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Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Abschied von Angela

Das mächtigste Amt der deutschen Politik hat noch niemand freiwillig aufgegeben – außer Angela Merkel. Bis zum Ende ihrer Amtszeit hat sie hohe Zustimmungswerte erhalten, immer wieder hat sie sich als Krisenmanagerin bewährt. Und so schätzen sie die Deutschen: Angela Merkel ist so pragmatisch, wie Helmut Schmidt es gerne gewesen wäre. Ideologien, Weltanschauungen, Grundsatzfragen interessieren sie wenig. Unaufgeregt schlachtete sie mehrere heilige Kühe der Christdemokraten, etwa die Wehrpflicht oder die Kernkraft. Kritiker warfen ihr deshalb vor, ihr einziges Programm sei es, Kanzlerin zu sein.
Und doch hat sie, ideologiefrei, visionslos, eine Ära der deutschen Politik geprägt: Die Jahre von 2005 bis 2021 sind eindeutig die Merkel-Jahre. Jetzt, da diese Ära zu Ende geht, ist es Zeit, sie genauer anzusehen: Was bleibt? Wurde da «nur» pragmatisch regiert, oder sind Entwicklungen in Gang gesetzt worden, die über den Tag hinausweisen? Ja, die gibt es, sagt Ursula Weidenfeld, und sie werden entscheidend sein für unsere nächsten Jahre.
Dieses Buch ist mehr als eine Bilanz. Es versucht, dem Phänomen Merkel gerecht zu werden – und zeichnet das Bild einer Frau, die Deutschland verändert hat. (rowohlt Berlin)

 

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Margaret MacMillan: Krieg. Wie Konflikte die Menschheit prägten


„Es ist nur gut, dass der Krieg so schrecklich ist, wir würden sonst vielleicht Gefallen an ihm finden“, soll der Konföderiertengeneral Robert E. Lee in der Schlacht von Fredricksburg 1862 angesichts der vielen ebenso vergeblichen wie verlustreichen Angriffe der Unionstruppen bemerkt haben. Die kanadische Historikerin Margaret MacMillan zitiert dieses Aperçu aus dem amerikanischen Bürgerkrieg in ihrem weniger militär- als kulturgeschichtlichen Werk „Krieg“. Die Autorin lehrte Neuere Geschichte in Oxford, wo sie auch dem renommierten St. Antony’s College vorstand. Mehr als zwei Jahrtausende sowie Völker und Gesellschaften aller Kontinente nimmt sie in den Blick. Ihr von Klaus-Dieter Schmidt übersetztes Buch ist nicht historisch, sondern thematisch gegliedert. Sie schreibt von ihrem großen Überblick aus mit der Souveränität, die auf das Sensationsheischende verzichten kann, ohne das Monströse des Krieges zu verharmlosen. Sie erzählt mit der gleichen historischen Genauigkeit über Kriegsbegeisterung wie über Opfer, sie prangert Kriegsverbrechen ohne Ansehen der Seite an, die sie begangen haben, sie ist auf allen Schauplätzen zu allen Zeiten präsent, verwendet O-Töne, um authentisch zu beschreiben, kennt sich in der internationalen Kriegs- und Antikriegsliteratur bestens aus, bezieht sich auch auf Belletristik von Vergil und Homer über Shakespeare zu Remarque und Ernst Jünger oder Wassili Grossman. Sie zitiert mörderische Stellen aus dem Alten Testament oder aus der Himmler-Rede vor SS-Kommandeuren in Posen. Ein solches Buch kommt ohne den so wohlfeilen flammenden Appell zum Frieden aus – der versteht sich von selbst.


In einem „Wie Krieger gemacht werden“ überschriebenen Kapitel erzählt sie von der verheerenden Erziehung von jungen Menschen zu tapferen und mörderischen Kriegern, sie beschreibt die hohle Fairness ritterlicher Tugenden, aber auch die Feldweihnacht in Frankreich 1914 über Schützengräben hinweg. Die Autorin weiß von heldenhaften Kriegern und auch von geschätzt zwei Millionen von sowjetischen Soldaten vergewaltigten deutschen Frauen zu berichten, von dem SS-Massaker in Oradour oder von einem kanadischen General, der seine Truppe im ersten Weltkrieg einen von Deutschen gehaltenen Hügel stürmen ließ, Tausende von eigenen Verlusten in Kauf nahm und später als Held verehrt wurde, in jüngerer Zeit in Kanada nur noch als „Schlächter“ bezeichnet wurde. Die Entwicklung der Waffen von Stein- und Bronzeinstrumenten bis zur Atombombe oder auch den kaum mehr von Menschen zu kontrollierenden vollautomatischen Angriffswaffen der Gegenwart oder der nahen Zukunft. Sie weiß vom Cyberkrieg aber auch davon, dass in Afghanistan Aufständische, deren Funkverkehr von den Amerikanern abgehört wurde, zu Nachrichtenübermittlung durch Motorradfahrer übergingen.


Die ungeheuren wirtschaftlichen Anstrengungen kriegführender Länder, die Kosten von Wiederaufbau, Millionen von Toten finden ihren eher nüchtern beschriebenen Platz in diesem Buch, das aber auch eher Anekdotisches bereithält, wie z.B., dass die mongolischen Reitervölker, die im späten Mittelalter bis nach Europa vordrangen, ihre Krieger mit seidenen Unterhemden ausstatteten. Um die Seide wickelten sich feindliche Pfeilspitzen und verhinderten bei Verletzungen entzündliche Verwundungen. Den vielfältigen völkerrechtlichen Vereinbarungen widmet MacMillan viel Aufmerksamkeit, ohne auf ein bewunderndes Zitat eines kanadischen Militärs über einen eigenen Giftgasangriff in Ersten Weltkrieg zu verzichten. Das Rote Kreuz wurde auf einem blutgetränkten Schlachtfeld erfunden. Das Buch versucht Verständnis für eine oft übersehene Tatsache zu wecken und die Autorin mahnt: „Wenn wir nicht begreifen, wie weit Krieg und Gesellschaft miteinander verknüpft sind, übersehen wir eine wichtige Dimension der menschlichen Geschichte.“ 

 

Am Ende gibt es Hoffnung: „… die lange enge Verknüpfung von Krieg und Gesellschaft könnte an ihr Ende gelangen oder sollte dies – nicht, weil wir uns verändert haben, sondern weil die Technologie sich verändert. Angesichts neuer, noch schrecklicherer Waffen, der zunehmenden Bedeutung von künstlicher Intelligenz, von automatischen Tötungsmaschinen und von Cyberkrieg sind wir mit der Möglichkeit des Endes der Menschheit konfrontiert. Wir müssen über den Krieg nachdenken – mehr als je zuvor.“


Harald Loch


Margaret MacMillan: Krieg. Wie Konflikte die Menschheit prägten
Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt
Propyläen, Berlin 2021   381 Seiten mit 16 Seiten Bildteil   30 Euro

Eine Leseratte schreibt übers Leseglück

Martin Latham Vom Glück zu lesen Über Bücher Schriftsteller und meine Buchhandlung in Canterbury

 

Ob Trost oder Erkenntnis, ob Reisen in andere Welten oder Analysen unserer Realität – Bücher bieten all das und noch viel mehr. Wir tragen sie überall mit uns herum und behalten die wichtigen Lektüren unseres Lebens für immer in unseren Herzen. Wir atmen den Geruch ihrer Seiten ein, kritzeln etwas hinein und schützen sie vor Bücherdieben und Badewasser. Dieser lebenslangen Liebe widmet sich der Buchhändler Martin Latham in seinem inspirierenden Buch. Er erzählt von Schmugglern, Bibliothekaren, besessenen Sammlern und den Rolling Stones. Wir erfahren, welches Buch Marilyn Monroe verehrte, dass Napoleon bei jeder Schlacht Goethes Werther mit sich trug und natürlich auch von Martin Lathams Erlebnissen in seiner Buchhandlung in Canterbury. (DUMONT)

 

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Ein Bote zwischen Ost und West: Fritz Pleitgen

Über 50 Jahre war Fritz Pleitgen Journalist. Nun zieht er die Bilanz seines reichen Journalistenlebens. Er gehörte zu den wenigen Reportern, die über den Kalten Krieg zwischen Ost und West hautnah von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs berichteten, der über vier Jahrzehnte Deutschland und Europa in zwei feindselige Militärblöcke teilte, die die Menschheit ständig mit Atomkrieg bedrohten.
In seiner persönlichen und anekdotenreichen Rückschau beschreibt Fritz Pleitgen den Prozess der Deutschen Einheit packend, selbstkritisch und mit Humor als eine Zeit, in der Politik und Bürger über sich hinaus wuchsen und Berge versetzten.
(HERDER/KEYSER)


Moskau, Ostberlin und Washington, das waren die Lebensstationen des Reporters Fritz Pleitgen, der zuletzt gar auf dem Intendantenstuhl des Westdeutschen Rundfunks in Köln landete. Er hat seine spannende Lebens- und Journalistengeschichte aufgeschrieben. Eben so wie er ist: Schnörkellos, uneitel, detailreich, präzise, sein Leben und Arbeiten anschaulich und empathisch erzählt. 


Er traf die die „Herren-Etepetete-Politiker“, die Großen der Welt und die „Otto Normalos“ zugleich. Pleitgen, ein Mann zwischen Ost und West, ein Vermittler von Information, ein Friedensbote im Kalten Krieg. 
Ihm gelingt ein Geschichtsbuch für die junge Generation, das hervorragend für den Unterricht als anschauliches und spannendes Material geeignet ist. Und die Videos dazu gibt es im Netz. 


Pleitgen schreibt über die finstere Zeit, als der „rettungslose Rüstungsweltlauf“ noch im Gang war, als der Atombombenwahn noch die Welt regierte, als später Menschen sich von autokratischen Regimen durch stille Revolutionen befreiten.


Das Buch ist eine persönliche Sicht auf Geschichte in erzählten Geschichten. Wir sind in Moskau im Kreml dabei, wir erleben das triste Leben hinter der Mauer, begegnen Breschnew und Brandt, Reagan und Gorbatschow, Honecker und Krenz. 


Pleitgen war und ist eine prägende Gestalt und ein Gestalter des Deutschen Fernsehens, der bei seinen Interviews immer das Gefühl vermittelte, wir stehen neben dem Kameramann, sind mit dabei, ach was mitten drin!


Die Pelzmütze in Eis und Schnee stand seinem markanten Kopf immer gut, sein Nasdarowje klang überzeugend und da war immer auch etwas Sanftes Beruhigendes und zugleich aber auch, wenn es sein musste, Trotziges, Widerspenstiges in der Stimme


Pleitgen ist nicht der allwissende Journalist, der selbstgerechte Interpret des Weltgeschehens. Er schaut hin, deutet, analysiert, zweifelt, berichtet das, was ist, was er sieht und was werden könnte: zum Beispiel der Fall der Mauer in Berlin. Pleitgen ist immer allein von Neugier getrieben, der Berufsvoraussetzung für Journalisten, eben ein „Alter Hase“ und „Urgestein des Fernsehjournalismus“, wie die Branche solche Gestalten nennt. Ein Außenpolitikversteher, wie es nur selten noch welche gibt.  


Wir erfahren auch die Tricks, wie man den Kommunismus und seine Zensurallüren umgehen konnte, die Schwierigkeiten der Fernsehberichterstattung, das alles wird von ihm immer mit einer Portion Humor versehen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, auch wenn man doch eigentlich mit ihm mitten drin steht. 


Eindrucksvoll, dass Pleitgen Kohl und Brandt gemeinsam vor die Kamera brachte, ein Gespräch, das er zurecht im Wortlaut abdruckt. Ebenso ein Interview mit dem Leiter der Stasiunterlagenbehörde Roland Jahn. Immer wieder trickst Pleitgen die Stasi aus, um die Dissidenten in der DDR zu Wort kommen zu lassen, etwa Heym und Havemann und Biermann. Wir gewinnen ein „farbiges“ Bild des grauen DDR-Alltags.


„Eine unmögliche Geschichte – Als Politik und Bürger Berge versetzten“ ist ein sehr persönliches Geschichtsbuch, das sogar die Schilderung der eigenen Krebserkrankung als „Zwischenkapitel seiner Lebensgeschichte“ gut verkraftet. „Der Zwang zum Schreiben hat mich komplett von meiner Krebserkrankung abgelenkt.“ 


Dass sein Hausverlag Kiepenheuer und Witsch in Köln das Buch nicht ins Programm nahm, Pleitgen erwähnt es, ist mehr als verwunderlich. Den Verlagen HERDER und KEYSER sei Dank, dass sie es auf den Buchmarkt gebracht haben. 

 

Fritz F. Pleitgen, geboren am 21. März 1938 in Duisburg, besuchte Gymnasien in Bünde und Bielefeld. Ab 1952 war er als freier Mitarbeiter bei der „Freien Presse“ tätig. Von 1959 bis 1961 absolvierte er ein Volontariat in verschiedenen Zentralredaktionen und Außenstellen. 1963 wechselte er zum WDR-Fernsehen. Er war dort bis 1970 als Reporter für die „Tagesschau“ und für Sonderberichte tätig. 1970 begann Pleitgen seine langjährige Tätigkeit als Fernsehkorrespondent für die ARD. Für sieben Jahre berichtete er als Korrespondent des ARD-Studios Moskau aus der Sowjetunion. Im Anschluss übernahm er für fünf Jahre die Leitung des ARD-Studios DDR in Ostberlin. 1982 ging er als Leiter in das ARD-Studio Washington und war ab 1. Juli 1987 in gleicher Funktion im ARD-Studio New York. 1988 kehrte Fritz Pleitgen zum WDR nach Köln zurück und wurde zum Chefredakteur Fernsehen und Leiter des Programmbereichs Politik und Zeitgeschehen berufen. Danach war Pleitgen Hörfunkdirektor des WDR, vom 1. Juli 1995 bis zum 1. April 2007 Intendant des Westdeutschen Rundfunks. Seit 2011 ist Pleitgen Präsident der Deutschen Krebshilfe.

 

Fritz Pleitgen Eine unmögliche Geschichte Als Politik und Bürger Berge versetzten HERDER/KEYSER

Everybody wants icecream

Bestes Eis selbst gemacht - Die besten Rezepte für Cremeeis, Fruchteis, Sorbets, Frozen Yogurt, Parfaits, Konfekt, Torten, Drinks & Toppings. Mit und ohne Eismaschine

 

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Zum Lachen bis der Doktor kommt: Piet Klocke

Wie wir alle sitzt der Autor zwischen sämtlichen Stühlen: Liebe, Technik, Philosophie, Gedichte, Essays, Zitate. Piet Klocke, wunderbar altmodischer Romantiker und Träger der Synapsen Tim und Struppi, präsentiert das Beste aus seinem Zettelkasten. Und natürlich Humor, das wär‘ ja gelacht wenn nicht. (HEYNE)

 

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Schreiben und zeigen, was ist: Stefan Aust


Stefan Aust prägt seit vielen Jahrzehnten das Gesicht des deutschen Journalismus. In seinen Memoiren zeigt er sich von seiner gewohnt kompromisslosen Seite – auch gegen sich selbst. Er brachte Ministerpräsidenten zu Fall und schrieb mit dem „Baader-Meinhof-Komplex“ das ultimative Kompendium zum Deutschen Herbst. Er prägte die journalistische Route des SPIEGEL und hob mit der Gründung von Spiegel-TV die investigative Recherche in die Primetime. Stefan Aust hat dem deutschen Publikum die journalistischen Tugenden des Bohrens, Nachfragens und Aufdeckens nähergebracht und ist dabei doch immer erstaunlich lakonisch geblieben.
 
„Ich bin wie der deutsche Forrest Gump” – Stefan Aust (PIPER)

 

Als ich diese Rezension zu schreiben begann, spielte mir mein Hirn einen Streich, ich wollte den Namen Aust schreiben und wählte Augstein. Nach dem Lesen der Autobiographie ist das auch kein Wunder. Zwar beschreibt Aust sich als Skeptiker, der am Straßenrand Geschichte beobachtet, sich nicht gemein macht mit den Dingen oder der Politik, er hat zwar eigene Meinungen, will skeptisch und kritisch Abstand halten. Das ist sein Credo. Er will beschreiben „Was ist“, wie einst Augstein seine Herausgeberrolle und die des SPIEGEL beschrieb. 


Mein freudscher Ver-SCHREIBER will also wohl heißen, Aust eifert Augstein nach. Er ist sein Vorbild und Chef, der ihn im Verlag gegen Widerstände der Belegschaft durchgesetzt hat, er bleibt auch nach seinem Ausscheiden als Chefredakteur des SPIEGEL sein Ideal. 
Die umfangreiche Autobiographie von Stefan Aust beginnt der erfolgreiche Journalist im Jahr 1946 mit seiner Familiengeschichte. Er beschreibt die Kindheit am Strom, der Elbe, wir lernen Aust als Schülerzeitungsredakteur kennen, er verdient sich seine ersten Sporen bei der linken Zeitschrift KONKRET, wo er mit Ulrike Meinhof, der späteren RAF-Terroristin zusammenarbeitet.

 

Später schreibt Aust durch seine intime Kenntnis der Terrorszene den Klassiker DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX, von Bernd Eichinger erfolgreich verfilmt. 


Apropos Sporen, Aust ist und bleibt Pferdenarr und Pferdezüchter sein Leben lang, auch als aktiver Reiter als Ausgleich zum Stressberuf. 
Ob Schah-Demonstration, das Attentat gegen Dutschke, Demonstrationen gegen Springer, Mond-Landungen, zahlreiche Auslandsreisen auch in unbekannte Gegenden der Welt als SPIEGEL-TV-Chefredakteur, immer ist Aust vornedran, erkennt politische Trends, hat seine journalistische Spürnase im Wind, obwohl ihm das Schreiben, auch das Kommentieren gar nicht so stark liegt, wie er selbst gesteht.
Sein Ding ist gestalten, die journalistische Geschichte erkennen, den Titel des SPIEGEL gemeinsam mit Layoutern mitkreieren, die Hauptschlagzeile bestimmen. Darin sieht er seine Hauptaufgabe beim führenden Nachrichtenmagazin, dessen Auflage er nach und nach hochtreibt und hält. Schon früh prophezeit Augstein ihm: „Du wirst einmal Chefredakteur des SPIEGEL“. Es dauerte 25 Jahre, bis es soweit war. Zuerst trimmt er die „St. Pauli-Nachrichten“ auf Tageszeitung, dem NDR liefert er spannende Filme, arbeitet dort auch als PANORAMA-Redakteur. Er hebt SPIEGEL-TV aus der Taufe, war 12 Jahre Chefredakteur des SPIEGEL, Mitinhaber des Fernsehsenders N 24, später Herausgeber der WELT und auch kommissarisch Chefredakteur des Springer-Blatts. 


Den „Feeling“-Journalismus heutiger Tage hat Aust immer verachtet, er „frisst“ Fakten und spuckt sie als sachliche Beschreibung der Wirklichkeit aus. Die klare präzise Beschreibung dessen „was ist“, das ist seine Stärke auch im Buch. 


Wir lesen eine Geschichte Deutschlands anhand der Stories, die Aust von Kapitel zu Kapitel farbintensiv Revue passieren lässt. Ob Filbinger-Skandal, Strauß-, Kohl-, Schröder-, oder Merkel-Ära, Atombombenversuche im Pazifik, RAF-Attentate oder Baader-Meinhof-Prozess, Porträts über Figuren wie Agent Mauss, Geschichten über die NSU-Morde, 9/11, die Wiedervereinigung, die Machtkämpfe im SPIEGEL, die Kräche um die Augstein-Erben, das Ausscheiden des Chefredakteurs und der Einstieg bei Springer, das alles und viel mehr erleben wir hautnah mit. 


Aust wird als „Pionier des privaten Informationsfernsehens“ beschrieben. Sein Anliegen Zeitung, Nachrichtenmagazin, Wochenzeitung, News-Channel, alles in einer Hand. Austs Lebensmotto: „Der Mensch ist ein problemlösendes Tier.“ 


Diese animalische Lust auf Stories wird im Buch sehr deutlich. So zeigt Aust auf, in welche Aufgaben, Themen oder Probleme er sich gestürzt hat auf eine geradezu mutige, leidenschaftliche und zupackende Art und Weise, ohne als Elb-Jung‘ zu viel Seele zu offenbaren, was in diesem Geschäft ohnehin nicht besonders zuträglich ist.
Das Buch zeigt auch einen tiefen Blick ins Tagesgeschäft von aktiven Journalisten, deren Querelen, Besonderheiten und Eitelkeiten; ein bisschen Klatsch muss sein. 


Aber was den Hanseaten auszeichnet ist eben, das wirklich Private bleibt durchaus privat. Will heißen im ganzen Buch steht auch die Person Aust irgendwie am Rand, die Geschichten der Geschichte Deutschlands stehen im Vordergrund. Zitat: „Das Wichtigste ist die Authentizität des Materials.“ Eben darum. Und „Mein Vorteil ist, dass ich überdurchschnittlich durchschnittlich bin.“. „Ein großer Schreiber war ich nie.“ Die 655 Seiten Zeitreise sind aber gelungen und vergehen wie im Flug. 


Stefan Aust ZEITREISE Die Autobiografie PIPER

Eine Diktatur - ein Land - im Koma: Belarus


Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint. (DIOGENES)


Der Roman spielt in Minsk, in der Stadt der „mittelmäßigen Architekten“, in Weißrussland, im Land „des erstarkenden Schwachsinns.“ 
Sasha Filipenko sagt in seinem Vorwort, dass sein kritisches Buch in Belarus nur unter der Theke verkauft wird. Es ist also wie einstmals in der DDR als „Bückware“ unterwegs. Es ist ein Zeitmaschine-Roman, ein Spiegel der derzeitigen weißrussischen Gesellschaft und Politik. 
Franzisk, die jugendliche Hauptperson, hat den Spitznamen „Zisk“. Er ist ein verhinderter Cellist, der nicht gerne übt, dafür lieber ein Rockkonzert besucht. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: Im Hagel-Gewitter treibt ein Gedränge die Menschen in einen U-Bahnhof. Es entsteht Massenpanik. 50 Menschen sterben. 


Auch „Zisk“ wird Opfer, fällt ins Koma. Die Lähmung des zentralen Nervensystems blockiert alle seine menschlichen Regungen. Er liegt wie tot im Bett – zehn lange Jahre. Die Oma betreut ihn im Koma, schaut mit ihm TV, liest vor, hört mit ihm Radio, besorgt ihm sogar für einen Wiederbelebungsversuch eine Prostituierte. Auch ihr gelingt es mit allerlei Fertigkeiten nicht, Zisk aus dem Koma zu locken. Erst zehn Jahre später wacht er auf und findet sein Land unverändert vor. „Er hat die Augen aufgeschlagen! Er ist wach!“ Außer einer kosmetischen Renovierung der Häuserfassaden hat sich nichts getan in seinem Belarus. 


Realität drängelt sich immer mehr von Seite zu Seite zwischen den Zeilen ins Buch. An der Diktatur hat sich nichts geändert. In den Medien ist nichts zu finden, was der Meinung der Präsidialverwaltung entgegensteht. Die Fernsehsender, die Zeitungen und die gesellschaftliche Debatte bleiben gleichgeschaltet. Journalisten festgesetzt. Oppositionelle verschwunden. Entführungen schockieren die Öffentlichkeit, Menschen verlieren ihre Arbeit. 


Was ist das für ein osteuropäisches Land? 


Filipenko beschreibt es leidenschaftlich und sehr genau: Der Diktator heißt Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko. Keiner will ihn gewählt haben, und doch hat er 75 Prozent des Wahlvolks hinter sich. Bei Terroranschlägen wird die Schuld grundsätzlich auf die Opposition geschoben. Filipenko nennt ihn einen „talentierten Diktator“, der sich mit „Gewalt Gehör“ verschafft und das eigene Volk mit Drohungen einschüchtert. 


Wir lesen ehrliche Dialoge, glaubhafte Szenen, wiedergegebenen Alltag, hören aber auch vom Sprachkrieg zwischen Russisch und Belarussisch, der aus den vergangenen Zeiten stammt. 


Filipenko hat ein großartiges Beschreibungspotential, etwa wenn er den altertümlichen Aufzug im Haus der Großmutter detailgenau unter die Lupe nimmt, oder die Fernsehreporter bei einem Fußballspiel charakterisiert: “Sie kommentieren ja nicht das Match, sondern brabbeln einfach vor sich hin.“ Das kommt dem Leser und deutschen Fernsehzuschauer irgendwie bekannt vor. 


„Ich habe gedacht, bei uns geht es darum, denkende Menschen zu erziehen.“ Denken. Zweifeln. Fragen stellen! Das wäre demokratisch zu leben. Doch das belarussische Volk ist selbst in einen tiefen Schlaf gefallen. „Hier sind schon die nichts wert, die gesund und am Leben sind, von Menschen im Koma ganz zu schweigen.“ Auf den Plätzen der Stadt demonstrieren die Machthaber mit Gewalt, wer die Wahlen gewonnen und auch weiterhin das Sagen hat. 


Ganz nebenbei erfahren wir auch belarussische Geschichte, dass zum Beispiel die Deutschen, die weißrussische Dörfer niedergebrannt haben, aber auch in den 1980ern die Tschernobylkinder aus dem Land holten. Diese Hilfe treibt seltsame Blüten im Land, weil die phantastische Rentabilität „massenweise Betrüger“ ins Gesundheitsbusiness lockt. In den Anmerkungen der Übersetzerin finden wir historische Daten, die Flaggenthematik, das Sprachproblem, konkrete Ereignisse der Geschichte und einen Zitatennachweis, denn Filipenko zitiert auch Gedicht- oder Liedzeilen. 


Man kann als Weißrusse eine Wohnung haben, eine Datscha, ein Auto: „Was haben Sie denn nicht?“ „Freiheit“, heißt es an einer Stelle des kapitellosen Romans über die „letzte Diktatur Europas“.
Das Buch ist trotz der beißenden satirisch und grotesk eingefärbten Kritik ein warmherziges Bekenntnis zu einem Heimatland, das unter die diktatorischen Räuber gefallen ist. In Belarus kann es sehr kalt sein.

 

 

 

Interview mit Sasha Filipenko

 

 

 

Ihr Roman „Der ehemalige Sohn“ hat das besondere Schicksal, dass er sieben Jahre nach seinem Erscheinen aktueller ist denn je. Wie ist das möglich? 


Sasha Filipenko: Wahrscheinlich ist mir einfach ein gutes Buch gelungen. Nein, im Ernst: Dass mein Buch noch immer aktuell ist, freut mich als Autor sehr, als Staatsbürger von Belarus macht es mich jedoch traurig. Die Aktualität meines Romans zeugt leider davon, dass Veränderungen zum Besseren in unserem Land nur sehr, sehr langsam vor sich gehen. 


Wie nah verfolgen Sie die Ereignisse in Belarus? 


Sasha Filipenko: Ich verfolge sie nicht nur, ich nehme aktiv daran teil. Ich habe 2010 mitdemonstriert (was mich zum Roman Der ehemalige Sohn inspiriert hat) und auch 2020. Ich habe für meinen Blog fotografiert, Solidaritätslesungen meines Romans organisiert, für Zeitungen in Frankreich, Schweden und Deutschland geschrieben und war natürlich auch bei Protestmärschen in Minsk dabei. 


Kann man „Der ehemalige Sohn“ in Belarus kaufen? 


Sasha Filipenko: Nicht immer. Manche Läden haben das Buch im Regal stehen, manche haben es zwar, aber nicht im Regal. Da müssen Sie im Laden erst danach fragen. Der belarussischen Nationalbibliothek wurde DRINGEND EMPFOHLEN, meinen Roman nicht in ihren Katalog aufzunehmen. In Minsk wird gerade ein Theaterstück nach meinem Roman geprobt. Das Ensemble hat schon von fünf Aufführungsstätten Absagen erhalten. Im Moment wissen sie noch immer nicht, ob sie das Stück werden aufführen können. Ich persönlich bin mir sicher, dass man sie nicht lassen wird. Am wahrscheinlichsten ist es leider, dass das Stück in Polen oder in der Ukraine aufgeführt wird und das belarussische Publikum es nur auf YouTube zu sehen bekommt. 

 

Es gibt eine Online-Solidaritätslesung von „Der ehemalige Sohn“ mit berühmten russischen und belarussischen Künstlern, Schauspielern und Musikern, die man sich auf YouTube anschauen kann. Wie kam das zustande? 


Sasha Filipenko: Im Sommer 2020 dachte ich, es wäre großartig, wenn vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus Prominente Ausschnitte aus meinem Roman lesen würden. Kaum hatte ich diese Idee in den sozialen Medien formuliert, vergaß ich sie auch schon wieder. Aber gleich am nächsten Tag bekam ich eine Flut von Rückmeldungen von berühmten Schauspielern, Musikerinnen, Journalistinnen und bildenden Künstlern. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich eine so überwältigende Liste beisammen, dass es schlicht dumm gewesen wäre, das nicht zu machen. So entstand eine Fortsetzungslesung des gesamten Romans. Damit wollte ich ein Zeichen unserer Solidarität setzen, und natürlich war es eine große Ehre, dass so viele renommierte Persönlichkeiten bereit waren, Passagen aus dem „Ehemaligen Sohn“ zu lesen.

 
Was bedeutet der Titel „Der ehemalige Sohn“? 


Sasha Filipenko: Dieser Titel ist mir nach dem Protest von 2010 eingefallen. Man kann ja eigentlich kein „ehemaliger Sohn“ sein. Man kann ein ehemaliger Fußballer sein, ein ehemaliger Ehemann, aber kein ehemaliger Sohn – und doch traf das genau, wie ich mich damals fühlte. Ich wollte ein Buch über Menschen schreiben, die sich wie ehemalige Söhne und Töchter ihres Landes fühlen, wie ehemalige Kinder ihrer Familien. Über Menschen, die gezwungen sind, ihr Zuhause zu verlassen. 


Franzisks Großmutter, die nie die Hoffnung aufgibt, dass ihr Enkel eines Tages aus dem Koma erwachen wird, ist eine wunderbare Figur. Gibt es für sie ein reales Vorbild? 


Sasha Filipenko: Das ist meine Großmutter. Man kann sagen, dass dieses Buch eine Art Rekonstruktion meiner Großmutter ist, eine Studie, wenn man so will. Ich bin überzeugt: Wenn ich in Franzisks Lage geraten wäre, hätte meine Großmutter ganz genau so gehandelt wie die Großmutter im Roman.

 

Das Interview wurde von DIOGENES zur Verfügung gestellt. 

 

Der Herr UDO und das wilde Wiener Leben

Zum 20. Todestag von Udo Proksch erscheint ein sehr persönliches Porträt: Der Schriftsteller Georg Biron will es nicht glauben: Sein Freund Udo Proksch wird verdächtigt, ein Schiff gesprengt und sechs Seeleute ermordet zu haben, um eine gigantische Versicherungssumme zu kassieren.


„Udo Proksch hat sechs Menschen ermordet. Sechs Besatzungsmitglieder der Lucona, die im Indischen Ozean ihren Tod fanden, als das Schiff am 23. Jänner 1977 gesprengt wurde (…) Wer sich auf eine Spurensuche nach der vielleicht schillerndsten Persönlichkeit im Wien der 60er, 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begibt, sollte das nicht vergessen. Denn einfach ist es nicht, in der Erinnerung an einen Menschen klar zu sehen, der schon zu Lebzeiten über alle Maßen gestrahlt und geblendet, fasziniert und entsetzt hat.“
Anna-Maria Wallner in „Die Presse“


Rezension
Schillernde Persönlichkeit, zwielichtige Figur, Lebemann, Partytyp, „Adabei“, er ist wild, hemmungslos, ein Hund und frecher, kreativer Kerl, dem tausend Ideen im Kopf herumschwirren, ein Geldgenie, eine politische Gestalt und zugleich eine Persönlichkeit, von der das Gericht behauptet: Udo Proksch hat sechs Menschen ermordet, nämlich die Besatzungsmitglieder der Lucona, die im Indischen Ozean ihren Tod fanden, als das Schiff gesprengt wurde. So kommt Proksch in dem Buch daher.


Das Porträt ist keine Rekonstruktion der historischen Tatsachen, es ist vielmehr ein sehr, sehr persönliches Bild, nah am Menschen, vielleicht auch zuweilen distanzlos, aber in jedem Fall quicklebendig. 
Biron schreibt seinen Text wie eine Drehbuchvorlage, mit knappen Regieanweisungen, und blendet dann quasi die Kamera auf.
„Was jetzt folgt ist eine wahre Geschichte“ über Mord, Versicherungsbetrug, Waffenhandel, in jedem Fall über Geldmacherei im großen Stil.


Biron gelingt ein popbuntes Portrait über die wilden Pop- und Rock- und Roll-Jahrzehnte, in denen nicht die ganze Gesellschaft aber doch viele den Minirock trugen und nur Sex im Kopf oder anderswo hatten.
Der Autor ist Freund von Proksch, der als Brillendesigner Kohle macht. Spinnerte und schräge Ideen toben in dessen Hirn, eine aber durchaus gerade Idee ist die vom Verein der „Freunde für senkrecht Bestattung“ die er mit Qualtinger entwickelt. Es geht um platzsparende Bestattung. Später ist Proksch der Besitzer der weltberühmten Hofzuckerbäckerei Demel und gründet den „Club 45“, in dem sich vor allem Linke aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien treffen.


Proksch steigt auf zum potenten Liebling der Damenwelt, der aus Sicherheitsgründen vor persönlichen Feinden immer eine Pistole am Gürtel trägt. Proksch macht Geschäfte, baut Netzwerke auf, kümmert sich um sein Image, ist immer wieder für eine Überraschung gut und bleibt doch eine irgendwie undurchsichtige Figur als Lebemann, Weiberheld, geldiger Zeitgenosse, der den Autor als Freund hat, auch wenn der in den Knast - zu österreichisch - in den Häf‘n wandert.
Proksch stirbt an den Folgekomplikationen einer schwierigen Herzklappenoperation und wird - wie Biron zuverlässig notiert - nicht senkrecht begraben, steigt aber nach seinem Tod zum Musical-Star auf.
Das Mindeste, was man über Proksch sagen kann, ist: Er war ein unkonventioneller Mensch, der als Krimineller in die Geschichte eingegangen ist.


Der Wiener Schriftsteller Georg Biron, Reporter und Drehbuchautor, der auch in Sachen Kulturprojekte unterwegs ist - hat ein schillerndes, sehr farbiges, plastisches, persönliches und sehr nahes Portrait über Proksch geschrieben, das sich boulevardesk leicht und luftig liest.

Georg Biron, Wiener Schriftsteller – Jahrgang 1958 – hat unzählige Kulturprojekte realisiert (z. B.: Qualtinger lebt!) und Preise (u. a. Theodor Körner Preis für Literatur) und diverse Kunststipendien erhalten. – www.biron.at

Wünschenswertes von Annalena Baerbock

Ja, darauf hat man als Demnächst-Wähler gewartet, ein Buch von Annalena Baerbock, die auf 256 Seiten erklären will, „wie sie Deutschland verändern möchte und worauf es ankommt, um es in eine gute Zukunft zu führen. Klimapolitik, soziale Gerechtigkeit, Digitalisierung und Innovation stehen auf ihrer Agenda.“ So die vollmundige Verlagsankündigung von Ullstein. Wir erfahren Politisches und Privates, Zusammenfassungen von Reiseberichten, Eindrücke von Begegnungen, Parteiveranstaltungen und Berichte von öffentlichen Ereignissen, dazwischen immer wieder Programmatisches der GRÜNEN, gut verdaulich meist knapp eingestreut. 


Der Blick in den Alltag der Familie „Kanzlerkandidatin“ zeigt wieder einmal, dass Familienpflichten bei Spitzenpolitikern zu kurz kommen. Der Ehemann von Annalena hat die Arbeitszeit in seinem Beruf reduziert und sorgt für die Kinder. Baerbock muss sich familiäre Defizite eingestehen, wenn sie als Kanzlerkandidatin zuhause durch Abwesenheit glänzt.
Das Buch ist Annalenas „Wünschenswerte Zukunft“. Ob das Wünschen allein hilft? Nicht zu viel Konkretes anbieten, es könnte doch Wählerstimmen kosten?


Baerbock zeigt eindrucksvolle Mitmenschlichkeit, wenn es um die verschleppten, versklavten, gefolterten und immer wieder vergewaltigten Jesidinnen geht. Sie reklamiert, Mitmenschlichkeit sei keine politische Schwäche. Seltsam, dass man dies in diesem Deutschland so betonen muss. 


Sie zeigt auch Verständnis fürs „Abgehängt“-Leben auf dem Land. Zitat: „Wenn kein Zug mehr hält, das Dorfcafé zumacht, der Landarzt keinen Nachfolger für seine Praxis findet und es kein Breitband im Ort gibt, dann fühlen sich die Menschen nicht nur abgehängt, dann sind sie es auch. Wenn die Daseinsvorsorge bröckelt, bröckelt das Vertrauen in unseren Staat.“ Wie die Breitbandversorgung verbessert werden könnte, erfahren wir nicht.


Immer wieder streut Baerbock positive ökologische Beispiele ein, etwa das „Bauhaus Erde“-Projekt, wo es beim Bau um die Umstellung von Stahlbeton auf Holz geht. Fichtenholz wird als nachwachsender Rohstoff gelobt. Nur, liebe Frau Baerbock, als grüne Öko-Kanzlerkandidatin müssten sie wissen, dass es gerade die Fichtenwälder sind, die massenweise wegen anhaltender Trockenheit absterben. Fichtenwälder gehen zuerst kaputt. Und das schon ziemlich lange. 


Die Auseinandersetzung mit der AfD reduziert sich auf den Appell, Podien nicht abzusagen, sich als Kandidaten bei öffentlichen Diskussionen zu stellen. Etwas dürftig als programmatischer Punkt in der Auseinandersetzung mit der Rechten. 


Wenn es um die Staatsausgaben geht, weist Baerbock darauf hin, dass nicht alles unter dem Diktat der Ökonomisierung gesehen werden muss: „Manche Dinge rechnen sich nicht, aber sind gesellschaftlich Gold wert.“ Welche denn bitte? Geht es nicht genauer, zum Beispiel im Gesundheitswesen oder in der verpassten Ladesäulenpolitik? Da bietet Baerbock auch kein Konzept. 


Baerbock sieht im Staat den effektiven und helfenden Staat als Rückgrat einer solidarischen und gerechten Gesellschaft. Von Finanzen erfahren wir nichts. Ist wohl so gewollt und Absicht, im Ungefähren zu bleiben, das vergrault keine Wähler. 


Und nun kommen wir zu dem Lebenslauf-Problem der Annalena Baerbock, das im Buch zart umschifft wird: „Ich studierte Politik und im Nebenfach öffentliches Recht in Hamburg und wechselte später an die London School of Economics and Political Science (LSE), um mich auf Europa- und Völkerrecht zu spezialisieren.“


Nur der Vollständigkeit halber sei dies hier erwähnt, von Abschlüssen ist aber nicht die Rede. 


Fazit zum Buch: Es bleibt vieles im Vagen, es fehlt an vielen Stellen die Konkretion, der private Blick bleibt auf den Ehemann, die eindrucksvolle Oma und die Kinder beschränkt. Was sie selbst angeht, erfahren wir viel über ihre sportliche Seite, das Trampolinspringen. Da kommt es auf Genauigkeit an, sonst fällt man hart.


Das Buch heißt JETZT und „Wie wir unser Land erneuern“ verspricht also Genaueres und hält das Versprechen in weiten Teilen nicht. 


Also, wir sehen betroffen, den Wahlkampf-Vorhang durchaus offen.


Annalena Baerbock, geboren 1980 in Hannover, wuchs im Dorf Schulenburg nahe Hannover auf. Sie studierte Politikwissenschaft und öffentliches Recht an der Universität Hamburg sowie Völkerrecht an der London School of Economics. Baerbock ist seit 2005 Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Seit 2018 ist sie gemeinsam mit Robert Habeck Parteivorsitzende und seit April 2021 die erste Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.

 

 

George Packer:  Die letzte beste Hoffnung    Zum Zustand der Vereinigten Staaten

 
Nein! Nicht schon wieder Trump! Doch – es muss sein. Wer verstehen will, wie es um die Vereinigten Staaten vor, während und nach Trump steht, muss dieses Buch des In Kalifornien geborenen, heute in New York lebenden George Packer lesen: „Die letzte beste Hoffnung“. Seine Erleichterung über das Ergebnis der amerikanischen Präsidentenwahl verdeckt nicht seine tiefe Skepsis über den politischen und gesellschaftlichen Zustand Amerikas, das in zwei etwa gleichgroße Teilnationen zerfallen ist. Er beschreibt, wie es – lange vor Trump – dazu gekommen ist, welche Fratze die Administration dieses verheerenden Präsidenten abgab, wie es weitergehen soll. Er strahlt keine große Hoffnung für die Zukunft aus.
 
Zwei Grundübel macht er dafür verantwortlich: Das Vertrauen in die Demokratie ist bei vielen einfachen Leuten schwer erschüttert. Sie glauben nicht mehr daran, dass mit ihrer Stimme etwas in ihrem Sinne verändert werden kann. Oder sie geben sie dem vulgären Populisten, der ihre Sprache spricht, sie aber tief verachtet. Die Menschen sprechen mit denen vom anderen politischen Lager nicht mehr und ihre Öffentlichkeit ist die der sogenannten sozialen Medien, in denen die Selbstbestimmung des Volkes nicht debattiert wird. Das zweite Übel ist die Ungleichheit. Packer knüpft, wie jeder politisch denkende Bürger der USA an die Gründungsdokumente der Vereinigten Staaten an. Darin steht die Gleichheit an erster Stelle. Der Autor beklagt das schreiende Unrecht, das zwischen Weißen und Negern (er nennt sie so), zwischen arm und reich, zwischen Leuten mit Highschool-Abschluss und Menschen ohne herrscht. 

 

Packer beschreibt die Entwicklung, die zu diesem alarmierenden Zustand geführt hat. Er benennt die politischen Weichenstellungen zugunsten der Reichen und Superreichen und die damit verbundene Verhöhnung der arbeitenden Menschen. Er beschreibt auch den politischen Mechanismus, demzufolge die Entrechteten in großer Zahl ihren Ausbeutern ihre Stimme geben. „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihre Henker selber.“ Sie glauben den Demagogen, dass ihnen die Zuwanderer die Stellen wegnehmen oder dass ihnen gleichberechtigte coloured people oder Hispanics die Löhne drücken. Für die im Laufe der Jahrzehnte immer krasser gewordene Ungleichheit macht er den vom Staat nicht etwa kontrollierten, sondern geförderten Kapitalismus verantwortlich.
 
An dieser Entwicklung haben nicht nur Republikaner, sondern auch Demokraten mitgewirkt, beklagt der Autor. Er berichtet von Begegnungen mit Menschen, denen das, was von denen da oben verordnet wird, nichts bringt. Einen anerkennenden Seitenblick wirft Packer auf den französischen Autor Thomas Piketti. Manches erinnert auch an die Philippika von Sarah Wagenknecht, die ihre Kritik einer gewissen Volksferne nicht nur gegen Linksliberale, sondern auch an ihre eigene Partei richtet. Die politischen Eliten in beiden großen Parteien der USA kümmerten und kümmern sich nicht um die Interessen der Abgehängten, um die niedrig Entlohnten, die nicht Krankenversicherten, die nach Zwangsversteigerung aus ihren Häusern Vertriebenen. Sie reden nicht einmal mit ihnen!
 
Die Betroffenen wandten sich dem Populisten zu, dem Heilsversprecher, der Amerika wieder groß machen wollte und dazu erst einmal die Steuern der Hochverdienenden und der Unternehmen massiv senkte. Alle Ungleichheit fängt in den Schulen an. Die halbwegs guten, sind für die Armen unerschwinglich. Wer keine gute Schule besucht hat, bekommt in Amerika keine Chance. „Doch das Ganze funktioniert nur, weil wir mitspielen“, schreibt Packer. Hier und an manch anderer Stelle wird Packers Buch auch für Deutschland und Europa relevant – die Entwicklungen ähneln sich, stehen hierzulande vielleicht erst am Anfang, aber Ungleichheit als Gefahr für die Demokratie zu benennen und zu beseitigen, ist auch hier nötig. Es geht Packer um die Gleichheit der Chancen, nicht um gleiche Ergebnisse. Aber wer keine Chance auf Bildung hat, weil seine soziale Herkunft sie nicht hergibt, hat auch keine Chance auf gute Ergebnisse – auf Zeugnissen, wie in einer beruflichen Karriere.
 
Sehr schöne Denkmäler setzt der Autor früheren Vorkämpfern gegen die schreiende soziale Ungleichheit. Deren Namen sind hierzulande unbekannt, in den USA vielleicht auch. Es gab sie, die eine Vision, „einen Traum“ hatten und an deren Verwirklichung arbeiteten. Sonst wäre alles noch viel schlimmer!
 
Harald Loch
 
George Packer: 
Die letzte beste Hoffnung. Zum Zustand der Vereinigten Staaten
Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl
Rowohlt, Hamburg 2021   254 Seiten   26 Euro
 
George Packer, geboren 1960 in Santa Clara, Kalifornien, ist amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Er schreibt für The Atlantic. Sein Buch «The Unwinding» wurde 2013 mit dem National Book Award ausgezeichnet. 2009 war er Holtzbrinck Fellow an der American Academy in Berlin. Er lebt mit seiner Familie in New York.
 

Robin Alexander: Merkels Machtverfall


Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik   Ein Report
Abgerechnet wird eigentlich am Schluss. Robin Alexander versucht es mit seinem Report „Machtverfall“ schon ein bisschen früher. Er zieht noch kein Fazit, schreibt keine Analyse, keine zeitgeschichtliche Untersuchung. Aber er kennt die Lust seines Publikums am Voyeurismus. Er zieht seine Leserinnen und Leser vor das Schlüsselloch. Dahinter hat er die Berliner Republik als Schlangengrube nach seinen genauen Beobachtungen aufgebaut.


 Es geht um die letzten Jahre, es geht um den „jammervollen Zustand“ der CDU (O-Ton Schäuble, der mit diesem Argument Laschet schließlich durchgesetztj hat), es geht um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur, es geht um Corona, Masken und Impfstoff. Es geht um AKK als gescheiterte Parteivorsitzende. Die viel geräuschloseren Spitzenbesetzungen in der SPD und bei den Grünen bekommen ein viel bessere Noten. Und es geht um Angela Merkel, die erst nach der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten von dessen Vorgänger Barak Obama vor vier Jahren umgestimmt wurde und doch noch einmal angetreten ist. Ohne sie seien die Werte der westlichen Welt bei keinem mehr aufgehoben.

 

Dass sie die Rolle als „mächtigste Frau der Welt“ nicht spielen konnte, lag an Corona. Statt als angesehene Staatenlenkerin mit Augenmaß der verlogenen Unvernunft von jenseits des Atlantiks entgegenwirken zu können, hat sie sich mit Ministerpräsidenten in stundenlangen Sitzungen und Videokonferenzen herumstreiten müssen. 


Alexander hat das alles als stellvertretender Chefredakteur Politik der WELT beobachtet und auch das verarbeitet, was andere gesehen und gehört haben. In bester Reporter-Manier mischt er Fakten, Durchstechereien, Gerüchte und etwas Fiktion zu einer für sein Publikum schlüssigen Erzählung. Das meiste dürfte tatsächlich so gewesen sein, wie er es schreibt – um so schlimmer! Nimmt man seinen Polit-Thriller ernst – dafür spricht viel – dann sollten die Bürger der Republik froh sein, dass von den vier Protagonisten der CDU drei schon bei der Kandidatenkür ausgeschieden sind und dass der vierte, obwohl von vielen unterschätzt, wohl nicht über den Kandidaten zum Kanzler hinauswachsen wird. Wer will denn so einen wählen? – Fragt man sich. Aber, wie gesagt: abgerechnet wird am Schluss.


Das Urteil über Merkel wird auch nicht heute gefällt, das über das angebliche „Drama der deutschen Politik“ (so im Untertitel) auch nicht. Schon die Endabrechnung über Merkels „Wir schaffen das“ steht noch aus und wird angesichts von Hundertausenden Flüchtlingen, die inzwischen immer ansehnlichere Beiträge zum deutschen Bruttoinlandsprodukt leisten wohl anders als bei vorschnellen Zwischenbilanzen ausfallen. Es fällt auf, dass das Flüchtlingsthema so vollständig von Corona verdrängt wurde. Aber auch die Bilanz der Pandemie wird am Ende anders ausfallen. Fast hunderttausend Tote sind ein grausames Opfer. Ein nahezu völlig verlorenes Schuljahr ist nicht mehr aufzuholen. Aber im Vergleich zu anderen Ländern steht Deutschland viel besser da.

 

Das zentralistische regierte, durch zahlreiche Medizin-Nobelpreise wissenschaftlich hochangesehene Frankreich, das sich nicht in „Ministerpräsidentenkonferenzen“ zerfleischen musste, steht in allen messbaren Bereichen viel schlechter da. Von Italien und Spanien ganz zu schweigen. Großbritannien hat erst beim Impfen etwas aufgeholt. Wenn irgendwann die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie bilanziert werden, rückt die Bundesrepublik sicher wieder auf einen der vorderen Plätze.


Das ändert nichts an dem verheerenden Bild, das Alexander vom deutschen Corona-Management zeichnet. Folgt man seiner Darstellung, dann ist dieses Bild in erster Linie dem mit starkem Ego geführten Machtkampf innerhalb der CDU geschuldet, den sich Lascht, Söder, Spahn und Merz mit einander widersprechenden Strategien geliefert haben und der in der Bevölkerung den Eindruck hinterlassen hat, das Land werde schlecht regiert.

 

Keiner merkt, dass es besser – oder auch nur weniger schlecht - gelaufen ist, als in vergleichbaren Ländern. Aber irgendwann wird sich die nächste Bundesregierung des entscheidenden Defizits annehmen müssen, das in der Krise so unangenehm deutlich geworden ist: Der blamable Zustand der Datenverarbeitung in Deutschland.


Harald Loch


Robin Alexander: Machtverfall
Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik   Ein Report 
Siedler, München 2021   384 Seiten   22 Euro

 

Jedem ist ein Kraut gewachsen

Manuel Larbigs Leidenschaft sind die Pflanzen. Der erfahrene Biologe bietet deutschlandweit Kräuterwanderungen und -kochkurse an. Dabei zeigt er, dass es nicht nur viel Spaß macht, sich mit Wildkräutern zu beschäftigen, sondern dass diese auch gut für unsere Gesundheit sind. Und vor allem: Jeder kann lernen, Kräuter zu bestimmen. Dafür braucht es nicht jedes Mal einen Ausflug in den Wald – auch vor der eigenen Haustür lassen sich viele bekannte und weniger bekannte Arten entdecken. In seinem Buch erzählt Manuel Larbig von Erlebnissen am Wegesrand und beantwortet alle Fragen, die ihm in seinen Kursen immer wieder gestellt werden. Er zeigt, wie man Wildkräuter richtig bestimmt und sich damit ganz einfach ein leckeres Essen zaubert. (Penguin)

 

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Ein grenzdebiler US-Präsident vor Gericht

Nie hätte die Juristin Dana Marin geglaubt, diesen Tag wirklich zu erleben: Bei einem Besuch in Athen nimmt die griechische Polizei den Ex-Präsidenten der USA im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs fest. Sofort bricht diplomatische Hektik aus. Der amtierende US-Präsident steht im Wahlkampf und kann sich keinen Skandal leisten. Das Weiße Haus stößt Drohungen gegen den Internationalen Gerichtshof und gegen alle Staaten der Europäischen Union aus. Und für Dana Marin beginnt ein Kampf gegen übermächtige Gegner. So wie für ihren wichtigsten Zeugen, dessen Aussage den einst mächtigsten Mann der Welt endgültig zu Fall bringen kann. Die US-Geheimdienste sind dem Whistleblower bereits dicht auf den Fersen. Währenddessen bereitet ein Einsatzteam die gewaltsame Befreiung des Ex-Präsidenten vor, um dessen Überstellung nach Den Haag mit allen Mitteln zu verhindern ...

(Blanvalet) 


Es ist, als hätte man das alles schon mal in der Realität erlebt oder in einem Nachrichtenmagazin nachgelesen. Hauptfigur ein amerikanischer Präsident, mitten aus dem richtigen Politik-Leben gegriffen. Sein Name: Turner. 


Elsberg zeichnet ihn als selbstgerechten, grenzdebilen, narzisstischen Mistkerl, der sich plötzlich in einem Athener Gefängnis wiederfindet, weil es Menschen gibt, die in der heutigen Brutalo-Welt noch an Gerechtigkeit und Menschlichkeit glauben. Aus den Erfahrungen mit der schrecklichen Naziherrschaft und Willkür des Hitler-Staates haben die Nationen sich den Internationalen Strafgerichtshof geschaffen, um den Menschenrechten zur Geltung zu verhelfen. Im Jahr 2002 hat er seine Arbeit begonnen. Warlords, Milizionäre und ein ehemaliger Staatschef sitzen dort inzwischen in Haft, angeklagt wegen schwerster Verbrechen gegen Zivilisten, heißt es auf der Website des ICC.


Die USA haben die International-Criminal-Court-Verträge von Rom zwar unterschrieben, arbeiten mit den Gerichten jedoch nur begrenzt zusammen. Das ist im Buch so und in der Wirklichkeit auch.
Im Roman geht es also um einen Haftbefehl gegen den amerikanischen Präsidenten. Politischer Hintergrund ist der begründete Verdacht auf vorsätzliche Angriffe auf die Zivilbevölkerung in Afghanistan, aber auch um die gezielten Tötungen rund um die Belagerung von Sarajevo im Besonderen und um den Bosnienkrieg im Allgemeinen. 

 

Menschenrechtsverletzungen sind leider an der Tagesordnung in Russland, im Jemen, bei den Chinesen gegenüber den Uiguren, in Hong Kong, Tschetschenien, in der Ukraine oder im Fall der Besetzung der Krim. 


Der historische Hintergrund: 1995 hatten Nato-Bombardements auf serbische Stellungen die brutale Belagerung Sarajevos und später den Jugoslawien-Krieg endgültig beendet. Ein völkerrechtliches Mandat dafür gab es nicht.  


Die Kernfrage in dem Politthriller, der zuweilen ausführlich, behäbig und in der Handlung personenüberfüllt daherkommt, ist die Identität des Angeklagten gesichert nachgewiesen, ist das Prozedere der Verhaftung rechtsstaatlich abgelaufen, sind die Rechte des Angeklagten dabei gewahrt und ist der eigentliche Haftgrund rechtens.
Dana, geboren in Sarajevo, erlebte das Kriegsgeschehen. Ihre Eltern flüchten nach Deutschland, sie wird Juristin und arbeitet künftig für den internationalen Strafgerichtshof. 


Es stellt sich im Buch die Frage: Können Politiker ins Gefängnis kommen wegen ihrer politischen Handlungen wie jeder andere Mensch auch, und können diese zu Straftaten werden? Und ist es moralisch noch vertretbar, bei der Benutzung von Drohnen auch am Kriegsgeschehen unbeteiligte Personen zu gefährden?


Immer wieder hat der Fiction-Roman auch realistische Fakten-Passagen. Der Autor erwähnt zum Beispiel beiläufig die internationalen Konflikte etwa zwischen Griechen und Türken in der Ägäis oder auch die Unterbesetzung des Internationalen Gerichtshofes, die lächerlichen Haushaltsbudgets des Menschengerichtshofes, die fehlende politische Unterstützung durch die Machthaber.


„Willkommen zurück in der internationalen Gemeinschaft. Wir sehen uns in Den Haag“, ist ein Satz im Schlusskapitel. Der Roman bleibt von der Handlung her am Schauplatz Athen hängen. Es geht allein um den Haftgrund der vorübergehenden Festnahme Turners, nicht um den möglicherweise folgenden Prozess, denn der müsste dann nämlich in Den Haag vor dem Internationalen Strafgerichtshof stattfinden. Das wäre wohl die spannendere Handlung gewesen, ein amerikanischer Präsident dort auf der Anklagebank. 


Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung »Der Standard«. Heute lebt und arbeitet er in Wien.  

Wer CANNES der CANNES

 

Wie das schon klingt: Côte d'Azur - ein perlender Traumname für eine prickelnde Champagnergegend, wo die edlen Reichen und die Super-Schönen sich trafen und treffen, wo rote Teppiche ausgerollt werden, Paparazzi die Nackerten „abschießen“, wo auch in der Literatur zum Beispiel Patricia Highsmith’s talentierter und mörderischer Mr. Ripley von seiner Erregung über die Côte d'Azur schwärmt.  
Graham Green erregte seine dort wohnende langjährige Geliebte im Nachbar-Appartement und schwärmte von der Nachsaison, wenn die Läden und Bars mit Brettern verschlagen sind und der stürmische Wind vom Meer her weht. 


Alle waren sie da, und Autor Lutz Hachmeister würdigt sie namentlich und ausführlich: Delon und Ventura, Grace Kelly und Brigitte Bardot, Onassis, mal mit der Kennedy, mal mit der Callas. Cocteau genoss dort seine Portion Opium, die Rolling Stones nahmen noch Schärferes. 
Glamour traf Verruchtheit, Galas die Musik-Wettbewerbe, Miss-Wahlen das Glücksspiel-Eldorado. Die russischen Adeligen „meeten“ die reichen Engländer. Heute tummeln sich dort die geldverwöhnten Söhne arabischer und afrikanischer Potentaten, der eine oder andere Mafiosi oder auch der russische Oligarchienachwuchs. 


Die Ortschaft Juan-les-Pins und das Hotel „Provencal“ interessieren den Autor am meisten. 


Sein Buch zeigt auch „farbige“ Schwarzweiß-Fotos. Da begegnen sich Film- und Literaturwelten, die guten und schlechten Autoren, die Filmsternchen und absoluten Stars. Chaplin und Picasso räkeln sich im feinen Sand des Strands und Hemingway gestaltet seinen literarischen Aufstieg.


Auch die deutsche und deutschsprachige Schriftsteller-Elite wie Stefan Zweig, Klaus Mann, Bert Brecht, Karl Kraus, Walter Benjamin treffen sich im Süden Frankreichs. Das mitunter auch nicht willkommene schlechte Wetter schlägt dann auch mal aufs Gemüt und lockt Depression und Selbstmordgedanken hervor, die zum Beispiel von Klaus Mann auch in die Tat umgesetzt werden. 


Arnold Zweig schreibt lästerlich: „Wenn man sich hier in ein Café setzt, schwapp, sitzt eine gestürzte Größe neben einem.“ 
Maigret lässt seinen Krimi in der Liberty-Bar spielen, Sartre philosophiert: „Der Strand war leer, das Meer glitzerte und lärmte.“
Heute sind die damals schockierenden „Oben-ohne-Sonnenbäder“ nicht mehr „en vogue“. 


Hachmeister sammelt Strand und Hotelgeschichten, Anekdoten und anderweitig Historisches, lässt eine lange Reihe der Namensprominenten Revue passieren. Die traumhafte Landschaft spielt keine große Rolle bei ihm. 


Übrigens, damit Sie es wissen, das Haus des Modeschöpfers Cardin wäre noch für 350 Millionen Euro zu haben, vielleicht liegt es doch am Preis, dass es immer noch nicht verkauft ist. 


Ein Buch wie eine Sommerbrise über eine Zeit, als der Franc noch geholfen hat.  

 

Lutz Hachmeister, geboren 1959 in Minden/Westfalen, ist Publizist, Filmemacher und Geschäftsführer des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin und Köln. Der ehemalige Chef des Grimme-Instituts hat unter anderem die Dokumentarfilme „Das Goebbels-Experiment“ (2005), „Die Köche und die Sterne“ (2010) und „The Real American - Joe McCarthy“ (2012) realisiert. In der Penguin Random House Verlagsgruppe erschienen von ihm u. a. die Sachbücher „Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik“ (DVA, 2007) und "Hannover. Ein deutsches Machtzentrum" (DVA, 2016).

 

 

Lutz Hachmeister Hotel Provençal  Eine Geschichte der Côte d’Azur 
C. Bertelsmann

Von Fahnen der Demokratie und anderen Symbolen

Darf ich ausnahmsweise mal persönlich werden? Wir haben als Kinder unterhalb des Hambacher Schlosses gespielt. Im dichten Kastanienwald. Das Gemäuer hieß für uns die „Käschdeburg“. Wir sammelten in der Umgebung Esskastanien. Eine Pfälzer Köstlichkeit. Früh haben uns die Eltern und Lehrer erklärt, dass mit dem Hambacher Fest und der Fahne schwarz-rot-gold die Demokratiewerdung Deutschlands verbunden war. 
Später wurde das Schloss für uns mehr und mehr zum demokratischen Freiheitssymbol. Will heißen, wir haben ein natürliches Verhältnis zu diesen nationalen Symbolen entwickelt. Ohne national, sondern europäisch und demokratisch zu denken. 


Da interessierte mich das Buch FLAGGE ZEIGEN von Enrico Brissa, dem langjährigen Protokollchef zweier Bundespräsidenten und des deutschen Bundestages, natürlich besonders. Er beschäftigt sich in dem Buch mit Staatssymbolen und dem ambivalenten Verhältnis der Deutschen dazu, erst recht unter einigen Fällen des Missbrauchs derselben heutzutage.  
Werden wir erst einmal allgemein: „Unter einer Flagge versteht man ein beliebig reproduzierbares Tuch mit einer feststehenden Anordnung von Farben, Wappen, Symbolen und Applikationen, das an einem Mast oder Stock gehisst und eingeholt werden kann. Nationalflaggen symbolisieren Staaten oder Nationen, die eine eigene Staatsqualität für sich beanspruchen.“ 


Diese klare Definition gibt Brissa, damit wir als Leser verstehen, worum es im Grunde geht. Schließlich reicht es ja nicht aus, bei Fußballweltmeisterschaften dabei zu sein, unser schwarz-rot-goldenes Fähnchen in den Wind zu hängen, wenn unser Team gewinnt oder neuerdings auch öfter mal verliert. 
Brissa findet, es ist an der Zeit, ein Zeichen zu setzen. Der Missbrauch unserer Nationalfarben durch sogenannte Demonstranten und andere rechtsextremistische Gruppierungen schockiert ihn.  Die Umdeutung der Staatsymbole, die Verhöhnung der Flaggen, das Verbrennen, ja sogar die beflaggten Schrebergärten empfindet der Autor als befremdlich. 
Um etwas dagegen zu tun, begibt er sich deshalb mit Familie, Deutschland- und Europafahnen dabei, probehalber in eine Demonstration und entdeckt dabei, welchen Beschimpfungen man ausgesetzt ist, wenn man als Staatsbürger etwas Verfassungspatriotismus und Deutschland-Freundlichkeit zeigt, ohne sich gleich der Gefahr aussetzen zu wollen, in die nationale, nationalistische oder rechtsradikale Ecke abgeschoben zu werden. 
Das Experiment geriet für den Diplomaten und seine Familie zu einem „langen Spießrutenlauf“, in dem sie „hemmungslosen Hass“ erlebten, und als „Nazis“ beleidigt wurden. Das war „Hass auf einer Anti-Hass-Demonstration“. 


Brissa: „Mit diesem Buch möchte ich der Frage nachgehen, warum unsere Flagge solche Aggressionen auf sich zieht. Woher kommt dieser Hass? Wieso wissen viele Bürgerinnen und Bürger so wenig über unsere Staatssymbole? Warum nehmen sie hin, dass die Symbole unserer Republik zunehmend von der extremen Rechten besetzt und umgedeutet werden? Nämlich von politischen Kräften, die in den sozialen Medien mit ihren Bildern einen wesentlichen Teil der politischen Inhalte bestimmen.“ 


Deutschland fehlt es halt an demokratischer Tradition und Verfassungskultur. Brissa empfindet es geradezu als eine politische Leerstelle, denn wenn „diejenigen Teile der Gesellschaft, die für unseren Staat, das Grundgesetz und die offene Gesellschaft stehen, es unterlassen, die Symbole des eigenen Staates auch außerhalb des Fußballs zu nutzen, müssen sie sich nicht wundern, wenn radikale und zunehmend extremistische Kräfte diese mit Erfolg kapern. Ein simpler Anwendungsfall politischer Physik, denn ein Machtvakuum währt nicht lange“, analysiert Brissa.


Als Fußball-Fanmeilen aufgebaut waren, war es selbstverständlich, heftig die Deutschlandfahne zu schwingen oder in den Garten zu setzen. Jetzt werden die Symbole bloß benutzt, aggressiv auf Demos, schmähend auf YouTube-Kanälen, missbraucht bei Rock-Konzerten, von rechten Kräften und Linken, von Rechtsradikalen und Hooligans verhöhnt.


„Flagge zeigen!“ ist ein emphatisches Plädoyer für einen gelebten Verfassungspatriotismus. Brissa beschäftigt sich nicht nur mit Flaggen, sondern auch mit dem Adler als Staatswappen, der Hymne, den Standern, den Staatssymbolen im Allgemeinen und Besonderen, den Ritualen und Traditionen, also auch mit dem Hambacher Fest. 
Für Brissa heißt, Flagge zeigen, sich zu den symbolisch Repräsentierten zu bekennen und dafür öffentlich einzustehen. Fazit: „Da man nur hissen kann, was man auch besitzt, dürfte es in den Haushalten unseres Landes ruhig mehr Bundesflaggen geben.“ 


Am heutigen 23. Mai feiern wir wieder den Verfassungstag. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz im Rahmen einer feierlichen Sitzung des Parlamentarischen Rates verabschiedet und verkündet. Damit war die Bundesrepublik Deutschland gegründet. 
Das Buch ist ein staatsfreundliches Dokument mit wichtigem Anspruch, nämlich, die Staatssymbole nicht den Extremisten zu überlassen. Vergessen wir nicht, Demokratie, das sind wir alle, nicht nur „die da oben“. 


Ein kluges und interessantes Buch, erschienen bei SIEDLER. Apropos, es war der Pfälzer Helmut Kohl, der dem Hambacher Schloss verhalf, zum Demokratiesymbol zu werden. 
Wie eingangs gesagt, wir haben rund um das Schloss als Kinder gespielt, ich möchte als Staatsbürger nicht, dass mit der Demokratie gespielt wird. 

 

Wie eins und eins zusammen kamen

Im 15. und 16. Jahrhundert erwacht die Mathematik in Europa. Die arabischen Ziffern samt der bis dato unbekannten Null erobern das kaufmännische Leben. Die Erfindung der Zentralperspektive und die Wiederentdeckung der griechischen Geometrie verändern Kunst und Wissenschaft. Bilder sind nun Fenster zur Welt, die neue Mathematik ebenso. Der Astronom Regiomontanus und Albrecht Dürer in Nürnberg spielen bei diesem Umbruch eine ebenso große Rolle wie Leonardo da Vinci und der Universalgelehrte Girolamo Cardano in Mailand. Lebendig und mit dem besonderen Blick für das Verborgene erzählt Thomas de Padova ein spannendes Kapitel der Mathematikgeschichte und eröffnet eine neue Perspektive auf eine flirrende Epoche – die Renaissance. 

 

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Flaubert: Seid solide in eurem Leben 


Noch eine! Endlich! Ein Historiker schreibt, von Clio, der Muse der Historiographie geküsst, die entscheidende Biografie über einen der größten Dichter, der seine Werke mit der Akribie des Historikers, des an den Quellen schöpfenden Autors geschrieben hat. Es geht um die Biographie von Michel Winock über Gustave Flaubert, die soeben in schöner Übersetzung bei Carl Hanser erschienen ist. Es ist ja nicht so, dass wir nicht über Leben und Werk von Gustave Flaubert (1821 – 1880) nichts wüssten. Die Literaturwissenschaft, die populärere Publizistik, die biografischen Erzählungen und auch die Versuche psychologischer Deutung füllen ganze Bibliotheken. Jean-Paul Sartre hat Flaubert seinen mehrbändigen anthropologisch-philosophischen Großessay „Der Idiot der Familie“ gewidmet, der mit dem vielzitierten Satz beginnt: „Was kann man heute von einem Menschen wissen?“ 


Michel Winock, Professor am Sciences Po weiß, was man heute über Flaubert wissen kann und schreibt es auf. Er weiß aber auch, was man heute über die französische Geschichte des 19. Jahrhunderts wissen kann. Er setzt beides in Beziehung zueinander und entdeckt in Leben und Werk Flauberts eine „erstrangige Quelle“ für die französische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

 

Er bereichert die literaturwissenschaftliche Sicht auf Flaubert aus der Perspektive des Historikers – voller Empathie für die Literatur. Zwei Revolutionen (1830 und 1848), der deutsch-französische Krieg und die Pariser Commune, der Bürgerkönig Louis Philippe, das Kaiserreich Napoléons III und die Republik fallen in diesen Zeitraum von einem halben Jahrhundert. Es ist das Jahrhundert des Bourgeois. „Zwei Dinge halten mich aufrecht: Die Liebe zur Literatur und der Hass auf den Bourgeois“, zitiert der Biograf Flauberts aus dessen umfangreichem Briefwechsel, der ein unerschöpflicher Steinbruch für die dadurch sehr authentische Lebensbeschreibung ist. Flauberts Leben folgt einem anderen Zitat: „Seid solide in eurem Leben und ordentlich wie ein Bourgeois, um zügellos und eigenwillig in euren Werken zu sein.“

 

Am Zügellosesten war Flaubert in seinem in Karthago spielenden Roman Salammbo, am Deutlichsten wird die Welt der Bourgeoisie in den Figuren seiner bis heute erfolgreichsten Bücher Madame Bovary und L’Éducation sentimentale. Winock beschreibt die geradezu besessene Arbeit Flauberts an den Details seiner Werke, die einer „historischen Wahrheit“ verpflichtet waren. Er schreibt von Flauberts qualvollem Ringen um das richtige Wort, die treffende Metapher, den Rhythmus und Wohlklang eines Satzes. Jahre hat er an seinen Roman gearbeitet, Jahre, in denen er auf seinem Sitz in Croisset am Ufer der unteren Seine bei Rouen fast wie ein Einsiedler gelebt hat.

 

Winock kennt auch das Pariser Leben Flauberts, wo er bald wie ein Gesellschaftslöwe auftrat, groß, laut und lebhaft. Er beschreibt die heute so illuster wirkenden Kreise, in denen Flaubert dort verkehrte. Namen wie Victor Hugo, Émile Zola, Turgenev, Maupassant, George Sand, Daudet oder die Brüder Goncourt zählten zu Gästen in Zirkeln und Salons, in denen Flaubert nach seinen ersten Erfolgen ein gerngesehener Gast war und die er selbst – sonntags immer, wenn er in Paris war - in seiner dortigen Wohnung empfing.


Winock weiß und berichtet von den Frauen, die Flaubert beeindruckten oder – mehr noch – die er beeindruckte. Mit vielen von ihnen und mit seinen literarischen Freunden pflegte er einen intensiven Briefwechsel, den sein Biograf gekonnt auswertet. Der Tod seines Vaters, der ein berühmter Chirurg in Rouen war und ihm ein Vermögen hinterließ, das es Flaubert ermöglichte, sich ganz der Literatur zu widmen, dieser Tod „befreite“ ihn, wie Sartre in seinem „L’Idiot de la famille“ analysiert. Der frühe Tod seiner geliebten Schwester Caroline stürzte ihn in tiefe Trauer. Er übertrug seine Geschwisterliebe auf ihre Tochter, seine Nichte in die er seine ganze Menschenliebe investierte. Deren Mann, einem Sägewerksbesitzer, hatte Flaubert große Teile seines Vermögens anvertraut. Als der insolvent wurde, stand Flaubert plötzlich im Alter vor dem finanziellen Ruin.

 

Winock beschreibt den Stolz, mit dem Flaubert Hilfsangebote ablehnte. Vor allem wollte er nicht dem Staat auf der Tasche liegen. Selbst in Zeiten der Armut zeigte sich Flaubert großzügig, nicht nur mit Worten, sondern in selbstlosem Einsatz für Freunde. Urteile von Zeitzeugen, Lobeshymnen und Verrisse seiner Werke runden ein Bild ab, das einen ungeheuer intensiven Künstler und ein halbes Jahrhundert Frankreich in einen zusammenschauenden Blick nimmt. Er sieht in L‘Éducation sentimentale „ein Dokument ersten Ranges: Flauberts Untersuchungen der Realitäten einer Epoche, die er verabscheut, zehren von seiner Beobachtungsgabe. Der Kult des Wahren – der seiner Meinung nach Verallgemeinerung und Übertreibung verlangt – rivalisiert bei ihm stets mit der Obsession des Stils.“


Harald Loch


Michel Winock: Flaubert   Biografie
Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Petra Willim
Hanser, München 2021   655 Seiten   32 zeitgenössische Abb.  36 Euro

 

Vom Leben der Dickhäuter

„Die meisten Menschen wiegen nicht so viel wie Elefanten“, schreibt mit britischem Humor die Verhaltensbiologin Hannah Mumby in ihrem leidenschaftlichen Buch „Elefanten. Das Leben der Riesen zwischen Geburt, Familie und Tod“. Sie löst diesen schrägen Satz („Sie können mich hier zitieren“) aber sogleich mit einer Information auf: „Schon bei ihrer Geburt sind Elefanten etwa 100 Kilogramm schwer und einen Meter groß“. Die 1986 geborene Autorin ist nach Stationen in Cambridge, am Wissenschaftskolleg Berlin und in Colorado Professorin in Hongkong und leitet dort das Applied Behavioral Ecology and Conservation Laboratory. Ihre wissenschaftliche Feldforschung führte sie nach Kenia und Südafrika zu den afrikanischen, nach Myanmar, Thailand und Nepal zu den asiatischen Elefanten.

 

Über alle Stationen schreibt sie interessant, mit wissenschaftlicher Exaktheit und mit einer auf ihre Leser überspringenden Empathie. Da ihr Interesse auch den Beziehungen zwischen Elefanten und Menschen gilt, kommt sie immer wieder auf ihre eigenen Empfindungen, ihre psychische und physische Verfassung zu sprechen. So werden die Elefanten – durch treffende Farbfotos individualisiert - und die Autorin selbst zu Lebewesen „zum Anfassen“.


Die angenehm lesbare Darstellung transportiert viele, meist unbekannte Informationen. So erfährt die Leserin von den Elefantenfamilien, in denen drei Generationen von Elefantenkühen – Mumby sprich zuweilen auch von „Elefantinnen“ – zusammenleben. Der männliche Nachwuchs verlässt mehr oder weniger freiwillig mit 18 bis 20 Jahren diese Gemeinschaft und sucht sich andere männliche Gefährten. 22 Monate dauert die Schwangerschaft, Jugend und Pubertät etwa 20 Jahre, das ganze Leben – wenn nichts dazwischenkommt – bis zu 80 Jahren. Dazwischen kommen Krankheiten, vor allem der Befall von Parasiten, Kämpfe unter männlichen Elefanten, die manchmal tödlich enden und beschämenderweise der illegale Abschuss durch Menschen, die vor allem wegen des Elfenbeins aus purer Profitgier die Elefanten vom Aussterben bedrohen. Ein ganzes Kapitel widmet die Autorin diesem inzwischen weltweit geächteten Mord an einer ganzen Spezies.


Alle Elefanten haben bei Mumby ihre Namen. Das Publikum erfährt, dass in Myanmar (früher Birma) seit etwa 100 Jahren für jeden der vielen dort registrierten Elefanten ein kleines grünes Heft mit allen wesentlichen Eintragungen geführt wird: eine äußerst ergiebige Quelle für die Elefantenforschung. Erstaunlich ist die Ausprägung der Sinnesorgane von Elefanten. Vor allem der Geruchssinn ist hochentwickelt: „Wir wissen, dass Elefanten fast 2000 funktionelle Gene haben, die für das Riechen zuständig sind: Es gibt eine Studie, die genau 1948 von ihnen zählte. Im Vergleich dazu haben Hunde 811, Ratten 1207, Makaken 309 und Menschen 396.“ Viele Untersuchungen hat die Autorin anhand der fast fußballgroßen Dungkugeln durchgeführt. Vermessungen des Fußumfangs, der Stoßzahnlänge, der weiblichen Gentalorgane (vor der Vagina befindet sich ein 1 Meter langer Kanal), Messungen des Gehörs und des kilometerweiten Empfangs von kaum wahrnehmbaren Bodenerschütterungen über die empfindlichen Fußsohlen schildert die Autorin auch mit einer genauen Beschreibung der nicht immer einfachen Versuchsanordnung, wie das Wiegen. 2 Tonnen und mehr kann ein ausgewachsener Elefant wiegen.


In Myanmar und Thailand waren und sind Elefanten als Arbeitstiere im Forstbetrieb eingesetzt. Sie knicken Bäume und transportieren die Stämme – unterstützt von Oozies, oft jungen Einheimischen, die auf den Elefanten sitzen, mit ihnen sprechen und durch Fußdruck ihre Bewegungen lenken. Die Lernfähigkeit und ihr eindrucksvolles Gedächtnis stellt die Autorin durch gute gewählte Experimente vor. Da die Elefantenforscher in aller Welt untereinander eine kooperierende Gemeinschaft bilden, kann Mumby von vielen Ergebnissen ihrer Kolleginnen und Kollegen berichten und zu einem sich immer stärker abrundenden Gesamtbild zusammenfügen. An ihre Lesergemeinde gewandt schreibt sie: Dies ist die letzte Generation, die die Natur retten kann. Es wäre eine große Sache, wenn ihr irgendwann sagen könntet: Ich gehörte zu dieser Generation, und ich habe etwas getan.“

 

Harald Loch

 

 

Hannah Mumby,
geboren 1986, ist Verhaltensbiologin. Nach Stationen in Cambridge, am Wissenschaftskolleg in Berlin und als Fulbright Scholar in Colorado hat sie seit 2019 eine Professur an der Universität von Hongkong inne, wo sie das Applied Behavioural Ecology and Conservation Laboratory leitet. 2020 wurde sie für ihre wissenschaftliche Arbeit mit dem ASAB Christopher Barnard Award for Outstanding Contributions by a New Investigator ausgezeichnet. Elefanten ist ihr Sachbuch-Debüt.

 

 


Hannah Mumby: Elefanten. Das Leben der Riesen zwischen Geburt, Familie und Tod
Aus dem Englischen von Heide Lutosch
Hanser, München 2021   302 Seiten   27 Fotos        26 Euro

 

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land


Alle Edelfedern der deutschen Literaturkritik stürzten sich – zwanghaft? – auf den ersten längeren Text von Peter Handke nach dem Literaturnobelpreis von 2019. Diese Zahl mahnt wie selbstverständlich auch an das aktuelle Coronarvirus Covid 19. Jede Einzelheit des nur 90 Seiten füllendenden Buches „Mein Tag im anderen Land“ wird auf Handkes Befindlichkeit, eine etwaige Botschaft, natürlich – erwartbar – auf Bosheiten und Eitelkeiten abgeklopft. Als ginge es nicht um Literatur! Der Aufbau des Textes ist klassisch: ein Triptychon. Die Erzählperspektive ist klar: Der Autor wählt die erste Person. An die Geschehnisse im ersten Teil erinnert sich der Erzähler nicht, obwohl er selbst die Hauptperson ist. Er ist ein „Zeuge vom Hörensagen“ seiner selbst – eine seltene, wenn nicht einmalige Konstellation, überraschend und gelungen. Der Erzähler war Obstgärtner. Der Onkel Handkes auch. Ist das wichtig? Der Erzähler war „von einem Dämon besessen“, lebte auf einem Friedhof, beschimpfte alle, selbst die zwitschernden Vögel. Seine Schwester versorgte ihn, den offensichtlich Kranken, dort mit Lebensnotwenigem und später, nach seiner Rückkehr in das übliche Leben, mit den Einzelheiten aus dieser Zeit. Nur so kann er sie niederschreiben.


Im Zweiten Teil switcht die Besessenheit aus dem Erzähler. Ein Fischer hat ihm tief in die Augen geblickt, den Außenseiter als Menschen erkannt und zurückgeholt. Er wandert durch das „andere“ Land, das hier Dekapolis heißt. „Es war ein Werktag, an dem ich das mir unbekannte, oder unbekannt gewordene Land durchstreifte, und zugleich sah ich mich Schritt um Schritt in einem Feiertag.“ Auf der ersten Wegstrecke erinnerte er sich an die Erzählungen seiner Schwester. „und auf der nächsten, übernächsten, oder gleichwievielten Wegstrecke durch das andere Land feierte ich dann das Fest meiner ungeborenen Kinder.“ Stumm und beim Gruß lediglich kopfnickend zieht er weiter, bis er in einem Tanzlokal seine künftige Frau kennenlernt. „Meine Frau meinte manchmal, und das nicht bloß im Scherz, ich hätte einen guten, ja, idealen Politiker abgegeben, allein schon vorlebend eine Politik, eine neue, sie praktizierend, wie Politik heutigentags dringendst gebraucht wird.“


Der dritte, nur wenige Seiten umfassende Teil ist ein Traum, der den Erzähler wieder auf den Friedhof zurückführt, auf dem er als Besessener gelebt hatte. Als er aus diesem Traum aufwacht, stößt er „einen Kriegsschrei aus, den ich, schlafend, hörte als unartikuliertes Gekrächz, und rief dann, jetzt ein klares Rufen, hinein in die Leere: ‚Seid ihr alle da?‘“


Ist diese Kaspertheaterfrage der Schlüssel zu dem Text? Oder braucht es keinen anderen Schlüssel zu einer Literatur, die sprachlich auf Handke-Höhe liegt und deren Inhalt hermetisch, gewürzt mit verstecktem Humor, mit einer alleserklärenden Ironie zu unserer Existenz aufwartet und nichtssagenden Deutungsanstrengungen unzugänglich bleibt?


Harald Loch


Peter Handke: Mein Tag im anderen Land
Suhrkamp, Berlin 2021   94 Seiten   18 Euro

 

10 Buch-Tipps zum Weltttag des Buches

1984 is watching you

Heute wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gab es in den letzten 10 Tagen bis heute einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel George Orwell 1984 ANACONDA

 

Inhalt
Das Zitat „Big brother is watching you“ ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Das Buch „1984“, als Vision entwickelt, ist längst in vielen Teilen Wirklichkeit geworden. Die Debatte um das Gendern hat auch einen Anklang von „Sprachpolizei“, die in „1984“ eine Kontrollfunktion hat. Es herrscht Unterdrückung in dem diktatorisch und totalitär geführten Staat. Der große Bruder ist der in Wirklichkeit nie sichtbar werdende Chef einer Parteielite, der die restlichen Parteimitglieder und die Volksmasse überwacht und kontrolliert. Die „Gedankenpolizei“ ist allgegenwärtig. Nicht abschaltbare Teleschirme überwachen die Wohnungen.  Propaganda schürt den Hass im Volk, das durch gemeinsame Feindbilder zusammengeschweißt wird. Die Neue Sprache („Newspeak“) wird von schädlichen Begriffen gesäubert. Das private Denken wird ständig beeinflusst durch immer wiederkehrende gleiche Parolen wie „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“.

 

·        Zitat: „Er wusste nicht, wo er war, vermutlich war er im Ministerium für Liebe, doch darüber ließ sich keine Gewissheit erlangen.“

 

Kurzkritik
Aktueller denn je ist dieses Buch über den totalitären Staat, Cyberüberwachung, Geschichtsverfälschung und die Gedankenpolizei in Zeiten des Internet, der Clouds und Debatten um „political correctness“ in Sprache und Politik. Wenige Bücher haben über die Jahrzehnte hinweg eine derart wichtige Bedeutung behalten.

 

Leser
Jeder muss dieses Buch gelesen haben

 

Natürlich desinfizieren

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.
 
Heute stellen wir Ihnen vor
 
Titel
Angelika Kaluza NATUR HYGIENE Viren und Bakterien natürlich entfernen
 
Inhalt
Seit der Corona-Epidemie haben wir versucht, ein neues Verhältnis zum Thema Hygiene zu finden. Viele greifen zum Desinfektionsmittel oder zur chemischen Keule. Dabei zerstören wir auch unsere natürlichen Abwehrmechanismen gegen Mikroorganismen, Bakterien und gesundheitsschädliche Keime. Wo sind die Hygiene-Hotspots im Haushalt, wie verdreckt sind unsere Arbeitsgeräte, wo verstecken sich die Krankmacher und wie erreichen wir ein gesundes Hygieneverhalten mit natürlichen Reinigungsstoffen? Darüber klärt dieses Buch auf.
 
Zitat
„Es ist ungesund, sein gesamtes Haus zu desinfizieren, denn dann werden auch fast alle guten Wohn-Mikroben ausgerottet.“ 
 
Kurz-Kritik
Ein klug aufgebautes, schlaues, sehr anschaulich gestaltetes Buch über Naturhygiene. Die Texte sind kurz und klar formuliert und verständlich gegliedert. Das Design des Buches ist übersichtlich, grafisch frech aufgepeppt und macht Lust, darin zu lesen und zu blättern.
 
Leserkreis
Das Buch gehört in jeden Haushalt

Britisches Gänsehautgefühl: Sayersmorde

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Dorothy L.Sayers Keines natürlichen Todes Ein Fall für Lord Peter Wimsey WUNDERLICH

 

Inhalt
Agatha Dawson stirbt früher als manche erwartet haben. Zuerst glauben alle an einen natürlichen Tod. Der reale Hintergrund des Romans ist die Veränderung des englischen Erbrechts 1925. Dr. Carr, der behandelnde Arzt nimmt eine Autopsie vor, die jedoch zu keinerlei Ergebnis führt. Seine Diagnose: Herzversagen. Als dieser später jedoch dem Gentlemen-Ermittler Lord Peter Wimsey die ganze Geschichte erzählt, entstehen Verdachtsmomente, beginnt er weitere Nachforschungen anzustellen. Miss Climpson, eine neugierige, dem Schwätzen und Gerüchten verfallene Dame, hilft ihm dabei. Es geht in diesem Roman von Sayers auch um ethische Fragen: Ist Euthanasie zulässig? Ist ein Mord auch zu entschuldigen?

 

Autor/in:
Dorothy L. Sayers lebte von 1893 bis 1957. Als eine der ersten Frauen an der Universität ihres Geburtsortes Oxford legte sie ein Examen ab. Sie gehört neben Agatha Christie und P.D. James zum Dreigestirn der großen englischen „Ladies of Crime“ und schrieb 20 Detektivromane. Ihre Hauptfigur der Lord Peter Wimsey, der vor allem aus moralischen Beweggründen Verbrechen aufklärt.

 

Zitat
„Der Tod war zweifelsohne plötzlich, unerwartet und für mich rätselhaft.“

 

Kurz-Kritik          

Die Crime-Lady lässt vor dem Auge des Krimifans das Plüsch-England entstehen, zwischen all den braven Menschen wohnt irgendwo das Böse, das erklärt werden will. Die Dialoge sind wohl überlegt und gesetzt, das Tempo des Romans nicht übereilig. Wohliges Grauen! Britisches Gänsehautgefühl.

 

Leserkreis          
Für alle Fans, die den klassischen englischen Krimi noch lieben - trotz Brexit.

Pandemien - ihre Ursachen und Bekämpfung

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Jörg Hacker PANDEMIEN Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten CH Beck Reihe Wissen

 

Inhalt
Ob Cholera, HIV (Aids) oder SARS, die ansteckenden Krankheiten, die Pandemien zeigen die dunkle Seite der Globalisierung. Welche Strategien gibt es zur Eindämmung? Was kann der Einzelne tun? Wieweit darf ein demokratischer Staat gehen, um gesellschaftliches Leben angesichts der Virenbedrohung außer Kraft zu setzen. Jörg Hacker, ehemaliger Präsident des Robert-Koch-Instituts gibt einen knappen aber sehr lehrreichen Überblick zur Geschichte von Infektionen, zu pandemischen Mikroorganismen, zu den zoonotischen - vom Tier auf den Menschen übergehenden - Erregern, wie Pandemien auch durch Digitalisierung eingegrenzt werden können, wozu Wissenschaftskommunikation beitragen kann, welche Auswirkungen sich auf Wirtschaft und Gesellschaft ergeben und im letzten Kapitel beschäftigt er sich mit ethischen Fragestellungen.

 

Zitat
„Auf jeden Fall gilt, dass die Eindämmung der Pandemie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe bleibt. Albert Camus hat dies bereits 1947 in seinem Roman Die Pest prognostiziert. ‘Wir werden nicht frei sein, solange es Seuchen gibt.‘ “

 

Kurz-Kritik          
Es sind nur 128 Seiten. Jörg Hacker gelingt es dennoch zwar auf wissenschaftlicher Grundlage aber verständlich formuliert die Grundfragen um Epidemien zu thematisieren. Die wichtigsten Zusammenhänge und Erklärungen mikrobiologischer Prozesse werden anschaulich dargestellt, durch Grafiken ergänzt. Es ist kein populärwissenschaftliches „Schlauberger“-Buch, das mit platten Argumenten daherkommt. In präziser Darstellungsform mit zahlreichen Querverweisen, Definitionen und Hinweisen auf weiterführende Literatur ist dem Autor ein wichtiges Grundlagenbuch für unsere aktuellen Debatten gelungen. Er widmet dem Anthropozän ein Extrakapitel, dem Zeitalter, das den Menschen als Verursacher geoökologischer Prozesse einordnet.  

 

Leserkreis          
Das Buch gehört in die Hand aller 80 Millionen „Virologen“ in Deutschland und jeweils als Freiexemplare – durch den Staat finanziert – an die Querdenkerbewegung. 

Der Junge, der den Wind einfing

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

 

Titel  William Kamkwamba & Bryan Mealer Der Junge, der den Wind einfing Eine afrikanische Heldengeschichte DIEDERICHS

 

Inhalt
In Malawi kämpfen die Menschen gegen Dürre, Hunger und Aids. Frisches Wasser fehlt. Und Elektrizität ist fast ein Fremdwort. Auch der allseits herrschende Glaube an die magischen Kräfte und Gottheiten hilft bei der Entwicklung der Region nicht einen Schritt weiter. Da wäre Bildung vonnöten, doch die Eltern können ihren Kindern das Schulgeld nicht mit auf den Schulweg geben. Kinderarbeit auf den Farmen ist gang und gäbe. Der junge Held der Geschichte William aber geht seinen eigenen Weg, denn er interessiert sich für die Naturwissenschaften und die Technik. Er eignet sich das Wissen einfach ohne Lehrer selbst an. Seine Idee, eine Windturbine zu bauen, die er aus Eukalyptusholz und Fahrradteilen zusammenschustert. Danach konstruierte William eine solarbetriebene Wasserpumpe. Damit war Trinkwasser im Dorf. Jetzt veränderte sich sein Leben und das Zusammenleben im Dorf von Grund auf. Das Buch wurde für ein Netflix-Angebot verfilmt. Heute ist William Kamkwamba Buchautor, seine Lebensgeschichte stand fünf Wochen auf der Bestseller-Liste der "New York Times". Seine Konstruktionen wurden im Museum of Science and Industry von Chicago präsentiert.

 

Zitat
„Bevor ich die Wunder der Wissenschaft entdeckte, war meine Welt von Magie beherrscht.“

 

Kurz-Kritik
Bei einer meiner letzten Begegnungen mit Peter Scholl-Latour zeichnete der populäre Journalist ein düsteres Bild vom verlorenen schwarzen Afrika in unserem Interview. Der ausgebeutete Kontinent verloren, die Eliten korrupt, die politischen Systeme „failed states“, die Bodenschätze ausgebeutet, auch die Kolonialstaaten kaum entwickelt, die Kolonialgeschichte nicht bewältigt, Diktaturen in Mode, Demokratien kaum entwickelt, militärische Gewaltexzesse, Putsch, Krankheiten und Epidemien sowie das eigentliche Problem der Hunger nur schwer zu bekämpfen. Das Fazit unseres Gesprächs völlige Hoffnungslosigkeit. Afrika ein Kontinent der Finsternis. Aber diese afrikanische Heldengeschichte eines kleinen Jungen, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, lässt Licht ins Dunkel, lässt wieder Hoffnung wachsen, lässt einen anderen positiveren Blick auf Afrika gewinnen. Es ist eine bewegende Geschichte über Engagement und Solidarität, über Experimentierfreudigkeit und auch den Glauben an sich selbst und an das Positive.  
 

Leserkreis          
Ein berührendes Buch für Jung und Alt

Ein Buch durch dick und dünn

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel  Prof. Dr. Alexander Bartelt Der Fettversteher Wie wir unser gutes Fett aktivieren, um unser schlechtes zu verlieren. Gesund und nachhaltig abnehmen ULLSTEIN EXTRA

 

Inhalt
Man glaubt ja nicht, was im menschlichen Körper so alles steckt. Neuerdings wissen wir, dass der Körper zweierlei Fettzellen in sich trägt, die weißen, die uns dick machen und die braunen. Sie können sich positiv auf unseren Stoffwechsel auswirken. Braunes Fett verbrennt Kalorien, indem es Fett aus dem Blut und Speicherfett absaugt. Es findet eine Wärme-Umwandlung statt. So wird der Stoffwechsel angetrieben, es kommt zu einer negativen Kalorienbilanz.

 

Zitat
„Jeder Mensch hat also weiße Fettzellen und ihr Füllzustand bestimmt, ob wir eher dick oder dünn sind.“

 

Kurz-Kritik
Das klug aufgebaute Sachbuch informiert sachlich gründlich und präzise über die Fette, über Fettpolster, über den Prozess wie braunes Fett weißes zum Schmelzen bringt, die Einordnung von sinnvollen und sinnlosen Diäten sind auch behandelt.

 

Leserkreis          
Ein Buch für Dicke, die dünn werden wollen und für Dünne, die vermeiden wollen, dick zu werden. Mit diesem Buch gehen sie durch dick und dünn.

 

Schäuble: Wie wir an Krisen wachsen können

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Wolfgang Schäuble Grenzerfahrungen Wie wir an Krisen wachsen SIEDLER

 

Inhalt

Die Coronakrise stellt viele unserer Gewissheiten in Frage: Wie wir leben? Wie wir wirtschaften? Wo liegen Knappheiten? Was sind unsere Grenzerfahrungen? Welche neuen Wertigkeiten entwickeln wir? Diese Fragen beschäftigen den erfahrenen Unionspolitiker Wolfgang Schäuble, der eine Essay- und Gesprächssammlung vorlegt, um auszuloten, wie wir an der Krise um Corona wachsen können. Schäuble sieht im Vorwort die Chance, neue gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Dynamiken zu entfachen. In kritischer Selbstreflexion und mit Lust an der kontroversen Debatte will Schäuble Denkprozesse einleiten, denn in den Jahrzehnten des wachsenden Wohlstands sind wir in eine zunehmende Unbeweglichkeit geraten. Das Land braucht Veränderung.

 

Zitat
„Covid-19 treibt uns durch eine steile Lernkurve und viele Lektionen werden bleiben.“

 

Kurz-Kritik
Politiker neigen dazu, ab und an nach Ende ihrer Amtszeit, nach Wahlerfolgen oder manchmal auch Niederlagen einfach ihre früheren Reden hintereinander zu hängen, etwas zu redigieren, einen provozierenden Titel zu finden, in die Talkshows zu gehen und dann zu meinen, es wäre ein Buch entstanden. Dieses Buch ist nicht so geartet, vielmehr sucht Schäuble in den einzelnen Kapiteln Antworten auf viele derzeit aktuelle Fragen zwischen Freiheit und Begrenztheit, den Grenzen des Wachstums und der Vielfalt in Gesellschaften, den Grenzen Europas. Was zählen unsere westlichen Werte in der übrigen Welt und welcher Geschichte stellen wir uns? Es gelingt Schäuble aktuell von der Coronakrise ausgehend, die wichtigen Fragen der Zukunft aufzuwerfen, aufzuwerten und zugleich – das ist ein neuer Ansatz – in einem Gespräch Kapitel für Kapitel im moderierten Dialog kritisch würdigen zu lassen.  

 

Leserkreis          
Politikerkollegen von links bis rechts, Armin Laschet und Markus Söder und das Wahlvolk, das demnächst vor einer Entscheidung steht.

Nichts als die Wahrheit 

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gibt jetzt bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp. 


Heute stellen wir Ihnen vor


Titel
James Comey Nichts als die Wahrheit Der Ex-FBI-Direktor über die Unterwanderung des amerikanischen Justizsystems DROEMER


Inhalt
Die Trump-Ära gerät schon wieder langsam in Vergessenheit. Da ist es gut, wenn Bücher uns Erinnerung rufen, was die Wahrheit ist, nichts als die Wahrheit. Glauben wir James Comey, dann steht der amerikanische Rechtsstaat am Abgrund. Der lange Streit um Wahlsieg oder Niederlage zeigt, wie wichtig die unabhängige Justiz als sicheres Fundament der Demokratie ist. 


Comey lässt uns an der Karriere des Juristen, Staatsanwalt, Ermittlers und FBI-Chefs teilhaben. Er beschreibt Ermittlungen, Kriminalfälle und Gerichtsprozesse gegen Versicherungsbetrüger, Mafiabosse und islamistische Terroristen aus seiner Zeit als Ermittler. Er legt auch offen zu Tage, wie die Trump-Regierung das unabhängige Justiz-System der USA angegriffen und unterminiert hat. Das Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. „Es ist Zeit, dass Amerika einen gefallenen und korrupten Präsidenten hinter sich lässt und mit dem Wiederaufbau beginnt. Es gibt viel zu tun, aber das Rezept ist einfach: Sagt dem amerikanischen Volk die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit“, schreibt James Comey als Appell an sein Volk und als Plädoyer gegen jegliche Rechtsbeugung. 


Zitat
„Ich gestehe, dass ich durchaus auch erleichtert war, entlassen worden zu sein, weg zu sein von Donald Trump und seinem Netz aus Lügen, seinen endlosen Forderungen nach persönlichen und institutionellen Kompromissen.“ 


Kurz-Kritik
Wahrheit, Gerechtigkeit, Rechtsstaatlichkeit, das sind die großen Vokabeln aus dem Wörterbuch der Demokratie, die auch James Comey in den Mund nimmt als geschasster FBI-Chef und Opfer des Systems Trump. Er gönnt uns einen kritischen und offenen Blick hinter die meist verschlossenen Hinterzimmer des amerikanischen Rechtssystems, formuliert die amerikanischen, uns in Europa oft nicht verständlichen Rechtsgrundsätze, benennt die Schwachstellen und Fehlentwicklungen unter Trump. Mit dem Satz „Die Rettung der Justiz ist in gewisser Hinsicht einfach“, verbindet Comey die Erwartung, der Präsident müsse nur Führungspersönlichkeiten finden, die die Werte der Institution ausstrahlen. In dieser Personalisierung liegt ja gerade das Problem, falscher Mann, falsche Frau, falsches Ergebnis. In der Populismusdemokratie USA reichen solche Rettungsvorschläge leider nicht aus, weil es eben doch auch um Strukturen geht. 


Leserkreis
Wähler, USA-Freunde, Trump-Kritiker, Biden-Freunde, der Beauftragte für die deutsch-amerikanischen Beziehungen

 

Naseweis

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gibt es jetzt bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Dr. med. Christine Löber/Hanna Grabbe Immer der Nase nach. Wie Hals, Nase und Ohren uns im Leben lenken MOSAIK

 

Inhalt
Fassen Sie sich mal an die Nase. Da sitzt ihr unterschätztes Organ. Nur wenn der Schnupfen sie plagt, wird ihnen bewusst, wie wichtig diese „Flügel“ und die Atemwege sind. Die HNO-Ärztin mit Praxis in Hamburg rückt dieses Organ zurecht, nämlich in die Mitte, da wo es sowieso schon sitzt und hingehört. Warum wir wie riechen? Wieso der Rachen kratzt? Wann Ohren verstopfen und nicht mehr hören? Wieso HNO-Krankheiten unterschätzt werden? Das alles ist in diesem Buch in verständlicher Weise beschrieben. Ob Psychosomatik oder Heuschnupfen, Atmen oder Heiserkeit alles inclusive plus Goldene Regeln für den Arztbesuch werden geliefert. Lesenswert und alltagstauglich.

 

Zitat
„Wenn Ihr Arzt Sie das nächste Mal ignoriert, sagen Sie einfach mal nichts. Man nennt das paradoxe Intervention: Sie versuchen, jemanden durch Schweigen zum Zuhören zu bringen.“  

 

Kurz-Kritik
Pop-Science heißt das Buch-Genre aus dem der HNO-Ratgeber kommt: Frech geschrieben, blumige Wortwahl, plastische Darstellung, gute Verständlichkeit, das sind die wichtigsten Kriterien, denen auch dieser Ratgeber folgt. Jeder von uns stellt sich doch die Frage, ob Wattestäbchen wirklich ins Ohr gehören. Nein, nein, nein! Sind Nasensprays gefährlich? Ja! Wann braucht man Hörgeräte? Wenn alle in der Umgebung nuscheln. All das sind Fragen mitten aus dem Leben gegriffen und lebensnah beantwortet. Ärztin und Co-Autorin gelingt ein selbsterklärendes Buch, mit konkreten Hilfen und Ratschlägen für alle die gut riechen, hören und sprechen wollen. Geruchsverlust ist ja gerade bei COVID-Langzeitfolgen wieder ein aktuelles Thema geworden.

 

Leserkreis          
Hypochonder, ernsthaft Kranke, Hörgeschädigte, Nasenpopler, Räusperer, HNO-Patienten und Wattestäbchen-Benutzer

Kleinste gemeinsame Wirklichkeit

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gibt jetzt bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp. 
Heute stellen wir Ihnen vor


Titel 
Mai Thi Nguyen-Kim Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit. Wahr, falsch, plausibel. Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft DROEMER
Spätestens seit Donald Trump wissen wir, was FAKE NEWS sind. Gibt es sie noch, die wirkliche Wirklichkeit? Wir erleben einen Mischmasch aus Wahrheit, Lügen, Fakten und Ideologie? Was ist wahr, was ist falsch, wer lügt, wer betrügt? Stehen noch Tatsachen hinter Fakten oder ist das alles konstruiert und muss in Frage gestellt werden?
In neun Kapiteln greift die Autorin gewichtige Wissenschaftsfragen auf und gibt fundierte Antworten aus der Science-Community. Sollen Drogen legalisiert werden? Machen Videospiele gewalttätig? Stimmt es, dass Männer und Frauen ungleich bezahlt werden? Wie sicher sind die Corona-Impfungen? Ist Intelligenz erblich? Denken Frauen und Männer unterschiedlich? Sind Tierversuche ethisch vertretbar? Was heißt wissenschaftliches Streiten für die Wirklichkeit


Fazit: Wissenschaftlicher Konsens ist keine Abstimmung, wer ist dafür, wer dagegen, Hände hoch, wer macht jetzt den Hammelsprung! Wenn die Evidenz es verlangt, muss man seine Meinung auch ändern können, auch wenn es weh tut. Schöne Grüße an die Querdenker! Die Autorin bespricht die Herangehensweise für wissenschaftliches Denken, diskutiert wissenschaftliche Methoden, die Fehlerkultur der Wissenschaften und den von ihr so genannten Debattenfehlschluss.

 

Zitat: „Ohne ein gemeinsames Verständnis von Wirklichkeit, auf dessen Fundament wir unsere Debatten austragen, streiten wir nur auf der Stelle und nicht vorwärts. Wissenschaftlichkeit heißt nicht, weniger zu streiten, sondern besser.“

 

Kurzkritik
Die Autorin kann erklären, präzise, überzeugend, faktenorientiert in einer klaren nie langweiligen Sprache. Ihr macht das Streiten Spaß und sie fordert ihre Leser auf, zu lesen, mit dem Motto: Also – viel Spaß. Ein Beitrag in unserer post-faktisch irritierten Zeit, wieder wissenschaftlichen Boden unter unsere Füße zu kriegen.


Leserkreis
Wähler, Talkshow-Seher, Parteigänger, Parlamentarier, Wissenschaftler, Karl Lauterbach, Virologen, Epidemiologen, Studenten und Professoren 

Roman mit Biss: Auf den Spuren von DRACULA

Transsylvanien - Unterwegs bei Graf Dracula

 

Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden.

 

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Interview mit Dana Grigorcea

Warum haben Sie die DRACULA-Geschichte als Hintergrund für Ihren Roman gewählt, das Projekt Dracula-Park als Vergnügungsstätte für Touristen wird ja doch nicht verwirklich?

 

Dracula ist ein Symbol des gestrengen Fürsten, der morbide Sehnsüchte weckt. Er waltet heutzutage nicht nur "trans silva", also hinter den Wäldern in Rumänien, sondern überall auf der Welt, wo die Menschen Autokraten und zwielichtige Populisten an die Macht hieven. Die Geschichte um den Dracula-Park in meinem Roman basiert auf einer wahren Geschichte, wie Sie richtig erkannt haben. Damals hatten sich allerlei korrupte Politiker und Geschäftslute Aktien an dem Park gesichert. Dass der Park dann doch nicht gebaut wurde, ist ein sehr begrüssenswerter Sieg der Zivilgesellschaft. 

 

Rumänen und seine politischen und gesellschaftlichen Probleme werden in der Europäischen Union oft buchstäblich an den Rand Europas gedrängt – welchem Thema müsste mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?


Die Europäische Union macht schon sehr viel für Rumänien und die osteuropäischen Länder. Umgekehrt sollten diese Länder mehr für die EU tun, zum Beispiel beim Flüchlingsthema. 

 

Bei aller Schwergewichtigkeit der Themen in ihrem Familienroman gelingt Ihnen eine gewisse Leichtigkeit. Nach dem trist-grauen kommunistischen Alltag hellt Literatur so die Seele auf und tröstet?


Ja, das ist auch meine feste Überzeugung: Literatur tut der Seele wohl. 

 

Viele Rumänen, vor allem deutschstämmige, haben ihr Land verlassen, dafür kann man Verständnis haben, aber müssten die Menschen nicht im Land bleiben, um am Fortschritt mitzuwirken?


Es ist nicht so, dass man nur vor Ort am Fortschritt des Landes mitwirkt. Dank den Wahlstimmen aus der rumänischen Diaspora ist zum Beispiel Klaus Johannis zum Präsidenten Rumäniens gewählt worden, und bei den Europawahlen die fortschrittliche Allianz USR-Plus. Die Auslandsrumänen sind von den rumänischen Populisten nicht zu erreichen, und leisten, durch regen Kontakt zu ihren Familien und Freunden in Rumänien, einen wichtigen Beitrag zum demokratischen Diskurs des Landes - von den Geldflüssen zu schweigen. 

 

Spüren Sie im Land noch Nachwirkungen des Terrorregimes von Ceaușescu?


Leider ja. Der revanchistische Ton wurde nicht abgelegt. Er hat die Art zu reden und über andere zu urteilen nachhaltig geprägt. Darum geht es auch in meinem Roman: Durch den unerbittlichen Ton, in dem man vergangenes Unrecht verurteilt, rettet man jene Geister der Vergangenheit in die Gegenwart. Um es mit Martin Luther King Jr. zu sagen: "Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that."  


Warum haben Sie den Ort der Handlung mit B. abgekürzt, wollen Sie Touristenströme dorthin vermeiden?


Da stehe ich hinter der Entscheidung meiner Erzählerin: Ich nenne den Ort nur B., „…weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral, wenngleich sie sich freilich an vielen Orten auf der Welt hätte abspielen können.“ Ich lasse Dracula da, wo man ihn vermutet, hinter dem dunklen Wald, aber eigentlich ist er längst hier, unter uns. 

Petra Reski: Der „neue“ Tod in Venedig

 

Als ich einmal in den Canal Grande fiel - Vom Leben in Venedig │ Das ungeschönte Porträt der schönsten Stadt der Welt

In „Als ich einmal in den Canal Grande fiel“ wirft Petra Reski einen wehmütigen Blick hinter die Kulissen Venedigs und erzählt, wie es ist, in einer Stadt zu leben, der es zum Verhängnis wird, dass sie von aller Welt geliebt wird. (DROEMER) 

 

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VENEDIG - kein schwimmendes Museum             Interview mit Petra Reski

 

 

Nun fahren Sie doch wieder Venedig an, die Kreuzfahrtschiffe, hat die Verwaltung nichts in Coronazeiten dazugelernt?

 

Nein, und das war auch gar nicht zu erwarten. Die Interessen der Lobbys (Kreuzfahrtmultis, Flughafengesellschaft, Fluggesellschaften) sind zu groß, als dass sich eine Handvoll Venezianer (in Venedig leben nur noch 50 000 Einwohner) ihnen in den Weg werfen könnten. 

 

Die italienische Regierung rudert seit Jahrzehnten um eine Lösung herum. Denn theoretisch dürfen Kreuzfahrtschiffe bereits seit dem Jahr 2013 nicht mehr über das Markusbecken nach Venedig einfahren: Ein Jahr nach dem Untergang der Costa Concordia hat die italienische Regierung ein Gesetzesdekret verfasst, demzufolge Kreuzfahrtschiffe nicht am Markusplatz vorbei nach Venedig einlaufen dürfen. Aber „mangels einer Alternative“ wurde diese Regelung schnell außer Kraft gesetzt und die provisorische „Lösung“ auch weiterhin praktiziert. Und jetzt ist genau das Gleiche eingetroffen: Die großen Kreuzfahrtschiffe können nicht wie vom neuen Gesetz geplant, im Industriehafen anlegen, weil die Anlegestellen dafür nicht vorbereitet sind. Was passiert? Nichts. Alles geht so weiter wie zuvor. Jedes Kreuzfahrtschiff fährt nach wie vor am Markusplatz vorbei. 

 

Der Bürgermeister und alle, die ihm politisch nahestehen, wie etwa der Regionalpräsident der Lega, haben keine Sekunde darüber nachgedacht, in Venedig einen nachhaltigen Tourismus zu praktizieren. Kreuzfahrtmultis wie MSC machen sich mit Parteispenden politische Parteien gewogen, es hätte mich eher gewundert, wenn der Bürgermeister von Venedig jetzt davon abgerückt wäre.

 

Sie wohnen in Venedig, was gefällt Ihnen immer noch daran, was nervt Sie besonders?

 

Ich lebe in Venedig, weil ich mein Leben mit einem Venezianer teile, der krank wird, wenn er aus dem Fenster blickt und kein Wasser sieht, das sechs Stunden in die eine und sechs Stunden in die andere Richtung fließt. Ich habe also keine echte Alternative. Der Ausdruck „nerven“ erscheint mir angesichts der gigantischen Probleme Venedigs allerdings etwas zu kurz gegriffen. Venedig ist eine Stadt, wie keine andere der größten Herausforderungen unseres Jahrhunderts ausgesetzt ist: dem Klimawandel und dem Overtourism. Gleichzeitig vermittelt die Einzigartigkeit dieser Stadt, nicht nur aus architektonischer Sicht, sondern aufgrund ihrer außergewöhnlichen Lage im Wasser, ein Gefühl von Poesie, für das selbst der schlichteste Mensch empfänglich ist. 
 

 

Wie ließen sich die Besucherzahlen steuern, um das „schwimmende Museum“ Venedig zu retten?

 

Ich würde Venedig nicht als „schwimmendes Museum“ bezeichnen, das ist genau das, was wir nicht wollen. Wir kämpfen darum, Venedig als lebenswerte Stadt, als Lebensraum zu erhalten, mit Bäckern und Fleischern und Handwerkern und nicht als Museum, das bei einer Tagestour bestaunt werden kann. 

 

Als allererstes sollte die Zahl der Tagestouristen beschränkt werden, die drei Viertel der 30 Millionen Touristen jährlich ausmachen. Es gibt dafür eine ganze Reihe von Konzepten, schon allein eine Reservierungspflicht für die Besichtigung des Marktplatzes würde die Besucherströme kanalisieren. Man könnte ja annehmen, dass sich in einer Stadt, die jährlich von 30 Millionen Menschen besucht wird, ein ganzes Heer von Tourismusexperten darum kümmert, wie diese Ströme reguliert werden könnten. Tatsächlich aber gibt es nur eine einzige Dame, die für den Tourismus zuständig ist, und die spricht nicht mal Englisch. Nach wie vor betrachten der Bürgermeister und seine politischen Freunde den Tourismus als eine Art nicht zu regulierende Naturgewalt - die mal kommt, mal geht. 

 

Ausschlaggebend ist aber vor allem, dass Venedig mit dem Festland in einer Art Zwangsehe lebt und nicht über sein Schicksal bestimmen kann. Denn nicht die Stimmen der Venezianer sind für die Wahl des venezianischen Bürgermeisters entscheidend, sondern die der Bewohner des Festlands: von Mestre, Marghera, Favaro, Campalto, Chirignago-Zelarino. Die nicht unter dem Massentourismus leiden, sondern an ihm verdienen. Vom Festland und vom Markt aus gesehen ist Venedig nichts anderes als eine Schatztruhe, die es zu plündern gilt, so lange es geht.

 

 

Was machen Touristen falsch, wenn sie Venedig besuchen?

 

Die Venezianer freuen sich über jeden Besucher, der sich wirklich für ihre Stadt interessiert und nicht nur wegen des Selfies am Markusplatz oder auf der Rialtobrücke kommt. Venedig kann man nur erleben, wenn man mehrere Tage in der Stadt verbringt und sich dabei auch einfach treiben lässt, ohne dabei auf Google maps zu starren, das in Venedig ohnehin nur schlecht funktioniert. Venedig ist vor allem eine sinnliche Erfahrung, man kann in den Gassen dem Klang der Schritte lauschen, dem Gezwitscher eines Kanarienvogels oder dem zu lauten Fernseher einer tauben Nachbarin. Venedig fordert dich und deine Sinne heraus. Es ist ein Gegenentwurf zur Wirklichkeit, so wie wir sie kennen. Venedig entzieht sich der Vereinheitlichung der Welt, es war schon eine Stadt der Nachhaltigkeit, als es das Wort noch gar nicht gab. Alles kann man hier zu Fuß erledigen, Venedig ist eine Stadt des menschlichen Maßes, in jeder Hinsicht, was die Entfernungen betrifft und die menschlichen Beziehungen auch.

 

Wie lässt sich der airbnb-Wahnsinn stoppen?

 

Indem die Stadtverwaltung dafür Beschränkungen erlässt, etwa dass nicht mehr als soundso viel Monate im Jahr vermietet werden darf. Heute gibt es in Venedig mehr Touristenbetten als Einwohner. Venedig ist auch die Stadt mit den meisten Airbnbs in Italien. Gastgeber, denen Hunderte Wohnungen gehören, stellen nur fünf Prozent der Vermieter, machen aber dreißig Prozent des Umsatzes. Allein daran hätte die Stadtverwaltung merken müssen, dass die Sache faul ist. Aber bislang gibt es - anders als in Städten wie Berlin, San Francisco oder Amsterdam - keinerlei Einschränkungen. 
 

 

Lohnt sich ein politisches Engagement gegen den kommunalen Filz und Korruption?

 

Es lohnt sich zumindest in der Hinsicht, dass man sich sagen kann: Ich habe nicht tatenlos zugeschaut, sondern versucht etwas zu ändern.

 

 

Angst und Aerosole

 

»Wie geht es Dir?« Als Johanna von Max, ihrem alten philosophischen Lehrer, eine Postkarte mit dieser scheinbar harmlosen Frage erhält, bricht es aus ihr hervor: die Trauer über den Tod ihrer Mutter, die Wut, dass man ihr im Krankenhaus verwehrt hat, die Sterbende zu begleiten. Provoziert durch weitere Postkarten, beginnt Johanna, sich den Dämonen hinter ihrer Verzweiflung zu stellen.

 

In einem einzigartigen Postkarten-Briefroman erzählt die Literatin und Philosophin Thea Dorn von den vielleicht größten Themen, die der gottferne, von seinen technologischen Möglichkeiten berauschte Mensch verdrängt: von der Auseinandersetzung mit der Endlichkeit, von der Suche nach Trost in trostlosen Zeiten. (PENGUIN) 

 

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Prinzip Wahrheit und Hoffnung: Kamala Harris

»Ich will die Wahrheit aussprechen. Selbst wenn sie schmerzt. Selbst wenn sie anderen nicht gefällt. Das bedeutet keinesfalls, dass Wahrheiten immer unangenehm sein müssen oder es darum geht, anderen weh zu tun. Viele Wahrheiten machen Hoffnung.

Ich sage nur, dass es nicht die Aufgabe gewählter Politiker ist, die Bürger mit tröstlichen Botschaften einzulullen. Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit zu sagen – auch dann, wenn sie nicht willkommen ist.«

 

Die erste US-Vizepräsidentin zeigt in ihrer inspirierenden Autobiographie, welche Werte uns verbinden – und wie wir sie mit Aufrichtigkeit verteidigen Sie ist die erste Frau und erste Schwarze als Vizepräsidentin der USA. Kamala Harris hat das Amt in jenem historischen Moment übernommen, in dem die Vereinigten Staaten gespalten sind wie nie zuvor. Wer ist diese Frau, die die Zukunft der USA mitprägen wird? Was treibt sie an? In ihrer 2019 erschienenen und nun erstmals auf Deutsch vorliegenden Autobiografie erzählt Kamala Harris ihre eigene Geschichte und beschreibt mitreißend, wie sie sich als Tochter einer indischen Einwanderin und eines Jamaikaners zur Justizministerin Kaliforniens hocharbeitete – und schon als Staatsanwältin dem Ziel sozialer Gerechtigkeit verschrieb. Während der Immobilienkrise nahm sie den Kampf mit Banken und Big Business auf, um die einfachen Bürger zu schützen. Sie bekämpfte den Rassismus in der Strafverfolgung und trieb konsequent eine Reform des Justizwesens voran. Ihre Lebensgeschichte, die sie in diesem Buch so eindringlich schildert, ruft immer wieder die grundlegenden Werte von Freiheit, Toleranz und Gerechtigkeit in Erinnerung, die heute so sehr in Gefahr geraten sind. Das beeindruckende Zeugnis einer klugen und charismatischen Politikerin – und die bewegende Geschichte einer Frau, auf deren Schultern die Hoffnung einer ganzen Nation ruht. (SIEDLER)

 

REZENSION

 

„Vorab möchte ich zwei Dinge erwähnen: Mein Name wird „Kammala“ ausgesprochen, mit der Betonung auf der ersten Silbe. Er bedeutet Lotusblüte, und diese ist in der indischen Kultur ein besonderes Symbol. Und ich möchte betonen, dass dies ein sehr persönliches Buch ist.“ So steht es in dem Vorwort des Buches „Der Wahrheit der verpflichtet“, umhüllt von dem Cover mit dem gewinnenden Foto der Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten. Alle wissen: Sie ist die erste Frau, sie ist die erste Person mit afroamerikanischen und auch mit asiatischen Wurzeln in diesem zweithöchsten Amt der USA. Die beeindruckende Autobiographie ist vor ihrer Wahl im Team von Joe Biden abgeschlossen worden. Sie erzählt – menschlich und auch literarisch anspruchsvoll – vom erstaunlichen Werdegang der 1964 in Oakland, Kalifornien geborenen Kamala Harris. Ihre Mutter war Tamilin aus Indien und forschte an den Möglichkeiten der Heilung von Brustkrebs. Ihr Vater war Wirtschaftswissenschaftler und stammte aus einer afroamerikanischen Familie aus Jamaika.

 

Schon als Jugendliche kam sie mit der Bürgerrechtsbewegung in Kontakt. So war es nur konsequent, dass sie ihr Studium der Politik- und der Wirtschaftswissenschaft an der renommierten, Schwarzen Howard University in Washington D.C. aufnahm. (Das Adjektiv „Schwarz“ ist in dem Buch wie dieser Besprechung konsequent groß geschrieben. Das entspricht der Schreibweise der Schwarzen Community). An dieser von Schwarzen gegründeten und besuchten University hatte auch die Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison studiert und später unterrichtet. Nach ihrem Bachelor Abschluss ging Kamala Harris zurück nach Kalifornien, um dort Jura zu studieren. Nach ihrem Abschluss wurde sie Anwältin und begann ihre Karriere in der Staatsanwaltschaft von San Franzisco. Ihr Buch vermittelt einen guten Eindruck von der ganz anderen Laufbahnorganisation der Staatsanwälte in den USA. Sie werden nach intensiven Wahlkämpfen vom Volk direkt gewählt und vertreten in ihrer Arbeit und in ihren Plädoyers „das Volk“. Harris begann als Assistentin, stellte sich dann auf mehreren Ebenen Wahlen und wurde schließlich die Generalstaatsanwältin für ganz Kalifornien. In Ihrem Buch beschreibt sie, worum es ihr jeweils ging: Die Richtigen wirksam bestrafen, die Unschuldigen freilassen, die „Eierdiebe“ mit Verständnis und Hilfe zur Rückkehr in ein normales Leben beurteilen: „Back on Track“! Immer wieder muss sie ihr Engagement gegen die Ungleichbehandlung von „coloured peoples“, also Schwarzen Menschen, gegenüber Weißen, auf die geringeren Chancen von Armen gegenüber Reichen, von Frauen gegenüber Männern richten. Sie geht gegen Rassismus und Antisemitsimus, gegen Diskriminierung jeder Art vor.  Als Staatsanwältin bearbeitet sie nicht nur Akten, sondern nimmt in einer bemerkenswerten Auslegung von Gewaltenteilung Einfluss auf die Gesetzgebung und die Umsetzung von Gesetzen in Kalifornien. So erwirbt sie sich Ansehen im bevölkerungsreichsten Staat der USA und wird zur Senatorin in den Senat gewählt – am gleichen Tag wie Donald Trump Präsident wird, dessen Name in dem Buch und im Personenverzeichnis nicht auftaucht.

 

Wie ein großartiges, sympathisches Regierungsprogramm linker Demokraten liest sich die lange Liste der Kämpfe dieser unermüdlich die amerikanischen Werte verteidigenden Frau, die es als Schwarze, als Asiatin, als unerbittliche Demokratin nicht leicht hatte. Sie kämpft gegen den unzuverlässigen Schulbesuch von Grundschülern, weil sie weiß, dass mangelnde Schulbildung schlechte Prognosen auslöst.

 

Sie tritt erfolgreich für die gleichgeschlechtliche Ehe ein und kämpft gegen die Banken, die in der „subprice“-Krise Hunderttausende von Zwangsversteigerungen auslösten und für Hunderttausende von Familien den Verlust ihres Eigenheims verursachten. Harris kümmert sich um den Fortbestand von „Obamacare“, der Krankenversicherung für breite Bevölkerungskreise und um die Gesundheitsversorgung aller Menschen, um klimaneutrales Wirtschaften, um das Verbot der von der Trump-Administration angeordneten Trennung der Kindern von ihren Eltern, die um Asyl in den USA nachsuchen, weil sie in ihren mittelamerikanischen Heimatländern nicht leben können. Vieles setzt sie erfolgreich durch, anderes bringt sie auf einen guten Weg.

 

Ihr Buch verströmt Hoffnung in dem unendlichen Kampf um eine gerechtere Welt, die den lauthals verkündeten moralischen Ansprüchen und Werten besser genügt. Es liest sich als Ermutigung von einer Frau, die so sympathisch schreibt, wie sie aussieht. Seit über sieben Jahren ist sie mit dem jüdischen Rechtsanwalt Douglas Emhof verheiratet. Ihre ganze Familie und ihr eigener Werdegang sind in zahlreichen Farbfotos sichtbar.

 

Harald Loch

 

Kamala Harris: Der Wahrheit verpflichtet. Meine Geschichte

Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer

Siedler, München 2021   334 Seiten   zahlr. Farbfotos      22 Euro

 

 

 

Pressestimmen »Eine wahrhaft bewegende Lebensgeschichte.« — Los Angeles Times

»Jede Seite dieses Buchs zeugt von Aufrichtigkeit und Rückgrat.« — Observer

 

 

 

Kamala D. Harris ist Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika. Geboren 1964 in Oakland als Tochter von Einwanderern, begann sie nach dem Jurastudium ihre Karriere als Bezirksstaatsanwältin von San Francisco, wurde 2011 Generalstaatsanwältin und Justizministerin von Kalifornien und 2017 US-Senatorin der demokratischen Partei. In ihrem politischen Wirken hat sie sich vor allem gegen soziale Diskriminierung und für eine grundlegende Reform der amerikanischen Strafjustiz eingesetzt.

 

 

Eine Kämpferin für Frauenrechte                     

 

 

Kamala Harris ist die erste Frau im Amt des Vizepräsidenten der USA. Dan Morain schreibt in dieser Biografie über ihren Weg zur mächtigsten Frau im Land. Als Journalist, der sie auf diesem Weg viele Jahre lang begleitet hat, versteht er wie kaum ein anderer, welche Ereignisse Kamala Harris prägten und zu den Überzeugungen führten, für die sie entschlossen einsteht. Er zeigt, was es für sie bedeutete, als Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners im Kalifornien der 60er- und 70er-Jahre aufzuwachsen, wie sie erst Attorney General von Kalifornien, dann US-Senatorin und schließlich Vizepräsidentin an der Seite von Joe Biden wurde. Auch dass ihr Weg dabei nicht frei von Niederlagen und Rückschlägen war, wird in Dan Morains Biografie deutlich: Kamala Harris hat loyale Unterstützer und erbitterte Gegner. Sie wollte Präsidentin werden und ist „nur“ Vizepräsidentin geworden. (HEYNE)


Sie ist ein politisches Multitalent, hübsch, charmant, fleißig, gründlich, rhetorisch begabt, scharfsinnig, harte Arbeit und Wahlkämpfe und Anfeindungen gewohnt und vor allem zielstrebig. Ihr entgeht nichts, und sie vergisst nichts, so beschreibt der Journalist und Biograph Dan Morain Kamala Harris, Vize-Präsidentin der Vereinigten Staaten, derzeit auf Erfolgskurs und vielleicht schon bald im Weißen Haus die Nachfolgerin ihres Förderers Joe Biden. 


Sie wollte eigentlich seinen Job anstreben, doch es war und ist für sie doch ein Umweg nötig. Und it’s a long Way… auf der Karriereleiter. Zuerst Bezirksstaatsanwältin, dann Generalstaatsanwältin, schließlich US-Senatorin und derzeit also Vizepräsidentin, „running maid“, weil sie als Mit-Kandidatin mit Joe Biden ins Amt kam. 


Als Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners, also mit multikulturellem Hintergrund, versteht sie den widersprüchlichen Umgang mit Rassismus in Kalifornien. Sie hat nämlich selbst auch negative Erfahrungen in ihrer Schulzeit damit gemacht.


Sie ist gegen die Todesstrafe und kämpft für ihre Abschaffung, sie setzt die Ehe für alle durch, liebt die feine Küche, trommelt und tanzt gerne.  Das Credo ihrer Universität ist auch ihr Lebensmotto: Wahrheitsliebe und Handeln zum Wohle der Gemeinschaft!  


Ihre Universitätszeit beschreibt Kamala kurz und knapp und ehrlich: Freitags abends tanzen, samstags morgens demonstrieren!
Ihr Bachelorstudium schließt sie in Politikwissenschaft und Volkswirtschaft ab und Kamala hospitiert zunächst bei einem Senator von Kalifornien, beteiligt sich an Protestmärschen gegen die Apartheid, studiert an der University of California in San Francisco dann „Law“ und beginnt mit 25 Jahren ihre Laufbahn als Bezirks-Staatsanwältin. 


In San Francisco wird sie zur Leiterin der Abteilung für Berufskriminalität berufen und beschäftigt sich mit Adoptions- und Fragen der Kinderbetreuung sowie allgemeinem Familienrecht. Kollegen nennen Kamala „weltläufig“ und außerordentlich „zielbewusst“.  Auch beim Spenden eintreiben ist Kamala erfolgreich. Mit lauter 500-Dollar-Einzel-Spenden kommt sie auf 1 Million. Um den Schutz der Kinder vor Missbrauch, Kinderhandel und Zwangsprostitution kümmert sie sich ebenso wie um das Beenden des modischen Schuleschwänzens in Kalifornien.


Mit 315.000 Stimmen Vorsprung gewinnt sie die Wahl zur Generalstaatsanwältin und steht damit an der Spitze der Obersten Justizbehörde Kaliforniens, wird Chefin von 4.996 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit einem Budget von 732 Millionen Dollar. In Kollegenkreisen heißt es, Kamala leitet das “Team resolut, barsch und schroff.“


Zwar wurden 900 Männer und Frauen zum Tode verurteilt, doch die Strafe wurde in den USA kaum noch vollstreckt. Die Todesstrafe hält Kamala Harris als solche für verfassungswidrig, für unmoralisch, diskriminierend und ineffizient, sei eine massive Verschwendung von Steuergeldern.  


Harris‘ Kampf gilt auch dem illegalen Waffenbesitz in Kalifornien. 18.000 Personen besaßen nicht weniger als 34.000 illegale Feuerwaffen. Harris stellt 18 Beamte extra ab, um die Waffen einzuziehen. In der Hypothekenkrise kämpft Kamala gegen die Zwangsvollstreckung von Eigenheimbesitzern durch Banken und deren böse Darlehens-Praktiken. 
Wir erfahren in dem sehr detailreichen Buch auch, dass die Generalstaatsanwältin einerseits ihren Willen immer durchsetzt, andererseits sich auch nicht zu schade ist, Spenden vom Gegner anzunehmen. Donald Trump spendete einmal 5.000 Dollar und einmal 1000 Dollar für die Wahlkampfkampagne von Harris für den Senat. 
Sie kämpft unermüdlich für das Recht von Frauen auf Entscheidungsfreiheit, was den Schwangerschaftsabbruch angeht.   
Als sie in den Senat einzieht, wählt sie - typisch für sie - die Mitgliedschaft in Ausschüssen, die nicht nur einflussreich sind, sondern auch besonders viel Arbeit machen: Den Geheimdienstausschuss, den Ausschuss für Infrastruktur und Umwelt, den Haushaltsausschuss, später den Justizausschuss. Dort findet sie das Rampenlicht für die Öffentlichkeit, daraus ergeben sich auch erfolgreiche TV-Auftritte.
Für den Leser sind die Zeitsprünge des Autors zwischen den Kapiteln zwar etwas lästig, aber es gelingt dem Biographen, die Arbeit von Kamala Harris bis ins Genaueste und spannend nachzuvollziehen, ohne mit Harris extra dafür gesprochen zu haben. Deren Motto ist: Hole Dir gute Leute und bereite Dich immer gut vor. 


In den Ausschüssen glänzt Kamala Harris deshalb durch ihr geradezu inquisitorisches Fragen, durch Beharrlichkeit, Genauigkeit der Worte, Präzision in der Logik der Fragestellung, sie leistet auch Widerstand und entwickelt daneben auch eine gewisse Respektlosigkeit in öffentlichen Anhörungen. Eben eine Kämpfernatur! Sie „grillt“ ihre Gegner auf der Anklagebank. 


In der Präsidentschaftskandidatur hält sie es mit dem Motto: Früh ins Rennen einsteigen, Stärke demonstrieren und das Feld der Konkurrenten ausdünnen, soweit nötig. 


Kritik an Kamala Harris ist in der Biographie wenig zu finden, es konzentriert sich vor allem in dem Kapitel der Wahlkampagne darauf, dass ihr Wahlkampfteam am Ende zerstritten auseinanderfällt, weil das Geld ausgeht, und das bleibt dann auch nicht ohne öffentliche Wirkung.
Kamala Harris wollte den ersten Platz erreichen, Präsidentin der Vereinigten Staaten werden, sie erreichte nur Platz 2 und wurde Vertreterin von Joe Biden. 


Ein Fazit, das der Autor zieht, heißt: Biden und Harris hoffen, einen beruhigenden Einfluss auf die zerstrittenen USA nehmen zu können, sie hoffen auch, dass sie mit dem Kongress einschließlich der Republikaner zusammenarbeiten können. Ob das angesichts der tiefen Spaltung gelingt, wird sich zeigen. Die Nation und die Welt werden sehen, aus welchem Holz Kamala Harris geschnitzt ist, sie werden sehen, wie es bei Kamala läuft. 


Dan Morain Kamala Harris. Die Biografie HEYNE

Ein Panorma-Bild auf Politik: Peter Merseburger

Er war das Gesicht des kritischen Journalismus und die Reizfigur der Mächtigen: Peter Merseburger blickt zurück auf sein Leben und lässt dabei die Geschichte der Bundesrepublik von den Anfängen in Trümmern bis zur Wiedervereinigung lebendig werden. Merseburgers Jahre als Leiter des Fernsehmagazins Panorama fielen in eine aufwühlende Zeit: Ostpolitik, RAF, Abtreibungsdiskussion. Seine scharfen Kommentare waren gefürchtet, er übte Kritik an den Regierenden in einer immer noch autoritätsfixierten Zeit. In seinen glänzend geschriebenen Erinnerungen erweist er sich einmal mehr als unabhängiger Kopf, dessen Leben geprägt ist von Aufbrüchen ins Ungewisse: sei es als Jugendlicher in der Sowjetischen Besatzungszone, der sich im Wahlkampf 1946 für die Ost-CDU engagiert und dafür ins Gefängnis wandert, als Korrespondent der ARD in vielen Hauptstädten oder am Ende seiner beruflichen Laufbahn, als er noch einmal einen Neuanfang wagt als Verfasser bedeutender Biografien. (DVA)

 

Was für ein Panorama! Peter Merseburger schreibt seine zeithistorische Lebensgeschichte als die eines politischen Zeitgenossen. Der 1928 im anhaltinischen Zeitz geborene Doyen des deutschen investigativen Journalismus hat mit über 90 Jahren das Schreiben nicht verlernt.

 

Gespannt folgte sein Fernsehpublikum seinen legendären „Panorama“ Sendungen im NDR, seinen Reportagen aus Washington, den nicht einfach zu recherchierenden Berichten aus dem ARD-Studio in Ost-Berlin oder danach seinen Korrespondentenberichten aus London. Ebenso spannend lesen sich seine jetzt unter dem Titel „Aufbruch ins Ungewisse“ erschienenen Erinnerungen, die vom Flakhelfer in den letzten Kriegsjahren bis in seinen Berliner Ruhestand führen. Es entsteht dabei ein authentisches Panorama der deutschen wie der internationalen Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten und etwas darüber hinaus.


Die erste Zeit nach dem Krieg, zunächst noch in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone, bald nach Übersiedlung zum Studium in Marburg, ruft den schweren Anfang nach 1945 noch einmal eindringlich auf. Zielstrebig verfolgte der junge Merseburger seinen Weg in seinen Traumberuf, den Journalismus. Da hatte er schon die Währungsreform und die Berliner Blockade erlebt und – in amerikanischen Diensten – erste Erfahrungen mit fälschlich entlasteten Nazis gemacht.

 

Es ging damals um die Westorientierung nach Adenauers Vorstellungen oder die gesamtdeutsch-patriotischen Vorstellungen eines Kurt Schumacher, um eine Wiederbewaffnung in der jungen Bundesrepublik und auch um den 17. Juni in Ostberlin. Erste Sporen verdiente sich Merseburger in einer Hannoverschen Regionalzeitung, von der er zum Spiegel wechselte. Den rechtswidrigen, von Franz Josef Strauß veranlassten Übergriff auf dieses Magazin erlebte er auf Kuba. Das alles liest sich direkter, oft auch kritischer als in den Wälzern von Historikern, die in den Quellen suchen müssen, was Merseburgers journalistischer Alltag war. Seine demokratische Grundhaltung, seine stets gut begründete Parteinahme, sein hohes journalistisches Ethos setzten seinerzeit Maßstäbe und lesen sich heute ohne jede Selbstbeweihräucherung sympathisch und beispielhaft.


Dann ging er zum Fernsehen, zum NDR, leitete und moderierte das politische Magazin „Panorama“, die investigative Fernsehsendung von 1968 – 1975. Wer den Finger auf die meist politischen Wunden legt, hat es nicht leicht. Die leider politisch besetzten Aufsichtsgremien machten es Merseburger oft schwer. Genüsslich schildert er in seinen Erinnerungen einen Fall echter politischer Zensur, als die ARD-Intendanten mehrheitlich einen Panorama-Beitrag von Alice Schwarzer kippten, in dem eine (damals noch verbotene) Abtreibung gezeigt wurde. Das Sendeverbot führte zu einer monatelangen Diskussion in der Öffentlichkeit und hatte wohl eine größere Wirkung, als sie der nicht gesendete Beitrag gehabt hätte. „Panorama“ unter Merseburger entwickelte sich nach 1968 zu einem wichtigen Medium, das den gesellschaftlichen Aufbruch begleitete, immer argwöhnisch beobachtet und bedroht von restaurativen Kräften.


Der politische Zeitgenosse erinnert an die Zeiten der ersten Großen Koalition unter Kiesinger mit Willy Brandt als Vizekanzler und Außenminister, er begleitet die Entstehung und Realisierung der neuen Ostpolitik in der sozial-liberalen Koalition. Er ruft den Sturz von Brandt und die Fortsetzung dieser Koalition unter Helmut Schmidt noch einmal sehr lebendig auf. Nachrüstung und Friedensbewegung standen sich im nächsten Kalten Krieg im Innern, die raketenstarrenden Großmächte USA und UdSSR im Weltmaßstab gegenüber. Merseburger hat darüber berichtet, bald nicht mehr für „Panorama“, sondern aus Washington. Dort genoss er die seinerzeit herrschenden sehr liberalen Arbeitsbedingungen für Journalisten, hatte es aber mit dem glücklosen Präsidenten Carter zu tun, einem „unfähigen Provinzpolitiker“, wie Helmut Schmidt urteilte. Aus Washington ging es nach Ost-Berlin ins dortige ARD-Studio. Dass Merseburger die DDR und seine dortigen beschränkten Arbeitsbedingungen nicht schätzte und auch rückblickend

nicht verklärt, hinderte ihn nicht, auch positiv aus der DDR zu berichten.

 

Das fiel ihm, als er nach fünf Jahren nach London wechselte und es mit Margaret Thatcher zu tun bekam und deren Versuche, die Vereinigung der beiden deutschen Staaten zu verhindern, nicht etwa leichter. Eines der wenigen, meist persönlichen Fotos im Buch, zeigt ihn vor dem Buckingham-Palast als Korrespondenten, der sich einen Wehrmachts-Stahlhelm aufgesetzt hatte, um die „eiserne Lady“ ironisch in ihrer Aversion gegen alles Deutsche zu karikieren.

 

Sein Sinn für Humor im Interesse der Wahrheit und seine Schärfe, wenn es um diese Wahrheit ging, machen ihn zu einem der großen Journalisten der (alten, westdeutschen) Bundesrepublik, dem wir jetzt noch als spätes Geschenk an die Nachgeborenen dieses selbsterlebte Geschichtsbuch verdanken – großartig!


Harald Loch


Peter Merseburger: 
„Aufbruch ins Ungewisse – Erinnerungen eines politischen Zeitgenossen“
DVA, München 2021
 

 

Peter Merseburger, geboren 1928, war Journalist bei verschiedenen Tageszeitungen, 1960 bis 1965 Redakteur und Korrespondent beim SPIEGEL, moderierte ab 1967 Panorama, wurde 1969 TV-Chefredakteur des NDR und leitete danach die ARD-Studios in Washington, London und Ostberlin. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter den Longseller Mythos Weimar. Zwischen Geist und Macht. Seine Biografie Willy Brandts wurde 2003 mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. Heute lebt Merseburger in Berlin und arbeitet als freier Publizist. Zuletzt erschien von ihm Theodor Heuss (2012). 

Thomas Bernhard - ein Schriftsteller-Leben

„Du musst das halt in meinem Sinn machen“, trägt Thomas Bernhard seinem Halbbruder Peter Fabjan auf, als er spürt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Und der sieben Jahre Jüngere gehorcht und übernimmt die Verantwortung, dieses Mal für ein schwieriges Erbe – so wie er es immer getan hat von Jugend an, wenn ihn der Ältere gebraucht hat. Den anderen galt er als „der liebe Bruder“, Fabjan selbst sieht sich eher als „Helfer in der Not“, denn oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte.
Peter Fabjan, Bruder und gleichzeitig behandelnder Arzt Thomas Bernhards, gibt in seinen Erinnerungen einen Einblick in das Leben an der Seite, besonders aber auch im Schatten des österreichischen Dramatikers und Romanschriftstellers, der Weltruhm erlangte.

(SUHRKAMP)

 

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Joe Biden - ein Porträt bei Suhrkamp

„Joe Biden ist zugleich der unglücklichste und der glücklichste Mensch, den ich kenne.“ Das sagt ein Weggefährte über den Mann, der bei der Präsidentschaftswahl 2020 Donald J. Trump herausfordert. Der vielfach ausgezeichnete Journalist Evan Osnos begleitet den Kandidaten der Demokratischen Partei seit Jahren und hat ihn immer wieder interviewt, zuletzt im Sommer 2020. Diese und weitere Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten wie Barack Obama bilden die Grundlage dieser brillanten Nahaufnahme des 1942 geborenen Biden, in dessen Werdegang sich die Veränderungen der politischen Kultur der USA spiegeln.


Mit gerade einmal 29 Jahren wurde der Sohn eines Autohändlers in den US-Senat gewählt. Seinen Amtseid legte er ab, nachdem er nur wenige Wochen zuvor seine erste Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren hatte. Nach Höhen und Tiefen führte ihn seine Karriere schließlich als Vizepräsident ins Weiße Haus. Joe Biden hat dramatische Schicksalsschläge und überraschende Wendungen erlebt. Vielleicht versetzt ihn gerade das in die Lage, eine zerrissene Nation zu einen, die Wunden der Trump-Ära zu heilen und einen neuen politischen Aufbruch zu ermöglichen. (SUHRKAMP)

 

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USA das Land der (unbegrenzten) Möglichkeiten

 

 


Barack Obama                                                Ein verheißenes Land PENGUIN VERLAG

 

Eine Rezension in Lese-Schritten


Zielgruppe: Donald Trump, Wladimir Putin, Angela Merkel und wir alle
Barack Obama verspricht im Vorwort seines ersten Memoirenbandes eine ehrliche Darstellung seiner zweimaligen Amtszeit. Vier Jahre hat er daran gesessen und sein Buch mit der Hand geschrieben, denn am PC zu formulieren gibt den halbgaren Gedanken den „Anschein von Ordnung“. Das Buch wuchs also in die Länge und in die Tiefe. „Ein verheißenes Land“ hat 1.024 Seiten und wurde inzwischen in 25 Sprachen übersetzt.

 

Allein sieben Übersetzer saßen an der deutschen Ausgabe, die bei Penguin erschienen ist. Schon jetzt kann man von einem Bestseller sprechen, es wurde in 890.000 Exemplaren bisher in den USA verkauft.
Obama tritt seinen Lesern sehr offen gegenüber. Mit einem Blick auf eigenes Scheitern bilanziert Obama schon eingangs aber trotzdem: „…das Land stand jetzt besser da als zu Beginn meiner Amtszeit“. 
Der amerikanische Präsident Nr. 44 will Zusammenhänge erklären, den Kontext für Entscheidungen mitliefern. Das führt zu Längen, Obama will einen zweiten Band vorlegen.

 
Es drängen sich ja auch aktuelle Themen in den Mittelpunkt, die noch zu behandeln wären. Er sieht die Demokratie am Rande einer Krise taumeln, das Land gespalten, die Menschen auch seit Corona und Rassenunruhen wütend und misstrauisch, die institutionellen Normen verletzt, grundlegender Konsens aufgelöst.


Was ist aus dem amerikanischen Traum geworden? Was sind die Folgen des Raubtier-Kapitalismus? Haben die USA ein rassistisches Kastensystem? Herrschen nur Eliten? Sind die Vereinigten Staaten noch eine Großmacht? Fragen, die Obama aufwirft und denen er als Grundannahme vorausstellt: Die USA haben noch Möglichkeiten, die sie auch für künftige Generationen nutzen können. Noch ist nicht alles verloren, aber ein endgültiges Urteil darüber steht aus. Er versteht den ersten Band seines Buches auch als eine Einladung an junge Leute, die Welt zu erneuern. 


Ich habe bisher nur das Vorwort gelesen! Dort sagt Barack Obama: „…meistens gehe ich langsam – es ist ein hawaiianisches Schlendern, wie Michelle sagt, gelegentlich mit einem Anflug von Ungeduld.“ 
Obama beobachtet sich selbst, wie seine Schritte im Weißen Haus als Präsident länger, forscher, offizieller, also auch staatsmännischer werden.
Jenes Schlendern will ich mir zu eigen machen, während ich sein Buch lese und immer wieder einmal auf www.facesofbooks.de und hier auf Facebook meine Beobachtungen und Einschätzungen dazu mitteilen, sozusagen eine nachhaltigere Rezension step by step anbieten, die Schritt für Schritt vorgeht und die es meines Wissens bisher so noch nicht gibt. Die flow-writing Buchrezension als Lese-Prozess, nicht als abgeschlossene Beurteilung am Schluss, wenn das letzte Kapitel gelesen ist. 


Jetzt kann ich schon sagen, Obama schreibt frisch, offen, selbstkritisch, reflektierend, Zusammenhänge bietend, dazu doch auch Details, kleine Beobachtungen am Rande einbeziehend, selbstkritisch, auch zweifelnd. Dem rhetorischen Talent gelingt ein erzählerischer, spannender, ja irgendwie „schlendernder“ hawaiianischer Ton. Er gefällt mir. Bin gespannt, ob er ihn durchhält.  

 

 

 

Teil 2 Die Wette


Auf den ersten 120 Seiten des 1.016-Seiten langen Erinnerungsbuches erfahren wir, wo Barack Obama herkommt, was seine familiären Wurzeln sind, wie sein Ausbildungsgang verlaufen ist, wo und was er studiert hat und wie seine Wege in die Politik verlaufen sind. Nicht unbedingt geradlinig und voller Selbstzweifel.


Als Junge beschäftigen ihn natürlich wie so viele Boys der Sport, die Mädchen, natürlich Musik und „wo man sich betrinken könnte.“


Seine Mutter liest Beatnicks-Bücher und Bekenntnisse französischer Existentialisten, und sie rät dem Sohn Obama auch zu lesen. Wenn er als Kind Langeweile verspürt, empfiehlt die Mutter: „Lies ein Buch. Und danach kannst du mir erzählen, was du daraus gelernt hast.“ 
Auf langen Autostrecken genießt er also Romane als Hörbücher, liest spannende John-Le-Carré-Thriller und Toni Morrison, die US-Schriftstellerin afroamerikanischer Literatur, oder auch Sachbücher zum amerikanischen Bürgerkrieg, viktorianischen Zeitalter oder zum Untergang des Römischen Reiches. Seine Umgebung prophezeit ihm: “Der wird es noch weit bringen.“


So eignet sich Barack Obama nach und nach ein „passables Politikwissen“ an. Aber die Politiker selbst sieht Obama kritisch: Sie wirken auf ihn halbseiden, ihre Föhnfrisuren, das schmierige Grinsen, ihre Plattitüden, und ihr nervtötendes Eigenlob im TV stören Obama, er empfindet die Politkaste als Selbstdarsteller in einem abgekarteten Spiel. 


Obama wehrt sich aber auch grundsätzlich gegen die Haltung, alle Weißen seien von Haus aus Rassisten. Sein Credo ist: Alle Menschen sind gleich geschaffen, d  a  s war sein Amerika. 


Im Jurastudium beschäftigen ihn Fragen wie: Welche Verpflichtungen hat jeder dem anderen gegenüber, was lenkt das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft? Soll der Staat die Märkte regulieren? Wodurch entsteht sozialer Wandel? Wie können Gesetze dafür sorgen, dass jeder bei Wahlen eine Stimme hat. 


Und dann tritt eine Frau in sein Leben: Michelle „Sie war groß, schön, witzig, aufgeschlossen, hilfsbereit und unglaublich smart - und ich war von der ersten Sekunde an hin und weg.“


Sie lockt ihn ständig aus der Reserve und verlangt von ihm bei Diskussionen mit ihr ehrliche Meinungen. Das gefällt ihm, denn er entscheidet sich im Zweifel immer für den schwierigeren Weg. 
In Kinko’s Copyshop gibt er seinen ersten Wahlflyer ab, ein DIN-A5-Zettelchen mit Fotos und ein paar politischen Schlagworten. Das war sein erster Schritt, ein Kandidat zu werden. Am liebsten spielt er fair, aber er verliert auch ungern. Die ersten Schritte sind sehr steinig, sie führen erst langfristig zum Erfolg. 


Seine Senats-Kandidaturen scheitern erst einmal, er verfällt in düstere Stimmungen, empfindet erste Niederlagen als demütig, hat nichts auf dem Konto, in der Ehe kriselt es, Barack Obama hat die falsche Richtung eingeschlagen. 


Man sieht also als Leser, Obama schreibt ehrlich, gesteht durchaus Zweifel ein, lässt uns an seinem innersten Gefühls- und Denk-Leben teilhaben, ist offen und ehrlich zum Leser.


Als ihm später dann endlich die Senatswahl gelingt, will er nicht gleich Zirkuspferd, sondern Arbeitspferd sein, und er konnte endlich auch Einfluss auf die Außenpolitik nehmen, was im Bundestaat nicht möglich ist. Barack gewinnt nach und nach an Popularität, sondiert auch schon die Möglichkeit, in eine Präsidentschafts-Kampagne einzusteigen, will also die aufkommende Chance nicht verstreichen lassen.
Als er Michelle gesteht, dass er Präsident der Vereinigten Staaten werden will, sagt seine Frau: “Guter Gott, Barack…wann ist es endlich genug?“ 


Nach einem Wachtraum kommt ihm zu Bewusstsein: “Ich fürchte mich vor der Erkenntnis, dass ich gewinnen könnte.“


Barack Obama will eine neue Art von Politik anstoßen, die neue Generation dazu bewegen mitzumachen, die Spaltung des Landes zu überwinden. 


Obama schreibt mit Einfühlungs- und Ausdrucksvermögen, lässt seine Umgebung zu Wort kommen, er nimmt die Leserin und den Leser an die Hand, schildert Details farbig, szenisch lebhaft und führt sie ins Weiße Haus - durch den Seiteneingang, ein „Guten Morgen“ zu den Mitarbeitern auf den Lippen, greift zum vollen Terminkalender und zu einer Tasse Tee. Der Alltag als Präsident der Vereinigten Staaten im Oval Office kann beginnen. Und wir sind dabei.


Es folgt in der Rezensionsreihe Teil 3 das Kapitel YES WE CAN: Barack Obama Ein verheißenes Land Penguin 

 

 

Teil 3  YES WE CAN

 

Immer mehr entsteht beim fortschreitenden Lesen des dicken 1.016-Seiten-Wälzers der persönliche Eindruck: Yes, i can. Ja, ich bin auch dabei. Ich stehe neben dem amerikanischen Präsidenten oder auch genau hinter ihm, schaue Barack über die Schulter, bin quasi als sein Wahlhelfer dabei, lerne alle Partei-Ortsgrößen und Countys kennen, lausche den schlauen Empfehlungen des Wahlkampfstabes, bin sogar mit auf der Couch, wenn der künftige amerikanische Präsident tief in seine Seele hinein horcht.


Obama beobachtet sehr, sehr genau, registriert zum Beispiel sogar seinen Atem-Dunst, der in kleinen Wölkchen über der Zuschauermenge hängt, wenn er zu ihnen spricht. Er hat es eben gerne ausführlich, schreibt selbstkritisch, dass er „endlos schwadroniert“.
Zitat. „Mein Problem war meine Unfähigkeit, ein Thema auf das Wesentliche zu reduzieren.“


Wahlkampf ist Tortur auf der Tour: Obama vermisst seine Kinder, sein eigenes Bett, das regelmäßige Duschen und ordentliches Essen im Wahlkampf. 


Auch seine Mitarbeiter hat der Kandidat unterwegs genauestens im Blick. Seine Bodyguards sind zum Beispiel nicht nur für die Sicherheit verantwortlich, sie spielen auch den persönlichen Assistenten, der für nötige Schmerztabletten oder Regenschirme sorgt und natürlich auch den Namen des örtlichen Parteivorsitzenden unbedingt kennen muss. 
Obamas Wahlkampfmanager machen den Kandidaten darauf aufmerksam, dass es im Wahlkampf eben nicht darum gehe, Fragen ausführlich zu beantworten, sondern konkrete Botschaften rüber zu bringen, erst recht, weil Menschen nicht durch Tatsachen, sondern sicher mehr durch Emotionen erreicht werden können.


Im Alltag geht Obama manchmal zerstreut ans Werk, stellt an sich ritisch fest, dass er unentwegt Memos, Kugelschreiber und Smartphones verlegt. Das macht unseren Helden doch sympathisch, so bodennah, er ist dann so einer wie wir. Und es schmeichelt seinem Ego eben auch, wenn man ihm schmeichelt. 


Dass ihm die Butter-Cow-Queen in Iowa bei einem Wahlkampfauftritt eine 10 Kilo schwere Butter-Büste seines Kopfes präsentiert, imponiert dem Wahlkämpfer. Aber solche Helden-Denkmäler können schnell schmelzen. 


Im Wahlkampfteam herrscht derweil das Motto des Handelns: Respekt zeigen, Stärke beweisen, die Menschen einbinden, das ist die Leitlinie der Wahlkämpfer.


Inhaltlich beschreibt Obama seine politischen Hauptpositionen so: „Ich bin in die Politik gegangen, um eine Politik zu ermöglichen, in der es weniger um Macht und Positionen und mehr um Gemeinschaft und Zusammenhalt geht.“


An der politischen Elite in Washington kritisiert der Präsidentschaftskandidat das außenpolitische Establishment, das sich auf Militäraktionen einlässt, ohne zuerst die diplomatischen Optionen zu prüfen, und andererseits an der diplomatischen Etikette dort festhält, wo entschlossenes politisches Handeln nötig gewesen wäre.
Obama vermisst bei den Entscheidungsträgern in Washington in der Kommunikation den offenen und ehrlichen Umgang mit dem amerikanischen Volk.


Auch das Wahlvolk skandiert seinen gerade erfundenen politischen Schlachtruf: YES, WE CAN lautstark. Man könnte es etwas „merkelig“ locker mit WIR SCHAFFEN DAS übersetzen.


Obamas Wahlkampf-Credo: “Es gibt kein schwarzes Amerika und kein weißes Amerika und kein Latino-Amerika oder asiatisches Amerika. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“


Es wird in der Wahlkampfauseinandersetzung zunehmend mit härtesten Bandagen gekämpft. In den konservativen Radiosendungen und auf windigen Internetseiten geraten reißerische Unwahrheiten in Umlauf: Es wird fälschlicherweise behauptet, Obama sei gar kein amerikanischer Staatsbürger, er hätte mit Drogen gehandelt, habe marxistische Verbindungen und außerhalb der Ehe sogar mehrere Kinder gezeugt.
Im Laufe der Kampagne stellt Obama an sich fest: „Ich begann, mich alt und immer einsamer zu fühlen.“ Wahlkampf, eine Tretmühle, ein Hamsterrad. 


Obama sondiert außenpolitisches Terrain. In Afghanistan und im Irak sollen die amerikanischen Verbände zurückverlegt werden. Er entwickelt ein Zeitfenster für einen US-Rückzug. General Petraeus warnt ihn vor, man würde dem Feind damit die Chance geben, einfach abzuwarten bis die US Truppen fort wären, und dann eben so weiter verfahren wie bisher. 


Auf seiner Wahlkampftour jettet Obama durch die ganze Welt und trifft auch Angela Merkel in Berlin, um in seiner politischen Rede an der ehemaligen Mauer zwischen Ost und West darauf hinzuweisen, dass heutzutage weniger sichtbare Mauern niederzureißen seien, wie zum Beispiel zwischen Reich und Arm, zwischen Ethnien und Stämmen, zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern, zwischen Christen, Muslimen und Juden. 


Zum Abbau der Belastungen im Wahlkampf „macht Obama in Familie“. Er fliegt mit Frau und Kindern gemeinsam zu Urlaubstagen nach Hawaii, erfreut sich dort an Bilderbuch-Sonnenuntergängen über dem Pazifik, lauscht dem Rascheln der Palmen, planscht mit den Töchtern im Meer und lässt sich von ihnen im Sand einbuddeln. 


Freizeit mit der Familie zu verbringen ist entspannend für den künftigen Präsidenten, während durch seine Nominierung die Spontaneität aus seinem Alltag vollends verschwand. „Es war nicht mehr möglich oder zumindest nicht einfach, durch einen Lebensmittelladen zu gehen oder auf dem Bürgersteig einen kleinen Plausch mit einem Fremden zu halten. „‘Das Ganze ist ein Zirkuskäfig‘, beklagte ich mich eines Tages …, und ‚ich bin der Tanzbär.‘“ 

 

 


Teil 4 Obama über Joe Biden


Natürlich kommt auch Obamas Stellvertreter Joe Biden in der Kandidatenphase vor. Barack zieht ins Kalkül, dass ihm in der Kampagne auch etwas passieren könnte und damit Biden zwangsläufig sein Nachfolger im Amt wäre. Obama zweifelt zunächst daran, ob Biden wirklich der richtige Mann für sein Team ist, weil sie vom Typ her und in ihrem Temperament so gegensätzlich sind: „Was Joe betraf, hätten wir, zumindest in der Theorie, nicht verschiedener sein können.“


Obma beschreibt Joe als sympathischen Menschen, als Ausbund an Warmherzigkeit, als ein Mann, der bereitwillig alles, was ihm durch den Kopf geht, mit anderen teilt. Immer hat er ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Die Anwesenden gewinnt er mit einer Flut von Umarmungen Händedrücken, Küssen, Schulterklopfen, Komplimenten und kurzen witzigen Bemerkungen für sich.


Dem Präsidentschaftskandidaten ist bewusst, Biden könne in Reden auch unbedachtsam formulieren. Außerdem neigt er dazu, lange und ermüdende Monologe zu halten. 


Auf der anderen Seite sieht er in ihm auch einen Menschen mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck, der beschämende Niederlagen und schwere persönliche Schicksalsschläge erlitten und verarbeitet hat. Bei einem Verkehrsunfall verlor Joe Biden seine erste Ehefrau und eine Tochter. 


Im persönlichen Gespräch versprach Biden, Obamas Politik mitzutragen: „Aber ich will bei jeder wichtigen Entscheidung derjenige sein, den Sie als letztes konsultieren.“


Die Gegensätzlichkeit war es dann überraschenderweise, Obama endgültig zu überzeugen und ihn für sich einzunehmen. Es würde ja auch dessen außenpolitische Erfahrung ihm nützlich sein. Die USA waren schließlich in zwei Kriege verwickelt. Biden hatte sehr gute Beziehungen zum Kongress und langjährige außenpolitische Erfahrung sowie ausreichend politisches Potential, seine Wähler mit konkreten Botschaften auch zu erreichen. Obama setzte also auf sein Bauchgefühl: Biden ist anständig ehrlich und loyal: „Ich sollte nicht enttäuscht werden.“ 


Obama erinnert auch an den großen Martin Luther King und dessen Spruch beim Freiheitsmarsch in der Bürgerrechtsbewegung (March on Washington for Jobs and Freedom 1963) „Wir können nicht alleine gehen“. Obama sieht also auch seine schwarzen Wurzeln und seine Wähler als erster Coloured-People-Präsident. Es wären also die Türsteher, Hausmeister, Sekretärinnen, Büroangestellte, Tellerwäscher und Fahrer, die seine Wähler werden könnten. 


Als er sich den Kauf einer Eigentumswohnung leistet, ist sich Obama auch nicht zu schade, seine klammen finanziellen Verhältnisse zu offenbaren. 


Ausführlich widmet sich der Präsidentschaftskandidat dem Entstehen und dem Verlauf der Immobilien- und Bankenkrise in den USA. 
Kritisch äußert er sich über die gierigen Wallstreet-Banker, die arrogant und anmaßend, versessen auf Statussymbole seien und gleichgültig wären gegenüber den Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf den Rest der Gesellschaft.


Als Obama zum Präsidenten Bush ins Oval Office gerufen wird - es geht um ein Rettungspaket wegen der Bankenkrise - zeigt sich Obama vom „Cabinet Room“ im Weißen Haus beeindruckt: „imposant“, und widmet sich dann dessen genauer farbiger Beschreibung auf fast einer ganzen Druckseite im Buch. 


Es geht dann im Weiteren um das Troubled Asset Relief Program (TARP)-Programm. Die Regierung der Vereinigten Staaten hatte an Finanzinstituten Anteile gekauft, um den Untergang des amerikanischen Finanzsystems zu verhindern. 


Obama lieferte genaue Kenntnis über das Programm, konnte in der Diskussion mit dem amtierenden amerikanischen Präsidenten Bush präzise Position beziehen, während sein Kontrahent McCain sich nicht einmal mit seinen eigenen Änderungsanträgen vertraut zeigte. 
George W.Bush findet er geradlinig, entwaffnend, selbstironisch.  
Bevor Obama in wichtige Debatten einsteigt - etwa in TV-Kanälen - hat er ein peinlich genaues Ritual: Erst einmal ein Steak essen, dann zur Entspannung seiner Musik lauschen und schließlich hundertprozentig sicher, den Glücksbringer in der Hosentasche dabei zu haben. Nach dem gelungenen Auftritt mit McCain ist Michelle sich sicher: „Du wirst gewinnen.“


Eindrücklich schildert Obama den Wahltag selbst, der für ihn eine überraschende Stille mit sich bringt. Leere Wahlkampf-Büros, keine TV-Spots, Gerüchte wabern umher, die Wahlberechtigten stürmen an die Urnen: „Jetzt konnte man nur noch abwarten.“ 


Der große Kommunikator Obama bereitet zwei Reden vor, eine für den Sieg und auch eine für die Niederlage. Die Anspannung steigt und steigt bis ins Unerträgliche, bis dann ABC News endlich verkündet: Obama ist der gewählte vierundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten: „Jubel brach aus, Freudenschreie hallten durch den Gang. Michelle und ich küssten uns, und sie wich sanft ein wenig zurück und musterte mich kurz lachend und Kopf schüttelnd.“

 

 

Teil 5    OVAL OFFICE


Tracking Tour im OVAL OFFICE, der 44. Präsident der USA versucht, sich im Weißen Haus mit den vielen Gängen, Mauern, Türen zurechtzufinden. Was und wer steckt hinter all den Pforten? 


Da stehen Büsten verstorbener Politiker herum, alte Standuhren, sein berühmter Schreibtisch steckt voller Geheimfächer. Entdeckungstouren, Überraschungen, Einsichten. Während seiner Amtszeit legt Obama nie das Gefühl ab, in einem „Heiligtum der Demokratie“ zu arbeiten. Dennoch malt er sich ab und an kleine und große Fluchten aus, er würde dann einfach am Wachhaus vorbei in der Menge verschwinden und sein „altes Leben“ führen. 


Die Töchter des Vorgänger-Präsidenten Bush veranstalten für die Präsidentenkinder der Obamas eine Besichtigungstour aus Kinderperspektive: wo sind die lustigsten Ecken zum Verstecken? Fortan wird Obama für ihn leergefegte Straßen in der Stadt vorfinden. „Das fühlte sich an, als würde ich in meiner eigenen mobilen Geisterstadt leben.“


Obama ist sich bewusst, mit etwas weniger als hundert Mitarbeitern und Beratern um ihn herum muss er nun Visionen artikulieren, Richtungen vorgeben. Organisationskultur fördern, Verantwortung und Zuständigkeit schaffen. Fragen stellen, Empfehlungen durchgehen, Foliensätze und Briefingunterlagen studieren, Strategien diskutieren „…und keine Idee wurde verworfen, nur weil sie von einem untergeordneten Mitarbeiter kam oder nicht einer bestimmten ideologischen Neigung entsprach.“
Ausführlich schildert Obama, wie er sein Personal auswählt, welch komplizierter Prozess es ist, loyale und fachkundige Mitarbeiter zu gewinnen und in seinen Stab zu locken, etwa, wenn er den Verteidigungsminister berufen will, er der selbst nicht gedient hat und an Diplomatie glaubt statt an Krieg, der nur für ihn die Ultima ratio darstellt. 


Und dann bekommt Obama den berühmten Lederkoffer fürs Atombombenarsenal in die Hand gelegt mit einer genauen Gebrauchsanweisung von einem Adjudanten an die Hand gegeben, der die Vorgehensweise so ruhig und methodisch erklärt „…wie die Programmierung eines Videorecorders.“ 

 

Derweil ist Michelle damit beschäftigt, den Umzug zu organisieren, Schulen für die Töchter zu finden, die Post umzubestellen, die Mutter ins Weiße Haus umziehen zu lassen. Das würde die ganze Sache vereinfachen, zumal die Schwiegermutter Obama an sein selbst gewähltes Schicksal erinnert, es hatte ihn ja niemand gezwungen Präsident zu werden. „Ich hatte mich also zusammenzureißen und meinen Job zu erledigen“. 


Das tut Obama, stellt thematische Teams zusammen, von der Flugsicherheit bis zur Krebsforschung, von Studienkreditschulden zum Beschaffungswesen. Und es menschelt halt auch im Weißen Haus, wenn um Hierarchien, Titel, Zuständigkeiten ja sogar Parkplätze geht und darum Rangeleien entstehen, gerad‘ so wie im richtigen Leben. 
Das alles schildert Obama mit einer detailversessenen selbstironischen und humorvollen aber auch dort, wo es angebracht ist ernsten Schreiblaune, als wolle er endlich die Vorhänge des Weißen Hauses herunterreißen oder zumindest weit aufziehen, um die Wählermenschen endlich einmal genau hinter die Mauern und die Machtkulissen des Weißen Hauses blicken zu lassen. 


Hunderttausende begleiten die Amtseinführung Obamas, sein Blick über die Menschenmenge sieht “eine bewegte Meeresoberfläche“.
Panne beim Sprechen des Amtseides, darüber geht Obama schnell hinweg, am nächsten Tag wird das Zeremoniell wiederholt. Die Formel war ihm falsch vorgelesen worden, es fehlte das Wort „getreulich“. 
Zehn Amtsantrittsbälle müssen die Obamas hinter sich bringen. Nach 12 Stunden tun Michelle die Füße weh, Mutter und Töchter gehen früh zu Bett, die Nachtschicht räumt auf, Obama kennt immer noch nicht alle Türen und die Welt dahinter: „Ich zog mir die Krawatte vom Hals, ging langsam durch die Halle und löschte die letzten Lichter.“

 

 

Teil 6         Im Amt

 

 

Nun ist er also im Amt. Der 44. Präsident der USA. Barack Obama, der sofort erkennt, egal was man sich einredet, wie viele Briefings man bekommen hat, welche Veteranen aus früheren Regierungen auch immer rekrutiert sind, „…nichts kann einen vollständig auf diese ersten Wochen im Weißen Haus vorbereiten“. 


Sein Stabschef Emanuel Rahm bringt es auf den Punkt: „Vertrauen Sie mir“, sagt er. “Die Präsidentschaft ist wie ein Neuwagen. Der Wertverlust beginnt in dem Moment, wenn man ihm vom Hof des Händlers fährt.“
Obama legt sofort los: Mit einer Executive Order untersagt Obama die Folter und setzt den Prozess in Gang, das Militär-Gefangenen-Lager Guantanamo Bay auf Kuba zu schließen. Er erlässt auch verschärfte Restriktionen gegen Lobbyisten. Es wird von Obama auch schnell eine Vereinbarung getroffen, weitere vier Millionen Kinder in das Gesundheitsprogramm zu integrieren. Die schnellen Anfangserfolge werden jedoch auf die Dauer durch die Republikaner im Kongress sehr stark ausgebremst. 


Der Amtsantritt mitten in der Finanzkrise bringt außerdem eine Reihe von Problemen mit sich. Über die Hälfte der 25 größten Finanzinstitute macht Pleite, fusioniert oder strukturiert sich um, damit der Bankrott umgangen wird. Der Aktienmarkt hat 40 Prozent an Wert verloren. Eigenheim-Zwangsvollstreckungen drohen für 2,3 Millionen Hausbesitzer. Das Haushaltsvermögen der USA ist um 16 Prozent gesunken. 
Das Manko Obamas ist es, sich für seine Gesetze immer republikanische Stimmen für die Mehrheitsentscheidung besorgen zu müssen. Es ist für Obama also äußerst schwierig, seine politischen Vorhaben konkret umzusetzen. 


Neben der detaillierten Beschreibung seiner politischen Hürden mit den republikanischen Mehrheitsverhältnissen klar zu kommen, vergisst Obama auch nicht, bei der Personenbeschreibung seiner Mitstreiter und auch Kontrahenten Details zu nennen. 


Nehmen wir als Beispiel die Sprecherin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi. Zu den passenden Schuhen ist sie perfekt frisiert, stellt eine reiche Liberale aus San Francisco dar, die reden kann wie ein Wasserfall, aber im Fernsehen nicht besonders gut rüberkommt. 


Obama lässt also in seinem Text konkrete Bilder vor dem Leserauge entstehen, er nimmt seine Leserinnen und Leser an die Hand, zeichnet kurze Charakterbilder über seine Mannschaft und beschreibt seinen Polit-Alltag seinem Publikum sehr, sehr farbig. Lästig ist jedoch die amerikanische Sitte, sich mit Vornamen anzusprechen. Die konkreten Funktionen seiner Teammitarbeiter bleiben an manchen Stellen vage umschrieben. 

 
Der Bildinnenteil (es gibt zwei davon) ist farbig aber auch schwarz-weiß opulent gestaltet. Ob Paraden, Amtseid, Wahlkampfszenen, Familienporträts oder Kabinettsrunden, am „Resolute Desk“ sitzend oder mit den beiden Töchtern im Weißen Haus spielend unterwegs, die Bilder zeigen einen präsenten Präsidenten. An vielen Stellen lässt Obama seine Sorge durchblicken, die Familie könnte unter der Sondersituation leiden, eine amerikanische Präsidentenfamilie zu sein und privilegiert im Weißen Haus zu wohnen. 


Die Republikaner versteifen sich darauf, obstruktive Opposition zu betreiben, diese „mit beeindruckender Disziplin“ umzusetzen, die Zusammenarbeit zu verweigern, egal unter welchen Umständen, zu welchen Themen und vor allem anderen auch ungeachtet der schwerwiegenden Folgen für das Land. 


Im Wohnbereich Obamas stapeln sich derweil die neuesten Konjunkturdaten, Entscheidungsvorlagen, Informationsvermerke, geheimdienstliche Briefings, Gesetzesvorlagen, Rede-Entwürfe, Themen für Pressekonferenzen: „Am intensivsten spürte ich, wie folgenreich meine Arbeit war, wenn ich Briefe aus der Wählerschaft las.“
Obama erkennt: In dieser Phase gehen reihenweise Eigenheime verloren und damit verbunden auch der Glaube an gemeinsame Ziele, an höhere Ideale in den Vereinigten Staaten. 


Derweil muss der amerikanische Präsident gegen die Folgen der immensen Geldkrise kämpfen, und er setzt dann auch für die 19 systemrelevanten Banken den auch bei uns bekannt gewordenen Stress-Test für Finanzinstitute durch.


Vor den Abgeordneten und seinem Kabinett spricht Obama auch darüber, den Irak-Krieg zu beenden, die amerikanischen Maßnahmen in Afghanistan zu befördern und terroristische Organisationen intensiver zu bekämpfen. Der Hauptteil seiner Reden konzentriert sich jedoch auf die Folgen der Wirtschaftskrise. 


Obama vergisst nicht, im ersten Teil seiner Memoiren an vielen Stellen die „First Lady“ Michelle ausführlich zu würdigen, die in der Öffentlichkeit mit ihrem Charme und ihrer Kleiderwahl glänzt und Bälle mit populären Bands organisiert, kurzum in der Außenwelt nicht nur durch ihr Outfit in der Öffentlichkeit brilliert.


Als politische Aufgabe sucht sich Michelle aus, den Anstieg von Übergewicht bei amerikanischen Kindern zu bekämpfen und die beschämend geringe Unterstützung von amerikanischen Soldaten- Familien zu beheben: „Meine Frau scheiterte nicht gerne, Sie mochte ihrer neuen Rolle durchaus zwiespältig gegenüberstehen, aber sie war dennoch fest entschlossen, sie gut auszufüllen.“


Auch persönliche Laster gibt Obama gerne zu: Etwa, dass er immer noch fünf, sechs oder sieben Zigaretten täglich raucht. Und manchmal sogar mehr.


Kein Wunder, denn Obamas Nerven liegen ziemlich blank: Zum Beispiel, wenn er offenbart, dass die Ignoranz der Wall Street ihn wahnsinnig macht, weil sie in der Haltung gegenüber der Krise alle herrschenden Klischees bestätigt, dass die hyperreichen, boni-versessenen Banker den Kontakt zum Leben normaler Menschen komplett verloren haben. Angesichts solcher Erkenntnis gönnt er sich dann auch mal einen Entspannungs-Martini. 


Am Ende des Kapitels räsoniert Obama, ob er in der Finanzkrise nicht hätte wagemutiger auftreten sollen, der Ökonomie, etwa durch Verstaatlichung der Banken, mehr Schmerzen zu bereiten, Banker strafrechtlich zu belangen oder einen Teil des Bankensystems einfach zusammenbrechen zu lassen. 


Obama kommt aber zu dem Schluss, zwar Reformer zu sein, aber eben auch ein konservatives Naturell zu haben: „Ob ich damit Weisheit oder Schwäche demonstrierte, sollen andere beurteilen.“ 

 

 

Teil 7  Politischer Alltag im Weißen Haus

 

 

Ein amerikanischer Präsident muss grüßen können. Ich meine nicht „Hello! Hi! How do you do?“ Es geht um: Finger zusammenpressen, Fingerspitzen genau an den Augenbrauen ansetzen. Obama lernt als Oberbefehlshaber den militärischen Gruß, indem er das militärische Grüßen seiner Vorgänger checkt, die mit schlappen Handgelenken oder nicht ausgestreckten Fingern komplett versagen. Er will es eben besser machen.


Auf Seite 436 finden wir die Aufgabenbeschreibung für einen amerikanischen Präsidenten, der sich bewusst sein muss, dass es seine wichtigste Aufgabe ist, die amerikanischen Bürger vor Gefahren zu beschützen. 


Ob ein atomarer Angriff Russlands, eine böse Hacker-Attacke, ein Sprengstoffattentat, Lieferboykotts bei Treibstoff, Einwandererströme, steigende Meeresspiegel, um sich greifende Pandemien, die Bedrohung ist allumfassend und braucht Lösungsansätze. 
Ob der Angriff auf Pearl Harbor, das Olympia-Attentat in München, Golfkrieg I und II, Militäreinsatz in Afghanistan oder 9/11, Obama ist sich früherer oder künftiger Bedrohungslagen sehr bewusst. 
Obama stellt uns sein außenpolitisches Team vor, in dem Tauben und Falken sitzen, er sucht nach einer „Balance“ und ist sich bewusst, dass Bräuche und Rituale, Symbole und das Protokoll - und also eben auch der militärische Gruß - wichtig sind. 


Obama lässt uns an seinem Tagesprogramm teilhaben: Frühmorgens Aufschlagen der Ledermappe, PDB, The Presidents Daily Brief, top secret, von der CIA und anderen Nachrichtendiensten über weltweite Ereignisse zusammengestellt. 


Dann die Morgenlage, Besprechung mit Mitarbeitern. Es geht um nicht weniger als Staatsstreiche, Atomwaffenfragen, gewalttätige Proteste, Grenzkonflikte und vor allem Kriege. Afghanistan, Irak, al-Quaida sind die Stichworte dazu. Obama will jeden Aspekt der amerikanischen Militärstrategien überprüfen. Der Truppenabzug aus dem Irak war weitgehend beschlossen, schreibt Barack Obama, der Afghanistanfeldzug erschien ihm nach wie vor als notwendig. 


Dabei entdeckt Obama so nebenbei auch Profanes, dass zum Beispiel der so genannte „Situation Room“ nicht wie in Hollywood-Streifen total futuristisch gestaltet ist, er findet sein Lagezentrum vielmehr „wenig glanzvoll“, „kahle Wände“, „schlichte Holzjalousien“. Es sind diese vielen Beobachtungen und Details, die den Text lebhaft machen, dem Leser ein Gefühl des ständigen Beteiligtseins geben. Und dann hören wir eben auch mit, wenn dem Präsidenten zugeflüstert wird, er solle sich von denen – gemeint sind die Militärs – nicht blockieren lassen, denn diese versuchten immer, einen neuen Präsidenten an die Leine zu nehmen. 
Wenn Obama verwundete Soldaten besucht, mit Wählern und Normalbürgern zusammenkommt, versucht er ihnen die Befangenheit zu nehmen. Er ist sich dennoch seiner Verantwortung für Leib und Leben und das Töten im Ernstfall durchaus bewusst. 


Wir erfahren auch genau, wie es in der Airforce One, seinem Boeing 747-200B-Regierungsflugzeug, aussieht: rostroter Teppichboden mit goldenen Sternen, Polsterledersessel und Wandverkleidung aus Walnussholz, Panzerfenster und Platz für einen 14köpfigen Pressepool. 
Obama bescheinigt den Vereinigten Staaten den größten Teil der vergangenen 70 Jahre eine dominante Stellung auf der Weltbühne eingenommen zu haben: „Und wenn die USA nicht immer von allen in der Welt geliebt wurden, so genossen wir zumindest Respekt und waren nicht bloß gefürchtet.“

 

Teil 8 Internationale Gipfeltreffen

 

Kapitel 14 – Internationale Gipfeltreffen. Endlich dürfen wir mit Präsident Barack Obama hinter den kleinen Nationenflaggen auch am Konferenztisch Platz nehmen, um ihm bei den G 20-Treffen auf globalem Parkett über die Schulter zu schauen und mitzulauschen. 
Vorher haben wir mit ihm schon dieses routinierte Protokoll-„Gedöns“ hinter uns gebracht, sind mit der Limousine vorgefahren, haben hundertfach Hände geschüttelt, gingen über rote Teppiche, sind protokollarisch steif begrüßt worden, auch vielfach fotografiert, sitzen nun in der Runde der Vertreter der global großen Mächte. Das alles beschreibt Obama bis ins letzte Detail. Wir sind als Leser ständig gespannt, was kommt.


Nun lässt uns der mächtige amerikanische Präsident in sein Innerstes schauen. Obama aber muss nämlich seinen Jetlag bekämpfen, sich als Neuling am Tisch interessiert geben, große Reden schwingen, schnell mal nebenbei Vier-Augen-Gespräche absolvieren, ja er gibt sogar zu, beim endgültigen „Klassenfoto“ der Gipfelteilnehmer „unbeholfen“ zu lächeln. 


Präsident Obama lässt also seinen ersten Londoner Gipfel vor den Augen des Lesers Revue passieren und plaudert aus dem präsidentiellen Nähkästchen über seine Politikkollegen. 


Dem Briten Gordon Brown mangelt es an dem „funkelnden politischen Talent seines Vorgängers“, gemeint ist Tony Blair. Merkels Augen sind „groß, strahlend blau“, sie hat eine „stoische Art“ und ein „nüchtern-analytisches Bewusstsein“. Die deutsche Kanzlerin „Mörkel“ schätzt Obama zunächst skeptisch ein ob dessen rednerischem Talent. Barack sieht das als eine gesunde Einstellung an, als Abneigung gegen mögliche Demagogie. Sarkozy dagegen, der Inbegriff von „Gefühlsausbrüchen und übertriebener Rhetorik“, kommt ihm vor wie eine Toulouse-Lautrec-Figur. Sarkozy will im Mittelpunkt des Geschehens stehen, ständig Lorbeeren ernten. 


Obama sieht Putins Widerwillen, die Souveränität anderer Staaten zu respektieren, erwähnt dessen Dreistigkeit und generelle Kriegslust, zitiert Solschenizyn, der über Russland sagt: „In unserem Land ist die Lüge nicht nur zu einer moralischen Kategorie geworden, sondern zu einem Grundpfeiler des Staatswesens.“ 


Obama legt ehrlich Zeugnis ab, gibt Einschätzungen und Gefühle preis, beschreibt seine Kontrahenten genauestens, ohne mit diplomatischem Gewäsch darum herum zu reden. Ob Finanzkrise oder START-Abkommen, Konjunktur-Ankurbelung oder Protektionismus-Fragen oder auch royales Protokoll bei der Queen, Obama lässt uns unmittelbar teilhaben. Auch wenn etwas schief geht, dann nämlich, wenn die bürgerliche Michelle der royalen Queen Elisabeth die Hand auf die Schulter legt, was nun protokoll-diplomatisch-politisch-pressemäßig ganz und gar nicht geht. Die Queen aber legt im Gegenzug ihren Arm ganz mütterlich nah um die Taille der Präsidentengattin. So wird eben auf internationalem Parkett auch ohne Protokoll Vertrauen geschaffen. 
Der Bush-Regierung, Cheney und Rumsfeld attestiert Obama, keine schlüssigen und wirkungsvollen Strategien entwickelt zu haben. 
Weltweit erkennt Obama, dass „ältere dunklere Kräfte“ wieder gegen Demokratisierung, Liberalisierung und Integration an Stärke gewinnen. Obamas Job besteht eben auch darin, ererbte Probleme zu bewältigen statt in vorausgesehenen Krisen zu navigieren. 


Als er den tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel besucht - er ist für Obama fernes Vorbild, er hat dessen Essays schon in den USA gelesen, nimmt er gleich mehrere Erkenntnisse mit nach Hause: Havels Einschätzung, dass raffinierte Autokraten bei Wahlen kandidieren und die Demokratien untergraben, dass die Aufmerksamkeit der USA für Europa fortbestehen muss, weil sonst der Frieden in Europa verkümmert, und Havel analysiert glasklar für Barack Obama persönlich: “Sie sind mit den hohen Erwartungen der Menschen gestraft“ …“ das bedeutet, dass diese auch leicht enttäuscht werden“ können. Obama muss sich also wappnen.  


Kaum hat sich der Präsident in der Airforce One hingelegt, um die Gipfelmüdigkeit der letzten acht Tage zu bekämpfen, kommt die Meldung: Piraten haben in Somalia ein Frachtschiff gekapert, der Kapitän ist Amerikaner.

 

 

Teil 9 Lizenz zum Töten


Obama ist sich bewusst, es gehört zur Jobbeschreibung des amerikanischen Präsidenten, dass die auch Befehle zur Tötung von Menschen umfasst. Für ihn ist das keine Überraschung, Obama erkennt aber, dass solche Aufträge in der Öffentlichkeit nur selten beschrieben werden. 


Al-Quaida war in den Untergrund gegangen, hatte sich aufgesplittert, führte Krieg mit Wegwerfhandys im Internet, metastasierte zu einem Netz aus Verbündeten, Agenten, Schläferzellen und bloßen Sympathisanten. So war die Lage beim Arbeitsantritt Obamas. 


Ein Arsenal tödlicher Drohnen gehörte nun zur modernen Kriegsführung, um Terrorfunktionäre auf pakistanischem Gebiet zu töten. “Ich hatte an all dem keine Freude. Es verlieh mir kein Gefühl von Macht.“ 
Seine Pläne beinhalten ja doch eigentlich Kindern eine bessere Bildung und Familien zu einer sicheren Gesundheitsversorgung zu verhelfen. Aber es ging eben auch darum, das Militärgefängnis von Guantanamo Bay aufzulösen und Folterung von Gefangenen zu beenden. Und das ist leichter auf Papier aufgeschrieben als konkret getan.


Obama hält Reden zur Terrorbekämpfung und sorgt sich um den rechtsstaatlichen Hintergrund dafür, spricht in Kairo über das Verhältnis zum Islam, besucht Frankreich zum 65. Jahrestag der Landung der Alliierten, kommt nach Dresden zum Jahrestag der Bombardierung und lässt es sich zudem nicht nehmen, ein Versprechen gegenüber dem Nobelpreisträger Elie Wiesel zu halten, dem Lager Buchenwald gemeinsam mit Angela Merkel einen Besuch abzustatten. 


Ein paar Zeilen weiter erfahren wir nebenbei, dass im Weißen Haus auch Bienen gezüchtet werden und der Honig für ein Bierbrauer-Rezept verwendet werden kann. Auf der nächsten Seite dann, dass die portugiesische Wasserhunderasse es den Obamas besonders angetan hat. Der Hund „Bo“ war ein Geschenk von Ted Kennedy. Es menschelt also in Obamas Buch. Und es sind diese Kontraste zwischen öffentlichem Leben und der Privatheit, zwischen politischer Verantwortung und familiärem Leben, die das Buch so attraktiv, spannend und gut lesbar machen.


Weite Strecken der Memoiren verwendet Obama zur Darlegung des erbitterten Kampfes mit den Republikanern um die Gesundheitsreform, wir lernen Gegner und Befürworter kennen, können das parlamentarische Procedere und die Medienkämpfe nachverfolgen und schließlich die erfolgreiche Abstimmung nach jahrelangen Machtkämpfen zwischen Demokraten und Republikanern, wenngleich die Ausführlichkeit in diesen Passagen etwas ermüdet. 


Ähnlich umfangreich schildert Obama die Politik zum Afghanistaneinsatz. Das ist dann schon packender. Die Strategie des Viersterne-Generals Petraeus war es, statt Gebietsgewinne zu erzielen und getötete Aufständische in Statistiken aufzulisten vielmehr einheimische Sicherheitskräfte auszubilden, lokale Regierungs- und Verwaltungsstrukturen aufzubauen. Der so genannte McChrystal-Plan sah weniger Truppen vor und eine Fokussierung auf die aktive Terrorbekämpfung.


Obama ist sich bewusst, dass tödliche Terrornetzwerke ohne staatlichen Hintergrund, Schurkenstaaten, die sich um Massenvernichtungswaffen bemühen die internationale Sicherheit bedrohen und nicht einfach mit „Willenskraft, Stahl und Feuer“ zu bekämpfen sind. 
„‘Ich bekomme den Friedensnobelpreis‘“, sagt Obama seiner Frau am Ehebett. “Das ist wunderbar, Schatz“, sagte sie und drehte sich auf die Seite, um noch ein wenig weiterzuschlafen.“‘


Das sind Dialoge, die hollywood- oder netflix-geeignet sind. Obama und seiner Familie steht so eine große Medienkarriere bevor. 
Nach der neunten und letzten Sitzung zu Afghanistan, November 2009, stehen die Entscheidungen fest: Aktionsradius der Taliban verringern, Karzai zu Reformen in Schlüsselministerien drängen, Ausbildung einheimischer Sicherheitskräfte verbessern, zusätzliche Truppen entsenden. „…das Resultat war, dass ich noch mehr junge Menschen in den Krieg schickte.“ „Krieg ist furchtbar und zugleich manchmal notwendig“ heißt es zwei, drei Seiten weiter, wenn Obama dann auch die Verleihung des Friedensnobelpreises behandelt. 


„Krieg kann nur mit einem gerechten Frieden vermieden werden.“ 
Als nach der Verleihung des Friedensnobelpreises ihm vor dem Hotel eine Menschenmenge zujubelt, ist Obama klar geworden: “‘Egal was tu tust, es wird nicht genug sein‘, hörte ich ihre Stimmen sagen, ‚Versuche es trotzdem‘“

 

 Teil 10   Die USA kein Welt-Polizist mehr

 

Obama zieht in den außenpolitischen Passagen seiner Biographie keineswegs die Uniform an, er will ja nicht den „Welt-Polizisten“ spielen, wie wir es von den USA aus früheren Zeiten gewöhnt sind. Er setzt auf die Vernunftbegabtheit seiner internationalen Gesprächspartner, ist überzeugt, dass die Sicherheit der USA von der Stärkung der Bündnisse und der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen abhängt. „Militärische Gewalt war für mich das letzte, nicht das erste Mittel.“

Der amerikanische Präsident zeigt auch durchaus ironisch-sarkastische Züge, wenn es in seiner Amtsausübung um Polit-Rituale geht.

 

In der Arbeitsbeschreibung für den Amtsinhaber steht nun einmal, dass politische Reden vor öffentlichem Publikum an oberster Stelle stehen. Obama gesteht uns ein, wie das „Wording“ beim Entwerfen einer politischen Rede funktioniert. Erst einmal die Menschen in der jeweiligen Landessprache begrüßen, aber bitte mit fehlerhafter Aussprache in der jeweiligen Landessprache. Dann die wichtigen Beiträge des jeweiligen Landes für die Zivilisation an sich lobend erwähnen, dann betonen, wie stark die Völker der beiden Länder freundschaftlich miteinander verbunden sind, dann darauf hinweisen, dass Vorfahren des jeweiligen Landes es in den Vereinigten Staaten sehr weit gebracht haben.

Obama gilt halt als brillanter Redner, er weiß was man redebegabt anstellen muss, um sein Publikum „tricky“ einzufangen und vor TV-Kameras rhetorisch zu brillieren.

 

Barack kann auch gut mit jungen Menschen. Er freut sich, sie zu treffen, mit ihnen zu diskutieren, ihre jugendlichen Provokationen auszuhalten. Er begegnet ihnen vor allem in Bürgerversammlungen. Sie waren für ihn stets Quelle der persönlichen Inspiration. Aber selbstkritisch erkennt er auch an, dass seine diplomatischen Charmeoffensiven durchaus ihre Grenzen haben.

 

Der ewige Kontrahent des Iran bietet dem Gegner politische Gespräche wegen dessen Atomprogramm an, Zuhause muss er sich dann „das Geschrei der Republikaner“ anhören, er „verhätschele blutrünstige Regime“

 

Obama muss also die Lektion lernen, dass er im Amt des Präsidenten auch als guter Rhetoriker sein Herz nicht auf der Zunge tragen kann. Seine Aussagen sind an strategische Erwägungen und Analysen gekettet. Es ist für ihn nicht immer leicht, seine Meinung offen zu äußern.

Was Russland angeht, gibt der Autobiograph zu, dass der Kalte Krieg seine kindliche Einbildungskraft geprägt hat. Sein Russlandbild ist aus Schulbüchern, Zeitungen, Spionageromanen und Kinofilmen geprägt. Da ist die noch existierende Sowjetunion ein furchterregender Gegner in einem Kampf zwischen Freiheit und Tyrannei. Es herrscht allerorten die klare Überzeugung, dass die Ausbreitung des marxistischen Totalitarismus eingedämmt werden sollte. Russland, so sieht es Obama, ist keine Supermacht mehr.  Diese Einschätzung wird in Putins Reich nicht auf fruchtbaren Boden fallen, geradezu Putins Weltmacht-Streben forcieren.

 

Im Gespräch mit Wladimir Putin erinnert Obama daran, dass er persönlich gegen die Invasion des Iraks gewesen sei, und er missbilligt im Gespräch mit dem russischen Präsidenten dessen Vorgehen in Georgien, weil er nämlich der Auffassung sei, jede Nation habe das Recht, über ihre Bedürfnisse und Wirtschaftsbeziehungen, ohne Einmischung von außen selbst zu entscheiden.

 

In seiner öffentlichen Rede in Russland betont er, das Volk müsse selbst über Russlands Zukunft bestimmen. Er würde ihnen die Daumen dabei drücken, denn er sei fest davon überzeugt, dass die Gewährleistung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und politische Selbstbestimmung universelle Werte seien, nach denen alle Menschen strebten.

Obama ist sich aber realistisch einschätzend sicher, dass diese „hoffnungsvollen Aktivisten“ von der Regierung bald „drangsaliert oder mundtot“ gemacht werden könnten und er wenig dafür tun kann, um sie zu schützen. Man nennt es Realpolitik.

 

Zur Entlastung vom allseits Politischen und zur Entspannung des Lesers schildert Obama dann über ein paar Seiten hinweg auch immer wieder das lebhafte Beisammensein auf Reisen mit seinen Töchtern. Wenn es um mehrstündige Hin- und Rückflüge zu den Zentren dieser Welt geht, wenn er seine Mädchen Puzzles spielen sieht oder in Bücher vertieft an Bord der Präsidentschafts-Boeing Air Force One.  

 

Wenn die Mutter Michelle dann gelöchert wird, was Papa da so den ganzen Tag tue, werden sie aufgeklärt: Dein Vater darf sich nicht amüsieren, er muss den ganzen Tag in langweiligen Sitzungen verbringen. Auch das ist Realpolitik. 

 

Teil 11
Das Weiße Haus kein Bollwerk der Macht

 

Der amerikanische Präsident hat einen aufregenden, fordernden, aufreibenden Job. Da darf er auch ein paar kleine Vorteile der Bevorzugung genießen, wenn ihn die fordernden Amtsgeschäfte ermüden.

 

Bei Besuchen gestatten zum Beispiel Museen den Obamas Sonderöffnungszeiten, damit die Präsidentenfamilie dem Wählerpublikum auch mal aus dem Weg gehen kann. Dass den jungen Obama-Töchtern da mitunter auch nackte Männer vor allem im unteren Bereich des Körpers entgegentreten, wurde von breitschultrigen und breitbeinigen Museumswärtern geistesgegenwärtig gelöst, in dem sie sich mit ihren Muskelpaketen vor den Adonis-Körpern aufbauten. 


Im Kinosaal des Weißen Hauses sahen die Obamas auch als Extra-View die neusten Blockbuster, weil die Motion Picture Association of America jeweils die neusten DVDs ins Weiße Haus schickten. Streaming war noch nicht en vogue. 


Kochen, Einkaufen, Haus in Ordnung bringen, für die lästigen Alltagsdinge war Personal da. Alle paar Monate gab es kleine Dinner-Partys mit Künstlern, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Wirtschaftsführern, die bis weit nach Mitternacht gingen und bei denen – wie Obama zugibt – „reichlich Wein“ floss. 


Michelles Ziel war es eben, das Weiße Haus zu einem einladenden Ort zu machen, nicht zu einem „exklusiven und distanziert wirkenden Bollwerk der Macht“, in dem sich die Menschen auch repräsentiert fühlen. Einladungen von Kindergruppen waren gang und gäbe. 


Obama schätzte am meisten die mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gemeinsam organisierten Musiknächte, zum Beispiel mit Stevie Wonder, Jennifer Lopez, Justin Timberlake. Sie organisierten zunächst Workshops mit Jugendlichen – auch B.B. King, Bob Dylan, Paul McCartney kamen – und gaben anschließend Konzerte auf der Bühne des Eastroom oder auf dem grünen Rasen vor dem Weißen Haus. Manchmal, wenn Obama dann das Widerhallen der Instrumente an seinem Schreibtisch, vor allem der Trommeln hörte, schlich er sich in den Vorstellungsraum und lauschte heimlich dem Auftritt der Künstler, die ihn doch so begeisterten.


Bei allen öffentlichen Auftritten im Weißen Haus und irgendwo im Land gewann Michelle die Herzen der Menschen mit ihrer „Natürlichkeit“, „Herzenswärme“, ihrem „Lächeln“ und ihrem „blitzschnellen Verstand“. Obama war mit der Präsidentengattin und ihrem öffentlichen Auftreten zufrieden, weil sie sich weder „einen Fehltritt erlaubte“ noch den „falschen Ton traf“, wie er schreibt. 


Doch da war auch eine gewisse Einsamkeit um Michelle, weil Barack seine Arbeit bis tief in die Nacht erledigen musste. „Manchmal kam ich mir vor wie der Fischer in Hemingways Der alte Mann und das Meer, denn während ich versuchte, meinen Fang an Land zu ziehen, nagten schon die Haie daran.“ 

 

Teil 12   Die Jagd auf Bin Laden

 

 


Eine Rezension in Lese-Fortschritten Teil 12 und Schluss

 

Wir bewegen uns auf den Schlussteil der Obama-Memoiren zu, und in Kapitel 25 hält Obama sich den Nahen Osten vor Augen. IRAK, Rückfall ins Chaos, IRAN, Verzweiflungstaten wegen der Sanktionen möglich, JEMEN, inzwischen Hauptquartier der al-Quaida, der Konflikt zwischen Araber und Juden im GAZA und im WESTJORDANLAND so aktuell wie selten zuvor. 


Obama schildert ausführlich die zunächst immer wieder scheiternden Schritte vergangener Jahre im Nahost-Konflikt voranzukommen. Er hofft auf ein Treffen von Netanjahu, Abbas, Mubarak und Abdullah bei einem gemeinsamen Dinner im Weißen Haus. Es kommt tatsächlich zustande. Man spricht über Friedensbemühungen und Kriegskosten. Wieder mal vergeblich. Netanjahu will den Siedlungsstopp nicht verlängern, die Palästinenser ziehen sich aus den Verhandlungen zurück. Das gemeinsame Dinner war erfolglos geblieben.
Als Obama von einer Nahost-Tour nach Washington zurückkehrt, gesteht er sich ein: „Irgendwann wird es irgendwo knallen.“
Seine Hoffnung, diese Region in eine „Oase der Demokratie“ zu verwandeln, schwindet, aber nicht ganz, „…ich war fest davon überzeugt, dass wir viel mehr tun könnten und sollten, um Fortschritte auf dem Weg dorthin zu ermöglichen.“ 


Doch in Libyen und gegen Gaddafi helfen keine Worte, Obama lässt bombardieren, mit dem dürren Befehl: „Ich erteile meine Genehmigung“ wird das Töten auf den Weg gebracht. 


Im Schlusskapitel schildert Obama minutiös und eindrucksvoll die spannendste Passage seines Buches, wie es gelang, den Anführer der al-Quaida-Bewegung Osama bin Laden in seinem Versteck aufzuspüren und durch eine kleine militärische Kommandoeinheit zu töten.
Obama hatte zunächst alle 30 Tage einen ausführlichen Bericht angefordert, was Stand der intensiven Fahndungsmaßnahmen war. Als die Unterkunft bin Ladens ausgemacht war, gab es zwei Alternativen: Bombardierung der Residenz oder ein gefährliches Mordkommando loszuschicken, um ins Innere einzudringen. 
Obama war für einen gezielten Raketenangriff nicht zu gewinnen, die Wahrscheinlichkeit, Obama dabei wirklich zu treffen, war nicht hoch genug. 


Dann war es soweit. „Operation Neptune Spear“ konnte am 2. Mai 2011 beginnen. Die Aktion wurde mit Helmkameras über Satelliten direkt in das Weiße Haus live übertragen. Obama saß im Operation Room und verfolgte zum ersten und einzigen Mal eine Militäraktion in Echtzeit mit. Als Angehörige der Navy-Sondertruppe SEAL erfolgreich mit einem Helikopter das Anwesen bin Ladens erreicht hatten, kam kurze Zeit nach Unterbrechung der Funkverbindung später die Bestätigung: „Enemy killed in action.“ Obama sagte leise: „Wir haben ihn.“ Es war jener Mann getötet, “…der für den schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte der USA verantwortlich war …“, den Terrorangriff 9/11 mit 3.000 Opfern.  
Obama stellte sicher, dass kein Foto vom getöteten Bin Laden veröffentlicht wurde. Wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, blieb unklar, „…und ich habe nie danach gefragt“, steht fast am Ende dieses ersten Bandes von Barack Obamas Memoiren. 


Ein zweiter wird folgen. Das Buch schließt ab mit einem ausführlichen Bildnachweis, die Fotostrecken sind farbig und sehr üppig und auch ausführlich kommentiert, das Register ist umfangreich.
Mit diesen 1.016 Seiten langen Erinnerungen an seine Amtszeit hat der amerikanische Präsident ein sehr eindrucksvolles Bild seiner Präsidentschaft vorgelegt, spannend beschrieben, manchmal sicher zu ausführlich, aber dennoch in vielen Details so aufschlussreich genau und auch persönlich-privat offen, dass ein transparentes und selbstkritisches Bild des ersten farbigen Präsidenten entsteht.

 

Er gesteht auch Niederlagen ein, etwa die Unmöglichkeit, Guantanamo zu beenden. 


Obama gewährt intime Blicke ins Weiße Haus und ins Innenleben seiner familiären Verhältnisse. Auch über seine internationalen Politikerkollegen findet er offene Worte und klare Einschätzungen. Eindrucksvoll, die Wirkung auf den Leser, wie zerrissen das Volk der Vereinigten Staaten dasteht, aber auch wie wenig offensives Politikbemühen auf internationalem Parkett erreichen kann, weil nationales Interesse das politische Handeln dominiert. 


Dem belesenen Präsidenten - wir treffen immer wieder auf Bücher, die Obama gelesen hat - ist eine lesenswerte Biographie gelungen. 


Buch-Tipp Barack Obama Ein verheißenes Land PENGUIN
Eine Rezension in Fortsetzungen 

100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatt

 

 

 

Ulrich Weber FRIEDRICH DÜRRENMATT EINE BIOGRAPHIE Diogenes


Ulrich Weber FRIEDRICH DÜRRENMATT EINE BIOGRAPHIE Diogenes
Zielgruppe: Lehrer, Schüler, Buchhändlerinnen, Buchhändler, Dramaturgen, Krimifans, Schweizer, Schweiz-Hasser, Freunde der Literatur 


Friedrich Dürrenmatt, ein Schulklassiker, der zum Kanon des Deutsch-Unterrichts zählt. Der BESUCH DER ALTEN DAME, DIE PHYSIKER oder DER RICHTER UND SEIN HENKER, DER VERDACHT, DAS VERSPRECHEN, also seine Erfolgswerke aus der Kriminalliteratur und nicht nur die weltberühmten Theaterstücke gehören noch immer zu den gymnasialen Schulplänen. 


Dürrenmatt, das Erzähl-Genie, fasziniert mit seinen abgründigen Parabeln, skurrilen Kriminalgeschichten. Er fesselt als Dramatiker, als Autor antiker Tragödien-Formate, der aber auch Salonkomödien schreiben kann und dem der Schweizer und auch der Schwarze Humor eigen ist.  


Seine Werke sind in 50 Sprachen übersetzt worden. Seine Theaterstücke sind immer noch weltweit auf den Programm-Plänen. Auch Hollywood-Drehbücher entstanden aus seinen Werken. 


„Er sprach die Gefahren und Ängste seiner Zeit wie wenige aus“, heißt es im Vorwort. Die Neue Züricher Zeitung findet die Charakterisierung Dürrenmatts in der Formel: „Das gemütliche Ungeheuer“.
Dennoch blieb Dürrenmatt ein Solitär. Große Erfolge mischten sich in seiner Lebenslinie mit Katastrophen, gescheiterte Theater- und Romanprojekte waren genauso dabei wie grandiose Erfolgsgeschichten.
Dürrenmatt war Pfarrer-Sohn, ein neugieriger, geselliger, knorriger Mensch mit politisch queren Ansichten, ein barocker Dichterfürst, fern vom Mainstream. Dürrenmatt hielt die Öffentlichkeit und den Journalismus auf Distanz. Er führte ein äußerlich ruhiges, ja geradezu bürgerliches Leben im engen Umkreis seines Geburtsortes Konolfingen, einem Dorf im Kanton Bern.


Die Biographie des Literaturwissenschaftlers Ulrich Weber, Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses im schweizerischen Literaturarchiv in Bern, beschreibt Dürrenmatts Vita in einer Pfarrers-Familie von der Kindheit im Emmental, über die mageren Jahre in Basel, bis hin zu den fetten Jahren und Dürrenmatts privaten Wirtschaftswunderzeiten. 
Einige Impressionen aus den einzelnen Kapiteln der umfänglichen, detailreichen, beeindruckenden Biographie über Dürrenmatt. 
Er interessierte sich zum Beispiel lebenslang für Astronomie. 
Beim Schreiben entdeckt Weber bei seinem „Gegenstand“ die grundsätzliche Haltung, Distanz wahren zu wollen. Der Autor will sich nicht wichtig nehmen, will über sich lachen können.


Dürrenmatt pflegt zwar privat intensive Freundschaften, die er jedoch auch abrupt abbrechen kann, dann muss er „ins Freie“.
Seine persönliche Berufsbezeichnung hängt er als Zettel an die Tür der Studentenbude: „nihilistischer Dichter“, der übrigens vom Philosophen Kierkegaard stark geprägt ist, wie von Philosophie und Wissenschaft überhaupt. Mathematik, Physik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie beschäftigen ihn. Mit Schriftstellerkollegen wie Max Frisch hat er zunächst eine „Arbeitskameradschaft“.

 

Die frühe scheue Begegnung mit Bert Brecht bringt ihn zur Meinung, sein Marxismus sei „zu doktrinär“.


Seine Krimis, zunächst in Zeitungen als Serien erschienen, und seine vielen Hörspiele für Rundfunkanstalten sind seine finanziellen Quellen. Zwischen 1951 und 1956 schreibt er sieben Hörspiele.
Das Gefühl von Routinearbeit liegt ihm aber dennoch fern. Das Schreiben an sich muss für den Schweizer Erfolgsautor immer ein Experiment, ein gedankliches und künstlerisches Abenteuer sein.


Hans Schweikart, in München Intendant der Kammerspiele, setzt Dürrenmatts Stücke in Deutschland auf der Bühne durch.


„Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ werden zum Welterfolg.
Wir erfahren in der Biografie von Ulrich Weber auch viel über das Familienleben Dürrenmatts, seine Freunde, seine Lieben, seine Ehen, seine Kinder, seine Eigenarten, seine alltäglichen Lebensweisen. Dürrenmatt lebt gerne gut und intensiv. So werden Vorschüsse für ihn wichtig, im Geldausgeben ist Dürrenmatt erfahren. 


So lässt sich sein Aufstieg auch am Kauf von diversen Autotypen nachvollziehen. Erst war es ein Opel Rekord, dann ein Opel Kapitän, schließlich ein Chevrolet Bel Air, danach ein Buick, gefolgt von einem Volvo und endlich dann doch der Jaguar. 


Dennoch war Dürrenmatt ein schlechter Autofahrer, in seiner Automobilisten-Karriere schafft er zehn teils schwere Autounfälle, auch unter Alkoholeinfluss. Dürrenmatt war starker und regelmäßiger Trinker. So kaufte er zum Beispiel als günstige Gelegenheit den gesamten Weinkeller eines Bordeaux-Schlosses auf. Am Ende seines Lebens waren die gesamten Vorräte ausgetrunken. Dürrenmatt hat lebenslang Diabetes Typ 2, ist also schwer zuckerkrank, fällt einmal sogar für 48 Stunden ins Zuckerkoma. 


Bei Filmproduktionen macht Dürrenmatt mediale Entfremdungserfahrungen.  Dürrenmatts Verhältnis zu Max Frisch entwickelt sich vom Freundschafts- zum Konkurrenzverhältnis. Bei der Premiere zu „Andorra“ bespricht Dürrenmatt gegenüber Journalisten die konzeptionellen Mängel des Kollegenstücks.


Seine „Physiker“ werden 1961 bis 1963 60 Mal aufgeführt. Mit 45 Jahren war Dürrenmatt ein weltberühmter Autor.


War Dürrenmatt politisch? Ohne das Widersprüchliche, so Weber, gibt es kein politisches Denken für ihn. Im Unterschied zu Politikern haben Schriftsteller Dürrenmatts Auffassung nach eine bessere Vorstellungskraft, die Wirklichkeit von der Möglichkeit zu unterscheiden. Und Schriftsteller seien neugierig auf die Zukunft.


Besonders interessant auch der Exkurs über Dürrenmatts Schreibprozess. In den 1960er Jahren schreibt er die Texte teilweise noch selbst mit Hand, später auf Anraten der Ärzte mit Schreibmaschine, noch später diktierte er seiner Sekretärin in die elektrische Schreibmaschine. Die Mitarbeiterin musste die Manuskripte orthografisch bereinigen. Seine Interpunktion in den Manuskripten war sehr flüchtig.
Für die Komödie „Der Mitmacher“ findet der Biograph 3500 Manuskript- und Typoskript-Seiten.


Wir lesen auch, wie Dürrenmatt das Politische entdeckt, von seiner Arbeit am Schauspielhaus Zürich, seinem Verlagswechsel zu Diogenes und einem zweiten Leben an der Seite seiner zweiten Frau Charlotte Kerr. Ausführlich bespricht der Biograph Weber die Haltung Dürrenmatts zu seinen Verlagen Arche und Diogenes. Seine Krimis und seine Erfolgsstücke erreichen Millionen-Auflagen.


Im Epilog würdigt Weber die Bedeutung der Werke Dürrenmatts, die auch durch wiederholte Lektüre nicht belanglos würden. Sie hätten Bedeutung durch ihre große Spannweite. Zwar seien seine Texte auch oft unelegant, sperrig, ungeschickt und eigenwillig, er liebte ja auch die Kalauer und das Bonmot. Das Schöne, das Elegante und Ästhetische scheute er wie der Teufel das Weihwasser. 
Dürrenmatt verkörperte kreative Kraft durch die Qualität des Individuellen und des wirklich Einmaligen. Das sei eben jene Potenz künstlerischer Freiheit, die nur mit dem Mut zum Ungeschützten und Naiven zu haben sei.


Am Monument, zu dem er geworden ist, hat er auch selbst mitgebaut, ist das Fazit des Biographen.  


Im Anhang findet sich der Stammbaum Dürrenmatts, die Chronik zu Leben und Werk, ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis sowie ein Anmerkungsverzeichnis und Register. Das Diogenes-Buch ist aufwendig illustriert: 40 Bilddokumente, Fotografien, Zeichnungen vervollkommnen das ausführliche und tiefgründige, gut lesbare Porträt. Eine spannende Dürrenmatt-Biographie, ausführlich, präzise, dokumentarisch und dennoch eine lebendige, lebhafte Biographie aus dem Reich der toten Dichter.

Von der Außenwelt zur Innenwelt:              Peter Handke


Peter Handke wurde 2019 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er ist einer der umstrittensten und produktivsten Autoren der Gegenwart. Sein Bild in der Öffentlichkeit ist von Extremen geprägt: Hohepriester der Kunst, einsamer Mönch, Serbenfreund. Wie viel Wahrheit steckt hinter diesen Bildern? Auch sein Leben erscheint als Gratwanderung zwischen Extremen: zwischen Einsamkeit und Liebe, Menschenscheu und Ruhmsucht, Sprache und Politik, Traum und Welt. Malte Herwig führte lange Gespräche mit dem Dichter, dessen Verwandten, Weggefährten und Kontrahenten, und er erhielt Einsicht in unveröffentlichte Texte Handkes. So entstand eine aufschlussreiche und kontroverse Biographie. Um ein umfangreiches Kapitel und viele neue Fotos ergänzt und aktualisiert. Mit zahlreichen Abbildungen: unveröffentlichten Fotos, Faksimiles von Tagebuchseiten sowie Zeichnungen und Skizzen von Handke. Die einzige umfassende Biographie des umstrittenen Dichters. (Pantheon)

 

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