklagt. Ihr Buch liest sich in all seiner Komplexität so spannend wie ein Agententhriller, doch vor allem enthüllt es, wie das System Putin uns alle mehr betrifft, als uns lieb ist. (HarperCollins)

 

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Roter Hunger in der Ukraine 

Der gegenwärtige Konflikt um die Ostukraine und die Krim ist ohne diese historische Last nicht zu verstehen - der erzwungene Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainern 1932 und 1933, Holodomor genannt, war eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Und sie hat Folgen bis heute - Stalins „Krieg gegen die Ukraine“ hat sich tief im kollektiven Bewusstsein der osteuropäischen Völker verankert.

 

Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum vereint in ihrer Darstellung auf eindrückliche Weise die Perspektive der Täter und jene der Opfer: Sie zeigt Stalins Terrorregime gegen die Ukraine, die Umstände der Vernichtungspolitik - und verleiht zugleich den hungernden Ukrainern eine Stimme. (SIEDLER)

 

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Russland inside: Filipenkos DIE JAGD

„Russland ist ein Land, in dem die Mehrheit nur Lügen glauben will.“ 


„In unserem Land hat sich eine Sorte Mensch herausgebildet, die fähig ist, alles zu ertragen.“ 


„Man hört etwas, findet es gut, wiederholt es.“  


Nur drei Zitate aus dem neuen Roman von Sasha Filipenko, der in seinem Buch Russland als ein Land der wuchernden Klischees beschreibt.


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Buch-Tipps: Angriffskrieg gegen die Ukraine

"Russland, dieses schöne Reich, /Würde mir vielleicht behagen, /Doch im Winter könnte ich/dort die Knute nicht ertragen." Heinrich Heine


„Medien sind schlechte Hüter der Erinnerung.“ Alfred Grosser


Aber Bücher schon… Meine Buchliste zum Angriffskrieg auf die Ukraine, basierend auf Rezensionen vergangener Jahre, die auf www.facesofbooks.de teilweise noch ausführlicher zu lesen sind.

 

Karl Schlögel Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen Hanser


Schlögel zeigt auf, welche Sprengkraft die ethno-nationale Argumentation Putins in sich trägt. Er stellt sich die Frage, ist die Ukraine-Krise und die Rückkehr zum Gewaltkonzept ein Nachhall auf den Kalten Krieg, eine Rückkehr zu demselben oder eine Art Vorkriegszeit? Bisher waren Grenz-Verschiebungen im Europa der heutigen Zeit bis gestern tabu, der neuerliche „Regelverstoß“ jedoch könnte die ganze internationale Ordnung wieder umstoßen. „Das Umstoßen von Regeln zerbrach eine ganze Welt, die auf Verhandlung, Diplomatie, eine Kultur des Diskurses begründet war.“ Die Destabilisierungstendenzen könnten Europa als Ganzes erfassen oder haben es bereits schon getan. Schlögels Sprache fesselt, fasziniert, zieht hinein in die Situationen, Städte, Analysen und ersten allgemeinen Verunsicherungen. Ein Beispiel, er nennt den Scharfschützen einen „Feinmechaniker des Todes“. Wir begegnen in dem Buch den Regionen und Städten der Ukraine, weniger den aktuell handelnden Politkern. Die heutigen schnellen Ereignisse und Berichterstattungen darüber zwingen auch dem Historiker einen anderen Zeit-Analyse- und Erzähl-Rhythmus auf.

 

Michail Sygar ENDSPIEL Die Matamorphosen des Wladimir Putin Kiepenheuer und Witsch


Wie konnte Wladimir Putin zum Paria der Weltgemeinschaft werden? Warum destabilisiert der russische Präsident die Ukraine, Europa und sein eigenes Land? Michail Sygar, intimer Kenner des Kremls und der Machteliten, erklärt in seinem glänzend geschriebenen Buch die Wandlung Putins vom Reformer zu dem Mann, den die Welt fürchtet.

 

Karl Schlögel Das Sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt Verlag CHBeck

 

Karl Schlögel ist Historiker, kulturwissenschaftlich orientiert, beobachtet, beschreibt, analysiert, ist sich sicher und zweifelt zugleich, trägt zusammen, dividiert auseinander, resümiert, philosophiert, und das in einer verständlichen Sprache, die den Leser hineinträgt in diese fremden Welten und die Archäologie der vergangenen sowjetischen Geschichte. Schlagzeilen wie „Splitter des Imperiums“, „Chaussee der Enthusiasten“, „Das Leben der Dinge“, „Rauschen der Zeit“, „Korridore der Macht“ zeigen den formulierenden Einfallsreichtum des Autors, dessen großartiges Werk zu Recht mit dem Leipziger Buchpreis 2018 in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ausgezeichnet wurde. Am Ende des Buches träumt Schlögel davon, “die Lubjanka” als KGB-Sitz in ein Forum der offenen Gesellschaft zu verwandeln: “Ein Labyrinth des Terrors einst, nun offengelegt und begehbar. Der Ort des Verhörs nun ein Ort des Gesprächs”. Was für eine Phantasie. Bei diesem Historiker hätte man gerne Vorlesungen belegt. Dieses Buch entschädigt voll und ganz ein solches Versäumnis. Kaufen! Lesen! Verstehen! Russland begreifen!

 

Alexander Kluge Russland-Kontainer Suhrkamp


Was ist das für ein Buch hinter dem geheimnisvollen Schwarz-Weiß-Einband? Kontainer ist als Titel des Buches mit K geschrieben, eben russisch. Kontainer, das ist per Definition ein Großraum-Behälter zur Lagerung von Gütern - in diesem Fall eine Text- und Bilder-Sammelbox, eine Art Buch-Koffer voller Inhalt, Bilder, Szenenausschnitten, Wortfetzen, Zitaten, Erkenntnissen, Berichten, Skizzen, Tagebuchnotizen, Selbstgesprächen, historischen Einblicken, Wortfeldern, Auf- und Abblenden, Kritzeleien und Kritik. Kluge hat einen genauen Blick für Biographie und Geographie. Er entdeckt die verschwundene Macht in Russland, die hinter dem oberflächlichen Putz versteckt ist, und er stellt auch philosophische Fragen, zum Beispiel, ob ein Gemeinwesen ICH sagen kann? Auch politische Systeme mit ihren Grenzen können wie Porzellan zerbrechen, das auf den Boden der Geschichte fällt. Aber wer kehrt Systemversagen auf?

 

Irina Scherbakowa/Karl Schlögel RUSSLAND REFLEX. Einsichten in eine Beziehungskrise edition Körber Stiftung


Mit der Annexion der Krim hat für Scherbakowa die sehr lange Epoche der Aufklärung ein vorläufiges Ende gefunden. Sie weist auf die vielen Schichten der Gesellschaft hin, die zu den Verlierern der Geschichte gehören, in einer Zeit, in der Bildung und Wissenschaft ihren Sinn verloren haben, in einer Zeit, in der alles käuflich zu sein schien.
Schlögel mahnt, nicht immer aus russischer Perspektive auf die Ukraine zu schauen. Skeptisch sieht Schlögel die Rolle der Diplomatie, die eine Lösung der aktuellen Krise nicht allein herbeiführen könne, es komme auf die Selbstverteidigungsbereitschaft der Nation an, und sie müsse auch der Demagogie nationalistischer Führer widerstehen. Schlögel spricht von der totalen Erschöpfung des Landes, Scherbakowa von der “Kehrtwende in der Demokratisierung“ und von der „Käuflichkeit“ Europas. Beide analysieren und interpretieren Klischees und Stereotype. Schlögels Fazit: “In meinen Augen ist Putin ein gefährlicher Mann, er hat alles aufs Spiel gesetzt und kaputt gemacht, was in den letzten Jahren passiert ist, um aus den alten Klischees und Vorurteilen herauszukommen.“ Der friedensverwöhnten westlichen Gesellschaft wurde ein Schlag versetzt, man müsse sich auf alle Fälle auf die Fortsetzung der Aggression einstellen. Schlögel fordert ein „waches Gegenwartsbewusstsein, das die Pfade der eingespielten Rhetorik hinter sich lässt“, man müsse sich eingestehen, dass es in Europa wieder Krieg gibt: “Man muss sich eingestehen, dass sich Konflikte nicht immer im Gespräch beenden lassen.“

 

Manfred Quiring Russland. Auferstehung einer Weltmacht Ch.Links Verlag


Seine Kernfrage: Russland spielt wieder eine größere Rolle auf dem internationalen Parkett, aber ist es damit schon wieder zur Weltmacht geworden? Woher rührt das polit-aggressive Verhalten Russlands? Welche innenpolitischen Prozesse spielen sich ab? Wie gehen der fortgesetzte Demokratieabbau und die Verfolgung der politischen Opposition voran? Warum kommt es zur Re-Stalinisierung und Re-Militarisierung? Welche europapolitischen Perspektiven ergeben sich aus der neuen „alten“ Rolle Russlands und wieso hat das alles mit MEHR-SCHEIN-ALS-SEIN zu tun. Oder wie Quirin es formuliert: So tun, als ob. Russisch heißt das POKASUCHA.

 

William Taubman GORBATSCHOW Der Mann und seine Zeit. Eine Biographie CHBeck


Wer war dieses „Rätsel Gorbatschow“ – ein wahrhaft großer Politiker oder ein Mann, der an seinen eigenen Fehlern scheiterte und an Mächten, gegen die er nicht gewinnen konnte, heißt es bei CHBeck im Verlagsprospekt.  935 Seiten!!! Anmerkungen des Autors, Liste der Akteure, Einleitung „Gorbatschow ist schwer zu verstehen“, 19 einzelne Kapitel zu den Themen Kindheit und Jugend, Universitätszeit, auf der Karriereleiter, Parteisekretär in der Region, Rückkehr nach Moskau, auf der Weltbühne bis zum Putsch, Ende der Amtszeit und die Zeit danach, Schlusskapitel „Gorbatschow verstehen“.

 

Greiner, Bernd Henry Kissinger Wächter des Imperiums C.H. Beck


Greiner schildert uns auch den Menschen Henry sehr facettenreich, der gerne in historischen Büchern schmökerte, in Harvard mit Ausdauer, Konzentration und Disziplin studierte, um in die Elitezirkel aufzusteigen. Sein Motto: „Aber ein Anführer muss so handeln, als wären seine Ansprüche bereits Realität.“ Entspannungspolitiker wie Brandt oder Bahr waren für den Weltdiplomaten politische Weicheier. „Wir müssen das [ein Berlin-Abkommen] vermasseln.“ Und: „Mut zum Krieg ist nicht alles, aber ohne den Mut zum Krieg ist alles nichts.“

 

Volker Stanzel Die ratlose Außenpolitik und warum sie Rückhalt der Gesellschaft braucht Dietz


Die Analyse des Autors ist deutlich, keineswegs diplomatisch zurückhaltend. Die Welt gerät aus den Fugen, wenn die Konflikte und Krisen nicht mehr oder immer weniger beherrschbar werden. Außenpolitiker und Diplomaten würden sich in gehobenen Sphären bewegen, seien als Fachleute unter sich, sie müssten jedoch mehr Verständnis schaffen, ja geradezu Mitspracheräume eröffnen. Stanzels Buch ist eine fundierte, ausführliche, panoramamäßig gestaltete Rundumblick-Bestandsaufnahme. Deutschland sei bisher die normale Mittelmacht, die Forderung an Außenpolitik sei es jedoch, Krisenverursacher und ihre Opfer an einen Tisch zu bringen. Europas Niedergang sei zugleich verbunden mit einer europäischen Großmacht-Dämmerung.

 

Hans-Dietrich Genscher. Meine Sicht der Dinge. Propyläen


Am Anfang malt Genscher ein Schreckens-Szenario an die Wand: „Stirbt jetzt der Frieden in Europa scheibchenweise?“, und er beharrt darauf: „Wir brauchen mehr Europa, sonst wird Europa scheitern“. Genscher ist Transatlantiker, Genscher sorgt sich um die Zukunft und Gestaltung der transatlantischen Partnerschaft, und er kritisiert die Westmächte, sie hätten die Chancen, die nach dem Mauerfall für einen großen europäischen Friedensschluss gegeben waren, nicht genutzt. Hans-Dietrich Genscher spart nicht mit Kritik an der US-amerikanischen Politik, die Amerikaner hätten durch die Pläne für Raketenabwehrsysteme  die Balance zwischen den beiden nuklearen Großmächten zerstört. Russland, so mahnt der langjährige Außenminister, versteht sich als Großmacht, und das zurecht!!! Auf die Annektion der Krim angesprochen, urteilt der zweite Architekt der Ostpolitik neben Egon Bahr, die Krim-Entscheidung Russlands war ein “schwerer Fehler“, aber ebenso auf US-Seite die Verspottung Russlands als Regionalmacht. Der Westen hat den Vorschlag Putins für eine mögliche Freihandelszone bis Wladiwostok nicht aufgenommen.  Nebenbei gibt uns Genscher auch Hinweise auf Verhandlungsgeschick in früheren Tagen, zum Beispiel wenn die Gesundheit von Politikern auf dem Spiel steht. Genscher mahnt, man darf die Starken schwach erleben, aber man muss darüber schweigen und sollte dies niemals an die große Glocke hängen.

 

Wolfgang Ischinger WELT IN GEFAHR Deutschland und Europa in unsichereren Zeiten ECON


Russland hat den Weg zum liberalen und demokratischen Staat längst verlassen. Die globalen Krisenmanager sind unter Druck, weltweit verbreitet sich Pessimismus. Ischinger stellt einen machtpolitischen Epochenbruch fest und benennt damit weitere Gründe, die Frieden und Stabilität gefährden. Fakt und Fake geraten durcheinander, damit verbunden der Verlust von Wahrheit und Vertrauen, die Prognosefähigkeit schwindet, nationalstaatliche Machtmonopole zerbröseln, die Natur von Konflikten verändert sich, und damit werden Friedensstifter überfordert.  Ischinger führt uns in die Kunst der Diplomatie ein, benennt den Strukturwandel im Verhältnis zu den USA, stellt fest, dass Russland im gemeinsamen Haus Europas kein Zimmer hat. Die Versäumnisse Deutschlands, was den Syrienkrieg angeht, fehlen ebenso wenig wie das Versagen der EU.

 

Eine unmögliche Geschichte Als Politik und Bürger Berge versetzten Herder und Keyser


Pleitgen schreibt über die finstere Zeit, als der „Rüstungsweltlauf“ noch im Gang war, als der Atombombenwahn noch die Welt regierte, als später Menschen sich von autokratischen Regimen durch stille Revolutionen befreiten. Das Buch ist eine persönliche Sicht auf Geschichte in erzählten Geschichten. Wir sind in Moskau im Kreml dabei, wir erleben das triste Leben hinter der Mauer, begegnen Breschnew und Brandt, Reagan und Gorbatschow, Honecker und Krenz.

 

Katja Gloger Fremde Freunde. Deutsche und Russen. Die Geschichte einer schicksalhaften Beziehung BERLIN-Verlag

 

Ein meinungsstarkes Kapitel im Buch beschäftigt sich mit der “Suche nach der neuen Ostpolitik“ angesichts der gewaltsamen Revision der Grenzen durch Putin. Sie stellt eine Abkehr von gemeinsamen Prinzipen zwischen Ost und West fest und einen damit verbundenen eigenen Weg Russlands. Putin begründet dies mit „dem „genetischem Code“ der Russen, damit war die „Entspannungspolitik“ auf dem Gefrier-Nullpunkt angelangt. Sie war durch Putins militärische Intervention obsolet geworden. Geschäftsinteressen vor allem im Energiebereich, darauf reduzierte sich unser Anspruch gegenüber Russland. "Wille und Expertise für eine neue Ostpolitik (fehlen), die die strategischen Interessen der EU mit langfristiger, geduldiger, demokratischer und ökonomischer Aufbauhilfe für Russland verbunden hätten". Gloger: "Offenbar verwechselte man die Männerfreundschaft Schröder-Putin und die beiden umstrittenen Nord-Stream-Pipeline-Geschäfte mit Russlandpolitik."

 

Achim Engelberg An den Rändern Europas Warum sich das Schicksal unseres Kontinents an seinen Außengrenzen entscheidet DVA

 

Engelberg nimmt die Außengrenzen Europas unter die Lupe - von Island bis Sizilien, von Spanien bis zum Balkan. Nach dem Kalten Krieg erleben wir die Rückkehr des Krieges mitten in Europa und die Schockwellen, die Osteuropa erfassten und Westeuropa unsozialer machten. Engelberg bilanziert das europäische Sündenregister: Kapitalistische Ausbeutung, die Unterwerfung der Welt, der Raub und die Grausamkeit in Kolonialländern, ausgebeutete Gold- und Diamanten-Minen, wir baggern nach Erzen, Seltenen Erden, erlauben uns Sklaven- und Kinderarbeit, fischen die Meere leer, Tagelöhner müssen wandern, Plantagen und Monokulturen beuten die Böden aus, um billig Exporte zu generieren

 

Andreas Kossert Flucht – Eine Menschheitsgeschichte SIEDLER

 

Das ist die große Stärke des Autors Andreas Kossert, die Nähe zu seinem Thema. Er lässt viele Flüchtlinge aus allen Regionen dieser Welt zu Wort kommen, er versteht es außerordentlich, lebensnah und spannend zu formulieren. Doch was aus all den Flüchtlingsströmen weltweit politisch zu folgern ist, da verhält Kossert sich als Historiker zurückhaltend, widmet dem kein eigenes Kapitel, sondern nur ein paar Sätze, und weil sie dennoch wichtig sind, sollen sie hier in einem Zitat erwähnt werden: „In jedem Menschen, sagt Rupert Neudeck, steckt ein Flüchtling, viele tragen eine Fluchtgeschichte in sich.“

 

Schanna Nemzowa Russland wachrütteln. Mein Vater Boris Nemzow und sein politisches Erbe. Ullstein


Das Buch ist eine persönliche und politische Abrechnung mit Putins undemokratischem Russland und eine Liebeserklärung an ihren getöteten Vater, dessen politisches Vermächtnis die Tochter aufrechterhalten möchte. Zugleich ist es wohl eine Art Bewältigungsbuch ihres traumatischen Schicksals. Nemzowa schildert den Lebensweg ihres Vaters, seine politischen Analysen und Urteile, seine Handlungsweisen, aber auch sein umstrittenes Privatleben blendet sie nicht aus. Nemzow hatte sich so weit emporgearbeitet, dass er für präsidiabel gehalten wurde. Nemzow prangerte Putins Luxusleben an, während 20 Millionen kaum das Nötigste haben. Das Krim-Referendum habe im Angesicht von Maschinenpistolen stattgefunden. Sie rechnet auch nicht mit einer vollständigen Aufklärung des Mordes an ihrem Vater. Ein erschütterndes Dokument der russischen Zeitgeschichte und eines persönlichen Schicksals.

 

Benjamin Bidder Generation Putin Das neue Russland verstehen DVA SPIEGEL BUCHVERLAG


Eine neue Generation ist inzwischen herangewachsen, ebenso schnell wie metallblitzende Skyline-Hochhäuser in der Moskau-Metropole. In der U-Bahn gibt es gar kostenloses W-Lan. Russlands Sprung in die Moderne ist unübersehbar.  Und dennoch sind die Gräben zwischen Ost und West tiefer geworden. Dank Putins Großmacht-Politik. Und westlicher Arroganz-Haltungen.  Der Autor plädiert dafür, Russland zu „verstehen“, und er trägt dazu in diesem Buch ein Gutteil bei. Nach SPIEGEL-Attitüde sind die Reportagen personalisiert, wir lernen Marat kennen, Lena und Alexander, die Kinder des derzeitigen politischen Systems mit ihren Karriereplänen und Hoffnungen, Träumen und Verzagtheiten, Bekenntnissen und Ahnungslosigkeiten. Sie organisieren ihr Leben auf schwankendem Boden.  Die Stärke des Buches liegt darin, dass der SPIEGEL-Autor die Vertreter dieser Generation über Jahre hinweg begleitet hat, wir können so Entwicklungen nachvollziehen, und es gelingt Benjamin Bidder so ganz nebenbei und auf lockere SPIEGEL-Art und Weise, geschichtliche Fakten mitzuerzählen.

Kurzrezensionen zu Büchern über Ukraine, Russland und internationbale Beziehungen
Auf meinem Buchportal www.facesofbooks.de habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder Bücher zum Thema Osteuropa rezensiert. Hier eine Auswahl.
Russlandkrieg-Literaturliste.docx
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Russland von unten betrachtet

Kaum ein Land hat in den letzten 30 Jahren so viele Veränderungen erlebt wie Russland. Wie gehen die Menschen damit um? Joshua Yaffa porträtiert in diesem vielfältigen Streifzug durch das zeitgenössische Russland einige der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Landes - von Politikern und Unternehmern bis hin zu Künstlern und Historikern. Sie alle haben ihre Identitäten und Karrieren im Schatten des Systems Putin aufgebaut. Im Zwiespalt zwischen ihren eigenen Ambitionen und den allumfassenden Ansprüchen des Staates balanciert jeder von ihnen auf einem schmalen Grat von Kompromissen.  
Yaffa liefert eindringliche Erkenntnisse über die wahre Natur des modernen Autoritarismus, indem er zeigt, wie die Bürger ihr Leben nach den Anforderungen eines launischen und oft repressiven Staates richten – oft aus freien Stücken, aber auch unter Androhung von Gewalt.  (ECON)

 

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Schon 2007 erschienen

Der kaukasische Teufelskreis - ein Russlandbuch

Erich Follath Matthias Schepp Gasprom - Der Konzern des Zaren in: 
Norbert Schreiber (Hg.): Russland. Der Kaukasische Teufelskreis oder Die lupenreine Demokratie Wieser Verlag Klagenfurt 2007 zuerst veröffentlicht in DER SPIEGEL. 


Die Welt weiß viel über Exxon Mobil, General Electric, Toyota, Microsoft, die anderen Big Shots unter den Großunternehmen der Welt; sie weiß aber zu wenig über Gasprom. Was für ein Konzern ist das, dessen Börsenkapitalisierung zwischenzeitlich 290 Milliarden Dollar überstiegen hat, dessen gegenwärtiger Marktwert höher ist als das Bruttosozialprodukt von 165 der 192 in der UNO vertretenen Nationen? Wie tickt ein Unternehmen, das ein Sechstel der weltweiten Erdgasreserven kontrolliert und mit einem Fingerschnipsen die Energiezufuhr nach Westeuropa unterbrechen, unsere Wohnungen erkalten lassen kann?
Die Gasprom-Story hat Helden und Halunken; sie spielt in den überheizten Politiker-Hinterzimmern von Moskau wie in der Eiseskälte von Sibirien, in den von Erpressung bedrohten Pipeline-Transitländern Ukraine, Weißrussland und Armenien, »auf Schalke« im Ruhrgebiet der Malocher, wie auch im Schweizer Millionärssteuerparadies Zug und in Sotschi am Schwarzen Meer, Putins zweiter Sehnsuchtsstadt, wo er mit den ebenfalls von Gasprom finanzierten Olympischen Spielen sein Lebenswerk krönen will. (…)


Weltmacht Gasprom, Europas wertvollster Kon¬zern, Putins Schwert: Auf dem großen Bildschirm im Kontrollzentrum kann mühelos die weltweite Expansion des Kraken besichtigt werden, dessen Fangarme in alle Richtungen zuschlagen. Hier voll¬zieht sie sich zivilisiert, geräuschlos. Hier sind die wütenden Proteste der Regierungen nicht zu hören, für die die Gaspreise auf Weltmarktniveau angehoben werden, weil Gasprom Geld braucht. Oder weil der Kreml Staaten bestraft, die sich wie die Ukraine und Georgien von Moskau ab- und der NATO und der EU zuwenden. Hierher dringen keine Debatten vor über die zwischen den Herren Putin und Schröder abgesprochene Ostsee-Pipeline, den Ärger der Polen und Balten. Ungefähr in der Mitte der Europakarte blinkt die Pumpstation Kurskaja auf; von dort drehte Gasprom der Ukraine Neujahr 2006 das Gas ab. Moskau hatte den Preis zunächst verdreifacht; die Verhandlungen mit Kiew drohten zu scheitern. Man einigte sich schließlich auf fast das Doppelte. Im Januar 2007 wiederholte sich in Weißrussland das Spiel; tagelang stoppte Russland den Öl-Fluss. Wie¬der wurde den Westeuropäern bewusst, dass Gas und Öl für den Kreml auch politische Waffen sind. Schon heute versorgt Gasprom rund 30 europäische Länder. Estland und die Slowakei hängen zu 100 Prozent am Gas aus dem Osten, Griechenland zu 80, Polen zu 60 und die Bundesrepublik Deutschland zu 36 Prozent.“

Briefwechsel Zweig-Kippenberg

„Die Welt von gestern“ heute fast live erleben – nicht in den „Erinnerungen eines Europäers“ von Stefan Zweig, sondern in seinem Briefwechsel mit Anton Kippenberg, dem Verleger des Insel Verlages. Von 1905 bis 1937 schrieben sie sich. 573 Briefe, einige Postkarten oder Telegramme haben die Herausgeber Oliver Matuschek und Klemens Renoldner ausgewählt und außerordentlich gründlich kommentiert. Schon der Briefstil der beiden Korrespondierenden gehört in eine vergangene Welt. Keine „Hallo“-Anrede, kein unehrliches „Du“ und keine saloppe Grußformel werden hingeworfen, sondern etwa: „legen Sie mich Ihrer verehrten Gattin zu Füßen“. Jeder Satz sitzt und auch in den heikelsten Fragen herrschen Vornehmheit und gewachsene Freundschaft. Im heutigen E-Mail-Verkehr wäre das „veraltet“ oder auch falsch. Aber in der „Welt von Gestern“ war es in gehobenen Kreisen schön und macht einen heute neidisch. Worum ging es in dieser beispiellosen Korrespondenz?


Natürlich schrieben sich die beiden über die Bücher Stefan Zweigs, die die „Insel“ verlegen sollte. Dabei fällt auf, dass sich jeder der beiden Partner von Anfang an in das Geschäft des anderen einmischte. Der Autor hatte genaue Vorstellungen von der Buchgestaltung, der Auflagenhöhe, den Preis oder der Werbung. Manchmal mündeten seine Vorschläge in höfliche Forderungen. Der Verleger nahm in der Entstehungsphase eines Buches Einfluss auf die Länge, den Stil, manchmal auch das Timbre, strich viele Fremdworte. Meist wurden sich beide einig und trugen so zum Erfolg von Autor und Verlag bei. Die Entstehungsgeschichte aller großen Titel Stefan Zweigs erschließt sich in diesem Briefwechsel noch einmal ganz anders, spannend. Beide regten gegenseitig Übersetzungen oder Werke anderer Autoren an. Nicht alle Träume wurden Wirklichkeit. Den nachhaltigsten Erfolg entwickelten sie 1912 gemeinsam, die Inselbücherei, die schönen kleinen Pappbände, von denen bis heute annähern 1600 Nummern erschienen sind. Der Briefwechsel wird so zu einem Dokument der Literaturgeschichte und gewährt einen schönen Einblick in das deutsche und einen Seitenblick auf das europäische Verlagswesen damals.


Fast von selbst entsteht dabei ein Bild der Zeitgeschichte und der Reaktion der beiden Briefpartner darauf. Dramatisch waren der Erste Weltkrieg und die Zeit der Inflation. Ein Beispiel, das sich erst aus dem Kommentar erschließt: Stefan Zweig war mit dem heute fast vergessenen belgischen Autor Emile Verhaeren befreundet, übersetzte ihn und verfasste eine Biografie über ihn. Als im Ersten Weltkrieg deutsche Truppen das neutrale Belgien überfielen, schrieb Verhaeren scharf gegen Deutschland, z.B. in einem Gedicht über die Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutsche Artillerie. Kippenberg – eher deutschnational eingestellt – wollte von Verhaeren nichts mehr wissen. Aus dem überreichen Anmerkungsapparat erfährt das heutige Publikum, dass noch im Dezember 1914, also nach dem deutschen Überfall auf Belgien, Stefan Zweigs Verhaeren-Biografie bei Constable in London erschien und 1917 Auguste Rodins Buch „Die Kathedralen Frankreichs“ bei Kurt Wolff in Leipzig. Auch das war eine „Welt von Gestern“!  
Stefan Zweigs Berühmtheit stieg nach dem Ersten Weltkrieg auch international. In der jungen Sowjetunion wurde bald eine vierbändige Werkausgabe veröffentlicht, zu der Maxim Gorki das Vorwort schrieb. Zu den Feierlichkeiten anlässlich des 100. Geburtstages von Lev Tolstoi wurde Stefan Zweig als offizieller Vertreter Österreichs nach Moskau eingeladen und sprach vor über 4000 Gästen im dortigen Opernhaus. „Es war eine unglaublich eindrucksvolle Reise“, schrieb an Kippenberg. Ob der von Zweigs Enthusiasmus entzückt war, ist zu bezweifeln.
Die Zeitgeschichte führte dann zum Abbruch des Briefwechsels. Schon vor 1933 musste der Jude Stefan Zweig antisemitische Verleumdungen ertragen und bald nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde dem Verlag der Vertrieb der inzwischen sehr erfolgreichen Bücher Stefan Zweigs zunächst erschwert und dann ganz untersagt. Zweigs Honorare wurden beschlagnahmt und die Korrespondenz aus Vorsicht vor Gestapo-Mitlesern eingestellt. Auch die Beendigung des Verlagsverhältnisses erfolgte von beiden in vornehmer Haltung. Die Briefe hierzu sind ein erschütterndes Dokument des Anstandes, mit der eine durch die Nazis zerstörten Freundschaft beendet wurde. Nach dem Krieg versuchte Kippenberg die Rechte am Werk Stefan Zweigs, der im brasilianischen Exil aus Verzweiflung über den Untergang der „Welt von Gestern“ mit seiner zweiten Frau Selbstmord begangen hatte, von dessen Erben in einer damals verbreiteten Haltung wieder zu übernehmen – als ob nichts gewesen wäre. Die Rechte lagen aber inzwischen bei Berman-Fischer, der in seinem Stockholmer Exilverlag die Werke Stefan Zweigs weiter und neu verlegt hatte. Von dort gelangten die Rechte dann über Suhrkamp wieder an dessen Schwesternverlag, in dem dieser Briefwechsel jetzt so großartig erscheint – aber das ist eine andere Geschichte.


Beide Briefpartner waren leidenschaftliche Sammler. Anton Kippenberg trug eine eindrucksvolle Goethe-Sammlung zusammen, Stefan Zweig eine nicht weniger großartige Autographen-Sammlung. In ihren Briefen machten sie sich gegenseitig auf Auktionskataloge aufmerksam und erwarben zuweilen für den Anderen Stücke, von denen sie annahmen, dass sie auf dessen Interesse stießen. Der Briefwechsel ist dadurch auch ein einmaliges Dokument der Geschichte zweier Sammler auf höchstem Niveau. Beide konnten sich diese Leidenschaft leisten – ein Zeugnis wohlhabender Bürgerlichkeit.

 

Die Kreise, in denen sie verkehrten, ließen sich ebenso wie ihre Sammlungen sehen. Kippenberg brachte Stefan Zweig mit Richard Strauss zusammen, für den Zweig das Libretto zu „Die schweigsame Frau“ schrieb. 1935 konnte in Dresden noch uraufgeführt und gefeiert werden. Wenig danach setzten die Nazis die Oper mit dem Libretto des Juden Stefan Zweig vom Spielplan in Deutschland ab. Auch Stefan Zweig war auf höchster Ebene international vernetzt, z.B. mit Romain Rolland oder er war mit Arturo Toscanini befreundet. Ganz im Geiste der Vornehmheit ihres Briefwechsels ist er jetzt mustergültig ediert und bereitet in großen Teilen Freude. Das Ende ist furchtbar. „Etwas anderes, eine neue Zeit“ hat begonnen, „aber wie viele Höllen und Fegefeuer zu ihr hin waren noch zu durchschreiten“ hatte Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“ kurz vor seinem Freitod geschrieben. Heute weiß man es genauer.


Harald Loch

 

Stefan Zweig, wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb am 23. Februar 1942 in Petrópolis bei Rio de Janeiro. Er studierte Philosophie, Germanistik und Romanistik in Berlin und Wien, reiste viel in Europa, nach Indien, Nordafrika, Nord- und Mittelamerika. 1938 emigrierte Zweig nach England, ging 1940/41 nach New York, dann nach Brasilien, wo er sich 1942 das Lebennahm.

 

Anton Hermann Friedrich Kippenberg war ein deutscher Verleger. Von 1905 bis 1950 leitete er den Insel-Verlag, der wiederum zum Suhrkampverlag gehört.

 

Oliver Matuschek, geboren 1971, arbeitet als freier Autor und Ausstellungskurator. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu historischen und literaturwissenschaftlichen Themen, darunter eine Biographie Stefan Zweigs.

 

Klemens Renoldner ist Literaturwissenschaftler und Direktor des Stefan Zweig Centre Salzburg.


Anton Kippenberg   Stefan Zweig   Briefwechsel 1905 - 1937
Herausgegeben, ausgewählt und kommentiert von Oliver Matuschek und Klemens Renoldner
Insel, Berlin 2022   958 Seiten   58 Euro

 

Über den Wal, den Menschen und die Welt

In seinem Buch unternimmt Oliver Dirr eine ebenso lebendige wie persönliche Walfahrt einmal rund um die Welt. Dabei geht es um mehr als die bloße Entwicklung vom Stubenhocker zum Walforscher  - Walfahrt ist eine begeisterte und begeisternde Einladung, die menschliche Existenz mal ein bisschen aus dem Zentrum der Weltwahrnehmung zu rücken und sich stattdessen voller Staunen auf die kleinen und großen Wunder der Meere einzulassen. (ULLSTEIN)

 

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Ein Kuba-Clan

Während in Berlin die Mauer fällt, kommt in Havanna das Leben zum Stillstand. Das Einzige, was alle im Übermaß besitzen, ist Zeit. Verbunden durch den Durst nach Leben findet sich eine verschworene Gemeinschaft zusammen, der »Clan«. In ihrer Mitte die kämpferische Elisa, Clara, ruhig und liebevoll, und Irving, mit seiner Fähigkeit zu uneingeschränkter Hingabe. Ein altes Haus, durchzogen von vielfarbigem Licht und dem Duft nach Kaffee und Rum, wird zum Zufluchtsort. Hier kommen sie alle zusammen, feiern, streiten, trinken, lesen, begehren.

Doch der Clan zerbricht, zerstreut sich in alle Himmelsrichtungen. Erst Jahrzehnte später und Hunderte Kilometer entfernt, mit dem Fund eines vergilbten Fotos, beginnen sich die unter der Zeit begrabenen Geheimnisse der einst so engen Freunde zu lüften.

 

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Ljudmilla Ulitzkaja: „Alissa kauft ihren Tod“   

Sie hat alles getan, was man heutzutage von einer prominenten russischen Autorin erwarten darf. Zuletzt hat sie mit Anderen öffentlich gegen Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine protestiert. In der inzwischen verbotenen Nowaja Gaseta vom 25. Februar schrieb sie von Schande, Scham und Betrug. Vor allem aber hat sie ein Leben lang literarische Texte in russischer und jüdischer Erzähltradition geschrieben, auch Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Seit einiger Zeit ist sie Nobelpreiskandidatin. Im kommenden Jahr wird sie 80 Jahre alt. Jetzt sind von ihr drei bunte Sträuße mit Erzählungen auf Deutsch erschienen. Einige sind auf Russisch schon 2002, die meisten erst 2019 erschienen, der letzte Zyklus „Sechs mal sieben Miniaturen“ ist im Original noch unveröffentlicht – wen wundert es?

 

Ganna Maria Braungardt hat das alles in ein sehr schönes und angemessenes Deutsch übersetzt.


Ulitzkajas kurze Erzählungen kreisen um Menschen, um Kinder und Alte, um Frauen vor allem. Der erste Zyklus ist „Freundinnen“ überschrieben. Ulitzkaja leitet sie mit einem Bekenntnis ein: „Andere brauche ich nicht“. Die Erzählungen dieses Buketts folgen dieser Einleitung: „Andere brauche ich nicht., ich liebe diese leichtsinnigen, weisen, schamlosen, bezaubernden, verlogenen, wunderbaren, abergläubischen und treuen, diese überaus klugen und unfassbar dummen Frauen, von denen die Engel im Himmel noch lernen könnten … Ich brauche euch, wie ihr seid – denn ich bin wie ihr und passe zu euch.“ Da geht es um Alissa, die ihren Tod in Gestalt einer für alle Fälle nutzbaren Dosis Tabletten kauft. Oder Vera, die für ihre Tochter Lilja einen in Moskau studierenden irakischen Mathematiker auf einer Parkbank schnappt. Bald bekommt Vera eine Tochter, ihr Mann muss in den Irak, wird dort als Kurde verhaftet und nach zwei Jahren nach London abgeschoben. Vera und die Kleine kommen nach. In England ist sie dann „Ausländerin“, so der Titel der zeitgeschichtlich gefärbten Geschichte. Die beiden verzankten Schwestern Lidija und Nina kommen sich nach dem Tod ihrer Mutter, einer berühmten Linguistin erstmals wieder näher. Und dann „Russische Frauen“. Zwei von ihnen leben schon länger in den USA, eine kommt zu Besuch aus Russland. Aus dem als Kaffeeklatsch angesetzten Treffen, in dem es über die Trunksucht ihrer Männer ging, entwickelt sich ein ordentliches Besäufnis der drei Frauen mit erheblichem Reinigungsbedarf am nächsten Morgen.


Der zweite Zyklus ist „Der Körper der Seele“ überschrieben und ist auch eingeleitet: „Keine einzige Lektion gelernt“. Shenja geht nicht mit der Mode, will Biologie studieren und absolviert ein Praktikum in einem Biologielabor. Ihre Chefin arbeitet über die Zirbeldrüse. Shenja wird zu einem Schlachthof geschickt, um diese Drüsen aus Schweineköpfen zu sezieren. Dort erlebt sie das maschinelle Abschlachten der Tiere – „Fleisch aß Sehnja nie wieder. Und Biologin wurde sie schließlich auch nicht“. So geht es weiter mit Sonja Solodowa, die einem „ausschließlichen Apfelwahn“ verfällt, oder mit Tolik, der in der Schule durchfiel, aber ein begnadeter Fotograf wird – bis ihn ein unheilbarer Tremor aus der beruflichen Laufbahn wirft. Am Ende wird alles gut. Schließlich Nadeshda Georgijewna, eine überaus tüchtige Bibliographin, die im Alter nach und nach ihr Gedächtnis verliert, bis ihr ein „Blitz“ im Gehirn das ganze Universum erschließt. Die „Sechs mal sieben Miniaturen“ bestehen aus 42 kürzesten Miniaturen, manche nicht einmal eine Seite lang. Meisterwerke jede: Sieben Weltuntergänge, sieben Tode, sieben Geburten, sieben Krankheiten, sieben Zwillingspaare, sieben Ehepaare.


Alle diese Texte sprechen die Sprache menschlicher Großzügigkeit bei allen in den Einleitungen bewunderten Fehlern. Sie sprechen in einfachen poetischen Worten von der Weisheit – einer jüdischen, einer russischen, einer weiblichen? Sie sind dem Leben selbst im Sterben zugewandt, dem Alltag entnommen und jeder Banalität entkleidet, voller Würde, die es auch in früher sowjetischer und gegenwärtiger Russischer Wirklichkeit gibt. Das macht diese literarischen Wunderstücke so kostbar.


Harald Loch

 

Ljudmila Ulitzkaja, 1943 geboren, wuchs in Moskau auf und ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Russlands. Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und erzählende Prosa. Bei Hanser erschienen Die Lügen der Frauen (Erzählungen, 2003), das Kinderbuch Ein glücklicher Zufall (2005), Ergebenst, euer Schurik (Roman, 2005), Maschas Glück (Erzählungen, 2007), Daniel Stein (Roman, 2009), Das grüne Zelt (Roman, 2012), Die Kehrseite des Himmels (2015), Jakobsleiter (Roman, 2017), Eine Seuche in der Stadt (Szenario, 2021) und Alissa kauft ihren Tod (Erzählungen, 2022). 2008 erhielt Ljudmila Ulitzkaja den Alexandr-Men-Preis für die interkulturelle Vermittlung zwischen Russland und Deutschland, 2014 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2020 den Siegfried Lenz Preis.


Ljudmilla Ulitzkaja: „Alissa kauft ihren Tod“   Erzählungen
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Hanser, München 2022   304 Seiten   25 Euro

 

Wie kann man Journalismus qualifizieren?

 

Dieses Buch ist den Gedanken der journalistischen Aufklärung verpflichtet. Zu ihren Kernaufgaben zählen die Kritik und Kontrolle politischer Macht. In der Praxis jedoch wird die Presse häufig zum Apologeten der Mächtigen und zum publizistischen Verteidiger des Status Quo. Statt Macht- und Gewaltverhältnisse aufzuklären, vernebelt sie oft die Interessen von Machteliten und wird so zum Helfer der Gegenaufklärung. Dieses Buch zeigt, wie Kritik und Kontrolle von Eliten wieder in den Mittelpunkt der Recherche gelangen kann. (WESTEND)

 

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Banalität des Bösen

 

Warum nach fast 60 Jahren eine Neuausgabe dieses zeitgeschichtlichen Buches? Ist es nicht längst überall bekannt, vielleicht überholt, gar falsch? Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ ist eines der am meisten diskutierten, vielfach missverstandenen Werke, das sich mit dem Holocaust beschäftigt, genauer gesagt: Nicht mit dem großen Thema der Vernichtung der europäischen Juden durch Nazideutschland, sondern dem Jerusalemer Prozess von 1961/62 gegen Eichmann. In dieser „Reportage“ schrieb Hannah Arendt als Prozessbeobachterin zunächst für die Zeitschrift „The New Yorker“ und überarbeitete dann ihren Bericht als Buch. In ihrer Reportage fiel das inzwischen geflügelte Wort von der „Banalität des Bösen“. Wenn die jetzt erschienene erweiterte Neuausgabe hier besprochen wird, dann soll ihr Text nicht nach 60 Jahren erneut auf den kritischen Prüfstand gestellt werden. Aber es lohnt sich, das sich mit der Rezeption des Berichts auseinandersetzende Nachwort des Professors für Politikwissenschaft an der RWTH Aachen, Helmut König, zu lesen und deshalb hier zu annotieren.

 

Die meisten Einwände gegen Hannah Arendts „Bericht“ rühren daher, dass alle Welt von ihr und von einem Bericht über den Eichmann-Prozess in Jerusalem eine systematische und historische Darstellung der Mordtaten der Nazis und eine Generalabrechnung mit dem Holocaust erwartet, sie aber von einem Strafverfahren gegen einen einzelnen Täter berichtet hat. Die Zusammenhänge sind überdeutlich, aber die Unterschiede eben auch – nur sind sie in der Rezeption von „Eichmann in Jerusalem“ selten berücksichtigt worden.

 

Arendt hat zeitweise im Gerichtssaal gesessen und alle zugänglichen Prozessakten gelesen. Sie berichtet kritisch über den Prozess, über das Gericht, den Staatsanwalt und die Zeugen. Sie hält den Versuch für unzulässig, in diesem Prozess die ganze Durchführung des industriellen und administrativ organisierten Massenmordes darzustellen, statt sich auf die Täterschaft und das Schuldkonto Eichmanns zu konzentrieren. Der einzige Vorwurf, der nach so langer Zeit bleibt und nachdem in der internationalen Rechtswissenschaft die Kritik Arendts am Prozessgeschehen weitgehend anerkannt ist, muss auch wohl bleiben, dass die Autorin nicht erkannt hat, was man von ihr erwartete und dem nicht durch ein paar klarstellende Sätze entgegengewirkt hat.


In dem sehr lesenswerten Nachwort geht Helmut König die vielfältigen, teils infamen, teils abwägenden Argumente der Kritiker durch und kann sie meist entkräften oder mildern. Bis auf einen, den Arendt selber eingeräumt und auch begründet hat – den manchmal sehr ironischen Ton, dass sie manchmal lachen musste bei der Darstellung des Prozessverlaufs. Das sei ihr höchstpersönlicher Stil, das seien ihre Empfindungen, die nichts mit „“Würdelosigkeit“ zu tun haben. Sie hat ihrem Buch deshalb ein Brechtzitat von 1933 vorangestellt: „Hörend die Reden, die aus deinem Hause dringen, lacht man. Aber wer dich sieht, der greift nach dem Messer.“ Der bleibende Kern des Nachwortes beruht hingegen  nicht auf der Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte, sondern gipfelt in einer für die Gegenwart wichtigen Anerkennung. König schreibt: „Es gehört zu den zentralen Absichten von Eichmann in Jerusalem, mit dem ironischen Tonfall und mit der Formulierung von der ‚Banalität des Bösen‘, dem Verbrecher und den Verbrechen, die er verübt hat, jeden Anschein von Größe zu nehmen. … Eichmann ist kein Satan, sondern ein Hanswurst und durchschnittlich, nicht groß oder erhaben sondern schauderhaft lächerlich.“ Mit dieser Interpretationshilfe liest sich der 60 Jahre alte Text von Hannah Arendt als nie veraltende Abrechnung mit manch aktuellem Hanswurst.


Harald Loch


Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (erweiterte Neuausgabe) mit einem Nachwort von Helmut König


Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Granzow
Herausgegeben von Thomas Meyer
Mit einem Nachwort von Helmut König
Piper, München 2022   552 Seiten   16 Euro

 

 

Warum das Autoritäre so verlockend ist

 

Die Erschütterung der liberalen Demokratie überall auf der Welt wird gern mit der Schwäche der westlichen Werteordnung erklärt. Die Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum geht dem Phänomen auf andere Weise auf den Grund. Sie fragt: Was macht für viele Menschen die Rückkehr zu autoritären, anti-demokratischen Herrschaftsformen so erstrebenswert? Was genau treibt all die Wähler, Unterstützer und Steigbügelhalter der Anti-Demokraten an? An vielen Beispielen – von Boris Johnson über die spanischen Nationalisten bis zur Corona-Diktatur in Ungarn – und aus persönlicher Erfahrung zeigt sie, welche Bedeutung dabei soziale Medien, Verschwörungstheorien und Nostalgie haben, welche materiellen Interessen ins Spiel kommen und wie nicht zuletzt Elitenbashing und Aufstiegsverheißungen die Energien der vermeintlich Unterprivilegierten befeuern. Ein brillanter Streifzug durch ein Europa, das sich auf erschreckende Weise nach harter Hand und starkem Staat (zurück)sehnt. (SIEDLER) 

 

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Abenteuererzählung und Sklavenhandel

Eine Hymne auf die Liebe und auf die Freiheit - vom Gewinner des International Booker Prize.

 

David Diop erzählt die Lebensgeschichte des Botanikers Michel Adanson (1727-1806), der als erster weißer Naturforscher den Senegal bereist. Sein Ziel ist eine umfassende Enzyklopädie der afrikanischen Fauna. Als Adanson von dem tragischen Verschwinden einer jungen Frau erfährt, bekommt seine Expedition ein neues Ziel. Und er findet sie: Die mysteriöse Maram lebt als Heilerin in einem Dschungeldorf, um den Sklaventreibern zu entkommen. Adanson verliebt sich in sie und begreift immer mehr, dass sein weißes westliches Weltbild überholt ist. Trotzdem kann er Maram nicht vor ihrem Schicksal retten ... Erst nach Adansons Tod findet seine Tochter die Reisehefte und begreift, wer ihr Vater wirklich war. David Diop schreibt so eindrücklich über die Leidenschaft des Entdeckens wie über die Abgründe des Kolonialismus und formt daraus eine Ode an die Liebe. 

 

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1000 Seiten Persönlichkeitsentwicklung

 

Sven Hanuschek legt die erste grundlegende Biografie über Arno Schmidt vor – mit überraschenden Entdeckungen aus dem Nachlass des Schriftstellers. Er stilisierte sich zum Einzelgänger in der Heide, seine Leserschaft versteht sich bis heute als verschworene Gemeinschaft: Und doch hat es Arno Schmidt zum Klassiker der Moderne gebracht. Bis jetzt aber fehlte noch eine grundlegende Biografie, die auch dem umfangreichen Nachlass gerecht wird. Sven Hanuschek hat eine Fülle neuer Quellen ausfindig gemacht, die einen neuen, umfassenden Blick auf Schmidts Persönlichkeit eröffnen, auch wenn sie damit manch vertraute Mythen entzaubern. Und er hilft bei der Orientierung in einem riesenhaften Werk, das zu den Höhepunkten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt. Nicht nur Arno Schmidts Gemeinde hat schon lange auf eine solche Biografie gewartet. (HANSER) 

Grenzen in Geschichte und Gegenwart

 

Grenzen begleiten die Menschheit von Anbeginn. Schon immer galt es, Stammes- und Eigentumsgrenzen zu markieren. Frühe Hochkulturen kannten sprachliche, kulturelle und ethnische Räume, die es zu schützen galt – das ist bis heute so. Alexander Demandt nimmt uns mit auf eine spannende Reise zu den Grenzen der Welt. Ob die Mythen vom Ursprung und Ende der Welt, die biblischen Zeitgrenzen, Schutzgrenzen wie der römische Limes oder die chinesische Mauer, ob sakrale Grenzen der Tempelbezirke, natürliche Grenzen, markiert durch Flüsse, Gebirge und Meere, koloniale Willkürgrenzen oder jahrhundertelang umstrittene Machtgrenzen wie die deutsch-französische – Demandts Reise führt uns von der Antike bis zur Gegenwart, von der Philosophie über die Geografie bis zur Geopolitik. (Propyläen)

 

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China inside: Liao Yiwu WUHAN  

 

„Wir müssen uns die Heimat mit der Seele zurück erkämpfen.“ Liao Yiwu
Gleich nach dem Ausbruch des Corona-Virus reist der Bürgerjournalist Li in das Epizentrum der Katastrophe. „Weil er keine Angst vor Gespenstern hat«, so die Stellenanzeige, findet er einen Job im Krematorium. Schnell begreift er, dass die offiziellen Opferzahlen nicht stimmen. Doch der kurze Augenblick, in dem er glaubt, die Wahrheit sagen zu dürfen, vergeht über Nacht: Er wird entdeckt, verfolgt und dokumentiert im Internet live, wie er brutal verhaftet wird. In diesem bestürzend aktuellen Dokumentarroman „Wuhan“ führt uns Liao Yiwu in das Herz der ungelösten Fragen und erzählt die spannende Recherche der Hintergründe einer gewaltigen Vertuschung. Woher stammt das Virus und was geschah in Wuhan? Protokolle verschwinden, und neue Lügen zementieren die Geschichte vom heroischen Sieg der Partei – Propaganda, die die Menschen vergiftet wie das Virus. (SFischer)

 

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Die Paprika-Autokratie: Orbán-Ungarn

 

Dalos Das System Orbán. Die autoritäre Verwandlung Ungarns CH Beck
Wenn man in einem freiheitlichen Land politische Verhältnisse mit dem Wort «System» beschreibt, denkt man an Despotie und Tyrannei. Für die Machthaber in Ungarn ist seit dem Triumph der Fidesz-Partei unter ihrem Führer Viktor Orbán der Begriff «System» eine honorige Bezeichnung für ihre antidemokratischen Ziele und ihre unterdrückerischen Methoden geworden. Der ungarische Systemkritiker György Dalos führt uns ein in die Welt eines Autokraten und ihre verstörenden Machtmechanismen.
Was sich in Ungarn vollzieht, ist ein auf allen Ebenen der Gesellschaft und der Politik ausgetragener Kulturkampf zwischen einem von Orbán immer rücksichtsloser, immer autoritärer entwickelten Staat und einer immer schwächer werdenden liberalen Opposition. Die Machtverhältnisse sind so ungleich, die Entrechtung der innenpolitischen Gegner so perfide und effektiv, dass man kaum noch auf eine Rückkehr zu rechtsstaatlichen und freiheitlichen Verhältnissen zu hoffen wagt. Wie Orbán und seine Gesinnungsgenossen Ungarn in ihre Gewalt gebracht und ihr System zementiert haben, beschreibt mit György Dalos ein wirklicher Kenner der ungarischen Geschichte. (CH Beck)

 

 

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Politik und Plappern - Mundwerkzeuge

 

Politiker müssen etwas zu sagen haben, aber Reden ist auch gefährlich. Jeder Satz kann aus dem Zusammenhang gerissen, auf die Goldwaage gelegt und vom politischen Gegner bewusst fehlinterpretiert werden. Nichts ist so einfach, wie man es gerne hätte, aber komplizierte Sachverhalte zu erklären ist in Zeiten von kurzen Aufmerksamkeitsspannen eine besondere Herausforderung. Oft müssen Themen wie die Veräußerungserlösgewinnsteuer erst einmal „übersetzt“ werden, um auf ihre Relevanz für Bürgerinnen und Bürger hinzuweisen und damit ihr Interesse zu wecken. Wer in der Politik erfolgreich sein will, lernt früh, das zu sagen, was die Wählerinnen und Wähler vermeintlich hören wollen. Und das können auch Halbwahrheiten sein. (ECON)

 

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Zweimal Afghanistan: Lüders und Schetter

 

Nach 9/11 stürzten die USA die Taliban in Kabul. Es war der Auftakt im „Krieg gegen den Terror“. Allein in Afghanistan gab Washington dafür in 20 Jahren mehr als 2000 Milliarden Dollar aus. Doch jetzt sind die Taliban erneut an der Macht. Wie konnte es soweit kommen? Michael Lüders zieht eine schonungslose Bilanz des Desasters am Hindukusch und erklärt, warum der Westen dort scheitern musste.


Es ist keine gute Idee, in Afghanistan einzumarschieren. Dagegen sprechen die Geografie und historische Fakten. Im 19. Jahrhundert erlitten die Briten dort die vielleicht größte Niederlage ihrer Kolonialgeschichte. In den 1980er Jahren scheiterte die Sowjetunion bei dem Versuch, das Land zu unterwerfen. Diese selbstverschuldete Niederlage trug zu ihrem Untergang bei. Doch die USA und ihre Verbündeten haben aus der Vergangenheit nichts gelernt. Ohne Plan und klare Ziele besetzten sie 2001 Afghanistan. Sie finanzierten ein korruptes Regime in Kabul, während Tausende Zivilisten bei Drohnenangriffen und nächtlichen Razzien starben: Jeder Bärtige galt als Terrorist. Ein Land verändern zu wollen, ohne es zu verstehen – das ist Größenwahn. Hybris am Hindukusch. (CHBeck)  

 

Man kann die Augen verschließen, sich in eine andere Welt hineinträumen, beim Wiederaufwachen dann weiter wegschauen, alles umdefinieren, sich das Bild immer wieder zurechtrücken, also irgendwie am Ende die Realität einfach leugnen. Schon der Verteidigungsminister Struck wies uns darauf hin, dass unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, aber diese Taliban, die ISIS, die Regierungen in Afghanistan, das Leid der Bevölkerung, die Situation der deutschen Soldaten vor Ort haben wir nie so richtig ganz wahr- und ernstgenommen, und unsere Freiheitsbedrohung irgendwie auch. 
Wie lange hat es gedauert, bis mal jemand das Wort Krieg am Hindukusch ernsthaft in den Mund genommen hat. Jetzt also rechnet der Nahostexperte, Journalist und Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft mit der westlichen Afghanistanpolitik gründlich ab, eine Art GENERAL-Abrechnung über einen Militäreinsatz, der gründlich danebenging.


Lüders liebt Klartext. Etwa so: „Guerilleros in Sandalen haben die Weltmacht und ihre Juniorpartner besiegt.“ Oder: „Es war der längste Krieg, den Washington je geführt hat, länger noch als der Vietnam-Krieg.“


Lüders will warnen, weist auf den Tunnelblick unserer Politik hin, seziert das Verbrechen an der afghanischen Zivilbevölkerung. Seine Grundthese: „Es ist relativ leicht, nach Afghanistan einzumarschieren. Das Land zu beherrschen dagegen erscheint auf Dauer unmöglich.“
Schon zwischen 500.000 bis zwei Millionen Opfer wurden durch die sowjetische Invasion gezählt. Die Sowjets scheiterten. Die USA lieferten Stinger-Raketen, einfach zu bedienende Boden-Luft-Raketen, die ihr Ziel automatisch erfassen und von der Schulter aus abgefeuert werden können. Ideal geeignet für Guerillakampf. Dann folgte der Abzug der Sowjets, und es kam zum Kampf der Mudschahedin-Gruppen und ihre Anführer, den War-Lords, untereinander. Lüders vergleicht die Situation mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648 in Deutschland. 
Die Taliban traten dann Schritt für Schritt ihren Siegeszug an. 


Im „Krieg gegen den Terror“ ist dann auch Deutschland involviert. Lüders sieht gravierende weltpolitische Folgen: „Vor allem aufgrund der exorbitanten Kosten leitete der ‚Krieg gegen den Terror‘ ihren (der USA) Niedergang als alleinige globale Führungsmacht ein – zum Nutzen Russlands und vor allem Chinas.“


Lüders beschreibt die Foltermethoden der Geheimdienste, die Experimentierfelder für neue Waffentechnik, den Kampf gegen den Opiumanbau, Deutschlands Verdrängungspolitik, denn die Entscheider, so Lüders, verspüren keinerlei Neigung, dem „Warum der eigenen Niederlage ernsthaft nachzugehen, öffentlich schon gar nicht“.  Lüders beklagt den Mangel an Politikern, die zu einem Perspektivwechsel taugen und der Friedensfähigkeit und deren Bedingungen Geltung verschaffen. 
Im Epilog fürchtet Lüders die wachsende Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation der USA mit Russland und China. Er beklagt: „Was fehlt, ist ein Denken in größeren historischen und analytischen Zusammenhängen, beseelt vom Streben nach Frieden und Gerechtigkeit auf globaler Ebene.“ 


Eine analytisch klartext-sprechendes Buch, das auch da und dort zum Widerspruch reizt. Außenpolitik ist halt zum Fremdwort geworden, und in der gab es schon immer den genormten Westblick, die arabischen und asiatischen Räume einfach ausblendend. Erst TV-Bilder - wie die am Flughafen in Kabul mit flüchtenden oder fluchtwilligen Menschen - holen die Realität wieder zurück und irritieren unsere Traumdeutung und die Tagesschau auch. 

 

Michael Lüders war lange Jahre Nahost-Korrespondent der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT und berichtete schon in den 1990er Jahren aus Afghanistan. Er ist Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaf in Nachfolge des verstorbenen Peter Scholl-Latour. Als Nahost-Experte und Bestsellerautor ist er häufiger Gast in Hörfunk und Fernsehen.

 

Michael Lüders Hybris am Hindukusch - Wie der Westen in Afghanistan scheiterte CH Beck

Kleine Geschichte Afghanistans

 

Es gibt diese kleinen praktischen Grundwissen-Taschenbücher, die so wertvoll sind, weil sie kompakt das vermitteln, was wir wissen sollten, wenn wir uns an Debatten beteiligen. Heute ist es zwar üblich geworden, zu quatschen und zu palavern, ohne ein Hintergrundwissen zu haben, aber bitte, Geduld, es stirbt die Hoffnung ja eben zuletzt.

 
Conrad Schetter bietet nun eine „Kleine Geschichte Afghanistans“ im renommierten CH BECK-Verlag erschienen, der sich seit Jahrzehnten verdienstvoll um die Geschichte als Themengegenstand kümmert.
 Das schwierige Land Afghanistan auf 175 Seiten darzustellen ist eine Kunst, Schetter ist das gelungen. Afghanistan, das sind diverse Sprachen, unterschiedliche Ethnien, verschiedene Glaubensrichtungen, kontroverse Herrschaftsvorstellungen, kein Wunder also, dass die Briten, die Sowjets, die USA und der Westen insgesamt mit ihren Besatzungszeiten und Invasionen, Militärinterventionen und Aufbauleistungen im Großen und Ganzen gescheitert sind.

 
Schetter behandelt in den einzelnen Kapiteln den Mythos Afghanistan, die afghanisch-deutschen Beziehungen, ist auf Spurensuche in der Antike, behandelt die Gründung paschtunischer Reiche. Afghanistan, ein Land zwischen Stammesfürstentum und Staat, zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen den Fronten des Kalten Kriegs. Schetter bespricht die Machtergreifung der Taliban und die Folgen des 11. September. Zeittafeln. Stammestafeln, Literaturhinweise, Register und Verzeichnis der Karten ergänzen das übersichtliche Standardwerk, das über das Rätsel Afghanistan Auskunft gibt.

 

Conrad Schetter Kleine Geschichte Afghanistans CH Beck

Mit einer Abschiedstour anfangen

 

Verabschiedet Christine Prayon sich von der Bühne? Möglich. Eine Frau stellt ab Mitte 40 eine ästhetische Provokation dar und zieht sich, wenn sie ihr Publikum wirklich liebt, besser unaufgefordert aus der Öffentlichkeit zurück.

Oder geht es um mehr als das Ende einer einzelnen Karriere? Ist das Kabarett tot? Möglich. Wenn Politiker sich als Clowns versuchen, rennen die Clowns in die Politik.

Oder reden wir hier von einem Abschied im ganz großen Stil? Vom Ende des Kapitalismus? Möglich. - - - REINGELEGT!! Natürlich nicht möglich. Der Kapitalismus ist das Hinterletzte, aber er ist alternativlos. Ende der Diskussion. (WESTEND)

 

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Globalgeschichte - meisterhaft erzählt


Schiller hielt seine Jenaer Antrittsvorlesung am 26. Mai 1789 unter dem Titel „Was heißt und zu welchem Ende studieren wir Universalgeschichte?“ Das wäre die Geschichte der Menschheit von Anbeginn an und auf allen Erdteilen – unmöglich! Was heute interessiert, sind globalgeschichtliche Aspekte von bestimmten Epochen oder Phänomenen. Darunter versteht man die Darstellung der Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ländern, Erdteilen, Völkern oder Kulturen.

 

Wie haben sie sich gegenseitig beeinflusst? Welche Rolle spielten dabei Reiche und Imperien, Migrationen, Religionen, Sprachen und der Fernhandel? Das sind Ausschnitte der Universalgeschichte, die durch ihren übergeordneten Aspekt Beziehungen zu Fragen der Gegenwart haben. Zwei monumentale Großerzählungen erfüllen diese Erwartungen auf je eigene Weise: Michael Borgolte, em. Prof. für mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin, behandelt in seinem Buch „Die Welten des Mittelalters“ die Globalgeschichte eines Jahrtausends. Thomas O. Höllmann, em. Prof. für Sinologie an der Ludwig-Maximilian-Universität München hat in seinem Werk „China und die Seidenstraße“ Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart im Blick. Beiden geht es um globale Verbindungen, ihre Entstehungen, Wirkungen und Folgen. Beide Bücher überschneiden sich teilweise in geographischer und in zeitlicher Hinsicht, beide Autoren haben unterschiedliche Ansätze und das gleiche Anliegen: Teilbereiche der Globalgeschichte darzustellen. 


Borgolte hat nicht das gemacht, was Historiker zu allererst tun: In den Quellen forschen. Dazu hätten zehn Leben nicht gereicht. Aber er hat getan, was Historiographen tun können: Er hat mit beeindruckender Kenntnis früherer Forschungen und Darstellungen die Globalgeschichte eines Jahrtausends kompiliert. Er setzt sich mit gewichtigen früheren Meinungen etwa des französischen Historikers Jacques Le Goff oder denen des Belgiers Henri Pirenne auseinander. Das Ergebnis ist eine kritische Bestandsaufnahme des Standes der Mittelalterforschung auf allen fünf Erdteilen. Allein der Hauptteil „Eufrasien. Verknüpfungen in der trikontinentalen Menschenwelt“ verweist in 3137 Fußnoten auf die verarbeitete Literatur. Der Autor erzählt jeweils chronologisch, aber auch regional gegliedert über das, was globalgeschichtlich interessant ist – zwischen den Reichen oder Imperien, in der mittelalterlichen Welt der Religionen und im Fernhandel. Die größeren Zusammenhänge erschließen sich aus Details, die die enorme Text- und Faktenfülle leserfreundlich auflockern. Wenn er zitiert, dass auf der schwedischen Insel Gotland bei archäologischen Grabungen mehr als 150 000 arabische Münzen aus dem 9. Und 10. Jahrhundert gefunden wurden, illustriert das die wirtschaftlichen Zusammenhänge über viele tausend Kilometer treffender als jeder Kommentar. Für Westeuropäer, die das Mittelalter in erster Linie mit der Welt Karls des Großen und seiner Nachfolger oder mit der halbwegs vertrauten Geschichte des christlich-islamischen Mittelmeeres verbinden, sind die Ausführungen über ein Jahrtausend globalgeschichtlicher Bedeutung von Byzanz oder die Darstellung der Wirkungen des von China bis Ungarn reichenden größten mittelalterlichen Reichs von Dschingis Khan überraschend. Im Zeitalter interkontinentalen Flugverkehrs macht man sich manchmal nicht klar, dass globale Beziehungen auch schon vor tausend Jahren die Geschichte mitbestimmten.


In der Gegenwart gilt das für ein Projekt, das Borgolte ausführlich beschreibt und dem er ökonomische Beständigkeit jenseits aller politischen und militärischen Verwerfungen jedenfalls für das Mittelalter bescheinigt: Die Seidenstraße, von denen es ja mehrere zu Land und zu Wasser gab. Einen ganz anderen Ansatz als Borgolte verfolgt der Münchner Sinologe Höllmann in seinem Buch „China und die Seidenstraße“, in dem er einen noch längeren Zeitraum in den Blick nimmt. Er hat im Wesentlichen aus den Quellen geforscht, die er aus dem Chinesischen oder dem Japanischen selbst übersetzt hat, wenn er sie illustrierend zu seiner Erzählung zitiert. Die am Nachhaltigsten über die Seidenstraße von China nach Westen gelangten Güter sind nach Ansicht Höllmanns zwei Erfindungen: Das Papier und die Druckkunst. Der Autor betont die überwiegend ökonomische Motivation für das Betreiben der Seidenstraße. „Eine nach Westen zielgerichtete Außenpolitik Chinas setzte erst nach Gründung des Kaiserreis ein, das von 221 v. Chr. bis 1911 währte“, schreibt der Autor und erzählt diese mehr als 2000 Jahre Globalgeschichte, in dem er zeitgenössische Quellen zitiert und die geografischen, logistischen und politischen Probleme einer über diese riesige Distanz geführte Handelsbeziehungen beschreibt. Zahlreiche farbige Abbildungen, einige Karten und ein Überblick über die chinesischen Dynastien bereichern das kostbar ausgestattete Buch, das im Rahmen der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung entstanden ist. Der Autor widmet sein Buch dem Andenken an Erich Haenisch (1880 – 1966), dem einzigen deutschen Sinologen, der sich 1944 bei den Behörden um die Freilassung des französischen Sinologen Henri Maspero aus dem KZ Buchenwald einsetzte – vergebens.


Harald Loch


Michael Borgolte: „Die Welten des Mittelalters. Globalgeschichte eines Jahrtausends“ C.H.Beck, München 2022   1102 Seiten   6 Abb., 30 Karten 
 
Thomas O- Höllmann: „China und die Seidenstraße. Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart“
C.H.Beck, München 2022   Leinen, 454 Seiten   80 farbige Bildtafeln   

 

Retro-Literatur: Draussen vor der Tür

Das Drama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert beschreibt das Leben des Kriegsheimkehrers Beckmann, der sich im Zivilleben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zurechtfindet. Nach drei Jahren Gefangenschaft ist für den Heimkehrer Beckmann der Krieg zu Ende. Doch zu Hause geht der Kampf weiter: gegen Ablehnung und Ignoranz, für Zuwendung und Mitgefühl. Borcherts Theaterstück ist ein universell-zeitloses Dokument von der Suche nach Sinn und Halt. (Edition Anaconda)

 

 

 


Draußen vor der Tür, dieser Titel des Dramas von Wolfgang Borchert, seit Jahrzehnten Schullektüre zählt zu einem Genre mit einem eigenartigen Schubladenbegriff: „Trümmerliteratur“. Will heißen 1950er Jahre, Deutschland am Boden, die Städte zerstört, die Menschen verstört. Als Schullektüre ist es vielen Menschen ein Begriff in der Pflicht, sich mit Deutschlands Vergangenheit auseinanderzusetzen, und manche gebrauchen die Formel „draussen vor der Tür“, nicht ahnend, dass sie Literatur im Munde führen. 


In kurzen acht Tagen soll Borchert das Stück zwischen Herbst 1946 und Januar 1947 niedergeschrieben haben. Zuerst hat es der Norddeutsche Rundfunk ausgestrahlt, dann kam es schon 1947 in den Kammerspielen in Hamburg auf die Bühne. Der Autor starb früh mit 26 Jahren. Er erlebte den Erfolg seines Nachkriegsdramas nicht mehr.


Kriegsheimkehrer Beckmann ist die Hauptperson. Nach der Gefangenschaft schafft er es nicht, wieder einen Platz mitten in der Gesellschaft zu finden, die schon sehr erfolgreich die Traumata verdrängt hat und auf das Wirtschaftswunder hin orientiert ist.  


„Nein, keiner hat uns nach Sibirien geschickt. Wir sindganz von alleine gegangen. Alle ganz von alleine. Und einige, die sind ganz von alleine dageblieben. Unterm Schnee, unterm Sand. Die hatten eine Chance, die Gebliebenen, die Toten. Aber wir, wir können nun nirgendwo anfangen. Nirgendwo anfangen.“ Als wär das ein ermahnender Satz für heute im Angriffskrieg gegen die Ukraine. 

 

Borchert Draußen vor der Tür Edition Anaconda

Tiefer graben und wühlen - ein kluger Kluge

 

Zum Anlass seines 90. Geburtstags erscheinend, ist dies vielleicht das persönlichste Buch von Alexander Kluge. Das Buch der Kommentare folgt dem spielerischen Geschwisterkind Zirkus. Kommentar auf dem Fuße, bietet diesem zugleich aber die Stirn, führt den Leser mit bitterem Ernst hinein in den »unruhigen Garten der Seele«.

Ausgangspunkt der Erzählung ist der düstere Advent 2020. Wir erleben eine Karambolage zweier Lebenswelten: Ein Virus drängt sich in unser Leben ein und stellt an unsere Gewohnheiten und unsere Intelligenz hartnäckige Fragen in ganz neuer Beleuchtung: Wie verlässlich sind die obersten Führungsetagen unserer Welt? Wie zerbrechlich ist der Mensch? Was ist ein »Selbst«, ein »Ego« und ein »Ich«? Wie erzählt man von der Nähe? Und welche Rolle spielt dabei die Orientierung: DER KOMMENTAR?

(SUHRKAMP)

 

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Krieg in Algier

 

Algerien, Winter 1942: Die Welt steht in Flammen. Die Fronten der deutschen Wehrmacht bröckeln. Drei Nationen streiten um jeden Quadratmeter des nordafrikanischen Sandbodens: Die Amerikaner mit einem naiven Glauben an das Gute im Menschen, die deutsche Wehrmacht, ein verkommener Haufen, an dessen Spitze zynische Männer ihre Eigeninteressen verfolgen. Und die Franzosen, die dem Vichy-Regime nahestehen und als Kolonialherren um ihre Zukunft bangen. Heym inszeniert deren Zusammentreffen als packendes Duell zwischen dem amerikanischen Geheimdienstoffizier Bert Wolff und Ludwig von Liszt, einem deutschen Stabsoffizier, der Wolff einst grausam gefoltert hat. (C.Bertelsmann)

 

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Vor beugen als Vorbeugung


Dr. med. Peter Poeckh, Volker Mehl GELENKE GUT, ALLES GUT Beschwerden lindern und vorbeugen durch Ayurveda und gezielte Bewegung - Mit effektiven Übungen und heilsamen Rezepten
Ausführlich illustriert mit leicht durchführenden Übungen für Gelenkbeschwerden von Arthrose bis Frozen Shoulder. (SÜDWEST)

 

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Desmond Shum CHINESISCHES ROULETTE 

 

Desmond Shum wächst in Shanghai und Hongkong auf. Nach dem Studium in den USA stürzt er sich ins Beijinger Businessleben mit dem Blickwinkel eines Outsiders und den richtigen Connections. Er scheffelt mit Immobilientransaktionen Geld. Ehefrau Whitney Duan pflegt Beziehungen zu Ehefrauen wichtiger politischer Akteure. Und doch sind Desmond Shum die Hände gebunden, als Whitney Duan, Multimilliardärin wie er, spurlos verschwindet. Wem aber konnte Whitney Duan gefährlich werden? Was wusste sie über Staatspräsident Xi Jinping - oder was außer Ärger mit der Staatsführung könnte hinter ihrem plötzlichen Verschwinden sonst stecken? Ein brisanter Augenzeugenbericht aus der neureichen Wirtschaftselite Chinas: Die Hintergründe der "Explosion" des chinesischen Kapitalismus in den 2000er Jahren, erzählt von einem, der mit verstrickt war und mitverdient hat. Selten hat es jemand gewagt, so offen über das zu schreiben, was in China Macht bedeutet. Ein Aufsehen erregender Blick auf die chinesische Elite, exzessive Bereicherung und den Widerstreit von Kapitalismus und kommunistischer Partei. (Verlag DROEMER-Knaur)

 

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Schweinsteiger - ein "Sommermärchen"

 

Bastian Schweinsteiger, der Held des WM-Finales 2014 in Rio, ist auch der Held des neuen Romans von Martin Suter. Der Autor erzählt uns Wahres und fast Wahres aus dem Leben des Mannes, dem es nicht in die Wiege gelegt war, alles zu erreichen, was man als Fußballer erreichen kann. Und er verrät uns auch, wie Basti dennoch so erfolgreich wurde. Nur so viel sei verraten: nicht aus Ehrgeiz. Aus Freude am Erfolg. (DIOGENES)


Vita Bastian Schweinsteiger, geboren am 1. August 1984 in Kolbermoor, ist ein ehemaliger deutscher Profi-Fußballspieler. Er spielte insgesamt 17 Jahre erfolgreich beim FC Bayern München. Mit dem FC Bayern holte er zahlreiche Titel, unter anderem wurde er achtmal Deutscher Meister, siebenmal Deutscher Pokalsieger und zweimal Deutscher Supercup-Sieger. Unvergessen bleiben der UEF-Champions-League-Sieg und das erste Triple in der Vereinsgeschichte. Im Jahr 2015 suchte er eine neue Herausforderung bei Manchester United, wo er 2016 Pokalsieger (FA Cup) wurde. 2017 wechselte Bastian zu Chicago Fire, dort nahm er zweimal am MLS All-Star Game teil. Von 2004 bis 2016 spielte er in der deutschen Nationalmannschaft und wurde 2014 mit der Mannschaft Weltmeister in Brasilien. 2016 heiratete er die ehemalige Tennis-Weltranglistenerste Ana Ivanović, mit ihr hat er zwei Kinder. Im Oktober 2019 beendete er seine Profi-Fußballkarriere. Seit 2020 ist er Hauptfußballexperte bei der ARD. (DIOGENES) 

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Flucht und Vertreibung – neu empfunden

 

Zu Fuß? Zu Fuß. Allein? Allein. Am 22. Januar 2020 macht sich Christiane Hoffmann in einem Dorf in Niederschlesien auf den Weg. Sie läuft 550 Kilometer nach Westen, es ist der Weg, auf dem ihr Vater im Winter 1945 vor der Roten Armee geflohen ist. Die Flucht prägt das Leben des damals Neunjährigen, es bleibt, wie bei so vielen Familien, eine Wunde. Nach dem Tod des Vaters kehrt die Tochter nach Rosenthal zurück, das jetzt Rózyna heißt. Sie sucht nach der Geschichte und ihren Narben.

 

Deutschland in den 1970er Jahren. Unter dem Tisch sitzen die Kinder. Oben seufzen die Erwachsenen, essen Schnittchen und reden über die verlorene Heimat. Sie übertragen ihre Verletzungen und Alpträume auf die nächste Generation. Was bleibt heute vom Fluchtschicksal? Wie gehen die Familien, wie gehen die Gesellschaften, Deutsche, Polen und Tschechen damit um? Auf ihrer Wanderung sucht Christiane Hoffmann nach der Gegenwart der Vergangenheit. Sie kämpft sich durch Hagelstürme und sumpfige Wälder. Sie sitzt in Kirchen, Küchen und guten Stuben. Sie führt Gespräche – mit anderen Menschen und mit sich selbst. Ihr Buch überführt die Erinnerung an Flucht und Vertreibung ins 21. Jahrhundert und mahnt an die Schrecken des Krieges, es verschränkt die Familiengeschichte mit der Historie, Zeitzeugenberichte mit Begegnungen auf ihrem Weg. Doch es ist vor allem ein sehr persönliches Buch, geschrieben in einer literarischen Sprache, eine Suche nach dem Vater und seiner Geschichte, nach dem, was er verdrängte, um zu überleben. (C.H.Beck)

 

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TERRA ALTA - ein katalonischer Mord

 

Er ist der Sohn einer Prostituierten, sein Zuhause ist die Unterwelt Barcelonas. Melchor Marín arbeitet für ein Drogenkartell und wird bei einer Razzia festgenommen. Als er im Gefängnis von der Ermordung seiner Mutter erfährt, beschließt er, nach dem Absitzen der Strafe Polizist zu werden.
Jahre später ist Melchor als bewährter Polizist in der kargen Landschaft der Terra Alta im Einsatz, wo er mit Frau und Tochter ein ruhiges Leben führt. Aber dann erschüttert ein Verbrechen die Region, ein altes Unternehmerpaar wird grausam ermordet. Ein brutaler Raubüberfall? Eine alte Fehde? Als das Kommissariat den Fall ungelöst abschließt, ermittelt Melchor auf eigene Faust.
»Terra Alta« von Javier Cercas ist eine packende Geschichte über die Schatten der Vergangenheit und den Wunsch nach Gerechtigkeit. (S.FISCHER)

 

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INNU - Vom Verlust der Identität in Kanada


Michel Jean erzählt in Kukum die Geschichte seiner Urgroßmutter Almanda Siméon, die 97 wurde. Als Waise von ihrer Tante und ihrem Onkel aufgezogen, lernt sie mit fünfzehn den jungen Innu Thomas Siméon kennen, verliebt sich trotz der kulturellen Unterschiede sofort in ihn, sie heiraten, und Almanda lebt von da an mit dem Nomadenstamm, dem er angehört, lernt seine Sprache, übernimmt die Riten und Gebräuche der Innu von Pekuakami und überwindet so die Barrieren, die den indigenen Frauen aufgezwungen werden.
Anhand des Schicksals dieser starken, freiheitsliebenden Frau beschreibt Michel Jean auch das Ende der traditionellen Lebensweise der Nomadenvölker im Nordosten Amerikas, deren Umwelt zerstört wurde und die zur Sesshaftigkeit gezwungen und in Reservate gesperrt wurden, ohne Zukunftsperspektive, ein Leben geprägt von Gewalt, Alkohol und Drogenkonsum. (WIESER Verlag Klagenfurt)

 

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Wiederentdeckung- Neuauflagen

Wir führen auuf www.facesofbooks.de eine neue "alte" Kategorie ein für neu- und wiederentdeckte Bücher oder Bücher, die bei Verlagen eine Neuaflage erleben, denn auch in der Literatur ist das HEUTE ohne das GESTERN nicht zu verstehen. 

Morphiumabhängig, alkoholsuchtkrank, geschieden, Selbstmordversuch im Duell, angeklagt wegen Totschlags, eingeliefert in die psychiatrische Klinik, Unterschlagungen, Betrug, Haftstrafen, kurze Zeit Bürgermeister von Feldberg, Journalist, Anzeigenvertreter, chronisch Pleite, mehrere Aufenthalte in der Nervenklinik – jetzt wieder aufgelegt sein Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, erschienen bei ANACONDA, der zwei Jahre nach seinem Welterfolg KLEINER MANN, WAS NUN? 1934 zum ersten Mal erschien. Er beschreibt das Schicksal des Buchhalters Willi Kufalt, der für fünf Jahre ins Gefängnis muss. Im Anhang sind kritische Anmerkungen von Hans Fallada zum Strafvollzug damals veröffentlicht. „Glaubt man, dass ausgerechnet der Gefangene dazu da ist, das Rätsel von Gut und Böse zu lösen oder von der Willensfreiheit des Menschen.“ Ein Roman über den kleinen Mann im sozialen Abseits. Für Leser-Knastologen geeignet, die gerne hinter Gitter gucken und „das Milieu“ lieben. Nüchtern, sachlich, detailgetreu, sozialkritisch.

 

Hans Fallada Wer einmal aus dem Blechnapf frisst ANACONDA

 

 

Wie unsere Gesellschaft beim Schutz der Schwächsten versagt
Canisius-Kolleg, Odenwaldschule, Lügde und Bergisch-Gladbach: Immer wieder erschüttern Berichte über sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche die Republik. Obwohl kaum ein Verbrechen derart einhellig Abscheu erregt, bleiben die Fallzahlen seit Jahren erschreckend hoch - statistisch gesehen gibt es in jeder deutschen Schulklasse ein oder zwei Opfer. Warum tut sich unsere Gesellschaft so schwer damit, Kinder effektiv zu schützen? Und wie lässt sich das ändern? Nina Apin beleuchtet ein Problem, das uns alle angeht. (CH.Links)

 

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Die talentierte Mrs Highsmith

 

So viel Patricia Highsmith geschrieben hat, eines hat sie immer ausgeklammert: sich selbst. Deshalb war es eine Sensation, als nach ihrem Tod 1995 Notizbücher gefunden wurden, die sie nahtlos seit ihrer College-Zeit geführt hatte. Eine Frau, die um die halbe Welt reiste, mindestens zwei Leben gleichzeitig führte und aus einer kühlen Halbdistanz psychologische Romane über elementare Themen schrieb wie Liebe, Fremdsein und Mord. (DIOGENES)

 

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Edgar Selge - auf der Suche nach der verlorenen Zeit

 

Das literarische Debüt von Edgar Selge: Ein Zwölfjähriger erzählt seine Geschichte zwischen Gefängnismauer und klassischer Musik. Exemplarisch und radikal persönlich. Eine Kindheit um 1960, in einer Stadt, nicht groß, nicht klein. Ein bürgerlicher Haushalt, in dem viel Musik gemacht wird. Der Vater ist Gefängnisdirektor. Der Krieg ist noch nicht lange her, und die Eltern versuchen, durch Hingabe an klassische Musik und Literatur nachzuholen, was sie ihre verlorenen Jahre nennen. (Rowohlt)

 

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Freddy Mercury - the King of QUEEN

 

Freddie Mercury war eine der schillerndsten Figuren der Rockgeschichte. Exzentrisch und schüchtern, ausschweifend und bescheiden. Über kaum einen Rockstar wurde so viel berichtet wie über den Frontmann von Queen, doch über seine Jahre in München von 1979 bis 1985 ist wenig bekannt. Dieses Buch soll das ändern. Es schildert Monat für Monat, manchmal Tag für Tag Freddies genussvollen Lebensstil in der Isarmetropole. (HEYNE HARDCOVER) 

 

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111 Orte zum Ebbelwoi-Genuss

 

Schon Karl der Große wusste um seine große Bedeutung, er ließ in einer Landgüterverordnung Qualitätskriterien für den Ebbelwoi niederlegen. Das kühle süffigsaure Nationalgetränk der Hessen und Zugereisten („Oigeplackte“) hat Tradition und trotz Corona gute Zukunftsaussichten. Ebbelwoi ist getrunkenes Lebensgefühl, nicht nur in der Äppler-Metropole Frankfurt am Maaaa zu Hause, dort, wo die Kellner immer einen lockeren Spruch, aber auch eine raue Schale im unmittelbaren Kundenkontakt draufhaben. 

 

Den Nazi-Asketen passte der Stöffche-Anarchismus nicht ins reine Weltbild, aber die Demokratie mag das erfrischende, kalorienarme, gesundheitsfördernde, weil alkoholarme Genussgetränk, das auch von Damen gerne zu Gemüte geführt wird. 


Laszlo Trankovits, dpa-Korrespondent-a.D. und weitgereister Weltenbummler ist bekennender Frankfurt-Fan und deshalb am Main ansässig geworden. Darum liegt ihm das Fußballschicksal der Eintracht wirklich sehr am Herzen, aber eben auch die Ebbelwoi-Kultur. Und so hat er mit diesem Buch „111 ORTE RUND UM DEN ÄPPELWO, DIE MAN GESEHEN HABEN MUSS“ dem Getränk ein Buch-Denkmal gesetzt, denn noch hat sich die UNESCO leider nicht entschlossen, die Ebbelwoi-Kultur ins immaterielle Kulturerbe aufzunehmen. 


Es gibt viele Schreibweisen für das Gesöff, man entscheide sich in der Hauptsache zwischen E und Ä, ich bevorzuge das E für Ebbelwoi statt Äppelwoi.


Otto Höpfner und Heinz Schenk mit Lia Wöhr gemeinsam waren die frühen Ebbelwoi-Fernsehepigonen der „Blauen Bock“-Ära, die im Buch nur am Rande erwähnt werden. „Zum Blauen Bock“ war eine Familien-Unterhaltungsshow mit Musik und Sketchen im Ebbelwoi-Ambiente, die vom Hessischen Rundfunk von 1957 bis 1987 also 30 Jahre lang produziert wurde.


Trankovits führt uns lieber ins richtige Ebbelwoi-Leben, in dem es kein falsches geben kann. Die Adorno-Päpste der satirischen „Neuen Frankfurter Schule“ kommen eben auch zu Wort. Wir sind zu einem farbigen Kurzbesuch im Äppelwoi-Theater, besichtigen Manufakturen und Straußwirtschaften, Keltereien und Traditionslokale, Großbetriebe, Trendkneipen, „Gaddewirtschaften“.

 

Wir begleiten den Autor touristisch auf den Apfelweinweg, sind zu Gast in der Rockbühne „Batschkapp“, wo ein Mixgetränk ausgeschenkt wird, bestehend aus Apfelwein, Holunderbeersaft mit einem berauschenden Hanfaroma. Die hanfbeseelten APO-Opas und rockbetagten Alt68er grüßen. Trankovits lässt die Alternativszene und hessische Bürgerlichkeit Seit‘ an Seit‘ auftreten. 


Wir riechen förmlich das Stöffche beim Lesen. 


Der Autor zeichnet in süffigen Worten das Kneipenambiente und die Wirtshausgemütlichkeit auf und beschreibt genauso informativ wie Hessen-Designerkram in Bembeltown aussieht oder was man in der Kneipe auf Schienen erlebt, eben in jenem „Ebbelwoiexpress“, der elektrisch fährt und auf CO2-Ausstoss immer schon verzichtet hat. 
Das Ambiente, das Flair, die Eigenarten, das Typische, das Gemütliche, das Verrückte wird hier genauso genau betrachtet wie der Spezialitätenjazz oder etwa Denkmäler wie der Frau-Rauscher-Brunnen. Kommt rein ihr Ebbelwoi-Fans ins „Gemalte Haus“ oder die „Gerbermühle“, ins „Kanonesteppel“, ins „Größenwahn“!


Auch das Kulturelle und Touristische kommen nicht zu kurz: Trankovits beachtet auch das „Grie-Soß-Denkmal“. Kabarettbühnen und Musiklokale dürfen genauso wenig fehlen wie Metzgereien der Fleischwurscht-Fleischeslust oder Ausflugsdampfer, in denen das Volksgetränk Ebbelwoi mit an Bord geht. Äppelwoi ahoi!


Das Stoltze-Museum des legendären Mundartdichters und lokale Bauernmärkte fehlen ebenso wenig wie die genauen Adressen der Lokalitäten, Öffnungszeiten, speziellen Tipps und Eigenarten der Ebbelwoi-Stuben. Ohne zu religiös zu werden, das Buch ist die ultimative „Ebbelwoi-Bibel“. Und Glaubensbekenntnis zugleich. So bleibt nur noch eins wie im Volksmund zu sagen: „Ob Apfelwein, ob Äppler oder Schobbe, es ist und bleibt en gude Drobbe.“

 

Laszlo Trankovits 111 Orte rund um den Äppelwoi die man gesehen haben muss emons

 

Ein Leben für die Literatur: HD Zimmermann

 

Der bekannte Berliner Literaturwissenschaftler Hans Dieter Zimmermann erinnert sich mit 80 Jahren seiner Kindheit in Krieg und Nachkriegszeit, an den Besuch des Stefan-George-Gymnasiums in Bingen am Rhein, an das Studium in Mainz und Berlin mit Auseinandersetzungen und Kontroversen. Sein Glück ist die Begegnung mit Autoren der Gruppe 47, die ihm den Weg ebneten: sein Doktorvater Walter Höllerer an der TU Berlin, seine Habilitation bei Hans Mayer an der Universität Hannover, seine Arbeit an der West-Berliner Akademie der Künste von 1969 bis 1975, in der er weitere Autoren der Gruppe 47 traf und bedeutende Emigranten, schließlich seine Reisen nach Prag im Auftrag von Günter Grass zur Unterstützung der Dissidenten um Pavel Kohout und Václav Havel. Seine eigene Familie, der Vater war Mitglied der SS, bildet einen scharfen Kontrast zu der Familie seiner Prager Frau, deren Vater als Widerstandskämpfer im KZ Mauthausen einsaß. (WIESER VERLAG)

 

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Jo Lendle über eine "Art Familie" 

 

Man sucht sich die Zeiten nicht aus, in die man gerät und die einen prägen. So wie Lud und Alma. Lud, 1899 geboren, und sein Bruder Wilhelm verehren Bach und Hölderlin und teilen dieselben unerreichbaren Ideale. Wilhelm, der früh in die nationalsozialistische Partei eintritt, misst andere daran, Lud sich selbst, was ihn ein Leben lang mit sich hadern lässt. Alma hat ihre Eltern schon als Kind verloren. Ihr Patenonkel Lud, wenig älter als sie selbst, und seine Haushälterin werden ihr eine Art Familie werden. Als Professor für Pharmakologie erforscht Lud den Schlaf und die Frage, wie man ihn erzeugen kann. Während er die Tage an der Universität verbringt, kann Alma zu Hause nicht aufhören, an ihn zu denken. Als er beginnt, Giftgas zu erforschen, erzählt er ihr nichts davon. Sein Ringen mit den hehren Idealen wird verzweifelter. Denn da ist auch noch Gerhard, an dessen Seite er im Ersten Weltkrieg kämpfte, den er nicht aus seinem Kopf bekommt. 

Vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus und die junge DDR bis in die Bundesrepublik der Nachkriegszeit führt Jo Lendles raffiniert erzählter Roman über das Zerbrechen einer Familie, über Schuld, über Wissenschaft und ihr Verhältnis zur Welt und die feinen Unterschiede zwischen Schlaf, Narkose und Tod. Es ist die Geschichte einer deutschen Familie – zufällig seiner eigenen. (PENGUIN)

 

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Von schrägen Vögeln und Salti des Lebens

 

Irgendwann kommen wir alle an den Punkt, an dem wir uns fragen: Soll mein Leben so weitergehen wie bisher oder soll es anders werden? Wer taugt dann als Kompass? Influencer, die sich super finden? Aktivisten, die in der Tagesschau landen? Oder die Stillen, die in der zweiten Reihe sitzen? Für die Journalistin Gisela Steinhauer ist die Antwort klar: Die originellsten Wege zeigen „schräge Vögel“, die ihre Flugrichtung ändern. In diesem Buch treffen sie aufeinander. (WESTEND)

 

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Eine Diktatur - ein Land - im Koma: Belarus


Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint. (DIOGENES)


Der Roman spielt in Minsk, in der Stadt der „mittelmäßigen Architekten“, in Weißrussland, im Land „des erstarkenden Schwachsinns.“ 
Sasha Filipenko sagt in seinem Vorwort, dass sein kritisches Buch in Belarus nur unter der Theke verkauft wird. Es ist also wie einstmals in der DDR als „Bückware“ unterwegs. Es ist ein Zeitmaschine-Roman, ein Spiegel der derzeitigen weißrussischen Gesellschaft und Politik. 
Franzisk, die jugendliche Hauptperson, hat den Spitznamen „Zisk“. Er ist ein verhinderter Cellist, der nicht gerne übt, dafür lieber ein Rockkonzert besucht. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: Im Hagel-Gewitter treibt ein Gedränge die Menschen in einen U-Bahnhof. Es entsteht Massenpanik. 50 Menschen sterben. 


Auch „Zisk“ wird Opfer, fällt ins Koma. Die Lähmung des zentralen Nervensystems blockiert alle seine menschlichen Regungen. Er liegt wie tot im Bett – zehn lange Jahre. Die Oma betreut ihn im Koma, schaut mit ihm TV, liest vor, hört mit ihm Radio, besorgt ihm sogar für einen Wiederbelebungsversuch eine Prostituierte. Auch ihr gelingt es mit allerlei Fertigkeiten nicht, Zisk aus dem Koma zu locken. Erst zehn Jahre später wacht er auf und findet sein Land unverändert vor. „Er hat die Augen aufgeschlagen! Er ist wach!“ Außer einer kosmetischen Renovierung der Häuserfassaden hat sich nichts getan in seinem Belarus. 


Realität drängelt sich immer mehr von Seite zu Seite zwischen den Zeilen ins Buch. An der Diktatur hat sich nichts geändert. In den Medien ist nichts zu finden, was der Meinung der Präsidialverwaltung entgegensteht. Die Fernsehsender, die Zeitungen und die gesellschaftliche Debatte bleiben gleichgeschaltet. Journalisten festgesetzt. Oppositionelle verschwunden. Entführungen schockieren die Öffentlichkeit, Menschen verlieren ihre Arbeit. 


Was ist das für ein osteuropäisches Land? 


Filipenko beschreibt es leidenschaftlich und sehr genau: Der Diktator heißt Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko. Keiner will ihn gewählt haben, und doch hat er 75 Prozent des Wahlvolks hinter sich. Bei Terroranschlägen wird die Schuld grundsätzlich auf die Opposition geschoben. Filipenko nennt ihn einen „talentierten Diktator“, der sich mit „Gewalt Gehör“ verschafft und das eigene Volk mit Drohungen einschüchtert. 


Wir lesen ehrliche Dialoge, glaubhafte Szenen, wiedergegebenen Alltag, hören aber auch vom Sprachkrieg zwischen Russisch und Belarussisch, der aus den vergangenen Zeiten stammt. 


Filipenko hat ein großartiges Beschreibungspotential, etwa wenn er den altertümlichen Aufzug im Haus der Großmutter detailgenau unter die Lupe nimmt, oder die Fernsehreporter bei einem Fußballspiel charakterisiert: “Sie kommentieren ja nicht das Match, sondern brabbeln einfach vor sich hin.“ Das kommt dem Leser und deutschen Fernsehzuschauer irgendwie bekannt vor. 


„Ich habe gedacht, bei uns geht es darum, denkende Menschen zu erziehen.“ Denken. Zweifeln. Fragen stellen! Das wäre demokratisch zu leben. Doch das belarussische Volk ist selbst in einen tiefen Schlaf gefallen. „Hier sind schon die nichts wert, die gesund und am Leben sind, von Menschen im Koma ganz zu schweigen.“ Auf den Plätzen der Stadt demonstrieren die Machthaber mit Gewalt, wer die Wahlen gewonnen und auch weiterhin das Sagen hat. 


Ganz nebenbei erfahren wir auch belarussische Geschichte, dass zum Beispiel die Deutschen, die weißrussische Dörfer niedergebrannt haben, aber auch in den 1980ern die Tschernobylkinder aus dem Land holten. Diese Hilfe treibt seltsame Blüten im Land, weil die phantastische Rentabilität „massenweise Betrüger“ ins Gesundheitsbusiness lockt. In den Anmerkungen der Übersetzerin finden wir historische Daten, die Flaggenthematik, das Sprachproblem, konkrete Ereignisse der Geschichte und einen Zitatennachweis, denn Filipenko zitiert auch Gedicht- oder Liedzeilen. 


Man kann als Weißrusse eine Wohnung haben, eine Datscha, ein Auto: „Was haben Sie denn nicht?“ „Freiheit“, heißt es an einer Stelle des kapitellosen Romans über die „letzte Diktatur Europas“.
Das Buch ist trotz der beißenden satirisch und grotesk eingefärbten Kritik ein warmherziges Bekenntnis zu einem Heimatland, das unter die diktatorischen Räuber gefallen ist. In Belarus kann es sehr kalt sein.

 

 

 

Interview mit Sasha Filipenko

 

 

 

Ihr Roman „Der ehemalige Sohn“ hat das besondere Schicksal, dass er sieben Jahre nach seinem Erscheinen aktueller ist denn je. Wie ist das möglich? 


Sasha Filipenko: Wahrscheinlich ist mir einfach ein gutes Buch gelungen. Nein, im Ernst: Dass mein Buch noch immer aktuell ist, freut mich als Autor sehr, als Staatsbürger von Belarus macht es mich jedoch traurig. Die Aktualität meines Romans zeugt leider davon, dass Veränderungen zum Besseren in unserem Land nur sehr, sehr langsam vor sich gehen. 


Wie nah verfolgen Sie die Ereignisse in Belarus? 


Sasha Filipenko: Ich verfolge sie nicht nur, ich nehme aktiv daran teil. Ich habe 2010 mitdemonstriert (was mich zum Roman Der ehemalige Sohn inspiriert hat) und auch 2020. Ich habe für meinen Blog fotografiert, Solidaritätslesungen meines Romans organisiert, für Zeitungen in Frankreich, Schweden und Deutschland geschrieben und war natürlich auch bei Protestmärschen in Minsk dabei. 


Kann man „Der ehemalige Sohn“ in Belarus kaufen? 


Sasha Filipenko: Nicht immer. Manche Läden haben das Buch im Regal stehen, manche haben es zwar, aber nicht im Regal. Da müssen Sie im Laden erst danach fragen. Der belarussischen Nationalbibliothek wurde DRINGEND EMPFOHLEN, meinen Roman nicht in ihren Katalog aufzunehmen. In Minsk wird gerade ein Theaterstück nach meinem Roman geprobt. Das Ensemble hat schon von fünf Aufführungsstätten Absagen erhalten. Im Moment wissen sie noch immer nicht, ob sie das Stück werden aufführen können. Ich persönlich bin mir sicher, dass man sie nicht lassen wird. Am wahrscheinlichsten ist es leider, dass das Stück in Polen oder in der Ukraine aufgeführt wird und das belarussische Publikum es nur auf YouTube zu sehen bekommt. 

 

Es gibt eine Online-Solidaritätslesung von „Der ehemalige Sohn“ mit berühmten russischen und belarussischen Künstlern, Schauspielern und Musikern, die man sich auf YouTube anschauen kann. Wie kam das zustande? 


Sasha Filipenko: Im Sommer 2020 dachte ich, es wäre großartig, wenn vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus Prominente Ausschnitte aus meinem Roman lesen würden. Kaum hatte ich diese Idee in den sozialen Medien formuliert, vergaß ich sie auch schon wieder. Aber gleich am nächsten Tag bekam ich eine Flut von Rückmeldungen von berühmten Schauspielern, Musikerinnen, Journalistinnen und bildenden Künstlern. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich eine so überwältigende Liste beisammen, dass es schlicht dumm gewesen wäre, das nicht zu machen. So entstand eine Fortsetzungslesung des gesamten Romans. Damit wollte ich ein Zeichen unserer Solidarität setzen, und natürlich war es eine große Ehre, dass so viele renommierte Persönlichkeiten bereit waren, Passagen aus dem „Ehemaligen Sohn“ zu lesen.

 
Was bedeutet der Titel „Der ehemalige Sohn“? 


Sasha Filipenko: Dieser Titel ist mir nach dem Protest von 2010 eingefallen. Man kann ja eigentlich kein „ehemaliger Sohn“ sein. Man kann ein ehemaliger Fußballer sein, ein ehemaliger Ehemann, aber kein ehemaliger Sohn – und doch traf das genau, wie ich mich damals fühlte. Ich wollte ein Buch über Menschen schreiben, die sich wie ehemalige Söhne und Töchter ihres Landes fühlen, wie ehemalige Kinder ihrer Familien. Über Menschen, die gezwungen sind, ihr Zuhause zu verlassen. 


Franzisks Großmutter, die nie die Hoffnung aufgibt, dass ihr Enkel eines Tages aus dem Koma erwachen wird, ist eine wunderbare Figur. Gibt es für sie ein reales Vorbild? 


Sasha Filipenko: Das ist meine Großmutter. Man kann sagen, dass dieses Buch eine Art Rekonstruktion meiner Großmutter ist, eine Studie, wenn man so will. Ich bin überzeugt: Wenn ich in Franzisks Lage geraten wäre, hätte meine Großmutter ganz genau so gehandelt wie die Großmutter im Roman.

 

Das Interview wurde von DIOGENES zur Verfügung gestellt. 

 

Der Herr UDO und das wilde Wiener Leben

 

Zum 20. Todestag von Udo Proksch erscheint ein sehr persönliches Porträt: Der Schriftsteller Georg Biron will es nicht glauben: Sein Freund Udo Proksch wird verdächtigt, ein Schiff gesprengt und sechs Seeleute ermordet zu haben, um eine gigantische Versicherungssumme zu kassieren.


„Udo Proksch hat sechs Menschen ermordet. Sechs Besatzungsmitglieder der Lucona, die im Indischen Ozean ihren Tod fanden, als das Schiff am 23. Jänner 1977 gesprengt wurde (…) Wer sich auf eine Spurensuche nach der vielleicht schillerndsten Persönlichkeit im Wien der 60er, 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begibt, sollte das nicht vergessen. Denn einfach ist es nicht, in der Erinnerung an einen Menschen klar zu sehen, der schon zu Lebzeiten über alle Maßen gestrahlt und geblendet, fasziniert und entsetzt hat.“
Anna-Maria Wallner in „Die Presse“


Rezension
Schillernde Persönlichkeit, zwielichtige Figur, Lebemann, Partytyp, „Adabei“, er ist wild, hemmungslos, ein Hund und frecher, kreativer Kerl, dem tausend Ideen im Kopf herumschwirren, ein Geldgenie, eine politische Gestalt und zugleich eine Persönlichkeit, von der das Gericht behauptet: Udo Proksch hat sechs Menschen ermordet, nämlich die Besatzungsmitglieder der Lucona, die im Indischen Ozean ihren Tod fanden, als das Schiff gesprengt wurde. So kommt Proksch in dem Buch daher.


Das Porträt ist keine Rekonstruktion der historischen Tatsachen, es ist vielmehr ein sehr, sehr persönliches Bild, nah am Menschen, vielleicht auch zuweilen distanzlos, aber in jedem Fall quicklebendig. 
Biron schreibt seinen Text wie eine Drehbuchvorlage, mit knappen Regieanweisungen, und blendet dann quasi die Kamera auf.
„Was jetzt folgt ist eine wahre Geschichte“ über Mord, Versicherungsbetrug, Waffenhandel, in jedem Fall über Geldmacherei im großen Stil.


Biron gelingt ein popbuntes Portrait über die wilden Pop- und Rock- und Roll-Jahrzehnte, in denen nicht die ganze Gesellschaft aber doch viele den Minirock trugen und nur Sex im Kopf oder anderswo hatten.
Der Autor ist Freund von Proksch, der als Brillendesigner Kohle macht. Spinnerte und schräge Ideen toben in dessen Hirn, eine aber durchaus gerade Idee ist die vom Verein der „Freunde für senkrecht Bestattung“ die er mit Qualtinger entwickelt. Es geht um platzsparende Bestattung. Später ist Proksch der Besitzer der weltberühmten Hofzuckerbäckerei Demel und gründet den „Club 45“, in dem sich vor allem Linke aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien treffen.


Proksch steigt auf zum potenten Liebling der Damenwelt, der aus Sicherheitsgründen vor persönlichen Feinden immer eine Pistole am Gürtel trägt. Proksch macht Geschäfte, baut Netzwerke auf, kümmert sich um sein Image, ist immer wieder für eine Überraschung gut und bleibt doch eine irgendwie undurchsichtige Figur als Lebemann, Weiberheld, geldiger Zeitgenosse, der den Autor als Freund hat, auch wenn der in den Knast - zu österreichisch - in den Häf‘n wandert.
Proksch stirbt an den Folgekomplikationen einer schwierigen Herzklappenoperation und wird - wie Biron zuverlässig notiert - nicht senkrecht begraben, steigt aber nach seinem Tod zum Musical-Star auf.
Das Mindeste, was man über Proksch sagen kann, ist: Er war ein unkonventioneller Mensch, der als Krimineller in die Geschichte eingegangen ist.


Der Wiener Schriftsteller Georg Biron, Reporter und Drehbuchautor, der auch in Sachen Kulturprojekte unterwegs ist - hat ein schillerndes, sehr farbiges, plastisches, persönliches und sehr nahes Portrait über Proksch geschrieben, das sich boulevardesk leicht und luftig liest.

Georg Biron, Wiener Schriftsteller – Jahrgang 1958 – hat unzählige Kulturprojekte realisiert (z. B.: Qualtinger lebt!) und Preise (u. a. Theodor Körner Preis für Literatur) und diverse Kunststipendien erhalten. – www.biron.at

Roman mit Biss: Auf den Spuren von DRACULA

Transsylvanien - Unterwegs bei Graf Dracula

 

Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden.

 

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Interview mit Dana Grigorcea

Warum haben Sie die DRACULA-Geschichte als Hintergrund für Ihren Roman gewählt, das Projekt Dracula-Park als Vergnügungsstätte für Touristen wird ja doch nicht verwirklich?

 

Dracula ist ein Symbol des gestrengen Fürsten, der morbide Sehnsüchte weckt. Er waltet heutzutage nicht nur "trans silva", also hinter den Wäldern in Rumänien, sondern überall auf der Welt, wo die Menschen Autokraten und zwielichtige Populisten an die Macht hieven. Die Geschichte um den Dracula-Park in meinem Roman basiert auf einer wahren Geschichte, wie Sie richtig erkannt haben. Damals hatten sich allerlei korrupte Politiker und Geschäftslute Aktien an dem Park gesichert. Dass der Park dann doch nicht gebaut wurde, ist ein sehr begrüssenswerter Sieg der Zivilgesellschaft. 

 

Rumänen und seine politischen und gesellschaftlichen Probleme werden in der Europäischen Union oft buchstäblich an den Rand Europas gedrängt – welchem Thema müsste mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?


Die Europäische Union macht schon sehr viel für Rumänien und die osteuropäischen Länder. Umgekehrt sollten diese Länder mehr für die EU tun, zum Beispiel beim Flüchlingsthema. 

 

Bei aller Schwergewichtigkeit der Themen in ihrem Familienroman gelingt Ihnen eine gewisse Leichtigkeit. Nach dem trist-grauen kommunistischen Alltag hellt Literatur so die Seele auf und tröstet?


Ja, das ist auch meine feste Überzeugung: Literatur tut der Seele wohl. 

 

Viele Rumänen, vor allem deutschstämmige, haben ihr Land verlassen, dafür kann man Verständnis haben, aber müssten die Menschen nicht im Land bleiben, um am Fortschritt mitzuwirken?


Es ist nicht so, dass man nur vor Ort am Fortschritt des Landes mitwirkt. Dank den Wahlstimmen aus der rumänischen Diaspora ist zum Beispiel Klaus Johannis zum Präsidenten Rumäniens gewählt worden, und bei den Europawahlen die fortschrittliche Allianz USR-Plus. Die Auslandsrumänen sind von den rumänischen Populisten nicht zu erreichen, und leisten, durch regen Kontakt zu ihren Familien und Freunden in Rumänien, einen wichtigen Beitrag zum demokratischen Diskurs des Landes - von den Geldflüssen zu schweigen. 

 

Spüren Sie im Land noch Nachwirkungen des Terrorregimes von Ceaușescu?


Leider ja. Der revanchistische Ton wurde nicht abgelegt. Er hat die Art zu reden und über andere zu urteilen nachhaltig geprägt. Darum geht es auch in meinem Roman: Durch den unerbittlichen Ton, in dem man vergangenes Unrecht verurteilt, rettet man jene Geister der Vergangenheit in die Gegenwart. Um es mit Martin Luther King Jr. zu sagen: "Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that."  


Warum haben Sie den Ort der Handlung mit B. abgekürzt, wollen Sie Touristenströme dorthin vermeiden?


Da stehe ich hinter der Entscheidung meiner Erzählerin: Ich nenne den Ort nur B., „…weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral, wenngleich sie sich freilich an vielen Orten auf der Welt hätte abspielen können.“ Ich lasse Dracula da, wo man ihn vermutet, hinter dem dunklen Wald, aber eigentlich ist er längst hier, unter uns.