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Herzlich willkommen auf meiner Website, die sich mit Büchern beschäftigt. Facesofbooks zeigt das Gesicht der Bücher und Autoren. Beachtet Titel und Covergestaltung, Aufmachung des Buches, berichtet über den Inhalt, stellt den Autor in kurzer prägnanter Form vor. Wir veröffentlichen Autoreninterviews, bieten Informationen über Bücher von heute und Bücher von gestern, die wichtig sind, aber nicht vergessen werden sollen. Sie finden Tipps, Rezensionen, Kurz-Kritiken, Neuigkeiten über Verlage und Autoren. Geben Sie uns auch Hinweise, was Ihnen gefällt oder mißfällt. Eine Website für Lesefans auch aus der digitalen Bücherwelt. www.facesofbooks.de

 
Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

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Allen Buchfreunden ein glückliches Neujahr

INNU - Vom Verlust der Identität in Kanada


Michel Jean erzählt in Kukum die Geschichte seiner Urgroßmutter Almanda Siméon, die 97 wurde. Als Waise von ihrer Tante und ihrem Onkel aufgezogen, lernt sie mit fünfzehn den jungen Innu Thomas Siméon kennen, verliebt sich trotz der kulturellen Unterschiede sofort in ihn, sie heiraten, und Almanda lebt von da an mit dem Nomadenstamm, dem er angehört, lernt seine Sprache, übernimmt die Riten und Gebräuche der Innu von Pekuakami und überwindet so die Barrieren, die den indigenen Frauen aufgezwungen werden.
Anhand des Schicksals dieser starken, freiheitsliebenden Frau beschreibt Michel Jean auch das Ende der traditionellen Lebensweise der Nomadenvölker im Nordosten Amerikas, deren Umwelt zerstört wurde und die zur Sesshaftigkeit gezwungen und in Reservate gesperrt wurden, ohne Zukunftsperspektive, ein Leben geprägt von Gewalt, Alkohol und Drogenkonsum. (WIESER Verlag Klagenfurt)

 

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Russland von unten betrachtet

Kaum ein Land hat in den letzten 30 Jahren so viele Veränderungen erlebt wie Russland. Wie gehen die Menschen damit um? Joshua Yaffa porträtiert in diesem vielfältigen Streifzug durch das zeitgenössische Russland einige der bemerkenswertesten Persönlichkeiten des Landes - von Politikern und Unternehmern bis hin zu Künstlern und Historikern. Sie alle haben ihre Identitäten und Karrieren im Schatten des Systems Putin aufgebaut. Im Zwiespalt zwischen ihren eigenen Ambitionen und den allumfassenden Ansprüchen des Staates balanciert jeder von ihnen auf einem schmalen Grat von Kompromissen.  
Yaffa liefert eindringliche Erkenntnisse über die wahre Natur des modernen Autoritarismus, indem er zeigt, wie die Bürger ihr Leben nach den Anforderungen eines launischen und oft repressiven Staates richten – oft aus freien Stücken, aber auch unter Androhung von Gewalt.  (ECON)

 

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Die Krimi-Box

Die Weihnachts-Krimi-Box Letzter Teil
Der Lastminute-Krimi zum Verschenken – wenn alle anderen Ideen schon verworfen wurden.
Statt Gänse-Essen Gänsehaut
13 Ideen zum Gruseln

 

Christoffer Holst Mörderischer Nordwind Ein Schären-Krimi HEYNE
Unter den Hochzeitsgästen auf einer Schären-Insel sorgt ein tödlicher Unfall für Entsetzen. Wirklich ein Unfall?
Gut geeignet für Skandinavien-Krimifans

 

Carolina Conrad Stürmische Algarve rororo
Sehr real: Kohlenmonoxid-Tod in einem Wohnmobil an der Algarve. Wieso gibt es Blutspuren einer unbekannten dritten Person im Wagen?
Ein Krimi für Wohnmobilisten auf Winter-Tour

 

Britta Haberkost Stadt der Mörder PENGUIN
Im historischen Paris der Surrealisten ist ein grausamer Serienmörder unterwegs. Paris – die Stadt der Liebe und der Mörder?
Ein Krimi für Leserinnen und Leser, die gerne an die Seine fahren

 

Stephan R. Meier 44 Tage Und Deutschland wird nie mehr sein, wie es war PENGUIN 
Kampf gegen den RAF-Terror in den 1970er Jahren in Deutschland. Realer Hintergrund: Schleyer entführt

Ein Thriller für polithistorisch interessierte Leser, die es gerne realer haben

 

Robert Hültner Lazare und die Spuren des Todes btb
Ein junges Mädchen wird in Südfrankreich vermisst. Gibt es Verbindungen in den katalanischen Untergrund? 
Für Liebhaber des mediterranen Krimis vor politischem Hintergrund

 

Mick Herron REAL TIGERS Ein Fall für Jackson Lamb DIOGENES
Eine Assistentin wird entführt. Im Geheimdienst MI5 geht es um Intrigen, Konkurrenzkämpfe und eine Verschwörung gegen den Premierminister
Für Fans von Spionagethrillern à la Carré

 

Marco Malvadi Der geheime Auftrag C.Bertelsmann
Leonardo da Vinci, als Aufklärer unterwegs, muss den rätselhaften Tod eines jungen Mannes ermitteln im Mailand der Renaissance
Geschichten in Geschichte, für historisch und malerisch veranlagte Leser passend

 

Alex Beer Unter Wölfen Der verborgene Feind LIMES
Nürnberg wird von zwei brutalen Morden an zwei Frauen erschüttert. Die Geschichte spielt in der Nazi-Zeit vor realem historischem Hintergrund, der noch viel mehr beunruhigt
Für geschichtlich interessierte Leser

 

Titus Müller Die fremde Spionin HEYNE
Ostberlin, 1961
Die Geschichte einer jungen Spionin, die in die politischen Wirren der 1960er Jahre gerät
Für Leser gut geeignet, die sich für das Leben „der Anderen“ interessieren

 

Helga Glaesener Die stumme Tänzerin rororo
Ein Frauenmörder auf St. Pauli wird von einer weiblichen Ermittlungsgruppe gejagt, in der Weimarer Zeit
Ein Krimi aus dem Rotlicht-Milieu mit weiblichem Ermittlerinnen-Blick, für emanzipierte Frauen und Männer.
 
Ian Bray Klippen Tod Ein Cornwall Krimi
Leichenfund in einem Fischerdorf in Cornwall. Selbstmord oder Mord, und dann weitere Leichenfunde!? 
Ein Krimi mit Seebrise für Menschen die gerne an Klippen entlangwandern

 

Steffen Jacobsen Schach mit dem Tod HEYNE
Zwei Supermächte, Spione zwischen den Fronten, in Los Alamos wird an der Atombombe gebastelt – ein Thriller im Milieu der Atomphysiker
Für Leserinnen und Leser, die gerne lernen wollen „die Bombe zu lieben“. 

 

Susanne Saygin CRASH HEYNE
Dunkle Geschäfte in einem Immobilienkonzern. Es geht um Rechtspopulismus und gesellschaftliche Erosionsprozesse
Für Leser, die gerne einen politischen Hintergrund mitlesen

Die Weihnachts-Box 8

Golo Maurer: Heimreisen nach Italien

Goethes «Italienische Reise» ist ein Schlüsselwerk der Weimarer Klassik – Flucht aus der Midlife-Crisis, Aufbruch in die Welt, Bildungsreise in die Antike, Selbstverortung des großen deutschen Dichters. Sie ist aber auch der Beginn einer bürgerlichen Tradition: Goethes Bericht nährte eine Rom- und Italienbegeisterung unter deutschen und europäischen Intellektuellen, die bis heute anhält. 


Golo Maurer zeigt, wie ebenjene Selbsterfahrung Goethes in Italien für die Generationen nach ihm zum Vorbild wurde. Karl Friedrich Schinkel reiste im frühen, Richard Wagner im späten 19. Jahrhundert nach Italien, die Brüder Mann, Walter Benjamin, Sigmund Freud, der sich einen «Italienpilger» nannte – Goethe hatte ihnen die Messlatte gesetzt: «Dem denkenden und fühlenden Menschen geht ein neues Leben, ein neuer Sinn auf, wenn er diesen Ort betritt.» 

 

Maurer macht in seinem Buch deutlich: Goethes Italienreise war der erste deutsche Selbstfindungstrip – und als solcher für die Nachgeborenen ästhetischer Topos wie autobiographische Herausforderung. (ROWOHLT)

 

Ruinen, Kunst und Künstler- im dicken, schönen, gut geschriebenen Rowohlt-Buch – Goethe war da und viele nach ihm auch – Italien, der Sehnsuchtsort der Deutschen, auf der Suche nach sich selbst, da wo Arkadien liegt und Zitronen blühen. So könnte man in einer kurzen Satz-Folge zusammengefasst das Maurer-Buch erklären. 


Da beschreibt ein Kulturhistoriker in flüssigem Schreibstil, spannend und nachvollziehbar, die nie einschlafende Italienleidenschaft der Deutschen, einst und heute, auf dem Selbstfindungstrip unterwegs durch zwei Jahrhunderte. Wir begleiten Literaten, Gelehrte, Normalbürger in den schönen Süden: "Italien lag als verführerisch nahe Gegenwelt einfach auf der anderen Bergseite". Also mal schnell über den Brenner, ab nach Rom, heute leichter denn je, wenn kein Stau herrsch. Damals jedoch war das eine beschwerliche Angelegenheit. In einem Interview sagt der Autor zu Goethes Zeiten stand die Kutschfahrt an: „Der Fahrpreis summierte sich aus Fahrgeld, Chausseegeld, Brückengeld, Vorspanngeld, Schmiergeld und Trinkgeld.’ Mit ‚Schmiergeld’ ist eigentlich nur die Gebühr für das Fetten der Wagenachsen gemeint, wurde aber schon damals im übertragenen Sinn verwendet.“ 


Wir folgen also erneut Goethes Spuren, besichtigen Rom, lernen Nachreisende kennen etwa Ingeborg Bachmann, die Literatin oder Joachim Fest, den Publizisten und viele andere. 
Maurer ist Leiter der Bibliotheca Hertziana in Rom. Sein Buch ist kenntnisreich geschrieben, detailliert angelegt, macht neugierig, zeigt einen belesenen Autor, der unterhaltsam schreiben kann.

 

Geschenkgeeignet für italieninteressierte Menschen, die dank Omikron an „den Diwan“ gefesselt sind.  

 

Interview mit dem Autor

Die Weihnachts-Box 7

Grüne Zukunftsträume - von der Stadtflucht


Wir haben den Blick für das Wesentliche verloren: unser Wohlergehen und das der Natur. Wir leben in engen Städten. Wir arbeiten viel, um immer mehr zu konsumieren. Leidenschaftlich und kompetent ruft der Ökologe Ernst Paul Dörfler dazu auf, endlich auszubrechen und nachhaltige Lösungen zu finden. Der Weg dorthin führt aufs Land. Als unbequemer Umweltschützer schon in der DDR vermittelt er glaubhaft wie kein Zweiter, was freies und selbstbestimmtes Leben bedeutet und wie es gehen kann. Wer weniger braucht, muss weniger arbeiten und verdienen, schont zugleich die natürlichen Lebensgrundlagen, lebt zufriedener und gesünder. Ob Stadt- oder Landmensch, dieses Buch rüttelt auf und zeigt Perspektiven für ein freies, umwelt- und klimafreundliches Leben. (HANSER)


Ich werd‘ verrückt und zieh aufs Land. Ist, glaube ich, so ein Spruch aus dem Rheinland. Aber auf dem Land ist doch der Hund begraben… wird auch behauptet. Dennoch ist die Stadtflucht in vollem Gang, die hohen Mieten zwingen die Menschen dazu, aus den Ballungsräumen zu fliehen. Aber Ernst Paul Dörfler – da ist sein Name wohl Programm – zieht es aus anderen Gründen aufs Dorf, denn er sucht Wege aus der Klimakrise, Monokultur und dem Konsumzwang. Der Öko-Autor hat einen völlig anderen, einen öko und logischen Ansatz. Landlust pur, raus in die Natur, frei atmen, die Pflanzen und Tiere bewundern, Wälder und Wiesen, Flüsse und Seen aufsuchen, Konsumverzicht üben, innere Einkehr finden, kurzum besser leben. „Wir haben die innere wie die äußere Natur aus dem Blick verloren. Körper und Seele leiden unter Entzug, sie drohen zu schwächeln und zu verkümmern.“ Die Naturräume würden den Menschen aufblühen lassen, ihn geradezu euphorisieren: „Die Natur ist unser zuhause.“ Also: Land in Sicht. Dörfler startet eine Tour d’Horizon beschreibt Luft und Klima, Muttererde, grüne Wälder, Moore, Gewässer, Flüsse, Seen, biologische Vielfalt, eine ökologische Bestandsaufnahme und eine Beschreibung aktueller Krisenphänomene, ohne jedoch politisierend zu langweilen. Von Naturkontakten über Landeier bis zu Bauhausideen reicht das Themen-Panorama, wie geht Renaturierung, wie kommen wir zu pestizidfreien Kommunen? 


Und dann kommt der Handlungs-Appell an uns alle: „Mein Weg zur Selbstbestimmung ist ein Weg zur Selbstverantwortung und hat einen einfachen Ansatz: Er heißt Reduktion. Reduktion des eigenen materiellen Verbrauchs auf ein verträgliches, gesundes Maß, gesund für die Erde und für mich selbst.“  Zum Beispiel durch Ernährung aus eigener Erzeugung. Schluss mit dem Massenkonsum! „Wir sind aufgerufen, nach alternativen Werten jenseits des Massenkonsums zu suchen.“ Ein Buch, gut geeignet, es unter die ökologisch aufgewachsene ungespritzte Nordmann-Tanne zu legen, es sei denn man verzichtet auf das Bäumchen auch. Und die Geschenke sowieso, dann liegt es eben da alleine herum. Eben: Verzicht! Und wenn wir dann aufs Baumfällen, Buch machen und Buch lesen auch verzichten, was bleibt dann?

 

Ernst Paul Dörfler, geboren 1950 in Kemberg bei Lutherstadt Wittenberg, ist promovierter Ökochemiker. Sein Buch Zurück zur Natur? (1986) wurde zum Kultbuch der ostdeutschen Umweltbewegung. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem EURONATUR-Preis der Stiftung Europäisches Naturerbe. 2019 erschien sein Buch Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können bei Hanser.

 

Ernst Paul Dörfler Aufs Land Wege aus er Klimakrise, Monokultur und Konsumzwang HANSER

Die Weihnachts-Bücher-Box 6

Der Kopenhagen-Krimi: Das Nest

 

Am Anfang des Buches – ein weiterer Kopenhagen-Krimi von Katrine Engberg - wacht jemand mit Halsschmerzen auf, am Ende des Buches springt mit dem letzten Satz ein Ermittler ins Wasser, nachdem er die Badelatschen ausgezogen hat. Ein Krimi mit Spannungsgarantie? Wie so oft bei Diogenes spielt auch die Malerei eine Rolle und ein Toter, der in einem Müllkraftwerk aufgefunden wird. Dazu die schöne Kulisse Kopenhagen, man möchte meinen, da sind doch einige Klischees zusammengebacken, die Langeweile versprechen. 


Mitnichten, die Autorin hat Theater- und Fernseherfahrung, sie war Tänzerin und Regisseurin, und das merkt man ihrem neuen Krimi von hinten und von vorne an. Die Handlungsstränge sind gut komponiert, die Dramaturgie folgt den Krimilogiken, tänzerisch leicht formuliert die Erfolgsautorin, die man schon jetzt als Donna Leon des dänischen Nordens bezeichnen kann, ihre Dialoge funktionieren.

 

Das normale Leben spielt wie gewohnt mit allerlei Eheproblemen und Beziehungskrisen in den Krimialltag hinein. Das Ganze sehr authentisch. Engberg schreibt lebensnah mit aktuellen Bezügen und jeder Menge falscher Spuren, auf die der Leser geführt wird. Unterm  Christbaum in einem Rutsch zu lesen, in kürzester Zeit bevor die Tanne zu nadeln beginnt. 

Die Weihnachts-Bücher Box 5

Fritz Pleitgen - die Reporter-Legende

Über 50 Jahre war Fritz Pleitgen Journalist. Nun zieht er die Bilanz seines reichen Journalistenlebens. Er gehörte zu den wenigen Reportern, die über den Kalten Krieg zwischen Ost und West hautnah von beiden Seiten des Eisernen Vorhangs berichteten, der über vier Jahrzehnte Deutschland und Europa in zwei feindselige Militärblöcke teilte, die die Menschheit ständig mit Atomkrieg bedrohten.
In seiner persönlichen und anekdotenreichen Rückschau beschreibt Fritz Pleitgen den Prozess der Deutschen Einheit packend, selbstkritisch und mit Humor als eine Zeit, in der Politik und Bürger über sich hinaus wuchsen und Berge versetzten.
(HERDER/KEYSER)


Moskau, Ostberlin und Washington, das waren die Lebensstationen des Reporters Fritz Pleitgen, der zuletzt gar auf dem Intendantenstuhl des Westdeutschen Rundfunks in Köln landete. Er hat seine spannende Lebens- und Journalistengeschichte aufgeschrieben. Eben so wie er ist: Schnörkellos, uneitel, detailreich, präzise, sein Leben und Arbeiten anschaulich und empathisch erzählt. 


Er traf die die „Herren-Etepetete-Politiker“, die Großen der Welt und die „Otto Normalos“ zugleich. Pleitgen, ein Mann zwischen Ost und West, ein Vermittler von Information, ein Friedensbote im Kalten Krieg. 
Ihm gelingt ein Geschichtsbuch für die junge Generation, das hervorragend für den Unterricht als anschauliches und spannendes Material geeignet ist. Und die Videos dazu gibt es im Netz. 
Pleitgen schreibt über die finstere Zeit, als der „rettungslose Rüstungsweltlauf“ noch im Gang war, als der Atombombenwahn noch die Welt regierte, als später Menschen sich von autokratischen Regimen durch stille Revolutionen befreiten.


Das Buch ist eine persönliche Sicht auf Geschichte in erzählten Geschichten. Wir sind in Moskau im Kreml dabei, wir erleben das triste Leben hinter der Mauer, begegnen Breschnew und Brandt, Reagan und Gorbatschow, Honecker und Krenz. 
Pleitgen war und ist eine prägende Gestalt und ein Gestalter des Deutschen Fernsehens, der bei seinen Interviews immer das Gefühl vermittelte, wir stehen neben dem Kameramann, sind mit dabei, ach was mitten drin!
Die Pelzmütze in Eis und Schnee stand seinem markanten Kopf immer gut, sein Nasdarowje klang überzeugend und da war immer auch etwas Sanftes Beruhigendes und zugleich aber auch, wenn es sein musste, Trotziges, Widerspenstiges in der Stimme


Pleitgen ist nicht der allwissende Journalist, der selbstgerechte Interpret des Weltgeschehens. Er schaut hin, deutet, analysiert, zweifelt, berichtet das, was ist, was er sieht und was werden könnte: zum Beispiel der Fall der Mauer in Berlin. Pleitgen ist immer allein von Neugier getrieben, der Berufsvoraussetzung für Journalisten, eben ein „Alter Hase“ und „Urgestein des Fernsehjournalismus“, wie die Branche solche Gestalten nennt. Ein Außenpolitikversteher, wie es nur selten noch welche gibt.  
Wir erfahren auch die Tricks, wie man den Kommunismus und seine Zensurallüren umgehen konnte, die Schwierigkeiten der Fernsehberichterstattung, das alles wird von ihm immer mit einer Portion Humor versehen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, auch wenn man doch eigentlich mit ihm mitten drin steht. 


Eindrucksvoll, dass Pleitgen Kohl und Brandt gemeinsam vor die Kamera brachte, ein Gespräch, das er zurecht im Wortlaut abdruckt. Ebenso ein Interview mit dem Leiter der Stasiunterlagenbehörde Roland Jahn. Immer wieder trickst Pleitgen die Stasi aus, um die Dissidenten in der DDR zu Wort kommen zu lassen, etwa Heym und Havemann und Biermann. Wir gewinnen ein „farbiges“ Bild des grauen DDR-Alltags.
„Eine unmögliche Geschichte – Als Politik und Bürger Berge versetzten“ ist ein sehr persönliches Geschichtsbuch, das sogar die Schilderung der eigenen Krebserkrankung als „Zwischenkapitel seiner Lebensgeschichte“ gut verkraftet. „Der Zwang zum Schreiben hat mich komplett von meiner Krebserkrankung abgelenkt.“ 


Dass sein Hausverlag Kiepenheuer und Witsch in Köln das Buch nicht ins Programm nahm, Pleitgen erwähnt es, ist mehr als verwunderlich. Den Verlagen HERDER und KEYSER sei Dank, dass sie es auf den Buchmarkt gebracht haben. 

 

Fritz F. Pleitgen, geboren am 21. März 1938 in Duisburg, besuchte Gymnasien in Bünde und Bielefeld. Ab 1952 war er als freier Mitarbeiter bei der „Freien Presse“ tätig. Von 1959 bis 1961 absolvierte er ein Volontariat in verschiedenen Zentralredaktionen und Außenstellen. 1963 wechselte er zum WDR-Fernsehen. Er war dort bis 1970 als Reporter für die „Tagesschau“ und für Sonderberichte tätig. 1970 begann Pleitgen seine langjährige Tätigkeit als Fernsehkorrespondent für die ARD. Für sieben Jahre berichtete er als Korrespondent des ARD-Studios Moskau aus der Sowjetunion. Im Anschluss übernahm er für fünf Jahre die Leitung des ARD-Studios DDR in Ostberlin. 1982 ging er als Leiter in das ARD-Studio Washington und war ab 1. Juli 1987 in gleicher Funktion im ARD-Studio New York. 1988 kehrte Fritz Pleitgen zum WDR nach Köln zurück und wurde zum Chefredakteur Fernsehen und Leiter des Programmbereichs Politik und Zeitgeschehen berufen. Danach war Pleitgen Hörfunkdirektor des WDR, vom 1. Juli 1995 bis zum 1. April 2007 Intendant des Westdeutschen Rundfunks. Seit 2011 ist Pleitgen Präsident der Deutschen Krebshilfe.

Die Weihnachts-Bücher-Box 4

Shoppen nicht mehr in Mode - aber wann?

J.B. MacKinnon Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen Wie ein Ende der Konsumkultur uns selbst und die Welt rettet PENGUIN


So kurz vor Weihnachten entsteht geradezu zwangsläufig der Gedanke: Was verschenke ich? Seit Jahren haben wir verabredet, dass wir in unserer Familie nichts Großes mehr verschenken, allenfalls kleine Aufmerksamkeiten. Die Schränke sind voll. Immer wieder stellt man sich aber die Frage: Wem schadet dieser Konsumverzicht? Ist er sinnvoll? Kann er etwas bewegen, oder ist das nur eine aufs Selbst bezogene Einstellung, die mehr oder weniger gar keinen Sinn hat. Lassen wir die Frage offen, denn J.B. MacKinnon hat das ultimative Antwortbuch für unsere Fragen geschrieben – erschienen bei PENGUIN. 
Schon eingangs lesen wir in allergrößter Druckschrift, was Schlauberger einst niederschrieben – etwa der Philosoph Seneca: „Arm ist nicht, wer wenig hat, sondern wer sich mehr wünscht.“ Oder Mahatma Ghandi: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“ 


Im Vorwort schon stellt der Autor unsere Jäger-und Sammler-Mentalität in Frage: Wie viel Jeans brauchen wir eigentlich in unserem Klamottenschrank? Die Antwort lautet: „Wir müssen aufhören Zeug zu kaufen, aber wir können nicht aufhören Zeug zu kaufen.“ Und unsere Kaufrausch-Gegenmaßnahmen sind oft wirkungslos: Wir verbieten Strohhalme und Plastiktüten, zugleich explodiert die Kunststoffproduktion.

 

Würden wir unseren materiellen Besitz über unserem Planeten auf der Oberfläche schön verteilen, käme pro Quadratmeter ein Haufen von 50 Kilogramm zusammen. Aufgehäuft ein kleines TV-Gerät, eine Ananas, ein Toaster, ein paar Schuhe, den Betonklotz aus dem Steingarten, ein Winterreifen, eine Jahresration Käse und ein Haushund. Das hat der Autor für den Durchschnittsamerikaner berechnet. Die Ausgangshypothese des Buches lautet: „Nehmen wir an, die Welt hört eines Tages auf, einkaufen zu gehen.“ Was passiert dann?

 

Von den ersten Tagen des Verzichts bis zur Transformation der Konsumgesellschaft 150 000 Jahre später reicht die experimentelle Prognose in diesem spannenden Buch. Wie das alles ausgeht, lesen sie in dem Konsum-Thriller. Hier sei das Ende vom Ende nicht verraten. Ich werde weiter an Weihnachten auf Konsum verzichten und ihn zugleich ankurbeln, den Buchkonsum nämlich, also dieses Buch verschenken.

 

Die Weihnachts-Bücher-Box 3

Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt

Der Weihnachtsbuch-Tipp zum Regierungswechsel.
Das glanzlose Ende deutscher Kanzlerschaften im Buch von

 

Peter Zudeick Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt. Vom Ende deutscher Kanzlerschaften WESTEND


Auch Angela Merkel verabschiedet sich wenig rühmlich von der Berliner Bühne. Deutschland ist angesichts der blassen, ja taumelnden Politik merkelmüde geworden. Und so ergeht es der Kanzlerin nicht anders als ihren sieben Vorgängern. Konrad Adenauer musste aus dem Amt getragen werden, Ludwig Erhard wurde rausgeschubst, Willy Brandt zum Rücktritt gezwungen, Helmut Kohls Kanzlerschaft endete in Skandalen, und Gerhard Schröder kegelte sich selbst aus dem Spiel. Mit seinem neuen Buch erzählt Zudeick von einem eigenartigen und ganz besonderen Phänomen: dem immer wieder bitteren Ende deutscher Kanzlerschaften. (WESTEND)


Es soll ja Kanzlerkandidaten gegeben haben, die vor den Schutzgittern des Kanzleramtes standen und heftig an den Gitterstäben rüttelten, um da hinein zu kommen. Aber wer rüttelte je von der anderen Seite? Zu Rücktritten drängt niemand gerne, schon gar nicht, wenn der Herr oder die Dame am Kabinettstisch auf dem Kanzler“thron“ gesessen hat. Nun haben wir den Abgang der „Sie-kennen-mich“-Kanzlerin erlebt - doch dazu später, denn Peter Zudeick geht in seiner Kanzler-Revue der Rücktritte weit zurück, eben bis zu Konrad Adenauer, dem Kanzler aller Kanzler. Der wurde am Ende, so Zudeick, ziemlich rüde aus dem Amt gedrängt.

 

Ludwig Erhard, der Zigarrenwirtschaftswunder-Kanzler, war sowieso nur ein Übergangsregierender. Kurt Georg Kiesinger war gar nicht so scharf darauf, Deutschland zu regieren. Dritter Bundeskanzler. Drei Jahre im Amt. Die große Koalition schickte ihn nach Hause ins Schwäbische. Willy Brandt ging in die Falle der Guillaume-Affäre und wurde Opfer der „Intrigen und Hinterhalte“ der Sozialdemokratie. Man könnte auch sagen, Wehner stellte das Bein. Und schon sind wir beim Flutenbewältiger und Kommandokanzler Helmut Schmidt, dem der NATO-Doppelbeschluss und die eigene Partei SPD irgendwann im Wege standen, und er vortrat, um zurück zu treten. Koalitionspartner Genscher hatte die Seiten gewechselt, Helmut Kohl untergehakt und schon war der Pfälzer Kanzler.

 

Die Altliberale Hildegard Hamm-Brücher sagte damals in einer flammenden Rede im Parlament, dass dieses „zwar neue Mehrheiten, aber kein neues Vertrauen in diese Mehrheiten“ schaffe; ein „Machtwechsel ohne vorheriges Wählervotum“ habe das „Odium des verletzten demokratischen Anstands“. Hamm-Brücher sagte: „Ich finde, dass beide dies nicht verdient haben, Helmut Schmidt, ohne Wählervotum gestürzt zu werden, und Sie, Helmut Kohl, ohne Wählervotum zur Kanzlerschaft zu gelangen.“ Das saß, und Kohl schäumte. War aber Kanzler geworden. Irgendwann – nach 5869 Tagen stolperte Kohl über den Parteispendenskandal – auch kein schöner, angenehmer Rückzug. Gerhard Schröder richtete sich mit seinem Neuwahl-Appell nach der zweiten Amtszeit und mit dem Hartz 4-Konzept selbst. Und dann kam Angela. 


Peter Zudeick nimmt mit seinem Buch die Kanzlerdemokratie aufs journalistische Korn und richtet den klarklugen Blickwinkel weniger stark auf Amtszeiten, sondern mehr auf  schleichende Übergänge. Wolfgang Schäuble - nie Kanzler - schrieb über seinen Rücktritt: „Ich war wie die meisten sprachlos, und ich bin´s bis jetzt.“ Offenbar hatte er wie viele eine Erkenntnis des Talkmasters Harald Schmidt außer Acht gelassen: „Man muss nur genügend Leute haben, die für einen zurücktreten.“ 
Die deutsche Demokratie aus Kanzlerperspektive zu beschreiben, ist in der Politikwissenschaft und im deutschen Journalismus gar nicht so breit analysierend vertreten, wie man annehmen könnte. Deshalb ist Zudeicks Buch verdienstvoll, zur jetzigen Zeit einmal den vollen Kanzler-Überblick zu geben, denn mancher Zusammenhang ist längst dem Vergessenheits-Gen anheim gegeben. 


Merkels Kanzlerschaft war zwar ein selbstgewählter Abgang, weniger durch Druck der Kollegen, aber so ganz überzeugend ist ihr Nichtwiederkandidieren auch nicht gerade gelungen. Nachfolgerin im Parteiamt gescheitert. Nachfolgerkandidat im Kanzlerduell gescheitert. CDU in der Opposition. AfD geboren. Ein Prozess der „Selbstverzwergung“ der CDU, was die Sozialdemokraten bereits erfolgreich hinter sich hatten. 


Zudeick schreibt als alter “Radiohase“ knapp, klar, verständlich, plastisch, ironisch, zitatenreich. Gut lesbar. 


Einst wollte ein Kanzler mehr „Demokratie wagen“, nun wagen wir den Fortschritt. Es wird wohl einige Zeit ins Land gehen, bis wir den Übergang von Scholz zu …, na ja, das wissen wir ja noch nicht, wer es dereinst werden wird. 


Fortsetzung folgt? 


Bis dahin und zum kommenden Zeitpunkt eines Kanzlerwechsels soll von mir aus der Grundsatz eines steinalten chinesischen Philosophen gelten. Konfuzius, 551-479 vor Christus: „Wird man gebraucht, erfüllt man seine Pflicht. Wird man nicht mehr gebraucht, so zieht man sich zurück“. Jetzt möchte man BASTA sagen!

 

Die Weihnachts-Bücher-Box 2

Deutsche Sprache - schön geschrieben

Hauke Goos Schöner schreiben 50 Glanzlichter der deutschen Sprache von Adorno bis Vaterunser DVA SPIEGEL BUCHVERLAG

In diesem Buch findet der Leser Prosastellen, Sätze, Absätze, kurze Passagen, ein paar Seiten. Es ist eine Stellen-Suche, auf der Spur die schöne deutsche Sprache zu finden. So heißt es bei dem Schriftsteller Jörg Fauser, dass eine Sucht auch darin liegt: „Immer auf der Suche nach einem Satz (zu sein), der mehr sagt, als du weißt.“ 


Der SPIEGEL-Kolumnist Hauke Goos ist dieser Sucht verfallen. Er sammelt Texte. Dem Autor gefällt zum Beispiel ein Satz über Kafka: “Zu hellsichtig, um zu leben, zu schwach, um zu kämpfen.“ Ein Kästner-Satz aus dem FLIEGENDEN KLASSENZIMMER ist festzuhalten: „Er wusste, dass man mit dem Trösten nicht zu früh beginnen darf.“ Hannah Arendts BANALITÄT DES BÖSEN über den Nazi Eichmann reiht sich an das VATER UNSER, es folgt die Reportage über die Fußball-Weltmeisterschaft 1954: „Rahn müsste schießen.“ Was für ein appellativer Satz, der Wirklichkeit wird.

 

Elias Canetti kommt zur Erkenntnis: „Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes.“ Corona lässt grüßen. Karl May weiß in Winnetou III: „Winnetou wird sterben.“  Ein Zitat aus einem SPIEGEL-Interview fasziniert. SPIEGEL: „Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung…“ ADORNO: „Mir nicht.“ Was für eine grandiose Antwort. Was für eine Wörter-Wucht.

 

Der Brief des Verlegers Siegfried Unseld vom Suhrkamp-Verlag zerschneidet das Freundschaftsband zu seinem grimmigen Autor Thomas Bernhard, der ewig über die Verträge nörgelt. Nach Jahren der Freundschaft reißt Unseld der verlegerische Geduldsfaden mit dem Dauer-Grantler: Für Unseld ist die Schmerzgrenze erreicht „…und sie desavouieren den Verlag, ich kann nicht mehr, ihr Siegfried Unseld.“ Die Gewalt der Worte wird etwas minimiert, weil Unseld sie in Kleinschrift abfasste. Bernhard antwortet lakonisch: „…dann streichen Sie mich aus ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis.“ Ende einer langen Freundschaft, wenn es denn eine war.

 

Kapitelweise listet der Autor weitere Fundsachen aus dem literarischen Leben auf: Adalbert Stifters Wort von der „todesstillen Majestät“, Patrick Süskinds Formulierung: „Sie hatten zum ersten Mal etwas aus Liebe getan.“, Joschka Fischers Beleidigungsanrede: „Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch“, eine unbekannte Todeszeige oder „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“, das alles sind einprägsame, faszinierende und wirkende Sätze. Ob immer Weltliteratur, sei dahingestellt, schön geschrieben sind sie allemal und originell in diesem Buch zusammengestellt. 


Mein Favorit ist Samuel Beckett, der Dialog zwischen Estragon und Vladimir in seinem Theaterstück: „Warten auf Godot“:


„ESTRAGON: Lass uns gehen!
VLADIMIR: Das können wir nicht.
ESTRAGON: Warum nicht?
VLADIMIR: Wir warten auf Godot.
ESTRAGON: (verzweifelt) Ah!“

 

Hauke Goos Schöner schreiben 50 Glanzlichter der deutschen Sprache von Adorno bis Vaterunser DVA SPIEGEL BUCHVERLAG

Die Weihnachts-Bücher-Box 1

Delius schweigt ganz gerne

Bis Weihnachten finden Sie hier jeden Tag einen neuen Buch-Tipp für den Gabentisch

Friedrich-Christian Delius Dies sieben Sprachen des Schweigens rowohlt BERLIN  

 

Das Buch für sprachverliebte Leser, die das Spiel mit dem Wort lieben


Ein Gang mit Imre Kertész durch Jena. Ein befreiendes Erlebnis in Jerusalem. Eine Rückkehr aus dem Jenseits eines dreiwöchigen Komas. Drei elementare autobiographische Erfahrungen verdichtet Friedrich Christian Delius zu einem großen Text über das Widerspiel von Schweigen und Sprechen, wobei er das Schweigen als Ausgangspunkt und Angelpunkt allen Sprechens und Meinens würdigt. (rowohlt Berlin)

 

Es sind also drei Textebenen, die Delius in seinem neuesten Buch kombiniert, um auf die Spur des eigenen Schweigens zu kommen. Worin liegen die Gründe dafür, warum Delius meint: „Schweigen ist gold“? Im ersten Text ist der Schriftsteller Gast eines deutsch-israelischen Schriftstellerkongresses in Jerusalem. Was soll man da sagen? Delius, Pastorensohn, berichtet von Kindheitserfahrungen mit der Bibel, um die Isaak-Frage kreisend: Danach hatte Gott von Abraham gefordert, er möge ihm seinen Sohn als Vertrauensbeweis opfern. 


Delius kommt vom Religiösen, Familiären zum Politischen: Wie kann man in Jerusalem über Frieden zwischen den Palästinensern und Israelis sprechen, wenn es nicht einmal gelingt, den Frieden in der eigenen Ehe, in der eigenen Wohnung herzustellen. 


Der Autor arbeitet sich auch autobiographisch an der „doppelten Autorität“ seines Vaters ab, der Pfarrer war und sich nach dem Krieg als „Herr des Hauses etablierte“. 


Delius schreibt also autobiographische Erfahrungen auf, Familiäres; Persönliches, Vergangenes und Gegenwärtiges, erzählt von der Arbeit des Schriftstellers, obwohl er es eigentlich der Peinlichkeiten wegen für überflüssig hält, darüber zu berichten. Trotz dieses persönlich erwähnten Vorbehalts gelingt es ihm, auf 187 Seiten beredt zu formulieren, wie die Sprache und das Schweigen zusammenhängen.


Wir erleben Delius als einen viel sagenden Wortkünstler. Wie beiläufig erfahren wir auch, was Schriftsteller auf ihren Lesereisen so erleben. Wie ist das zum Beispiel beim Beifall an Leseabenden? Er kann unterschiedlich ausfallen: spärlich, kühl, müde, pflichtschuldig, anerkennend, kurz und heftig, warm, begeistert, stürmisch, begeistert je nach Text und Ort und Tagesform des Autors. 


Schon Dürrenmatt hat gesagt - und davon lernt Delius - ein Gedanke, einmal gedacht, kann nicht mehr zurückgenommen werden, und so fließen die Worte und der Text über das Nichtzusagende, Wortlose, Schweigsame.


Für Delius existiert die Kunst des bewussten und aktiven Schweigens. Er fürchtet, sich mit unzulänglichen Wörtern zu bequem oder ins Beliebige hinein zu plappern. Delius kritisiert die eigenen Kollegen, die das publizistische Scheinwerferlicht zum Beispiel auf Führergestalten, Diktatoren, generelle Kommandanten, auf höhere und niedere, auf tote oder im Ruhestand befindliche Mörder in Büchern, Filmen und Debatten konzentrieren, die mehr beachtet werden, als nötig ist, weil sie damit stets aufs Neue auf den Sockel gehoben werden, aufgeblasen mit Geheimnissen einer gewissen Aura und Spitzenplätzen auf Bestsellerlisten, somit gekrönt. Wie hieß einst ein Werbeslogan auf einer Time-Life-Videokassette: „Hitler zum Kennenlernpreis“. 
Der Schriftsteller versteht es auch nicht, warum das allgemeine Töten in Reihe, also am laufenden Band, in den Medien so in Mode ist, reale Taten oder erfundene, auf allen Projektoren, Druckmaschinen und Datenautomaten multipliziert werden. Es ist das sogenannte Böse unterwegs. Delius registriert die Erotik des Bösen, die Infantilität der Bösen, die Monotonie der Bosheit, die Verliebtheit in Katastrophen, die Anbetung des Todes. Die Klischee-Maler sind unterwegs, mit ihrem Kult um die Gangster. 


Delius liebt die wortlose Verständigung. In der Abwesenheit von Wörtern sieht er die Anwesenheit einer besonderen Aufmerksamkeit. Er spürt dann ein aufmerksames Schweigen. 


In der zweiten Erzählung ist er mit dem Nobelpreisträger Imre Kertész unterwegs, ein kurzer gemeinsamer Spaziergang nur. Sie sind für ein paar Minuten während ihres Unterwegsseins „Komplizen des Schweigens“. Was soll Delius jetzt zu ihm sagen, mit ihm sprechen, diskutieren, meinen? Jetzt Meinungsgefechte? Sie verändern ja nichts. Politische, aktuelle, schnell vergängliche Meinungen - darüber jetzt auf der Straße zu streiten, erscheint ihm als eine unnütze kommunikative Übung. Das erspart er sich. Es ist unproduktiv, aber sein Schweigen ist kein erzwungenes, sondern ein von eigenen Schwächen bestimmtes Schweigen. Denn Delius beschreibt, wie er selbst in der Kindheit erst zum Stotterer wird und dann das Schweigen lernt. 


Warum ist Delius Schriftsteller? Seine einzige Stärke liegt darin, so schreibt er, mit der Sprache zu spielen, aus ihrem unendlichen Fundus das Beste, das Originellste, das Frechste, das Schlaueste, das Witzigste herauszuholen. Er muss sich ganz auf das Schriftliche werfen und all die Hindernisse der Mündlichkeit des Sprechens vergessen.


Schweigen wird zu seinem Markenzeichen, als Student, als Lektor und Autor. Delius nimmt die Rolle des Langweilers und der durch Schweigen entstehenden Missverständnisse darob in Kauf. Erst spät begreift er, dass aus seiner Sprachbehinderung, den sprachlichen Qualen und aus dem Schweigen seine Liebe zur Sprache erwachsen ist. Das Stottern hat ihm geholfen, die vorgegebene Sprache und die naheliegenden, die fertigen Begriffe, einfach nicht zu akzeptieren.


Der am meisten autobiographisch akzentuierte Text ist das dritte Kapitel, in dem der Autor von seiner schweren Lungen-Viruserkrankung erzählt (kein Corona), die eine Intubation zwingend erforderlich machte. Delius hat Nahtod-Erfahrungen, erlebt Halluzinationen im Koma-Delirium und neue Schweigeerfahrungen, neue Sprachlosigkeiten.  


Auf Seite 121 listet Delius dann die Sprachen des Schweigens auf: Man schweigt aus Angst vor dem Autoritären, aus Angst vor Dummheit und Unwissenheit, aus Schüchternheit und Respekt, aus Verlegenheit und Unentschiedenheit, wegen Überlegenheit von Besserwissern und Schlaubergern, aus Faulheit, die auch im Denken liegen kann, und es gibt das Schweigen vor der Macht, die immer ihren strategischen Vorteil sucht, andere irritiert, Mitleid und Interesse provoziert.
Ein vielsagendes Buch über Sprache und Sprachlosigkeit in der Sprechblasen-Tweet-Gesellschaft, die große Netzwerke für derlei Sprachlosigkeiten bereithält. 

Die talentierte Mrs Highsmith

So viel Patricia Highsmith geschrieben hat, eines hat sie immer ausgeklammert: sich selbst. Deshalb war es eine Sensation, als nach ihrem Tod 1995 Notizbücher gefunden wurden, die sie nahtlos seit ihrer College-Zeit geführt hatte. Eine Frau, die um die halbe Welt reiste, mindestens zwei Leben gleichzeitig führte und aus einer kühlen Halbdistanz psychologische Romane über elementare Themen schrieb wie Liebe, Fremdsein und Mord. (DIOGENES)

 

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Edgar Selge - auf der Suche nach der verlorenen Zeit

 

Das literarische Debüt von Edgar Selge: Ein Zwölfjähriger erzählt seine Geschichte zwischen Gefängnismauer und klassischer Musik. Exemplarisch und radikal persönlich. Eine Kindheit um 1960, in einer Stadt, nicht groß, nicht klein. Ein bürgerlicher Haushalt, in dem viel Musik gemacht wird. Der Vater ist Gefängnisdirektor. Der Krieg ist noch nicht lange her, und die Eltern versuchen, durch Hingabe an klassische Musik und Literatur nachzuholen, was sie ihre verlorenen Jahre nennen. (Rowohlt)

 

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Freddy Mercury - the King of QUEEN

Freddie Mercury war eine der schillerndsten Figuren der Rockgeschichte. Exzentrisch und schüchtern, ausschweifend und bescheiden. Über kaum einen Rockstar wurde so viel berichtet wie über den Frontmann von Queen, doch über seine Jahre in München von 1979 bis 1985 ist wenig bekannt. Dieses Buch soll das ändern. Es schildert Monat für Monat, manchmal Tag für Tag Freddies genussvollen Lebensstil in der Isarmetropole. (HEYNE HARDCOVER) 

 

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111 Orte zum Ebbelwoi-Genuss

Schon Karl der Große wusste um seine große Bedeutung, er ließ in einer Landgüterverordnung Qualitätskriterien für den Ebbelwoi niederlegen. Das kühle süffigsaure Nationalgetränk der Hessen und Zugereisten („Oigeplackte“) hat Tradition und trotz Corona gute Zukunftsaussichten. Ebbelwoi ist getrunkenes Lebensgefühl, nicht nur in der Äppler-Metropole Frankfurt am Maaaa zu Hause, dort, wo die Kellner immer einen lockeren Spruch, aber auch eine raue Schale im unmittelbaren Kundenkontakt draufhaben. 

 

Den Nazi-Asketen passte der Stöffche-Anarchismus nicht ins reine Weltbild, aber die Demokratie mag das erfrischende, kalorienarme, gesundheitsfördernde, weil alkoholarme Genussgetränk, das auch von Damen gerne zu Gemüte geführt wird. 


Laszlo Trankovits, dpa-Korrespondent-a.D. und weitgereister Weltenbummler ist bekennender Frankfurt-Fan und deshalb am Main ansässig geworden. Darum liegt ihm das Fußballschicksal der Eintracht wirklich sehr am Herzen, aber eben auch die Ebbelwoi-Kultur. Und so hat er mit diesem Buch „111 ORTE RUND UM DEN ÄPPELWO, DIE MAN GESEHEN HABEN MUSS“ dem Getränk ein Buch-Denkmal gesetzt, denn noch hat sich die UNESCO leider nicht entschlossen, die Ebbelwoi-Kultur ins immaterielle Kulturerbe aufzunehmen. 


Es gibt viele Schreibweisen für das Gesöff, man entscheide sich in der Hauptsache zwischen E und Ä, ich bevorzuge das E für Ebbelwoi statt Äppelwoi.


Otto Höpfner und Heinz Schenk mit Lia Wöhr gemeinsam waren die frühen Ebbelwoi-Fernsehepigonen der „Blauen Bock“-Ära, die im Buch nur am Rande erwähnt werden. „Zum Blauen Bock“ war eine Familien-Unterhaltungsshow mit Musik und Sketchen im Ebbelwoi-Ambiente, die vom Hessischen Rundfunk von 1957 bis 1987 also 30 Jahre lang produziert wurde.


Trankovits führt uns lieber ins richtige Ebbelwoi-Leben, in dem es kein falsches geben kann. Die Adorno-Päpste der satirischen „Neuen Frankfurter Schule“ kommen eben auch zu Wort. Wir sind zu einem farbigen Kurzbesuch im Äppelwoi-Theater, besichtigen Manufakturen und Straußwirtschaften, Keltereien und Traditionslokale, Großbetriebe, Trendkneipen, „Gaddewirtschaften“.

 

Wir begleiten den Autor touristisch auf den Apfelweinweg, sind zu Gast in der Rockbühne „Batschkapp“, wo ein Mixgetränk ausgeschenkt wird, bestehend aus Apfelwein, Holunderbeersaft mit einem berauschenden Hanfaroma. Die hanfbeseelten APO-Opas und rockbetagten Alt68er grüßen. Trankovits lässt die Alternativszene und hessische Bürgerlichkeit Seit‘ an Seit‘ auftreten. 


Wir riechen förmlich das Stöffche beim Lesen. 


Der Autor zeichnet in süffigen Worten das Kneipenambiente und die Wirtshausgemütlichkeit auf und beschreibt genauso informativ wie Hessen-Designerkram in Bembeltown aussieht oder was man in der Kneipe auf Schienen erlebt, eben in jenem „Ebbelwoiexpress“, der elektrisch fährt und auf CO2-Ausstoss immer schon verzichtet hat. 
Das Ambiente, das Flair, die Eigenarten, das Typische, das Gemütliche, das Verrückte wird hier genauso genau betrachtet wie der Spezialitätenjazz oder etwa Denkmäler wie der Frau-Rauscher-Brunnen. Kommt rein ihr Ebbelwoi-Fans ins „Gemalte Haus“ oder die „Gerbermühle“, ins „Kanonesteppel“, ins „Größenwahn“!


Auch das Kulturelle und Touristische kommen nicht zu kurz: Trankovits beachtet auch das „Grie-Soß-Denkmal“. Kabarettbühnen und Musiklokale dürfen genauso wenig fehlen wie Metzgereien der Fleischwurscht-Fleischeslust oder Ausflugsdampfer, in denen das Volksgetränk Ebbelwoi mit an Bord geht. Äppelwoi ahoi!


Das Stoltze-Museum des legendären Mundartdichters und lokale Bauernmärkte fehlen ebenso wenig wie die genauen Adressen der Lokalitäten, Öffnungszeiten, speziellen Tipps und Eigenarten der Ebbelwoi-Stuben. Ohne zu religiös zu werden, das Buch ist die ultimative „Ebbelwoi-Bibel“. Und Glaubensbekenntnis zugleich. So bleibt nur noch eins wie im Volksmund zu sagen: „Ob Apfelwein, ob Äppler oder Schobbe, es ist und bleibt en gude Drobbe.“

 

Laszlo Trankovits 111 Orte rund um den Äppelwoi die man gesehen haben muss emons

 

Ein Leben für die Literatur: HD Zimmermann

Der bekannte Berliner Literaturwissenschaftler Hans Dieter Zimmermann erinnert sich mit 80 Jahren seiner Kindheit in Krieg und Nachkriegszeit, an den Besuch des Stefan-George-Gymnasiums in Bingen am Rhein, an das Studium in Mainz und Berlin mit Auseinandersetzungen und Kontroversen. Sein Glück ist die Begegnung mit Autoren der Gruppe 47, die ihm den Weg ebneten: sein Doktorvater Walter Höllerer an der TU Berlin, seine Habilitation bei Hans Mayer an der Universität Hannover, seine Arbeit an der West-Berliner Akademie der Künste von 1969 bis 1975, in der er weitere Autoren der Gruppe 47 traf und bedeutende Emigranten, schließlich seine Reisen nach Prag im Auftrag von Günter Grass zur Unterstützung der Dissidenten um Pavel Kohout und Václav Havel. Seine eigene Familie, der Vater war Mitglied der SS, bildet einen scharfen Kontrast zu der Familie seiner Prager Frau, deren Vater als Widerstandskämpfer im KZ Mauthausen einsaß. (WIESER VERLAG)

 

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Jo Lendle über eine "Art Familie" 

Man sucht sich die Zeiten nicht aus, in die man gerät und die einen prägen. So wie Lud und Alma. Lud, 1899 geboren, und sein Bruder Wilhelm verehren Bach und Hölderlin und teilen dieselben unerreichbaren Ideale. Wilhelm, der früh in die nationalsozialistische Partei eintritt, misst andere daran, Lud sich selbst, was ihn ein Leben lang mit sich hadern lässt. Alma hat ihre Eltern schon als Kind verloren. Ihr Patenonkel Lud, wenig älter als sie selbst, und seine Haushälterin werden ihr eine Art Familie werden. Als Professor für Pharmakologie erforscht Lud den Schlaf und die Frage, wie man ihn erzeugen kann. Während er die Tage an der Universität verbringt, kann Alma zu Hause nicht aufhören, an ihn zu denken. Als er beginnt, Giftgas zu erforschen, erzählt er ihr nichts davon. Sein Ringen mit den hehren Idealen wird verzweifelter. Denn da ist auch noch Gerhard, an dessen Seite er im Ersten Weltkrieg kämpfte, den er nicht aus seinem Kopf bekommt. 

Vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus und die junge DDR bis in die Bundesrepublik der Nachkriegszeit führt Jo Lendles raffiniert erzählter Roman über das Zerbrechen einer Familie, über Schuld, über Wissenschaft und ihr Verhältnis zur Welt und die feinen Unterschiede zwischen Schlaf, Narkose und Tod. Es ist die Geschichte einer deutschen Familie – zufällig seiner eigenen. (PENGUIN)

 

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Abschied von Angela

Das mächtigste Amt der deutschen Politik hat noch niemand freiwillig aufgegeben – außer Angela Merkel. Bis zum Ende ihrer Amtszeit hat sie hohe Zustimmungswerte erhalten, immer wieder hat sie sich als Krisenmanagerin bewährt. Und so schätzen sie die Deutschen: Angela Merkel ist so pragmatisch, wie Helmut Schmidt es gerne gewesen wäre. Ideologien, Weltanschauungen, Grundsatzfragen interessieren sie wenig. Unaufgeregt schlachtete sie mehrere heilige Kühe der Christdemokraten, etwa die Wehrpflicht oder die Kernkraft. Kritiker warfen ihr deshalb vor, ihr einziges Programm sei es, Kanzlerin zu sein.
Und doch hat sie, ideologiefrei, visionslos, eine Ära der deutschen Politik geprägt: Die Jahre von 2005 bis 2021 sind eindeutig die Merkel-Jahre. Jetzt, da diese Ära zu Ende geht, ist es Zeit, sie genauer anzusehen: Was bleibt? Wurde da «nur» pragmatisch regiert, oder sind Entwicklungen in Gang gesetzt worden, die über den Tag hinausweisen? Ja, die gibt es, sagt Ursula Weidenfeld, und sie werden entscheidend sein für unsere nächsten Jahre.
Dieses Buch ist mehr als eine Bilanz. Es versucht, dem Phänomen Merkel gerecht zu werden – und zeichnet das Bild einer Frau, die Deutschland verändert hat. (rowohlt Berlin)

 

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Von schrägen Vögeln und Salti des Lebens

Irgendwann kommen wir alle an den Punkt, an dem wir uns fragen: Soll mein Leben so weitergehen wie bisher oder soll es anders werden? Wer taugt dann als Kompass? Influencer, die sich super finden? Aktivisten, die in der Tagesschau landen? Oder die Stillen, die in der zweiten Reihe sitzen? Für die Journalistin Gisela Steinhauer ist die Antwort klar: Die originellsten Wege zeigen „schräge Vögel“, die ihre Flugrichtung ändern. In diesem Buch treffen sie aufeinander. (WESTEND)

 

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Bali: Kochen mit den Göttern 

Bali, wo die Götter auf dem Vulkan wohnen, die Regenwälder und Reisfelder vor Fruchtbarkeit strotzen, wo das Erbe der Vergangenheit breit verwurzelt bis in die Gegenwart reicht und die Menschen mit derart viel Hingabe leben – an diesem Ort sind Spiritualität und Essen untrennbar miteinander verknüpft. Die beiden Autorinnen haben sich auf den Weg gemacht, dieses Netz von Glauben, Aberglauben, Symbolik, Ritualen, Handwerk und gutem Essen zu entdecken. Sie möchten dazu beitragen, den Bali-Spirit zu verbreiten: Ein genussvolles Leben im Einklang mit der eigenen Spiritualität, der Natur und den Mitmenschen – eng verbunden mit gutem Essen.

 

Gesammelt haben die Fotografin Vivi D'Angelo und die Foodexpertin Antje de Vries begeisterte, neugierige und genussvolle Blicke auf die enge Verknüpfung von Spiritualität und Essen auf Bali, im Alltag und an den Feiertagen. Ergänzt durch Rezepte, die den authentischen Geschmack, aber auch persönlichen Spielraum eröffnen und erzählt in einem sehr persönlichen Reisebericht, der weit hinter die Kulissen der Urlaubsinsel reicht. (südwest)

 

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Die Welt der Bücher retten: Bibliotheken

Die schüchterne June Jones lebt in dem britischen Dorf Chalcot und ist mit Leib und Seele Bibliothekarin. Ihre besten Freunde sind die Menschen, denen sie Tag für Tag bei ihrer Arbeit begegnet: der alte Stanley, dem sie mit dem Computer hilft, Chantal, eine Schülerin, die zu Hause keine Ruhe zum Lernen hat, Leila, eine geflüchtete Frau, für die sie Kochbücher heraussucht. Außerhalb der Bibliothek bleibt June allerdings gern für sich – und in Gesellschaft ihrer Bücher. Junes wohlgeordnetes Leben gerät aus den Fugen, als die Gemeinde mit der Schließung der Bücherei droht. Und dann trifft sie auch noch Alex wieder, einen alten Schulfreund, für den sie bald ganz neue Gefühle entwickelt. Widerwillig erkennt June: Sie muss raus aus ihrer Komfortzone! Also engagiert sie sich in einer Gruppe, die für den Erhalt der Bibliothek kämpft, erst heimlich aus Angst vor ihrer Chefin, dann ganz offen und selbstbewusst. Alex, der Anwalt ist, unterstützt sie hierbei nach Kräften.

Während June alles tut, um ihre Welt aus Büchern zu retten, lernt sie viel über sich selbst – und darüber, wie wichtig Freundschaft, Gemeinschaft und nicht zuletzt die Liebe sind …DUMONT

 

Eine Leseratte schreibt übers Leseglück

Martin Latham Vom Glück zu lesen Über Bücher Schriftsteller und meine Buchhandlung in Canterbury

 

Ob Trost oder Erkenntnis, ob Reisen in andere Welten oder Analysen unserer Realität – Bücher bieten all das und noch viel mehr. Wir tragen sie überall mit uns herum und behalten die wichtigen Lektüren unseres Lebens für immer in unseren Herzen. Wir atmen den Geruch ihrer Seiten ein, kritzeln etwas hinein und schützen sie vor Bücherdieben und Badewasser. Dieser lebenslangen Liebe widmet sich der Buchhändler Martin Latham in seinem inspirierenden Buch. Er erzählt von Schmugglern, Bibliothekaren, besessenen Sammlern und den Rolling Stones. Wir erfahren, welches Buch Marilyn Monroe verehrte, dass Napoleon bei jeder Schlacht Goethes Werther mit sich trug und natürlich auch von Martin Lathams Erlebnissen in seiner Buchhandlung in Canterbury. (DUMONT)

 

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Schreiben und zeigen, was ist: Stefan Aust


Stefan Aust prägt seit vielen Jahrzehnten das Gesicht des deutschen Journalismus. In seinen Memoiren zeigt er sich von seiner gewohnt kompromisslosen Seite – auch gegen sich selbst. Er brachte Ministerpräsidenten zu Fall und schrieb mit dem „Baader-Meinhof-Komplex“ das ultimative Kompendium zum Deutschen Herbst. Er prägte die journalistische Route des SPIEGEL und hob mit der Gründung von Spiegel-TV die investigative Recherche in die Primetime. Stefan Aust hat dem deutschen Publikum die journalistischen Tugenden des Bohrens, Nachfragens und Aufdeckens nähergebracht und ist dabei doch immer erstaunlich lakonisch geblieben.
 
„Ich bin wie der deutsche Forrest Gump” – Stefan Aust (PIPER)

 

Als ich diese Rezension zu schreiben begann, spielte mir mein Hirn einen Streich, ich wollte den Namen Aust schreiben und wählte Augstein. Nach dem Lesen der Autobiographie ist das auch kein Wunder. Zwar beschreibt Aust sich als Skeptiker, der am Straßenrand Geschichte beobachtet, sich nicht gemein macht mit den Dingen oder der Politik, er hat zwar eigene Meinungen, will skeptisch und kritisch Abstand halten. Das ist sein Credo. Er will beschreiben „Was ist“, wie einst Augstein seine Herausgeberrolle und die des SPIEGEL beschrieb. 


Mein freudscher Ver-SCHREIBER will also wohl heißen, Aust eifert Augstein nach. Er ist sein Vorbild und Chef, der ihn im Verlag gegen Widerstände der Belegschaft durchgesetzt hat, er bleibt auch nach seinem Ausscheiden als Chefredakteur des SPIEGEL sein Ideal. 
Die umfangreiche Autobiographie von Stefan Aust beginnt der erfolgreiche Journalist im Jahr 1946 mit seiner Familiengeschichte. Er beschreibt die Kindheit am Strom, der Elbe, wir lernen Aust als Schülerzeitungsredakteur kennen, er verdient sich seine ersten Sporen bei der linken Zeitschrift KONKRET, wo er mit Ulrike Meinhof, der späteren RAF-Terroristin zusammenarbeitet.

 

Später schreibt Aust durch seine intime Kenntnis der Terrorszene den Klassiker DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX, von Bernd Eichinger erfolgreich verfilmt. 


Apropos Sporen, Aust ist und bleibt Pferdenarr und Pferdezüchter sein Leben lang, auch als aktiver Reiter als Ausgleich zum Stressberuf. 
Ob Schah-Demonstration, das Attentat gegen Dutschke, Demonstrationen gegen Springer, Mond-Landungen, zahlreiche Auslandsreisen auch in unbekannte Gegenden der Welt als SPIEGEL-TV-Chefredakteur, immer ist Aust vornedran, erkennt politische Trends, hat seine journalistische Spürnase im Wind, obwohl ihm das Schreiben, auch das Kommentieren gar nicht so stark liegt, wie er selbst gesteht.
Sein Ding ist gestalten, die journalistische Geschichte erkennen, den Titel des SPIEGEL gemeinsam mit Layoutern mitkreieren, die Hauptschlagzeile bestimmen. Darin sieht er seine Hauptaufgabe beim führenden Nachrichtenmagazin, dessen Auflage er nach und nach hochtreibt und hält. Schon früh prophezeit Augstein ihm: „Du wirst einmal Chefredakteur des SPIEGEL“. Es dauerte 25 Jahre, bis es soweit war. Zuerst trimmt er die „St. Pauli-Nachrichten“ auf Tageszeitung, dem NDR liefert er spannende Filme, arbeitet dort auch als PANORAMA-Redakteur. Er hebt SPIEGEL-TV aus der Taufe, war 12 Jahre Chefredakteur des SPIEGEL, Mitinhaber des Fernsehsenders N 24, später Herausgeber der WELT und auch kommissarisch Chefredakteur des Springer-Blatts. 


Den „Feeling“-Journalismus heutiger Tage hat Aust immer verachtet, er „frisst“ Fakten und spuckt sie als sachliche Beschreibung der Wirklichkeit aus. Die klare präzise Beschreibung dessen „was ist“, das ist seine Stärke auch im Buch. 


Wir lesen eine Geschichte Deutschlands anhand der Stories, die Aust von Kapitel zu Kapitel farbintensiv Revue passieren lässt. Ob Filbinger-Skandal, Strauß-, Kohl-, Schröder-, oder Merkel-Ära, Atombombenversuche im Pazifik, RAF-Attentate oder Baader-Meinhof-Prozess, Porträts über Figuren wie Agent Mauss, Geschichten über die NSU-Morde, 9/11, die Wiedervereinigung, die Machtkämpfe im SPIEGEL, die Kräche um die Augstein-Erben, das Ausscheiden des Chefredakteurs und der Einstieg bei Springer, das alles und viel mehr erleben wir hautnah mit. 


Aust wird als „Pionier des privaten Informationsfernsehens“ beschrieben. Sein Anliegen Zeitung, Nachrichtenmagazin, Wochenzeitung, News-Channel, alles in einer Hand. Austs Lebensmotto: „Der Mensch ist ein problemlösendes Tier.“ 


Diese animalische Lust auf Stories wird im Buch sehr deutlich. So zeigt Aust auf, in welche Aufgaben, Themen oder Probleme er sich gestürzt hat auf eine geradezu mutige, leidenschaftliche und zupackende Art und Weise, ohne als Elb-Jung‘ zu viel Seele zu offenbaren, was in diesem Geschäft ohnehin nicht besonders zuträglich ist.
Das Buch zeigt auch einen tiefen Blick ins Tagesgeschäft von aktiven Journalisten, deren Querelen, Besonderheiten und Eitelkeiten; ein bisschen Klatsch muss sein. 


Aber was den Hanseaten auszeichnet ist eben, das wirklich Private bleibt durchaus privat. Will heißen im ganzen Buch steht auch die Person Aust irgendwie am Rand, die Geschichten der Geschichte Deutschlands stehen im Vordergrund. Zitat: „Das Wichtigste ist die Authentizität des Materials.“ Eben darum. Und „Mein Vorteil ist, dass ich überdurchschnittlich durchschnittlich bin.“. „Ein großer Schreiber war ich nie.“ Die 655 Seiten Zeitreise sind aber gelungen und vergehen wie im Flug. 


Stefan Aust ZEITREISE Die Autobiografie PIPER

Eine Diktatur - ein Land - im Koma: Belarus


Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint. (DIOGENES)


Der Roman spielt in Minsk, in der Stadt der „mittelmäßigen Architekten“, in Weißrussland, im Land „des erstarkenden Schwachsinns.“ 
Sasha Filipenko sagt in seinem Vorwort, dass sein kritisches Buch in Belarus nur unter der Theke verkauft wird. Es ist also wie einstmals in der DDR als „Bückware“ unterwegs. Es ist ein Zeitmaschine-Roman, ein Spiegel der derzeitigen weißrussischen Gesellschaft und Politik. 
Franzisk, die jugendliche Hauptperson, hat den Spitznamen „Zisk“. Er ist ein verhinderter Cellist, der nicht gerne übt, dafür lieber ein Rockkonzert besucht. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: Im Hagel-Gewitter treibt ein Gedränge die Menschen in einen U-Bahnhof. Es entsteht Massenpanik. 50 Menschen sterben. 


Auch „Zisk“ wird Opfer, fällt ins Koma. Die Lähmung des zentralen Nervensystems blockiert alle seine menschlichen Regungen. Er liegt wie tot im Bett – zehn lange Jahre. Die Oma betreut ihn im Koma, schaut mit ihm TV, liest vor, hört mit ihm Radio, besorgt ihm sogar für einen Wiederbelebungsversuch eine Prostituierte. Auch ihr gelingt es mit allerlei Fertigkeiten nicht, Zisk aus dem Koma zu locken. Erst zehn Jahre später wacht er auf und findet sein Land unverändert vor. „Er hat die Augen aufgeschlagen! Er ist wach!“ Außer einer kosmetischen Renovierung der Häuserfassaden hat sich nichts getan in seinem Belarus. 


Realität drängelt sich immer mehr von Seite zu Seite zwischen den Zeilen ins Buch. An der Diktatur hat sich nichts geändert. In den Medien ist nichts zu finden, was der Meinung der Präsidialverwaltung entgegensteht. Die Fernsehsender, die Zeitungen und die gesellschaftliche Debatte bleiben gleichgeschaltet. Journalisten festgesetzt. Oppositionelle verschwunden. Entführungen schockieren die Öffentlichkeit, Menschen verlieren ihre Arbeit. 


Was ist das für ein osteuropäisches Land? 


Filipenko beschreibt es leidenschaftlich und sehr genau: Der Diktator heißt Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko. Keiner will ihn gewählt haben, und doch hat er 75 Prozent des Wahlvolks hinter sich. Bei Terroranschlägen wird die Schuld grundsätzlich auf die Opposition geschoben. Filipenko nennt ihn einen „talentierten Diktator“, der sich mit „Gewalt Gehör“ verschafft und das eigene Volk mit Drohungen einschüchtert. 


Wir lesen ehrliche Dialoge, glaubhafte Szenen, wiedergegebenen Alltag, hören aber auch vom Sprachkrieg zwischen Russisch und Belarussisch, der aus den vergangenen Zeiten stammt. 


Filipenko hat ein großartiges Beschreibungspotential, etwa wenn er den altertümlichen Aufzug im Haus der Großmutter detailgenau unter die Lupe nimmt, oder die Fernsehreporter bei einem Fußballspiel charakterisiert: “Sie kommentieren ja nicht das Match, sondern brabbeln einfach vor sich hin.“ Das kommt dem Leser und deutschen Fernsehzuschauer irgendwie bekannt vor. 


„Ich habe gedacht, bei uns geht es darum, denkende Menschen zu erziehen.“ Denken. Zweifeln. Fragen stellen! Das wäre demokratisch zu leben. Doch das belarussische Volk ist selbst in einen tiefen Schlaf gefallen. „Hier sind schon die nichts wert, die gesund und am Leben sind, von Menschen im Koma ganz zu schweigen.“ Auf den Plätzen der Stadt demonstrieren die Machthaber mit Gewalt, wer die Wahlen gewonnen und auch weiterhin das Sagen hat. 


Ganz nebenbei erfahren wir auch belarussische Geschichte, dass zum Beispiel die Deutschen, die weißrussische Dörfer niedergebrannt haben, aber auch in den 1980ern die Tschernobylkinder aus dem Land holten. Diese Hilfe treibt seltsame Blüten im Land, weil die phantastische Rentabilität „massenweise Betrüger“ ins Gesundheitsbusiness lockt. In den Anmerkungen der Übersetzerin finden wir historische Daten, die Flaggenthematik, das Sprachproblem, konkrete Ereignisse der Geschichte und einen Zitatennachweis, denn Filipenko zitiert auch Gedicht- oder Liedzeilen. 


Man kann als Weißrusse eine Wohnung haben, eine Datscha, ein Auto: „Was haben Sie denn nicht?“ „Freiheit“, heißt es an einer Stelle des kapitellosen Romans über die „letzte Diktatur Europas“.
Das Buch ist trotz der beißenden satirisch und grotesk eingefärbten Kritik ein warmherziges Bekenntnis zu einem Heimatland, das unter die diktatorischen Räuber gefallen ist. In Belarus kann es sehr kalt sein.

 

 

 

Interview mit Sasha Filipenko

 

 

 

Ihr Roman „Der ehemalige Sohn“ hat das besondere Schicksal, dass er sieben Jahre nach seinem Erscheinen aktueller ist denn je. Wie ist das möglich? 


Sasha Filipenko: Wahrscheinlich ist mir einfach ein gutes Buch gelungen. Nein, im Ernst: Dass mein Buch noch immer aktuell ist, freut mich als Autor sehr, als Staatsbürger von Belarus macht es mich jedoch traurig. Die Aktualität meines Romans zeugt leider davon, dass Veränderungen zum Besseren in unserem Land nur sehr, sehr langsam vor sich gehen. 


Wie nah verfolgen Sie die Ereignisse in Belarus? 


Sasha Filipenko: Ich verfolge sie nicht nur, ich nehme aktiv daran teil. Ich habe 2010 mitdemonstriert (was mich zum Roman Der ehemalige Sohn inspiriert hat) und auch 2020. Ich habe für meinen Blog fotografiert, Solidaritätslesungen meines Romans organisiert, für Zeitungen in Frankreich, Schweden und Deutschland geschrieben und war natürlich auch bei Protestmärschen in Minsk dabei. 


Kann man „Der ehemalige Sohn“ in Belarus kaufen? 


Sasha Filipenko: Nicht immer. Manche Läden haben das Buch im Regal stehen, manche haben es zwar, aber nicht im Regal. Da müssen Sie im Laden erst danach fragen. Der belarussischen Nationalbibliothek wurde DRINGEND EMPFOHLEN, meinen Roman nicht in ihren Katalog aufzunehmen. In Minsk wird gerade ein Theaterstück nach meinem Roman geprobt. Das Ensemble hat schon von fünf Aufführungsstätten Absagen erhalten. Im Moment wissen sie noch immer nicht, ob sie das Stück werden aufführen können. Ich persönlich bin mir sicher, dass man sie nicht lassen wird. Am wahrscheinlichsten ist es leider, dass das Stück in Polen oder in der Ukraine aufgeführt wird und das belarussische Publikum es nur auf YouTube zu sehen bekommt. 

 

Es gibt eine Online-Solidaritätslesung von „Der ehemalige Sohn“ mit berühmten russischen und belarussischen Künstlern, Schauspielern und Musikern, die man sich auf YouTube anschauen kann. Wie kam das zustande? 


Sasha Filipenko: Im Sommer 2020 dachte ich, es wäre großartig, wenn vor den Präsidentschaftswahlen in Belarus Prominente Ausschnitte aus meinem Roman lesen würden. Kaum hatte ich diese Idee in den sozialen Medien formuliert, vergaß ich sie auch schon wieder. Aber gleich am nächsten Tag bekam ich eine Flut von Rückmeldungen von berühmten Schauspielern, Musikerinnen, Journalistinnen und bildenden Künstlern. Innerhalb von zwei Tagen hatte ich eine so überwältigende Liste beisammen, dass es schlicht dumm gewesen wäre, das nicht zu machen. So entstand eine Fortsetzungslesung des gesamten Romans. Damit wollte ich ein Zeichen unserer Solidarität setzen, und natürlich war es eine große Ehre, dass so viele renommierte Persönlichkeiten bereit waren, Passagen aus dem „Ehemaligen Sohn“ zu lesen.

 
Was bedeutet der Titel „Der ehemalige Sohn“? 


Sasha Filipenko: Dieser Titel ist mir nach dem Protest von 2010 eingefallen. Man kann ja eigentlich kein „ehemaliger Sohn“ sein. Man kann ein ehemaliger Fußballer sein, ein ehemaliger Ehemann, aber kein ehemaliger Sohn – und doch traf das genau, wie ich mich damals fühlte. Ich wollte ein Buch über Menschen schreiben, die sich wie ehemalige Söhne und Töchter ihres Landes fühlen, wie ehemalige Kinder ihrer Familien. Über Menschen, die gezwungen sind, ihr Zuhause zu verlassen. 


Franzisks Großmutter, die nie die Hoffnung aufgibt, dass ihr Enkel eines Tages aus dem Koma erwachen wird, ist eine wunderbare Figur. Gibt es für sie ein reales Vorbild? 


Sasha Filipenko: Das ist meine Großmutter. Man kann sagen, dass dieses Buch eine Art Rekonstruktion meiner Großmutter ist, eine Studie, wenn man so will. Ich bin überzeugt: Wenn ich in Franzisks Lage geraten wäre, hätte meine Großmutter ganz genau so gehandelt wie die Großmutter im Roman.

 

Das Interview wurde von DIOGENES zur Verfügung gestellt. 

 

Der Herr UDO und das wilde Wiener Leben

Zum 20. Todestag von Udo Proksch erscheint ein sehr persönliches Porträt: Der Schriftsteller Georg Biron will es nicht glauben: Sein Freund Udo Proksch wird verdächtigt, ein Schiff gesprengt und sechs Seeleute ermordet zu haben, um eine gigantische Versicherungssumme zu kassieren.


„Udo Proksch hat sechs Menschen ermordet. Sechs Besatzungsmitglieder der Lucona, die im Indischen Ozean ihren Tod fanden, als das Schiff am 23. Jänner 1977 gesprengt wurde (…) Wer sich auf eine Spurensuche nach der vielleicht schillerndsten Persönlichkeit im Wien der 60er, 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begibt, sollte das nicht vergessen. Denn einfach ist es nicht, in der Erinnerung an einen Menschen klar zu sehen, der schon zu Lebzeiten über alle Maßen gestrahlt und geblendet, fasziniert und entsetzt hat.“
Anna-Maria Wallner in „Die Presse“


Rezension
Schillernde Persönlichkeit, zwielichtige Figur, Lebemann, Partytyp, „Adabei“, er ist wild, hemmungslos, ein Hund und frecher, kreativer Kerl, dem tausend Ideen im Kopf herumschwirren, ein Geldgenie, eine politische Gestalt und zugleich eine Persönlichkeit, von der das Gericht behauptet: Udo Proksch hat sechs Menschen ermordet, nämlich die Besatzungsmitglieder der Lucona, die im Indischen Ozean ihren Tod fanden, als das Schiff gesprengt wurde. So kommt Proksch in dem Buch daher.


Das Porträt ist keine Rekonstruktion der historischen Tatsachen, es ist vielmehr ein sehr, sehr persönliches Bild, nah am Menschen, vielleicht auch zuweilen distanzlos, aber in jedem Fall quicklebendig. 
Biron schreibt seinen Text wie eine Drehbuchvorlage, mit knappen Regieanweisungen, und blendet dann quasi die Kamera auf.
„Was jetzt folgt ist eine wahre Geschichte“ über Mord, Versicherungsbetrug, Waffenhandel, in jedem Fall über Geldmacherei im großen Stil.


Biron gelingt ein popbuntes Portrait über die wilden Pop- und Rock- und Roll-Jahrzehnte, in denen nicht die ganze Gesellschaft aber doch viele den Minirock trugen und nur Sex im Kopf oder anderswo hatten.
Der Autor ist Freund von Proksch, der als Brillendesigner Kohle macht. Spinnerte und schräge Ideen toben in dessen Hirn, eine aber durchaus gerade Idee ist die vom Verein der „Freunde für senkrecht Bestattung“ die er mit Qualtinger entwickelt. Es geht um platzsparende Bestattung. Später ist Proksch der Besitzer der weltberühmten Hofzuckerbäckerei Demel und gründet den „Club 45“, in dem sich vor allem Linke aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien treffen.


Proksch steigt auf zum potenten Liebling der Damenwelt, der aus Sicherheitsgründen vor persönlichen Feinden immer eine Pistole am Gürtel trägt. Proksch macht Geschäfte, baut Netzwerke auf, kümmert sich um sein Image, ist immer wieder für eine Überraschung gut und bleibt doch eine irgendwie undurchsichtige Figur als Lebemann, Weiberheld, geldiger Zeitgenosse, der den Autor als Freund hat, auch wenn der in den Knast - zu österreichisch - in den Häf‘n wandert.
Proksch stirbt an den Folgekomplikationen einer schwierigen Herzklappenoperation und wird - wie Biron zuverlässig notiert - nicht senkrecht begraben, steigt aber nach seinem Tod zum Musical-Star auf.
Das Mindeste, was man über Proksch sagen kann, ist: Er war ein unkonventioneller Mensch, der als Krimineller in die Geschichte eingegangen ist.


Der Wiener Schriftsteller Georg Biron, Reporter und Drehbuchautor, der auch in Sachen Kulturprojekte unterwegs ist - hat ein schillerndes, sehr farbiges, plastisches, persönliches und sehr nahes Portrait über Proksch geschrieben, das sich boulevardesk leicht und luftig liest.

Georg Biron, Wiener Schriftsteller – Jahrgang 1958 – hat unzählige Kulturprojekte realisiert (z. B.: Qualtinger lebt!) und Preise (u. a. Theodor Körner Preis für Literatur) und diverse Kunststipendien erhalten. – www.biron.at

Robin Alexander: Merkels Machtverfall


Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik   Ein Report
Abgerechnet wird eigentlich am Schluss. Robin Alexander versucht es mit seinem Report „Machtverfall“ schon ein bisschen früher. Er zieht noch kein Fazit, schreibt keine Analyse, keine zeitgeschichtliche Untersuchung. Aber er kennt die Lust seines Publikums am Voyeurismus. Er zieht seine Leserinnen und Leser vor das Schlüsselloch. Dahinter hat er die Berliner Republik als Schlangengrube nach seinen genauen Beobachtungen aufgebaut.


 Es geht um die letzten Jahre, es geht um den „jammervollen Zustand“ der CDU (O-Ton Schäuble, der mit diesem Argument Laschet schließlich durchgesetztj hat), es geht um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur, es geht um Corona, Masken und Impfstoff. Es geht um AKK als gescheiterte Parteivorsitzende. Die viel geräuschloseren Spitzenbesetzungen in der SPD und bei den Grünen bekommen ein viel bessere Noten. Und es geht um Angela Merkel, die erst nach der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten von dessen Vorgänger Barak Obama vor vier Jahren umgestimmt wurde und doch noch einmal angetreten ist. Ohne sie seien die Werte der westlichen Welt bei keinem mehr aufgehoben.

 

Dass sie die Rolle als „mächtigste Frau der Welt“ nicht spielen konnte, lag an Corona. Statt als angesehene Staatenlenkerin mit Augenmaß der verlogenen Unvernunft von jenseits des Atlantiks entgegenwirken zu können, hat sie sich mit Ministerpräsidenten in stundenlangen Sitzungen und Videokonferenzen herumstreiten müssen. 


Alexander hat das alles als stellvertretender Chefredakteur Politik der WELT beobachtet und auch das verarbeitet, was andere gesehen und gehört haben. In bester Reporter-Manier mischt er Fakten, Durchstechereien, Gerüchte und etwas Fiktion zu einer für sein Publikum schlüssigen Erzählung. Das meiste dürfte tatsächlich so gewesen sein, wie er es schreibt – um so schlimmer! Nimmt man seinen Polit-Thriller ernst – dafür spricht viel – dann sollten die Bürger der Republik froh sein, dass von den vier Protagonisten der CDU drei schon bei der Kandidatenkür ausgeschieden sind und dass der vierte, obwohl von vielen unterschätzt, wohl nicht über den Kandidaten zum Kanzler hinauswachsen wird. Wer will denn so einen wählen? – Fragt man sich. Aber, wie gesagt: abgerechnet wird am Schluss.


Das Urteil über Merkel wird auch nicht heute gefällt, das über das angebliche „Drama der deutschen Politik“ (so im Untertitel) auch nicht. Schon die Endabrechnung über Merkels „Wir schaffen das“ steht noch aus und wird angesichts von Hundertausenden Flüchtlingen, die inzwischen immer ansehnlichere Beiträge zum deutschen Bruttoinlandsprodukt leisten wohl anders als bei vorschnellen Zwischenbilanzen ausfallen. Es fällt auf, dass das Flüchtlingsthema so vollständig von Corona verdrängt wurde. Aber auch die Bilanz der Pandemie wird am Ende anders ausfallen. Fast hunderttausend Tote sind ein grausames Opfer. Ein nahezu völlig verlorenes Schuljahr ist nicht mehr aufzuholen. Aber im Vergleich zu anderen Ländern steht Deutschland viel besser da.

 

Das zentralistische regierte, durch zahlreiche Medizin-Nobelpreise wissenschaftlich hochangesehene Frankreich, das sich nicht in „Ministerpräsidentenkonferenzen“ zerfleischen musste, steht in allen messbaren Bereichen viel schlechter da. Von Italien und Spanien ganz zu schweigen. Großbritannien hat erst beim Impfen etwas aufgeholt. Wenn irgendwann die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie bilanziert werden, rückt die Bundesrepublik sicher wieder auf einen der vorderen Plätze.


Das ändert nichts an dem verheerenden Bild, das Alexander vom deutschen Corona-Management zeichnet. Folgt man seiner Darstellung, dann ist dieses Bild in erster Linie dem mit starkem Ego geführten Machtkampf innerhalb der CDU geschuldet, den sich Lascht, Söder, Spahn und Merz mit einander widersprechenden Strategien geliefert haben und der in der Bevölkerung den Eindruck hinterlassen hat, das Land werde schlecht regiert.

 

Keiner merkt, dass es besser – oder auch nur weniger schlecht - gelaufen ist, als in vergleichbaren Ländern. Aber irgendwann wird sich die nächste Bundesregierung des entscheidenden Defizits annehmen müssen, das in der Krise so unangenehm deutlich geworden ist: Der blamable Zustand der Datenverarbeitung in Deutschland.


Harald Loch


Robin Alexander: Machtverfall
Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik   Ein Report 
Siedler, München 2021   384 Seiten   22 Euro

 

Wie eins und eins zusammen kamen

Im 15. und 16. Jahrhundert erwacht die Mathematik in Europa. Die arabischen Ziffern samt der bis dato unbekannten Null erobern das kaufmännische Leben. Die Erfindung der Zentralperspektive und die Wiederentdeckung der griechischen Geometrie verändern Kunst und Wissenschaft. Bilder sind nun Fenster zur Welt, die neue Mathematik ebenso. Der Astronom Regiomontanus und Albrecht Dürer in Nürnberg spielen bei diesem Umbruch eine ebenso große Rolle wie Leonardo da Vinci und der Universalgelehrte Girolamo Cardano in Mailand. Lebendig und mit dem besonderen Blick für das Verborgene erzählt Thomas de Padova ein spannendes Kapitel der Mathematikgeschichte und eröffnet eine neue Perspektive auf eine flirrende Epoche – die Renaissance. 

 

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Flaubert: Seid solide in eurem Leben 


Noch eine! Endlich! Ein Historiker schreibt, von Clio, der Muse der Historiographie geküsst, die entscheidende Biografie über einen der größten Dichter, der seine Werke mit der Akribie des Historikers, des an den Quellen schöpfenden Autors geschrieben hat. Es geht um die Biographie von Michel Winock über Gustave Flaubert, die soeben in schöner Übersetzung bei Carl Hanser erschienen ist. Es ist ja nicht so, dass wir nicht über Leben und Werk von Gustave Flaubert (1821 – 1880) nichts wüssten. Die Literaturwissenschaft, die populärere Publizistik, die biografischen Erzählungen und auch die Versuche psychologischer Deutung füllen ganze Bibliotheken. Jean-Paul Sartre hat Flaubert seinen mehrbändigen anthropologisch-philosophischen Großessay „Der Idiot der Familie“ gewidmet, der mit dem vielzitierten Satz beginnt: „Was kann man heute von einem Menschen wissen?“ 


Michel Winock, Professor am Sciences Po weiß, was man heute über Flaubert wissen kann und schreibt es auf. Er weiß aber auch, was man heute über die französische Geschichte des 19. Jahrhunderts wissen kann. Er setzt beides in Beziehung zueinander und entdeckt in Leben und Werk Flauberts eine „erstrangige Quelle“ für die französische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

 

Er bereichert die literaturwissenschaftliche Sicht auf Flaubert aus der Perspektive des Historikers – voller Empathie für die Literatur. Zwei Revolutionen (1830 und 1848), der deutsch-französische Krieg und die Pariser Commune, der Bürgerkönig Louis Philippe, das Kaiserreich Napoléons III und die Republik fallen in diesen Zeitraum von einem halben Jahrhundert. Es ist das Jahrhundert des Bourgeois. „Zwei Dinge halten mich aufrecht: Die Liebe zur Literatur und der Hass auf den Bourgeois“, zitiert der Biograf Flauberts aus dessen umfangreichem Briefwechsel, der ein unerschöpflicher Steinbruch für die dadurch sehr authentische Lebensbeschreibung ist. Flauberts Leben folgt einem anderen Zitat: „Seid solide in eurem Leben und ordentlich wie ein Bourgeois, um zügellos und eigenwillig in euren Werken zu sein.“

 

Am Zügellosesten war Flaubert in seinem in Karthago spielenden Roman Salammbo, am Deutlichsten wird die Welt der Bourgeoisie in den Figuren seiner bis heute erfolgreichsten Bücher Madame Bovary und L’Éducation sentimentale. Winock beschreibt die geradezu besessene Arbeit Flauberts an den Details seiner Werke, die einer „historischen Wahrheit“ verpflichtet waren. Er schreibt von Flauberts qualvollem Ringen um das richtige Wort, die treffende Metapher, den Rhythmus und Wohlklang eines Satzes. Jahre hat er an seinen Roman gearbeitet, Jahre, in denen er auf seinem Sitz in Croisset am Ufer der unteren Seine bei Rouen fast wie ein Einsiedler gelebt hat.

 

Winock kennt auch das Pariser Leben Flauberts, wo er bald wie ein Gesellschaftslöwe auftrat, groß, laut und lebhaft. Er beschreibt die heute so illuster wirkenden Kreise, in denen Flaubert dort verkehrte. Namen wie Victor Hugo, Émile Zola, Turgenev, Maupassant, George Sand, Daudet oder die Brüder Goncourt zählten zu Gästen in Zirkeln und Salons, in denen Flaubert nach seinen ersten Erfolgen ein gerngesehener Gast war und die er selbst – sonntags immer, wenn er in Paris war - in seiner dortigen Wohnung empfing.


Winock weiß und berichtet von den Frauen, die Flaubert beeindruckten oder – mehr noch – die er beeindruckte. Mit vielen von ihnen und mit seinen literarischen Freunden pflegte er einen intensiven Briefwechsel, den sein Biograf gekonnt auswertet. Der Tod seines Vaters, der ein berühmter Chirurg in Rouen war und ihm ein Vermögen hinterließ, das es Flaubert ermöglichte, sich ganz der Literatur zu widmen, dieser Tod „befreite“ ihn, wie Sartre in seinem „L’Idiot de la famille“ analysiert. Der frühe Tod seiner geliebten Schwester Caroline stürzte ihn in tiefe Trauer. Er übertrug seine Geschwisterliebe auf ihre Tochter, seine Nichte in die er seine ganze Menschenliebe investierte. Deren Mann, einem Sägewerksbesitzer, hatte Flaubert große Teile seines Vermögens anvertraut. Als der insolvent wurde, stand Flaubert plötzlich im Alter vor dem finanziellen Ruin.

 

Winock beschreibt den Stolz, mit dem Flaubert Hilfsangebote ablehnte. Vor allem wollte er nicht dem Staat auf der Tasche liegen. Selbst in Zeiten der Armut zeigte sich Flaubert großzügig, nicht nur mit Worten, sondern in selbstlosem Einsatz für Freunde. Urteile von Zeitzeugen, Lobeshymnen und Verrisse seiner Werke runden ein Bild ab, das einen ungeheuer intensiven Künstler und ein halbes Jahrhundert Frankreich in einen zusammenschauenden Blick nimmt. Er sieht in L‘Éducation sentimentale „ein Dokument ersten Ranges: Flauberts Untersuchungen der Realitäten einer Epoche, die er verabscheut, zehren von seiner Beobachtungsgabe. Der Kult des Wahren – der seiner Meinung nach Verallgemeinerung und Übertreibung verlangt – rivalisiert bei ihm stets mit der Obsession des Stils.“


Harald Loch


Michel Winock: Flaubert   Biografie
Aus dem Französischen von Horst Brühmann und Petra Willim
Hanser, München 2021   655 Seiten   32 zeitgenössische Abb.  36 Euro

 

Peter Handke: Mein Tag im anderen Land


Alle Edelfedern der deutschen Literaturkritik stürzten sich – zwanghaft? – auf den ersten längeren Text von Peter Handke nach dem Literaturnobelpreis von 2019. Diese Zahl mahnt wie selbstverständlich auch an das aktuelle Coronarvirus Covid 19. Jede Einzelheit des nur 90 Seiten füllendenden Buches „Mein Tag im anderen Land“ wird auf Handkes Befindlichkeit, eine etwaige Botschaft, natürlich – erwartbar – auf Bosheiten und Eitelkeiten abgeklopft. Als ginge es nicht um Literatur! Der Aufbau des Textes ist klassisch: ein Triptychon. Die Erzählperspektive ist klar: Der Autor wählt die erste Person. An die Geschehnisse im ersten Teil erinnert sich der Erzähler nicht, obwohl er selbst die Hauptperson ist. Er ist ein „Zeuge vom Hörensagen“ seiner selbst – eine seltene, wenn nicht einmalige Konstellation, überraschend und gelungen. Der Erzähler war Obstgärtner. Der Onkel Handkes auch. Ist das wichtig? Der Erzähler war „von einem Dämon besessen“, lebte auf einem Friedhof, beschimpfte alle, selbst die zwitschernden Vögel. Seine Schwester versorgte ihn, den offensichtlich Kranken, dort mit Lebensnotwenigem und später, nach seiner Rückkehr in das übliche Leben, mit den Einzelheiten aus dieser Zeit. Nur so kann er sie niederschreiben.


Im Zweiten Teil switcht die Besessenheit aus dem Erzähler. Ein Fischer hat ihm tief in die Augen geblickt, den Außenseiter als Menschen erkannt und zurückgeholt. Er wandert durch das „andere“ Land, das hier Dekapolis heißt. „Es war ein Werktag, an dem ich das mir unbekannte, oder unbekannt gewordene Land durchstreifte, und zugleich sah ich mich Schritt um Schritt in einem Feiertag.“ Auf der ersten Wegstrecke erinnerte er sich an die Erzählungen seiner Schwester. „und auf der nächsten, übernächsten, oder gleichwievielten Wegstrecke durch das andere Land feierte ich dann das Fest meiner ungeborenen Kinder.“ Stumm und beim Gruß lediglich kopfnickend zieht er weiter, bis er in einem Tanzlokal seine künftige Frau kennenlernt. „Meine Frau meinte manchmal, und das nicht bloß im Scherz, ich hätte einen guten, ja, idealen Politiker abgegeben, allein schon vorlebend eine Politik, eine neue, sie praktizierend, wie Politik heutigentags dringendst gebraucht wird.“


Der dritte, nur wenige Seiten umfassende Teil ist ein Traum, der den Erzähler wieder auf den Friedhof zurückführt, auf dem er als Besessener gelebt hatte. Als er aus diesem Traum aufwacht, stößt er „einen Kriegsschrei aus, den ich, schlafend, hörte als unartikuliertes Gekrächz, und rief dann, jetzt ein klares Rufen, hinein in die Leere: ‚Seid ihr alle da?‘“


Ist diese Kaspertheaterfrage der Schlüssel zu dem Text? Oder braucht es keinen anderen Schlüssel zu einer Literatur, die sprachlich auf Handke-Höhe liegt und deren Inhalt hermetisch, gewürzt mit verstecktem Humor, mit einer alleserklärenden Ironie zu unserer Existenz aufwartet und nichtssagenden Deutungsanstrengungen unzugänglich bleibt?


Harald Loch


Peter Handke: Mein Tag im anderen Land
Suhrkamp, Berlin 2021   94 Seiten   18 Euro

 

1984 is watching you

Heute wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. Auf www.facesofbooks.de gab es in den letzten 10 Tagen bis heute einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel George Orwell 1984 ANACONDA

 

Inhalt
Das Zitat „Big brother is watching you“ ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Das Buch „1984“, als Vision entwickelt, ist längst in vielen Teilen Wirklichkeit geworden. Die Debatte um das Gendern hat auch einen Anklang von „Sprachpolizei“, die in „1984“ eine Kontrollfunktion hat. Es herrscht Unterdrückung in dem diktatorisch und totalitär geführten Staat. Der große Bruder ist der in Wirklichkeit nie sichtbar werdende Chef einer Parteielite, der die restlichen Parteimitglieder und die Volksmasse überwacht und kontrolliert. Die „Gedankenpolizei“ ist allgegenwärtig. Nicht abschaltbare Teleschirme überwachen die Wohnungen.  Propaganda schürt den Hass im Volk, das durch gemeinsame Feindbilder zusammengeschweißt wird. Die Neue Sprache („Newspeak“) wird von schädlichen Begriffen gesäubert. Das private Denken wird ständig beeinflusst durch immer wiederkehrende gleiche Parolen wie „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“.

 

·        Zitat: „Er wusste nicht, wo er war, vermutlich war er im Ministerium für Liebe, doch darüber ließ sich keine Gewissheit erlangen.“

 

Kurzkritik
Aktueller denn je ist dieses Buch über den totalitären Staat, Cyberüberwachung, Geschichtsverfälschung und die Gedankenpolizei in Zeiten des Internet, der Clouds und Debatten um „political correctness“ in Sprache und Politik. Wenige Bücher haben über die Jahrzehnte hinweg eine derart wichtige Bedeutung behalten.

 

Leser
Jeder muss dieses Buch gelesen haben

 

Natürlich desinfizieren

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.
 
Heute stellen wir Ihnen vor
 
Titel
Angelika Kaluza NATUR HYGIENE Viren und Bakterien natürlich entfernen
 
Inhalt
Seit der Corona-Epidemie haben wir versucht, ein neues Verhältnis zum Thema Hygiene zu finden. Viele greifen zum Desinfektionsmittel oder zur chemischen Keule. Dabei zerstören wir auch unsere natürlichen Abwehrmechanismen gegen Mikroorganismen, Bakterien und gesundheitsschädliche Keime. Wo sind die Hygiene-Hotspots im Haushalt, wie verdreckt sind unsere Arbeitsgeräte, wo verstecken sich die Krankmacher und wie erreichen wir ein gesundes Hygieneverhalten mit natürlichen Reinigungsstoffen? Darüber klärt dieses Buch auf.
 
Zitat
„Es ist ungesund, sein gesamtes Haus zu desinfizieren, denn dann werden auch fast alle guten Wohn-Mikroben ausgerottet.“ 
 
Kurz-Kritik
Ein klug aufgebautes, schlaues, sehr anschaulich gestaltetes Buch über Naturhygiene. Die Texte sind kurz und klar formuliert und verständlich gegliedert. Das Design des Buches ist übersichtlich, grafisch frech aufgepeppt und macht Lust, darin zu lesen und zu blättern.
 
Leserkreis
Das Buch gehört in jeden Haushalt

Pandemien - ihre Ursachen und Bekämpfung

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Jörg Hacker PANDEMIEN Corona und die neuen globalen Infektionskrankheiten CH Beck Reihe Wissen

 

Inhalt
Ob Cholera, HIV (Aids) oder SARS, die ansteckenden Krankheiten, die Pandemien zeigen die dunkle Seite der Globalisierung. Welche Strategien gibt es zur Eindämmung? Was kann der Einzelne tun? Wieweit darf ein demokratischer Staat gehen, um gesellschaftliches Leben angesichts der Virenbedrohung außer Kraft zu setzen. Jörg Hacker, ehemaliger Präsident des Robert-Koch-Instituts gibt einen knappen aber sehr lehrreichen Überblick zur Geschichte von Infektionen, zu pandemischen Mikroorganismen, zu den zoonotischen - vom Tier auf den Menschen übergehenden - Erregern, wie Pandemien auch durch Digitalisierung eingegrenzt werden können, wozu Wissenschaftskommunikation beitragen kann, welche Auswirkungen sich auf Wirtschaft und Gesellschaft ergeben und im letzten Kapitel beschäftigt er sich mit ethischen Fragestellungen.

 

Zitat
„Auf jeden Fall gilt, dass die Eindämmung der Pandemie eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe bleibt. Albert Camus hat dies bereits 1947 in seinem Roman Die Pest prognostiziert. ‘Wir werden nicht frei sein, solange es Seuchen gibt.‘ “

 

Kurz-Kritik          
Es sind nur 128 Seiten. Jörg Hacker gelingt es dennoch zwar auf wissenschaftlicher Grundlage aber verständlich formuliert die Grundfragen um Epidemien zu thematisieren. Die wichtigsten Zusammenhänge und Erklärungen mikrobiologischer Prozesse werden anschaulich dargestellt, durch Grafiken ergänzt. Es ist kein populärwissenschaftliches „Schlauberger“-Buch, das mit platten Argumenten daherkommt. In präziser Darstellungsform mit zahlreichen Querverweisen, Definitionen und Hinweisen auf weiterführende Literatur ist dem Autor ein wichtiges Grundlagenbuch für unsere aktuellen Debatten gelungen. Er widmet dem Anthropozän ein Extrakapitel, dem Zeitalter, das den Menschen als Verursacher geoökologischer Prozesse einordnet.  

 

Leserkreis          
Das Buch gehört in die Hand aller 80 Millionen „Virologen“ in Deutschland und jeweils als Freiexemplare – durch den Staat finanziert – an die Querdenkerbewegung. 

Der Junge, der den Wind einfing

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

 

Titel  William Kamkwamba & Bryan Mealer Der Junge, der den Wind einfing Eine afrikanische Heldengeschichte DIEDERICHS

 

Inhalt
In Malawi kämpfen die Menschen gegen Dürre, Hunger und Aids. Frisches Wasser fehlt. Und Elektrizität ist fast ein Fremdwort. Auch der allseits herrschende Glaube an die magischen Kräfte und Gottheiten hilft bei der Entwicklung der Region nicht einen Schritt weiter. Da wäre Bildung vonnöten, doch die Eltern können ihren Kindern das Schulgeld nicht mit auf den Schulweg geben. Kinderarbeit auf den Farmen ist gang und gäbe. Der junge Held der Geschichte William aber geht seinen eigenen Weg, denn er interessiert sich für die Naturwissenschaften und die Technik. Er eignet sich das Wissen einfach ohne Lehrer selbst an. Seine Idee, eine Windturbine zu bauen, die er aus Eukalyptusholz und Fahrradteilen zusammenschustert. Danach konstruierte William eine solarbetriebene Wasserpumpe. Damit war Trinkwasser im Dorf. Jetzt veränderte sich sein Leben und das Zusammenleben im Dorf von Grund auf. Das Buch wurde für ein Netflix-Angebot verfilmt. Heute ist William Kamkwamba Buchautor, seine Lebensgeschichte stand fünf Wochen auf der Bestseller-Liste der "New York Times". Seine Konstruktionen wurden im Museum of Science and Industry von Chicago präsentiert.

 

Zitat
„Bevor ich die Wunder der Wissenschaft entdeckte, war meine Welt von Magie beherrscht.“

 

Kurz-Kritik
Bei einer meiner letzten Begegnungen mit Peter Scholl-Latour zeichnete der populäre Journalist ein düsteres Bild vom verlorenen schwarzen Afrika in unserem Interview. Der ausgebeutete Kontinent verloren, die Eliten korrupt, die politischen Systeme „failed states“, die Bodenschätze ausgebeutet, auch die Kolonialstaaten kaum entwickelt, die Kolonialgeschichte nicht bewältigt, Diktaturen in Mode, Demokratien kaum entwickelt, militärische Gewaltexzesse, Putsch, Krankheiten und Epidemien sowie das eigentliche Problem der Hunger nur schwer zu bekämpfen. Das Fazit unseres Gesprächs völlige Hoffnungslosigkeit. Afrika ein Kontinent der Finsternis. Aber diese afrikanische Heldengeschichte eines kleinen Jungen, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, lässt Licht ins Dunkel, lässt wieder Hoffnung wachsen, lässt einen anderen positiveren Blick auf Afrika gewinnen. Es ist eine bewegende Geschichte über Engagement und Solidarität, über Experimentierfreudigkeit und auch den Glauben an sich selbst und an das Positive.  
 

Leserkreis          
Ein berührendes Buch für Jung und Alt

Ein Buch durch dick und dünn

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel  Prof. Dr. Alexander Bartelt Der Fettversteher Wie wir unser gutes Fett aktivieren, um unser schlechtes zu verlieren. Gesund und nachhaltig abnehmen ULLSTEIN EXTRA

 

Inhalt
Man glaubt ja nicht, was im menschlichen Körper so alles steckt. Neuerdings wissen wir, dass der Körper zweierlei Fettzellen in sich trägt, die weißen, die uns dick machen und die braunen. Sie können sich positiv auf unseren Stoffwechsel auswirken. Braunes Fett verbrennt Kalorien, indem es Fett aus dem Blut und Speicherfett absaugt. Es findet eine Wärme-Umwandlung statt. So wird der Stoffwechsel angetrieben, es kommt zu einer negativen Kalorienbilanz.

 

Zitat
„Jeder Mensch hat also weiße Fettzellen und ihr Füllzustand bestimmt, ob wir eher dick oder dünn sind.“

 

Kurz-Kritik
Das klug aufgebaute Sachbuch informiert sachlich gründlich und präzise über die Fette, über Fettpolster, über den Prozess wie braunes Fett weißes zum Schmelzen bringt, die Einordnung von sinnvollen und sinnlosen Diäten sind auch behandelt.

 

Leserkreis          
Ein Buch für Dicke, die dünn werden wollen und für Dünne, die vermeiden wollen, dick zu werden. Mit diesem Buch gehen sie durch dick und dünn.

 

Schäuble: Wie wir an Krisen wachsen können

Am 23.4. 2021 wird wieder der Welttag des Buches gefeiert. www.facesofbooks.de gibt jetzt 13 Tage lang bis zu diesem Datum jeden Tag einen Buch-Tipp.

 

Heute stellen wir Ihnen vor

 

Titel 
Wolfgang Schäuble Grenzerfahrungen Wie wir an Krisen wachsen SIEDLER

 

Inhalt

Die Coronakrise stellt viele unserer Gewissheiten in Frage: Wie wir leben? Wie wir wirtschaften? Wo liegen Knappheiten? Was sind unsere Grenzerfahrungen? Welche neuen Wertigkeiten entwickeln wir? Diese Fragen beschäftigen den erfahrenen Unionspolitiker Wolfgang Schäuble, der eine Essay- und Gesprächssammlung vorlegt, um auszuloten, wie wir an der Krise um Corona wachsen können. Schäuble sieht im Vorwort die Chance, neue gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Dynamiken zu entfachen. In kritischer Selbstreflexion und mit Lust an der kontroversen Debatte will Schäuble Denkprozesse einleiten, denn in den Jahrzehnten des wachsenden Wohlstands sind wir in eine zunehmende Unbeweglichkeit geraten. Das Land braucht Veränderung.

 

Zitat
„Covid-19 treibt uns durch eine steile Lernkurve und viele Lektionen werden bleiben.“

 

Kurz-Kritik
Politiker neigen dazu, ab und an nach Ende ihrer Amtszeit, nach Wahlerfolgen oder manchmal auch Niederlagen einfach ihre früheren Reden hintereinander zu hängen, etwas zu redigieren, einen provozierenden Titel zu finden, in die Talkshows zu gehen und dann zu meinen, es wäre ein Buch entstanden. Dieses Buch ist nicht so geartet, vielmehr sucht Schäuble in den einzelnen Kapiteln Antworten auf viele derzeit aktuelle Fragen zwischen Freiheit und Begrenztheit, den Grenzen des Wachstums und der Vielfalt in Gesellschaften, den Grenzen Europas. Was zählen unsere westlichen Werte in der übrigen Welt und welcher Geschichte stellen wir uns? Es gelingt Schäuble aktuell von der Coronakrise ausgehend, die wichtigen Fragen der Zukunft aufzuwerfen, aufzuwerten und zugleich – das ist ein neuer Ansatz – in einem Gespräch Kapitel für Kapitel im moderierten Dialog kritisch würdigen zu lassen.  

 

Leserkreis          
Politikerkollegen von links bis rechts, Armin Laschet und Markus Söder und das Wahlvolk, das demnächst vor einer Entscheidung steht.

Roman mit Biss: Auf den Spuren von DRACULA

Transsylvanien - Unterwegs bei Graf Dracula

 

Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden.

 

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Interview mit Dana Grigorcea

Warum haben Sie die DRACULA-Geschichte als Hintergrund für Ihren Roman gewählt, das Projekt Dracula-Park als Vergnügungsstätte für Touristen wird ja doch nicht verwirklich?

 

Dracula ist ein Symbol des gestrengen Fürsten, der morbide Sehnsüchte weckt. Er waltet heutzutage nicht nur "trans silva", also hinter den Wäldern in Rumänien, sondern überall auf der Welt, wo die Menschen Autokraten und zwielichtige Populisten an die Macht hieven. Die Geschichte um den Dracula-Park in meinem Roman basiert auf einer wahren Geschichte, wie Sie richtig erkannt haben. Damals hatten sich allerlei korrupte Politiker und Geschäftslute Aktien an dem Park gesichert. Dass der Park dann doch nicht gebaut wurde, ist ein sehr begrüssenswerter Sieg der Zivilgesellschaft. 

 

Rumänen und seine politischen und gesellschaftlichen Probleme werden in der Europäischen Union oft buchstäblich an den Rand Europas gedrängt – welchem Thema müsste mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?


Die Europäische Union macht schon sehr viel für Rumänien und die osteuropäischen Länder. Umgekehrt sollten diese Länder mehr für die EU tun, zum Beispiel beim Flüchlingsthema. 

 

Bei aller Schwergewichtigkeit der Themen in ihrem Familienroman gelingt Ihnen eine gewisse Leichtigkeit. Nach dem trist-grauen kommunistischen Alltag hellt Literatur so die Seele auf und tröstet?


Ja, das ist auch meine feste Überzeugung: Literatur tut der Seele wohl. 

 

Viele Rumänen, vor allem deutschstämmige, haben ihr Land verlassen, dafür kann man Verständnis haben, aber müssten die Menschen nicht im Land bleiben, um am Fortschritt mitzuwirken?


Es ist nicht so, dass man nur vor Ort am Fortschritt des Landes mitwirkt. Dank den Wahlstimmen aus der rumänischen Diaspora ist zum Beispiel Klaus Johannis zum Präsidenten Rumäniens gewählt worden, und bei den Europawahlen die fortschrittliche Allianz USR-Plus. Die Auslandsrumänen sind von den rumänischen Populisten nicht zu erreichen, und leisten, durch regen Kontakt zu ihren Familien und Freunden in Rumänien, einen wichtigen Beitrag zum demokratischen Diskurs des Landes - von den Geldflüssen zu schweigen. 

 

Spüren Sie im Land noch Nachwirkungen des Terrorregimes von Ceaușescu?


Leider ja. Der revanchistische Ton wurde nicht abgelegt. Er hat die Art zu reden und über andere zu urteilen nachhaltig geprägt. Darum geht es auch in meinem Roman: Durch den unerbittlichen Ton, in dem man vergangenes Unrecht verurteilt, rettet man jene Geister der Vergangenheit in die Gegenwart. Um es mit Martin Luther King Jr. zu sagen: "Darkness cannot drive out darkness; only light can do that. Hate cannot drive out hate; only love can do that."  


Warum haben Sie den Ort der Handlung mit B. abgekürzt, wollen Sie Touristenströme dorthin vermeiden?


Da stehe ich hinter der Entscheidung meiner Erzählerin: Ich nenne den Ort nur B., „…weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral, wenngleich sie sich freilich an vielen Orten auf der Welt hätte abspielen können.“ Ich lasse Dracula da, wo man ihn vermutet, hinter dem dunklen Wald, aber eigentlich ist er längst hier, unter uns. 

Thomas Bernhard - ein Schriftsteller-Leben

„Du musst das halt in meinem Sinn machen“, trägt Thomas Bernhard seinem Halbbruder Peter Fabjan auf, als er spürt, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Und der sieben Jahre Jüngere gehorcht und übernimmt die Verantwortung, dieses Mal für ein schwieriges Erbe – so wie er es immer getan hat von Jugend an, wenn ihn der Ältere gebraucht hat. Den anderen galt er als „der liebe Bruder“, Fabjan selbst sieht sich eher als „Helfer in der Not“, denn oft genug fand er sich in der Rolle des Chauffeurs und dienstbaren Geistes wieder, der am Nebentisch saß, während der Bruder mit Persönlichkeiten aus Politik und Kunst parlierte.
Peter Fabjan, Bruder und gleichzeitig behandelnder Arzt Thomas Bernhards, gibt in seinen Erinnerungen einen Einblick in das Leben an der Seite, besonders aber auch im Schatten des österreichischen Dramatikers und Romanschriftstellers, der Weltruhm erlangte.

(SUHRKAMP)

 

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Joe Biden - ein Porträt bei Suhrkamp

„Joe Biden ist zugleich der unglücklichste und der glücklichste Mensch, den ich kenne.“ Das sagt ein Weggefährte über den Mann, der bei der Präsidentschaftswahl 2020 Donald J. Trump herausfordert. Der vielfach ausgezeichnete Journalist Evan Osnos begleitet den Kandidaten der Demokratischen Partei seit Jahren und hat ihn immer wieder interviewt, zuletzt im Sommer 2020. Diese und weitere Gespräche mit Angehörigen und Weggefährten wie Barack Obama bilden die Grundlage dieser brillanten Nahaufnahme des 1942 geborenen Biden, in dessen Werdegang sich die Veränderungen der politischen Kultur der USA spiegeln.


Mit gerade einmal 29 Jahren wurde der Sohn eines Autohändlers in den US-Senat gewählt. Seinen Amtseid legte er ab, nachdem er nur wenige Wochen zuvor seine erste Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren hatte. Nach Höhen und Tiefen führte ihn seine Karriere schließlich als Vizepräsident ins Weiße Haus. Joe Biden hat dramatische Schicksalsschläge und überraschende Wendungen erlebt. Vielleicht versetzt ihn gerade das in die Lage, eine zerrissene Nation zu einen, die Wunden der Trump-Ära zu heilen und einen neuen politischen Aufbruch zu ermöglichen. (SUHRKAMP)

 

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USA das Land der (unbegrenzten) Möglichkeiten

 

 


Barack Obama                                                Ein verheißenes Land PENGUIN VERLAG

 

Eine Rezension in Lese-Schritten


Zielgruppe: Donald Trump, Wladimir Putin, Angela Merkel und wir alle
Barack Obama verspricht im Vorwort seines ersten Memoirenbandes eine ehrliche Darstellung seiner zweimaligen Amtszeit. Vier Jahre hat er daran gesessen und sein Buch mit der Hand geschrieben, denn am PC zu formulieren gibt den halbgaren Gedanken den „Anschein von Ordnung“. Das Buch wuchs also in die Länge und in die Tiefe. „Ein verheißenes Land“ hat 1.024 Seiten und wurde inzwischen in 25 Sprachen übersetzt.

 

Allein sieben Übersetzer saßen an der deutschen Ausgabe, die bei Penguin erschienen ist. Schon jetzt kann man von einem Bestseller sprechen, es wurde in 890.000 Exemplaren bisher in den USA verkauft.
Obama tritt seinen Lesern sehr offen gegenüber. Mit einem Blick auf eigenes Scheitern bilanziert Obama schon eingangs aber trotzdem: „…das Land stand jetzt besser da als zu Beginn meiner Amtszeit“. 
Der amerikanische Präsident Nr. 44 will Zusammenhänge erklären, den Kontext für Entscheidungen mitliefern. Das führt zu Längen, Obama will einen zweiten Band vorlegen.

 
Es drängen sich ja auch aktuelle Themen in den Mittelpunkt, die noch zu behandeln wären. Er sieht die Demokratie am Rande einer Krise taumeln, das Land gespalten, die Menschen auch seit Corona und Rassenunruhen wütend und misstrauisch, die institutionellen Normen verletzt, grundlegender Konsens aufgelöst.


Was ist aus dem amerikanischen Traum geworden? Was sind die Folgen des Raubtier-Kapitalismus? Haben die USA ein rassistisches Kastensystem? Herrschen nur Eliten? Sind die Vereinigten Staaten noch eine Großmacht? Fragen, die Obama aufwirft und denen er als Grundannahme vorausstellt: Die USA haben noch Möglichkeiten, die sie auch für künftige Generationen nutzen können. Noch ist nicht alles verloren, aber ein endgültiges Urteil darüber steht aus. Er versteht den ersten Band seines Buches auch als eine Einladung an junge Leute, die Welt zu erneuern. 


Ich habe bisher nur das Vorwort gelesen! Dort sagt Barack Obama: „…meistens gehe ich langsam – es ist ein hawaiianisches Schlendern, wie Michelle sagt, gelegentlich mit einem Anflug von Ungeduld.“ 
Obama beobachtet sich selbst, wie seine Schritte im Weißen Haus als Präsident länger, forscher, offizieller, also auch staatsmännischer werden.
Jenes Schlendern will ich mir zu eigen machen, während ich sein Buch lese und immer wieder einmal auf www.facesofbooks.de und hier auf Facebook meine Beobachtungen und Einschätzungen dazu mitteilen, sozusagen eine nachhaltigere Rezension step by step anbieten, die Schritt für Schritt vorgeht und die es meines Wissens bisher so noch nicht gibt. Die flow-writing Buchrezension als Lese-Prozess, nicht als abgeschlossene Beurteilung am Schluss, wenn das letzte Kapitel gelesen ist. 


Jetzt kann ich schon sagen, Obama schreibt frisch, offen, selbstkritisch, reflektierend, Zusammenhänge bietend, dazu doch auch Details, kleine Beobachtungen am Rande einbeziehend, selbstkritisch, auch zweifelnd. Dem rhetorischen Talent gelingt ein erzählerischer, spannender, ja irgendwie „schlendernder“ hawaiianischer Ton. Er gefällt mir. Bin gespannt, ob er ihn durchhält.  

 

 

 

Teil 2 Die Wette


Auf den ersten 120 Seiten des 1.016-Seiten langen Erinnerungsbuches erfahren wir, wo Barack Obama herkommt, was seine familiären Wurzeln sind, wie sein Ausbildungsgang verlaufen ist, wo und was er studiert hat und wie seine Wege in die Politik verlaufen sind. Nicht unbedingt geradlinig und voller Selbstzweifel.


Als Junge beschäftigen ihn natürlich wie so viele Boys der Sport, die Mädchen, natürlich Musik und „wo man sich betrinken könnte.“


Seine Mutter liest Beatnicks-Bücher und Bekenntnisse französischer Existentialisten, und sie rät dem Sohn Obama auch zu lesen. Wenn er als Kind Langeweile verspürt, empfiehlt die Mutter: „Lies ein Buch. Und danach kannst du mir erzählen, was du daraus gelernt hast.“ 
Auf langen Autostrecken genießt er also Romane als Hörbücher, liest spannende John-Le-Carré-Thriller und Toni Morrison, die US-Schriftstellerin afroamerikanischer Literatur, oder auch Sachbücher zum amerikanischen Bürgerkrieg, viktorianischen Zeitalter oder zum Untergang des Römischen Reiches. Seine Umgebung prophezeit ihm: “Der wird es noch weit bringen.“


So eignet sich Barack Obama nach und nach ein „passables Politikwissen“ an. Aber die Politiker selbst sieht Obama kritisch: Sie wirken auf ihn halbseiden, ihre Föhnfrisuren, das schmierige Grinsen, ihre Plattitüden, und ihr nervtötendes Eigenlob im TV stören Obama, er empfindet die Politkaste als Selbstdarsteller in einem abgekarteten Spiel. 


Obama wehrt sich aber auch grundsätzlich gegen die Haltung, alle Weißen seien von Haus aus Rassisten. Sein Credo ist: Alle Menschen sind gleich geschaffen, d  a  s war sein Amerika. 


Im Jurastudium beschäftigen ihn Fragen wie: Welche Verpflichtungen hat jeder dem anderen gegenüber, was lenkt das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft? Soll der Staat die Märkte regulieren? Wodurch entsteht sozialer Wandel? Wie können Gesetze dafür sorgen, dass jeder bei Wahlen eine Stimme hat. 


Und dann tritt eine Frau in sein Leben: Michelle „Sie war groß, schön, witzig, aufgeschlossen, hilfsbereit und unglaublich smart - und ich war von der ersten Sekunde an hin und weg.“


Sie lockt ihn ständig aus der Reserve und verlangt von ihm bei Diskussionen mit ihr ehrliche Meinungen. Das gefällt ihm, denn er entscheidet sich im Zweifel immer für den schwierigeren Weg. 
In Kinko’s Copyshop gibt er seinen ersten Wahlflyer ab, ein DIN-A5-Zettelchen mit Fotos und ein paar politischen Schlagworten. Das war sein erster Schritt, ein Kandidat zu werden. Am liebsten spielt er fair, aber er verliert auch ungern. Die ersten Schritte sind sehr steinig, sie führen erst langfristig zum Erfolg. 


Seine Senats-Kandidaturen scheitern erst einmal, er verfällt in düstere Stimmungen, empfindet erste Niederlagen als demütig, hat nichts auf dem Konto, in der Ehe kriselt es, Barack Obama hat die falsche Richtung eingeschlagen. 


Man sieht also als Leser, Obama schreibt ehrlich, gesteht durchaus Zweifel ein, lässt uns an seinem innersten Gefühls- und Denk-Leben teilhaben, ist offen und ehrlich zum Leser.


Als ihm später dann endlich die Senatswahl gelingt, will er nicht gleich Zirkuspferd, sondern Arbeitspferd sein, und er konnte endlich auch Einfluss auf die Außenpolitik nehmen, was im Bundestaat nicht möglich ist. Barack gewinnt nach und nach an Popularität, sondiert auch schon die Möglichkeit, in eine Präsidentschafts-Kampagne einzusteigen, will also die aufkommende Chance nicht verstreichen lassen.
Als er Michelle gesteht, dass er Präsident der Vereinigten Staaten werden will, sagt seine Frau: “Guter Gott, Barack…wann ist es endlich genug?“ 


Nach einem Wachtraum kommt ihm zu Bewusstsein: “Ich fürchte mich vor der Erkenntnis, dass ich gewinnen könnte.“


Barack Obama will eine neue Art von Politik anstoßen, die neue Generation dazu bewegen mitzumachen, die Spaltung des Landes zu überwinden. 


Obama schreibt mit Einfühlungs- und Ausdrucksvermögen, lässt seine Umgebung zu Wort kommen, er nimmt die Leserin und den Leser an die Hand, schildert Details farbig, szenisch lebhaft und führt sie ins Weiße Haus - durch den Seiteneingang, ein „Guten Morgen“ zu den Mitarbeitern auf den Lippen, greift zum vollen Terminkalender und zu einer Tasse Tee. Der Alltag als Präsident der Vereinigten Staaten im Oval Office kann beginnen. Und wir sind dabei.


Es folgt in der Rezensionsreihe Teil 3 das Kapitel YES WE CAN: Barack Obama Ein verheißenes Land Penguin 

 

 

Teil 3  YES WE CAN

 

Immer mehr entsteht beim fortschreitenden Lesen des dicken 1.016-Seiten-Wälzers der persönliche Eindruck: Yes, i can. Ja, ich bin auch dabei. Ich stehe neben dem amerikanischen Präsidenten oder auch genau hinter ihm, schaue Barack über die Schulter, bin quasi als sein Wahlhelfer dabei, lerne alle Partei-Ortsgrößen und Countys kennen, lausche den schlauen Empfehlungen des Wahlkampfstabes, bin sogar mit auf der Couch, wenn der künftige amerikanische Präsident tief in seine Seele hinein horcht.


Obama beobachtet sehr, sehr genau, registriert zum Beispiel sogar seinen Atem-Dunst, der in kleinen Wölkchen über der Zuschauermenge hängt, wenn er zu ihnen spricht. Er hat es eben gerne ausführlich, schreibt selbstkritisch, dass er „endlos schwadroniert“.
Zitat. „Mein Problem war meine Unfähigkeit, ein Thema auf das Wesentliche zu reduzieren.“


Wahlkampf ist Tortur auf der Tour: Obama vermisst seine Kinder, sein eigenes Bett, das regelmäßige Duschen und ordentliches Essen im Wahlkampf. 


Auch seine Mitarbeiter hat der Kandidat unterwegs genauestens im Blick. Seine Bodyguards sind zum Beispiel nicht nur für die Sicherheit verantwortlich, sie spielen auch den persönlichen Assistenten, der für nötige Schmerztabletten oder Regenschirme sorgt und natürlich auch den Namen des örtlichen Parteivorsitzenden unbedingt kennen muss. 
Obamas Wahlkampfmanager machen den Kandidaten darauf aufmerksam, dass es im Wahlkampf eben nicht darum gehe, Fragen ausführlich zu beantworten, sondern konkrete Botschaften rüber zu bringen, erst recht, weil Menschen nicht durch Tatsachen, sondern sicher mehr durch Emotionen erreicht werden können.


Im Alltag geht Obama manchmal zerstreut ans Werk, stellt an sich ritisch fest, dass er unentwegt Memos, Kugelschreiber und Smartphones verlegt. Das macht unseren Helden doch sympathisch, so bodennah, er ist dann so einer wie wir. Und es schmeichelt seinem Ego eben auch, wenn man ihm schmeichelt. 


Dass ihm die Butter-Cow-Queen in Iowa bei einem Wahlkampfauftritt eine 10 Kilo schwere Butter-Büste seines Kopfes präsentiert, imponiert dem Wahlkämpfer. Aber solche Helden-Denkmäler können schnell schmelzen. 


Im Wahlkampfteam herrscht derweil das Motto des Handelns: Respekt zeigen, Stärke beweisen, die Menschen einbinden, das ist die Leitlinie der Wahlkämpfer.


Inhaltlich beschreibt Obama seine politischen Hauptpositionen so: „Ich bin in die Politik gegangen, um eine Politik zu ermöglichen, in der es weniger um Macht und Positionen und mehr um Gemeinschaft und Zusammenhalt geht.“


An der politischen Elite in Washington kritisiert der Präsidentschaftskandidat das außenpolitische Establishment, das sich auf Militäraktionen einlässt, ohne zuerst die diplomatischen Optionen zu prüfen, und andererseits an der diplomatischen Etikette dort festhält, wo entschlossenes politisches Handeln nötig gewesen wäre.
Obama vermisst bei den Entscheidungsträgern in Washington in der Kommunikation den offenen und ehrlichen Umgang mit dem amerikanischen Volk.


Auch das Wahlvolk skandiert seinen gerade erfundenen politischen Schlachtruf: YES, WE CAN lautstark. Man könnte es etwas „merkelig“ locker mit WIR SCHAFFEN DAS übersetzen.


Obamas Wahlkampf-Credo: “Es gibt kein schwarzes Amerika und kein weißes Amerika und kein Latino-Amerika oder asiatisches Amerika. Es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“


Es wird in der Wahlkampfauseinandersetzung zunehmend mit härtesten Bandagen gekämpft. In den konservativen Radiosendungen und auf windigen Internetseiten geraten reißerische Unwahrheiten in Umlauf: Es wird fälschlicherweise behauptet, Obama sei gar kein amerikanischer Staatsbürger, er hätte mit Drogen gehandelt, habe marxistische Verbindungen und außerhalb der Ehe sogar mehrere Kinder gezeugt.
Im Laufe der Kampagne stellt Obama an sich fest: „Ich begann, mich alt und immer einsamer zu fühlen.“ Wahlkampf, eine Tretmühle, ein Hamsterrad. 


Obama sondiert außenpolitisches Terrain. In Afghanistan und im Irak sollen die amerikanischen Verbände zurückverlegt werden. Er entwickelt ein Zeitfenster für einen US-Rückzug. General Petraeus warnt ihn vor, man würde dem Feind damit die Chance geben, einfach abzuwarten bis die US Truppen fort wären, und dann eben so weiter verfahren wie bisher. 


Auf seiner Wahlkampftour jettet Obama durch die ganze Welt und trifft auch Angela Merkel in Berlin, um in seiner politischen Rede an der ehemaligen Mauer zwischen Ost und West darauf hinzuweisen, dass heutzutage weniger sichtbare Mauern niederzureißen seien, wie zum Beispiel zwischen Reich und Arm, zwischen Ethnien und Stämmen, zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern, zwischen Christen, Muslimen und Juden. 


Zum Abbau der Belastungen im Wahlkampf „macht Obama in Familie“. Er fliegt mit Frau und Kindern gemeinsam zu Urlaubstagen nach Hawaii, erfreut sich dort an Bilderbuch-Sonnenuntergängen über dem Pazifik, lauscht dem Rascheln der Palmen, planscht mit den Töchtern im Meer und lässt sich von ihnen im Sand einbuddeln. 


Freizeit mit der Familie zu verbringen ist entspannend für den künftigen Präsidenten, während durch seine Nominierung die Spontaneität aus seinem Alltag vollends verschwand. „Es war nicht mehr möglich oder zumindest nicht einfach, durch einen Lebensmittelladen zu gehen oder auf dem Bürgersteig einen kleinen Plausch mit einem Fremden zu halten. „‘Das Ganze ist ein Zirkuskäfig‘, beklagte ich mich eines Tages …, und ‚ich bin der Tanzbär.‘“ 

 

 


Teil 4 Obama über Joe Biden


Natürlich kommt auch Obamas Stellvertreter Joe Biden in der Kandidatenphase vor. Barack zieht ins Kalkül, dass ihm in der Kampagne auch etwas passieren könnte und damit Biden zwangsläufig sein Nachfolger im Amt wäre. Obama zweifelt zunächst daran, ob Biden wirklich der richtige Mann für sein Team ist, weil sie vom Typ her und in ihrem Temperament so gegensätzlich sind: „Was Joe betraf, hätten wir, zumindest in der Theorie, nicht verschiedener sein können.“


Obma beschreibt Joe als sympathischen Menschen, als Ausbund an Warmherzigkeit, als ein Mann, der bereitwillig alles, was ihm durch den Kopf geht, mit anderen teilt. Immer hat er ein strahlendes Lächeln im Gesicht. Die Anwesenden gewinnt er mit einer Flut von Umarmungen Händedrücken, Küssen, Schulterklopfen, Komplimenten und kurzen witzigen Bemerkungen für sich.


Dem Präsidentschaftskandidaten ist bewusst, Biden könne in Reden auch unbedachtsam formulieren. Außerdem neigt er dazu, lange und ermüdende Monologe zu halten. 


Auf der anderen Seite sieht er in ihm auch einen Menschen mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck, der beschämende Niederlagen und schwere persönliche Schicksalsschläge erlitten und verarbeitet hat. Bei einem Verkehrsunfall verlor Joe Biden seine erste Ehefrau und eine Tochter. 


Im persönlichen Gespräch versprach Biden, Obamas Politik mitzutragen: „Aber ich will bei jeder wichtigen Entscheidung derjenige sein, den Sie als letztes konsultieren.“


Die Gegensätzlichkeit war es dann überraschenderweise, Obama endgültig zu überzeugen und ihn für sich einzunehmen. Es würde ja auch dessen außenpolitische Erfahrung ihm nützlich sein. Die USA waren schließlich in zwei Kriege verwickelt. Biden hatte sehr gute Beziehungen zum Kongress und langjährige außenpolitische Erfahrung sowie ausreichend politisches Potential, seine Wähler mit konkreten Botschaften auch zu erreichen. Obama setzte also auf sein Bauchgefühl: Biden ist anständig ehrlich und loyal: „Ich sollte nicht enttäuscht werden.“ 


Obama erinnert auch an den großen Martin Luther King und dessen Spruch beim Freiheitsmarsch in der Bürgerrechtsbewegung (March on Washington for Jobs and Freedom 1963) „Wir können nicht alleine gehen“. Obama sieht also auch seine schwarzen Wurzeln und seine Wähler als erster Coloured-People-Präsident. Es wären also die Türsteher, Hausmeister, Sekretärinnen, Büroangestellte, Tellerwäscher und Fahrer, die seine Wähler werden könnten. 


Als er sich den Kauf einer Eigentumswohnung leistet, ist sich Obama auch nicht zu schade, seine klammen finanziellen Verhältnisse zu offenbaren. 


Ausführlich widmet sich der Präsidentschaftskandidat dem Entstehen und dem Verlauf der Immobilien- und Bankenkrise in den USA. 
Kritisch äußert er sich über die gierigen Wallstreet-Banker, die arrogant und anmaßend, versessen auf Statussymbole seien und gleichgültig wären gegenüber den Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf den Rest der Gesellschaft.


Als Obama zum Präsidenten Bush ins Oval Office gerufen wird - es geht um ein Rettungspaket wegen der Bankenkrise - zeigt sich Obama vom „Cabinet Room“ im Weißen Haus beeindruckt: „imposant“, und widmet sich dann dessen genauer farbiger Beschreibung auf fast einer ganzen Druckseite im Buch. 


Es geht dann im Weiteren um das Troubled Asset Relief Program (TARP)-Programm. Die Regierung der Vereinigten Staaten hatte an Finanzinstituten Anteile gekauft, um den Untergang des amerikanischen Finanzsystems zu verhindern. 


Obama lieferte genaue Kenntnis über das Programm, konnte in der Diskussion mit dem amtierenden amerikanischen Präsidenten Bush präzise Position beziehen, während sein Kontrahent McCain sich nicht einmal mit seinen eigenen Änderungsanträgen vertraut zeigte. 
George W.Bush findet er geradlinig, entwaffnend, selbstironisch.  
Bevor Obama in wichtige Debatten einsteigt - etwa in TV-Kanälen - hat er ein peinlich genaues Ritual: Erst einmal ein Steak essen, dann zur Entspannung seiner Musik lauschen und schließlich hundertprozentig sicher, den Glücksbringer in der Hosentasche dabei zu haben. Nach dem gelungenen Auftritt mit McCain ist Michelle sich sicher: „Du wirst gewinnen.“


Eindrücklich schildert Obama den Wahltag selbst, der für ihn eine überraschende Stille mit sich bringt. Leere Wahlkampf-Büros, keine TV-Spots, Gerüchte wabern umher, die Wahlberechtigten stürmen an die Urnen: „Jetzt konnte man nur noch abwarten.“ 


Der große Kommunikator Obama bereitet zwei Reden vor, eine für den Sieg und auch eine für die Niederlage. Die Anspannung steigt und steigt bis ins Unerträgliche, bis dann ABC News endlich verkündet: Obama ist der gewählte vierundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten: „Jubel brach aus, Freudenschreie hallten durch den Gang. Michelle und ich küssten uns, und sie wich sanft ein wenig zurück und musterte mich kurz lachend und Kopf schüttelnd.“

 

 

Teil 5    OVAL OFFICE


Tracking Tour im OVAL OFFICE, der 44. Präsident der USA versucht, sich im Weißen Haus mit den vielen Gängen, Mauern, Türen zurechtzufinden. Was und wer steckt hinter all den Pforten? 


Da stehen Büsten verstorbener Politiker herum, alte Standuhren, sein berühmter Schreibtisch steckt voller Geheimfächer. Entdeckungstouren, Überraschungen, Einsichten. Während seiner Amtszeit legt Obama nie das Gefühl ab, in einem „Heiligtum der Demokratie“ zu arbeiten. Dennoch malt er sich ab und an kleine und große Fluchten aus, er würde dann einfach am Wachhaus vorbei in der Menge verschwinden und sein „altes Leben“ führen. 


Die Töchter des Vorgänger-Präsidenten Bush veranstalten für die Präsidentenkinder der Obamas eine Besichtigungstour aus Kinderperspektive: wo sind die lustigsten Ecken zum Verstecken? Fortan wird Obama für ihn leergefegte Straßen in der Stadt vorfinden. „Das fühlte sich an, als würde ich in meiner eigenen mobilen Geisterstadt leben.“


Obama ist sich bewusst, mit etwas weniger als hundert Mitarbeitern und Beratern um ihn herum muss er nun Visionen artikulieren, Richtungen vorgeben. Organisationskultur fördern, Verantwortung und Zuständigkeit schaffen. Fragen stellen, Empfehlungen durchgehen, Foliensätze und Briefingunterlagen studieren, Strategien diskutieren „…und keine Idee wurde verworfen, nur weil sie von einem untergeordneten Mitarbeiter kam oder nicht einer bestimmten ideologischen Neigung entsprach.“
Ausführlich schildert Obama, wie er sein Personal auswählt, welch komplizierter Prozess es ist, loyale und fachkundige Mitarbeiter zu gewinnen und in seinen Stab zu locken, etwa, wenn er den Verteidigungsminister berufen will, er der selbst nicht gedient hat und an Diplomatie glaubt statt an Krieg, der nur für ihn die Ultima ratio darstellt. 


Und dann bekommt Obama den berühmten Lederkoffer fürs Atombombenarsenal in die Hand gelegt mit einer genauen Gebrauchsanweisung von einem Adjudanten an die Hand gegeben, der die Vorgehensweise so ruhig und methodisch erklärt „…wie die Programmierung eines Videorecorders.“ 

 

Derweil ist Michelle damit beschäftigt, den Umzug zu organisieren, Schulen für die Töchter zu finden, die Post umzubestellen, die Mutter ins Weiße Haus umziehen zu lassen. Das würde die ganze Sache vereinfachen, zumal die Schwiegermutter Obama an sein selbst gewähltes Schicksal erinnert, es hatte ihn ja niemand gezwungen Präsident zu werden. „Ich hatte mich also zusammenzureißen und meinen Job zu erledigen“. 


Das tut Obama, stellt thematische Teams zusammen, von der Flugsicherheit bis zur Krebsforschung, von Studienkreditschulden zum Beschaffungswesen. Und es menschelt halt auch im Weißen Haus, wenn um Hierarchien, Titel, Zuständigkeiten ja sogar Parkplätze geht und darum Rangeleien entstehen, gerad‘ so wie im richtigen Leben. 
Das alles schildert Obama mit einer detailversessenen selbstironischen und humorvollen aber auch dort, wo es angebracht ist ernsten Schreiblaune, als wolle er endlich die Vorhänge des Weißen Hauses herunterreißen oder zumindest weit aufziehen, um die Wählermenschen endlich einmal genau hinter die Mauern und die Machtkulissen des Weißen Hauses blicken zu lassen. 


Hunderttausende begleiten die Amtseinführung Obamas, sein Blick über die Menschenmenge sieht “eine bewegte Meeresoberfläche“.
Panne beim Sprechen des Amtseides, darüber geht Obama schnell hinweg, am nächsten Tag wird das Zeremoniell wiederholt. Die Formel war ihm falsch vorgelesen worden, es fehlte das Wort „getreulich“. 
Zehn Amtsantrittsbälle müssen die Obamas hinter sich bringen. Nach 12 Stunden tun Michelle die Füße weh, Mutter und Töchter gehen früh zu Bett, die Nachtschicht räumt auf, Obama kennt immer noch nicht alle Türen und die Welt dahinter: „Ich zog mir die Krawatte vom Hals, ging langsam durch die Halle und löschte die letzten Lichter.“

 

 

Teil 6         Im Amt

 

 

Nun ist er also im Amt. Der 44. Präsident der USA. Barack Obama, der sofort erkennt, egal was man sich einredet, wie viele Briefings man bekommen hat, welche Veteranen aus früheren Regierungen auch immer rekrutiert sind, „…nichts kann einen vollständig auf diese ersten Wochen im Weißen Haus vorbereiten“. 


Sein Stabschef Emanuel Rahm bringt es auf den Punkt: „Vertrauen Sie mir“, sagt er. “Die Präsidentschaft ist wie ein Neuwagen. Der Wertverlust beginnt in dem Moment, wenn man ihm vom Hof des Händlers fährt.“
Obama legt sofort los: Mit einer Executive Order untersagt Obama die Folter und setzt den Prozess in Gang, das Militär-Gefangenen-Lager Guantanamo Bay auf Kuba zu schließen. Er erlässt auch verschärfte Restriktionen gegen Lobbyisten. Es wird von Obama auch schnell eine Vereinbarung getroffen, weitere vier Millionen Kinder in das Gesundheitsprogramm zu integrieren. Die schnellen Anfangserfolge werden jedoch auf die Dauer durch die Republikaner im Kongress sehr stark ausgebremst. 


Der Amtsantritt mitten in der Finanzkrise bringt außerdem eine Reihe von Problemen mit sich. Über die Hälfte der 25 größten Finanzinstitute macht Pleite, fusioniert oder strukturiert sich um, damit der Bankrott umgangen wird. Der Aktienmarkt hat 40 Prozent an Wert verloren. Eigenheim-Zwangsvollstreckungen drohen für 2,3 Millionen Hausbesitzer. Das Haushaltsvermögen der USA ist um 16 Prozent gesunken. 
Das Manko Obamas ist es, sich für seine Gesetze immer republikanische Stimmen für die Mehrheitsentscheidung besorgen zu müssen. Es ist für Obama also äußerst schwierig, seine politischen Vorhaben konkret umzusetzen. 


Neben der detaillierten Beschreibung seiner politischen Hürden mit den republikanischen Mehrheitsverhältnissen klar zu kommen, vergisst Obama auch nicht, bei der Personenbeschreibung seiner Mitstreiter und auch Kontrahenten Details zu nennen. 


Nehmen wir als Beispiel die Sprecherin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi. Zu den passenden Schuhen ist sie perfekt frisiert, stellt eine reiche Liberale aus San Francisco dar, die reden kann wie ein Wasserfall, aber im Fernsehen nicht besonders gut rüberkommt. 


Obama lässt also in seinem Text konkrete Bilder vor dem Leserauge entstehen, er nimmt seine Leserinnen und Leser an die Hand, zeichnet kurze Charakterbilder über seine Mannschaft und beschreibt seinen Polit-Alltag seinem Publikum sehr, sehr farbig. Lästig ist jedoch die amerikanische Sitte, sich mit Vornamen anzusprechen. Die konkreten Funktionen seiner Teammitarbeiter bleiben an manchen Stellen vage umschrieben. 

 
Der Bildinnenteil (es gibt zwei davon) ist farbig aber auch schwarz-weiß opulent gestaltet. Ob Paraden, Amtseid, Wahlkampfszenen, Familienporträts oder Kabinettsrunden, am „Resolute Desk“ sitzend oder mit den beiden Töchtern im Weißen Haus spielend unterwegs, die Bilder zeigen einen präsenten Präsidenten. An vielen Stellen lässt Obama seine Sorge durchblicken, die Familie könnte unter der Sondersituation leiden, eine amerikanische Präsidentenfamilie zu sein und privilegiert im Weißen Haus zu wohnen. 


Die Republikaner versteifen sich darauf, obstruktive Opposition zu betreiben, diese „mit beeindruckender Disziplin“ umzusetzen, die Zusammenarbeit zu verweigern, egal unter welchen Umständen, zu welchen Themen und vor allem anderen auch ungeachtet der schwerwiegenden Folgen für das Land. 


Im Wohnbereich Obamas stapeln sich derweil die neuesten Konjunkturdaten, Entscheidungsvorlagen, Informationsvermerke, geheimdienstliche Briefings, Gesetzesvorlagen, Rede-Entwürfe, Themen für Pressekonferenzen: „Am intensivsten spürte ich, wie folgenreich meine Arbeit war, wenn ich Briefe aus der Wählerschaft las.“
Obama erkennt: In dieser Phase gehen reihenweise Eigenheime verloren und damit verbunden auch der Glaube an gemeinsame Ziele, an höhere Ideale in den Vereinigten Staaten. 


Derweil muss der amerikanische Präsident gegen die Folgen der immensen Geldkrise kämpfen, und er setzt dann auch für die 19 systemrelevanten Banken den auch bei uns bekannt gewordenen Stress-Test für Finanzinstitute durch.


Vor den Abgeordneten und seinem Kabinett spricht Obama auch darüber, den Irak-Krieg zu beenden, die amerikanischen Maßnahmen in Afghanistan zu befördern und terroristische Organisationen intensiver zu bekämpfen. Der Hauptteil seiner Reden konzentriert sich jedoch auf die Folgen der Wirtschaftskrise. 


Obama vergisst nicht, im ersten Teil seiner Memoiren an vielen Stellen die „First Lady“ Michelle ausführlich zu würdigen, die in der Öffentlichkeit mit ihrem Charme und ihrer Kleiderwahl glänzt und Bälle mit populären Bands organisiert, kurzum in der Außenwelt nicht nur durch ihr Outfit in der Öffentlichkeit brilliert.


Als politische Aufgabe sucht sich Michelle aus, den Anstieg von Übergewicht bei amerikanischen Kindern zu bekämpfen und die beschämend geringe Unterstützung von amerikanischen Soldaten- Familien zu beheben: „Meine Frau scheiterte nicht gerne, Sie mochte ihrer neuen Rolle durchaus zwiespältig gegenüberstehen, aber sie war dennoch fest entschlossen, sie gut auszufüllen.“


Auch persönliche Laster gibt Obama gerne zu: Etwa, dass er immer noch fünf, sechs oder sieben Zigaretten täglich raucht. Und manchmal sogar mehr.


Kein Wunder, denn Obamas Nerven liegen ziemlich blank: Zum Beispiel, wenn er offenbart, dass die Ignoranz der Wall Street ihn wahnsinnig macht, weil sie in der Haltung gegenüber der Krise alle herrschenden Klischees bestätigt, dass die hyperreichen, boni-versessenen Banker den Kontakt zum Leben normaler Menschen komplett verloren haben. Angesichts solcher Erkenntnis gönnt er sich dann auch mal einen Entspannungs-Martini. 


Am Ende des Kapitels räsoniert Obama, ob er in der Finanzkrise nicht hätte wagemutiger auftreten sollen, der Ökonomie, etwa durch Verstaatlichung der Banken, mehr Schmerzen zu bereiten, Banker strafrechtlich zu belangen oder einen Teil des Bankensystems einfach zusammenbrechen zu lassen. 


Obama kommt aber zu dem Schluss, zwar Reformer zu sein, aber eben auch ein konservatives Naturell zu haben: „Ob ich damit Weisheit oder Schwäche demonstrierte, sollen andere beurteilen.“ 

 

 

Teil 7  Politischer Alltag im Weißen Haus

 

 

Ein amerikanischer Präsident muss grüßen können. Ich meine nicht „Hello! Hi! How do you do?“ Es geht um: Finger zusammenpressen, Fingerspitzen genau an den Augenbrauen ansetzen. Obama lernt als Oberbefehlshaber den militärischen Gruß, indem er das militärische Grüßen seiner Vorgänger checkt, die mit schlappen Handgelenken oder nicht ausgestreckten Fingern komplett versagen. Er will es eben besser machen.


Auf Seite 436 finden wir die Aufgabenbeschreibung für einen amerikanischen Präsidenten, der sich bewusst sein muss, dass es seine wichtigste Aufgabe ist, die amerikanischen Bürger vor Gefahren zu beschützen. 


Ob ein atomarer Angriff Russlands, eine böse Hacker-Attacke, ein Sprengstoffattentat, Lieferboykotts bei Treibstoff, Einwandererströme, steigende Meeresspiegel, um sich greifende Pandemien, die Bedrohung ist allumfassend und braucht Lösungsansätze. 
Ob der Angriff auf Pearl Harbor, das Olympia-Attentat in München, Golfkrieg I und II, Militäreinsatz in Afghanistan oder 9/11, Obama ist sich früherer oder künftiger Bedrohungslagen sehr bewusst. 
Obama stellt uns sein außenpolitisches Team vor, in dem Tauben und Falken sitzen, er sucht nach einer „Balance“ und ist sich bewusst, dass Bräuche und Rituale, Symbole und das Protokoll - und also eben auch der militärische Gruß - wichtig sind. 


Obama lässt uns an seinem Tagesprogramm teilhaben: Frühmorgens Aufschlagen der Ledermappe, PDB, The Presidents Daily Brief, top secret, von der CIA und anderen Nachrichtendiensten über weltweite Ereignisse zusammengestellt. 


Dann die Morgenlage, Besprechung mit Mitarbeitern. Es geht um nicht weniger als Staatsstreiche, Atomwaffenfragen, gewalttätige Proteste, Grenzkonflikte und vor allem Kriege. Afghanistan, Irak, al-Quaida sind die Stichworte dazu. Obama will jeden Aspekt der amerikanischen Militärstrategien überprüfen. Der Truppenabzug aus dem Irak war weitgehend beschlossen, schreibt Barack Obama, der Afghanistanfeldzug erschien ihm nach wie vor als notwendig. 


Dabei entdeckt Obama so nebenbei auch Profanes, dass zum Beispiel der so genannte „Situation Room“ nicht wie in Hollywood-Streifen total futuristisch gestaltet ist, er findet sein Lagezentrum vielmehr „wenig glanzvoll“, „kahle Wände“, „schlichte Holzjalousien“. Es sind diese vielen Beobachtungen und Details, die den Text lebhaft machen, dem Leser ein Gefühl des ständigen Beteiligtseins geben. Und dann hören wir eben auch mit, wenn dem Präsidenten zugeflüstert wird, er solle sich von denen – gemeint sind die Militärs – nicht blockieren lassen, denn diese versuchten immer, einen neuen Präsidenten an die Leine zu nehmen. 
Wenn Obama verwundete Soldaten besucht, mit Wählern und Normalbürgern zusammenkommt, versucht er ihnen die Befangenheit zu nehmen. Er ist sich dennoch seiner Verantwortung für Leib und Leben und das Töten im Ernstfall durchaus bewusst. 


Wir erfahren auch genau, wie es in der Airforce One, seinem Boeing 747-200B-Regierungsflugzeug, aussieht: rostroter Teppichboden mit goldenen Sternen, Polsterledersessel und Wandverkleidung aus Walnussholz, Panzerfenster und Platz für einen 14köpfigen Pressepool. 
Obama bescheinigt den Vereinigten Staaten den größten Teil der vergangenen 70 Jahre eine dominante Stellung auf der Weltbühne eingenommen zu haben: „Und wenn die USA nicht immer von allen in der Welt geliebt wurden, so genossen wir zumindest Respekt und waren nicht bloß gefürchtet.“

 

Teil 8 Internationale Gipfeltreffen

 

Kapitel 14 – Internationale Gipfeltreffen. Endlich dürfen wir mit Präsident Barack Obama hinter den kleinen Nationenflaggen auch am Konferenztisch Platz nehmen, um ihm bei den G 20-Treffen auf globalem Parkett über die Schulter zu schauen und mitzulauschen. 
Vorher haben wir mit ihm schon dieses routinierte Protokoll-„Gedöns“ hinter uns gebracht, sind mit der Limousine vorgefahren, haben hundertfach Hände geschüttelt, gingen über rote Teppiche, sind protokollarisch steif begrüßt worden, auch vielfach fotografiert, sitzen nun in der Runde der Vertreter der global großen Mächte. Das alles beschreibt Obama bis ins letzte Detail. Wir sind als Leser ständig gespannt, was kommt.


Nun lässt uns der mächtige amerikanische Präsident in sein Innerstes schauen. Obama aber muss nämlich seinen Jetlag bekämpfen, sich als Neuling am Tisch interessiert geben, große Reden schwingen, schnell mal nebenbei Vier-Augen-Gespräche absolvieren, ja er gibt sogar zu, beim endgültigen „Klassenfoto“ der Gipfelteilnehmer „unbeholfen“ zu lächeln. 


Präsident Obama lässt also seinen ersten Londoner Gipfel vor den Augen des Lesers Revue passieren und plaudert aus dem präsidentiellen Nähkästchen über seine Politikkollegen. 


Dem Briten Gordon Brown mangelt es an dem „funkelnden politischen Talent seines Vorgängers“, gemeint ist Tony Blair. Merkels Augen sind „groß, strahlend blau“, sie hat eine „stoische Art“ und ein „nüchtern-analytisches Bewusstsein“. Die deutsche Kanzlerin „Mörkel“ schätzt Obama zunächst skeptisch ein ob dessen rednerischem Talent. Barack sieht das als eine gesunde Einstellung an, als Abneigung gegen mögliche Demagogie. Sarkozy dagegen, der Inbegriff von „Gefühlsausbrüchen und übertriebener Rhetorik“, kommt ihm vor wie eine Toulouse-Lautrec-Figur. Sarkozy will im Mittelpunkt des Geschehens stehen, ständig Lorbeeren ernten. 


Obama sieht Putins Widerwillen, die Souveränität anderer Staaten zu respektieren, erwähnt dessen Dreistigkeit und generelle Kriegslust, zitiert Solschenizyn, der über Russland sagt: „In unserem Land ist die Lüge nicht nur zu einer moralischen Kategorie geworden, sondern zu einem Grundpfeiler des Staatswesens.“ 


Obama legt ehrlich Zeugnis ab, gibt Einschätzungen und Gefühle preis, beschreibt seine Kontrahenten genauestens, ohne mit diplomatischem Gewäsch darum herum zu reden. Ob Finanzkrise oder START-Abkommen, Konjunktur-Ankurbelung oder Protektionismus-Fragen oder auch royales Protokoll bei der Queen, Obama lässt uns unmittelbar teilhaben. Auch wenn etwas schief geht, dann nämlich, wenn die bürgerliche Michelle der royalen Queen Elisabeth die Hand auf die Schulter legt, was nun protokoll-diplomatisch-politisch-pressemäßig ganz und gar nicht geht. Die Queen aber legt im Gegenzug ihren Arm ganz mütterlich nah um die Taille der Präsidentengattin. So wird eben auf internationalem Parkett auch ohne Protokoll Vertrauen geschaffen. 
Der Bush-Regierung, Cheney und Rumsfeld attestiert Obama, keine schlüssigen und wirkungsvollen Strategien entwickelt zu haben. 
Weltweit erkennt Obama, dass „ältere dunklere Kräfte“ wieder gegen Demokratisierung, Liberalisierung und Integration an Stärke gewinnen. Obamas Job besteht eben auch darin, ererbte Probleme zu bewältigen statt in vorausgesehenen Krisen zu navigieren. 


Als er den tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel besucht - er ist für Obama fernes Vorbild, er hat dessen Essays schon in den USA gelesen, nimmt er gleich mehrere Erkenntnisse mit nach Hause: Havels Einschätzung, dass raffinierte Autokraten bei Wahlen kandidieren und die Demokratien untergraben, dass die Aufmerksamkeit der USA für Europa fortbestehen muss, weil sonst der Frieden in Europa verkümmert, und Havel analysiert glasklar für Barack Obama persönlich: “Sie sind mit den hohen Erwartungen der Menschen gestraft“ …“ das bedeutet, dass diese auch leicht enttäuscht werden“ können. Obama muss sich also wappnen.  


Kaum hat sich der Präsident in der Airforce One hingelegt, um die Gipfelmüdigkeit der letzten acht Tage zu bekämpfen, kommt die Meldung: Piraten haben in Somalia ein Frachtschiff gekapert, der Kapitän ist Amerikaner.

 

 

Teil 9 Lizenz zum Töten


Obama ist sich bewusst, es gehört zur Jobbeschreibung des amerikanischen Präsidenten, dass die auch Befehle zur Tötung von Menschen umfasst. Für ihn ist das keine Überraschung, Obama erkennt aber, dass solche Aufträge in der Öffentlichkeit nur selten beschrieben werden. 


Al-Quaida war in den Untergrund gegangen, hatte sich aufgesplittert, führte Krieg mit Wegwerfhandys im Internet, metastasierte zu einem Netz aus Verbündeten, Agenten, Schläferzellen und bloßen Sympathisanten. So war die Lage beim Arbeitsantritt Obamas. 


Ein Arsenal tödlicher Drohnen gehörte nun zur modernen Kriegsführung, um Terrorfunktionäre auf pakistanischem Gebiet zu töten. “Ich hatte an all dem keine Freude. Es verlieh mir kein Gefühl von Macht.“ 
Seine Pläne beinhalten ja doch eigentlich Kindern eine bessere Bildung und Familien zu einer sicheren Gesundheitsversorgung zu verhelfen. Aber es ging eben auch darum, das Militärgefängnis von Guantanamo Bay aufzulösen und Folterung von Gefangenen zu beenden. Und das ist leichter auf Papier aufgeschrieben als konkret getan.


Obama hält Reden zur Terrorbekämpfung und sorgt sich um den rechtsstaatlichen Hintergrund dafür, spricht in Kairo über das Verhältnis zum Islam, besucht Frankreich zum 65. Jahrestag der Landung der Alliierten, kommt nach Dresden zum Jahrestag der Bombardierung und lässt es sich zudem nicht nehmen, ein Versprechen gegenüber dem Nobelpreisträger Elie Wiesel zu halten, dem Lager Buchenwald gemeinsam mit Angela Merkel einen Besuch abzustatten. 


Ein paar Zeilen weiter erfahren wir nebenbei, dass im Weißen Haus auch Bienen gezüchtet werden und der Honig für ein Bierbrauer-Rezept verwendet werden kann. Auf der nächsten Seite dann, dass die portugiesische Wasserhunderasse es den Obamas besonders angetan hat. Der Hund „Bo“ war ein Geschenk von Ted Kennedy. Es menschelt also in Obamas Buch. Und es sind diese Kontraste zwischen öffentlichem Leben und der Privatheit, zwischen politischer Verantwortung und familiärem Leben, die das Buch so attraktiv, spannend und gut lesbar machen.


Weite Strecken der Memoiren verwendet Obama zur Darlegung des erbitterten Kampfes mit den Republikanern um die Gesundheitsreform, wir lernen Gegner und Befürworter kennen, können das parlamentarische Procedere und die Medienkämpfe nachverfolgen und schließlich die erfolgreiche Abstimmung nach jahrelangen Machtkämpfen zwischen Demokraten und Republikanern, wenngleich die Ausführlichkeit in diesen Passagen etwas ermüdet. 


Ähnlich umfangreich schildert Obama die Politik zum Afghanistaneinsatz. Das ist dann schon packender. Die Strategie des Viersterne-Generals Petraeus war es, statt Gebietsgewinne zu erzielen und getötete Aufständische in Statistiken aufzulisten vielmehr einheimische Sicherheitskräfte auszubilden, lokale Regierungs- und Verwaltungsstrukturen aufzubauen. Der so genannte McChrystal-Plan sah weniger Truppen vor und eine Fokussierung auf die aktive Terrorbekämpfung.


Obama ist sich bewusst, dass tödliche Terrornetzwerke ohne staatlichen Hintergrund, Schurkenstaaten, die sich um Massenvernichtungswaffen bemühen die internationale Sicherheit bedrohen und nicht einfach mit „Willenskraft, Stahl und Feuer“ zu bekämpfen sind. 
„‘Ich bekomme den Friedensnobelpreis‘“, sagt Obama seiner Frau am Ehebett. “Das ist wunderbar, Schatz“, sagte sie und drehte sich auf die Seite, um noch ein wenig weiterzuschlafen.“‘


Das sind Dialoge, die hollywood- oder netflix-geeignet sind. Obama und seiner Familie steht so eine große Medienkarriere bevor. 
Nach der neunten und letzten Sitzung zu Afghanistan, November 2009, stehen die Entscheidungen fest: Aktionsradius der Taliban verringern, Karzai zu Reformen in Schlüsselministerien drängen, Ausbildung einheimischer Sicherheitskräfte verbessern, zusätzliche Truppen entsenden. „…das Resultat war, dass ich noch mehr junge Menschen in den Krieg schickte.“ „Krieg ist furchtbar und zugleich manchmal notwendig“ heißt es zwei, drei Seiten weiter, wenn Obama dann auch die Verleihung des Friedensnobelpreises behandelt. 


„Krieg kann nur mit einem gerechten Frieden vermieden werden.“ 
Als nach der Verleihung des Friedensnobelpreises ihm vor dem Hotel eine Menschenmenge zujubelt, ist Obama klar geworden: “‘Egal was tu tust, es wird nicht genug sein‘, hörte ich ihre Stimmen sagen, ‚Versuche es trotzdem‘“

 

 Teil 10   Die USA kein Welt-Polizist mehr

 

Obama zieht in den außenpolitischen Passagen seiner Biographie keineswegs die Uniform an, er will ja nicht den „Welt-Polizisten“ spielen, wie wir es von den USA aus früheren Zeiten gewöhnt sind. Er setzt auf die Vernunftbegabtheit seiner internationalen Gesprächspartner, ist überzeugt, dass die Sicherheit der USA von der Stärkung der Bündnisse und der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen abhängt. „Militärische Gewalt war für mich das letzte, nicht das erste Mittel.“

Der amerikanische Präsident zeigt auch durchaus ironisch-sarkastische Züge, wenn es in seiner Amtsausübung um Polit-Rituale geht.

 

In der Arbeitsbeschreibung für den Amtsinhaber steht nun einmal, dass politische Reden vor öffentlichem Publikum an oberster Stelle stehen. Obama gesteht uns ein, wie das „Wording“ beim Entwerfen einer politischen Rede funktioniert. Erst einmal die Menschen in der jeweiligen Landessprache begrüßen, aber bitte mit fehlerhafter Aussprache in der jeweiligen Landessprache. Dann die wichtigen Beiträge des jeweiligen Landes für die Zivilisation an sich lobend erwähnen, dann betonen, wie stark die Völker der beiden Länder freundschaftlich miteinander verbunden sind, dann darauf hinweisen, dass Vorfahren des jeweiligen Landes es in den Vereinigten Staaten sehr weit gebracht haben.

Obama gilt halt als brillanter Redner, er weiß was man redebegabt anstellen muss, um sein Publikum „tricky“ einzufangen und vor TV-Kameras rhetorisch zu brillieren.

 

Barack kann auch gut mit jungen Menschen. Er freut sich, sie zu treffen, mit ihnen zu diskutieren, ihre jugendlichen Provokationen auszuhalten. Er begegnet ihnen vor allem in Bürgerversammlungen. Sie waren für ihn stets Quelle der persönlichen Inspiration. Aber selbstkritisch erkennt er auch an, dass seine diplomatischen Charmeoffensiven durchaus ihre Grenzen haben.

 

Der ewige Kontrahent des Iran bietet dem Gegner politische Gespräche wegen dessen Atomprogramm an, Zuhause muss er sich dann „das Geschrei der Republikaner“ anhören, er „verhätschele blutrünstige Regime“

 

Obama muss also die Lektion lernen, dass er im Amt des Präsidenten auch als guter Rhetoriker sein Herz nicht auf der Zunge tragen kann. Seine Aussagen sind an strategische Erwägungen und Analysen gekettet. Es ist für ihn nicht immer leicht, seine Meinung offen zu äußern.

Was Russland angeht, gibt der Autobiograph zu, dass der Kalte Krieg seine kindliche Einbildungskraft geprägt hat. Sein Russlandbild ist aus Schulbüchern, Zeitungen, Spionageromanen und Kinofilmen geprägt. Da ist die noch existierende Sowjetunion ein furchterregender Gegner in einem Kampf zwischen Freiheit und Tyrannei. Es herrscht allerorten die klare Überzeugung, dass die Ausbreitung des marxistischen Totalitarismus eingedämmt werden sollte. Russland, so sieht es Obama, ist keine Supermacht mehr.  Diese Einschätzung wird in Putins Reich nicht auf fruchtbaren Boden fallen, geradezu Putins Weltmacht-Streben forcieren.

 

Im Gespräch mit Wladimir Putin erinnert Obama daran, dass er persönlich gegen die Invasion des Iraks gewesen sei, und er missbilligt im Gespräch mit dem russischen Präsidenten dessen Vorgehen in Georgien, weil er nämlich der Auffassung sei, jede Nation habe das Recht, über ihre Bedürfnisse und Wirtschaftsbeziehungen, ohne Einmischung von außen selbst zu entscheiden.

 

In seiner öffentlichen Rede in Russland betont er, das Volk müsse selbst über Russlands Zukunft bestimmen. Er würde ihnen die Daumen dabei drücken, denn er sei fest davon überzeugt, dass die Gewährleistung der Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und politische Selbstbestimmung universelle Werte seien, nach denen alle Menschen strebten.

Obama ist sich aber realistisch einschätzend sicher, dass diese „hoffnungsvollen Aktivisten“ von der Regierung bald „drangsaliert oder mundtot“ gemacht werden könnten und er wenig dafür tun kann, um sie zu schützen. Man nennt es Realpolitik.

 

Zur Entlastung vom allseits Politischen und zur Entspannung des Lesers schildert Obama dann über ein paar Seiten hinweg auch immer wieder das lebhafte Beisammensein auf Reisen mit seinen Töchtern. Wenn es um mehrstündige Hin- und Rückflüge zu den Zentren dieser Welt geht, wenn er seine Mädchen Puzzles spielen sieht oder in Bücher vertieft an Bord der Präsidentschafts-Boeing Air Force One.  

 

Wenn die Mutter Michelle dann gelöchert wird, was Papa da so den ganzen Tag tue, werden sie aufgeklärt: Dein Vater darf sich nicht amüsieren, er muss den ganzen Tag in langweiligen Sitzungen verbringen. Auch das ist Realpolitik. 

 

Teil 11
Das Weiße Haus kein Bollwerk der Macht

 

Der amerikanische Präsident hat einen aufregenden, fordernden, aufreibenden Job. Da darf er auch ein paar kleine Vorteile der Bevorzugung genießen, wenn ihn die fordernden Amtsgeschäfte ermüden.

 

Bei Besuchen gestatten zum Beispiel Museen den Obamas Sonderöffnungszeiten, damit die Präsidentenfamilie dem Wählerpublikum auch mal aus dem Weg gehen kann. Dass den jungen Obama-Töchtern da mitunter auch nackte Männer vor allem im unteren Bereich des Körpers entgegentreten, wurde von breitschultrigen und breitbeinigen Museumswärtern geistesgegenwärtig gelöst, in dem sie sich mit ihren Muskelpaketen vor den Adonis-Körpern aufbauten. 


Im Kinosaal des Weißen Hauses sahen die Obamas auch als Extra-View die neusten Blockbuster, weil die Motion Picture Association of America jeweils die neusten DVDs ins Weiße Haus schickten. Streaming war noch nicht en vogue. 


Kochen, Einkaufen, Haus in Ordnung bringen, für die lästigen Alltagsdinge war Personal da. Alle paar Monate gab es kleine Dinner-Partys mit Künstlern, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Wirtschaftsführern, die bis weit nach Mitternacht gingen und bei denen – wie Obama zugibt – „reichlich Wein“ floss. 


Michelles Ziel war es eben, das Weiße Haus zu einem einladenden Ort zu machen, nicht zu einem „exklusiven und distanziert wirkenden Bollwerk der Macht“, in dem sich die Menschen auch repräsentiert fühlen. Einladungen von Kindergruppen waren gang und gäbe. 


Obama schätzte am meisten die mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gemeinsam organisierten Musiknächte, zum Beispiel mit Stevie Wonder, Jennifer Lopez, Justin Timberlake. Sie organisierten zunächst Workshops mit Jugendlichen – auch B.B. King, Bob Dylan, Paul McCartney kamen – und gaben anschließend Konzerte auf der Bühne des Eastroom oder auf dem grünen Rasen vor dem Weißen Haus. Manchmal, wenn Obama dann das Widerhallen der Instrumente an seinem Schreibtisch, vor allem der Trommeln hörte, schlich er sich in den Vorstellungsraum und lauschte heimlich dem Auftritt der Künstler, die ihn doch so begeisterten.


Bei allen öffentlichen Auftritten im Weißen Haus und irgendwo im Land gewann Michelle die Herzen der Menschen mit ihrer „Natürlichkeit“, „Herzenswärme“, ihrem „Lächeln“ und ihrem „blitzschnellen Verstand“. Obama war mit der Präsidentengattin und ihrem öffentlichen Auftreten zufrieden, weil sie sich weder „einen Fehltritt erlaubte“ noch den „falschen Ton traf“, wie er schreibt. 


Doch da war auch eine gewisse Einsamkeit um Michelle, weil Barack seine Arbeit bis tief in die Nacht erledigen musste. „Manchmal kam ich mir vor wie der Fischer in Hemingways Der alte Mann und das Meer, denn während ich versuchte, meinen Fang an Land zu ziehen, nagten schon die Haie daran.“ 

 

Teil 12   Die Jagd auf Bin Laden

 

 


Eine Rezension in Lese-Fortschritten Teil 12 und Schluss

 

Wir bewegen uns auf den Schlussteil der Obama-Memoiren zu, und in Kapitel 25 hält Obama sich den Nahen Osten vor Augen. IRAK, Rückfall ins Chaos, IRAN, Verzweiflungstaten wegen der Sanktionen möglich, JEMEN, inzwischen Hauptquartier der al-Quaida, der Konflikt zwischen Araber und Juden im GAZA und im WESTJORDANLAND so aktuell wie selten zuvor. 


Obama schildert ausführlich die zunächst immer wieder scheiternden Schritte vergangener Jahre im Nahost-Konflikt voranzukommen. Er hofft auf ein Treffen von Netanjahu, Abbas, Mubarak und Abdullah bei einem gemeinsamen Dinner im Weißen Haus. Es kommt tatsächlich zustande. Man spricht über Friedensbemühungen und Kriegskosten. Wieder mal vergeblich. Netanjahu will den Siedlungsstopp nicht verlängern, die Palästinenser ziehen sich aus den Verhandlungen zurück. Das gemeinsame Dinner war erfolglos geblieben.
Als Obama von einer Nahost-Tour nach Washington zurückkehrt, gesteht er sich ein: „Irgendwann wird es irgendwo knallen.“
Seine Hoffnung, diese Region in eine „Oase der Demokratie“ zu verwandeln, schwindet, aber nicht ganz, „…ich war fest davon überzeugt, dass wir viel mehr tun könnten und sollten, um Fortschritte auf dem Weg dorthin zu ermöglichen.“ 


Doch in Libyen und gegen Gaddafi helfen keine Worte, Obama lässt bombardieren, mit dem dürren Befehl: „Ich erteile meine Genehmigung“ wird das Töten auf den Weg gebracht. 


Im Schlusskapitel schildert Obama minutiös und eindrucksvoll die spannendste Passage seines Buches, wie es gelang, den Anführer der al-Quaida-Bewegung Osama bin Laden in seinem Versteck aufzuspüren und durch eine kleine militärische Kommandoeinheit zu töten.
Obama hatte zunächst alle 30 Tage einen ausführlichen Bericht angefordert, was Stand der intensiven Fahndungsmaßnahmen war. Als die Unterkunft bin Ladens ausgemacht war, gab es zwei Alternativen: Bombardierung der Residenz oder ein gefährliches Mordkommando loszuschicken, um ins Innere einzudringen. 
Obama war für einen gezielten Raketenangriff nicht zu gewinnen, die Wahrscheinlichkeit, Obama dabei wirklich zu treffen, war nicht hoch genug. 


Dann war es soweit. „Operation Neptune Spear“ konnte am 2. Mai 2011 beginnen. Die Aktion wurde mit Helmkameras über Satelliten direkt in das Weiße Haus live übertragen. Obama saß im Operation Room und verfolgte zum ersten und einzigen Mal eine Militäraktion in Echtzeit mit. Als Angehörige der Navy-Sondertruppe SEAL erfolgreich mit einem Helikopter das Anwesen bin Ladens erreicht hatten, kam kurze Zeit nach Unterbrechung der Funkverbindung später die Bestätigung: „Enemy killed in action.“ Obama sagte leise: „Wir haben ihn.“ Es war jener Mann getötet, “…der für den schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte der USA verantwortlich war …“, den Terrorangriff 9/11 mit 3.000 Opfern.  
Obama stellte sicher, dass kein Foto vom getöteten Bin Laden veröffentlicht wurde. Wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, blieb unklar, „…und ich habe nie danach gefragt“, steht fast am Ende dieses ersten Bandes von Barack Obamas Memoiren. 


Ein zweiter wird folgen. Das Buch schließt ab mit einem ausführlichen Bildnachweis, die Fotostrecken sind farbig und sehr üppig und auch ausführlich kommentiert, das Register ist umfangreich.
Mit diesen 1.016 Seiten langen Erinnerungen an seine Amtszeit hat der amerikanische Präsident ein sehr eindrucksvolles Bild seiner Präsidentschaft vorgelegt, spannend beschrieben, manchmal sicher zu ausführlich, aber dennoch in vielen Details so aufschlussreich genau und auch persönlich-privat offen, dass ein transparentes und selbstkritisches Bild des ersten farbigen Präsidenten entsteht.

 

Er gesteht auch Niederlagen ein, etwa die Unmöglichkeit, Guantanamo zu beenden. 


Obama gewährt intime Blicke ins Weiße Haus und ins Innenleben seiner familiären Verhältnisse. Auch über seine internationalen Politikerkollegen findet er offene Worte und klare Einschätzungen. Eindrucksvoll, die Wirkung auf den Leser, wie zerrissen das Volk der Vereinigten Staaten dasteht, aber auch wie wenig offensives Politikbemühen auf internationalem Parkett erreichen kann, weil nationales Interesse das politische Handeln dominiert. 


Dem belesenen Präsidenten - wir treffen immer wieder auf Bücher, die Obama gelesen hat - ist eine lesenswerte Biographie gelungen. 


Buch-Tipp Barack Obama Ein verheißenes Land PENGUIN
Eine Rezension in Fortsetzungen 

100. Geburtstag Friedrich Dürrenmatt

 

 

 

Ulrich Weber FRIEDRICH DÜRRENMATT EINE BIOGRAPHIE Diogenes


Ulrich Weber FRIEDRICH DÜRRENMATT EINE BIOGRAPHIE Diogenes
Zielgruppe: Lehrer, Schüler, Buchhändlerinnen, Buchhändler, Dramaturgen, Krimifans, Schweizer, Schweiz-Hasser, Freunde der Literatur 


Friedrich Dürrenmatt, ein Schulklassiker, der zum Kanon des Deutsch-Unterrichts zählt. Der BESUCH DER ALTEN DAME, DIE PHYSIKER oder DER RICHTER UND SEIN HENKER, DER VERDACHT, DAS VERSPRECHEN, also seine Erfolgswerke aus der Kriminalliteratur und nicht nur die weltberühmten Theaterstücke gehören noch immer zu den gymnasialen Schulplänen. 


Dürrenmatt, das Erzähl-Genie, fasziniert mit seinen abgründigen Parabeln, skurrilen Kriminalgeschichten. Er fesselt als Dramatiker, als Autor antiker Tragödien-Formate, der aber auch Salonkomödien schreiben kann und dem der Schweizer und auch der Schwarze Humor eigen ist.  


Seine Werke sind in 50 Sprachen übersetzt worden. Seine Theaterstücke sind immer noch weltweit auf den Programm-Plänen. Auch Hollywood-Drehbücher entstanden aus seinen Werken. 


„Er sprach die Gefahren und Ängste seiner Zeit wie wenige aus“, heißt es im Vorwort. Die Neue Züricher Zeitung findet die Charakterisierung Dürrenmatts in der Formel: „Das gemütliche Ungeheuer“.
Dennoch blieb Dürrenmatt ein Solitär. Große Erfolge mischten sich in seiner Lebenslinie mit Katastrophen, gescheiterte Theater- und Romanprojekte waren genauso dabei wie grandiose Erfolgsgeschichten.
Dürrenmatt war Pfarrer-Sohn, ein neugieriger, geselliger, knorriger Mensch mit politisch queren Ansichten, ein barocker Dichterfürst, fern vom Mainstream. Dürrenmatt hielt die Öffentlichkeit und den Journalismus auf Distanz. Er führte ein äußerlich ruhiges, ja geradezu bürgerliches Leben im engen Umkreis seines Geburtsortes Konolfingen, einem Dorf im Kanton Bern.


Die Biographie des Literaturwissenschaftlers Ulrich Weber, Kurator des Dürrenmatt-Nachlasses im schweizerischen Literaturarchiv in Bern, beschreibt Dürrenmatts Vita in einer Pfarrers-Familie von der Kindheit im Emmental, über die mageren Jahre in Basel, bis hin zu den fetten Jahren und Dürrenmatts privaten Wirtschaftswunderzeiten. 
Einige Impressionen aus den einzelnen Kapiteln der umfänglichen, detailreichen, beeindruckenden Biographie über Dürrenmatt. 
Er interessierte sich zum Beispiel lebenslang für Astronomie. 
Beim Schreiben entdeckt Weber bei seinem „Gegenstand“ die grundsätzliche Haltung, Distanz wahren zu wollen. Der Autor will sich nicht wichtig nehmen, will über sich lachen können.


Dürrenmatt pflegt zwar privat intensive Freundschaften, die er jedoch auch abrupt abbrechen kann, dann muss er „ins Freie“.
Seine persönliche Berufsbezeichnung hängt er als Zettel an die Tür der Studentenbude: „nihilistischer Dichter“, der übrigens vom Philosophen Kierkegaard stark geprägt ist, wie von Philosophie und Wissenschaft überhaupt. Mathematik, Physik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie beschäftigen ihn. Mit Schriftstellerkollegen wie Max Frisch hat er zunächst eine „Arbeitskameradschaft“.

 

Die frühe scheue Begegnung mit Bert Brecht bringt ihn zur Meinung, sein Marxismus sei „zu doktrinär“.


Seine Krimis, zunächst in Zeitungen als Serien erschienen, und seine vielen Hörspiele für Rundfunkanstalten sind seine finanziellen Quellen. Zwischen 1951 und 1956 schreibt er sieben Hörspiele.
Das Gefühl von Routinearbeit liegt ihm aber dennoch fern. Das Schreiben an sich muss für den Schweizer Erfolgsautor immer ein Experiment, ein gedankliches und künstlerisches Abenteuer sein.


Hans Schweikart, in München Intendant der Kammerspiele, setzt Dürrenmatts Stücke in Deutschland auf der Bühne durch.


„Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ werden zum Welterfolg.
Wir erfahren in der Biografie von Ulrich Weber auch viel über das Familienleben Dürrenmatts, seine Freunde, seine Lieben, seine Ehen, seine Kinder, seine Eigenarten, seine alltäglichen Lebensweisen. Dürrenmatt lebt gerne gut und intensiv. So werden Vorschüsse für ihn wichtig, im Geldausgeben ist Dürrenmatt erfahren. 


So lässt sich sein Aufstieg auch am Kauf von diversen Autotypen nachvollziehen. Erst war es ein Opel Rekord, dann ein Opel Kapitän, schließlich ein Chevrolet Bel Air, danach ein Buick, gefolgt von einem Volvo und endlich dann doch der Jaguar. 


Dennoch war Dürrenmatt ein schlechter Autofahrer, in seiner Automobilisten-Karriere schafft er zehn teils schwere Autounfälle, auch unter Alkoholeinfluss. Dürrenmatt war starker und regelmäßiger Trinker. So kaufte er zum Beispiel als günstige Gelegenheit den gesamten Weinkeller eines Bordeaux-Schlosses auf. Am Ende seines Lebens waren die gesamten Vorräte ausgetrunken. Dürrenmatt hat lebenslang Diabetes Typ 2, ist also schwer zuckerkrank, fällt einmal sogar für 48 Stunden ins Zuckerkoma. 


Bei Filmproduktionen macht Dürrenmatt mediale Entfremdungserfahrungen.  Dürrenmatts Verhältnis zu Max Frisch entwickelt sich vom Freundschafts- zum Konkurrenzverhältnis. Bei der Premiere zu „Andorra“ bespricht Dürrenmatt gegenüber Journalisten die konzeptionellen Mängel des Kollegenstücks.


Seine „Physiker“ werden 1961 bis 1963 60 Mal aufgeführt. Mit 45 Jahren war Dürrenmatt ein weltberühmter Autor.


War Dürrenmatt politisch? Ohne das Widersprüchliche, so Weber, gibt es kein politisches Denken für ihn. Im Unterschied zu Politikern haben Schriftsteller Dürrenmatts Auffassung nach eine bessere Vorstellungskraft, die Wirklichkeit von der Möglichkeit zu unterscheiden. Und Schriftsteller seien neugierig auf die Zukunft.


Besonders interessant auch der Exkurs über Dürrenmatts Schreibprozess. In den 1960er Jahren schreibt er die Texte teilweise noch selbst mit Hand, später auf Anraten der Ärzte mit Schreibmaschine, noch später diktierte er seiner Sekretärin in die elektrische Schreibmaschine. Die Mitarbeiterin musste die Manuskripte orthografisch bereinigen. Seine Interpunktion in den Manuskripten war sehr flüchtig.
Für die Komödie „Der Mitmacher“ findet der Biograph 3500 Manuskript- und Typoskript-Seiten.


Wir lesen auch, wie Dürrenmatt das Politische entdeckt, von seiner Arbeit am Schauspielhaus Zürich, seinem Verlagswechsel zu Diogenes und einem zweiten Leben an der Seite seiner zweiten Frau Charlotte Kerr. Ausführlich bespricht der Biograph Weber die Haltung Dürrenmatts zu seinen Verlagen Arche und Diogenes. Seine Krimis und seine Erfolgsstücke erreichen Millionen-Auflagen.


Im Epilog würdigt Weber die Bedeutung der Werke Dürrenmatts, die auch durch wiederholte Lektüre nicht belanglos würden. Sie hätten Bedeutung durch ihre große Spannweite. Zwar seien seine Texte auch oft unelegant, sperrig, ungeschickt und eigenwillig, er liebte ja auch die Kalauer und das Bonmot. Das Schöne, das Elegante und Ästhetische scheute er wie der Teufel das Weihwasser. 
Dürrenmatt verkörperte kreative Kraft durch die Qualität des Individuellen und des wirklich Einmaligen. Das sei eben jene Potenz künstlerischer Freiheit, die nur mit dem Mut zum Ungeschützten und Naiven zu haben sei.


Am Monument, zu dem er geworden ist, hat er auch selbst mitgebaut, ist das Fazit des Biographen.  


Im Anhang findet sich der Stammbaum Dürrenmatts, die Chronik zu Leben und Werk, ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis sowie ein Anmerkungsverzeichnis und Register. Das Diogenes-Buch ist aufwendig illustriert: 40 Bilddokumente, Fotografien, Zeichnungen vervollkommnen das ausführliche und tiefgründige, gut lesbare Porträt. Eine spannende Dürrenmatt-Biographie, ausführlich, präzise, dokumentarisch und dennoch eine lebendige, lebhafte Biographie aus dem Reich der toten Dichter.