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Herzliche Grüße,

Norbert Schreiber

Ehrlichkeit ist eine Währung

Als Politiker kämpfte Theo Waigel entschlossen, aber stets fair. Der Grundsatz, Freund und Feind gegenüber ehrlich zu sein, durchzieht wie ein roter Faden sein Leben, heißt es in der Verlagsankündigung von ECON.

 

In seiner Autobiografie erinnert er sich an Weggefährten wie Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Franz Josef Strauß, erzählt von 1989/90 und den entscheidenden Gesprächen mit Gorbatschow, Mitterrand und Bush, die zur deutschen Einheit führten. War die Zustimmung zum Euro tatsächlich der Preis, den die Deutschen für die Wiedervereinigung zahlen mussten, wie manche behaupten? Waigel schreibt sein politisches Vermächtnis und stellt sich den wichtigen Fragen der Gegenwart: Wohin führt der Weg der CSU? Und hat die europäische Idee noch eine Chance?

 

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Augstein/Blome – die Polit-Navigatoren

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten machen sich die Abgehängten und die Vergessenen ernsthaft bemerkbar: die, die sich nur so fühlen, und die, die es tatsächlich sind. Ihre Ängste und ihre Wünsche handeln von sozialer Gerechtigkeit, aber, und das ist neu, auch von nationaler Identität. Oben und Unten ist heute mehr als der Streit um Hartz IV, Niedriglohn oder Vermögensteuer. Die neue Frage »Wer gehört dazu?« ist inzwischen genauso wichtig wie die alte Frage »Wer hat was?«. Damit ist in diesem Buch eine Debatte eröffnet, die sich nicht mehr klar mit den Positionen »links« oder »rechts« verhandeln lässt.

 

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Leipziger Buchpreis Sachbuch

Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019


Harald Jähners große Mentalitätsgeschichte der Nachkriegszeit zeigt die Deutschen in ihrer ganzen Vielfalt: etwa den „Umerzieher“ Alfred Döblin, der das Vertrauen seiner Landsleute zu gewinnen suchte, oder Beate Uhse, die mit ihrem „Versandgeschäft für Ehehygiene“ alle Vorstellungen von Sittlichkeit infrage stellte; aber auch die namenlosen Schwarzmarkthändler, in den Taschen die mythisch aufgeladenen Lucky Strikes, oder die stilsicheren Hausfrauen am nicht weniger symbolhaften Nierentisch der anbrechenden Fünfziger. Das gesellschaftliche Panorama eines Jahrzehnts, das entscheidend war für die Deutschen und in vielem ganz anders, als wir oft glauben.

Harald Jähner: Wolfszeit.                                                 

Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955

 

Was war mit den Deutschen los, als sie den Krieg verloren hatten? Der Kulturjournalist Harald Jähner gibt auf diese Frage unter dem Titel „Wolfszeit“ Antworten, die diesem alles in allem dunklen Jahrzehnt keinen Ruhmesplatz in der deutschen Geschichte einräumen. Er legt eine Mentalitätsgeschichte vor, die man aus heutiger Sicht nur mit seiner letzten Kapitelüberschrift zusammenfassen kann: „Ein Wunder, dass das gutgegangen ist“. Der zweite  Krieg innerhalb eines Vierteljahrhunderts war von Hitler entfesselt worden, hatte Millionen Deutsche in unbeschreibliche Verbrechen verstrickt, viele von ihnen heimat- und wohnungslos gemacht und eigentlich nicht vor die Wahl gestellt, ob sie sich als Opfer dieses Krieges und des Nationalsozialismus ansehen sollten oder doch eher über ihren Anteil an der Katastrophe nachdenken sollten. Aber sie entschieden sich in ihrer großen Mehrzahl für die Opferrolle. Der Autor schreibt über das „beredte Verschweigen“ sowohl der eigenen Schuld als auch des Leids der Millionen Opfer. Stattdessen krempelte man – am Anfang waren überwiegend Frauen – die Ärmel hoch und begannen mit dem Wiederaufbau des zerstörten Landes, mit der Wiedergewinnung von Lebensfreude, mit der Übernahme westlichen Lebensstils in dem Teil, der bald „Bundesrepublik“ heißen sollte und mit dem verordneten, von vielen dort aber auch geteilten „Antifaschismus“ in der entstehenden DDR. Jähner erzählt von Tanzwut im Westen, vom beginnenden Kalten Krieg, der Einflussnahme der Besatzungsmächte und ihrer mit politischen Aufgaben betrauten Geheimdienste.

 

In zehn Kapiteln beschreibt der Autor die äußere Entwicklung in diesem aufregenden, heute schon kaum mehr der Zeitgeschichte zugerechneten Jahrzehnts. Aber er würzt seine Darstellung mit Originalbeiträgen, griffigen Zitaten, Beispielen und zahlreichen vielsagenden Fotodokumenten. Zu allem werden die älteren unter seinen Lesern jeweils Eigenes aus ihrem Erfahrungsschatz hinzufügen. Für diese Generation ist das Buch eine Wiederbegegnung mit ihrer eigenen frühen Biographie, für die Nachgeborenen kann es ein Schlüssel zum Verständnis dessen sein, was dieses inzwischen vereinigte Deutschland immer noch so rätselhaft macht.

 

Besonders erschütternd sind die Kapitel über die „Umerzieher“, wie Alfred Döblin, der im Auftrag der französischen Besatzungsmacht ohne großen Erfolg an der Entwicklung einer demokratischen Gesinnung seiner Landsleute arbeitete.  In der Sowjetischen Besatzungszone versuchten sich viele frühere Hitlergegner ebenso ohne großen Erfolg am Aufbau einer anderen demokratischen Gesellschaft, die aber auch eine sozialistische sein sollte. Der Versuch, in beiden sich auseinanderentwickelnden deutschen Staaten, ein Bewusstsein von Schuld und Verantwortung für die Verbrechen an den Juden, an politisch Andersdenkenden, an Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen zu entwickeln, blieb in diesem Jahrzehnt – das wird in Jähners „Wolfszeit“ deutlich – auf Ausnahmen beschränkt. Weder die Kirchen noch andere Teile der Zivilgesellschaft oder Unternehmen bekannten sich zu ihrer Verstrickung. Stattdessen wurde der imperiale Nazi-Stil in Architektur und Design von einer Nierentisch-Kultur abgelöst, stattdessen baute Beate Uhse ihr „Versandgeschäft für Ehehygiene“ auf, stattdessen blühte zunächst der Schwarze Markt und „Bürger lernten Plündern“, wie Jähner einen Abschnitt überschreibt. In Wolfsburg wurde bald der Grundstein für eine Auto-Mentalität der Deutschen gelegt, die erst in jüngster Zeit zu bröckeln beginnt.

 

Selten gelingt einem Buch, das Bild einer „vergangenen Zeitgeschichte“ so bildhaft, wahrhaftig und auch in seinen historischen Urteilen nachvollziehbar zu zeichnen, wie Jähner in der „Wolfszeit“. Nach seiner jahrelangen Tätigkeit als Feuilletonchef der „Berliner Zeitung“ beweist sein Buch, dass er auch im großen Format fesselnd und auf hohem Niveau unterhaltend schreiben kann.

 

Harald Loch

 

Harald Jähner: Wolfszeit.                                                  

Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955

Rowohlt Berlin 2019   477 Seiten   zahlr. Fotos    26 Euro

Ein "neuer" alter Simenon:                              Die Marie vom Hafen      

Wer nur die Maigret-Romane von Georges Simenon gelesen hat, verpasst vielleicht nicht die „bessere Hälfte“ des riesigen Werks, aber endlich werden die großen, benen den Krimis stehenden Romane des 1903 im belgischen Lüttich geborenen Autors wieder neu übersetzt, sind wieder zugänglich. Dazu zählt die großartige Liebesgeschichte „Die Marie vom Hafen“. Sie ist im französischen Original 1938 bei Gallimard erschienen. Jetzt hat sie Claudia Kalscheuer, die wir als wunderbare Übersetzerin großer Frauengestalten z.B. in den Romanen von Marie Ndiaye kennen, für das deutsch lesende Publikum neu aufbereitet. Auch Marie – von Simenon mit knappen Strichen wie zum Wiedererkennen gezeichnet – gehört zu den großen Frauen der Weltliteratur.

 

Eigentlich wird sie in den wenigen Monaten der Handlung erst zur Frau.
Alles spielt in Port-en-Bessin, einem Fischerdorf in der Normandie, genauer im Calvados, der dem dortigen Nationalgetränk den Namen gegeben hat – oder ist es umgekehrt? Marie Vater wird gerade zu Grabe getragen, als der Roman einsetzt. Sie ist 17 Jahre jung, hat eine Reihe von Geschwistern, sie ist die Zweite.  Auf sich gestellt, fängt sie im Café de la Marine als Serviererin und Zimmermädchen für die wenigen Gästezimmer an. Ein etwa gleichaltriger Junge hat ein Auge auf sie geworfen und sie zurück. Dessen Vater hat eine Serie von Schicksalsschlägen hinter sich, in deren Folge sein Schiff zwangsversteigert wird. Chatelard, ein Emporkömmling aus Cherbourg, ersteigert das Schiff und wird Stammgast im Café de la Marine. In Cherbourg lebt er unverheiratet mit der älteren Schwester von Marie zusammen.


Chatelard nähert sich ungeschickt und ungestüm der ihn im Café bedienenden Marie, er will sie haben, obwohl sie noch kaum Frau ist. Aber sie ist – wie man so sagt – „Manns genug“, um ihn in seine Schranken zu weisen, ihn sogar zum Verzweifeln an sich selbst zu zwingen. Der um Marie werbende Junge ist bis zur Raserei eifersüchtig auf Chatelard, lauert ihm eines Tages auf, wird aber überwältigt. Mit gebrochenem Arm nimmt Chatelard ihn mit in sein Haus in Cherbourg, wo er von Maries Schwester gesund gepflegt wird, bis Chatelard die beiden in kompromittierender Stellung im Bett erwischt. Er hatte Marie über ihre Schwester nach Cherbourg gelockt. Als er versucht, sie hinter verschlossener Tür in sein Bett zu zwingen, entwaffnet sie ihn mit den starken Worten einer selbstbewussten jungen Frau. Sie kehrt unberührt und mit ihrer ertappten Schwester nach Port-en-Bessin zurück, nimmt ihre Tätigkeit im Café de la Marine wieder auf und lässt sich handstreichartig für volljährig erklären. So souverän konnte Simenon schon 1938 eine junge Französin gestalten, als Frauen dort noch nicht wählen und ohne Genehmigung ihres Ehemannes kein eigenes Konto eröffnen durften.


Die Sache nimmt ihren überraschen Lauf, wie von Marie unausgesprochen geplant. Sie bleibt die „Geheimniskrämerin“, wie sie schon als Kind von ihrer Familie genannt wurde. Simenon hält mit dem Plot bis zum Schluss hinter dem Berg, ist er doch Meister solcher „Auflösungen“. Auch wenn hier kein Maigret einen Kriminalfall löst, kommt die Spannung nicht zu kurz. Simenon vergreift sich nicht im Genre: Er schreibt keine romantische Liebesgeschichte, sondern den salzwassergetränkten Roman einer bewundernswerten Frau, die ihr Leben meistern und nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten wird. Beim nächsten Besuch in der Normandie erheben wir ein Glas „Calva“ und trinken auf ihr Wohl, um das wir uns nach diesem schönen Buch keine Sorgen machen müssen.


Harald Loch
 
Georges Simenon: Die Marie von Hafen         Roman
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Mit einem Nachwort von Christian Seiler
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019    173 Seiten   22,90 Euro

 

Reiseführer Merian: PRAG

Prag. Eine Stadt in Biographien - Eine Stadt wird nicht nur von Gebäuden und Straßenzügen geprägt, die Identität von Prag entsteht erst mit den Geschichten seiner Bewohner. Denn was wäre die Stadt ohne Bedrich Smetana, Vaclav Havel oder Lenka Reinerová? 20 ausgewählte Biographien zeichnen ein lebendiges, historisches wie auch aktuelles Bild der Stadt.

Die Porträts werden durch Adressen ergänzt, die eine Stadterkundung auf den Spuren der porträtierten Personen ermöglichen. Zudem lädt die farbige Bebilderung mit aktuellem wie historischem Bildmaterial zum Selbstlesen und weiterverschenken ein. Zur hochwertigen Ausstattung gehören der Leineneinband und das Lesebändchen.

Dieser Band umfasst Porträts von: Wenzel von Böhmen, Karl IV., Jan Hus, Judah Löw, Rudolf II., Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein, Wolfgang Amadeus Mozart, Bozena Nemcová, Bedrich Smetana, Antonín Dvorák, Jaroslav Hasek, Franz Kafka, Max Brod, Edvard Benes, Egon Erwin Kisch, Lenka Reinerová, Alexander Dubcek, Emil Zátopek, Milos Forman, Václav Havel.
 
 
LESEPROBE
 

Franz Kafka

1883 - 1924

 

»Prag lässt nicht los…«, schreibt der 19jährige Franz Kafka über die Stadt an der Moldau, »Dieses Mütterchen hat Krallen.« Er wünscht sich weg und bleibt doch da - auf Lebenszeit. Hier wohnen Menschen, die »über dunkle Brücken gehen. « Er rächt sich an seiner Geburtsstadt und erwähnt sie in seinen Romanen und Erzählungen nur an wenigen Stellen...

 

Schaut in dieses Gesicht. In die schwarzen Augen, die in das Leere gerichtet sind. Sie starren in das Nichts und doch müssen sie etwas sehen. Das Drama seines Lebensschicksals spiegelt sich in dem Antlitz wieder. »Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich«. Sein Dasein ist so interpretationsfähig wie sein umfassendes literarisches Werk selbst. Das macht die ewige Faszination aus, die von diesem Prager Autor ausgeht. Kafkas Heimatstadt hat längst die Krallen abgewetzt und macht heute fleißig Werbung mit dem Dichter-Genius, der als Mythos auf T-Shirts, Ansichtskarten und Poster aufgedruckt und als Symbol der Moderne in der Literatur auf ein hohes Podest gestellt wird. Es fallen dann Namen wie Dante, Shakespeare, Goethe, wenn man eine Art Welt-Walhalla der größten Größen eröffnen will. 


Ein Satz von Franz Kafka hat mich nie mehr wieder losgelassen. Es ist seine Forderung, dass ein »Buch die Axt sein (muss) für das gefrorene Meer in uns.«  Seine Erzählungen, Romane, Tagebücher, Textfragmente und Wortfetzen hinterlassen beim Leser eben tiefe Wunden, die nie mehr heilen. Literatur und Lesen ist für Kafka Existenz, Ausgeliefertsein und Obsession: »Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.«
Später wird die Reporter-Legende Egon Erwin Kisch schreiben: Prag sei eine »Stadt mit poetischer Lizenz«. Kaum vorstellbar, dass der Literat Kafka mit seinem besten Freund Max Brod auch einmal den profanen Plan fasste, unter dem sehr aktuellen Titel »Billig reisen« Reiseführer zu publizieren. Wie modern gedacht in jener Zeit…

 

Kafkas literarisches Lebenswerk und Thema ist jedoch ein anderes geworden, in dem die Sätze über die Stadt an der Moldau zwar seltener anzutreffen sind, doch die wichtigen Lebenslinien des Autors führen durch diese Stadt wie Adern in unzählige Winkel hinein, in Gassen, Straßen, Gebäude, hin zu Palais, Brücken und Flüssen wie bei kaum einem anderen Autor. Kafka - ein in der deutschen Sprache schreibender Tscheche, ein jüdischer Klassiker mit deutscher Schulbildung unter österreichischem Einfluss in einer heute europäischen Stadt und dazu weltbekannt: »Deutsch ist meine Muttersprache und deshalb mir natürlich, aber das Tschechische ist mir viel herzlicher.«  ...

 

Lenka Reinerová - das letzte Interview

Lenka Reinerová war die letzte lebende Kronzeugin der Prager deutschsprachigen Literatur aus der Generation Franz Kafka, Max Brod, Egon Erwin Kisch. Sie war Tschechin, Deutsche, Jüdin und bekennende Europäerin in einer Person, mit einem unerschütterlichen Glauben an das Gute, an die Gleichheit und die Gerechtigkeit. Sie hat die letzten Tage Habsburgs erlebt, Masaryks Erste Republik, die deutsche Besatzung, die erstarrten Jahre im Kommunismus und das Scheitern des »Prager Frühlings«, die samtene Revolution und heute den von ihr nicht gerade geliebten Kapitalismus. Der Radiojournalist Norbert Schreiber (Hessischer Rundfunk) besuchte die Literatin, die in den kulturellen Zirkeln der 20er und 30er Jahre in Prag ein und aus ging, von den Nazis und Kommunisten verfolgt, als Exilantin eine Irrfahrt rund um Welt erlebte. Lenka Reinerovä starb am 27. Juni 2008 im Alter von 92 Jahren in Prag. Mit ihrem Tod ist diese Epoche der 20er und 30er Jahre in Prag aus dem Leben in die Bücher versunken. Ihre Stimme erklingt im »Prager Deutsch« Ein letztes Dokument aus einer untergegangenen Welt.


Lenka Reinerová, die „Grande Dame“ der Prager deutschsprachigen Literatur, ist im Alter von 92 Jahren verstorben. Nach einem bewegten Leben, als Exilantin ständig auf der Flucht, hat die Autorin auch internationale Anerkennung erhalten. Lenka Reinerová ist im Prag der 30er Jahre aufgewachsen. Das multikulturelle Prag des deutschen, jüdischen und tschechischen Zusammenlebens hat sie geprägt. 
Am 17. Mai 1916 wurde Lenka Reinerová in Prag geboren.

 

Als Journalistin kam sie mit den Vertretern der deutschen Emigration in Kontakt, vor allem mit ihrem Freund und Mentor Egon Erwin Kisch, bevor sie selbst verfolgt wurde und emigrierte. Ihre Fluchtwege führten über Frankreich, Marokko nach Mexiko. Sie verlor ihre gesamte Familie, die den Holocaust nicht überlebte. Eine Warnung ihrer Schwester hatte sie davon abgehalten, ins Nazi-Deutschland von einem Auslandsaufenthalt zurückzukehren. Reinerová wurde nach dem Krieg auch Opfer der kommunistischen Säuberungen und verbrachte ein Jahr im Gefängnis. 


Norbert Schreiber traf die Schriftstellerin in ihrer Prager Wohnung zum hr2-Kultur Doppelkopfgespräch kurze Zeit bevor sie nach langjähriger Krankheit verstarb. Ihr gesamtes Leben lag ihr das deutsch-tschechische Verhältnis am Herzen und das von ihr gegründete Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren.

 

Vorwort (Auszug) 

 

Soll ich ein Taxi nehmen? Nein, ich wähle die Strassenbahn, Linie 9, stadtauswärts, um zu Lenka Reinerovás Wohnung in der Pleniska Strasse zu gelangen. 

 

In bekannten wie in fremden Städten wähle ich immer dieses alte Verkehrsmittel, wenn vorhanden, um eine größere Nähe zu den Orten und ihren Menschen zu gewinnen. Die Geographie der Stadt ist besser erkundbar. Und sie rattern auch so schön diese Bahnen, machen Geräusche und bimmeln, als alte Vehikel der Schiene. 

 

Alte Häuser steilgegegiebelt
Hohe Türme voll Gebimmel
In die engen Höfe liebelt
Nur ein winzig Stückchen Himmel“ 
Rainer Maria Rilke


Man atmet das alltägliche Leben der anderen mit ein. Teilt ihre Gerüche und Geschmäcker, abzulesen zum Beispiel an ihrer Kleidung.

Über der „böhmischen Volkes Weise“

 

„Magst du auch sein
weit über Land gefahren
fällt es dir doch nach Jahren
alles wieder ein.“
Rainer Maria Rilke

 

Prag ist die Stadt mit „peotischer Lizenz“ (Egon Erwin Kisch). Am Vormittag habe ich mit dem literarischen Reiseführer „Prag“ von Hans Zimmermann, dem Berliner Literaturwissenschaftler, einen ausführlichen Rundgang durch die Goldene Stadt absolviert, in der es „brodelt“ „werfelt“ und „kischt“, aber die Geschichte der tschechischen Literatur reicht ja doch weiter zurück als nur bis in die Anfänge des letzten Jahrhunderts.

 

Ins 9. Jahrhundert, als die Schriftdenkmäler entstanden sind, in altkirchen-slawisch verfaßt, bis ins 11. und 12. Jahrhundert, als böhmische Glossen in lateinischer und hebräischer Handschrift erscheinen. Um 1300 herum entwickelt sich dann die eigentliche böhmische Literatur, mit den epischen Kompositionen in Versen, den Chroniken, Liedern und Legenden, den Traktaten und Postillen aus der Jan Hus - Zeit im 15. Jahrhundert. Jiri Melantrich, Lutheraner und Freund Melanchthons, gilt als Begründer der tschechischen Buchdrucktradition. In Ihrem Buch „Es begann in der Melantrichgasse“ hat Lenka Reinerová darüber geschrieben. Ihre erste eigene Wohnung lag in der Prager Melantriska Nummer 7, dort wo die Kischs ein paar Häuser weiter wohnen, der im französischen und mexikanischen Exil ihr Freund und Förderer wird. 

 

Immer wieder geht mein Blick wie magisch angezogen zur „Burg“ zum Hradschin, den Karl IV einst erbauen ließ und Hans Christian Andersen so beschrieb:

 

„Doch sehe ich noch den Hradschin im Sonnenglanze strahlen hoch über blühenden Feldern und herrlichen Baumgruppen erhaben. Du schöner Morgen! Prag hat ja doch so viel Schönes und Eigentümliches. Du frischer, duftender Morgen! Verwische alle grauen und unschönen Erinnerungen.“ 
Hans Christian Andersen.


Während die Strassenbahn dahinrattert, die Prager Männer und Frauen, Jungen und Mädchen eilig ein- und aussteigen, wird eine blasse Erinnerung aus der Wendezeit wieder in mir wach, damals konnte ich das nationale Gedenkheiligtum, unterirdisch gelegen und von der Öffentlichkeit abgeschirmt, besuchen. welche gedruckten Dokumente, erinnere ich mich, mögen die toten Staatsmänner hinterlassen haben, die in der nationalen Gedenkstätte im dritten Bezirk Prags, im Stadtteil Shivkov begraben liegen, dort wo die letzten Führer der kommunistischen Partei Klement Gottwald, Staats-und Parteichef Antonyn Novotny und Ludovik Svoboda in Sarkophagen ihre letzte Ruhestätte fanden. 200 Plätze wären noch frei dort.

 

Der Kommunismus hat an seine Zukunft und die seiner Führer ganz besonders unerschütterlich geglaubt und längerfristig großzügig vorgeplant. Der Kommunismus, nun ist er in Marmor erstarrt und für immer begraben. Für immer…? 

 

„Gott war guter Laune: 
Geizen ist doch wohl nicht seine Art
Und er lächelte: 
da ward Böhmen reich an tausend Reizen.“ 
Rainer Maria Rilke

 

So reimt Rilke. Prag - die Reizende. Die Stadt an der Moldau, die Stadt der Brücken und des Hradschins. Hier wohnen Menschen, die „über dunkle Brücken gehen“ (Kafka) Ja, sie ist keineswegs nur die liebenswerte, auch die magische, die düstere: „Mütterchen Prag hat Krallen“ schrieb der junge Kafka in einem Brief. 

 

Ja sie lässt auch mich nicht mehr los, so wie mich die Chiffre „1968“ mit dem Einmarsch der Sowjets und den Geschehnissen auf dem Wenzelsplatz nie mehr losließen, Nelken in einem Panzerrohr, nie werde ich als Journalist dieses Bild aus meinem Gedächtnis tilgen können. Heinrich Böll, zu jener Zeit in Prag ein Augenzeuge spricht vom Ende des „Prager Frühlings“ so: „Das Modell einer Hoffnung...wurde hier zerstört“

Die Dächer Prags glitzern im Winter-Sonnenlicht, es ist Ende Januar, der Himmel ist heute blassblau geblieben und der weiße Rauch kräuselt aus den hohen Schornsteinen über den goldenen Dächern an der Moldau und zieht zum Horizont hinter den Laurenziberg. Die ausländischen Touristen haben die Stadt noch nicht besetzt. 

 

(...)

 

Eine Haushälterin empfängt freundlich auf tschechisch und bittet mich in das Wohn-Arbeitszimmer. Die „Grande Dame“ der deutschsprachigen Literatur in Prag begrüsst mich sehr herzlich, ihre munteren Augen verraten, daß sie sich freut auf ein Gespräch mit einem Deutschen aus Frankfurt am Main – trotz ihrer körperlichen Beschwernisse durch die langjährige Krebskrankheit und Chemothearpie. Sie trinkt einen Tee und bietet mir etwas zu trinken an. Sie sitzt etwas versunken in ihrem kleinen Sesselchen und blickt auffordernd zu mir auf: Lass uns beginnen, scheint sie zu signalisieren und beginnt schon selbst mich auszufragen, wer ich bin, was ich tue, woher ich komme, sie stellt die „W“-Fragen der Journalisten, was das Interview soll, wo es gesendet wird, was ich vom deutsch-tschechischen Verhältnis halte, wie es denn ankomme, daß sie nun die Ehre hat, vom deutschen Parlament zum Gedenktag der nationalsozialistischen Opfer etwas äussern zu dürfen. Sie stellt die Fragen so, als müsste sie selbst noch etwas über unsere Begegnung schreiben.


Derweil habe ich ein schlechtes Gewissen, daß ich ihr vielleicht ein zu langes Gespräch zumuten werde, aber auf die Frage „kurzes oder langes Interview“, hat sie selbst entschieden und wie selbstverständlich, nachdrücklich betont: „Wir haben Zeit“. 


Ein Tag nach unserem Interview wird die Schauspielerin Angela Winkler ihre Rede zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag verlesen und sie wird es nur im Fernsehen anschauen können, wenn ihre Rede von jemand anderem verlesen wird, das deutsche Volk wird Lenka Reinerová nicht mehr hören können, ihr Gesundheitszustand bindet sie an ihr Zuhause. 


Aber ich werde sie gleich hören können, ihre „Stimme einer untergegangenen Welt“ für mich ganz allein, für einen einzelnen Deutschen der sie besucht, wird sie erklingen in ihrem: „Prager Deutsch“.

 

 

Lenka Reinerová - Das letzte Interview (Ausschnitt)
Mein Grundidee ist, beizutragen zur gegenseitigen Verständigung und Abschaffung aller Vorteile und was es da noch so gibt...

Literatur, das ist eben diese Art, das wirkliche Leben darzustellen. Das ist alles

Norbert Schreiber
Närrisch an das Leben glauben/Lenka Reinerová

GEHÖRT GELESEN 02
74 Seiten, englische Broschur mit CD
Die Hörbuchreihe –Gehört gelesen - Audio und Text
€ 19,90/ sfr 35,90
in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk kultur – hr2
Reinerova.mp3
MP3-Audiodatei [76.1 KB]

Böhmerwald - ein Buch über das Waldmeer

Norbert Schreiber Böhmerwald 
Ein Buch über das Waldmeer
Böhmerwald Reihe Europa erlesen
(Wieser Verlag, 2007)  ISBN 978-3-85129-683-9


Eine Anthologie erschienen im Wieser-Verlag Klagenfurt
Mit Beiträgen von Jürgen Aigner, August Apel, Ingeborg Bachmann, Christoph Bartmann, Mei Bayerwoid, Georg Britting, Erwin Brunner, Charles Burney, Hermann Claudius, Bernhard v. Cotta, Gerold Dvorak, Joseph Eichendorff, Johann Wolfgang Goethe, Marita Haller, Heinrich Heine, Bohumil Hrabal, Anna Jelinek, Robert Kalivoda, Karel Klostermann, Rudolf Kubischtek, Gerhard Lehrberger, Klaus Peter Martinek, Walter Nigg, Adalbert Pongratz, Roland Pongratz, Georg Priehäuser, Ernst Rychnowsky, Wolfgang Scherzinger, Jürgen Serke, Arnold Stadler, Adalbert Stifter, Friedrich Torberg, Jirí Záloha u. a.


Pressestimmen
Es ist ein Vergnügen, in diesem Bändchen zu blättern und zu lesen, und diese deutschböhmische Landschaft mit den Augen und Sinnen vieler ganz unterschiedlicher Autoren kennenzulernen.
Man muss auch nicht durchgehend lesen, sondern kann sich darin je nach Geschmack und Laune einzelne Texte aussuchen. Nachrichten der Sudetendeutschen in Baden-Württemberg


Norbert Schreiber Böhmerwald 
Ein Buch über das Waldmeer
Böhmerwald Reihe Europa erlesen
(Wieser Verlag, 2007)  ISBN 978-3-85129-683-9

 

Kostproben


Nachwort des Herausgebers
Norbert Schreiber
 
Das „Grüne Dach Europas“ wölbt sich schützend über der Dreiländer-Region Bayerischer Wald, Böhmerwald und Mühlviertel und eint auf natürliche, wilde Art und Weise ein Waldviertel zwischen Deutschland, Österreich und Tschechien, in dem die Menschen Jahrhunderte lang gegen die Natur ankämpfen mussten, um zu überleben. Sie suchten Schutz vor der Natur. Heute ist es umgekehrt, es schützt der Mensch die letzten Wald- und Urwaldreservate und eine der schönsten Naturlandschaften Europas: dichte Wälder, soweit das Auge reicht, massive Granitberge, Gipfel in Schnee und Eis, gewitterwolkenumhangen oder sonnenbestrahlt mit garantierter Fernsicht, tiefgrüne Seen und ewig grüne Wiesentäler, reißende Flüsse, kalte Bergbäche, Forellenteiche, geheimnisvolle Hochmoore. Natur pur, wild und ursprünglich, erholsam, und die Kraft des Menschen zugleich fordernd.

Holz, Glas, natürliche Wälder und die Musik aus Böhmen sind die „Rohstoffe“ dieser von Adalbert Stifter geliebten und so malerisch beschriebenen Landschaft. 

 

Hier trennte einst der „Eiserne Vorhang“ willkürlich nach politischen Systemen, was heute nach der Wende als Ökosystem und neue Nachbarschaft wieder zusammenwächst. Ob widerständige Kämpfer in den Glaubenskriegen oder machtbewusste Eroberer, wandernde fromme Mönche oder Handel treibende Salzhändler, die künischen Bauern oder die fleißigen Glasmacherfamilien, die reichen Holzhändler und armen Reisemusikanten, sie alle schufen in der Geschichte dieser Region natürlich gewachsene menschliche Verbindungen, an die trotz der schlechten Erfahrungen in gemeinsamer Geschichte in den Kriegen und danach im Frieden jetzt wieder angeknüpft werden kann. 
Der Böhmerwald und der Bayerische Wald verschmelzen zu „grenzenloser“ Natur, in der sich Tschechen und Deutsche unbefangener begegnen können als je zuvor in den vergangenen Zeiten an den politischen Verhandlungstischen möglich war, als Zaun und Stacheldraht, Wachtürme und Grenzkontrollen den politischen Blick versperrten…

 

 

August Sieghardt

(*1887 †1961)

 

Lied vom „Böhmerwald"

 

Das Lied vom „Böhmerwald" wird bei uns in Bayern oft gesungen. Es erklingt aus dem Munde der Böhmerwäldler, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden und bei uns eine neue Heimat gefunden haben. Wer jemals im Bayerischen Wald oder im Oberpfälzer Wald gewandert ist oder im unteren Donautal, in die Passauer Gegend, in den Wäldern um Waldmünchen und Furth im Wald, um Lam und Eisenstein, dem klang da oder dort dieses Lied ans Ohr, und manchmal zählt es auch zum Programm der musikalischen und gesanglichen Darbietungen auf den Jahrmärkten und Volksfesten, im Rundfunk und in Drehorgeln.

 

 

In gewissem Sinn ist dieses schlichte Lied berühmt geworden, denn es wurde aus dem Volk heraus geboren und für das Volk geschrieben und komponiert. Entstanden ist das Lied, das sich die Herzen aller heimatvertriebenen Böhmerwäldler erobert hat und darüber hinaus auch in Niederbayern und in der Oberpfalz, auch in Franken in breitesten Volkskreisen bekannt ist, in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Andreas Hanauer, der es gedichtet und vertont hat, war ein echter Sohn des Böh­merwaldes. Seine Wiege stand „tief im Böhmerwald", in der Stachauer Hütte bei Goldbrunn in der Nähe von Außergefild, in den Wäldern ostwärts vom Rachel und Lusen, im Tal der Warmen Moldau, etwa halbwegs zwi­schen BergReichenstein und Winterberg. Dort ist der Hartinger Andreas im Jahre 1839 am 28. November zur Welt gekommen, als Sohn armer Glasmachersleute. Als er aus der bäuerlichen Volksschule entlassen wurde, ging er als Lehrling in die Glashütte nach Goldbrunn, später als Glas­machergeselle in die große Glasfabrik nach Eleonorenhain, bei Wallern, von den Böhmerwäldlern kurzweg „Leonora" genannt, man hat diese Siedlung mitten in der Wildnis nach der Fürstin Eleonore von Schwarzenberg benannt. Die Eleonorenhainer Kristall und Farbglasfabrik wurde 1832 gegründet und war die größte Glasfabrik des Böhmerwaldes; das dortige Touristenhaus war der viel besuchte Ausgangspunkt zum Besuch des nahen Luckenurwaldes im Bereich des 1362 Meter hohen Kubani. In Eleonorenhain blieb Hartauer nur zwei Jahre. Dann ging er auf die Wanderschaft, die ihn nach Nordböhmen führte. Auch dort arbeitete er als Glasmaler, in der Gegend von Haida und Gablonz. Einige Zeit hatte er in Bürgstein bei Johannesdorf seinen Wohnsitz und Arbeitsplatz und in diesem Ort hat den jungen Hanauer die Sehnsucht nach seiner böhmischen Waldheimat derart gepackt, dass er beschloss, dieser in einem volkstümlichen Heimatlied Ausdruck zu geben. Er schrieb das Lied „Tief drin im Böhmerwald da ist mein Heimatort..." Zum Text schrieb er auch gleich die Melodie, war er doch ein ausgezeichneter Musiker, Geigen und Lautenspieler. In Abzügen, die er eigens anfertigte, schickte er das Lied an seine Bekannten und Freunde in seiner Böhmerwaldheimat. Überall fand das Lied Anklang, nicht bloß im Tal der Moldau, sondern auch in anderen Böhmerwaldorten. Die Melodie, nach der das Lied heute gesungen wird, soll allerdings nicht jene von Hartauer sein...

 

 

Europa  Erlesen

Böhmerwald

Herausgegeben von Norbert Schreiber

 

Inhaltsverzeichnis
 
Rainer Maria Rilke 
„Gott war guter Laune“

 

Andreas Hartauer
Tief drin im Böhmerwald

 

August Sieghardt
Lied vom „Böhmerwald"

 

Rudolf Kubitschek
Vom Namen Böhmerwald

 

August Sieghardt
„Bayerischer Wald" und „Böhmerwald"


Früher kannte man nur einen Böhmerwald.

 

Bernhard Grueber Adalbert Müller
Der bayrische Wald
(Böhmerwald)

 

Franz Joseph  Bronner
Der bayrische Wald

 

August Strindberg
„…es grüßt mich der Gekreuzigte“

 

Adalbert Stifter

Aus dem Bairischen Walde

 

Heinrich Heine
Frühling

 

Josef Wenzig Johann Krejč
Der Böhmerwald
Natur und Mensch

 

Arnold Stadler
Adalbert Stifter Das Naturell

 

Hermann Claudius
Der Ackermann

 

Alois Jiräsek
Von den Choden 

 

Joseph von Eichendorff
„Was wisset Ihr dunkle Wipfel“

 

Marita Haller
Auf den Spuren der Kelten in Südböhmen

 

Karel Klostermann
Künisches Freigebiet

 

Ludwig Uhland
Schildeis Fragment

 

Ingeborg Bachmann
Böhmen liegt am Meer

 

HansJörg Schmidt
Was weiß der Durchschnittsdeutsche über die Tschechen?


Jiri Gruşa
  Böhmerwald Šumava Rauschwald

 

Gerold Dvoŗak
Carl Klostermann und Adalbert Stifter – 

Dichter der Wildnis

 

Karel Klostermann
Böhmerwaldskizzen

 

Adalbert Stifter
Die Pest im Bayerischen Wald

 

Peter Moraw
Die Hussitenbewegungen 1419-1437

 

Richard Friedenthal
Der Tod des Ketzers Jan Hus

„Doss seyn mer Bühmische Dörffer“

 

Jan Vobra
Sauerkraut-Teigtaschen

 

Franz Joseph Bronner
Über die Bevölkerung des Waldes

 

Josef Prinz
Schnupftabakreiben


Sepp Paukner
Der Waldler

Dialektformen
Mundart im Böhmerwald

 

Friedrich Torberg
Als noch geböhmakelt wurde

 

kynuté knedlíky 
Böhmische Knödel aus Hefeteig

 

Thomas Weber
Salztransporte

 

Martina Winter/Evi Hasenkopf
Ja s’Glos und s’Holz

 

Max Freiherr von Schnurbein
Theresienthal

 

Jitka Lnenickova
Glaskunst im Böhmerwald und 
Böhmisches Glas im 20. Jahrhundert

 

Adalbert Stifter
Es war einmal ein König

 

Ludwig Reiner Andreas Weber Hans Schopf
Auf den Spuren der Goldwäscher im Goldland 
Bayerischer Wald und Böhmerwald

 

Brüder Grimm
Der Krämer und die Maus

 

Glashüttensagen
Die Erfindung des Goldrubin-Glases

 

Rezept

 

Golddrubin Glas

Volkssage 


„Durandl“ – der Glashüttengeist

Fritz Hudler

 

Der Glasmacherort Eleonorenhain

 

Martina Winter/Evi Hasenkopf
Mei Bayerwoid

 

Hermann Hesse
Bäume sind Heiligtümer

 

Otto Sendtner
Der Hochwald

 

Heinrich Heine
Wandere

 

August Sieghardt
Urwaldberg Falkenstein und Höllbachgspreng 

 

Marita Haller
Die Eibe vom Scheuereck

 

Maximilian Waldherr
Die Schachten des Bayerischen Waldes

 

Anton Pech
Beim Waldhirten

 

Josef Wenzig Johann Krejč
Die Thierwelt

 

Wolfgang Scherzinger
Die versunkene Großtierfauna der böhmischen Masse

 

Marita Haller
Das Wolfauslassen

 

Paul Friedl
Der große Sturm

 

Johannes Urzidil
Morgen fahr’ ich heim

 

Karel Klostermann
Die Moldauquelle

 

Nach August Apel
Der Freischütz

 

Fritz Hudler
Warm, grasig, kalt – dreimal Moldau

 

Bohumil Hrabal
Der Böhmerwald-Musiker


Müller
Die Prager Musikantenbraut

 

Hermann Lenz
Vor neun Jahren ungefähr

 

Rosa Tahedl
Zäune und Sperren

 

Nobert Schreiber
Ein Stück Stacheldraht

 

Marianne Köhler
An den Böhmerwald

 

Karel Klostermann

Der Borkenkäfer und die „Käferzeit“

Eugen Roth
Ein Brief aus dem Bayerischen Wald

 

Marianne Wintersteiner
Die Leute von Buchenau

 

Marita Haller
Wie man sich bettet

 

Anneliese Strassner 
Hefeteigtaschen mit Pflaumenmus

 

Hans Carossa
Die Krippe

 

Heinrich Heine
Winter

 

Adalbert Stifter
Winterstürme

 

Emerenz Meier
Sterbelied eines Waldlermägdleins

 

Totenbretterverse aus dem Zwieseler Winkel

 

Johann Wolfgang Goethe
Über allen Gipfeln

 

Georg Britting
Der Böhmische Wald

 

Das Bayerwald-Lied
Mir san vom Woid dahoam

 

 

 

 

Handbuch der deutschen Literatur Prags

Das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder gibt einen weit gefassten, fundierten, genauen Überblick über die Literatur in Prag, Böhmen und Mähren. Alte Grenzziehungen literaturwissenschaftlicher oder politischer oder historischer Art werden vermieden. Das Buch bietet eine Neuverortung der deutschsprachigen Literatur der Böhmischen Länder im Spannungsfeld von deutscher, jüdischer, tschechischer und habsburgischer Literatur und Kultur.

 

 

Es hat wirklich gefehlt: das Handbuch der deutschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder, das im J. B. Metzler Verlag bereits 2017 erschienen ist, aber als Standardwerk und großartiges Quellenbuch aus Anlass der Leipziger Buchmesse zum Themenschwerpunkt Tschechien ausführlich in einer Reihen-Besprechung der Hauptkapitel hier auf www.facesofbooks.de erneut gewürdigt werden soll.

Das 445-Seiten-Buch ist ein umfassendes Werk mit einer sehr in die Breite und in die Tiefe gehenden Genauigkeit, die den Bestseller-Leser vermutlich etwas überfordert und eher für germanistisch interessiertes Publikum geeignet ist. Dennoch ist es lesbar und in knappen Kapiteln gehalten.

Es befasst sich mit einer „Hybrid-Literatur“. Damit meine ich, dass sowohl die beiden Sprachen der Literaten Deutsch und Tschechisch einerseits eine Rolle spielen. Hinzukommen andererseits die geographischen Besonderheiten in Grenzregionen. Und die Ländergrenzen in Böhmen und Mähren waren früher anders als heute gezogen. Neue Länder wie zunächst die Tschechoslowakei und später Tschechien und die Slowakei entstanden nach dem II. Weltkrieg. Zusätzlich ist das Rezeptionsverhalten zwischen österreichischem, deutschem und tschechischem Lesepublikum unterschiedlich, so dass sich ein eigenartiges, aber besonders interessantes Mischungsverhältnis aus all diesen Grundbedingungen ergibt.

Kernzelle dieser Literatur sind die weltbekannten Prager Autoren Kafka, Rilke, Werfel, Kisch, Reinerová, aber auch die weniger bekannten Oskar Wiener und Ludwig Winder.

Eine weitere Hyprid-Frage ist: Soll man Marie von Ebner-Eschenbach, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Franz Werfel, die in Mähren, im Böhmerwald oder in Prag geboren sind, der österreichischen Literaturtradition zurechnen, also ausgrenzen? Die Herausgeber meinen: NEIN und verfolgen einen integrativen Ansatz, wenngleich früher die Prager Literaten als „dreifach“ besonders eingestuft wurden, weil sie in Prag national, religiös und sozial im Ghetto gelebt haben.

Mit diesem Handbuch wollen die Herausgeber aber starke Grenzziehungen vermeiden, das Phänomen „Literatur Prags und der Böhmischen Länder „als Gesamtheit“ betrachten. Es gilt, die literarischen und kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Tschechen mit zu berücksichtigen.

Das Buch will keine Geschichte der tschechischen Literatur sein. Die in Vergessenheit geratenen historischen Ereignisse, die Mehr- bzw. Zweisprachigkeit der Autoren oder sogar der Sprachwechsel, wie etwa bei Karl Klostermann, werden berücksichtigt. Auch die institutionelle Seite, etwa Literaturverbände, Verlage, Periodika, Universitätsgeschehen, werden ebenso behandelt.

Den Herausgebern ist bewusst, dass Leser in Österreich und Deutschland und auch in Tschechien unterschiedliche Rezeptionsverständnisse haben können, weil länderspezifisch andersartige Bildungsvoraussetzungen gegeben sind. Das nehmen die Autoren in Kauf und zugleich in Anspruch, darauf Rücksicht genommen zu haben.

Das fünfte und das sechste Kapitel des Handbuchs widmet sich den Themen, den Motiven und Textsorten der deutschen Literatur in Böhmischen Ländern. Das Handbuch gibt eine gute allgemeine Orientierung, lässt sich auch kapitelweise lesen bzw. durcharbeiten und gibt auch auf spezielle Fragestellungen Auskunft.

Der deutsch-böhmische Germanist Kurt Krolop hat das umfangreiche Buchprojekt mit Rat und Tat begleitet, und der Literaturwissenschaftler Peter Demetz, US-amerikanischer Germanist von deutsch-tschechisch-jüdischer Herkunft, hat ein Schluss Essay beigetragen. Wir werden in der nächsten Zeit weitere Kapitel des Buches behandeln…

Heute:

Kapitel Einleitung und Kategorisierung

 

Im Metzler Verlag sind schon einige literaturwissenschaftliche Handbücher erschienen, nun also die „zusammenhängende Darstellung der in einer mitteleuropäischen Region entstandenen Literatur“.

Fallen Namen wie Rilke, Werfel, Brod, Kafka und andere, nähren diese Autorennamen den Eindruck, alle deutsche Literatur stamme aus Prag. Die Autoren des Handbuches sehen darin eine Unangemessenheit, die deutsche Literatur von der Literatur der Böhmischen Länder abzutrennen.

 

Den Begriff der „Prager deutschen Literatur“ möchten die Autoren abschaffen und sprechen von der Literatur Prags und der Böhmischen Länder (als Eigenname verwendet und großgeschrieben!) „Böhmische Länder“ weist auch darauf hin, dass der Begriff Böhmen allein zu unscharf ist, handelt es sich doch um drei unterschiedliche geopolitische Räume: das Königreich Böhmen, die Markgrafschaft Mähren und das Herzogtum Schlesien. Wobei sich die west- und nordböhmischen Gebiete zum preußisch dominierten Deutschland orientierten und Mähren zur Habsburger Metropole Wien.

 

Die unterschiedlich entwickelten Verkehrswege förderten diese Orientierungen. Die zentralistische Struktur prägte auch die kulturellen Verhältnisse: „Hier die Metropole Prag, da die provinziellen Peripherien.“

An den beiden Autoren Rilke und Härtling weisen die Autoren nach, dass ihre Werke zunächst von der Herkunft thematisch regional geprägt waren, also Anklänge an die Böhmischen Länder zu finden sind, etwa in den Prager Geschichten von Rilke, bei Musils Mann ohne Eigenschaften, bei Härtling in autobiographischen Romanen. Härtling hat von 1941 bis 1945 seine Kindheitsjahre in Olmütz und Brünn verbracht. Fazit in diesem Kapitel: „Je vielseitiger sich Lebens- und Schaffenshorizonte von Autoren aufspannen, desto größer wird ihre Teilhabe an 

unterschiedlichen Literaturen.

 

Kapitel Literaturgeschichte

 

Eine Literaturgeschichte über die deutsche Literatur der Böhmischen Länder gibt es bisher nicht. Sie müsste die regionalen Infrastrukturen berücksichtigen, die Vernetzung der deutschsprachigen Literatur mit den Nachbarländern thematisieren und vor allem die Wechselwirkungen mit der tschechischen Literatur betrachten. Dabei gibt es jetzt schon Forschungsprojekte, Publikationen und Ausstellungen, die vor allem auf der wachsenden Zusammenarbeit von Germanisten und Slawisten fußen. Doch die Zusammenschau fehlt bislang.


Das Kapitel „Literaturgeschichtsschreibung“ setzt die Anfänge mit der geschichtlichen Betrachtung der Kronländer oder der Städte. Der Bezugsrahmen war zunächst die K.-u.-k.-Mo¬n¬ar¬chie, die Zuordnung zur deutschen Kultur im Gegensatz zur tschechischen Literatur betrachtet. Später wurde zwischen deutscher, deutsch-österreichischer und deutsch-böhmischer Literaturgeschichte differenziert. 
Nach dem Münchner Abkommen und der Besetzung Prags galt sie unter nationalsozialistischem Regime als Teil der deutschen Literatur und nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung als eine Literatur, der das Land abhandengekommen war. 


Die Nazis grenzten jüdische und antinationalsozialistisch eingestellte Autoren aus. Die ersten Literaturgeschichten der Tschechoslowakei berücksichtigten teilweise deutsche Schriftsteller. In der Auseinandersetzung um die damals strittigen Grenzfragen wies der Literaturhistoriker und Schriftsteller Josef Mühlberger darauf hin, angesichts des „Grenzlandkampfes“ bestehe die Gefahr, den „Blick für Größe und Weite“ zu verlieren. 


Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es lange Zeit so, dass die deutsch-böhmische und die mährische Literatur aus dem Blickwinkel der allgemeinen Aufmerksamkeit verschwunden war. Erst durch das Interesse an Kafka und an den Exilautoren wurde das Interesse wieder geweckt und besonders nach der samtenen Revolution befruchtet. 
Das interessante Überblickskapitel ist letztlich ein Arbeitsauftrag, sich mit der Literaturgeschichte dieser speziellen Gattung zu widmen, erst recht deshalb, weil sich im deutsch-tschechischen Verhältnis die kulturelle Dimension mehr als entwicklungsnötig darstellt. 

 

 

Peter Becher/Steffen Höhne/Jörg Krappmann/Manfred Weinberg (Hg) Handbuch der deutzschen Literatur Prags und der Böhmischen Länder

 

Erde und Papier

John Lennon, der Papst, schwule Filmregisseure, vergrätzte Verleger, die Liebe an sich, Gedichte darüber, und, und, und…

Die Themenpalette des Wunderkindes Wondratschek ist weit und breit. Alles eben, was zwischen Erde und Papier steckt. Wondratschek kann schreiben, einige wissen das, vor allem in der Journaille. Sie geben ihm Aufträge für Texte, aber Verleger glauben dem Talent nicht so recht. Nun hat sich Ullstein entschlossen, die gesammelten Werke des Autors doch herauszubringen. In der Verlagsankündigung heißt es: Zwischen Underground und Scheinwerferlicht – Unveröffentlichtes, Reportagen, Porträts und Storys.

 

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Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen

 

Seit dem Bestseller „Licht aus dem Osten“ gilt Peter Frankopan auch in Deutschland als Experte für die Beziehungsgeschichte zwischen Asien und Europa. Der 1971 geborene Autor leitet das Zentrum für byzantinische Studien an der Universität Oxford.

 

Mit seinem aktuellen Werk „Die neuen Seidenstraßen“ verlässt er die Welt der klassischen Historiographie und beschreibt die zeitgeschichtliche Entwicklung anhand des chinesischen Projekts, die Wege und Beziehungen zwischen dem Fernen Osten und dem westlichen Europa auf eine neue, äußerst dynamische Basis zu stellen. Dieses Projekt hat die Zukunft im Blick. Deshalb schreibt Frankopan, wie es im Untertitel seines Buches heißt, über „Gegenwart und Zukunft unserer Welt“. Die Quellen, die er benutzt, sind die zeitgeschichtlicher Natur: Zeitungen, Agenturmeldungen, aktuelle Statistiken, offizielle Verlautbarungen. Solche Quellen verfolgen meist hinter ihnen stehende Interessen und sind entsprechend kritisch zu bewerten. Frankopan bezieht sich auf eine möglichst „pluralistische“ Vielfalt von Quellen und unterzeiht sie der notwendigen Kritik. Das Ergebnis kann, wie bei zeitgeschichtlichen Untersuchungen üblich, nicht die auch vor der späteren Geschichte standhaltende Beschreibung der Wirklichkeit für sich beanspruchen, kann sich ihr aber in außerordentlichem Maße annähern. Deshalb ist sein Werk von aktueller Wichtigkeit sowohl für die politischen und wirtschaftlichen Akteure als auch für das Verständnis des lesenden Publikums, das ja in jedem Fall von der Gegenwart und der Zukunft dieser „neuen Seidenstraßen“ betroffen ist.

 

Die von China mit viel Geld ausgerufene neue Dynamik baut nach Frankopan auf drei wesentlichen Faktoren auf: Das sind zunächst einmal die Verkehrswege auf dem Land und die Schaffung neuer gewaltiger Infrastrukturen für die neuen maritimen Seidenstraßen im chinesischen Meer und vor allem im Indischen Ozean. Die bisher nur zu einem geringen Teil erschlossenen natürlichen Ressourcen, in erster Linie die Bodenschätze von Öl und Gas bis zu seltenen für modernste Technologien benötigten Elementen, bilden die zweite Säule des Projekts. Die dritte ist die eigentliche „Software“ dabei, nämlich die vertiefte internationale Kooperation teils auf bilateraler, teils auf multilateraler Basis. Frankopan stellt sie in Gegensatz zu den Auflösungserscheinungen der internationalen Kooperation, die von der Politik Donald Trumps aber auch durch den Brexit und die Uneinigkeit in der Europäischen Union ausgehen.

 

Der Autor beschreibt viele einzelne Stationen der neuen Seidenstraßen. Er verschweigt nicht die von der Übermacht Chinas ausgehenden Risiken für die kleineren Staaten, die nicht alle die von ihnen erforderten Mittel aufbringen werden, um das Projekt voranzubringen. Die neuen Seidenstraßen haben einen riesigen Radius, sie umfassen das ganze Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Fernen Osten, sie erreichen auch Russland und Afrika und insgesamt weit mehr als die halbe Welt. Das ganze Buch ist aber nicht etwa eine Liebeserklärung für die neuen Seidenstraßen, es bringt angesichts deren Dimension aber Respekt für sie auf. In den oft unbekannten Details ist das Buch höchst informativ und in seiner Summe mahnt es vor Überdehnung und Überwältigung und zeigt zugleich die positiven Perspektiven auf. Die Welt wird schon in zehn Jahren ganz anders aussehen als heute. Frankopans Fazit lautet: „Die Kräfte zu verstehen, die den Wandel vorantreiben, ist der erste Schritt, um handlungsfähig zu werden. Der Glaube, diesen Wandel verlangsamen oder aufhalten zu können, wird sich als Illusion erweisen. Keine Illusion dagegen ist die Tatsache, dass sich die Seidenstraßen im Aufwind befinden. Wie sie sich verändern und weiterentwickeln, wird die Welt der Zukunft formen und bestimmen, im Guten wie im Schlechten. Denn nichts anderes haben die Seidenstraßen schon immer getan.“

 

Harald Loch

 

Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt

Aus dem Englischen von Henning Thies

Rowohlt Berlin 2019    318 Seiten   22 Euro

Die heuchelnden Demokratien

Ein großes Plädoyer für Humanismus, eine schonungslose Reportage über das wahre Gesicht unserer Zivilisation und ein Frontbericht aus den Krisengebieten der Welt – das wichtigste Buch von Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer, heißt es in der Verlagsankündigung von Propyläen.

 

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Das braune Netz

Sie hatten ihre Karriere im Dienste des NS-Staates begonnen – und setzten sie bruchlos in der der neuen Bundesrepublik fort. So bereitwillig sie der braunen Ideologie gedient hatten, so engagiert traten sie nun für die Demokratie ein. Kriegsgerichtsräte fällten wieder ihre Urteile, einst regimetreue Professoren lehrten und die Journalisten aus den früheren Propagandakompanien schrieben, als hätten sie sich nichts vorzuwerfen.

 

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Der Klang von Paris 

Berlioz, Rossini, Meyerbeer, Wagner, Chopin, Offenbach, Pauline Viardot – diese und viele andere Künstler leben, lieben, leiden in der musikalischen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts und schreiben mit an der Partitur einer Metropole zwischen Revolution und Elektrizität, Eisenbahn und Kaiserreich.

Erstmals wird Paris in diesem Buch als Zentrum europäischer Musik im 19. Jahrhundert erkundet, zugleich die Musik auf ihre Umgebung bezogen.

 

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Wolfgang Ruppert: „Künstler! Kreativität zwischen Mythos, Habitus und Profession“

 

Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ist mehr als Stilgeschichte! Endlich hat sich mit dem Berliner Professor für Kunst- und Politikgeschichte Wolfgang Ruppert ein Experte den Akteuren zugewandt und eine Kultur- und Gesellschaftsanalyse des Künstlers verfasst. Der Untertitel beschreibt den Inhalt des Werks genauer: Kreativität zwischen Mythos, Habitus und Profession“. Darum geht es im Wechselschritt zwischen zeitlich gestaffelten systematischen und beispielhaft biografischen Kapiteln. Über allem steht die Frage „Was ist ein Künstler?“ in dem Eingangsessay „Künstler zwischen Mythos und Beruf“. Die Herausbildung zu einem „freien“ Beruf in den letzten 250 Jahren hat den Künstler mit seinen besonderen Aufgaben für die Gesellschaft der Moderne aber eben auch mit den materiellen Problemen einer solchen Freiheit konfrontiert – die Gesellschaft musste das „Ertragen“ einer solchen Freiheit lernen und mit den sozialen Problemen umzugehen, die ein solcher Beruf mit sich bringt.


 Wolfgang Ruppert deutet diese Entwicklung mit dem Fokus auf die Person „Künstler“ anders als die bisherigen Kunstgeschichten und führt zu neuen Erkenntnissen. In den systematischen Artikeln etwa unter den Überschriften „Die Macht des Zeitgeistes“ oder „Zwischen Moderne und Postmoderne“ beschreibt er die sich im 20 Jahrhundert rasant abwechselnden kulturgeschichtlichen Episoden. Seiner persönlichen „Vorliebe“ für die Moderne gegenüber der Beliebigkeit („anything goes“) der Postmoderne verleiht er mit plausiblen Argumenten Ausdruck. In den vertiefenden biografischen Skizzen, z.B. über „Kandinsky und Klee. Pioniere der Abstraktion“ oder „Leni Riefenstahl als Nazikünstlerin zwischen experimenteller Moderne und Propaganda“ oder „Pina Bausch. Tanz als Körperkunst“ werden die Aussagen der theoretischen Kapitel exemplarisch und lebendig belegt. Der Schwerpunkt liegt auf den Bildenden Künsten. An den Schnittstellen zu anderen Künsten wird es noch einmal interessanter, etwa bei Schlingensiefs Wagner-Inszenierungen für Bayreuth oder auch bei dem Rekurs auf Walter Benjamins frühe Erkenntnisse zum „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, die sich ja seither rasant weiterentwickelt haben.

 

Ruppert verfolgt in seinem sowohl wissenschaftlichen Ansprüchen als auch dem Lesebedürfnis eines breiteren Publikums gerecht werden Werk die großen Linien der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Er sieht die Wechselwirkungen etwa zwischen den Bewegungen um 1968 und „Mythos, Habitus und Profession“ des Künstlers und dieser sich weiterentwickelnden Gesellschaft der Bundesrepublik. Hierbei behandelt er die verschiedenen Orte des Geschehens, z.B. die Documenta in Kassel, die Hochschule für Gestaltung in Ulm, die Hochschulen in Düsseldorf und Berlin, die Akademie in München. Ein besonderes Augenmerk legt Ruppert auf die zunächst schleppende Einbeziehung von Frauen in die Entwicklung.


Insgesamt entsteht in dem Werk eine „Künstlergeschichte“ mit hohem Erkenntnisgewinn für die Kunst selbst, ihre Akteure und die Bedingungen der Entstehung von Kunst zwischen Markt, individueller Autonomie und großenteils prekären Produktionsbedingungen. Insofern hat das Buch das Zeug, die Rezeption durch die Adressaten der Werke der Künstler positiv zu beeinflussen.


Harald Loch


Wolfgang Ruppert: „Künstler! Kreativität zwischen Mythos, Habitus und Profession“
Böhlau, Wien, Köln, Weimar   2018   420 Seiten   38 Euro

 

PROJEKT EUROPA

Titel

PROJEKT EUROPA Eine kritische Geschichte

 

Autor

Kiran Klaus Patel ist Professor für Europäische und Globale Geschichte und Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls für Geschichte an der Universität Maastricht.

 

Inhalt

„Die EU ist im Krisenmodus. Nach Jahrzehnten des Erfolgs scheint sie nun erstmals in ihrer Existenz bedroht. Doch ist die heutige Situation wirklich so außergewöhnlich? Auf Grundlage der neuesten Forschung und eigener Archivrecherchen erzählt Kiran Klaus Patel die Geschichte der europäischen Integration im Kalten Krieg neu und zeigt das Projekt Europa ungeschminkt – jenseits des Wunschbildes politischer Sonntagsreden und billiger Polemik. Wer die Vorgeschichte der EU kennt und weiß, wie sie zu dem wurde, was sie ist, der sieht au... ch die Entwicklungen der Gegenwart in einem anderen Licht.


Das Selbstbild der EU könnte strahlender nicht sein. Sie steht für Friedensstiftung, Wirtschaftswachstum, eine an Werten orientierte Politik sowie ein zusammenwachsendes Europa. Und im Rückblick will es so scheinen, als hätten ihre Vorläuferorganisationen dies alles ganz aus sich heraus und nahezu zwangsläufig geschaffen. In seinem mit überraschenden Einblicken gespickten Buch hinterfragt Kiran Klaus Patel diese Standarderzählung und macht deutlich, dass ein überzogenes Selbstbild das heutige Krisenempfinden unnötig verschärft, weil für neu und bedrohlich gehalten wird, was es immer schon gegeben hat. Die größten Krisenjahre der alten EG entpuppen sich im Rückblick als Zeiten des Auf- und Umbruchs, aus denen Europa am Ende gestärkt hervorging.”  Soweit die Verlagsankündigung.

 

Gestaltung

463 Seiten, Prolog, Epilog, acht Kapitel, Europa und europäische Integration, Frieden und Sicherheit, Wirtschaftswachstum und Wohlstand, Partizipation und Technokratie, Werte und Normen, das bürokratische Monster, Desintegration und Dysfunktionalitäten, die europäische Gemeinschaft und die Welt, Dank, Anmerkungen, Abkürzungsverzeichnis, Quellen- und Literaturverzeichnis, Abbildungsnachweis und Register, bebildert

 

Cover

Europas Sterne blättern

 

Zitat

„Wenngleich die EG keine große Rolle bei der Erstellung der europäischen Friedensordnung spielt und auch nur ein nachrangiger Faktor bei deren Stabilisierung war, wurde sie dennoch zum symbolischen Herz europäischer Verständigung- und Friedensbemühungen.“

 

 

Meinung

Der Autor möchte, dass wir uns von gewohnten Denkmustern verabschieden. Die europäische Option war nie die einzige Alternative zum Nationalstaat. Der Autor, klärt welchen Beitrag die Europäsche Union für Frieden und Sicherheit beitrug, hat sie wirklich Wirtschaftswachstum und Wohlstand genährt, die Flüchtlings- und Asylpolitik konnte der Autor noch nicht berücksichtigen. Aus einer analytischen Distanz heraus untersucht der Autor seinen „Gegenstand“. Ein kritisches und spannendes, sehr analytisches, historisch fundiert begründetes Buch. Und die Werte-Debatte? „Ich glaube, dass die europäische Union eine sehr kraftvolle Antwort dafür finden muss. Dass das aber teilweise nicht gelingt, liegt auch daran – neben den institutionellen Fragen – dass die Werte und Normen gar nicht so tief verankert sind, wie wir häufig glauben.“

Leser Europäer alle Länder, Theresa May, die Brüsseler Institutionen, Boris Johnson und Angela Merkel

 

Warum sollte man genau dieses Buch lesen oder verschenken?

 

…weil wir noch nicht wissen, wie Europa mit oder ohne Brexit eine Zukunft haben kann…

 

Verlag

CHBeck

 

Preis

29,95 Euro

Gorbatschow

Titel

GORBATSCHOW Der Mann und seine Zeit. Eine Biographie

 

Autor

William Taubman ist Professor für Politikwissenschaft am Amherst College und einer der führenden amerikanischen Experten für sowjetische Geschichte. Sein Buch «Khrushchev. The man and his era» wurde 2004 mit dem Pulitzer-Preis für die beste Biographie des Jahres ausgezeichnet.

 

Inhalt

 Im Ausland verehrt und bewundert als der Mann, der das Tor zu einem neuen Zeitalter aufstieß, gilt er bei seinen Landsleuten als Schwächling und Totengräber des sowjetischen Imperiums: Michail Gorbatschow ist für die einen ein überragender Staatsmann und für die anderen ein Versager. Pulitzerpreisträger William Taubman legt nun die grundlegende Biographie dieser Jahrhundertgestalt vor – akribisch recherchiert, fundiert im Urteil und fesselnd geschrieben.
 

Als Michail Gorbatschow 1985 mit 54 Jahren jüngster Generalsekretär in ... der Geschichte der KPdSU wurde, war die Sowjetunion eine von zwei Supermächten. Doch nur vier Jahre später hatten Perestroika und Glasnost die Sowjetunion für immer verändert und Gorbatschow mehr Feinde als Freunde.

Seine Politik beendete den Kalten Krieg.

Doch im Jahr darauf musste er nach einem gescheiterten Putsch – ohne es zu wollen – dem Kollaps jenes Imperiums zuschauen, das er zu retten versucht hatte. William Taubman schildert in seinem Buch, wie ein Bauernjunge vom Lande es bis an die Spitze im Kreml bringt, sich mit Amerikas erzkonservativem Präsidenten Ronald Reagan anfreundet und es der UdSSR und dem Ostblock erlaubt, sich aufzulösen, ohne Zuflucht zur Gewalt zu nehmen.

 

Wer war dieses „Rätsel Gorbatschow“ – ein wahrhaft großer Politiker oder ein Mann, der an seinen eigenen Fehlern scheiterte und an Mächten, gegen die er nicht gewinnen konnte., heisst es bei CHBeck im Verlagsprospekt.

 

Gestaltung

 935 Seiten!!!19 Kapitel, Anmerkungen des Autors, Liste der Akteure, Einleitung Gorbatschow ist schwer zu verstehen, 19 einzelne Kapitel zu den Themen Kindheit und Jugend, Universitätszeit, auf der Karriereleiter, Parteisekretär in der Region, Rückkehr nach Moskau, auf der Weltbühne bis zum Putsch, Ende der Amtszeit und die Zeit danach, Schlusskapitel Gorbatschow verstehen

 

Cover

 Gesichtsporträt

 

Zitat

 „Gorbatschow war ein Visionär, der sein Land und die Welt veränderte“

 

Meinung

Ein voluminöses, sehr nahes, erzählerisches Porträt, das mit vielen Details überzeugt. Es geht chronologisch vor und kommt zu dem Schluss: „Bei all seinen Mängeln und auch wenn er seine hehren Ziele nicht alle erreichte, war er doch ein tragischer Held, der Verständnis und Bewunderung verdient.“ Ein großes Werk.

 

Leser

 Menschen in Ost und West, Falken und Tauben

Warum sollte man genau dieses Buch lesen oder verschenken?

…weil wir so schnell vergessen, wem wir die deutsche Wiedervereinigung auch verdanken…

 

Verlag

 CHBeck

 

Preis

 38 Euro

Fukushima


Titel

Adolf Muschg Heimkehr nach Fukushima 


Autor

Adolf Muschg, geboren 1934 in Zürich, war u. a. Professor für deutsche Sprache und Literatur an der ETH in Zürich und Präsident der Akademie der Künste Berlin. Sein umfangreiches Werk, darunter die Romane «Im Sommer des Hasen» (1965), «Albissers Grund» (1977), «Das Licht und der Schlüssel» (1984), «Der Rote Ritter» (1993), «Sutters Glück» (2004), «Eikan, du bist spät» (2005) und «Kinderhochzeit» (2008), wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Hermann-Hesse-Preis, der GeorgBüchner-Preis, der Grimmelshausen-Preis, der Grand Prix de Littérature der Schweiz und zuletzt der Preis der internationalen Hermann-Hesse-Gesellschaft.

 

Inhalt

  Der Architekt Paul Neuhaus, frisch verlassen, erhält eine Einladung von seinen alten Freunden Ken-Ichi und Mitsuko. Der Bürgermeister eines Dorfes nahe beim Unglücksmeiler von Fukushima, Mitsukos Onkel, bittet Neuhaus, ihn zu besuchen. Die Gegend ist verstrahlt, die Dörfer sind verlassen, die kontaminierte Erde ist abgetragen. Die Regierung wünscht die Rückbesiedlung, aber die Menschen haben Angst.
Der Bürgermeister will Neuhaus für eine Künstlerkolonie gewinnen – in der verstrahlten Zone –, um neue Hoffnung zu wecken. Neuhaus reist mit Mitsuko an und sie geraten in eine unentrinnbar intensive Nähe zueinander. Ist in der schönen, verseuchten Landschaft Fukushimas eine Zukunft möglich wie auch in der Liebe zwischen Paul und Mitsuko?
Sie beide begleitet die Lektüre Adalbert Stifters. So wie dort die geheimnisvolle Kette von Ursache und Wirkung die Bereiche des Lebens gleichermaßen verknüpft, so stellt die unheilvolle Kettenreaktion im Atommeiler in Fukushima nicht nur die Japaner vor die Frage, was diese Katastrophe über uns alle sagt. Sind wir im Zentrum der Gefahr nicht näher an unserer Wahrheit und an der unserer Gegenwart?

 

Zitat

„Die wahre Katastrophe ist nicht die nukleare, es ist die soziale. Sie zerstört den Kern der Menschen.“

 

Meinung

Es ist ein Experiment, das Adolf Muschg da wagt. Erstens überhaupt an die Katastrophe von Fukushima zu erinnern. Zweites dies als Hintergrund für eine Liebesgeschichte auszuwählen. Drittens ein Adalbert Stifter-Buch damit zu verbinden. Viertens sich mit Japan und seinen kulturellen Voraussetzungen und Traditionen auseinanderzusetzen. Und fünftens die ganze Thematik in einen Roman zu packen. Experiment gelungen, auch wenn der Leser sich anstrengen muss. Sehr differenziert, in die Tiefe gehend, philosophische Erkenntnisse weckend. Fast Alleinstellungsmerkmal, denn kein Mensch erinnert sich aktiv an die Fukushima-Katastrophe. Der Verdrängungsprozess ist menschlich. 
Muschg stellt sich dem sperrigen Thema, und Literatur ist das Handwerkszeug dazu. Über die profanen Sandsäcke, in denen radioaktiv verseuchte Erde gesammelt wird, schreibt Muschg: „Wir stehen vor einem japanischen Kunstwerk der Verzweiflung, einem flächendeckenden Tagebau des reinigen Wahns“. 
Muschg entdeckt, dass Lust und Liebe urmenschliche Triebe und Motive sind, ans Weiterleben zu denken und es vor allem zu tun. „Heimkehr nach Fukushima“ liest sich nicht leicht, muss entdeckt, durchforscht werden, es stellt Ansprüche. Man muss mit in die Tiefe absinken, um zu verstehen. Eine spannende Liebesgeschichte im Atomzeitalter.  Für Liebende und Überlebende. 


Leser

Die Menschheit, Japaner, Weißrussen, Russen und Deutsche sowie der Europäer an sich, Großbritannien eingeschlossen

 

Warum sollte man genau dieses Buch lesen oder verschenken? 
…weil auch mal Anspruchsvolleres unter den Weihnachtsbaum gehört und Nachhaltiges…

 

Verlag

CHBeck

 

Preis

20 Euro

 

 

"Kultur und Mentalität Japans spielen in dieser bizarren Liebesgeschichte eine zentrale Rolle.“ 
Die Zeit, Ulrich Greiner 

 

"Muschgs Roman ist ein sprachliches und erzählerisches Kunstwerk.“ 
taz, Marlen Hobrack 

 

"Ein tiefgründiger, philosophischer Roman, der Reflexionen über Schicksal und Eigenverantwortlichkeit mit überraschenden Beobachtungen und Erkenntnissen paart." 
SWR2 Lesenswert 

 

"Diese westöstliche Lebens- und Liebesgeschichte voller Weisheit und Humor ist ein ungemein frischer Roman, den man mit viel Vergnügen liest. 

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Jürg Altwegg

 

"Nicht nur ein Alterswerk von großer erzählerischer Subtilität am Beispiel ruppiger Gegenstände, es ist tatsächlich ein Meisterwerk: ‚hell erleuchtetes Weltall‘!“ 

ORF Ex Libris, Peter Zimmermann

 

"Sehr elegant und eloquent, spannende Charaktere, schlüssige Geschichte.“ 
SR2, Bianca Schwarz 

 

"Ein Roman, der die Katastrophe von Fukushima klug und erhellend in Literatur verwandelt.“ 
WDR, Barbara Geschwende 

DIE CHINESEN

 

 

Titel

Die Chinesen Psychogramm einer Weltmacht

 

Autor

Stefan Baron,*1948, war 16 Jahre Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Der preisgekrönte Journalist und studierte Volkswirt war zuvor am Kieler Institut für Weltwirtschaft und beim Spiegel. 2007, kurz vor Beginn der Finanzkrise, wechselte er die Seiten und war bis 2012 Kommunikationschef der Deutschen Bank.

 

Guangyan Yin-Baron, * 1967, hat in China Kommunikation und Journalismus studiert und dann bei der "Kanton-Zeitung", einer der größten Zeitungen des Landes, gearbeitet. 1993 kam sie nach Deutschland, um in Witten-Herdecke Ökonomie zu studieren. Seitdem lebt sie in Deutschland und arbeitet als Beraterin für Unternehmen aus beiden Ländern.

 

Inhalt

Ein mehrschichtiges, detailreiches, umfassendes China-Länderportät, das die chinesische Herausforderung des Westens thematisiert, die Psychologie eines gesamten Volkes darstellt, unser westliches China-Bild hinterfragt und vor allem die Geistes- und kulturgeschichtlichen Grundlagen von Konfuzius über Laotse bis Mao und Deng aufgreift.

Im zweiten Teil thematisiert das Autorenpaar Erziehung und Sozialisation, Denken und Wahrnehmung, Sprache und Kommunikation, Moral und Gesellschaft, die Lage von Mann und Frau, Lebenseinstellungen und Temperamentfragen.

In Teil 3 werden Fragen aus der Wirtschafts- und Arbeitswelt aufgegriffen, Staat und Herrschaft beschäftigen die Autoren ebenfalls sowie Chinas Haltung zur Welt, schwankend zwischen Friedensbemühungen, Darstellung von Stärke und Multipolarität. Im Ausblick geht es dann um Konvergenzentwicklungen, um Koexistenzfragen oder um die Frage., ob es weltweit auf einen Kampf der Kulturen hinausläuft. Menschenrechtsfragen werden leider nur gestreift.

 

Gestaltung

 445 Seiten mit Danksagung, Bibliographie und Personenregister und einem sehr ausführlichen fundierten bibliographischen Anhang.

 

Zitat

 „Wo es aber an Wissen und Verständnis fehlt, blühen nicht nur Vorurteile und Stereotype, sondern auch Unsicherheit und Ängste.“

 

Meinung

Schon Helmut Schmidt, der sich in den 1970er Jahren ins ferne China aufmachte, wusste um die wachsende Bedeutung Chinas, auch Henry Kissinger hatte ein Auge dafür. Doch der Ost-West-Konflikt hat uns Jahrzehnte den Blick auf den Fernen Osten „verklebt“. Nun öffnete uns dieses Buch die Augen. Es überzeugt mehrdimensional, durch seinen breiten Analyseansatz, durch die psychologische Dimension, die meist vergessen wird.

 

Es plätschert nicht an der Oberfläche daher, sondern untersucht die geistes- und kulturgeschichtlichen Grundlagen dieses Landes. Wie mit einer Lupe tastet das Autorenpaar Themenfeld für Themenfeld ab. Vorurteile werden abgeräumt, neue Erkenntnisse bloßgelegt, einfach auch nur viele Details und Wissensfragen aufgelistet, denn China ist mal Vorbild, mal Feindbild, mal Zerrbild.

 

Stabilität und Ordnung haben für die Chinesen einen hohen Wert, ihre Sprache ist laut, der Staat setzt auf Verhaltenssteuerung, sie verdanken ihren wirtschaftlichen Fortschritt der Globalisierung. Die Autoren fordern im Fazit eine neue FERNOST-Politik, die ähnlich grundsätzlich ansetzt wie die Ostpolitik der 1970er Jahre.

 

Leser

 Alle, die meinen sie müssten den neuen Nationalismus predigen, China ist die neue globale Herausforderung politisch, klimatisch, ökonomisch.

 

Warum sollte man genau dieses Buch lesen oder verschenken?

…weil unser Eurozentrismus uns den Blick für Asien verstellt….

 

Pressestimmen

„Der Handelskonflikt zwischen den USA und China bestimmte 2018 die Schlagzeilen. Da kam das Sachbuch „Die Chinesen - Psychogramm einer Weltmacht“ des deutsch-chinesischen Ehepaars Guangyan Yin-Baron und Stefan Baron genau zur richtigen Zeit.“

Frankfurter Rundschau, Michael Hesse, 08.12.2018

 

"Ein Buch zur richtigen Zeit, das gefehlt hat, ein Crashkurs über die globale Situation, ein Buch, das jeder Wirtschaftslenker lesen sollte"

Wirtschaftsbuchpreis des Jahres 2018, 12.10.2018

 

Baron und Yin-Baron kombinieren Historie und Hirnforschung, Psychologie, Ökonomie und Politik und eröffnen so tiefe Einblicke in das Denken und Fühlen der Chinesen. [...] Mit ihrem Buch wollen die beiden [...] das "Psychogramm einer Weltmacht" entschlüsseln. Es ist ein gewagtes Vorhaben, doch es gelingt auf beeindruckende Weise."
NZZ am Sonntag, 26.08.2018

 

"Das Beste, was ich je über China las...Grandios erzählt."
€uro am Sonntag 32/18, Hans-Hemann Tiedje, 11.08.2018

"Einzigartiger Einblick nicht nur in das Denken und Fühlen der Chinesen, sondern auch in deren ökonomische und geopolitische Ambitionen"
Dolomiten, 13.06.2018

 

„Ein informatives, umfassendes Buch. [...] Der Rundumblick lässt kaum eine Frage zum chinesischen Wiederaufstieg offen.“
DiePresse.com, 11.06.2018

 

"Das Autorenpaar [will] mit naiven Klischees über China aufräumen und dabei helfen, eigene Sichtweisen über die sogenannte "gelbe Gefahr" radikal zu hinterfragen. […] Ein zugängliches Buch, das dabei hilft, die kulturellen Prägungen und die Kontinuitäten im politischen Denken der Chinesen von Konfuzius über Mao bis heute zu verstehen."
Deutschlandfunk, 14.05.2018

 

„Völkerpsychologische Studien sind stets faszinierend und zugleich ob ihrer Tendenz zu Verallgemeinerungen mit Vorsicht zu genießen, aber die Barons haben ihre Aufgabe vorzüglich erledigt und ein kenntnis- und informationsreiches Buch verfasst.“
Der Standard, Christoph Winder, 27.04.2018

 

"China erscheint in der Berichterstattung deutscher Medien oft unter 'Ferner liefen' und seine Bewohner sind den meisten Europäern eher fremd. Mit seinem Buch "China - Psychogramm einer Weltmacht" zeigt Stefan Baron Land und Leute aus neuer Perspektive."


WDR 3 "Resonanzen", 25.04.2018

„Ein Buch, das auf jeden Fall zur richtigen Zeit kommt."
Cicero, 01.03.2018

 

"Guangyan Yin-Baron und ihr Mann, der deutsche China-kenner Stefan Baron, haben die beste Einführung [zu China] in deutscher Sprache geschrieben."


krautreporter.de, Rico Grimm, 27.11.2018

„Das Buch liest sich sehr spannend und überzeugt durch seine Aktualität. Ein aufschlussreiches Portrait einer Nation, die vor großen Herausforderungen steht.“
www.chinakompass.wordpress.com, 06.06.2018

 

„Flüssig geschrieben und leicht lesbar. Gemäß dem chinesischen Sprichwort: "Ein gutes Buch ist wie ein vertrauter Freund" ist es ein guter Einstieg und Überblick"
Letzebuerger Journal, Cordelia Chaton, 21.04.2018

 

"Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“ hilft dabei, naive Annahmen gegenüber China auszuhebeln, Überheblichkeiten zu beerdigen und vor allem: die eigene Sichtweise über die sogenannte „gelbe Gefahr“ radikal zu hinterfragen.
Handelsblatt, 08.02.2018

 

Verlag

ECON

 

Preis

25 Euro

Scharia Kapitalismus

 

Titel

SCHARIA KAPITALISMUS Den Kampf gegen unsere Freiheit finanzieren wir selbst

 

Autor

Sascha Adamek, *1968, arbeitet seit zwanzig Jahren als Journalist und Filmemacher für die ARD, u.a. für die Politikmagazine Kontraste und Monitor, aktuell für die Redaktion "Investigatives und Hintergrund" des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Er ist Autor zahlreicher Fernsehdokumentationen - zum vorliegenden Thema zuletzt der Film „Dschihad in den Köpfen“.

 

Inhalt

Der radikale Islamismus sieht sich als Todfeind des Westens und seiner Lebensweise. Unglaublich ist es daher, wie bedenkenlos deutsche Unternehmen, Verbände und Politiker mit Vertretern dieser Weltanschauung gemeinsame Sache machen.

Der Journalist Sascha Adamek legt mit diesem Buch die erste umfangreiche Recherche zu den direkten und indirekten Verbindungen zwischen deutschen Akteuren und den Förderern des gewaltbereiten Islam vor. So beträgt die deutsche Handelsbilanz mit Staaten, deren Rechtssystem überwiegend auf der Scharia fußt, 64 Milliarden Euro - darunter auch zahlreiche Waffenexporte. Die Liste der Enthüllungen reicht von deutschen Unternehmen mit islamistischen Teilhabern über die Machenschaften der deutschen Waffenlobby bis hin zu den Verstrickungen der Politik. Zugleich wirft Adamek einen Blick auf Moschee-Gemeinden, Vereine und Stiftungen in Deutschland, die von radikalen saudi-arabischen und türkischen Geldgebern unterstützt werden. Am Ende steht eine erschreckende Erkenntnis: Den Kampf gegen unsere Freiheit finanzieren wir selbst! (ECON)

 

Gestaltung

Paperback, 316 Seiten, 12 Kapitel, Einführung und Vorschläge für ein friedliches Miteinander und die Grenzen des Appeasements

 

Cover

Das Schwert des Islam vor rotem Grund

 

Zitat

„Im Zentrum dieses Buches steht das Geld.“

 

Meinung

Fazit dieses islamkritischen Buches, und das steht im letzten Satz: „Das Eintreten gegen den Vormarsch des Islamismus ist daher kein Projekt von Populisten, es ist ein urdemokratisches, republikanisches, liberales und im Zweifel auch linkes Projekt.“ Will heißen: aufgepasst, liebe Demokraten, den Blick nicht nur nach RECHTS richten, mit gleicher Energie sollte man auch gegen die islamistischen Demokratiefeinde vorgehen.

Der Investigativjournalist der ARD recherchiert auf den Spuren der Scheichs, die in Konzerne, politische Macht und in die Religion Unsummen investieren. Katar lockt Investoren und beherbergt Terrorfonanziers. Die SAUDI-Connection investiert 80 Milliarden Dollar in den weltweit agierenden Islamismus. Deutschland entpuppt sich dabei als Ruheraum für die islamistischen Finanziers. Auch die radikalen Moscheevereine und Koranschulen werden verdeckt finanziert. Milliarden-Waffengeschäfte nähren die Demokratiefeinde und illegalen Kriege. Ein detailreiches, mit Fakten überzeugendes islamkritisches Buch, das nicht mit Schaum vor dem Mund daherkommt, sondern die verdeckten Finanzströme untersucht, mit denen politisch Einfluss gewonnen wird.

 

Leser

Leser von links, Leser von rechts und Leser aus der Mitte  

 

Warum sollte man genau dieses Buch lesen oder verschenken?

…weil Verharmlosung den kritischen Blick verstellt…

 

Verlag

ECON

 

Preis

18 Euro

 

Und ein weiterer Tipp

 

Maryam A. Mein Leben im Kalifat. Eine deutsche IS-Aussteigerin erzählt DVA

 

Warum entschließt sich eine junge Frau aus Deutschland, nach Syrien zum »Islamischen Staat« zu reisen? Weil zuhause alles schiefgegangen ist? Aus Glaube, aus Liebe oder aus Naivität? Im Sommer 2014 reist Maryam A. mit ihrem Mann nach Syrien, zwei Jahre wird sie im »Kalifat« leben. Der IS ist in dieser Zeit auf dem Höhepunkt seiner Macht, doch für die junge Deutsche beginnt eine Odyssee zwischen Luftangriffen und IS-Hinrichtungen von »Verrätern«, zwischen Angst und eigener Unmenschlichkeit, zwischen banalen Sorgen und absurden Fragen des Alltags im Terrorstaat. Immer wieder das Quartier wechselnd, trifft sie Fanatikerinnen und Verstörte, eine amerikanische Agentin und verzweifelte Witwen. Nach monatelangen Vorbereitungen gelingt es ihr 2016, in einer mondlosen Nacht zu fliehen. Sie ist dem IS entkommen, doch in Sicherheit ist sie nicht. (dva)

 

Zum Autor

Christoph Reuter, geboren 1968, berichtet seit Jahrzehnten aus den Krisenregionen der islamischen Welt, zunächst für »Die Zeit« und den »Stern«, seit 2011 für den SPIEGEL. Neben preisgekrönten Reportagen veröffentlichte er mehrere Bücher, darunter »Mein Leben ist eine Waffe« (2002) über Selbstmordattentäter. Für seine Recherchen über den »Islamischen Staat« wurde er u.a. als »Reporter des Jahres« ausgezeichnet, für seinen Bestseller »Die schwarze Macht« gewann er den NDR Kultur Sachbuchpreis des Jahres 2015.

 

Verlag

DVA

 

Preis

18 Euro

Walser vs Augstein

Martin Walser (90), der Schriftsteller, weigert sich beharrlich, eine Biographie zu schreiben, und meint, in seinen Büchern und den darin handelnden Figuren sei seine Biographie sowieso versteckt.  Jakob Augstein (50) ist Publizist und Journalist, und er ist deswegen gewohnt, Fragen zu stellen. Ein Sohn will etwas wissen von seinem Vater, und so haben sich beide geeinigt, in mehreren Gesprächen am Bodensee ihr Verhältnis grundsätzlich und ausführlich zu klären.

 
Mit dem Satz Walsers, er habe leider "für solche Sachen gar kein Gedächtnis" hatte der Schriftsteller jedoch schon seine Grenzen in seinem Verhältnis zum Sohn abgesteckt. Zwar hatte Walser sich mit Augsteins Ehefrau Maria Augstein (Maria Carlssohn) telefonisch auf dem Laufenden gehalten, doch Vater und Sohn blieben „getrennt“.

 
Augsteins Fragen sind verständnisvoll, milde, manchmal aber auch bohrend, tiefer gehend. Walser spricht von der "Unvorzeigbarkeit" der tiefsten Wahrheit eines Menschen. Aber auch „Jeder Roman ist eine Autobiografie, ein Selbstporträt des Autors zum Zeitpunkt des Schreibens“. So fallen eben typische einfallsreiche Walser-Worte, die in einem einzigen Begriff bereits so viel Deutung beinhalten, dass damit alles gesagt ist, sowie Zitate aus seiner Roman-Eigenproduktion, die der Sohn gut kennt.

 

Walsers Themen und Romane spielen also eine Rolle, daneben detailliert der biographische Hintergrund, seine Literatur-Streitereien, die Auseinandersetzung mit Reich-Ranicki und der deutschen Vergangenheit. Es ist eine Familien-, Lebens- und Werkgeschichte entstanden, die beweist, dass Gesprächsbücher doch spannend sein können, was Verleger ja oft bezweifeln. 


Manche Kritiker bemängeln, dass man eh schon alles wusste, manches ja, alles NEIN, dennoch die Interpretationen der Beiden, das Ausplaudern von Hintergründen dazu fasziniert eben doch, vor allem durch die sprachlichen Qualitäten. 


Ob über das Schreiben, die Abhängigkeiten eines Autors, das Geld-Verdienen, Verleger-Beziehungen, die Presse (Medien ein „Zuschreibungsgeschäft“), Politik, die deutsche Nazi-Vergangenheit, Religion, Literaturkritik und Literaturbetrieb („gewisse Bedingtheit des literarischen Betriebs“), das Buch ist zwar geformtes Konstrukt, kein banales oder schwafelndes Gesprächsprotokoll aber eben genau deshalb sehr gut lesbar.

 
Der Sohn findet, Walsers Buchtitel hätten etwas „Groschenromanhaftes“, über Hemingway sagt der Autor: „Für Entenjagd in gefrorenen Lagunen bin ich nicht zu haben“, oder über Jean Ziegler und Joachim Gauck: „Ich beneide sie inzwischen nicht mehr um ihr hohes Maß an Gerechtfertigtsein.“

 

Das Links-Sein wird ebenso thematisiert wie Walsers Auschwitz-Rede. „Erst bin ich affirmativ, dann Kommunist, später Nationalist und am Ende Antisemit. Kommt noch was?“ Es geht in diesem Buch um wechselseitige Seitenhiebe, Vater-und-Sohn-Attacken, Seiten-Triebe („Sex ist kein Sujet für Literatur“) und Seiten-Sprünge („Warum müssen Kinder hinter den Eltern aufräumen?“).

 
Es sind diese Gesprächskontraste, die manchmal auch erheitern. Walser spielt zum Beispiel regelmäßig Lotto: „Einen Samstag ohne Lotto kann ich mir nicht vorstellen“.

 

Fragt der Sohn nach Grass, sagt Walser, Wahlkampftouren ödeten ihn an.

 

Walser war mit dem verstorbenen Fernsehregisseur Michael Pfleghar eng befreundet, kein Wunder, Walser war in seinen Anfängen beim Süddeutschen Rundfunk in der Unterhaltungsredaktion. Er gehörte als Funkautor und Regisseur zum legendären "Genietrupp" des SDR um Andersch, Bachmann und Enzensberger in Stuttgart.  Fällt der Name Hans Werner Richter, („Gruppe 47“) typisiert Walser ihn als „Literaturfürst“. 


Wir erfahren Einzelheiten und Zusammenhänge über Lektoren und Leser, Literaten und Kritiker, ja auch über Politiker: Schriftsteller sind für Politiker Accessoires.

 
Walser ist mit sich im Reinen und er ist es doch nicht, er lebt immer noch seinen eigenen Satz: Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Er sagt, er stimme sich zwar zu, wenn er seine älteren Werke sieht, er lese sich selbst mit Zustimmung, ja er zweifele auch, aber Selbstkritik liege ihm fern, sie ist für Walser ein Pseudowort. 


Natürlich kommt sein Roman „Tod eines Kritikers“ vor und die Debatte danach über Antisemitismus und auch Walsers Instrumentalisierungsthese über Auschwitz, die er nochmals einordnet und in Beziehung zur deutschen Wiedervereinigung setzt. Er widerspricht der Meinung, die deutsche Teilung sei eben der Preis, den Deutschland habe bezahlen müssen für die Gräueltaten des Dritten Reiches, das ist für ihn Instrumentalisierung: „Ich habe einen Teil meines Lebens im Dienst des Rechthabenmüssens verbracht.“

 
Zu Reich-Ranicki, der ihm die Literaturfähigkeit im Buch Walsers „Jenseits der Liebe“ in seiner Kritik dazu mit der Überschrift „Jenseits der Literatur“ heftig absprach, sagt Walser „Ich habe dem Kritiker nichts zu erlauben“. Die Kritik hat ihn tief verletzt.


O-Ton Ranicki damals: 
Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen. Lohnt es sich, darüber zu schreiben? Ja, aber bloß deshalb, weil der Roman von Martin Walser stammt, einem Autor also, der einst, um 1960, als eine der größten Hoffnungen der deutschen Nachkriegsliteratur galt – und dies keineswegs zu Unrecht….Aber für Walser, den unermüdlichen Spieler, den liebenswürdigen Wort- und Windmacher, den Jongleur, Showmaster und in der Tat begnadeten Unterhaltungskünstler vom Dritten Programm? Reden wir nicht darüber… Aber diese Prosa – das sei mit Entschiedenheit gesagt – ist weder links noch rechts. Sie ist nur langweilig.
Martin Walser, den wir für einen der besten Erzähler seiner Generation gehalten haben, trieb viele Jahre mit seinem Talent Schindluder. Er hat es fast ruiniert und ist nun erneut an einem Tiefpunkt seiner Laufbahn angelangt. Doch gibt es Tiefpunkte, die sich als Wendepunkte erweisen. Hinter diesen Worten verbirgt sich keine Voraussage, wohl aber, das soll nicht verheimlicht werden, immer noch eine Hoffnung.“

 

Walser wird deutlich, Ranicki sei ein „quotensüchtiger Machthaber“, er erlebte und hegte und pflegte und genoss die Macht. Und das Publikum mag eben Mächtige. Walser überlebte alle tosenden Debatten über ihn und seine Bücher: „Schreiben bedeutet für mich am Leben bleiben“. Und es geht ihm eben immer um Romanfiguren und die Sprache. So steht am Ende des Buches ein Text von Novalis: „… denn ein Schriftsteller ist wohl nur ein Sprachbegeisterter?“

 

Martin Walser/Jakob Augstein Das Leben wortwörtlich

Ein Gespräch 

Rowohlt

Das Sowjetische Jahrhundert

Titel

Das Sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt 

 

Autor

 Karl Schlögel, lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2013 Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Seine Bücher wurden mit dem Preis des Historischen Kollegs ("Historikerpreis") und dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

 

Inhalt

Der große Osteuropa-Historiker Karl Schlögel lädt mit seiner Archäologie des Kommunismus zu einer Neuvermessung der sowjetischen Welt ein. Wir wussten immer schon viel darüber, wie „das System“ funktioniert, weit weniger über die Routinen des Lebens in außer gewöhnlichen Zeiten. Aber jedes Imperium hat seinen Sound, seinen Duft, seinen Rhythmus, der auch dann noch fortlebt, wenn das Reich aufgehört hat zu existieren. So entsteht, hundert Jahre nach der Revolution von 1917 und ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion, das Panorama eines einzigartigen Imperiums, ohne das wir „die Zeit danach“, in der wir heute leben, nicht verstehen können. Karl Schlögel ist dabei, wenn die Megabauten des Kommunismus eingeweiht und die Massengräber des Stalin'schen Terrors freigelegt werden. Er interessiert sich für Paraden der Macht ebenso sehr wie für die Rituale des Alltags, er erkundet die Weite des Eisenbahnlandes und die Enge der Gemeinschaftswohnung, in der Generationen von Sowjetmenschen ihr Leben zubrachten. Die Orte des Glücks und der kleinen Freiheit fehlen nicht: der Kulturpark, die Datscha, die Ferien an der Roten Riviera. In allem – ob im Mobiliar, im Duft des Parfums oder der Stimme des Radiosprechers – hat das „Zeitalter der Extreme“ seine Spur hinterlassen.   

 

Gestaltung

Opus magnum, 912 Seiten, Buch-Innenseiten Kartenmaterial, Vorwort und Einleitung, 18 Kapitel, großer Anhang mit Danksagung, Anmerkungen, Ausgewählte Literatur, Nachweis der Abbildungen, Personenregister. Karl Schlögel schreibt selbst: „Das Buch umfasst…an die sechzig Einzelstudien unterschiedlicher Länge, gruppiert in rund 20 Blöcken“.

 

Zitat

 „Das Buch ist eine Einladung, jeder kann seiner Neugier, seiner Neigung, seinem Interesse folgen“

 

Meinung

Am Ende der Sowjetunion und am Anfang seines Buches geht Karl Schlögel über einen Basar, am Ende seines Buches besucht er ein von ihm imaginiertes,  nicht existierendes Museum der Sowjetzivilisation und er nennt als Ort dafür die Lubjanka, jene geheimnisvolle Heimat des KGB,  literarisch-essayistisch für ihn das „Herz der Finsternis“, diese beschreibenden eigenwilligen Methoden eines Historiker machen die einzelnen Kapitel so lesenswert und so spannend.

Da werden keine trockenen Quellen aneinandergereiht, langweilige Expertisen oder stumpfsinnige Expertendebatten rezitiert. Schlögel geht seinen eigenen analytischen und deskriptiven Weg, weil er sich eben ein leben lang „mit der sowjetischen Welt“ beschäftigt hat: „Wenn die Figur des Flaneurs oder die Exkursion als Methode eine so zentrale Rolle spielen, dann deshalb, weil hier Anschauung und Reflexion ebenso zwangsläufig wie zwanglos zusammenkommen“.

Schlögel ist Historiker, kulturwissenschaftlich orientiert, beobachtet, beschreibt, analysiert, ist sich sicher und zweifelt zugleich, trägt zusammen, dividiert auseinander, resümiert, philosophiert, und das in einer verständlichen Sprache, die den Leser hineinträgt in diese fremden Welten und Archäologien der vergangenen sowjetischen Geschichte.

 

Schlagzeilen wir „Splitter des Imperiums“ „Chaussee der Enthusiasten“ „Das Leben der Dinge“ „Rauschen der Zeit“, „Korridore der Macht“ zeigen den formulierenden Einfallsreichtum des Autors, dessen großartiges Werk zurecht mit dem Leipziger Buchpreis 2018 in der Kategorie Sachbuch/Essyistik ausgezeichnet wurde.

 

Am Ende des Buches träumt Schlögel davon, “die Lubjanka” als KGB-Sitz in ein Forum der offenen Gesellschaft zu verwandeln: “Ein Labyrinth des Terrors einst, nun offengelegt und begehbar. Der Ort des Verhörs nun ein Ort des Gesprächs”. Was für eine Phantasie. Bei diesem Historiker hätte man gerne Vorlesungen belegt. Dieses Buch entschädigt voll und ganz ein solches Versäumnis. Kaufen! Lesen! Verstehen! Russland begreifen!

 

Leser

Alle in Deutschland die Russland verstehen wollen

 

Warum sollte man genau dieses Buch lesen oder verschenken?

…weil es eine Vorstellung davon bietet, warum Weltreiche untergehen können, und das mitunter sehr schnell…

 

 Video  https://www.youtube.com/watch?v=iLDTMHjowCQ

 

Verlag

CHBeck

 

Preis

38 Euro

 

TRUMP in Putins Hand

Titel
Craig Unger TRUMP in Putins Hand Die wahre Geschichte von Donald Trump und der russischen Mafia

 

Autor
Craig Unger ist Autor des New York Times-Bestsellers „House of Bush, House of Saud: The Secret Relationship between the World’s Two Most Powerful Dynasties“ (2004). Der Harvard-Absolvent und Journalist spricht als Experte regelmäßig bei MSNBC, CNN, ABC Radio Network und anderen Sendern Kommentare und Berichte. Der frühere Chefredakteur des Boston Magazine schrieb zum Thema bereits für Vanity Fair und The New Republic. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem vom National Press Club für seine investigativen Recherchen.

 

Inhalt
Trump in Putins Hand liefert die erste umfassende Untersuchung der jahrzehntelangen Beziehungen zwischen Donald Trump, Wladimir Putin und der russischen Mafia, die letztlich dazu beigetragen hat, Trump ins Weiße Haus zu hieven.  

Es ist eine erschreckende Geschichte, die in den 1970er Jahren beginnt, als Trump seinen ersten Ausflug in die boomende, geldgierige Welt des New Yorker Immobilienmarktes unternahm und mit der Amtseinführung von Trump als Präsident der Vereinigten Staaten endet. Dieser Moment war der Höhepunkt von Wladimir Putins von langer Hand geplanter Mission zur Untergrabung der westlichen Demokratie, eine Mission, in die er und eine handverlesene Gruppe von russischen Oligarchen und Mafia-Größen Trump hineingezogen hatten und die vor mehr als zwanzig Jahren mit dem Bailout einer ganzen Kette von spektakulären Hotel- und Casino-Pleiten Trumps in Atlantic City ihren Anfang nahm. Trump in Putins Hand bestätigt selbst die schlimmsten Befürchtungen über die russische Verschwörung.  

Für die meisten Leser wird es eine haarsträubende Offenbarung sein, dass der Kalte Krieg 1991 keineswegs zu Ende ging, sondern er sich lediglich weiterentwickelt hat, wobei Trumps Immobilien das perfekte Vehikel für die Milliarden von Dollar boten, die aus der kollabierenden Sowjetunion herausgeschleust wurden. In Trump in Putins Hand verfolgt Craig Unger systematisch die tief verwurzelte Allianz zwischen den höchsten Ebenen der amerikanischen Politik und den mächtigsten Strippenziehern der russischen Mafia. Unger zeichnet Donald Trumps schmutzigen Aufstieg vom von der Pleite bedrohten Immobilienmagnaten zum Anführer der freien Welt nach. Parallel dazu zeichnet er den phönixartigen Aufstieg Russlands aus der Asche der Sowjetunion nach dem Ende des Kalten Krieges sowie die unaufhörlichen geheimen Bemühungen der russischen Machtelite nach, sich am Westen zu rächen und Russland wieder zu einer globalen Supermacht zu machen.

 

Ohne Trump hätte Russland eine Schlüsselkomponente bei seinen Bemühungen, das Land zu imperialer Größe zurückzuführen, gefehlt. Ohne Russland wäre Trump nicht Präsident. Dieses wichtige Buch ist entscheidend für das Verständnis der wahren Kräfte, die im Schattenreich der heutigen Welt am Wirken sind. (ECON)

 

Gestaltung
Zwanzig Kapitel, Fazit Trumps 59 russische Verbindungen, Danksagung, Anmerkungen, Personenregister

 

Zitat
Donald Trump „Ich bin keine Marionette. Keine Marionette.“

 

Meinung
Das ist der Kernsatz des Buches. Er stammt von einem ehemaligen CIA-Agenten: „Meiner Einschätzung zufolge arbeitet Trump tatsächlich direkt für die Russen.“ Auch Unger zitiert den ehemaligen Justizminister Comey, dessen Buch wir auch hier auf www.facesofbooks.de rezensiert haben. Trump sei ein Mann ohne Moral, ohne Bindung an die Wahrheit, das erinnere ihn an seine Anfangszeit als Antimafiaermittler.

Unger zeigt die Verbindungslinien zur organisierten Kriminalität, zur Mafia. Unger spricht mit dem ehemaligen KGB-Agenten Oleg Kalugin, Putinkritiker und jetzt Sicherheitsexperte in den USA, der über die KGB-Ausspähmethoden berichtet. Wurde Trump ein Opfer und in Abhängigkeit gebracht?

Ein weiterer Kernsatz: „Ob die Russen Trumps Casinos für die Geldwäsche nutzten, wurde nie gerichtlich geklärt, doch es gibt mehr als einen Grund zu der Annahme“. Unger beschreibt Trumps Casinopleiten, schildert die Tricks seines Wiederaufstiegs. Ab Seite 361 werden 59 Namen genannt, 59 russische Verbindungen von Donald Trump. Dieses Buch ist eine monumentale Rechercheleistung, die uns noch beschäftigen wird, wenn Robert Mueller, der zum Sonderermittler zur Aufklärung potentieller Verwicklungen von US-Präsident Donald Trump mit Russland ernannt wurde, seine Ergebnisse vorlegen wird.

 

Leser
Alle in Deutschland die noch wissen wollen, was in den USA vor sich geht

 

Warum sollte man genau dieses Buch lesen oder verschenken?
…weil der Leser wie Chefermittler Mueller eine tiefe Einsicht in das Geschäftsgebahren des amerikanischen Präsidenten bekommt, und weil noch nicht klar ist, wie die Sache am Ende für ihn und für uns ausgeht

 

Verlag

ECON

 

Preis

22 Euro

 

 

NAPOLEON EIN LEBEN

«Was für ein Roman war mein Leben», hat Napoleon einmal gesagt. Der Sohn aus einer armen Familie wird mit 26 Jahren General, kaum zehn Jahre später ist er Herr über Europa. Monarchen zittern vor ihm, die Völker bejubeln ihn als Herold einer Zeitenwende. Doch der korsische Komet verglüht so rasch, wie er aufgestiegen ist. Nach den gefeierten Bestsellern "1812" und "1815" legt Adam Zamoyski nun sein Meisterwerk vor - die Biographie des berühmtesten Feldherrn und Herrschers in der Geschichte Europas.

Mit der souveränen Sachkenntnis einer lebenslangen Beschäftigung entführt uns der geborene historische Erzähler Zamoyski in eine Epoche, wie sie dramatischer nicht sein könnte. Er begreift Napoleon im Kontext der Aufklärung, schildert die Stationen dieses unglaublichen Lebens, illuminiert mit sicherer Hand Charaktere und Konstellationen. Aber zugleich versteht er es auf unnachahmliche Weise, den Leser zu unterhalten und die Geschichte mit Leben zu erfüllen. Sein «Napoleon» ist prallvoll mit Anekdoten und ein opulentes historisches Lesevergnügen voller Pointen und scharfsichtiger Beobachtungen.(CHBECK)

Ich laufe zu Fuß zum „Maison Bonaparte“, zum Geburtshaus und Museum von Kaiser Napoleon Bonaparte, der in Ajaccio. Der Hauptstadt Korsikas geboren ist. Vor dem Museum finden wir ein Denkmal seiner Mutter. Eine kleine Touristenschlange wartet ungeduldig auf Einlass. Nach ein paar Minuten denken wir, dass wir endlich eingelassen werden, doch da kommt ein Strom amerikanischer Kreuzfahrtschiff-Touristen und drängelt sich vor uns rein – Wartezeit nochmals 15 Minuten. So stellt man sich Invasionen vor…  

 

Mit einem Staatsstreich hatte Napoleon in Frankreich die Macht übernommen. 1804 wird er zum Kaiser Frankreichs gewählt. Er gilt als legendärer Feldherr, doch die Schlacht bei Waterloo wird zur grandiosen Niederlage für ihn, er muss als verbannter Kriegsgefangener auf der Insel St. Helena für den Rest seines Lebens in der Verbannung leben.

Wir wandeln auf Korsika in diesem Museum durch seine Salons, sein Wohn- und Schlafzimmer, bewundern die alten Stilmöbel, die Familienbüsten der Verwandtschaft stehen allerorten, die alten Landkarten aus jener Zeit versetzten uns in dieselbe, wir studieren die komplizierte genealogische Karte seiner Herkunft, die Waffen, die handgeschriebenen Dokumente und die alten Parkettböden faszinieren uns: Ein eindrucksvolles Museum, in dem europäische Geschichte atmet, genau das tut auch die Biographie von Adam Zamoyski NAPOLEON EIN LEBEN, die mehr den Menschen Napoleon in den Mittelpunkt rückt als die geschichtlichen Hintergründe seiner Zeit. „Mal war er ein gottähnliches Genie, mal eine romantische Kunstfigur, dann ein bösartiges Monstrum oder einfach ein widerwärtiger kleiner Diktator.“ Adam Zamoyski ist nahm am Menschen, der Historie etwas ferner.

 

Adam Zamoyski lebt als freier Autor und Historiker in London. Seine Bücher «1812. Napoleons Feldzug in Russland» und «1815. Napoleons Sturz und der Wiener Kongress» waren international erfolgreich und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

 

Adam Zamoyski NAPOLEON EIN LEBEN  CHBECK

DER HUNDERTJÄHRIGE

Allan Karlsson ist wieder da! Der Hundertjährige hat genug vom Dauerurlaub auf Bali und ist begeistert, als sich ein neues Abenteuer ankündigt: Bei einer Ballonfahrt geraten sie auf Abwege, und Allan und sein Gefährte Julius müssen im Meer notlanden. Zum Glück werden sie gerettet. Pech ist jedoch, dass sich das Rettungsboot als nordkoreanisches Kriegsschiff entpuppt und Kim Jong-un im Atomkonflikt gerade seine Muskeln spielen lässt. Und schon steckt Allan, der sich mit Atomwaffen schließlich bestens auskennt, mitten in einer heiklen politischen Mission, die ihn von Nordkorea über New York bis in den Kongo führen wird. Dabei nimmt er auch Kontakt zu Donald Trump und Angela Merkel auf - mit ungeahnten Folgen... (C.Bertelsmann)

 

Meinung

Es ist halt so, wenn ein Autor einen Mega-Erfolg hat, dann sitzt ihm der Verlag im Nacken, die Fortsetzung zu schreiben, der Autor selbst sitzt sich im Nacken und zweifelt, ob der Erfolg nochmals gelingen wird oder das Projekt scheitert und der Leser rechnet meistens damit, dass das ZWEITE eben nicht so gut ist wie das ERSTE und dass auch die Verfilmung längst nicht an den Romanstoff heranreicht. Das sind gewissen Buch-Gesetzmäßigkeiten, die Jonas Jonasson mit dem „HUNDERTJÄHRIGEN“ der zurückkommt, mit Links außer Kraft setzt.

Da sitzt seine Erfolgsfigur, die auf alterskriminellem Weg zu Reichtum kam, in Bali am Strand und fordert im Dialog mit seinem Erschaffer ihn zurückkehren zu lassen. Und dieser tut es dann auch und dabei spielt angereichertes Uran und ein gewisser Kim Jong-un eine Hauptrolle

Der Geldkoffer hat da und dort schon gewisse Leerstellen, und so macht sich Allan wieder einmal auf hinaus aufs Meer und begegnet Atomexperten, Bestattungsunternehmern und Schmugglern, Neonazis, sogar Angela Merkel und Donald Trump.

Der Phantasie des Autors stehen ganz und gar keine Grenzen im Weg, seine subtile, ironische, selbst sich auf die Schippe nehmende immer weitergaloppierende Sprache zieht den Leser in den Bann und mit auf eine Weltreise rund um den Globus.

Die Welt- und Allerweltsprobleme tauchen auf humorvolle Weise auf und wieder ab, wir schauen den Mächtigen und Ohnmächtigen auf die Finger, schmunzeln, lachen, werden wieder ernst und kommen als Gut- und Schlechtmensch zu dem Ergebnis, dass diese Welt halt so ist wie sie ist und wir daran halt gar nichts oder sagen wir an Weihnachten fast gar nichts ändern können.

Ob dieser Allan sich ein drittes Mal auf den Weg macht, fast ist es zu vermuten. (Siehe oben!)

Jonas Jonasson: „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“ 


Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
Verlag C. Bertelsmann, München 2018
443 Seiten, 20,00 Euro

 

Autor

 

Jonas Jonasson, geboren 1961 im schwedischen Växjö, arbeitete nach seinem Studium in Göteborg als Journalist unter anderem für die Zeitungen „Smålandsposten“ und „Expressen“. Später gründete er eine eigene Medien-Consulting-Firma. Doch nach 20 Jahren in der Medienwelt verkaufte er seine Firma und schrieb den Roman, über den er schon jahrelang nachgedacht hatte: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. Das Buch wurde zunächst in Schweden und später weltweit zu einem Bestseller.