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Herzlich willkommen auf meiner Website, die sich mit Büchern beschäftigt. Facesofbooks zeigt das Gesicht der Bücher und Autoren. Beachtet Titel und Covergestaltung, Aufmachung des Buches, berichtet über den Inhalt, stellt den Autor in kurzer prägnanter Form vor. Wir veröffentlichen Autoreninterviews, bieten Informationen über Bücher von heute und Bücher von gestern, die wichtig sind, aber nicht vergessen werden sollen. Sie finden Tipps, Rezensionen, Kurz-Kritiken, Neuigkeiten über Verlage und Autoren. Geben Sie uns auch Hinweise, was Ihnen gefällt oder mißfällt. Eine Website für Lesefans auch aus der digitalen Bücherwelt. www.facesofbooks.de

 
Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Zielgruppengerecht -                                      Bücher für den Gabentisch                                  … damit ihr Geschenk auch gut ankommt!

Im Frühtau zum Berge EVEREST

Oliver Schulz 8849 Massentourismus Tod und Ausbeutung am Mount Everest Westend

 

Wer heute den Mount Everest, den höchsten Berg der Erde, besteigen möchte, braucht dafür weder besondere Kenntnisse noch eine herausragende Kondition. Ein voller Geldbeutel und die Bereitschaft, „über Leichen zu gehen“, genügen. (WESTEND)

Zielgruppe Nepal-Touristen, Alpen-Freunde, Bergsteiger-Fans, Himalaya-Urlauber

 

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Grossartig und grotesk Juri Andruchowytsch

Anspruchsvoller Buch-Tipp für den Gabentisch - Ukraine literarisch:

 

Juri Andruchowytsch RADIO NACHT

 

Suhrkamp

 

Zielgruppe: Ukraine- Interessierte, Literaturfans der Gegenwartsliteratur der Ukraine, Russlandversteher und Ukraineversteher, Auslandskorrespondenten, Sprach- und Sprechfaszinierte

Als „Barrikadenpianist“ hat er die Revolution zu Hause unterstützt. In der Emigration verdient er sein Geld als Salonmusiker – Josip Rotsky, ein Mann unklarer Identität, dessen Name sich auf Trotzki, Brodsky und Joseph Roth reimt. In einem Schweizer Hotel muss er für den Diktator seines Landes spielen - und wird zum Attentäter.  Nach der Haft zieht Rotsky sich in die heimatlichen Karpaten zurück. Geheimdienstler und andere Finsterlinge trachten ihm nach dem Leben. Mit seiner Geliebten Animé und dem Raben Edgar flieht er nach Griechenland. Erst auf der Gefängnisinsel am Null-Meridian ist Schluss. Dort sendet sein „Radio Nacht“ rund um die Uhr Musik, Poesie und Geschichten in die sich verfinsternde Welt. (SUHRKAMP)

 

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Eiskalt-Krimi: SCHNEE in Island

Auf www.facesofbooks.de empfehlen wir in den nächsten Wochen Bücher für den Gabentisch, und zwar Zielgruppen-genau.


Zielgruppe: Island- und Inselfans, Trackingfreunde und Wintersportler, Gruselgeister, die Nordic-Walking und Nordic-Crime-Gemeinde, Phantasyfans und die Bestseller-Leserschaft von Yrsa Sigurðardóttir

 

Yrsa Sigurðardóttir Schnee   

 

Thriller btb

 

Was zwang die Freunde, zwei Paare, sich mitten im harten Winter im isländischen Hochland zu bewegen, in Dunkelheit und Schneestürmen? Und warum verließen sie das kleine Hüttchen, das sie hatten, kaum bekleidet und den harten winterlichen Bedingungen outdoor vollkommen ausgeliefert? Ein Rettungsteam wird in die abgeschiedene Gegend geschickt, um nach den Vermissten zu suchen. 
Währenddessen gehen an der einsam gelegenen Radarstation in Stokksnes seltsame Dinge vor sich. Nichts ist so, wie es scheint: Sei es die Blutlache, die im unberührten Schnee fernab der Zivilisation entdeckt wird, oder der kleine Kinderschuh, der Jahrzehnte nach der Vergrabung wiedergefunden wird …(btb)


Es beginnt mit diesem ominösen Fund: ein rosa Kinderschuh taucht plötzlich in einem Garten auf. So steht es im Prolog. Schon in Kapitel 1 werden wir in die unberührte weiße Schneenlandschaft Islands entführt, dorthin, wo nichts Lebendiges zu sehen ist. Im isländischen Hochland wird eine Menschengruppe vermisst. In Dunkelheit und schweren Schneestürmen beginnt die gefährliche Suche nach ihr. 
Vier Menschen sind verschwunden, warum haben sie ihre Schutzhütte verlassen? Wieso findet dieser Ausflug ein so grausames Ende? Welches Geheimnis steckt dahinter? Und was hat es mit dieser aufgefundenen Blutlache auf sich? 


Natürlich spielt die Landschaft der Lavainsel die Hauptrolle, das Eis, der Schnee, die Stürme, ein Land in der Heimat der Finsternis. Hier kann das Grauen einfach gut beschrieben werden. Schon der Gedanke an das winterliche Islandtief lässt den Leser automatisch schon gänsehaut-frösteln. Wer hat sich schuldig gemacht im überall blendenden grellweißen Schnee? Mysteriös! 


Island ist das Land der Geister - und Elfengeschichten, fast in jedem Haus ist ein guter Erzähler oder heimlicher Schriftsteller zu Hause, das lange Dunkel der Winternächte lässt der Phantasie freie Lauf. 
Thriller ist am besten vor heimischem Holzofenfeuer zu lesen, und sollte die putingesteuerte Winterkälte uns übermannen oder überfrauen, hätten wir für diesen Roman der Erfolgsautorin Yrsa Sigurðardóttir auch die raumklimatischen Voraussetzungen.

 

 
 
Zielgruppe: Grauhaarige, Beatlesfans, Rolling-Stones-Konzertgeher, Knutschfreundinnen aus den 1960ern, heute noch Langhaarige
 
John Updike verglich sie mit „der Sonne, die an einem Ostermorgen aufgeht“, Bob Dylan machte sie mit Drogen bekannt. Leonard Bernstein bewunderte sie, Muhammad Ali nannte sie „kleine Weicheier“, J.R.R. Tolkien ließ sie abblitzen, und die Rolling Stones kopierten sie. Die Beatles haben niemanden unberührt gelassen. Craig Brown erzählt das Leben der „Fab Four“ mit literarischer Finesse, mitreißendem Schwung und unwiderstehlichem Witz. (C.H.Beck)
 
Verdammt lang her, als wir auf dem Schulhof gestritten haben, wer nun die bessere Band ist, Beatles oder Stones? Frühe 1960er war das. Ich gehörte zum Beatleslager, alterszornig bin ich jetzt bei den Stones gelandet. Aber die Songs der Beatles sind immer noch in meinem Musikherzen. Unvergeßbar. Wenn ich den Lagerkoller habe, laufe ich zum Gegner über, mein Musikgeschmack ist tagesaktuell. Möchte dann doch aber auch erwähnen, dass mein verdi-talentierter Vater mit Operntenorfähigkeiten meinte, die Beatles werden innerhalb eines Jahres vergessen sein. Das war in etwa 1966, der Irrtum hält bis heute an.

 

• Craig Brown ONE TWO THREE FOUR
Die fabelhaften Jahre der Beatles C.H.Beck

 

Das ist meine Empfehlung für ihr Geschenk unterm Baum.

 

„Denken Sie nur, was hätten wir verpasst, hätten wir die Beatles nie gehört“, lobt Queen Elisabeth II., die jetzt selbst schon bei Lohn Lennon ist und ein Extrakonzert bekommt. 
Meine Güte, sechs Seiten Quellenangaben, der Autor hat mehr als ein Jahr nichts anderes gelesen als Beatles-Literatur. 

 

Ein opulentes Werk legt er vor, 670 Seiten Musikarchäologie über eine Band, die von den einen anfangs als GRAUENHAFT, von den anderen aber als FABELHAFT angesehen wurden. Craig spricht von der Macht der Musik, der Magie der Beatles, dem Zusammenspiel der Gegensätze. 
Wir erfahren nah Persönliches: Über John Lennon, der seine Träume für sich selbst und die Welt wahr gemacht hat, die allgemeinen und höchst persönlichen Sehnsüchte der Pilzköpfe, ihre Irrungen und Wirrungen, ihr Ausprobieren, ihr Scheitern und ihre Erfolge.

 

Auch die kleinen Beobachtungen machen aufmerksam: Wie kam das „ma belle“ in den Titel „Michelle“, in welchen Hamburger Kellern trieben sich die FAB FOUR rum? Wie hoch ist Ringo Starrs Vermögen? Stimmt die Zahl, dass es weltweit 1000 Tribute-Bands gibt? Wie hat Paul Mc Cartney geübt, Autogramme zu schreiben und was hielt Helen Shapiro davon? Wieso fiel Cliff Richard der Vergessenheit anheim mit seinem „krummbeinigen Gewackel“?

 

Hat John Lennon die beste Definition von Rockmusik gegeben, indem er formulierte: „Wir spielen Rock’n’Roll mit einem neuen Namen. Rockmusik ist Krieg, Feindschaft, Unterwerfung. Wir singen von Liebe, aber wir meinen Sex, und die Fans wissen das.“ 

 

Immer wieder begegnen wir Liedzeilen, Interviewausschnitten, Szenen, Anekdotischem, eine Fülle von Eindrücken, die wie einzelne Noten auf der Partitur kopfüber herumpurzeln. Mal in Dur, mal in Moll. Dabei hatten John und Paul nie richtigen Unterricht gehabt und konnten Noten gar nicht lesen. 
 
Unvergessen der Satz in Anwesenheit von Queen Mum Elizabeth und Prinzessin Margret auf den teuren Konzerthallen-Plätzen: „Diejenigen auf den billigen klatschen einfach mit. Und die anderen, ihr klimpert einfach mit euren Juwelen.“ Bei den Proben hieß der Satz noch lästerlich: „fucking jewels“.

 

Die Beatles treffen Marlene Dietrich und Ed Sullivan, auch Musikgrößen wie Lenny Bernstein, der sich in die Musik der Beatles verliebt hat, weil ihr musikalischer Erfindungsreichtum ihn an Schubert erinnert, mit ihrer IHR-KÖNNT-UNS-ALLEMAL-Coolness, während die Gegner die Musik als Vorboten von Impertinenz, Verdorbenheit, Respektlosigkeit einschätzten und damit die Welt und ihre Moral in den Abgrund reißen. 

 

Ja, stimmt, meint der Autor und zitiert einen russischen Geschichtswissenschaftler: „Man könnte behaupten, die Beatles haben mehr für den Abbau des Totalitarismus in der UdSSR getan als Solchenizyn und Sacharow.“ Dabei besaß Ringo Star als einziger kein Talent zum Komponieren. Dennoch wurde sein Trommelfell bei einer Auktion für 2,1 Millionen Dollar versteigert. Ein wunderbares Anekdotenbuch über eine wunderbare Zeit. Übrigens Jagger singt „wanna“ John bevorzugt „want to“, das ist eben der Unterschied. Ich muss mal wieder das Lager wechseln. Yeah, yeah,yeah, I can’t get no satisfaction …
 

Der Verlust - Deutschland hat Schlafapnoe

Es ist etwas passiert in den letzten dreißig Jahren. Immer weniger Menschen vertrauen den Institutionen dieses Landes - weder der Regierung noch den Medien, noch nicht einmal der Wissenschaft. Doch wie konnte es so weit kommen? Die preisgekrönte Journalistin Anita Blasberg rekonstruiert die schrittweise Erosion des Vertrauens - am Beispiel ihrer eigenen Mutter und entlang historischer Bruchstellen und Protagonisten. Da ist ein junger Treuhandmanager, der achtzig ostdeutsche Betriebe in zwei Jahren verkauft; da ist eine Klinikärztin, die ihre Patienten schneller entlassen soll, als ihr lieb ist; da sind Politiker, die nach der Finanzkrise ihre eigene Ohnmacht bestaunen und dann fast alles beim Alten belassen. (Rowohlt)

 

Kurzweilige Notizen und Weisheiten

„Man liebt nicht weil, man liebt obwohl.“ Nach seiner bewunderten Stilstudie «Die Schlange im Wolfspelz» legt Michael Maar eine schlanke und sehr private Sammlung von Notizen, Betrachtungen, Aphorismen, Anekdoten und kurzen Prosastücken vor über all das, was ihm im Lauf der Jahre wichtig erschien. Maars Buch handelt von Musik und Metaphysik, von prophetischen Träumen, vom in der Luft schwebenden Glas, von den blauen Häkchen bei WhatsApp und wie sie Proust gequält haben würden; von den Frauen bei Tschechow, vom Bahnhofs-Youporn unter Lenin, von Wolfgang Paulis tödlichem Problem mit der Zahl 137, von Joseph Roths Taschenuhr, von Stifters Unfruchtbarkeit, von Fichte, der bei Goethe lässig seinen Mantel abwirft, von Doctorows „Ragtime“ als Kleist-Thriller, von den Rätseln der Kosmologie; von der süßen Angewohnheit zu leben, zu lesen, zu lieben, zu altern und nachzudenken. (Rowohlt) 

 

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Wie Ulysses auf die Welt kam

Eine Buchhandlung mitten in Paris. Für die junge Amerikanerin Sylvia Beach ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Dass sie mit »Shakespeare & Company« in die Geschichte der Weltliteratur eingehen wird, ahnt sie bei der Eröffnung 1919 nicht. Schon bald wird »Shakespeare & Company« zum literarischen Treffpunkt in Paris: Hemingway, Gide, Valéry und Gertrude Stein gehen hier ein und aus – und nicht zuletzt aber James Joyce. Als nach Abdruck einzelner Episoden die vollständige Publikation seines umstrittenen Romans Ulysses verboten wird, ist es die unerschrockene Sylvia Beach, die ihn gegen alle Widerstände veröffentlicht  – und damit ihre ganze Existenz aufs Spiel setzt. Doch in der gleichgesinnten französischen Buchhändlerin Adrienne Monnier findet Sylvia Beach nicht nur eine wagemutige Mitstreiterin, sondern auch die Liebe ihres Lebens.Ein Roman über zwei starke Frauen, das »gefährlichste Buch des Jahrhunderts« und eine Liebe im Paris der zwanziger Jahre.

 

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Über den Erfinder der Essais

Ein Bestseller des 16. Jahrhunderts macht große Politik – genauer: sein Autor. Seine „Essais“ waren damals in aller Munde, bewundert, viel gelesen, selten beherzigt. Michel de Montaigne, Bürgermeister von Bordeaux und Erfinder des „Essais“ soll den politischen Versuch unternehmen, die Bürgerkriegsparteien des konfessionell gespaltenen Frankreichs zu versöhnen und einen.  Er soll einen das Land einigenden König bewegen, diesen Thron zu besteigen, auf den er gar nicht strebt. Seit der Bartholomäusnacht von 1572, dem Massenmord an den französischen Protestanten, ist das Land nicht zur Ruhe gekommen. Das Massaker hatte Caterina de Medici veranlasst, eine Florentinerin, die durch Heirat Königin von Frankreich geworden war und nach dem Tod des Königs als Regentin für ihre minderjährigen und regierungsuntauglichen Söhne die Geschicke des Landes bestimmte. Diese Caterina ruft jetzt Montaigne an ihren Hof und beauftragt ihn mit dem für Frankreich letzten Versuch.


Das ist der Hintergrund des Romans „Montaignes Katze“ des deutsch-französischen Kulturjournalisten Nils Minkmar. In seinem Tableau der französischen Renaissance entwickelt der Autor die atemberaubende Versuchsanordnung, in der Montaigne sein diplomatisches Meisterstück abliefern soll. Minkmar nimmt seine Leserinnen mit nach Paris in den Louvre, das damalige königliche Schloss, zur Regentin Caterina und zu den Kontrahenten um den Königsthron. Es waren vier Anwärter, alle mit dem Namen Henri. Sie wurden teils von Spanien, teils von England und den revoltierenden Spanischen Niederlanden unterstützt, vertraten die Interessen jeweils entgegengesetzter Konfessionen, waren auf Gewalt getrimmt und alle miteinander verfeindet. Die Strippenzieherin im Hintergrund war Caterina, deren Tochter unglücklich mit dem Henri verheiratet war, der am wenigsten Ambitionen hatte, französischer König zu werden. Sie war Katholikin, aber ihr Mann, Henri der König von Navarra, war protestantisch. Die Quadratur des Kreises für Montaigne bestand darin, dass Navarra zum Katholizismus konvertieren müsste, um das Land zu regieren und zu befrieden.


Minkmar baut immer wieder kleinere Spannungsbögen auf, die die großen Fragen illustrieren, ob es Montaigne gelingen würde, Navarra von seiner Machtscheu abzubringen und zum Konvertieren zu überzeugen. Das macht der Autor geschickt. Er bettet die einzelnen Etappen auf dem Gelingen des Versuchs in kultur- und regionalgeschichtliche Anekdoten, fügt dem, was aus Montaignes Tagebuch und den sonstigen Quellen als geschichtliche Wirklichkeit hervorgeht, seine eigenen fiktionalen Leckerbissen hinzu und hält sein Publikum mit geschliffener Sprache bei bester Laune. Geschickt fügt er einen von Montaigne mehr aus Verlegenheit angeheuerten Schreiber zu dem sonst sehr wohlgeborenen Personal hinzu. Er wechselt die Schauplätze in der damals üblichen Reiseart, per Kutsche oder hoch zu Pferde: Von seinem Schloss in der Dordogne nach Paris oder auch nach Bordeaux, wo Montaigne als zweimal gewählter Bürgermeister immer wieder mal die Ratsgeschäfte führen muss. Der Erfinder der Essais fühlt sich durch alles das gestört. Er will lieber in dem Bibliotheksturm an seinem ererbten Schloss sitzen und lesen. Er liebt seine praktischer als er veranlagte Frau. Was es mit Montaignes Katze auf sich hat? Lesen Sie selbst!


Minkmar lässt die Mitspieler seines Romans immer wieder aus den Essais zitieren. Es sind die jede Gewalt verdammenden Gedanken, die lange vor der Aufklärung die lesende Welt begeistern. Es ist jetzt also an Montaigne, nicht nur zu räsonieren, sondern die schlimme Welt zu verändern, zu verbessern. Das gelingt, da er Henri von Navarra überzeugt. Der wird ein großer französischer König - am Ende auch ermordet. Über ihn schrieb Heinrich Mann seinen großen Roman "Henri IV." Genial erfindet Minkmar den gelegentlichen Traumauftritt des früh verstorbenen engen Freundes Montaignes, Étienne de la Boëtie, der ihn in seinen Auftritten aus dem Totenreich berät und, wenn nötig, auch bestärkt. Mancher Leser dieses schönen Romans wird auf den Gedanken kommen, wie gut ein solcher diplomatischer Geist wie der Montaignes der heutigen Zeit täte.


Harald Loch


Nils Minkmar: Montaignes Katze          Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2022   399 Seiten   26 Euro

 

Warten auf Cecilia 

Warten verändert die Persönlichkeit. Ein Mann, ein erzählendes Ich, wartet in Lissabon auf seine Frau Cecilia. Die beendet in New York ihre neurowissenschaftliche Forschungsarbeit und wird ihrem Mann nach Portugal folgen. Gemeinsam haben sie beschlossen, der Stadt den Rücken zuzukehren, die wohl ewig mit dem Datum des 11. September verbunden sein wird. Gemeinsam haben sie die schöne Wohnung in einem ruhigen Viertel in Lissabon entdeckt, als sie zur Erkundung dort waren. Für Cecilia haben sie auch gleich eine Anstellung in einem renommierten Forschungsinstitut gefunden. Ihr Mann ist in New York gegen eine schäbige Abfindung entlassen worden und wird nicht mehr arbeiten. Aber er wartet in dieser neuen Wohnung eben auf Cecilia. Der 1956 in Andalusien geborene Antonio Muñoz Molina hat diese Konstellation für seinen beunruhigenden psychologischen Roman „Tage ohne Cecilia“ gewählt, in dem es um das Erinnern und die zermürbende Wirkung des Wartens geht. Man kann verrückt dabei werden!


Der Autor gliedert seine Erzählung in 52 Kapitel - eines jede Woche des Jahres? Er beginnt mit der Einrichtung der neuen Wohnung durch das erzählende Ich. Sie ist genauso geschnitten wie die in New York hinterlassene und der Wartende richtet sie haargenau so ein, wie die alte. Jedes Zimmer bekommt die gleiche Funktion, jedes Möbelstück steht an vergleichbarer Stelle, die Bilder, die Nippes, alles wird Cecilia so wiederfinden, wie sie es in New York hinterlassen hat. Für handwerkliche und auch administrative Aufgaben ist Alexis angeheuert, der seinerseits die Fachgewerke für die Installationen beaufsichtigt. Morgens deckt der Protagonist den Frühstücktisch auf der Terrasse stets für zwei Personen. Aber nur er allein frühstückt. Ab Kapitel 20 beginnt Muñoz Molina nachdenklicher zu werden – etwa über „die Stille“ zu philosophieren. Der Wartende hat sein ruhiges Viertel schon erkundet, kleine sympathische Läden entdeckt, die kleinen Gassen durchstreift, alles bis auf den Fluglärm gut befunden, gut vor allem für Cecilia. Er hat gejoggt. Allmählich fängt er an, sich zu verlaufen. Er beginnt Gesichter zu verwechseln. Immerhin erinnert er sich an das, was Cecilia ihm über die Gehirntätigkeit bei Menschen und Tieren gesagt hat. Sein Zusammenleben reduziert sich aber auf das mit seinem Hund Luria. 
In wohlgesetzten Worten, von Willi Zurbrüggen in ebenso wohlgesetztes Deutsch übersetzt, demontiert der Autor das Erinnerungsvermögen und die soziale Lebenstüchtigkeit seines Hauptdarstellers. Es wird einem schwindlig beim Erkennen der Brüchigkeit des menschlichen Gehirns, der menschlichen Persönlichkeit, die beim immer einsamer werdenden Warten ungeahnte Veränderungen durchmacht. „Vergeblich suchte ich mich an sichere Daten zu erinnern. Es erfüllte mich mit Trauer und Zerknirschung, nicht mehr zu wissen, in welchem Jahr mein Vater gestorben war, vor wie langer Zeit“, bemerkt der Ich-Erzähler seinen Verlust.


Muñoz Molina schreibt so etwas wie einen Entwicklungsroman hin zum Schlimmeren. Wenn er dabei verschiedene Auswüchse westlicher Zivilisation wie nebenbei aufs Korn nimmt, die Überflüssigkeit mancher Errungenschaften bemerkt, immer wieder das Banale jeder Existenz aufruft, dann gelingt ihm nicht nur ein psychologischer, sondern auch ein kritischer Roman. Am Ende nimmt der eigentlich kaum mehr Wartende nicht einmal mehr seine verschiedenen Telefone ab, öffnet die Haustür nicht mehr, lässt das Schloss seiner Wohnungstür auswechseln – nicht von Alexis, denn den will er damit – ohne Grund -  aussperren. Vielleicht verpasst er sogar die immer unwahrscheinlicher werdende Ankunft von Cecilia. Über all das Negative der Entwicklung des Hauptdarstellers in diesem Kammerspiel mit sich selbst tröstet auf einnehmende Weise die literarische Sicherheit, mit der der Autor dieses Abgleiten erzählt, der leise Humor, die feine Ironie, die neurowissenschaftliche Bildung, die er genial in die Erinnerungen an Cecilia verlagert.


Harald Loch
 
Antonio Muñoz Molina: Tage ohne Cecilia   Roman
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
 

 

Die Fratze des Krieges

Seit vielen Jahren berichtet Katrin Eigendorf regelmäßig aus der Ukraine. So auch während der dramatischen Tage und Wochen nach dem 24. Februar 2022, als Wladimir Putin mit seinem grausamen Angriff auf die Ukraine den Krieg zurück nach Europa getragen hat. Angesichts der Bilder aus Mariupol, Charkiw und Kyiw ist auch Deutschland aufgewacht, nachdem es über viele Jahre Wladimir Putin verharmlost hat. 

Katrin Eigendorf erzählt hier vom Krieg, den Putin mit aller Härte führt, vor allem gegen die Bevölkerung. Von ihren Begegnungen mit Menschen, die von einem Tag auf den anderen alles verloren haben, von Familien, die zerrissen wurden, von Kindern, die ihre Kindheit verloren haben. Es sind Begegnungen, die immer wieder an die Schmerzgrenze gehen, auch für eine Reporterin. (SFischer)

 

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Putin - der Killer im Kreml?

Bei der Verfolgung seiner Ziele geht Wladimir Putin über Leichen, und das nicht erst seit dem Überfall auf die Ukraine. John Sweeney, investigativer Journalist und seit vielen Jahren auf der Spur von Putins Verbrechen, legt die Beweise vor: Schon bei seinem unheimlichen Aufstieg vom Stasi-Mann in Dresden zum unumschränkten Herrscher im Kreml ging Putin mit erbarmungsloser Konsequenz vor, ließ Oppositionelle ausschalten, provozierte Kriege und überzog Russland mit einem Netzwerk der Korruption. Sein Ziel: die Festigung seiner Macht, persönliche Bereicherung, Russlands Wiederaufstieg zur Weltmacht. Mit kriminalistischer Akribie hat Sweeney vor Ort recherchiert – in Moskau, Tschetschenien, in der Ukraine während des Krieges –, hat mit Zeugen und Experten gesprochen, mit Dissidenten und Ex-KGBlern, mit Handlangern des Systems Putin, mit Kritikern, von denen zu viele für ihre Haltung sterben mussten. Psychogramm, packender Hintergrundreport und knallharte Analyse – eine längst überfällige Aufklärung, eine beispiellose Anklageschrift. (HEYNE)

 

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Poesie und Politik                                      Szenen einer riskanten Beziehung

Von Wieland über Goethe und Zola bis Amanda Gorman – warum interessieren wir uns für das politische Urteil von Autorinnen und Autoren?

Wer Romane, Gedichte oder Theaterstücke schreibt, gilt oft auch als versiert in Fragen der Politik. Warum eigentlich? Schließlich kennen wir so einige Romanciers an der Seite von Autokraten, Lyrikerinnen, die Diktatoren preisen, von Antisemiten ganz zu schweigen. Manchmal schreiben sie Polit-Kitsch, manchmal aber auch wirklich große Literatur. Jochen Hörisch verfolgt die Liaison der Poeten mit der Politik von Wieland über Goethe und Zola bis Amanda Gorman. Wer wichtige Bücher schreibt, versteht von Politik nicht unbedingt mehr als andere Menschen. Bedeutende Literatur freilich, manchmal sogar politisch inkorrekt, kann einen neuen Blick auf die Welt eröffnen – und dabei unsere politische Wahrnehmung schärfen. (HANSER)

 

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Der Dokumentar-Poet

Der Lebensweg Walter Kempowskis ist exemplarisch für die wechselvolle Geschichte des deutschen Bürgertums im 20. Jahrhundert. Dirk Hempel, langjähriger Mitarbeiter Kempowskis, stellt in diesem Buch Leben und Werk des großen Erzählers und deutschen Chronisten dar: Kindheit und Jugend in Rostock, die Inhaftierung in Bautzen, die gleichzeitige Existenz als Dorfschullehrer und Erfolgsautor. Seine schnörkellose Biographie bietet einen einzigartigen Einblick in das Leben dieses herausragenden Schriftstellers und Zeitzeugen. schon 2004 erschienen – jetzt neu aufgelegt als Paperback/Klappenbroschur bei (PANTHEON)

 

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Putin - ein Verhängnis?

Robert Misik zeichnet ein Regime und das Charakterbild eines rücksichtslosen Despoten, der Europa die Friedensordnung raubt, an die wir uns gewöhnt hatten. Wladimir Putin hat alle an der Nase herumgeführt. In den neunziger Jahren galt er als Demokrat und bewunderte Augusto Pinochet. Nachdem er sich ins Präsidentenamt trickste, beginnt er mit einer Seilschaft hartgesottener KGB-Leute, Russland zur autokratischen Despotie umzuwandeln. Und genauso schnell bastelt er sich eine Staatsphilosophie. Deren Elemente: autokratischer Führerkult, Patriotismus, Imperium, orthodoxe Spiritualität - und Gekränktheit. Dabei stützt er sich auch auf faschistische Denker, etwa auf Ivan Iljin, der Hitler und Mussolini bewunderte. Und er spinnt Netzwerke im Westen, um die Demokratien zu spalten. Putin stilisiert sich zum harten Kerl, zum starken Mann, mit vulgärer Sprache und einer Rhetorik der Gewalt. Nach dieser Lektüre bleibt nur die Frage: Wie konnten wir so blind sein? (PICUS)

 

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Achtung Rotlicht: Radiogeschichte und Geschichten vom Sprecherpult

 

Zwei Bedingungen muss ich zuerst nennen, es könnte sein, dass ich die Dinge nicht ganz objektiv betrachten kann. Ich liebe das Radio und habe selbst Jahrzehnte dafür gearbeitet, ich kenne den Autor Jürgen Kolb, der das Buch „Bei Rotlicht bitte kein Wasser zapfen – meine vierzig Jahre Radio“ geschrieben und als Books on demand selbst veröffentlicht hat. Auch ich war hr-Mitarbeiter, also Vorsicht, es geht um Lob, und es geht in diesem vergnüglichen Buch über Kolbs Zeit als Radiosprecher, Moderator und Redakteur beim Hessischen Rundfunk, um Sprache und Sprechen im Radio. Schließlich war Kolb auch Sprechtrainer und Coach, weiß also, wovon er redet, besser spricht als Sprecher.

 

Stimmen im Radio, das hat mich schon von früher Jugend an fasziniert, die Sportreporter, die Korrespondenten aus fernen Ländern, die Hitparaden-Matadore. Aber die vielfältige Stimmenwelt der Nachrichtensprecher und Sprecher im Radio überhaupt, sie waren immer irgendwie im Hintergrund damals geblieben, und doch sind sie die tragenden Elemente des Sound-Designs eines Senders.

 

Kommen wir zum Buch. In einem Rutsch habe ich es gelesen, weil es gut, spannend und zugleich unterhaltsam geschrieben ist, so dass man als Rezensent versucht ist zu sagen, Beruf verfehlt, Du hättest gleich Journalist oder Autor werden sollen, und hättest nicht den Umweg suchen müssen über die Sprecherrolle.

 

Ob theatralische altmodische Sprecherziehung, Business-Gequake von Radioberatern, die gleichmacherisch in Deutschland die Radiowellen geföhnt und frisiert haben, Funkhausgeflunkere, Senderinterna, erlebte Dialoge, Pannen, Pech und Pleiten, altväterliche „bunte Melodienreigen“, das alles sammelt Kolb akribisch - immer schmunzelnd - auf und lässt uns teilhaben an einer Zeit, als es noch Beruf war und kein Jobs, den wir oder die wir ausfüllten.

 

Bescheuerte Dienstanweis ungen von Chefs, Radiolegenden wie Hanns Verres, Mysterien der deutschen Sprache, Aussprachedetails, korrektes Deutsch, Zungenbrecher wie Köttbullar oder isländische Gletschernamen und Versprecher, das alles kommt uns sprudelnd entgegen, nicht wie ein billiges Mineralwasser, eher lebhaft aufschäumend wie Champagner in der Flöte.

 

Ob Katastrophenereignisse, Börse, Pressestimmen oder Nachrichten, Rezensionen, Anmoderationen von Klassikkonzerten, Nachrichtengong, Nachrichtensprache und Sprechmoden, Sendetechnisches oder „der beste Mix aus X“ oder bloßer Wetterbericht, wir sitzen als Leser mit am Sprecherpult, wenn das Rotlicht aufleuchtet und Jürgen Kolb „on air“ ist, wie es heute anglizistisch ausgedrückt heißt. Das alte „auf Sendung sein“ taugt halt heutzutage nicht mehr.

 

Das Berufsbild Sprecher ist ähnlich verschwommen wie das des Journalisten: „Jeder darf sich Sprecher nennen“, merkt Kolb an.

Wir lachen mit, wir weinen mit über die Trends beim Radio, alles irgendwie gleich klingen zu lassen, die Überraschungen zu tilgen die Originale und das Originelle aus dem Radio zu verbannen.

 

In einem Glossar am Ende des Buches werden wir mit Fachbegriffen der Radiolandschaft erklärend vertraut gemacht.

 

Es ist zwar ein Buch, aber irgendwie müsste man eine Radioserie daraus fertigen, aber das ist wieder ein ganz und gar anderes Thema. Wer hinter die Kulissen eines Senders schauen möchte, dem sei dieser Radioschmöker empfohlen.

 

Jürgen Kolb Bei Rotlicht bitte kein Wasser zapfen. Meine vierzig Jahre Radio boD

Weltsicht - ohne China und Russland

Henry Kissinger, Jahrhundertpolitiker und Friedensnobelpreisträger, Meister der Diplomatie und politischer Stratege, zeigt in diesem Alterswerk, was Staatskunst in Zeiten von Krise und Umbruch auszeichnet. Am Beispiel von sechs Staatenlenkern, denen er persönlich verbunden war - Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, Richard Nixon und Anwar el-Sadat, Lee Kuan Yew und Margaret Thatcher - , führt er uns vor, wie aus dem Zusammenspiel von Strategie, Mut und Charakter politische Führung erwächst. Und was wir heute, angesichts wiederaufflammender Großmachtkonflikte, von ihrer Staatskunst lernen können. (C.Bertelsmann)

 

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Einfach die Welt erzählen - Reinerová

Über die große Dame der deutsch-tschechischen Literatur – Weggefährtin von Anna Seghers, Egon Erwin Kisch und Max Brod.

Sie war die letzte deutschsprachige Autorin Prags, die große Dame der deutsch-tschechischen Literatur, Jüdin, und sie hat sie bis zu ihrem Tod 2008 in Prag alle überlebt: Anna Seghers, Egon Erwin Kisch, Max Brod. Vor den Nazis flüchtet sie über Paris, Marseille und Casablanca bis nach Mexiko-City, nach ihrer Rückkehr wird sie im Zuge der stalinistischen Säuberungen in der Tschechoslowakei inhaftiert – Lenka Reinerová lebte ohne Zweifel eine der bewegendsten Biografien des vergangenen Jahrhunderts. (Verlag Btb)

 

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Russland neu verstehen - ein Alphabet

Es gibt Begriffe, die wir für typisch deutsch halten: Heimat etwa oder Abendbrot. Sie müssen nicht eindeutig sein, um gemeinsame Assoziationen und Erinnerungen hervorzurufen. Jens Siegert ist nach fast dreißig Jahren in Russland überzeugt: Über solche typischen Begriffe lässt sich auch ein unmittelbarer Zugang zur russischen Kultur, Lebensweise und Politik gewinnen. Manche dieser Begriffe sind bekannt, wie der Eintopf „Borschtsch“; manche missverstehen wir ein wenig, wenn wir z. B. die „Datscha“ für einen Schrebergarten halten. Andere werden bis zu Jens Siegerts aufschlussreicher Zusammenstellung wohl nur Experten bekannt sein, wie „Gopniki“ (in etwa: Prekariat), „Mat“ (eine Art Schimpfsprache) oder „Propusk“ (Passierschein). Nicht zuletzt gehört dazu das „Prinzip“, in dem sich Grundsätzliches mit einem achselzuckenden Relativismus verbindet. Kann man mit Jens Siegerts Buch also Russland begreifen? Im Prinzip ja. Denn es eröffnet Einblicke in das russische Fühlen, Denken und Handeln. Indem er Verhaltensweisen und politische Entscheidungen aufschlüsselt, macht Siegert klar: Wer die Russinnen und Russen beim Wort nimmt, kann beginnen, Russland nahezukommen. (Körber Stiftung)

 

Die russische Sprache wird als slawische Variante von 210 Millionen Menschen gesprochen, allein von 150 Millionen, die russisch als Muttersprache benutzen. „Mütterchen Russland“ ist für uns sehr fremd geblieben, schon allein deshalb, weil die meisten von uns diese Weltsprache nicht sprechen. Sprache hilft aber zu verstehen. Davon geht auch der Autor Jens Siegert aus, der für die Heinrich-Böll-Stiftung von 1999 bis 2015 in Moskau arbeitete und jetzt für das Goethe-Institut tätig ist. Und hätten wir Russland - oder besser Putin selbst - beim Wort genommen, wären wir vielleicht zu wahren Russlandverstehern geworden und nicht zu solchen, die vor allem Verständnis für Gaslieferungen hatten. 


Nun ist alles anders, seit der Angriffskrieg Putins im Gange ist. Und wir versuchen, wieder neu zu verstehen.
Jens Siegerts Buch soll uns in den Begegnungen mit 22 Begriffen aus der russischen Sprache weiterhelfen, Russlands Entwicklungen nachzuempfinden. 


„Propiska“, „Kommunalka“, „Gopniki“ und „Wlast“, „Obida“ und „Mat“ und viele andere russische Begrifflichkeiten werden von ihm durchaus auch unterhaltsam interpretiert. Nur, das muss man wissen, dieses Buch ist vor dem Krieg entstanden, dennoch ist es hilfreich auch jetzt als aktuelle Interpretationshilfe. 


Warum lieben Russen die „Datscha“? Warum gibt es Probleme mit der russischen Bürokratie? Wieso ist die Registrierung der Wohnadresse so bedeutend? Auch Trinksprüche sind wichtig, insbesondere auf die Damenwelt, denn: „Der Toast adelt den Schluck“. Warum werden Frauen bei der Begrüßung mit Küsschen links-rechts-links beglückt? Was passiert in der russischen Sauna „Banja“? Alltagsleben und kulturelle Hintergründe werden Kapitel für Kapitel ausgeleuchtet.  
In seiner politisch-kulturell-soziologischen Analyse konstatiert Siegert aber auch eine Wirtschaftskrise, sinkende Einkommen, allgegenwärtige Korruption, jede Menge Umweltprobleme, Defizite im Gesundheitswesen und in der Bildung. Und auch die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen. 


Wie im Sozialismus gibt es die menschliche Schlange noch immer, sie gleicht einem Naturereignis wie dem Regen oder dem Winter, schreibt Siegert, sie verweist als Symbol des „bittenden Menschen“ auf eine vom Staat gewollte und versierte Unselbständigkeit des Staatsbürgers, von denen übrigens ein Drittel der Bevölkerung glaubt, Russland sei ein demokratisches Land. 


Aber die reale Situation ist wirklich anders: Der Paragraph Vaterlandsverrat ist im Strafgesetzbuch inzwischen wieder so weit gefasst, dass praktisch jede und jeder jederzeit als Verräter verurteilt werden kann!!!


Russland ist - schreibt Siegert - ein sehr dialektisches Land. Es geht alles nach dem Prinzip ja/nein, funktioniert/funktioniert nicht, geht/geht nicht, soll/soll nicht, kann/kann nicht, muss/muss nicht.
Die bisher so gut geschmiert laufenden Öl- und Gas-Handelsbeziehungen funktionierten nach dem Prinzip westliche Technologie im Tausch gegen russische Rohstoffe. 


Siegert zeichnet den Zerfall der Sowjetunion nach: Seinen Blick zurück in die Zeit der Lager heftet er an den Begriff „Solowetzky“, Zone, Lager und Gulag.  „Solowetzky“ war das erste Lager für „besondere Zwecke“. 1923 wurde aus einem Mönchskloster ein experimentelles Konzentrationslager. 18 Millionen Menschen waren allein in den Jahren 1929 bis 1953 in solchen Lagern interniert. Es wird mit etwa 3 Millionen GULAG-Toten gerechnet. Weiter wurden elf Millionen zwangsweise umgesiedelt. Schätzungen gehen davon aus, dass in den 70 Jahren Sowjetunion eine Million Menschen direkt durch den Staat ermordet wurden. Anfang 1920/21 waren knapp 500.000 Menschen in russischen Gefangenenlagern festgesetzt


Stalinistische Methoden sind wieder in, aber mit der Zurück-in-die-Vergangenheit- Politik wird Russland, so Siegerts Analyse, ein Land ohne Zukunft, erst recht jetzt, wenn sich die Kriegsfolgen wirtschaftlich dramatisch auswirken sollten. 
Siegert beschreibt dann den Weg zu Putins Russland. Hier wurden die Reichen schneller reicher und die Armen weniger arm. Dass die Supermacht USA Russland zu einer Regionalmacht herabwürdigte, hat Putin als narzisstische Kränkung empfunden. 


Politik ist in Russland nicht Staatsbürgersache, sie ist das Vorrecht der Staatsmacht. Ihre Macht wiederum beruht auf staatlicher Gewalt, materiellem Wohlergehen und Anerkennung der Macht durch möglichst viele Menschen. 


Ob örtliche Verbrecherbosse irgendwo in der russischen Provinz oder nur kleine Gauner, Business-men im globalen Geschäft, die ihr Land ausbeuten, das alles ist Russland und noch viel mehr. 
Das ist der Kernsatz in Siegerts Russland-Alphabet: „Russland will in Europa etwas zu sagen haben, sich aber von Europa nichts sagen lassen.“


Russland sucht immer die Provokation, die Herausforderung, den Kampfmodus. Ohne Kampf wird das Gegenüber als schwach eingeschätzt und bei der nächsten Gelegenheit erneut herausgefordert. 
So ist eine Szene, die Siegert beschreibt, typisch: Ein Abgeordneter der Duma, ein „russisch-nationalistischer Hardliner“, fragte die anwesenden Deutschen, rhetorisch versteht sich, ob sie bereit wären, für Georgien in den Krieg zu ziehen. Offensichtlich nicht. Wir, die Russen, so der Abgeordnete, seien das sehr wohl: Ende des Gesprächs!
Vielleicht achten wir jetzt - in den Kriegszeiten - mehr auf Worte und deren Bedeutung dahinter, und machen uns klar, wozu wir bereit sind. Der Krieg produziert wieder echte und vermeintliche Helden. Wie sagte dereinst schon Böll-Kollege Bert Brecht: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“


Und so gilt auch der Heine-Satz, neu interpretiert: Denk ich an Russland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht.
Das Buch sei allen alten, neuen und künftigen Russlandexperten, die jetzt wie Champignons aus dem Boden schießen, ans Herz gelegt. 
Ein Alphabet der Verständigung, ohne die es halt auch nicht geht in der internationalen Politik. 

 

Jens Siegert lebt seit 1993 in Moskau. Er leitete am Moskauer Goethe-Institut das EU-Projekt "Public Diplomacy. EU and Russia." Zuvor war er von 1999 bis Mitte 2015 Chef des Länderbüros Russland der Heinrich-Böll-Stiftung zuständig. 2021 erschien sein Buch "Im Prinzip Russland".

 

Jens Siegert Im Prinzip Russland Eine Begegnung in 22 Begriffen Edition Körber Stiftung 

Wolodymyr Selenskyj Für die Ukraine 


Fällt die Ukraine, fällt auch Europa! Die wichtigsten Reden des ukrainischen Präsidenten.
Wolodymyr Selenskyj ist zum Protagonisten des Widerstands gegen den Einmarsch der russischen Armee im Februar 2022 geworden. Putins Angriff zerstört dabei nicht nur die Ukraine, sondern bedroht auch alle europäischen Demokratien. In seinen Reden, mit denen sich Selenskyj kurz vor und direkt nach der Invasion an die eigene Bevölkerung wie auch an andere Staaten und selbst an die Russen richtete, erweist er sich als standhafter Verteidiger seines Landes und der durch diesen Krieg gefährdeten Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit. (ULLSTEIN)

 

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Die furchtlosen Frauen von Belarus

Wir alle kennen die Bilder von den Demonstrationen, die nach den letzten Wahlen im August 2020 in Belarus stattfanden. In vorderster Reihe bei den friedlichen Protestaktionen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit: viele, meist junge Frauen aus allen Schichten – darunter Journalistinnen, Studentinnen, Juristinnen, Sozialarbeiterinnen und Lehrerinnen. Mutig sahen sie den sie umzingelnden Polizisten in die Gesichter, ließen sich nicht einschüchtern – auch nicht nachdem zahlreiche von ihnen verhaftet, verhört, misshandelt und des Landes verwiesen wurden. In “Der weiße Gesang“ erzählen einige von ihnen ihre Geschichte, treten heraus aus der Anonymität der Masse. Sie lassen uns teilhaben an den Ereignissen und ihren persönlichen Erfahrungen der letzten Monate, an ihrem Aufbegehren, ihren Zielen, ihrem Leben im Exil. (EUROPAVerlag)

 

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Buch-Tipps  Angriffskrieg gegen Ukraine

Anne Applebaum, ROTER HUNGER Stalins Krieg gegen die Ukraine Siedler

 

Der erzwungene Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainern zwischen 1932 und 1933 - Holodomor genannt

»Russische Mafiabosse, ihre Mitglieder und ihre Verbündeten ziehen in Westeuropa ein, sie kaufen Immobilien, eröffnen Bankkonten, gründen Unternehmen, dringen Stück für Stück ins Gesellschaftsgefüge vor, und bis Europa sich dessen bewusst ist, wird es bereits zu spät sein.«

 

»Viele der Entscheidungen, die er trifft, basieren auf seiner Vorstellung, wie die Welt funktioniert. Patriotismus ist etwas, woran er wirklich glaubt.“

 

„Teile des KGB, unter ihnen Putin, benutzen den Kapitalismus als Werkzeug, um es dem Westen heimzuzahlen.“

 

Nur drei Zitate aus diesem Buch:

Catherine Belton. Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste HarperCollins

Rezension demnächst auf

 

www.facesofbooks.de

 

PUTINS NETZ

Catherine Belton Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste HarperCollins

Als Ende der 1980er-Jahre die Sowjetunion zusammenbrach, ahnte niemand, dass ein ehemaliger KGB-Agent sich über Jahrzehnte als russischer Präsident behaupten würde. Doch ein Alleinherrscher ist Wladimir Putin nicht. Seine Macht stützt sich auf ein Netzwerk ehemaliger sowjetischer KGB-Agenten, dessen Einfluss weit über Russland hinausreicht. Catherine Belton, ehemalige Moskau-Korrespondentin der Financial Times, hat mit zahlreichen ehemaligen Kreml-Insidern gesprochen. Es sind Männer, deren Macht Putin zu groß wurde und die nun selbst vom Kreml „gejagt“ werden. Belton beleuchtet ein mafiöses Geflecht aus Kontrolle, Korruption und Machtbesessenheit, und das gefällt nicht allen Protagonisten. Vier Oligarchen haben sie deswegen wegen Verleumdung verklagt. Ihr Buch liest sich in all seiner Komplexität so spannend wie ein Agententhriller, doch vor allem enthüllt es, wie das System Putin uns alle mehr betrifft, als uns lieb ist. (HarperCollins)

 

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Roter Hunger in der Ukraine 

Der gegenwärtige Konflikt um die Ostukraine und die Krim ist ohne diese historische Last nicht zu verstehen - der erzwungene Hungertod von mehr als drei Millionen Ukrainern 1932 und 1933, Holodomor genannt, war eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Und sie hat Folgen bis heute - Stalins „Krieg gegen die Ukraine“ hat sich tief im kollektiven Bewusstsein der osteuropäischen Völker verankert.

 

Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum vereint in ihrer Darstellung auf eindrückliche Weise die Perspektive der Täter und jene der Opfer: Sie zeigt Stalins Terrorregime gegen die Ukraine, die Umstände der Vernichtungspolitik - und verleiht zugleich den hungernden Ukrainern eine Stimme. (SIEDLER)

 

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Russland inside: Filipenkos DIE JAGD

„Russland ist ein Land, in dem die Mehrheit nur Lügen glauben will.“ 


„In unserem Land hat sich eine Sorte Mensch herausgebildet, die fähig ist, alles zu ertragen.“ 


„Man hört etwas, findet es gut, wiederholt es.“  


Nur drei Zitate aus dem neuen Roman von Sasha Filipenko, der in seinem Buch Russland als ein Land der wuchernden Klischees beschreibt.


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Russland von unten betrachtet

Kaum ein Land hat in den letzten 30 Jahren so viele Veränderungen erlebt wie Russland. Wie gehen die Menschen damit um? Joshua Yaffa porträtiert in diesem vielfältigen Streifzug durch das zeitgenössische Russland einige der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Landes - von Politikern und Unternehmern bis hin zu Künstlern und Historikern. Sie alle haben ihre Identitäten und Karrieren im Schatten des Systems Putin aufgebaut. Im Zwiespalt zwischen ihren eigenen Ambitionen und den allumfassenden Ansprüchen des Staates balanciert jeder von ihnen auf einem schmalen Grat von Kompromissen.  
Yaffa liefert eindringliche Erkenntnisse über die wahre Natur des modernen Autoritarismus, indem er zeigt, wie die Bürger ihr Leben nach den Anforderungen eines launischen und oft repressiven Staates richten – oft aus freien Stücken, aber auch unter Androhung von Gewalt.  (ECON)

 

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Schon 2007 erschienen

Der kaukasische Teufelskreis - ein Russlandbuch

Erich Follath Matthias Schepp Gasprom - Der Konzern des Zaren in: 
Norbert Schreiber (Hg.): Russland. Der Kaukasische Teufelskreis oder Die lupenreine Demokratie Wieser Verlag Klagenfurt 2007 zuerst veröffentlicht in DER SPIEGEL. 


Die Welt weiß viel über Exxon Mobil, General Electric, Toyota, Microsoft, die anderen Big Shots unter den Großunternehmen der Welt; sie weiß aber zu wenig über Gasprom. Was für ein Konzern ist das, dessen Börsenkapitalisierung zwischenzeitlich 290 Milliarden Dollar überstiegen hat, dessen gegenwärtiger Marktwert höher ist als das Bruttosozialprodukt von 165 der 192 in der UNO vertretenen Nationen? Wie tickt ein Unternehmen, das ein Sechstel der weltweiten Erdgasreserven kontrolliert und mit einem Fingerschnipsen die Energiezufuhr nach Westeuropa unterbrechen, unsere Wohnungen erkalten lassen kann?
Die Gasprom-Story hat Helden und Halunken; sie spielt in den überheizten Politiker-Hinterzimmern von Moskau wie in der Eiseskälte von Sibirien, in den von Erpressung bedrohten Pipeline-Transitländern Ukraine, Weißrussland und Armenien, »auf Schalke« im Ruhrgebiet der Malocher, wie auch im Schweizer Millionärssteuerparadies Zug und in Sotschi am Schwarzen Meer, Putins zweiter Sehnsuchtsstadt, wo er mit den ebenfalls von Gasprom finanzierten Olympischen Spielen sein Lebenswerk krönen will. (…)


Weltmacht Gasprom, Europas wertvollster Kon¬zern, Putins Schwert: Auf dem großen Bildschirm im Kontrollzentrum kann mühelos die weltweite Expansion des Kraken besichtigt werden, dessen Fangarme in alle Richtungen zuschlagen. Hier voll¬zieht sie sich zivilisiert, geräuschlos. Hier sind die wütenden Proteste der Regierungen nicht zu hören, für die die Gaspreise auf Weltmarktniveau angehoben werden, weil Gasprom Geld braucht. Oder weil der Kreml Staaten bestraft, die sich wie die Ukraine und Georgien von Moskau ab- und der NATO und der EU zuwenden. Hierher dringen keine Debatten vor über die zwischen den Herren Putin und Schröder abgesprochene Ostsee-Pipeline, den Ärger der Polen und Balten. Ungefähr in der Mitte der Europakarte blinkt die Pumpstation Kurskaja auf; von dort drehte Gasprom der Ukraine Neujahr 2006 das Gas ab. Moskau hatte den Preis zunächst verdreifacht; die Verhandlungen mit Kiew drohten zu scheitern. Man einigte sich schließlich auf fast das Doppelte. Im Januar 2007 wiederholte sich in Weißrussland das Spiel; tagelang stoppte Russland den Öl-Fluss. Wie¬der wurde den Westeuropäern bewusst, dass Gas und Öl für den Kreml auch politische Waffen sind. Schon heute versorgt Gasprom rund 30 europäische Länder. Estland und die Slowakei hängen zu 100 Prozent am Gas aus dem Osten, Griechenland zu 80, Polen zu 60 und die Bundesrepublik Deutschland zu 36 Prozent.“

Briefwechsel Zweig-Kippenberg

„Die Welt von gestern“ heute fast live erleben – nicht in den „Erinnerungen eines Europäers“ von Stefan Zweig, sondern in seinem Briefwechsel mit Anton Kippenberg, dem Verleger des Insel Verlages. Von 1905 bis 1937 schrieben sie sich. 573 Briefe, einige Postkarten oder Telegramme haben die Herausgeber Oliver Matuschek und Klemens Renoldner ausgewählt und außerordentlich gründlich kommentiert. Schon der Briefstil der beiden Korrespondierenden gehört in eine vergangene Welt. Keine „Hallo“-Anrede, kein unehrliches „Du“ und keine saloppe Grußformel werden hingeworfen, sondern etwa: „legen Sie mich Ihrer verehrten Gattin zu Füßen“. Jeder Satz sitzt und auch in den heikelsten Fragen herrschen Vornehmheit und gewachsene Freundschaft. Im heutigen E-Mail-Verkehr wäre das „veraltet“ oder auch falsch. Aber in der „Welt von Gestern“ war es in gehobenen Kreisen schön und macht einen heute neidisch. Worum ging es in dieser beispiellosen Korrespondenz?


Natürlich schrieben sich die beiden über die Bücher Stefan Zweigs, die die „Insel“ verlegen sollte. Dabei fällt auf, dass sich jeder der beiden Partner von Anfang an in das Geschäft des anderen einmischte. Der Autor hatte genaue Vorstellungen von der Buchgestaltung, der Auflagenhöhe, den Preis oder der Werbung. Manchmal mündeten seine Vorschläge in höfliche Forderungen. Der Verleger nahm in der Entstehungsphase eines Buches Einfluss auf die Länge, den Stil, manchmal auch das Timbre, strich viele Fremdworte. Meist wurden sich beide einig und trugen so zum Erfolg von Autor und Verlag bei. Die Entstehungsgeschichte aller großen Titel Stefan Zweigs erschließt sich in diesem Briefwechsel noch einmal ganz anders, spannend. Beide regten gegenseitig Übersetzungen oder Werke anderer Autoren an. Nicht alle Träume wurden Wirklichkeit. Den nachhaltigsten Erfolg entwickelten sie 1912 gemeinsam, die Inselbücherei, die schönen kleinen Pappbände, von denen bis heute annähern 1600 Nummern erschienen sind. Der Briefwechsel wird so zu einem Dokument der Literaturgeschichte und gewährt einen schönen Einblick in das deutsche und einen Seitenblick auf das europäische Verlagswesen damals.


Fast von selbst entsteht dabei ein Bild der Zeitgeschichte und der Reaktion der beiden Briefpartner darauf. Dramatisch waren der Erste Weltkrieg und die Zeit der Inflation. Ein Beispiel, das sich erst aus dem Kommentar erschließt: Stefan Zweig war mit dem heute fast vergessenen belgischen Autor Emile Verhaeren befreundet, übersetzte ihn und verfasste eine Biografie über ihn. Als im Ersten Weltkrieg deutsche Truppen das neutrale Belgien überfielen, schrieb Verhaeren scharf gegen Deutschland, z.B. in einem Gedicht über die Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutsche Artillerie. Kippenberg – eher deutschnational eingestellt – wollte von Verhaeren nichts mehr wissen. Aus dem überreichen Anmerkungsapparat erfährt das heutige Publikum, dass noch im Dezember 1914, also nach dem deutschen Überfall auf Belgien, Stefan Zweigs Verhaeren-Biografie bei Constable in London erschien und 1917 Auguste Rodins Buch „Die Kathedralen Frankreichs“ bei Kurt Wolff in Leipzig. Auch das war eine „Welt von Gestern“!  
Stefan Zweigs Berühmtheit stieg nach dem Ersten Weltkrieg auch international. In der jungen Sowjetunion wurde bald eine vierbändige Werkausgabe veröffentlicht, zu der Maxim Gorki das Vorwort schrieb. Zu den Feierlichkeiten anlässlich des 100. Geburtstages von Lev Tolstoi wurde Stefan Zweig als offizieller Vertreter Österreichs nach Moskau eingeladen und sprach vor über 4000 Gästen im dortigen Opernhaus. „Es war eine unglaublich eindrucksvolle Reise“, schrieb an Kippenberg. Ob der von Zweigs Enthusiasmus entzückt war, ist zu bezweifeln.
Die Zeitgeschichte führte dann zum Abbruch des Briefwechsels. Schon vor 1933 musste der Jude Stefan Zweig antisemitische Verleumdungen ertragen und bald nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde dem Verlag der Vertrieb der inzwischen sehr erfolgreichen Bücher Stefan Zweigs zunächst erschwert und dann ganz untersagt. Zweigs Honorare wurden beschlagnahmt und die Korrespondenz aus Vorsicht vor Gestapo-Mitlesern eingestellt. Auch die Beendigung des Verlagsverhältnisses erfolgte von beiden in vornehmer Haltung. Die Briefe hierzu sind ein erschütterndes Dokument des Anstandes, mit der eine durch die Nazis zerstörten Freundschaft beendet wurde. Nach dem Krieg versuchte Kippenberg die Rechte am Werk Stefan Zweigs, der im brasilianischen Exil aus Verzweiflung über den Untergang der „Welt von Gestern“ mit seiner zweiten Frau Selbstmord begangen hatte, von dessen Erben in einer damals verbreiteten Haltung wieder zu übernehmen – als ob nichts gewesen wäre. Die Rechte lagen aber inzwischen bei Berman-Fischer, der in seinem Stockholmer Exilverlag die Werke Stefan Zweigs weiter und neu verlegt hatte. Von dort gelangten die Rechte dann über Suhrkamp wieder an dessen Schwesternverlag, in dem dieser Briefwechsel jetzt so großartig erscheint – aber das ist eine andere Geschichte.


Beide Briefpartner waren leidenschaftliche Sammler. Anton Kippenberg trug eine eindrucksvolle Goethe-Sammlung zusammen, Stefan Zweig eine nicht weniger großartige Autographen-Sammlung. In ihren Briefen machten sie sich gegenseitig auf Auktionskataloge aufmerksam und erwarben zuweilen für den Anderen Stücke, von denen sie annahmen, dass sie auf dessen Interesse stießen. Der Briefwechsel ist dadurch auch ein einmaliges Dokument der Geschichte zweier Sammler auf höchstem Niveau. Beide konnten sich diese Leidenschaft leisten – ein Zeugnis wohlhabender Bürgerlichkeit.

 

Die Kreise, in denen sie verkehrten, ließen sich ebenso wie ihre Sammlungen sehen. Kippenberg brachte Stefan Zweig mit Richard Strauss zusammen, für den Zweig das Libretto zu „Die schweigsame Frau“ schrieb. 1935 konnte in Dresden noch uraufgeführt und gefeiert werden. Wenig danach setzten die Nazis die Oper mit dem Libretto des Juden Stefan Zweig vom Spielplan in Deutschland ab. Auch Stefan Zweig war auf höchster Ebene international vernetzt, z.B. mit Romain Rolland oder er war mit Arturo Toscanini befreundet. Ganz im Geiste der Vornehmheit ihres Briefwechsels ist er jetzt mustergültig ediert und bereitet in großen Teilen Freude. Das Ende ist furchtbar. „Etwas anderes, eine neue Zeit“ hat begonnen, „aber wie viele Höllen und Fegefeuer zu ihr hin waren noch zu durchschreiten“ hatte Stefan Zweig in „Die Welt von Gestern“ kurz vor seinem Freitod geschrieben. Heute weiß man es genauer.


Harald Loch

 

Stefan Zweig, wurde am 28. November 1881 in Wien geboren und starb am 23. Februar 1942 in Petrópolis bei Rio de Janeiro. Er studierte Philosophie, Germanistik und Romanistik in Berlin und Wien, reiste viel in Europa, nach Indien, Nordafrika, Nord- und Mittelamerika. 1938 emigrierte Zweig nach England, ging 1940/41 nach New York, dann nach Brasilien, wo er sich 1942 das Lebennahm.

 

Anton Hermann Friedrich Kippenberg war ein deutscher Verleger. Von 1905 bis 1950 leitete er den Insel-Verlag, der wiederum zum Suhrkampverlag gehört.

 

Oliver Matuschek, geboren 1971, arbeitet als freier Autor und Ausstellungskurator. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu historischen und literaturwissenschaftlichen Themen, darunter eine Biographie Stefan Zweigs.

 

Klemens Renoldner ist Literaturwissenschaftler und Direktor des Stefan Zweig Centre Salzburg.


Anton Kippenberg   Stefan Zweig   Briefwechsel 1905 - 1937
Herausgegeben, ausgewählt und kommentiert von Oliver Matuschek und Klemens Renoldner
Insel, Berlin 2022   958 Seiten   58 Euro

 

Ljudmilla Ulitzkaja: „Alissa kauft ihren Tod“   

Sie hat alles getan, was man heutzutage von einer prominenten russischen Autorin erwarten darf. Zuletzt hat sie mit Anderen öffentlich gegen Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine protestiert. In der inzwischen verbotenen Nowaja Gaseta vom 25. Februar schrieb sie von Schande, Scham und Betrug. Vor allem aber hat sie ein Leben lang literarische Texte in russischer und jüdischer Erzähltradition geschrieben, auch Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Seit einiger Zeit ist sie Nobelpreiskandidatin. Im kommenden Jahr wird sie 80 Jahre alt. Jetzt sind von ihr drei bunte Sträuße mit Erzählungen auf Deutsch erschienen. Einige sind auf Russisch schon 2002, die meisten erst 2019 erschienen, der letzte Zyklus „Sechs mal sieben Miniaturen“ ist im Original noch unveröffentlicht – wen wundert es?

 

Ganna Maria Braungardt hat das alles in ein sehr schönes und angemessenes Deutsch übersetzt.


Ulitzkajas kurze Erzählungen kreisen um Menschen, um Kinder und Alte, um Frauen vor allem. Der erste Zyklus ist „Freundinnen“ überschrieben. Ulitzkaja leitet sie mit einem Bekenntnis ein: „Andere brauche ich nicht“. Die Erzählungen dieses Buketts folgen dieser Einleitung: „Andere brauche ich nicht., ich liebe diese leichtsinnigen, weisen, schamlosen, bezaubernden, verlogenen, wunderbaren, abergläubischen und treuen, diese überaus klugen und unfassbar dummen Frauen, von denen die Engel im Himmel noch lernen könnten … Ich brauche euch, wie ihr seid – denn ich bin wie ihr und passe zu euch.“ Da geht es um Alissa, die ihren Tod in Gestalt einer für alle Fälle nutzbaren Dosis Tabletten kauft. Oder Vera, die für ihre Tochter Lilja einen in Moskau studierenden irakischen Mathematiker auf einer Parkbank schnappt. Bald bekommt Vera eine Tochter, ihr Mann muss in den Irak, wird dort als Kurde verhaftet und nach zwei Jahren nach London abgeschoben. Vera und die Kleine kommen nach. In England ist sie dann „Ausländerin“, so der Titel der zeitgeschichtlich gefärbten Geschichte. Die beiden verzankten Schwestern Lidija und Nina kommen sich nach dem Tod ihrer Mutter, einer berühmten Linguistin erstmals wieder näher. Und dann „Russische Frauen“. Zwei von ihnen leben schon länger in den USA, eine kommt zu Besuch aus Russland. Aus dem als Kaffeeklatsch angesetzten Treffen, in dem es über die Trunksucht ihrer Männer ging, entwickelt sich ein ordentliches Besäufnis der drei Frauen mit erheblichem Reinigungsbedarf am nächsten Morgen.


Der zweite Zyklus ist „Der Körper der Seele“ überschrieben und ist auch eingeleitet: „Keine einzige Lektion gelernt“. Shenja geht nicht mit der Mode, will Biologie studieren und absolviert ein Praktikum in einem Biologielabor. Ihre Chefin arbeitet über die Zirbeldrüse. Shenja wird zu einem Schlachthof geschickt, um diese Drüsen aus Schweineköpfen zu sezieren. Dort erlebt sie das maschinelle Abschlachten der Tiere – „Fleisch aß Sehnja nie wieder. Und Biologin wurde sie schließlich auch nicht“. So geht es weiter mit Sonja Solodowa, die einem „ausschließlichen Apfelwahn“ verfällt, oder mit Tolik, der in der Schule durchfiel, aber ein begnadeter Fotograf wird – bis ihn ein unheilbarer Tremor aus der beruflichen Laufbahn wirft. Am Ende wird alles gut. Schließlich Nadeshda Georgijewna, eine überaus tüchtige Bibliographin, die im Alter nach und nach ihr Gedächtnis verliert, bis ihr ein „Blitz“ im Gehirn das ganze Universum erschließt. Die „Sechs mal sieben Miniaturen“ bestehen aus 42 kürzesten Miniaturen, manche nicht einmal eine Seite lang. Meisterwerke jede: Sieben Weltuntergänge, sieben Tode, sieben Geburten, sieben Krankheiten, sieben Zwillingspaare, sieben Ehepaare.


Alle diese Texte sprechen die Sprache menschlicher Großzügigkeit bei allen in den Einleitungen bewunderten Fehlern. Sie sprechen in einfachen poetischen Worten von der Weisheit – einer jüdischen, einer russischen, einer weiblichen? Sie sind dem Leben selbst im Sterben zugewandt, dem Alltag entnommen und jeder Banalität entkleidet, voller Würde, die es auch in früher sowjetischer und gegenwärtiger Russischer Wirklichkeit gibt. Das macht diese literarischen Wunderstücke so kostbar.


Harald Loch

 

Ljudmila Ulitzkaja, 1943 geboren, wuchs in Moskau auf und ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen Russlands. Sie schreibt Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke und erzählende Prosa. Bei Hanser erschienen Die Lügen der Frauen (Erzählungen, 2003), das Kinderbuch Ein glücklicher Zufall (2005), Ergebenst, euer Schurik (Roman, 2005), Maschas Glück (Erzählungen, 2007), Daniel Stein (Roman, 2009), Das grüne Zelt (Roman, 2012), Die Kehrseite des Himmels (2015), Jakobsleiter (Roman, 2017), Eine Seuche in der Stadt (Szenario, 2021) und Alissa kauft ihren Tod (Erzählungen, 2022). 2008 erhielt Ljudmila Ulitzkaja den Alexandr-Men-Preis für die interkulturelle Vermittlung zwischen Russland und Deutschland, 2014 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur sowie 2020 den Siegfried Lenz Preis.


Ljudmilla Ulitzkaja: „Alissa kauft ihren Tod“   Erzählungen
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Hanser, München 2022   304 Seiten   25 Euro

 

Warum das Autoritäre so verlockend ist

 

Die Erschütterung der liberalen Demokratie überall auf der Welt wird gern mit der Schwäche der westlichen Werteordnung erklärt. Die Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum geht dem Phänomen auf andere Weise auf den Grund. Sie fragt: Was macht für viele Menschen die Rückkehr zu autoritären, anti-demokratischen Herrschaftsformen so erstrebenswert? Was genau treibt all die Wähler, Unterstützer und Steigbügelhalter der Anti-Demokraten an? An vielen Beispielen – von Boris Johnson über die spanischen Nationalisten bis zur Corona-Diktatur in Ungarn – und aus persönlicher Erfahrung zeigt sie, welche Bedeutung dabei soziale Medien, Verschwörungstheorien und Nostalgie haben, welche materiellen Interessen ins Spiel kommen und wie nicht zuletzt Elitenbashing und Aufstiegsverheißungen die Energien der vermeintlich Unterprivilegierten befeuern. Ein brillanter Streifzug durch ein Europa, das sich auf erschreckende Weise nach harter Hand und starkem Staat (zurück)sehnt. (SIEDLER) 

 

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Die Paprika-Autokratie: Orbán-Ungarn

 

Dalos Das System Orbán. Die autoritäre Verwandlung Ungarns CH Beck
Wenn man in einem freiheitlichen Land politische Verhältnisse mit dem Wort «System» beschreibt, denkt man an Despotie und Tyrannei. Für die Machthaber in Ungarn ist seit dem Triumph der Fidesz-Partei unter ihrem Führer Viktor Orbán der Begriff «System» eine honorige Bezeichnung für ihre antidemokratischen Ziele und ihre unterdrückerischen Methoden geworden. Der ungarische Systemkritiker György Dalos führt uns ein in die Welt eines Autokraten und ihre verstörenden Machtmechanismen.
Was sich in Ungarn vollzieht, ist ein auf allen Ebenen der Gesellschaft und der Politik ausgetragener Kulturkampf zwischen einem von Orbán immer rücksichtsloser, immer autoritärer entwickelten Staat und einer immer schwächer werdenden liberalen Opposition. Die Machtverhältnisse sind so ungleich, die Entrechtung der innenpolitischen Gegner so perfide und effektiv, dass man kaum noch auf eine Rückkehr zu rechtsstaatlichen und freiheitlichen Verhältnissen zu hoffen wagt. Wie Orbán und seine Gesinnungsgenossen Ungarn in ihre Gewalt gebracht und ihr System zementiert haben, beschreibt mit György Dalos ein wirklicher Kenner der ungarischen Geschichte. (CH Beck)

 

 

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Flucht und Vertreibung – neu empfunden

 

Zu Fuß? Zu Fuß. Allein? Allein. Am 22. Januar 2020 macht sich Christiane Hoffmann in einem Dorf in Niederschlesien auf den Weg. Sie läuft 550 Kilometer nach Westen, es ist der Weg, auf dem ihr Vater im Winter 1945 vor der Roten Armee geflohen ist. Die Flucht prägt das Leben des damals Neunjährigen, es bleibt, wie bei so vielen Familien, eine Wunde. Nach dem Tod des Vaters kehrt die Tochter nach Rosenthal zurück, das jetzt Rózyna heißt. Sie sucht nach der Geschichte und ihren Narben.

 

Deutschland in den 1970er Jahren. Unter dem Tisch sitzen die Kinder. Oben seufzen die Erwachsenen, essen Schnittchen und reden über die verlorene Heimat. Sie übertragen ihre Verletzungen und Alpträume auf die nächste Generation. Was bleibt heute vom Fluchtschicksal? Wie gehen die Familien, wie gehen die Gesellschaften, Deutsche, Polen und Tschechen damit um? Auf ihrer Wanderung sucht Christiane Hoffmann nach der Gegenwart der Vergangenheit. Sie kämpft sich durch Hagelstürme und sumpfige Wälder. Sie sitzt in Kirchen, Küchen und guten Stuben. Sie führt Gespräche – mit anderen Menschen und mit sich selbst. Ihr Buch überführt die Erinnerung an Flucht und Vertreibung ins 21. Jahrhundert und mahnt an die Schrecken des Krieges, es verschränkt die Familiengeschichte mit der Historie, Zeitzeugenberichte mit Begegnungen auf ihrem Weg. Doch es ist vor allem ein sehr persönliches Buch, geschrieben in einer literarischen Sprache, eine Suche nach dem Vater und seiner Geschichte, nach dem, was er verdrängte, um zu überleben. (C.H.Beck)

 

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INNU - Vom Verlust der Identität in Kanada


Michel Jean erzählt in Kukum die Geschichte seiner Urgroßmutter Almanda Siméon, die 97 wurde. Als Waise von ihrer Tante und ihrem Onkel aufgezogen, lernt sie mit fünfzehn den jungen Innu Thomas Siméon kennen, verliebt sich trotz der kulturellen Unterschiede sofort in ihn, sie heiraten, und Almanda lebt von da an mit dem Nomadenstamm, dem er angehört, lernt seine Sprache, übernimmt die Riten und Gebräuche der Innu von Pekuakami und überwindet so die Barrieren, die den indigenen Frauen aufgezwungen werden.
Anhand des Schicksals dieser starken, freiheitsliebenden Frau beschreibt Michel Jean auch das Ende der traditionellen Lebensweise der Nomadenvölker im Nordosten Amerikas, deren Umwelt zerstört wurde und die zur Sesshaftigkeit gezwungen und in Reservate gesperrt wurden, ohne Zukunftsperspektive, ein Leben geprägt von Gewalt, Alkohol und Drogenkonsum. (WIESER Verlag Klagenfurt)

 

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Ein Leben für die Literatur: HD Zimmermann

 

Der bekannte Berliner Literaturwissenschaftler Hans Dieter Zimmermann erinnert sich mit 80 Jahren seiner Kindheit in Krieg und Nachkriegszeit, an den Besuch des Stefan-George-Gymnasiums in Bingen am Rhein, an das Studium in Mainz und Berlin mit Auseinandersetzungen und Kontroversen. Sein Glück ist die Begegnung mit Autoren der Gruppe 47, die ihm den Weg ebneten: sein Doktorvater Walter Höllerer an der TU Berlin, seine Habilitation bei Hans Mayer an der Universität Hannover, seine Arbeit an der West-Berliner Akademie der Künste von 1969 bis 1975, in der er weitere Autoren der Gruppe 47 traf und bedeutende Emigranten, schließlich seine Reisen nach Prag im Auftrag von Günter Grass zur Unterstützung der Dissidenten um Pavel Kohout und Václav Havel. Seine eigene Familie, der Vater war Mitglied der SS, bildet einen scharfen Kontrast zu der Familie seiner Prager Frau, deren Vater als Widerstandskämpfer im KZ Mauthausen einsaß. (WIESER VERLAG)

 

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Eine Diktatur - ein Land - im Koma: Belarus


Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint. (DIOGENES)


Der Roman spielt in Minsk, in der Stadt der „mittelmäßigen Architekten“, in Weißrussland, im Land „des erstarkenden Schwachsinns.“ 
Sasha Filipenko sagt in seinem Vorwort, dass sein kritisches Buch in Belarus nur unter der Theke verkauft wird. Es ist also wie einstmals in der DDR als „Bückware“ unterwegs. Es ist ein Zeitmaschine-Roman, ein Spiegel der derzeitigen weißrussischen Gesellschaft und Politik. 
Franzisk, die jugendliche Hauptperson, hat den Spitznamen „Zisk“. Er ist ein verhinderter Cellist, der nicht gerne übt, dafür lieber ein Rockkonzert besucht. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: Im Hagel-Gewitter treibt ein Gedränge die Menschen in einen U-Bahnhof. Es entsteht Massenpanik. 50 Menschen sterben. 


Auch „Zisk“ wird Opfer, fällt ins Koma. Die Lähmung des zentralen Nervensystems blockiert alle seine menschlichen Regungen. Er liegt wie tot im Bett – zehn lange Jahre. Die Oma betreut ihn im Koma, schaut mit ihm TV, liest vor, hört mit ihm Radio, besorgt ihm sogar für einen Wiederbelebungsversuch eine Prostituierte. Auch ihr gelingt es mit allerlei Fertigkeiten nicht, Zisk aus dem Koma zu locken. Erst zehn Jahre später wacht er auf und findet sein Land unverändert vor. „Er hat die Augen aufgeschlagen! Er ist wach!“ Außer einer kosmetischen Renovierung der Häuserfassaden hat sich nichts getan in seinem Belarus. 


Realität drängelt sich immer mehr von Seite zu Seite zwischen den Zeilen ins Buch. An der Diktatur hat sich nichts geändert. In den Medien ist nichts zu finden, was der Meinung der Präsidialverwaltung entgegensteht. Die Fernsehsender, die Zeitungen und die gesellschaftliche Debatte bleiben gleichgeschaltet. Journalisten festgesetzt. Oppositionelle verschwunden. Entführungen schockieren die Öffentlichkeit, Menschen verlieren ihre Arbeit. 


Was ist das für ein osteuropäisches Land? 


Filipenko beschreibt es leidenschaftlich und sehr genau: Der Diktator heißt Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko. Keiner will ihn gewählt haben, und doch hat er 75 Prozent des Wahlvolks hinter sich. Bei Terroranschlägen wird die Schuld grundsätzlich auf die Opposition geschoben. Filipenko nennt ihn einen „talentierten Diktator“, der sich mit „Gewalt Gehör“ verschafft und das eigene Volk mit Drohungen einschüchtert. 


Wir lesen ehrliche Dialoge, glaubhafte Szenen, wiedergegebenen Alltag, hören aber auch vom Sprachkrieg zwischen Russisch und Belarussisch, der aus den vergangenen Zeiten stammt. 


Filipenko hat ein großartiges Beschreibungspotential, etwa wenn er den altertümlichen Aufzug im Haus der Großmutter detailgenau unter die Lupe nimmt, oder die Fernsehreporter bei einem Fußballspiel charakterisiert: “Sie kommentieren ja nicht das Match, sondern brabbeln einfach vor sich hin.“ Das kommt dem Leser und deutschen Fernsehzuschauer irgendwie bekannt vor. 


„Ich habe gedacht, bei uns geht es darum, denkende Menschen zu erziehen.“ Denken. Zweifeln. Fragen stellen! Das wäre demokratisch zu leben. Doch das belarussische Volk ist selbst in einen tiefen Schlaf gefallen. „Hier sind schon die nichts wert, die gesund und am Leben sind, von Menschen im Koma ganz zu schweigen.“ Auf den Plätzen der Stadt demonstrieren die Machthaber mit Gewalt, wer die Wahlen gewonnen und auch weiterhin das Sagen hat. 


Ganz nebenbei erfahren wir auch belarussische Geschichte, dass zum Beispiel die Deutschen, die weißrussische Dörfer niedergebrannt haben, aber auch in den 1980ern die Tschernobylkinder aus dem Land holten. Diese Hilfe treibt seltsame Blüten im Land, weil die phantastische Rentabilität „massenweise Betrüger“ ins Gesundheitsbusiness lockt. In den Anmerkungen der Übersetzerin finden wir historische Daten, die Flaggenthematik, das Sprachproblem, konkrete Ereignisse der Geschichte und einen Zitatennachweis, denn Filipenko zitiert auch Gedicht- oder Liedzeilen. 


Man kann als Weißrusse eine Wohnung haben, eine Datscha, ein Auto: „Was haben Sie denn nicht?“ „Freiheit“, heißt es an einer Stelle des kapitellosen Romans über die „letzte Diktatur Europas“.
Das Buch ist trotz der beißenden satirisch und grotesk eingefärbten Kritik ein warmherziges Bekenntnis zu einem Heimatland, das unter die diktatorischen Räuber gefallen ist. In Belarus kann es sehr kalt sein.

 

 

 

Interview mit Sasha Filipenko

 

 

 

Ihr Roman „Der ehemalige Sohn“ hat das besondere Schicksal, dass er sieben Jahre nach seinem Erscheinen aktueller ist denn je. Wie ist das möglich? 


Sasha Filipenko: Wahrscheinlich ist mir einfach ein gutes Buch gelungen. Nein, im Ernst: Dass mein Buch noch immer aktuell ist, freut mich als Autor sehr, als Staatsbürger von Belarus macht es mich jedoch traurig. Die Aktualität meines Romans zeugt leider davon, dass Veränderungen zum Besseren in unserem Land nur sehr, sehr langsam vor sich gehen. 


Wie nah verfolgen Sie die Ereignisse in Belarus? 


Sasha Filipenko: Ich verfolge sie nicht nur, ich nehme aktiv daran teil. Ich habe 2010 mitdemonstriert (was mich zum Roman Der ehemalige Sohn inspiriert hat) und auch 2020. Ich habe für meinen Blog fotografiert, Solidaritätslesungen meines Romans organisiert, für Zeitungen in Frankreich, Schweden und Deutschland geschrieben und war natürlich auch bei Protestmärschen in Minsk dabei. 


Kann man „Der ehemalige Sohn“ in Belarus kaufen? 


Sasha Filipenko: Nicht immer. Manche Läden haben das Buch im Regal stehen, manche haben es zwar, aber nicht im Regal. Da müssen Sie im Laden erst danach fragen. Der belarussischen Nationalbibliothek wurde DRINGEND EMPFOHLEN, meinen Roman nicht in ihren Katalog aufzunehmen. In Minsk wird gerade ein Theaterstück nach meinem Roman geprobt. Das Ensemble hat schon von fünf Aufführungsstätten Absagen erhalten. Im Moment wissen sie noch immer nicht, ob sie das Stück werden aufführen können. Ich persönlich bin mir sicher, dass man sie nicht lassen wird. Am wahrscheinlichsten ist es leider, dass das Stück in Polen oder in der Ukraine aufgeführt wird und das belarussische Publikum es nur auf YouTube zu sehen bekommt. 

 

Es gibt eine Online-Solidaritätslesung von „Der ehemalige Sohn“ mit berühmten russischen und belarussischen Künstlern, Schauspielern und Musikern, die man sich auf YouTube anschauen kann. Wie kam das zustande? 


Sasha Filipenko: Im Sommer 2020 dachte ich, es wäre großartig, wenn vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus Prominente Ausschnitte aus meinem Roman lesen würden. Kaum hatte ich diese Idee in den sozialen Medien formuliert, vergaß ich sie auch schon wieder. Aber gleich am nächsten Tag bekam ich eine Flut von Rückmeldungen von berühmten Schauspielern, Musikerinnen, Journalistinnen und bildenden Künstlern. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich eine so überwältigende Liste beisammen, dass es schlicht dumm gewesen wäre, das nicht zu machen. So entstand eine Fortsetzungslesung des gesamten Romans. Damit wollte ich ein Zeichen unserer Solidarität setzen, und natürlich war es eine große Ehre, dass so viele renommierte Persönlichkeiten bereit waren, Passagen aus dem „Ehemaligen Sohn“ zu lesen.

 
Was bedeutet der Titel „Der ehemalige Sohn“? 


Sasha Filipenko: Dieser Titel ist mir nach dem Protest von 2010 eingefallen. Man kann ja eigentlich kein „ehemaliger Sohn“ sein. Man kann ein ehemaliger Fußballer sein, ein ehemaliger Ehemann, aber kein ehemaliger Sohn – und doch traf das genau, wie ich mich damals fühlte. Ich wollte ein Buch über Menschen schreiben, die sich wie ehemalige Söhne und Töchter ihres Landes fühlen, wie ehemalige Kinder ihrer Familien. Über Menschen, die gezwungen sind, ihr Zuhause zu verlassen. 


Franzisks Großmutter, die nie die Hoffnung aufgibt, dass ihr Enkel eines Tages aus dem Koma erwachen wird, ist eine wunderbare Figur. Gibt es für sie ein reales Vorbild? 


Sasha Filipenko: Das ist meine Großmutter. Man kann sagen, dass dieses Buch eine Art Rekonstruktion meiner Großmutter ist, eine Studie, wenn man so will. Ich bin überzeugt: Wenn ich in Franzisks Lage geraten wäre, hätte meine Großmutter ganz genau so gehandelt wie die Großmutter im Roman.

 

Das Interview wurde von DIOGENES zur Verfügung gestellt. 

 

Roman mit Biss: Auf den Spuren von DRACULA

Transsylvanien - Unterwegs bei Graf Dracula

 

Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden.

 

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Interview mit Dana Grigorcea

Warum haben Sie die DRACULA-Geschichte als Hintergrund für Ihren Roman gewählt, das Projekt Dracula-Park als Vergnügungsstätte für Touristen wird ja doch nicht verwirklich?

 

Dracula ist ein Symbol des gestrengen Fürsten, der morbide Sehnsüchte weckt. Er waltet heutzutage nicht nur "trans silva", also hinter den Wäldern in Rumänien, sondern überall auf der Welt, wo die Menschen Autokraten und zwielichtige Populisten an die Macht hieven. Die Geschichte um den Dracula-Park in meinem Roman basiert auf einer wahren Geschichte, wie Sie richtig erkannt haben. Damals hatten sich allerlei korrupte Politiker und Geschäftslute Aktien an dem Park gesichert. Dass der Park dann doch nicht gebaut wurde, ist ein sehr begrüssenswerter Sieg der Zivilgesellschaft. 

 

Rumänen und seine politischen und gesellschaftlichen Probleme werden in der Europäischen Union oft buchstäblich an den Rand Europas gedrängt – welchem Thema müsste mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?


Die Europäische Union macht schon sehr viel für Rumänien und die osteuropäischen Länder. Umgekehrt sollten diese Länder mehr für die EU tun, zum Beispiel beim Flüchlingsthema. 

 

Bei aller Schwergewichtigkeit der Themen in ihrem Familienroman gelingt Ihnen eine gewisse Leichtigkeit. Nach dem trist-grauen kommunistischen Alltag hellt Literatur so die Seele auf und tröstet?


Ja, das ist auch meine feste Überzeugung: Literatur tut der Seele wohl. 

 

Viele Rumänen, vor allem deutschstämmige, haben ihr Land verlassen, dafür kann man Verständnis haben, aber müssten die Menschen nicht im Land bleiben, um am Fortschritt mitzuwirken?


Es ist nicht so, dass man nur vor Ort am Fortschritt des Landes mitwirkt. Dank den Wahlstimmen aus der rumänischen Diaspora ist zum Beispiel Klaus Johannis zum Präsidenten Rumäniens gewählt worden, und bei den Europawahlen die fortschrittliche Allianz USR-Plus. Die Auslandsrumänen sind von den rumänischen Populisten nicht zu erreichen, und leisten, durch regen Kontakt zu ihren Familien und Freunden in Rumänien, einen wichtigen Beitrag zum demokratischen Diskurs des Landes - von den Geldflüssen zu schweigen. 

 

Spüren Sie im Land noch Nachwirkungen des Terrorregimes von Ceaușescu?


Leider ja. Der revanchistische Ton wurde nicht abgelegt. Er hat die Art zu reden und über andere zu urteilen nachhaltig geprägt. Darum geht es auch in meinem Roman: Durch den unerbittlichen Ton, in dem man vergangenes Unrecht verurteilt, rettet man jene Geister der Vergangenheit in die Gegenwart. Um es mit Martin Luther King Jr. zu sagen: "Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that."  


Warum haben Sie den Ort der Handlung mit B. abgekürzt, wollen Sie Touristenströme dorthin vermeiden?


Da stehe ich hinter der Entscheidung meiner Erzählerin: Ich nenne den Ort nur B., „…weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral, wenngleich sie sich freilich an vielen Orten auf der Welt hätte abspielen können.“ Ich lasse Dracula da, wo man ihn vermutet, hinter dem dunklen Wald, aber eigentlich ist er längst hier, unter uns.