Faces of Books - Ansichten

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Herzlich willkommen auf meiner Website, die sich mit Büchern beschäftigt. Facesofbooks zeigt das Gesicht der Bücher und Autoren. Beachtet Titel und Covergestaltung, Aufmachung des Buches, berichtet über den Inhalt, stellt den Autor in kurzer prägnanter Form vor. Wir veröffentlichen Autoreninterviews, bieten Informationen über Bücher von heute und Bücher von gestern, die wichtig sind, aber nicht vergessen werden sollen. Sie finden Tipps, Rezensionen, Kurz-Kritiken, Neuigkeiten über Verlage und Autoren. Geben Sie uns auch Hinweise, was Ihnen gefällt oder mißfällt. Eine Website für Lesefans auch aus der digitalen Bücherwelt. www.facesofbooks.de

 
Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Ein Literatenleben von A bis Z: DELIUS

Der Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius, verstorben im vergangenen Frühjahr, wäre im Februar 2023 achtzig Jahre alt geworden. Bis zuletzt schrieb er und näherte sich seinem Leben in einer Autobiographie, wie man sie noch nicht kennt: in gut dreihundert Stichworten, die mit A beginnen, spielerisch, gedankenscharf und poetisch. (Rowohlt)

 

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BUCHPREMIERE – Friedrich Christian Delius: «Darling, it´s Dilius!» Erinnerungen mit großem A

 

Mo, 13. Februar 2023 | 19:30 Uhr

 

Ingo Schulze und Mara Delius im Gespräch mit Jens Bisky 

 

Lesung: Ulrich Matthes

 

Veranstaltungsort: Literarisches Colloquium Berlin | Am Sandwerder 5 | 14109 Berlin

Eintritt: 8,-/5,- EUR                   online hier erhältlich

 

Neue Rubrik: Buch-Tipps zum Zeitgeschehen

RECHTS UNTEN Die AfD

Geld. Macht. Streit: Hinter den verschlossenen Türen der AfD – eine Langzeit-Recherche. Die AfD ist eine chaotische Partei, die vom Streit lebt: zerfressen von Ideologie und Machtinteressen, Karrierismus und dem Kampf um das «wahre Deutschland»; zerrissen zwischen Gemäßigteren und rechtsextremen Flügel-Kämpfern; zerfallen in Straßen-Politiker und Parlamentarier; auf dem Weg nach rechts argwöhnisch beobachtet vom Verfassungsschutz. (rowohlt)

 

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Zeitenwende auf der Nordseeinsel

Die Fähre braucht vom Festland eine Stunde auf die kleine Nordseeinsel, manchmal länger, je nach Wellengang. Hier lebt in einem der zwei Dörfer seit fast 300 Jahren die Familie Sander. Drei Kinder hat Hanne großgezogen, ihr Mann hat die Familie und die Seefahrt aufgegeben. Nun hat ihr Ältester sein Kapitänspatent verloren, ist gequält von Ahnungen und Flutstatistiken und wartet auf den schwersten aller Stürme. Tochter Eske, die im Seniorenheim Seeleute und Witwen pflegt, fürchtet die Touristenströme mehr als das Wasser, weil mit ihnen die Inselkultur längst zur Folklore verkommt. Nur Henrik, der Jüngste, ist mit sich im Reinen. Er ist der erste Mann in der Familie, den es nie auf ein Schiff gezogen hat, nur immer an den Strand, wo er Treibgut sammelt. Im Laufe eines Jahres verändert sich das Leben der Familie Sander von Grund auf, erst kaum spürbar, dann mit voller Wucht. (PENGUIN)

 

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Vom Fernsehmann zum Staatsmann: Selenskyj

„Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Im Februar 2022 geht dieser Satz um die Welt. Über Nacht wird Wolodymyr Selenskyj vom angeschlagenen Präsidenten der gefühlt fernen Ukraine zur zentralen Figur im Kampf für ein freies Europa. So wenig sich der Westen trotz des Kriegs im Donbass für die Ukraine interessierte, so wenig war bekannt über den Mann, der vom Juristen zum Komiker, zum Staatsmann geworden war und nach den Maidan-Protesten gegen Korruption und für eine Annäherung an Europa antrat. Sergii Rudenko, seit vielen Jahren Journalist in Kyjiw, hat Selenskyjs erste Biografie geschrieben. Sein Buch ist die ausgewogene Geschichte eines ungewöhnlichen Politikers, das lebendige Porträt eines Helden, der keiner sein wollte – und eine unverzichtbare Quelle für alle, die den Mann verstehen wollen, der Putin die Stirn bietet und mit seinem Land längst zum Verteidiger der freien Welt geworden ist. (HANSER)

 

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Kristina Gorcheva-Newberry:                         Das Leben vor uns 

Kirschen zu Äpfeln verwandeln – hat Tschechow das verdient? Die in Moskau aufgewachsene und zur Dolmetscherin ausgebildete Kristina Gorcheva-Newberry hat das Sakrileg voller Bewunderung für das Vorbild gewagt. 1995 wanderte sie in die Vereinigten Staaten aus, studierte creativ wirting und schreibt mittlerweile auf Englisch. In ihrem ersten Roman „Das Leben vor uns“ verwandelt sie Tschechows unsterblichen „Kirschgarten“ in einen Apfelgarten an einer Datscha bei Moskau. Die Personen ähneln sich, haben fast die gleichen Namen wie in dem 1904 uraufgeführten Stück. Die Ich-Erzählerin Anja Reneva wächst noch in der Breschnew-Ära zusammen mit ihrer unzertrennlichen Freundin Milka heran. Beide haben das Leben noch vor sich, besuchen die Schule und haben zwei Freunde aus ihrer Klasse, die auch dem „Kirschgarten“ entlehnt sind.

 

In den langen Sommerferien lebt Anja mit ihren Eltern und ihrer Großmutter auf der Datscha inmitten eines Gartens mit reich tragenden Apfelbäumen. Milka ist dann bei ihr. Der Autorin gelingen sehr poetische Passagen dieses gemeinsamen Mädchenlebens im Sommer. Als Hintergrund ist die Kulisse der späten Sowjetunion aufgebaut. Anjas Eltern sind Ingenieure, gehören einer schmalen unteren Mittelschicht an, ihr Vater ist Kommunist, ihre Mutter eher skeptisch, den Möglichkeiten entsprechend bürgerlich. Anja erinnert sich an die Diskussionen ihrer Eltern über die Vorzüge der Sowjetunion, über Stagnation und Illusionslosigkeit im Land. Sie erlebt zusammen mit ihrer Freundin den Wechsel von Breschnew zu Andropow, von diesem zu Tschernenko und schließlich zu Gorbatschow. Die Leserin erlebt die Mangelwirtschaft mit und erfährt von dem Luxus der Nomenklatura. Sie liest, wie Anjas Großmutter im von der Wehrmacht belagerten Leningrad ihren Sohn verloren hat und ihre Tochter, Anjas Mutter, durchbrachte. Im Mittelpunkt aber steht die Freundschaft zu Milka. Beide entwickeln sich, sprechen nicht nur über Sex, genießen ihn auch. Sie stehen kurz vor dem Abitur, als Anja ihre Freundin durch empörende Umstände verliert. Die Autorin setzt gegen Ende des ersten Teils des Romans einen herzzerreißenden Schlusspunkt unter diese Freundschaft. Der erste Teil endet mit dem Lüften eines bislang von Anjas Großmutter nie benannten Details aus der Belagerungszeit in Leningrad – grauenvolle historische Wahrheit. Die Tränen schießen einem in die Augen. Hier versteht man auch die kleine Passage in der Danksagung der Autorin besser, die ihren Großeltern Fjodor und Klawa Gorchew dafür dankt, dass sie den Krieg gewonnen und danach überlebt haben.


Schnitt. Im zweiten Teil, 20 Jahre später, erzählt Anja aus Amerika, wohin sie – wie ihre Autorin – ausgewandert und mittlerweile verheiratet ist. Ihr Kinderwunsch blieb bislang unerfüllt. Auf Bitten ihrer Eltern fliegt sie nach zwanzig langen Jahren erstmals wieder nach Moskau. Spekulanten wollen das ganze Datscha-Gelände aufkaufen und Anja soll ihnen helfen, diesen Angriff abzuwehren. Die Parallele zum „Kirschgarten“ ist vielleicht etwas zu deutlich, aber der Zugriff von Spekulanten ist deshalb nicht etwa weniger plausibel. Der „Eigenbedarf“ des Kapitals ist weltweit bekannt. Anja trifft auf ein verändertes Moskau, auf Luxusgeschäfte und -paläste, auf gewendete Menschen hin zu ihrer eigentlichen, im Kommunismus nur verschleierten Natur. Alles geht irgendwie versöhnlich aus, wie auch im „Kirschgarten“, den ja Tschechow als „Komödie“ bezeichnete. Kristina Gorcheva-Newberry hat ihr Debüt mit poetischen, aber auch bitteren und realistischen Worten über latente und verübte Gewalt geschrieben.

 

Ihr gelingen bei allem Ernst auch das Komische, der Humor, eine intelligente Ironie, gelegentlich ein Witz. Claudia Wenner hat den Roman literarisch einfühlsam und kraftvoll übersetzt. Vor allem die Dialoge gelingen der Autorin eindrucksvoll, sie scheinen von den Dramen Tschechows ebenso inspiriert zu sein wie von der Freiheit, sagen zu können, was man denkt. Ihr heimliches Heimweh ist nachvollziehbar und eine Empfehlung bleibt: Gehen Sie in die nächste „greifbare“ Aufführung von Tschechows „Kirschgarten“ und erleben Sie das Original!

 

Kristina Gorcheva-Newberry wuchs in Moskau auf, studierte dort an der Staatlichen Linguistischen Universität und arbeitete anschließend als Lehrerin und Dolmetscherin, bevor sie in die Vereinigten Staaten emigrierte, wo sie außerdem Englisch und Kreatives Schreiben studierte. Ihre Kurzgeschichten wurden mehrfach ausgezeichnet, «Das Leben vor uns» ist ihr erster Roman..

 


Harald Loch


Kristina Gorcheva-Newberry: Das Leben vor uns   Roman
Aus dem Englischen von Claudia Wenner
C.H.Beck, München 2022   361 Seiten  

 

Eine Pathologie der digitalen Gesellschaft

Gehirnzeit verpasst – Zukunft verspielt! Diesen Alarmruf sendet Gérald Bronner, Professor für Soziologie an der Université Paris-Diderot. Er hält uns vor, wie viele Stunden am Tag wir vor Bildschirmen verbringen. Er weiß und belegt das mit wissenschaftlichen Untersuchungen aus aller Welt, dass diese Bildschirmzeit ganz überwiegend der Unterhaltung, der Ablenkung, jedenfalls nicht mit Gehirntätigkeit verbracht wird. Die wäre aber dringend einzusetzen, um den von Menschen verursachten Herausforderungen intelligent zu begegnen, ihnen zu trotzen.

 

Bronner ruft in Erinnerung, dass die Menschheit in den letzten 200 Jahren durch die Errungenschaften von Technik und Wissenschaft, durch entsprechende gesellschaftliche Anpassungen viele Stunden der ehemals notwendigen Arbeitszeit in „freie“ Zeit umgewandelt hat. Er hält diesen außergewöhnlichen Gewinn für vergeudet, wenn er nicht in „Gehirnzeit“ umgewandelt wird. Er geht davon aus, dass die meisten Gesellschaften, also auch die, in der wir leben, nach einer gewissen Zeit an eine Grenze gelangen und an ihren inneren Widersprüchen untergehen. „Ist es keine schwindelerregende Vorstellung, dass wir vielleicht als erste Zivilisation diese Grenze überschreiten werden, auch wenn wir wissen, wie unwahrscheinlich das ist? Diese Grenze scheint für unsere Hypothesen heute mit bloßem Auge erkennbar zu sein. Die Natur braucht ihre Zeit, aber wir haben sie nicht.“

 

Der Autor zählt die Gefahren auf, die diese Zivilisation bedrohen: „Der Klimawandel, die zunehmende Erschöpfung unserer Ressourcen, unsere Fähigkeit zur Selbstzerstörung durch Massenvernichtungswaffen, die beunruhigenden Symptome der von mir so genannten kognitiven Apokalypse und zahlreiche andere Gefahren, die wir noch gar nicht sehen.“ Den Begriff „Apokalypse“ verwendet Bronner nicht in seiner biblischen, sondern in seiner ursprünglichen Bedeutung, aus dem Griechischen abgeleitet: Enthüllung. Die Voraussetzung für diese Enthüllung schuf nach Bronner die Deregulierung des kognitiven Marktes. Darunter versteht er die Befreiung von jeglicher regelnden Einflussnahme auf das, was auf unseren Bildschirmen und Displays zu sehen, zu erleben ist.

 

Die messe- und zählbaren Ergebnisse dieser „Enthüllung“ gewähren einen tiefen Einblick in die anthropologische Grundausstattung des Menschen: Er wählt in der durch den Fortschritt gewonnenen freien Zeit den bequemen Weg der Befriedigung durch Unterhaltung, er verliert seine Aufmerksamkeit an Gewaltdarstellungen, er konsumiert oder erlebt am Bildschirm Sexualität. Bronner belegt seine These mit einer Vielzahl beunruhigender, gemessener Klick- und Einschaltgewohnheiten von Menschen in aller Welt.

 

Er hält diesen verschwenderischen Umgang des modernen Menschen mit seiner Lebenszeit, die ihm eigentlich viel mehr „Gehirnzeit“ ermöglicht, für lebensgefährlich. Er alarmiert seine Leser wegen dieser Verschwendung mit dem „kostbarsten Gut“, mit der auch von Künstlicher Intelligenz nicht zu imitierender Kreativität, so dass man den im Titel verwendeten Begriff „Apokalypse“ auch im biblischen Sinne, als „Untergang“ unserer Zivilisation lesen kann. Er setzt sich mit der „gehirnlosen“ Zeitverschwendung auf Verschwörungstheorien, auf nichtkreative Unterhaltung, das Gerede vom „Neuen Menschen“ oder von Rousseau-Anhängern aller möglichen Zurück-zur-Natur Ideologen auseinander und verwirft mit plausiblen Argumenten und Belegen, die oft erhobenen Vorwürfe, die Bildschirmmedien würden gezielt die Köpfe und das Verhalten ihrer Konsumenten manipulieren. Er sieht das Gegenteil im intentionslosen Funktionieren des deregulierten Marktes. Der richtet sich aus eben den marktwirtschaftlichen Wettbewerbsbedingungen nach dem in Sekundenbruchteilen gemessenen Verhalten der Zuschauer, „Googler“ und aller, die ihren Fingerabdruck im Netz hinterlassen.

 

Der Konsument, besser die Summe aller Konsumenten manipulieren sich selbst, sie bestimmen, was sie auf Abruf zurückbekommen. Um diese Endlosschleife zu durchbrechen, bedürfte es einer Rückbesinnung auf die kostbarste Ausstattung des Menschen. Bronner fordert also nicht etwas ein „Zurück zur Natur“ sondern ein Zurück zum Gehirn. Diese Forderung müsse auch auf die Agenda der Politik gesetzt werden, sonst drohe der Untergang der Gesellschaft. Dieser existenzielle Alarmruf liest sich allerdings erstaunlich „unterhaltsam“, er lohnt die auf ihn verwendete Gehirnzeit und sollte weithin gehört und befolgt werden!


Harald Loch


Gérald Bronner: Kognitive Apokalypse   Eine Pathologie der digitalen Gesellschaft
Aus dem Französischen von Michael Bischoff
C.H.Beck, München 2022   285 Seiten 

 

Global Trip - kulinarisch

Gastro Obscura nimmt uns mit auf eine kulinarische Entdeckungsreise und zeigt, was Menschen rund um den Globus essen und trinken. Dieser außergewöhnliche Reiseführer führt auf alle sieben Kontinente und serviert jede Menge unglaublicher Zutaten, kulinarischer Abenteuer und kurioser Gerichte. Cecily Wong und Dylan Thuras führen uns so in die Geheimnisse internationaler Küchentraditionen ein und feiern ihre Vielfalt: Bereit für ein Bier aus Nebel in Chile oder Sardiniens „Fäden Gottes“, eine der seltensten Pastasorten der Welt? Tauchen Sie ein in die faszinierende Welt der Kulinarik und entdecken Sie ihre verborgenen Wunder!  MOSAIK 


Cecily Wong/ Dylan Thuras GASTRO OBSCURA Entdeckungsreisen zu den kulinarischen Wundern der Welt.


Zielgruppe: Alle Menschen dieser Welt, weil alle Menschen essen müssen.


Schon im Vorwort steht klar, was auf Sie als Leser zukommt: Vergessene Geschichten, bedrohte Traditionen, obskure Erlebnisse und Gastro-Orte, kulinarische Einfälle und Ausfälle, essbare Wunder und geschmackloses Geschmackvolles. 


Das Buch bietet Festmahl oder Simpel-Food zugleich, aber eben immer etwas Außergewöhnliches aus 120 Ländern, verteilt auf allen sieben Kontinenten, die skurriles in Sachen Kulinarik zu bieten haben.
Greifen wir einige Absonderlichkeiten heraus: Schokolade, Pfeffer und Parmesankäse waren mal als Währungen bekannt und beliebt, zuweilen mehr als der EURO. 


Wer seinen nächsten Heiratskandidaten kennenlernen will, wirft die Apfel-Schalen hinter sich und weiß Bescheid. Wer in West Virginia ins „Roadkill“ geht, bekommt von Autos überfahrene Tiere serviert, Bären, Schlangen oder Eichhörnchen zum Beispiel. 


Warum lässt man in bestimmten Regionen Reis anbrennen, wo liegen die besten China-Restaurants in den USA? Gehen sie in London Kaffee trinken in einer Herrentoilette! Wo liegt der größte Fischmarkt der Welt, natürlich in Frankreich in Rungis? Warum schmeckt Bamberger Bier nach Rauch, haben Gladiatoren sich wirklich vegan ernährt?  Was ist im Becherovka drinnen?  Wie schmeckt litauischer Eichelkaffee oder Tannenbaumkuchen am Spieß? 


Was gibt es auf der russischen MIR-Station im All zu essen oder einst in der Küche des Zeppelin? Wann macht die Sperrzonen-Cafeteria in Tschernobyl Sperrstunde? Ist das Kladanj-Männerwasser aus Bosnien-Herzegowina wirklich potenzfördernd? Finnische Saunawurst in der Sauna zubereitet, köstlich? Wie schrecklich schmecken isländische Hotdogs, da habe ich eigene Schreckenserfahrungen. 
Castro soll mit vergifteter Eiscreme der CIA getötet werden, der Anschlag vereitelt. Besuchen Sie das größte Unterwasserrestaurant, das „Under“ liegt in Lindesnes an der Südspitze in Norwegen!


Alle Nobelpreismenüs früherer Tage werden im „Stadthuskälleren“ nachserviert. Allerdings 180 Euro! Genießen Sie Eis-Sandwich aus Safran und Rosenwasser, eine iranische Spezialität. Wie schmeckt langgestreckter Pfeffer? Warum liebte Mao geschmorten Schweinebauch, warum ist Cognacwürzsauce so teuer, nicht wegen des Cognacs? Kann Schuhsolenkuchen wirklich schmecken? Was bietet die buddhistische Tempelküche? In Sand gebackenes Brot, schmeckt das? Was bietet ein Restaurant, das in eine DC 10 eingebaut wurde? Warum werden Männer beim Milchwetttrinken außerordentlich beleibt? Wieso schmecken wilde Wüstenmelonen leicht süß oder nach nichts? Wie sieht sie aus, die bunte Welt der Teigtaschen? Kann man Spaghetti vongole auch trinken? Ja? Das Mixgetränk heißt „Caesar“.


Was nehmen Sie auf Goldsuche an Lebensmitteln mit? Wieso kann Kaugummi echt nach Seife schmecken? Wo steht die Arche Noah für Zitrusfrüchte? Wieso nutzt Hollywood bei der Nachproduktion von Tönen auch Lebensmitte? Ein mit Walnüssen gefülltes, rohes Huhn ahmt am besten die Geräusche einer Schlägerei nach. 


Warum flog Elvis Presley seinen geliebten Sandwiches hinterher? Wo steht die einzige Chilischule der Welt? Wieso schmecken die Tacos in Mexiko in einer Autowerkstatt abends am besten? Warum essen Haitianer Spaghetti mit Hotdog?


Das Salz der Salinen von Maras in Peru ist strahlend weiß und hat besonders viel Kalzium und Kalium. Mitterands letztes Abendmahl vor seinem Ableben bestand aus Singvögeln in Armagnac getränkt: Aber in der italienischen Antarktisstation „Zucchelli“ gibt’s samstags, na was wohl, nur PIZZA! So vielfältig ist das kulinarische Leben und Sterben.
Ein wunderschönes lebhaftes vielfarbiges Buch zum Blättern und Schmökern, zum Entdecken und Wundern, ein freches und pfiffiges Layout mit grafischem Einfallsreichtum, Vorsicht bei einzelnen Rezepten, da warnen die Autoren selbst, und irgendwas werden Sie darin schon finden für den Weihnachtsabend. 
 

 

Deutschlands koloniale Vergangenheit

Deutschland – eine Kolonialmacht? Die Legende von der zaghaften kleinen Möchtegern-Kolonialmacht, die sich zivilisierter betragen hat als andere, kommt allmählich ins Wanken. Und das zu Recht, denn das deutsche Kaiserreich beutete kolonisierte Länder in Afrika, in China oder der Südsee nicht weniger gierig und gewalttätig aus als andere Kolonialmächte. Dieses Buch zeichnet den deutschen Kolonialismus von den Anfängen nach und bietet anhand eindrücklicher Zeitzeugenberichte und Abbildungen Einblicke in den Alltag in den kolonisierten Ländern. Vor allem aber zeigt es, wie andauernd die Folgen des deutschen Kolonialismus zu spüren sind und warum eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Epoche überfällig ist. (DVA) 


Eva-Maria Schnurr/Frank Patalong (Hg) DEUTSCHLAND DEINE KOLONIEN GESCHICHTE UND GEGENWART EINER VERDRÄNGTEN ZEIT DVA SPIEGEL-Buchverlag


Zielgruppe: Geschichtslehrer- und schüler, AfDler, kunsthistorisch Interessierte, Tagesschau-Seher, die Annalena Baerbock und Claudia Roth in Namibia gesehen haben und Kunsträuber, die den rechten Weg suchen und mehr wissen wollen. 


125 Jahre hat es gedauert, bis ein Unrecht, begangen in deutschem Namen, zugegeben und ein Raubobjekt restituiert, also zurückgegeben wurde. Die Benin-Bronzen sind wieder in Nigeria, wo sie hingehören. Außenministerin Baerbock und Kulturstaatsministerin Roth gaben die in der deutschen Kolonialzeit geraubten Kunstobjekte an die ursprünglichen Besitzer zurück. Deutsche Museen hatten sie jahrzehntelang ohne großes schlechtes Gewissen ausgestellt. 


England, die Niederlande, vor allem Belgien, aber auch Frankreich, Spanien, Portugal, Italien sind die großen bedeutenden Kolonialnationen mit umfänglicher kolonialer Vergangenheit, Deutschland galt bisher als Kolonial-„Zwerg“. Doch ein Bewusstseinswandel rückt Deutschlands Kolonialrolle langsam zurecht. 


Es war in der Folge der Kongo-Konferenz 1884, als Deutschland Territorien im afrikanischen Togo, Kamerun, Tansania und Namibia und außerdem Teile Neu-Guineas und Polynesiens erwarb. 


In dem Buch DEUTSCHLAND DEINE KOLONIEN GESCHICHTE UND GEGENWART EINER VERDRÄNGTEN ZEIT versammelt der SPIEGEL-Buchverlag DVA auf 246 Seiten und in 26 Beiträgen eine ausführliche Dokumentation deutscher Kolonialgeschichte. Umfangreiche Reportagen, Daten und Fakten, eine Zeittafel und eine breite Beschreibung deutscher kolonialer Vergangenheit bieten eine perspektivenreiche Aufarbeitung einer bisher kaum thematisierten deutschen Vergangenheit, die bislang auch systematisch kleingeredet wurde. 


Das Buch ist keine grundlegende, umfangreiche, systematisierte, historische Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte, es bietet vielmehr einzelne Aspekte, Themen, Schicksale von Opfern, territoriale Geschichten, also ein vielfarbiges Bild an, das wie in einem Mosaik am Ende dann doch zu einem Gesamtbild wird.


Die Themen: Brandenburgs Sklavenhandel, hanseatische Kaufleute und der Sklavenhandel, das Scheusal Carl Peters in Ostafrika, Rassismus allerorten, Menschen-Zoos, die Niederschlagung von Aufständen, rassistische Völkerkunde, Menschenversuche in paradiesischen Landschaften, deutsche Kolonialvergangenheit in Namibia. 
Am Schluss des Buches werden Sammlerstücke aufgelistet, die in deutschen Museen noch liegen und eine Chronik des deutschen Kolonialismus, sowie eine Buch- und Filmempfehlungsliste zusammengestellt.

 

Das Buch ist lebhafte Schilderung, hat spannende Perspektivwechsel, überzeugt durch Sachkunde und ist topaktuell. 

Für die kalte Jahreszeit

Stefan Moster das Fundament des Eisbergs eine arktische Sehnsucht MARE


Zielgruppe: Abenteurer, Gletscherfreunde, Expeditionsleiter, Arktisfans, Nord- und Südpol-Helden, Reinhold Messner, Klimaretter

Eine geplante Nordreise mit einem Expeditionsschiff fällt aus. Der Autor muss seine Arktis-Sehnsucht auf eine andere Art und Weise stillen.
Lesen hilft.


Alles begann mit einem Kompass - der Richtungsanzeiger war ein Geschenk des Großvaters - und dem Satz: „Wenn wir die Arktis verlieren, verlieren wir den ganzen Planeten.“ Dereinst formulierte der Präsident der Republik Finnland so.


Unser Autor leidet an „arktischem Fieber“ und durchmisst die vielfältige Literatur zu den weißen Landschaften der Polarzonen mit eiligem Tempo und schnellen Kapitel-Schritten.


Seine Erkenntnisse sind manchmal etwas banal: „Man fährt nicht in die Arktis, um Urlaub zu machen oder zu entspannen.“ Das hätte man sich fast vor diesem Buch schon gedacht.


Natürlich marschieren wir an den Seiten der Polarfahrer durchs Packeis, frieren mit, erleben ihre Tode, müssen aber auch erkennen, dass sich längst kein Mythos mehr rankt um den arktischen Raum vor lauter Erforschung. Denn inzwischen sind Tausende von Menschen am Nordpol gewesen.


Die Arktis-Sehnsucht des Autors hat ursprünglich einen nachvollziehbaren Grund. Er will in den Norden, weil alle anderen in den Süden wollen.


Vor seinem inneren Auge entsteht das Klischee-Eisbild der Antarktis: klirrend weiß, blankes Eis, glitzernder Schnee, blaue See, zugegeben ein Klischee, dabei weiß der Autor, dass das Wetter ziemlich grauselig sein kann in diesen Breiten. 


Seine Annäherungsversuche an den Norden beginnen schon in Kopenhagen. Da taucht der Autor schon in die Kolonialgeschichten Dänemarks ein. Er ist berauscht von den Farben des Nordens, lobt das Licht, entdeckt das bisschen Biologie zwischen dem Eis, schildert arktische Kälte, vergisst nicht den Walfang und die blutige Spur davon, auch die Luftschiffexpeditionen bekommen ihr extra Kapitel und die Touristenströme, die neuerdings ihre Nordpol-Erfahrungen machen wollen. 


Fazit: ein heißer Schmöker für die kalte Jahreszeit.

Ein Leben für Literatur: Michael Krüger

Michael Krüger. Aus dem Leben eines Erfolgsschriftstellers. Geschichten. Inputverlag. Perlen der Literatur. Band 18. Mit einem Vorwort von Charlotte Ueckert


Zielgruppe: Krüger-Fans, Literaturbegeisterte, Satiriker, Buchhändlerinnen, Verlagsangehörige, Schriftsteller, Autoren, Coffee-Table-Besitzer


Im Vorwort zeigt sich Charlotte Ueckert von der Naturlyrik Michael Krügers beeindruckt und seinen existenziellen Gedanken zu seinem Lebens-Schicksal überhaupt, aber auch zu seiner Erzählkunst im Allgemeinen. 
Sie zeigt sich auch vorab fasziniert von seinen slapstickartigen Artikeln, satirischen Überspitzungen, die in diesem Buch vorkommen. Ihr Urteil fällt schon für den Leser vorneweg: “Die Erzählungen lesen sich flott und machen neugierig auf andere Bücher Michael Krügers.“


Es folgt dann auf einer einzelnen Buchseite ein Erklärtext des Herausgebers Ralf Plenz zu seiner Buchreihe „Perlen der Literatur“, die entweder sprachliche Besonderheiten aufweisen, auf jeden Fall jedoch richtungsweisend wirken sollen. 


Ein Beiratsgremium sichtet die vorgeschlagenen Titel. Es geht dem Verleger darum, eine bibliophile Ausstattung, mit Fadenheftung und Leineneinband anzubieten. Eben das besondere Buch. Jeder einzelne Band erscheint in einer anderen Typographie. Kalligraphische Elemente sollen als Leseanreiz dienen. Gleich wie der Umfang des Buches sich darstellt, soll der Ladenpreis dennoch einheitlich und günstig sein.
Michael Krüger schreibt: „Wer sich der Kunst verschrieben hat, ist für die Menschen verloren?“ Schon allein für dieses Zitat hat sich der Kauf des Buches gelohnt.


Im ersten Kapitel schildert ein Reihen-Erfolgsschriftsteller sein Leben zwischen Familie und Buchhonoraren, zwischen Einnahmen, Inlandsverkauf und Literaturkritik, überwältigt von Film- und Fernsehrechten, sowie Merchandising. Es ist eine brüllende Satire auf den realen Buchbetrieb, den Krüger nun wirklich kennt.
Im zweiten Kapitel spielt die Geschichte des Onkels eine Hauptrolle. Im nächsten nimmt der Autor den Theaterbetrieb aufs Korn. 
Dann folgt das Stück „Der Nachbar“. Dann eine Geschichte über einen Vater, der gar nicht der Vater ist. 


Michael Krüger schafft es auf ganz wenigen Seiten über eine Tür zu philosophieren: „In unserem Haus gab es eine Tür, die ins Nichts führte … Den Sinn des Garnichts habe ich gelernt. Ich habe gelernt, dass ich gar nichts bin. Und dass ich doch bin?“ 


Eine Tür, die nach Holz riecht. Nach frischem „Sonnenuntergangsholz.“
Es ist eine pure Freude, sich in Krügers literarischen Familiengeschichten einzugraben, die voller Lust geschrieben sind.


Satire pur das Kapitel „Ein Mord, den jeder begeht“. Ein Verlagslektor tötet seinen Autor. 


Fazit im Schlusskapitel, im Anhang, der Text Alkohol und Literatur. 
Erster Satz: „Wer schreibt, trinkt auch.“
Ein vergnüglicher Lese-Spaß über den Zusammenhang von Schreiben und Trinken.


„Wer zu viel liest, ohne ständig zu spülen, muss dumm werden. Wer zu viel trinkt, ohne das Getrunkene lesend zu verarbeiten, wird in der Gosse landen. Nur beides erhält eine Kultur. Nur beides zusammen ist Kultur.“ 
Dieses Büchlein satirisch, skurril, schrullig. Großartig!


Michael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf/Sachsen-Anhalt, lebt in München. Er war viele Jahre Verlagsleiter der Carl Hanser Literaturverlage und Herausgeber der "Akzente" sowie der "Edition Akzente" und von 2013 bis 2019 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Er ist Mitglied verschiedener Akademien und Autor mehrerer Gedichtbände, Geschichten, Novellen, Romane und übersetzungen. Für sein schriftstellerisches Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Peter-Huchel-Preis (1986), den Mörike-Preis (2006) und den Joseph-Breitbach-Preis (2010).

 

Ein Leben für den Journalismus: Theo Sommer

 

Theo Sommer ZEIT MEINES LEBENS Erinnerungen eines Journalisten PROPYLÄEN

 

Zielgruppe: Journalisten, Publizisten, Geschichtswissenschaftler, zeitgeschichtlich Interessierte, Politiker jeder Couleur, insbesondere AfDler, jeder Wähler, Verschwörungstheoretiker, Richard David Precht, ZEIT- und SPIEGEL-Leser und Freunde des STERN


Was für eine Lebensgeschichte, was für ein pralles journalistisches Leben, was für eine Erfolgsstory! Theo Sommers‘ Biographie ist mit ihren 501 Seiten ein fulminantes Geschichts- und Gesichtspanorama der Bundesrepublik Deutschland, sehr lesenswert, wer sich für das Gestern interessiert, Journalismus verstehen und die handelnden Personen der Zeitgeschichte noch einmal Revue passieren lassen will. 


Im Vorwort schreibt Haug von Kuenheim: „Im Laufe seines langen Lebens wurde Theo Sommer eine große Zuneigung entgegengebracht. Sie beruhte auf seiner Herzlichkeit und Offenheit, auf seiner Vitalität und Unbekümmertheit, auf seiner großen Professionalität: Er wusste, was die relevanten Themen sind und wie man Zeitung macht. Sein Charisma und seine Kompetenz beruhten ganz einfach auf seinem Interesse an der Welt und seiner nimmermüden Neugier auf das Andere und ihm Fremde. Nie arrogant, nie überheblich. Er liebte das Lachen. Er blieb der strahlende, sympathische große Junge mit den kräftigen Pranken.“ 
Sommer beschreibt seine Jugend, wie „wir die Braunhemden auszogen und Demokraten wurden“: „Da ich keine persönliche Schuld trug, lebte ich auch nicht im Unfrieden mit mir.“ Er war zu jung, um Täter zu sein, zu jung, um Opfer zu werden. 


Schreiben lernte er - das kenne ich und höre es auch immer noch - auf der Schiefertafel mit quietschenden Griffeln. Schläge aufs Hinterteil gab‘s mit dem Teppichklopfer, auf der Toilette - eingeschlossen - Winnetou lesen, Aufklärung gleich Null, das F-Wort tabu.
Wir verfolgen das Leben als „Hitler-Pimpf“, die braune Vergangenheit als Mitläufer, die Jugend- und Flegeljahre, den Wandel zum Demokraten, Umbruch, Umdenken, Aufbruch in Deutschland.

 
Eindrucksvoll, wie er den ersten Nachkriegssommer auf zwei Druckseiten genau und ausführlich beschreibt, um zu überleben Wildgemüse pflücken, Kartoffeln stoppeln, gebrühte Eicheln verköstigen und geröstete Gerste als Malzkaffee genießen und Holz schlagen in den Wäldern, um die Winterkälte zu bekämpfen. Bei letzterem sind wir jetzt auch wieder angekommen. 


Bei den GIs sammelt er Taschenbücher auf, liest sie und schlägt ihm unbekannte Wörter in Lexika nach. Im Amerikahaus lernt er die Literatur der USA kennen.


In seinem Reifeprüfung-Zeugnis steht, Sommer ist selbständig und kritisch denkend, er hat ansehnliches Wissen erworben und die Reifeprüfung gut bestanden. 


In der Rems-Zeitung, seiner ersten journalistischen Station, schreibt er über Filmpremieren, Schulwettkämpfe und Dachstuhlbrände. 


Unzählige USA-Aufenthalte machen ihn bald zu einem westintegrierten Fan der Vereinigten Staaten. Er nimmt an Kissingers Harvard International Summer Seminar teil, weiß, dass dieses vom CIA bezahlt wird, die USA suchen Influencer. 


Am 1. Januar 1958 tritt er dann seinen Dienst bei der ZEIT an. Rudolf Walter Leonhard meldet nach einem Testbesuch an die Gräfin Dönhoff „Der ist in Ordnung“. 


Warum wählt er den Berufsweg des Journalisten, wird nicht Diplomat, wie ursprünglich der Wunsch war: „Was mich am Journalismus faszinierte, war die Chance, Ideen mit Fakten zu verbinden. Es reizte mich, zu klären und aufzuklären. Wie die Philosophie beginnt Journalismus mit Staunen. Am Anfang steht die Frage: Was können wir wissen? Daraus folgt die zweite Frage: Was sollen wir tun? Schließlich die dritte: Was dürfen wir hoffen, was müssen wir fürchten? So gesehen, ist der Leitartikler ein Aristoteles für Arme.“


In der ZEIT trägt man damals Sakko und Krawatte, ganz bestimmt keinen Dreitagebart und schon gar keine langen Haare, Hamburg eben. 
Bucerius trug dagegen Wollhemd oder Pullover, Verleger dürfen das.
Sommer lobt die publizistischen Urgesteine Augstein, Nannen, Springer und Dönhoff.


Jetzt ist er selber eine Art Granit. 


Er gehörte eben zu den „Buben der Gräfin Dönhoff“. Im Vergleich zum Kollegen Müller-Marein schreibt er über d i e Dönhoff: „Er (Müller-Marein) ging beim Schreiben von der Form aus, die Gräfin indes vom Inhalt. Er war ein Wächter gepflegter Prosa und guten Stils, die Sprachmelodie und der dramaturgische Aufbau eines Artikels bedeuteten ihm mehr als die Faktenanalyse. Wenn er unsere Texte redigierte, durften wir ihm dabei über die Schulter schauen. Seine stete Mahnung war: ‚Bloß keine Leblosigkeit und Lieblosigkeit der Schreibe!‘ “ 


Sommer attestiert Dönhoff eine Interpunktionsschwäche und zitiert ihre Begründung, seit sie als Kind dem täglichen Tischgebet, eben doch keinen Sinn entlocken konnte: „Komma Jesus, sei unser Gast.“
Wir erleben in diesem Buch farbige Personenporträts, spannende Zeitgeschichte, anekdotische Indiskretionen, deftige Schmonzetten, tiefgründige Absichten, Aussichten und Einsichten, Liebens- und Lobenswertes. 


Dem Konkurrenten SPIEGEL bescheinigt Sommer „Respektlosigkeit auf die Spitze getrieben“. 


Sommer zitiert Augsteins Selbstreflektion: „Etwas Sein, etwas Schein, etwas Schwein.“ Ein Mann, der zweifelt, prüft, sucht. 


Sommer schreibt über Nannen: „Weil er selbst Feuer hatte, konnte er Menschen entflammen.“ Dieser versprach ihm, den Arsch „zu vergolden, wenn er zum STERN käme“, Sommer bleibt treu und bei der ZEIT. 
Nannen ist für ihn Mann, Macho, Macher, Mäzen und ein journalistisches Vorbild. 


Wir erfahren von der Dönhoff, kleine liebenswerte Details, dass sie gerne Vollkorn-Salami-Schnittchen am Mittagstisch zu sich nahm, auch gerne mal zwei klare Schnäpse dazu, ja eben, klassisch ostpreußisch. 
Die vielen Details aus dem Alltagsleben sind jedoch immer mit Sommers politischer Analyse verbunden. Bei Dönhoff eben Texte und 25 Bücher zu ihren Hauptthemen Widerstand gegen Hitler, Aussöhnung mit dem Osten und Kritik an den Auswüchsen des Kapitalismus. 


Ihr Credo war: Wer schreiben will, muss lesen - und Journalismus ist kein „Pfauengespreiz“. 


Dönhoffs Erfolgsgeheimnis, so Sommer, festgefügte Kriterien, Geduld, Detailplackerei und Unerschrockenheit. Das war das Geheimnis ihres Wirkens und ihrer Wirkung. 


Sommer pflegt zeitlebens eine enge Freundschaft zu Henry Kissinger, an dessen Seminare und Treffen er regelmäßig teilnimmt und dem er auch mal die halbnackten Liebesdamen der Herbertstraße vorführt (wenn dass die Alice wüsste). 


Ein weiterer Freund war Helmut Schmidt, der spätere Feldwebel-Herausgeber der ZEIT, in dessen Planungsstab im Verteidigungsministerium Sommer auch kurze Zeit tätig war. Sie hatten sich im Schlafwagen kennengelernt und stundenlang über Verteidigungspolitik geplauscht. 


Egon Bahr kommt auch vor, dessen Wortwitz, feinsinnigen Humor, Ironie und Spottlust Theo Sommer schätzt, und dem es - wie wenigen Politikern - vergönnt war, die Weichen der Geschichte wirklich in eine andere Richtung zu stellen. 


Das Buch versammelt Weltpolitik, deutsche Geschichte, Deutschlandpolitik, Verteidigungspolitik, zeigt die Innenseite des Journalismus: Es ist also mehr ein Geschichtsbuch als eine eitle Selbstbespiegelung in der Biografie.  


Am Schluss fasst Sommer noch einmal sein journalistisches Selbstverständnis zusammen und kritisiert „Inszenierungsjournalismus“ á la Relotius, „Schlammschlachten-Journalismus“ á la BILD und „Buchmacher-Journalismus“ nach dem Motto: Politik ist wie ein Pferderennen zu beschreiben: Wer liegt gerade vorne, wer fällt zurück? 
Zitieren wir am Ende die journalistische Funktionsfrage ausführlich, denn Sommer machte ja das, was man heute nebulös mit „irgendwas mit Medien“ umschreibt. 


„Was ist eigentlich ein Chefredakteur? Er ist - daran hat sich auch nicht viel geändert - eine Art von eierlegender Wollmilchsau. Er soll alles können: Schreiben, Redigieren, Blattmachen, Verwalten, Ideen haben für sich und vor allem für andere, die Kollegen inspirieren oder bremsen, den Verlag bremsen oder ihm Beine machen und stets klaglos den Grüß-August mimen. Dazu braucht er ein ausgleichendes und ausgeglichenes Temperament und Einfühlungsvermögen, Einfallskraft und Leidensfähigkeit. Auch Humor hilft. Nur selten habe ich mir ein Aufbrausen erlaubt. Bereitschaft zur Härte: Ja, wo sie denn unumgänglich ist. Doch Besänftigen ist meist wichtiger als Donnern … bei Lichte betrachtet ist Chefredakteur ein unmöglicher Job. Er erfordert die Arbeitskraft eines Kulis, die Geduld eines Missionars, die Beredsamkeit eines Ministers, die Würde eines Erzbischofs, den Optimismus eines Schiffbrüchigen, das Lächeln eines Filmstars, die Durchschlagskraft eines Preisboxers. Der Chefredakteur muss es machen wie das Sandkorn, das die Auster so lange reizt, bis sie eine Perle produziert. Doch darf er es mit dem Reizen auch nicht übertreiben. Besser, er hält sich an das Rezept des chinesischen Weisen Laotse: ‚Einen Staat‘ - in diesem Fall eine Redaktion – ‚muss man so lenken, wie man kleine Fische brät: mit Geduld, Umsicht und leichter Hand, ohne abrupte Bewegungen, sonst bleiben nur die Gräten übrig.‘ “
So kann man die Jobbeschreibung stehen lassen und muss sie nicht redigierend-korrigieren, weil sie eben sehr stimmig formuliert ist.
Sommer war ein Menschen- und Themen - „Fischer“ oder wie die FAZ-Konkurrenz attestiert: „Theo Sommer war eine Institution“ - eine durch-und-durch-demokratische, wie ich hinzufüge.  

Ab in den Süden - Wandern nach Rom

 

Willi Winkler HERBSTLICHT Eine Wanderung nach Italien                             rowohlt Berlin

 

Zielgruppe: Outdoor-Fans, Wanderfreunde, Italienbegeisterte, Naturburschen und -Mädels, Kunstsinnige, Rom-Bewunderer, Nur-Geher, Freunde der schönen Formulierungen

 

Willst du nach Rom ziehen, eine Wanderung nach Italien unternehmen, womöglich im Herbstlicht, in der Dämmerung des Jahres, musst du zu Willi Winkler greifen, erschienen bei rowohlt Berlin.

 

Da macht sich ein Journalist dorthin auf, wo die Zitronen blühen, der schwarze Espresso flutet und die Pizza her stammt. Jahrtausende lang sind Menschen nach Italien gepilgert, und unser oberster Literat, Johann Wolfgang von Goethe, natürlich auch.

 

Willi Winkler muss seinem inneren Drängen nach die 1.300 Kilometer zu Fuß gehen, von Selbstzweifeln, ob er es schafft, geplagt, auf alten Pilgerpfaden hinunter, hinter die Alpen. An schrecklichen Autobahnen entlang, hindurch durch lockende Weinberge zieht es den Autor der Süddeutschen Zeit - lange Jahre Redakteur der ZEIT, Kulturchef beim Spiegel und Publizist zahlreicher Bücher - in den Süden. Soweit seine Füße tragen… Aber eben nicht durch den hohen Schnee Russlands, sondern vorbei an traumhaften Landschaften, Barockkirchen, warnenden Industriebrachen, geht die abenteuerliche Reise des fernwehkranken Autors, der in farbigen Schilderungen sein Reisetagebuch vor uns ausbreitet, ab in den Süden.

 

Natürlich stellt er ein Motto von Goethe voraus, Sätze an Charlotte von Stein: „Man streicht herum ohne zu fragen, wo man ausgegangen ist und hinkommt.“

 

Winklers Beobachtungen: Das Auto ist der natürliche Feind des Wanderers. Sein Vor-Gänger Luther konnte noch keine Dämpfung des Fußbetts gehabt haben, weil es damals eben noch keine Outdoor-Ausstatter gab.

 

Winkler hat am Start bestes Wanderwetter, geht durch dunstige, freie Felder, atmet Impressionen am laufenden Meter ein.

Es sind seine genauen Beobachtungen, die an diesem Buch vor allem faszinieren, und seine treffenden Formulierungen. Einige Beispiele: Wenn Winkler durch das Land der Ossis streicht, an Halle vorbei, schreibt er „Der Abend darf sich ruhig neigen, die Sonne sich spiegeln im Teich, es ist für Momente reines Rokoko, wirklich VEB Natur & Kunst“.

An Imbissbuden findet er „Herumhänger“ und „Bescheidwisser“, Hunger, Durst und Unwetter plagen ihn wie der Unstrut-Wein, der ihm leichte Kopfschmerzen bereitet und Hotels auch, die staubtrockene Müslis servieren und laschen Kaffee. Deutschland ganz nah.

Meine Güte Winkler, was tust Du dir da an?

 

Dafür wird er mit Max-Frisch-Lektüre am Klosterbett belohnt.

Winkler fängt nicht nur optische, sondern auch akustische Eindrücke ein: “Zu hören, nur mein eigener Lärm: die reibenden Ärmel des Anoraks, die Stöcke und die Schuhe auf dem Boden.“

Dann hört er einen Graureiher, für ihn eine „Tonsensation“.

Und schließlich: „Von mir aus könnte das die Mitte der Welt sein, aller Krach ist daraus entflohen.“

 

Schade, dass er dann doch auch wandermäßig an röhrenden Autobahnen vorbei muss.

 

Winkler ist bedacht, er trägt ja passende Schuhe, leicht zu schnüren, wasserdicht, schließlich rechnet er auch mit Pfützen unterwegs. Sie tragen den Namen Re-ne-gade! Wortbedeutung Abtrünniger, Überläufer, Bandit, Deserteur. Was für Namen für bloßes Schuhwerk.

Winklers Motto: „Also gehen, fortgehen, immer weitergehen.“

Angekommen in Rom schmeckt ihm der bloße weiße Hauswein wie Nektar, den Kopf möchte er vor Erschöpfung am liebsten in den dampfenden Nudelteller betten.

Er ist am Ziel seiner Wanderung. Er ist gewandert, nicht einfach nur spaziert, auch irgendwie gepilgert und war wirklich in Rom angekommen.

 

Am Schluss steht sein Laufgeheimnis in ein Zitat gebettet: „Muss ich ausdrücklich erwähnen, dass ich nicht hierher gekommen bin, um Italien kennenzulernen, sondern um glücklich zu sein.“ (Jean Giono, französischer Nobelpreisträger) Na bitte! Hat wohl geklappt…

Im Frühtau zum Berge EVEREST

Oliver Schulz 8849 Massentourismus Tod und Ausbeutung am Mount Everest Westend

 

Wer heute den Mount Everest, den höchsten Berg der Erde, besteigen möchte, braucht dafür weder besondere Kenntnisse noch eine herausragende Kondition. Ein voller Geldbeutel und die Bereitschaft, „über Leichen zu gehen“, genügen. (WESTEND)

Zielgruppe Nepal-Touristen, Alpen-Freunde, Bergsteiger-Fans, Himalaya-Urlauber

 

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Grossartig und grotesk Juri Andruchowytsch

Juri Andruchowytsch RADIO NACHT

 

Suhrkamp

 

Zielgruppe: Ukraine- Interessierte, Literaturfans der Gegenwartsliteratur der Ukraine, Russlandversteher und Ukraineversteher, Auslandskorrespondenten, Sprach- und Sprechfaszinierte

Als „Barrikadenpianist“ hat er die Revolution zu Hause unterstützt. In der Emigration verdient er sein Geld als Salonmusiker – Josip Rotsky, ein Mann unklarer Identität, dessen Name sich auf Trotzki, Brodsky und Joseph Roth reimt. In einem Schweizer Hotel muss er für den Diktator seines Landes spielen - und wird zum Attentäter.  Nach der Haft zieht Rotsky sich in die heimatlichen Karpaten zurück. Geheimdienstler und andere Finsterlinge trachten ihm nach dem Leben. Mit seiner Geliebten Animé und dem Raben Edgar flieht er nach Griechenland. Erst auf der Gefängnisinsel am Null-Meridian ist Schluss. Dort sendet sein „Radio Nacht“ rund um die Uhr Musik, Poesie und Geschichten in die sich verfinsternde Welt. (SUHRKAMP)

 

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Eiskalt-Krimi: SCHNEE in Island

Zielgruppe: Island- und Inselfans, Trackingfreunde und Wintersportler, Gruselgeister, die Nordic-Walking und Nordic-Crime-Gemeinde, Phantasyfans und die Bestseller-Leserschaft von Yrsa Sigurðardóttir

 

Yrsa Sigurðardóttir Schnee   

 

Thriller btb

 

Was zwang die Freunde, zwei Paare, sich mitten im harten Winter im isländischen Hochland zu bewegen, in Dunkelheit und Schneestürmen? Und warum verließen sie das kleine Hüttchen, das sie hatten, kaum bekleidet und den harten winterlichen Bedingungen outdoor vollkommen ausgeliefert? Ein Rettungsteam wird in die abgeschiedene Gegend geschickt, um nach den Vermissten zu suchen. 
Währenddessen gehen an der einsam gelegenen Radarstation in Stokksnes seltsame Dinge vor sich. Nichts ist so, wie es scheint: Sei es die Blutlache, die im unberührten Schnee fernab der Zivilisation entdeckt wird, oder der kleine Kinderschuh, der Jahrzehnte nach der Vergrabung wiedergefunden wird …(btb)


Es beginnt mit diesem ominösen Fund: ein rosa Kinderschuh taucht plötzlich in einem Garten auf. So steht es im Prolog. Schon in Kapitel 1 werden wir in die unberührte weiße Schneenlandschaft Islands entführt, dorthin, wo nichts Lebendiges zu sehen ist. Im isländischen Hochland wird eine Menschengruppe vermisst. In Dunkelheit und schweren Schneestürmen beginnt die gefährliche Suche nach ihr. 
Vier Menschen sind verschwunden, warum haben sie ihre Schutzhütte verlassen? Wieso findet dieser Ausflug ein so grausames Ende? Welches Geheimnis steckt dahinter? Und was hat es mit dieser aufgefundenen Blutlache auf sich? 


Natürlich spielt die Landschaft der Lavainsel die Hauptrolle, das Eis, der Schnee, die Stürme, ein Land in der Heimat der Finsternis. Hier kann das Grauen einfach gut beschrieben werden. Schon der Gedanke an das winterliche Islandtief lässt den Leser automatisch schon gänsehaut-frösteln. Wer hat sich schuldig gemacht im überall blendenden grellweißen Schnee? Mysteriös! 


Island ist das Land der Geister - und Elfengeschichten, fast in jedem Haus ist ein guter Erzähler oder heimlicher Schriftsteller zu Hause, das lange Dunkel der Winternächte lässt der Phantasie freie Lauf. 
Thriller ist am besten vor heimischem Holzofenfeuer zu lesen, und sollte die putingesteuerte Winterkälte uns übermannen oder überfrauen, hätten wir für diesen Roman der Erfolgsautorin Yrsa Sigurðardóttir auch die raumklimatischen Voraussetzungen.

 

ssen sein. Das war in etwa 1966, der Irrtum hält bis heute an.

 

Craig Brown ONE TWO THREE FOUR
Die fabelhaften Jahre der Beatles C.H.Beck
 
Zielgruppe: Grauhaarige, Beatlesfans, Rolling-Stones-Konzertgeher, Knutschfreundinnen aus den 1960ern, heute noch Langhaarige
 
John Updike verglich sie mit „der Sonne, die an einem Ostermorgen aufgeht“, Bob Dylan machte sie mit Drogen bekannt. Leonard Bernstein bewunderte sie, Muhammad Ali nannte sie „kleine Weicheier“, J.R.R. Tolkien ließ sie abblitzen, und die Rolling Stones kopierten sie. Die Beatles haben niemanden unberührt gelassen. Craig Brown erzählt das Leben der „Fab Four“ mit literarischer Finesse, mitreißendem Schwung und unwiderstehlichem Witz. (C.H.Beck)
 
Verdammt lang her, als wir auf dem Schulhof gestritten haben, wer nun die bessere Band ist, Beatles oder Stones? Frühe 1960er war das. Ich gehörte zum Beatleslager, alterszornig bin ich jetzt bei den Stones gelandet. Aber die Songs der Beatles sind immer noch in meinem Musikherzen. Unvergeßbar. Wenn ich den Lagerkoller habe, laufe ich zum Gegner über, mein Musikgeschmack ist tagesaktuell. Möchte dann doch aber auch erwähnen, dass mein verdi-talentierter Vater mit Operntenorfähigkeiten meinte, die Beatles werden innerhalb eines Jahres vergessen sein.

 

„Denken Sie nur, was hätten wir verpasst, hätten wir die Beatles nie gehört“, lobt Queen Elisabeth II., die jetzt selbst schon bei Lohn Lennon ist und ein Extrakonzert bekommt. 
Meine Güte, sechs Seiten Quellenangaben, der Autor hat mehr als ein Jahr nichts anderes gelesen als Beatles-Literatur. 

 

Ein opulentes Werk legt er vor, 670 Seiten Musikarchäologie über eine Band, die von den einen anfangs als GRAUENHAFT, von den anderen aber als FABELHAFT angesehen wurden. Craig spricht von der Macht der Musik, der Magie der Beatles, dem Zusammenspiel der Gegensätze. 
Wir erfahren nah Persönliches: Über John Lennon, der seine Träume für sich selbst und die Welt wahr gemacht hat, die allgemeinen und höchst persönlichen Sehnsüchte der Pilzköpfe, ihre Irrungen und Wirrungen, ihr Ausprobieren, ihr Scheitern und ihre Erfolge.

 

Auch die kleinen Beobachtungen machen aufmerksam: Wie kam das „ma belle“ in den Titel „Michelle“, in welchen Hamburger Kellern trieben sich die FAB FOUR rum? Wie hoch ist Ringo Starrs Vermögen? Stimmt die Zahl, dass es weltweit 1000 Tribute-Bands gibt? Wie hat Paul Mc Cartney geübt, Autogramme zu schreiben und was hielt Helen Shapiro davon? Wieso fiel Cliff Richard der Vergessenheit anheim mit seinem „krummbeinigen Gewackel“?

 

Hat John Lennon die beste Definition von Rockmusik gegeben, indem er formulierte: „Wir spielen Rock’n’Roll mit einem neuen Namen. Rockmusik ist Krieg, Feindschaft, Unterwerfung. Wir singen von Liebe, aber wir meinen Sex, und die Fans wissen das.“ 

 

Immer wieder begegnen wir Liedzeilen, Interviewausschnitten, Szenen, Anekdotischem, eine Fülle von Eindrücken, die wie einzelne Noten auf der Partitur kopfüber herumpurzeln. Mal in Dur, mal in Moll. Dabei hatten John und Paul nie richtigen Unterricht gehabt und konnten Noten gar nicht lesen. 
 
Unvergessen der Satz in Anwesenheit von Queen Mum Elizabeth und Prinzessin Margret auf den teuren Konzerthallen-Plätzen: „Diejenigen auf den billigen klatschen einfach mit. Und die anderen, ihr klimpert einfach mit euren Juwelen.“ Bei den Proben hieß der Satz noch lästerlich: „fucking jewels“.

 

Die Beatles treffen Marlene Dietrich und Ed Sullivan, auch Musikgrößen wie Lenny Bernstein, der sich in die Musik der Beatles verliebt hat, weil ihr musikalischer Erfindungsreichtum ihn an Schubert erinnert, mit ihrer IHR-KÖNNT-UNS-ALLEMAL-Coolness, während die Gegner die Musik als Vorboten von Impertinenz, Verdorbenheit, Respektlosigkeit einschätzten und damit die Welt und ihre Moral in den Abgrund reißen. 

 

Ja, stimmt, meint der Autor und zitiert einen russischen Geschichtswissenschaftler: „Man könnte behaupten, die Beatles haben mehr für den Abbau des Totalitarismus in der UdSSR getan als Solchenizyn und Sacharow.“ Dabei besaß Ringo Star als einziger kein Talent zum Komponieren. Dennoch wurde sein Trommelfell bei einer Auktion für 2,1 Millionen Dollar versteigert. Ein wunderbares Anekdotenbuch über eine wunderbare Zeit. Übrigens Jagger singt „wanna“ John bevorzugt „want to“, das ist eben der Unterschied. Ich muss mal wieder das Lager wechseln. Yeah, yeah,yeah, I can’t get no satisfaction …
 

Der Verlust - Deutschland hat Schlafapnoe

Es ist etwas passiert in den letzten dreißig Jahren. Immer weniger Menschen vertrauen den Institutionen dieses Landes - weder der Regierung noch den Medien, noch nicht einmal der Wissenschaft. Doch wie konnte es so weit kommen? Die preisgekrönte Journalistin Anita Blasberg rekonstruiert die schrittweise Erosion des Vertrauens - am Beispiel ihrer eigenen Mutter und entlang historischer Bruchstellen und Protagonisten. Da ist ein junger Treuhandmanager, der achtzig ostdeutsche Betriebe in zwei Jahren verkauft; da ist eine Klinikärztin, die ihre Patienten schneller entlassen soll, als ihr lieb ist; da sind Politiker, die nach der Finanzkrise ihre eigene Ohnmacht bestaunen und dann fast alles beim Alten belassen. (Rowohlt)

 

Kurzweilige Notizen und Weisheiten

„Man liebt nicht weil, man liebt obwohl.“ Nach seiner bewunderten Stilstudie «Die Schlange im Wolfspelz» legt Michael Maar eine schlanke und sehr private Sammlung von Notizen, Betrachtungen, Aphorismen, Anekdoten und kurzen Prosastücken vor über all das, was ihm im Lauf der Jahre wichtig erschien. Maars Buch handelt von Musik und Metaphysik, von prophetischen Träumen, vom in der Luft schwebenden Glas, von den blauen Häkchen bei WhatsApp und wie sie Proust gequält haben würden; von den Frauen bei Tschechow, vom Bahnhofs-Youporn unter Lenin, von Wolfgang Paulis tödlichem Problem mit der Zahl 137, von Joseph Roths Taschenuhr, von Stifters Unfruchtbarkeit, von Fichte, der bei Goethe lässig seinen Mantel abwirft, von Doctorows „Ragtime“ als Kleist-Thriller, von den Rätseln der Kosmologie; von der süßen Angewohnheit zu leben, zu lesen, zu lieben, zu altern und nachzudenken. (Rowohlt) 

 

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Wie Ulysses auf die Welt kam

Eine Buchhandlung mitten in Paris. Für die junge Amerikanerin Sylvia Beach ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Dass sie mit »Shakespeare & Company« in die Geschichte der Weltliteratur eingehen wird, ahnt sie bei der Eröffnung 1919 nicht. Schon bald wird »Shakespeare & Company« zum literarischen Treffpunkt in Paris: Hemingway, Gide, Valéry und Gertrude Stein gehen hier ein und aus – und nicht zuletzt aber James Joyce. Als nach Abdruck einzelner Episoden die vollständige Publikation seines umstrittenen Romans Ulysses verboten wird, ist es die unerschrockene Sylvia Beach, die ihn gegen alle Widerstände veröffentlicht  – und damit ihre ganze Existenz aufs Spiel setzt. Doch in der gleichgesinnten französischen Buchhändlerin Adrienne Monnier findet Sylvia Beach nicht nur eine wagemutige Mitstreiterin, sondern auch die Liebe ihres Lebens.Ein Roman über zwei starke Frauen, das »gefährlichste Buch des Jahrhunderts« und eine Liebe im Paris der zwanziger Jahre.

 

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Über den Erfinder der Essais

Ein Bestseller des 16. Jahrhunderts macht große Politik – genauer: sein Autor. Seine „Essais“ waren damals in aller Munde, bewundert, viel gelesen, selten beherzigt. Michel de Montaigne, Bürgermeister von Bordeaux und Erfinder des „Essais“ soll den politischen Versuch unternehmen, die Bürgerkriegsparteien des konfessionell gespaltenen Frankreichs zu versöhnen und einen.  Er soll einen das Land einigenden König bewegen, diesen Thron zu besteigen, auf den er gar nicht strebt. Seit der Bartholomäusnacht von 1572, dem Massenmord an den französischen Protestanten, ist das Land nicht zur Ruhe gekommen. Das Massaker hatte Caterina de Medici veranlasst, eine Florentinerin, die durch Heirat Königin von Frankreich geworden war und nach dem Tod des Königs als Regentin für ihre minderjährigen und regierungsuntauglichen Söhne die Geschicke des Landes bestimmte. Diese Caterina ruft jetzt Montaigne an ihren Hof und beauftragt ihn mit dem für Frankreich letzten Versuch.


Das ist der Hintergrund des Romans „Montaignes Katze“ des deutsch-französischen Kulturjournalisten Nils Minkmar. In seinem Tableau der französischen Renaissance entwickelt der Autor die atemberaubende Versuchsanordnung, in der Montaigne sein diplomatisches Meisterstück abliefern soll. Minkmar nimmt seine Leserinnen mit nach Paris in den Louvre, das damalige königliche Schloss, zur Regentin Caterina und zu den Kontrahenten um den Königsthron. Es waren vier Anwärter, alle mit dem Namen Henri. Sie wurden teils von Spanien, teils von England und den revoltierenden Spanischen Niederlanden unterstützt, vertraten die Interessen jeweils entgegengesetzter Konfessionen, waren auf Gewalt getrimmt und alle miteinander verfeindet. Die Strippenzieherin im Hintergrund war Caterina, deren Tochter unglücklich mit dem Henri verheiratet war, der am wenigsten Ambitionen hatte, französischer König zu werden. Sie war Katholikin, aber ihr Mann, Henri der König von Navarra, war protestantisch. Die Quadratur des Kreises für Montaigne bestand darin, dass Navarra zum Katholizismus konvertieren müsste, um das Land zu regieren und zu befrieden.


Minkmar baut immer wieder kleinere Spannungsbögen auf, die die großen Fragen illustrieren, ob es Montaigne gelingen würde, Navarra von seiner Machtscheu abzubringen und zum Konvertieren zu überzeugen. Das macht der Autor geschickt. Er bettet die einzelnen Etappen auf dem Gelingen des Versuchs in kultur- und regionalgeschichtliche Anekdoten, fügt dem, was aus Montaignes Tagebuch und den sonstigen Quellen als geschichtliche Wirklichkeit hervorgeht, seine eigenen fiktionalen Leckerbissen hinzu und hält sein Publikum mit geschliffener Sprache bei bester Laune. Geschickt fügt er einen von Montaigne mehr aus Verlegenheit angeheuerten Schreiber zu dem sonst sehr wohlgeborenen Personal hinzu. Er wechselt die Schauplätze in der damals üblichen Reiseart, per Kutsche oder hoch zu Pferde: Von seinem Schloss in der Dordogne nach Paris oder auch nach Bordeaux, wo Montaigne als zweimal gewählter Bürgermeister immer wieder mal die Ratsgeschäfte führen muss. Der Erfinder der Essais fühlt sich durch alles das gestört. Er will lieber in dem Bibliotheksturm an seinem ererbten Schloss sitzen und lesen. Er liebt seine praktischer als er veranlagte Frau. Was es mit Montaignes Katze auf sich hat? Lesen Sie selbst!


Minkmar lässt die Mitspieler seines Romans immer wieder aus den Essais zitieren. Es sind die jede Gewalt verdammenden Gedanken, die lange vor der Aufklärung die lesende Welt begeistern. Es ist jetzt also an Montaigne, nicht nur zu räsonieren, sondern die schlimme Welt zu verändern, zu verbessern. Das gelingt, da er Henri von Navarra überzeugt. Der wird ein großer französischer König - am Ende auch ermordet. Über ihn schrieb Heinrich Mann seinen großen Roman "Henri IV." Genial erfindet Minkmar den gelegentlichen Traumauftritt des früh verstorbenen engen Freundes Montaignes, Étienne de la Boëtie, der ihn in seinen Auftritten aus dem Totenreich berät und, wenn nötig, auch bestärkt. Mancher Leser dieses schönen Romans wird auf den Gedanken kommen, wie gut ein solcher diplomatischer Geist wie der Montaignes der heutigen Zeit täte.


Harald Loch


Nils Minkmar: Montaignes Katze          Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2022   399 Seiten   26 Euro

 

Warten auf Cecilia 

Warten verändert die Persönlichkeit. Ein Mann, ein erzählendes Ich, wartet in Lissabon auf seine Frau Cecilia. Die beendet in New York ihre neurowissenschaftliche Forschungsarbeit und wird ihrem Mann nach Portugal folgen. Gemeinsam haben sie beschlossen, der Stadt den Rücken zuzukehren, die wohl ewig mit dem Datum des 11. September verbunden sein wird. Gemeinsam haben sie die schöne Wohnung in einem ruhigen Viertel in Lissabon entdeckt, als sie zur Erkundung dort waren. Für Cecilia haben sie auch gleich eine Anstellung in einem renommierten Forschungsinstitut gefunden. Ihr Mann ist in New York gegen eine schäbige Abfindung entlassen worden und wird nicht mehr arbeiten. Aber er wartet in dieser neuen Wohnung eben auf Cecilia. Der 1956 in Andalusien geborene Antonio Muñoz Molina hat diese Konstellation für seinen beunruhigenden psychologischen Roman „Tage ohne Cecilia“ gewählt, in dem es um das Erinnern und die zermürbende Wirkung des Wartens geht. Man kann verrückt dabei werden!


Der Autor gliedert seine Erzählung in 52 Kapitel - eines jede Woche des Jahres? Er beginnt mit der Einrichtung der neuen Wohnung durch das erzählende Ich. Sie ist genauso geschnitten wie die in New York hinterlassene und der Wartende richtet sie haargenau so ein, wie die alte. Jedes Zimmer bekommt die gleiche Funktion, jedes Möbelstück steht an vergleichbarer Stelle, die Bilder, die Nippes, alles wird Cecilia so wiederfinden, wie sie es in New York hinterlassen hat. Für handwerkliche und auch administrative Aufgaben ist Alexis angeheuert, der seinerseits die Fachgewerke für die Installationen beaufsichtigt. Morgens deckt der Protagonist den Frühstücktisch auf der Terrasse stets für zwei Personen. Aber nur er allein frühstückt. Ab Kapitel 20 beginnt Muñoz Molina nachdenklicher zu werden – etwa über „die Stille“ zu philosophieren. Der Wartende hat sein ruhiges Viertel schon erkundet, kleine sympathische Läden entdeckt, die kleinen Gassen durchstreift, alles bis auf den Fluglärm gut befunden, gut vor allem für Cecilia. Er hat gejoggt. Allmählich fängt er an, sich zu verlaufen. Er beginnt Gesichter zu verwechseln. Immerhin erinnert er sich an das, was Cecilia ihm über die Gehirntätigkeit bei Menschen und Tieren gesagt hat. Sein Zusammenleben reduziert sich aber auf das mit seinem Hund Luria. 
In wohlgesetzten Worten, von Willi Zurbrüggen in ebenso wohlgesetztes Deutsch übersetzt, demontiert der Autor das Erinnerungsvermögen und die soziale Lebenstüchtigkeit seines Hauptdarstellers. Es wird einem schwindlig beim Erkennen der Brüchigkeit des menschlichen Gehirns, der menschlichen Persönlichkeit, die beim immer einsamer werdenden Warten ungeahnte Veränderungen durchmacht. „Vergeblich suchte ich mich an sichere Daten zu erinnern. Es erfüllte mich mit Trauer und Zerknirschung, nicht mehr zu wissen, in welchem Jahr mein Vater gestorben war, vor wie langer Zeit“, bemerkt der Ich-Erzähler seinen Verlust.


Muñoz Molina schreibt so etwas wie einen Entwicklungsroman hin zum Schlimmeren. Wenn er dabei verschiedene Auswüchse westlicher Zivilisation wie nebenbei aufs Korn nimmt, die Überflüssigkeit mancher Errungenschaften bemerkt, immer wieder das Banale jeder Existenz aufruft, dann gelingt ihm nicht nur ein psychologischer, sondern auch ein kritischer Roman. Am Ende nimmt der eigentlich kaum mehr Wartende nicht einmal mehr seine verschiedenen Telefone ab, öffnet die Haustür nicht mehr, lässt das Schloss seiner Wohnungstür auswechseln – nicht von Alexis, denn den will er damit – ohne Grund -  aussperren. Vielleicht verpasst er sogar die immer unwahrscheinlicher werdende Ankunft von Cecilia. Über all das Negative der Entwicklung des Hauptdarstellers in diesem Kammerspiel mit sich selbst tröstet auf einnehmende Weise die literarische Sicherheit, mit der der Autor dieses Abgleiten erzählt, der leise Humor, die feine Ironie, die neurowissenschaftliche Bildung, die er genial in die Erinnerungen an Cecilia verlagert.


Harald Loch
 
Antonio Muñoz Molina: Tage ohne Cecilia   Roman
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
 

 

Die Fratze des Krieges

Seit vielen Jahren berichtet Katrin Eigendorf regelmäßig aus der Ukraine. So auch während der dramatischen Tage und Wochen nach dem 24. Februar 2022, als Wladimir Putin mit seinem grausamen Angriff auf die Ukraine den Krieg zurück nach Europa getragen hat. Angesichts der Bilder aus Mariupol, Charkiw und Kyiw ist auch Deutschland aufgewacht, nachdem es über viele Jahre Wladimir Putin verharmlost hat. 

Katrin Eigendorf erzählt hier vom Krieg, den Putin mit aller Härte führt, vor allem gegen die Bevölkerung. Von ihren Begegnungen mit Menschen, die von einem Tag auf den anderen alles verloren haben, von Familien, die zerrissen wurden, von Kindern, die ihre Kindheit verloren haben. Es sind Begegnungen, die immer wieder an die Schmerzgrenze gehen, auch für eine Reporterin. (SFischer)

 

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Putin - der Killer im Kreml?

Bei der Verfolgung seiner Ziele geht Wladimir Putin über Leichen, und das nicht erst seit dem Überfall auf die Ukraine. John Sweeney, investigativer Journalist und seit vielen Jahren auf der Spur von Putins Verbrechen, legt die Beweise vor: Schon bei seinem unheimlichen Aufstieg vom Stasi-Mann in Dresden zum unumschränkten Herrscher im Kreml ging Putin mit erbarmungsloser Konsequenz vor, ließ Oppositionelle ausschalten, provozierte Kriege und überzog Russland mit einem Netzwerk der Korruption. Sein Ziel: die Festigung seiner Macht, persönliche Bereicherung, Russlands Wiederaufstieg zur Weltmacht. Mit kriminalistischer Akribie hat Sweeney vor Ort recherchiert – in Moskau, Tschetschenien, in der Ukraine während des Krieges –, hat mit Zeugen und Experten gesprochen, mit Dissidenten und Ex-KGBlern, mit Handlangern des Systems Putin, mit Kritikern, von denen zu viele für ihre Haltung sterben mussten. Psychogramm, packender Hintergrundreport und knallharte Analyse – eine längst überfällige Aufklärung, eine beispiellose Anklageschrift. (HEYNE)

 

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Poesie und Politik                                      Szenen einer riskanten Beziehung

Von Wieland über Goethe und Zola bis Amanda Gorman – warum interessieren wir uns für das politische Urteil von Autorinnen und Autoren?

Wer Romane, Gedichte oder Theaterstücke schreibt, gilt oft auch als versiert in Fragen der Politik. Warum eigentlich? Schließlich kennen wir so einige Romanciers an der Seite von Autokraten, Lyrikerinnen, die Diktatoren preisen, von Antisemiten ganz zu schweigen. Manchmal schreiben sie Polit-Kitsch, manchmal aber auch wirklich große Literatur. Jochen Hörisch verfolgt die Liaison der Poeten mit der Politik von Wieland über Goethe und Zola bis Amanda Gorman. Wer wichtige Bücher schreibt, versteht von Politik nicht unbedingt mehr als andere Menschen. Bedeutende Literatur freilich, manchmal sogar politisch inkorrekt, kann einen neuen Blick auf die Welt eröffnen – und dabei unsere politische Wahrnehmung schärfen. (HANSER)

 

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Der Dokumentar-Poet

Der Lebensweg Walter Kempowskis ist exemplarisch für die wechselvolle Geschichte des deutschen Bürgertums im 20. Jahrhundert. Dirk Hempel, langjähriger Mitarbeiter Kempowskis, stellt in diesem Buch Leben und Werk des großen Erzählers und deutschen Chronisten dar: Kindheit und Jugend in Rostock, die Inhaftierung in Bautzen, die gleichzeitige Existenz als Dorfschullehrer und Erfolgsautor. Seine schnörkellose Biographie bietet einen einzigartigen Einblick in das Leben dieses herausragenden Schriftstellers und Zeitzeugen. schon 2004 erschienen – jetzt neu aufgelegt als Paperback/Klappenbroschur bei (PANTHEON)

 

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Putin - ein Verhängnis?

Robert Misik zeichnet ein Regime und das Charakterbild eines rücksichtslosen Despoten, der Europa die Friedensordnung raubt, an die wir uns gewöhnt hatten. Wladimir Putin hat alle an der Nase herumgeführt. In den neunziger Jahren galt er als Demokrat und bewunderte Augusto Pinochet. Nachdem er sich ins Präsidentenamt trickste, beginnt er mit einer Seilschaft hartgesottener KGB-Leute, Russland zur autokratischen Despotie umzuwandeln. Und genauso schnell bastelt er sich eine Staatsphilosophie. Deren Elemente: autokratischer Führerkult, Patriotismus, Imperium, orthodoxe Spiritualität - und Gekränktheit. Dabei stützt er sich auch auf faschistische Denker, etwa auf Ivan Iljin, der Hitler und Mussolini bewunderte. Und er spinnt Netzwerke im Westen, um die Demokratien zu spalten. Putin stilisiert sich zum harten Kerl, zum starken Mann, mit vulgärer Sprache und einer Rhetorik der Gewalt. Nach dieser Lektüre bleibt nur die Frage: Wie konnten wir so blind sein? (PICUS)

 

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Achtung Rotlicht: Radiogeschichte und Geschichten vom Sprecherpult

 

Zwei Bedingungen muss ich zuerst nennen, es könnte sein, dass ich die Dinge nicht ganz objektiv betrachten kann. Ich liebe das Radio und habe selbst Jahrzehnte dafür gearbeitet, ich kenne den Autor Jürgen Kolb, der das Buch „Bei Rotlicht bitte kein Wasser zapfen – meine vierzig Jahre Radio“ geschrieben und als Books on demand selbst veröffentlicht hat. Auch ich war hr-Mitarbeiter, also Vorsicht, es geht um Lob, und es geht in diesem vergnüglichen Buch über Kolbs Zeit als Radiosprecher, Moderator und Redakteur beim Hessischen Rundfunk, um Sprache und Sprechen im Radio. Schließlich war Kolb auch Sprechtrainer und Coach, weiß also, wovon er redet, besser spricht als Sprecher.

 

Stimmen im Radio, das hat mich schon von früher Jugend an fasziniert, die Sportreporter, die Korrespondenten aus fernen Ländern, die Hitparaden-Matadore. Aber die vielfältige Stimmenwelt der Nachrichtensprecher und Sprecher im Radio überhaupt, sie waren immer irgendwie im Hintergrund damals geblieben, und doch sind sie die tragenden Elemente des Sound-Designs eines Senders.

 

Kommen wir zum Buch. In einem Rutsch habe ich es gelesen, weil es gut, spannend und zugleich unterhaltsam geschrieben ist, so dass man als Rezensent versucht ist zu sagen, Beruf verfehlt, Du hättest gleich Journalist oder Autor werden sollen, und hättest nicht den Umweg suchen müssen über die Sprecherrolle.

 

Ob theatralische altmodische Sprecherziehung, Business-Gequake von Radioberatern, die gleichmacherisch in Deutschland die Radiowellen geföhnt und frisiert haben, Funkhausgeflunkere, Senderinterna, erlebte Dialoge, Pannen, Pech und Pleiten, altväterliche „bunte Melodienreigen“, das alles sammelt Kolb akribisch - immer schmunzelnd - auf und lässt uns teilhaben an einer Zeit, als es noch Beruf war und kein Jobs, den wir oder die wir ausfüllten.

 

Bescheuerte Dienstanweis ungen von Chefs, Radiolegenden wie Hanns Verres, Mysterien der deutschen Sprache, Aussprachedetails, korrektes Deutsch, Zungenbrecher wie Köttbullar oder isländische Gletschernamen und Versprecher, das alles kommt uns sprudelnd entgegen, nicht wie ein billiges Mineralwasser, eher lebhaft aufschäumend wie Champagner in der Flöte.

 

Ob Katastrophenereignisse, Börse, Pressestimmen oder Nachrichten, Rezensionen, Anmoderationen von Klassikkonzerten, Nachrichtengong, Nachrichtensprache und Sprechmoden, Sendetechnisches oder „der beste Mix aus X“ oder bloßer Wetterbericht, wir sitzen als Leser mit am Sprecherpult, wenn das Rotlicht aufleuchtet und Jürgen Kolb „on air“ ist, wie es heute anglizistisch ausgedrückt heißt. Das alte „auf Sendung sein“ taugt halt heutzutage nicht mehr.

 

Das Berufsbild Sprecher ist ähnlich verschwommen wie das des Journalisten: „Jeder darf sich Sprecher nennen“, merkt Kolb an.

Wir lachen mit, wir weinen mit über die Trends beim Radio, alles irgendwie gleich klingen zu lassen, die Überraschungen zu tilgen die Originale und das Originelle aus dem Radio zu verbannen.

 

In einem Glossar am Ende des Buches werden wir mit Fachbegriffen der Radiolandschaft erklärend vertraut gemacht.

 

Es ist zwar ein Buch, aber irgendwie müsste man eine Radioserie daraus fertigen, aber das ist wieder ein ganz und gar anderes Thema. Wer hinter die Kulissen eines Senders schauen möchte, dem sei dieser Radioschmöker empfohlen.

 

Jürgen Kolb Bei Rotlicht bitte kein Wasser zapfen. Meine vierzig Jahre Radio boD

Weltsicht - ohne China und Russland

Henry Kissinger, Jahrhundertpolitiker und Friedensnobelpreisträger, Meister der Diplomatie und politischer Stratege, zeigt in diesem Alterswerk, was Staatskunst in Zeiten von Krise und Umbruch auszeichnet. Am Beispiel von sechs Staatenlenkern, denen er persönlich verbunden war - Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, Richard Nixon und Anwar el-Sadat, Lee Kuan Yew und Margaret Thatcher - , führt er uns vor, wie aus dem Zusammenspiel von Strategie, Mut und Charakter politische Führung erwächst. Und was wir heute, angesichts wiederaufflammender Großmachtkonflikte, von ihrer Staatskunst lernen können. (C.Bertelsmann)

 

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Einfach die Welt erzählen - Reinerová

Über die große Dame der deutsch-tschechischen Literatur – Weggefährtin von Anna Seghers, Egon Erwin Kisch und Max Brod.

Sie war die letzte deutschsprachige Autorin Prags, die große Dame der deutsch-tschechischen Literatur, Jüdin, und sie hat sie bis zu ihrem Tod 2008 in Prag alle überlebt: Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Max Brod. Vor den Nazis flüchtet sie über Paris, Marseille und Casablanca bis nach Mexiko-City, nach ihrer Rückkehr wird sie im Zuge der stalinistischen Säuberungen in der Tschechoslowakei inhaftiert – Lenka Reinerová lebte ohne Zweifel eine der bewegendsten Biografien des vergangenen Jahrhunderts. (Verlag Btb)

 

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Russland neu verstehen - ein Alphabet

Es gibt Begriffe, die wir für typisch deutsch halten: Heimat etwa oder Abendbrot. Sie müssen nicht eindeutig sein, um gemeinsame Assoziationen und Erinnerungen hervorzurufen. Jens Siegert ist nach fast dreißig Jahren in Russland überzeugt: Über solche typischen Begriffe lässt sich auch ein unmittelbarer Zugang zur russischen Kultur, Lebensweise und Politik gewinnen. Manche dieser Begriffe sind bekannt, wie der Eintopf „Borschtsch“; manche missverstehen wir ein wenig, wenn wir z. B. die „Datscha“ für einen Schrebergarten halten. Andere werden bis zu Jens Siegerts aufschlussreicher Zusammenstellung wohl nur Experten bekannt sein, wie „Gopniki“ (in etwa: Prekariat), „Mat“ (eine Art Schimpfsprache) oder „Propusk“ (Passierschein). Nicht zuletzt gehört dazu das „Prinzip“, in dem sich Grundsätzliches mit einem achselzuckenden Relativismus verbindet. Kann man mit Jens Siegerts Buch also Russland begreifen? Im Prinzip ja. Denn es eröffnet Einblicke in das russische Fühlen, Denken und Handeln. Indem er Verhaltensweisen und politische Entscheidungen aufschlüsselt, macht Siegert klar: Wer die Russinnen und Russen beim Wort nimmt, kann beginnen, Russland nahezukommen. (Körber Stiftung)

 

Die russische Sprache wird als slawische Variante von 210 Millionen Menschen gesprochen, allein von 150 Millionen, die russisch als Muttersprache benutzen. „Mütterchen Russland“ ist für uns sehr fremd geblieben, schon allein deshalb, weil die meisten von uns diese Weltsprache nicht sprechen. Sprache hilft aber zu verstehen. Davon geht auch der Autor Jens Siegert aus, der für die Heinrich-Böll-Stiftung von 1999 bis 2015 in Moskau arbeitete und jetzt für das Goethe-Institut tätig ist. Und hätten wir Russland - oder besser Putin selbst - beim Wort genommen, wären wir vielleicht zu wahren Russlandverstehern geworden und nicht zu solchen, die vor allem Verständnis für Gaslieferungen hatten. 


Nun ist alles anders, seit der Angriffskrieg Putins im Gange ist. Und wir versuchen, wieder neu zu verstehen.
Jens Siegerts Buch soll uns in den Begegnungen mit 22 Begriffen aus der russischen Sprache weiterhelfen, Russlands Entwicklungen nachzuempfinden. 


„Propiska“, „Kommunalka“, „Gopniki“ und „Wlast“, „Obida“ und „Mat“ und viele andere russische Begrifflichkeiten werden von ihm durchaus auch unterhaltsam interpretiert. Nur, das muss man wissen, dieses Buch ist vor dem Krieg entstanden, dennoch ist es hilfreich auch jetzt als aktuelle Interpretationshilfe. 


Warum lieben Russen die „Datscha“? Warum gibt es Probleme mit der russischen Bürokratie? Wieso ist die Registrierung der Wohnadresse so bedeutend? Auch Trinksprüche sind wichtig, insbesondere auf die Damenwelt, denn: „Der Toast adelt den Schluck“. Warum werden Frauen bei der Begrüßung mit Küsschen links-rechts-links beglückt? Was passiert in der russischen Sauna „Banja“? Alltagsleben und kulturelle Hintergründe werden Kapitel für Kapitel ausgeleuchtet.  
In seiner politisch-kulturell-soziologischen Analyse konstatiert Siegert aber auch eine Wirtschaftskrise, sinkende Einkommen, allgegenwärtige Korruption, jede Menge Umweltprobleme, Defizite im Gesundheitswesen und in der Bildung. Und auch die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. 


Wie im Sozialismus gibt es die menschliche Schlange noch immer, sie gleicht einem Naturereignis wie dem Regen oder dem Winter, schreibt Siegert, sie verweist als Symbol des „bittenden Menschen“ auf eine vom Staat gewollte und versierte Unselbständigkeit des Staatsbürgers, von denen übrigens ein Drittel der Bevölkerung glaubt, Russland sei ein demokratisches Land. 


Aber die reale Situation ist wirklich anders: Der Paragraph Vaterlandsverrat ist im Strafgesetzbuch inzwischen wieder so weit gefasst, dass praktisch jede und jeder jederzeit als Verräter verurteilt werden kann!!!


Russland ist - schreibt Siegert - ein sehr dialektisches Land. Es geht alles nach dem Prinzip ja/nein, funktioniert/funktioniert nicht, geht/geht nicht, soll/soll nicht, kann/kann nicht, muss/muss nicht.
Die bisher so gut geschmiert laufenden Öl- und Gas-Handelsbeziehungen funktionierten nach dem Prinzip westliche Technologie im Tausch gegen russische Rohstoffe. 


Siegert zeichnet den Zerfall der Sowjetunion nach: Seinen Blick zurück in die Zeit der Lager heftet er an den Begriff „Solowetzky“, Zone, Lager und Gulag.  „Solowetzky“ war das erste Lager für „besondere Zwecke“. 1923 wurde aus einem Mönchskloster ein experimentelles Konzentrationslager. 18 Millionen Menschen waren allein in den Jahren 1929 bis 1953 in solchen Lagern interniert. Es wird mit etwa 3 Millionen GULAG-Toten gerechnet. Weiter wurden elf Millionen zwangsweise umgesiedelt. Schätzungen gehen davon aus, dass in den 70 Jahren Sowjetunion eine Million Menschen direkt durch den Staat ermordet wurden. Anfang 1920/21 waren knapp 500.000 Menschen in russischen Gefangenenlagern festgesetzt


Stalinistische Methoden sind wieder in, aber mit der Zurück-in-die-Vergangenheit- Politik wird Russland, so Siegerts Analyse, ein Land ohne Zukunft, erst recht jetzt, wenn sich die Kriegsfolgen wirtschaftlich dramatisch auswirken sollten. 
Siegert beschreibt dann den Weg zu Putins Russland. Hier wurden die Reichen schneller reicher und die Armen weniger arm. Dass die Supermacht USA Russland zu einer Regionalmacht herabwürdigte, hat Putin als narzisstische Kränkung empfunden. 


Politik ist in Russland nicht Staatsbürgersache, sie ist das Vorrecht der Staatsmacht. Ihre Macht wiederum beruht auf staatlicher Gewalt, materiellem Wohlergehen und Anerkennung der Macht durch möglichst viele Menschen. 


Ob örtliche Verbrecherbosse irgendwo in der russischen Provinz oder nur kleine Gauner, Business-men im globalen Geschäft, die ihr Land ausbeuten, das alles ist Russland und noch viel mehr. 
Das ist der Kernsatz in Siegerts Russland-Alphabet: „Russland will in Europa etwas zu sagen haben, sich aber von Europa nichts sagen lassen.“


Russland sucht immer die Provokation, die Herausforderung, den Kampfmodus. Ohne Kampf wird das Gegenüber als schwach eingeschätzt und bei der nächsten Gelegenheit erneut herausgefordert. 
So ist eine Szene, die Siegert beschreibt, typisch: Ein Abgeordneter der Duma, ein „russisch-nationalistischer Hardliner“, fragte die anwesenden Deutschen, rhetorisch versteht sich, ob sie bereit wären, für Georgien in den Krieg zu ziehen. Offensichtlich nicht. Wir, die Russen, so der Abgeordnete, seien das sehr wohl: Ende des Gesprächs!
Vielleicht achten wir jetzt - in den Kriegszeiten - mehr auf Worte und deren Bedeutung dahinter, und machen uns klar, wozu wir bereit sind. Der Krieg produziert wieder echte und vermeintliche Helden. Wie sagte dereinst schon Böll-Kollege Bert Brecht: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“


Und so gilt auch der Heine-Satz, neu interpretiert: Denk ich an Russland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.
Das Buch sei allen alten, neuen und künftigen Russlandexperten, die jetzt wie Champignons aus dem Boden schießen, ans Herz gelegt. 
Ein Alphabet der Verständigung, ohne die es halt auch nicht geht in der internationalen Politik. 

 

Jens Siegert lebt seit 1993 in Moskau. Er leitete am Moskauer Goethe-Institut das EU-Projekt "Public Diplomacy. EU and Russia." Zuvor war er von 1999 bis Mitte 2015 Chef des Länderbüros Russland der Heinrich-Böll-Stiftung zuständig. 2021 erschien sein Buch "Im Prinzip Russland".

 

Jens Siegert Im Prinzip Russland Eine Begegnung in 22 Begriffen Edition Körber Stiftung 

Wolodymyr Selenskyj Für die Ukraine 


Fällt die Ukraine, fällt auch Europa! Die wichtigsten Reden des ukrainischen Präsidenten.
Wolodymyr Selenskyj ist zum Protagonisten des Widerstands gegen den Einmarsch der russischen Armee im Februar 2022 geworden. Putins Angriff zerstört dabei nicht nur die Ukraine, sondern bedroht auch alle europäischen Demokratien. In seinen Reden, mit denen sich Selenskyj kurz vor und direkt nach der Invasion an die eigene Bevölkerung wie auch an andere Staaten und selbst an die Russen richtete, erweist er sich als standhafter Verteidiger seines Landes und der durch diesen Krieg gefährdeten Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit. (ULLSTEIN)

 

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Die furchtlosen Frauen von Belarus

Wir alle kennen die Bilder von den Demonstrationen, die nach den letzten Wahlen im August 2020 in Belarus stattfanden. In vorderster Reihe bei den friedlichen Protestaktionen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit: viele, meist junge Frauen aus allen Schichten – darunter Journalistinnen, Studentinnen, Juristinnen, Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen. Mutig sahen sie den sie umzingelnden Polizisten in die Gesichter, ließen sich nicht einschüchtern – auch nicht nachdem zahlreiche von ihnen verhaftet, verhört, misshandelt und des Landes verwiesen wurden. In “Der weiße Gesang“ erzählen einige von ihnen ihre Geschichte, treten heraus aus der Anonymität der Masse. Sie lassen uns teilhaben an den Ereignissen und ihren persönlichen Erfahrungen der letzten Monate, an ihrem Aufbegehren, ihren Zielen, ihrem Leben im Exil. (EUROPAVerlag)

 

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Buch-Tipps  Angriffskrieg gegen Ukraine

Anne Applebaum, ROTER HUNGER Stalins Krieg gegen die Ukraine Siedler

 

Der erzwungene Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainern zwischen 1932 und 1933 - Holodomor genannt

»Russische Mafiabosse, ihre Mitglieder und ihre Verbündeten ziehen in Westeuropa ein, sie kaufen Immobilien, eröffnen Bankkonten, gründen Unternehmen, dringen Stück für Stück ins Gesellschaftsgefüge vor, und bis Europa sich dessen bewusst ist, wird es bereits zu spät sein.«

 

»Viele der Entscheidungen, die er trifft, basieren auf seiner Vorstellung, wie die Welt funktioniert. Patriotismus ist etwas, woran er wirklich glaubt.“

 

„Teile des KGB, unter ihnen Putin, benutzen den Kapitalismus als Werkzeug, um es dem Westen heimzuzahlen.“

 

Nur drei Zitate aus diesem Buch:

Catherine Belton. Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste HarperCollins

Rezension demnächst auf

 

www.facesofbooks.de

 

PUTINS NETZ

Catherine Belton Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste HarperCollins

Als Ende der 1980er-Jahre die Sowjetunion zusammenbrach, ahnte niemand, dass ein ehemaliger KGB-Agent sich über Jahrzehnte als russischer Präsident behaupten würde. Doch ein Alleinherrscher ist Wladimir Putin nicht. Seine Macht stützt sich auf ein Netzwerk ehemaliger sowjetischer KGB-Agenten, dessen Einfluss weit über Russland hinausreicht. Catherine Belton, ehemalige Moskau-Korrespondentin der Financial Times, hat mit zahlreichen ehemaligen Kreml-Insidern gesprochen. Es sind Männer, deren Macht Putin zu groß wurde und die nun selbst vom Kreml „gejagt“ werden. Belton beleuchtet ein mafiöses Geflecht aus Kontrolle, Korruption und Machtbesessenheit, und das gefällt nicht allen Protagonisten. Vier Oligarchen haben sie deswegen wegen Verleumdung verklagt. Ihr Buch liest sich in all seiner Komplexität so spannend wie ein Agententhriller, doch vor allem enthüllt es, wie das System Putin uns alle mehr betrifft, als uns lieb ist. (HarperCollins)

 

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Roter Hunger in der Ukraine 

Der gegenwärtige Konflikt um die Ostukraine und die Krim ist ohne diese historische Last nicht zu verstehen - der erzwungene Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainern 1932 und 1933, Holodomor genannt, war eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Und sie hat Folgen bis heute - Stalins „Krieg gegen die Ukraine“ hat sich tief im kollektiven Bewusstsein der osteuropäischen Völker verankert.

 

Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum vereint in ihrer Darstellung auf eindrückliche Weise die Perspektive der Täter und jene der Opfer: Sie zeigt Stalins Terrorregime gegen die Ukraine, die Umstände der Vernichtungspolitik - und verleiht zugleich den hungernden Ukrainern eine Stimme. (SIEDLER)

 

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Russland inside: Filipenkos DIE JAGD

„Russland ist ein Land, in dem die Mehrheit nur Lügen glauben will.“ 


„In unserem Land hat sich eine Sorte Mensch herausgebildet, die fähig ist, alles zu ertragen.“ 


„Man hört etwas, findet es gut, wiederholt es.“  


Nur drei Zitate aus dem neuen Roman von Sasha Filipenko, der in seinem Buch Russland als ein Land der wuchernden Klischees beschreibt.


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Russland von unten betrachtet

Kaum ein Land hat in den letzten 30 Jahren so viele Veränderungen erlebt wie Russland. Wie gehen die Menschen damit um? Joshua Yaffa porträtiert in diesem vielfältigen Streifzug durch das zeitgenössische Russland einige der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Landes - von Politikern und Unternehmern bis hin zu Künstlern und Historikern. Sie alle haben ihre Identitäten und Karrieren im Schatten des Systems Putin aufgebaut. Im Zwiespalt zwischen ihren eigenen Ambitionen und den allumfassenden Ansprüchen des Staates balanciert jeder von ihnen auf einem schmalen Grat von Kompromissen.  
Yaffa liefert eindringliche Erkenntnisse über die wahre Natur des modernen Autoritarismus, indem er zeigt, wie die Bürger ihr Leben nach den Anforderungen eines launischen und oft repressiven Staates richten – oft aus freien Stücken, aber auch unter Androhung von Gewalt.  (ECON)

 

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Schon 2007 erschienen

Der kaukasische Teufelskreis - ein Russlandbuch

Erich Follath Matthias Schepp Gasprom - Der Konzern des Zaren in: 
Norbert Schreiber (Hg.): Russland. Der Kaukasische Teufelskreis oder Die lupenreine Demokratie Wieser Verlag Klagenfurt 2007 zuerst veröffentlicht in DER SPIEGEL. 


Die Welt weiß viel über Exxon Mobil, General Electric, Toyota, Microsoft, die anderen Big Shots unter den Großunternehmen der Welt; sie weiß aber zu wenig über Gasprom. Was für ein Konzern ist das, dessen Börsenkapitalisierung zwischenzeitlich 290 Milliarden Dollar überstiegen hat, dessen gegenwärtiger Marktwert höher ist als das Bruttosozialprodukt von 165 der 192 in der UNO vertretenen Nationen? Wie tickt ein Unternehmen, das ein Sechstel der weltweiten Erdgasreserven kontrolliert und mit einem Fingerschnipsen die Energiezufuhr nach Westeuropa unterbrechen, unsere Wohnungen erkalten lassen kann?
Die Gasprom-Story hat Helden und Halunken; sie spielt in den überheizten Politiker-Hinterzimmern von Moskau wie in der Eiseskälte von Sibirien, in den von Erpressung bedrohten Pipeline-Transitländern Ukraine, Weißrussland und Armenien, »auf Schalke« im Ruhrgebiet der Malocher, wie auch im Schweizer Millionärssteuerparadies Zug und in Sotschi am Schwarzen Meer, Putins zweiter Sehnsuchtsstadt, wo er mit den ebenfalls von Gasprom finanzierten Olympischen Spielen sein Lebenswerk krönen will. (…)


Weltmacht Gasprom, Europas wertvollster Kon¬zern, Putins Schwert: Auf dem großen Bildschirm im Kontrollzentrum kann mühelos die weltweite Expansion des Kraken besichtigt werden, dessen Fangarme in alle Richtungen zuschlagen. Hier voll¬zieht sie sich zivilisiert, geräuschlos. Hier sind die wütenden Proteste der Regierungen nicht zu hören, für die die Gaspreise auf Weltmarktniveau angehoben werden, weil Gasprom Geld braucht. Oder weil der Kreml Staaten bestraft, die sich wie die Ukraine und Georgien von Moskau ab- und der NATO und der EU zuwenden. Hierher dringen keine Debatten vor über die zwischen den Herren Putin und Schröder abgesprochene Ostsee-Pipeline, den Ärger der Polen und Balten. Ungefähr in der Mitte der Europakarte blinkt die Pumpstation Kurskaja auf; von dort drehte Gasprom der Ukraine Neujahr 2006 das Gas ab. Moskau hatte den Preis zunächst verdreifacht; die Verhandlungen mit Kiew drohten zu scheitern. Man einigte sich schließlich auf fast das Doppelte. Im Januar 2007 wiederholte sich in Weißrussland das Spiel; tagelang stoppte Russland den Öl-Fluss. Wie¬der wurde den Westeuropäern bewusst, dass Gas und Öl für den Kreml auch politische Waffen sind. Schon heute versorgt Gasprom rund 30 europäische Länder. Estland und die Slowakei hängen zu 100 Prozent am Gas aus dem Osten, Griechenland zu 80, Polen zu 60 und die Bundesrepublik Deutschland zu 36 Prozent.“

Briefwechsel Zweig-Kippenberg

„Die Welt von gestern“ heute fast live erleben – nicht in den „Erinnerungen eines Europäers“ von Stefan Zweig, sondern in seinem Briefwechsel mit Anton Kippenberg, dem Verleger des Insel Verlages. Von 1905 bis 1937 schrieben sie sich. 573 Briefe, einige Postkarten oder Telegramme haben die Herausgeber Oliver Matuschek und Klemens Renoldner ausgewählt und außerordentlich gründlich kommentiert. Schon der Briefstil der beiden Korrespondierenden gehört in eine vergangene Welt. Keine „Hallo“-Anrede, kein unehrliches „Du“ und keine saloppe Grußformel werden hingeworfen, sondern etwa: „legen Sie mich Ihrer verehrten Gattin zu Füßen“. Jeder Satz sitzt und auch in den heikelsten Fragen herrschen Vornehmheit und gewachsene Freundschaft. Im heutigen E-Mail-Verkehr wäre das „veraltet“ oder auch falsch. Aber in der „Welt von Gestern“ war es in gehobenen Kreisen schön und macht einen heute neidisch. Worum ging es in dieser beispiellosen Korrespondenz?


Natürlich schrieben sich die beiden über die Bücher Stefan Zweigs, die die „Insel“ verlegen sollte. Dabei fällt auf, dass sich jeder der beiden Partner von Anfang an in das Geschäft des anderen einmischte. Der Autor hatte genaue Vorstellungen von der Buchgestaltung, der Auflagenhöhe, den Preis oder der Werbung. Manchmal mündeten seine Vorschläge in höfliche Forderungen. Der Verleger nahm in der Entstehungsphase eines Buches Einfluss auf die Länge, den Stil, manchmal auch das Timbre, strich viele Fremdworte. Meist wurden sich beide einig und trugen so zum Erfolg von Autor und Verlag bei. Die Entstehungsgeschichte aller großen Titel Stefan Zweigs erschließt sich in diesem Briefwechsel noch einmal ganz anders, spannend. Beide regten gegenseitig Übersetzungen oder Werke anderer Autoren an. Nicht alle Träume wurden Wirklichkeit. Den nachhaltigsten Erfolg entwickelten sie 1912 gemeinsam, die Inselbücherei, die schönen kleinen Pappbände, von denen bis heute annähern 1600 Nummern erschienen sind. Der Briefwechsel wird so zu einem Dokument der Literaturgeschichte und gewährt einen schönen Einblick in das deutsche und einen Seitenblick auf das europäische Verlagswesen damals.


Fast von selbst entsteht dabei ein Bild der Zeitgeschichte und der Reaktion der beiden Briefpartner darauf. Dramatisch waren der Erste Weltkrieg und die Zeit der Inflation. Ein Beispiel, das sich erst aus dem Kommentar erschließt: Stefan Zweig war mit dem heute fast vergessenen belgischen Autor Emile Verhaeren befreundet, übersetzte ihn und verfasste eine Biografie über ihn. Als im Ersten Weltkrieg deutsche Truppen das neutrale Belgien überfielen, schrieb Verhaeren scharf gegen Deutschland, z.B. in einem Gedicht über die Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutsche Artillerie. Kippenberg – eher deutschnational eingestellt – wollte von Verhaeren nichts mehr wissen. Aus dem überreichen Anmerkungsapparat erfährt das heutige Publikum, dass noch im Dezember 1914, also nach dem deutschen Überfall auf Belgien, Stefan Zweigs Verhaeren-Biografie bei Constable in London erschien und 1917 Auguste Rodins Buch „Die Kathedralen Frankreichs“ bei Kurt Wolff in Leipzig. Auch das war eine „Welt von Gestern“!  
Stefan Zweigs Berühmtheit stieg nach dem Ersten Weltkrieg auch international. In der jungen Sowjetunion wurde bald eine vierbändige Werkausgabe veröffentlicht, zu der Maxim Gorki das Vorwort schrieb. Zu den Feierlichkeiten anlässlich des 100. Geburtstages von Lev Tolstoi wurde Stefan Zweig als offizieller Vertreter Österreichs nach Moskau eingeladen und sprach vor über 4000 Gästen im dortigen Opernhaus. „Es war eine unglaublich eindrucksvolle Reise“, schrieb an Kippenberg. Ob der von Zweigs Enthusiasmus entzückt war, ist zu bezweifeln.
Die Zeitgeschichte führte dann zum Abbruch des Briefwechsels. Schon vor 1933 musste der Jude Stefan Zweig antisemitische Verleumdungen ertragen und bald nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde dem Verlag der Vertrieb der inzwischen sehr erfolgreichen Bücher Stefan Zweigs zunächst erschwert und dann ganz untersagt. Zweigs Honorare wurden beschlagnahmt und die Korrespondenz aus Vorsicht vor Gestapo-Mitlesern eingestellt. Auch die Beendigung des Verlagsverhältnisses erfolgte von beiden in vornehmer Haltung. Die Briefe hierzu sind ein erschütterndes Dokument des Anstandes, mit der eine durch die Nazis zerstörten Freundschaft beendet wurde. Nach dem Krieg versuchte Kippenberg die Rechte am Werk Stefan Zweigs, der im brasilianischen Exil aus Verzweiflung über den Untergang der „Welt von Gestern“ mit seiner zweiten Frau Selbstmord begangen hatte, von dessen Erben in einer damals verbreiteten Haltung wieder zu übernehmen – als ob nichts gewesen wäre. Die Rechte lagen aber inzwischen bei Berman-Fischer, der in seinem Stockholmer Exilverlag die Werke Stefan Zweigs weiter und neu verlegt hatte. Von dort gelangten die Rechte dann über Suhrkamp wieder an dessen Schwesternverlag, in dem dieser Briefwechsel jetzt so großartig erscheint – aber das ist eine andere Geschichte.


Beide Briefpartner waren leidenschaftliche Sammler. Anton Kippenberg trug eine eindrucksvolle Goethe-Sammlung zusammen, Stefan Zweig eine nicht weniger großartige Autographen-Sammlung. In ihren Briefen machten sie sich gegenseitig auf Auktionskataloge aufmerksam und erwarben zuweilen für den Anderen Stücke, von denen sie annahmen, dass sie auf dessen Interesse stießen. Der Briefwechsel ist dadurch auch ein einmaliges Dokument der Geschichte zweier Sammler auf höchstem Niveau. Beide konnten sich diese Leidenschaft leisten – ein Zeugnis wohlhabender Bürgerlichkeit.

 

Die Kreise, in denen sie verkehrten, ließen sich ebenso wie ihre Sammlungen sehen. Kippenberg brachte Stefan Zweig mit Richard Strauss zusammen, für den Zweig das Libretto zu „Die schweigsame Frau“ schrieb. 1935 konnte in Dresden noch uraufgeführt und gefeiert werden. Wenig danach setzten die Nazis die Oper mit dem Libretto des Juden Stefan Zweig vom Spielplan in Deutschland ab. Auch Stefan Zweig war auf höchster Ebene international vernetzt, z.B. mit Romain Rolland oder er war mit Arturo Toscanini befreundet. Ganz im Geiste der Vornehmheit ihres Briefwechsels ist er jetzt mustergültig ediert und bereitet in großen Teilen Freude. Das Ende ist furchtbar. „Etwas anderes, eine neue Zeit“ hat begonnen, „aber wie viele Höllen und Fegefeuer zu ihr hin waren noch zu durchschreiten“ hatte Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“ kurz vor seinem Freitod geschrieben. Heute weiß man es genauer.


Harald Loch

 

Stefan Zweig, wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb am 23. Februar 1942 in Petrópolis bei Rio de Janeiro. Er studierte Philosophie, Germanistik und Romanistik in Berlin und Wien, reiste viel in Europa, nach Indien, Nordafrika, Nord- und Mittelamerika. 1938 emigrierte Zweig nach England, ging 1940/41 nach New York, dann nach Brasilien, wo er sich 1942 das Lebennahm.

 

Anton Hermann Friedrich Kippenberg war ein deutscher Verleger. Von 1905 bis 1950 leitete er den Insel-Verlag, der wiederum zum Suhrkampverlag gehört.

 

Oliver Matuschek, geboren 1971, arbeitet als freier Autor und Ausstellungskurator. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu historischen und literaturwissenschaftlichen Themen, darunter eine Biographie Stefan Zweigs.

 

Klemens Renoldner ist Literaturwissenschaftler und Direktor des Stefan Zweig Centre Salzburg.


Anton Kippenberg   Stefan Zweig   Briefwechsel 1905 - 1937
Herausgegeben, ausgewählt und kommentiert von Oliver Matuschek und Klemens Renoldner
Insel, Berlin 2022   958 Seiten   58 Euro

 

Ljudmilla Ulitzkaja: „Alissa kauft ihren Tod“   

Sie hat alles getan, was man heutzutage von einer prominenten russischen Autorin erwarten darf. Zuletzt hat sie mit Anderen öffentlich gegen Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine protestiert. In der inzwischen verbotenen Nowaja Gaseta vom 25. Februar schrieb sie von Schande, Scham und Betrug. Vor allem aber hat sie ein Leben lang literarische Texte in russischer und jüdischer Erzähltradition geschrieben, auch Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Seit einiger Zeit ist sie Nobelpreiskandidatin. Im kommenden Jahr wird sie 80 Jahre alt. Jetzt sind von ihr drei bunte Sträuße mit Erzählungen auf Deutsch erschienen. Einige sind auf Russisch schon 2002, die meisten erst 2019 erschienen, der letzte Zyklus „Sechs mal sieben Miniaturen“ ist im Original noch unveröffentlicht – wen wundert es?

 

Ganna Maria Braungardt hat das alles in ein sehr schönes und angemessenes Deutsch übersetzt.


Ulitzkajas kurze Erzählungen kreisen um Menschen, um Kinder und Alte, um Frauen vor allem. Der erste Zyklus ist „Freundinnen“ überschrieben. Ulitzkaja leitet sie mit einem Bekenntnis ein: „Andere brauche ich nicht“. Die Erzählungen dieses Buketts folgen dieser Einleitung: „Andere brauche ich nicht., ich liebe diese leichtsinnigen, weisen, schamlosen, bezaubernden, verlogenen, wunderbaren, abergläubischen und treuen, diese überaus klugen und unfassbar dummen Frauen, von denen die Engel im Himmel noch lernen könnten … Ich brauche euch, wie ihr seid – denn ich bin wie ihr und passe zu euch.“ Da geht es um Alissa, die ihren Tod in Gestalt einer für alle Fälle nutzbaren Dosis Tabletten kauft. Oder Vera, die für ihre Tochter Lilja einen in Moskau studierenden irakischen Mathematiker auf einer Parkbank schnappt. Bald bekommt Vera eine Tochter, ihr Mann muss in den Irak, wird dort als Kurde verhaftet und nach zwei Jahren nach London abgeschoben. Vera und die Kleine kommen nach. In England ist sie dann „Ausländerin“, so der Titel der zeitgeschichtlich gefärbten Geschichte. Die beiden verzankten Schwestern Lidija und Nina kommen sich nach dem Tod ihrer Mutter, einer berühmten Linguistin erstmals wieder näher. Und dann „Russische Frauen“. Zwei von ihnen leben schon länger in den USA, eine kommt zu Besuch aus Russland. Aus dem als Kaffeeklatsch angesetzten Treffen, in dem es über die Trunksucht ihrer Männer ging, entwickelt sich ein ordentliches Besäufnis der drei Frauen mit erheblichem Reinigungsbedarf am nächsten Morgen.


Der zweite Zyklus ist „Der Körper der Seele“ überschrieben und ist auch eingeleitet: „Keine einzige Lektion gelernt“. Shenja geht nicht mit der Mode, will Biologie studieren und absolviert ein Praktikum in einem Biologielabor. Ihre Chefin arbeitet über die Zirbeldrüse. Shenja wird zu einem Schlachthof geschickt, um diese Drüsen aus Schweineköpfen zu sezieren. Dort erlebt sie das maschinelle Abschlachten der Tiere – „Fleisch aß Sehnja nie wieder. Und Biologin wurde sie schließlich auch nicht“. So geht es weiter mit Sonja Solodowa, die einem „ausschließlichen Apfelwahn“ verfällt, oder mit Tolik, der in der Schule durchfiel, aber ein begnadeter Fotograf wird – bis ihn ein unheilbarer Tremor aus der beruflichen Laufbahn wirft. Am Ende wird alles gut. Schließlich Nadeshda Georgijewna, eine überaus tüchtige Bibliographin, die im Alter nach und nach ihr Gedächtnis verliert, bis ihr ein „Blitz“ im Gehirn das ganze Universum erschließt. Die „Sechs mal sieben Miniaturen“ bestehen aus 42 kürzesten Miniaturen, manche nicht einmal eine Seite lang. Meisterwerke jede: Sieben Weltuntergänge, sieben Tode, sieben Geburten, sieben Krankheiten, sieben Zwillingspaare, sieben Ehepaare.


Alle diese Texte sprechen die Sprache menschlicher Großzügigkeit bei allen in den Einleitungen bewunderten Fehlern. Sie sprechen in einfachen poetischen Worten von der Weisheit – einer jüdischen, einer russischen, einer weiblichen? Sie sind dem Leben selbst im Sterben zugewandt, dem Alltag entnommen und jeder Banalität entkleidet, voller Würde, die es auch in früher sowjetischer und gegenwärtiger Russischer Wirklichkeit gibt. Das macht diese literarischen Wunderstücke so kostbar.


Harald Loch

 

Ljudmila Ulitzkaja, 1943 geboren, wuchs in Moskau auf und ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Russlands. Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und erzählende Prosa. Bei Hanser erschienen Die Lügen der Frauen (Erzählungen, 2003), das Kinderbuch Ein glücklicher Zufall (2005), Ergebenst, euer Schurik (Roman, 2005), Maschas Glück (Erzählungen, 2007), Daniel Stein (Roman, 2009), Das grüne Zelt (Roman, 2012), Die Kehrseite des Himmels (2015), Jakobsleiter (Roman, 2017), Eine Seuche in der Stadt (Szenario, 2021) und Alissa kauft ihren Tod (Erzählungen, 2022). 2008 erhielt Ljudmila Ulitzkaja den Alexandr-Men-Preis für die interkulturelle Vermittlung zwischen Russland und Deutschland, 2014 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2020 den Siegfried Lenz Preis.


Ljudmilla Ulitzkaja: „Alissa kauft ihren Tod“   Erzählungen
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Hanser, München 2022   304 Seiten   25 Euro

 

Warum das Autoritäre so verlockend ist

 

Die Erschütterung der liberalen Demokratie überall auf der Welt wird gern mit der Schwäche der westlichen Werteordnung erklärt. Die Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum geht dem Phänomen auf andere Weise auf den Grund. Sie fragt: Was macht für viele Menschen die Rückkehr zu autoritären, anti-demokratischen Herrschaftsformen so erstrebenswert? Was genau treibt all die Wähler, Unterstützer und Steigbügelhalter der Anti-Demokraten an? An vielen Beispielen – von Boris Johnson über die spanischen Nationalisten bis zur Corona-Diktatur in Ungarn – und aus persönlicher Erfahrung zeigt sie, welche Bedeutung dabei soziale Medien, Verschwörungstheorien und Nostalgie haben, welche materiellen Interessen ins Spiel kommen und wie nicht zuletzt Elitenbashing und Aufstiegsverheißungen die Energien der vermeintlich Unterprivilegierten befeuern. Ein brillanter Streifzug durch ein Europa, das sich auf erschreckende Weise nach harter Hand und starkem Staat (zurück)sehnt. (SIEDLER) 

 

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INNU - Vom Verlust der Identität in Kanada

 

Der bekannte Berliner Literaturwissenschaftler Hans Dieter Zimmermann erinnert sich mit 80 Jahren seiner Kindheit in Krieg und Nachkriegszeit, an den Besuch des Stefan-George-Gymnasiums in Bingen am Rhein, an das Studium in Mainz und Berlin mit Auseinandersetzungen und Kontroversen. Sein Glück ist die Begegnung mit Autoren der Gruppe 47, die ihm den Weg ebneten: sein Doktorvater Walter Höllerer an der TU Berlin, seine Habilitation bei Hans Mayer an der Universität Hannover, seine Arbeit an der West-Berliner Akademie der Künste von 1969 bis 1975, in der er weitere Autoren der Gruppe 47 traf und bedeutende Emigranten, schließlich seine Reisen nach Prag im Auftrag von Günter Grass zur Unterstützung der Dissidenten um Pavel Kohout und Václav Havel. Seine eigene Familie, der Vater war Mitglied der SS, bildet einen scharfen Kontrast zu der Familie seiner Prager Frau, deren Vater als Widerstandskämpfer im KZ Mauthausen einsaß. (WIESER VERLAG)

 

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Michel Jean erzählt in Kukum die Geschichte seiner Urgroßmutter Almanda Siméon, die 97 wurde. Als Waise von ihrer Tante und ihrem Onkel aufgezogen, lernt sie mit fünfzehn den jungen Innu Thomas Siméon kennen, verliebt sich trotz der kulturellen Unterschiede sofort in ihn, sie heiraten, und Almanda lebt von da an mit dem Nomadenstamm, dem er angehört, lernt seine Sprache, übernimmt die Riten und Gebräuche der Innu von Pekuakami und überwindet so die Barrieren, die den indigenen Frauen aufgezwungen werden.
Anhand des Schicksals dieser starken, freiheitsliebenden Frau beschreibt Michel Jean auch das Ende der traditionellen Lebensweise der Nomadenvölker im Nordosten Amerikas, deren Umwelt zerstört wurde und die zur Sesshaftigkeit gezwungen und in Reservate gesperrt wurden, ohne Zukunftsperspektive, ein Leben geprägt von Gewalt, Alkohol und Drogenkonsum. (WIESER Verlag Klagenfurt)

 

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Roman mit Biss: Auf den Spuren von DRACULA

Transsylvanien - Unterwegs bei Graf Dracula

 

Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden.

 

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Interview mit Dana Grigorcea

Warum haben Sie die DRACULA-Geschichte als Hintergrund für Ihren Roman gewählt, das Projekt Dracula-Park als Vergnügungsstätte für Touristen wird ja doch nicht verwirklich?

 

Dracula ist ein Symbol des gestrengen Fürsten, der morbide Sehnsüchte weckt. Er waltet heutzutage nicht nur "trans silva", also hinter den Wäldern in Rumänien, sondern überall auf der Welt, wo die Menschen Autokraten und zwielichtige Populisten an die Macht hieven. Die Geschichte um den Dracula-Park in meinem Roman basiert auf einer wahren Geschichte, wie Sie richtig erkannt haben. Damals hatten sich allerlei korrupte Politiker und Geschäftslute Aktien an dem Park gesichert. Dass der Park dann doch nicht gebaut wurde, ist ein sehr begrüssenswerter Sieg der Zivilgesellschaft. 

 

Rumänen und seine politischen und gesellschaftlichen Probleme werden in der Europäischen Union oft buchstäblich an den Rand Europas gedrängt – welchem Thema müsste mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?


Die Europäische Union macht schon sehr viel für Rumänien und die osteuropäischen Länder. Umgekehrt sollten diese Länder mehr für die EU tun, zum Beispiel beim Flüchlingsthema. 

 

Bei aller Schwergewichtigkeit der Themen in ihrem Familienroman gelingt Ihnen eine gewisse Leichtigkeit. Nach dem trist-grauen kommunistischen Alltag hellt Literatur so die Seele auf und tröstet?


Ja, das ist auch meine feste Überzeugung: Literatur tut der Seele wohl. 

 

Viele Rumänen, vor allem deutschstämmige, haben ihr Land verlassen, dafür kann man Verständnis haben, aber müssten die Menschen nicht im Land bleiben, um am Fortschritt mitzuwirken?


Es ist nicht so, dass man nur vor Ort am Fortschritt des Landes mitwirkt. Dank den Wahlstimmen aus der rumänischen Diaspora ist zum Beispiel Klaus Johannis zum Präsidenten Rumäniens gewählt worden, und bei den Europawahlen die fortschrittliche Allianz USR-Plus. Die Auslandsrumänen sind von den rumänischen Populisten nicht zu erreichen, und leisten, durch regen Kontakt zu ihren Familien und Freunden in Rumänien, einen wichtigen Beitrag zum demokratischen Diskurs des Landes - von den Geldflüssen zu schweigen. 

 

Spüren Sie im Land noch Nachwirkungen des Terrorregimes von Ceaușescu?


Leider ja. Der revanchistische Ton wurde nicht abgelegt. Er hat die Art zu reden und über andere zu urteilen nachhaltig geprägt. Darum geht es auch in meinem Roman: Durch den unerbittlichen Ton, in dem man vergangenes Unrecht verurteilt, rettet man jene Geister der Vergangenheit in die Gegenwart. Um es mit Martin Luther King Jr. zu sagen: "Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that."  


Warum haben Sie den Ort der Handlung mit B. abgekürzt, wollen Sie Touristenströme dorthin vermeiden?


Da stehe ich hinter der Entscheidung meiner Erzählerin: Ich nenne den Ort nur B., „…weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral, wenngleich sie sich freilich an vielen Orten auf der Welt hätte abspielen können.“ Ich lasse Dracula da, wo man ihn vermutet, hinter dem dunklen Wald, aber eigentlich ist er längst hier, unter uns.